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Zwei Fantasy Sagas: Der Magier von Arakand/Die Schlangenmutter

Zwei Fantasy Sagas: Der Magier von Arakand/Die Schlangenmutter

Alfred Bekker and Abraham Merritt

Published by BEKKERpublishing, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Quest for Fantasy #3

Copyright

Der Magier von Arakand

Die Stadt Arakand

Die Welt von Arakand

Prolog

Chronologie

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Epilog

Die Schlangenmutter

1. SUARRA

2. DIE UNSICHTBAREN BEOBACHTER

3. DAS WEISSE LAMA

––––––––4. DAS FLIEHENDE GESCHÖPF

5. DIE ELFENHÖRNER

6. DAS GESICHT IM ABGRUND

7. DIE BEWACHTE GRENZE

8. DIE ECHSENMENSCHEN

9. IN HUONS BAU

10. YU-ATLANCHIS GESETZLOSE

11. DAS VOLK OHNE TOD

12. DIE VERBORGENE ALTE STADT

13. DIE HÖHLE DER FROSCHFRAU

14. DER SCHATTEN DER ECHSENMASKE

15. „LEIH MIR DEINEN KÖRPER, GRAYDON!“

16. DIE HÖHLE MIT DEN BEMALTEN WÄNDEN

17. ÜBERFALL AUF HUONS BAU

18. DIE ARENA DER DINOSAURIER

19. DIE SCHLANGENMUTTER

20. DIE WEISHEIT DER SCHLANGENMUTTER

21. DIE HÖHLE DES VERLORENEN WISSENS

22. DAS FEST DER TRÄUMER

23. SUARRAS GEFANGENNAHME

24. BRAUT DER ECHSENMÄNNER

25. NIMIRS HALSBAND

26. RAGNARÖK IN YU-ATLANCHI

27. DER ABSCHIED DER SCHLANGENMUTTER

Quest for Fantasy #3

Zwei Fantasy Sagas von Alfred Bekker & Abraham Merritt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 839 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Der Magier von Arakand

Abraham Merritt: Die Schlangenmutter

––––––––

Der Magier von Arakand

von Alfred Bekker

Arakand ist die größte Stadt auf der Zweisonnenwelt. Sie wird vom Gottkaiser regiert, der nach der Legende als Einziger die Macht hat, die zweite Sonne fortzuschicken, wenn sie der Welt zu nahe kommt und sie zu verbrennen droht. Jetzt steht der Stadt die Eroberung durch die weit überlegenen Truppen des Ketzer-Königs bevor, während in ihren Katakomben ein skrupelloser Magier das Schicksal zu wenden versucht und an einer furchtbaren Waffe arbeitet...

Ein junger Mann sucht nach Erkenntnis und seiner Bestimmung. Eine junge Frau kämpft um ihr Erbe und ihre Liebe. Beide geraten in das Netz einer Verschwörung, deren Ziel der Sturz des Gottkaisers ist.

Bisher erschienene Romane um Alfred Bekker's „Welt von Arakand“:

Herr des Feuers (unter dem Pseudonym Adrian Leschek)

Der Magier von Arakand (als Alfred Bekker)

Die Schlangenmutter

von Abraham Merritt

Von der Hoffnung erfüllt mit Hilfe einer seltsamen Landkarte einen Schatz der alten Inkas zu finden, macht sich Nicholas Graydon, ein Bergbauingenieur, zusammen mit drei Abenteurern auf den Weg in ein Gebiet der Kordilleren, das bisher noch kein Weißer betreten hat. Habgier, Goldfieber und Hass machen die Expedition zu einem Fiasko. Nur Graydon überlebt – und er gelangt nach Yu-Atlanchi, dem verbotenen Land. Dort, unter Geschöpfen, die zeitlos sind und die den Tod nicht kennen, lernt Graydon, der Mann des 20. Jahrhunderts, die Wunder und Schrecken eines Volkes kennen, das viel älter als die Menschheit ist.

Der Magier von Arakand

von Alfred Bekker

Arakand ist die größte Stadt auf der Zweisonnenwelt. Sie wird vom Gottkaiser regiert, der nach der Legende als Einziger die Macht hat, die zweite Sonne fortzuschicken, wenn sie der Welt zu nahe kommt und sie zu verbrennen droht. Jetzt steht der Stadt die Eroberung durch die weit überlegenen Truppen des Ketzer-Königs bevor, während in ihren Katakomben ein skrupelloser Magier das Schicksal zu wenden versucht und an einer furchtbaren Waffe arbeitet...

Ein junger Mann sucht nach Erkenntnis und seiner Bestimmung. Eine junge Frau kämpft um ihr Erbe und ihre Liebe. Beide geraten in das Netz einer Verschwörung, deren Ziel der Sturz des Gottkaisers ist.

Bisher erschienene Romane um Alfred Bekker's „Welt von Arakand“:

Herr des Feuers (unter dem Pseudonym Adrian Leschek)

Der Magier von Arakand (als Alfred Bekker)

Die Stadt Arakand

Arakand, eine riesenhafte Stadt, strategisch günstig an einer Meerenge gelegen, ehemals Zentrum eines großen Reiches, jetzt nur noch geistiges und wirtschaftliches Zentrum der Welt, aber insgesamt arg heruntergekommen.

In Arakand regiert ein Gottkaiser.

Vor den Toren der Stadt lagern Barbarenheere.

Die Welt von Arakand

Ihr Entwicklungsstand entspricht ungefähr der Erde des Spätmittelalters. Es gibt aber ein paar feine Unterschiede. So hat diese Welt einen Trümmerring wie der Saturn. Das bedeutet, dass sich parallel zum Äquator eine Linie von Horizont zu Horizont über den Himmel spannt. Dieser geteilte Himmel hat große kulturelle und religiöse Auswirkungen und erleichtert außerdem die Navigation auf See kolossal. Arakand wurde exakt unter diesem Bogen errichtet und sieht sich als Mittelpunkt der Welt. Je nachdem auf welcher Seite dieser Himmelsgrenze welcher Anteil des Mondes auftaucht, wird dies als Zeichen interpretiert.

Der zweite Unterschied ist, dass es neben der Sonne noch ein weiteres Gestirn, genannt "Zweites Licht", gibt. Dieses Zweite Licht wird im Laufe eines langen, Generationen überspannenden Zyklus immer größer, wird schließlich größer als die Sonne und scheint sich anzuschicken, die Erde zu verbrennen. Die Meere fangen an zu kochen, die Wälder stehen in Flammen. Legenden von schrecklichsten Katastrophen in ferner Vergangenheit werden erzählt, die sich unweigerlich in der Zukunft wiederholen werden.

Der einzige, der angeblich die Macht hat, dies abzuwenden, ist der Gottkaiser von Arakand. Ihm ist vom Namenlosen Gott die Macht gegeben worden, das Zweite Licht zurückzuschicken. Das ist kultureller Common Sense auf dieser Welt. Darum haben die Nachbarreiche auch niemals den Gottkaiser selbst angegriffen oder versucht, die Stadt zu zerstören. Sie würden sich dann ja perspektivisch selbst um ihre Existenz bringen, denn es wäre niemand mehr da, der sie vor dem Zweiten Licht bewahrt.

Die vor der Stadt lagernden Barbaren hofften lange Zeit ebenfalls nicht ernsthaft darauf, die Stadt plündern und erobern zu können, sondern eher auf ein üppiges Lösegeld, das Arakand schon mehrfach in solchen Fällen gezahlt hat.

Doch seit sich die Lehre des Gelähmten Propheten Baladus ausbreitete, hat sich die Situation verändert.

Baladus war einst Staatsfeind Nummer eins in Arakand. Ein verkrüppelter Mönch, eine Art Stephen Hawking des Mittelalters, der mit verbotener Mathematik (die aus gutem Grund wie schwarze Magie behandelt und deren Ausübung verfolgt wird, sofern der Berechnungsgegenstand der Himmel und die Sterne sind), die Lehre aufstellte, dass das Zweite Licht einer natürlichen Bahn folgt und nicht die Magie des Gottkaisers, sondern die Eigengesetze seiner Bewegung dafür sorgen, dass es bisher nie zur vollkommenen Katastrophe kam.

Einst wurde ein Assassine ausgeschickt, um den Gelähmten Propheten zu töten. Er brachte dem Gottkaiser den Kopf des Gelähmten – aber dessen Lehre überdauerte und der Mord begründete seinen Mythos.

Seit sich diese Lehre verbreitete, hat sich das Kräftegleichgewicht zwischen Arakand und den Belagerern völlig verändern.

Die Nachbarreiche hätten keinen Grund mehr, die Stadt und den Gottkaiser zu schonen. Der Gottkaiser würde die Basis seiner Herrschaft verlieren...

Prolog

Die Welt Arakand.

Das Reich Arakand

Die Stadt Arakand

Die Stadt ist es, die allem den Namen gab.

Geht sie unter, stirbt auch alles andere.

Nichts ist die Welt der zwei Sonnen ohne die Stadt, die ihr den Namen gibt.

(Aus der Überlieferung der Priesterschaft des Gottkaisers.)

*

»Nur Unwissenheit schützt vor Magie.«

(Aus dem Buch des Namenlosen Gottes)

*

„An einem sehr fernen Tag in sehr ferner Vergangenheit kamen die Menschen in Sternenschiffen zur Zweisonnenwelt. Gott aber wies ihnen die Stelle, wo sie eine Stadt gründen sollten. Er sprach: Hier sollt ihr euer Haus bauen. Denn siehe: Es ist ein guter Ort. Nennt ihn Arakand, das heißt 'die ganze Welt', denn die ganze Welt soll dereinst von hier aus regiert werden und sie wird so bedeutend sein, dass man vergessen wird, dass die Stadt nach der Welt benannt wurde. Stattdessen wird man glauben, die Welt sei nach der Stadt benannt. Denn wahrlich, in dieser Stadt wird die ganze Welt zu finden sein.

Die Meeresstraße, die den Kontinent zerteilt, der 'der Gürtel der Welt' genannt wird, liegt zu Füßen der Stadt. Und der Ring, der Welt umgibt und als weltumspannende Himmelsgrenze den Tag und die Nacht beherrscht, wirft seinen Schatten auf die Welt. Und dieser Schatten bildet mit der von Nord nach Süd den Gürtel der Welt zerteilenden Meeresstraße ein Kreuz. Das Zeichen des Zentrums. Das Zeichen des Imperiums. Das Zeichen Arakands.

Die Menschen aber hatten viele Geschöpfe ihrer alten Heimat nach Arakand gebracht: Hunde, Katzen, Pferde, Ratten und Insekten.

Die Stadt Arakand aber wurde ein so prächtiger Ort, dass sie die Kunst, Sternenschiffe zu fliegen, mit der Zeit vergaßen. Denn es gab keinen anderen Ort jenseits der Sterne, an den sie noch gelangen wollten.

(Aus dem Heiligen Buch der Magischen Zeichen, dessen Verfasser der Legende nach der Erste Gottkaiser von Arakand war.)

––––––––

Zwei Sonnen stehen am Himmel der Welt. Aber es sind die Gesetze der Mathematik, nach denen sich diese Körper bewegen. So ist es nicht die Macht des Gottkaisers, die die Zweite Sonne fortweist, kurz bevor sie die Welt verbrennt, sondern es sind die berechenbaren Gesetze der Natur, die dies bewirken. Sie lassen sich so sicher vorhersagen, wie der Wechsel von Tag und Nacht.

Noch beten die Menschen dafür, dass sich die Zweite Sonne mit ihrem Höllenfeuer wieder entfernt.

Doch auch dies lässt sich prophezeien: Einst werden sie sich nach der Zeit des Glutfeuers zurücksehnen, wenn das Zweite Sonnenlicht vielleicht für lange Zeit ein fahles, fernes Leuchten wurde. Dann wird es kalt. Die Ernte versinkt im Schlamm, die Ratten und üble Krankheiten kriechen aus dem Boden und das reinigende Feuer wird so furchtbar fern sein, wie es sich in unseren Tagen niemand vorzustellen vermag.

Aber eines wird über die Zeiten hinweg gleich bleiben: Die Wahrheit der Vernunft und die Wahrheit der Mathematik wird man wohl auch in der Zukunft als Ketzerei bezeichnen und stattdessen lieber frommen Lügen glauben.

(Worte des Gelähmten Propheten Baladus)

Chronologie

Die Handlung beginnt im Jahr 20453 nach Ankunft der Menschen auf der Zweisonnenwelt und der Gründung der Stadt Arakand.

Das entspricht dem Jahr 1452 nach der Köpfung des Gelähmten Propheten Baladus gemäß der Zeitrechnung, wie sie in Etamia und den Ländern der Ketzer üblich geworden ist.

Erstes Kapitel

Sie standen auf dem höchsten Turm von Arakand. Von dort aus pflegte der Gottkaiser die Arme zu heben und das Ritual durchzuführen, mit dem die zweite Sonne fortgewiesen wurde. Und wenn dann der Gottkaiser die entscheidenden Worte sprach und die zweite Sonne sich daraufhin in den nächsten Tage entfernte, dann war damit die Bestätigung erbracht, dass der Gottkaiser noch immer die besondere Gunst des Namenlosen Gottes besaß und dass er nach wie vor die Macht hatte, die Welt vor der sengenden Hitze des zweiten Lichts zu schützen.

Der Gottkaiser blickte für einen Moment hinauf zum Himmel. Der Ring, der die Welt von Arakand auf Äquatorhöhe umgab, warf seinen Schatten. Und dieser Schatten zog sich quer durch die Stadt und traf exakt den großen Mittelturm.

Die erste Sonne stand beinahe im Zenit, sodass die Himmelsgrenze durch sie hindurch verlief und zum Teil überstrahlt wurde.

Aber die Zweite Sonne war momentan in der nördlichen Hälfte des geteilten Himmels. Und sie war weit weg. Sie wirkte kleiner als es schon langem der Fall gewesen war. Wie ein kleiner Bruder des Hauptgestirns. Und es gab nichts, was im Moment von diesem kleinen Gestirn, das zur Zeit von seiner Größe und Leuchtkraft her eher an den Mond erinnerte, auf die gewaltige Kugel aus purer Höllenglut schließen ließ, die das sogenannte Zweite Licht zu anderen Zeiten sein konnte.

„Man sagt, dein Name wäre Vaosdo Kallyari“, sagte der Gottkaiser, dessen Schädel vollkommen kahl und mit eintätowierten Zeichen übersät war.

„Unter diesem Namen bin ich bekannt“, sagte der andere Mann, der geduldig gewartet hatte, bis der Gottkaiser ihn angesprochen hatte.

„Du hast den Ruf, ein Magier zu sein.“

„Ich bin ein Magier.“

„Du solltest wissen, dass ich der Gottkaiser bin und als solcher nicht an die Macht der Magie glaube. Denn die einzige Macht, der wir vertrauen sollen, ist die Macht des Namenlosen Gottes.“

„Ich kann deine Stadt vor dem Ansturm der Barbaren retten, o Gottkaiser“, sagte Vaosdo Kallyari. „Und wer das vermag, der mag sich einen Magier nennen.“

„Du warst in Boranien. Und man hat dich fortgejagt.“

„Ich war in vielen Ländern. Nicht nur in Boranien.“

„Die Mauern meiner Stadt sind zehn Schritte dick. Warum sollte ich die Barbaren fürchten? Meine Vorgänger haben das auch nicht getan.“

„Eure Vorgänger hatten es mit Gegnern zu tun, die die Macht des Gottkaisers fürchteten. Aber die da draußen, das sind die Jünger des Gelähmten Propheten. Die werden nicht zögern, Arakand niederbrennen und Euch zu töten.“

Der Gottkaiser nickte.

Er kam auf sein Gegenüber zu. „Erkläre mir deine Magie, Vaosdo Kallyari“, verlangte er.

„Sie besteht letztlich nur aus der Ausnutzung der Naturgesetze“, sagte Kallyari. „Ich bin nicht ein Magier, sondern auch ein Heiler und Arzt.“

„Ich hörte, dass der König von Boranien deinetwegen seine Frau verlor.“

„Gerüchte.“

„Wirklich?“

„Wie ich schon sagte: Ich kann Euch Eure Stadt und und Eure Herrschaft retten. Meine Magie vermag das...“

„Ihr meint, Ihr könnt die Armeen der Ketzer-Barbaren vernichten?“

„Ja.“

„Dann kommen die Galbadoriner und machen mich zu ihrem Sklaven.“

„Auch sie kann ich Euch vom Leib halten. Denn mir steht die furchtbarste Waffe zur Verfügung, die sich denken lässt.“

Der Gottkaiser sah den angeblichen Magier mit einem skeptischen Gesichtsausdruck an. „Nun gut, ich will es mit Euch versuchen“, sagte er.

*

Ein paar Tage später zogen die Drachenvögel über Arakand. Große Flugreptilien aus dem hohen Norden und dem tiefen Süden.

Wenn die Drachenvögel den Schatten der Himmelsgrenze erreichten, der die Mitte der Welt anzeigte und parallel zur Hauptstraße Arakands verlief, dann bedeutete das nichts Gutes.

Es bedeutete, dass sich die Zweite Sonne schon sehr weit entfernt hatte.

Es bedeutete, dass das Wetter schlechter werden, dass der Regen zunehmen und die Ernte-Erträge zurückgehen würden. Und es bedeutete, dass die Ratten aus ihren Löchern kamen, um nicht zu ertrinken. Und dass mit ihnen der böse Hauch aus dem Boden stieg und Scharen unsichtbarer Insekten.

Und die Pestilenz.

Die durchdringenden Rufe der Drachenvögel waren eine Warnung. Die guten Zeiten, da die Zweite Sonne sich in einem Abstand zur Welt von Arakand befand, in der sie die Länder weder verbrannte, noch erkalten und mit Schnee, Regen, und Sturm schlagen ließ, waren vorbei.

Und manch einer würde sich die Zeiten herbeisehnen, in der das Glutfeuer des Zweiten Sonnenlicht so nahe war, dass es die Welt zu verbrennen drohte.

Dem überlieferten Glauben nach hatte der Gottkaiser die Macht, diesem Feuer Einhalt zu gebieten und es wieder fort zu weisen, auf dass es für viele Jahre in die Ferne des Kosmos entschwand, um in manchen Jahren dann am Himmel nicht größer als ein Mond zu erschienen.

Ein Winzling gegenüber der Ersten Sonne, ihrem Zwilling.

Um das Feuer abzuwehren hatte der Gottkaiser die ihm gegebene Macht.

Aber gegen den Hauch des Bösen, der aus dem Boden kroch, konnte selbst er nichts tun.

Wen kann es wundern, dass die Versuchung in diesen Zeiten groß war, sich einer Ketzer-Lehre anzuschließen....

*

Ein paar Jahre später...

Arep bei Arakand...

Auf den Dächern einiger Häuser hatten sich ein paar geflügelte Affen versammelt. Ouroungour wurden die Geschöpf genannt und die meisten von ihnen waren von den Dieben der Stadt dressiert worden.

Die geflügelten Affen schienen aufgeregt zu sein. Ein Schauspiel wie das, was sich nun in der enge Straße zu ihre Füßen abspielen sollte, bot sich auch ihn nicht alle Tage...

*

Das flackernde Licht Dutzender Fackeln ließ unzählige Schatten tanzen. Flammen loderten auf und dunkler Rauch quoll aus den Fenstern des zweistöckigen, herrschaftlichen Hauses an dem Weg der Steine in Arep, der maragenuesischen Kolonie bei Arakand.

Khaaria di Baragenzo zitterte und murmelte dabei ein Gebet. Das lange, kastanienbraune Haar fiel ihr unfrisiert und angegraut durch die Asche, die man ihr aufs Haupt gestreut hatte, über die Schultern. Die Lippen der jungen Frau bewegten sich flüsternd.

„Oh Herr, was haben wir getan!“, flüsterte ihr Bruder Arco, gerade 22 Jahre alt und damit anderthalb Jahre älter als Khaaria. „Der jüngste Tag ist nahe und das Tier des leibhaftigen Bösen wütet in Arakand...“

Die Pestknechte mit ihren schweren Umhängen und den Schnabelmasken riefen durcheinander und luden dabei zwei menschliche Körper auf den Karren. Es waren die bleichen, von Beulen gezeichneten Leiber von Khaarias Eltern, die der faulige Pesthauch befallen und innerhalb kürzester Zeit dahingerafft hatte. Getrocknetes Blut war ihnen aus Mund und Nase geronnen. Khaaria wollte sich dem Wagen nähern, aber einer der Pestknechte hielt sie auf und stieß sie grob zurück. Tränen rannen ihr über das Gesicht.

„Bleibt, wo Ihr seid und freut Euch der Zeit, die der Herr Euch noch gelassen hat!“

Der Blick hinter den Augenlöchern der Schnabelmaske wirkte unruhig.

Khaaria schluckte. Sie hätte schreien mögen und konnte es doch nicht. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals und schien sie daran zu hindern, auch nur einen einzigen Ton herauszubringen. Nicht einmal ein Gebet wollte jetzt mehr über ihre Lippen kommen.

Ein kühler Wind wehte über das Goldene Trinkhorn, jenen vor einer Generation künstlich angelegten Meeresarm, in dem der von einer gewaltigen Eisenkette geschützte gottkaiserliche Kriegshafen lag. Diese Kette wurde bei Gefahr hochgezogen, um fremde Schiffe an der Einfahrt zu hindern und die eigene Flotte zu schützen. Es gab noch eine zweite, ältere Kette, die seit Jahrhunderten Arakand mit dem auf dem etamitischen Meeresufer gelegenen Stadtteil verband, der deshalb auch 'das Kettenende' genannt wurde. Auf diese Weise konnte auf Befehl des Gottkaisers jederzeit die Meerenge von Arakand geschlossen werden. Die einzige Durchfahrt durch den weltumspannenden Kontinent, den man den Gürtel der Welt nannte.

Die Kette am Hafen des Goldenen Trinkhorns war erst später befestigt worden. Zu einer Zeit, da die Flotte Arakands nicht einmal mehr in ihrem eigenen Hafen sicher gewesen war und Plünderer aus Boranien versucht hatten, sich der Schiffe zu bemächtigen.

Aber das Wasser des Goldenen Trinkhorns, das Arep von der eigentlichen Stadt trennte, schützte keineswegs vor dem Miasma, dem Hauch des Bösen, der aus den Tiefen der Erde hervorquoll und so viel Leid und Verzweiflung über die Menschen brachte. Wenn irgendwo zwischen den rattenverseuchten Straßen Arakands mit ihren verwinkelten Häusern der Schwarze Tod umging, dann zogen die Wolken der Fäulnis und des Übels einfach über das Wasser und selbst eine Quarantäne war oft genug ohne Wirkung geblieben. Arakand war in den letzten hundert Jahren mehr als ein Dutzend mal von der Pestilenz heimgesucht worden. Manche sagten, dass der böse Hauch die Ratten im Schlamm der unterirdischer Kanäle wachsen ließ und unsichtbare Insekten nähre, die in Mund und Nase der Menschen eindrangen und sowohl Körper als auch die Seele verdarben.

Aus dem Halbdunkel waren Gesänge zu hören. Eine Prozession von Büßern zog durch die Straßen von Arep. Die Teilnehmer trugen graue Gewänder und flehten darum, vor dem jüngsten Gericht Gnade zu finden.

Die Flammen schlugen jetzt immer höher aus den Fenstern.

Die Luft war erfüllt von den scharfen, ätherischen Dämpfen. Es sollte nicht nur alles verbrennen, was sich im Haus befand, sondern es musste darüber hinaus auch ausgeräuchert werden. Die scharfen Dämpfe bestimmter Öle konnte das Übel vielleicht für lange Zeit zurück in die niederen Erdspalten und Sümpfe vertreiben, aus denen es gekrochen sein mochte.

Knarrend setzte sich der Wagen in Bewegung.

„Wir werden alle sterben und der Verdammnis anheimfallen“, murmelte Arco neben ihr. Seine Augen wirkten glasig. „Das Tier des Leibhaftigen Bösen ist mächtiger als der Namenlose Gott, sonst könnte das alles nicht geschehen!“

„Was redest du?“, fragte Khaaria entsetzt.

Arco sah sie an. Das Licht der Fackeln spiegelte sich in seinen dunklen Augen.

„Wie könnte es sonst sein, dass es kein Mittel gegen das Übel gibt, das uns heimsucht.“

„Du versündigst dich!“

„Der Gottkaiser wird uns nicht helfen. Und der Namenlose Gott selbst auch nicht.“

„Hör auf!“

„Wir sind auf uns allein gestellt. Ausgeliefert. Dem Hauch des Übels preisgegeben, das unserer Körper verfaulen lässt, noch ehe die Seelen ins Jenseits gelangen.“

Khaaria schlug ein Zeichen der Andacht. Einen Bogen, der den Himmelsbogen symbolisierte, mit dem der Namenlose Gott den Himmel der Welt von Arakand in zwei Hälften teilte. Die Heilige Zweiheit möge mir Glück in diesem Unglück bringen, dachte sie. Zwei Sonnen, zwei Hälften des Himmels, Gut und Böse, Glauben und Unglaube, Rechtgläubigkeit an die Macht des Gottkaisers und das Ketzertum des Gelähmten Propheten – die Welt schien in Gegensatzpaare geteilt zu sein.

*

Arco di Baragenzo neigte schon seit ein paar Jahren immer wieder zu Äußerungen, die der Ketzerei nahe kamen und in Maragenua vielleicht auch entsprechend verfolgt worden wären. Aber bis hier her, in den Herrschaftsbereich des Gottkaisers von Arakand, reichte die Macht der Kurie des galbadorinischen Bischofs nicht – allen Gerüchten um eine bevorstehenden Wiedervereinigung von galbadorinischer und Gottkaisertreuen Kirche zum trotz, die immer dann von Neuem aufkamen, wenn die Truppen des etamitischen Ketzer-Königs dem schrumpfenden Gottkaiserreich mal wieder irgendeinen Zipfel Land wegnahmen oder gar vor die Mauern der Stadt selbst vorrückten. Insgeheim hoffte so mancher, dass ein Heer der Vereinigten Rechtgläubigen Reiche Arakand vor den Etamitern rettete. Denn der König von Etamia war ein Anhänge der Ketzer-Leere des Gelähmten Propheten. Eine Leere, die bestritt, dass der Gottkaiser die Macht hatte, die Zweite Sonne fortzuweisen, wenn sie der Welt von Arakand zu nahe kam und sie zu verbrennen drohte und sich wie ein gewaltiger Glutball aufblähte, dessen Feueratem nichts mehr standzuhalten vermochte.

Allein der Gottkaiser, so der Glaube der Rechtgläubigen, hatte die Macht dazu.

Die Anhänger des Gelähmten Propheten hingegen behaupteten, dass der Gottkaiser von Arakand und seine Priesterschaft nur ihr Wissen um die Gesetze der Natur ausnutzten. Sie wüssten in Wahrheit, wie der Lauf der Welt von Arakand im Verhältnis zu ihren beiden Sonnen zu berechnen sei und daher wäre es dann auch möglich, im Vorhinein zu bestimmen, wann sich die Zweite Sonne wieder entfernen würde.

In Wahrheit sei es der Namenlose Gott selbst, der die Welt retten würde. Nicht der Gottkaiser.

Die Lehre des Gelähmten Propheten hatte sich in vielen Ländern des Gürtels der Welt ausgebreitet. Länder, die früher Teil des zerfallenen Reiches von Arakand gewesen waren. Länder, die aber auch nach dem Zerfall dieses Reiches immer noch an der geistlichen Anführerschaft des Gottkaisers festgehalten hatten. Länder, deren Menschen über Jahrtausende nach Arakand geblickt hatten, wenn die Zweite Sonne den Tageshimmel beherrschte und so hell strahlten, dass man die Himmelsgrenze, diesen Ring aus Staub und Geröll, der die Welt von Arakand in Äquatorhöhe umgab, selbst zur Mittagszeit nicht mehr zu sehen vermochte, weil das gleißendes Licht der Zweiten Sonne ihn überstrahlte.

Unter den abtrünnigen Ländern war eben auch Etamia, am Ostufer der Meerenge von Arakand gelegen. Einst war Etamia die letzte Provinz des Reiches gewesen – abgesehen von der Stadt selbst und dem sogenannten Kettenende, wie man den am Ostufer der Meerenge befindlichen Stadtteil nannte.

Doch nicht einmal die Fraktion der Rechtgläubigen war sich noch einig. Ausgehend von Maragenua und Galbador hatte sich eine abweichende Auslegung der Überlieferung verbreitet. Eine Auslegung, die sagte, dass man keine Ketzerei dulden dürfte und jeder Ketzer zu erschlagen sei. Der Bischof von Galbador galt als Anführer dieser Bewegung. Formal stand dieser immer noch in der Gefolgschaft des Gottkaisers. Tatsächlich aber sprach man längst von zwei Kirchen im Lager der Rechtgläubigen: Der Kirche von Galbador und der Gottkaisertreuen Kirche von Arakand. Die Kurie des galbadoreanischen Bischofs versuchte längst, die Vorherrschaft zu gewinnen. Ein Gottkaiser von ihrer Gnade wäre ihr recht gewesen.

Und ein Gottkaiser, der die Scheiterhaufen brennen ließ und Ketzer tötete. Nicht nur die Anhänger des Gelähmten Propheten, sondern vor allem die Abweichler in den eigenen Reihen. Die Angst, so ein Glaubenssatz der Galbadoreaner, macht gläubig. Die Freiheit erzieht zum Spott über das Höchste.

Der Gottkaiser von Arakand hatte allerdings ein gutes Augenmerk dafür bewiesen, was er den Bürgern im Inneren der dicken Mauern, die Arakand vor den Barbaren des Gürtels der Welt schützte, zumuten konnte und was nicht.

In letzter Zeit sprach man nun wieder öfter von einer Vereinigung aller Rechtgläubigen. Die galbadorinische Kirche und die des Gottkaisers von Arakand wollten sich gemeinsam gegen die Bedrohung wehren, die von der Ausbreitung der Leere des gelähmten Propheten ausging.

Aber diese Hoffnung schien genauso trügerisch zu sein wie jene, dass die Pestilenz die Stadt in Zukunft verschonte.

„Tut Buße! Das Tier des Unheils ist überall!“, rief Arco und übertönte damit sogar die Gesänge.

Khaarias Augen waren tränenblind. Sie murmelte ihre Gebete vor sich bin, so als würde eine geheime Kraft ihre Lippen bewegen und die Worte formen. Es schien von selbst zu geschehen.

Undeutlich hörte sie einen der Pestknechte etwas sagen, während sich der Zug, einem schaurigen Totentanz gleich, vorwärts bewegte. „Die Erben der Familie di Baragenzo haben Glück“, murmelte der Pestknecht unter seine Maske. „Das Haus ist aus Stein und wenn es ausgeräuchert ist, werden wenigstens die Mauern noch stehen...“

Ein leichter Regen setzte ein und sehr bald schon klebten Khaaria die Haare im Gesicht.

Ein Kreischen war zu hören.

Arco verscheuchte einen Ouroungour, der versucht hatte, ihn zu bestehlen. Der geflügelte Affe stob davon. Auch diese Geschöpfe starben an der Pest. Aber sie waren zu dumm, um sich vor ihr zu fürchten. Und so konnten die Diebe, die sie dressiert hatten, ihre geflügelten, flinken Diener auch zu solchen Gelegenheiten einsetzen.

Und sie taten es gerne.

Trauernde waren leichte Diebesopfer.

„In die Glut der zweiten Sonne mit dir, du Kreatur der Nacht!“, rief Arco wütend, während sich der geflügelte Affe halb fliegend halb kletternd an der Fassade eines Gebäudes rettete.

*

Khaaria folgte dem Wagen durch die Gassen. An viele Türen war ein Zeichen mit schwarzer Farbe aufgemalt worden – ein Kreuz, das ohne dabei abzusetzen mit einem einzigen Strich aufgetragen worden war. Ein Zeichen gegen den Schwarzen Tod, diese Geißel, die Gott einfach nicht von den Menschen Arakands nehmen wollte. Er allein musste wissen, weshalb. An manchen dieser Türen war nicht Farbe, sondern Blut verwendet worden. Schafblut. Ein alter Zauber. Aber dieser alte Zauber schien nicht mehr zu wirken. Khaaria kannte mindestens ein Dutzend Häuser, in die der Schwarze Tod trotz dieser schützenden Zeichen Einzug gehalten hatte. Der unsichtbare Todesbringer schlug scheinbar wahllos zu und holte sich, wen immer er wollte. Und es schien einfach keine Macht zu geben, die der Willkür seiner unberechenbaren Kraft hätte Einhalt gebieten können.

*

Der Regen war stärker geworden, als sie den Gebeinacker vor den Mauern von Arep erreichten, wo die Toten von den Pestknechten in Gruben geworfen wurden. Es gab keine Särge mehr zu kaufen und schon vor Wochen nahm man weder auf Konfession noch Stand Rücksicht. Selbst die mehrfach benutzbaren Pestsärge, an deren Unterseite eine Klappe angebracht war, sodass die Toten herausfielen, wenn man sie löste und der Sarg wieder aus der Grube hob, wurden nicht mehr verwendet. Ihr Holz war dunkel geworden vom blutigen, fauligen Auswurf, der den Toten noch aus dem Mund und anderen Körperöffnungen oder den aufgeplatzten Beulen rann, sodass die Pestilenz längst darin wohnte. Der Regen, der in diesem Jahr so stark wie selten war, hatte das Holz zusätzlich mit Fäulnis geschlagen und die häufig schon jahrelang verwendeten Pestsärge morsch und brüchig werden lassen, sodass die rostigen Nägel aus ihnen herausbrachen. Und es gab kaum noch Zimmerleute, die bereit und in der Lage gewesen wären, sie zu ersetzen. Die einen waren selbst vom Pesthauch geschlagen und lagen darnieder, die anderen hatte das Miasma der Furcht sich verkriechen lassen, denn manche Handwerker glaubten, dass ihnen das Anfertigen eines Pestsargs Unglück brächte und vielleicht sogar die Pestilenz erst anlockte.

Der Regen fiel jetzt in dicken Tropfen. Der Boden zu Khaarias Füßen war aufgeweicht. Das Wasser sammelte sich in Pfützen und trieb überall die Ratten aus ihren Löchern, die völlig die Furcht verloren hatten und wie trunken über den Acker schlichen – so wie man sie in den Straßen antreffen konnte.

Priester Armatteo da Creto versuchte diesem Augenblick einen letzten Rest von Würde zu geben. Er sprach ein Gebet, hatten doch die meisten der Toten schon keine heiligen Sakramente mehr empfangen können, bevor sie dahingeschieden waren. Armatteo war der letzte Priester der galbadorinischen Kirche, den es zurzeit in Arep noch gab. Alle anderen waren entweder geflohen, oder in Ausübung ihrer Pflichten gestorben. Armatteo war ein Mann in den Vierzigern. Sein Gesicht war fleckig und von Narben entstellt. Man sagte, er habe in seiner Kindheit als einziger eine Pestepedemie in dem Dorf Creto, unweit des gleichnamigen Berges bei Maragenua überlebt. Während der Schwarze Tod das ganze Dorf hinweggerafft hatte, war der Junge nach am leben gewesen. Reisende Mönche nahmen ihn mit – trotz der Tatsache, dass der kleine Armatteo jene Geschwüre trug, wie sie der Schwarze Tod häufig mit sich brachte. Aber die Mönche nahmen ihn dennoch zu sich und pflegten ihn. Dass er gesundete, werteten sie als ein Wunder. Es musste ein Zeichen sein, mit dem der Namenlose Gott ihre Menschlichkeit und Nächstenliebe belohnt hatte.

Seitdem, so verkündete es Armatteo da Creto immer wieder von der Kanzel, wenn er das Ritual durchführte, kannte er keine Furcht. Nicht vor dem Schwarzen Tod und auch nicht vor den etamitischen Ketzern, die der Lehre des Gelähmten Propheten folgten und deren Kanonenschläge selbst aus meilenweiter Ferne die Mauern Arakands erzittern ließen.

Und so stand Armatteo nun da und sprach unbeirrbar seine Gebete. Genauso unbeirrbar deckten die Pestknechte die Toten mit Erde zu, auf das mit ihnen das Böse dorthin verschwände, wo es hergekommen war.

„Der Beweis ist erbracht!“, hörte Khaaria ihren Bruder Arco mit schreckensbleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen sagen. „Der Leibhaftige Böse ist mächtiger als Gott es je war!“

„Hör auf, so zu reden!“, widersprach Khaaria.

„Es ist die Wahrheit, Schwester! Auch wenn du sie vielleicht nicht ertragen kannst! Wohin du auch siehst, siegt das Böse!“

Sie gingen jetzt um das Grab herum, während der Karren bereits wieder fortgerollt wurde und die Pestknechte aufs Neue ihrer schauerlichen Arbeit nachgingen. Von der anderen Seite der Begräbnisstätte hörte man lautes, hemmungsloses Wehklagen. Schreie, von Männern, Frauen und Kindern, die in ihrer Trauer nicht einmal mehr zu einem Gebet fähig waren und das Vertrauen in den Herrn offenbar verloren hatten wie es bei Arco der Fall war.

„Der Namenlose Gott hat das Übel geschaffen, um die Gläubigen zu prüfen“, sagte Armatteo da Creto, der Arcos Worte sehr wohl gehört hatte.

„Ach ja? Und im Moment prüft er wohl gerade uns?“

„Vertraue auf seine Führung, wie es dein Vater und deine Mutter getan hätten!“

„Man sieht, was ihnen das gebracht hat!“, rief Arco so laut, dass sich einer der unter seiner Maske wie ein unmenschliches, grauenvolles Fabelwesen der Hölle aussehender Pestknecht noch einmal umdrehte, bevor er den anderen folgte.

Armatteo legte Arco eine Hand auf die Schulter.

In diesen Tagen, da sonst so gut wie niemand es wagte, einen anderen zu berühren, aus Angst sich anstecken zu können, war Priester Armatteo eine Ausnahme. Ein menschgewordenes Zeichen der Furchtlosigkeit; jemand, der allein dadurch, dass er noch lebte, zu beweisen schien, dass der Herr auf seiner Seite sein musste und das, was er sagte, offenbar durch ihn inspiriert war.

Armatteos Blick ruhte für einige Momente nachdenklich auf dem jungen Mann.

„Du und deine Schwester, ihr braucht jetzt einander“, sagte der Priester schließlich. „Es wird schwer genug werden, das Handelshaus di Baragenzo zu erhalten...“

Arco lachte heiser. „Sorgt Ihr Euch um die Stiftungen, die mein Vater der Kirche überließ? Um das Krankenhaus von Arep, in dem die Armen von der Straße behandelt werden?“

Priester Armatteos von Narben übersätes Gesicht blieb unbewegt. Seine dunklen Augen musterten Arco eindringlich. „Für die Toten können wir nichts mehr tun. Sie sind in der Hand des Herrn. Aber ich sorge mich um dein Seelenheil, Arco!“

„Und um das Geld unserer Familie!“

„Ich kenne dich beinahe von Geburt an, mein Junge! Ich habe deiner Mutter geraten, dir den Namen eines Heiligen zu geben! Wenn du mir Geldgier unterstellst, bist du wirklich im Irrtum. Ich will euch nur helfen!“

„Ach, ja?“

„Arco!“, fuhr Khaaria dazwischen.

„Du bist zu arglos, Khaaria!“ Er drehte sich um und ging davon.

Khaaria sah ihm nach.

„Sieh nicht auf das, was ihr verloren habt, sondern auf das, was noch blieb“, sagte der Priester. „Denn nur letzteres führt dazu, dem Namenlosen Gott zu danken, anstatt ihn unbedachterweise zu verfluchen, was auf den ersten Blick so viel näherliegend zu sein scheint.“

„Ja“, flüsterte Khaaria. „Wenn ich in ein paar Wochen noch lebe, dann will ich das gerne tun...“

*

Tage später...

Eine Barkasse legte im Terios-Hafen von Arakand an. Gleichmäßig tauchten die Ruderblätter in das dunkle Wasser. Nebelschwaden hingegen in diesen letzten dunklen Stunden der Nacht über dem Wasser und quollen wie ein unheimlicher Hauch die Uferböschungen empor und hüllten die Schutzmauern ein. Die Lichter von Laternen waren nur als helle, verwaschene Flecke zu sehen.

Khaaria saß am Bug und blickte der Einfahrt zu diesem wichtigsten Hafen Arakands entgegen. Vor Jahrhunderten, als das Reich von Arakand noch existiert und größten Teil des Gürtels der Welt beherrscht hatte, war Terios der größte Handelshafen der Welt gewesen, aber auf diesen Glanz war ein immer größerer Schatten gefallen. Dass Arakand so viel häufiger als andere Städte von der Pest heimgesucht wurde, war dabei nur einer der Gründe. Ein noch entscheidenderer Umstand war wohl die militärisch zunehmend verzweifelte Lage. Eines konnte allerdings niemand der Stadt nehmen: ihre Lage an der Durchfahrt durch den Gürtel der Welt an der Meeresstraße von Arakand. Und der Schiffsverkehr zu den Ländern an den Küsten des nördlichen und des südlichen Meeres hatte nichts an Bedeutung verloren. Allerdings war Arakand inzwischen weit davon entfernt, den Schiffsverkehr dorthin noch allein kontrollieren zu können. Der größte Teil dieser Meerenge war längst im Besitz des etamitischen Königs.

*

Khaaria dachte darüber nach, ob es nicht vielleicht das Beste war, der Stadt den Rücken zu kehren. Seit Generationen waren die di Baragenzos hier ansässig. Vor fast zwei Jahrhunderten hatten Maragenueser dabei geholfen, die Stadt für die Anhänger des Gottkaisers zurückzuerobern und Oloccin Aerdna di Baragenzo, ein Vorfahre Khaarias, hatte sich mit seinem Schwert und seinem Geld an diesem Unternehmen beteiligt und war dafür reich belohnt worden. Das war die Grundlage für den Reichtum der Familie und den Aufbau des Geschäfts gewesen. Die Privilegien, die man Oloccin Aerdna gewährte, hatten das Handelshaus schnell wachsen lassen. Jede Generation hatte ihren Beitrag dazu geleistet, seinen Reichtum und seinen Einfluss zu mehren. Maragenua, die alte Heimat, blieb der wichtigste Herkunftsort der Waren, mit denen das Haus di Baragenzo handelte. Khaaria und Arco hatten beide ein paar Jahre bei Maragenueser Verwandten verbracht und dort den Unterricht von Hausgelehrten genossen. Aber als ihre eigentliche Heimat hatte Khaaria immer die Straßen von Arep empfunden und jenes Haus, das jetzt nur noch eine rauchende Ruine war.

Arco saß in der Mitte der Barkasse. Er wirkte völlig in sich versunken und blickte starr ins Nichts. Seitdem die Barkasse sie beide am Alata-Turm an Bord genommen und mit ihnen die Altstadt umfahren hatte, war er vollkommen schweigsam gewesen. Er brütete finster vor sich hin und schien die neue Situation einfach nicht annehmen zu können.

Eigentlich hatte Arco die Führung des Handelshauses übernehmen sollen. Khaaria klangen noch gut die Worte ihres Vaters im Ohr, die sein Bedauern darüber widerspiegelten, dass Arco sich nie mit jener Intensität für das Geschäft interessiert hatte, die sein Vater sich gewünscht hätte. Oft genug war deswegen Streit zwischen den beiden aufgeflammt. Schlussendlich aber hatte sich dann wohl die Erkenntnis durchgesetzt, dass Arco di Baragenzos aufbrausende, zur Unberechenbarkeit neigende Art die Zukunft des Handelshauses gefährdete. Nicht zuletzt deswegen war im Testament die alleinige Verfügungsgewalt nicht auf ihn übertragen worden. Arco sah darin eine nachträgliche Bestrafung dafür, dass er oft so unbotmäßig gewesen war, während sein Vater nichts anderes als die Bewahrung dessen im Sinn gehabt hatte, was mehrere Generationen von di Baragenzos mit Schweiß und Blut aufgebaut hatten. Dass der Handelsherr seinen letzten Willen bereits zu Lebzeiten und in bester Gesundheit öffentlich gemacht hatte, musste Arco als zusätzliche Schmähung empfinden. Nach Khaarias Eindruck war es dadurch zum endgültigen und nicht wieder gut zu machenden innerliche Bruch zwischen Vater und Sohn gekommen.

Was jetzt werden würde, war nicht gewiss.

Fest stand nur, dass Khaaria und ihr Bruder zu gleichen Teilen das Vermögen und die Besitztümer ihrer Eltern geerbt hatten und dass es deren sehnlichster Wunsch gewesen wäre, wenn sich in der nächsten Generation dieser Besitz erhalten und mehren würde, sodass er die Lebensgrundlage ihrer Nachkommen sein konnte.

Die sechs kräftigen Ruderer, die die Barkasse jetzt mit ihren Ruderschlägen in die offene, durch Leuchtfeuer gekennzeichnete Einfahrt des Terios-Hafens trieben, waren arakandische Tagelöhner, die für ein paar Münzen angeheuert worden waren, um Arco und Khaaria di Baragenzo unter Umgehung aller Quarantäne-Bestimmungen in den Terios-Hafen zu bringen. Niemand, der aus Arep kam, hatte im Moment irgendeine Möglichkeit, den Meeresarm zu überqueren, den man das Goldene Trinkhorn nannte und dieses Viertel vom eigentlichen Arakand trennte. Jener Stadtteil, der von der Pest betroffen waren, sollten isoliert bleiben. Aber es gab nicht genug Kräfte, um das wirklich kontrollieren zu können. Und die wenigen Männer, die der Gottkaiser unter Waffen hatte, waren vorrangig für andere Aufgaben vorgesehen - zum Beispiel dafür, die große arakandische Mauer zu besetzen, die seit geraumer Zeit auch als letztes Bollwerk gegen die etamitischen Anhänger des Gelähmten Propheten diente.

Baladisten oder Baladusianer nannte man letztere auch, denn der Name des Gelähmten Propheten hatte Baladus gelautet.

Davon abgesehen verfügte das Haus di Baragenzo über beste Beziehungen zur Hafenverwaltung. Das war nicht nur in Zeiten der Pest eine Überlebensfrage für jeden, der in größerem Stil in jener Stadt, Handel treiben wollte.

Die Barkasse legte schließlich an. Einer der Seeleute sprang an Land und vertäute sie.

„Eure Fahrt ist zu Ende, Herrin“, sagte der Steuermann an Khaaria gerichtet. Er sprach Hoch-Arakandisch. Khaaria beherrschte diese Sprache ebenso gut wie ihren maragenueser Dialekt oder das galbadorinische Arakandisch, das sie in seiner reinen und klaren Form hatte erlernen müssen, da es das Hoch-Arakandische im Verlauf der letzten Jahrhunderte als Lingua Franca in einigen Teilen des Gürtels der Welt abgelöst hatte und seine Beherrschung daher unerlässlich für jeden Reisenden oder Handeltreibenden in diesen Gegenden war.

Khaaria stieg an Land. Sie fühlte sich so schwach wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ein flaues, drückendes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar. Sie hatte in den letzten Tagen nichts gegessen und sehr wenig getrunken. Dieses Fasten war noch nicht einmal Teil der Bußgebete gewesen, die sie in Kapelle des Namenlosen Gottes am Ende des Steinernen Weges in Arep absolviert hatte. Vielmehr hatte sich einfach keine Gelegenheit gefunden. Und davon abgesehen konnte jeder Laib Brot, jeder Schluck Wasser und alles, was sonst in den Körper drang, auch die Pestilenz mit sich bringen, von der bisher niemand wirklich wusste, was sie auslöste und verbreitete. Sie war wie die Pfeile eines Armbrustschützen, der im Hinterhalt lauerte. Nur er allein wusste, auf wen er zielte, aber für diejenigen, deren Körper von den Bolzen zerschmettert wurden, war es wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Etwas, gegen das es keine Verteidigung geben konnte. Das vor allem machte es so grauenvoll.

Arco folgte seiner Schwester.

In der Nähe der Kaimauer war der Schatten eines zweispännigen Wagens zu sehen, der sich aus dem aufkommenden Nebel abhob. Eine hochgewachsene Gestalt trat auf Khaaria und Arco zu. Eine der wenigen Öllaternen, die die ganze Nacht über den Bereich in unmittelbarer Nähe der Kaimauer erhellten, beschien das stark konturierte Gesicht eines Mannes von unbestimmtem Alter. Das Haar an seinen Schläfen war grau, ebenso der Bart, der sein ohnehin sehr spitz zulaufendes Kinn noch stärker hervorhob.

Er trug eine Lederkappe mit Fasanenfeder und einen langen Rock. An dem breiten Gürtel hing neben einer Geldbörse auch ein kurzes Seitschwert, wie es viele Händler und Kaufleute mit sich führten – zumeist mehr zur Zierde als um sich im Ernstfall tatsächlich damit zu verteidigen.

„Edivad!“, stieß Khaaria hervor.

„Kommt! Wir sollten hier kein unnötiges Aufsehen erregen!“

„Sind die Hafenwächter nicht immer mit ausreichenden Zuwendungen bedacht worden?“, fragte Arco höhnisch.

Edivad wandte den Blick an Arco. „Ihr könnt sicher sein, dass uns die Hafenwache treu ergeben ist. Trotzdem ist es besser, wenn man euch nicht im Bußgewand und mit Asche auf dem Haupt sieht.“

„Muss man sich jetzt schon für seine Bereitschaft zur Buße schämen?“, spottete Arco.

„Wo gebüßt wird, ist auch der Grund für die Buße zu Hause – und das ist die Sünde“, erwiderte Edivad ruhig. „Und die wiederum lockt das unsichtbare Fliegengeschmeiß an, das die Pestilenz verbreitet, in dem es in Nasen und Ohren hineinkriecht.“

„Ach so ist das!“

„Ja, so ist das!“

Nur mit Mühe schien Edivad den Ärger über Arcos herablassenden Tonfall beherrschen zu können. Vielleicht ahnte Edivad auch, dass Arcos Überheblichkeit gegenüber Bediensteten nach dem Tod der Eltern wohl vollkommen ungehemmt zum Vorschein kommen würde, sodass jeder, der für das Haus di Baragenzo arbeitete, schwierige Zeiten zu erwarten hatte.

Edivad führte die beiden Geschwister zum Wagen. Sie stiegen auf und der Kutscher trieb die Pferde voran. In halsbrecherischer Geschwindigkeit jagte der Wagen die Gassen entlang und erreichte wenig später die Mese, jene große Ost-West-Straße in Arakand, die vom Goldenen Tor am Südende der arakandischen Mauer über das Forum vorbei am ehemaligen Hippodrom führte, das inzwischen zu einem unkrautüberwachsenen Ruinenfeld und Steinbruch verkommen war. Zu Zeiten des Großreichs hatten hier die Gottkaiser dem Volk Vergnügungen und Spiele geboten. Aber diese Zeiten waren lange vorbei und nur noch Erinnerung. Die Mese endete schließlich vor dem Gottkaiserpalast.

Der Wagen nahm die Mese in westliche Richtung, während im Osten, jenseits der unübersehbaren großen Kuppelbauten und des gewaltigen Hippodroms das verwaschene Licht des neuen Tages im Nebeldunst heraufdämmerte.

„Ich habe die Gästeräume des Kontors herrichten lassen. Dort werdet ihr bis auf Weiteres wohnen“, erklärte Edivad in der ihm eigenen, ruhigen Art.

„Habt Dank, Edivad“, sagte Khaaria. „Wir wüssten nicht, was wir ohne Euch tun sollten!“

„Ich habe Eurem Vater und sogar noch Eurem Großvater treu gedient“, erklärte Edivad. „Und es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, jetzt dazu beizutragen, dass das Handelshaus di Baragenzo diesen schwersten Schlag seiner Geschichte überlebt... Es geht um die Zukunft, Khaaria!“

Ein mattes, schwaches Lächeln glitt über Khaarias Gesicht. „Das sind auch die letzten Worte, die Vater zu uns sagte, kurz bevor das Leben ihn verließ...“

„So sollten wir alles tun, um sein Vermächtnis zu bewahren! Und Euer Vater hat mir dazu die Vollmachten über seinen Tod hinaus gegeben.“

Edivad entstammte einer traditionsreichen Familie aus Tarastan, die ursprünglich in Exandrya ansässig gewesen war. Für das Haus di Baragenzo war er seit langem als Schreiber und Prokurist beschäftigt gewesen.

Edivad Schreiberling, so nannte er sich und so war er auch in Arakand, Maragenua und Karadig bekannt. Und selbst am Königshof von Boranien hatte man ihn bereits gesehen.

Für Khaaria war er von klein auf einfach nur 'Edivad' gewesen – ein Mann, der mehr als nur ein treuer Freund des Hauses war. Abgesehen von ihren Eltern vertraute sie allenfalls noch dem Priester Armatteo da Creto auf ähnliche Weise. Und was die Zukunft des Hauses di Baragenzo anging, würden dessen Erben auf die Hilfe und den Beistand des Tarastaners mehr angewiesen sein denn je.

„Ein Arzt wird Euch gleich nach Eurer Ankunft beide eingehend untersuchen“, erklärte Edivad.

„Ein Arzt?“, echote Khaaria und in ihrem Tonfall schwang durchaus mit, dass ihr diese Aussicht nicht allzu sehr behagte. „Oder ein Magier?“

„Gibt es da einen Unterschied? Ob Medicus oder Magicus – Hauptsache, es gibt eine Hoffnung auf Heilung“, sagte Edivad.

*

Wie hilflos hatte sie doch schon allzu oft die Ärzteschaft im Angesicht dieser furchtbaren Krankheit gesehen. Nicht einmal die fortgeschrittene Medizin der Tarastaner schien gegen die Pest ein Heilmittel zu kennen. Und vielleicht gab es das auch gar nicht. Vielleicht hatten alle diejenigen Recht, die in dieser Seuche eine Geißel des Namenlosen Gottes sahen, der man nur durch Frömmigkeit und ein gottgefälliges Leben, aber nicht durch Heilgetränke von beißendem Duft entgehen konnte, deren Dämpfe nur in den Augen brannten, aber das Übel nicht aus den Körper herauszubrennen vermochten.

„Es handelt sich um den fähigsten Pestarzt der ganzen Welt von Arakand. Angeblich hat sogar der große Acelsus von ihm gelernt und er soll die Stadt Wharau in Stromland mit seinen Maßnahmen vor einer drohenden Pestepedemie bewahrt haben. Der Admiralsregent von Karadig soll ihn angeblich als Berater zu halten versucht haben, aber nicht einmal die gut gefüllten Schatzkammern Karadigs waren ausreichend, um diesen außergewöhnlichen Mann weiter bezahlen zu können!“

„Wenn er Reichtum sucht – was will er dann in dem elend heruntergekommenen Arakand?“, fragte Khaaria. „Und in wessen Dienste steht er hier, wenn schon der Admiralsregent ihn nicht zu bezahlen vermag?“

Edivad lächelte nachsichtig. Er stieß ein Stoßgebet in tarastanischer Sprache aus. Diese Angewohnheit hatte er schon gehabt, solange Khaaria sich zurückerinnern konnte.

„Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt“, erklärte er. „Wenn ich gesagt habe, dass Geld ihn nicht in seiner karadizianischen Heimat halten konnte, dann nicht, weil ich damit andeuten wollte, es käme ihm in erster Linie auf Reichtum und Profit an. Er ist Arzt und kein Kaufmann. Und er ist seit vielen Jahren von dem Gedanken besessen, die Pest zu erforschen. Und wenn man mehr darüber erfahren will, dann tut man gut daran, sich dorthin zu begeben, wo man dem Objekt der eigenen Wissbegier mit möglichst großer Wahrscheinlichkeit auch begegnet.“

„Er ist Karadizianer?“, wunderte sich Khaaria. „Wie heißt er?“

„Vaosdo Kallyari. Erschreckt Euch nicht, wenn er Euch gegenübersteht oder wenn er Euch auffordert, eigenartige Dinge zu tun. Er weiß sehr genau, was er tut. Der Gottkaiser vertraut ihm seit vielen Jahren.“

Khaaria sah Edivad fragend an. Eine Falte hatte sich auf ihrer glatten, aber von Ruß befleckten Stirn gebildet. „Ist es nicht ein Risiko, sich von einem Arzt des Gottkaisers untersuchen zu lassen? Edivad, was ist, wenn sich die Befunde bei Hof herumsprechen und sie von den falschen Schranzen benutzt werden, um Intrigen zu spinnen?“

„Ein gutes Argument, Schwesterlein!“, mischte sich nun Arco ein, der sich bisher zurückgehalten und so gewirkt hatte, als würde ihn weder das Gespräch, noch die bevorstehende Begegnung mit einem Arzt in irgendeiner Weise besonders interessieren. „Zumal er doch Karadizianer ist – und wir wissen doch beide, mit welch üblen Tricks uns die Karadizianer lieber heute als morgen aus dem Geschäft drängen würden!“

„Ihr habt nicht Unrecht“, gestand Edivad ein. „Aber was Vaosdo Kallyari angeht, so sind Eure Bedenken unbegründet, Arco. Wie gesagt, der Gottkaiser vertraut ihm seit vielen Jahren. Er berief ihn in seine Dienste, nachdem seine Frau an der Pest gestorben war.“

„Ein weiterer Beweis dafür, dass die Macht Leibhaftigen Bösen inzwischen überall zu Hause ist – auch und vor allem im Palast des Gottkaisers!“, meinte Arco.

„Du redest wirres Zeug, Arco!“, sagte Khaaria.

„Ach ja? Hast du den Tag nicht mehr in Erinnerung, als die Gemahlin des Gottkaisers starb? Jedem muss spätestens von da an doch klar gewesen ein, dass die Macht des Übels selbst die fugenlosen Wände des Gottkaiserlichen Palastes hindurchgedrungen ist!“ Arco schüttelte energisch den Kopf. „Ich werde mich von diesem Quacksalber nicht untersuchen lassen!“, entschied er. „Es besteht kein Anlass dazu!“

„Es ist unumgänglich, sich untersuchen zu lassen!“, erwiderte Edivad in einem Tonfall, der eine wohlwollende Bestimmtheit ausdrückte, die keinen Widerspruch duldete. „Nur, wenn Euch Meister Kallyari als jemand einstuft, der nicht in der Gefahr steht, die Krankheit zu verbreiten, werdet Ihr noch damit rechnen können, Eure Anliegen bei Hof vortragen zu dürfen. Und darauf sind wir angewiesen, wie ich Euch erinnern darf, Arco!“

„Ihr redet wie mein Vater!“, maulte Arco. „Aber bildet Euch nur nicht ein, dass Ihr dieselben Rechte mir gegenüber hättet oder dass nun alles beim alten bliebe, Tarastaner! Das Testament mag Euch die eine oder andere Befugnis über die Geschäfte geben, aber mehr nicht!“

„Arco, seid vernünftig! Sonst setzt Ihr alles aufs Spiel, was Generationen vor Euch aufgebaut haben! Und das könnt Ihr unmöglich wollen!“

Arco antwortete nicht.

Während der Wagen weiter die Straße entlang fuhr, die immer häufiger von Schlaglöchern unterbrochen wurde.

Edivad wandte sich an Khaaria. „Vielleicht habt Ihr den nötigen Einfluss auf Euren Bruder, um ihm zu erklären, weshalb ihm und Euch unbedingt eine völlige Freiheit von jeglichen Symptomen des Schwarzen Todes bescheinigt werden muss. Andernfalls wird man Euch auch geschäftlich auf eine Weise meiden, die den Ruin mit sich bringen kann.“

„Vielleicht überschätzt Ihr meinen Einfluss“, sagte Khaaria bescheiden und mit einem leicht resignierten Tonfall. Früher hatten sie sich sehr nahe gestanden und Arco hatte all die Zweifel mit ihr geteilt, die ihn innerlich zerrissen. Fragen nach dem Sinn des Lebens im Angesicht einer Welt, die aus den Fugen zu geraten schien, Fragen nach der Macht des Namenlosen Gottes, der doch angeblich allmächtig war und trotzdem das Leid und den allgemeinen Verfall nicht zu verhindern vermochte und seine Macht so schrecklich selten erkennen ließ, dass man darüber vom Glauben abfallen mochte. All diese Dinge hatten ihn zum Leidwesen seines Vaters immer schon mehr interessiert, als die Belange des Geschäftes und die Pflege guter Handelsbeziehungen. Geld und Gut bedeuteten ihm nicht viel, denn für ihn waren sie selbstverständliche Attribute seines bisherigen Lebens und stets im Überfluss vorhanden gewesen. Schon diese gleichgültige Haltung den materiellen Dingen gegenüber hatte ihn in einen schier unüberbrückbaren Gegensatz zu seinem nun der Pest erlegenen Vater gebracht. Am liebsten wäre Arco seinerzeit in Maragenua geblieben und einem Orden beigetreten, um sich ganz dem Studium der letzten Fragen widmen zu können. Aber sein Vater hatte dafür nicht das geringste Verständnis aufgebracht und es war immer deutlicher geworden, wie grundverschieden der alte Handelsherr Lukkar di Baragenzo und sein Sohn doch waren. Einzig die Tatsache, dass sie beide nach Heiligen benannt waren, schien sie zu verbinden. Oft genug hatte Khaaria mitangesehen wie ihre Mutter Atarina vergeblich versucht hatte, zwischen den beiden zu vermitteln. Letztlich hatte sich Arco scheinbar dem Willen seines Vaters gebeugt. Zumindest dem äußeren Anschein nach.

„Wir hätten niemals in diese verfallende Ruinenfeld zurückkehren sollen, Schwester“, murmelte Arco an Khaaria gewandt, während er auf die dunklen Schatten der großen Häuser und Türme sah, die entlang der Mese standen. „Wie spärlich ist die Beleuchtung in der Stadt inzwischen! Früher soll Arakand des Nachts einem Sternenmeer geglichen haben. Jetzt hausen in manchen Vierteln nur noch die verblassenden Schattengeschwister einer glorreichen und erhabenen Vergangenheit. Vielleicht ist es gut, dass die Straßen nicht mehr so hell erleuchtet sind, dass sich der Lichterschein in den goldenen Kuppeln der Tempel und Kathedralen spiegelt. Vielleicht ist es gut so, denn so sieht man mehr Schatten – und nicht das volle Ausmaß des Verfalls, wie es am Tag der Fall ist. Es ist ein langsamer, qualvoller Tod, den diese Stadt stirbt. Vielleicht ist sie sogar schon nichts weiter als ein großer, verwesender Leichnam und wir sind wie die Maden, die sich von seinen gerade noch genießbaren Überresten ernähren.“

„Was sollen diese Worte, Arco?“, fragte Khaaria. „Seien wir lieber froh, der Pest entronnen zu sein.“

Arco di Baragenzo schüttelte den Kopf.

„Es gibt hier keine Zukunft, Khaaria. Schon unser Großvater hätte seine Besitzungen am Goldenen Trinkhorn verkaufen sollen und dies vielleicht sogar noch mit Gewinn tun können! Und wie ist es jetzt? Eines Tages wird der etamitische König die Stadt erobern. Mag sein, dass seine Kanonen den Mauern von Arakand heute noch nichts anhaben können. Aber wenn es so weitergeht, werden diese Mauern irgendwann von selbst verfallen, so wie alles andere auch! Es gibt nicht genug Handwerker, die sie erhalten und von dem Moos befreien könnten, dass sich in ihre Fugen setzt. Die Fäulnis dieses Niedergangs hat sich überall eingeschlichen und die aufsteigenden Dämpfe des Bösen zerfressen die Gemäuer von innen heraus!“

Seine Augen waren weit aufgerissen, als er diese Worte sprach und Khaaria wusste, dass es sinnlos war, ihn jetzt anzusprechen. Immer öfter steigerte er sich in einen Redefluss hinein, der sie an die fanatischen Prediger und Geißler erinnerte, die man inzwischen an jeder Straßenecke antreffen konnte und die nicht müde wurden, vom baldigen Ende der Welt zu reden. Und davon, dass das zweite Sonnenlicht die Welt irgendwann verbrennen würde, wenn der Gottkaiser es nicht mehr fortzuweisen vermochte...

Der Tag des letzten Feuers sei nahe...

So furchtbar nahe...

Der Wagen erreichte das Außentor des Kontorgebäudes, das von einer hohen Mauer umgeben war. Immer zahlreicher wurde das Diebesgesindel, das die Straßen Arakands unsicher machte. Man konnte sich kaum auf Hilfe durch die Söldner des Gottkaisers verlassen, wenn es darum ging, sein Eigentum zu schützen. Und gegen die dressierten Ouroungour hatte ohnehin niemand eine Chance. Die geflügelten Affen waren so schnell und skrupellos, dass man seiner Habe schon verlustig gegangen war, ehe man sich hätte wehren können. Es kam sogar hin und wieder vor, dass Gardisten des Gottkaisers mit Dieben gemeinsame Sache machten und ihren Teil vom Erlös bekamen, den die Beute auf einem der wilden Hinterhofmärkte erbrachten, die von den Gilden der Kaufleute und Handwerker vergeblich bekämpft aber letztlich nie erfolgreich unterbunden worden waren.

Der Kutscher rief ein Losungswort auf Galbadorin. Ein Wächter öffnete daraufhin das Tor. Der Wagen fuhr in den Innenhof. Edivad hatte darauf geachtet, dass die Wächter, die für das Handelshaus di Baragenzo tätig waren, möglichst kein Wort Arakandisch verstanden. Die Gefahr, dass sie sich dann mit verbrecherischen Elementen aus den Gassen Arakands bestechen ließen, und für ein paar Silberstücke wertvolle Hinweise an Diebe und Einbrechergesindel herausgaben, war dann geringer. So zumindest hatte die Ansicht des alten Lukkar di Baragenzo gelautet. Natürlich lernten auch diese Männer, die zumeist von Edivad angeheuert worden waren, irgendwann die Sprache, die in dieser Stadt am meisten gesprochen wurde und sich auch als Amtssprache durchgesetzt hatte – zumal inzwischen der Hass auf die sogenannten Galbadoriner, worunter man sämtliche Angehörige der galbadorinischen Kirche ebenso zusammenfasste wie alle Sprecher eines der inzwischen recht zahlreich gewordenen Mundarten der galbadorinischen Sprache.

Der Wagen hielt nicht vor dem Hauptgebäude, sondern vor einem der Nebenhäuser. Edivad stieg aus und Arco wollte ihm folgen. Aber Khaaria hielt ihn zurück. „Ich bitte dich, tu was Edivad verlangt und lass dich von diesem Kallyari untersuchen! Du wirst sonst nur Misstrauen säen und womöglich werden sich selbst unsere Angestellten vor dir fürchten, weil sie glauben, dass auch du den Keim des Bösen in dir trägst!“

„Ach, Schwester, ist das nicht alles so furchtbar gleichgültig! Was spielt es schon für eine Rolle, was mit dem Handelshaus di Baragenzo oder sogar mit dieser Stadt wird? Wir sind doch alle nur Sandkörner, die durch übermächtige Hände rieseln, ohne sich dagegen wehren zu können. Wir haben geglaubt, dass es die Hände des Namenlosen Gottes sind, die das tun, aber vielleicht sind es nur die Hände achtlos spielender Kinder, die überhaupt nichts mit der Welt im Sinn haben, außer dass sie sie auf eine Weise verändern, die ihnen Abwechslung und Erlösung aus ihrer Langeweile verspricht...“

„Ich hoffe, dass du das nie einen Mann der Kirche hören lässt – ganz gleich welcher Kirche übrigens!“, gab Khaaria zurück. „Und im übrigen geht es hier zur Abwechslung um die kleinen, praktischen Dinge des Lebens und nicht um die Frage, wann der jüngste Tag anbricht und welche Kräfte die Welt in ihrem Innersten bewegen. Tu einfach, was jetzt notwendig ist!Tu es im ehrenden Gedenken an deine Eltern!“

Arco lachte heiser und Khaaria erschrak, als sie die Bitterkeit erkannte, die aus dem Tonfall ihres Bruders überdeutlich herauszuhören war.

„Hat Vater vielleicht jemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, was wirklich wichtig ist? All das, was ihm wesentlich erschien - war es nicht nur hohler Tand? Was konnten sie nun davon mitnehmen, als die Pestknechte sie in die Dunkelheit ihres Grabes herabließen?“ Er schüttelte energisch den Kopf und gab die Antwort selbst. „Nichts, Khaaria! Gar nichts!“

„Dann tu es einfach, weil ich dich darum bitte, Arco“, erwiderte sie mit großem Nachdruck im Tonfall.

Ihre Blicke begegneten sich. Der flackernde Schein einer Laterne, die vor dem Eingang des Nebengebäudes brannte, spiegelte sich in seinen Augen, so dass es Khaaria vorkam, als wären sie von einem beinahe dämonischen Glanz erfüllt. Er atmete tief durch. „Also gut“, sagte er er schließlich. „Ich tu dir den Gefallen.“

Zweites Kapitel

Khaaria betrat wenig später einen von unzähligen Kerzen erleuchteten Raum. Stark riechendes Räucherwerk machte das Atmen schwer. Khaaria fühlte ein Kratzen im Hals. Ihr Herz schlug heftiger.

Auf einem hölzernen Stuhl hatte eine Gestalt platzgenommen, deren Anblick Khaaria zusammenfahren ließ. Auf den ersten Blick wirkte ihr Gegenüber wie eine Kreatur, die geradewegs dem Höllenschlund entwachsen oder sich ebenso im Schlamm der unterirdischen Abwasserkanäle der Stadt gebildet hatte, wie man es den Ratten nachsagte, da sie viel zu zahlreich geworden waren, als dass sie einem natürlichen Zyklus von Geburt, Vermehrung und Tod bei ihrer Ausbreitung folgten. Nein, andere Mächte mussten es sein, die sie aus dem Schlamm der Erde entstehen ließen und in erschreckenden Massen an sie Oberfläche trieben! Flackernde Schatten tanzten auf der an ein vogelähnliches Wesen gemahnenden Schnabelmaske nach Art der Pestknechte. Dumpf mischte sich der Atem ihres Trägers mit den Knistern des verbrennenden Räucherwerks, dessen freigesetzte Dämpfe Khaaria inzwischen Tränen in die Augen trieben. Der Körper jener Gestalt auf dem Stuhl war vollkommen von einer ledernen Kluft, die wie die runzelige Haut eines Drachens wirkte, wie sie es im Stromland gab. Khaaria hatte ihren Vater einmal auf eine Handelsreise nach Exandrya begleitet und dort die Tiere auf dem Markt gesehen – sowohl in ihrem furchteinflößenden lebendigen Zustand, als zu kostbarstem Leder verarbeitet, für das man in Maragenua ein Vermögen zahlen musste. Bisweilen wurden diese Geschöpfe aber auch als Mumien feilgeboten. Wie auch die Mumie von Menschen, Katzen und Vögeln, die man in Stromland vor langer Zeit mit inzwischen unbekannten Verfahren vor der Verwesung zu bewahren gewusst hatten, waren sie als Rohstoff für Heilmittel aller Art auf dem gesamten Gürtel der Welt beliebt, so als könne die geheimnisvolle Lebenskraft, die diesen Artefakten innewohnte, übertragen werden, indem man die Mumie zu einem Pulver zerrieb, das dann als Beimengung von Arzneien und Heiltinkturen diente. Das Haus di Baragenzo hatte sich über Jahre hinweg immer wieder auch am Handel mit Mumien beteiligt, wenngleich der Anteil am Handelsumsatz der Familie bei weitem nicht so bedeutend war, wie der von Zucker, Seide und Seife, die man vornehmlich aus den tarastanischen Küstenstädten bezog.

Damals in Exandrya hatte Khaaria zum ersten und einzigen Mal auch eine vollständig erhaltene menschliche Mumie zu Gesicht bekommen, deren Anblick ihr noch jahrelang in Form von Albträumen gegenwärtig gewesen war. Der Art und Weise, wie die Gestalt vor ihr auf dem Stuhl die Arme mit Binden umwickelt hatte, erinnerte Khaaria unwillkürlich an jenen Anblick. Unter diesen Binden, deren Sinn sich der jungen Frau in diesem Moment einfach nicht erschließen wollte, waren immer wieder freie Flächen zu sehen, die den Blick auf das eigentümliche Leder freigaben, aus denen der ganze Anzug bestand. Das erstaunlichste waren für Khaaria die Handschuhe, die bemerkenswert fein gearbeitet waren. Das Material schien fast hauteng anzuliegen und musste sehr dünn sein, denn die Konturen der Fingerglieder stachen deutlich hervor.

„Ihr seid Khaaria di Baragenzo?“, wisperte die Stimme unter der Schnabelmaske hervor. Er sprach Karadizianisch.

„Ja, die bin ich. Und Ihr müsst der berühmte Pestarzt Vaosdo Kallyari sein, dem selbst der Gottkaiser vertraut!“

„Beim Zwielicht beider Sonnen! Ja, das ist wahr. Wo ist Euer Bruder?“

„Er wartet draußen vor der Tür. Es hieß, wir sollten einzeln eintreten.“

„Zieht Euch aus“, forderte Kallyaris wispernde Stimme. „Legt alle Kleidung, die Ihr am Leib tragt, ab! Ich muss Euren Körper nach den Zeichen der Krankheit untersuchen!“

„Ich trage keine Pestbeulen! Dann wäre ich in Arep geblieben und hätte den stillen Tod erwartet, so wie er meine Eltern ereilte!“

„Tut, was ich sage!“, forderte Kallyari. Seine Stimme war nur ein leises, krächzendes Flüstern und schien doch eine geradezu unheimliche Kraft in sich zu tragen. Eine Kraft, deren Einfluss man sich kaum entziehen konnte. „Es geht mir nicht nur um die Pestbeulen, deren Anfangsstadium Ihr vielleicht selbst gar nicht bemerken würdet. Es gibt noch weitere Zeichen. Und nun ziert Euch nicht länger oder sucht Euch jemand anderen, der Euch die Pestfreiheit bestätigen könnte. Jemanden, dem der Gottkaiser vertraut, was ja nicht ganz unwichtig ist. Schließlich sollt Ihr ja einige wesentliche Geschäfte mit dem Hof und der Gottkaiserlichen Familie abmachen.“

Der Gedanke daran, sich vor Vaosdo Kallyari zu entkleiden, war ihr äußerst unangenehm. In seiner eigenartigen, ihn vollständig bedeckenden Kluft, wirkte er kaum noch wie ein Mann, sondern eher wie ein der Hölle entstiegener Tiermensch. Aber ihr war klar, dass sie keine andere Wahl hatte. Der Gottkaiser hatte seine Frau durch die Pest verloren und seitdem verfolgte ihn eine geradezu panische Furcht vor dieser Krankheit. Zugang zum Hof des Gottkaisers, ohne eine Bestätigung darüber, dass man frei von Zeichen des Übels war, schien undenkbar. Aber Geschäfte in Arakand zu machen, ohne eine gute Verbindung zum Gottkaiserhaus war ebenfalls nicht vorstellbar. Das Urteil eines Arztes, dem der Gottkaiser vertraute, war für den Fortbestand des Handelshauses überlebenswichtig, dass durch die Erkrankung und den Tod seines Herrn schon bis an den Rand seiner Existenzfähigkeit gebeutelt war. Es kam einer besonderen Gnade des Hofs gleich, dass dieser Arzt des gottkaiserlichen Vertrauens die Untersuchung durchführte. Und Khaaria war das sehr wohl bewusst. Es war ein Akt des Vertrauens, der von Generationen di Baragenzos verdient worden war – angefangen mit Oloccin Aerdna, der geholfen hatte, die Boranier und Galbadoriner zu vertreiben, bis hin zu ihrem Vater. Was war dagegen ihre Scham? Wie hätte sie sich angesichts dessen zieren können – zumal sie fest entschlossen war, das Handelshaus weiterzuführen. Und dem musste sich alles andere unterordnen. So soll geschehen, was zu geschehen hat, dachte sie. Der Namenlose Gott hat mich bisher beschützt, warum sollte er es nicht auch in Zukunft tun?

Khaaria ließ das graue Büßergewand herabgleiten und mehr hatte sie ohnehin nicht mehr am Leib getragen. Schließlich hatte sie ein aufrichtiges Zeichen der Buße zum Namenslosen Gott senden wollen, wie Armatteo es ihr geraten hatte. Unter all den Mitteln, deren tatsächliche Wirkung gegen die Pest höchst zweifelhaft waren, erschien es ihr noch am vielversprechendsten sich auf diese Weise direkt an die höchste Macht selbst zu richten.

Eine Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper, als der Arzt an sie herantrat und begann, sie zu untersuchen. Khaaria fühlte tiefe Scham, so den Blicken dieses Fremden ausgesetzt zu sein. Er kam ihr nahe genug, um die Farbe seiner Augen erkennen zu können. Sie waren eisgrau und der Blick wirkte so kalt, dass ihr Schauder über den Rücken jagte. Ein Blick, der alles zu durchdringen schien und vor dem man nichts verbergen konnte. Ein Blick aber auch, dem alles Menschliche zu fehlen schien. Khaaria schob diesen Umstand auf die optische Wirkung der Schnabelmaske, die Kallyari vielleicht so erscheinen ließ. Aber in ihrem tiefsten Inneren ahnte sie, dass es damit nichts zu tun hatte. Selbst wenn er ihren Körper mit Lüsternheit und Begierde gemustert hätte, wie sie zunächst befürchtet hatte, dann wäre darin zumindest eine Spur von Menschlichkeit zu finden gewesen. Die Art und Weise jedoch, wie diese grauen Augen sie betrachteten, war dermaßen unangenehm, dass sie keine Worte gefunden hätte, um es zu beschreiben. Die Tücher, mit denen seine Arme umwickelt waren, strömten den Duft ätherischer Öle aus, in die sie offenbar getränkt worden waren. Ein Geruch, der so stark war, dass Khaaria kaum noch atmen konnte und das Wasser aus Augen und Nase zu laufen begann. Kallyaris behandschuhte Hände tasteten unter ihre Achseln und an den Leistenbeugen. Er ging dabei ziemlich grob vor, sodass Khaaria beinahe schreiend zurückgewichen wäre. Aber sie beherrschte sich. So ähnlich musste es sein, wenn die nackte Menschenseelen in der Hölle von den tierhaften Dämonen gequält wurden. In Maragenua hatte sie Gemälde gesehen, die dies in aller drastischen Deutlichkeit darstellten. „Keine Schwellungen“, murmelte Kallyaris Stimme unter der Schnabelmaske hervor und der dumpfe, fast röchelnde Laut, der dann folgte, mochte vielleicht in Wahrheit ein Aufatmen sein. „Stellt Euch mehr ins Licht!“, verlangte er dann. „Hierhin!“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Position. Khaaria schritt ein paar Schritte zur Seite, der helle Schein des Kerzenlichts erfasste sie nun noch deutlicher. Kallyari hob ihr Gewand vom Boden auf, ging dann mit schnellen Schritten zum Kamin und warf es hinein. Knisternd begann es zu verbrennen. Dann kehrte er zurück. Aus einer Tasche an seinem Gürtel holte er ein Vergrößerungsglas hervor. Damit begann er nun, ihren gesamten Körper eingehend zu betrachten. Fingerbreit für Fingerbreit schritt er voran und er musste dabei den Schnabel seiner Maske stets gesenkt halten, um eine der Augenöffnungen seiner Maske näher an das Glas halten zu. „Habt Ihr Stiche oder Bisse kleinster Tiere an Euch bemerkt?“, erkundigte er sich. „Von Flöhen zum Beispiel?“

„Nein, Meister Kallyari. Allerdings habe ich auch nicht sonderlich darauf geachtet, denn wie Ihr wisst, sind Flöhe überall und man kann ihnen nicht entweichen.“

„So wie der Pestilenz“, ergänzte der Arzt, während er mit seinem akribisch ausgeführten Handwerk fortfuhr. Dass die Pest häufig auftauchte, nachdem vermehrt Ratten auf den Straßen zu sehen gewesen waren, wusste Khaaria natürlich. Die Nager waren daher als Boten der Krankheit berüchtigt. Boten, die das Miasma im Schlamm urplötzlich entstehen und an die Oberfläche kriechen und einem unbändigen Drang zur unaufhörlichen Wanderung folgen ließ. Aber Flöhe? Die unsichtbaren Insekten, von denen gemunkelt wurde, dass sie die Krankheit vielleicht verursachten, hatte sich Khaaria jedenfalls anders vorgestellt.

„Ich habe keine Flohbisse bemerkt“, erklärte sie. „Allerdings gibt es so vieles winziges Getier, das sticht und zwickt.“

„Aber nur Flöhe beißen mehrfach in einer geraden Reihe“, erklärte der Arzt.

„Verzeiht, wenn ich Euch dies frage, aber die Ansicht, dass Flöhe etwas mit der Pest zu tun hätten, höre ich zum ersten Mal. Ich dachte, die unsichtbaren Insekten fliegen einem in Mund und Nase, wenn man den Pesthauch einatmet.“

„Achtet darauf, Euch von allen Tieren und Menschen fernzuhalten, die Flöhe an Euch übertragen könnten“, sagte Kallyari, ohne weiter auf Khaarias Frage einzugehen. „Ich kann keine Zeichen der Krankheit an Euch erkennen, und auch keine frischen Flohbisse, was nicht heißt, dass Ihr nicht vor kurzem noch solche Bisse an Euren Körper getragen habt und das krankmachende Dämonengift dieser Kreaturen in Euren Leib gedrungen ist. Vierzig Tage werdet Ihr nicht sicher sein, ob Ihr die Seuche nicht in Euch tragt. Meidet in dieser Zeit alle Kontakte, soweit dies irgend möglich ist. Auch untereinander, was Euren Bruder betrifft. Denn schließlich ist es durchaus möglich, dass einer von Euch die Krankheit in sich trägt und der andere nicht.“ Er drehte sich um und ging zur Seite. Dort stand ein Bottich, den Khaaria bisher nicht bemerkt hatte. Er bückte sich und holte ein großes, dünnes Tuch hervor. Es wirkte feucht und schwer. Damit kehrte er zurück und schlang dieses Tuch um Khaarias Körper. Es strömte einen unfassbar scharfen Geruch aus, der wie Feuer in Nase und Rachen brannte. Ihre Augen begannen so stark zu Tränen, dass sie kaum noch etwas sehen konnte. „Lasst dieses Tuch so lange Ihr es ertragen könnt auf Eurer Haut. In vierzig Tagen werde ich Euch erneut untersuchen. Und wenn Ihr dann ohne Befund seid, kann man davon ausgehen, dass Ihr nicht von der Krankheit befallen seid!“

Khaaria wollte antworten, aber der scharfe Geruch hinderte sie daran, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.

„Und jetzt soll Euer Bruder zu mir kommen!“, fügte Kallyari noch hinzu. Er wandte sich in Richtung der Tür und rief plötzlich mit überraschender Stimmgewalt. „Bringt den anderen!“

*

Die nächsten Tage verbrachten Khaaria und Arco jeweils in der Abgeschiedenheit eines Zimmers, das man eigens hergerichtet hatte. Eine Dienerin brachte Khaaria die Mahlzeiten und frische Kleidung.

Sie kam nur bis zur Tür und legte alles auf den Boden und klopfte dann an.

Khaaria wartete dann, bis sie ein paar Schritte gehört hatte und öffnete schließlich.

Aber am zweiten Tag war die Dienerin an der Ecke des Korridors stehen geblieben. Sie hatte hatte blauschwarzes Haar und war sicher nicht älter als Khaaria selbst. Der Blick ihrer dunklen Augen senkte sich.

„Wie heißt du?“, fragte Khaaria. Eigentlich kannte sie jeden der zahlreichen Angestellten und die umfangreiche Dienerschaft, die im Dienst des Hauses di Baragenzo standen. Selbst viele der Tagelöhner, die nur für bestimmte Aufgaben und für die Dauern von ein paar Stunden angeheuert wurden, um Waren ins Kontor zu bringen, waren ihr zumindest dem Gesicht nach bekannt. Und von vielen wusste sie auch den Namen, denn die meisten dienten dem Handelshaus schon seit langem und wurden immer wieder angestellt. Früher, so hatte Khaaria noch die Erzählungen ihres längst verstorbenen Großvaters Ankesko di Baragenzo im Ohr, hatten sich tausende von Arbeitswilligen im Hafen gedrängt und darauf gewartet, dass man ihnen für ein paar Kupfermünzen Arbeit gab. Aber diese Zeiten waren längst vorbei. Manchmal war es inzwischen schon schwierig geworden, genügend Träger zu einem bestimmten Termin zu bekommen. All diese Veränderungen hatten wohl damit zu tun, dass die wiederholte Rückkehr des Schwarzen Todes die Stadt regelrecht hatte ausbluten lassen und ihre Bevölkerung auf ein Minimum geschrumpft war. „Nenn mir deinen Namen!“, wiederholte Khaaria ihre Aufforderung in sehr deutlichem Arakandisch, nachdem sie die junge Frau zunächst ganz selbstverständlich in ihrem Maragenueser Dialekt angesprochen hatte.

„Eriféa“, antwortete sie nun.

„Ich habe dich hier früher noch nie gesehen.“

„Euer Schreiber Edivad hat mich angestellt. Ich bin die Tochter seines Neffen Walid und erst vor einigen Wochen nach Arakand gekommen.“

„Und woher?“

„Aus einem Ort, der auf Arakandisch Rysopalis heißt. Ihr könnt ihn sehen, wenn Ihr über das Meer blickt. Ungefähr zwanzig Meilen südlich des Stadtteils 'das Kettenende'“

Natürlich kannte Khaaria Rysopalis. Es lag am östlichen Ufer und früher hatte es nicht nur eine Eisenkette gegeben, die den Zugang um Kriegshafen und dem Goldenen Trinkhorn versperrte, und eine, die zum Stadtteil 'das Kettenende' am etamitischen Ufer der Meerenge führte, sondern auch noch eine dritte, die sich von der innerhalb des gottkaiserlichen Palastbezirks gelegenen Säule bis zu dem Leuchtturm kurz vor dem etamitischen Ufer spannte – und von dort aus dann weiter bis nach Rysopalis. Der Gottkaiser hatte diese dritte Kette in den Jahren nach der Ermordung des Gelähmten Propheten und der damit einhergehenden Unruhen ziehen lassen, um seine Herrschaft über die Meeresstraße durch den Gürtel der Welt zu sichern. Auf diese Weise war es noch besser möglich gewesen, die Einfahrt für sämtliche Schiffe vollkommen abzusperren und damit eine der wichtigsten Handelsstraßen unpassierbar zu machen. Aber inzwischen gehörte Rysopalis zum Reich des Königs von Etamia. Er kontrollierte die Meeresstraße inzwischen mindestens genauso stark wie der Gottkaiser. Zwar vermochten die Etamiter nicht, es den Arakandiern gleichzutun und Ketten über das Wasser zu spannen. Aber die Zahl ihrer Kriegsschiffe war der Arakands überlegen und dasselbe galt für die Anzahl der Kanonen, die in den Festungen zu beiden Seiten der Meeresstraße durch den Gürtel der Welt stationiert waren. Denn auf den Bau dieser neuartigen Waffen verstand man sich am Hof des Königs von Etamia weitaus besser als in Arakand, wo man immer auf die Stärke der eigenen Mauern vertraut hatte. Arakand hatte schon lange kaum mehr die Macht, die Meeresstraße zu verschließen, denn die Kettenwinden im Stadtteil 'Kettenende' waren eingerostet und niemand wusste, ob sie noch einsatzbereit waren. Der König hingegen jederzeit die Macht, die Meerenge zu schließen. Schon allein mit Hilfe seiner Flotte. So hatten sich die Gewichte im Laufe der Zeit verschoben.

„Darf ich gehen?“, fragte Eriféa.

„Nein, warte noch einen Moment.“

„Ja, Herrin.“

„Was hat dir Edivad über mich und meinen Bruder gesagt?“

„Ich fürchte die Pest nicht“, sagte sie. „Sie schlägt den, den der Namenlose Gott damit schlagen will. Es liegt nicht in unserer Hand. Also habe ich nichts dagegen einzuwenden, Euch die Nahrung zu bringen. Davon abgesehen bin ich verschwiegen. Alles, was ich in Ihrem Haus höre oder sehe, bleibt in seinen Mauern.“

Anscheinend schien Edivad umfassender mit Eriféa gesprochen zu haben, als Khaaria es im ersten Moment angenehm war. Aber vielleicht war es auch gut so. Wenn sich Edivad Schreiberling durch eine besondere Eigenschaft auszeichnete, dann war dies neben seiner absoluten Loyalität ganz gewiss seine gute Menschenkenntnis. Und wenn er jemanden seines Vertrauens für Wert hielt, dann lag er damit normalerweise richtig. Immer wieder hatte er Khaarias Vater Berater und Helfer empfohlen, deren Tätigkeit sich im Nachhinein als äußerst wertvoll erwiesen hatte. Warum sollte ich ihm in dieser Sache also nicht auch trauen?, ging es Khaaria durch den Kopf.

„Erzähl mir etwas mehr über dich“, forderte Khaaria. „Dann weiß ich besser, ob und in wie weit ich dir trauen kann.“

„Meine Eltern und drei meiner Geschwister starben ebenfalls an der Pest, so wie es mit Euren Eltern geschah“, sagte Eriféa, ohne dabei den Blick zu heben. Sie sprach mit einer Stimme, die sehr gefasst und stark klang. Sie griff dabei mit einer schnellen Bewegung nach dem messingfarbenen Amulett, das sie an einem Lederbad um den Hals trug. Vielleicht war es die Kraft des Glaubens, die ihr angesichts dieser Schicksalsschläge die nötige Kraft verlieh, um weiterleben zu können, ohne die Hoffnung zu verlieren.

„In den Ländern des Königs wütet diese Krankheit anscheinend genauso wie innerhalb der Mauern unserer Stadt“, stellte Khaaria fest.

Eriféa nickte.

„Was wohl heißt, dass die Anhänger des Baladus und die Kirche des Gottkaisers dem Namenlosen Gott in gleichem Maße fern stehe müssen, denn sonst würde er sie nicht in derselben Weise geißeln!“ Ein Anflug von Bitterkeit klang jetzt in ihrem Tonfall mit. Aber davon ließ sie in ihren Gesichtszügen nichts erkennen.

„Es ist nicht so, dass ich über deine Dienste hier unglücklich wäre oder etwas daran auszusetzen hätte“, sagte Khaaria schließlich. „Aber ich weiß nicht, ob du dir wirklich einen Gefallen damit getan hast, in diese Stadt zu kommen, die langsam vor sich hin stirbt.“

„Ich hatte keine Wahl – und bin sehr froh, im Haus von Edivad untergekommen zu sein. Diese Geißel des Namenlosen Gottes ist wie ein unsichtbarer Krieger, der seine Opfer blindwütig und scheinbar ohne Wahl erschlägt. Also sollten wir dem Namenlosen Gott für jeden Tag danken, der uns bleibt.“

„Du scheinst dir viele Gedanken zu machen, Eriféa. Mehr, als ich dir zugetraut hatte.“

*

Tage waren in Abgeschiedenheit dahingegangen. Abgesehen von Eriféa suchte sie Edivad fast jeden Tag auf. Es gab viele Dinge für das Handelshaus zu entscheiden und manche waren von einer so großen Tragweite, dass Edivad sich dabei der Zustimmung der Erben sicher sein wollte. In dem letzten Willen, den Lukkar di Baragenzo lange vor seinem Ableben zu Papier in Anwesenheit seiner Kinder sowie Edivad Schreiberlings und des Priesters Armatteo schriftlich niedergelegt hatte, war unter anderem auch festgelegt worden, dass Edivad für seine langjährigen treuen Dienste einige Anteile an dem Handelshaus erbte. Anteile, die ihn zum Zünglein an der Waage machten und, falls es zwischen den Erben zum Zerwürfnis kam, kam ihm die ausschlaggebende Stimme zu. Khaaria hatte dagegen nichts einzuwenden gehabt, schließlich war Edivads Loyalität dem Haus und der Familie gegenüber außerhalb jeden Zweifels. Und dasselbe galt für seine Fähigkeiten als Geschäftsmann und Verwalter. Arco allerdings hatte an jenem Tag völlig die Fassung verloren. Diese Regelung war in seinen Augen nichts anderes als ein weiterer Beweis dafür, wie sehr sein Vater ihm und seinen Fähigkeiten letztlich misstraute und wie wenig er ihn verstand. Der heftige Streit, der dann folgte, war Khaaria bis zum heutigen Tag in lebhafter Erinnerung geblieben. Verletzende Worte waren dabei von beiden Seiten gefallen. Worte, die sich nicht mehr zurücknehmen und ungeschehen machen ließen.

*

Khaaria di Baragenzo saß kerzengerade vor dem aus dunklem Holz kunstvoll gedrechselten Tisch, der in ihrem Zimmer stand. Sie strich sich eine verirrte Strähne ihres kastanienbraunen Haares aus dem Gesicht, das sich irgendwie aus ihrer Frisur gestohlen hatte, nahm mit der Rechten den Stift aus Blei und trug damit sorgfältig Zahlen in die vorgezeichneten Spalten ein. Und hinter jeden dieser Beträge machte sie ein Zeichen, das für die jeweilige Münze stand – denn auf den Märkten und in den Häfen wurde in allen Währungen der Welt gezahlt.

Das Zwielicht beider Sonnen fiel in ihr feingeschnittenes Gesicht und ihre blaugrauen Augen erinnerten an die Farbe des Meeres. Und trotz ihrer zierlichen Figur wirkte sie keineswegs zerbrechlich, sondern strahlte eine innere Stärke aus, die wohl nur ein aufrichtiger Glaube verlieh. Die Zeit, da sie ein Büßergewand getragen hatte, war vorbei. Aber nichtsdestotrotz war ihre Kleidung schlicht geblieben. Schlichter, als es sonst unter den Kaufleuten Arakands üblich war - gerade wenn sie ihre Wurzeln in Maragenua oder Karadig hatten! Ihr erschien das in Anbetracht ihrer Trauer allerdings angemessen zu sein.

Sie hielt inne und ein leichter Zug von Wehmut trat in ihre Züge. Von draußen schien die über der Meeresstraße stehende und zurzeit viel größer als ihr Zwillingsgestirn wirkende Erste Sonne durch das Fenster, das mit echtem karadizianischen Glas versehen war. Die Himmelgrenze des weltumspannenden Rings zog eine dunkle Linie, sodass beides zusammen, die Erste Sonne und die Himmelsgrenze, wie ein übergroßes Auge wirkten.

Ein Auge mit dunkler, kräftiger Augenbraue – so wie es bei den Augen ihres Vaters der Fall gewesen war.

Das Gesicht ihres Vaters stand ihr plötzlich vor Augen, wie es so häufig geschah, wenn sie in Gedanken war. Ein Gesicht so bleich wie eine Totenmaske, die Augen von schwarzen Ringen umgeben und der Ausdruck so elend im Angesicht des sicheren Todes. So oft war der üble Hauch der Pest über Arakand gekommen – mehr als zehn Mal in den letzten hundert Jahren. Und der schmale Meeresarm, den man das Goldene Trinkhorn nannte und der diese große und einstmals so ruhmreiche Stadt von Arep trennte, hatte Khaarias Eltern nicht davor bewahrt, von diesem bösen Hauch hinweggerafft zu werden, sodass sie und ihr Bruder Arco nun allein dastanden.

„Du musst stark sein, Khaaria!“, hatte ihr Vater ihr auf dem Totenbett gesagt. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben gewesen und auch ein ehemals am Hof beschäftigte arakandischer Schreiber und Übersetzer namens Bhétros Vorqias, war plötzlich gestorben. Er musste die Krankheit schon länger in sich getragen haben und war plötzlich Blut hustend während einem Treffen mit Händlern aus Saragon zusammengebrochen. „Du musst stark sein und das Erbe unseres Handelshauses bewahren“, so klangen ihr immer wieder die Worte ihres Vaters im Ohr. „Wir schaffen Reichtum nicht, um seiner selbst Willen, sondern um Gutes damit zu bewirken und das Leben künftiger Träger unseres Namens zu sichern...“

Wahrscheinlich war mein Vater der einzige, der diesem Gedanken in aller Ernsthaftigkeit folgte!, dachte Khaaria nicht zum ersten Mal. Es klopfte an der Tür.

„Herein!“, forderte Khaaria.

Edivad Schreiberling betrat im nächsten Moment den Raum. Er sah mit einem Blick, womit sie sich gerade beschäftigte und nickte zufrieden. „Wie ich sehe, widmet Ihr Euch den Dingen, die für unser Geschäft wichtig sind.“

„Ich bemühe mich darum, schnell zu lernen“, antwortete Khaaria. „Habt Ihr Neuigkeiten aus Arep?“

„Nach allem, was ich gehört habe, wütet die Seuche dort nicht mehr ganz so heftig. Und es gibt inzwischen auch schon gerüchteweise ein paar Pestleichen im Nordhafen. Es sollen saragonesische Seeleute gewesen sein!“

„Wer weiß, was davon wahr ist!“, meinte Khaaria. „Ihr wisst, wie wenig beliebt die Männer aus Saragon sind! Vielleicht hat man ihnen nur die Pest an den Hals gewünscht.“ Seit Jahren schon versuchte König Olfanso von Saragon in Arakand Einfluss zu gewinnen und konkurrierte darin mit den Karadizianern und Maragenuesern. Manche spotteten, der Gottkaiser hätte langfristig nur die Wahl, sich dem baladistischen Ketzer-König von Etamia oder dem König von Saragon zu ergeben. Und gerade in den Reihen der rechtgläubigen Kirche gab es nicht wenige, die es paradoxerweise vorgezogen hätten, sich den Baladisten zu ergeben, anstatt sich den Saragonesen unterzuordnen.

„Eigentlich müsste Euer Bruder an dieser Unterredung teilnehmen“, erklärte Edivad. „Es geht nämlich um wichtige Entscheidungen.“

„Entscheidungen?“

„Es gibt Schwierigkeiten mit einigen unserer Schiffe. Wie Ihr wisst, hat Euer Vater über einen Mittelsmann aus Rysopalis dafür gesorgt, dass unsere Schiffe nicht von etamitischen Kanonen beschossen werden, wenn sie die Meeresstraße verlassen. Der Mann, der diese Art Geschäfte für uns abwickelt, heißt Aerdnas Konidas. Ich habe Euren Vater stets vor ihm gewarnt, denn ich halte ihn für einen der größten Halsabschneider rund um den Terios-Hafen.“

„Welcher Art sind die Probleme, die es mit ihm gibt“, fragte Khaaria.

„Er will plötzlich die doppelte Summe haben. Dagegen habe ich allerdings nicht den Eindruck, dass er seine Aufgabe besonders gut erfüllt und seine Kontakte zu den Etamiter wirklich so gut sind, wie er behauptet...“

Khaaria wusste, worauf Edivad damit anspielte. Vor kurzem erst war ein dringend erwartetes Schiff aus dem Reich Rapezzun bei seiner Einfahrt in die Meeresstraße schwer beschossen worden. Nur mit Mühe hatte es schließlich noch den Hafen von Arakand erreichen können. Der Kapitän war ein Maragenueser gewesen, die Mannschaft hatte hingegen vorwiegend aus angeheuerten Olbadoreanern, Boraniern und Steinküstenmännern bestanden. Das Schiff war mehrfach getroffen worden und fast ein Drittel der Besatzung war umgekommen. Davon abgesehen hatte man auch einen Großteil der Ladung verloren. Stoffballen waren verdorben worden und Fässer mit Wein oder Seife mussten über Bord geworfen werden, weil das Schiff sonst zu schwer gewesen wäre. Einige der durch die Kanonentreffer geschlagenen Löcher waren nämlich so dicht an der Wasserlinie, dass unweigerlich Wasser in so großer Menge eingedrungen wäre, dass es gekentert wäre. Also hatte man es notgedrungen leichter werden lassen müssen. Ein herber Verlust für das Haus di Baragenzo. Das sorgenvolle Gesicht ihres Vaters, als er die Nachricht von den Geschehnissen erhielt, war Khaaria noch lebhaft im Gedächtnis.

„Haben wir eine Alternative zu diesem Aerdnas Konidas?“, fragte Khaaria.

„Genau das ist das Problem. Ich fürchte, wir werden in Ermangelung anderer Optionen auf eine Zusammenarbeit mit ihm angewiesen sein, auch wenn seine Mittelsmänner offenbar nicht in der Lage sind, Schiffen, die in unserem Auftrag unterwegs sind, auch tatsächlich eine reibungslose Fahrt durch die von den Etamiter beherrschten Gewässer zu gewährleisten.“

„Ist es nicht möglich, diesen Aerdnas Konidas als Mittelsmann zu umgehen und selbst mit Männern in Verbindung zu kommen, die Einfluss auf die Kanoniere des Königs haben?“, fragte Khaaria stirnrunzelnd. Das erschien ihr das Naheliegendste zu sein.

Edivad lächelte mild. „Das versuchte ich Eurem Vater seit längerer Zeit schon anzuraten. Doch das ist nicht ganz so einfach, wie Ihr Euch das vielleicht vorstellt. Zudem ist es sehr risikoreich.“

„In wie fern?“

„Angenommen jemand erführe von einer solchen Verbindung, dann wäre es jederzeit möglich Euch und alle die davon wussten des Verrats zu bezichtigen.“

Khaaria zuckte mit den Schultern. „Aber kann denn irgendjemand glauben, dass auch nur einer unter denjenigen, die in Arakand noch Fernhandel betreiben, dies tun kann, ohne sich auf irgendeine Weise mit den Etamiter zu arrangieren?“

„Nein, natürlich nicht. Das tun alle, auch wenn niemand darüber spricht. Aber wie gesagt, wenn wir Konidas übergehen, dann erhöhen wir das Risiko, das dies eventuell gegen uns verwendet wird. Euch wird doch auch bekannt sein, wie die Hofintrigen entstehen und wie sich hinter den erhabenen Mauern des Gottkaiserpalastes die unterschiedlichsten Gruppen bis auf das Messer bekriegen und vor nichts zurückschrecken.“

„Soweit mir bekannt ist, sind unsere Beziehungen zum Hof doch ausgesprochen gut“, erwiderte Khaaria. „Schließlich stammen wir von Aerdna Oloccin di Baragenzo ab, dem das Imperium einiges schuldet!“

Imperium – dieses Wort kam Khaaria in diesem Zusammenhang fast wie Hohn vor. Aber genau so sah sich dieser Staat, dessen Grenzen inzwischen nahezu mit den Mauern ihrer Hauptstadt identisch waren.

„Nur, weil Euer Urahn geholfen hat, die Galbadoriner zu verjagen, solltet Ihr Euch der Loyalität des Gottkaiserhauses nicht auf Dauer zu sicher sein“, warnte Edivad. „Das Haus di Baragenzo hat Konkurrenten, die ebenso gut auf den Saiten jener Laute zu spielen wissen, die man Hofdiplomatie nennt und die in Arakand wichtiger ist, als alles andere, um Erfolg zu haben.“

„Und was schlagt Ihr vor?“

„Zunächst werden wir die Bedingungen von Aerdnas Konidas akzeptieren müssen. Aber langfristig bleibt uns keine andere Möglichkeit, als das Risiko einzugehen und selbst nach zuverlässigen Verbindungen zu den Etamitern zu suchen. Aber Gnade uns Gott, wenn davon jemand erfährt, für den dieses Wissen nicht bestimmt ist!“

Khaaria nickte. „Was ist mit Arco?“

„Ja, das ist auch etwas, was mir Sorgen bereitet. Wie ich schon erwähnte, hätte er an diesem Gespräch eigentlich teilnehmen sollen, wobei ich mir inzwischen gar nicht mehr sicher bin, ob es nicht besser so ist...“

„Was meint Ihr damit?“

„Arco ist nicht in seinem Zimmer. Eriféa will gestern noch Schritte in einem Zimmer gehört haben, also gehe ich davon aus, dass er zu diesem Zeitpunkt noch dort war.“

„Wo ist er hin?“, fragte Khaaria.

„Ich hatte eigentlich gehofft, dass Ihr mir das sagen könntet, Khaaria. Er ist Euer Bruder und wie ich weiß, steht Ihr ihm so nahe wie sonst wohl kaum jemand anderes.“

Khaaria schluckte. „Ich weiß nicht, wo Ihr ihn suchen solltet“, meinte sie, während ihr mit einem Mal bewusst wurde, dass sie ihren Bruder vielleicht doch weniger gut kannte, als sie es bisher geglaubt hatte.

*

Zwei Tage später tauchte Arco wieder auf. Er trug ein ungewöhnlich schmutziges Lederwams und auch das Hemd darunter war besudelt. Khaaria stellte ihn zur Rede. Er sah sie nur an und schwieg.

„Rede mit mir! Wie kannst du einfach verschwinden, ohne zu sagen wohin und aus welchem Grund? Edivad und ich haben uns Sorgen gemacht. Und davon abgesehen wissen wir nicht, ob wir nicht doch die Krankheit in uns tragen und...“

„...wenn das der Fall sein sollte, so sind wir doch nur Werkzeuge in den Händen des Bösen, wenn wir den Tod in die Stadt tragen. Aber du kannst beruhigt sein. Dort ist er bereits. Auch wenn noch nicht viele davon wissen. Aber man munkelt davon in den Gassen am Terios-Hafen.“

„Arco!“, stieß Khaaria befremdet hervor. Er sah sie an und seine Augen wirkten dabei glasig. „Was redest du?“

„So ist es doch! Nicht einmal ein so frommer Mann wie unser Priester Armatteo da Creto kann sicher sein, ob er nicht in Wahrheit dem Bösen dient, obgleich er sicherlich das Gegenteil beabsichtigt!“

Khaarias Blick blieb stirnrunzelnd an der besudelten Kleidung haften. „Das - das sieht aus wie... Blut!“, stellte sie fest. „Was ist geschehen?“

„Nichts, worüber ich mit dir sprechen könnte, Schwester“, murmelte er. Und damit ließ er sie einfach stehen.

*

Die Tage gingen dahin und sehr sich Khaaria auch darum bemühte, etwas mehr darüber herauszufinden, wo Arco gewesen und was in jener Nacht mit ihm geschehen war, nach der er mit blutbeschmierter Kleidung zurückkehrte. Er schwieg darüber. Die Fragen, die die Zukunft des Handelshauses betrafen, schienen ihn nicht weiter zu interessieren.

Als sie ihn in seinem Zimmer aufsuchte, saß er in sich versunken auf dem Bett und las in einem kleinen Buch. Er wirkte sehr angestrengt. Arco hatte in der Vergangenheit immer wieder ganze Tage in den Bibliotheken Arakands verbracht und manchmal auf einem der Märkte Abschriften von Büchern erworben. Sein Arakandisch war perfekt, sein Galbadorin ebenfalls und er konnte sogar genug Tarastanisch und Boranisch, um auch Bücher lesen zu können, die in diesen Sprachen verfasst worden waren. Khaaria hatte das immer bewundert, denn obschon man in einer Stadt wie Arakand darauf angewiesen war, sich in mehreren Zungen zu verständigen, war Arco ihr in dieser Hinsicht immer voraus gewesen.

„Arco“, brachte sie vorsichtig seinen Namen über die Lippen. Dreimal schon hatte sie ihn angesprochen, ohne dass er sie beachtet hatte. Zu sehr schien er in die Lektüre des in Leder gebundenen Buches vertieft zu sein. Ein Ruck ging nun durch seinen Körper, bevor er aufblickte. Er bedachte sie mit einem sehr eigenartigen Blick. Seine Augen waren dabei weit aufgerissen und schienen nun plötzlich mit einem quälend intensiven Blick ausgestattet zu sein. Er klappte das Buch zu. „Du solltest diese Verse lesen!“, sagte er. „Sie geben Kraft und Halt!“

„Was ist es denn, was du da liest? Allem Anschein nach fesseln dich diese Zeilen ja ganz außerordentlich! Sind es die weisen Sprüche aus unserem Heiligen Buch?“

Arco schüttelte energisch den Kopf. „Da preist man eine Schrift als heilig und es wird dadurch nur um so offenbarer, dass alle anderen Schriften von nun an unheilig sind“, murmelte er ziemlich düster. Aber dafür war er nun plötzlich mit einer Entschlossenheit ausgestattet, die ihresgleichen suchte. „Alles kann sich im Handumdrehen ändern, werte Schwester. Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Stärke verwandelt sich in Schwäche, Gutes in Böses, Wasser in Blut und Gott in den leibhaftigen Bösen.“

„Arco, du redest wirr!“

Er stand auf, kam auf Khaaria zu und reichte ihr das Buch. „Das alles steht hier drin.“

„Was ist das?“

„Eine Abschrift des Buches der Kharavim. Ich habe sie selbst angefertigt. Es ist nicht vollständig, aber leider gibt es dieses Buch nur in wenigen Exemplaren und kaum eine Abschrift ist wirklich vollständig erhalten geblieben... Es heißt, dass man selbst böse werden muss, um das Böse zu besiegen. Ein interessanter Gedanke, nicht wahr?“

Kharavim – das alt-arakandische Wort für unsichtbar.

Eine Bezeichnung, die einen schaudern ließ, denn in den alten Legenden wurden die Todesengel des Namenlosen Gottes so genannt.

„Das ist gewiss eine Ketzerschrift!“, stellte Khaaria stirnrunzelnd fest. Sie öffnete das Buch und sah die wohlgeordneten Reihen und Kolonnen arakandischer Buchstaben darin.

„Was heißt schon Ketzerei, Khaaria? Es waren vom Gottkaiser einberufene Konzilien, die bestimmt haben, welche Texte zum heiligen Kanon gezählt werden und welche nicht. Es sind Menschen, die bestimmen, welche Gedanken wahr sein dürfen und welche nicht! Nicht Gott, denn zu Gott selbst hat offenbar sowohl unsere als auch die galbadorinische Kirche schon längst jegliche Verbindung verloren. Es geht darum, die Macht von Wenigen zu erhalten – nicht die Wahrheit. Und diejenigen, die ihr bis auf den Grund gehen wollen, werden dann allzu leicht als Ketzer bezeichnet. Wenn du es so sehen willst, dann bin ich ein Ketzer.“

Er lachte und Khaaria gab ihm das Buch zurück. Sie hatte das Gefühl, es besser nicht länger als unbedingt notwendig in den Händen halten zu dürfen, so als würde sie sonst selbst Gefahr laufen, in den eigentümlichen Bann zu geraten, den es offenbar auf ihren Bruder ausübte.

„Wo warst du?“, fragte sie noch einmal.

Aber Arco schüttelte den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen“, erklärte er. „Ich darf es nicht.“

„Warum nicht?“

„Um dich nicht in Gefahr zu bringen.“

„Von was für einer Gefahr sprichst du?“

„Jedes weitere Wort ist zuviel, Khaaria. Sei unbesorgt, ich habe die Pest nicht, so wie du auch nicht. Noch nicht. Sonst würden wir die Symptome der Krankheit längst an unserem Körper spüren und dieser Quacksalber des Gottkaisers hat schließlich keine Zeichen an unseren Körpern entdeckt. Also kannst du unbesorgt sein, ich habe das Übel nicht in die Stadt getragen und nirgendwo Argwohn geweckt.“

„Arco! Edivad und ich brauchen deine Hilfe!“

„Mein Hilfe? Khaaria, niemand hat je meine Hilfe gebraucht. Du solltest voll und ganz auf Edivad vertrauen, das hat unser Vater auch getan. Und wenn auch ansonsten mehr entzweiendes als Gemeinsamkeit zwischen uns geherrscht haben mag, so wäre ich mit ihm in diesem Punkt ganz gewiss einer Meinung!“

Khaaria spürte in diesem Moment so deutlich wie selten zuvor, dass es offenbar unmöglich war, ihren Bruder innerlich zu erreichen. Die ketzerischen Lehren dieses sogenannten Buches der Kharavim schienen ihm auf irgendeine, für die junge Frau kaum nachvollziehbare Art und Weise innere Kraft zu geben. Kraft, um den Schrecken zu verwinden, der hinter ihnen lag und sie beide gewiss noch lange in ihren Albträumen verfolgen würde. Unter anderen Umständen hätte Khaaria vielleicht versucht, ihm diese ketzerischen Gedanken mit aller Macht auszureden, obgleich sie wusste, wie schwierig das hätte werden können. Aber dazu fehlte Khaaria in diesem Moment einfach die Kraft – Kraft, die sie brauchte, um nicht selbst zu verzweifeln.

*

Eines Nachts (es war eine Nacht, in der der Mond auf der nördlichen Seite der Himmelsgrenze stand, worin manche in Zeiten des abnehmenden zweiten Sonnenlichts ein gutes Omen erkannten) kam Vaosdo Kallyari zum zweiten Mal zum Kontor des Hauses di Baragenzo, um die Körper der beiden überlebenden Erben zu untersuchen. Wieder hatte man einen Raum so herrichten lassen, wie Meister Kallyari wünschte. Die Scham, die Khaaria diesmal empfand, war nicht geringer, als bei der ersten Untersuchung. Aber sie ließ es über sich ergehen, denn sie wusste, dass es keinen anderen Weg für sie ab. Schließlich bedeutete das Urteil diese Arztes zumindest ein wenig Gewissheit – sofern es diese im Zusammenhang mit der Pest überhaupt geben konnte. Schließlich konnte selbst dann, wenn festgestellt wurde, dass sie völlig frei von den Zeichen dieser Krankheit war, niemand ausschließen, dass sie nicht schon am Tag darauf das üble Miasma - den Hauch des Todes - einatmete, woraufhin sie dann dem Verderben anheim gegeben war.

Kallyari verrichtete seine Untersuchung wortlos und mit schmerzhafter Rohheit. Bei der ersten Untersuchung war er so grob gewesen, dass sich an einigen Stellen blaue Flecken gebildet hatten, von denen sie erst befürchtet hatte, diese Verfärbungen könnten frühe Stadien der Pestbeulen sein.

„Zieht Euch wieder an“, murmelte der maskierte Arzt unter seiner Schnabelmaske hervor.

„Diesmal ist es nicht nötig, die Kleider zu verbrennen?“, fragte Khaaria.

„Nein. Ihr seid frei von allen Zeichen der Pestilenz.“

„So sei dem Namenlosen Gott dafür Dank!“

Khaaria steifte sich ihre Kleider rasch wieder über. Der Arzt hatte sich bereits abgewandt. Im flackernden Licht der Kerzen und Öllampen schien er kaum etwas Menschliches an sich zu haben, sondern wirkte wie ein groteskes dämonisches Mischwesen aus Vogel und Mensch.

Ein Magier der Pestilenz.

Ein grauenerregendes Tier, das dem Glutofen des Feuers entstiegen sein mochte, aus dem die Zweite Sonne bestand und mit dem sie in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Arakand und die Welt bedrohte. Die Geschichtenerzähler an den Ecken fabulierten von solchen Tiergestalten und schmückten die Geschichten darüber mit grausigen, farbenfrohen Bildern aus. Hier in Arakand war das nicht anders als in Maraguenua oder Karadig. Und die junge Frau erinnerte sich noch gut daran, diesen Geschichten in ihrer Kindheit immer aufmerksam gelauscht zu haben.

„Meister Kallyari“, sagte Khaaria dann mit fester Stimme.

Kallyari wandte den Kopf. „Ich habe meinen Dienst an Euch verrichtet. So werdet Ihr Zugang zum Hof bekommen, was für Euch ja wohl von großer Bedeutung sein wird, wenn Ihr das Wohlwollen und die Privilegien des Gottkaiserhauses behalten wollt. Alles andere soll mir gleichgültig sein. Schickt also Euren Bruder zu mir – und ich will hoffen, über ihn dasselbe sagen zu können wie über Euch!“

„Ich würde gerne Euer Gesicht sehen, Meister Kallyari – nun, da Ihr bereits zum zweiten Mal alles gesehen habt, was an mir verborgen war!“

„Nur Unwissenheit schützt vor Magie, heißt es“, sagte Kallyari.

„Und Ihr seid ein Magier?“

„So sagt man.“

„Dennoch – ich will Euer Gesicht sehen.“

Khaaria sprach mit sehr klarer Stimme, von der eine Stärke ausging, die sie selbst am meisten überraschte. Sie hatte einfach das Gefühl, unbedingt sehen zu müssen, was für ein Gesicht unter dieser Maske verborgen war und zu wem diese unsagbar kalten grauen Augen gehörten, deren Blick sie auf so unangenehme Weise gemustert hatten.

Kallyari wandte sich halb herum. Der Lichterschein ließ den eigentümlichen Anzug, den er trug, jetzt erst recht wie die Haut eines Reptils erscheinen. Die Augenlöcher in der Schnabelmaske lagen im Schatten. „Seid glücklich, wenn Ihr mein Antlitz niemals zu Gesicht bekommt!“, wisperte er auf eine Weise, die keinen Widerspruch duldete.

Ein kalter Schauder überlief Khaaria.

Drittes Kapitel

Havbeck, Jahr 1448 nach der Köpfung des Baladus.

Bornhart Raakheimer durchschritt das Stadttor von Havbeck, jener Stadt, die man insgeheim auch als Hauptstadt der Händlergilde bezeichnete. Der Schatten der Himmelsgrenze bildete zusammen mit dem Tor ein rechtwinkeliges Kreuz. Das Symbol Havbecks und des Reichs der Händlergilde. Wenn in Zeiten des nahenden zweiten Sonnenlichts dieser Schatten überstrahlt wurde und nicht mehr sichtbar war, galt das als ein Omen für Gefahr und schlechte Jahre.

Das geschäftige Treiben an den Wechselbänken erweckte heimatlich Gefühle und Erinnerungen. Fünfundzwanzig Jahre war Bornhart Raakheimer nun – und es war lange her, da er zum letzten Mal den Fuß in diese Stadt gesetzt hatte.

Genau wie der Drachenmarkt, auf dem erlegte Seedrachen gleich nach dem Fang zerteilt und verkauft wurden. Eine Delikatesse, die die havischen Schiffe auf ihren Fahrten zum Reich an der Steinküste mitbrachten.

Der ganz spezielle Geruch von Seedrachenblut verbreitete sich dann. Diese Geschöpfe waren manchmal nur handgroß, konnten aber bis zur doppelten Größe eines havischen Kriegsschiffs wachsen. Und wenn ein solcher Riese zerteilt wurde, dann floss das Drachenblut durch eigens dafür eingerichtete Rinnen zur Stadt hinaus und färbte manchmal noch den nahe Fluss rot.

*

Aufgebrochen war Bornhart einst zu Pferde und in edlen Kleidern, wie sie für einen Kaufmannssohn aus einer Familie angemessen war, die in der wechselvollen havischen Geschichte schon dreimal den Ältermann der Boranienfahrer gestellt hatte, einer der einflussreichsten Bruderschaften von Fernhandelskaufleuten. Jetzt kehrte er zu Fuß und in einfachen Gewändern zurück.

Das sackartige, gegürtete und knielange Wams, das er über Hosen aus fleckigem Leder trug, war mehrfach geflickt. Der grobe, dunkle Stoff erinnerte an die Kutten von Mönchen. Am Gürtel hing ein Langmesser wie es einem Bauern gut angestanden hätte – aber kein Seitenschwert. Das Langmesser hingegen war eigentlich für jemanden wie Bornhart nicht standesgemäß. Eine Bauernwaffe, die sich von einem richtigen Schwert vor allem dadurch unterschied, dass die Klinge nur eine Schneide haben durfte. Zweischneidige Waffen waren – gleichgültig in welcher Länge, den höheren Ständen vorbehalten. Das einzige etwas edlere Kleidungsstück, das Bornhart Raakheimer trug, war die Lederkappe auf seinem Kopf. Zwar fehlte ihr jeglicher Federschmuck und davon abgesehen zeigte sie auch Spuren starker Beanspruchung, aber immerhin war sie von gediegener Verarbeitung. Ergiebige Regengüsse hatten an ihr allerdings ebenso ihre Spuren in Form dunkler Flecken hinterlassen wie die bleichende Kraft der Sonnen. Aber jeder, der diese Mütze aus der Nähe betrachtete und auch nur ein wenig davon verstand, konnte ihr die gute Verarbeitung ansehen. Und wer noch genauer hinsah, bemerkte vielleicht sogar ein eingearbeitetes, verschnörkeltes Schriftzeichen Raak – das weit über Havbeck hinaus bekannte Zeichen der Familie Raakheimer. Diese Mütze war das einzige, was Bornhart aus der Fremde wieder zurück in die Stadt seine Vorväter brachte. Von allem anderen hatte er sich nach und nach getrennt, um es zu Geld zu machen. Aber bei dieser Mütze hatte er das einfach nicht übers Herz gebracht. Davon abgesehen war sie ohnehin nicht mehr in einem Zustand, der es möglich erscheinen ließ, mit dieser Mütze mehr als nur ein paar Kupfermünzen zu erzielen.

Bornhart drängte sich durch das Getümmel auf den Straßen. Marktschreier boten Stockfisch feil – getrockneten Steinküsten-Hai, der von den Steinküsten-Fahrern in den havischen Hafen gebracht und entladen wurde. Von Havbeck aus fand dieser lange haltbare Fisch seinen Weg bis nach Galbador, Maragenua und Arakand. Mit Stockfisch hatte auch das Handelshaus Raakheimer stets den größten Teil seiner Einnahmen verdient. Das Geschäft mit diesem lange haltbaren, fast unverderblichen Nahrungsmittel war so sicher, wie sonst kaum ein anderes Gewerbe. Auf jeder etwas längeren Seereise war Stockfisch unverzichtbar. Gaukler führten ihre Kunststücke vor. Ein Kutscher verlangte lautstark, dass man Platz für ihn machte. In all dem Trubel, sah Bornhart plötzlich Yanyaqub Odarsan, ein Mitglied der ehrenwerten Bruderschaft der Steinküstenfahrer. Bornhart war Odarsan oft im elterlichen Haus begegnet. Er kannte den Mann mit dem früh erblichenen Haar und dem gelblichen Spitzbart seit frühester Kindheit. Odarsans Blick blieb einen Moment an Bornhart haften, wobei sich eine tiefe Falte auf der Stirn des Boranien-Fahrers bildete. Es sah fast so aus, als würde er darüber nachdenken, ob er den jungen Mann in angerissener Kleidung nicht irgendwo her kannte. So stark hatte sich Bornhart Raakheimer doch nicht verändert! Zumindest dachte Bornhart das. Odarsan griff zu seiner karadizianischen Brille und hielt sich die beiden durch einen Metallbügel miteinander verbundenen geschliffenen Gläser vor die Augen. Die Brille hatte dazu eigens einen recht stabilen Griff an der Seite.

Ein hoher, völlig mit Stoffballen überladener Wagen verdeckte dann die Sicht des Boranien-Fahrers und Bornhart nutzte die Gelegenheit und machte ein paar schnelle Schritte. Er blieb für Odarsan zunächst hinter dem Wagen verborgen. An der nächsten Straßenecke blieb Bornhart noch einmal stehen und sah vorsichtig zurück.

Yanyaqub Odarsan wirkte etwas verwirrt und ließ suchend den Blick schweifen.

Vielleicht war es wirklich besser, dass er den jungen Kaufmannssohn nicht erkannt hatte! Schließlich kam Bornhart in einem schäbigen Gewand zurück hinter die Mauern seiner Heimatstadt. Es war besser, wenn der Boranien-Fahrer den Sohn des angesehenen Ältermannes Addham Raakheimer nicht so zerlumpt in die Stadt seiner Väter zurückkehren sah. Zerrissen wie ein verlorener Sohn, der mit viel Geld gegangen und als geflohener Schweinehirt zurückgekehrt war.

Aber diesen Gedanken verscheuchte er sofort wieder. War all das nicht irdischer Tand, auf den es gar nicht ankam? Wie bedeutungslos erschien all das, was ein Mensch an Besitz anhäufen konnte im Angesicht des tausendfachen Todes und des unsäglichen Leides, das man überall beobachten konnte. Der Namenlose Gott schien prüfen zu wollen, wie viel die menschliche Seele ertragen konnte. Wie anders war es zu erklären, dass er die Länder des Gürtels der Welt in den letzten hundert Jahren so oft mit dem Schwarzen Tod geschlagen hatte?

Alle zehn bis fünfzehn Jahre kehrte er über die Häfen zurück und so hatte es auch in Havbeck nicht eine Generation gegeben, die nicht mehrfach Berührung mit dieser Geißel gehabt und das unerklärliche Sterben miterlebt hatte. Nicht immer schlug diese Plage mit der gleichen, tödlichen Wucht zu. Manchmal war ein Ausbruch auch schon nach kurzer Zeit vorbei und verebbte bei ihrem Vormarsch zu Lande – mitunter sicher auch deshalb, weil es inzwischen weite, unbesiedelte Gebiete gab, in denen niemand mehr lebte, den die Seuche hätte treffen können.

Manche wollten erkannt haben, dass die Seuche mit Vorliebe in Zeiten der fortgehenden zweiten Sonne zuschlug.

Dann wurde das Klima kühler und feuchter. Die Ratten kamen aus ihren Löchern, suchten die Nähe der Menschen und ihrer Abfälle und verbreiteten die Krankheit.

Ob die Zweite Sonne sich näherte oder fortging – für die Menschen schien beides Gefahren zu bergen, auch wenn diese im ersten Fall weit offensichtlicher waren als im zweiten.

*

Zweimal hatte Bornhart erlebt, wie die Seuche in Havbeck gewütet hatte. Beim ersten Mal war er noch ein Kind gewesen und hatte mitansehen müssen, wie zwei ältere Brüder und eine Schwester blutspuckend und von schrecklichen Krämpfen geschüttelt der Seuche erlegen waren. Es hatte so viele Tote gegeben, dass sie tagelang in den Straßen liegen blieben – zusammen mit den Kadavern der Ratten, die das üble Miasma offenbar aus der tiefen Erde trieb, bevor sie ebenso elendig wie die Menschen an der Krankheit zugrunde gingen. Selbst Ouroungour, Laufdrachen, Hunde und Katzen waren vor dem Übel nicht sicher und man fand diese treuen Hausbewacher dann am Morgen in ihrem eigenen blutigen Auswurf liegen - oder in irgendeinem verborgenen Winkel, in den sie sich zum Sterben zurückzogen. Diese Erinnerungen hatten Bornhart niemals aus ihrem eisigen Schreckensgriff gelassen. Niemand war vor diesem unsichtbaren, blindwütigen Ungeheuer sicher, das die Reichen genauso in ihren reich ausgestatteten Patrizierhäusern tötete wie die armen Bettler und Tagelöhner, die sich täglich am Hafen verdingen mussten. Alte und Junge, Fromme und Heuchler, Barmherzige und Grausame – sie alle raffte der dunkle Schatten dahin. Weder die hohen Mauern von Patrizierhäusern und Fürstenpalästen, noch die inbrünstige Buße der sich selbst geißelnden Flagellanten aus irgendwelchen Sekten konnte einem Schutz vor dem Unheil bieten. Und auch die Lehre der Anhänger des Gelähmten Propheten stand diesem Übel ratlos gegenüber.

Der Gedanke, diesem Schrecken so vollkommen schutzlos ausgeliefert zu sein, hatte Bornhart schon als Kind kaum ertragen können.

Als die Pest zum zweiten Mal zu Bornharts Lebzeiten Havbeck erreichte, war er bereits ein junger Mann von 17 Jahren gewesen, der die örtliche Galbadorinschule besucht und dort vor allem in Arithmetik, in Lesen und Schreiben und in den Sprachen ausgebildet worden war. Denn das waren jene Fähigkeiten, die ein zukünftiger havischer Fernhandelskaufmann nach Ansicht der Familie haben sollte. Die Wissbegier hatte ihn erfasst und seine Lehrer hatten ihn als begabt angesehen. Bornhart hatte von den Magistern seiner Schule von den Universitäten in Arafurt, Arakolon und Maraprag gehört, an denen sich die gelehrtesten Köpfe der Zeit trafen, um nach Erkenntnis zu suchen. Männer, die galbadorinische und hoch-arakandische Grammatik lehrten und die alten Schriften zu deuten wusste wie niemand sonst. Theologen, die dem Willen des Namenlosen Gottes und dem verborgenen Sinn heiliger Schriften auf der Spur waren, Arithmetiker, die den Zahlen den Zauber ihrer inneren Gesetze und Eigenschaften zu entlocken versuchten und Rechtsgelehrte, die die Grundlagen des arakandischen Rechts ebenso kannten wie das havische Stadtrecht, das im gesamten Reich der Händlergilde galt – das alles gab es dort. Es war nicht leicht gewesen, Addham Raakheimer, den traditionsbewussten Patrizier, davon zu überzeugen, dass sein Sohn Bornhart für mehrere Jahre in eine ferne Stadt geschickt werden sollte, um sich einem Studium zu widmen. Aber er hatte wohl gespürt, wie drängend dieser Wunsch bei Bornhart gewesen war. Drängender als irgendetwas anderes, was ihn bewegte. Und so hatte Addham Raakheimer nachgegeben – unter der Voraussetzung, dass Bornhart sich dem Studium der Rechtskunde widmete.

„Es steht einem Kaufmann gewiss gut an, die Grundlagen des Rechts zu kennen und seinen Vorteil daraus zu ziehen!“, so hatte Bornhart die Worte seines Vaters noch im Ohr. „Und die paar Jahre werde ich schon auf dich verzichten können. Sie werden dich reicher an Erfahrung machen und dich zu einem noch besseren Kaufmann werden lassen.“

Jetzt war er zurück – mit einer Verspätung von fast fünf Jahren. Ein verlorener Sohn, der nur gekommen war, um sich auf eine noch weitere Reise zu begeben. Eine Reise, die vielleicht keine Wiederkehr kannte...

*

Bornhart Raakheimer erreichte schließlich das dreistöckige Haus seiner Familie. Die gezackten Giebel reckten sich stolz empor. Zusammen mit der Himmelsgrenze ergaben sie das Schriftzeichen Raak und wenn der Mond südlich der Himmelsgrenze stand, kam sogar noch ein Zeichen der Betonung und der Ausrufung hinzu.

Seht her, das Haus der Familie Raakheimer! So lautete die Bedeutung dieser architektonisch gewollten Anordnung, dieses Zusammenspiel aus göttlicher Himmelsarchitektur und menschlichem Hausbau.

Der Anblick war Bornhart so vertraut wie jene des havischen Domes, dessen Türme sich ganz in der Nähe erhoben und beim gegenwärtigen Stand beider Sonnen ihren übermächtigen Schatten genau auf das Raakheimer-Haus warfen.

Bornhart atmete tief durch. Der Bart war während seiner Reise von Arafurt nach Havbeck stark gewachsen, denn er hatte keine Kupfermünze für den Bader ausgeben wollen. Bei seinem Aufbruch war sein Bartwuchs nicht mehr als ein dünner Flaum gewesen, der kaum hatte erahnen lassen, wie sein Bart einst aussehen würde. Von dem Geld, das ihm sein Vater einst mitgegeben hatte, war ohnehin nichts mehr übrig. Das wenige, was er zur Zeit besaß, stammte einerseits aus dem Verkauf seiner letzten Habseligkeiten und andererseits durch seine Verdingung als Schreiber und seine Beteiligung am Chorende-Gesang, wie er bei den Studenten Arafurts üblich war. So singen zu lernen, dass man dafür auch tatsächlich ein paar Münzen in die ausgelegte Lederkappe legte und nicht mit faulen Eiern oder schlechtgewordenem Obst nach ihm warf, hatte ihn viel Mühe gekostet. Und eine wirkliche Begabung hatte er auf diesem Gebiet an sich selbst wohl auch nicht feststellen können.

Aber immerhin hatte diese Tätigkeit dazu beigetragen, ihm die Fortsetzung seiner Studien weit über den vom Vater eigentlich festgesetzten Zeitpunkt hinaus fortzusetzen.

Bornhart zögerte, ehe er die Straße überquerte, um auf das Hauptportal des Raakheimer'sche Hauses zuzugehen und mutig dessen Stufen zu betreten.

Ein vierspänniger Planwagen, der bis unter das stockfleckige Leinentuch mit Stoffballen beladen war, rumpelte an ihm vorbei und gab Bornhart einen Vorwand, die wenigen, entscheidenden Schritte noch hinauszuzögern. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er sich mit einer Reihe unruhiger Gesten den Staub von den Kleidern schlug.

Damals, als er die Stadt verlassen hatte, war der Schwarze Tod umgegangen. Ein Bediensteter seines Vaters hatte Bornhart auf dem Weg nach Arafurt begleitet. Bornhart erinnerte sich noch so lebhaft daran, sich im Sattel umgedreht und auf die Rauchsäulen der Pestfeuer gestarrt zu haben, die sich dunklen, übermächtigen Schatten gleich über die Stadt erhoben hatten. Die Erinnerung an dieses zweite Auftreten des Schwarzen Todes in Havbeck zu Bornharts Lebzeiten, lastete noch viel schwerer auf seiner Seele als die furchtbaren Erlebnisse, die er in seiner früheren Kindheit mit dem Dämon dieser Krankheit gehabt hatte. Das lag vor allem daran, dass er sich insgeheim bis heute schämte, Havbeck und alle die ihn lieb und teuer gewesen waren, genau in jenem Moment verlassen zu haben, in dem sie von dieser übermächtigen und völlig unkalkulierbaren Gefahr bedroht wurden. Gleichzeitig war aber auch das Gefühl einer großen Erleichterung darüber in ihm gewesen, diesen Ort hinter sich lassen zu können und so nicht das bösartige Miasma einzuatmen, das jetzt all überall aus dem Boden hervorquoll und den Pest-Dämon verbreitete.

Vielleicht war es tatsächlich so, dass der Namenlose Gott diese Geißel auf die geschundenen Körper der Menschen herniederzucken ließ, um ihren Widerstandsgeist zu wecken! An eine solche Prüfung schienen die wenigsten zu denken, die davon überzeugt waren, dass der Herr diese Plage nur deswegen geschickt hatte, um sich erweisen zu lassen, ob ihr Glaube stark genug war.

Man musste etwas tun gegen diese schreckliche Krankheit – und vor allem durfte man die von ihr Geschlagenen nicht einfach sich selbst überlassen. Jedenfalls konnte sich Bornhart nicht vorstellen, dass es der Herr so bestimmt hatte, dass man die Hände in den Schoß legte und geduldig sein Ende erwarten sollte. Es musste doch irgendein Mittel gegen diese Seuche geben!, so hatte er damals gedacht und dieser Gedanke ließ ihn bis heute nicht los. Es mochte ja sein, dass der Namenlose Gott es war, der dieses Unheil zur Welt gesandt hatte – aber es sprach auch einiges dafür, dass dieser Dämon ganz und gar den Gesetzen der Natur folgte, sobald er einmal auf der Welt freigesetzt worden war. Und diese Gesetze zu erfassen, war vielleicht der erste Schritt, um das Leid endlich bekämpfen zu können, dass der Schwarze Tod verursachte.

Bornhart Raakheimer ging nun geradewegs auf jenes Haus zu, in dessen zweitem Geschoss das Zimmer lag, in dem seine Mutter ihn einst mit der Hilfe einer erfahrenen Hebamme zur Welt gebracht hatte.

Bornhart schritt die Stufen des Portals empor. Er zögerte noch einmal einen kurzen Moment, ehe er dann den schweren Messingring gegen das Türholz schlug.

Bornhart schluckte bei dem Gedanken daran, wie man ihn wohl empfange würde.

*

Ein hagerer Mann in den mittleren Jahren öffnete die Tür. Er trug ein blaues Livree und sah Bornhart mit einem ungläubigen Stirnrunzeln an.

„Ja, schaut nicht so, Yjoobh von Großhausen!“, rief Bornhart. „Ich bin es wirklich! Bornhart Raakheimer! Erkennt Ihr mich denn nicht?“

Yjoobh von Großhausen war der Hausverwalter der Raakheimers. Der Namenszusatz 'von Großhausen' war dabei keineswegs ein Adelstitel, sondern bezog sich lediglich auf das Dorf, aus dem Yjoobh stammte. Die Gewohnheit, Familiennamen zu führen, hatte sich zwar in den Städten schon sehr verbreitet, war aber gerade in den havländischen Dörfern oft noch eher die Ausnahme. In den alten Zeiten, als auch die Havland-Küste und der gesamte Reich der Händlergilde zum Imperium von Arakand gehört und vom Gottkaiser regiert worden waren, war das anders gewesen. Damals hatte das arakandische Namensrecht gegolten und jedermann hatte einen Vor- und Familiennamen zu führen gehabt, damit in den Steuerlisten keine Verwechslungen vorkamen.

Aber diese Zeiten waren lange her und so gut wie vergessen. Ein Mythos wie die Geschichten von der Ankunft der ersten Menschen in Sternenschiffen. Legenden, von denen niemand sicher sein konnte, ob sie nicht nur erfunden waren.

So wie die Geschichte des gedungenen Mörders, der Dolch (wie sein Werkzeug) geheißen und einst den Auftrag bekommen hatte, den Gelähmten Propheten Baladus zu töten. Nachdem er dem Gottkaiser den Kopf des Gelähmten Propheten gebracht hatte, erkannte er jedoch die Wahrheit seiner Worte. Er setzte sich selbst an die Stelle des Gottkaisers...

Eine Geschichte, die deutlich machen sollte, dass seit langer Zeit in Wahrheit Ketzer auf dem Thron in Arakand saßen.

In Havbeck hatte sich diese Geschichte immer großer Beliebtheit erfreut und es den Menschen erleichtert, in ihren Flüchen dem Gottkaiser die Schuld an schlechtem Wetter und der zu großen Nähe oder Ferne der Zweiten Sonne zur Welt zu geben.

„Bornhart!“, stieß Yjoobh hervor.

„Anscheinend habe ich mich mehr verändert, als ich es umgekehrt von Euch sagen kann, Yjoobh!“

Yjoobh musterte Bornhart von oben bis unten. „Nun, ich kann mich noch daran erinnern, wie Ihr die Stadt verlassen habt, um in Arafurt Euren Studien nachzugehen – so elende Kleider wie Ihr heute tragt, hatte Euer Vater Euch nicht mitgegeben!“

Yjoobh kannte Bornhart seit seinem zehnten Lebensjahr und so konnte er es sich erlauben, so mit dem jungen Raakheimer zu sprechen. Im übrigen war Yjoobh von Großhausen ohnehin dafür bekannt, dass er sein Herz auf der Zunge zu tragen pflegte und im Allgemeinen sehr direkt sagte, was er dachte. Genau diese Eigenschaft schätzte auch Bornharts Vater an ihm. „Eure Eltern werden sich freuen, dass Ihr endlich wieder den Weg zurück nach Havbeck gefunden habt! Die Nachrichten, die Ihr ihnen habt zukommen lassen, waren ja schließlich nicht gerade zahlreich.“

„Ich weiß“, murmelte Bornhart.

„Ihr habt Glück. Euer Vater ist gestern von einer Reise nach Ondhwerpen zurückgekehrt, sodass Ihr ihm begegnen könnt! Wie ich gehört habe, hat er gute Geschäfte machen können...“

„Stockfisch dürfte sich überall verkaufen lassen, wo es Reisende gibt, die auf gut haltbaren Proviant angewiesen sind.“

„Na, wenigstens das habt Ihr nicht vergessen, Bornhart!“ Yjoobh bedachte den jungen Mann mit einem nachdenkliche Blick und rümpfte die Nase. „Ich sage es gerade heraus: Ihr braucht so schnell wie möglich einen Bader, der nicht an Seife spart und sich darüber hinaus auch darauf versteht Euch den Bart so zurechtzustutzen, dass Ihr nicht wie ein Mannwolf ausseht!“

Bornhart fasste sich an das dicht bewachsene Kinn. „Ist es so schlimm?“

Yjoobh von Großhausen seufzte hörbar.

„Schlimm genug, um Euren Eltern peinlich zu sein, wenn man Euch so in der Öffentlichkeit sieht!“

„Wo sind sie? Im großen Zimmer?“

Bornhart ging durch die Eingangshalle, geradewegs auf die Tür zu, die zum sogenannten 'großen Zimmer' führten. Bornhart hatte die Tür mit wenigen Schritte erreicht und Yjoobh hinter sich gelassen. „So wartet!“, rief der Verwalter ihm hinterher – aber sollte er sich wie ein Gast verhalten? Auch wenn er lange fort gewesen war, so war dies doch sein Elternhaus, der Ort, an dem er zu Hause war. Ungestümer, als er beabsichtigt hatte, riss er die Tür auf und blieb dann wie erstarrt stehen. Licht flutete durch die hohen, aus karadizianischem Glas bestehenden Fenster. Die Raakheimers waren hier schon lange ihrer Zeit voraus. Während die Fenster des Rathauses noch mit Alabaster verhängt waren, um die Zugluft abzumildern, aber das Tageslicht hereinzulassen, so war man im Hause Raakheimer hier schon lange viel weiter. Es gehörte zu den ersten Gebäuden in Havbeck, dessen Fenster vollständig verglast waren. Nun starrte Bornhart auf die vom gleißenden Licht der tiefstehenden Sonne angestrahlte Gestalt, die dadurch etwas Traumhaftes, Unwirkliches bekam.

Bornhart nahm die Lederkappe vom Kopf und strich sich das viel zu lang gewordene dunkelblonde Haar zurück. Bornharts schaute auf seine Mutter, die ihm nun gegenüberstand. Sie war eine Frau in den mittleren Jahren und verkörpert den ganzen Stolz ihres Patrizierstandes. Das Kleid war aus schwerem Brokat, die Taille sehr eng geschnürt. Das braunblonde Haar trug sie in einer kunstvollen Frisur. Um den Eindruck einer hohen Stirn zu verstärken war der Haaransatz ausrasiert, so wie es unter den vornehmeren Frauen üblich war. Sie trug eine goldene Brosche.

Mhagherete Raakheimer starrte ihren Sohn zunächst fassungslos an, dann löste sich die Anspannung in ihren Zügen und sie breitete die Arme aus. „Bornhart! Du bist zurück!“

Im nächsten Moment nahm Bornhart seine Mutter in die Arme. „Ich weiß, dass ich nicht gerade standesgemäß aussehe und gewiss habt Ihr mich früher erwartet!“

Mhagherete fasste ihren Sohn am Oberarm. „Das ist doch jetzt ganz gleichgültig!“, fand sie. „Du bist zurück, und das ist das einzige, was zählt.“ Ein Schatten fiel in ihr feingeschnittenes Gesicht. Die Augenbrauen waren ebenso ausrasiert worden, wie der Haaransatz. Um so deutlicher war zusehen, wie sich genau dort nun eine Falte bildete. Für einen Moment blitzte all das Leid auf, das hinter ihr lag. Der Schmerz einer Mutter, die mehrere ihrer Kinder an den Schwarzen Tod verloren hatte, zeigte sich in aller Deutlichkeit. Bornhart kannte diesen Ausdruck sehr gut. In der Zeit, die auf die erste Epidemie gefolgt war, die Bornhart schon selbst miterlebt hatte, war er recht häufig in ihrem Antlitz sichtbar gewesen. Der Schmerz war damals noch frisch gewesen und Bornhart hatte sehr wohl gespürt, wie viel Kraft es seine Mutter gekostet hatte, dies nur ab und zu und sehr verhalten nach außen dringen zu lassen. Mit der Zeit hatte sie das immer besser geschafft und nur noch manchmal war dem Tonfall in ihrer Stimme eine unterschwellige Härte, die an Granit erinnerte.

„Addham!“, rief sie laut und wandte sich im nächsten Moment an Yjoobh von Großhausen. „Ich bitte Euch, holt meinen Mann!“

Aber das war gar nicht mehr notwendig, denn in diesem Augenblick öffnete sich auf der anderen Seite des großen Zimmers knarrend eine Tür. Ein breitschultriger Mann, dessen Haar an den Schläfen bereits grau durchwirkt war, trat ein. Er trug ein Wams aus bestem dunklen Tuch, das mit silbernen Knöpfen besetzt war. Ein weißer Fächerkragen bildete einen farblichen Kontrast und ließ den exakt begrenzten Spitzbart ein wenig dunkler erscheinen, als er in Wahrheit war. Die Augenbrauen waren kräftig und der Blick der meergrünen Augen, die Bornhart von seinem Vater geerbt hatte, drückte Entschlusskraft und einen sehr starken Willen aus – Eigenschaften, die Bornhart schon immer nachgesagt worden waren und die sein Vater so lange an ihm geschätzt hatte, wie sie seinen eigenen Zielen und Plänen nicht in irgendeiner Weise zuwider liefen.

„Vater!“, stieß Bornhart hervor.

Er ging auf Addham Raakheimer zu und dann umarmten sich beide kurz. „Es ist schön, dass du wieder in Havbeck bist, mein Sohn! Es warten hier viele Aufgaben auf jemanden, der sich in den Rechten auskennt!“

Ein dicker Kloß saß Bornhart im Hals. Er wollte etwas sagen und brachte doch nicht einen einzigen Ton hervor. Aber hätte er jetzt etwa seinem Vater eröffnen können, dass er keineswegs vorhatte, länger in Havbeck zu bleiben und dass er eigentlich nur gekommen war, um sich zu verabschieden – diesmal wohl für eine noch viel längere Zeit, vielleicht sogar für immer? Addham Raakheimer sah an seinem Sohn herab und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du wirst müde und hungrig sein! Und was du am Leib trägst, ist auch nicht gerade die Gewandung, wie sie einem Raakheimer in Havbeck geziemt!“

„Vater...“

„Yjoobh, lass ein Bad herrichten und ein paar Gewänder heraussuchen, die ihm passen könnten. Und mein Sohn soll an Speise und Trank alles bekommen, was sein Magen verlangt!“

„Jawohl, Herr“, sagte Yjoobh von Großhausen und verneigte sich dabei etwas.

„Macht um meinetwillen keine Umstände!“, versuchte Bornhart die Bemühungen seines Vaters etwas einzuschränken.

„Umstände? Da bist du endlich zurückgekehrt, wo ich schon kaum noch Hoffnung hatte, dass dein Wissensdurst jemals gestillt sein könnte und und da soll ich keine Umstände machen? Sei nicht albern, mein Junge! Ich bin froh, dass du da bist und für deine Mutter gilt dasselbe.“

„Nach drei Jahren hatten wir dich zurück erwartet - und es sind insgesamt sieben geworden!“, stellte Mhagherete Raakheimer fest. „Aber ich will dir keine Vorhaltungen machen. Wie Addham schon gesagt hat, es ist wunderbar, dass du wieder hier ist. Die Verpflichtungen, die dein Vater als Ältermann hat, nehmen doch viel mehr von seiner Zeit in Anspruch, als dies den eigenen Geschäften gut tun kann und daher kann er jede Entlastung gut gebrauchen!“

„Khamartin ist ja erst zwölf und einfach noch nicht so weit, als dass man von ihm wirklich eine Hilfe erwarten könnte – wenngleich er ein gelehriger Schüler ist, schon besser mit dem Abakus zu rechnen versteht als ich!“

Khamartin war Bornharts jüngerer Bruder. Mit ihm war Mhagherete Raakheimer ein paar Jahre nach jener Pest schwanger geworden, die Bornhart in seiner Kindheit miterlebt hatte und die beinahe alle seine anderen Geschwister hinweggerafft hatte. Alle, bis auf Agghnes, die jetzt neunzehn sein musste und seit den Tagen des Schwarzen Todes zu sprechen aufgehört hatte. Nur hin und wieder war ihr Wimmern im Schlaf zu hören, aber ansonsten hatte sie das Grauen völlig verstummen lassen. Sie schien dem Wahnsinn verfallen und in der Welt ihrer eigenen Gedanken und Ängste gefangen zu sein. Ein befreundeter Priester hatte den Raakheimers geraten, es mit einem Exorzismus zu versuchen, denn offenbar sei sie seit den Tagen des Schwarzen Todes von einem Dämon besessen. Bornhart erinnerte sich noch genau an den Anblick des kleinen Mädchens, das von Pestbeulen völlig entstellt gewesen war, die Krankheit aber wie durch ein Wunder überlebt hatte. Doch dieses Wunder schien eine grausame Kehrseite zu haben, denn obschon ihr Körper dem Schwarzen Tod entronnen war, schien ihre Seele auf immer in die Gefilde der Schatten entführt worden zu sein, ohne Aussicht darauf, jemals von dort zurückzukehren.

Dreimal hatte Addham Raakheimer eine Dämonenaustreibung bei seiner Tochter durchführen lassen. Ohne Erfolg. Ihr Zustand hatte sich nicht verbessert und es gab sogar hinter vorgehaltener Hand lautgewordene Stimmen, die mutmaßten, dass vielleicht ein übler Fluch auf der Familie lastete und man sich vielleicht besser von ihr fernhielt.

Gutmeinende Freunde hatten Addham Raakheimer geraten, seine Tochter außerhalb der Stadt in einem Kloster barmherziger Schwestern unterzubringen. Dies sei für alle Beteiligte das Beste. Doch Addham Raakheimer hatte dies ebenso kategorisch abgelehnt wie Mhagherete.

„Heute Abend haben wir Gäste und geben ein Bankett“, erklärte die Herrin des Hauses. „Und natürlich laden wir auch die Armen der Stadt dazu ein, wie es sich für das Haus eines Ältermanns gehört. Dann werden dir sicher viele Ohren gespannt lauschen.“

„Ja, und bis dahin ist noch viel zu tun“, ergänzte Addham Raakheimer die Worte seiner Gemahlin. Er atmete tief durch und sah Bornhart geradewegs in die Augen. „Fast sieben Jahre, das ist eine lange Zeit!“

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