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Zwei Freundinnen - Popcorn

Andrea Wehr

Zwei Freundinnen - Popcorn

Mädchenkrimi


Für Emma, Maja und Fannie


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1: Popcorn

 

Wie jeden Morgen saß ich mit müden Augen vor meiner Kaba-Tasse und sagte nichts. Wie jeden Morgen redete meine Mutter dafür umso mehr. Sie ließ ihren beliebten Frühstücksspruch los: »Früher, als Kind, habe ich Brotwürfel in Milch eingeweicht gegessen, und du willst nicht einmal leckere Frühstücksbrötchen mit Nutella essen. Du könntest ja auch Cornflakes haben, oder ...

Sie erwartete keine Antwort. Sie wusste, dass sie gegen eine Wand namens Anna reden würde. Gegen mich.

Doch dieser Morgen war nicht wie jeder Morgen. Ich überraschte meine Mutter mit einer Antwort: »Okay«, sagte ich.

Ich stand auf und ging an meiner mittlerweile sprachlosen Mutter vorbei, die Treppe hoch und in mein Zimmer. Dort nahm ich die Popcorntüte, die ich gestern auf dem Frühjahrsmarkt gekauft hatte, vom Schreibtisch und begab mich zurück an den Frühstückstisch. Wortlos warf ich eine Handvoll Popcorn in meinen Kaba und löffelte ein Kaba-Popcorn nach dem anderen in meinen Mund. Normalerweise trank ich morgens immer nur eine Tasse Kaba, mein Magen rebelliert um diese Zeit gegen feste Nahrung.

Meine Mutter blieb sprachlos - ein mittleres Weltwunder - und starrte auf mein erstes richtiges Frühstück seit zwei Jahren.

Triumphierend schwang ich nach dem letzten Schluck Kaba meine Schultasche auf den Rücken, klopfte meiner Mutter aufbauend auf die Schulter und sagte: »Ciao, Mama.«

Auf dem Schulweg dachte ich noch einmal über dieses gelungene Frühstück nach - und beschloss von nun an jeden Morgen sieben bis acht Popkörner zu essen. Falls dies meine Mutter von ihrem Frühstücksspruch abhielt, war es das wert. Mein Magen würde es verkraften!

Zwei Straßen weiter wartete Kathrin auf mich. Sie ist meine beste Freundin und wir sitzen in der Schule nebeneinander. Das ist für schulische Leistungen nicht immer von Vorteil, aber für den Informationsaustausch äußerst wichtig. Irgendetwas Hochaktuelles gibt es immer zu erzählen. Als ich sie heute Morgen sah, hatte ich natürlich das dringende Bedürfnis, ihr von meinem morgendlichen Erlebnis mit meiner Mutter zu berichten. Unser Schulweg ist nicht besonders lang. Von Kathrins Haus sind es noch zwei Straßen und schon sind wir dort. Aber da ich schnell erzählen kann, hat der kurze Weg für die Popcorngeschichte gereicht. Kathrin hat gekichert. Sie kichert immer so laut, dass man es mindestens drei Straßen weiter noch hören kann. In der Schule ist das manchmal peinlich, vor allem wenn sie mitten im Unterricht loskichert. Aber ansonsten ist sie ein prima Kumpel. Gar nicht öde.

Interessiert es euch, wie alt wir sind und wie wir aussehen, welche Hobbys wir haben und welche Haarfarbe meine Oma hat? Erzähle ich euch später. Wenn ich es nicht vergesse ...

Heute sind wir wie immer, als es zur großen Pause läutete, wie die Verrückten die große Schultreppe runtergerannt. Kurz vor dem Hauptausgang ist eine kleine Nische, direkt hinter der Garderobe. Dort ist es meistens schön ruhig. Es ist unser Stammplatz. Dort lästern wir über Lehrer und Mitschüler, essen unser Pausenbrot, erzählen uns das Neuste und überlegen, was wir am Nachmittag oder am Wochenende treiben werden. Wir versuchen uns immer etwas Neues auszudenken. Das ist eines unserer Hobbys: Mache keine Dummheit und kein Abenteuer zweimal, das Leben ist viel zu kurz. Heute haben wir etwas länger gebraucht, bis uns etwas eingefallen ist. Wenn man so ziemlich alles schon ausprobiert hat ....

»He, wie wär᾿s mit einer Fahrradtour, Kathrin?«, schlug ich vor.

»Langweilig, wir kennen schon jede Strecke in der Gegend. Das ist nichts Neues!« entgegnete Kathrin.

»Wir suchen eben eine Strecke, die wir noch nie gefahren sind! Wir spielen Expedition! Wir sind heute Erforscher unbekannter Strecken!«

Kathrin fing Feuer: »Cool! Mit Proviant und so. Und mit Kompass, falls wir uns verirren. Das kann auf unbekannten Strecken ja leicht passieren!«

»Wir brauchen Pflaster, eine Karte ...« zählte ich auf.

»... und eine Regenjacke, wer weiß, ob das Wetter hält. Sieht nicht so gut aus«, unterbrach mich Kathrin.

»Herrlich! Genau das richtige Wetter für eine abenteuerliche Entdeckung! Wir sind genial!«. stellte ich mit seligem Grinsen fest.

Und so planten wir unsere nachmittägliche Fahrradexpedition. Wir sind beide Fahrradfans. Das ist eines unserer Hobbys. Jede von uns besitzt ein Mountainbike mit 27-Gang-Schaltung, einen blauen Helm, Fahrradhandschuhe ... Eben alles, was man so fürs Fahrradfahren braucht. Am liebsten brausen wir auf unseren Rädern ins Freibad oder wir besuchen meine Oma. Die wohnt im Nachbarort, fünfzehn Kilometer von Penzberg entfernt.

Natürlich fahren wir jedes Mal eine andere Strecke, denn: Zweimal das Gleiche machen gilt nicht. Jedenfalls nicht in der Freizeit! Langsam gehen uns die Strecken aus. Deshalb habe ich mir bei der letzten Fahrt zu Oma eine riesige Sonnenblume an den Lenker gebunden, das hatte ebenfalls Neuheitswert. Und die Blume war gleichzeitig ein Geschenk für meine Oma.

Und dass ihr ja nicht sagt: Warum erzählt sie immer von ihrer Oma? Was interessiert mich, welche Haarfarbe ihre Oma hat und wo sie wohnt?!

Ob sie euch interessiert oder nicht, das interessiert mich nicht. Ich liebe meine Oma! Sie ist super. Bei ihr dürfen wir im Garten zelten, Würstchen über dem offenen Feuer grillen, Mitternachtspartys feiern ...

Von Oma haben wir auch den Tick mit dem „Nichts zweimal machen“. Oma hat uns bei einem Besuch erzählt, dass sie das als Kind so gemacht hat. Zwei Jahre lang. Ein bisschen was ist davon übrig geblieben. Oma hat jedes Mal eine andere Haarfarbe, wenn wir sie besuchen. Am besten gefiel mir bisher Tizianrot und am scheußlichsten fand ich Senfgelb. Die Haarfarbe meiner Oma ist also eines ganz sicher: vielfältig.

Aber Oma hat mit der Fahrradexpedition dieses Nachmittags nichts tun. Oma kommt erst später in der Geschichte vor. Deshalb zurück zur Expedition. Die sollte noch bedeutend spannender werden, als sie geplant war!

Nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben packten unsere Eltern uns ein Vesperpaket, das für alle Tour-de-France-Teilnehmer gereicht hätte: Wir starteten unsere Tour mit vier belegten Broten, zwei Äpfeln, einer Tafel Schokolade, zwei Wasserflaschen, einer Packung Keksen und zwei Joghurts (Geschmack Maracuja/Orange). Mütter übertreiben immer gleich so.

Dafür dürfen wir sogar im Winter Fahrrad fahren, bei Schnee und Matsch, eingepackt wie Eskimos. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unsere Eltern selbst sportbegeistert sind. Unsere Väter spielen Fußball, Kathrins Mutter hat den schwarzen Gürtel in Karate und meine macht Yoga. Es sieht lustig aus, wenn man nach Hause kommt und eine umgekehrte Tomate hängt an der Wand. Nun ja, damit meine ich, der Kopf meiner Mutter steht auf einem Kissen und sieht rot aus wie eine Tomate. Meine Mutter nennt das Kopfstand. Sie spricht in dieser Stellung richtig zerquetscht. Ich sage dann immer: „Hallo Ketchup!“

Ach so, ich bin schon wieder vom Thema abgekommen. Ich wollte ja von unserer Expedition erzählen. Okay, hier geht’s weiter:

Mit Speed ging es an diesem Nachmittag los, einfach der Nase nach. Rasante Überholmanöver, vorbei an anderen Radfahrern, Skatern und Joggern. Auf den ersten zehn Kilometer der Strecke kannten wir noch jeden Zentimeter. Bis wir rechts einen Feldweg entdeckten. Vollbremsung!

»He Anna! Hast du den Weg hier schon mal gesehen?«, fragte Kathrin.

»Nö, ist mir nie aufgefallen!«

Wir kramten die Karte aus der Tasche. »Der führt zu dem Hügel da. Sind vielleicht noch fünf Kilometer bis dort. Sollen wir es wagen?«, fragte ich Kathrin.

»Klar doch! Willst du etwa Wurzeln schlagen?« sagte Kathrin. »Auf ins Abenteuer! Unbekannte Flecken dieser Erde warten auf ihre Entdecker!«

Wir packten die Karte wieder in die Lenkertasche und fuhren los.

Kein Wunder, dass wir diesen Weg noch nie gefahren waren! Schotter! Schlaglöcher! Grasnarben! Das war keine Traumstrecke für Radfahrer, selbst für Mountainbikes nicht. Aus war᾿s mit dem Speed und unsere armen Knochen wurden durcheinandergeschüttelt. Aber das gab dem Ganzen noch einen zusätzlichen Hauch von Abenteuer. Staub schlucken für die große Entdeckung!

Nach etwa drei Kilometern zweigte wieder ein Weg ab, noch kleiner, noch holperiger. Wir waren an diesem Nachmittag gut drauf: je schlimmer der Weg, desto besser! Also bogen wir auf diese vierzig Zentimeter breite, schlaglochübersäte und teilweise schlammige Strecke ab. Der Pfad führte bald in einen Wald hinein und begann langsam anzusteigen. Mit den Wurzeln und kleineren Felsbrocken, die noch dazu kamen, war es nun wirklich das reine Vergnügen. Wir würzten unser Expeditionsfeeling mit gesalzenen Expeditionsflüchen. Nach etwa einem Kilometer war Fahren absolut unmöglich geworden. Unsere Räder mussten wir jetzt tragen: Größere Felsbrocken blockierten die Wege und Kieselsteine machten den Weg rutschig. Wahrscheinlich war unser Pfad ein altes Bachbett.

Die meisten hätten jetzt wahrscheinlich umgedreht und aufgegeben. Doch wir nicht!

Habe ich schon erwähnt, dass wir extrem dickköpfig sind, wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben? Dickköpfig bis zum absoluten Gehtnichtmehr. Wir keuchten also weiter den Berg hinauf, die Räder waren schwer vom vielen Matsch, der in den Felgen hing!

Es war uns neu, dass es in dieser Richtung von Penzberg einen Berg gab. In der Karte war ein harmloses Hügelchen eingetragen. Nun ja, Karabinerhaken und Kletterseil waren tatsächlich nicht nötig! Als wir uns schon fühlten wie die ersten Bergsteiger, die mit dem Fahrrad den Kilimandscharo erklimmen, sahen wir ein weiteres Abenteuer auf uns zukommen.

»He Anna! Schau mal da rechts!«, rief Kathrin keuchend und blieb stehen. Ich hätte ihr beinahe mein Rad in die Beine gerammt.

Manchmal habe ich Tomaten auf den Augen. Jedenfalls konnte ich nichts Bemerkenswertes in der Richtung sehen, in die Kathrin zeigte. »Hä? Meinst du den Wald?«

»Die roten Schnüre! Da an den Ästen!«

Tomaten, wie gesagt! An einigen Ästen am Wegesrand hingen rote Schnüre. Wollschnüre, etwa fünfzehn Zentimeter lang. Und im Abstand von jeweils ein paar Metern markierten weitere Schnüre eine Strecke, die tief in den Wald hinein zu führen schien.

»Interessant!«, stellte ich fest. »Darf ich vorstellen: die Expeditionsstrecke von Kathrin und Anna!«

Kathrin strahlte: »Abenteuer, Rätsel, Geheimnisse, tiefe Wälder, rote Schnüre ...«

Ich unterbrach: »Jawoll! Auf und hopp!« Mir fällt immer die Aufgabe zu, Kathrin bei ihren seltsamen geistigen Höhenflügen zu stoppen.

Und los ging’s, unserem unbekannten Abenteuer entgegen. Wenn wir gewusst hätten, dass das Spaß-Abenteuer bald in ein richtiges Abenteuer münden würde, ob wir dann weitergegangen wären? Wir gingen jedenfalls weiter. Allerdings dieses Mal ohne unsere Räder. Selbst unsere Fahrradliebe hat ihre Grenzen und der Wald war eindeutig zu dicht! Natürlich sperrten wir sie säuberlich ab, obwohl in diesem Teil des Waldes sicher nur Verrückte spazieren gingen. Oder Berggämsen! Oder wir!

Das Proviantpaket klemmten wir unter den Arm. Wir beschlossen, baldmöglichst einen Teil davon zu verdrücken.

Die roten Schnüre hingen in schöner Regelmäßigkeit von den Bäumen.

»Meinst, du, da haben Pfadfinder ein Waldspielchen veranstaltet?«, fragte ich Kathrin.

Sie wusste darauf genauso wenig eine Antwort wie ich. Vielleicht würden wir es ja noch erfahren. Als wir schon langsam die Lust am Waldspaziergang verloren, kam eine Senke in Sicht. »Loch im Boden« könnte man es auch nennen. Ein Loch von etwa drei Meter Länge, anderthalb Meter Breite und eineinhalb Meter Tiefe. Darin konnte man lediglich ein paar Büsche und Steine erkennen.

Etwas Besonderes hatte es mit dem Loch aber doch auf sich: Hier hörten die roten Schnüre auf. Wir suchten rund um das Loch die Bäume und Sträucher ab: definitiv keine Schnüre mehr! Wir beschlossen, dass unser Expeditionsziel erreicht war. Wir hatten zwar das Rätsel, woher diese Schnüre kamen, nicht gelöst, aber dafür gab es ein Loch zu erforschen.

Da wir mittlerweile auch ein schmerzliches Loch in unseren Mägen fühlten, ließen wir uns erst einmal am Rand der Senke nieder, baumelten mit den Beinen und genossen das üppige Proviantpaket. Nach der Rettung unserer Mägen kamen wir immer noch nicht dazu, das Loch zu erforschen. Denn plötzlich hörten wir Stimmen, die langsam näher kamen ‒ Männerstimmen. Innerhalb von Sekunden hatten wir die Joghurtbecher und Löffel in den Proviantbeutel gestopft und waren hinter ein paar großen Baumstämmen im Wald verschwunden. Nicht dass wir ängstlich waren, man nennt so etwas intelligente Vorsicht!

Die Männerstimmen kamen näher: »Glaubst du wirklich, die Typen, denen die Fahrräder gehören, sind oben auf dem Berg? Warum haben sie die Räder ausgerechnet an der Abzweigung zu unserem Versteck stehen lassen?«

»Bin ich Hellseher? Hier ist doch niemand, oder? Also sind sie woanders hin. Waren wohl nur zu faul, die Räder mit auf den Berg zu tragen!«

Die kannten uns nicht, eindeutig!

Wir konnten von unserem Versteck hinter den Bäumen die Männer nicht sehen, nur hören. Wir trauten uns nicht einmal zu flüstern, aber ich bin mir sicher, dass Kathrin dasselbe dachte wie ich: Die Männer würden in das Loch hinuntersteigen. Sie kannten sicher sein Geheimnis.

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