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Zungenküsse mit Hyänen

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

TINGELTANGEL

DER SCHWARZE BUNKER

FRISCH RASIERT UND FERN DER HEIMAT

ZUCKERBROT UND PEITSCHE

TUNTENTOWER

FRAU PUVOGEL UND DIE SCHWULE WELT VERSCHWÖRUNG

GÖTTERLIEBLING

HURE BABYLON

IN DIE HOSE

SCHMOCK

LEICHENFLEDDEREI

FACKELN IM STURM

BUMSBURG

OFFENHEZZISCHKEIT

HAPPEN FÜR DEN HOHLEN ZAHN

ONE-HIT-WONDER

EISKALT

HOHE ABSÄTZE, KURZE HAUPTSÄTZE

FUNKLOCH

LUSTGREISENGRUFT

SCHUND

MATCH MADE IN HEAVEN

KROKODIL IN DER WANNE

STEINIGUNG UNTREUER EHEFRAUEN

ANTILOPEN

DURCHFEUDELN

AFFÄREN

EDELNUTTENSCHICKSAL

HENGST

MOORBLASE

MÄTRESSEN

MASKERADE

SELTSAMES FRÜCHTCHEN

SCHÄTZCHEN

MANN IM OHR

BÖSE, BÖSE WELT

KAMERASCHWENKBEREICH

1000 GELIEBTE

DIE GRÄFIN

ZUNGENKÜSSE MIT HYÄNEN

IM BAUCH DES WALS

DRAMOLETTCHEN

GÜRKCHEN

DIE KLEINEN WIRFT MAN ZURÜCK INS WASSER

WEIBER

UND EWIG LOCKERT DAS WEIB

TOILETTENSCHRANKINTERNA

BLAUPILLENPROBAND

ORGIENSAAL

NACKTSCHNECKEN

SPINNENNETZ

IN DEN FÄNGEN DES LÖWEN

NIERCHENWETTER

ICH HASSE KRÜPPEL

NACKTES ÜBERLEBEN

PRÄPOTENZ

RANZIGER BOCK

JUGEND

SCHALE SPÄTER ROSEN

MÜLLERS BÜRO

SONNENKÖNIG

MÜLLERS 10 ERFOLGSREGELN

MADAME POMPADOUR

HALLUX VALGUS

FEUCHTE GIRLS

DAS HONIGBUCH

EINE SCHWEBENDE JUNGFRAU

EIN FEIND MUSS HER

DER STURZ

EIN GLÜCK AUF ZEIT

SCHUTZENGEL

IM KING-SIZE-BETT IM SEPAREE

VERSUCHSKANINCHEN

MÜLLERS ESEL, DAS BIST DU

SPUK IM LEUCHTTURM

DIE AUFERSTEHUNG DER ROTEN MÜLLERIN

TEMPELPRIESTERINNEN

DER SCHWARZE BUNKER

TOILETTENGEWITTER

NÄHKÄSTCHEN

POLKAHAFTE LIBIDO

UND DIE HUREN? – RANDFIGUREN!

DES PUDELS KERN

BIG SISTER

ES GEHT UM LEBEN UND TOD

MASKERADE

GENESIS BIG BEN

GRUSELIGES HAPPY END

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Am Tag, als die Rote Müllerin beerdigt wurde, gab es einen Regen bogen. Der Himmel glühte merkwürdig wie im Reich der Unterirdischen Könige, Sonnenstrahlen bogen sich wie Spinnenfinger, Regentropfen schlugen gegen das Gefängnisfenster, und das Fernsehbild in der Zelle war schneeig, so, wie ich es aus meiner Kindheit kannte. Wäre Mutter bei mir gewesen, sie hätte oben auf den Fernseher geschlagen, an jene Stelle seines Gehäuses, die nur sie allein zu treffen wusste, mit jener Mischung aus Sanftheit und Nachdruck, die nur sie allein in Vollendung beherrschte. Ein Schlag von Mutters kleiner, knochiger Faust, und das Bild wäre wieder klar. Ich barg mein Gesicht in den Händen, ertastete einen Stoppelbart, beklagte laut meinen Zustand und schritt, wie jeden Tag, die acht Quadratmeter ab, die mir als vorübergehend inhaftiertem Bundesbürger gesetzlich zustanden.

Am Fenster hielt ich inne und starrte mit brennenden Augen gen Himmel. Der Regenbogen stand wie ein Heiligenschein über dem Leuchtturm. Gleich unter dem Dach war das Apartment, in dem mein neues Leben so hoffnungsvoll begonnen hatte. Dort an der Brüstung hatte ich gestanden, hungrig, neugierig, mit heißem Herzen, mit großen Träumen, die Hand voller Trümpfe. Mit all meiner Imagination wünschte ich mir den jungen Mann zurück, der damals den Balkon betreten und »I am the king of the world« gerufen hatte. Es war nur sechs Wochen her.

TINGELTANGEL

Rizz erlebe einen Jahrtausendwinter, stand im Mittagskurier. Und tatsächlich: Überall lagen Haufen schmutzigen Schnees, angeschmolzen, vereist, neu überschneit. Erfrorene Vögel fielen vom Himmel, Hunde schlotterten, Menschen schlitterten – manche hatten eingegipste Gliedmaßen. Als ich aus dem Taxi stieg, dämmerte es bereits. Eisregen schlug mir ins Gesicht, schon nach wenigen Schritten hing meine Unterlippe wie betäubt herunter, die Augen tränten, die Nase lief. Hier wehte eine andere Luft als zu Hause. »Sie erreichen Frau Puvogel unter folgender Mobilnummer«, hatte in der Annonce gestanden.

Ich kämpfte mich im Gegenwind zur gläsernen Eingangstür des Gebäudes und erschrak. Mir im Weg stand ein blasser Junge mit vom Wind zurückgekämmtem dunkelblondem Haar, von dessen Nerdbrille der Regen tropfte, mit wollenem Mantel und weinrotem Strickschal. Der Junge blickte mich ängstlich an. Er hielt das Kinn gesenkt und sah aus, als würde er gleich nach Mama rufen.

»Nicht so schüchtern, junger Mann!«

Mein Spiegelbild verschwand. Eine Dame im Pelz hatte von innen die Tür geöffnet.

»Sie sind doch sicher Herr Rothe?« Ich räusperte mich.

»Ja. Wir hatten telefoniert. Guten Tag! Frau Puvogel?«

»Leibhaftig! Wie war die Reise?«

»Danke! Gut!«

Wir traten ins Foyer. Sofort beschlug meine Brille. »Wem gehört denn das Haus?«, fragte ich und klopfte den Schnee vom Kragen.

»Na, Frau Puh-Vogel«, rief sie und schlug sich auf den Pelz. Ich musste niesen. Sie war nicht die Maklerin, sie war die Besitzerin. Umso besser.

»Das ist aber auch ein Erkältungswetter«, sagte Frau Puvogel.

»Ich bin nicht erkältet, ich habe eine Katzenallergie«, sagte ich, holte das blaue Fläschchen mit den Augentropfen aus meinem Mantel, blickte nach oben, träufelte und zeigte dann auf ihren Pelz.

»Na hören Sie mal«, sagte Frau Puvogel, »von wegen Katze, das ist Feuerwiesel, hat ein halbes Vermögen gekostet.«

Sie öffnete den Mantel, um mir das Etikett zu zeigen.

»Moment!« Ich putzte meine Brille und konnte wieder sehen. Frau Puvogel trug einen Haarschnitt, der in Rizz en vogue zu sein schien. Ich hatte ihn schon am Bahnhof mehrfach gesichtet. Es handelte sich um eine Art Schichtfrisur, oben blond, unten schwarz. Die Frau war schillernd und leicht überpflegt. Sie hatte die Blüte ihrer Jahre überschritten, ich schätzte sie auf Mitte fünfzig. Aus ihrem Dekolleté quollen blau geäderte Brüste.

Dem Fahrstuhl entstiegen zwei junge Männer in Matrosenhemden und engen Jeans. Sie trugen Plüschmäntel über den Schultern, unterhielten sich und musterten uns mit Kajalaugen. Frau Puvogel wendete sich angewidert ab. Wir stiegen ein und fuhren in Zeitlupe nach oben. In der Ecke neben der Tür hing eine Kamera. Der Fahrstuhl war voll verspiegelt. Ich sah Frau Puvogel, egal, wohin ich schaute. Neben ihr sah ich mich selbst, hochgewachsen und hager, feucht von schmelzendem Schnee, einen jungen Mann mit einem staunenden Kindergesicht.

»Hui«, rief sie, doch mir war beklommen zumute. Die Himmelfahrt mit Frau Puvogel lieferte mich ihr ganz aus. Im Rückgrat des Wolkenkratzers glitten wir nach oben. Frau Puvogel dampfte in ihrem leicht aasig riechenden Feuerwieselpelz und schnatterte pausenlos. Im dritten Stock kannte ich alle Vorzüge des Leuchtturms (»ein Mekka für Hobbyfotografen«), im sechsten Stock referierte sie über die Jahreszeiten (»Heutzutage gibt es keinen Frühling mehr«), zwischen dem zwölften und dem vierzehnten Stock erläuterte sie mir die Wirtschaftslage (»Mit diesem Euro – das geht nicht mehr lange gut«), und als wir im zwanzigsten Stock ausstiegen, hatte ich das Gefühl, Frau Puvogel seit Jahren zu kennen.

»Die Wohnung wäre ab April«, sagte sie, kramte in ihren Manteltaschen und zog einen monströsen Schlüsselbund heraus. »Es sind noch Möbel von der Vormieterin drin.«

Frau Puvogel machte ein Gesicht, das Schlimmes verhieß. »Sie ist verSCHTORben. An ihrem dreißigsten Geburtstag! Schräckliche Sache. Felicitas Müller, haben Sie vielleicht in der Zeitung gelesen?«

»Nein. Hier in der Wohnung?«

»Momentchen«, murmelte Frau Puvogel, kramte wieder in ihren Manteltaschen und förderte ein zerknicktes Exemplar des Mittagskurier zutage. »Liebestod in Dingenskirchen?« stand dort in fetten Majuskeln. Darunter ein Foto. Ich sah Felicitas Müller zum ersten Mal. Und auch sie schien mich zu sehen. Frau Puvogel hatte endlich den richtigen Schlüssel gefunden und die Tür geöffnet. Dann drehte sie sich um, entzog mir die Zeitung wieder und legte mir die Hand auf die Brust. Es war ein beklemmender Moment von Körperlichkeit.

»Keine Angst, Jungermann«, sagte sie orakelhaft, »hier gibt's keine Geister. Frau Puh-Vogel garantiert dafür.« Sie nickte, während sie von sich sprach wie von einer anderen Person, für die sie unbedingt die Hand ins Feuer legen würde. Wir betraten das helle Zimmer hoch über Rizz. Sofa, Bett, Fernseher, Schrank, Tisch, Stuhl. Frau Puvogel öffnete die Balkontür und bedeutete mir feierlich, hinauszutreten. Der Balkon war voller Schnee. Eine eiskalte Windböe schlug uns ins Gesicht. Wir schnappten nach Luft, Eishände griffen mir an die Ohren.

Frau Puvogel rief wieder »Hui!«, hielt mit einer Hand den Pelzmantel zu und mit der anderen ihre Schichtfrisur fest. »Nicht runtergucken«, rief sie.

Nun sah ich erst recht hinunter. Mikroben-Menschen, Autos wie Spielzeuge, streichholzkleine Bäume. Es stach tief in meinem Bauch. Ich warf mich zurück und presste den Rücken gegen die kalte Wand. Etwas Unheilvolles schwappte in mir hoch. »Ist sie gesprungen?«

Frau Puvogel sah ebenfalls hinunter und nutzte die Gelegenheit, um erneut nach mir zu greifen.

»O Gott«, schrie sie gegen den Wind, »ogottogottogott, dieser Wünd! Nein, sie ist ja in Dingenskirchen geSCHTorben. Das ist ein Dorf, vierzig Kilometer von hier. In der Villa eines Filmproduzänten, mit dem sie wohl …« Frau Puvogel ballte die linke Hand zur Faust und schlug damit dreimal in die rechte Handfläche, wofür sie mich loslassen musste. »Ein richtiger Kerl, dieser Müller, reich und mächtig! Sehr berühmt. Haben Sie von ihm gehört? Er verkehrt im Club meines Exmannes. Die sollen immer Orgien machen, mit Rauschgift.« Sie winkte ab. »Jedenfalls – wo war ich? Es war ja ein Unfall, angeblich –«

Wir gingen wieder hinein.

»Wie war sie denn so?«

»Wenn Sie mich fragen: Tingeltangel! Hier gingen Krethi und Plethi aus und ein, sie war eine sogenannte Bestsellerautorin.« Frau Puvogel zog ihr Unterlid herunter. Dem Postboten, erfuhr ich, hatte meine Vormieterin zuweilen nackt geöffnet, und wegen lauter Beischlafgeräusche hätte es Beschwerden gegeben, einmal sogar bis hin zur Unterschriftensammlung. Um unsere Füße sammelten sich schmutzige Schneepfützen. Ich begann, körperlich unter Frau Puvogels Anwesenheit zu leiden.

Die Wohnung jedoch gefiel mir, mittendrin und doch allein. Auch der Hauch von Tragik, den die tote Bestsellerautorin einbrachte. Hier würde ich die zehner Jahre des dritten Jahrtausends verbringen, fürs Feuilleton schreiben und schöne Frauen küssen. Das Bett war ungemacht. Es sah aus, als sei es noch warm. Hitze machte sich in meinen Lenden breit. Ob dort der geräuschvolle Beischlaf stattgefunden hatte? Ich hatte nur einen kurzen Blick auf die rote Lockenmähne, die saugenden grünen Augen im Mittagskurier geworfen. Der hatte gereicht.

»Hier wird entrümpelt, dann renovieren wir. Ich sach mal, Mai könn' Sie rein.«

»Sagten Sie nicht April?«

»Ich sagte Mai.«

»Aber ich brauche die Wohnung sofort«, murmelte ich.

»Pardon?«, sagte Frau Puvogel.

Mutter pardonte auch immer. Vor allem, wenn sie ein unflätiges Wort hörte, »Arsch« zum Beispiel oder, schlimmer noch, »Scheiße«. Was Mutter wohl gerade tat? Ob sie meinen Brief schon gefunden hatte?

Der Ton der Vermieterin änderte sich, seit meine Dringlichkeit im Raum stand. Sie war nicht mehr die Werberin, sie war die Umworbene. Binnen Sekunden war ich zum Bittsteller geworden, den man verhören durfte. Ich sei nicht etwa arbeitssuchend (sie sprach dieses Wort mit gestisch dargestellten Gänsefüßchen)? Oder Raucher? Ansteckende Krankheiten? Haustiere? Adoptierte Negerkinder? Homosexualität? Nicht, dass sie gegen Letzteres was habe, sogar der Außenminister sei ja so einer. Aber der sei ja auch ganz unten auf der Beliebtheitsskala. Nein, kein schwuler Zuzug im Leuchtturm. Das irritiere die Mieter. Bei aller Liebe.

»Ich bin auf keinen Fall … homosexuell«, sagte ich leise und spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. »Schwul« hätte ich nicht zu sagen gewagt. So sprach man nicht, dort, wo ich herkam. Frau Puvogel kicherte backfischhaft. Nein, sie hätte mich auch keine Sekunde verdächtigt, aber, um zur Sache zu kommen, die Wohnung sofort mieten, das ginge gar nicht, auf keinen Fall, so ganz ohne Verdienstbescheinigung, polizeiliches Führungszeugnis, Kaution, Kenntnis meiner Person …

Ich führte als Leumundszeugen Big Ben ins Feld, meinen Patenonkel, dem immerhin der Mittagskurier gehörte, den Frau Puvogel am Leibe trug. Tatsächlich, sie schien Big Ben nicht nur zu kennen, sondern über die Maßen zu verehren. Er sei ein Mann der alten Schule, sagte sie und wackelte anerkennend mit dem Kopf.

Gern wäre ich auch ein Mann der alten Schule gewesen. Gern hätte ich diesen weltläufigen, flirtenden Ton draufgehabt wie Cary Grant in »Arsen und Spitzenhäubchen«, aber es fehlte mir an Praxis. Nichts auf der Welt wollte ich lieber, als diese Wohnungstür hinter mir schließen – den Schlüssel in meinen Händen und Frau Puvogel hinaus.

Ich schob ihr sechs 50-Euro-Scheine von dem Geld, das ich Mutter gestohlen hatte, in die Hand, für die Unannehmlichkeiten, die ihr aus meiner Dringlichkeit erwuchsen. Mein Herz raste. Ich hatte noch nie zuvor jemanden bestochen. Sie spitzte die Lippen, als wollte sie küssen.

»Wir sind also im Wort?«, fragte ich.

»Und der kanze Krämpel?«, fragte sie.

»Ich übernehme die Wohnung so, wie sie ist.«

Langsam gingen ihr die Argumente aus. Schließlich wurden wir handelseinig. Die Miete hatte sich zwar auf wundersame Weise erhöht und war rückwirkend von Monatsanfang zu zahlen. Die Renovierung oblag nun meiner Verantwortung (»spätestens bei Auszug!«), von »diversen« Wohnungsschlüsseln waren alle außer diesem »noch unterwegs«, aber der Mietvertrag, der würde bereits am nächsten Tag unterschrieben, gesetzt den Fall, ich legte bis dahin eine Verdienstbescheinigung vor.

Wir besiegelten den Deal mit einem Handschlag, dankbar drückte ich Frau Puvogels Finger, ölige, duftende, gut abgehangene Würste.

»Gebäck haben Sie nicht?«, fragte sie, schon halb aus der Tür.

Ich erschrak. War es hier üblich, zur Schlüsselübergabe Gebäck zu reichen? »Nein …«, sagte ich furchtsam. Würde sie mir den Schlüssel nun wieder wegnehmen?

»Nanü …?« Frau Puvogel blickte streng auf meinen kleinen Rucksack.

Dann war sie weg, und ich blieb allein zurück. Ich zog meinen »Kalender großer Persönlichkeiten« hervor und machte einen Kringel um den Tag. Ein guter Tag. Philip Roth, Bruce Willis und Wyatt Earp hatten heute Geburtstag. Und ich erlebte eine Neugeburt. Als ich mich anschickte, meinen Rucksack auszupacken, ging mir auf, dass Frau Puvogel nicht nach Gebäck, sondern nach Gepäck gefragt hatte, und ich lachte laut. Ich lachte Tränen, und der Wind trug mein Lachen fort, vielleicht bis Dingenskirchen, vielleicht sogar bis nach Grimmelshausen. Mutter hatte mich niemals so laut lachen gehört. Und die arme Frau Puvogel! Sie dachte nun vermutlich, ich sei ein Sträfling auf der Flucht –

DER SCHWARZE BUNKER

Rizz zu meinen Füßen, das Lichtermeer vor Augen, mein Gott, Herr im Himmel, ich war wie im Rausch. Ich trat auf den Balkon. Mutter hatte immer gesagt, ich steckte mit dem Kopf in den Wolken. Jetzt würde ich wirklich und wahrhaftig den Kopf in die Wolken stecken können. Ich fühlte mich wie der erste Mann auf dem Mond. Dabei war Rizz nur ein hässlicher Verkehrsknotenpunkt, der vom Glanz vergangener Tage zehrte. Berühmte Komponisten hatten hier komponiert, berühmte Gelehrte gelehrt, berühmte Dichter gedichtet. Aber das war lange her. Egal. Nun gehörte es mir. Meine Lungen füllten sich mit eiskalter Luft. Das laute Lachen hatte mich gelockert.

»I am the king of the world!«, schrie ich gegen den Wind wie Leonardo DiCaprio in »Titanic«. Es war ein Geburtsschrei.

»Hallo King«, rief es spöttisch zurück. Ich sah ertappt zur Seite. Neben mir, auf dem Nachbarbalkon, stand ein Mann. Er war in meinem Alter, vielleicht etwas älter, trug ein kurzärmeliges T-Shirt, als sei Hochsommer. Er hatte lange Koteletten und eine 50er-Jahre-Haartolle. Seine Figur war kräftig, sein Gesicht pausbäckig. An seinen Schläfen klebten Formationen von Strass, seine Arme waren muskulös wie die von Popeye.

»Oh, guten Tag«, stammelte ich, aus der Illusion totaler Privatheit aufgeschreckt, »ich hab Sie gar nicht gesehen!«

»Hab ich gesehen, dass du mich nicht gesehen hast.« Er zog einen schweren Ring vom Finger und streckte die nackte Hand über die Brüstung. »Ich heiße David«, sagte er. »Willkommen im Leuchtturm!«

Ich schüttelte die dargebotene Hand. Sie war warm und feucht.

»Ich heiße Michael! Auf gute Nachbarschaft!«

Duzten wir uns nun? Ich war diese Art der Ansprache nicht gewohnt. Wir schauten stumm hinunter, David schien überhaupt nicht zu frieren.

»Was ist denn das für ein Gebäude dort?« Ich zeigte auf einen schwarzen Kasten.

»Das ist der Ort, wo wir nicht hinwollen, wir Freiheitsliebenden. Die Justizvollzugsanstalt. Der Schwarze Bunker.«

»Das ist der Schwarze Bunker? Das ausbruchssicherste Gefängnis des Landes? Ich hab davon gehört.«

»Ja, genau«, sagte David, »die Titanic war auch unsinkbar.«

Schweigend blickten wir beide auf den Schwarzen Bunker.

»Man sieht sich, King Michael«, sagte David, grinste, richtete den Zeigefinger wie eine Pistole auf mich, führte ihn dann zum Mund, pustete drauf und verschwand.

Vor nur vier Stunden war ich angekommen, und jetzt hatte ich schon eine Wohnung und einen Nachbarn. Überdies war Frau Puvogel in mein Leben getreten. Sie löste nahtlos meine Mutter ab, ohne die ich bisher keinen einzigen Tag verbracht hatte. Unfassbar. Kaum hatte ich die eine Mutter abgeschüttelt, tat sich eine neue auf. So unähnlich sich die beiden Frauen auch waren, Mutter die strenge, nach einem Ernteunfall humpelnde Offizierstochter, Frau Puvogel die dralle, schlüpfrige Bürgersfrau – fast schienen sie mir Allegorien auf Grimmelshausen und Rizz zu sein.

Für Mutter wäre das ein Desaster, diese spielerische Austauschbarkeit ihrer Person, genauso wie für sie mein Aufbruch ein Desaster war, aber für mich war es tröstlich. Während ich Mutters Bohneneintopf kalt aus der Tupperdose löffelte, inspizierte ich mein neues Reich. Küche, Flur und Bad waren winzig. Das einzige Zimmer war geschätzte 30 Quadratmeter groß, auf dem Tisch stand eine Vase mit vertrockneten Rosen. Die Wände waren kahl, der Fernseher stand auf dem Boden. Der wuchtige alte Schrank reichte bis zur Decke und war verschlossen. Ich blieb minutenlang davor stehen, neugierig wie ein Affe. Tingeltangel. Ich sagte das Wort halblaut vor mich hin, schüttelte dann den Kopf und rief laut: »Nein, nein!« Das tat man nicht. Das ging mich nichts an.

Wir Freiheitsliebenden, hatte David gesagt. Woher wusste er, dass meine Freiheitsliebe über meine Mutterliebe gesiegt hatte? Oder hatte er gar nicht mich gemeint, sondern alle, die waren wie er und seinesgleichen? Ich zog meinen Schlafanzug aus dem Rucksack und legte ihn ausgebreitet aufs Bett: das Oberteil, daneben die Hose. Dann trat ich wieder hinaus auf den Balkon und holte tief Luft, berauscht von der Höhe, vom Licht, von meinem eigenen Abenteuer. Der Wind hatte sich gelegt. Große Schneeflocken tanzten und schmolzen auf meinem Gesicht, als wollten sie mich streicheln. Ich beugte mich vorsichtig über die Brüstung und studierte Davids Balkon. Er sah auf schräge Art behaglich aus. Der Boden war mit Kunstrasen ausgelegt. Ein Gartenstuhl stand dort und Topfpflanzen aus Kunststoff – alles mit Schnee bedeckt. Davids Balkon war wohnlicher als die Wohnung der Bestsellerautorin. Seine Fenster waren dunkel, er war wohl ausgegangen.

Mein Balkon war gänzlich unbewohnt. In der Ecke standen leere Flaschen. Halt, in einer war noch was drin. Moët & Chandon, halbvoll und verkorkt. Ich hatte erst einmal im Leben Champagner getrunken, vor einem halben Jahr zu Mutters fünfzigstem, und war enttäuscht gewesen von der Gammeligkeit des Geschmacks. Als ich nach der Flasche griff, fiel sie mir entgegen. Das Glas war in der Eiseskälte zersprungen, der Inhalt stand nun gefroren vor mir. Ich griff nach dem Eiskegel und leckte und knabberte daran. Es schmeckte säuerlichherb und prickelte auf der Zunge. Das war der Champagner der Bestsellerautorin, sie hatte ihn nicht mehr trinken können. Beide hatten den Zustand geändert, der Champagner und die Autorin. So war das Leben: Sie war tot, und ich lebte. Ich biss ein Stück vom Eis ab, noch eins und noch eins, es schmeckte! Ich rülpste herzhaft, denn Mutter war nicht hier, um mich zu ermahnen.

Mutter! Sie hatte mir jeden möglichen Stein in den Weg gelegt, um mein Flüggewerden zu verhindern. Warum hinaus in die Welt? Sie brauche mich doch, vor allem jetzt, nach Vaters Tod. Ihr Beinleiden, wie sollte sie ohne mich zurechtkommen? Ich könne doch ebenso gut zu Hause einen Beruf ergreifen! Festangestellter Redakteur beim Grimmelshausener Anzeiger etwa, oder Medizin studieren, dann zurückkommen und die Praxis von Doktor Wogenstein übernehmen. Speziell Rizz schien Mutter ein rotes Tuch. Auch meine Idee, unter die Fittiche von Big Ben zu kriechen, erweckte ihr ungezügeltes Missfallen. Aber seit ich im Grimmelshausener Anzeiger die Annonce gelesen hatte: »Mittagskurier sucht Reporter und Redakteure mit einschlägiger Berufserfahrung«, gab es für mich kein Halten mehr.

Eines Nachts, als Mutter im Fernsehsessel eingeschlafen war, schlich ich mich in ihr Schlafzimmer, entnahm dem bordeauxfarbenen Samtsäckchen unter ihrer Matratze 1000 Euro in Fünfzigern, füllte die Reste ihres köstlichem Bohneneintopfs in eine Tupperdose, griff nach meinem bereits gepackten Rucksack und lief zum Nachtzug nach Rizz.

Beim Gedanken an meine abenteuerliche Flucht war ich beschwingt, leichtfüßig, voller Übermut. Fast hätte ich Mutter angerufen. Der Champagner war in mir geschmolzen und prickelte durch meine Gefäße, ich war so angetan von dem Gefühl, dass ich mir vornahm, Alkohol zum festen Bestandteil meines neuen Lebens zu machen.

FRISCH RASIERT UND FERN DER HEIMAT

Ich schlief traumlos im duftenden weißen Bettzeug der Müllerin und wachte mit einem Kater auf. Es war, als hätte mich meine Reise, obwohl Grimmelshausen nur 600 Kilometer entfernt war, in eine Art Jetlag versetzt. Alles fremd, alles neu, ich ganz allein, und dann diese Aufregung. Ich richtete mich auf, nieste dreimal und tastete nach meinem blauen Fläschchen mit den Augentropfen. Eins von Mutters Argumenten war gewesen, dass ich an einem »allergetisch nicht überschaubaren Ort« wie Rizz zwangsläufig vor die Hunde gehen musste.

Aber was! Ich lag 80 Meter über der Stadt, im Bett einer Toten, ein angehender Journalist, der sich einen Namen machen, der es zweifelsfrei zu großem Erfolg bringen würde. Ich war hellwach, während es draußen noch finster war. Die Heizung gurgelte. Der Wind pfiff durch die Fenster. Die leeren Wände schauten mich aufmunternd an. Im Bad stand noch die Zahnbürste der Vormieterin in einem Glas. Ich verspürte das Verlangen, mir damit die Zähne zu putzen, rang mit mir und tat es schließlich. Die Bürste war neulich noch in ihrem Mund gewesen, jetzt war sie in meinem. Von Rot nach Weiß, hörte ich Mutter sagen. Rot wie Blut, weiß wie Schnee.

Ich rasierte mich, kämmte mir Brillantine ins Haar, zog ein himmelblaues Hemd an, griff nach dem frisch gereinigten schwarzen Anzug, den mir Mutter für Vaters Beerdigung gekauft hatte, verletzte mir beim Entfernen der angetackerten Reinigungsmarke den Finger, kämpfte mit einer Ohnmacht, suchte die rote Krawatte heraus und band den miserabelsten Windsorknoten meines Lebens.

Kassensturz: Von den 1000 Euro, die ich Mutter entwendet hatte, waren 300 für Frau Puvogel draufgegangen, weitere 200 für Fahrkarte und Taxi. Ich musste sparsamer sein. Oder bald einen Auftrag an Land ziehen. Mein Computer empfing, wie erwartet, kein offenes Netz. Ich schrieb eine To-do-Liste: Big Ben, Mietvertrag, Reinigung/Waschsalon, Internet.

Punkt 8 Uhr schloss ich, meine Tasche geschultert, die Wohnungstür, suchte nach dem Schild »Fluchtweg« und lief die Treppen hinab, um mein Haus in Besitz zu nehmen. Eine Treppe bestand aus zehn Stufen, ein Stockwerk aus zwei Treppen. Ich lief also 400 Stufen hinab, zwei Stufen auf einmal, erst springend wie ein Fohlen, mit federnden Gelenken, dann merklich langsamer, schließlich schnaufend, immer öfter pausierend. Verschwitzt und kurz vorm Wadenkrampf kam ich unten an. Wie schlecht ich doch in Form war. So konnte ich Big Ben auf keinen Fall vor die Augen treten! Also mit dem Fahrstuhl gleich wieder hinauf. Im sechsten Stock, auf der Höhe, auf der Frau Puvogel über den Klimawandel geschimpft hatte, kam er zum Stehen. Eine junge Frau an Krücken stand da. Ihre Beine steckten steif in Gestellen wie in Baugerüsten. Sie setzte die Krücken in den Fahrstuhl und schwang mit einem routinierten Sprung beide Beine neben mich. Sie stand fest. Ich starrte sie an.

»Fahren Sie runter?«, fragte sie.

»Nein, hoch.«

Sie machte Anstalten, wieder hinauszuhüpfen, aber die Tür schloss sich bereits.

»Scheiße«, rief sie und rammte eine Krücke gegen die Fahrstuhltür.

Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Mein Mund schmeckte nach Seife. Mutter hatte mich früher immer gezwungen, meinen Mund mit Seife auszuspülen, wenn ich ein schmutziges Wort gesagt hatte. Inzwischen klappte der Pawlow'sche Reflex. Seifengeschmack im Mund, die Achseln verschwitzt, und das arme Krückenmädchen, das meinetwegen in die falsche Richtung fuhr. Das fing ja gut an!

»Tut mir leid«, sagte ich.

»Sie können doch nix dafür.«

»Ja. Stimmt. Verzeihung.«

Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu. Stumm vor Scham stieg ich aus. Zurück im Apartment, hätte ich mich am liebsten im Bett verkrochen. Aber wie sagte Mutter immer? »Man muss sich zwingen!« Ich wechselte das durchgeblutete Pflaster, tauschte das nassgeschwitzte Hemd gegen ein frisches, schüttelte die Angst aus dem Mantel, wickelte mich in den weinroten Schal, den Mutter mir zum 30. Geburtstag gestrickt hatte, und ging erneut los. Diesmal zog ich den Fahrstuhl vor, wenngleich von Bedenken geplagt, auf weitere Anwohner zu treffen. Es stieg niemand zu.

Die Morgenluft war kalt und klar. Kein Tier war zu hören, kein Baum war zu sehen. Das Tempo der Menschen und das Brüllen des Verkehrs umfingen und elektrisierten mich. Zu meiner Begeisterung sah ich unten im Leuchtturm ein Bistro, das als WLAN-Hotspot gekennzeichnet war.

Ich klapperte dennoch erst die benachbarten Straßen ab und fand tatsächlich ein Postamt, eine Schnellreinigung und einen Copyshop. Ich lief zurück zum Leuchtturm und betrat das halbleere Bistro, fuhr meinen Computer hoch, loggte mich ein und bestellte, nachdem ich diverse ausgefallene Macchiato- und Latte-Varianten studiert hatte, bei einem schnauzbärtigen Mann, der sich abwartend über den Tresen lehnte, einen »normalen Kaffee komplett«.

»Klarhabbisch«, sagte der Mann.

Laktosefreies Milchpulver, wie ich es zu Hause meiner Milchallergie wegen benutzte, hatte er nicht. Ich setzte mich an einen Fenstertisch, schlürfte den ungewohnt bitteren schwarzen Kaffee und checkte meine Mails, frisch rasiert und fern der Heimat. Ich hatte einige Antworten auf meine Partnerschaftsanzeige, die allerdings unter den neuen Umständen jeden Reiz verloren hatten.

In der anderen Ecke saßen drei wippende Jungs mit Matrosenhemden, Kajalaugen und Kopfhörern. Als ich den Stadtplan auspackte, um mir den Weg zum Mittagskurier einzuprägen, trat einer der Matrosen an meinen Tisch und zog seine Stöpsel aus den Ohren.

»Bist du neu in der Stadt?«

Ich nickte.

»Auf der Suche nach Abenteuern?«

Ich nickte. Er zwinkerte. Mir schoss das Blut ins Gesicht.

»Nein, danke«, murmelte ich. Er wendete sich ab und hielt in Richtung Nebentisch den Daumen runter. Die anderen Jungs lachten.

ZUCKERBROT UND PEITSCHE

Es war 9, als ich aus dem Leuchtturmbistro hinaustrat und mich auf den Weg machte. Menschen mit frostroten Wangen hasteten zur Arbeit. Jedem Entgegenkommenden nickte ich freundlich zu, wie ich es von Grimmelshausen her kannte, aber niemand nahm von mir Notiz. Ich schien außerdem der Einzige zu sein, der an der roten Ampel wartete. Alle anderen Passanten schlängelten sich mürrisch durch die fahrenden Autos, die Rizzer hupten wie die Italiener. An einer Straßenecke sah ich einen monströsen gelben Kran, fast so hoch wie mein Haus, und sechs Hunde zerrten einen überforderten Hundesitter an mir vorbei. Ich musste nur auf die Wachtürme des Schwarzen Bunkers zugehen, durch einen Park hindurch, in welchem Penner kampierten, dann scharf links Richtung Rizz-Nord an einer Plakatwand vorbei, auf der stand: »Rizz – die Stadt, in der es niemals Nacht wird«. Ich hatte mir alles genau auf dem Stadtplan angesehen, denn ich überließ nie etwas dem Zufall. Das Redaktionsgebäude war ein rekonstruierter Altbau am äußeren Rand des Stadtrings, nicht unpompös, mit großzügigem Eingangsbereich, in dem jeder Ankömmling weithin sichtbar war. Dem Pförtner, dem ich als Fußgänger entgegentrat, was mich offenbar verdächtig machte, legte ich den alten Brief von Big Ben vor, nannte meinen Namen und verlangte, mit dem Büro des Verlegers verbunden zu werden.

»Haben Sie einen Termin?«

»Ja!«

Er fragte mich nach meinem Namen, telefonierte unbewegten Gesichts und warf schließlich den Hörer auf die Gabel.

»Bedaure«, sagte er.

Ich sah ihn entgeistert an.

»Sie haben keinen Termin mit Dr. von Rube«, sagte er.

»Ich komme wegen der Annonce«, sagte ich leise und wühlte die Seite aus dem Grimmelshausener Anzeiger aus meiner Tasche, »Mittagskurier sucht Reporter und Redakteure mit einschlägiger Berufserfahrung.«

»Bitte bewerben Sie sich schriftlich«, sagte er und wandte sich ab.

Ich stand wie vom Donner gerührt. War denn alles aus, noch bevor es begann?

Als ich durch die Tür wieder hinaus auf den Hof trat, hörte ich einen vertrauten Donnerbass. Big Ben entstieg gerade einem Landrover, groß und bärenhaft, eine wuchtige Samtweste mit alten Posamentenknöpfen am Leib, einen Fellmantel darüber, ein Windspiel an der Leine. Glückes Geschick!

»Ja, der Michi«, rief er, als er mich erblickte, »schenial!«

Stumm vor Freude ergriff ich Big Bens große Hand und drückte sie.

»Das ist aber schön, dass du deinen alten Patenonkel mal besuchst«, sagte er, »ich sage das ab imo pectore – du hast das Latinum?«

»Nur das kleine«, murmelte ich.

Der dicke Mann wuchtete mir den Arm auf die Schultern und nahm mich mit ins Gebäude. Ich warf dem Pförtner einen triumphierenden Blickzu.

»Ich sage das aus der Tiefe meiner Brust«, übersetzte Big Ben schnaufend.

Wir fuhren acht Stockwerke bis ganz nach oben und landeten in einem kleinen vollverglasten Rondell, das, den architektonischen Moden des dritten Jahrtausends geschuldet, auf den Altbau aufgepfropft war.

»Naaa, Schönheit?«, rief Big Ben seiner Sekretärin zu.

»Guten Morgen, Herr Doktor«, sagte sie und errötete.

Big Ben warf den Fellmantel nach der Sekretärin – sie fing ihn auf, schwankend wie ein routinierter Torwart – und schob mich in sein Büro. Bald darauf saßen wir uns auf wulstigen rotbraunen Ledersesseln gegenüber, er hinterm Schreibtisch, ich davor, wie sich das gehört. In Big Bens Rücken, zwischen zwei Fenstern, hing ein ausgestopfter Greifvogel. Die Sekretärin, die stark an Lilo Pulver in Billy Wilders »Eins Zwei Drei« erinnerte, stöckelte herein, in der Hand ein Tablett mit dick geschmierten Buttersemmeln, einer Kanne Kakao und Geschirr. An dieser Stelle hätte ich eigentlich auf meine Milchallergie hinweisen müssen, aber das schien mir deplatziert.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, griff Big Ben unter den Schreibtisch, förderte eine Flasche Whisky zutage und goss einen gewaltigen Schwapp in meine dampfende Tasse, in seine nicht.

»Herrengedeck«, sagte er verschmitzt und schmauchte an seiner kalten Pfeife. Ein Hauch von Adenauer lag in der Luft. »Was sitzt du denn wie ein Affe auf dem Schleifstein? SO sitzt man im Sessel!« Er fläzte demonstrativ und hob die Tasse. »Bibe si bibis. Weißt du, was das heißt?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du hast aber nur das ganz kleine Latinum! Trink, wenn du trinkst! Proscht!«

Auch ich versuchte das Fläzen und erhob meine Tasse. Kakao und Whisky fraßen sich scharf und heiß in meine Gurgel.

»Soso«, sagte Big Ben und musterte mich ausgiebig.

»Ich soll liebe Grüße von Mutter ausrichten«, sagte ich.

Er nickte und fuhr sich versonnen durch den struppigen Bart. »Wie hat es Mona verkraftet?«

Es war seltsam, Mutters Vornamen aus seinem Mund zu höre Natürlich wusste ich, dass sie Ramona hieß, aber es verbot sich für einen Sohn von selbst, an seine Mutter als an eine Ramona zu denken, schon gar an eine Mona. Mona wie Mona Lisa. An solcherlei Vertraulichkeit konnte ich als Sohn nicht teilhaben, Whisky hin oder her.

Ich antwortete knapp und nippte zwischendurch an meiner Tasse. Die Buttersemmeln ließ ich aus. Mutter hatte mich gelehrt, bei Bewerbungsgesprächen nie zu essen. Sie hatte nicht erwähnt, ob man dabei Schnaps trinken dürfe, hier gab es also Gestaltungsspielraum. Der Tod meines Vaters lag bereits drei Monate zurück. Mutter gehe es den Umständen entsprechend gut, sagte ich. Big Ben nickte und schaute in die Ferne. Er war ein Jugendfreund von Mutter gewesen. Nichts Genaues wusste man.

»Was macht das Medizinstudium?«

Mir wurde warm. Ich betrachtete meine Hände und blieb an dem verletzten Finger hängen.

»Ich kann kein Blut sehen.«

»Aha«, sagte Big Ben, »soso, also kein Medizinstudium.«

»Ich möchte lieber Journalist werden. Und ihr sucht ja welche. Kannst du mir helfen?«

Ich zog die Annonce aus der Jackentasche und hielt sie hoch. Das war die Stelle meiner Phantasie gewesen, an der Big Ben begeistert aufsprang und mich an die Brust drückte. Doch das Gegenteil war der Fall. Hart stellte er seine Tasse auf. »Du Dreikäsehoch«, rief er, »du Grünschnabel, bist noch nicht trocken hinter den Ohren, hast noch kein Haar am Sack.«

Haar am Sack? Das war vulgär.

»Kannst du nicht lesen? Wir suchen Reporter und Redakteure MIT EINSCHLÄGIGER BERUFSERFAHRUNG. Was hast du denn schon auf die Beine gestellt in deinem Leben? Weißt du, was Arbeit ist, du Milchgesicht? Der Mensch, der Erfolg will, ist ein Animal laborans, ein Arbeitstier, kein Hans Guckindieluft wie du! Ich soll dir helfen? Was hast du getan, um dir meine Hilfe zu verdienen?«

Ich griff nun doch nach einer Buttersemmel und hielt sie mir vors Gesicht, weil Big Ben meine Enttäuschung nicht sehen sollte. Musste man sich die Hilfe seines Patenonkels verdienen? Ich dachte an die einzige Pressekonferenz meines Lebens, in Sternburg, George Clooney. Ich hatte mir die Akkreditierung eines vergrippten Kollegen geschnappt, um den Weltstar aus der Nähe zu sehen. Um meine Schüchternheit zu überwinden, hatte ich mir eine komplizierte Frage ausgedacht, die sich um seine Wahlunterstützung für Barack Obama drehte. Ich war einer Ohnmacht nahe, als ich mich schließlich meldete. Ich war der einzige Journalist gewesen, der auf Deutsch fragte, weswegen Clooney und sein Stab extra die Simultanknöpfe in die Ohren fummeln mussten. Nie vergesse ich Clooneys Blick, als ich stammelte und stammelte und nicht zum Ende kam. Come on, you fucking Kraut! Das war Vergangenheit. Nun fing die Zukunft an. Das hatte ich zumindest bis eben gedacht.

Big Ben schimpfte immer noch. Er selbst habe mit 16 als Zeitungsjunge begonnen, in Sternburg und sich dann langsam hochgearbeitet, erst in der Druckerei in Ratzenhausen, später als Redaktionsassistent bei seinem Vorvorgänger, dann als Reporter, schließlich als Ressortleiter usw.

»Ich mag keine Schmarotzerei – womöglich willst du jetzt auch gleich bei mir einziehen?«

Er hatte ja recht. Ich war zweifelsfrei ein Milchgesicht, ein Grünschnabel, ein Dreikäsehoch. Ich hatte bisher nichts in meinem Leben auf die Beine gestellt, überhaupt nichts. Gut, Schule, Abitur, Computerkurs, Praktikum in der Redaktion des Grimmelshausener Anzeigers, dann über Jahre vereinzelte Einsätze als Lokalreporter bei Feuerwehrfesten, Schützenvereinsfeiern und Eröffungspartys von Bankfilialen. Aber was war das für eine Bilanz? Ich war schon 33 Jahre alt. Immer kleiner wurde ich in Big Bens Ledersessel. Wie ein Kartenhaus zerfiel mein Traum von Ruhm und schönen Frauen. Ganz in der Ferne hörte ich Mutters sprödes Lachen.

»Aber – eine Wohnung habe ich schon, im Leuchtturm, ganz oben«, sagte ich kleinlaut. »Und deinen Brief, erinnerst du dich noch an deinen Brief?«

Ich zog den Brief aus meiner Tasche und las mit Pathos die Stelle vor, von der ich mir seit Jahren so viel versprach: »Wenn du mal Hilfe brauchst, Junge, ich bin immer für dich da! Dein alter Patenonkel Benedikt.«

Big Ben schien plötzlich besänftigt, seine Stimmung schlug merklich um. Vielleicht war es der Brief, vielleicht hatte ihn Mitleid mit mir ergriffen. Seine Haltung entspannte sich, und ich nahm dies, beflügelt vom Alkohol, zum Anlass, mich erstmals zu »verkaufen«. Ich schob ein wohlwollendes Zeugnis vom Chefredakteur des Grimmelshausener Anzeigers über den Tisch, in dem mir Fleiß, Pünktlichkeit und Phantasie bescheinigt wurden, sowie Kopien meiner besten Artikel.

Big Ben nickte, schien aber nicht bei der Sache.

»Du wohnst im Tuntentower?«, fragte er.

Seine Stimme dröhnte von tief drinnen heraus. Er war nicht nur groß, er war ein Herr. Baltischer Adel. Vollwaise, Selfmademan. Mutter sprach immer untadelig von Big Ben. Er sei ein Mensch von Prinzipien, jemand, auf den man sich verlassen könne, der »besser als gut« sei, er habe sich nie gebunden und lebe wie ein Mönch. War das besser als gut?

Ich zeigte aus dem Fenster hinaus auf den Leuchtturm, der von der weißen Wintersonne vorteilhaft angestrahlt wurde. Er sah wunderschön aus.

»Dort wohne ich. Aber ist das der Tunten...?«

»Ja, das Hochhaus dort, in dem die Schwulen wohnen.«

»Ich wusste gar nicht ...«

»Kennste den? Stehen zwei Schwule im Aufzug. Sagt der eine: ›Ich könnt jetzt 'ne Fliege ficken.‹ Sagt der andere: ›Bsssssssssssssss.‹«

Ich verstand nicht, lachte aber trotzdem. Bilder schossen mir durch den Kopf. Enge Jeans. Kajalaugen. Matrosenhemden. Hoffentlich dachte Big Ben jetzt nicht auch, ich sei – so.

»Ich habe die Wohnung einer kürzlich verstorbenen Autorin gemietet. Das heißt, ich hab sie noch nicht gemietet. Heute kann ich den Mietvertrag unterschreiben, aber dafür muss ich eine Verdienstbescheinigung vorlegen. Ich wollte dich fragen, ob ...«

»Ach! Etwa die Wohnung von Felicitas Müller? Glückwunsch, da hast du ja eine grandiose Aussicht!«, sagte Big Ben. »Die tote Dame ist schenial. Sie schenkt uns seit einer Woche Titelgeschichten.«

Er schien plötzlich regelrecht gutgelaunt. So musste ein Medienfürst sein, väterlich und kaltschnäuzig zugleich. Eine scheniale Tote. Vom verlegerischen Standpunkt aus – warum auch nicht?

»Eine gute Geschichte beginnt mit einer Leiche«, sagte Big Ben. Der ausgestopfte Greifvogel hinter ihm sah nun aus, als säße er auf Big Bens Schulter. Er erinnerte an das berühmte Foto von Alfred Hitchcock mit dem Raben auf der Schulter. Von dem hätte dieser Satz auch stammen können. Oder stammte er von ihm? Eine gute Geschichte beginnt mit einer Leiche. Big Ben griff in einen Stapel Zeitungen und hielt sie nacheinander hoch.

Klobige schwarze Großbuchstaben sprangen mir entgegen. »Liebestod in Dingenskirchen?« (die Schlagzeile kannte ich schon) – »So schön, so tot« – »Erfolgsproduzent Müller schwebt in Lebensgefahr« – »Erfolgsproduzent Müller – Er kommt durch!« – »Müller und Müller in Dingenskirchen – war da ein Dritter im Spiel?« – »Die Rote Müllerin – wer erbt?«

»Darf ich die haben?«, fragte ich.

Big Ben strich sich schweigend über den Bart. Ich betrachtete seinen großen goldenen Siegelring. Ich wagte nicht, die Zeitungen zu mir herüberzuziehen, geschweige denn darin zu blättern, ich wagte nicht, zu sprechen, ich wagte nicht einmal, zu atmen. Ich sah nach unten und erblickte zum ersten Mal den Erfolgsproduzenten Müller. Den Mann mit den Orgien. Den Mann mit dem »Rauschgift«. Den Liebhaber der Roten Müllerin. Er hatte ein pockennarbiges Löwengesicht, umrahmt von einer Beethovenmähne, und er lächelte vom Tisch aufwärts, als wolle er zubeißen. Mich schauderte im Kraftfeld zweier Männer, denen ich nicht im Geringsten den Whisky reichen konnte.

»Warte, du bringst mich da auf eine Idee«, sagte Big Ben. »Ich schreib dir eine Verdienstbescheinigung über, sagen wir, 1000 Euro im Monat, begrenzt auf ein Jahr, wir machen dir ein Papier, damit du den Mietvertrag kriegst, und das ist deine erste Geschichte.«

»Meine erste Geschichte?«

Ich rückte mich zurecht, wobei der Ledersessel furzte. Verlegen lachte ich auf. Big Ben hatte nichts gemerkt. Ich biss herzhaft in die Buttersemmel. 1000 Euro waren eine ungeheure Summe für mich. Von Mutter hatte ich monatlich ein Zehntel davon als Taschengeld erhalten, ich hatte ja auch quasi nichts gebraucht.

»Wir bringen morgen und übermorgen noch mal was dazu, aber dann ist die Sache ausgelutscht. Deine Geschichte, Junge, ist eher was Langfristiges: Wie war es wirklich? Nimm dir Zeit, mach kräftig Spesen, rapportiere nur mir, und zwar täglich, hörst du? Es könnte ein Mehrteiler werden. Du weißt, das ist eine Chance, die ein Reporter nicht alle Tage kriegt. Da fällt dir eine große Geschichte in den Schoß!«

Unter der Wucht der großen Geschichte, die mir in den Schoß fiel, verschwand ich komplett in Big Bens Ledersessel. Der sagte: »Dictum, factum«, und sah auf die Uhr. Die Audienz war beendet.

TUNTENTOWER

Ein explosionsartiger Durchfall tobte in meinen Eingeweiden, knapp schaffte ich es auf Big Bens marmorgekacheltes Klo. Die Milch. Ich hätte die Milch nicht trinken sollen. Andererseits: Mein erster Auftrag! Erst ein Donnerwetter, dann der helle Blitz! Dafür konnte auf der Verdauungsebene ein Opfer gebracht werden. Noch auf dem Heimweg, die Verdienstbescheinigung in der steifgefrorenen Hand, rief ich Frau Puvogel an. Wann der Mietvertrag unterzeichnet werden könne. Sie diktierte mir die Nummer eines Kontos, auf das die Kaution überwiesen werden solle. Die nächste Stunde verbrachte ich mit der Suche nach einer ökologischen Bank, bei der ich ein Bankkonto eröffnen konnte, auf das ich meine verbliebenen 500 Euro in einem Handstreich einzahlen und Frau Puvogel als Kaution überweisen würde. Für die Transaktion ließ ich mir einen Beleg ausdrucken.

Nun war das Geld perdu, der halbe Tag vergangen und ich wie zerschlagen. Big Bens Herrengedeck machte mir Sodbrennen, ich war an regelmäßiges Essen gewöhnt und hatte Hunger, Durst und nur noch Kleingeld in der Hosentasche. Kräftig Spesen machen sollte ich, aber wovon? Ich beschloss, auf einen Kaffee ins Leuchtturmbistro zu gehen, aber die Klinke gab nicht nach. Drinnen war alles dunkel. War das Bistro etwa innerhalb von Stunden pleite gegangen? Ich hatte Mutter oft von der Schnelllebigkeit der Großstadt reden hören, von den Pleiten und Neueröffnungen und Pleiten und Neueröffnungen, während zu Hause in Grimmelshausen im »Café Lohmeyer« schon Generationen konditerten und noch Generationen konditern würden. Plötzlich sah ich eine Gestalt, die sich im Innern des Raums bewegte. Es war der schnauzbärtige Mann. Ich klopfte an die Tür. Er öffnete, eine Kiste in der Hand.

»Inne-Venne-Tur!«

»Ich wollte nur – einen Kaffee?«

»Klarhabbisch«, sagte er und ließ mich ein.

Der Kaffee war lauwarm, und laktosefreies Milchpulver gab es auch diesmal nicht. Klarhabbisch war dabei, in der Ecke eine kleine Lebensmitteltheke einzurichten. Die Erlaubnis habe ihm die Vermieterin erst gestern gegeben, sagte er. Nachdem er seine Ehefrau mitgebracht und überdies bei Allah geschworen habe, nicht schwul zu sein.

»Stellen Sie sich vor, ich hab gestern hier eine Wohnung gemietet, und sie hat mich dasselbe gefragt«, rief ich aus.

»Und – bisse du schwull?«, fragte Klarhabbisch.

»Aber nein«, sagte ich.

»Bei Allah?«, fragte er.

»Bei Allah!«

»Klarrisch auch nicht«, sagte er. Aber es gebe jede Menge Schwulle im Haus. Und jede Menge schwulle Stammgäste im Bistro. Der Modedesigner schare eine Meute von »Bübschn« um sich, die nicht nur als Modelle für seine Matrosenhemden dienten.

Mit nunmehr kaltem Kaffee, den ich zu meiner Erleichterung nicht bezahlen musste, stießen Klarhabbisch und ich auf unsere sexuelle Orientierung an. Ich half ihm, Gewürze, Fladenbrot und Tee in die Regale zu räumen und empfahl mich, um noch vor Büroschluss meinen Mietvertrag zu kriegen.

Als ich aber bei »Puvogel« klingelte und der Summer ertönte, öffnete mir im Parterre ein Hermann-van-Veen-Typ mit gefärbtem Haarkranz, der abweisend war und angab, mit Frau Puvogel nicht verwandt oder verschwägert zu sein, ja, diese nicht einmal zu kennen. Von mir darauf hingewiesen, dass Frau Puvogel die Besitzerin des Hauses sei und er sie demnach kennen müsse, rief er schnippisch: »Wer's glaubt!«, und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

Nach einigem Herumirren fand ich in der ersten Etage das Büro von Frau Puvogel, Moschus und Costa Cordalis schwappten heraus, als sie mir die Tür öffnete. Sie krakeelte, als sei ich ihr verschollen geglaubter Bruder. Ich lobte ihr giftgrünes Kostüm, sie meine blutrote Krawatte. Ich erzählte ihr von meiner Begegnung mit ihrem Namensvetter. Sie winkte ab, das sei ihr Exmann, ein altes Scheusal. Dann nahm sie meine Bescheinigung entgegen, war begeistert darüber, dass ich beim Mittagskurier arbeitete (»Meine Liepplingszeitung!«), und legte mir den Mietvertrag zur Unterschrift vor.

Aber dann! Ich Tor! Musste ich wirklich an dieser Stelle nach dem Tuntentower fragen? Frau Puvogels Gesicht verdunkelte sich, sie schnappte nach Luft und zog die losen Blätter wieder weg. Dieser Schmähname betrübe sie zutiefst, stieß sie hervor. Sie sei einer schräcklichen Verschwörung zum Opfer gefallen. Der von einem Mieter, einem Modefuzzi, empfohlene Verwalter habe jahrelang Apartments ausschließlich an »warme Brüder« vermietet. Den Modefuzzi hätte ich schon kennengelernt? In seinem Atelier gingen »die Schwulen« ein und aus.

»Die jungen Männer im Matrosenhemd?«

»Genau die.«

Ich zog es vor, zu schweigen. Ihr selbst sei das mit dem Tuntentower erst vor wenigen Wochen zur Kenntnis gekommen, klagte Frau Puvogel, worauf sie den Verwalter umgehend gefeuert hätte. Natürlich unter einem Vorwand. Sonst rücken heutzutage ja gleich Anti-Diskriminierungs-Kommandos an.

Die Frau war unberechenbar. Vielleicht war sie geisteskrank. Und was das Schlimmste war: Sie hatte meinen Mietvertrag noch nicht unterschrieben. Wiederum beteuerte ich, nicht homosexuell zu sein. Ich schwor sogar bei Mutters Leben. Meine Vermieterin rang mit sich, gewann nach und nach ihre gute Laune zurück und versteckte schließlich neckend den Mietvertrag hinter ihrem massigen Rücken. Ich haschte danach und verhielt mich, wie zu hoffen blieb, tadellos hetero. Frau Puvogel ließ mich schließlich den Mietvertrag unterschreiben, holte einen Sherry aus dem Schrank, der nach Hustensaft schmeckte, prostete mir zu und richtete Schnittchen an, Pumpernickelbrote in Sternform, die sie mit Lachscreme aus der Tube beschmierte und in deren Mitte sie jeweils ein welkes Radieschen drückte. Da Mutter zu sachlichen Broten neigte, fühlte ich mich von Frau Puvogels Lebensmittelverzierungen erst abgestoßen, doch dann verzehrte ich alles bis auf den letzten Krümel.

»Nanü, wohl hungrig?«, sagte Frau Puvogel und: »Jetzt kriegen sie was auf die Rippen, Sie armer, armer Junge!«

Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange, der sich anfühlte, als sei eine Zunge im Spiel. Ich zuckte leicht zurück, sagte jedoch nichts.

FRAU PUVOGEL
UND DIE SCHWULE WELT VERSCHWÖRUNG

Irene Puvogel kennt das Leben. Als sie jung war, lag es vor ihr in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Es lockte, es schmeichelte, sie hatte Flausen im Kopf, wie alle jungen Mädchen, vielleicht sogar größere. Doch dann hat das Leben sie enttäuscht. Und wie es sie enttäuscht hat. Sie hätte sie alle haben können, den Chef der Sparkasse, den Oberbürgermeister, den Apotheker, den Direktor der JVA, den Mercedes-Filialleiter, den Polizeichef, aber sie hat Erwin Puvogel gewählt. In seiner Gestalt hat das Leben sie enttäuscht. Für Erwin Puvogel hat Irene alles aufgegeben: ihre Jugend, ihre Freiheit, sogar ihren klangvollen Namen Claussen. Für Erwin Puvogel hat sie sich mit der mittleren Reife begnügt, von ihren Auslandsstudienplänen Abstand genommen, sich ins Immobiliengewerbe eingefuchst, für ihn hat sie Kredite unterzeichnet, Entbehrungen ertragen und Fußball geguckt, und das alles nur, weil man sich an einer Weggabelung falsch entscheidet.

Ach, ich arme Jungfer zart, hätt ich nur genommen den König Drosselbart! Die ersten Ehejahre sind ruhig verlaufen. Puvogel ist ein stiller, fast wortkarger Mann, häuslich, das ja, aber gar nicht sinnlich, und wenn doch, dann ohne jedes Geschick. Er hat sie nie – und das war ihre Phantasie von Leidenschaft – stürmisch entkleidet und nackt aufs Bett geworfen, so wie man es in den Arztromanen liest, die Frau Puvogel in ihrem Nachtkasten stapelt. Er legt vielmehr große Sorgfalt auf ordnungsgemäße Entkleidung, bevor er mit wohligem Seufzen in seinen zweiteiligen kleinkarierten Pyjama schlüpft, und wenn er ihn erst mal anhat, dann ist die Chance auf ehelichen Beischlaf vertan. Frau Puvogel muss mit Bedacht in die wenigen Sekunden hineinmanövrieren, die Herr Puvogel beim Zubettgehen nackt dasteht, sie muss die Initiative ergreifen und wird dann im Allgemeinen, denn eins muss man Herrn Puvogel lassen, höflich ist er, nicht abgewiesen. Zwanzig Jahre sind so verstrichen, Puvogels haben es zu einigem Wohlstand gebracht, sind aber kinderlos geblieben. Zum Trost hat Herr Puvogel seiner Frau ein Zierfischaquarium mit automatischer Fütterungsanlage geschenkt. Die Ehe ist so weit gediehen, dass man bedenkenlos auf die goldene Hochzeit zutreiben kann, es würde sich nichts mehr ändern, und Frau Puvogel hat ihre Sehnsucht in einen Bauchtanz- und einen Flamencokurs kanalisiert, da plötzlich legt Herr Puvogel ein seltsames Verhalten an den Tag. Er färbt seinen schütteren Haarkranz und trägt Röhrenjeans, obwohl seine Figur, wie übrigens auch ihre, für solche Moden mit den Jahren eher unbrauchbar geworden ist. Herr Puvogel kauft ohne jede Vorankündigung einen Hund, auch noch einen Pudel, mit dem er fortan abends regelmäßig spazieren geht. Seine Gassigänge werden immer länger, und eines Abends, als Frau Puvogel, die die Geschäfte ihres Mannes inzwischen fast vollständig allein führt, an einer zwielichtigen Bar in Ost-Rizz vorbeiläuft, sieht sie ihren Erwin mit einem anderen Mann poussieren. Er steht draußen an die Hauswand gelehnt, seine Haarfusseln leuchten im Schein der Laterne rotstichig, und ein junger Mann drängt sich nicht nur mit Vehemenz gegen ihn, sondern schiebt ihm zusätzlich das Knie in den Schritt. Der Pudel ist an einen Laternenpfahl angeleint und fängt an zu bellen, als er sein Frauchen sieht, das, bodenlos schockiert, nach Luft schnappend, auf kleinen semmelgelben Stiefeletten davonläuft, als habe es den Teufel gesehen.

Noch am selben Abend lässt sie das Schloss auswechseln, am nächsten Morgen sucht sie einen Scheidungsanwalt auf. Finanziell hat sich die Sache mehr als gelohnt, wenn auch der untreue Ehemann ein lebenslanges Wohnrecht im Leuchtturm einklagt, der nun ihr gehört, aber für einen Neuanfang ist es ja wohl zu spät. Dass Männer ihre Frauen verlassen, um sich jüngeren zuzuwenden, kommt in den besten Familien vor. Aber dass Erwin lieber schwul geworden ist, als weiter mit ihr zu leben, bis dass der Tod sie scheide, wie geschworen, das ist ein Vernichtungsschlag, von dem sich Irene Puvogel nie erholen soll. Sie wittert überall widernatürliche Neigungen, wirft Blicke wie Pfeile auf jeden allzu gepflegten Mann, ja, sie hasst Schwule so leidenschaftlich, dass sie am liebsten alle eigenhändig mit dem Küchenmesser kastrieren würde, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

GÖTTERLIEBLING

Tatkräftig war ich aufgebrochen, malade kam ich heim, drei Euro in der Tasche, einen brandneuen Mietvertrag, aber keine Mutter weit und breit, die meinen Schlafanzug bereitgelegt hatte. Sie hatte auch nicht angerufen. Keine Nachricht auf meiner Mailbox. Wie sehr ich sie vermisste! Und doch, keine zehn Pferde brächten mich zu ihr zurück. Mein Herz war schwer von Selbstmitleid. Alles hätte ich ertragen, Züchtigung, Zorn, ja sogar Hass, nur dieses Schweigen nicht. Frau Puvogels Lachscreme stieß mir bitter auf. Die fremde Wohnung beelendete mich. Ich leckte Mutters Suppenlöffel ab, an dem noch der Geschmack ihres köstlichen Bohneneintopfs hing. Wie ein Ausgestoßener kam ich mir vor, und es war mir zum Weinen zumute. Ich war ja immer behütet gewesen. Hatte ich Hunger, gab mir Mutter zu essen, hatte ich Durst, gab mir Mutter zu trinken, und war das Geld alle, dann holte Mutter neues unter ihrer Matratze hervor.

Kläglich saß ich auf dem Bett, neben mir einen Zahnputzbecher mit Leitungswasser, blätterte in den Zeitungen, die Big Ben mir über den Tisch geschoben hatte, und lauschte dem Gurgeln der Heizung. Am 13. März hatte der Mittagskurier »Liebestod in Dingenskirchen?« getitelt. Zwei Porträts prangten darunter. Der markante Schädel des Erfolgsproduzenten mit Alphatierlächeln. Daneben das von roten Locken umrahmte Gesicht Felicitas Müllers. Cartoonhaft schön wie Disneys Arielle. Grüne, gefährlich zweideutige Sphinxaugen, bleicher Teint, schwarze Brauen. Die Stirn war verdeckt von einem roten Haarbusch, einem zerzausten Pony. Der Mund knallrot geschminkt, die Haut Vampirhaut, weiß wie Schnee. Und doch kämpfte sie gegen die Lieblichkeit an. Mit dem herausfordernd roten Mund. Mit dem zerzausten Schopf. Die »Rote Müllerin« wurde sie genannt. Eine Frau, die ich gern gekannt hätte. Nackt hatte sie dem Postboten geöffnet. Splitternackt. Auf dem Foto neben ihr Müller, Multimillionär und mehrfacher internationaler Preisträger. Der seit einem Verkehrsunfall Gelähmte sei, stand da, für seine ausschweifenden Partys bekannt. Eine solche habe am Mittwoch in seiner Villa in Dingenskirchen stattgefunden. Am frühen Donnerstagmorgen habe die Haushälterin zwei leblose Körper im Bett des Produzenten entdeckt: den des Produzenten und den der Bestsellerautorin Felicitas Müller, Namensvetterin und häufige Begleiterin des Produzenten. Gefeiert worden sei der 30. Geburtstag Felicitas Müllers. Die junge Frau konnte nicht mehr gerettet werden, für Müller, der bald seinen 60. Geburtstag feiern würde, gäbe es laut Aussagen seines Leibarztes – in der Tat wurde vom Mittagskurier der königlich anmutende Titel eines Leibarztes vergeben – »eine realistische Überlebenschance«.

Ich entnahm meinem Necessaire – ein Geschenk von Mutter – einige Stecknadeln und eine Nagelschere, schnitt ungelenk den ersten Artikel aus und pinnte ihn an die kahle Wand. »So schön, so tot« war die Schlagzeile des Mittagskuriers vom 14. März. Da hing sie, die Rote Müllerin, Felicitas, ihr Name bedeutete Glück, Fruchtbarkeit, Seligkeit, so weit reichte mein Latein noch. Sie schaute sich, ironisch funkelnd und posthum, in ihrer Wohnung um.

Neben dem mir bereits bekannten Foto waren hier auch weitere abgedruckt. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass die Rote Müllerin ein schillerndes Mitglied der Rizzer Gesellschaft gewesen war. Auf den Partyfotos scharte sich alles um sie, was Rang und Namen hatte. Der Erfolgsproduzent Müller, aber auch der Oberbürgermeister, Schauspielerinnen, namhafte Dichter und Maler der Stadt sowie, hört, hört, Big Ben himself. Die Verbindung zwischen Müller und Müllerin war bekannt, wenn auch nicht offiziell. Im »So schön, so tot«-Artikel war von einer Vergiftung die Rede, der die Müllerin erlegen sei, und von Ermittlern, die sich diesbezüglich bedeckt hielten, um den Stand der Ermittlungen nicht zu gefährden.

Die Informationen machten mich schwindelig. Befangenheit war auch dabei. Immerhin saß ich vielleicht in der Wohnung einer Ermordeten. Ihr Atem war noch in der Luft. Und auch der Atem vieler Gäste: Krethi und Plethi, Big Ben – hatte er nicht die »grandiose Aussicht« erwähnt? – und nicht zuletzt Müller. Der Erfolgsproduzent wird doch sicher hiergewesen sein.

In derselben Ausgabe des Mittagskuriers, an etwas weniger prominenter Stelle, stand der Artikel »Produzent Müller schwebt in Lebensgefahr«, illustriert mit einem Foto, auf dem er wirkte, als hätte er nur spaßeshalber im Rollstuhl Platz genommen und würde sich gleich erheben. Er hatte über Gottfried Benn promoviert und mit Visconti gearbeitet. Beides flößte mir Respekt ein. Ein studierter Germanist und Filmwissenschaftler, ein Macher, ein Hochkaräter. Ein richtiger Kerl, wie Frau Puvogel es formulierte.

Der Artikel erwähnte den Autounfall vor 30 Jahren, durch den der Erfolgsproduzent querschnittsgelähmt sei, sowie eine erstaunliche Karriere, die ihm dennoch geglückt sei. Auf dem Foto hielt er einen hochhackigen Frauenschuh in der einen Hand, eine Champagnerflasche in der anderen, und lachte. Er strahlte wie ein Götterliebling. Aber wie konnte ein Gelähmter Freude haben? Ich dachte an das fluchende Krückenmädchen, das ich im Lift getroffen hatte. Hatte sie jemals Freude? Müller hatte ja immerhin eine Lebensleistung vorzuweisen. Der war jemand. Er hatte Filme produziert, deren Titel mir durchaus geläufig waren, einige davon hatte ich sogar zusammen mit Mutter im Kino gesehen.

Wie gern ich einen solchen Vater gehabt hätte! Er hätte mich mit zum Set genommen, mir junge Schauspielerinnen vorgestellt, mir überhaupt die Sache mit den Frauen erklärt. Vielleicht hätte er mir zum 18. Geburtstag einen Puffbesuch geschenkt wie die Mafiosi im Film. Wir hätten gemeinsam Champagner aus Stöckelschuhen getrunken. All diese männliche Energie, die plötzlich in meinem Leben war, Big Ben, Erfolgsproduzent Müller, Klarhabbisch, David. Von meinem Vater war nie sehr viel männliche Energie ausgegangen. Er war ein Duckmäuser gewesen, der Kissen bestickte. Mutter war der einzige Mann im Haus. Eine Flöte mein Vater, eine Pauke meine Mutter, das war die Besetzung in meinem Elternhaus, jedenfalls bis zu Vaters Tod. Die genetischen Sachen waren fifty-fifty. Von Mutter hatte ich die Weltsicht, von Vater die Allergien. Es war nicht er, es war sie gewesen, die mir die Welt gezeigt, die mir Grenzen gesetzt hatte. Alles, was ich wusste, wusste ich von ihr. Und alles, was ich nicht wusste, hatte sie mir vorenthalten.

Ich war nun bleiern müde und riss die Artikel »Erfolgsproduzent Müller – Er kommt durch!«, »Müller & Müller in Dingenskirchen – war ein Dritter im Spiel?« und »Die Rote Müllerin – wer erbt?« mehr oder weniger mechanisch heraus.

Nur der letzte Artikel erregte noch einmal meine Aufmerksamkeit. Er war mit einem Privatfoto der Roten Müllerin illustriert, was ihm etwas Inoffizielles verlieh. Sie stand zwischen zwei Frauen, denen sie mit den Fingern Hasenohren machte. Darunter stand: »Schwarz-Rot-Gold: Bestsellerautorin Felicitas Müller (Mitte) mit ihren besten Freundinnen Hanna (links) und Veronika«. Ich löschte das Licht und glitt in einen Traum, in dem Felicitas Müller eine nicht ganz jugendfreie Rolle spielte. Sie war nackt, nur mit meinem roten Strickschal und Pumps bekleidet, aus deren linkem ich später (»Naa, Schönheit?«) Champagner trinken würde. Den restlichen Champagner ließ sie an ihrem nackten Bein hinablaufen und steckte mir ihren Fuß in den Mund, wie es Salma Hayek in »From Dusk till Dawn« bei Quentin Tarantino macht.

Ich nuckelte also Champagner vom schlanken großen Zeh der Müllerin, so lange, bis ich erwachte und mich ins Bettzeug der Müllerin ergossen hatte. Verschämt, unter dem sibyllinischen Blick der an die Wand gepinnten Roten Müllerin, deren grüne Augen mich gewaltsam in ihren Kopf hineinziehen wollten, trug ich das Laken ins Bad, wusch es aus, ...

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