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Zwei Singleflitterwochen zum Verlieben

Inhaltsverzeichnis

 

Das Buch

Die Autorin

Titel

Impressum

 

1 - Böses Erwachen

2 - Was jetzt?

3 - Endlich Urlaub!

4 - Siesta Key Beach

5 - Casey Key

6 - Chillen oder so

7 - Flamingo Inn

8 - Sonnenuntergang

9 - Ein Morgen am Meer

10 - Sharky’s Beach in Venice

11 - Nur eine WhatsApp-Nachricht

12 - Am Pool

13 - Das Schwiegermonster

14 - Flamingos

15 - Schwarzgeld

16 - Nur ein Abendessen

17 - Statt eines Lokals

18 - Zwei Singleflitterwochen gehen zu Ende

 

Alle bisher erschienenen Romane von Mira Morton

Leseprobe aus: ›Ich will kein Autogramm‹

 

Danke!

Die Karten

Quellennachweise

 

Zum Weiterträumen - Moderne Märchen von Mira Morton

Sie sind Engel und Teufel …

Flamingos können auch nicht Schlittschuhlaufen!

Als wäre es nicht schlimm genug, mit einem schmutzigen Abendkleid auf einer Parkbank aufzuwachen, dämmert es Marisa Teufel langsam, dass sie auf der Singlehochzeit von Martin alles verloren hat: ihre große Liebe, ihren Ruf als exzellente Partyplanerin und ihre Würde. Doch statt sich bei ihrer besten Freundin Mimi ausheulen zu können, bricht deren Welt aus heiterem Himmel ebenfalls auseinander. In ihrem Elend fällt den beiden Freundinnen nur eines ein: Sie müssen weg. Vielleicht kann ein Ortswechsel ja doch gebrochene Herzen heilen? So landen sie in Venice, Florida, bei Mimis schräger Tante Tonie. Tja, und dann …? Dann erfährt Marisa, dass Martin ihren geliebten Hund Flodo als Geisel genommen hat, was sie auf die Palme bringt.

Martin Engel ist richtig sauer. Frauen! Die eine wirft mit Vasen nach ihm, die andere ignoriert ihn völlig. Daher beschließt er, seine beiden Singleflitterwochen statt mit Marisa, nun mit ihrem Hund zu verbringen. Kurzerhand ‚entführt‘ er Flodo, natürlich mit gewissen Hintergedanken. Ob sein geradezu teuflisch guter Plan aufgeht?

"Zwei Singleflitterwochen zum Verlieben" ist Band 2 der "Marry me"-Serie:

Band 1 von 2: Eine Singlehochzeit zum Verlieben

Band 2 von 2: Zwei Singleflitterwochen zum Verlieben

Die Autorin

Mira Morton ist das Pseudonym einer Österreicherin, die sich äußerst ungern auf einen Geburtsort oder gar ein Geburtsjahr festlegen lässt. Ihre bisher erschienenen erfolgreichen romantischen Komödien bescherten Mira allerdings den Titel Principessa – verliehen von treuen Leserinnen für die Selbstverständlichkeit, mit der sie völlig emanzipiert ihre Prinzessinnenseite auslebt.

»Ich will nichts anderes als unterhalten. Mich selbst, während ich schreibe und an einem neuen Roman fast verzweifle, und meine Leserinnen, wenn sich – wie durch ein Wunder – diese Liebesgeschichte plötzlich in ihren Köpfen wie ein Film liest. Wenn es mir gelungen ist, dass sie lachen und hin und wieder eine Träne verdrücken, dann war es jede Tasse Kaffee, jede durchwachte Nacht und jedes Tränensäckchen unter den Augen wert«, sagt Mira über ihren Anspruch an ihre Liebesromane.

Und tatsächlich hat Mira Morton einen Hang zu Geschichten à la Hollywood: Sexy, mit geheimnisvollen Millionären (von Filmstars bis hin zu Designern), umwerfenden Schauplätzen (Karibik, Malediven, Maui …), aber vor allem mit modernen Frauen, die nicht in allen Belangen perfekt sein müssen. All dies gehört für sie unbedingt dazu.

Miras Botschaft lautet »Keep on dreamin'!«, da es für sie nichts Schöneres als die unendliche Welt der Fantasie und Bücher gibt.

Mira Morton

Zwei Singleflitterwochen zum Verlieben

Roman

Böses Erwachen

Sonntagmorgen nach der Singlehochzeit

 

»Marisa? Mädel! Dir muss doch alles wehtun.«

Tja, tatsächlich. Die Holzbank muss schon ein Muster auf meinem Rücken hinterlassen haben! Etwas desorientiert starre ich Rupert in die Augen.

Kein schöner Anblick. Also ich, nicht Rupert. Und er hat recht. Alles tut mir weh. Wie tief kann man in nur einer einzigen Nacht sinken?

Sehr tief.

Meinen Nacken kann ich kaum bewegen, mein bodenlanges Abendkleid ist schmutzig und unten am Saum eingerissen, und ich bin meinen Kurzzeit-Freund los. Zum Glück habe ich keine Tränen mehr. Martin! Ich hasse dich so sehr!

»Stimmt!«

Ich hätte zu Rupert auch sagen können: ›Das ist eine lange Geschichte, Rupert. Kurz gesagt, ich habe meinen Schlüssel vergessen und mich vor der Haustür vom Taxifahrer absetzen lassen, nur um dann zu Fuß hierherzulaufen. Etwas Besseres als das Tierheim ist mir nicht eingefallen, da ich heute ja ohnehin Flodo abhole. Ich weiß bloß noch nicht, wie ich wieder zu meinem Handy und dem Schlüsselbund komme. Aber sonst ist alles gut. Mich hat niemand überfallen, aber mir hat auch niemand eine Decke oder ein Kissen gebracht, während ich geschlafen habe.‹

Mir wird kurz schwarz vor den Augen. Martins Singlehochzeit ist völlig aus dem Ruder gelaufen! Jetzt ist er mit Evelyn verlobt und ich bin zur Sandlerin mutiert. Von der Peinlichkeit mit der Stripperin, der ich vergessen habe, abzusagen, ganz zu schweigen.

Gott! Mimi wollte noch bei mir zuhause vorbeischauen. Ich hoffe, sie hat keine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben.

Rupert ist nie ein Schneller, aber er liebt die Arbeit im Tierheim und ist der gute Geist hier. Jetzt steht er vor mir und streicht sich mit der Hand übers Kinn. Er betrachtet mich und seine Falten auf der Stirn kräuseln sich.

»Wir sollten hineingehen. Da gibt es eine Couch und Kaffee.«

»Das wäre lieb von dir!«

Flehend sehe ich den alten Mann an. Ich kann den Kaffee bereits förmlich riechen und er ist der Hüter des Schlüssels.

»Na dann, komm mit«, meint er lapidar, dreht sich um und sperrt Sekunden später den Hintereingang des Tierheims auf.

Rupert ist keiner von denen, die gern reden oder zu viele Fragen stellen. Mein Glück, denn ich hab mich die halbe Nacht lang so sehr gegrämt, dass ich keine weitere Runde vertragen kann.

Meine hohen Sandalen liegen am Boden. Ich sammle sie auf und schlüpfe hinein. Oh verdammt! Meine Fußsohlen brennen wie die Hölle. Nein. Das geht nicht.

Ich nehme die Schuhe in die Hand, ziehe das Kleid ein wenig hoch und tripple barfuß Rupert hinterher. Schwarze Fußsohlen werden mich auch nicht mehr umbringen. Passt auch irgendwie zu dem, wie ich mich fühle. Ist es nicht immer so? Wenn das Leben einem einen Arschtritt verpasst, dann immer so, dass man mit offenem Mund im Dreck landet.

Mist. Und da sind wieder alle Bilder! In Farbe. Die vor Martin kniende und um seine Hand anhaltende Evelyn. Sie hat so unverschämt bezaubernd ausgesehen. Wie eine Elfe! Und in den schlimmsten Moment meines Lebens platzt dann diese Burlesque-Stripperin und rekelt sich im übergroßen Champagnerglas. Ich hab alles versaut. Aber Martin noch mehr als ich. Warum hat er diesen Antrag nicht sofort abgebrochen? Hätte Rupert mich doch niemals aufgeweckt!

Ich tapse zu Flodos Zwinger. Schwanzwedelnd steht er da und sieht mich voll freudiger Erwartung mit seinen Kulleraugen an.

»Guten Morgen, Süßer. Komm raus.«

Er springt zur Begrüßung mit beiden Vordertatzen auf mein Kleid. Egal. Ich drücke ihn ganz fest.

»Geh du zum Kaffee, ich lasse Flodo hinten kurz in den Garten hinaus«, erklärt mir Rupert.

Ja. Garten ist gut. Kaffee auch.

Vollautomatisch schalte ich die Kaffeemaschine ein.

Ich hoffe, der Espresso wird helfen. Was meinen Körper betrifft. Mein Herz ist sowieso unwiederbringlich zerstört. Seit heute Nacht in Fransen aufgelöst. Martin hat es auf dem Gewissen. Aber es muss irgendwie weitergehen. So ein Schmarrn! Wie um alles in der Welt komme ich zu meinen Sachen?

Rupert kommt mit Flodo zurück. War ein kurzer Ausflug. Er schiebt mir wortlos zwei Häferln hin, ich drücke auf die Taste und geräuschvoll mahlt die Maschine den Kaffee. Langsam rinnt die dunkelbraune Flüssigkeit in die erste Tasse. Muss ein schlechter Tag sein, wenn weder – wie üblich – die Bohnen noch das Wasser aus sind.

»Hier. Für dich.«

Rupert nimmt sie lächelnd entgegen und Flodo kringelt sich vor dem Sofa ein.

»Danke. Ich geh dann mal an die Arbeit. Ruh dich ruhig auf der Couch aus. Ist nicht so hart.«

»Ich kann jetzt nicht mehr schlafen. Aber danke.«

Während die Maschine mein Häferl befüllt, sehe ich ihn direkt an. Es ist das erste Mal, dass Rupert nicht sofort das Weite bei einem sich anbahnenden Gespräch sucht.

»Nichts zu danken. Sieh zu, dass du deine Handtasche wiederfindest.«

Ich reiß die Augen auf. Woher weiß er denn, dass ich sie auf der Hochzeitsfeier vergessen habe?

»Mache ich. Ich werde mich gleich darum kümmern.«

So ausführlich haben wir noch nie miteinander gesprochen. Er klopft mir freundschaftlich auf die nackte Schulter und geht in den Nebenraum, wo die Kleintiere wie Hamster und Mäuse sind.

Der Kaffee ist stark, schmeckt seltsam wie immer, hilft aber überhaupt nicht, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Eher bin ich ein schwarzes Loch, das man in ein hellgelbes Abendkleid gezwängt hat und jetzt nicht weiß, was es unter Menschen tun soll. Ob es überhaupt ist. Oder eben nach wie vor ein Nichts ist.

Ein Nichts, das jetzt nicht einmal seinen Hund mit nach Hause nehmen kann, weil es gerade keinen Zugang zum Zuhause hat. Und außer dem Hund alles verloren hat. Den Traummann und meine Zukunft mit ihm! Meinen Engel. Dachte ich jedenfalls, dass er mein Engel wäre.

Selbst meine beste Freundin glänzt durch Abwesenheit. Mimi hat doch versprochen, dass sie bei mir daheim vorbeikommt. Sie hätte doch erraten müssen, dass ich nur hier sein kann. Wo hätte ich ohne Geld, Schlüssel und Handy denn hingehen sollen? Sie ist ja auf der Party geblieben.

Oh!

Wir haben hier ja ein Telefon.

Barfuß und mit dem Kaffee in der Hand gehe ich in Susis kleines Büro. Sie wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich privat Mimi anrufe.

Aber wie?

Herrgott! Ich weiß nicht einmal Mimis Nummer auswendig! So ein … Scheibenkleister aber auch!

Okay. Ihr Computer. Aber ich weiß weder Susis Passwort, noch kann ich sie anrufen und danach fragen.

Pfuh!

Mir ist plötzlich heiß. Wallungen. So müssen die sich anfühlen. Ich fahre den PC trotzdem hoch.

Mal nachdenken. Susis Tochter heißt Lea.

Falsches Passwort.

Shit.

Ihr Lieblingshund ist der lustige Zorro.

Mist.

Ich tippe ›Scheißmenschen‹ ein. Am liebsten würde ich laut brüllend zu Rupert laufen und ihn …

Rupert!

Das ist die Lösung. Wieso bin ich nicht gleich auf ihn gekommen?

Oh. Ich bin drinnen!

Susi, Susi. Wer hätte das gedacht? Aber ich versteh dich! Wenn man sieht, in welcher Verfassung unsere Tierchen hier oft ankommen, ist es genau das, was man sich denkt.

Ich googel unsere Firma ›Celebrate‹. Wunderbar. Und da ist auch schon Mimis Handynummer. Bitte? Es ist erst sieben Uhr vierundvierzig? Ich dachte, es sei viel später. So heiß und sonnig, wie es draußen schon ist. Egal, ich rufe sie an.

Super. Jemand trommelt an die Eingangstür aus Stahl, die Rupert nach uns anscheinend wieder verschlossen hat.

»Jaja, ich komm schon.« Ich stelle meine Tasse neben dem Computer ab und stehe auf.

Wunderbar. Jetzt bellen auch noch alle Hunde! Flodo nicht, der öffnet nur ein Auge, schließt es aber gleich wieder.

»Ist schon gut!«, rufe ich laut, was mir einige freudige Japser einhandelt. »Autsch!«

Na großartig. Wenns läuft, dann aber richtig. Ich kletzle mir ein kleines spitzes Steinchen aus meiner Fußsohle, hopse in Richtung Tür und reiße sie schwungvoll auf.

»Mimi!«

»Marisa!«

Oh … mein … Gott!

Wie sieht sie denn aus?

Mimi fällt mir laut schluchzend in die Arme und sieht genauso abgefuckt wie ich aus.

»Mimi! Es ist überhaupt nichts passiert. Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen! Ich hab draußen auf der Bank geschlafen und Rupert hat mich reingelassen.«

»Das … ist … es … nicht!«, schluchzt sie mir ins Ohr.

Nein!

Nicht noch eine Katastrophe.

Das verkrafte ich nicht.

Meine Güte! Martin hat dort auf der Stelle Evelyn geheiratet.

Ich drück sie weg und sehe ihr in ihre verweinten grünen Augen.

»Sag mir sofort, was passiert ist!« Auch wenn ich es gar nicht hören will. Da fällt mir ein: »Martin kann Evelyn gar nicht geheiratet haben, die müssen doch vorher ein Aufgebot bestellen!«

Warum schrei ich so?

Und warum sieht sie mich so erschrocken an?

»Hat er eh nicht! Es geht um Paul!«

Paul? Wieso geht es um Mimis Mann? Dem besten Ehemann auf der ganzen Welt? Was hat der denn jetzt mit Martin und Evelyn zu tun?

Oh, oh. Er wird doch nicht zu viel getrunken und die Stripperin angemacht haben?

»Was ist mit Paul?«

Tränen rinnen ihre Wangen entlang. Mimi wischt sie zwar mit dem Handrücken weg, aber die nächsten fließen bereits aus ihren Augen.

»Es ist aus.«

Mein innerliches Nichts füllt sich mit tausend Fragezeichen. Leider mein Kopf gleichzeitig mit einem surrenden Geräusch. Mir ist schwindlig.

Wortlos packe ich Mimi am Arm und bugsiere sie in den kleinen Aufenthaltsraum, in dem die Kaffeemaschine, eine kleine Essgruppe und das alte Sofa stehen.

Schwups. Schon sitzt sie.

Habe ich das richtig verstanden? Zwischen ihr und Paul ist Schluss? Das ist ja noch viel schlimmer als mit Martin und mir. Herrgott noch einmal. Die beiden sind mein großes Vorbild in Sachen Liebe. Die können sich doch nicht in derselben Nacht trennen. Was immer da geschehen ist, das muss doch zu kitten sein.

»Bevor du irgendwas sagst, mach ich dir einen Kaffee, Mimi.«

Weil ich das erst einmal selbst alles verarbeiten muss.

Ich hole noch ein Häferl aus dem Küchenkasterl und sehe im Augenwinkel, dass sich Mimi einfach auf die Bank fallen lässt. Sie rollt sich in ihrem Abendkleid ein, schließt die Augen und heult beinahe geräuschlos weiter. Ihre Clutch fällt mit einem »Klack« auf den Fliesenboden.

Das kann ich gar nicht mit ansehen, schließlich habe ich auch noch unsere Firma zerstört! Nie wieder werden wir einen großen Auftrag bekommen. Mit unserem Ruf? Hey, das sind die Mädels, die damals bei dieser Milliardärshochzeit die Stripperin haben antanzen lassen. Nein. Niemand wird uns je wieder buchen, und das geht allein auf mein Konto.

»Mimilein!« Ich setze mich auf die Sofakante und wiege sie, so gut es geht.

Paul! Was immer du meiner Mimi angetan hast: Du bist so gut wie tot! Das schwöre ich dir! Du kannst dich gleich mit Martin zusammenpacken und ins Totenland auswandern.

Mimi schluchzt ein paar Mal laut auf, aber sie wird langsam ruhiger. Ich streichle ihren Oberarm und ihr Haar.

Am besten, ich leg mich hinter sie. Dann kann ich sie besser halten, bis sie sich beruhigt hat.

Nicht einschlafen, Marisa.

Augen aufmachen.

Männer, ich tu euch was.

Ich weiß nur noch nicht, was genau.

Aber wenn ich für ein paar Minuten die Augen schließe, ist das nicht schlimm. Mimi dürfte nämlich eingeschlafen sein.

Nur ein paar Minuten.

Und nein, ich denke nicht an euch, meine Engel! Nie mehr wieder. Auch nicht daran, dass ich mir eingebildet habe, Martin und ich … das wäre Bestimmung! Dann besitzt er eben das gleiche Gemälde in echt, das bei mir als Poster hängt. Dann weiß er eben, auch wenn ich mich umdrehe, welche dunklen Sprenkeln meine Augen haben. Dann heißt er eben Engel und ich Teufel. Was sagt das alles schon?

Eben.

Stille in meinem Kopf.

Also nichts.

Wahre Liebe?

Ich bin ein Opfer. Niemand glaubt mehr daran. Bloß ich. Und … na ja, einige, die ich kenne. Meine Eltern zum Beispiel. Mimi bis gestern.

Eben. Das ist alles nur eine Frage, zu welchem Zeitpunkt man fragt. Wahre Liebe ist Einbildung. Wie so ein Escher-Bild. Man glaubt, etwas zu sehen, zu wissen, aber am Ende ist alles anders, als man denkt.

Was jetzt?

Später …

 

Da sitzen wir beide also. In meinem Wohnzimmer. Mitsamt Flodo. Meinem Hund. Der uns treuherzig ansieht und auf meinen Füßen liegt. Aber erst nachdem er alles in der Wohnung beschnuppert und ein paar Leckerlis von mir bekommen hat. Wenigstens haben wir ein paar Stunden geschlafen. Susi hat dafür gesorgt, dass wir nicht gestört werden. Sie hat jede von uns dazu gezwungen, Hamburger samt Pommes zu verdrücken, die sie von McDonald’s geholt hat. Damit wir was im Magen haben. Davon, dass mein Magen sich am liebsten um den Burger gestülpt hätte, um ihn postwendend Martin ins Gesicht zu spucken, wollte sie nichts hören. Tja, und dann hat Susi mir noch alles Mögliche für Flodo ins Taxi gepackt und wir haben uns zu mir chauffieren lassen. Ich hab es selbst bezahlt, obwohl Mimi es mit auf die Firmenrechnung schreiben wollte. Nein. Nie und nimmer würde ich mir von Martin nachsagen lassen, dass ich auf seine Kosten meinen Hund nach Hause gebracht habe. Leider wird er es nie erfahren, denn Peanuts wie diese interessieren ihn schlicht und ergreifend nicht. Außerdem ist er sicher im Glück mit seiner Evelyn.

Es ist zum Kotzen.

Seit Stunden fühle ich mich wie ein Kelomat, der kurz vor dem Explodieren ist. Meine Oma hat so einen Schnellkochtopf gehabt. Aus lauter Rücksicht auf Mimi habe ich es bisher unterlassen, sie darüber auszufragen, was denn genau nach meinem unrühmlichen Abgang zwischen Martin, Evelyn und der Tänzerin passiert ist. Damit muss ich noch warten. Also später. Vorausgesetzt, ich explodiere nicht vorher. Aber Mimi spricht ja nicht. Falsch. Sie redet ausschließlich Belangloses, wenn sie etwas sagt. Wie zum Beispiel »Ein Kaffee wäre jetzt gut«. Genau das! Sie tut es schon wieder! Das ist dann der dritte nach unserem Vormittagsschläfchen.

»Okay. Aber jetzt gibt es koffeinfreien Kaffee, Süße. Und dann wird geredet.«

Angstvoll weiten sich ihre grünen Augen.

»Ich kann nicht, glaube ich.«

»Mimi, es wird auch nicht besser, wenn du es in dich reinfrisst. Ich hab heute Nacht auch meinen Freund verloren und selbst wenn ich mit der Firma alles verbockt habe, bin ich doch deine beste Freundin. Also, ich hole den Kaffee später. Jetzt spuck einfach aus, was passiert ist. Ohne Schnörkel und Mascherln.«

Erzähl mir auch alles von Martin und Evelyn! Selbst auf die Gefahr hin, dass ich nach meinem Organzavorhang greife und in Versuchung gerate, ihn mir um den Hals zu schlingen und mich daran zu erhängen.

Bitte? Jetzt greift sich Mimi an den Hals.

»Okay. Ich … also … ohne Schnörkel hast du gesagt.«

»Ja. Hab ich. Und ich habs auch so gemeint.«

Mir dämmert etwas Furchtbares! Sie wird Paul doch nicht in flagranti mit irgendeiner Frau erwischt haben? Aber wo denn? Nach einer heißen Nummer hinter einem Busch im Schlosspark schaut mir Paul nicht aus. Aber was weiß ich schon von Männern?

»Paul hat sich … also, er ist … verliebt.«

In die Burlesque-Tänzerin?

Oh Gott! Was hab ich nur angerichtet? Und sie kommt trotzdem zu mir? Mimi ist eindeutig der Engel von uns beiden, und ich … na ja, nicht umsonst heißt es nomen est omen. Sie sieht zu Flodo. Mir ist heiß und kalt gleichzeitig. Ich will nicht auch noch meine Mimi verlieren!

»Es tut mir so unendlich leid, Mimi! Es ist absolut alles meine Schuld.«

Keine Regung. Ich weiß nicht einmal, ob ich meine Hand von ihrem Oberschenkel nehmen soll oder nicht. Ob sie überhaupt von mir getröstet werden will. Ob ich sie jemals trösten kann.

Trösten? Wie einfältig bin ich denn?

»Weißt du was? Schlag mich, Mimi. Schrei mich an. Egal was. Aber brülls raus! Ich bin an allem schuld. Dann gib mir auch die Schuld, ja?«

Mimi krallt sich mein lachsfarbenes Zierkissen! Oh nein! Sie reißt mit ihren langen Fingernägeln ein Loch in meinen Lieblingsflamingo. Ihre aufgesteckten Haare lösen sich noch weiter und sie sieht wie eine Hexe aus. Eine verdammt angepisste Hexe.

Oh, oh!

Paul schlag ich kurz und klein und diese Stripperin wird sich auf Knien bei Mimi – wofür auch immer – entschuldigen!

Danke! Jetzt sehe ich wieder Evelyn auf Knien vor Martin rutschend vor mir.

Mimi schmeißt den Polster ins Eck, bläst eine der vielen Strähnen, die ihr wirr ins Gesicht hängen, aus den Augen, was nichts nützt, da dafür die anderen jetzt ins Gesicht hängen, und nimmt meine Hand. »Du? Wieso du? Paul, dieser … dieser … ich find gar kein Wort für ihn! Okay. Marisa!« Und jetzt schreit sie bereits: »Paul hat sich in Flavio verliebt. Kannst du dir das vorstellen?«

Sie stockt und meinen Mund muss ich gewaltsam wieder schließen. Meint sie jetzt etwa, was ich denke? Hat sie gesagt, was ich gehört habe?

Blödsinn. Schwachsinn. Nie und nimmer!

Paul ist doch nie im Leben schwul. Er ist hin und wieder eine Prinzessin und er kocht besser als Mimi, aber das ist doch nichts Außergewöhnliches. Im Gegenteil. In meiner Traumwelt verhält sich der perfekte Mann doch auch so! Und Paul wollte doch immer Kinder und Mimi war diejenige, die noch warten wollte. Genau. Er wollte doch auch ein Haus im Grünen mit ihr. Hat die gemeinsamen Urlaube Monate im Voraus geplant. Nein, nein. Da irrt sie sich.

»Mimi! Das kann doch gar nicht sein. Paul und schwul? Da musst du echt etwas völlig falsch verstanden haben.«

Sie schüttelt nur den Kopf.

Déjà-vu. Das ist doch genau wie beim letzten Mal zwischen Mimi und Paul, schießt mir durch den Kopf. Da ist sie auch in Tränen aufgelöst zu mir gekommen und am Ende ist es nur ein Missverständnis zwischen den beiden gewesen. Ja genau. Eine halbe Nacht lang hat sie gelitten und am Ende haben die beiden Versöhnungssex gehabt. Das hat sie mir doch nach Zadar erzählt. So wird es auch diesmal sein.

Ach, was bin ich erleichtert.

Ich umarme sie beinahe fröhlich. »Mimilein, da musst du dir keine Sorgen machen. Die beiden sind befreundet, und das war es dann schon. Paul hat doch nie im Leben was mit Flavio! Stell dir die beiden doch nur einmal bildlich vor.« Hach, das wird sie jetzt sicher belustigen. »Paul, der große Kahlköpfige, und daneben der kleine Flavio mit den gegelten Locken.«

Ich finde das Bild urkomisch. Und mich selbst hysterisch. Aber doch unterhaltsam. Was immer Mimi gesehen oder gehört hat, sie hat es überinterpretiert. Ist ja auch kein Wunder. Wir waren ewig auf den Beinen, dann habe ich ihr noch die Misere mit der Tänzerin eingebrockt und sie hat mit mir wegen Martin mitgelitten.

Übrigens: Jetzt bist du der Einzige, Martin, den ich geistig umbringen muss! Vielen Dank, Herr Engel!

»Marisa, du hast mich anscheinend nicht verstanden. Paul hat gesagt …«, beginnt sie leise, schnieft aber jetzt laut. »Er wollte es mir schonend beibringen. Aber … also ich habe die beiden schmusend erwischt. Da war sonst niemand mehr. Außer eben Paul und Flavio. Im Spielsalon. Na ja, und dann haben sie mir alles gestanden.«

Mein Herz tut rein gar nichts. Es schlägt nicht. Wie auch mein Hirn gerade nicht denkt. Auch gut. Ich bin ja das Nichts.

»Dass sie einander lieben, dass Paul schon länger weiß, dass er schwul ist, es aber nicht ausgelebt hat. Dass er sich aber leider heftig in Flavio verliebt hat und Flavio sich auch in ihn. Ja, Paul hat gemeint, er habe sich sogar gegen seine Gefühle für Flavio gewehrt, weil er ja auch mich liebt«, sie schnäuzt sich kurz, »aber auf dieser Hochzeitsparty konnten die beiden es nicht länger … negieren. Ja. Er hat negieren gesagt.« Sie sieht mir direkt in die Augen. »Spinnt der? Und was war ich dann die ganze Zeit für ihn?«

Overflow.

Ich rutsche auf den Boden und kraule Flodo. Er schleckt meine Hand ab und es hat etwas Mitleidiges. So als verstünde er. Mehr als ich, wie es scheint. Mimi rutscht zu uns auf den Teppich und umarmt seinen Hals. Flodo lässt sie einfach in sein dickes goldbraunes Fell heulen.

Das kann alles nicht wahr sein!

Flavios Begrüßung und wie er Paul damals beim Heurigen angesehen hat, schießt mir durch den Kopf. Die Art, wie er Paul auf der Hochzeit betrachtet hat und ihm gesagt hat, wie umwerfend er aussieht. Wir beide haben gelacht und das nett gefunden, dass Flavio nicht nur uns, sondern auch ihm ein Kompliment gemacht hat. Aber dieses Miststück hat doch jedem erzählt, dass Mimi seine Lieblingsfee sei, fällt mir ein. Und ich habe sogar gedacht, er hat etwas mit Mimi! Wie hab ich nur so unsensibel sein können?

Oh Mann! Auf dieser Toteninsel wird es hochhergehen, wenn ich alle dahin verbannt habe!

»Mimi! Sag bitte, dass sich irgendwo ein Filmteam versteckt hat. Ja? Dass das alles nur irgendeine dämliche Show ist und …«

Ich tätschle erst Flodos Rücken, dann Mimis Arm, und stehe auf, um meinen großen Kasten gleich neben der Couch zu öffnen. Schwungvoll reiße ich die Tür auf. »Mist. Da ist niemand drinnen, Mimi!«

Sie sieht verdutzt zu mir hoch.

Wie manisch sehe ich mich um. Wo sind die Typen von Verstehen Sie Spaß? Bitte, liebe Engel!

Ach nein. Vergesst es, mit euch rede ich ja nicht mehr.

In mir sickert, dass hier nirgendwo eine Kamera ist und wir das nicht träumen. Aber ich will, dass es so ist. Und wenn man etwas wirklich will, dann wird es doch Realität, oder? Irgendwo muss doch eine Kamera sein. Wenigstens eine ganz kleine.

Mimi steht plötzlich neben mir und fasst mich am Arm.

»Hör auf, Marisa. Es ist genau so, wie ich es dir gesagt habe.«

Sie wirkt mit einem Mal so abgeklärt und ruhig. Fühlt sie sich jetzt besser? Jetzt, wo sie mir erzählt hat, dass ihr Mann schwul ist? Ich hoffe es, denn mir geht es jetzt beschissener als zuvor. Das mit der Tänzerin hätte ich vielleicht hinbiegen können. Aber wenn Paul wirklich schwul ist, dann ist er es. Daran werde ich nichts ändern können.

Ich umarme sie und Flodo drängt sich zwischen unsere Beine.

Auf einmal beginnen wir beide völlig überdreht zu lachen.

»Das ist alles ein Alptraum«, kichert Mimi unter Tränen.

»Ja! Völlig abgefahren.«

»Und wir beide sind auf einen Schlag wieder Singles.«

»Und ich schwöre dir, du kannst mich grün und blau schlagen, sollte ich jemals wieder mit einem Mann antanzen.«

»Du mich auch!«

»Soll ich dir was sagen? Ich heirate dich, Mimi.«

Sie lacht hoch auf.

»Gute Idee! Und zwar bevor Paul Flavio heiraten kann!«

Ich sehe sie zweifelnd an.

»Vergiss es, war nur eine blöde Idee.«

Mimi nickt und wir werfen uns gleichzeitig auf meine Couch. Schnaufen. Ich für meinen Teil versuche, nicht mehr ganz so zu hyperventilieren. Mimi wischt sich Strähnen und Tränen aus dem Gesicht.

»Dafür hab ich eine gute Idee, Marisa. Du wolltest doch mit ihm auf Urlaub fahren, oder?« Mimi fragt mich nicht wirklich, denn sie kennt die Antwort. Ja. Mit Martin und Flodo. Aber sie hat geistesgegenwärtig nur auf meinen Hund gezeigt und Martin unerwähnt gelassen.

»Ja, und?«

»Wir hauen ab. Irgendwohin. Weit weg.«

»Und deine Firma?«

»Wir haben Betriebsurlaub. Und hör endlich auf, Marisa. Es ist noch immer unsere Firma, und dass du gleich wegen der Tänzerin kündigen wolltest, eine reine Überreaktion.«

Aber … ich sollte doch diese Woche Claudia wegen des Vorstellungsgesprächs für den neuen Job als Hilfskuratorin beim Augusta Museum treffen.

Ich kann nicht weg. Was, wenn Martin plötzlich auftaucht und ich ihm verzeihen will?

Ja geht’s noch? Auch wenn ich schon immer schlecht darin war, auf irgendjemanden wütend zu sein. Es wird Zeit, das zu lernen. Ich kann doch nicht ernsthaft mit dem Gedanken spielen, dass morgen alles vergeben und vergessen ist? Der Mann hat sich einen Heiratsantrag machen lassen. Vor seiner Mutter … Oh, auf diese Kuh bin ich sauer. Sogar so richtig. Und vor all seinen Freunden. Der Presse. Und ich weiß immer noch nicht, wie alles ausgegangen ist.

»Ausgemacht. Wir fahren. Am besten sofort.«

Meine Kraft dafür ist enden wollend, aber wenn es Mimi hilft? Ich wüsste nicht einmal, wohin wir fahren sollten.

»Scheiße, ich will gar nicht weg! Ich will zu Paul zurück, Marisa!«

Wunderbar. Jetzt fangen wir beide wieder da an, wo ich seit zwei Uhr in der Früh bin: beim Heulen. Dabei habe ich gedacht, irgendwann geht einem auch die Tränenflüssigkeit aus.

»Pass auf. Wir gehen jetzt eine Runde mit Flodo spazieren. Der Arme hat das echt nicht verdient, dass er so einen ersten Tag mit mir hat.« Mimi kramt in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. »In meiner sind welche«, sage ich ihr.

»Okay«, schnieft sie und hat auch schon ein Taschentuch in der Hand.

Mimi war ja so geistesgegenwärtig und hat meine Handtasche noch mit ins Taxi genommen. Ich hab das nicht geschafft. Aber egal. Wir müssen uns aus dieser Endlosschleife irgendwie befreien, denn ginge es nach mir, läge ich längst im Bett. Vorhänge zu. Und ich würde dauerschlafen, nur damit ich nicht an Martin und Evelyn und jetzt auch noch über Mimi, Paul und Flavio nachdenken muss.

»Gehen wir jetzt spazieren?«

»Wenns sein muss«, sagt sie und putzt sich die Nase. »Übrigens, das ist nicht nur Paul, sondern meine Hunde- und Katzenallergie.«

»Du hattest noch nie eine Hunde- oder Katzenallergie, Mimi. Schon vergessen? Das hast du dir eingeredet, weil Paul immer ein Haustier wollte und du nicht.«

Sie strahlt mich für eine Sekunde an, verfällt aber gleich wieder in ein geknicktes Häufchen Elend.

»Stimmt! Umso schlimmer!«

Als wüsste Flodo, was wir vorhaben, steht er bereits schwanzwedelnd an der Tür. Ich bin echt der totale Versager. Ich schaffe es ja nicht einmal, dass mein süßer Hund einen schönen ersten Tag bei mir hat! Wenn ich so weitermache, sucht sich sogar Flodo auf der Hundewiese ein neues Frauchen.

Soll ich schnell mein Handy, das am Ladekabel hängt, weil der Akku komplett leer war, einschalten und nachsehen, ob Martin mir etwas geschrieben hat?

Hab ich vielleicht irgendeinen Funken an Stolz in mir? Auch wenn die Antwort Nein lautet, denn mit dieser Art von Stolz konnte ich nie etwas anfangen und sie schon gar nicht empfinden. Selbstbeherrschung! Okay. Ich schaffe es, den Button nicht zu drücken.

Das Handy bleibt hier und es bleibt aus.

Stattdessen nehme ich den Wohnungsschlüssel … künftig werde ich wie ein Haftelmacher auf ihn aufpassen … und Flodos Leine. Dann mal ab in den Wald. Ich werde Mimi einen Baum umarmen lassen. Vielleicht beruhigt sie das noch ein Stückchen und sie erzählt mir endlich, was mit Martin und Evelyn ist.

Er hat sicher den Antrag angenommen, höre ich tief in meinem Kopf.

Sicher.

Warum sonst hätte er diese … Situation zugelassen?

Mir ist nach Schreien.

Schon wieder!

***

Ich lasse einen Urschrei vom Stapel und dresche auf den Baum ein. Der Arme. Er kann nichts dafür. Aber pfeif aufs Umarmen, das tut eindeutig besser.

Oh.

»Flodo! Schatzi! Alles ist gut. Entschuldige bitte.«

Er steht mit eingezogenem Schwanz neben mir und sieht mich vorwurfsvoll aus seinen Kulleraugen an.

Mimi streichelt ihn aber ohnehin schon. Hätte sie mir nur nicht erzählt, dass Martin samt Evelyn und der Stripperin angeblich direkt nach deren Performance das Fest verlassen hat. Sie weiß auch nicht, ob Martin zu Evelyns Antrag nun Ja oder Nein gesagt hat, aber das ist beinahe schon irrelevant. Im Moment bekomme ich dieses schreckliche Bild von allen dreien gemeinsam im Bett nicht mehr aus meinem Kopf. Halleluja! Warum nur hab ich zu diesem Mädel gesagt, sie soll ihn hinauf in die gebuchte Suite begleiten? So ein Schmarrn kann nur meinem kranken Hirn entspringen, und wer leidet am Ende am meisten drunter? Ich natürlich.

»Gehts jetzt besser?«, will Mimi wissen.

Wie sieht besser von am Tiefpunkt meines Lebens angekommen aus? Schwärzer als schwarz geht bekanntlich nicht. Und dass es Mimi noch beschissener als mir geht, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Bin ich egoistisch, nur weil ich mich gern von meiner besten Freundin in den Arm nehmen und trösten lassen würde? Aber bis vor fünf Minuten war das umgekehrt. Mein Mimilein ist noch mehr am Ende als ich.

Ausatmen. Tief einatmen.

Ich muss mich zusammenreißen.

Für Mimi. Und natürlich wegen Flodo.

»Nein, aber jetzt muss ich nicht mehr schreien.«

»Das ist ja schon etwas«, murmelt sie. »Komm, wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Schließlich ist es ein Stück bis zu dir nach Hause.«

Stimmt. Wir könnten aber als Abkürzung eine Station mit der U-Bahn fahren.

Ich hake mich bei Mimi unter.

»Machen wir. Aber sag, willst du in dieser Situation wirklich wegfahren?«

Ich kann mir das nicht vorstellen, aber alle zehn Minuten hat sie davon gesprochen, dass wir unbedingt wegmüssen.

»Ja! Und das meine ich todernst. Und wehe, du weigerst dich, mitzukommen! Verschieb den Termin mit Claudia, okay?«

Ich drücke Mimi einen Schmatz auf die Wange.

»Nein. Das mache ich nicht.«

Das erste Mal, seit wir im Wald unterwegs sind, ist mir nach Lächeln zumute.

»Wie du meinst«, knurrt sie.

Mimi zupft sich ihre hochgesteckten krausen Haare zurecht. Aus Verlegenheit, wie mir scheint. Ich boxe sie in die Seite.

»Ja, genau wie ich meine, Mimi. Ich sage den Termin nämlich komplett ab und pfeif auf das Museum. Du bist mir wichtiger und ich muss den Schaden, den ich angerichtet habe, für unsere Firma wieder ausbügeln. Aber ich werde mich mal mit Claudia auf einen Prosecco oder so in der Stadt treffen.«

Plötzlich grinst sie übers ganze Gesicht und fällt mir um den Hals.

»Dann bleibst du?«

»Ja! Herrgott, erstens kann ich dich sowieso jetzt nicht im Stich lassen und zweitens, wo finde ich eine Chefin, die mir so eine Dummheit wie meine mit dieser saudämlichen Tänzerin einfach so verzeiht und meine Kündigung nicht annimmt?«

Mimi wischt sich ein paar Tränchen weg. Mich wundert es wirklich, dass überhaupt noch welche da sind.

»Danke!«, schnieft sie.

»Was heißt da Danke? Du bist doch die Nachsichtige und auch Umsichtige von uns beiden, schon vergessen? Ich bin die, die auf dem Pulverfass zündelt!«

Plötzlich lacht mein Lieblingszwerg aus ganzem Herzen.

»Ja, das kannst du! Da hast du wohl recht. Aber das heißt auch, wir fahren auf Urlaub, oder?«

»Können wir uns das leisten?«

Ich bin da nicht so sicher. Andererseits hat mir Mimi gestern Abend mehrmals zugeraunt, dass sie schon wieder einen weiteren Auftrag fix in der Tasche hätte.

»Natürlich. Das leisten wir uns ganz einfach. Ich brauche Abstand von Paul. Ich muss das alles echt erst verarbeiten und alles, was wir an Anfragen bekommen haben, ist erst für den Herbst. Also wer oder was hindert uns daran, irgendwo hinzufliegen?«

»Flodo!«

Sie sieht auf den Golden Retriever, der folgsam neben uns hertrottet.

»Stimmt. Aber auch wenn du es blöd findest, ich will unbedingt nach Florida. Und da müsste Flodo im Flugzeug in das Gepäckabteil, und ehrlich, das wollen wir nicht, oder?«

Moment. Ich dachte, wir fahren mit dem Auto nach Kroatien. Italien. Von mir aus bis nach Südfrankreich. Aber was in Gottes Namen will sie in Florida? Noch dazu, wo Flodo da nicht mitkommen kann?

»Nein, nein, nein. Das machen wir ganz bestimmt nicht, Mimi. Ich lass doch Flodo nicht hier, jetzt, wo er endlich ein Zuhause hat.«

Sie rollt die Augen und scheint nachzudenken. Ich sehe sie an und rolle meine Augen ebenfalls. Ich kann das bloß nicht so gut wie Mimi. Sie grinst mich schief an. Wir sollten uns aber – statt die Augen zu rollen – besser auf den Weg konzentrieren. Flodo schnüffelt mal an der linken, mal an der rechten Seite des steilen und schmalen Hohlwegs und deshalb muss ich aufpassen, dass keine von uns über seine Leine stolpert. Der Wald riecht herrlich. Ich liebe das. Auch, dass es hier um ein paar Grad kühler als in der Innenstadt ist.

»Hoppla!«

Ups. Im letzten Moment von Mimi aufgefangen. Beinahe wäre ich über eine Wurzel gestolpert, die quer über den Waldweg läuft, und am trockenen und damit harten Weg gelandet.

»Wir beide sollten schnellstens ins Bett. In Wahrheit sind wir eine Gefahr für uns selbst«, meint Mimi gedankenverloren und sie hat recht. »Wir nehmen uns, wenn wir unten sind, ein Taxi. Ich meine, Entschuldigung? Die Männer können tun und lassen, was sie wollen, und wir beide sind immer nur vernünftig!«

»Stimmt. Wir pfeifen von jetzt an auf vernünftig.«

Aber wie macht man das?

»Genau. Wir lassen uns zu dir chauffieren, nehmen uns am Weg irgendwo mindestens einen Liter Eis mit und dann buchen wir einen Flug nach Miami.«

Sie lässt offenbar nicht locker.

»Was sollen wir beide denn in Miami, Mimi? Hm?«

Ich sehe uns nicht an der Strandpromenade einen Cocktail trinken, auf Martin und Paul schimpfen und das genießen. Also warum sollten wir weit wegfahren, wenn wir die Probleme ohnehin mit einpacken?

»Ich hab doch meine Tante Tonie in Venice. Die ruf ich an. Wir mieten uns ein Auto, fahren quer durch die Everglades an die Golfküste und relaxen einfach mal.«

Wie zur Bestätigung, dass das eine mehr als saudumme Idee ist, bellt mich Flodo an.

»Siehst du, er findet auch, dass das eine blöde Idee ist, so toll es bei deiner Tante sicherlich auch ist.«

Mimi ist alle zwei oder drei Jahre bei Tonie. Die Schwester ihrer Mutter heißt eigentlich Antonia, aber das war ihr zu unamerikanisch. Und sie dürfte eine echte Düse sein. Wohnt allein in einem Bungalow an einem künstlich angelegten See. Ich kenne die Fotos von Mimi. Traumhaft.

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