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Zwei Briefe an Pospischiel

Max von der Grün

Zwei Briefe an Pospischiel

Roman

Mit weiteren Texten von

von Max der Grün

und einem Nachwort

von Wolfgang Delseit

PENDRAGON

Inhalt

Zwei Briefe an Pospischiel

Stephan Rheinhard, »Wer steuert wen?« oder »Wenn man einer Minderheit angehört …«

Max von der Grün, Mittelalter

Max von der Grün, Im Tal des Todes

Max von der Grün, Wer steuert wen? Automation und Mensch

Nachwort von Wolfgang Delseit

Anmerkungen

Editorische Notiz

In Waldsassen, einer kleinen Stadt in der Oberpfalz, unweit der tschechischen Grenze, gegenüber Eger (heute Cheb), schlurft eine alte Frau über den Marktplatz.

Es ist heiß.

Der Marktplatz ist leer. Die alte Frau ist ganz allein.

Sie wirft in den gelben Postkasten an der Johannisstraße gegenüber der Feuerwache einen Brief, klopft, nachdem sie ihn eingeworfen hat, mit der Faust drei Mal an die Wand des Kastens, damit der Brief auch bestimmt fällt. Die alte Frau geht die Straße hinunter, in Richtung Stiftskirche, die Glocken auf dem Turm beginnen zu läuten. Es ist Mittag.

Die alte Frau bleibt stehen, sie bindet ihr blau weiß kariertes Kopftuch fester unter dem Kinn.

Die alte Frau geht in eine Seitenstraße, in ein altes Haus.

Es ist Juli 67.

Es ist sehr heiß.

1

Er überquerte den Platz, lief auf das Portierhaus zu. Die Schultern stießen nach vorn, als ziehe er einen schweren Wagen hinter sich her, die Arme schlenkerten um seinen Körper, als gehörten sie ihm nicht, das rechte Bein schleppte er, dabei hob sich seine Schulter etwas, der Kopf kippte nach links, und von weitem konnte man glauben, er hüpfe.

Im Werk hieß er schlicht: das Känguru.

Er hob den rechten Arm, der ihm nicht zu gehören schien, und winkte. Ich wartete. Känguru sah mich nicht an, sondern spähte über den Parkplatz. »Paul, sie sind hinter mir her. Ich habe es ja immer gewusst, sie sind hinter mir her. Du wolltest es ja nie glauben.«

»Unsinn«, sagte ich, »seit zehn Jahren bildest du dir das ein.«

Er sah mich an, schief, unter buschigen Brauen schief. Fred hatte einen Schnurrbart, und die Haare, graue dazwischen, sträubten sich über seiner Oberlippe. Mir fiel ein, ich hatte einmal meine Frau gefragt: »Sag mal, hatte der Glöckner von Notre Dame in dem Film einen Schnurrbart?«

Aber auch Gerda erinnerte sich nicht.

Känguru, mit bürgerlichem Namen Wördemann, Fred, achtundfünfzig Jahre alt, von Beruf Toiletten- und Baderäumereiniger, so die Bezeichnung in der Betriebskartei für Lohnstreifen und Betriebskrankenkasse in unserem Werk, verdeckte mit dem Schnurrbart seine gespaltene Lippe, die ihm 1939 im Lager Buchenwald zerschlagen worden war. Es gab Zeugen dafür. Auch Zähne verlor er damals, seit Jahren aber trägt Fred Wördemann schon ein gut eingepasstes Gebiss.

Er selbst sagt dazu nur: »Der Oberkiefer hielt den genagelten Absätzen nicht stand.«

Wenn er lächelte – richtig lachen hörte ich ihn nie –, war sein Gesicht zum In-die-Fresse-schlagen.

Sein rechtes Bein war damals auch unter die Absätze geraten, aber Känguru konnte vor Gericht nicht beeiden, es sei derselbe Absatz gewesen, der ihm die Lippe zertrat. So wurden zwei Absätze mangels Beweises freigesprochen. Für das rechte Bein, das steif blieb, bekam er, nach wiederholten Eingaben, eine Rente von monatlich hundertfünfundsiebzig Mark, weil man ihn für bedingt arbeitsfähig erklärte.

»Es waren zwei Männer bei der Direktion. Das hat mir der Damberg erzählt. Sie haben gefragt, ob ich vielleicht Flugblätter verteile, ob ich Hetzreden halte, ob ich gegen Bonn bin oder ob ich ruhig meine Arbeit verrichte.«

»Damberg ist ein Quatschkopf«, sagte ich, »das weißt du am besten. Der hört sich gern reden und macht sich wichtig, wo er nur kann.«

»Die beiden Männer waren auch beim Betriebsrat, hat Damberg gesagt. Haben auch ihn gefragt, ob ich versuche, die Belegschaft aufzuwiegeln.«

»Aufwiegeln«, fragte ich. »Du machst Witze. Gegen wen? Gegen was?«

»Paul, das hat nicht nur der Damberg erzählt. Innerhalb einer Stunde wusste es der ganze Betrieb. Nur du weißt nie, was ist, Paul. Döst auf deiner Warte, dann fährst du nach Haus und spielst mit deinem Hund.«

»Fred«, sagte ich und zog ihn leicht am Arm neben mir her, »du warst einmal in einer Partei, die seit über zehn Jahren verboten ist, also können sie dir nichts. Die Partei ist verboten, du aber nicht.«

»Da bist du aber im Irrtum, Paul. Eben weil sie verboten ist, können sie mir was. Wenn die mal was verbieten, sind sie gründlich, das haben sie von den Nazis gelernt.«

Wir waren am Portierhaus angekommen, wir blieben stehen, ich ließ Freds Arm fallen. Der fiel an seinen Körper, pendelte wie ein Dreschflegel.

»Fred, du hast dir nie etwas zuschulden kommen lassen«, sagte ich, »also brauchst du keine Angst zu haben, es verfolgt dich keiner, du bist ein ruhiger und zuverlässiger Arbeiter, du verfolgst dich höchstens selbst.«

Er sah mich schief an.

»Es werden welche von K14 gewesen sein.«

»K14«, fragte ich. »Was ist denn das für ein Verein?« Ich hörte den Ausdruck zum ersten Mal.

Känguru lächelte. »Das sind die«, sagte er, »die die alten und neuen Nazis schützen, die alten und neuen Kommunisten jagen oder überwachen, damit die alten und neuen Nazis nicht gestört werden. K14 erkundigt sich nach jedem, der nicht ein alter oder neuer Nazi ist. Verstehst du?«

Fred wollte an mir vorbei. Ich hielt ihn an der Jacke zurück, riss ihn zu mir herum.

»Fred, du misstrauischer alter Querkopf, sag doch endlich, was wirklich war. Was ist K14?«

»Ich hab es dir doch gesagt«, keuchte er. »Unser Direktor, hat mir Damberg erzählt, hat sich lobend über mich geäußert, weil ich keine Arbeiter aufwiegle, weil ich keine Flugblätter verteile, weil ich in der Gewerkschaft die Klappe halte; er hat mit mir seit zehn Jahren keinen Ärger gehabt, hat er gesagt. Und der Betriebsrat, erzählt Damberg, hat zu den beiden, die sich nach mir erkundigt haben, gesagt, ich sei ein zuverlässiger Arbeiter, zurückhaltend, wenn es um politische Fragen geht, und konstruktiv, hat er gesagt, wenn es um betriebliche Fragen geht. Nein, sie haben mit mir keinen Ärger, noch nie welchen gehabt, haben sie gesagt, der Betriebsrat hat gesagt, ich sei kein Element, und der Damberg hat gesagt, die meisten haben erst durch die beiden erfahren, dass ich früher in der KPD gewesen bin.«

»Na, du alter Uhu, dann ist ja alles in Ordnung. Komm, ich hab Hunger.«

Fred sah mich schief an.

Wir gingen nebeneinander durch das Portierhaus, stachen unsere Karten – wir hatten uns um genau zehn Minuten verspätet und blieben vor dem Werkstor stehen.

»Paul, sag mal, wie alt bist du jetzt eigentlich?«

»Wie alt? Vierzig war ich.«

»Soso, vierzig. Na dann. Vielleicht fängst du mit einundvierzig zu denken an.«

Er ging, ich sah ihm kopfschüttelnd nach. Ich mochte Fred, wenn auch seine verquere Figur mich immer wieder erschreckte, ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Vor allem meine Frau mochte ihn.

Fred sah oft bei uns vorbei. Er hatte auf dem Schnee, im Süden der Stadt, nach Witten zu, ein kleines Häuschen, Wochenendhaus, selbst gebaut in zwanzig Jahren. Das Material dazu hatte er sich nach und nach zusammengesucht, mitgenommen irgendwo, aber das meiste war gekauft, beleg bar gekauft.

Ich mochte Fred.

Ich schloss die Wagentür auf, im Innern des Wagens summte eine Fliege. Dass diese Biester nicht kaputtgehen bei der Hitze, ich öffnete die andere Tür, ließ erst Luft durchziehen, bevor ich einstieg und abfuhr.

Fred sah ich nicht mehr, auch nicht am Borsigplatz. Fred läuft gern zu Fuß, Fred muss die Stadt schmecken, muss nach der Arbeit Menschen begegnen, ihnen in die Augen sehen, sie riechen, sprechen, keuchen hören. Er sieht die Menschen an, unter buschigen Brauen schief, erschnuppert Menschen wie ein Hund seine Markierungen, ich sah ihn einmal die Nase hochziehen, hin und her bewegen, er erinnerte mich an meinen Hund.

Am Hauptbahnhof staute sich der Verkehr, am Westentor fuhr ich schon bei Gelb los, in der Lindemannstraße schnitt mich ein Taxi, und auf der Möllerbrücke war es dann so weit. Dasselbe Taxi schnitt einen Lastwagen, die Straßenbahn hielt, das Taxi konnte nicht weiter. Der Lastwagenfahrer stieg aus, nackter Oberkörper, verbrannte Haut, er ging ruhig und breitbeinig auf das Taxi zu. Ich stieg aus, hinter mir stieg einer aus, dahinter noch einer, wahrscheinlich wollten auch sie sehen, wie der Lastwagenfahrer den Taxifahrer aus seiner Kiste herausholte, ihm eine klebte, ihn wieder ins Taxi warf.

Nichts.

Der Lastwagenfahrer trat ans Taxi, sagte ruhig: »Du, das eine will ich dir sagen, von eurer Sorte haben sie noch viel zu wenig umgebracht.« Der Lastwagenfahrer ging, kehrte noch einmal um, sagte in das Taxi hinein: »Meinetwegen kann von eurer Sorte jeden Tag einer kaputtgemacht werden. Ihr seid keine Menschen, ihr seid eine Seuche.«

Ich sah das Gesicht des Taxifahrers nicht, aber das des Lastwagenfahrers: Es war ausdruckslos; unbeteiligt stieg er wieder in seinen verschmutzten Karren, fuhr hinter dem Taxi her, als die Straßenbahn losfuhr. Der Lastwagenfahrer war so unbeteiligt, als hätte er eine Ladung Sand gekippt. Ich fand, er hätte dem Taxifahrer doch eins in die Schnauze hauen sollen, aber da war ich schon am Mercedeshaus vorbei, den Krückenweg hinuntergefahren; kurz vor Barop wollte mich ein Volkswagen überholen, aber in Hombruch war starker Gegenverkehr, er musste hinter mir einscheren, ich fuhr dreißig, er konnte nicht überholen, ich sah ihn im Rückspiegel. Sein Gesicht wurde blau vor Wut und doppelt so breit; ich fuhr zwanzig, ließ an der Kreuzung alle Fußgänger über die Straße, ich hatte Zeit; der hinter mir hupte; ich holte sie mit höflicher Handbewegung von den Bürgersteigen, von links und rechts, dann fuhr ich schnell an, und da in Hombruch fast alles rechts vor links geht, trat ich vor jeder Querstraße scharf auf die Bremse, ich sah in den Rückspiegel, das Gesicht meines Hintermannes verzerrte sich, und jetzt bog ich, ohne Winker zu geben, in die Löttringhauser Straße ein, mein Hintermann war darauf nicht gefasst, ich hängte ihn damit um zehn Meter ab, gab Gas, bremste vor dem Vorfahrtschild scharf, ich hätte mich gefreut, wäre er hinten aufgefahren, aber er passte auf, das Spiel war für ihn wie für mich zum Manöver geworden, er hatte sich auf mich, seinen Gegner, eingestellt. Ich fuhr über die Kreuzung, er hinter mir her, am Lebensmittelladen hielt ich nach meiner Tochter Ausschau, die um diese Zeit aus der Schule kommt, aber ich sah sie nicht, wahrscheinlich war sie im Schwimmbad, mein Verfolger zog an mir vorbei, ich war verblüfft, fuhr hinter ihm her, merkte, dass er dasselbe Spielchen, das ich mit ihm getrieben hatte, nun mit mir treiben wollte, aber ich bog bei der erstbesten Straße rechts ab, kurvte durch einige Gassen, war wieder auf der Hauptstraße nach Löttringhausen, hielt an, sah mich um. Der VW war nicht mehr zu sehen.

Ich fuhr geradewegs nach Hause.

Lissi lag im Garten im Liegestuhl, sie kaute ein Stück Brot, auf dem dick Butter lag, sie bestrich ihre Brote nicht, sie schnitt die Butter in Scheiben auf das Brot. Der Hund lief mit einem Stöckchen in der Schnauze auf mich zu, er sprang mich an, ohne das Stöckchen abzuwerfen. Lissi winkte mir zu, blätterte weiter im »Stern«, ließ sich durch mich nicht stören, nahm mich nur zur Kenntnis, blätterte weiter. Als ich schon an der Haustür war, sagte sie: »Mutti kommt heute früher nach Hause.«

»Ich weiß«, sagte ich. Lissi trug ihren gelben Bikini, den ich ihr letzten Geburtstag geschenkt hatte.

»Ich habe dir ein paar Schnitten gemacht«, rief sie hinter mir her, »liegen auf dem Küchentisch. Mit Käse, Wurst war nicht mehr da.«

»Ist schon gut«, sagte ich.

Ich holte mir eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, das Bier ist zu kalt, Gerda sollte sich endlich angewöhnen, das Bier in den Keller zu stellen. Der Keller ist kühl genug für das Bier.

Ich esse, lese die Zeitung.

Aber es ist nicht viel, der Nahe Osten kocht weiter auf Sparflamme. Sie sind alle im Recht, links und rechts des Kanals. Wie bei uns im Betrieb. Da hat auch jeder von seinem Standpunkt aus recht. Jeder: die Gewerkschaft, die Unternehmer, warum sich aufregen. Vielleicht muss das so sein, damit das Leben nicht langweilig wird. Lissi wird, hat sie ihren »Stern« durchgelesen, mich schon in Atem halten. Ich kann nichts gegen diese Illustrierte sagen, sie kauft sich das Blatt von ihrem Taschengeld. Und meine Frau sagt: »Sei zufrieden; besser, sie liest den ›Stern‹ als die ›Bildzeitung‹.« Abonniert aber haben wir die »Westfälische Rundschau«, sie sympathisiert mit der SPD, aber das steht nicht in der Zeitung, und manchmal lese ich im Werk die »Ruhrnachrichten«, die sympathisieren mit der CDU, und wenn ich beide Zeitungen hintereinander gelesen habe, weiß ich nicht mehr, wer mit wem sympathisiert und wo rechts und wo links ist.

Gerda sagt dann, ich soll mich nicht aufregen, das weiß heute in unserem Staat sowieso keiner mehr, unser Staat ist wie ein Kuchenteig, Mehl und Hefe werden eins, die Bäcker haben nur das Salz vergessen.

Der Käse auf den Brotscheiben stank, das Brot war ausgetrocknet, Lissi hatte die Scheiben auch zu dick geschnitten, sie behauptet, dünne Scheiben schaden den Zähnen.

Ich setzte mich in den Garten neben meine Tochter, sie las, wie ich mit einem kurzen Blick sah, den Bericht über die ägyptischen Flüchtlinge von der Sinaihalbinsel. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Rasen, spielte mit dem Hund, nach ein paar Minuten war er es leid. Der Hund ist eine Hündin. Hündinnen sind anhänglicher. Lissi wollte unbedingt einen Hund, also kauften wir einen, mit Stammbaum, Pudel, schwarz, Zwergrasse. Ein intelligentes Tier. Nur nachts will es in mein Bett. Gerda protestiert Abend für Abend, faselt etwas von Hygiene, aber der Hund wartet, bis Gerda gleichmäßig atmet, dann springt er auf mein Kopfkissen. Manchmal habe ich morgens Kopfschmerzen, Schmerzen im Nacken, aber das macht dem Hund nichts aus.

»Gibt’s was Neues?«, fragte ich Lissi.

»Meine Sympathien sind jetzt bei den Arabern«, sagte sie, ohne vom »Stern« hochzusehen.

»Bist du plötzlich Antisemit geworden?«

»Nein. Aber die verdammten Juden lassen die Araber in der Wüste verdursten, und die Juden haben Napalm geworfen.«

»Das ist allerdings ein Grund«, sagte ich und spürte, dass meine Antwort sie ärgerte.

»Gibt es sonst noch was?«, fragte ich Lissi wieder.

Meine Tochter war noch bei den Flüchtlingen aus Sinai, sie hörte nicht oder wollte nicht hören, sie lag in ihrem gelben Bikini lang im Liegestuhl. Lissi ist attraktiv, sie bringt es mit ihren fünfzehn Jahren fertig, sämtliche Jungen der Nachbarschaft in Aufruhr zu versetzen, und abends zählt sie manchmal ihre Opfer wie der Gasmann seine Groschen. Wenn ihre Kasse stimmt, schläft sie mit ihrer zehn Jahre alten Puppe Cornelia im Arm ein.

Ich wollte an diesem Nachmittag, das hatte ich mir im Werk vorgenommen, eigentlich den Rasen schneiden, aber es war zu heiß. Ich wartete auf den Abend, vielleicht brachte der Abend Kühlung. Seit ich die Arbeit auf der Warte im Elektrizitätswerk habe, wird mir jede Arbeit außerhalb des Werks zuwider.

Ich bin für eine Arbeit außerhalb des Werks einfach zu müde. Aber wie sollte ich Gerda meine doppelte Schlappheit erklären. Sie hatte ja recht, wenn sie spöttelte: »Du tust den ganzen Tag nichts im Werk, du bist doch nur da, dass du da bist. Sitzt und döst vor dich hin, acht Stunden am Tag. Guck mich an, ich muss im Kaufhaus dauernd auf den Beinen sein und zu Hause wieder.« Was war dagegen zu sagen? Nichts.

Manchmal spreche ich mit Arbeitskollegen darüber, denn auch sie sind schlapp, lustlos, wenn sie das Werk verlassen; aber die wenigsten machen sich darüber Gedanken; es ist halt so, jede Arbeit hat ihre Vor- und Nachteile. Nur Franz schrie einmal: »Verdammt noch mal, früher, als ich auf der Zeche gearbeitet habe, täglich zwei Liter Schweiß verlor, konnte ich hinterher noch drei Weiber stemmen! Und jetzt? Mensch, hör auf, meine Frau sagt, ich bin ein schlapper Sack geworden.«

Seit einem Jahr vielleicht beginne ich nachzudenken. Warum ich müde bin, ohne etwas getan zu haben, was man gemeinhin Arbeit nennt. Acht Stunden sitze ich hier in einem Glaskasten, mit fünf anderen, drei an jedem Schaltpult. Wir sitzen alle sechs und passen auf. Aber Aufpassen allein kann doch nicht müde machen.

»Gibt’s was Neues, Papi?«, fragt mich plötzlich meine Tochter.

»Was soll es schon geben. Ich mache Strom, Lissi, das weißt du doch.«

Lissi stand auf, reckte ihren Körper. Gähnend sagte sie: »Ich geh ins Schwimmbad. Kommst du mit?«

»Nein, ich schneide noch den Rasen. Mama muss auch gleich kommen.«

Lissi ging. Sie warf sich den Bademantel über und stieg aufs Rad. Das Schwimmbad, Froschloch, wie es hier genannt wird, ist nur etwa tausend Meter entfernt.

Weiß der Kuckuck, was mit mir los ist. Ich bin vierzig, und Gerda denkt seit einem Jahr nicht mehr daran, mich beim Zubettgehen zu mahnen, lässt mich auch morgens in Ruhe, wenn wir uns noch ein Viertelstündchen im Bett rekeln, die Nacht verlängern. Nur so alle drei Wochen überkommt es mich, mit einer Wildheit, die Gerda erschreckt. Aber sie lässt sich gern erschrecken, fragt dann nur: »Was ist? Hast du Okasa geschluckt?«

Das ist es nicht; mich überkommt es einfach. Und das Verwunderliche ist, ich bin danach wie umgewandelt, könnte Bäume ausreißen. Vielleicht ist es meine Arbeit – aber der Arzt meinte letzthin: »Mann, Sie sind kerngesund. Ich wünschte, jeder wäre so gesund wie Sie!« Und als ich ihm das mit Gerda erzählte, lächelte er und sagte, für Mittelchen sei ich wohl noch zu jung. Aber: Sie haben eine vernünftige Frau. »Jaja«, sagte er noch, als er mich an der Tür des Ordinationszimmers verabschiedete, »man muss sich schon Mühe geben in dem Alter. Vierzig sind keine zwanzig, da machen sich so gewisse Verschleißerscheinungen bemerkbar. Und dann die Gewohnheiten.«

Die sind das Schlimme.

Und schließlich fragte er mich, ob ich beim Anblick anderer Frauen oder Mädchen denn nichts spüre. Ich zuckte die Schultern, hätte ihm sagen können, dass ich natürlich manchmal Lust empfand, mit der einen oder anderen, die ich sah, zu schlafen, nur so ein Verlangen, nicht etwa, weil ich Gerda nicht mehr mochte, und ich weiß nicht, ob ich es überhaupt täte, wenn ich in die Lage käme, und ich hätte ihm auch erzählen können, dass selbst die raffiniertesten Nachthemden und die aufreizendste Wäsche, die sich Gerda im letzten halben Jahr so nach und nach zulegte – im Kaufhaus bekommt sie alles billiger –, mich nicht aufmöbeln; es überkommt mich mit und ohne Unterwäsche, mit und ohne Hemden, ich hätte ihm auch sagen können, dass die dreiwöchige Massage, der Gerda vor einiger Zeit ihre Brust unterzog, die allmählich schwabbelig zu werden begann – Gerda war schließlich fünfunddreißig –, keinen Einfluss auf meine Zustände hat. Ich zuckte nur die Schultern.

In den Wochen dazwischen kann mich nichts aufregen, nicht der Minirock einer Fremden, nicht die feinsten Nylons, die Gerda trägt, nicht ihre wieder strammen Brüste, nichts, absolut nichts regt mich auf, und ich höre mit Staunen im Betrieb, dass es Kollegen gibt, die sich jeden Abend ihr Essen im Bett verdienen müssen. Da lobe ich mir Gerda: Sie sagt nichts, fragt nicht, sie wartet. Wartet, bis es über mich kommt. Hernach läuft sie einige Tage mit glücklichem Gesicht herum, der Kühlschrank ist voller Wurst und Käse, und der Kasten Bier wird nicht leer, weil sie jeden Tag neue Flaschen aus der Stadt mitbringt, in den Kasten stellt.

Ich stand auf, sah auf die Straße.

Mein Nachbar Brundert wusch seinen Ford. Er hatte beide Wagentüren offen stehen, das Radio angeschaltet. Ich beobachtete Brundert ein paar Minuten. Unbegreiflich, wie hingebungsvoll so Menschen ihre Autos waschen, wienern, polieren können. Wenn sich nicht Lissi über unseren Opel erbarmt, wäre unser Wagen die längste Zeit nicht grün, sondern grau. Ein Auto, denke ich, ist kein Mensch, der sich jeden Tag zu waschen hat.

Brundert bemerkte mich, winkte mir. Ich ging zu ihm.

»Immer noch Urlaub?«, fragte ich.

»Morgen fange ich wieder an. Heiß heute. Der Urlaubsdreck muss runter.« Er wies auf das staubige Auto und auf einen Eimer zu seinen Füßen. Schaum quoll aus dem Eimer.

»Wo warst du denn?«, fragte ich, um etwas zu fragen. Brundert würde mir sowieso nicht die Wahrheit sagen, dafür kannte ich ihn zu gut. Auch wenn er drei Wochen bei seiner Schwiegermutter in Castrop-Rauxel verbracht hatte, würde er stolz behaupten, er sei drei Wochen an der Costa Brava gewesen, in Rimini oder Jugoslawien, wenn er überhaupt weiß, wo Jugoslawien liegt.

Brundert sagte: »Am Königssee. Hatten prima Pension. Billig, Essen reichlich, hast gar nicht alles aufbekommen. Auf der Rückfahrt sind wir noch beim Schlesiertreffen in München gewesen. Mensch, Paul, waren da Menschen, und heiß war es, einige sind in Ohnmacht gefallen. Aber das Rote Kreuz war auf Draht.«

»Ach ja«, sagte ich, »du bist ja aus Schlesien.« Dabei sprach er wie ein waschechter Dortmunder.

»Hab ich dir doch gesagt, bin aus Hirschberg gebürtig.«

»Ach ja, aus Hirschberg«, sagte ich, um etwas zu sagen.

»Du fährst ja jedes Jahr zum Schlesiertreffen«, sagte ich. »Machen dir denn solche Treffen Spaß? Ich meine, ist doch auch immer mit Unkosten verbunden.«

»Jaja, hast schon Recht«, sagte er und lederte mit Inbrunst seinen Wagen. »Hast ja Recht«, keuchte er, »aber bis jetzt konnte ich das immer mit meinem Urlaub verbinden. Und dann, Paul, sehen lassen muss man sich, das ist man als Schlesier seiner Heimat schuldig.«

»Was haben denn die Herren Minister wieder gesagt?«

»Waren dieses Jahr nur zwei da«, keuchte er. Er lederte mit Hingabe die Windschutzscheibe.

»Na und, dürft ihr bald wieder zurück nach Kattowitz und Hirschberg?«

Er sah mich an, hörte zu ledern auf. »Weiß ich gar nicht mehr. Wir treffen uns da nämlich immer mit alten Bekannten, weißt du, und dann haben wir uns abgesondert und einen gekippt. Übrigens. Die Polizei. Was die immer gegen die Polizei haben, sind wirklich höfliche Leute, haben sich um die alten Leute gekümmert, ist doch überhaupt nicht ihre Aufgabe. Was die immer zu schimpfen haben. Weißt du, ich war bisher jedes Jahr da, aber wie die Polizei sich diesmal verhalten hat, muss schon sagen, wirklich Freund und Helfer.«

Er lederte jetzt die Seitenfenster.

»Jedes Jahr hab ich die Treffen mitgemacht, nur damals nicht, weißt, wo ich mir den Mittelfußknochen gebrochen habe und ein Vierteljahr im Krankenhaus lag. Kann wirklich nichts sagen, immer korrekt waren die, und was kommen da für Tausende, glaubst es nicht, wenn du es nicht siehst. Na ja, einmal, da haben sie mich verwarnt, war aber selber schuld, seh es ja ein.«

»Verwarnt? Dich? Warum denn?« Ich fragte, um etwas zu fragen.

»Ach, weißt du, ich hab mal gepfiffen, hat einer gesprochen, weiß nicht, war’s der Strauß oder der Brandt, aber das ist nicht so wichtig, irgendeiner redet ja immer, vor drei oder vier Jahren war das.«

Er schaute prüfend über das Heckfenster.

Ich sah Gerda am Ende der Straße aus dem Bus steigen. Sie ist gut beieinander, anderen Männern reißt es den Kopf herum. Langbeinig, die Haare hängen ihr lose bis auf die Schultern, ihre Bluse spannt, vorn und hinten. Ein Gedicht von einem Rock, sie sitzt im Kaufhaus an der Quelle, sie hat die erste Auswahl, sie bekommt alles billiger.

Gerda winkt mir, ich winke zurück.

»Man trifft halt auf so Treffen immer Bekannte. Unsere wohnen in Stuttgart, er ist bei Mercedes, verdient nicht schlecht. Die kommen jetzt vorbei, fahren in Urlaub. An die Nordsee. Nach Cuxhaven.«

»Fängst also morgen wieder an?«, fragte ich. »Mittagsschicht?«

Brundert hält im Ledern inne, nickt, schaut über das Dach des Wagens auf sein Haus, ledert dann weiter. Beiläufig fragt er: »Im Werk alles beim Alten?«

»Was soll es schon Neues geben. Täglich 160 000 Kilowatt Strom. Auch ohne dich.«

Brundert sah erschrocken auf, lachte dann: gequält, lederte verbissen weiter, trocknete Stellen, die längst trocken waren, rieb an Seitenfenstern, die er längst abgerieben hatte. Ich sah Gerda entgegen. Sie blieb einen Moment stehen, schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf, ging dann ins Haus. Ich hörte den Hund kläffen, freudig, er hatte sich allein im Garten beschäftigt oder lag im Schatten irgendeines Strauches. Der Hund mochte Brundert nicht, wahrscheinlich riecht Brundert anders.

»Willst du denn wieder nach Schlesien zurück?«, fragte ich und war über meine Frage selbst erschrocken: Ich wollte ihn das nicht fragen.

Brundert hob das Fensterleder mit beiden Händen hoch, ließ es auf das Wagendach klatschen.

»Dumme Sau«, schrie er mich an. »Fragst wie diese Scheiß-kommunisten da drüben.«

Brundert machte eine unbestimmte Handbewegung, es mochte Dortmunds Norden sein oder Berlin oder wer weiß.

»Fragst wie diese Trottel, die hinter jedem Treffen Nazis wittern«, empörte er sich, aber er lederte nicht mehr an seinem Wagen herum.

»Mensch, Brundert, ich hab doch nur gefragt, weil du zu jedem Treffen fährst. Und die fahren doch alle, weil sie wieder zurück wollen. Ich zum Beispiel will nicht mehr nach Bayern zurück.«

Brundert gab keine Ruhe. »Warum fährst du eigentlich nicht zu den Treffen der Sudetendeutschen? Du kommst doch aus Eger?«

»Mir sind bei solchen Treffen zu viele Menschen auf einem Haufen«, sagte ich, »ich mag nun mal nicht so viele Menschen auf einem Haufen.«

Er ließ mich stehen, ging auf das Haus zu. An der Haustür drehte er sich um und rief mir zu: »Man kann sich doch schließlich einmal im Jahr treffen, oder? Andere gehen jede Woche einmal Kegeln oder Skat spielen. Aber das mit deinen Ansichten, Paul, das wollte ich dir schon immer mal sagen, das kommt davon, wenn man seine Kinder auf eine höhere Schule schickt.«

Ich nickte vor mich hin. Ich verstand seine Aufregung nicht; er stichelte zwar immer, weil wir unsere Lissi auf die höhere Schule geschickt hatten, während sein Klaus in eine Schlosserlehre ging, aber mein Gott, Lissi hatte nun mal das Zeug dazu, sein Klaus nicht, warum dann die Aufregung. Brundert ließ seinen Wagen einfach im Stich, ohne ihn fertig zu ledern, sogar die Türen ließ er offen. Ich schloss die Tür zur Straßenseite.

Vor der Küchentür spürte ich schon das Knistern, das Gerda ausstrahlte, wenn sie auf irgendwas oder irgendwen wütend ist. In der Küche wollte ich ihr sagen, wie aufregend sie heute wieder aussah, aber ich schwieg besser, als ich sah, wie Gerda die Päckchen aus ihrer Einkaufstasche – sie kauft nach der Arbeit immer ein – auf Tisch und Anrichte warf, die Stühle herumschob, als hätten sie nichts gekostet.

Ich setzte mich an den Tisch, griff die Zeitung, tat, als ob ich darin las. In der Brückenstraße wird ein Film gespielt: »Sein Gebetbuch war der Colt«, den sollte man sich einmal ansehen. Aber wir haben Fernsehen. Das ist zwar nicht so aufregend wie Kino, aber billiger.

Ich sagte: »Es war keine Wurst mehr da. Hab Käse gegessen, ziemlich scharf. Lissi ist in die Badeanstalt.«

Gerda nahm die Päckchen mit Wurst, wickelte die Wurst aus dem Papier, klatschte mir die Wurst auf die Zeitung, die Zeitung platzte, einige Scheiben fielen auf den Fußboden. Ich wollte die Scheiben aufheben.

»Lass liegen«, schrie sie.

Ich sah Gerda an, hob, ohne den Blick von ihr zu lassen, die Wurstscheiben vom Fußboden auf.

»Dieser Brundert«, sagte sie unvermittelt, »dieser Brundert, dieser … dieser Schleimscheißer … dieser … und bei dem stehst du.«

Das also war es. Ich war beruhigt.

In einem anderen Kino spielten sie »Das älteste Gewerbe der Welt«. Ein verdammt gut aussehendes Weib liegt da, leider nur schwarz auf weiß, nicht fleischfarben.

»Hol den Hund«, sagte Gerda ruhiger. Sie schälte Kartoffeln, auf der Anrichte lagen Eier und ein Päckchen Tiefgefrorenes. Es wird Kartoffeln geben, Eier und Spinat. Nicht schlecht, Spinat hebt die Verdauung, Gerda richtet den Spinat mit sehr viel Zwiebeln an, sie achtet streng darauf, dass ich in Form bleibe.

»Lass doch den Hund.«

»Er wird bald heiß. Meinst du, ich will junge Hunde haben, vielleicht noch eine Promenadenmischung?«

»Noch ist er nicht heiß, geht noch wie verrückt auf andere Hunde los«, sagte ich.

Sie setzte Wasser auf, wusch die geschälten Kartoffeln unter dem Wasserhahn, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie schnell Gerda ein gutes Essen zubereitet, gut und billig. Wenn ich an Brunderts Frau denke – für Gerda ist sie nur die Schlampe: Die kocht am Montag Linseneintopf, der geht Mittwoch zu Ende, am Donnerstag kocht sie Erbseneintopf, der geht am Samstag zu Ende, am Sonntag gibt es dann Fleisch, zu dieser Jahreszeit mit Salat, im Herbst und Winter mit Pudding. Gerda hatte mal gesagt: »Glaubst du, sonst könnten die sich den Ford leisten und jedes Jahr drei Wochen Urlaub? Du solltest mal rechnen lernen, er verdient schließlich nicht mehr wie du, und die Alte liegt den ganzen Tag auf der faulen Haut und kaut Erdnüsse.«

Ich stand auf, um nach dem Hund zu sehen. »Bleib hier«, sagte sie. Ich trat neben sie, wollte ihr bei der Arbeit helfen: Sie schob mich beiseite, dabei platzte ihr ein Ei in der Hand. Sie nahm ein zweites und ließ es mutwillig platzen, das Eiweiß troff über die Kühlschranktür.

Es war wirklich schlimm mit Gerda, nur weil ich bei Brundert gestanden, mit ihm geredet habe.

Manchmal überfallen einen idiotische Gedanken, man kann nichts dafür, aber der Gedanke war da, ließ sich nicht wegwischen.

Sollte Gerda bei Brundert einmal abgeblitzt sein? Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gerda auf einen Mann wie Brundert hereinfällt. Wir verkehrten zwar über ein Jahr eng miteinander, waren jeden zweiten Abend zusammen, aber Gerda stritt sich dauernd mit Brundert, was ich nie verstand; denn er war stets zuvorkommend, ja sogar herzlich, und er war hilfsbereit. Einmal blieb ich auf der Autobahn hinter dem Kamener Kreuz liegen, Getriebeschaden. Brundert schleppte mich in die Werkstatt nach Hörde, und als ich mich bedanken wollte, war er richtig beleidigt. »Das gehört zur Kameradschaft«, hatte er damals gesagt. Ich sah, wie Gerda den Spinat auftaute, Zwiebeln schnitt, weinte, da fiel mir das Abschleppen wieder ein. Die Reparatur hatte siebenhundert Mark gekostet, wir mussten uns damals vier Wochen ganz schön einschränken, es gab kein Bier, keinen Wochenendausflug, sogar am Strom wurde gespart, am Essen, ich weiß es jetzt, seit der Zeit kann ihn Gerda nicht leiden.

Wir saßen damals nach dem Abschleppen abends beim Romméspiel in Brunderts Wohnung.

Ich sehe es, als ob es jetzt wäre, wo Gerda die Zwiebeln in den Spinat kippt, umrührt, salzt, pfeffert, eine Muskatnuss darüber reibt, sie weinte noch immer, ich sehe es wie damals, sie hatte das Glas Eierlikör an den Lippen, die beiden Frauen tranken immer Eierlikör, wir Männer natürlich Bier, das waren wir Dortmund schuldig, da fiel das Wort von Kameradschaft. Brundert lachte, laut, lachte überzeugend, lachte umfassend, auch ein bisschen selbstgefällig.

Gerda setzte das Glas ab, trank nicht. Ihr war plötzlich übel. Ich erinnerte mich auch, wie ich mich damals geärgert hatte, vier Asse hatte ich auf der Hand, wollte sie triumphierend auslegen, nachdem ich zwei Stunden hintereinander verloren hatte, und ausgerechnet in diesem Augenblick wurde Gerda übel. Als ob sie in anderen Umständen wäre.

Dabei nahm Gerda seit zwei Jahren Antibabypillen. Aber bei einer Frau weiß man nie genau, ob sie die Pille nimmt. Wenn sie wollen, dann wollen sie. Gerda ist eine Frau, die von heute auf morgen will, und wenn sie will, dann will sie.

Wir gingen, wir mussten gehen. Brundert sagte, seine Kameradschaft gebiete es, sie nach Hause zu begleiten, aber da wurde Gerda noch übler. Gerda hatte tags zuvor im Kaufhaus eine Jubilarfeier mitgemacht, aber ich weiß, dass Gerda außerhalb ihrer Wohnung nie über den Durst trinkt, lieber kippt sie den Schnaps unbemerkt unter den Tisch.

Nachdem Brundert sich an der Haustür schulterklopfend verabschiedet hatte, war Gerda plötzlich wieder wohler, sie legte den Arm um mich und sagte: »Gott sei Dank, den wären wir los.«

Ich war nicht wenig erstaunt.

Im Wohnzimmer war sie wie verwandelt, guter Laune, fast ausgelassen. Sie schnappte mir zwischen die Beine und lachte, fragte lachend, was ich davon hielte. Der Griff, nicht besonders schmerzhaft, nicht besonders zärtlich, hatte doch Wirkung.

Ich hatte meinen wilden Tag.

Anderntags, als sie wie verkatert aufwachte, sagte sie zu mir: »Wenn er wenigstens Nachbarschaft gesagt hätte, aber nein, er sagt Kameradschaft. Das Wort hat ihn verraten. Ein kalter Krieger ist er.«

Gerda deckte den Tisch, flink, jeder Handgriff sitzt. Wir aßen schweigend, es schmeckte, bei Gerda schmeckt alles, selbst das aus der Dose. Gerda kocht selten aus der Dose, es ist ihr zu teuer.

»Wie du mit dem stehen kannst, der ist doch … ein ganz alter neuer Nazi ist der.«

»Woher willst du das wissen?«

Sie stocherte in einem Eidotter, dann rührte sie im Spinat.

»Fährt er zu Flüchtlingstreffen oder fährt er nicht«, gab sie endlich zur Antwort.

»Was hat denn das nun wieder damit zu tun?«, fragte ich.

»Ich dachte immer, ich hätte einen vernünftigen Mann geheiratet. Aber in solchen Dingen bist du einfach nicht von der Welt.«

Wir aßen, sie sah an mir vorbei, sie pfiff einmal den Hund, der kam aber nicht, dann zog sie die Zeitung heran, las, aß umblätternd weiter, schob die Zeitung von sich, setzte die rechte Hand auf den Tisch, umschloss die Gabel, Zinken nach oben, sah mich an: »Und was tun die auf solchen Treffen?«

»Was wohl«, sagte ich unwillig. »Reden halten.«

»Eben. Reden halten.«

»Lass sie reden«, sagte ich.

»Deine Dummheit«, giftete sie, »deine Dummheit ist schon kriminell.«

»Gott, lass mich in Ruhe. Für die Brunderts und ihresgleichen ist so ein Treffen einmal im Jahr doch etwas wie ein Familienausflug. Tante Berta trifft Onkel Franz.«

»Eben«, antwortete Gerda, »ein Familienausflug. Damit fängt es an.«

»Ach komm«, sagte ich, »du hast heute deinen kritischen Tag, da lass ich dich lieber allein.«

»Tu, was du willst.«

Sie räumte den Tisch ab. Ich ging auf den Flur, suchte an der Garderobe eine alte Hose, da sah ich es weiß aus dem Briefkasten schimmern.

Ich bückte mich, es war kein Irrtum. Im Briefkasten lag ein Brief, Reklamepapier liegt anders, zerknittert, farbig, über den Spalt hängend oder weiß der Kuckuck wie. Ein Brief liegt ordentlich im Kasten.

Ich ging in die Küche zurück, sagte es Gerda. Sie sah mich fragend an. »Ein Brief? Ja, von wem denn?«

»Ja, von wem denn. Weiß nicht.«

»Dann hol den Brief doch raus.«

»Ja«, sagte ich und nahm den Brief aus dem Kasten.

Auf dem Umschlag erkannte ich die Handschrift meiner Mutter.

»Ach, die alte Dame«, sagte Gerda, nahm den Brief und warf ihn auf die Anrichte. Ich überlegte, ob ich ihn öffnen sollte, aber wir kannten die Briefe meiner Mutter auswendig. Sie schrieb, regelmäßig, zweimal im Jahr, kurz vor Weihnachten und eine Woche vor Lissis Geburtstag. Lissis Geburtstag war in acht Tagen. Es wird nichts Aufregendes drin stehen: Dass die Katze der Nachbarin wieder Junge geworfen hat, die Preiselbeeren dieses Jahr schlecht geblüht haben und es wenig Pilze geben wird, dass ich nicht so viel rauchen, das Trinken einschränken soll, Gerda sich nicht übernehmen darf und Lissi von uns nicht so verwöhnt werden sollte. Das schreibt sie regelmäßig, ein Brief ähnelt bis auf das Komma dem andern. Wenn ich Mutters Briefe vorlese, spricht Gerda oft weiter, sie kann dabei aus dem Fenster sehen und doch Wort für Wort wiederholen, was ich vom Blatt lese.

»Warum lässt deine Mutter ihre Briefe nicht vordrucken? Das käme sie billiger.«

»Sie ist halt eine alte Frau geworden«, sagte ich.

»Mit siebenundsechzig ist man keine alte Frau«, erwiderte Gerda heftig.

Ich öffnete also den Brief nicht, sondern ging spazieren, nahm den Hund mit. Wir spazierten die Blickstraße hinauf zum Schnee, der Hund erschnupperte den Weg. Im Wald findet er genug Stöcke, die er mir vor die Füße legt. Ich werfe dann, damit er apportieren kann.

Hunde sind ein Trost.

2

Lissi lag, wie ich heimkam, im Fernsehsessel, die Lehne nach hinten gekippt, eine Staffelei über ihrem Bauch. Sie malt auf dem Rücken liegend, ihre Arme sind nicht allzu lang, also malt sie auch nie allzu hohe Bilder. In der Regel sind ihre Bilder doppelt so breit wie hoch, sie malt nur breite Bilder. Auf der Schulausstellung in der Westfalenhalle durfte sie vor Wochen in einer besonderen Ecke einige ihrer Bilder ausstellen, die vom Fernsehen sagten zwei Tage später in der Sendung »Hier und Heute«, das junge Mädchen habe alles zu einem Genie.

Ich freute mich, Gerda blieb skeptisch, Lissi war außer sich, dann heulte sie los, und wir erfuhren den Grund ihrer Wut: »Alle sagen, ich bin ein Genie, keiner hat gesagt, ob ich auch Talent habe.« Seitdem malt Lissi wieder, im Fernsehsessel, auf dem Rücken liegend, die Staffelei über ihrem Bauch. Die Bilder bleiben auch jetzt doppelt so breit wie hoch.

Gerda widmete sich ihrem Haushaltsbuch; sie rechnete ruhig, überlegt, wie es ihre Art ist. Ich blätterte im »Stern«, in dem heute Nachmittag Lissi geblättert hatte, ich beobachtete von der Couch her – der Hund hat es lieber, ich sitze neben ihm – Frau und Tochter. Sie haben wenig Ähnlichkeit. Lissi schlägt mehr nach mir. Sie ist knochig, besitzt eine starke Nase, auffallend vorspringende Backenknochen, die ihr auf den ersten Blick etwas Ausländisches geben, sie ist staksig; aber das ist so in dem Alter. Sie trägt selten Miniröcke, lieber Hosen, Hosen kleiden sie gut. Ein wenig bin ich stolz auf meine Tochter.

Ich ging mit dem Hund in den Garten, zupfte da ein Gräschen, zupfte dort ein Blatt, trat wieder ins Haus.

Gerda legte den Block weg. »Ins Wochenende fahren ist für die nächste Zeit nicht drin. Der Urlaub Ostern hat zu viel Geld geschluckt, Lissi muss zum Herbst neue Sachen haben, du brauchst einen Anzug, ich einen neuen Mantel, die Waschmaschine muss endlich repariert werden.«

»Dann denk auch gleich dran«, sagte ich, »der Motor hat jetzt 70 000 weg, lass ihn noch zwanzig machen, dann ist er im Eimer.«

Sie sah mich einen Moment starr an. Dann atmete sie tief aus.

Ich blätterte im »Stern«, der Hund schnarchte an meinem Oberschenkel, er träumte, winselte, ruderte mit in die Luft gestreckten vier Pfoten.

»Jedenfalls brauchen wir uns nicht einzuschränken, aber Extrawürste gibt es für die nächste Zeit nicht. Dann kommt auch schon Weihnachten.«

Das war Gerda. Im Juli, bei dieser Hitze, sprach sie von Weihnachten.

Ich erhob mich, der Hund sprang auf, legte sich wieder, als er sah, dass ich mir nur eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank holte.

»Trink es nicht so hastig, lass es stehen«, sagte Gerda.

Die Armbanduhr zeigte kurz vor halb zehn, aber draußen war es noch hell. Der Mercedesstern oben am Ruhrschnellweg leuchtete in unser Wohnzimmer, er drehte sich in zehn Sekunden einmal um seine Achse. Lissi hatte einmal abgestoppt. Schön war der Stern, schön blau.

Lissi ging mit ihrer Staffelei aus dem Zimmer. Sie nuschelte etwas vor sich hin, was wie »Gute Nacht« klang.

Gerda klappte ihr Haushaltsbuch zu: ein Block, in rotes Saffian geschlagen. »Ich geh auch schlafen, ich bin kaputt. Im Kaufhaus war heute vielleicht wieder was los, ich kam den ganzen Tag hinter der Kasse nicht weg, keine Minute Zeit für eine Zigarette, immer lächeln, immer freundlich, ganz auf Amerikanisch, wenn nicht, dann fliegst du. Bei uns werden zwanzig Verkäuferinnen entlassen. Vor vier Wochen wurden sie erst eingestellt. Die springen vielleicht jetzt mit dem Personal um, als ob alle Menschen Schweine wären, die man heute füttert, morgen schlachtet.«

Als sie schon an der Tür stand, stürmte Lissi an ihr vorbei ins Zimmer, in der Hand den Brief von der Anrichte. »Ihr habt ihn noch gar nicht aufgemacht. Großmutter hat bestimmt wieder fünfzig Mark reingelegt für meinen Geburtstag.«

»Dann machen wir den Brief eben zu deinem Geburtstag auf, sind ja nur noch ein paar Tage«, sagte ich.

»Ich muss neue Farben haben, mein Taschengeld ist alle, kann mir die Farben von Großmutters Geld doch kaufen.«

»Meinetwegen«, antwortete Gerda. »Dann aber ab ins Bett.«

Lissi riss den Umschlag auf, zwischen den Blättern fand sie richtig fünfzig Mark, sie steckte das Geld in die Zuckerdose, in der sie immer ihr Geld aufbewahrt, zog dann die beschriebenen Blätter aus dem Umschlag, sah ungläubig auf die eng beschriebenen Blätter und murmelte: »Großmutter hat heute aber viel geschrieben. Das ist ja ein halber Roman.

So viel hat Großmutter noch nie geschrieben. Da, guckt mal. Eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.«

Gerda nahm Lissi die eng beschriebenen Bogen aus der Hand, begann leise zu lesen, sagte nein, sank in einen Sessel, sagte nein, las weiter, sagte nein, immer wieder nein, und als sie den Brief zu Ende gelesen hatte, sah sie uns wie abwesend an, legte die Bogen vor sich auf den Tisch, sagte, das gibt es nicht, die alte Frau muss sich irren.

»Paul, das kann nicht wahr sein«, flüsterte sie. »Nun lies doch endlich.«

Ich nahm den Brief vom Tisch, begann zu lesen.

»Lieber Paul, liebe Gerda, liebe Elisabeth …«

»Deine Mutter wird sich nie daran gewöhnen, dass Elisabeth bei uns nun einmal Lissi heißt«, warf Gerda ein, und Lissi bestimmte: »Lies lauter.«

»Jaja, Moment.«

»… erst will ich dir gratulieren zu deinem Geburtstag, liebe Elisabeth, du wirst ja jetzt bald eine große Dame sein mit hohen Absätzen an den Schuhen, aber da tut man leicht umknicken, musst aufpassen beim Laufen, und freuen tut’s mich schon, weil du so gut kannst malen und auch einmal ein Künstler werden wirst, was dein Vater wär auch geworden, wenn er nicht gemusst hätte von der Schule damals wegen der Henleinpartei, aber es tut doch eine Gerechtigkeit geben, wenn man auch manchmal an der Gerechtigkeit verzweifeln tut, aber geben tut sie es schon an den Kindern und an den Kindern von den Kindern. Liebe Elisabeth, das wollt ich dir halt sagen, weil du wirst bald eine große Dame sein mit hohen Absätzen an den Schuhen, wo man leicht umknicken tut und musst auch immer schön achten deine Eltern, die immer wollen dein Bestes und dass du was wirst und ein großer Künstler.

Lieber Paul, da muss ich dir was schreiben und du tust es nicht glauben wollen, ich bin nach Tirschenreuth gefahren mit dem Fahrrad, du weißt doch noch, da tut immer Markt sein am Samstag, und da bin ich hingefahren, und wie ich da bin, da suche ich mir einen Blumenkohl aus und Schlangengurken, der Blumenkohl war nicht mehr so frisch, abgelegtes Zeug, und wie ich den Blumenkohl aussuch, da tut mich einer ansprechen, weißt, der Blumenkohl ist in Tirschenreuth immer fünf Pfennig billiger, weißt, in Waldsassen ist alles fünf Pfennig teurer, und die Gurken waren gar nicht bitter wie ich sie hab geschält, und der mich da ansprechen tut auf dem Markt in Tirschenreuth der sagt, Margarete, kennst mich nicht mehr, und ich sag, Nein, kenn dich nicht mehr, aber bekannt ist er mir vorgekommen, und da sagt er, ich bin doch der Hammer-Georg, und ich sag, ja mei, Hammer-Georg, ich hätt dich jetzt nicht kennt, Hammer-Georg, und der Hammer-Georg ist alt geworden, das kommt vom Saufen, das musst dir merken, Paul, der Hammer-Georg hat schon den ganzen Kopf voll graue Haare, und der Hammer-Georg hat mir dann gesagt, ich soll an den Stand gehen nebenan, da ist der Blumenkohl noch drei Pfennig billiger und immer frisch vom Feld, ich konnte aber nicht gehen an den anderen Stand, weil ich doch schon bestellt hatte und die beim Auswiegen waren, was hätten die Leut von mir denkt, da zahlte ich also und ging mit dem Hammer-Georg über den Markt und da fragt mich der Hammer-Georg, wie es dem Albert geht und ich sagte ihm, dass unser Vater gestorben ist, und da sagt der Hammer-Georg, es tut ihm leid, weil der Albert gestorben ist, und er hat nix gewusst vom Vater seinen Tod und er drückt mir die Hand und sagt, es wäre halt nix zu machen gegen den Tod und es ist gut, dass man nix machen kann gegen den Tod, und dann sagt er, ob ich nicht mitgehen will zum Post-Wirt, Brotzeit machen, und ich wollte, und da sind wir zum Post-Wirt gegangen, am Marktplatz, wo es nach Weiden geht, an der Ecke, und da habe ich mir eine Halbe Bier bestellt und ein Speckbrot, der Post-Wirt hat doch das beste Speckbrot in der ganzen Oberpfalz, sogar die Berliner sagen das, wo sie so weit herkommen und Speckbrot nicht kennen, lieber Paul, du kennst doch noch den Post-Wirt, der wo das schwarze Bier tut selber brauen seit hundert Jahren, und der Post-Wirt sagt, als er mich sehen tut, na Margarete, bist auch mal wieder da, und ich hab gesagt, ich bin auch mal wieder da, und dann hat er das Bier gebracht und das Brot, und den Speck hat er dick aufgeschnitten gehabt auf das Brot, der Post-Wirt ist nicht knauserig, der versteht was vom Geschäft und der Kundschaft, und als wir essen, tut plötzlich der Hammer-Georg fragen, ob wir nie gewusst haben, wer unseren Vater verraten hat damals, dass sie ihn abgeholt haben die Reichsdeutschen, und ich hab gesagt, dass wir das nie gewusst haben und dass Albert dein Vater wohl einen Verdacht hat gehabt, aber nix beweisen konnte, und unserem Vater war es später ja auch egal, wer ihn denunziert hat, wo er doch nicht mehr hat arbeiten gekonnt, und da sagt der Hammer-Georg, ich soll mal nach Bärnau fahren, da tät ein Mann wohnen, der heißt Beierl und wohnt, wo früher die Perlmutterfabrik gestanden hat hinter dem Zollhaus, da hat er sich ein Haus gebaut, und der Beierl ist auch aus Eger, und der Hammer-Georg sagt, der Beierl tät damals unseren Vater verraten haben, und dann hat der Hammer-Georg noch gesagt, der Beierl wollt mich damals erschießen, er war doch beim Henlein Freikorps, hat aber nicht geschossen, weil ich dich an der Hand hab gehabt, du weißt doch, wo wir damals durch den Wald gelaufen sind in der Nacht auf die deutsche Seite, als sie Vater haben geholt und wir nicht wussten, was war, weißt doch, durch den Wald zu deiner Großmutter nach Waldsassen, und in der Nacht hat der Beierl hinter einem Baum gestanden, hat der Hammer-Georg gesagt bei der Brotzeit beim Post-Wirt, und wollte mich totschießen der Beierl, aber weil ich dich gehabt hab an der Hand, da hat der Beierl nicht geschossen, das hat der Beierl einmal dem Hammer-Georg im Suff erzählt, auf die Schulter gehauen hat der Beierl dem Hammer-Georg und gesagt, der muss ganz schön ruhig sein, denn der Hammer-Georg war doch auch bei dem Freikorps, aber das ist jetzt nicht so wichtig mehr, wo Albert doch gestorben ist, sagte der Hammer-Georg, und da hat er schon die dritte Halbe Bier gesoffen, weißt ja, wie der Hammer-Georg saufen kann, in Eger hat der Hammer-Georg immer so viel gesoffen, dass sie ihn haben mit der Schubkarre heimfahren müssen, der hat doch bei unserem Vater immer die Schuhe nageln lassen, kannst dich vielleicht nicht mehr so erinnern, warst zu klein noch damals, und ich hab dem Hammer-Georg gesagt, wichtig wärs schon, das mit dem Beierl, aber nicht mehr so wichtig, weil doch Vater gestorben ist, und da wollte ich dich fragen lieber Paul, wenn du meinst es wäre wichtig, dann täte ich mal zu dem Beierl hinfahren und einfach sagen zu ihm, dass er hat schießen wollen auf mich, und dass er beim Henlein-Freikorps gewesen ist, unseren Vater hat verraten, als unser Vater nach Hundsbach gefahren ist und ganz früh morgens, wo sie die Wiese gemäht haben beim Schneider-Hannes der doch sein Freund war aus der Zeit, wo sie noch gegangen sind, durch die ganze Welt auf die Walz als junge Burschen, und weißt doch, dass sie ihn von der Wiese weggeholt haben unseren Vater, die Henleinleute, nein, nicht die Henleinleute, das waren die Reichsdeutschen, ist ja auf Reichsgebiet, in Hundsbach passiert, aber der Beierl hat den Reichsdeutschen gesagt, dass unser Vater tut mähen kommen auf Reichsgebiet, und dann haben sie unserm Vater aufgelauert, und wie wir wieder weggingen, der Hammer-Georg und ich vom Post-Wirt, da hat der Post-Wirt gesagt, Margarete komm bald wieder, und ich hab gesagt, dass ich nächsten Samstag tu wiederkommen zum Markt, und der Hammer-Georg hat fünf Halbe Bier gehabt, vom schwarzen Bier, vom starken, ich hab dem Hammer-Georg auch eine Halbe bezahlt, weißt, der kann saufen der Hammer-Georg, und da hat er mir noch mal gesagt, dass der Beierl das war und dass er drei Finger heben könnt dafür, dass der Beierl das war, und er sagt, der Hammer-Georg, dass er auch beim Henlein-Freikorps war, und hat noch gesagt, dass man ja sein musste beim Henlein-Freikorps im Jahre 1938, wo man doch Deutscher war und Sudetenländer, aber er hat nie nix gemacht, hat nur ein Gewehr gehabt und eine Armbinde, und dann ist ja gleich der Hitler einmarschiert, bevor er hat was machen können, der Hitler mit seinem Militär, und dann hat der Hammer-Georg Gewehr und Armbinde wieder abgegeben, war halt eine verrückte Zeit damals, hat er noch gesagt, der Hammer-Georg, dann ist er gegangen und geschwankt hat er, wird schon einen Diridari gehabt haben, denn fünf Halbe Bier hat er gehabt und das am Vormittag, und jetzt, lieber Paul, wollte ich dich fragen, was da jetzt zu machen ist, weil ich dem Mann, den Beierl meine ich, doch gern sehen möcht in sein Gesicht, wüsst halt gern, was du meinst, lieber Paul, und ob es was nützt, wenn ich dem Beierl sein Gesicht sehen tu, sein Gesicht nach jetzt dreißig Jahren. Tu mir gleich schreiben, dann tu ich mal rüberfahren nach Bärnau, nicht mit dem Fahrrad, ich bin halt nicht mehr so gut auf den Beinen, da muss ich schon mit dem Zug fahren, das kostet wieder was über fünf Mark, die Sonn tags karte, aber gilt ja schon ab Samstag, über Nacht bleiben möcht ich nicht in Bärnau, muss in meinem Bett schlafen, aber die Züge tun so ungünstig fahren bei uns, weißt ja, wir sind eine Gegend, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen, aber besser tuts schon werden jetzt, weil doch viele Sommerfrisc hler kommen, aus Berlin ganz viele, schön täts ja sein, wenn du einmal tätst kommen, da brauchte ich die Sonn tagskarte nicht kaufen, und du kannst ja auch besser reden wie ich, aber das wird halt nicht gehen, weil du doch deinen Urlaub schon gehabt hast zu Ostern, und ihr seid wieder nicht kommen zu mir, weil ihr immer an die Nordsee fahrt, tut mir schon ein bisserl weh, dass ihr nicht kommen tut, die Elisabeth geht doch gern in den Wald, aber die Preiselbeeren und die Schwarzbeeren haben diesen Sommer nicht gut geblüht und wenn es nicht bald regnet, gibt es auch nicht viel Schwammerl, Hitze haben wir doch jetzt genug gehabt, jetzt muss Wasser kommen vom Himmel, und die Gerda muss nicht immer so viel arbeiten, und dann muss die Elisabeth nicht jeden Fixfax haben, hast du auch nicht gehabt, lieber Paul, und bist auch was Anständiges geworden, die wollen doch heute nur verkaufen alle und tun nicht fragen, ob man damit was Anständiges kann werden, nur Profit machen wollen sie alle, und da sollen die Leute allen Fixfax haben, aber das ist nicht wichtig, gar nicht, man muss nicht alles haben müssen und muss einfach sagen können, dass man das nicht nötig hat und doch leben kann und anständig sein, wir haben auch nix gehabt, lieber Paul, sind vor dem Metzgerladen gestanden und haben überlegt, ob wir uns für zwanzig Pfennig können einen warmen Leber käse kaufen, was das Billigste war, und haben nicht gekauft und es ist uns nicht schlecht gegangen und verhungert sind wir auch nicht, und dem Hund dürft ihr auch nicht jeden Tag Fleisch und Knochen geben, da wird das Hun derl zu fett, und einmal in der Woche müsst ihr dem Hunderl überhaupt nichts geben und überhaupt keine Süßigkeiten, und dann wollte ich dich noch fragen, lieber Paul, was ich jetzt machen soll oder nicht machen soll, wo ich doch dem Beierl sein Gesicht sehen möcht, wo ich jetzt wieder genau weiß, wie wir durch den Wald gelaufen sind nach Waldsassen zu deiner Großmutter und du bist immer über Wurzeln gestolpert und hast geweint und immer gekeucht und geschwitzt und gesagt, Mutter, lass uns schlafen hier, und als wir dann zu deiner Groß mutter sind gekommen in Waldsassen und Hunger hatten und müd waren und geschwitzt und gefroren haben, da hat deine Großmutter Einquartierung gehabt von Hitler sein Militär, und deine Großmutter hat uns Milch suppe gebracht in den Ziegenstall und gesagt, wir müssen drin ...

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