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Zwei für immer

Über Andy Jones

Andy Jones lebt mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Mädchen in London. Tagsüber arbeitet er in einer Werbeagentur, am Wochenende und furchtbar früh am Morgen schreibt er. Eigentlich sollte dieses Buch ein richtiges Männerbuch werden - dass dabei nun ein Liebesroman raugekommen ist, hat ihn selbst überrascht.

Teja Schwaner, Studium in Hamburg, Frankfurt und London. Arbeitete als Musik- und Filmjournalist.Übertrug neben Hunter S. Thompson Daniel Woodrell und Daniel Friedmann ins Deutsche.

Iris Hansen lebt nach Aufenthalten in Kanada und Spanien als Übersetzerin in Hamburg.

Informationen zum Buch

»Ich liebe dich, Ivy. Ich finde dich klug und witzig und schön … Doch bist du die Richtige? Oder bist du nur noch hier, weil du schwanger bist? Ich hoffe, dass alles gut ausgeht, aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht.«

Als er Ivy begegnet, ist Fisher wie vom Blitz getroffen, und bald ist er sich sicher, dass aus der Sache etwas werden könnte. Noch weiß keiner der beiden, dass die Entscheidung über ihre Zukunft längst gefallen ist: Ivy ist schwanger. Doch während das neue Leben in Ivy heranwächst, muss sich Fisher um seinen schwer erkrankten Freund El kümmern. Und Ivy und Fisher sind immer noch damit beschäftigt, sich kennenzulernen. Denn es ist eine Sache, sich zu verlieben – miteinander zu leben ist eine ganz andere Geschichte …

»Ein wunderschön erzähltes, absolut bezauberndes Buch über das Sich-Verlieben und Lieben und die Kompromisse, die zur Liebe dazugehören.« Daily Mail

Andy Jones

Zwei für immer

Roman

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Aus dem Englischen von
Teja Schwaner und Iris Hansen

Für Chris und Dorothy,

meine Eltern.

Für alles.

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Prolog

Die Leute fragen: Wie lange seid ihr schon zusammen? Und wie habt ihr euch kennengelernt?

Da sitzt man am Tisch, stellt in selbstherrlichem Taumel seine neue Liebe zur Schau (Ist es das tatsächlich? Ist es schon Liebe?), lacht zu laut und küsst einander hingebungsvoller, als es in eine beschauliche Dorfkneipe passt, und dann sagt jemand: Was seid ihr für ein hübsches Paar! Aber nehmt euch doch endlich ein Zimmer, oder etwas in der Richtung.

Man knabbert also heimlich weiter am Ohrläppchen der neuen Flamme, als man eine Stimme hört: Sie da, hallo, an der Bar gibt’s Chips, wenn Sie so hungrig sind. Man dreht sich um und entschuldigt sich bei der stattlichen Dame mittleren Alters am Nebentisch. Sie lacht freundlich und rückt mit ihrem Stuhl näher. Und dann kommt es …

Also, fragt sie, wie seid ihr zwei euch begegnet?

Mindestens ein halbes Dutzend Mal hat man sich in der letzten Woche nach den Einzelheiten unserer Geschichte erkundigt. Bisher haben wir mit unverfänglichen Variationen der Wahrheit geantwortet: Wir sind Arbeitskollegen; Blind Date; Ich hab ihm die Haare geschnitten; Buchclub. Doch jetzt, ermutigt durch Wein und Routine, beugt sich Ivy vor und flüstert verschwörerisch: Es ist schlimm – er ist der Mann meiner besten Freundin. Aber, sie legt ihre Hand auf meine, Sie wissen bestimmt, wie es ist, wenn man etwas unbedingt haben muss.

Die rotgesichtige Frau, die ein herzhafter Duft nach Käse und Zwiebeln umwabert, sagt: Sicher, äh, ich wünsche Ihnen eine gute … Nacht. Dann rückt sie mit dem Stuhl wieder an ihren Tisch zurück.

Tatsächlich wäre es viel zu langwierig, jemand Fremdem die Wahrheit zu erzählen, wenn man doch eigentlich so schnell wie möglich seinen Drink leeren und auf sein Zimmer verschwinden möchte. Überhaupt ist die Frage, wie wir uns kennengelernt haben, höchstens von akademischem Wert. Man fragt auch nicht, wie der Regen entstanden ist, sondern freut sich einfach über den Regenbogen.

Viele Leute reden von Chemie, und vielleicht war es das – etwas Molekulares, etwas Genetisches, Vorbestimmtes. Wie auch immer, Ivy hatte etwas an sich, das auf der Stelle meine Entschlossenheit wachrief, nicht mit ihr zu schlafen. Kann ein Nichtsnutz einer Frau ein größeres Kompliment machen? Nicht, dass es von Bedeutung wäre, aber zu der Zeit durchlebte ich eine Phase, in der ich mich nicht in der Lage sah, auch nur die geringste Verpflichtung einzugehen, von der zur persönlichen Hygiene und der Diskretion mal abgesehen. Sechs Monate zuvor war mit meiner Freundin Schluss gewesen – ich war jung, ich war frei, ich war … sagen wir: Ich war mehr als freigiebig mit meiner Zuneigung. Und dann lief mir Ivy über den Weg, eine echte Schönheit, lässig und voller Lebenslust, und ließ ihre Spur aus Pheromonen und Nonchalance zurück.

Nicht, dass diese Dinge von Bedeutung wären. Alles, was zählt, ist, dass wir einander begegnet sind. Und am allermeisten zählt, was jetzt noch kommt.

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Kapitel eins

Es ist die letzte Augustwoche, und mein Sonnenbrand kribbelt, als Ivy den Wagen in die Straße lenkt, in der ich aufgewachsen bin.

Wenn das Radio läuft, singt Ivy mit; wenn es aus ist, pfeift sie, und sie pfeift falsch. Irgendwie kommen mir die Melodien bekannt vor, aber genau kann ich sie nicht zuordnen. Ivys linke Gesichtshälfte ist seit einem Unfall in der Kindheit entstellt. Die Narben sind inzwischen verblasst, doch die Rillen und Kerben sind nicht zu übersehen, und wenn sie pfeift, bilden sich tiefe Furchen. Ob dadurch ihre Pfeifkünste beeinflusst werden, vermag ich nicht zu sagen, doch ihren Gesangsversuchen nach zu urteilen, ist sie schlicht und einfach unmusikalisch und sich dessen in keiner Weise bewusst. Wir sind jetzt seit drei Wochen zusammen, und es dürfte ein wenig zu früh sein, eine Liste der »Dinge, die mir an meiner neuen Freundin am meisten gefallen« aufzustellen; würde ich mich allerdings dazu hinreißen lassen, landete Ivys unbekümmert falsches Pfeifen bestimmt unter den Top Eleven. Und wenn wir schon beim Thema Reihenfolge sind, muss ich zugeben, dass es auch etwas verfrüht sein dürfte, Ivy meiner Familie vorzustellen. Aber da wären wir, ungefähr noch eine Minute bis zur Landung.

»Wappne dich«, sage ich.

Ivy sieht mich an. »Hm?«

»Die Familie«, sage ich. »Sie sind ein bisschen … du weißt schon.«

»Keine Bange«, sagt sie. »Ich hab das schon mal mitgemacht. Zigmal, hundertmal und öfter.« Sie schmunzelt.

»Sehr witzig. Du bist es nicht, um die ich mir Sorgen mache.«

Hinter der nächsten Kurve kommt Dads Haus in Sicht.

Ich habe mich nie sonderlich darum gekümmert, wie mein Geburtshaus aussieht; es steht da, solange ich lebe, und ich stelle es genauso wenig in Frage, wie ich das mit meinen Füßen tun würde. Aber heute, in Begleitung von Ivy, fällt mir auf, wie gewöhnlich es wirkt, wie banal. Ich werde mir nur allzu bewusst, was ihm alles fehlt. Viktorianische Häuser, wie das in London, in dem ich wohne, gewinnen mit dem Alter an Charakter und Seriosität. Häuser wie dieses, in den Sechzigern oder Siebzigern des letzten Jahrhunderts gebaut, altern jedoch anders – wie betagte Fabrikarbeiter sind sie irgendwann gezeichnet von Rauch, Mühsal und Enttäuschung. Ich sehe Ivy an, und sie erwidert meinen Blick. Als sie vor dem Haus Rose Park Nr. 9 anhält, zieht sie die Augenbrauen hoch.

Sie müssen uns aufgelauert haben, denn noch bevor Ivy den Motor abgestellt hat, stürmen mein Vater, meine Schwester, mein Schwager und meine zwei kleinen Nichten zur Vordertür heraus. Ich winke und grinse hinter der Windschutzscheibe, aber niemand sieht in meine Richtung. Sie nehmen mitten auf der Straße Aufstellung, und ihre Gesichter leuchten vor Aufregung. Dad öffnet Ivys Tür, als gelte es, eine königliche Hoheit zu begrüßen. Imogen und Rosalind, die Zwillingstöchter meiner Schwester, sind gerade erst zehn Jahre alt, weswegen man ihnen verzeihen kann, dass sie hüpfen und drängeln, um meine Freundin besser sehen zu können (es fühlt sich gut an, sie »Freundin« zu nennen), doch meine Schwester und Dad sind zusammen fast hundert Jahre alt und führen sich trotzdem auf wie Geisteskranke. Und in dem Moment dämmert mir, was Ivy gepfiffen hat: »It Must Be Love«. Sie klettert aus dem Wagen und landet direkt in den Armen meines Vaters. Er drückt sie ungestüm an sich, und ich schicke achselzuckend eine Bitte um Verzeihung in ihre Richtung, als er sie auch noch in die Höhe stemmt. Ivy zwinkert oder zuckt zusammen, das lässt sich nicht genau unterscheiden, da ihr Gesicht an den Hals meines alten Herrn gequetscht wird.

Während ich, von allen unbeachtet, aus dem Wagen klettere, überfällt mich die Befürchtung, Ivys Pfeiferei vielleicht doch fehlinterpretiert zu haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es »House of Fun« oder möglicherweise auch »Embarrassment« war. Jedenfalls ganz sicher ein Song von Madness.

Bis das Begrüßungskomitee von der Straße ins Haus umgezogen ist, habe ich unser Gepäck aus dem Kofferraum gehievt, es nach oben getragen, eine Pinkelpause gemacht, Wasser aufgesetzt und eine Kanne Tee zubereitet.

»Alle zum Tee-Fassen«, sage ich, als sie in die Küche marschieren.

»Haben wir nicht irgendwo Wein?«, fragt meine Schwester Maria.

»Champagner tut’s auch«, sagt Dad und öffnet den Kühlschrank mit peinlich überschwänglicher Geste.

»Wow«, sagte Ivy.

»Ist doch wohl ein besonderer Anlass, oder?«, sagt Dad. »Reich mir die Gläser, Sohnemann.« Und dann bugsiert er Ivy ins Wohnzimmer.

Maria hilft mir, den Staub von den Sektgläsern zu spülen. »Scheint nett zu sein«, sagt sie grinsend.

»Das ist sie. Ist Hermione nicht da?«, frage ich sie nach ihrer ältesten Tochter, um dem unvermeidlichen Aber-was-findet-sie-bloß-an-dir?-Sarkasmus meiner großen Schwester zuvorzukommen.

Maria war keine sechzehn, als sie Hermione zur Welt brachte. Mum war damals noch nicht ganz ein Jahr tot, und die kleine Herms spielte eine wichtige Rolle für unser aller Trauerbewältigung. In ihren ersten sechs Lebensjahren, bis Maria ihren jetzigen Mann Hector kennenlernte und heiratete, war ich für Hermione wohl eher eine Vaterfigur als ein Onkel. Und jetzt, zehn Jahre später, sehe ich in ihr immer noch eher die Tochter als die Nichte.

»Hat ein heißes Date«, sagt Maria.

»Im Ernst? Und wie ist er?«

Maria zuckt mit den Achseln. »Besser als der Scheißkerl davor.«

»Dazu gehört nicht viel. Ich hatte gehofft, dass sie hier sein würde.«

»Gegen eine neue Liebe hast du keine Chance«, sagt Maria.

»Das denkst du«, sage ich. »Komm, retten wir Ivy vor Dad.«

Im Wohnzimmer hat Dad schon die Familienalben auf dem Tisch ausgebreitet. Bisher habe ich noch nie ein Mädchen, geschweige denn eine richtige Frau mit nach Hause gebracht, und ich nehme an, meine Leute haben allesamt zu lange darauf warten müssen. Also nippe ich an meinem Champagner und nehme die Demütigungen mannhaft hin, während sie sich über meinen nackten Babyhintern amüsieren, über meine im Laufe der Zeit wechselnden Frisuren und diversen modischen Eskapaden. Ivy, seit neunzehn Tagen meine Freundin, lächelt in meine Richtung und zwinkert mir zu.

Sowohl Ivy als auch ich arbeiten beim Film (Werbespots in meinem Fall, alles andere in ihrem), was bedeutet, dass wir Freiberufler sind. Während unserer ersten vier gemeinsamen Tage setzten wir keinen Fuß aus Ivys Wohnung. Es gab keine ausdrückliche Abmachung, aber wir schienen per Gedankenübertragung übereingekommen zu sein, uns erst wieder ins Freie zu begeben, wenn es unvermeidlich wäre. Wir waren uns darüber klar (und auch darüber klar, wie klar es dem anderen war), dass mit dem Platzen der Seifenblase jeder Weg zurück zum intimen, naiven Zauber des Anfangs versperrt wäre. Als die Vorräte knapp wurden, tranken wir unseren Kaffee schwarz, kratzten Schimmel aus den letzten Brotscheiben und aßen löchrigen Toast. Wir bereiteten uns Mahlzeiten aus Eiern und Keksen, Auberginen-Mayo-Sandwiches und Pasta in Hühnersuppensoße zu. Ivy las, während ich mir auf ihrem tragbaren Schrottfernseher amerikanische Krimiserien anschaute, wir spielten Monopoly, Scrabble und Karten, wir betranken uns mit Wein und Wodka, und schließlich fanden wir noch eine Flasche mit fast kristallisiertem Schnaps undefinierbarer Herkunft. Wir widerstanden allen Bringdiensten außer dem Pizzaservice, weil wir instinktiv wussten, dass Boten nur so lange ins romantische Bild passen, wie sie auf Mopeds angefahren kommen und nicht in Supermarktlastern. Aber dann ließ am Freitag ein Auftrag die Seifenblase platzen, denn Ivy wurde zu Dreharbeiten für einen Promospot gerufen. Auf dem Weg zum Dreh setzte sie mich – zusammen mit einer Tasche voller Klamotten – an meiner Wohnung ab, und unser Abschiedskuss war an Inbrunst jener Sorte vergleichbar, die man zum Abschied auf Flughäfen austauscht. Ihr Job dauerte fast die ganze folgende Woche, aber wir verbrachten die Nächte gemeinsam, trafen uns entweder in einem Restaurant oder gleich im Bett. An unserem zweiten Sonnabend beluden wir meinen Fiat 126 und fuhren ins Blaue, übernachteten in New Forest, Cotswolds, den Yorkshire Dales und im Peak District. Wir wanderten, fuhren, tranken und verpassten jeden Morgen das Frühstück. Gestern stellte ich fest, dass wir nur zwei Stunden vom Haus meines Dads entfernt waren, und ich hatte zu gute Laune, um ihm keinen Besuch abzustatten. Ivy und ich haben in der vergangenen Woche bestimmt mehr als fünfhundert Meilen zurückgelegt, wobei wir zu Songs im Radio sangen, Ivy mich vom Beifahrersitz mit M & Ms fütterte und ich sie mit Skittles, nachdem wir die Plätze gewechselt hatten.

Doch heute auf der Fahrt hierher hat sich irgendetwas verändert. Ich weiß noch genau, wann die Stimmung umgeschwenkt ist: Wir hielten in einem kleinen Dorf, um einen Happen zu essen und ein paar Sachen einzukaufen. Ivy ging in eine Drogerie wegen »Zahnpasta und so was«, und ich stattete dem lokalen Co-op einen Besuch ab. Wir trafen uns am Auto, Ivy mit einer Tüte voller Toilettenartikel, ich mit einer Tüte voller Lebensmittel und klirrender Flaschen. Und von dem Moment an war irgendwie alles … anders. Nicht auf besonders auffällige Weise, aber Ivy wirkte verhaltener. Sie sang nicht mehr mit Überschwang, mochte nicht mehr Ich-sehe-was,-was-du-nicht-siehst spielen und tätschelte nicht mehr mein Knie mit der geistesabwesenden Zuneigung, nach der ich schon beinahe süchtig geworden bin. Vielleicht war ihr wegen der Begegnung mit meiner Familie beklommen zumute? Und wer sollte es ihr angesichts der Inquisition, die sie hier erwartet, verdenken?

Dad will wissen, wo Ivys Eltern wohnen, wie sie genau heißen und ob sie zur Kirche gehen; Hector fragt, ob Visagistinnen viel Geld verdienen, sie ihren eigenen Buchhalter und eine eigene Website hat und ob sie Madonna kennt; die Zwillinge möchten wissen, ob sie noch Geschwister hat oder Haustiere, ob sie Hunde oder Katzen mag und ob sie gern eine Meerjungfrau, eine Fee oder eine Prinzessin wäre; Maria möchte erfahren, wo Ivy ihre Manschettenknöpfe gekauft hat, wo sie sich das Haar schneiden lässt, ob sie es schon immer lang trägt und was sie an mir findet.

»Mach dich mal nützlich«, sagt Maria und schwenkt ihr leeres Glas.

Ich hebe das Kinn und seufze. »Ich hab mich gerade erst hingesetzt.«

»Du sitzt schon seit drei Stunden auf deinem Hintern«, sagt Dad. »Mach schon, vertritt dir die Beine.«

Ich mache eine große Sache daraus, mich aufzurappeln, und verziehe mich maulend aus dem Zimmer. Nicht, dass ich ihnen ihre Drinks missgönne oder die Audienz bei meiner Freundin, aber tatsächlich weiß ich so wenig über die Frau, in die ich so sehr verliebt bin, dass ich ebenso neugierig auf ihre Antworten bin wie der Rest meiner Familie. Ich weiß, dass sie lieber Cider trinkt als Bier, ihre Lieblingspastete die mit Huhn und Lauch ist und dass sie schnarcht, wenn sie zu viel trinkt. Ich weiß, dass ihr Haar nach Kokosnuss duftet und ihr Mundgeruch morgens höllisch ist. Ich weiß, dass sie mit acht Jahren durch einen Glastisch gefallen ist und ihre Lieblingssüßigkeit Skittles sind. Aber da gibt es so viel, das ich nicht weiß – welcher ist ihr Lieblingsbeatle, wie hieß ihr erstes Haustier, wer war ihr erster Freund, welche ihre erste Schallplatte? Ich kenne nicht einmal ihren zweiten Vornamen, verdammt. Und aus irgendeinem Grund bin ich besonders daran interessiert, wie sie zur Frage Fee oder Meerjungfrau steht.

Als ich mit einer Flasche Wein zurückkomme, hören alle (Dad und Hector eingeschlossen) fasziniert zu, wie Ivy die beste Technik fürs Anspitzen eines Eyeliners beschreibt.

»Wann essen wir?«, fragt Maria.

»Ich komme um vor Hunger«, sagte Hector.

»Was gibt es denn?«, fragen die Zwillinge.

Alle sehen mich an, und ich schlurfe abermals aus dem Zimmer, diesmal von Sklaverei murrend.

Ich habe vier Hühnerbrüste kleingehackt, drei Zwiebeln, zwei Chilischoten, sechs rote Paprika, eine halbe Knoblauchknolle und nebenbei mindestens ein Drittel der Chorizo vertilgt, als Dad in die Küche spaziert.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Bin fast fertig«, sage ich ihm.

»Also«, sagt er von der Kühlschranktür her, »damit hatte ich nun gar nicht gerechnet.«

»Glaub ich gern.«

»Hier«, sagt er und stellt ein Glas Wein neben das Hackbrett.

»Cheers.« Ich trinke einen Schluck und nicke in Richtung Wohnzimmer. »Und?«

»Du hättest es schlechter treffen können«, sagt er schmunzelnd.

»Das hab ich schon«, sage ich. »Himmel, und wie.«

In resignierter, ewig duldsamer Zuneigung verdreht Dad die Augen. Er ist Religionslehrer an der Schule, die ich vor fast zwanzig Jahren besucht habe, und geht zwischen zwei- und fünfmal die Woche zur Messe – er ist das Zweitschlimmste nach einem Pfarrer.

»Tut mir leid«, sage ich.

»Wenn du so weitermachst, schließe ich dich noch in meine Gebete ein.«

Beim Essen drängeln wir uns Ellbogen an Ellbogen, innig und vertraut, um den kleinen Tisch, wärmen all die alten Anekdoten wieder auf und leeren diverse Flaschen Wein. Ich sitze Ivy gegenüber, die von meinem Vater und meiner Schwester eingerahmt wird. Und obwohl ich Ivy lieber an meiner Seite hätte als auf der anderen Seite des Tisches, bietet sich mir so die Gelegenheit, sie zu beobachten – sie lacht über die Scherze meiner Familienmitglieder, hört sich ihre Geschichten an und macht bereitwillig dabei mit, sich ordentlich volllaufen zu lassen. Meine Familie ist vernarrt in sie. Man buhlt um Ivys Aufmerksamkeit und überbietet sich gegenseitig mit Witzen, Prahlereien und Enthüllungen. Ich strecke mein Bein unter dem Tisch aus und streiche mit dem Fuß an der Innenseite einer Wade aufwärts, in der ich Ivys vermute. Maria fährt zusammen und schlägt mit dem Knie gegen die Unterseite des Tisches, dass Messer und Gabeln klirren.

»Was zum Teufel machst du da?«

»Krampf«, sage ich, und Maria sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Was ist denn los?«, fragt Ivy.

»Nichts. Ich mache Dehnübungen, sonst nichts.«

Ivy sieht mich aus Augenschlitzen an. »Hast du etwa …?« Sie wendet sich Maria zu. »Hat er mit dir … gefüßelt?«

Unwillkürlich blicke ich hinüber zu meinem Vater, aber der ist anscheinend voll auf das Dekor seines Tellers konzentriert.

»Was heißt ›füßeln‹?«, fragt Imogen, die um ganze zwanzig Minuten älter als ihre Zwillingsschwester ist und schon immer die wissbegierigere der beiden war.

»Das braucht dich nicht zu kümmern«, sagt Maria.

»Etwas, das nur ungezogene Jungs tun«, sagt Ivy und verdient sich damit ein Zwillingskichern.

»Ich hab mich nur gestreckt!«

»Und jetzt streckst du dich nach der Wahrheit«, sagt Ivy, wofür ihr Hector beinahe Beifall spendet.

Bis auf weiteres behalte ich die Füße bei mir, und bis zum Kaffeetrinken gelingt es mir, keinen weiteren Zwischenfall zu verursachen.

Wir sind beim Nachtisch (im Zimmer herrscht seltene Stille, weil alle mit einem ausgesprochen köstlichen Käsekuchen beschäftigt sind), als Dad verkündet: »Übrigens, William, ich schlafe heute Nacht in deinem alten Zimmer. Ivy und du könnt mein Bett benutzen.«

Es folgt eine lange Verlegenheitspause, während der die Worte meines Vaters – insbesondere der Ausdruck »benutzen« – über dem Tisch hängen bleiben. Ivy, ihre Gabel noch immer zwischen den Lippen, sieht meinen Vater an und brummt die Zwillingssilben Dan-ke. Vielleicht soll es aber auch Ver-dammt heißen.

Mit spöttischer Miene blickt Maria zu Ivy hinüber. Hector schaut mich an und verzieht das Gesicht. Ich widme mich meinem Käsekuchen und spüre, wie ich rot anlaufe.

Schon auf dem Weg hierher habe ich mir Gedanken über das Schlafarrangement gemacht. Dad ist katholischer als die Erbsünde, und das einzige Doppelbett im Haus gehört ihm, so dass ich mich bereits damit abgefunden hatte, zum ersten Mal, seit Ivy und ich zusammen sind, eine Nacht allein zu verbringen. Einerseits wäre das natürlich sehr schade, andererseits würde es früher oder später ohnehin geschehen, und um ganz ehrlich zu sein, bin ich auch etwas ausgelaugt. Außerdem würde es mir peinliche Gespräche mit meinem Vater ersparen.

»Wechselt die Bettwäsche«, sagt Dad. Und als ich den Fehler begehe, in seine Richtung zu sehen, zwinkert mir der blöde Hammel doch tatsächlich zu. Es ist zwar kein anzügliches Zwinkern – wenn ich raten müsste, würde ich meinen, dass es seine Zufriedenheit mit sich selbst zum Ausdruck bringen soll, so modern und verdammt gut organisiert zu sein –, aber ein Zwinkern ist ein Zwinkern, und womöglich muss ich es für alle Zeit als den Moment kennzeichnen, in dem mein Sexleben zugrunde ging.

Unser beider Befangenheit, als wir uns ausziehen, um ins Bett zu gehen, ist mit Händen zu greifen. Ich stolpere, als ich die Jeans abstreife, und meine blass baumelnde Blöße ist mir peinlich. Zum ersten Mal in unserer gemeinsamen Zeit klettert Ivy in Höschen und T-Shirt ins Bett. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in diesem Bett gezeugt worden, und obwohl ich nichts Schlüpfrigeres begehre als einen ernstzunehmenden Gute-Nacht-Kuss, bin ich etwas angefressen, weil Ivy anscheinend davon ausgeht, dass für heute genug gespielt wurde. Außerdem habe ich anderthalb Flaschen Wein getrunken, so dass sich mein Mund äußert, bevor mein Hirn die Chance bekommt, den Text zu überarbeiten.

»Du bist plötzlich so schüchtern«, sage ich und lasse dabei die S-Laute leicht schleifen.

»Ich bin müde«, sagt Ivy. »Ist das okay?«

Ob das okay ist?

Vielleicht habe ich mehr getrunken, als mir bewusst ist, denn ich höre mich sagen: »Klar. Mir doch egal.« Und das Gewicht dieser Wörter zerrt an meinen Mundwinkeln.

Zwar wird mit nichts um sich geworfen, weder mit Dekogegenständen noch mit Beschuldigungen, doch es ist das erste Mal, dass wir so etwas Ähnliches wie einen Streit erleben, und als ich das Licht lösche und ins Bett meines Vaters steige, ist in diesem Zimmer von Zärtlichkeit nichts zu spüren.

Ich ertaste Ivys Kopf mit den Händen: Sie hat ihn von mir abgewandt. »Nacht«, sage ich und küsse ihr Haar.

Ivy seufzt. »Nacht«, sagt sie, und das sehr leise.

Am Morgen küssen wir uns, aber während der Nacht ist etwas verlorengegangen – das Begehren, die Spannung, die Verheißung, irgendetwas. Es ist nicht gerade hilfreich, dass ich einen Mordskater habe. Ivy hingegen leidet anscheinend an keinerlei Nachwirkungen.

Sie verbringt viel Zeit in dem Bad, das zum Zimmer gehört und das sie schließlich vollständig bekleidet, begleitet von einer Dampfwolke und mit einem Handtuchturban auf dem Kopf, wieder verlässt. Und dieser urplötzliche Verzicht auf beiläufige Nacktheit konsterniert mich. Außer den Narben auf der linken Gesichtshälfte, an Kehle und Hals trägt Ivy auch noch auf dem Bauch, an der Hüfte, am rechten Unterarm, am rechten Oberschenkel und an der rechten Brust Spuren ihrer Verletzung. Und trotzdem ist sie sonst nackt oder fast nackt durch die Wohnung getapst, hat die Fische gefüttert, Kaffee gemacht, ihre Frühstücksflocken gegessen. Wir haben bestimmt die Hälfte unserer gemeinsamen Zeit splitterfasernackt verbracht. Als sie jetzt in Jeans, T-Shirt und Strickjacke aus dem Bad kommt, bin ich irritiert.

In der kurzen Zeit, die ich brauche, um zu duschen, verschwindet Ivy. Ich finde sie unten, wo sie sich mit Dad unterhält, der wahllos mehrere Saftkartons, jede Packung mit Cerealien, jedes Glas und jede Tube mit aufstrichähnlicher Substanz, die aufzutreiben war, auf den Küchentisch gepackt hat. Im Moment versucht er, Tee zu machen und gleichzeitig Toastscheiben mit Butter zu bestreichen, beides mit beklagenswertem Erfolg.

»Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht helfen soll?«, fragt Ivy.

»Alles unter Kontrolle«, sagt Dad und schafft es nach zwei vergeblichen Versuchen, den Deckel auf die Teekanne zu platzieren. »Also, wie möchten Sie Ihren Tee – verdammt! Sie wollten ja Kaffee.«

»Tee ist völlig in Ordnung.«

Aber statt den Tee ziehen zu lassen, gießt Dad alles in die Spüle.

»Ich Schussel«, sagt er und fasst sich an die Stirn. »Nein, Sie sagten Kaffee, und Sie kriegen Kaffee. Ist Pulverkaffee okay?«

Ivy ist ein unverbesserlicher Kaffeesnob, und ich weiß, dass sie lieber nichts trinken würde statt Pulverkaffee. Als sie jetzt Dad mit »Pulverkaffee ist perfekt« beruhigt, trifft mich Amors Pfeil von neuem.

Während Dad den Kessel gerade ein zweites Mal füllt, macht sich der Rauchmelder in der Küche mit einem durchdringenden, schrillen Fiepen bemerkbar, und meine bohrenden Kopfschmerzen mutieren augenblicklich zu einem fauchenden Monster mit nadelscharfen Krallen. Dunkler Rauch steigt vom Toaster auf, und Dad steht da wie angewurzelt, blickt vom Toaster zum Rauchmelder, versucht, zu entscheiden, wo er als Erstes eingreifen soll. Den Kessel immer noch in der Hand, schnappt sich Dad einen Mopp, der neben dem Kühlschrank steht, und prügelt so lange auf den Rauchmelder ein, bis der in Einzelteilen zu Boden fällt. Ein Teil fiept noch immer (wenn auch etwas verhaltener), aber Dad muss nur kurz darauftrampeln, bis es den Geist aufgibt. Der Toaster schießt indes zwei schwarze Scheiben in die Höhe.

Dad grinst Ivy an wie ein Gestörter. »Brauchte sowieso einen neuen«, sagt er.

Ich hebe die Rauchmelderreste auf, während Dad den verkohlten Toast über dem Ausguss sauberzukratzen versucht.

»Haut rein«, sagt Daddy und weist bedeutungsvoll mit seinem rußgeschwärzten Messer auf die Kartons mit Frühstücksflocken, um klarzumachen, dass er erst zufrieden sein wird, wenn wir alles vertilgt haben. Und so sind wir einem Frühstück aus verbranntem Toast, Pulvermüsli und Instantkaffee ausgeliefert, während Dad dort weitermacht, wo er am Abend zuvor aufgehört hat: Er verhört Ivy und demütigt mich.

Glücklicherweise muss Ivy morgen arbeiten – ein Zwei-Tage-Dreh für einen deutschen Autohersteller –, und wir wollen vor zehn Uhr unterwegs sein, so dass Dad weder seinen Haushaltsgeräten noch meiner Beziehung zu Ivy weiteren Schaden zufügen kann. Er besteht darauf, uns ein Lunchpaket mitzugeben, und schickt uns auf die Reise, ausgestattet mit ausreichend dunkelbraunen Bananen, weichen Birnen und dicken, von Frischhaltefolie strangulierten Käsestullen, um die nächste Woche zu überleben. Es ist durchaus möglich, dass mein Restalkoholspiegel den Grenzwert übersteigt, weshalb Ivy am Steuer sitzt. Ich presse den Kopf gegen das kühle Fensterglas auf der Beifahrerseite, um meine Katerkopfschmerzen zu lindern.

Den Fiat hat mir mein bester (schwuler) Freund El vermacht, der, seit er an der Huntington-Krankheit leidet, nicht mehr Auto fahren kann. Ein Stoßstangenaufkleber fordert kurzerhand: Bei Geilheit hupen, der zweite verkündet: Ich bin so andersrum, dass ich mich besser umdrehen sollte. Auf der M6 nach Süden wurden wir daher von Pkw auf Pkw auf Monstertruck angehupt, angetutet und angetrötet. Vergangene Woche war es noch unterhaltsam, heute nicht mehr ganz so.

»Ob die mich wohl für eine Frau halten?«, frage ich, als ein Ford Galaxy uns mit furzender Hupe überholt, drei fröhlich winkende Kinder am Heckfenster.

»Warum sollten sie?«, sagt Ivy, ohne zu lächeln.

»Du weißt schon … wegen der Aufkleber.« Ivy macht ein finsteres Gesicht. »Na ja, dass du kein Mann bist, sieht man ja wohl.« Ich warte vergeblich auf ein zustimmendes Schmunzeln. »Angenommen also, wir sind ein Lesbenpaar, dann bin ich eine Frau.« Ich streiche mit der Hand über mein kurzes kastanienbraunes Haar. »Die männliche.«

»Vielleicht hält man uns nur für befreundet«, sagt Ivy. Ich zerbreche mir während der folgenden Meilen den Kopf, ob ich Ivy zu nahe getreten bin. Vielleicht sind einige ihrer besten Freundinnen lesbisch. Oder eine Tante. Sie hat nie davon gesprochen, und das Thema kam auch während des Verhörs am vergangenen Abend nicht zur Sprache, aber nichts ist unmöglich.

Ein neuer Song tönt aus dem Radio: »Could It Be Magic«.

»Wer ist dein Lieblingsbeatle?«, frage ich.

Ivy schickt mir einen Seitenblick. »Weißt du nicht, dass das Take That sind?«

Ehrlich gesagt, hätte ich auf Boyzone getippt, aber ich nicke trotzdem. »Natürlich.«

Ivy sagt nichts.

»Also?«, traue ich mich.

»Was?«

Es liegt eine Schärfe in Ivys Reaktion, die mich unzweifelhaft verstehen lässt, dass sie sauer ist. Wahrscheinlich weil ich mich gestern Abend irgendwie unsensibel verhalten habe.

»Die Beatles«, sage ich fröhlich in der Überzeugung, dass es, statt mich für mein Verhalten gestern Abend zu entschuldigen (und dadurch Ivy wieder daran zu erinnern), am klügsten sein dürfte, diesen ganzen Unsinn unter einer Lasur Frohsinn verschwinden zu lassen. »John, Paul, Ringo oder der andere?«, sage ich.

»Der andere«, sagt meine Heißgeliebte.

»Mick oder Keef?«, beharre ich.

»Haben wir nicht schon gestern Abend ›Zwanzig Fragen‹ gespielt?«

»Ja. Ihr jedenfalls, ich habe ja gekocht. Aber was ich davon mitbekommen habe, hat mir deutlich gemacht, wie viel wir noch nicht voneinander wissen. Das ist alles.«

Ivy zieht auf die Außenspur, um einen Konvoi Autos zu überholen, die allesamt mindestens drei Meilen pro Kilometer unter der Höchstgeschwindigkeit fahren. Der Fiat tut sich schwer und rüttelt und klappert, während wir mehrere Fahrzeuge so langsam überholen, dass ich jedem der Fahrer durchs Fenster die Hand schütteln könnte. Wir reihen uns wieder auf die mittlere Spur ein, und ich hole Luft.

»Tut mir leid wegen gestern Abend«, sage ich und gebe damit meine Strategie der unbedarften Ahnungslosigkeit auf.

»Schon gut. Sie sind alle ganz reizend.«

»Ich meinte mich … Ich möchte mich meinetwegen entschuldigen.«

»Ist schon gut.«

Ich warte dreißig Sekunden, Ivy sagt jedoch nicht, dass auch ich reizend bin.

Und natürlich habe ich es nicht eilig zu erfahren, welcher Ivys Lieblingssong von Take That ist, und mir ist schnurz, welche Examina sie bestanden hat oder wie ihre erste Katze hieß. Es gibt da jedoch andere Einzelheiten – auf ihre Weise nicht weniger trivial –, über die nicht im Bilde zu sein an Fahrlässigkeit grenzt.

»Ich weiß nicht einmal, wann du Geburtstag hast.«

»Neunundzwanzigster Oktober«, sagt sie.

Eine Sekunde Stille. Ivy dreht sich zur Seite, behält mich einen Moment lang im Auge, zieht eine Augenbraue Stück für Stück in die Höhe. Ein angedeutetes Lächeln zupft an ihrem Mundwinkel. »Ich werde einundvierzig«, sagt sie und konzentriert sich wieder auf den Verkehr.

Acht Pkw, zwei Transporter und zwei Kombis überholen uns, bevor ich meine Erwiderung ausspreche.

»Cool«, sage ich. Als hätte Ivy beiläufig ein beeindruckendes Talent oder eine außergewöhnliche Fähigkeit enthüllt: Ich hab mal Gitarre in einer Heavy-Metal-Band gespielt. Ich bin Marathon in 2:58 gelaufen. Ich kann eine Kalaschnikow mit verbundenen Augen zusammensetzen. »Echt cool.«

Aber diese Information hat mich umgeworfen (nicht, dass es besonders schwer gewesen wäre, mich an diesem Morgen aus dem Gleichgewicht zu bringen), und während der folgenden dreißig Meilen oder so wechseln wir kein Wort.

Ivy wird also einundvierzig, und damit ist sie neun Jahre älter als ich. Als sie so alt war wie ich jetzt, war ich zweiundzwanzig. Als sie zweiundzwanzig war, war ich dreizehn. Und in die andere Richtung gedacht: Wenn ich so alt bin wie sie jetzt, wird Ivy fünfzig sein. Man kann sagen, was man will – das ist echt alt. Ich möchte gar nicht daran denken, wie alt Ivy sein wird, wenn ich fünfzig werde. Für Männer ist fünfzig ein gutes Alter: eine Zeit der distinguierten grauen Schläfen und bestimmt nicht der Runzeln, sondern der Denkerfalten, die von hart erarbeiteter Lebensweisheit künden. Bei dem Gedanken, wie alt Ivy sein wird, wenn ich mein halbes Jahrhundert hinter mich gebracht habe, wird mir mächtig flau im Magen. Sie sieht nicht alt aus: Ihr Körper ist toll und ihre Haut bis auf die vernarbten Stellen seidenweich und glatt. Ich wehre mich in diesem Moment gegen das große Bedürfnis, den Kopf zu drehen und ihre Augenwinkel auf erste Andeutungen von Krähenfüßen zu checken. Natürlich wird sich alles ausgleichen, bis ich achtzig bin. Das kann ich mir wenigstens vorstellen. Außerdem leben Frauen ja gern länger als Männer, und da Ivy fast ein Jahrzehnt älter ist als ich, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir beide gemeinsam dahinscheiden können, Hand in Hand auf dem Sofa vorm langsam verglühenden Kaminfeuer in unserer Ruheständlerkate an der Küste. So weit, so gut.

Wir machen an der Raststätte eine Pinkelpause, und Ivy braucht fürs Austreten so lange, dass ich allmählich fürchte, sie sei entweder entführt worden oder habe sich einfach von einem attraktiven Fremden mitnehmen lassen. Als sie zum Auto zurückkehrt, sieht sie noch geknickter aus als schon den ganzen Morgen, wenn das überhaupt geht. Ich habe ihr eine riesige Packung Skittles gekauft, die ich mit einem Honigkuchenpferdgrinsen überreichen möchte, aber Ivy sagt, sie fühle sich lausig, und bittet mich zu fahren. Sie bastelt sich ein Kissen aus einem zusammengefalteten Pullover, dreht den Sitz so weit nach hinten wie möglich – was nicht weit ist – und schließt die Augen. Und so reißen wir die nächsten Meilen ab, begleitet vom Hupkonzert der vorbeirasenden Autos und Motorräder und Transporter und im Visier der dämlichen Fratzen, die hinter den Scheiben ihre Faxen machen.

Wann ist es schiefgelaufen? ist die Frage, die ich mir wieder stelle. Ganz sicher ist nicht unser Knatsch gestern Abend, wenn man das überhaupt Knatsch nennen kann, dafür verantwortlich, dass Ivy sich so plötzlich in sich zurückgezogen hat. Wir haben die romantischsten, verknalltesten, ja fast widerlich glückseligsten drei Wochen Zusammensein hinter uns, die man sich vorstellen kann. Wir sind einander nicht von der Seite gewichen, haben einander »Baby« genannt, ohne uns dabei total albern vorzukommen, wir haben uns täglich geliebt, und wir haben nackt unser Brot getoastet. Und jetzt … nichts mehr. Der paranoide Snob in mir fragt sich, ob es an der abblätternden Farbe auf Dads Eingangstür gelegen haben mag, an der Resopalküche, an der losen Toilettenbrille; aber eigentlich weiß ich, dass es nicht so ist. Und sollte es doch daran liegen, ist Ivy nicht die Person, für die ich sie gehalten habe. Vielleicht fühlt sie sich unwohl wegen ihres Alters. Vielleicht gehe ich ihr tierisch auf den Wecker, und das hat sie erst jetzt so richtig geschnallt. Vielleicht hat sie meinen Dad beobachtet, wie er sich in der Küche als Hanswurst aufführte, und darin mich in zukünftigen Zeiten erkannt. Oder sie bekommt gerade ihre Tage – und ich bin so verzweifelt darauf aus, zu erfahren, was ihr über die Leber gelaufen ist, dass ich tatsächlich kurz davor bin, sie zu fragen, ob das der Fall ist. Allerdings habe ich den Verdacht, dass diese Frage nicht dazu beitragen würde, Ivys Stinklaune ins Gegenteil zu verkehren.

Als wir die M25 gekreuzt haben und wieder in Londons Umlaufbahn kreisen, habe ich die gesamte Packung Skittles aufgegessen, und mir ist übel. Als hätte sie gar nicht geschlafen, sondern einfach mit geschlossenen Augen still dagesessen, richtet sich Ivy auf und reckt ihren steifen Hals.

»Morgen«, sage ich heiterer, als mir zumute ist.

»Hey«, sagt Ivy. Sie lächelt, wenn auch nur oberflächlich.

»Zu mir oder zu dir?«, frage ich, weiß jedoch bereits, dass mir die Antwort nicht gefallen wird.

Ivy sagt, dass sie morgen arbeiten müsse und müde sei. Sie muss noch die Wäsche machen, ein Bad nehmen, den Goldfisch füttern und so weiter.

Ihre Wohnung liegt gegenüber dem vierten Laternenpfahl links in einer von Bäumen gesäumten Straße in Wimbledon. Hier haben wir uns zum ersten Mal geküsst, in diesem Wagen, neben diesem Laternenpfahl. Welche Wonneschauer auch immer uns dabei überlaufen haben, jetzt sind sie einer zähen Unbeholfenheit gewichen. Ich steige aus und hole Ivys Gepäck aus dem Kofferraum. Sie nimmt mir den Koffer ab, will ihn selbst tragen. Verlegen stehen wir auf dem Asphalt – Ivy lädt mich nicht zu sich ein, und ich bitte sie nicht darum. Empörung steigt in mir auf, hinterlässt Verdruss, Enttäuschung – und legt mein Ego in Scherben.

»Also schön«, sage ich. »Dann will ich mal.«

Ivy stellt den Koffer ab und schenkt mir eine stumme Umarmung. Der Kuss, den sie mir seitlich auf den Hals drückt, dauert sekundenlang, ungefähr so lange, wie man einen endgültigen Abschiedskuss ausdehnen würde. Sie tätschelt meine Wange, lächelt mit den Lippen, nicht jedoch den Augen, sagt: »Es war nett. Danke.«

»Keine Ursache«, sage ich »Viel Vergnügen in der Badewanne.«

Wir küssen uns noch einmal, Ivy wendet sich ab, um die Straße zu überqueren, und ich bin weg, bevor sie ihren Schlüssel ins Türschloss steckt.

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Kapitel zwei

»Nimm b… bitte … Nimm die Ana…nas weg.«

El hat nicht immer Zugriff auf die Wörter, die er braucht; und wenn doch, kriegt er sie nicht immer in einem Rutsch über die Lippen. Es ist mehr als nur ein Stottern. Die Anstrengung zeigt sich in seinen Zügen, wenn er versucht, ein Wort hervorzupressen, und dabei einen Widerstand bewältigen muss, als versuchte man, Sirup durch einen Strohhalm zu pusten. Trotzdem: Gute Manieren können nicht schaden.

»Zauberwort?«, sage ich.

»B… bitte – scheißpronto.«

»Das klingt schon besser«, sage ich und pflücke ihm die Ananasstückchen von der Pizza.

El reißt den Mund auf, und ich schiebe ihm die Spitze des zusammengeklappten Pizzastücks zwischen die Lippen. Sein Kopf wackelt, dennoch schafft er es abzubeißen, ohne noch mehr Tomatensoße auf seinem bereits beschmierten Gesicht zu verteilen. Unter der Soße ist er tiefbraun, aber selbst dieser Teint erzeugt nicht einmal die Illusion von Gesundheit. El und sein Freund Phil sind vor zwei Tagen von einer Urlaubsreise nach San Francisco zurückgekehrt. So unwahrscheinlich es auch ist, dass El in dieser Zeit erheblich abgebaut haben könnte, scheinen sich jedoch seine Zuckungen, sein Gewackel und seine Artikulation verschlimmert zu haben.

»Wa… wa… wa…«

»Was?«, versuche ich, ihm zu helfen, aber El schüttelt den Kopf. »Wer?«

El schüttelt erneut den Kopf. »No… mal«, sagte er.

»Warum?«

El nickt. »Warum? Warum tut einer Ana…nas auf eine P…?« Mit zitterndem Finger zeigt er auf die Pizza zwischen uns.

»Ist Pizza Hawaii«, sage ich ihm. »Hast du bestellt.«

El zuckt mit den Achseln. »Klingt gut.«

Wie alle besten Freunde, die in London in einem Umkreis von zehn Meilen wohnen, trafen El und ich uns früher ungefähr dreimal im Jahr. Doch kaum etwas ist eine so wirkungsvolle Arznei gegen das Phlegma wie eine unheilbare Krankheit. Erst als ihn die Huntington-Krankheit zwischen die Zähne bekam, machten wir es uns zur Gewohnheit, jeden Dienstag zusammenzukommen. Anfangs gingen wir in den Pub, doch als sich Els Zustand verschlimmerte, verlor er seine Trinkfestigkeit im selben Maße wie seine Hemmungen und die Beherrschung sozialer Etikette. Wir zogen in ein nahegelegenes Curry-Restaurant um und erschienen dort am frühen Abend, wenn der Laden noch leer war und El ohne Publikum fluchen, zucken, stammeln und sein Glas fallen lassen konnte. Im Laufe der vergangenen Monate wurde selbst das schwierig. Also sind wir jetzt bei Pizza und alkoholfreiem Bier in Els Wohnzimmer angelangt.

Irgendwo in meinem Kopf lebt er noch als der zehnjährige Junge, mit dem ich um die Wette Fahrrad fuhr, als der Teenager, dem ich geklaute Pornos abkaufte, und als der erwachsene Mann, der mir unvergleichliche Lachkrämpfe bescherte. Und jetzt fühlt es sich so an, als ob der ganze Verfall, den El in den letzten paar Jahren am eigenen Leib erfahren hat – die ständigen Zuckungen, das Krampfen, der Mangel an Koordinationsfähigkeit, die Gleichgewichtsstörungen, die Einbuße an Empathie, der Gewichtsverlust, ja der Verlust aller Feinheiten und Nuancen, die El zu El machen –, als hätten sich all diese Beeinträchtigungen in den drei Wochen seiner Abwesenheit auf einen Schlag entwickelt. Und obwohl ich weiß, dass es nicht so ist, ist unbestreitbar, dass sich seine Artikulation verschlechtert hat. Bevor er sich in den Pub verabschiedete, sagte mir Els Freund Phil, er müsse ihm immer öfter bei der Wortfindung helfen, bei der Strukturierung seiner Gedanken und beim Verstehen dessen, was andere zu ihm sagten.

Ich greife zu einem Stück Quattro Formaggi, klappe es zusammen und beiße ab.

»Fi… figgstu noch diese F… Frau?«, fragt El und sieht mich in Erwartung einer Reaktion belustigt an.

»Ich kann mich nicht erinnern, je von Ficken gesprochen zu haben.«

»P… P… Pippa, oder? Hops, hops!«

»Ivy«, sage ich und zucke innerlich zusammen. »Sie heißt Ivy, wie der Efeu.«

»W… w… wirst du nie wieder l… l… los«, sagt er, und obwohl er nur dasselbe sagt wie so viele andere, wenn sie zum ersten Mal Ivys Namen hören, muss ich lachen, weil es bedeutet, dass der alte El – zumindest teilweise – noch bei uns ist.

»W… w… w…«

»Wer? Was? Wann? W…«

»Wann! Wann lerne ich sie kennen?«

Gute Frage.

Nachdem meine vorherige Freundin Kate mir davongelaufen war, machte ich genau das, was jeder gedemütigte Idiot tun würde: Ich schlief mit der Empfangssekretärin bei meiner Arbeit. Pippa hatte die liebenswerte, aber auch witzige Angewohnheit, »Hops, hops« zu lispeln, wenn sie auf mich kletterte. Was ziemlich häufig vorkam. Und was … ich El erzählte. Ich weiß – aber er ist mein ältester Freund, und ich konnte nicht anders. Schon bald wurde diese Indiskretion zu einer Heimsuchung, weil sich Pippas Name eben dort festsetzte, wo sonst kaum etwas haften bleibt: in Els Hirn. Sollte es sich bei meiner nächsten Freundin nicht zufällig um eine Trampolinspringerin namens Pippa handeln, wäre es also ganz sicher ein Fehler, sie El vorzustellen.

El sieht mich erwartungsvoll an.

»Bald«, sage ich.

Els Augen werden zu Schlitzen. »Sie … sie … hat dir den L… den L…?«

»Könntest du es buchstabieren?«, frage ich und erinnere mich an Phils Empfehlung, El mit Hilfe von Schlüsselwörtern zu entlocken, was er sagen will. »Oder nachmachen, wie es klingt?«

Die Sehnen in Els dünnem Hals treten vor Anstrengung hervor, als er sich zu einem neuen Versuch aufrafft: »La… L… Au…«

»L-AU?«

El nickt. »Ffff…« Er verdreht den Hals weit nach links, und seine Lippen beben, als wollten sie versuchen, den nächsten Buchstaben aus der Luft zu schnappen. »P… A…«

»L-A-U-F-P-A-S-S?«

El schlägt die Hände gerade so zusammen, dass man es ein Klatschen nennen kann. »Sie hat dir … Laufpass gegeben, hat d… d… dur…schaut. Hahaha.«

»Soll das witzig sein?«

»Is wohl nich«, sagt er. Seine Miene ist plötzlich ernst. »Traurig, tragisch, aber z… zu erwa… erwar…«

»Erwarten?«

Els Finger schnellt in meine Richtung wie der eines Showmasters, der auf einen siegreichen Kandidaten weist.

»Tut mir echt leid, dich enttäuschen zu müssen«, sage ich, »aber Ivy hat mir nicht den Laufpass gegeben.«

»No… no… n…«

Ich weiß, worauf der Mistkerl hinauswill, aber ich will verflucht sein, wenn ich es ihm leichter mache.

»Scheiß drauf«, sagt El. »Kannst mich tragen?«

Ich möchte bezweifeln, dass El je sein Teenagerziel erreicht hat, eins achtzig zu werden, und er war schon mager, bevor Huntington ihn auszuzehren begann. Jetzt wiegt er wohl kaum mehr als eine meiner zehnjährigen Nichten.

»Ich bin ziemlich sicher, dass ich dich ohne Anstrengung aus dem Fenster werfen könnte«, sage ich zu ihm.

El überlegt. »Ma… mach hin«, sagt er.

Das Haus, das El sich mit Phil teilt, hat fünf Stockwerke. Die Eingangstür thront über einem kurzen Treppenabsatz gefliester Stufen, der zur Auffahrt und der verkehrsreichen Straße vor dem Haus führt. El möchte »fr… frische Luft«, und so hebe ich meinen besten Freund hoch, trage ihn vorsichtig drei Dutzend Stufen hinunter und setze ihn sanft ab. Er ist sogar noch leichter, als ich vermutet habe, dennoch spüre ich die Anstrengung in meinen Armen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten kramt El ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug aus seiner Tasche. »Ste… steck m… mir eine an«, sagt er.

Ich komme seiner Bitte nach und reiche ihm die brennende Marlboro. »Du rauchst doch gar nicht«, sage ich.

El hebt den Beweis des Gegenteils in die Höhe und bläst Rauch in meine Richtung. Der Verkehr hier ist gnadenlos und hüllt uns an diesem milden Augustabend in eine solche Smogwolke, dass eine Ladung Rauch mitten ins Gesicht kaum mehr bedeutet als eine leichte Kränkung.

»Zumindest hast du vor drei Wochen noch nicht geraucht.«

El inhaliert tief, behält den teergeschwängerten Rauch in der Lunge, reißt die Augen auf und fängt zu schielen an. Ich warte darauf, dass er grün anläuft, hustet und prustet, aber er öffnet nur den Mund und lässt den Rauch langsam entweichen. »Wi… wisst du eine?«

»Nein danke, eklige Angewohnheit.«

»Sagt Phil auch.« Er grinst. »Aber man sieht dabei verfl… verflucht … coo… cool aus.«

»Stimmt«, bestätige ich ihm.

Abgesehen von der Luftverschmutzung, ist es angenehm, auf den Stufen zu sitzen und zuzusehen, wie Menschen und Autoverkehr sich mit beinahe derselben Geschwindigkeit vorbeibewegen. El ist bei seiner dritten Kippe, als Phil zurückkommt. Er schüttelt den Kopf, als er uns sieht, und winkt mir kurz zu.

»Na, Jungs«, sagt er und steigt die Stufen herauf. »’ne kleine Party?« Und dann hebt er mit einem strafenden Schnalzen Els Zigarettenstummel auf und wickelt sie in ein Papiertaschentuch.

»Danke … Dar… Darling«, sagt El.

»Nicht gern geschehen«, sagt Phil, setzt sich zwischen uns und zupft die Zigarette zwischen Els Fingern hervor. Er nimmt einen Zug und gibt sie El zurück. »Verdammt eklige Angewohnheit.«

»A… alle g… g… guten Angewohn…heiten sind eklig«, sagt El und zwinkert mir zu.

»Wohl wahr«, sagt Phil.

»Wie sind wir überhaupt auf dieses Thema gekommen?«, sage ich und wedele mir den Rauch aus dem Gesicht.

Phil blickt zu Boden und schüttelt den Kopf.

»Innerst d… dich an den S… Song von den Smiths?«, fragt El.

»›Please, Please, Please, Let Me Get What I Want‹«, schlägt Phil mit schelmischem Lächeln vor.

»›Bigmouth Strikes Again‹?«, versuche ich.

»Ihr blö… blöden Witzbolde. N… nein. ›What D… Di…Diff… Scheiße!«

»Ich weiß«, sagt Phil freundlich. Er nimmt El die Kippe aus der Hand und nimmt einen tiefen Zug, bevor er sie zurückgibt. »›What Difference Does It Make‹.«

Mein Gott, würde ich doch auch rauchen. »Und«, frage ich, »wie war’s im Pub?«

»Überfüllt, laut, aber irgendwie trotzdem nicht richtig was los«, sagt Phil.

»Hä… hättst … in den P… P…ff … Puff gehn sollen.«

»Da war ich ja«, sagt Phil.

»Ge… geb…«

»Du lieber Gott«, sagt Phil. »Ist schon schlimm genug, dass er mich bei jedem zweiten Atemzug verscheißern muss. Aber sich immer gedulden zu müssen, bis er es endlich ausgespuckt hat … Ich schwöre, das ist, als wenn man darauf wartet, dass die Jungs vom Erschießungskommando endlich abdrücken.«

»Jemand ei… einen geb… gebl…« Els schadenfroher Blick kündigt an, dass die Bemerkung, die herauszubringen ihm so schwerfällt, es ganz bestimmt in sich hat. »Geblasen hast du nicht?«

»Da muss ich dich enttäuschen, mein Herzblatt, aber das Einzige, was mir über die Lippen gekommen ist, war ein ziemlich mauer Merlot.«

El zuckt ungehalten mit den Achseln. In letzter Zeit hat er viel Energie und Eifer in den Versuch investiert, Phil zu überreden, sich einen neuen Freund zu suchen. Neben den körperlichen Symptomen beeinflusst die Huntington-Krankheit Charakter und Persönlichkeit ihrer Opfer, mindert ihr logisches Denken, ihre Vernunft und ihre sozialen Hemmungen. Bedenkt man, dass El schon immer einen Hang zur Taktlosigkeit besaß, mag die Mischung daraus traurig sein, ebenso wie sie lustig oder zutiefst verstörend werden kann. Aber hinter Els leidenschaftslosen Kuppelversuchen steht mehr als seine Krankheit oder purer Unfug. Er weiß, dass er sterben wird und dass er sich kaum noch ähneln wird, wenn es so weit ist. Das Problem dabei ist jedoch in seinen Augen, dass er noch locker zehn Jahre durchhalten könnte und Phil dann schon weit in den Fünfzigern wäre. Daher rührt also Unsinn wie seine Ankündigungen, mit Phil Schluss zu machen oder dass er ihn auf Dating-Websites anmelden will, »so… sol…lange er noch ju…ung … gnug ist, einen annern zu finden«. Etwas derart Romantisches ist mir bislang nicht untergekommen.

»F… Fisher hat den Laufpass gekriegt«, sagt El.

Phil zieht eine Braue in die Höhe.

»Nein, hat Fisher nicht«, sage ich.

»Noch nicht«, sagt El.

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Kapitel drei

Ich bin auf Esthers Sofa schon fast eingeschlafen, als mein Handy klingelt und mich rüde in eine Realität zurückholt – Columbo: Sex and the Married Detective –, die ebenso lebensnah ist wie ich in Stimmung für diesen Tag.

Seit dem zweiten Highschool-Jahr habe ich mir keine Gedanken mehr darüber gemacht, in welche Reihenfolge meine Freunde gehören, aber sollte ich je wieder die Neigung verspüren, es zu tun, wäre Esther definitiv unter den ersten drei. Schon mehr als fünf Jahre wohnen wir jetzt über- und untereinander, tauschen zu Weihnachten, zu den Geburtstagen und zu Ostern Geschenke aus und freuen uns tagsüber über dasselbe Fernsehprogramm, was angesichts der langen Freizeitphasen, die mein Job mit sich bringt, von nicht unerheblicher Bedeutung ist. Meine dreiundsechzigjährige Nachbarin von unten ist nicht wirklich die passende Begleiterin, wenn es darum geht, im Pub ein paar Halbe zu kippen und Mädels anzubaggern, doch dafür hat sie stets eine großartige Auswahl an Keksen zu bieten. Esthers Ehemann Nino geht im November in den Ruhestand, und bald darauf werden sie Lärm, Gestank und Gefahren des Londoner Stadtteils Brixton gegen die ländliche Idylle Italiens austauschen – wer könnte es ihnen verdenken? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Brixton nur eine Träne nachweinen werden. Aber mir werden sie fehlen, vor allem Esther wird mir schrecklich fehlen. Ohne sie hätte ich in der vergangenen Woche den Verstand verloren.

Es sind jetzt ungefähr sechsundneunzig Stunden vergangen, seit ich Ivy das letzte Mal gesehen habe. Wir haben kurz telefoniert und ein paarmal gesimst und einander dabei kaum mehr mitgeteilt, als dass wir eben erst aufgewacht seien oder schon sehr bald schlafen gehen würden. Ich verkünde Ivy, dass sie mir fehlt, und sie antwortet Du mir auch, was jedoch eher nach einer Höflichkeitsfloskel als nach einem Bekenntnis klingt. Montag und Dienstag war sie arbeiten, als ich jedoch ein Treffen am Mittwoch vorschlug, musste Ivy sich mal wieder bei den Mädchen blicken lassen. Heute hat sie allerhand zu erledigen – Wichtigeres und/oder Reizvolleres, als mich zu sehen, wie es scheint. Esther versorgt mich mit Heißgetränken und weisem Rat, deutet an, Ivy könne verheiratet sein oder einfach nur ihre Tage haben. Nach ihrer jüngsten Theorie (wir hatten uns Wiederholungen von Im Visier des MI5 reingezogen) arbeitet Ivy für den Geheimdienst. (»Nun, mein Bester, einer muss es ja tun.«)

Ich ziehe mein penetrant läutendes Telefon aus der Tasche. Und so sicher ich mir bin, dass Ivy dran ist, so sicher bin ich auch, dass sie sich mit diesem Anruf von mir trennen wird. Ich hauche ein lautloses »Ivy« zu Esther, obwohl ich den Anruf noch gar nicht entgegengenommen habe und es keinen Grund zum Flüstern gibt. Esther schaltet den Fernseher aus und will vom Sofa aufstehen, was in der Regel eine eher langwierige Prozedur ist, und ich befürchte, dass Ivy die Geduld verliert und auflegt. Daher setze ich meinen Fuß auf Esthers ausladendes Hinterteil und stemme sie in die Vertikale. »Danke, Süßer«, sagt sie. »Viel Glück.«

Ich melde mich am Telefon.

»Hallo«, sage ich mit aufgesetzter Unbekümmertheit und füge »Fröhlichen Donnerstag« hinzu. Idiotischerweise.

»Hey«, sagt Ivy.

Es ist das erste Mal in vier Tagen, dass sie Kontakt zu mir aufgenommen hat, doch gemessen an dem Enthusiasmus in ihrer Stimme lag ihr eigentlich nichts ferner.

»Und, wie steht’s?«, frage ich.

»Ach … du weißt schon.«

Nein, gar nichts weiß ich, ich habe nicht den leisesten Schimmer. Oder vielleicht habe ich doch eine Ahnung und bin nur zu verbohrt, um die Botschaft zu kapieren. Ivy sagt kein Wort, weshalb ich mich kopfüber in die Funkstille stürze. »Hier in Brixton jedenfalls wird mörderisch abgerockt«, sage ich.

»Abgerockt?«

»Esther und ich«, sage ich. »Columbo, Mord ist ihr Hobby, Quincy und eine Packung Kekse mit Vanillecreme.«

»Verstehe«, sagt Ivy.

»Wir haben bestimmt fünf Halbe Earl Grey gezischt«, sage ich, und beim Klang meiner Stimme überkommt mich das Verlangen, mir die Zunge abzubeißen.

»Was hast du morgen vor?«

»Nichts, absolut nichts.«

»Wie wär’s mit Frühstück?«

Mir geht das Herz auf, es erblüht und führt einen neckischen kleinen Freudentanz auf. »Ja«, sage ich. »Auf jeden Fall, klar. Bei dir oder bei mir? Nein, das klingt ein bisschen … verstehst du, aber ich kann in weniger als einer Stunde bei dir sein, wenn ich sofort losfahre. Ich könnte unterwegs auch noch ein paar Würst…«

»Nein«, sagt Ivy. »Ich meinte Frühstück, und ich meinte morgen.«

»Richtig … ja, natürlich.«

»Wir … wir müssen reden«, sagt sie, und in meiner Brust kappt jemand die Sehnen, die das Herz an seinem Platz halten. Von allen Lebensadern getrennt, sackt mein Innerstes nach unten und rollt sich an einen Platz gleich hinter dem Bauchnabel zusammen, wo es schwer wie ein Felsbrocken liegen bleibt.

»Ja«, sage ich. »Ich weiß.«

Wir verabreden uns für halb elf am nächsten Morgen in einem Café in Wimbledon.

Mir ist übel.

Esther lädt mich zum Abendessen ein, aber ich wäre ein miserabler Gast und habe ohnehin keinen Appetit. Stattdessen wandere ich durch meine Wohnung, lasse mich von Zimmer zu Zimmer treiben, erwische mich dabei, dass ich gelegentlich aus einem der Fenster stiere, mein Spiegelbild auf dem Fernseher betrachte und in diversen anderen Akten des Selbstmitleids versinke. Mein Blick bleibt an einem gerahmten James-Bond-Poster (In tödlicher Mission) hängen. Trotz meiner Proteste, dass es sich um ein Weihnachtsgeschenk von Esther handle, machte sich Ivy deswegen über mich lustig. In dem Moment habe ich ihre Reaktion als ironische »Ach, du bist süß«-Stichelei eingeschätzt, aber vielleicht schien es ihr ja einfach nur jämmerlich? Es sei denn, Ivy ist tatsächlich eine Geheimagentin und fand es daher so amüsant. Als Visagistin hat man immerhin die perfekte Tarnung: Man hat unregelmäßige Arbeitszeiten, und niemand würde sich über eine sprunghafte Terminplanung wundern; man hat häufig Aufträge im Ausland und Zugang zu den Reichen und Schönen, so dass man ohne Schwierigkeiten Haarproben für DNA-Analysen und so was sammeln kann. Außerdem macht Ivy sehr passioniert Yoga, was ihr zugutekommen dürfte, wenn es darum geht, sich in diesen Laserstrahllabyrinthen zu bewegen, mit deren Hilfe heutzutage Fabergé-Eier, große Diamanten und Mikrofilme vor Räubern geschützt werden. Nicht zu vergessen Ivys Narben – sie sagt, sie sei als kleines Mädchen durch einen Couchtisch gekracht, aber wer weiß, was für eine actionreiche Geschichte sich dahinter verbirgt?

Doch selbst wenn Ivy eine Spionin ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie mich abschießen muss, oder, Commander Bond?

»Oh, Sie wurden tatsächlich abgeschossen«, sagt 007. »Und Ihre Lizenz wurde endgültig widerrufen.«

Was immer sich morgen beim Frühstück zuträgt – zumindest werden wir zu einer Entscheidung kommen, und ich kann mit diesem vermaledeiten Trübsalblasen aufhören.

Ich schlafe schlecht.

Es dauert ewig, bis ich weggenickt bin, und als es dann endlich geschehen ist, träume ich, dass alle möglichen Bond-Bösewichte – Scaramanga, Oddjob, Blofeld, Jaws – mich durch das Heckenlabyrinth aus Shining verfolgen. Als die schrille Schreckschraube mit dem Messer im Schuh mir so nahe kommt, dass sie mir einen tödlichen Tritt versetzen könnte, wache ich auf. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich gehe auf die Toilette, trinke danach ungefähr dieselbe Menge Wasser, die ich ausgeschieden habe, gehe zurück ins Bett, wälze mich zwanzig Minuten lang hin und her und finde mich dann im selben Traumlabyrinth wieder, auf der Flucht vor dem ...

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