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Zukunft Sozialismus

Rüdiger Rauls

Zukunft Sozialismus

oder die Grenzen des Kapitalismus





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Entzauberung des Kapitalismus

Was Jahrzehnte lang richtig war und unumstößliches Gesetz, gerät ins Wanken. Die Fundamente alter Glaubensätze bekommen Risse, die alten Wahrheiten zeigen sich als das, was sie sind: alt. Sie sind überholt und stimmen nicht mehr überein mit der neuen Wirklichkeit der Globalisierung. Globalisierung ist nicht neu im Kapitalismus, nur in diesen Dimensionen hat es sie noch nicht gegeben. Es sind die negativen Begleiterscheinungen, die für die Menschen in den bisherigen kapitalistischen Hochburgen unbegreifbar sind, hatten sie doch bisher immer profitiert von Globalisierung als der Ausweitung der Produktion in immer neue Geschäftsfelder und immer neue und entlegenere Gegenden unseres Planeten.  Aber nun zum ersten Mal seit dem 2. WK beginnen sie, unter dem Kapitalismus zu leiden und ihn nicht mehr zu verstehen. Es geht nicht mehr nur aufwärts und schon gar nicht mehr für alle. Kapitalismus ist ganz anders geworden, als sie ihn bisher gekannt haben, er steckt voller Widersprüche. Widersprüche, für die es keine Erklärung zu geben scheint. Seine neuen Erscheinungsformen passen nicht in das Weltbild, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde von Unternehmern, Politkern, Wissenschaftlern, Medien und dem eigenen Wunschdenken: Lohnabbau, Entlassungen und Betriebsschließungen überall trotz übersprudelnder Gewinne der Unternehmen.

 Das alte Credo war, dass es dem einzelnen gut gehe, wenn es dem Unternehmen gut geht. Die alte Weisheit war, dass der, der viel leistet, auch viel verdient, und, wer mehr leistet, auch mehr verdient. Heute drückt ein Millionenheer von Arbeitslosen auf die Löhne und die, die noch Arbeit haben, müssen immer mehr und härter arbeiten für immer weniger Geld. Der alte Glaubensatz, dass ein jeder ein Recht auf Arbeit habe, gilt nicht mehr, und ebenso gilt nicht mehr, dass Arbeit finde, wer arbeiten wolle. Immer höhere Beiträge zu den Sozialkassen stehen Leistungen gegenüber, die ständig reduziert werden. Es ist nicht mehr so, dass der viel an Rente erhält, der auch viel eingezahlt hat. Die Rente ist nicht sicher, das ahnen viele trotz beruhigender Versicherungen der Politiker. Und keine neuen Arbeitsplätze, die die verlorengegangenen ersetzen könnten. So kannte man es doch aus den Boomzeiten, so war man es gewöhnt und hielt es für eine Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus: Immer mehr, immer besser, immer schneller, aber jedes Mal besser als vorher.

Auch in den Zeiten der Hochkonjunktur verschwanden Industriezweige, wurden in Billiglohnländer verlegt (Schuh- und Textilindustrie), Betriebe wurden geschlossen, weil sie unrentabel waren, Arbeitsplätze wurden abgebaut, weil sie durch Maschinen ersetzt wurden. Alles das ist nicht neu, und trotzdem klappt es nicht mehr so wie früher. Im Gegensatz zu früher entstehen jetzt nicht mehr genug neue Arbeitsplätze, neue Betriebe, neue Industrien. Was neu entsteht, ersetzt nicht, was an Altem vernichtet wird. Unter die Kuscheldecke der sozialen Marktwirtschaft fegt ein eisiger Wind. Es ist der Wind der Veränderung, und er trägt mit sich fort die Identifizierung der Bürger mit „ihrem“ Staat, mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System. Noch ist es nur die Soziale Marktwirtschaft, die sie innerlich begraben, nicht der Kapitalismus insgesamt. Aber soziale Marktwirtschaft ist nur eine besondere Ausprägung des Kapitalismus, es ist der Glaube an den dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Und bei allem sozialen Zierrat ist es nichts anderes gewesen all die Jahre als Kapitalismus.

Er hat den Leuten gefallen, der Kapitalismus mit sozialem Antlitz, mit Mitbestimmung und Vermögenswirksamen Leistungen, mit Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld und 13. und 14. Monatslohn und den alljährlichen und selbstverständlich erscheinenden Lohnsteigerungen. Sie hätten sich gerne in ihm eingerichtet und wären gerne mit ihm alt geworden. Das alles fegt er nun aus, der Kapitalismus, und fegt auch den sozialen Frieden hinweg. Aber warum das alles, warum konnte nicht alles bleiben, wie es war, wie es doch auch gut war, all die Jahre? Alle waren es doch zufrieden, all die Jahre. Warum tut sich der Kapitalismus das selbst an, ohne Not? Der Bejahung des Systems folgt der Zweifel am System. Noch ist es keine Ablehnung, nur Zweifel, kein Überdruss, kein Hass. Zweifel, Verwirrung, Verunsicherung, Angst darüber, wohin die Reise gehen soll. Ist, was wir jetzt erleben, erst der Anfang, kommt es noch schlimmer? Ist diese Reise nur ein beschwerlicher Ausflug mit gutem Ende oder entwickelt sie sich zu einem Horrortrip?

 Eines wird immer deutlicher: der Kapitalismus ist immer weniger in der Lage, die Lebensgrundlagen des Großteils der Bevölkerung zu gewährleisten. Immer mehr verfallen der Armut, dem Elend und der Hoffnungslosigkeit. Der Ausweg kann nicht die Vision eines einzelnen sein, eines „Gurus“ oder gar eines neuen Führers, der der Menschheit den Weg zeigt. Der Ausweg kann nur das Ergebnis eines Ringens um den richtigen Weg sein, an dem sich die gesamte Gesellschaft beteiligt, und kann nur beruhen auf breitem Einverständnis in der Gesellschaft. Dieser Prozess wird in den verschiedenen Regionen unterschiedlich sein. In Asien und Osteuropa nimmt der Kapitalismus jetzt erst richtig Fahrt auf, in Mitteleuropa und Nordamerika, seinen ehemaligen Hochburgen, verliert er an Überzeugungskraft. Noch gibt es keine klar erkennbaren Alternativen zur bestehenden kapitalistischen Gesellschaft, und doch sind viele mit der derzeitigen Situation unzufrieden und ahnen, dass das Leben für sie nicht besser werden wird. Kapitalismus ist nicht mehr der Nährboden für Visionen, immer weniger Menschen machen sich noch Illusionen über ihn, trauen ihm noch zu, wozu er früher einmal im Stande war, Hoffnung zu machen und Aussicht zu bieten auf ein besseres Leben; unter seiner goldenen Oberfläche schimmert seine wahren Substanz durch: Blech – Kanonenblech.

Aber auch ein Anderes wird immer deutlicher (werden): Der Kapitalismus ist nicht das Ende der menschlichen Gesellschaftsentwicklung. Auch wenn es im Moment noch unvorstellbar ist, so wird sich doch als Ergebnis des Niedergangs und des Zweifels die Erkenntnis herausbilden, dass es eine Alternative zum Kapitalismus geben muss, und diese Alternative wird eine nachkapitalistische, eine nichtkapitalistische Gesellschaft sein, eine Gesellschaft, die den Kapitalismus überwunden haben wird. Diese neue Gesellschaftsordnung wird ihn in die Geschichte drängen, auch wenn heute immer wieder der Eindruck in der Öffentlichkeit erweckt wird, dass es außer dem Kapitalismus keine andere Ordnung geben kann, als sei er das Endstadium menschlicher Entwicklung und gleichzeitig die höchste Entwicklungsform von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Was nährt diese Erkenntnis, oder ist es besser, von Hoffnung zu sprechen, von Aussicht auf ein Leben nach dem Kapitalismus? Ist es nur Ahnung, Spekulation, mutiger Griff in Dunkel-Ungewisses oder ist da Begründetes drin?

Es gibt zwei Anhaltspunkte, die die Vermutung einer nachfolgenden Gesellschaft näher an die Gewissheit rücken als an die Spekulation. Die Existenz einer nachkapitalistisch-nichtkapitalistischen Gesellschaft liegt für uns Heutige noch immer nur im Bereich der Wahrscheinlichkeit, des Vorstellbaren, also im Bereich dessen, was wahr zu werden scheint. Aber sie liegt andererseits bereits mehr im Bereich des Vorstellbaren und weniger im Bereich des Utopischen, also dessen, was denkbar ist, aber nicht wahrscheinlich, was nur Gedankengebäude bleiben wird ohne Chance auf Verwirklichung. Für diese Wahrscheinlichkeit spricht einerseits die Vergangenheit, das heißt die bisherige Entwicklung der Menschheit und ihrer Gesellschaften. Diese Vergangenheit hat bisher all die Gesellschaftssysteme in sich aufgenommen, die den Menschen, die in ihnen lebten, als unvergängliche schienen. So wie uns Heutigen erschien es den Damaligen unvorstellbar, dass nach dem Bestehenden noch eine Zukunft kommt, die nicht die Fortsetzung des bestehenden Gesellschaftssystems ist, sondern dass diese Zukunft in sich neue gesellschaftliche Ordnungen mit neuen Regeln und neuen Werten trägt. Und trotz dieser Unvorstellbarkeit der Damaligen ist das damals Bestehende untergegangen, versunken in der Geschichte.

Die urkommunistischen Stammesgesellschaften und die Sklavenhaltergesellschaft der Antike sind ebenso untergegangen wie der Feudalismus und all die anderen Systeme, die das Leben der Menschen geordnet haben. All das ist Vergangenheit, ist von der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften überholt worden, hat sich als zu eng erwiesen für das weitere Vorankommen der Menschheit. In dieser rückblickenden Erkenntnis liegt Aussicht und das strahlende Blau, der weite offene Horizont eines Sommerhimmels. Warum also sollte nicht auch der Kapitalismus - wie all die anderen gewesenen Gesellschaften auch - irgendwann zu den Gesellschaftsformen gehören, die die Menschheit hinter sich gelassen hat? Warum sollte die Geschichte gerade beim Kapitalismus eine Ausnahme machen, warum gerade ihn verschonen vor dem Untergang als Unabdingbarkeit menschheitsgesellschaftlicher Entwicklung? Auch wenn wir uns als Heutige das Wie dieser Nachfolgegesellschaft noch nicht vorstellen können, so heißt das aber nicht, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es solch eine andere Gesellschaft geben wird. So heißt das nicht, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es nach dieser derzeitigen Gesellschaft andere geben wird, die nach ganz anderen Regeln funktionieren werden, die ganz andere Werte leben werden und in denen das Verhältnis der Menschen zur Natur, zur Produktion und zur Menschheit selbst ein anderes sein wird, als es heute ist.

Neben diesem historischen Argument für eine aussichtsreiche Vorstellung von der Überwindung des Kapitalismus besteht noch zusätzliches Argument, das wirtschaftliche Argument: Die dem Kapitalismus innewohnenden Kräfte, die ihn zur Blüte getrieben haben, treiben ihn auch in den Ruin. Wenn auch vieles in der bisherigen menschheitsgesellschaftlichen Entwicklung dafür spricht, dass auch der Kapitalismus eines Tages eine überlebte und deshalb zurückgelassene Gesellschaftsform sein wird, und wenn auch der Kapitalismus durch seine eigenen Triebkräfte zu seinem Untergang selbst wesentlich beitragen wird, so bedeutet das aber nicht, dass alles von selbst laufen wird. Es reicht nicht aus, auf diesen Tag der Zeitenwende zu warten und zu glauben, eines Morgens in einer neuen Gesellschaft aufwachen zu können. Die Erneuerung der Gesellschaft geht nicht ohne das Zutun der Menschen selbst. Denn jede neue Gesellschaft ist nicht nur die Aufstellung einer neuen Ordnung mit neuen Regeln und Werten, sondern sie ist in erster Linie die neue Wohnung eines neuen Menschen. In ihr wohnt und lebt ein anderer als der, der in der alten Wohnung lebte. Er hat diese ja gerade deshalb verlassen, weil er sie als zu schäbig und eng gefunden hat. Sie hat ihn an seiner Entwicklung gehindert. Und in den engen Räumen der alten Gesellschaft hat er die Enge des Alten erfahren. In der Schäbigkeit hat er die Schäbigkeit des Alten erfahren. All das hat ihm gezeigt, wo er hin will und was er braucht. Und trotz aller Verschönerungsversuche der alten Behausung hat er immer wieder feststellen müssen, dass sie zu eng und zu schäbig ist, hat ihn zu Erkenntnis gebracht, dass er sich auf den Weg machen muss, eine neue Gesellschaft zu schaffen, eine neue freundlich-helle, geräumige, die es ihm ermöglicht, ein neues Leben zu führen. Aber all das geht nicht, ohne dass er selbst es ist, der die neue Gesellschaft entwirft und gestaltet, nach seinen Bedürfnissen und den neuen Anforderungen, die die Entwicklung und die Aufgabe der Menschwerdung stellen.

Der Kapitalismus hat die Produktivkräfte auf bisher nie gekannte Höhen getrieben. Noch nie war die Menschheit so reich gewesen. Noch nie waren Armut, Krankheit und Unwissenheit so überflüssig wie heute, Wissenschaft und Technik noch nie so hoch entwickelt. Das Gewinnstreben des Einzelnen als Triebfeder des Kapitalismus hat dazu geführt, dass die Bedürfnisse der gesamten Menschheit an Waren, Gesundheit und Bildung heute erfüllt werden könnten. Aber sie kommen nicht allen in gleichem Maße zugute. Das Gewinnstreben, das diese Fülle zustandegebracht hat, ist mittlerweile das Einzige geworden, was dem Kapitalismus als Motiv noch innewohnt und ihn für viele noch immer attraktiv macht. Nicht Bedürfnisbefriedigung ist sein Ziel sondern Rendite. Aber dieser Mechanismus ist nie deutlich geworden, so lange der Kapitalismus sich noch den Anschein geben konnte, dass die Bedürfnisbefriedigung der Menschen Grund des Wirtschaftens sei, und solange der Großteil der Bevölkerung an diesem Wachstum des Reichtums teilhaben konnte. Aber bei weiterem Wirtschaften in der bisherigen Dimension ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich durch den Treibhauseffekt die Erde so erwärmt haben wird, dass die Pole schmelzen und weite Teile der Erde im Meer versinken, wann durch den CO2-Ausstoss und Abholzung der Regenwälder die Vergiftung der Atemluft unumkehrbar geworden ist, wann durch die Zerstörung der Ozonschicht das Leben auf der Erde verbrennt. Diese rasante Entwicklung, die ja noch lange nicht an ihrem Endstadium angekommen ist, führt zu Erscheinungen, die den ganzen Globus bedrohen. Die Entdeckung der dem Atom innewohnenden Energie und ihre Entfesselung haben zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte dazu geführt, dass der Mensch über die Mittel verfügt, sich als Spezies selbst auszurotten und den Planeten zu vernichten. Hier liegt die Drohung seiner eigenen Vernichtung. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los, wenn er nicht rechtzeitig einlenkt, wenn es nicht gelingt, der Vernunft Vorrang zu geben vor dem Irrsinn und Chaos einer ungezügelten umweltvernichtenden Produktion, die keinem anderen Wert verpflichtet ist als dem Gewinnstreben des Individuums, der Rendite.

Die Alternative zu dieser Entwicklung ist nicht die Rückkehr in eine Gesellschaft der Armut und Unterentwicklung. Der Fortschritt ist nicht das Problem, auch nicht die Fülle und der Reichtum. Die zerstörerische Gefahr geht aus von dem Widerspruch, dass der gesellschaftliche Reichtum zwar von der gesamten Gesellschaft erarbeitet wird, die Verfügung über diesen Reichtum aber nicht der gesamten Gesellschaft unterliegt. Es ist nicht die Gesellschaft, die darüber entscheidet, was produziert wird, in welcher Menge und unter welchen Bedingungen für Mensch und Natur. Es wird nicht nach moralischen, gesellschaftlich aufgestellten Kriterien über die Produktion von Gütern entschieden, sondern nach den Renditevorstellungen der Investoren und Eigentümer der Produktionsmittel. Die Menschen, die in den Betrieben arbeiten, die in der Gesellschaft leben und ihre Leistungen für diese Gesellschaft erbringen, sie alle haben keinen Einfluss auf die Produktion dieser Gesellschaft. So lange das Gewinnstreben und die Renditeerwartungen der wenigen Einzelnen das gesellschaftliche Geschehen bestimmen, wird das Damoklesschwert der Barbarei oder des Untergangs über der Menschheit hängen. Erst wenn eine Gesellschaftsordnung sich durchgesetzt hat, die in allgemeiner Übereinstimmung Grundsätze festlegt für die Schaffung von allgemeiner Wohlfahrt, was bedeutet weltweite Beseitigung von Hunger und Armut, Bildungschancen für alle, Zugang zu Kultur und Erbauung, Förderung von Kreativität und Verehrung des Schönen, erst dann wird die Menschheit den nächsten Schritt tun zu ihrer wahren Bestimmung, der Menschwerdung. Was bedeutet, dass der Mensch dem Menschen ein Bruder sei, dass er frei sei von Hunger, Elend und Angst vor Untergang, dass der Umgang zwischen den Menschen bestimmt sei von Liebe und Verständnis und nicht mehr vom kalten Interesse und dem Kampf um den eigenen Vorteil und dass er in Achtung lebe vor der Natur.

Das klingt illusorisch angesichts der aktuellen Situation und scheint fernab von den tatsächlichen Prozessen und Entwicklungen, die eher in eine andere Richtung zu zeigen scheinen. Aber auch diese Disharmonie zwischen Wirklichkeit und Ausblick ist nicht neu, sondern das Spannungsfeld der Menschheitsentwicklung, aus dem neue Ordnung erwachsen ist.

Der Weg durch die Zeit

 

 

Die Macht der Worte

 

 

So wie heute die Vertreter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung deren Verschwinden in der Geschichte für undenkbar halten, so hielten auch alle Verfechter vorangegangener Ordnungen deren Verschwinden für undenkbar. Die Herrscher und Profiteure der antiken Sklavenhaltergesellschaft sind genauso verschwunden wie die Lehnsherrn des Mittelalters. Der Feudalismus mit seinen Leibeigenen (die schon keine Sklaven mehr waren) und seinen absolutistischen Herrschern ist beseitigt worden durch die Revolutionen der Bürger.

 

Sie gründeten die kapitalistische Ordnung, die sich über Jahrhunderte im Schoße des Feudalismus entwickelt hatte, gewachsen war und dann sich unter anderem in der französischen Revolution die politische Macht eroberte.

 

Mit der Pariser Kommune, der Oktoberrevolution und den Befreiungskriegen in China und Korea, Cuba, Südostasien und im südlichen Afrika zeigten sich mit den ersten sozialistischen Gesellschaftsgründungen erste Ansätze einer nachkapitalistischen Gesellschaftsordnung, die aber auf Grund der weltweiten Kräfteverhältnisse sich nicht als Alternative zum Kapitalismus durchsetzen konnten.

 

Alle diese Umwälzungen waren begleitet von einer Idee, einer Vision, die den Menschen einen Ausweg aus der Krise der aktuellen Gesellschaft zeigte und den Ausblick in eine neue; eine Vision, die sich mit ihren Bedürfnissen traf, mit einer Parole, die geformt war aus den Entbehrungen und Wünschen der Menschen, ihrer Verzweiflung und auch ihrer Hoffnung.

 

Dem christlichen „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“, folgte die Parole des Bürgertums „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Mit der Parole: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ meldete sich das Proletariat als geschichtliches Subjekt zu Wort. Diese Worte sind zu Fleisch geworden und haben die Welt verändert.

 

Das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ erschütterte das Denken der antiken Sklavenhaltergesellschaft, in der der Mensch zum Ding geworden war. Die Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war die Totenglocke des Feudalismus, in dem der Mensch schon nicht mehr Sklave war, aber immer noch unfrei und nicht sein eigener Herr, indem er durch die Fesselung an die Scholle des Lehnsherrn behindert war in der Entwicklung der Fähigkeiten, die sonst noch in ihm steckten.

 

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ galt denen, die zwar schon rechtlich frei waren, nicht mehr Sklaven, Leibeigene oder in einer anderen Form Eigentum eines anderen Menschen, aber sie waren immer noch wirtschaftlich unfrei, Spielball in den Händen derer, die ihnen Arbeit und damit Brot gaben.

 

Die Erschütterung der Glaubensätze dieser Gesellschaften führte auf die Dauer auch zur Erschütterung und zum Zusammenbruch der Gesellschaft selbst. Dem Zusammenbruch dieser Gesellschaften ging der Zusammenbruch ihrer Glaubenssätze voraus, dessen was als gesellschaftliche Wahrheit galt und von allen Mitgliedern der Gesellschaft so akzeptiert und gelebt wurde.

 

Eine Gesellschaft ohne Werte löst sich auf. Sie sind es, die aus einer Masse von Individuen eine Gesellschaft bilden. Alle diese Gesellschaften haben sich von innen aufgelöst. Die Revolutionen waren immer nur das Abrisskommando, das eine baufällige Ruine zum Einsturz brachte. Abrissreif haben diese Gesellschaftsgebäude immer die Herrschenden selbst gemacht, indem sie sich immer mehr von den Grundsätzen entfernten, die einmal Übereinkunft zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen waren.

 

 

 

Eine Parole, die heute den Wünschen der Menschen Ausdruck gibt, ihrem Drängen Richtung gibt, die Hoffnung und Ziel ist, gibt es im Moment nicht. Wenn aber die Zukunft unklar ist, hilft oft ein Blick in die Vergangenheit, ein Blick zurück auf den Weg, den die Menschheit bisher zurückgelegt hat, der, wenn auch im Zickzack verläuft, doch eine Richtung hat.

 

Wenn diese Richtung klarer hervortritt, so kann sich aus der Verlängerung dieser Richtung in die Zukunft erahnen oder andeuten, wohin in etwa der weitere Weg gehen soll. Es ist also von Bedeutung, den roten Faden zu finden, die sich in der Menschheitsentwicklung zeigt, wenn er denn vorhanden ist.

 

Der rote Faden

 

 

Dieser Weg ist die Entwicklung vom Wilden, der, von Raubtieren gejagt, ziemlich weit unten in der Nahrungskette stand, hin zum Genie, das die Erde verlassen konnte und auf dem Mond landete, das ist äußerlich die Entwicklung des Menschen, die sichtbare. Was aber ist der innere Antrieb, das Nicht-Sichtbare, das ihn zu solch einer Entwicklung trieb, und was in diesen äußeren Manifestationen deutlich wurde? Was will aus ihm heraus, was treibt in ihm?

 

Im Ursprung seiner Geschichte lebte der Mensch wie alle Lebewesen in Symbiosemit der Natur. Er war Teil der Natur, er war sich seiner selbst und der Natur nicht bewusst. Er war Natur ohne Bewusstsein, so wie sich das Tier dessen nicht bewusst ist, dass es Tier ist, dass es etwas anderes ist als das, was um es selbst herum lebt.

 

Vielleicht war es eine Laune der Natur oder göttlicher Plan, dass der Mensch zu Bewusstsein gelangte. Er begann, sich selbst und die Natur um sich herum als Verschiedenes wahrzunehmen, als Wesen und Einheiten, die unterschiedlich und voneinander getrennt sind.

 

Diese seine Fähigkeit, sich und seine Umwelt als unterschiedliche, von einander getrennte Wesen festzustellen, Distanz zu schaffen zwischen dem ICH und dem NICHT-ICH, dem DU, dieses qualifizierte Beobachten, führte dazu, dass der Mensch es erlernte, auch sich selbst zu beobachten. Es gelang ihm, Distanz herzustellen zwischen sich selbst und der Wahrnehmung seiner selbst.

 

Es gelang ihm, sich selbst von außen zu beobachten wie ein ihm fremdes Objekt, ein von ihm selbst getrennter Gegenstand. Er erlangte die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und über das Verhältnis, das er zu seiner Umwelt hatte, in der er lebte. Er lernte zu lernen und seine Handlungen zu planen. All diese Fähigkeiten trennten ihn von der Natur, die ihn umgab.

 

Sie ermöglichten seinen Aufstieg in der Hierarchie der Lebewesen und machten ihn zur „Krone der Schöpfung“. Durch seine Fähigkeit des planvollen Handelns war er allen Lebewesen der Natur überlegen, der Natur als Ganzem aber nicht.

 

Den Gewalten dieser Natur, die er immer mehr zu verstehen und auch zu beherrschen lernte, war er aber doch immer wieder auch hilflos ausgeliefert. Insofern vermittelte ihm seine Fähigkeit der Erkenntnis auch die Erkenntnis seiner Einsamkeit, seiner Hilflosigkeit und seiner Bedrohung durch diese Naturgewalten. Und er kam zu der Erkenntnis des Todes. Er kam zu der Erkenntnis, dass das Leben, sein Leben, endlich ist, dass er sterben wird.

 

Durch die Erlangung von Bewusstsein war er aus dem Paradies der Unwissenheit und der Sorglosigkeit hinausgeworfen worden in das Leben, das er nun selbst gestalten musste. Fortan lebte er in dem Widerspruch, zurück zu wollen in diesen Urzustand der sorglosen Symbiose mit und in der Natur, wieder Teil zu werden dieses Universums, das einfach nur (da)ist, ohne Bestimmung, ohne Drängen und ohne Bewusstsein, und gleichzeitig daran gehindert zu sein durch sein Bewusstsein. Er sehnte sich zurück nach der Geborgenheit des einfachen Da-Seins, nach dem Glück der Ahnungslosigkeit und der Freiheit, die im Nicht-Bewusstsein lag, im Nicht-Wissen.

 

Andererseits verschaffte ihm dieses Bewusstsein aber auch Vorteile gegenüber seiner Umgebung im Überlebenskampf. Er stieg auf von der Beute zum Jäger. Er lernte, die Kräfte der Natur zu nutzen. Er wird Sammler, Jäger, Hirte und Bauer und drängt mit jedem dieser Entwicklungsschritte den Hunger immer mehr in den Hintergrund seines Lebens.

 

Dieser Hunger stand an der Wiege der Menschheit, und er hatte alle Menschen untereinander gleich gemacht. Je mehr es dem Menschen gelingt, den Hunger zu beherrschen, umso mehr kann er sich dem nächsten Entwicklungsschritt zuwenden, der ihn auf eine höhere kulturelle Stufe hebt.

 

Aber mit jeder neuen Stufe entfernt er sich auch immer mehr von der Verwirklichung seines alten Wunsches nach der Rückkehr in die universelle Symbiose. Je weiter er sich davon entfernt umso tiefer, aber auch unerklärbarer wird die Sehnsucht; sie sinkt so tief in ihn hinab, dass sie wohl noch spürbar und erahnbar ist, aber nicht mehr klar benannt werden kann, wonach er sich sehnt. Und das ist es, was in ihm treibt.

 

Nur! Es ist kein Weg zurück in die Ahnungslosigkeit und Unwissenheit der alten Symbiose, sondern der Weg führt nach vorne in eine Rückkehr auf dem höheren Niveau der Bewusstheit. Der Mensch ist auf einem Weg, der über verschiedene Stufen der Bewusstwerdung hinführt zur bewussten und gewollten Wiedereingliederung in die all-eine Welt, die Welt, die er dann nicht mehr als Summe der einzelnen Erscheinungen wahrnimmt sondern als Einheit.

 

Der Weg führt über das Erwachen des Bewusstseins als erster Stufe, über die Erkenntnis, Anwendung und Verfeinerung seiner Fähigkeiten als nächster, über seine eigene Selbstüberschätzung und Überhebung über die Natur, über das Erkennen der eigenen Grenzen und der Demut hin zur liebevollen Annahme seines Platzes im Konzert der Erscheinungen des Lebens und des Universums.

 

Nach dem Durchlaufen all dieser Entwicklungsstufen, die ihm das breite Spektrum seiner Fähigkeiten eröffnet haben werden, erworben durch Kampf und Siegestaumel, Leid und Freude, durch Irrtum und Erkenntnis, wird sich wieder eingliedern in das All-Eine, die Symbiose des Universums.

 

Aber dieses Mal nicht durch Zufall, hineingeworfen in die unübersichtliche Vielfalt des Lebens, sondern als ein geläutert heimgekehrter Sohn, der in wissender Liebe und liebevollem Wissen seinen Platz einnimmt im Orchester des Lebens und in dankbarer, stiller Freude seinen Beitrag leistet zum Wohlklang der Musik der Schönheit, der Liebe und des Göttlichen.

 

Im Laufe dieser seiner Entwicklung wird der Mensch zu einem sozialen Wesen mit immer komplizierteren gesellschaftlichen Strukturen, die er sich selber gibt, bedingt durch den Stand seiner Entwicklung. Zwar war es bis jetzt nie ein bewusster Prozess sondern ein von Notwendigkeiten aufgezwungener und dennoch treibt es aus dem Menschen heraus immer weiter.

 

Wenn wir die Jahrmillionen der bisherigen Menschheitsgeschichte überblicken, so lassen sich Grundzüge der Entwicklung feststellen. Weg von der Armut hin zum Reichtum: das ist die materielle Entwicklung der Lebensgrundlagen. Weg vom Tier zum Menschen. Weg von der Ahnung zum Bewusstsein. Weg vom Instinkt hin zur Erkenntnis. Weg vom Kampf zu Moral und Ethik. Weg von der Unterdrückung hin zu Gerechtigkeit und Freiheit.

 

Der oben beschriebene innere Antrieb des Menschen ist getragen von der Liebe zu sich selbst und zur Menschheit. Getrieben von einem schier unendlichen Potential an Fähigkeiten, Möglichkeiten, Sehnsüchten und Visionen, die nach Verwirklichung suchen und denen in den bisherigen Gesellschaften immer ein Rest Erfüllung versagt geblieben ist. Die Erfüllung des Menschen sind gesellschaftliche Verhältnisse, unter denen er „gut“, d.h. menschlich sein kann. Der Mensch will gut sein, der Mensch will Liebe sein.

 

 

 

Auch wenn er sich in all seinen Entwicklungsstadien zeitweise als Bestie dargestellt hat, so ist ihm doch dieser rote Faden der Liebe nie ganz gerissen. Der Mensch will hin zur Gerechtigkeit und zu Wohlergehen und zwar für alle und nicht nur für einen exklusiven Kreis. Er will keinen Hunger, keine Krankheit und keine Unterdrückung, keine Unwissenheit und keine Verzweiflung, und zwar für alle. Nicht umsonst ist jede neue gesellschaftliche Entwicklung eingeleitet worden und begleitet gewesen von einer Idee, die den Kreis derer erweitern sollte, die in den Genuss des Mehr an Freiheit, Reichtum und Gerechtigkeit kommen sollten.

 

„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Dieses Bibelwort des neuen Testaments bedeutet einen entscheidenden Einschnitt in der Menschheitsgeschichte. Hier dämmert ein neues Selbstbildnis des Menschen herauf. Es sieht die Menschen als Menschheit, die durch ein Band untereinander verbunden ist. In Christo sind alle Menschen Brüder, in diesem übergeordneten Gott, diesem einen Gott, er ist es, der die Menschen eint und sie untereinander zu Brüdern macht.

 

Es ist die erste universelle Parole. Universell weil sie für alle Menschen gilt und weil sie für den gesamten Erdball gilt. Im Gegensatz zu allen früheren wird hier niemand aus der Gültigkeit dieses Postulats ausgeschlossen.Der Weg durch die Stationen seiner Entwicklung hat nicht nur sein Bild von der Welt um ihn herum verändert sondern auch das Bild, das er von sich selbst hat.

 

 

 

Das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ war das Denken der Antike. Der Mensch war des Menschen Wolf nach dem Denken der alten vorchristlichen Römer. Die neue Botschaft macht aus dem Wolf den Bruder.

 

Diese Einheit der Menschen in Gott ist noch nur eine Projektion. Das Göttliche im Menschen wurde nach außen gerichtet auf einen Gott, einen einzigen, der aber nicht selbst Mensch war sondern über den Menschen thronte. Die Menschen verstehen sich noch nicht als Menschheit aus sich selbst heraus, sondern nur weil sie die Kinder eines gemeinsamen Vaters sind, aber sie erkennen sich als untereinander gleich, auch wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit weitgehend noch eine andere war.

 

Sie sind nicht mehr unterschiedlicher Abstammung. Sie sind von gleichem Fleisch und Blut. Sie bestimmen sich als Brüder untereinander von ihrer Abstammung her, d.h. aber auch, dass sie ihr Menschsein immer noch als Fremdbestimmung sehen. Aber sie wissen, dass sie als Brüder sich nicht mehr gegenseitig abschlachten und versklaven dürfen, wie es das „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ ohne Bedenken zugelassen, ja gerade gefordert hatte. Das neue Gebot lautet: „ Du sollst nicht töten!“

 

Menschheit ist noch nicht Ergebnis eines Schaffensprozesses, den die Menschen selbst gestaltet und bestimmt haben, sondern ein von Gott gestiftetes Gut und Gebot. Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.

 

 

 

Nur! wie kann der Mensch Göttliches und Gottheit erkennen, wenn sie nicht in ihm selber angelegt ist? Wie kann er Schönheit sehen, bewundern und verehren, wenn er nicht die Schönheit in sich trägt, die ihm von außen als etwas Äußeres entgegenkommt, das ihn aber in seinem Schönheitsempfinden berührt.

 

Wenn das Göttlich-Schöne in ihm nicht angelegt wäre, wie könnte er es als dieses erkennen, wie könnte es ihn berühren, wenn da nichts wäre? Im Wort „erkennen“ allein steckt schon die Antwort: der Mensch „kennt“ das bereits, was er erkennt. Er findet im Äußeren wieder, was er im Innern hat, vielleicht nur ahnt und sucht, aber es ist in ihm abgelegt und es geht darum, im Vorgang des Erkennens das wahrzunehmen im Außen, was auch gleichzeitig im Innen ist. Die Erkenntnis ist die: im außen sehe ich mich selbst, die äußere Welt ist der Spiegel, in dem in mich erkenne.

 

Das göttlichen Gebot des „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wurde im bisherigen geschichtlichen Prozess der Menschheit und Menschwerdung mal mehr, mal weniger beherzigt. Aber dieses Gebot war immer da in den Köpfen der Menschen, selbst in den Zeiten des schlimmsten Faschismus.

 

Und selbst die, die sich nicht an dieses Gebot hielten und es mit Füßen traten, konnten es doch auch vor sich selbst nie verleugnen. Auch sie fühlten sich ihm verbunden, sonst hätten sie nicht versucht, es zu verleugnen. Da sie es aber nicht verleugnen konnten, beschränkten sie es auf bestimmte Gruppen von Menschen.

 

Indem der Faschismus Untermenschen und „lebensunwertes Leben“ schuf, diesen Menschen also das Menschliche entziehen musste, um sie töten zu können, bestätigte er gerade die universelle Gültigkeit des Menschseins. Diese Menschen konnten nicht als Menschen sondern nur als Untermenschen vernichtet werden.

 

Menschsein bedeutet Verantwortung, Mitgefühl und Liebe. Über diese typisch menschhaften Qualitäten sind alle Menschen untereinander verbunden, so wie sie auch über den Atem alle untereinander verbunden sind. Der Atem des Lebens ist universell, so wie das Leben selbst.

 

Wer anderen Menschen das Lebensrecht abspricht, wer dem Leid des Mitmenschen gleichgültig gegenübersteht, muss diese Qualitäten in sich selber abtöten, und bestätigt gerade dadurch wieder ihre universelle Gültigkeit. Sie sind es, die uns vorwärts treiben, hin zu immer höheren Stadien der Menschwerdung.

 

Diese Entwicklung verläuft nicht gradlinig, wie ein Rückblick auf die Menschheitsgeschichte zeigt. Es gibt Rückschläge, Sackgassen und Stillstand auf diesem Weg wie bei allen Prozessen. Und dann kommen Phasen, wo sich die Ereignisse überschlagen und riesige Sprünge gemacht werden nach vorheriger langer Ereignislosigkeit und Tristesse.

 

 

 

Eines dieser Ereignisse war die französische Revolution, die den Weg frei machte für die politische Macht des Bürgertums. Sein Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit veränderte die Welt in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Die bürgerliche Revolution machte alle Menschen formal gleich. Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Religion und Weltanschauung stellten keine Schranken mehr dar, die die Menschen voneinander trennten. Alle waren vor dem Gesetz gleich, alle genossen die gleichen Rechte, jeder durfte nach seiner Facon glücklich werden und nach seinem individuellen Glück streben.

 

Die Menschheit hatte mit ihrer Forderung nach Brüderlichkeit die große Bedeutung des Menschwerdens für die gesamte Menschheit und den einzelnen zum Ausdruck gebracht. Die Menschheit legte die Verantwortung für ihre Menschwerdung nicht mehr in die Hände eines von ihr entrückten Gottes, sondern erkannte sie als eine Aufgabe, die von der Menschheit selbst zu verwirklichen war.

 

Sie verstanden sich nicht mehr als Brüder auf Grund ihrer Abstammung von einem gemeinsam (Gott)Vater, auf die sie selbst keinen Einfluss hatten, sondern sie verstanden sich als Brüder, weil sie erlebt haben, dass Hunger und Elend keinen Unterscheid machen zwischen Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Religion und Weltanschauung. Sie waren zu Brüdern und Schwestern im Elend geworden, auf Grund ihrer sozialen Lage, die sie gemeinsam als Brüder und Schwestern durch die Revolutionen zu verändern in Angriff genommen hatten und in der französischen Revolution einen gemeinsamen Sieg davon getragen hatten.

 

Das persönliche Gewinnstreben, die Gewerbefreiheit, das jetzt jedem Bürger zugesprochenwurde, führte zu einem bisher nicht gekannten Reichtum und riss gleichzeitig neue Gräben auf zwischen denen, die noch vor nicht allzu langer Zeit als Brüder und Schwestern nebeneinander auf den Barrikaden der siegreichen bürgerlichen Revolutionen kämpften.

 

Der Kapitalismus war seiner Fesseln befreit und mit seiner rasanten Entwicklung trat auch sein Grundwiderspruch immer mehr zu Tage. Die gesellschaftliche Trennlinie verlief jetzt nicht mehr zwischen dem Adel und dem Rest der Gesellschaft, sondern zwischen den Lohnarbeitern und den Kapitalbesitzern.

 

Gesellschaft und Macht

 

Die Exstenz jeder Herrschaftsform ist abhängig vom Grad der Zustimmung durch die Beherrschten. Beherrscht die Minderheit die Mehrheit oder herrscht die Mehrheit über eine Minderheit?

 

In allen bisherigen Gesellschaftssystemen außer den sozialistischen hat im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung eine soziale Minderheit die Herrschaft über die soziale Bevölkerungsmehrheit übernommen: der Freie über den Sklaven in der Sklavenhaltergesellschaft, der Patrizier über den Plebejer der Antike, der Adel über das Bauern- und Bürgertum, die Bourgeoisie über das Proletariat.

 

Am Anfang einer neuen gesellschaftlichen Ära sind sich die Akteure ihrer unterschiedlichen Interessen noch nicht bewusst. Im Taumel der Siege des Bürgertums über den Adel tanzten die Sieger auf den Trümmern der alten Gesellschaften von Nordamerika bis Frankreich. Sie alle zusammen waren der Knechtschaft des Feudalismus entkommen, der Bauer wie der Händler, der Handwerker wie der Handwerksgeselle, der Fabrikant wie der Lohnarbeiter.

 

Für sie alle beginnt ein neues Leben mit neuen Chancen. Überall herrscht Aufbruch. Alles ist frisch und ungeordnet, Herrschaft hat sich noch nicht richtig abgesetzt, muss sich erst formieren und herausbilden, orientiert an den Interessen aller Beteiligten. Die neue Herrschaft, der neue Staat wird von allen Beteiligten getragen, es ist ihr Staat, solange sie nicht Vertreter der untergegangenen Klasse sind.

 

Mit der Festigung der neuen Herrschaft beginnt dann auch die Festlegung der Grundsätze, die Ausrichtung nach Interessen und aber auch der Ausschluss von Interessen und Forderungen, d.h. die Verfassung des Staates. Aus den Erfahrungen des Feudalismus hat der bürgerliche Staat gelernt und das Privateigentum garantiert, auch das Privateigentum an Produktionsmitteln. Das war im Interesse aller Beteiligten.

 

Aber ihre unterschiedlichen, zum Teil entgegengesetzte Interessen, sind auf Dauer nicht miteinander vereinbar. Und da sie nicht miteinander vereinbar sind, kann der neue Staat auch nicht beiden gerecht werden, er muss das vorherrschende Interesse bevorzugen, das dem größeren Teil der Bevölkerung gerecht wird, in dem sich das Interesse der Bevölkerungsmehrheit ausdrückt.

 

Der Staat kann nur dem Interesse einer einzigen sozialen Klasse dienen und muss das anderer Klassen zurückweisen bzw versuchen, den Interessensgegensatz zu entschärfen. Ist das bevorzugte Interesse dasjenige der sozialen Mehrheit, so sind Repräsentant und Repräsentierte in Einklang.

 

Hier werden erste Brüche freigelegt und auch festgelegt. Und doch genießt der Staat noch immer die Zustimmung fast aller sozialen Klassen. Dennoch werden diese Brüche und Ausgrenzungen zunehmen je mehr sich die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Gruppen, Schichten und Klassen entwickeln und der Staat sich als Interessenvertreter zeigt.

 

Gelingt es der Minderheit zu verschleiern, dass sie als Minderheit über die Mehrheit herrscht? Ist sie in der Lage, trotz ihrer sozialen Unterlegenheit ihren Herrschaftsanspruch gegen die Interessen der sozialen Mehrheit durchzusetzen?

 

Es ist mit Mehrheit oder Minderheit nicht das Stimmenverhältnis der politischen Parteien gemeint, wie es aus der parlamentarischen Demokratie bekannt ist. Sondern es geht um die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft. Im Interesse welcher sozialen Gruppe oder Klasse wird Politik gemacht, wird regiert. Im Feudalismus herrschten Adel und Klerus als soziale Klasse über das Bauerntum und das Bürgertum.

 

Das ursprünglich freie Bauerntum war im Laufe der Adelsherrschaft seiner Freiheit beraubt und zu Leibeigenen der Adelsklasse geworden. Zwar herrschten auch im Stadium des freien Bauerntums die weltlichen und kirchlichen Lehnsherren als Minderheit über die Mehrheit der Gesellschaft, jedoch zogen zu dieser Zeit beide Klassen Vorteile aus den Herrschaftsverhältnissen des Feudalismus. Der Bauer zahlte den Zehnten an den Lehnsherrn und genoss dafür dessen Schutz.

 

Im Laufe der Entwicklung des Feudalismus hatte sich diese Grundlage der gesellschaftlichen Koexistenz der Klassen geändert. Durch die Bildung immer größerer Fürstentümer hatte sich die politische Macht in immer weniger Händen konzentriert. Die finanzielle Abhängigkeit und Verschuldung der bisher freien Bauern gegenüber den Fürsten hatte ständig zugenommen, immer höhere Belastungen waren ihnen auferlegt worden, bis sie sogar nachher als Leibeigene das Selbstbestimmungsrecht über ihr eigenes Leben verloren hatte.

 

Der Riss zwischen den gesellschaftlichen Klassen war tiefer geworden und hatte sich in Bauernaufständen entladen, die, wenn sie niedergeschlagen wurden, das Elend der unterdrückten Bauernklasse noch vergrößerten. Mit der französischen Revolution war der Feudalismus als Gesellschaftssystem beseitigt worden. Fortan herrschte das Bürgertum.

 

Der Adel hatte in zunehmendem Maße die eigene soziale Basis durch die Konzentration seiner Herrschaft in immer weniger, aber größeren Fürstentümern verkleinert. Auf der anderen Seite war die Masse der von ihnen Beherrschten stetig angewachsen, die sozialen Unterschiede zwischen den beiden Klassen immer deutlicher und in den Augen der Unterdrückten auch immer ungerechter geworden. Auf der einen Seite unerträgliche Armut auf der anderen überbordender Reichtum.

 

Dem absolutistischen Herrscher, der das Gesetz verkörpert und ihm deshalb nicht unterliegt, steht die Masse der Bevölkerung gegenüber, die durch kein Gesetz geschützt ist und der Willkür des Herrscher ausgeliefert ist. Dieser Widerspruch und die daraus entstehenden gesellschaftlichen Spannungen sollten entschärft werden durch die Theorie des „Gottesgnadentum“, das die bestehende Gesellschaftsform als eine gottgewollte darzustellen versuchte. Aber am Ende konnte auch Gott dem Adel nicht mehr helfen. Er musste von der politischen Bühne abtreten und der Bürgerherrschaft Platz machen.

 

 

 

Die Herrschaft der Bürger kam daher als Demokratie und vertrat ein breites Spektrum der Bevölkerung ( Tagelöhner, Bauern, Handwerker, Manufakturbesitzer und „großes“ Kapital). Sie alle zusammen hatten den Feudalismus niedergerungen. Sie organisierten ihre unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen in Parteien als Ausdruck ihres politischen Willen und Vertreterinnen ihrer unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen.

 

Wie der Kapitalismus dem Gewinnstreben des Einzelnen Raum bot, so bot er auch den verschiedenen Kapitalsinteressen über die politischen Parteien Raum, das stärkste, vordringlichste unter sich zu ermitteln. Die öffentliche Diskussion in den Parteien und der Parteien untereinander entwickelten die Generallinie, an der entlang sich der Kapitalismus entwickelte und die Zukunft, in die er nach Ansicht der vorherrschende Kapitalsgruppe vorstoßen sollte.

 

Wechselnde Mehrheiten in Parteien und Parlament bildeten die Stärke dieser Gesellschaftsform des Bürgertums. Sie sorgten für ein Voranschreiten, das sich an den Notwendigkeiten orientierte, die eine möglichst große Bevölkerungsgruppe als Basis der zu treffenden Entscheidungen anerkannte. So konnte sich der Kapitalismus in allen Entscheidungen des Parlaments auf eine breite soziale Grundlage stützen.

 

Aber auch dem Kapitalismus blieb wie dem Feudalismus die Konzentration nicht erspart. Sie war vielmehr Grundlage seines Wachstums. Mit der Nutzbarmachung des Dampfes als Antriebskraft machte der Kapitalismus einen gewaltigen Produktivitätssprung. Aus den auf Handarbeit gestützten Handwerksbetrieben und Manufakturen entwickelte sich die maschinengestützte Industrie mit ihrem Heer an Lohnarbeitern. Zwischen diesen beiden Klassen riss der Graben auf, der für den Kapitalismus typisch wurde; der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital trat deutlich und offen zu Tage.

 

Zu Ende die Kampfgemeinschaft der bürgerlichen Revolutionen, als es noch um die Niederwerfung des Feudalismus ging.

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