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Zwielicht 7

Vorspann

Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand

 

 

 

Zwielicht 7

 

 

Horrormagazin

 

 

 

Horrormagazin Zwielicht

Band 7

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP Einheitsaufnahme

Ein Titelsatz für diese Publikation ist bei

der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Herausgegeben von

Michael Schmidt und Achim Hildebrand

Kontakt: mammut@defms.de

Das Copyright der einzelnen Texte liegt beim

jeweiligen Autor.

Titelbild: Björn Ian Craig

Die Illustrationen zu Flesh Drive USB sind von Daniel Huster.

Alle anderen Illustrationen stammen von Oliver Pflug.

Lektorat: Achim Hildebrand, Diane Elbrecht, Ralf Steinberg

1. eBook-Auflage Oktober 2015

Vorwort

Liebe Leser,

für das Magazin Zwielicht ist dies die siebte Ausgabe, für mich als Mitherausgeber die zweite, und als Vorwortschreiber die erste.

Sieben Ausgaben sind sicher eine ausreichende Erfahrungsgrundlage darüber nachzudenken, wie man Zwielicht weiter verbessern und es noch interessanter und vielseitiger gestalten könnte.

So sind wir mit dieser Ausgabe etwas 'internationaler' geworden.

Mit Sheila Hodgson und ihrer Erzählung Der Fluchstein präsentieren wir eine Schriftstellerin, die in England einige Popularität genießt, deren Werk in Deutschland jedoch kaum bekannt ist. Vielleicht können wir ein wenig dazu beitragen, dies zu ändern.

Alyssa Wong ist eine junge amerikanische Autorin, deren Texte in renommierten Anthologien, wie dem Magazine of Fantasy and Science Fiction oder Strange Horizons, erscheinen.

Ihre Erzählung Die Königin der Fischer wurde 2015 für den Nebula Award und für den World Fantasy Award nominiert. Für die Zustimmung, diese herausragende Geschichte als deutsche Erstausgabe in Zwielicht veröffentlichen zu dürfen, möchten wir uns bei Alyssa Wong ganz besonders bedanken.

Mit Der Preis von Wiggins' Orgie ist schließlich auch Algernon Blackwood wieder mit einer deutschen Erstübersetzung vertreten.

Neben Hintergrundinformationen zu Sheila Hodgson finden Sie diesmal einen Artikel über Martin Luserke, einen Autor düsterer Seegeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einen einfühlsamen Artikel über Ray Bradbury sowie eine außerordentlich fachkundige Arbeit, die sich dem Thema 'Vampire' widmet.

Den 'harten Kern' bildet wieder eine abwechslungsreiche Auswahl neuer Stories von deutschen Autoren, die uns mit dem Schrecken der Kriegsgefangenenlager, kindlichen Superhelden und weiteren originellen Ideen konfrontieren.

Herzlichen Dank an alle, die durch ihre Texte, Illustrationen oder anderweitigen Einsatz dazu beigetragen haben, die vorliegende Ausgabe auf die Beine zu stellen.

Auch diesmal freuen wir uns auf jegliche Art von Feedback, Vorschlägen und Kritik, die uns helfen, Zwielicht weiter zu verbessern. Schreiben Sie einfach an zwielicht@defms.de .

Bis dahin wünschen wir Ihnen gute Unterhaltung und viele wohlige Schauder mit Zwielicht 7.

Mit dunklen Grüßen,

Alyssa Wong -Die Königin der Fischer

Meine Mutter war ein Fisch. Mein Vater – ein einfacher Fischer mit der schlichten Logik eines Fischers, doch einem unheimlichen Hang zur Dramatik – behauptet, dass ich deshalb so gut schwimmen kann. Und auch wenn es stimmt, dass ich wie eine Elritze durch das Wasser gleite, oder wie eine Hand, die man über den Rand eines Schnellboots hängen lässt, beruht das in meinen Augen wohl eher darauf, dass niemand entlang des Mekong aufwachsen kann, ohne zwei Dinge zu lernen: wie man schwimmt und wie man die Meerjungfrauen meidet.

Meerjungfrauen sind Fische (meine Mutter ist in der Geschichte, die mein Vater am liebsten über sie erzählt, ebenfalls eine). Sie sind keine Menschen. Sie sind so dumm wie Fische, sie fressen euren Abfall wie Fische und sie lassen sich auf dem freien Markt wie Fische verkaufen. Haltet eure Kinder vom Wasser fern, schmeißt euren Müll nicht raus, und falls sie sich dem Land nähern, kreischt laut und schlagt Töpfe zusammen, bis sie zurückschrecken. Sie sind ziemlich einfach gestrickt.

Meine Schwestern haben einmal versucht, mit einer Meerjungfrau zu reden. Sie hatte sich in einem von Dads Dreiwandnetzen verfangen und als die beiden hinter dem Haus das Netz überprüften, fanden sie darin verheddert diese Meerjungfrau vor. Sie war ein Süßwasserexemplar, ein Gründler, mit langem, schütterem Haar, über dessen Farbe meine Schwestern bis zum heutigen Tag streiten. Da Iris, die Ältere, Mitleid mit ihr hatte, musste May mit einem roten Plastikeimer etwas Wasser auf ihre flatternden Kiemen spritzen. Iris fragte die Meerjungfrau, ob sie okay sei und wie ihr Name lautete. Aber sie schaute beide nur mit ihren dümmlichen, seitlich sitzenden Fischaugen an, während sie den Mund aufriss und wieder schloss und Schlamm über ihre Barteln tröpfelte. Dann kam Dad nach Hause und schrie Iris und May an, weil sie die Netze zu früh eingeholt und die Meerjungfrau angefasst hatten, die wahrscheinlich von Fischläusen und allen möglichen anderen Krankheiten befallen war.

Ich war damals noch ein Kind, aber meine Schwestern erzählen diese Geschichte ständig. Iris ist eine Möchtegern-Meeresbiologin – fast mit der Schule fertig, doch zu dumm, um zu studieren. Sie hält uns Vorträge über Fische, als hätten wir nicht unser ganzes Leben mit ihnen verbracht. Unter ihrem Kopfkissen liegt ein Biologiebuch, das ich aus dem Klassenraum der Oberstufenschüler geklaut habe. May ist die Schule scheißegal; sie wird wahrscheinlich einen der Jungen heiraten, die entlang des Hafens leben, damit sie die zehnte Klasse nicht erneut wiederholen muss. Die Meerjungfrau ist eine ihrer gemeinsamen Kindheitserinnerungen, ein kleiner Funken Magie aus einer Zeit, als sie noch glaubten, dass unsere Mom tatsächlich ein Fisch wäre, und die Meerjungfrau vielleicht ihre Cousine oder so was in der Art.

Doch ich bin mittlerweile fünfzehn und eine vollwertige Deckhelferin auf einem Fischtrawler, und somit zu alt, um von einer Geschichte hinters Licht geführt zu werden, die Dad sich ausgedacht hat, um nicht erklären zu müssen, warum unsere ganz und gar menschliche Mom abgehauen ist und uns drei mit ihm sitzen gelassen hat. Mich interessieren auch keine Geschichten von Kindern, die einen glorifizierten Katzenwels anfassen. Der Gedanke, dass meine Schwestern wirklich glaubten, unsere Mom könnte so ein dummes Tier wie diese Meerjungfrau gewesen sein, stimmt mich sogar traurig.

Ich schnüre gerade meine Stiefel und mache mich fürs Boot fertig, als sich May aus der obersten Koje herunterschwingt, wobei ihr schwarzes Haar mein Gesicht streift. „Hier.“ Sie fummelt an ihrer Halskette herum und drückt mir ihren aus Muschelschale geschnitzten Buddha in die Hand. „Komm unversehrt zurück, okay?“

Ich schiebe die gewachste Schnur über meinen Kopf. Draußen ist es noch dunkel; die Sonne wird erst in einigen Stunden aufgehen. „Ja, natürlich. Geh schlafen.“

Sie rafft um sich herum die Laken zusammen, deren Falten sich wie die Meeresbrandung auftürmen. „Ich mein es ernst, Lily“, brummt sie. „Kehr nicht als Geist zurück.“

Ich stecke die herabbaumelnde Ecke der Bettdecke unter ihren Bauch. Iris schnarcht in der unteren Koje und rührt sich nicht einmal. „Geister sind albern“, sage ich zu May und greife meinen Rucksack, der an der Ecke des Bettes hängt. Unser kleines Haus besteht nur aus zwei Räumen – einem Schlafzimmer und einer Küche, die auf Stelzen über dem Fluss balancieren, darüber ein blaues Blechdach. Dads Schlafsack ist nicht da, deshalb vermute ich, dass er schon an Bord der Pakpao ist. „Wir sehen uns in ein paar Tagen.“

Ich schaue hinter dem Haus immer nach, ob sich über Nacht vielleicht Fische, angezogen vom Fäulnisgestank des Mülls, in die Netze verirrt haben. Heute Nacht sind sie leer, keine Silber-Tilapias und keine dieser Pacus mit den menschenähnlichen Zähnen. Auch keine Meerjungfrauen mit spindeldürren Armen. Ich lasse die Netze zurück ins Wasser gleiten und eile den Laufsteg aus auseinanderklaffenden Holzbrettern hinab, der über dem Fluss die maroden Häuser der Nachbarschaft verbindet. Der frische, üppige Geruch des Flusses windet sich den Pier herauf und steigt in den Nachthimmel.

Unser klappriger Trawler, die Pakpao, liegt am Ende des Kais, die Besatzung wabert wie Gespenster durch das Mondlicht. Die Pakpao wirkt wie ein aus Schrott gebasteltes Spielzeugboot, das auf das Zwanzigfache vergrößert wurde. Bunte Fahnen flattern im feuchtkalten Wind, Rost kriecht die Seiten des Schiffes herauf. Die kräftige, gedrungene Gestalt meines Vaters hockt über den Netzen und wickelt sie auf.

„Hey, Lily“, grüßt mich Ahbe, als ich den Pier hinauftrotte. Mit neunzehn Jahren ist er der Deckarbeiter, der mir vom Alter her am nächsten kommt. „Bereit für vier weitere Tage auf See?“

„Du bist ein ganz schöner Optimist, wenn du glaubst, dass wir innerhalb von vier Tagen den Laderaum vollkriegen und es wieder nach Hause schaffen“, grummelt Sunan, der eine Kiste mit Plastikschwimmern an uns vorbei schleppt. Sein Hemd ist irgendwo abhanden gekommen. „Der Koch sucht nach dir, Ahbe. Er will wissen, wo das andere Bündel Reis abgeblieben ist.“

„Das sollte Gan hineinbringen“, beschwert sich Ahbe, aber er verschwindet trotzdem unter Deck. Sunan signalisiert mir, dass ich ihm zu den Netzen folgen soll.

Dad schaut nicht von seiner Arbeit auf, als er neben sich auf das Deck klopft, damit Sunan dort die Kiste ablädt. Ich sinke neben ihr nieder, überkreuze meine Beine und ziehe die Netze in meinen Schoß. Sobald das Licht zunimmt, wird es meine Aufgabe sein, die Schwimmer und das schwere Rollengeschirr an der Netzöffnung zu befestigen, diese zu weiten, damit sich das Netz über die Breite des Flusses erstreckt, und die Unterseite zu beschweren, um den Schlamm am Grund aufzuwühlen.

„Ich habe versucht dich zu wecken, aber du warst im Tiefschlaf“, sagt Dad. Er klingt entschuldigend. „Käpt'n Tanawat wollte mich früher hier haben, damit ich nochmals den Motor und unseren Kurs aufs Meer überprüfe. Das Monsunwetter macht die Fische wählerisch.“

Ich blicke ihn an. Seine Schultern spannen sich, während er die letzten Netze einholt. Er ist der stärkste und cleverste Fischer, den ich kenne. Eines Tages möchte ich genau so sein wie er. „Selbst die Arten aus der Tiefsee?“

„Selbst die.“ Dad stößt einen Seufzer aus, lässt die Netze auf einen Haufen fallen und kniet sich neben mich. Seine wettergegerbten Hände entlocken den Nylonsträngen ihre Knoten. „Gut möglich, dass wir eine Woche lang keine Meerjungfrauen finden.“

„Es macht mir nichts aus, die Schule zu versäumen“, sage ich. „Bei dir bin ich viel lieber.“ In meinen Augen ist das hier besser als Schule; die Algebra der Netze und die Geometrie der Pakpao draußen auf See sind für mich wertvollere Lektionen.

Dad lächelt und zerzaust mein Haar. „Du bist ein gutes Mädchen, Lily.“ Im Aufstehen löst er die Taschenlampe von seinem Gürtel und reicht sie mir. „Ich muss sichergehen, dass wir genug Eis im Laderaum haben, aber du kannst genauso gut jetzt schon mit den Netzen anfangen.“

Als er auf die Kabine zuläuft, drehe ich die Taschenlampe an, klemme mir den Metallgriff zwischen die Zähne und arbeite im kleinen Kreis des elektrischen Lichts. Ich befestige Plastikschwimmer und Metallrollen, bis der Himmel aufhellt und Ahbe aus der Küche gesaust kommt. „Wir fahren jetzt los! Sind die Netze fertig?“

„So gut wie“, antworte ich. „Wenn wir sie brauchen, werden sie fertig sein.“

Er grinst und kämmt sein Haar zurück. „Super. Ich lass Käpt'n Tanawat wissen, dass wir startklar sind!“ Er stürmt wieder davon, wobei er mit seinen dürren braunen Armen schlenkert. Ich frage mich, ob May von all den jungen Fischern Ahbe heiraten wird. Ich denke, er wäre eine gute Wahl.

Der Motor röhrt und wirbelt unter sich das grüne Wasser auf. Andere Schiffe fahren in den Hafen ein und entladen ihren Fang aus Basa, Barsch und Stachelrochen für den Fischmarkt, der sich an der Küste gerade im Entstehen befindet. Ich sehe keine Meerjungfrauen zum Verkauf, nicht einmal die nervtötenden Katzenwelsdinger aus der Gegend. Vielleicht werden sie für die internationalen Märkte aufgehoben.

Mit Mühe passiert die Pakpao die dickstämmigen Bäume, die sich ans Ufer drängen und deren Äste den Moschusgeruch des Flusses aufgesogen haben. Ich ziehe den Kopf ein und halte meine Aufmerksamkeit auf die Netze gerichtet. Als ich die letzte Rolle angebracht habe und daran denke aufzuschauen, ist unser storchbeiniges Dorf außer Sicht.

Der Monsunregen erreicht uns eine Stunde später auf unserer Fahrt flussabwärts, deshalb können wir die Netze letztendlich erst am nächsten Tag ausbringen, als wir fast das ins Meer mündende Delta erreicht haben. Dad, Sunan, Ahbe und ich arbeiten zusammen; wir werfen zuerst die unteren Netze mit dem Rollengeschirr aus, dann das große zentrale Netz und schließlich die oberen Netze. Das Nylon brennt an meinen Fingern, während wir es durchs Wasser zerren, aber ich werde mich nicht beklagen, nicht vor Dad und den anderen. Ich möchte meine Wunden lieber ungesehen versorgen.

Es dauert nicht lang, bis sich die Netze mit Pacus, Karpfen und unzähligen Katzenwelsen füllen. Wir packen sie in Kühlboxen voll Eis, in denen sie bis zu unserer Rückkehr bleiben werden, und schicken Ahbe und Sunan los, um sie in den Laderaum zu karren. Bisher keine Meerjungfrauen; vielleicht wurden sie durch die Stürme in tiefere Gewässer verschreckt.

„Zur Hölle nochmal“, brummt Sunan, als wir die Netze wieder zu Wasser lassen. „Nicht mal ein beschissener Schlammfresser. Bei diesem Tempo wird alles im Laderaum verdorben sein, bevor wir irgendwas Brauchbares fangen.“

„Hab Geduld“, murmelt mein Vater. Die Mündung wird breiter, Salz durchdringt den üppigen, frischen Geruch des Flusswassers. „Auf offener See wird es jede Menge geben.“

„Die besseren Sorten“, ergänzt Ahbe, während Sunan ihm einen verdrießlichen Blick zuwirft. „Tigerfische, Löwenfische, Gelbfloss–“

„Ich weiß, was Geld einbringt“, blafft Sunan zurück. Ich halte meinen Kopf gesenkt und konzentriere mich auf die Netze. „Du musst mir nicht die Namen von allen Fischen im Meer aufzählen, Junge.“

Die beiden zanken sich, während der Fluss ins Meer mündet und Bäume und Dickicht der Weite des freien Himmels weichen. Es erschreckt mich jedes Mal, wie ungeschützt alles auf dem offenen Meer ist. Gleichzeitig fasziniert es mich aber auch. Ich ertappe mich dabei, wie es mich zur Reling der Pakpao zieht, der Seewind zerrt an meinen Haaren und löst meine Zöpfe. Die Brecher rollen gegen den Trawler, und während wir über die Wellen bocken, wird die Luft aus meiner Lunge gepresst und durch blanke Euphorie ersetzt.

Als wir am nächsten Morgen die Netze einholen, sind diese so schwer, dass wir den Koch mit einspannen müssen, damit er uns beim Hieven auf das Schiff hilft. Der Fang besteht aus einigen Thunfischen, Barschen und sogar einem kleinen Hai, zum Großteil jedoch aus sich windenden, heulenden Meerjungfrauen. In dem Moment, da wir die Netze auf das Deck zerren und das Rollengeschirr auf die Planken poltert, bemerke ich, dass wir etwas Seltsames gefangen haben.

Die meisten Meerjungfrauen, die sich im Netz verheddert haben, sind bleich und haben silbrige Schwänze und geschmeidige Körper. Diese hier ist dunkelbraun und besitzt einen massigen und unförmigen Unterleib, der sich zu einer abgerundeten Spitze statt zu einer einzelnen Flosse verjüngt. Ihr ganzer Körper ist mit einer Schleimschicht überzogen und mit Dornen und farnwedelartigen Fortsätzen bedeckt. Rundliche, knöcherne Kapseln hängen von ihrem Bauch, jede hat die Ausmaße eines Säuglings.

Schlimmer noch, dieser Fisch hat ein unheimlich menschliches Gesicht, mit einem richtigen Kinn und einem definierten Hals. Während alle Meerjung­frauen, die ich bisher gesehen hatte, über weit auseinanderstehende Augen verfügten, die seitlich an ihren Köpfen saßen, befinden sich die Augen von dieser – groß und weiß wie Sanddollar – auf der Vorderseite ihres Kopfes. Und im Gegensatz zu den anderen Meerjungfrauen, die auf dem Deck nach Luft ringen, zappeln und kreischen (es gibt nur weniges, was schlimmer ist als das Geschrei einer Meerjungfrau), liegt diese hier mit langsam pochenden Kiemen ruhig da.

„Wir haben eine aus der Tiefsee“, schnauft Sunan.

Ahbe kauert über dem Netz, ihm steht der Mund offen. Als er seine Hand ausstreckt, blafft mein Vater: „Nicht anfassen!“, und zieht Ahbes Arm weg. Sein Körper ist angespannt, und als die Meerjungfrau lächelt – sie lächelt, wie ein Mensch –, klappt ihr Kiefer herunter und enthüllt mehrere Reihen langer, nadelförmiger Zähne.

Ich kann nicht aufhören, sie anzustarren. Die Meerjungfrau besitzt einen verkümmerten Rumpf mit kurzen, dünnen Armen und einer leichten Rundung dort, wo eine menschliche Frau Brüste hätte, jedoch keine Brustwarzen. Das schockiert mich mehr, als es sollte; wozu bräuchte ein Fisch Brustwarzen? Die Hitze steigt mir ins Gesicht. Ich fühle mich irgendwie entblößt, obwohl ich komplett bekleidet bin.

„Wow“, sagt Ahbe. Seine Augen glänzen, als hätte er noch nie zuvor eine Tiefsee-Meerjungfrau gesehen. Vielleicht hat er das auch nicht. Ebenso wie ich. „Wir werden eine Menge Geld mit der da verdienen, oder?“

„Wenn du nicht deine Hand an sie verlierst“, antwortet mein Vater. Die anderen Meerjungfrauen jammern leise, die letzten Reste Salzwasser tröpfeln in kurzen, schrillen Atemstößen aus ihren Kiemen. „Lasst sie uns nach unten bringen. Passt auf, dass ihr sie nicht beschädigt; für die Käufer brauchen wir so viel intaktes Fleisch, wie wir kriegen können.“

Wir fallen mit Haken und Seilen über das Netz her. Die Augen der braunen Meerjungfrau sind trübe Fenster, wie bei einem Anglerfisch, dennoch folgt sie mir mit dem Gesicht, als wir uns über das Deck bewegen. Wir fixieren die Meerjungfrauen und heften ihre zierlichen Arme an ihre Rümpfe, damit sie sich in ihrem panischen Gezappel nicht die Handgelenke zertrümmern. Sobald sie gefesselt sind, heben Dad und Sunan sie hoch und tragen sie hinunter in den Laderaum. Während Ahbe die anderen Fische in den Kühlboxen verstaut, nähere ich mich der Tiefsee-Meerjungfrau mit einem Seil in der Hand.

Ihr Mund öffnet sich und ich schwöre – ich schwöre bei Gott oder den Göttern, oder was immer da draußen ist – ein Wort zischt hervor: „L¯uk¯s¯aw.“

Ich lasse das Seil fallen und strauchle nach hinten. Ahbe ist augenblicklich bei mir. „Scheiße! Lily, hat sie dich verletzt?“ Er packt meine Hände und dreht meine Arme herum. „Bist du gebissen worden?“

Die Kapseln an ihrem Bauch rasseln und zwischen ihren Zähnen pfeift Luft hervor. Sie lacht mich aus, als sie gefesselt und in den Laderaum geschleift wird. „L¯uk¯s¯aw. L¯uk¯s¯aw. L¯uk¯s¯aw.“

Tochter.

Mein Unterleib brennt. Ich kann nicht aufhören zu zittern.

Auf der Pakpao wird der Großteil des Fangs gefroren gelagert, aber Meerjungfrauen sind eine sonderbare und anfällige Ware. Man muss sie am Leben halten, sonst verdirbt ihr Fleisch. Tatsächlich verdirbt es so schnell, dass mancherorts auf vergammelter Meerjungfrau basierende Delikatessen entstanden sind, weil es schlichtweg unmöglich ist, frische Teilstücke in die küstenfernen Städte zu bringen. Wenn die japanischen Händler unser Dorf aufsuchen, werden die lebendigen Meerjungfrauen geradewegs aus den Laderäumen von Frischfisch-Trawlern wie unserem zu ihren Schiffen gekarrt, wo sie in große, eingebaute Salzwassertanks verladen werden. In diesen liefert man sie an Restaurants aus, die sich sehr um ihre Versorgung bemühen. Trotzdem überleben sie selten länger als zwei Wochen in Gefangenschaft, was bedeutet, dass es für Fischer wie uns immer einen Markt gibt.

Meerjungfrauen sind Exportfrüchte. Iris, May und ich hätten nicht die Schule besuchen können, wenn es keine Leute gäbe, die bereitwillig aberwitzige Geldsummen bezahlen, um Teile bestimmter Meerjungfrauen zu verspeisen – nicht von den Katzenwels-Meerjungfrauen aus dem Fluss, sondern von denjenigen, die man auf hoher See fängt. Dieselben Leute meinen, dass das weiche, fettige Gewebe einer Tiefsee-Meerjungfrau das saftigste und schmackhafteste Luxusfleisch überhaupt ist: wie Otoro, nur cremiger und besser. Andere behaupten, es ist der Reiz des Verbotenen, weswegen Meerjungfrau so gut schmeckt. Ich hatte einmal einen Klassenkameraden, der mir erzählte, dass der Verzehr einer Meerjungfrau, insbesondere des Rumpfs, so nah am Verzehr von Menschenfleisch ist, wie es nur geht.

Die Wahrheit ist, ich hasse Meerjungfrauen wie die Pest. Ich kann sie nicht ausstehen. Ich würde das Iris oder May nie verraten, aber Meerjungfrauen machen mir Angst. Ihre leeren Augen, ihre von Parasiten befallenen Körper, ihre fast menschlichen Hände und Gesichter … Sie sind die widerlichsten, furchteinflößendsten Fische, die ich je gesehen habe. Es gibt nichts an ihnen, was ich mag.

Ich kann sie nicht einmal essen. An einem von Mays Geburtstagen brachte Dad eine magere Scheibe von einem silberschuppigen Plah-Kapong-Meerschwanz mit nach Hause, den wir uns teilen durften. Es war das teuerste Essen, das wir jemals gehabt hatten, und für mich schmeckte es nach Gips. May und Iris plapperten unaufhörlich davon, wie köstlich das weiße Fleisch sei. Ich wälzte meines im Reis und würgte es in dem Wissen hinunter, dass Dad für dieses besondere Geburtstagsfestessen einen Großteil seines letzten Fanglohns ausgegeben hatte. Er mochte es, uns zu verwöhnen, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergab.

Das Gewimmer der Meerjungfrauen im Laderaum nimmt kein Ende. Ich kann die schrillen Teekesselgeräusche durch die Schiffswände hören, während ich mit den Händen über den Ohren in meiner Hängematte liege und versuche zu schlafen. Laut Iris machen sie dieses Geräusch unter Stress. Es hat irgendwas mit der Luft zu tun, die durch ihre Kiemen pfeift, und den Vibrationen tief in ihrem Inneren.

Es ist mir scheißegal, warum sie diesen Lärm machen. Ich will einfach, dass es aufhört.

Weil ich ständig an diese stachlige braune Meerjungfrau denken muss, fällt mir das Einschlafen sogar noch schwerer. Diese blinden, leuchtenden Raubtieraugen. Der ausgeklappte Kiefer, die kegelförmige Taille, die leichten Wölbungen auf ihrer Brust. Der Geruch ihrer Haut, salzig und fremdartig.

L¯uk¯s¯aw.

Ich schlucke.

Sunan und Ahbe sind weg, sie haben die Nachtschicht auf Deck. Auf der anderen Seite des Raums schlafen der Koch und Dad. Die strombetriebene Laterne, die über unseren Köpfen schaukelt, hilft niemandem, deshalb schnappe ich sie mir, hüpfe von meiner Hängematte und schlüpfe leise aus der Kabine.

Während ich die Treppe in den Laderaum hinunter tappe, schwillt das Gewimmer an, bis es zu einem fieberhaften Heulen in meinem Kopf wird. Ich stelle mir vor, wie die braune Meerjungfrau im Wasser treibt und lacht. Schneller, als mir lieb ist, erreiche ich den Flur am Fuß der Treppe, meine schwitzige Handfläche liegt auf der kalten Klinke der Metalltür. Ich ziehe sie auf.

Der Laderaum ist voller Meerwasser, Kühlboxen mit gefrorenem Fisch wiegen sich im Takt der Wellen. Die Meerjungfrauen schwimmen in wirren Bahnen und geben verzweifelte Gurrlaute von sich. Sie sind an Metallringe an der Wand gekettet, derbe Stricke umwickeln ihre zierlichen Babyhandgelenke und haken sich in ihre Mundwinkel. Eine Meerjungfrau, deren Körper hauptsächlich aus Muskeln besteht, taucht auf und verschwindet ohne ein Plätschern wieder im Wasser, sie ist lang und kräftig wie ein Arapaima, ihre Wange durchbohrt von einem Dreifachhaken.

Sunan kniet an der Wand, die schaukelnde Bewegung der Pakpao lässt künstliche Wellen gegen seine Brust schwappen. Anfangs glaube ich, dass er verletzt ist, weil sich dicht bei ihm Blut im Wasser befindet; die Meerjungfrauen kreisen immerzu näher heran und jammern, sobald die Haken und Seile sie daran hindern, zu ihm zu gelangen. Dann bemerke ich, dass der bleiche Halbmond, der andauernd im Wasser verschwindet, sein Arsch ist. Seine Hose hängt auf einem Ring in der Nähe, die Hosen­aufschläge sind vom Meerwasser durchnässt. Er hält etwas fest, während er vor und zurück schaukelt, vor und zurück. Das Schaukeln kommt nicht vom Schiff, es geht von ihm aus. Eine magere, mit Klauen bewehrte Hand zerkratzt seine Schulter; er flucht, wobei ein Echo ertönt, und schlägt, was auch immer sich unter ihm befindet. Eine wuchtige silberne Flosse stößt aus dem Wasser hervor.

Eine Hand packt von hinten meine Schulter und ich bin kurz davor zu schreien. Ich werde nach hinten gezogen, die Tür des Laderaums klappt vor meinen Augen zu.

„Sieh nicht hin, Lily“, sagt Dad in dem gedämpften Tonfall, den er immer anschlägt, wenn er mich beschützen möchte. Mein Blut kocht, Angst und Wut und Adrenalin tosen durch meinen Körper. „Geh wieder nach oben und tu so, als ob du das nie gesehen hättest.“

„Das sind Fische!“, fauche ich ihn an. „Was zur Hölle macht Sunan da? Das ist durch und durch falsch. Das sind nicht einmal Menschen, das sind bloß gottverdammte Fische!“

„Sowas passiert manchmal auf Schiffen“, sagt Dad, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. „Dem Fleisch schadet das nicht.“ Er schaut mir geradewegs ins Gesicht, seine gleichmütigen dunklen Augen sind mir zum ersten Mal in meinem Leben fremd. „Ich wollte nicht, dass du davon erfährst, bis du älter bist, aber ich schätze, du hättest es früher oder später sowieso herausgefunden.“

„Du wusstest davon?“, flüstere ich. „Weiß jeder auf diesem Schiff Bescheid?“

Mein Vater seufzt. „Geh nach oben und denk nicht darüber nach.“

Ich habe diesen schrecklichen Moment der Erleuchtung. Dad hat vor langer Zeit auch ein eigenes Boot besessen. Meerjungfrauen sind weitverbreitet; selbst die größeren passen in eine Badewanne. Er hätte sie am Leben halten können, sie füttern, sie ficken … Ist seine Geschichte von Mom nichts weiter als eine Geschichte? Oder hat er tatsächlich einen Fisch für sich behalten, ihn verletzt – ihn vergewaltigt – bis dieser ihm drei Töchter gebar? Oder gab es mehr als einen Fisch? Ich muss an die dümmlichen Katzenwels-Meerjungfrauen mit den schlammbedeckten Mäulern denken, die manchmal hinter unserem Haus in die Netze treiben, und mir dreht sich der Magen um.

„Fickst du sie auch?“ Die Worte platzen aus mir heraus, bevor ich sie aufhalten kann.

„Lily, geh nach oben.“ Seine Stimme hat einen kalten und bedenklichen Tonfall angenommen.

„Das ist total krank, Dad“, presse ich hervor.

„Ich sag es dir nicht noch einmal“, antwortet er, und als er mich ansieht, wünschte ich, er hätte es nicht getan.

Ich gehe.

Meine Mutter war kein Fisch. Meine Mutter war eine herzliche, menschliche Frau. Das steht für mich fest, selbst wenn ich mich überhaupt nicht an sie erinnern kann.

Ich habe einmal eine Geschichte über einen Mann gehört, dem der Schwanz von einem Katzenwels abgebissen wurde. Der Mann pinkelte gerade ins Wasser, und der Wels folgte dem Urinstrom direkt zu seinem Schwanz und nagte ihn einfach ab.

Als wir aufgewachsen sind, war das unsere zweitliebste Geschichte, nach der über unsere Mom, und da Iris jetzt praktisch eine Meeresbiologin ist, erklärt sie uns gern selbstgefällig, dass das Ammoniak im Urin die Fische anzieht. Es hat wohl irgendetwas damit zu tun, dass die Beutetiere mittels des Ammoniaks, das aus ihren Kiemen austritt, aufgespürt werden. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich habe die zermalmende Kraft von Welskiefern kennengelernt, habe die Knochenplatten an meinem Arm gespürt, während ich auf dem Weg in den Laderaum mit ihnen gerungen habe. Die Katzenwelse im Mekong sind riesig, sie wiegen mehr als ich. Mit dem Älterwerden lerne ich, dass viele Dinge ein größeres Gewicht haben.

In ihrem zweiten Jahr auf der Highschool kapselte sich Iris ab. Sie ging nicht mehr in die Schule, blieb den ganzen Tag zusammengerollt im Bett liegen und weinte sich nachts in den Schlaf. Sie wollte nicht darüber reden, was passiert war, aber von May, die einige von Iris' Freunden kannte, erfuhr ich, dass einer der Jungen an ihrer Schule Iris in die Besenkammer gefolgt war, als sie zusammen den Klassenraum saubergemacht hatten. Er war ein enger Freund, ein großer, stämmiger Kerl mit kurzen Haaren und Brille, doch Iris zuckte von da an immer zusammen, wenn jemand seinen Namen erwähnte.

Ich liege in meiner Hängematte und denke an Katzenwelse. Ich denke an zermalmende Mäuler, zermalmende Laderäume. Währenddessen singen die Stimme und der Geruch der braunen Meerjungfrau in meinem Blut, sie ziehen es zu sich, zerren daran herum und setzen es in Brand.

Ich schwinge meine Beine über den Rand der Hängematte, greife die Laterne und schlüpfe aus den Schlafquartieren.

Als ich die Treppe hinuntergehe, kommt mir Ahbe entgegen und versperrt mir lachend mit der Hand an der Wand den Weg. „Was machst du so spät noch hier draußen, Lily?“

Ich schaue ihn an, das frostige Feuer brennt in meiner Brust. Sein Hemd ist hastig zugeknöpft, seine Knie sind klamm vom Meerwasser. „Ich will nach den Fischen sehen“, sage ich. Die Worte fühlen sich in der feuchten, stickigen Luft matt an.

„Das habe ich gerade getan“, sagt Ahbe. „Denen geht’s gut. Verdorben ist nichts und bis morgen dürften wir sie auf dem Markt abgeliefert haben.“

„Nein. Ich will den Meerjungfrauen einen Besuch abstatten“, antworte ich mit fester Stimme, und sein Gesicht verändert sich.

„Ich wusste nicht, dass du Bescheid weißt“, sagt er. „Du bist zu jung, um alleine in den Laderaum zu gehen.“

„Ich bin fünfzehn“, entgegne ich. Ich denke an die Art und Weise, wie mein Dad redet, an den satten, kraftvollen Kern seiner Stimme, und ahme diesen nach, als ich hinzufüge: „Ich bin alt genug, um zu entscheiden, was ich will. Und ich will eine Meerjungfrau.“

Ahbe starrt mich im Licht der Laterne an und ich kann erkennen, wie seine Entschlossenheit ins Wanken gerät. „Ich denke, das geht in Ordnung“, murmelt er. „Ich war auch fünfzehn, als ich zum ersten Mal eine Meerjungfrau hatte. Sei bloß vorsichtig – sie beißen.“ Er verzieht das Gesicht. „Ich hab dich eigentlich nicht für 'ne Thøøm gehalten.“

Ich stoße seinen Arm zur Seite und er lacht. „Geh ins Bett, Ahbe“, blaffe ich. „Du bist ein Idiot. Ich verriegele den Laderaum, wenn ich fertig bin.“

Er wirft mir die Schlüssel zu, bevor er die Treppe hinauf verschwindet, und ich bleibe allein vor der schweren Metalltür des Laderaums zurück.

Die Tochter eines Fischs zu sein, ist unmöglich. Es ist fast so unmöglich, wie daran zu glauben, dass der eigene Vater ein Monster ist.

Ich öffne die Tür und gehe hinein. Vom Eingang führt eine weitere Treppe hinab, die nach der dritten Stufe unter Wasser verschwindet. Die Meerjung­frauen scheinen sich ein wenig beruhigt zu haben, ihre Schwanzflossen wühlen nicht mehr die Wasseroberfläche auf. Ihre Anwesenheit unter den Wellen wird nur durch die an der Wand verankerten Seile markiert, die sich langsam umherbewegen.

Ich schwenke die Laterne gemächlich durch den Raum und suche nach der braunen Meerjungfrau. Dort drüben … Ich erhasche einen Blick auf ihre weißen Augen, die nur knapp aus dem Wasser lugen. Sie ist an der Wand festgebunden, fester als alle anderen Fische. Um zu ihr zu gelangen, muss ich durch den Laderaum hindurchwaten.

Ich schäle mich aus meinen Sachen und atme tief durch, bevor ich in das Wasser steige. Es ist eiskalt; der Schock und die plötzliche Schwerelosigkeit meines Körpers jagen Adrenalin- und Schreckensschauer durch mich hindurch. Die Meerjungfrauen huschen an meinen Beinen vorbei; als sie mich streifen, fühle ich den leichten Kontakt von Schuppen auf meiner Haut. Entschlossen beschleunige ich meine Schritte. Ich erinnere mich an die Flossen und Zähne von manchen der Tigerfisch-Meerjungfrauen, die wir vor ein paar Stunden gefangen haben. Wenn ich selbstbewusst auftrete, werden sie mich vielleicht für ein Raubtier halten und von mir fernbleiben.

Als ich die braune Meerjungfrau erreiche, zittere ich und habe am ganzen Körper Gänsehaut. Die Laterne wackelt in meiner Hand und wirft einen orangefarbenen Schein über die sich kräuselnden Wellen.

Die Meerjungfrau taucht auf, ihr Kinn liegt auf dem Wasser. Ich kann ihre Dornen erkennen, die Kapseln und Fortsätze, und den Rest ihres weichen, wabbligen Körpers, der mit der Bewegung des Schiffes treibt. Ein Geräusch zischt durch ihre Zähne und es braucht einen Moment, bevor ich verstehe, was sie sagt. „Das Kindlein.“

Ich ertappe mich dabei, wie ich mit klappernden Zähnen erwidere: „Ich bin kein Kind.“

Sie lächelt, die blinden Augen leuchten silbern in der Dunkelheit. „Nein, bist du nicht. Wie heißt du, L¯uk¯s¯aw?“

In all diesen europäischen Sagen, die wir in der Schule lesen mussten, wurde einem eingeschärft, dass man einer Fee niemals den eigenen Namen verraten sollte. Aber das hier ist bloß ein Fisch.

„Lily“, antworte ich. Was würde ich dafür geben, Taschen zu haben, in die ich meine Hände stecken könnte. „Warum nennst du mich ständig L¯uk¯s¯aw?“ Warum kannst du sprechen?, möchte ich fragen, doch die Luft strömt vorher in meine Lunge zurück. Ich fürchte die Antwort.

Ihre über dem Kopf festgebundenen Arme sind spindeldürr und enden in den zierlichen Händen eines Kleinkinds. „Lass mich gehen und ich verrate es dir.“

„Wohl kaum. Ich bin nicht hier runtergekommen, um mich von einem Fisch fressen zu lassen.“

Ihr Maul schnappt zu. „Es läuft anders herum, oder? Ihr esst den Fisch.“

„Sicher“, sage ich. „Genau so sollte es ja auch sein.“

Die Meerjungfrau lacht mich aus. „Und bist du zufrieden damit, wie die Dinge sein sollten, L¯uk¯s¯aw?“ Möglicherweise riecht sie mein Zögern oder hört, wie sich mein Griff um die Laterne strafft, denn sie mildert ihre Stimme zu einem tiefen Summen. „Ich werde dir nicht wehtun. Lass mich gehen und ich werde dir alles erzählen, was du wissen willst.“

Vielleicht liegt es daran, dass ich ihr unbedingt glauben möchte, vielleicht auch an dem Feuer, das tief in meinem Körper singt, oder an dem Bild von Sunan, wie er im Wasser auf der Meerjungfrau liegt – bevor ich wirklich merke, was ich tue, lösen meine Finger die Knoten, die ihre Fesseln mit dem Ring über ihrem Kopf verbinden.

Sobald der letzte Knoten aufgeht, schießt blitzschnell ihre Hand hervor und packt mein Kinn. Die verknäuelten Stricke, die noch an ihren Handgelenken hängen, peitschen gegen meine nackte Brust. Sie stößt mit dem Kopf gegen die Laterne, als sie näher rückt und mein Gesicht ableckt; ihre Zunge ist kalt und fremdartig, wie Gummi. Ihre Zähne sind eine Hand breit von meinen Augen entfernt.

„Bist du wirklich meine Mutter?“, flüstere ich.

Die Zunge der Meerjungfrau streicht über meine Stirn, meine Nase hinab und über meinen Mund, bevor sie sich zurückzieht. „Ah“, seufzt sie. „Keine aus meiner Brut. Nein, ich würde mich an eine wie dich erinnern.“ Ihre kindliche Hand ist furchtbar stark. „Aber du bist dennoch eine von uns. Du schmeckst wie der Ozean, nicht wie das stinkende Land darüber.“ Sie lässt mein Kinn los, aber ich weiche nicht zurück. „Ich könnte dir einen Wunsch gewähren, L¯uk¯s¯aw, stellvertretend für deine Mutter. Aber ich benötige einen Bissen deines Fleisches, um ihn wahr werden zu lassen.“

Früher hat Dad uns oft eine alte Geschichte über einen magischen Fisch erzählt, der Wünsche gewährte, wenn man ihn fing und wieder ins Meer entließ. An diesen Teil der Geschichte kann ich mich nicht erinnern.

Ihre Babyfinger wandern über meine Schulter. „Genau hier. Es wird kaum wehtun.“

Hysterisches Gelächter sprudelt in mir hoch. Ich stehe nackt im Laderaum, umgeben von Meerjungfrauen, und rede mit einem magischen Fisch. Wovor habe ich Angst? Ich habe schlimmere Verletzungen erlitten; einen einzelnen Biss kann ich vertragen. Ich bin jetzt erwachsen.

Ich öffne meinen Mund, um mir genug Geld zu wünschen, damit ich von diesem stinkenden Boot herunterkomme, genug Gold, um einen Seemann darin zu ertränken, um alle Seemänner darin zu ertränken. Ich öffne meinen Mund, um sie nach meiner Mutter zu fragen, ob sie sie kennt, oder sie finden und zurückbringen kann. Ob meine Mutter noch lebt oder tot ist. Ob sie ein Mensch war oder wahrhaftig ein Fisch.

Aber dann denke ich an meine Schwestern: Iris, wie sie unter ihrer Decke zittert und das Biologiebuch wie einen Talisman umklammert, und May, die mir ihren gegeben hat, damit er mich auf See beschützt. Ich erinnere mich, dass es wichtigere Dinge gibt. Ich denke an die Menschen, die meinen Schwestern wehtun, die ihnen wehtun könnten, an den Jungen in der Besenkammer und an Sunan im Laderaum. An meinen Vater am Fuß der Treppe und seine schneidend kalten Augen.

Ich verrate der Meerjungfrau meinen wahren Wunsch. Sie gewährt ihn.

Es existieren viele Fassungen dieser Geschichte und jede hat ein anderes Ende.

In einer schwimme ich mit der braunen Meerjungfrau davon. Die Sonne hängt als schartige Scheibe über unseren Köpfen, fremdartig schimmernd und funkelnd. Das Wasser ist kalt, der Druck gewaltig. Er wirkt auf meinen noch zarten, wogenden Körper ein und presst ihn in eine schmalere, schnittigere Form. Unsere winzigen, zierlichen Hände umklammern sich fest, während wir tiefer in den Ozean hinabtauchen.

In einer anderen versenkt ein schwerer Sturm die Pakpao mitsamt allen anderen Fischerbooten der Gegend auf den Riffen des Teluk Siam. Die berstenden Laderäume ermöglichen es den Meerjungfrauen, zu entkommen. Jeder überlebt und wird in den nächsten Tagen gefunden. Der Rest der Geschichte ist recht ereignislos, zudem unglaubwürdig und wurde von Leuten erdacht, denen mehr an einem Happy End gelegen ist als an der Wahrheit.

Folgendes ist wirklich passiert: Die braune Meerjungfrau verschwindet und die Pakpao schafft es sicher nach Hause, den Laderaum voller lebendiger Meerjungfrauen. Sollte die Mannschaft ein wenig benommen und desorientiert wirken, so als wären sie nicht wirklich sie selbst, und sich verhalten, als wären sie es nicht gewohnt, auf zwei Beinen zu laufen, dann ist das nur die Folge eines Hitzschlags. Sollten die Meerjungfrauen im Laderaum panisch im Kreis schwimmen und unbändig die Augen verdrehen, während ihr Gewimmer von den Wänden widerhallt, dann ist das nur das, was Fische tun. Schließlich sind Meerjungfrauen Fische und keine Menschen. Die japanischen Händler halten den Fang für akzeptabel und die Meerjungfrauen werden in einem Tank zu Restaurants überall auf Hokkaido verfrachtet. Wir machen einen Riesengewinn.

Mit Ausnahme eurer Erzählerin ertrinkt jedes Mannschaftsmitglied der Pakpao innerhalb einer Woche nach unserer Rückkehr. Obwohl ich am Leben bleibe, kommt unsere Familie bei dieser Tragödie nicht ungeschoren davon; die Leiche meines Vaters wird, in den Netzen treibend, hinter dem Haus gefunden. Ein gemeinschaftliches Begräbnis wird abgehalten. Sunans Witwe erzählt unter Tränen, wie ihr verstorbener Ehemann nach seiner letzten Fangreise aufhörte zu sprechen und die Tage vor seinem Tod wiederholt versuchte, in den Fluss zu laufen – eine Geschichte, die bei den Familien der kürzlich Verblichenen großen Anklang findet.

Meine Schwestern weinen, ihre Zukunft ist gesichert. Ich weine ebenfalls, und lecke das Salz meiner Tränen auf. Um meine Schulter befindet sich ein Verband und darunter ein Biss, der nicht heilen wird.

Übersetzung: Sebastian Rudolph

Originaltitel: The Fisher Queen

Ellen Norten - Der Knochen

 

Die Begegnung mit meinem Großvater kam überraschend und unerwartet, schließlich war er vor über 50 Jahren gestorben. Das Familiengrab hätte längst eingeebnet werden müssen, doch mein Vater wollte unbedingt in der Gruft seiner Eltern beerdigt werden und da er mit einem langen Leben gesegnet sein sollte, existierte das Grab nun schon über ein halbes Jahrhundert.

Vor wenigen Wochen war nun mein Vater friedlich eingeschlafen und an dem von ihm gewünschten Ort beigesetzt worden. Mein Mann und ich bepflanzten gerade das Grab, als dieser beim Graben auf eine vermeintliche Wurzel stieß und diese mit ausladender Bewegung in den Rhododendron hinter der Grabstätte beförderte. Quasi im Vorbeiflug offenbarte sich uns ein unerwartetes Bild, es handelte sich nämlich keineswegs um einen Wurzelstock, sondern um ein Knochenstück meines Großvaters. Das war vermutlich beim Ausschachten des frischen Grabes an die Oberfläche gelangt, um nun im hohen Bogen ins Gebüsch zu fliegen.

Sofort versuchten wir den Knochen im lockeren Laub darunter ausfindig zu machen, doch als ob es sich verstecke blieb das Körperteil meines Opas unauffindbar. So startete ich am nächsten Tag einen neuen Versuch, machte mich mit unserem gärtnerisch begabten Nachbarn Dirk auf die Suche. Der schmächtige, aber keineswegs zimperliche Mann robbte sich unter die Büsche, pflügte regelrecht durch die toten Blätter, bis er mit einem lauten Freudenschrei den Arm hochriss und das Knochenstück präsentierte. Noch bevor ich es genauer inspizieren konnte wanderte es flugs in seine Hosentasche um erst im Garten meines nahe am Friedhof gelegenen Elternhauses wieder an die Luft zu gelangen.

Da lag er nun der Knochen, gut 50 Jahre nach seinem Tod kehrte zumindest ein Teil von Opa Gustav in unser Haus zurück. Vorsichtig besah ich mir den Fund, ohne ihn jedoch zu berühren. Es handelte sich um einen Wirbelknochen mit zwei Verzapfungen nach vorn und hinten und einem Loch in der Mitte, in dem sich einst das Rückenmark befunden hatte. Auch wenn ich den Anblick etwas unheimlich fand, freute ich mich dennoch, bugsierte den Wirbel mit einer Serviette bewaffnet in ein formschönes Trinkgefäß und stellte ihn ins Regal unseres Gartenhäuschen.

Der Sommerabend war lau und mein Mann entfachte gemeinsam mit dem Nachbarn den Grill. Doch Dirk konnte ihm nicht so recht helfen, da er nun einen Verband um den Zeigefinger trug. Hatte ich also richtig gesehen, dass eine feine Blutspur an seiner Hand herunterlief, als er den Knochen in die Tasche steckte? Dirk wusste selbst nicht, wie er an die Verletzung gekommen war, er vermutete eine Glasscherbe oder etwas Ähnliches im Laub, das den Schnitt verursacht hatte.

Während nun die ersten Würstchen vor sich hin brutzelten und wir uns das Bier schmecken ließen, gesellte sich Dirks sonst eher scheue Katze zu uns. Ich vermutete, dass der Duft des Fleisches sie anzog, doch sie verschwand ohne zu betteln relativ schnell wieder. Wenig später hörten wir einen lang gezogenen, gellenden Schrei aus dem Gartenhäuschen, dann lief das Tier mit dem Knochen meines Opas im Maul direkt an uns vorbei.

Ich war schockiert. „Fang sofort deine Katze ein“, warf ich dem Nachbarn an den Kopf. Der sprang auch schon auf, hetzte dem Tier hinterher, das wie um uns zu verhöhnen mehrere Kreise um den Grill zog. „Lucy, lass los“, rief der Nachbar, doch Lucy guckte ihn nur frech an und rannte weiter. Dann blieb sie urplötzlich stehen, legte den Knochen endlich ab um ihn mit einer flinken Bewegung ihrer Tatze direkt auf den Grill zu schleudern. Ich schrie auf. Mein Mann packte reaktionsschnell die Grillzange, schnappte sich damit so schnell wie möglich den Knochen und warf ihn auf die Wiese. Das war noch mal gut gegangen, die beiden Männer wussten nicht ob sie lachen oder sich gruseln sollten. Wohl eher aus Pietätsgründen mir gegenüber entschieden sie sich für ernste Gesichter, der Nachbar holte pflichtschuldig das Glas aus dem Gartenhäuschen und mein Mann legte den Knochen, zwar immer noch mit der Grillzange, doch ausgesprochen sorgsam, ins Glas zurück.

„Opa Gustav, was machst Du denn“, rutschte es mir heraus. Ich trug das Glas zurück und stellte es nun im Regal weiter nach oben. Dann verschloss ich die Tür sorgfältig, um der durchgeknallten Nachbarskatze keinen neuen Diebstahl zu ermöglichen. Zum Bier genehmigte ich mir zur Beruhigung noch einen doppelten Schnaps und ließ den Abend ausklingen, ohne auch nur eines der Würstchen gegessen zu haben, der Grill war mir momentan suspekt.

Vor dem Einschlafen dachte ich an meinen Opa. Der galt zu seinen Lebzeiten als unangenehmer Zeitgenosse. Er trank viel, suchte Streit und sollte sogar im Nebenhaus eine Geliebte gehabt haben, die ein Kind von ihm bekam. Ich selbst konnte mich an einen mürrischen alten Mann erinnern, der mir den Rauch seiner dicken Zigarre ins Gesicht blies, während er mich auf dem Arm hielt. Kein Wunder, das mein Vater seinen Erzeuger nicht leiden konnte, ihn in Erzählungen regelrecht verabscheute und ihn sogar einmal aus einer Familienfotografie herausschnitt. Ich wunderte mich, dass er überhaupt mit diesem Mann in einem Grab beerdigt sein wollte, doch vermutlich ging es ihm dabei eher um die Nähe zu seiner Mutter, die eine außergewöhnlich nette Frau gewesen war.

Während ich so meinen Gedanken nachging, hörte ich würgende Geräusche aus dem Bad. Die Bettseite neben mir war verwaist und mein Mann befreite sich wohl gerade geräuschvoll von den Unmengen an Würstchen, die er in sich hineingestopft hatte. Ich hielt mir die Ohren zu.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen und verkatert. Ich fühlte mich beobachtet. Obwohl ich nun seit einigen Jahren in der ehemaligen Wohnung meiner Großeltern lebte, hatte ich bisher eigentlich nie an sie gedacht. Heute Morgen war dies anders, mein Opa Gustav schien hinter jeder Ecke zu lauern. Ich sah ihn regelrecht durch die Wohnung schlurfen und meinte seine Schimpftiraden am Nachbarzaun zu hören.

Der Knochen, schoss es mir durch den Kopf, vielleicht sollte ich den Knochen zum Friedhof zurück bringen. Entschlossen ging ich zum Gartenhäuschen und öffnete die Tür. Unschuldig lag der Knochen in seiner gläsernen Behausung, fast tat er mir leid, wie konnte ich so hässlich über meinen Großvater denken.

 

Da stieg mir deutlich der abgestandene Rauch einer Zigarre in die Nase, dazu wehte mir der Gestank von Schnaps und billigem Parfum entgegen. Angewidert öffnete ich das Fenster, hielt dabei den Knochen im Blick und verließ rückwärtsgehend das kleine Zimmer. Dann knallte ich die Metalltür ins Schloss und drehte den Schlüssel zwei Mal um. Heute war mir nicht mehr nach Opa Gustav.

Am Gartentor begrüßte mich unser Nachbar und fragte, ob ich seine Katze gesehen hätte, sie sei seit gestern Abend nicht mehr zurückgekehrt. Immerhin waren ihm wenigstens die Würstchen bekommen, anders als meinen Mann, der mit aschfahlem Gesicht im Bett lag und kaum ansprechbar war.

„Sag mal, der Knochen wird mir langsam unheimlich“, sagte ich und Dirk wiegte dazu bedächtig den Kopf. „Ich fass den jedenfalls nicht noch mal an“, entgegnete er überzeugt und deutete dabei auf seine Hand, die nun komplett in einem dicken Verband steckte. Der Schnitt hatte sich auch noch entzündet. Während ich noch darüber nachdachte, wie ich das vermaledeite Teil wieder loswerden konnte, hörten wir das Martinshorn eines Unfallwagens, der anscheinend direkt vor unserer Tür hielt. Beklommen eilten wir nach vorn und sahen gerade noch Sanitäter und Notarzt im Nachbarhaus auf der anderen Seite unseres Gartens verschwinden.

Dort lebte Rita, eine schlüpfrige Person, mit polnisch-blondem Haar, die für ihre ständig wechselnden Männerbekanntschaften bekannt war. Ihr Ausschnitt ließ so tief blicken, dass man die Schamhaare zählen konnte und normalerweise präsentierte sie ihre langen Beine unter Miniröcken, die eher die Bezeichnung 'breiter Gürtel' verdienten. Zurzeit konnte sie damit jedoch nicht punkten, da sie hoch schwanger war. Wie hätte mein Vater über den Erzeuger des zu erwartenden Kindes gesagt: Es sei wie bei einer Kreissäge, da wüsste man auch nicht welcher Zacken einen geschnitten hätte.

Nun wurde Rita auf einer Bahre nach draußen getragen. Ordinär wie sie war rief sie uns dennoch zu, dass sie eine Sturzgeburt gehabt hätte. Tatsächlich hastete einer der Sanitäter der Bahre mit einem schreienden Bündel hinterher. Irritiert schauten Dirk und ich uns an.

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