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Zweiseelenkind

Prolog

Ich ließ mich in den Sitz fallen und schloss die Augen; ich hatte es geschafft. Meiner ewig besorgten Mutter und dem neidischen Rest der Familie zum Trotz saß ich in einem Flugzeug der China-Airlines und war auf dem Weg in den Urlaub meines Lebens.

Meine Mutter hatte versucht, mich mit ihrer bleischweren Fürsorge davon abzuhalten, doch ich hatte das ständig klingelnde Handy ausgeschaltet.

Mehr als vier Jahre hatten wir auf diesen Urlaub gespart. Und nun, wo der Mann, mit dem ich diese Reise und mein Leben hatte verbringen wollen, sich aus dem Staub gemacht hatte, war es eine Frage der Ehre, trotzdem loszufliegen.

Von Katmandu aus führte die Gruppenreise in den Chitwan Nationalpark und dann weiter nach Pokhara, wo ein leichtes Trekking durch den Dschungel auf dem Plan stand, mit Übernachtungen in echten tibetischen Bergdörfern.

Während die chinesische Stewardess mit dem bezaubernden Lächeln uns die Anweisungen für den Notfall vorturnte, schweiften meine Gedanken ab.

Meine gesamte Familie verstand nicht, warum ich diese Fernreise brauchte, wo ich doch ein so glückliches Leben führte und so viel erreicht hatte. Ich besaß einen florierenden kleinen Wollladen, in dem sich eine eher ältere Stammkundschaft und eine wachsende Anzahl strickenden Nachwuchses gegenseitig die Klinke in die Hand gaben. Und dazu einen gut verdienenden Lebensgefährten mit der Option, demnächst den Aufstieg zur Abteilungsleitung in seiner Firma zu machen.

Unwillkürlich entwich mir ein Schnauben. Meine Freundin hatte mir gleich gesagt, dass Computerheinis äußerst merkwürdige, verdrehte Menschen waren. Nerds eben.

Reisen in ferne Länder, in denen die Menschen ganz anders aussahen, unaussprechliche Sachen aßen und seltsame Götter anbeteten, waren für meine Mutter ganz und gar außerhalb ihrer Vorstellung. Ihre Fantasien über die diversen Verbrechen, die man dort an Touristen verübte und die tödlichen Krankheiten, die man sich dort einfing, waren ein absurdes Sammelsurium ihres viel zu ausgiebigen Fernsehkonsums und schlicht lächerlich.

Die bemüht gutbürgerliche, spießige Atmosphäre meiner Familie hatte ich schon immer gehasst. Und es war vor allem meine Mutter, die so viel Wert auf den guten Ruf der Familie legte und ihn hartnäckig und stur verteidigte.

Ihre Angst in Bezug auf alle möglichen Katastrophen, die mir auf dieser Reise passieren konnten, war trotzdem nicht spurlos an mir vorübergegangen.

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie allein in den Urlaub gefahren und eigentlich sollte Thomas nun neben mir sitzen und mir glücklich lächelnd die Hand halten, während der Airbus über die Startbahn rollte. Stattdessen grinste er vermutlich gerade seine zehn Jahre jüngere neue Freundin an.

Mit einem trockenen Schlucken wandte ich den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster, bevor die ältere Dame neben mir noch auf die Idee kam, mich ganz unbefangen zu fragen, ob ich allein reiste.

Thomas war Geschichte, und ich nahm mir vor, ihn möglichst schon auf dem fünfundzwanzigstündigen Flug zu vergessen, der vor mir lag. Und meine Familie hatte mich noch nie davon abhalten können, meinen eigenen Weg zu gehen.

Ich erwachte von einem heftigen Schlag, der mich in den Sitz presste.

„Nur ein Luftloch, Kindchen“, raunte meine Nachbarin mir zu. „Schlafen Sie ruhig weiter.“

Verwirrt sah ich hinaus und stellte fest, dass die Sonne gerade unterging. Ich musste eingeschlafen sein, ohne es zu bemerken. Das war dann wohl der Tribut an die zwei durchgeheulten Nächte, die hinter mir lagen.

Plötzlich sackte das Flugzeug in die Tiefe, erschrockene Rufe wurden laut und das ein oder andere Handgepäck purzelte aus den Ablagen. Unwillkürlich zog sich mein Magen zusammen und meine Finger krallten sich um die Armlehnen.

Der Pilot fing die Maschine ab, doch an ein Aufatmen war nicht zu denken, denn nun begann sie zu vibrieren und neigte sich zur Seite. Noch mehr Handgepäck machte sich selbstständig, ich wurde ans Fenster gedrückt und hob die Arme, um Taschen und Rucksäcke abzuwehren, die uns um die Ohren flogen. Wie in Trance wurde mir bewusst, dass sich das Flugzeug immer stärker neigte, das Vibrieren den Boden unter meinen Füßen erfasste und den Sitz durchrüttelte, in dem ich saß. Unwillkürlich richtete ich den Blick nach draußen und sah die Wolkendecke auf uns zurasen, so weiß und rosa wie Frau Holles Federkissen.

Schmerz. Stechender Schmerz und Kälte, große, eisige Kälte. Irgendwo in meinem gepeinigten Hirn war der Gedanke, dagegen anzukämpfen und die Augen zu öffnen, doch er verschwand sofort wieder.

Es war nicht wichtig, die Augen zu öffnen. Ich hörte die leise Stimme meiner Mutter, die mir zuflüsterte, dass Schlaf die beste Medizin sei. Und ich war sehr müde.

Kapitel 1 der Wilde

Etwas zog mich in die Höhe, kümmerte sich nicht darum, dass der Schmerz in meiner Schulter explodierte. Ein gequälter Schrei zerriss die Stille um mich und ein zerrendes Stechen schlug wie ein Blitz ein, riss mich auseinander und schickte mir eine schwarze Leere, die mich verschluckte.

Meine Mutter setzte mir eine Tasse mit diesem widerlich schmeckenden Zeug an die Lippen, wie sie es immer tat, wenn ich fiebernd im Bett lag. Ich hasste es, dass ich nicht raus konnte zum Spielen, auch wenn ich wusste, dass der Tee die Schmerzen vertrieb. Andere Kinder durften Aspirin nehmen, doch meine Mutter hielt nichts davon.

Störrisch, wie ich nun mal war, presste ich den Mund zusammen und spürte eine Hand, die mir gnadenlos den Kiefer zusammenpresste, sodass ich ihn öffnen musste. Das hatte sie noch nie getan. Mühsam schlug ich die schmerzenden Augen auf und blickte in ein seltsames Gesicht.

Dunkle Augen, ein struppiger Bart und langes Haar......

Ich träumte das alles?

„Trink das“, befahl eine raue Stimme, die in meinem Kopf dröhnte und die nackte Angst ließ mich dem Befehl folgen.

Dass ich unglaublich durstig war, spürte ich erst, als das widerliche Gebräu meine Kehle herabrann. Unwillig griff ich nach dem Becher, der mich zwingen wollte, nur kleine Schlucke zu nehmen. Meine Hand fand raue, kräftige Finger und ich hielt erschrocken inne.

Meine Mutter hatte keine so rauen Hände und sie hatte auch keinen Bart. Ich musste hier weg, raus aus diesem Albtraum.

Hände drückten mich auf das Kissen, hielten mich fest.

Bevor ich erneut die Augen öffnete, nahm ich die fremdartigen Gerüche wahr. Feuchtes Holz, Leder und Wolle, der Duft von geräuchertem Speck und von einem Feuer. Endlich hob ich die schweren Lider und mein Blick fiel auf eine Holzdecke, ein runder, roher Stamm folgte dem Nächsten und schichtete sich zu einem Dach auf.

Moos lugte durch die Ritzen, durchsetzt von einzelnen Spinnweben. Mir war warm, und obwohl ich nicht wusste, warum, war ich äußerst dankbar dafür. Die Bettdecke lag allerdings schwer auf mir, schien mich geradezu niederzudrücken.

Ungelenk setzte ich meine Finger in Gang und hielt überrascht inne, denn ich ertastete langes raues Haar. Ich brauchte ein wenig, bis ich meinen Blick so scharf gestellt hatte, dass ich endlich sehen konnte, wo ich da lag.

Ein Fell?

Die Matratze knisterte leicht, als ich mich aufzusetzen versuchte und mir entfuhr ein unterdrücktes Keuchen. Der linke Arm versagte mir schlicht den Dienst und der stechende Schmerz in der Schulter sorgte dafür, dass ich augenblicklich zurücksank auf das Kissen. Mit bebenden Fingern fuhr ich über die schmerzende Stelle hinweg und fand groben Stoff, der meinen Oberkörper fest umschloss. Irgendjemand musste mich verarztet haben.

Rosa Wolken rasten auf mich zu, die Schreie der Menschen durchbohrten meinen Kopf, und der Verband schien mir plötzlich alle Luft aus den Lungen zu drücken.

Neben mir wurde ein Vorhang beiseite gezogen und die Angst steigerte sich zur Panik, als ein zotteliges Gesicht auftauchte, die Augen so dunkel und zornig wie der schwarze Mann persönlich. Keine Luft mehr hämmerte es in meinem Kopf, keine Luft.

„Atme!“, befahl das Gesicht mit dunkler Stimme, die ich zu kennen glaubte.

Ich gab mir die größte Mühe, obwohl ich mir nicht sicher war, noch zu wissen, wie man das bewerkstelligte.

„Atme langsam, Frau!“

Mit aller Kraft sog ich die Luft in meine Lungen, die Enge um meinen Leib verschwand, und ich war so erleichtert, als sie tatsächlich hineinströmte, dass ich aufschluchzte. Im selben Moment begriff ich, dass der zottelige Mann mit dem bösen Blick gar kein Traum war. Er saß kaum einen Meter entfernt auf der Bettkante, in den Händen lange Stoffstreifen. Sein Haar war sicherlich seit Monaten nicht mehr gekämmt worden und der wilde Bart fiel ihm bis auf die Brust. Viel mehr als seine stechenden Augen und eine markante, sehr gerade Nase war eigentlich nicht zu erkennen.

Sein Blick war nicht wirklich zornig, aber wenn er derjenige war, der mich aufgelesen hatte, dachte er wohl gerade darüber nach, ob er nicht einen Fehler begangen hatte.

„Was......was ist passiert?“, fragte ich zögernd. „Wo sind die anderen?“

Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Keine anderen, nur du.“

Keine anderen ..... also war ich die einzige Überlebende des Absturzes, denn abgestürzt war das Flugzeug ja wohl. Ich schloss die Augen und schluckte gegen die Verzweiflung an, die sich auszubreiten drohte.

Die Wolkendecke war auf mich zugestürzt, als ich aus dem Fenster geschaut hatte, die Maschine hatte so stark vibriert. Und dann? Nichts mehr, keine Bilder, nur eine beklemmende, schwarze Leere.

Ich öffnete abrupt die Augen und stellte fest, dass ich den wilden Mann durch einen Tränenschleier sah. Eilig hob ich die rechte Hand und wischte mir über die Augen.

„Hast du das Flugzeug gefunden?“

Er starrte mich einen Moment an, bevor er den Kopf schüttelte. „Ich weiß nicht, was ein Flugzeug ist. Ich habe dich gefunden, oben auf dem Berg. Sonst nichts!“

Damit erhob er sich, verschwand hinter dem Vorhang und ich hörte seine Schritte auf hölzernen Dielen.

Er wusste nicht, was ein Flugzeug ist? War er etwa beschränkt oder gar verrückt? Jedenfalls war er groß und breitschultrig und jetzt erst ging mir auf, dass er äußerst merkwürdige Kleider trug. Lederne Hosen, ein ebensolches unförmiges Hemd und hohe Stiefel. Er sah aus wie ein kanadischer Trapper aus einem alten Western oder so was. Gab es heute noch solche Typen?

Mein Kopf schmerzte beim Denken, doch immerhin funktionierte er noch. Natürlich, warum nicht? Die Flugroute nach Nepal führte über den Himalaya, wenn der Airbus dort abgestürzt war und mich ein Bergbewohner gefunden hatte, dann passte nicht nur die Kleidung und der wilde Bart, sondern auch das Blockhaus, in dem ich nun lag.

Und ich hatte überlebt.

Die Erkenntnis traf mich so plötzlich, dass mir erneut die Tränen in die Augen stiegen. Ich wusste nicht, wie viele Menschen an Bord gewesen waren, aber mit Sicherheit um die einhundertfünfzig.

Der Mann kehrte mit einer kleinen Holzschüssel zurück, aus der es dampfte und nach gekochtem Fleisch duftete.

Er stellte sie auf dem Boden vor dem Bett ab, packte mich unter den Armen und zog mich in eine sitzende Position. Der stechende Schmerz in meiner Schulter ließ mich aufstöhnen, meinem Rücken ging es kaum besser, und ich biss die Zähne zusammen.

Dann fiel mir auf, dass ich ein viel zu großes leinenes Hemd trug und die Stoffstreifen fehlten, die vorhin noch Brust und Rippen umschlossen hatten. Der Verband war fort.

Den Gedanken, dass er mich wahrscheinlich mehr als einmal nackt gesehen und mich berührt hatte, trieb mir die Hitze in die Wangen. Ich schluckte mühsam und schob ihn beiseite, um nicht vor lauter Scham zu schreien. Er hatte mich gefunden und gerettet, über den Rest durfte, und wollte ich nicht nachdenken.

„Wie lange bin ich schon hier? Und was ist passiert mit mir?“

Er wirkte wirklich nicht besonders freundlich, wenn er so die Stirn runzelte. Unbeirrt griff er nach der Holzschüssel und führte sie an meine Lippen.

„Bitte... . Wie schlimm ist es?“

Sein Blick bohrte sich ungehalten in Meinen, dann hielt er doch inne.

„Deine Schulter war aus dem Gelenk gesprungen und ein oder zwei Rippen sind verletzt. Ich habe dich im Schnee gefunden und mitgenommen, sonst wärst du erfroren. Und mehr Fragen beantworte ich nicht!“

Der drohende Ton seiner ohnehin dunklen Stimme ließ mich augenblicklich verstummen. Er sprach also nicht gern und es kam sicher nichts Gutes dabei heraus, wenn ich versuchte, ihm mehr zu entlocken. In kleinen Schlucken trank ich die Brühe, die zwar fremdartig, aber gar nicht unangenehm schmeckte, und vermied es, ihn anzusehen.

Als die Schüssel leer war, erhob er sich stumm und ich ließ mich matt auf das Kissen sinken. Er umrundete einen langen Tisch, den zwei Bänke flankierten, und ging auf die große Feuerstelle an der Kopfwand des Hauses zu. Zu meinem Erstaunen bestand sie aus hellen Bruchsteinen, während die gesamte Hütte und das Mobiliar ansonsten aus Holz waren, soweit ich es erkennen konnte. Es war einigermaßen dunkel, denn die beiden kleinen Fenster ließen kaum Licht herein. Ich kniff die Augen zusammen und brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie gar keine Scheiben besaßen, sondern mit gelblicher Haut bespannt waren. Und dabei ging mir dann endlich auch auf, dass der Mann, der mir das Leben gerettet hatte, offensichtlich sehr arm war.

Er kam inzwischen zurück zum Bett. In der Hand trug er nun einen hölzernen Becher und den stechenden Geruch, der mir in die Nase stieg, kannte ich schon. Es war das widerliche Gebräu, das er mir schon einmal eingeflößt haben musste. Und ich hatte ihn für meine Mutter gehalten, die mir ihren berühmten Weidenrindentee verabreichte.

Er folgte meinem Blick zum Fenster, sprach jedoch kein Wort, als er sich erneut zu mir setzte und mir den Becher hin hielt; offensichtlich sollte ich nun allein trinken.

Ich griff danach, aber meine Hand zitterte so stark, dass er seine Finger ebenfalls darum schloss. Die Berührung war mir unangenehm und es war mir peinlich, dass er mich füttern musste, wie ein Kleinkind, doch ich war offensichtlich momentan so schwach, dass ich nicht einmal einen Becher Tee halten konnte.

Brav trank ich einen Schluck und noch einen und war mir plötzlich sicher, dass dies nichts anderes war, als der Sud, den meine Mutter selbst herzustellen pflegte. Die Weidenrinde enthielt eine Art natürliches Aspirin, senkte Fieber und war schmerzstillend. Der Mann schien also durchaus etwas von Kräutern zu verstehen. Aber das musste er wohl auch, wenn er ganz allein hier lebte.

Der Gedanke, dass er vielleicht ganz und gar nicht allein hier war, sondern noch mehr von seiner Sorte durch die Tür kommen würden, überfiel mich so plötzlich, dass ich mich verschluckte. Und ich beschloss sofort, es nie wieder zu tun, denn das unvermeidbare Husten tat höllisch weh. Mir fiel ein, dass er etwas von verletzten Rippen gesagt hatte; sie mussten mindestens mitten durchgebrochen sein.

„Bist du ganz allein hier?“

Die Frage musste einfach sein, auch wenn er augenblicklich wieder unwillig und ablehnend dreinsah.

Er zögerte, dann nickte er und nahm mir den Becher ab.

Die Antwort erleichterte mich, obwohl es mir weitaus besser gefallen hätte, wenn er mir nun von seiner Frau erzählt hätte, die gleich kommen würde.

Blödsinn schalt ich mich stumm. Wenn es hier eine Frau gäbe, dann hätte ich ganz sicher ihr Gesicht beim Aufwachen gesehen und nicht seines.

Er erhob sich, zog den ledernen Vorhang zu und zeigte damit unmissverständlich, dass er seine Ruhe haben wollte. Mir war es ganz recht, aber eines fiel mir doch noch ein, und es war beinahe absurd, dass ich diese Frage noch nicht gestellt hatte.

„Wie heißt du?“

Hinter dem Vorhang war es eine Weile still.

„Keron“, sagte er schließlich und ich konnte hören, dass er zum Tisch hinüberging und sich auf die Bank setzte.

Mein Name schien ihn nicht weiter zu interessieren, denn er fragte nicht danach. Dieser bärtige Wilde war mehr als merkwürdig und einigermaßen beängstigend.

Während mein matter Körper sich anschickte, wieder in den Schlaf zu gleiten, fragte ich mich, ob ich nicht schlichtweg bei einem verrückten Einsiedler gelandet war und um mein Leben fürchten musste.

Auch Blödsinn versuchte ich mich zu beruhigen, warum sollte er mich erst retten und verarzten und dann töten?

Weil er verrückt ist, Dummerchen, wisperte es in meinem Kopf.

„Ich heiße Johanna“, teilte ich ihm mit.

Wenn das Opfer nicht mehr namenlos war, fiel es dem Täter gewöhnlich schwerer, es zu töten. Mit dem Gedanken, dass dieser Weidenrindentee noch ein paar andere Inhaltsstoffe haben musste, schloss ich die Augen und überließ mich dem wunderbaren Gefühl, dass der Schmerz nachließ.

In der Hütte war es beinahe ganz dunkel, als ich das nächste Mal die Augen öffnete. Mein Blick fiel durch den geöffneten Vorhang in den einzigen Raum, direkt auf die Feuerstelle, in der das Holz heruntergebrannt war. Ich konnte nicht einschätzen, wie lange ich geschlafen hatte, aber ich fühlte mich etwas besser. Der Schmerz in meinem Kopf hatte nachgelassen und ich musste mich nicht mehr darum bemühen, den Blick scharfzustellen, um etwas zu erkennen.

Vorsichtig stützte ich die Hände auf die Matratze und hievte mich ein Stück in die Höhe. Augenblicklich spürte ich den wütenden Schmerz in Schulter und Rippengegend, doch ich biss entschlossen die Zähne zusammen, bis ich schließlich halbwegs aufrecht saß.

Dann fiel mir auf, dass der wilde Mann, dieser Keron, gar nicht da war. Ein Schrecken durchzuckte mich, hatte er mich etwa allein hier zurückgelassen? Hektisch suchte ich die Umgebung nach Anzeichen dafür ab, dass er sich davon gemacht hatte, aber woran sollte ich das erkennen?

Ich zwang mich, tief durchzuatmen. Sicher war er nur unterwegs um …. Was auch immer zu tun, aber er würde zurückkommen.

Um mich abzulenken, begann ich mich umzusehen. Die knisternde Matratze erregte meine Aufmerksamkeit; ich fuhr mit der Hand darüber hinweg und war mir ziemlich sicher, dass sie mit Gras gefüllt war. Dies und das große Fell, das mir als Decke diente, bestärkte mich darin, dass dieser Keron hier als Jäger lebte. Alles hier, er selbst eingeschlossen, wirkte wie lebendig gewordene Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert; das hatte durchaus etwas Faszinierendes.

Das war sicher auch die Erklärung für seine Abwesenheit, er war auf der Jagd. Und er schien kein schlechter Jäger zu sein, denn die Felldecke musste von einem ziemlich großen Tier stammen.

Das Bett, in dem ich lag, war ein schlichter Holzkasten, allerdings ungewöhnlich breit. Mein Blick glitt darüber hinweg und fand plötzlich ein zweites Fell, das zusammengerollt am Fußende lag. Und neben mir gab es auch ein weiteres Kissen aus grobem Stoff.

Spontan beugte ich mich hinab und schob meine Nase hinein, auch wenn meine Schulter solche Verrenkungen mit einem zornigen Stechen belohnte.

Tatsächlich, es roch nach Rauch und irgendeinem scharfen Kraut oder Gewürz und auf jeden Fall nach Mann.

Auch das noch. Ich hatte die Nacht neben diesem ungewaschenen wilden Hünen verbracht und vermutlich war es nicht das erste Mal gewesen. Seufzend ließ ich mich zurücksinken und schloss die Augen. Dies war vermutlich nur eine weitere Peinlichkeit, die ich als verwöhnter Mensch der modernen Zivilisation würde ertragen müssen, bis es mir besser ging.

Und dann?

Dann würde es ja hoffentlich eine Möglichkeit geben, diese Einöde zu verlassen und meiner Familie mitzuteilen, dass ich am Leben war.

Meine Familie. Abrupt öffnete ich die Augen; an sie hatte ich noch gar nicht gedacht. Sicher hatten sie inzwischen die Nachricht erhalten, dass niemand den Flugzeugabsturz überlebt hatte. Sie hielten mich also für tot. Und Thomas ebenso.

Die Erkenntnis lähmte mein Hirn augenblicklich, denn so, wie es aussah, gab es keine Chance, ihnen eine Nachricht zukommen zu lassen. Langsam, zögernd kroch ein weiterer Gedanke in den Vordergrund. Wenn Thomas davon erfuhr, dass ich bei dem Flug, der uns beide in einen wunderbaren Urlaub hätte bringen sollen, ums Leben gekommen war, dann würde er sich doch sicher entsetzliche Vorwürfe machen, dass er mich wegen dieser jungen, wasserstoffblonden Nymphe verlassen hatte?

Eine ungeahnte Genugtuung breitete sich in mir aus. Zweifellos würde er sich Vorwürfe machen. Und wenn ich dann zurückkehrte ..... .

Ein Bild stieg vor meinem inneren Auge auf, wie ich in archaischer Lederkleidung unter Begleitung mehrerer Ärzte und Pflegerinnen aus einem Flugzeug stieg und unten öffnete Thomas unter Tränen seine Arme.

Die Tür zur Blockhütte wurde aufgerissen und ein Schwall eiskalter Luft und Schneeflocken strömten herein. Vermummt wie ein Eskimo, trat der wilde Mann ein, wandte sich um und schien mit der Zunge zu schnalzen, dann trottete ein Hund durch die Tür und richtete seine Augen auf mich. Ein äußerst merkwürdiger Hund, sehr groß, das graue Fell mit Schnee überzogen.

„Das ist Táwo“, klärte Kerons tiefe Stimme mich auf und ich war so gebannt von dem Blick aus den funkelnden, gelben Augen des Tieres, dass ich den Atem anhielt.

„Starr ihn nicht an, Wölfe mögen das nicht!“

Sofort riss ich meinen Blick los und starrte stattdessen ihn an. „Er.....er ist ein Wolf?“

Hatte er das wirklich gesagt? Er brachte einen Wolf hier herein? Er war definitiv verrückt.

Keron zog sich die Fellkapuze vom Kopf und erwiderte meinen Blick, als zweifele er an meinem Verstand.

„Ich bin ein guter Jäger, er hat mich ausgewählt!“

Er wandte sich ab und war offensichtlich beleidigt, doch warum, war mir ein Rätsel. Es schien, als sei seine Erklärung so selbstverständlich, dass jedes Kleinkind sie kannte.

„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich vorsichtshalber. „Das wusste ich nicht.“

Er warf mir einen skeptischen Blick zu, zog sich das schwere Fellhemd über den Kopf und nickte.

„Wenn der Kopf schwer anschlägt, vergisst man viele Dinge!“

Der Wolf schüttelte sich ausgiebig, trottete zum Feuer hinüber und ließ sich auf dem Fell nieder, das vor dem Kamin lag. Keron schichtete derweil Holzscheite über der verglimmenden Glut auf und blies einige Male kräftig hinein, bis die Flammen aufloderten und es ein wenig heller wurde in der Hütte. Dann griff er nach einem Sack, der mir bisher völlig entgangen war, und holte zwei Karnickel heraus; er war also tatsächlich auf der Jagd gewesen. Ohne mich weiter zu beachten, setzte er sich auf eine der Holzbänke, zog ein überaus großes Messer hervor und begann die Tiere zu häuten. Ich folgte gebannt den schnellen, geschickten Bewegungen seiner Hände, denn so etwas hatte ich noch nie gesehen.

Nachdem das Fell entfernt war, zerteilte er die recht mageren Dinger und warf sie in einen bauchigen Topf, der über dem Feuer hing. Es würde also vermutlich Karnickeleintopf geben. Dann griff er nach einem schmalen Eisengerät, das neben der Feuerstelle an der Wand hing, breitete die Felle auf dem langen Holztisch aus und begann, ihre Unterseite damit abzuschaben. Selbst mir ging auf, dass er wohl dabei war, die Felle zu gerben und so folgte ich seinem Tun aufmerksam. Da er wohl nicht vorhatte, mit mir zu sprechen, hatte ich ohnehin nichts Besseres vor und es lenkte mich außerdem von der Tatsache ab, dass der Wolf vor dem Feuer lag, als sei er hier zu Hause.

Mein wortkarger Retter arbeitete konzentriert und schnell, erhob sich schließlich und legte die beiden Häute in einen Steintrog, der ebenfalls neben dem Kamin stand.

Dass ich auch noch da war, schien er inzwischen vergessen zu haben, denn plötzlich wandte er sich um und starrte mich an.

„Dreh‘ dich um!“, befahl er barsch und ich erwiderte seinen Blick verwirrt.

Was sollte denn nun Schauerliches mit den beiden Karnickelfellen passieren?

„Nun, wenn du unbedingt zusehen willst......“.

Sein Mund verzog sich zu so etwas wie einem Lächeln und ich war so beschäftigt damit, festzustellen, dass seine Augen und sein ganzes behaartes Gesicht wohl auch freundlich aussehen konnten, dass mir beinahe entging, wie er sich in die Hose griff.

Ohne auf den Schmerz in meiner Schulter zu achten, warf ich mich herum. Er pinkelte tatsächlich auf diese Felle? Ich konnte es hören und war fassungslos.

„Du hast wohl keine Ahnung, wie man Tierhäute haltbar macht?“, ertönte seine zweifellos belustigte Stimme hinter mir.

Ich drehte mich zögernd wieder zu ihm um und schüttelte den Kopf. Seinen schüttelte er auch, während er den Steintrog sorgfältig verschloss.

„Die Pisse hält die Fäulnis fern und macht sie geschmeidig“, belehrte er mich.

Seine Erklärung klang seltsam, aber da er es sich als Jäger wohl kaum leisten konnte, die Felle zu verderben, beschloss ich, ihm zu glauben. Dabei ging mir allerdings noch etwas auf, und es war so unangenehm, dass ich beschloss, es so lange, wie möglich zu ignorieren.

Meine Blase wollte auch entleert werden.

Ich hatte eine ungefähre Ahnung davon, dass schwer verletzte Menschen, die zudem kaum Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nahmen, lange Zeit kein solches Bedürfnis verspürten. Doch ich hatte diese Fleischbrühe getrunken und den Tee und je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wurde der Druck. Ich würde ihm wohl irgendwie deutlich machen müssen, was los war.

Keron warf mir einen nachdenklichen Blick zu, und bevor ich die Hürde nehmen konnte, ihn um Hilfe zu bitten, griff er in ein schlichtes Regal und kam mit einer flachen Schale auf mich zu.

„Du kannst auch etwas dazu beitragen, die Häute zu gerben, denke ich!“

Ich spürte, wie mir die flammende Röte in die Wangen stieg, obwohl er sich gar nicht über mich lustig zu machen schien. Eine Wahl hatte ich momentan allerdings nicht.

Das Unterfangen, mich von meiner Unterwäsche zu befreien, und die Schale in die richtige Position zu bringen, trieb mir den Schweiß auf die Stirn, doch schließlich brachte ich es fertig. Keron hatte mir derweil den breiten Rücken zugedreht und zeigte damit ein Taktgefühl, für das ich ihm von Herzen dankbar war. Es widersprach eigentlich seinem wilden Äußeren und ließ mich hoffen, dass er vielleicht doch etwas zivilisierter war, als er aussah.

Mein Urin landete ebenfalls in dem steinernen Trog und zum ersten Mal musste ich schmunzeln. Der Gedanke, dass man damit noch etwas Produktives anstellen konnte, war mir noch nie gekommen.

Keron kam zurück zu mir und beäugte mich skeptisch.

„Setz dich auf!“, befahl er schließlich. „Ich will sehen, wie es deiner Schulter geht!“

Ich löste mich von dem Kissen und beugte mich so weit nach vorn, wie es der Schmerz zuließ. Als ich spürte, wie er nach meinem Hemd griff, erstarrte ich, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als es mir über den Kopf ziehen zu lassen. Ich presste es an meine Brust und hielt den Atem an, als ich seine rauen Finger auf meiner Haut spürte. Vorsichtig betastete er die Schulter, dann strich er etwas fester über die Muskeln und ich zuckte vor Schmerz zusammen.

Ohne einen Kommentar abzugeben wandte er sich ab und lief zur Feuerstelle hinüber. Mein Blick folgte ihm und erfasste gelbe Augen, die mich aufmerksam musterten. Der Wolf war näher gekommen und nahm mich offensichtlich in Augenschein.

Das Tier machte dem Mann Platz, als er zurückkehrte, ohne mich aus den Augen zu lassen, und ich war mir plötzlich sicher, dass er herauszufinden gedachte, ob er mich hier dulden oder mich vertreiben würde. Mir fiel ein, dass mein Lebensretter mir geraten hatte, ihn nicht anzustarren und so senkte ich den Blick schleunigst auf die Felldecke.

Keron verteilte derweil eine scharf riechende Paste auf meiner Schulter, dann den Rücken hinab. Er war nicht grob, aber auch nicht eben vorsichtig, und so presste ich die Lippen fest zusammen, um nicht zu jammern.

„Du hast großes Glück gehabt“, murmelte er und bedeutete mir, mich zurückzulehnen.

Nervös folgte ich der Berührung, wollte er jetzt etwa meine Vorderseite einreiben? Er sah mich auffordernd an, aber ich rührte mich nicht. Das Hemd würde ich mir auf keinen Fall wegziehen lassen und presste es umso fester an mich.

Er holte hörbar Luft. „Ich rühre dich ganz sicher nur an, um deine Wunden zu versorgen, Frau!“

Täuschte ich mich oder war da etwas Abfälliges in seiner Stimme? Mit hochrotem Kopf zog ich das Hemd gerade so weit hoch, dass er die lädierten Rippen erreichen konnte. Diesmal war er sehr vorsichtig und mir kam der Verdacht, dass sie doch gebrochen waren.

Als die Paste verteilt war, betrachtete er mich eindringlich und nickte schließlich.

„Ich werde deine Rippen fest einwickeln, dann werde ich dich auf die Beine stellen. Es wird Zeit, sonst bleibst du schwach!“

Er half mir, mich aufrecht hinzusetzen, beugte sich über mich und begann, mir dieselben Leinenstreifen um die Mitte zu wickeln, in denen ich das erste Mal aufgewacht war. Dabei war er mir nun so nahe, dass mich sein zotteliges Haar im Gesicht kitzelte. Zu meinem Erstaunen roch es nach Kräutern, ebenso wie der Rest von ihm. Sein dunkelbraunes Haar war voll und vermutlich leicht gewellt, wenn es denn mal einen Kamm sehen würde. Unter dem leinenen Hemd, das er nun trug, wölbten sich Muskeln, die einem Ringer wahrscheinlich gute Dienste geleistet hätten.

„Wie lange bin ich schon hier?“, wagte ich zu fragen.

„Heute ist der achte Tag.“

So lange schon; ich war verblüfft. Entweder war ich in den ersten Tagen gar nicht bei mir gewesen oder ich hatte keine Erinnerung daran.

„Danke“, sagte ich leise, als er das Einwickeln beendete.

Er sah so überrascht auf, dass ich die Stirn runzelte. War es so ungewöhnlich, dass ich mich für seine Hilfe bedankte?

Abrupt erhob er sich und sah auf den Wolf hinab, der immer noch an derselben Stelle saß.

„Bevor du aufstehen kannst, muss Táwo akzeptieren, dass du da bist. Rühr‘ dich nicht und halte den Blick gesenkt!“

Mit einer Handbewegung lud er ihn ein, näher zu kommen und mir blieb jedes weitere Wort im Hals stecken. Wie gelähmt saß ich da und schloss vorsichtshalber die Augen, während das massige Tier seine Vorderpfoten auf die Bettkante stellte und tief die Luft einsog.

Ich spürte seine Nase meinen linken Arm hinaufgleiten, bis sie schließlich über meine Wange und mein Haar strich. Tief in meinem Innern stieg eine ungeahnte, ganz unbekannte Angst auf, und mit ihr der beinahe zwanghafte Drang, aufzuspringen und wegzulaufen. Ich roch den Atem des Wolfes und sein feuchtes Fell und kniff die Augen fest zu, in der Hoffnung, er möge sich beeilen oder aber so schnell zubeißen, dass ich es nicht wirklich spüren würde.

Doch er ließ sich Zeit. Mehr noch, er verharrte in seiner Position, die Schnauze dicht an meiner Wange.

Die Erinnerungen an die Märchen meiner Kindheit kamen mir in den Sinn, an Rotkäppchen, die so unglaublich dumm gewesen war, dem Wolf in den Wald zu folgen. Aber das hier war anders herum, es war ganz falsch. Der Jäger, der Rotkäppchen eigentlich retten sollte, war mit dem bösen Wolf im Bunde und lud ihn ein, mich aufzufressen.

Ich wusste nicht, ob Keron immer noch neben dem Bett stand, doch ich hoffte es inständig. Er musste der bedrohlichen Prozedur doch ein Ende machen? Langsam öffnete ich die Augen und wollte den Kopf heben, als mir eine feuchte Zunge über die Wange fuhr. In einer Mischung aus Schrecken und Verblüffung zuckte ich heftig zusammen und versuchte instinktiv auszuweichen. Die Wolfsnase stupste mich sacht an, dann war sie fort.

Mehr als erleichtert hob ich den Kopf, ich zitterte am ganzen Leib, aber ich hatte die Prüfung offensichtlich bestanden. Ich begegnete Kerons dunklen Augen, der mich stumm musterte und irgendwie unschlüssig schien.

„Er mag dich!“, stellte er schließlich fest, aber er schien sich nicht gerade darüber zu freuen.

Der Wolf trottete zurück zum Kamin, streckte sich genüsslich, ließ mich bei einem herzhaften Gähnen noch einen Blick auf sein stattliches Gebiss werfen, und legte sich nieder.

„Und wenn er mich nicht mögen würde, hättest du mich dann rausgeworfen?“, versuchte ich zu scherzen und lächelte zaghaft zu Keron auf.

„Ja“, erwiderte er ausdruckslos und mein Lächeln erlosch.

Fassungslos starrte ich ihn an, während er sich zu mir herunterbeugte und seine Arme unter mich schob.

„Ohne Táwo kann ich hier nicht überleben!“

Seine Erklärung und die massive Kraft, die ich in seinen Armen spüren konnte, schlugen mich mit Stummheit. Ich war ihm ausgeliefert, ihm und seinem Wolf, und ein Teil der Angst, die ich eben gespürt hatte, meldete sich zurück, um von nun an zu bleiben.

Er trug mich zum Feuer hinüber und stellte mich vorsichtig auf den Boden. Augenblicklich spürte ich den reißenden Schmerz in der Schulter und den Rippen, sie ächzten geradezu unter der Last, den eigenen Körper wieder tragen zu müssen. Instinktiv krallte ich mich an Kerons Hemd fest und schluckte gegen die Tränen an, die der Schmerz mir in die Augen trieb. Ich stand auf meinen Füßen und ich würde verdammt noch mal auch stehen bleiben, denn noch länger hilflos im Bett zu liegen, hieße auch, länger als unbedingt nötig bei diesem Mann bleiben zu müssen.

„Geht es, Frau?“, hörte ich seine Stimme über mir, der mehr als einen ganzen Kopf größer war.

„Ja“, presste ich mühsam hervor. „Und ich habe einen Namen, genau wie du und dein Wolf! Ich bin schließlich kein hergelaufenes Tier aus dem Wald!“

Ich spürte, wie er sich versteifte, und hätte mich ohrfeigen können für meine trotzigen Worte, doch nun waren sie heraus.

Abrupt trat er einen Schritt zurück, meine Hände lösten sich von seinem Hemd und ich geriet ins Schwanken. Aufkeuchend suchte ich nach einem Halt, doch der Tisch war eindeutig zu weit weg.

Ein seltsam sachter Schubs von hinten brachte mich ins Gleichgewicht und weiches Fell schmiegte sich an meine nackten Oberschenkel.

Verblüfft sah ich auf den Wolf hinab und stellte fest, dass der Blick aus seinen gelben Augen nun freundlich war und irgendwie …. wissend. Unwillkürlich musste ich lächeln, dieses merkwürdige Tier schien mich zu mögen.

Das leise Glücksgefühl verflüchtigte sich jedoch, als ich mich Keron zuwandte, denn der Zorn in seinen Augen war beängstigend. Ruckartig drehte er sich um, griff nach dem schweren Fellhemd und der Kapuze und zog sich beides über den Kopf.

„Ich weiß, dass du kein Tier bist, Frau! Und ich bin auch keines!“

Ohne sich noch einmal umzuwenden, stürmte er hinaus.

 

Kapitel 2 das Fremde

Der eiskalte Wind, der durch die offene Tür herein blies, ließ mich augenblicklich mit den Zähnen klappern, doch ich war unfähig mich zu rühren oder meinen Blick von der weißen Welt da draußen loszureißen.

Undeutlich waren Bäume in einem heftigen Schneetreiben zu erkennen; der Schnee selbst lag mindestens zwei Meter hoch links und rechts neben dem Eingang zur Blockhütte. Ich war hier eingeschneit, mit einem völlig verrückten Jäger und seinem Wolf.

Der löste sich von mir und lief zur Tür hinüber. Ein kräftiger Schubs mit dem Kopf ließ sie zuschlagen, dann hob er sich auf die Hinterbeine und schob einen eisernen Riegel so gekonnt in seine Halterung, dass ich verblüfft blinzelte. Waren Wölfe so intelligent?

Táwo war es zweifellos, denn nun lief er an mir vorbei, wiederholte das Schauspiel, indem er eine ziemlich kleine Tür öffnete, die mir jetzt erst auffiel, und in dem Raum verschwand, den es dahinter geben musste.

Mühsam drehte ich mich herum und folgte ihm mit steifen, wackeligen Schritten.

Ich hatte den Verschlag noch nicht erreicht, als er schon wieder herauskam, im Maul ein paar hohe Fellstiefel. Er legte sie behutsam vor mir ab und verschwand erneut. Mein Blick folgte ihm und ich konnte noch nicht ganz fassen, dass er offenbar dabei war, mich mit Kleidern zu versorgen, als er tatsächlich mit einer ledernen Hose zurückkehrte.

Es war offensichtlich eine Art Vorratsraum, in den ich nun hineinspähen konnte. In langen Regalen lagen verschiedene Geräte, hölzerne Kisten und in Tuch gewickelte Päckchen, und von der Decke baumelten ein imposanter Schinken und eine Speckseite. Der wilde Mann schien ganz gut vorbereitet zu sein auf den Winter.

Mit einiger Mühe hob ich die Hose auf und stellte fest, dass sie nicht Keron gehören konnte, sie war ihm viel zu klein. Dasselbe galt für die Stiefel und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht doch eine Frau gab, die hier lebte. Oder gelebt hatte. Bei seinem brummigen Naturell wäre es nicht allzu erstaunlich, wenn sie das Weite gesucht hatte.

Der Wolf setzte sich vor mich hin und stupste die Stiefel auffordernd an, offenbar war er der Meinung, ich sollte die Sachen in Besitz nehmen. Ob sein Jägerfreund dies auch so sehen würde, war allerdings eine andere Frage.

Ich warf einen kurzen Blick zur Tür, hinter der er wutentbrannt verschwunden war, und zuckte die Schultern. Im Bett konnte und wollte ich meine Tage nicht verbringen, erfrieren wollte ich auch nicht, und von meinen eigenen Kleidern war nichts zu sehen.

Es war schwierig genug, mit meinen bandagierten Rippen in die Hose zu steigen, aber die Wärme, die das innenliegende Fell sofort verströmte, entschädigte mich für die stechenden Schmerzen. Seufzend sah ich auf die Stiefel hinab, als Táwo sich erhob und vorsichtig nach meinem Hosenbein schnappte. Er zog mich zum Tisch hinüber und ich ließ mich so langsam wie möglich auf die Bank fallen, voller Erwartung, welches Kunststück er mir nun zeigen wollte.

Der Wolf zog den ersten Stiefel zu mir hin, beugte den Kopf und wartete, bis ich begriff und den Fuß hineinsteckte. Mit den Zähnen zerrte er ihn meinen Unterschenkel hinauf, bis er richtig saß, und holte den Zweiten.

Sprachlos ließ ich mir die Stiefel anziehen und musterte ihn eindringlich. Täuschte ich mich, oder betrachtete er mich nun mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck? Mein Lächeln kehrte zurück und ich streckte unwillkürlich die Hand aus, wie man es bei einem Hund tat.

„Ich danke dir Táwo, du scheinst mich besser leiden zu können, als dein seltsamer Freund.“

Der Wolf verstand die Geste, kam näher und rieb seinen großen Kopf an meinen Fingern. Ich ließ sie über sein dichtes Winterfell gleiten, und während er die Augen schloss, durchströmte mich ein unerklärlich tiefes Glücksgefühl. Einen Freund zumindest hatte ich gefunden und es war der denkbar Ungewöhnlichste überhaupt.

„Wenn du jetzt auch noch zu sprechen anfängst, bin ich nicht mehr überrascht!“

Er öffnete die Augen ein wenig und zog die Lefzen zurück. Das entlockte mir ein schwaches, aber sehr befreiendes Lachen, denn entweder war ich jetzt selbst dabei, verrückt zu werden, oder der Wolf vor mir konnte tatsächlich grinsen.

Angetan mit der wärmenden Hose und den Stiefeln fühlte ich mich schon erheblich besser, hievte mich von der Bank hoch und trat ans Feuer.

Dort schmorten die Kaninchenteile im Kessel und es wurde Zeit, Wasser nachzufüllen, damit sie nicht verbrannten. Aufmerksam sah ich mich um und fand auch einen Wasserschlauch, doch er war leer, ebenso, wie der Holzeimer neben meinen Füßen. Ich würde also wohl oder übel vor die Tür gehen und etwas von dem Schnee holen müssen, den es dort ja zuhauf gab.

Das viel zu große Leinenhemd, das ich immer noch trug, würde allerdings kaum ausreichen, um nicht zu erfrieren.

„Hast du auch noch eine Jacke für mich, Táwo? Oder so ein Fellhemd?“ Demonstrativ zeigte ich ihm mein dünnes Gewand.

Abermals verschwand er im Vorratsraum und kehrte mit einem der ledernen Hemden zurück. Es war so groß, dass es nur Keron gehören konnte und ich fand es seltsam, dass es zu der Hose und den Stiefeln, die ich nun trug, kein passendes Übergewand gab.

Ich versuchte, den Arm mit der lädierten Schulter durch den Ärmel zu schieben, aber der Schmerz war so heftig, dass ich es schnell aufgab. Auch der Versuch, beide Arme zugleich hindurch zu bringen, scheiterte; daran konnte auch Táwo nichts ändern, der vor mir stand und mich aufmerksam beäugte.

Schließlich zog ich das Hemd so über den Kopf, dass ich den rechten Arm benutzen konnte und der linke eben wie bei einem Kriegsversehrten innen blieb. Vor Anstrengung war ich nun schweißgebadet, aber sehr stolz darauf, es geschafft zu haben. Auch ohne die Hilfe dieses brummigen Jägers.

Kaum hatte ich die Tür geöffnet, blies mich der scharfe schneeschwere Wind beinahe um und ich kniff die Augen zusammen. Viel zu erkennen war nicht von der Umgebung, in einiger Entfernung begann dichter Baumbestand, also musste die Hütte wohl auf einer Waldlichtung stehen.

Der Wolf lief zu meinem Schrecken an mir vorbei, warf mir jedoch über die Schulter hinweg einen Blick zu, den er mit einem kurzen jaulenden Laut untermalte. Irritiert sah ich ihm nach, musste er Pipi oder so was?

Es dauerte nur einen Moment, dann kam er zurück und stieß den Eimer mit der Schnauze an, den ich abgestellt hatte. Mir fiel ein, warum wir in das Schneegestöber hinausgetreten waren, und ich füllte ihn eilig mit dem frisch gefallenen Schnee, der sich über die festgefrorenen hohen Wehen neben dem Eingang gelegt hatte.

Nachdem der Karnickeleintopf gerettet war und ich sogar noch Salz, Lorbeerblätter und getrockneten Majoran gefunden hatte, um ihn zu würzen, sank ich einigermaßen erschöpft auf die Bank. Mein Zeitgefühl funktionierte hier nicht besonders gut, aber nach dem trüben Licht draußen zu urteilen, war es mindestens später Nachmittag. Gegen meinen Willen begann ich mir Sorgen zu machen.

„Weißt du, wo er hingegangen ist, Táwo? Und ob er gerade da draußen erfriert?“

Nicht, dass ich eine Antwort von dem Wolf erwartete, der auf dem Fell vor dem Kamin lag und döste.

Er hob jedoch sofort den Kopf und musterte mich irgendwie besorgt. Mit einem herzhaften Gähnen erhob er sich, streckte den massigen Körper und trottete zu einem der hohen Wandregale hinüber. Interessiert sah ich ihm dabei zu, wie er schnüffelnd das ganze Zeug durchstöberte, das dort nicht gerade ordentlich aufbewahrt wurde.

Es dauerte nicht lang, da kam er zu mir und trug im Maul, wonach er gesucht hatte; einen groben, hölzernen Kamm. Den hielt er mir hin und ich verstand.

„Du möchtest, dass ich dir den Pelz kämme?“

Ich nahm ihm den Kamm ab und folgte ihm etwas mühsam, aber schmunzelnd auf das Fell, wo er sich behaglich der Länge nach ausstreckte.

Da saß ich also in einer Blockhütte im Nirgendwo und kämmte einem Wolf das Fell. Hätte mir das vor meinem Abflug nach Nepal jemand geweissagt, wäre ich wohl in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Táwo gab ein leises, behagliches Brummen von sich, während ich den Kamm durch seinen dichten, dunkelgrauen Pelz zog. Das Prasseln des Feuers, die Stille, die von dem dichten Schneetreiben vor dem Haus ausging und die Gleichförmigkeit meines Tuns ließen mich nach und nach innerlich zur Ruhe kommen. So absurd die ganze Situation auch war, ich begann unzweifelhaft, sie zu akzeptieren.

Ein blechernes Klappern ließ mich aufschrecken und ich hob blinzelnd den Kopf. Der Wolf neben mir tat dasselbe und ich stellte fest, dass ich mich an ihn gekuschelt hatte und eingeschlafen war.

Keron beugte sich über den toten Körper eines Rehs, den er auf den Holztisch gelegt, und das ganze Zeug darauf kurzerhand beiseite gefegt hatte.

Er hantierte stumm mit dem Messer, und Táwo war bereits aufgesprungen, bevor sein Jägerfreund den Hinterlauf ganz abgetrennt hatte und ihm hinhielt. Der Wolf schnappte nach dem blutigen Fleisch und Keron öffnete ihm die Tür, damit er nach draußen verschwinden konnte.

Ich wagte nicht den Mund zu öffnen, erhob mich schwerfällig und stand verlegen und unschlüssig mitten im Raum.

„Du hast dich um das Essen gekümmert!“

Seine Stimme klang nicht mehr zornig, aber was wollte er mir damit sagen?!

„Ja“, gab ich unsicher zurück und er warf mir einen forschenden Blick zu, der an mir herabglitt und an den Stiefeln hängen blieb. „Táwo hat mir die Sachen gegeben…….“

Er nickte und deutete auf die Holzbank. „Setz dich, ich habe dir etwas zu sagen.“

Mein Herz begann vernehmlich zu klopfen, als ich der Anweisung nachkam, und mich ihm gegenüber auf die Bank setzte. Unwillkürlich fiel mein Blick auf das große Messer, mit dem er in geübter Schnelligkeit das Fleisch zerteilte. Ich schluckte und sah auf.

„Ich werde dich Io nennen“, tat er kund und dachte nicht daran, mir in die Augen zu schauen. „Wie du inzwischen gemerkt hast, rede ich nicht gern. Und ich mag die Menschen nicht!“

Das war deutlich. Und vermutlich musste ich für das Zugeständnis, mir überhaupt einen Namen zu geben, dankbar sein.

„Ich werde mich um dich kümmern, bis die Schneeschmelze einsetzt, dann bringe ich dich hinunter zur Küste, zu den Menschen.“

Diese Information erleichterte mich ungemein, auch wenn es verdammt merkwürdig war, wie er von den Menschen sprach. Er wandte sich um, griff nach einem eisernen Haken und hieb ihn so kraftvoll in den Hinterlauf des Rehs, dass ich zusammenzuckte. Dann hob er das Fleisch hoch und hängte es in den Rauch über dem Feuer.

„Was sind das für Menschen?“, erkundigte ich mich vorsichtig.

Er hielt inne und sah mich mit großen Augen an. „Das weißt du nicht?“

Unsicher schüttelte ich den Kopf. „Ich komme aus Deutschland“.

Er runzelte die Stirn und betrachtete mich skeptisch. „Das kenne ich nicht.“

Unter seinem Blick stieg ein mehr als mulmiges Gefühl in mir auf. Es wäre immerhin nicht das erste Mal, dass ein Deutscher von einem Einheimischen seiner Herkunft wegen abgelehnt wurde. Es war wohl mein Glück, das er mein Heimatland gar nicht kannte.

„Es ist egal, wo du herkommst, die Menschen an der Küste werden sich schon um dich kümmern!“, stellte er fest und wandte sich wieder dem Reh zu.

Erleichtert atmete ich auf und gab ihm völlig recht, wichtig war nur,  wegzukommen von ihm.

„Wie lange dauert es, bis der Schnee schmilzt?“

Er sah auf und sein dunkler Blick schien sich in meinen Kopf zu bohren, als wolle er nun doch wissen, was da drinnen vor sich ging.

„Ein paar Wochen. Und so lange wird es auch dauern, bis deine Knochen heilen und du genug Kraft hast für den Marsch hinab.“

Ein paar Wochen. Ich versteinerte augenblicklich auf der Bank und die eben aufgekeimte Erleichterung wich einer dumpfen Verzweiflung. Wie sollte ich es überstehen, noch wochenlang neben diesem merkwürdigen, verfilzten, übellaunigen… .

„Geh zum Bett hinüber, ich werde deine Schulter einreiben!“

Der Befehl unterbrach meinen Gedankenfluss und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um die Tränen zurückzuhalten. Er hatte das Messer niedergelegt und stand wartend vor mir, eine massige Gestalt, der ich nichts entgegenzusetzen hatte.

„Und du musst dir keine Sorgen machen, ich komme gewiss nicht in Versuchung, dich anzurühren!“

Der ironische Unterton wäre nicht nötig gewesen, um mir klar zu machen, was er meinte. Mit gesenktem Blick erhob ich mich und stakste zum Bett hinüber. Nun gut, er fand mich also hässlich, das war immerhin beruhigend.

Lange lag ich wach und konnte keinen Schlaf finden.

Es war das erste Mal, dass mir seine Anwesenheit im Bett bewusst war und es war mir mehr als unangenehm. Vorsichtig legte ich mich auf die Seite und sah zur Feuerstelle hinüber, wo Táwo sofort den Kopf hob und mit den Ohren zuckte, als spüre er mein Leid sehr deutlich.

Ich hasste es, abhängig zu sein von diesem verschrobenen Mann, der mich mit einer Art belangloser Ignoranz behandelte, die noch viel schlimmer war, als offene Ablehnung. Warum hatte er mich nicht einfach im Schnee liegen lassen?

Für einen Moment ballte ich die Fäuste und verachtete ihn dafür, dass er nicht genug Gleichgültigkeit aufgebracht hatte, mich krepieren zu lassen. Dann jedoch rührte sich eine gewisse Scham, denn ich musste ihm zweifellos dankbar dafür sein, dass er sich dazu entschlossen hatte, so einen gehassten Menschen mitzunehmen und ihn zu pflegen. So gleichgültig konnte er anderen gegenüber also nicht sein.

Und bis auf diesen Ausspruch, der klarstellte, dass ich ihn als Frau nicht interessierte, war er weder grausam noch grob zu mir gewesen. Eine merkwürdige Mischung aus Fürsorge und Ablehnung. Leise flatterte mir die Frage durch den Kopf, ob ihm die Menschen wohl irgendetwas Schlimmes angetan hatten, während mir endlich doch die Augen schwer wurden.

 

Wiederum weckte mich ein Klappern. Als ich die Augen öffnete, stand Táwo vor dem Bett, und Keron stellte zwei dampfende hölzerne Schüsseln auf den Tisch. Der Wolf schien darauf gewartet zu haben, dass ich die Augen öffnete, er fuhr mir mit der Zunge durchs Gesicht und zog dann sanft an meinem Hemdsärmel.

„Danke für die Morgenwäsche“, schmunzelte ich, strich ihm über den Kopf und setzte mich vorsichtig auf.

Zu meiner Überraschung nahm mir meine Schulter die Bewegung nicht mehr ganz so übel, Kerons streng riechende Salbe schien gute Dienste zu leisten. Mein eigener Geruch stieg mir allerdings sehr unangenehm in die Nase, ich musste unbedingt einen Versuch wagen, mich zu waschen. Und zwar ohne die Hilfe des übellaunigen Jägers in Anspruch nehmen zu müssen.

Andererseits schien es ihm völlig egal zu sein, wie ich roch, also war es vielleicht nicht so wichtig. Unwillkürlich fuhr ich mir mit den Fingern durchs Haar. Normalerweise lag es seidig und glatt auf meinen Schultern, aber nun war ich nicht mehr weit davon entfernt, so zottelig auszusehen, wie der wilde Mann. Ich beschloss, ihn nach so etwas wie Seife und heißem Wasser zu fragen.

Schließlich folgte ich Táwo zum Tisch hinüber und wunderte mich, dass er um mich herumtänzelte, als gäbe es Neuigkeiten, die er mir unbedingt mitteilen wollte.

Keron blickte nicht auf, als ich mich setzte, und schob mir eine der Holzschüsseln hinüber. Sie war mit einem heißen Brei gefüllt und der duftete gar nicht schlecht.

„Danke“, sagte ich deutlich, ich würde ganz sicher nicht darauf verzichten, so höflich zu sein, wie ich es nun einmal war.

Er hob den Kopf und schien schon wieder erstaunt, dass ich mich bedankte.

Während ich den Brei aß, legte der Wolf die Schnauze auf den Tisch und verfolgte jeden Löffel, den ich mir in den Mund schob. Dabei schien er jedoch nicht um eine Kostprobe zu betteln; er sah eher ungeduldig aus.

„Was ist los, Táwo?“, fragte ich und stellte dabei fest, dass ich mir bereits angewöhnte, mit ihm zu sprechen, wie mit einem Menschen.

Das lag vermutlich daran, dass der einzige anwesende Mensch sich eher wie ein stummes Tier verhielt.

„Er will mit dir hinaus in den Schnee“, übersetzte Keron, als wolle er mir das Gegenteil beweisen und ich zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

Nun hob er tatsächlich den Kopf. Das lebendige Leuchten, das ich in seinen braunen Augen sah, traf mich unvorbereitet und ließ mich verblüfft zusammenzucken. Das war doch gestern noch nicht da gewesen?! Als wolle er es verbergen, senkte er den Blick wieder auf die Schüssel.

„Táwo kann dich auf dem Schlitten ziehen, die klare Luft wird dich stärken!“

Aha, es gab also einen Schlitten ... . Der Gedanke glitt mir eher nebenbei durch den Kopf, denn da formte sich ein weiterer, der mich beinahe von der Bank zu hauen drohte.

„Woher kannst du eigentlich meine Sprache?“

Wieso ging mir das jetzt erst auf? Ich war in einem fremden Land, er war mir ungefähr so fremd, wie ein vorzeitlicher Jäger und Sammler und er sprach Deutsch? Irgendetwas konnte hier ganz und gar nicht stimmen.

Keron hielt inne und musterte mich erst überrascht, dann skeptisch.

„Ich spreche die Sprache, die alle hier sprechen!“

„Aber…,“ mehr fiel mir nicht ein, denn meine Gedanken überschlugen sich.

Wie konnte es sein, dass alle hier deutsch sprachen? War ich gar nicht im Ausland? War das Flugzeug irgendwo über den Alpen abgestürzt und ich hatte lediglich einen verschrobenen Aussteiger mit einem zahmen Wolf vor mir? Wieso war ich denn eigentlich davon ausgegangen, dass ich irgendwo im Himalayamassiv war? Ich konnte mich ja nicht mal daran erinnern, wie lange der Flug bereits gedauert hatte, als die Maschine ins Trudeln geraten war.

„Du bist auf den Kopf gefallen und hast wohl viel vergessen“, hörte ich ihn sagen. „Die Erinnerungen kommen zurück, wenn du die anderen Menschen triffst!“

Verwirrt sah ich ihm in die leuchtenden Augen und konnte nicht umhin, mich an seinen Worten festzuhalten. Irgendwie schien mein Kopf tatsächlich angeschlagen zu sein, ich reimte mir alles Mögliche zusammen und er brachte mich vermutlich bald schlicht den Berg hinab in ein Tiroler Dorf oder so was. Ich nickte, dann senkte ich den Blick und beschäftigte mich mit dem Getreidebrei.

Nach dem Essen steckte mich Keron in Fellhemd und Kapuze und meine Hände in ebensolche Fäustlinge. Sie waren mir viel zu groß, doch er band sie an meinen Handgelenken fest, sodass sie nicht herunterrutschen konnten. Abgesehen davon, dass ich ohne seine Hilfe wohl nicht wieder herauskäme aus dieser Verpackung, war mir nun sehr warm.

Táwo sprang wie ein junger Hund zur Tür hinaus, während ich blinzelnd im Eingang stehen blieb. Es hatte aufgehört zu schneien, die Sonne schien und tauchte den Wald, der uns umgab, in das Licht eines stillen Wintermärchens. Erstaunt sah ich in die Runde und sog die zwar eisige, aber erfrischend klare Luft ein.

„So tief darfst du nicht einatmen“, belehrte mich Keron und schlang mir von hinten ein offenbar wollenes Tuch um Mund und Nase. „Die Luft verkühlt dir sonst den Körper von innen, also nimm das Tuch nicht ab, solange du draußen bist!“

Ich nickte und fühlte mich ein wenig wie ein Astronaut, der zu einem Mondspaziergang aufbricht.

Táwo kam um die Hütte herum, im Maul ein Seil, an dem er eine an den Enden leicht nach oben gebogene Holzplanke hinter sich herzog; das musste der Schlitten sein. Vor mir hielt er an und warf mir einen eindeutig auffordernden Blick zu. Vorsichtig ließ ich mich auf dem Gefährt nieder und versuchte, eine möglichst bequeme Position einzunehmen.

„Nicht so weit, Táwo“, hörte ich Keron über mir. „Ich brauche nicht lange.“

Ich sah zu ihm auf, doch die Frage, was er wohl vor hatte, wehte fort, als sich der Schlitten mit einem Ruck in Bewegung setzte und Táwo davonschoss.

Auch wenn ich eine eher zierliche Frau war, erstaunte mich doch, mit welcher Leichtigkeit mich der Wolf über die gefrorene Schneedecke zog; mitten hinein in den tief verschneiten, schweigenden Wald. Es dauerte einen Moment, bis sich mein Herzschlag beruhigte, und ich es getrost aufgab, mit den Fäustlingen irgendwo Halt finden zu wollen. Táwo lief zwar schnell, aber sehr gleichmäßig auf einem für mich nicht sichtbaren Pfad zwischen den hohen Bäumen und schien sich mit der Handhabung des Schlittens bestens auszukennen.

Es war verdammt lange her, dass ich als Kind auf einem Schlitten gesessen und den kleinen Hügel im Stadtpark hinuntergerodelt war, aber das hier war um Längen besser.

Ein Lachen stieg in mir auf, denn ausgerechnet jetzt musste ich an meine überbesorgte Mutter denken. Sie würde wohl einen hysterischen Schreikampf bekommen, könnte sie mit ansehen, wie mich ein Wolf auf einer Holzplanke durch diese kalte Wildnis zog, vorbei an hohen Schneewehen und vereisten Tannen.

Plötzlich blieb Táwo stehen und ich streckte instinktiv die Stiefel in den Schnee, um den Schlitten abzubremsen. Neben ihm kam ich zum Stehen und war sofort beunruhigt, denn er stand starr da, die Augen auf den Wald gerichtet. Sein Nackenfell stellte sich auf, dann richtete er einen nervösen Blick auf mich, als könne er nicht entscheiden, was er nun mit mir anfangen solle.

Nur einen Moment später fuhr sein Kopf herum und er begann bedrohlich zu knurren, während sich vor uns etwas Massiges durch das Unterholz schob.

Durch das Dickicht zwischen den Bäumen brach ein großer, beinahe schwarzer Bär. Einen Moment hielt er inne und ich meinte seine kleinen roten Augen zu sehen, dann raste er brüllend auf uns zu.

Táwo stellte sich vor mich, stemmte die Vorderläufe in den vereisten Boden und duckte sich, als wolle er zum Sprung ansetzen, während mir der absurde Gedanke durch den Kopf schoss, dass dieser Bär nicht wirklich echt sein konnte. Bären schliefen im Winter doch in einer Höhle, verdammt. Dieser schien das jedoch nicht zu wissen, und je näher er kam, desto sicherer war ich mir, dass er den Wolf mit einem einzigen Hieb seiner Pranke zerfetzen würde. Und mich ebenso.

Nein! Das würde er auf keinen Fall!

Der Bär stoppte so plötzlich, dass mir Eis, Schnee und Grasbüschel um die Ohren flogen.

In meinem Kopf schwoll ein eigenartiges Summen an, mein Blick auf den Bären engte sich ein, ich sah nur noch ihn, sein schäumendes Maul, die roten Augen, die sich in meine bohrten. Wie in Zeitlupe senkte er den schweren Kopf, drehte sich um und trollte sich gemessenen Schrittes in den Wald hinein.

Völlig überrascht sah ich auf Táwo hinab und stellte fest, dass ich mit ausgebreiteten Armen da stand, als wolle ich ihn vor dem Bären schützen. Wie war ich dorthin gekommen? Ich konnte mich nicht daran erinnern, vom Schlitten gesprungen zu sein. Das Summen in meinem Kopf verebbte, eine Mischung aus Erleichterung und Verwirrung breitete sich aus, und ich ließ mich mit zitternden Knien in den Schnee fallen.

Es war verrückt, es konnte nicht sein, und doch hatte ich das irrsinnige Gefühl, dass dieser Bär sich respektvoll vor mir verneigt hatte. Ich spürte Táwos Nase an meiner Wange, legte meine Arme um seinen Hals und holte tief Luft. Was auch immer da gerade geschehen war, es hatte uns wohl gerettet. Und was das Verrücktwerden anging, sah es nicht so aus, als ließe sich das irgendwie aufhalten.

Mein Bedürfnis, noch mehr von der sonnigen Winterlandschaft zu sehen, war allerdings fürs Erste gestillt. Ich krabbelte zum Schlitten hinüber und ließ mich ächzend darauf nieder, der Schmerz war nun jedenfalls wieder da.

„Komm, lass uns umkehren, Táwo“, sprach ich den Wolf an, der mich eindringlich musterte, als erwarte er eine Erklärung von mir. „Ich habe keine Ahnung, was ich da getan habe, ehrlich!“

Er zögerte noch einen Moment, dann schüttelte er den Kopf, als glaube er mir kein Wort, und nahm das Seil des Schlittens zwischen die Zähne.

Als die Blockhütte vor uns auftauchte, war ich mehr als froh, bremste ab und sprang auf, ohne auf die stechenden Schmerzen zu achten. Ich stieß die Tür auf und vergaß augenblicklich alles, was ich Keron über diesen tollwütigen Bären hatte berichten wollen.

Er stand vor der Feuerstelle, vor sich den Wassereimer, in der Hand ein schmales Messer. Mit offenem Mund registrierte ich, dass er sein Haar im Nacken zusammengebunden hatte und keinen Bart mehr trug. Plötzlich besaß er ein Gesicht und es war bei weitem nicht so hässlich, wie ich vermutet hatte. Doch das war nicht der eigentliche Grund, warum mir jedes Wort im Halse stecken geblieben war und sich in meinem Kopf eine merkwürdige Leere auszubreiten begann.

Er stand nackt vor dem Eimer, sein muskulöser Oberkörper war mit Narben übersät und sein Unterkörper von den Lenden an abwärts mit einem dichten, rotbraunen Fell bedeckt. Ich sah, wie ihm angesichts meines schockierten Blicks der glühende Zorn in die Augen trat.

„Willst du das Monster weiter anstarren, Frau oder darf es sich ankleiden?“

„Was? Ich … verzeih, es ….es tut mir leid!“

Ich wollte herumwirbeln und die Hütte verlassen, statt dessen jedoch wurde mir so schwindelig und übel, dass ich verzweifelt nach dem Türrahmen suchte, um mich dort festzuhalten. Er war nicht mehr da.

Verwirrt schlug ich die Augen auf und mein Blick fiel auf ein Bein, direkt neben mir. Ohne so recht zu wissen, was ich da tat, strich ich mit dem Handgelenk etwas ungeschickt über das dichte rötliche Fell, denn meine Finger waren in den Handschuhen gefangen. Die pelzige Wade erstarrte, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Es fühlte sich ungewöhnlich weich an, beinahe wie bei einem Kaninchen; das Fell des Wolfes war im Vergleich dazu beinahe borstig.

Hände schoben sich unter meine Schultern, zogen mich auf die Füße und auf die Holzbank, und ich begriff, dass es Kerons Bein war, das ich da erkundet hatte. Augenblicklich wurde ich rot und senkte den Blick auf meine Hände, die immer noch in den Fellhandschuhen steckten.

„Es … es tut mir leid“, murmelte ich mehr als verlegen. „Es ist nur … Im Wald wollte uns ein Bär fressen und ich hab ihn wohl verjagt und dann stehst du hier, so….“, ich schluckte verzweifelt, doch es schien gar keinen Ausweg zu geben. „so nackt!“

Vorsichtig hob ich den Kopf; er war tatsächlich immer noch nackt und starrte mich in einer Mischung aus Zorn, Erstaunen und eigener Verwirrung an.

Ich hob ihm meine Hände entgegen. „Kannst du mir da raushelfen? Ich bin ja sonst ganz hilflos.“

Dann stürzten mir endlich die Tränen aus den Augen, denn hilflos war ich in der Tat; hilflos und völlig überfordert mit allem um mich herum. Ich ließ die Fäustlinge sinken und befürchtete, dass er mich nun so, wie ich war, zur Tür hinausschubsen und mich meinem Schicksal überlassen würde.

Als er sich endlich rührte, wandte er sich von mir ab.

Unsicher, was das bedeuten mochte, sah ich auf und mein Blick fiel auf seine festen Pobacken, seine unbestreitbar wohlgeformten Beine und auf das Fell! Irgendwo hatte ich so etwas doch schon mal gesehen?!

Er schlang sich ein Tuch um die Hüften, dann kam er zögernd näher, beugte sich hinab und schnürte mir endlich die Handschuhe auf.

„Ein Bär hat euch angegriffen?“

Ich nickte vehement und er musterte den Wolf, als wolle er herausfinden, ob ich die Wahrheit sagte.

„Táwo meint, der Bär sei vor dir davongelaufen?“

Ich sah zu dem Wolf hinüber, der gelassen neben uns saß. Natürlich, warum war ich noch nicht darauf gekommen, dass sie sich per Gedankenübertragung miteinander verständigten?

Die Tränen liefen mir immer schneller über das Gesicht und ich ließ schluchzend den Kopf hängen. Das hier überstieg eindeutig alles, was ich mir je hätte vorstellen können und ich hatte mich noch nie in meinem Leben hilfloser gefühlt. Ein Tuch tauchte vor meinem Gesicht auf.

„Es ist gut, Io.“

Seine sanfte Stimme ließ mich überrascht den Kopf heben.

Er hockte vor mir und sein bartloses Gesicht mit den dunkelbraunen Augen war so nah, dass ich erschrocken zusammenzuckte.

„Du hast noch nie einen Terasi gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf, nahm das Tuch und wischte mir die Tränen vom Gesicht.

„Es ist keine Lüge in deinen Augen.“

Er seufzte leise, und es war so ungewöhnlich, einen solchen Laut von ihm zu hören, dass ich innehielt und ihn offen ansah. Ich hielt seinem durchdringenden Blick mit Mühe stand und räusperte mich.

 „Was ist ein Terasi?“

Er zögerte, dann schien er einen Entschluss zu fassen.

„So nennen uns die Menschen an der Küste. Wir sind der Auswurf, den es eigentlich nicht geben darf, wenn sich die menschlichen Frauen im Rausch mit den Satyrii vereinigen. Mißgeburten, die verschwiegen und weggeworfen werden, wie Abfall!“

Daran hatte mich sein Anblick erinnert. An die uralten Abbildungen der mythischen Satyrn mit ihren fellüberzogenen Bocksbeinen. Aber trugen die nicht immer Hörner?

Und…. Das waren doch Märchen, alte Mythen?!

Wieder wurde mir schwindelig und die Übelkeit überschwemmte mich blitzschnell. Diesmal jedoch spürte ich noch, dass ich aufgefangen wurde, bevor ich von der Bank fiel.

Kapitel 3 das Unfassbare

Mir war bewusst, dass ich im Bett lag, als ich zu mir kam, aber die Augen öffnen mochte ich eigentlich nicht.

Ich war mir sicher, dass er auf der Bettkante saß und mich beobachtete, und ich wusste nicht im Geringsten, wie ich nun mit ihm umgehen sollte. Er musste verrückt sein, komplett irre! Und ich litt sicher unter Wahnvorstellungen, es konnte doch nicht wahr sein, dass er von einem dieser bocksbeinigen Sagengestalten abstammte.

Eine feuchte Zunge fuhr mir durchs Gesicht; Táwo hatte also längst bemerkt, dass ich wieder bei mir war. Zögernd öffnete ich die Augen und blickte direkt in Kerons rasiertes Gesicht.

„Fürchtest du dich nun vor mir?“

„Nicht mehr als vorher“, gab ich spontan zu und um seine Mundwinkel zuckte es, dann runzelte er jedoch die Stirn.

„Wir tun keinem Menschen etwas zuleide, du hast nichts zu befürchten!“

Ich musterte ihn und mein Blick fiel unweigerlich auf seine unbekleideten Beine, denn er trug immer noch das Leinentuch um die Hüften. Das Fell war noch da.

„Erklär es mir!“, forderte ich, und konnte das Beben in meiner Stimme nicht verbergen.

Ich musste mich vergewissern, ob er irre war oder ich. Seine Bereitschaft für weitere Erklärungen schien nicht besonders groß zu sein, denn sein Blick umwölkte sich.

„Bitte!“, fügte ich leise hinzu.

„Die Terasii sind die Frucht der Feste zu Ehren des Gottes Dionysos, wenn sich die menschlichen Frauen dem Wein und den Satyrii hingeben, um dem Gott nahe zu sein“, begann er zögernd und es fiel ihm offensichtlich schwer, darüber zu sprechen. „Es darf uns nicht geben, also werden wir nach der Geburt im Wald ausgesetzt, um zu sterben, denn die Menschen haben Angst, uns selbst zu töten. Und wie du siehst, gelingt es einigen von uns trotzdem, zu überleben!“

Bitterkeit und Zorn zeichneten sich so intensiv in seinem Gesicht ab, dass ich kaum zu atmen wagte. Abrupt löste er seinen Blick aus meinem und erhob sich.

„Und das ist alles!“

Mit großen Schritten ging er zum Tisch hinüber und griff nach seiner Hose. Ich starrte ihm nach und konnte nicht umhin, festzustellen, dass er keinerlei Anzeichen von Verwirrung zeigte, auch wenn seine Erklärung das Irrste war, das ich je gehört hatte.

Besonders bewandert war ich nicht in griechischer Mythologie, aber vage Kenntnisse vom griechischen Götterhimmel und von diesen mythologischen Gestalten, den Satyrn, hatte ich schon, wenn er denn tatsächlich diese Mischwesen aus Mensch und Ziege meinte.

„Und diese Satyrii, was sind das für Gestalten?“

Er warf mir über die Schulter hinweg einen überraschten Blick zu, während er in seine Hosen stieg, dann schüttelte er den Kopf.

„Du hast wirklich alles vergessen! Sie sind Dämonen, Waldgeister im Gefolge des Gottes Dionysos! Und sie sind mächtig, hier im Wald!“

Dämonen? Die Übelkeit drohte sich erneut in mir breitzumachen und ich beschloss, vorerst keine weiteren Fragen zu stellen. Was nützte es, wenn ich dauernd in Ohnmacht fiel? Ich hatte dieses Fell an seinen Beinen nun mal wirklich gesehen und gespürt. Vielleicht war es eine Anomalie, die dafür gesorgt hatte, dass er sich ein so verschrobenes mythisches Weltbild zugelegt hatte und es vorzog, mit seinem Wolf in der Einöde zu leben. Wenn das die Wahrheit war, würde ich sie sicher erfahren, sobald er mich zu den Menschen gebracht hatte. Und dann… .

Ich mochte nicht darüber nachdenken, was ich dann mit dieser Wahrheit anfangen würde. Vielleicht war es auch gar nicht nötig sie zu erfahren. Alles, was ich brauchte, war ein Flugticket oder ein Platz in einem Zug oder Autobus, um nach Hause zu kommen. Wichtig war, dass er mich gerettet hatte und ich nun so gut wie möglich mit ihm auskam, bis der Schnee schmolz.

Er selbst schien davon auszugehen, dass ich unter Gedächtnisverlust litt, und es war wohl besser, ihn in diesem Glauben zu lassen. Falls er doch völlig verrückt war, würde die Konfrontation mit der Realität unweigerlich dazu führen, dass er komplett durchdrehte. Und das wollte ich lieber nicht erleben.

Keron kehrte mit einem Becher zu mir zurück und ich ahnte schon, was darinnen war, bevor mir der typische Geruch in die Nase stieg.

„Trink“, forderte er mich auf. „Und dann schlaf ein wenig.“

Zögernd nahm ich den Becher entgegen, dann leerte ich ihn in einem Zug. Schlafen war momentan die beste Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen.

 

Ich erwachte mit knurrendem Magen, der Duft von gebratenem Fleisch stieg mir in die Nase. Keron stand am Kamin und drehte einen Fleischspieß, der nun statt des Kessels über dem Feuer hing.

Einen Moment blieb ich auf der Bettkante sitzen und erinnerte mich an das, was heute geschehen war.

Alles hier passte zu seiner merkwürdigen Erklärung, ging mir auf. Die Hütte, seine Art, mit Pfeil und Bogen zu jagen und so vorsintflutlich das Fell zu bearbeiten; die eisernen Geräte, seine Kleidung und sogar die grasgefüllte Matratze unter mir. Es gab kein einziges modernes Gerät oder Ausstattungsstück im Blockhaus. Und selbst ein Aussteiger besäße in dieser Einöde doch mindestens Radio und Funkgerät?!

Der vage Gedanke, dass seine Geschichte schlicht der Wahrheit entsprechen könnte, schlich sich an mich heran und ich schüttelte den Kopf, um ihn loszuwerden. Ich würde die Wahrheit über ihn sicher nicht herausfinden, solange ich hier bei ihm war, also musste ich mich ihm anpassen, so gut es eben ging.

Der Schlaf hatte mir gutgetan und ich erhob mich mit dem hoffnungsvollen Eindruck, dass die Schmerzen in Schulter und Rippengegend langsam abnahmen.

 

Keron reagierte erst auf mich, als ich mich auf die Holzbank setzte und mich umsah.

„Wo ist Táwo?“

„Im Wald“, erwiderte er, ohne mich anzusehen.

„Jagt er etwa ohne dich?“

Er wandte sich von dem Braten ab, der offensichtlich unser Abendessen sein würde, und runzelte die Stirn.

„Nein, es ist Paarungszeit bei den Wölfen. Er wird eine Weile fort sein.“

„Oh“, machte ich unwillkürlich und spürte, wie mir eine leichte Röte in die Wangen kroch.

Und ich bedauerte es augenblicklich, dass Táwo den Wolfsdamen nicht widerstehen konnte, auch wenn er ansonsten wohl mit keinem Rudel zusammenlebte.

„Wann wird er wiederkommen?“

Keron öffnete den Steintrog und ein scharfer, unangenehmer Geruch stieg daraus empor. Mit einem Stock zog er ein Stück Leder heraus und ließ es in einen mit Wasser gefüllten Eimer gleiten. Hoffentlich, schoss mir durch den Kopf, war es nicht derselbe, den ich benutzt hatte, um Schnee von draußen zu holen.

„Bald“, antwortete er.

Frustriert gab ich es auf, ihm mehr zu entlocken und ließ den Kopf hängen. Ohne Táwo würde es noch schlimmer werden, seine wortkarge, brummige Art auszuhalten. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass die Eröffnung seines Geheimnisses ihn mir etwas näher bringen würde, doch das war offensichtlich nicht der Fall.

Es gab allerdings noch etwas mit ihm zu klären, daran führte leider kein Weg vorbei.

„Ähm, du musst mir noch erklären, wo ich, ich meine, wie ich mich erleichtern kann! Vor allem, wo!“

Puterrot im Gesicht erwiderte ich seinen erstaunten Blick. Er sah sich suchend um, dann reichte er mir die Holzschüssel, die ich schon einmal benutzt hatte. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf, unfähig, ein Wort rauszubringen, denn diesmal ging es um ein etwas größeres Geschäft.

Zu meinem Glück leuchtete das Verstehen in seinem Gesicht auf und er grinste verhalten. Das gab ihm etwas durchaus Sympathisches, auch wenn er sich gerade über mich lustig machte.

„Dafür musst du hinaus, hinter der Hütte im Wald ist eine Grube, sie ist mit Holz abgedeckt.“

Mit schnellem Schritt verschwand er in der Vorratskammer, kam zurück, und hielt mir ein paar grünlich graue handtellergroße Lappen hin. Sie entpuppten sich als ledrige Blätter irgendeiner Pflanze, die ich ihm resigniert abnahm.

„Beeil dich besser, bevor der Abendfrost kommt! Schaffst du es allein?“

„Natürlich schaffe ich das allein!“

Entrüstet sah ich ihn an, was glaubte er denn? Sollte ich mich etwa an ihm festhalten, während ich über diesem unseligen Loch im Boden hockte?

Keron zog zwar die Augenbrauen hoch, erwiderte jedoch nichts. Stumm hielt er mir Fellhemd und Kapuze hin und ich versuchte zu ignorieren, dass ich noch sehr viel mehr Hilfe von ihm brauchte, als mir lieb war.

Entschlossen stapfte ich zur Tür und riss sie auf.

Draußen dämmerte es bereits und das schwache Tageslicht würde schnell vergehen. Unwillkürlich fiel mir der wutschnaubende Bär wieder ein. Was, wenn er inzwischen den Weg zur Hütte gefunden hatte? Neben mir tauchte Keron auf, ebenfalls mit Fellhemd und Kapuze bekleidet.

„Gehen wir. Ich werde Wache halten!“

Ich ersparte mir einen Kommentar, gefangen zwischen der Scham, dass er mich nun doch begleitete und der Erleichterung, nicht von einem Bären gefressen zu werden.

 

Die Grube war nicht weit entfernt, aber ohne Keron hätte ich sie sicher eine Weile suchen müssen. Er schob die Holzabdeckung beiseite und ich wunderte mich, dass der zu erwartende Gestank ausblieb. Dann allerdings fiel mir ein, dass alles darin mit Sicherheit gefroren war und damit wohl schlicht geruchlos. Das war zwar angenehm, machte mir die Sache jedoch nicht einfacher, denn es war tatsächlich nur ein Loch im Boden; zum Festhalten gab es nichts, außer den wilden Mann, der neben mir stand. Nein, auf keinen Fall würde ich ihn um Hilfe bitten.

„Kannst du dich bitte umdrehen?“ Ich reckte das Kinn und versuchte, ganz gelassen auszusehen.

„Wie du willst!“ Er entfernte sich einige Schritte und drehte mir den Rücken zu. „Du warst nie zuvor ernsthaft verletzt, oder?“

„Nein“, bestätigte ich ihm und mühte mich damit ab, die Kordel der Fellhose zu öffnen und sie einhändig herunterzuziehen.

„Streck den Oberkörper und deinen gesunden Arm nach vorn aus, wenn du dich hinhockst.“

Vorsichtig befolgte ich die Anweisung, ignorierte die Schmerzen und konzentrierte mich darauf, diese peinliche, eiskalte Prozedur schnellstens hinter mich zu bringen.

 

Als ich die Hose endlich wieder über meinen halb erfrorenen Po gezogen hatte, war ich völlig entkräftet und nahe daran, zukünftig aufs Essen zu verzichten, um das hier nie wieder mitmachen zu müssen. Mir war es entsetzlich peinlich, dass ich es ihm überlassen musste, das Loch wieder abzudecken, aber ihm schien es nichts auszumachen.

Schweigend stapften wir zurück zur Hütte.

In der zunehmenden Dämmerung löste sich ein Schatten aus den Bäumen und kam auf uns zu getrottet. Mein Herz tat einen freudigen Hüpfer, denn ich erkannte Táwo.

Keron blieb stehen und etwas in seiner Körperhaltung beunruhigte mich augenblicklich. Er ging in die Knie und streckte dem Wolf die Hände entgegen.

„Wie schlimm ist es diesmal, mein Freund?“

Jetzt erst bemerkte ich, dass der Wolf leicht hinkte, sein Gang nicht mehr so geschmeidig und locker war, wie sonst, und er irgendwie struppig wirkte. Sein Jägerfreund fuhr ihm mit der Hand über die Flanken, die Beine entlang, dann strich er ihm über den Kopf und erhob sich. Táwos Blick streifte mich, dann wandte er sich dem Wald zu und setzte sich langsam in Bewegung.

„Ist er verletzt?“

Meine Stimme klang sehr laut in der stillen Umgebung und der Wolf hielt inne und drehte sich abwartend zu uns um.

„Ja, aber nicht sehr“, erwiderte Keron und zuckte die Schultern.

Ich war fassungslos. Mit zwei schnellen Schritten war ich bei meinem neuen Freund und nahm ihn näher in Augenschein. Sein Fell schien an einigen Stellen zusammengebacken, verklebt. Blutig?!

„Er braucht Hilfe, Keron! Wir können ihn doch nicht so gehen lassen!“ Entrüstet hob ich den Kopf und sah in auffordernd an.

„Táwo ist an Verletzungen gewöhnt. Wenn er gehen will, soll er gehen!“

„Ach, und was ist, wenn er gar nicht mehr wiederkommt, weil sie ihn totgebissen haben? Ist er dir etwa genauso egal, wie die Menschen?“

 „Davon verstehst du nichts, Frau“, erwiderte er eisig und schickte sich an, wieder hinein zu gehen.

„Nein, davon verstehst du nichts, du gefühlloser Klotz!“, schrie ich ihm nach. „Ich bleibe hier so lange stehen, bis du bereit bist, seine Wunden zu verpflegen!“

Er hielt inne, sah mich jedoch nicht an. „Ganz wie du willst!“ Dann schloss er schwungvoll die Tür hinter sich und war verschwunden.

Für einen Moment starrte ich verblüfft auf die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte. Er nahm in Kauf, dass ich hier draußen erfror? Das war der Gipfel. Ich blickte auf den Wolf hinunter, der ratlos zu mir aufsah.

„Du kannst so nicht zurück zu den Wolfsdamen, Táwo!“, mahnte ich leise, ging in die Knie und strich ihm zart über den Kopf. „Wenn sie dich noch mehr verprügeln und du nicht zurückkommst, wie soll ich das hier ohne dich aushalten?“

Als hätte er jedes Wort verstanden, setzte er sich nieder und lehnte sich an mich. Ich starrte die Tür der Hütte an und war mir nicht sicher, was ich nun tun sollte. Hier draußen bleiben, bis dieser ungehobelte Waldschrat schließlich klein beigeben und uns hineinholen würde? Das würde er doch sicher irgendwann tun? Oder sollte ich einfach hineingehen und Táwo mitnehmen?

Ich spürte bereits, wie der Frost mein Gesicht taub werden ließ und meine Finger steif, denn Handschuhe hatte ich keine bei mir.

Dieser verdammte, verrückte Steinzeitjäger dachte nicht daran, noch einmal herauszukommen. Und ich hätte eigentlich damit rechnen müssen, dass er mich ebenso hier draußen frieren lassen würde, wie seinen einzigen Freund.

Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür.

Der Wolf und ich sahen erwartungsvoll auf, doch mehr passierte nicht. Das war dann wohl alles, was er an Einsicht präsentieren würde. Ich beschloss, mich damit zufriedenzugeben und war mir außerdem auch nicht sicher, ob sich die Tür nicht wieder schließen würde, wenn ich nun zögerte. Und gewonnen hatte ich trotzdem.

„Komm Táwo“, sprach ich den Wolf an, „gehen wir ins Warme, dann sehe ich mir an, was mit dir los ist!“

 

Táwo trottete zum Feuer hinüber und ich blieb trotzig vor dem Holztisch stehen, wo Keron provozierend ruhig das Rehfell bearbeitete.

„Wirst du nun seine Wunden verpflegen?“

Er hob den Kopf und in seinen Augen blitzte es auf. „Du hast mir nicht zu befehlen, Frau, auch wenn du ein Mensch bist!“, fuhr er mich an. „Und wie alle Menschen kommst du gar nicht auf die Idee, mich darum zu bitten! Ein Monster bittet man nicht, man befiehlt ihm!“

Unwillkürlich stolperte ich einen Schritt zurück und starrte ihn betroffen an. Der maßlose Zorn in seinem Blick traf mich wie ein Schlag und mein Magen krampfte sich ängstlich zusammen.

„Aber…,“ mir fehlten die Worte für das Durcheinander in meinem Kopf. Ich holte zitternd Luft. „Ich wollte dir nichts befehlen. Und du bist doch kein Monster!“

Skeptisch betrachtete er mich, blieb jedoch stumm.

„Kannst du ihm bitte helfen?“ Es kostete mich meine gesamte Selbstbeherrschung, seinem Blick standzuhalten. Schließlich seufzte er und erhob sich mit gerunzelter Stirn. Dann ließ er sich neben Táwo nieder und beugte sich tief über seinen Körper. Als ich den Mut fand, näher heranzutreten, senkte er sein Gesicht in das Fell des Wolfes.

Táwo zuckte zusammen, und ich ebenfalls, denn ich konnte kaum glauben, was er da tat. Keron hob den Kopf, spie kräftig aus, beugte sich über den nächsten blutigen Kratzer und fuhr mit der Zunge darüber hinweg.

Ich beobachtete das Schauspiel stumm und in einer Mischung aus Faszination und leichtem Ekel. Der Wolf jedenfalls schien die Behandlung zu kennen, denn er erhob sich und legte sich auf die andere Seite, damit sein Jägerfreund dort fortfahren konnte.

Dabei fiel mir auf, dass seine Verletzungen wohl tatsächlich nicht so schwerwiegend waren. Er war gebissen oder gekratzt worden und das Blut war in seinem Fell geronnen und gefroren, aber lebensbedrohlich war das ganz sicher nicht. Langsam kroch die Scham in mir hoch, ich hatte wohl einigermaßen hysterisch reagiert. Schließlich erhob sich Keron und bemerkte meinen Blick.

„Das kennst du wohl auch nicht?“

Ich schüttelte vorsichtshalber den Kopf, die Erklärung, dass ich so etwas aus dem Fernsehen kannte, war sicher keine gute Idee.

„Einige von uns besitzen heilende Kräfte“, klärte er mich auf, ging zum Kamin hinüber und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Wasserschlauch.

Völlig baff beobachtete ich, wie er das Wasser in die Feuerstelle spie, wo es zischend verdampfte, dann sah ich auf den Wolf hinab. Die Kratzer sahen jetzt sauber aus, aber verheilt waren sie noch nicht.

„Oh“, erwiderte ich tonlos. „Das ist eine sehr hilfreiche Gabe!“

Ich wollte ihn ganz gewiss nicht damit erzürnen, dass ich seine Fähigkeiten infrage stellte oder als Unsinn entlarvte. Und insgeheim fragte ich mich, welche Verrücktheiten ich noch würde mitmachen müssen.

Keron reinigte den Fußboden mit einem Lappen, den er anschließend ebenfalls ins Feuer warf. Als er plötzlich vor mir stand, zuckte ich zusammen und sah ihn fragend an.

Dann fiel mir auf, dass ich immer noch das dicke Fellhemd trug und er mir offensichtlich beim Ausziehen helfen wollte. Wie ein Kind streckte ich die Arme aus und senkte den Kopf.

„Es tut mir leid“, gestand ich leise ein, als ich mich wieder aufrichtete. „Ich dachte, Táwo sei schwer verletzt und ich hatte Angst um ihn.“

Er musterte mich einen Moment, wandte sich dann abrupt ab und brachte Fellhemd und Kapuze zurück in die kleine Vorratskammer. Ich blieb, wo ich war und fühlte mich unbehaglich.

Als er zurückkam, schüttelte er  lächelnd den Kopf.

„Ich verstehe zwar nicht, warum, aber Táwo folgt dir aufs Wort. Normalerweise hält ihn nichts davon ab, um eine Wölfin zu kämpfen!“

Wie um es zu bestätigen, sah Táwo auf und zog die Lefzen zurück, als grinse er dazu. Der Gedanke, dass ich ihn davon abgehalten hatte, sich eine Gefährtin zu erobern, war mir gar nicht gekommen. Schuldbewusst hockte ich mich zu ihm hin und kraulte ihm den Kopf.

„Vielleicht kann er es ja morgen oder übermorgen noch mal versuchen?“

Keron nickte, immer noch schmunzelnd und das Ausmaß meiner Erleichterung darüber, dass sein Zorn verraucht war, erstaunte mich.

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