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Zwergilein-Wo bist Du?

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Der letzte Tag

Es war ein Freitag- eigentlich, wie jeder andere...Du kamst am Vorabend von der Montage, alles wie immer...

Tagsüber bekam ich immer nur kurze Nachrichten, ohne Smileysseltsam, denn Du warst doch gerade wieder frisch verliebt.

Als ich heimkam, warst Du gerade duschen, dann klappte die Haustür und Du warst weg.

Also schrieb ich Dir: “ Bist Du schon wieder los? “

Du: “ Joa“

Ich: “ Wann hast Du denn dein Zimmer umgeräumt ? “

Du: “ Vorhin “

Ich: “ Aber so kannst Du doch das Regal nicht benutzen ? “

Du: “ Und ist eh nur Müll drin “

Ich: “ Ach so “

„ Hast Du heute auf Arbeit einen ausgegeben? Weil Papa meinte, Du wolltest Gehacktes mitbringen? “

Du: “ Ja hab ich. Hab es aber im Kühlschrank vergessen, also den Rest “

Ich: “ Haben die sich gefreut ? “

Du: “ Ja, waren nicht viele da- wusste ich aber nicht. “

Ich: “ Ich hätte Dir auch was gemacht- Frischkäsestangen oder so“

Du: “ Ne, alles gut- seit wohl auf dem Hundeplatz? “

Ich: “ Jetzt ja, Du bist wohl wieder zu Hause? “

Du: “ Ich bin daheim, geh dann aber wieder los. “

Ich: “ Hast Du was gegessen ? “

Du: “ Ne, hab kein Hunger. “

Ich: “ Alles gut? “

Du: “ Ja“

Ich: “ Soll der schwarze Schreibtisch dann auch in den Schuppen? “

Du: “ Weiß ich nicht, was Du damit vorhast. Können wir auch verbrennen, zur Not hab ich ja noch den weißen. “

Ich: “ Gut.“

Du: “ Bis morgen, Ihr braucht ja noch- oder? Geh nämlich jetzt wieder los. Mach was mit nem Kumpel. “

Ich: “ Schläfst Du bei Stella? “

Du: “ Ne denk nicht. Stella muss morgen früh arbeiten, da muss sie so früh raus. Schlaf dann vielleicht bei dem Kumpel, aber das entscheidet sich noch. “

Ich: “ Achso, dann viel Spaß “

Du: “ Bis morgen, hab Euch lieb. “

Ich: “ Ich hab Dich lieb. “

Du: “ Haha, 2 Dumme, ein Gedanke“

Gegen 9 kamen wir dann nach Hause, der Schlüssel steckte, das Lied, welches Du schon seit Wochen in Dauerschleife hörtest lief: “ GZUZ-Alles Lügner“ , oben brannte Licht und auf mein Rufen, kam keine Antwort .

Ich hörte ein Schluchzen, also lief ich die Treppe hinauf. Du warst wieder so unglaublich traurig, wie so oft in den letzten Wochen...

Erste Anzeichen?

Wie oft haben wir Dich alle zusammen gesucht.

Das erste Mal hast Du ein Foto von der Autobahn und den Zuggleisen geschickt. Dann war Dein Handy aus.

Panisch fuhr Papa alle Brücken ab, und ich fuhr mit dem Rad die Waldwege ab.

Irgendwann kamst Du dann nach Hause, wolltest nicht reden, hast dich 3 Tage in Deinem Zimmer verkrochen, und ich wachte vor Deiner Tür, wollte Dich einfach nur in den Arm nehmen.

Deine Freunde schafften es dann. Wir dachten, Du hast Liebeskummer, aber ich denke, da hatte Dich die Krankheit schon fest im Griff.

Dann kam wieder eine positive Phase-neue Liebe-neues Hobby. Du bist Cross gefahren, hast festgestellt, dass die Arbeit am Kessel nichts für immer ist und begannst noch einmal eine Ausbildung.

Dann an einem Freitagabend schicktest Du eine Nachricht an Deine damalige Freundin: “ Wenn mich jemand sucht, ich häng in der Garage. “

Eigentlich hast Du beim Umzug geholfen, wir lagen auf der Couch und sahen fern, als Deine Schwester völlig außer sich nachfragte, wo Du bist.

Also rannte ich im Schlafanzug hinter, die Tür war verschlossen, drinnen lief laut Musik von den „ Böhsen Onkelz“ und Du warfst Gegenstände umher. Mein Flehen half nichts, Du hast einfach nicht aufgemacht. Dann kam Deine Schwester und wir beobachteten Dich durch ein Astloch in der Holztür, baten Dich immer wieder aufzumachen.

Aber das machte Dich nur noch wütender.

Schließlich rief Deine Schwester: “ Er hat ein Seil um den Hals! “ und wählte die Nummer der Polizei.

Inzwischen war auch Dein Papa da. Du öffnetest die Tür und bist weggerannt.

Die Beamten folgten Dir, zurück in der Garage überwältigten sie Dich zu viert, doch anstatt auf Deine Traurigkeit und Verzweiflung einzugehen, kontrollierten sie, ob die Motorräder wirklich Euch gehören. Sie entdeckten ein Messer, welches wohl laut Waffengesetz zu lang war und schrieben eine Anzeige wegen „ unerlaubtem Waffenbesitz“ . Papa fragte die Beamten, was das soll. Die Motorräder gehörten Euch. Ihr habt hier geschraubt und neben verschiedenen Werkzeugen, benötigt man dafür auch ein Messer, z. B. für die Schläuche. War das in dem Moment wirklich gerade deren einziges Problem?

Sie nahmen sie Dich mit auf die Wache. Dort kümmerte sich dann endlich eine Psychologin um Dich. Sie erklärte uns, dass Du nun erstmal eingewiesen werden musst. Ich war in dem Moment erleichtert, weil ich Dich nicht beschützen konnte.

Ich dachte, dort wird man Dir helfen.

Das Gegenteil war der Fall: Du warst eingesperrt, auf einem Zimmer mit einem Mann, der versucht hatte, seine Frau zu töten und einem jungen Mann- nicht viel älter, als Du, der den ganzen Tag durch alles durchstarrte.

Du hattest Angst- besonders nachts. Wir besuchten Dich jeden Tag, versuchten Dich zu trösten, zu beruhigen und Dir Mut zu machen.

Deine Freunde kamen abwechselnd mit. Wir hatten eine extra Gruppe ins Leben gerufen, um uns abzusprechen. Es war ein beklemmendes Gefühl. Ich kannte geschlossene, psychiatrische Abteilungen aus meiner Ausbildung, aber für alle anderen war dies ein sehr befremdlicher Ort. Auf dem Heimweg kamen uns die Tränen, denn wir hatten jeden Tag wieder das Gefühl, einen schweren Fehler gegangen zu haben.

Du warst weggesperrt- bekamst aber weder Tabletten, noch eine Therapie.

Die Ärztin befragte uns zu Deiner Anamnese. Sie bemerkte die Verletzungen an Deinen Unterarmen.

Da wurde mir bewusst, dass Du das mit dem „ Ritzen“ nicht nur mal so ausprobiert hast, sondern dass das der Beginn Deiner Erkrankung gewesen sein muss.

Du musstest Dich verletzen, um Dich zu spüren- so, wie Deine Tunnel immer größer wurden.

Du wolltest damals unbedingt welche haben. Da ich fest davon überzeugt war, dass Papa es Dir nicht erlauben würde, erklärte ich Dir: “ Frag Papa. “ - Der erlaubte es. Ich war sehr erstaunt darüber und fragte ihn: “ Du weißt aber schon, was Tunnel sind? “ -Er: “ Ja, mein Kollege hat auch sowas. “ Später war er dann zum einen über die Größe entsetzt, machte sich aber auch immer wieder darüber lustig: “ Da hat doch schon wieder Einer die Dichtungsringe auf der Badewanne liegenlassen“ .

Die Bilder auf Deinem Körper wurden immer mehr.

Bis zu Deinem 18.Geburtstag konnten wir es Dir verbieten, obwohl wir auch da tolerant waren.

Wir erlaubten Dir ein „ Arschgeweih“ oder Zwerge, die mit leerer Schubkarre auf der einen Pobacke abgebildet sind, und auf der anderen mit voller Karre wieder erscheinen. Das wolltest Du nicht. Als Du dann selber entscheiden durftest, holtest Du alles nach. Einer Deiner Tattootermine fand sogar in Deinem Kinderzimmer statt. Nachdem Deine Schwester eine Banane tätowiert hatte- sehr originell, denn sie hatte Banane „ drauf geschrieben“ , schnappte sich Sarah das Gerät wieder und machte am lebenden Objekt weiter. Sie war sehr geschickt. Bei einer Familienfeier zeichnete sie aus Langeweile ein Auge mit Kuli auf ein Stück Papier. Das sah so echt aus- ich habe es eingerahmt.

“ Free Rider“ kam auf Deine Finger.

Manchmal veralberten wir Dich und sagten, dass Du da schmutzig bist- immer wieder bist Du darauf reingefallen, dann hast Du die Augen verdreht und mit dem Kopf geschüttelt.

Bei Deiner Entlassung aus der Klinik rieten sie Dir, eine ambulante Therapie zu machen, aber Du hast uns immer wieder erklärt, solange Du uns alle hast, schaffst Du es und tust Dir nichts an.

Ich denke, nach dem Klinikaufenthalt hast Du begonnen, Deine perfekte Fassade zu gestalten. Du hattest panische Angst davor, wieder dorthin zu müssen, und spieltest für alle den fröhlichen Jungen, der ständig neue Pläne verfolgte und auch spontan umsetzte. Immer hilfsbereit, und da, wenn man Dich brauchte.

So funktionierte es wieder eine ganze Weile.

Vielleicht begann aber alles schon bei Deiner Geburt?

Wie alles begann...

Als ich im Januar einen Schwangerschaftstest machte, berichtete Dein Schwesterchen Papa, als er von der Arbeit kam: “ Mama hat heute versucht, ein Baby zu bekommen... “

Im September war es dann soweit. Du hattest es ziemlich eilig damit, das Licht der Welt zu erblicken. Wir waren spazieren, als die Wehen begannen.

Dann setzte ich mich in die Wanne- das warme Wasser tat gut. Als die Abstände immer geringer wurden, machten wir uns auf den Weg.

Um 1.35 Uhr war es dann soweit: Wir konnten Dich endlich sehen, doch die Nabelschnur war um Deinen Hals geschlungen.

Heute frage ich mich: Hat Dich das schon geprägt?

Du und Papa waren so geschafft, dass Ihr beide friedlich in dem großen Bett eingeschlafen seid. Ich weinte vor Glück- so ein süßer Schatz. Da ich von Natur aus ein sehr neugieriger Mensch war, war ich die ganze Schwangerschaft hindurch total aufgeregt, wollte unbedingt wissen, wie der kleine Terrorist in meinem Bauch wohl aussieht.

Im Krankenhaus bekamst Du dann eine Spreizhose und Fototherapie, bis wir nach 6 Tagen endlich nach Hause durften.

Von da an hast Du unser Leben gründlich auf den Kopf gestellt. Bis Du 1 ½ Jahre warst, schriest Du grundlos jede Nacht mehrfach- oder hattest Du vielleicht schon damals diese Albträume?

Ich war auf jeden Fall davon überzeugt, dass Du das mindestens bis zum 14. Lebensjahr so beibehalten wirst...

Ein ganz normaler Tag im November:

4. 45 Uhr: Der erste Schrei- ich hab Hunger und meine Windel ist voll.

Ich trinke allerdings nur so viel, bis der größte Hunger gestillt ist, dann schlafe ich erstmal wieder eine halbe Stunde.

Es folgt Gemecker, aber niemand reagiert.

Ich kapituliere, aber nur für die nächste halbe Stunde.

Sophia muss in den Kindergarten, da will ich mit.

Ich komme in die Bauchtrage, da fühle ich mich wohl.

Auf dem Heimweg erledigen wir gleich noch den täglichen Einkauf. Dabei schlafe ich dann gern ein, aber zu Hause bin ich dann wieder hellwach.

Mama kocht sich einen Kaffee, also mache ich mich bemerkbar.

Ich bekomme die Brust und eine frische Windel- nun darf Mama Wäsche waschen, aufräumen, Betten machen, abwaschen und das Essen vorbereiten.

Das muss schnell gehen, denn um 10 müssen wir wieder los, um Phia abzuholen.

Wieder zu Hause gibt es Brust und Windel.

Sophia isst und von mir gibt es lautstarken Protest.

Eine Viertelstunde Mittagsschlaf reicht mir vollkommen.

Mama sieht nicht begeistert aus. Sie bastelt gerade mit Sophia, als ich wieder nach einem Schluck Milch verlange.

Gegen Abend darf ich dann baden und Papa kommt von der Arbeit.

Ich bekomme mein Abendessen und schlafe ein halbes Stündchen.

Gemütlicher Abend gefällig? Das habt Ihr Euch so gedacht: Jetzt gibt es die volle Lautstärke bis 22. 00Uhr.

Dann gönne ich Mama 2- 3 Stunden Pause.

Nachts hängt sie ihre Brüste mittlerweile einfach nur noch abwechselnd raus. Sie ist total fertig, aber ich ändere meine Essgewohnheiten einfach nicht...

Unsere Haustiere:

Das einzige, was Dich beruhigte, waren die Fische in unserem Aquarium. Davon warst Du so fasziniert, dass Du alles um Dich herum vergessen hast.

Der Wels lebt noch immer. Wir scherzten immer: “ Der würde als Einziger auch einen Atomkrieg überleben... “

Sophia hingegen beruhigte Dich zum Beispiel mit den Worten: “ Nicht weinen, gleich macht der Milchladen auf. “

Überhaupt war sie sehr froh, Dich zu haben. Wer hat schon eine lebendige Babypuppe?

Ich textete für Dich ein Schlaflied:

„ Ich hab Dich lieb, so lieb, ein Leben lang so lieb. Ja, ich hab Dich ganz lieb, ganz lieb, mein kleiner Herzensdieb. “

Später durfte ich nicht mehr für Euch singen, und ich verstehe bis heute nicht, warum...

Ihr habt dann immer gesagt, Ihr würdet auch so schlafen oder ich soll Euch was vorlesen.

Ich bin vielleicht nicht Whitney Houston, aber so schlecht fand ich mich nicht.

In dieses Chaos kam dann ein weiteres Familienmitglied: Herr Hägele- der böse „ Kampfhund“ .

Ich kam da manchmal ganz schön durcheinander: So erklärte ich dem Hund“ Mama kommt gleich“ , und Dir sagte ich“ Herrchen kommt gleich“ .

Während Sophia versuchte, ihm mit Leckerlis „Sitz“ beizubringen, machtest Du Faxen oder gabst ihm einen Kuss. Saß er beim Essen neben Dir, und das war meist der Fall, sahst Du ihn an, nicktest kurz und dann gabst Du ihm Dein Brot. Als er dann alt war, brachtest Du das wasserscheue Tier sogar dazu, noch einmal mit Dir zu schwimmen.

Du sagtest immer ganz stolz: “ Das ist mein Bruder. “

Mit unserer Schäferhündin machtest Du später im Garten Unterordnungsübungen- so, wie Du es von Papa kanntest. Sie gehorchte Dir. Das war so niedlich- der große zottelige Hund hörte auf den keinen Mann.

Unsere Tiere spielten immer eine große Rolle in Deinem Leben. Als Du vom Spielplatz kamst, hast Du 3 vierblättrige Kleeblätter gefunden: Eins gabst Du mir, Eins hast Du behalten und Eins hast Du Deinem Meerschwein gefüttert, damit es immer Glück hat.

Unsere Miezi schlief immer in der Waschmaschine, aber wenn Du ins Bad kamst, um Dir die Zähne zu putzen, rannte sie immer an Deinen Beinen hoch, was natürlich unweigerlich zu Geschrei führte.

Als Bonnie Welpen bekam, hast Du mich mit Deiner Schwester und Papa solange überredet, bis wir Eddie behalten haben.

Deinen Kampffisch nanntest Du Manfred und als dieser gestorben war, wurde dieser durch Manfred 2 ersetzt. Der arme Kerl schwamm meist im Turm des Aquariums hoch und runter, da er die Minihaie nicht besonders mochte. Du hingegen warst fasziniert, plantest immer größere Becken mit entsprechenden Filtereinheiten... ich hörte Dir immer gern zu, Du hattest so viele tolle Ideen.

Als Du mal sehr betrunken von einer Feier kamst, wurden erstmal die Haie durchgezählt, bevor Dein Kopf im Becken einrastete.

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