Logo weiterlesen.de
Zeitenzauber – Die magische Gondel

Eva Völler

titel

Die magische Gondel

Mit Illustrationen von Tina Dreher

Bild

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Tochter Clara

You must remember this
A kiss is just a kiss
A sigh is just a sigh
The fundamental things apply
As time goes by.

(Herman Hupfeld)

PROLOG

Venedig, 1499

H* l* o!

Zuerst das Wichtigste:

Mein Name ist Anna. Ich habe drei Mal versucht, meinen vollen Namen und mein Geburtsjahr hinzuschreiben, aber es geht nicht.

Ich weiß sowieso nicht, ob ich noch viel schreiben kann. Allein für die ersten Sätze habe ich fast eine Stunde gebraucht und keiner davon ist stehen geblieben. Das liegt natürlich daran, dass ich zu unvorsichtig war. Ich muss darauf achten, welche Begriffe und Zahlen ich verwende, denn wenn sie nicht passen, lassen sie sich nicht aufschreiben. Oder sie verändern sich, bis sie eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Ach ja, und dann natürlich das Papier. Meine Schrift sieht darauf merkwürdig fremd aus. Das macht das Schreiben nicht gerade leicht. Ich muss Pergament nehmen, weil es haltbarer ist, aber am Ende kann man die Kleckse kaum noch zählen. Die Tinte stinkt wie verfaultes Gift. Von der Feder will ich erst gar nicht reden, auch nicht von dem Geräusch, das sie beim Schreiben macht. Unfassbar, dass Menschen auf diese Weise ganze Bücher schreiben!

Die Zeit ist knapp! Mein Versteck ist nicht sicher, ich kann jeden Moment erwischt werden. Ob ich danach wieder so schnell an Schreibzeug komme, ist fraglich.

Sobald ich diesen Brief fertig habe, will ich ihn verstecken und beten, dass er gefunden wird. Von einem Mann aus dem hohen Norden. Falls sich das verrückt anhört, ist das leider unvermeidlich. Genauer kann ich es nicht ausdrücken. Ich werde den Brief in Wachstuch einwickeln und darauf vertrauen, dass er nicht verschimmelt.

Ich höre Schritte und muss aufhören. Später hoffentlich mehr.

TEIL EINS

Teil 001

Venedig, 2009

Wir aßen wie üblich im Restaurant neben dem Hotel zu Abend. Mama meinte, in ganz Venedig gebe es keine bessere Pasta. Mir persönlich gefiel das Restaurant schon deshalb, weil es in Reichweite vom WLAN-Anschluss des Hotels lag und ich zwischen Antipasti und Hauptgang im Internet surfen konnte.

»Weißt du, manchmal könntest du etwas mehr Interesse zeigen, wenn dein Vater von seiner Arbeit erzählt«, sagte Mama, als Papa nach der Vorspeise kurz zum Telefonieren hinausging. »Sein Beruf ist für ihn sehr wichtig!«

»Aber ich zeige doch Interesse«, behauptete ich. »Ich höre immer zu!«

»Und spielst dabei unterm Tisch mit deinem Handy herum.«

»Es ist kein Handy, sondern ein iPod Touch«, sagte ich lahm.

Mama hatte recht, besonders faszinierend fand ich Papas Berichte von seiner Arbeit nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich es mir schon so oft hatte anhören müssen. Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch und ein weltweit anerkannter Wissenschaftler auf seinem Fachgebiet. Aber wenn an zehn Abenden hintereinander staubige alte Münzen, vergammelte Tongefäße und Freskenfragmente das einzige Tischthema sind, reißt es einen am elften Abend nicht mehr vom Hocker.

Manchmal fand mein Vater auch gruselige Dinge oder wusste zumindest davon zu berichten. Ein paar Jahre zuvor hatten Archäologen auf einer Insel in der venezianischen Lagune Massengräber mit Hunderten von Toten entdeckt, die im 15. Jahrhundert bei einer der großen Pestepidemien dort verscharrt worden waren. Noch unheimlicher wurde es, als Papa von einem weiteren venezianischen Fund aus demselben Jahrhundert berichtete, der erst ein paar Monate zurücklag. Es handelte sich um das Skelett einer Frau, der man einen Pflock in den Hals gestoßen hatte.

»Wie grausam!«, hatte Mama bestürzt ausgerufen.

»Wie bei den Vampiren«, sagte ich.

Zu meiner Überraschung nickte Papa. »Das ist gar nicht so abwegig. Dieser Aberglaube war schon in der Renaissance verbreitet. Danach stiegen die Verstorbenen aus ihren Gräbern, um sich von den Pesttoten zu nähren.«

»Uahh!«, machte ich beeindruckt.

»Man nimmt an, dass die Frau an der Pest starb und durch den Pfahl daran gehindert werden sollte, zu einer Wiedergängerin zu werden. Deshalb nennt man sie auch Vampirfrau.«

Das war wirklich mal eine interessante archäologische Geschichte, mit echtem Sensationswert. Aber meist waren die Berichte meines Vaters ungefähr so aufregend wie Spätnachrichten, die einen bloß daran erinnerten, dass es Zeit zum Schlafengehen war.

Kurz nachdem Mama mich aufgefordert hatte, Papas Arbeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, kam er vom Telefonieren zurück und setzte sich wieder an den Tisch. »Ein Kollege aus Reykjavík hat ein hochinteressantes Fundstück gemeldet.«

Eigentlich war das genau der Moment, in dem ich die Ermahnung meiner Mutter hätte beherzigen sollen. Stattdessen sagte ich nur höflich: »Ach, in Reykjavík gibt es auch Archäologen? Lohnt sich das da überhaupt? Ich meine, das Buddeln. Sprudeln nicht Geysire aus der Erde, wenn man dort anfängt zu graben?«, während ich unterm Tisch bereits wieder mit meinem iPod hantierte. Vanessa hatte mir im ICQ geschrieben: Ich bring die Schlampe um!

»Wir sind ein internationales Team«, sagte Papa. »Der Kollege, von dem ich sprach, arbeitet hier vor Ort mit mir zusammen. Das Fundstück wurde in den Fundamenten des Palazzo Tassini entdeckt, den wir gerade untersuchen.«

Das fand ich nicht halb so spannend wie Vanessas Nachricht.

Ein schwerer Fehler. Hätte ich nur meinem Vater zugehört!

So aber las ich die blöde Nachricht von Vanessa und verstand von dem, was Papa erzählte, nur ungefähr jedes dritte Wort. Wenn überhaupt.

»… eigenartiges Dokument, ein Brief, sagt Mister (unverständlicher isländischer Name, klang wie Bjarnignokki), mit möglicherweise anachronistischen Einsprengseln.«

Vanessa: Kann nicht fassen, dass das Arschloch es wagt, nur eine Woche nachdem er mich abserviert hat, mit dieser bescheuerten Tussi ins Kino zu gehen!

»… konnten jedoch nur Teile der ersten Seite des Dokuments entziffert werden, Rest muss zunächst präpariert werden … größtenteils zerfallen … Mister Bjarnignokki ist allerdings der Meinung, es müsse sich um eine Fälschung handeln. Ich werde es hier an der Universität untersuchen lassen, sie haben da einige wirklich fähige Schriftexperten. Gleich morgen schicke ich es hin.«

»Warum sollte es eine Fälschung sein?«, fragte meine Mutter.

»Wegen des möglichen Anachronismus.«

Anachronismus! Ich meine – hallo?! Wer sollte so was interessant finden? Gut, ich hätte natürlich fragen können, was das bedeutet, aber meine Eltern blickten mich bei dieser Art von Fragen immer an, als könne ich unmöglich ihre Tochter sein, sondern eher jemand, der aus Versehen zur Familie gehörte. Mein Vater war Professor und meine Mutter hatte einen Doktortitel, und ich hatte gerade die elfte Klasse wiederholt, mit Noten, die nicht viel besser waren als in der zehnten. Besonders nicht in Mathe.

Vanessa: Werde heute noch neues Album bei Schüler-VZ einrichten, Titel: Ex zum Abgewöhnen. Und da stelle ich dieses eine Foto von ihm rein, das du während der Paris-Fahrt im Bus aufgenommen hast. Das, auf dem er mit offenem Mund pennt. Oder vielleicht auch das, das du bei meinem letzten Geburtstag gemacht hast. Als er gerade in die Rosen kotzt.

»… könnte es sich laut Mister Bjarnignokki auch um einen Scherz von jemandem aus dem Team handeln, vielleicht von einem der Studenten. Denn es scheint fast so, als beginne der Brief mit dem Wort Hallo

Vanessa: Oder das eine Foto von der letzten Party, von dem du meintest, da sähe er aus wie Gollum.

»Hallo?«, fragte meine Mutter erstaunt.

»Ganz recht, hallo«, meinte Papa.

Rasch blickte ich auf. »Ich hör die ganze Zeit zu, ehrlich.«

»Kaum zu fassen«, sagte Mama kopfschüttelnd.

Das bezog ich auf mich und schaltete schnell den iPod aus.

Gleich darauf brachte der Kellner das Abendessen und Bjarnignokki und Gollum waren vergessen.

Vignette

Am nächsten Morgen ging ich wie immer eine gute Stunde nach meinen Eltern frühstücken. Schließlich hatte ich Ferien. Schon vor der Reise hatte ich klargestellt, dass ich nicht vor neun Uhr aufstehen würde. Meine Eltern mussten arbeiten, ihnen war es egal, dass ich ausschlief.

Der dicke Typ, der drei Tage zuvor mit seinen Eltern ins Hotel gekommen war, kam in den Frühstücksraum und blickte sich verstohlen um. Als er mich sah, wurde er rot und schaute schnell zur Seite. Dasselbe wie jeden Morgen, nur dass er diesmal ohne seine Eltern erschien.

Ich beugte mich über meinen Toast und tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen. Zu meinem Schrecken kam er jedoch an meinen Tisch, wo er stehen blieb und tief Luft holte.

»Hi, ich bin Matthias«, stieß er hervor. »Ist hier noch frei? Kann ich mit dir frühstücken?«

Ich war so verdattert, dass ich unwillkürlich nickte. Erst als er sich aufseufzend auf den Stuhl mir gegenüber plumpsen ließ, wurde mir klar, was das bedeutete: Er war auf meine Gesellschaft aus. Das hatte mir noch gefehlt!

»Bist du schon lange hier?«, fragte er.

»Zwei Minuten«, sagte ich.

»Ich meinte, seit wann du im Hotel bist«, sagte er.

»Seit zehn Tagen.«

»Du bist mit deinen Eltern hier, oder?«, wollte er wissen.

Als ich nickte, fuhr er fort: »Ich auch.«

»Ich weiß. Ich sah euch zusammen einchecken. Und frühstücken. Kommen sie gleich noch zum Frühstück?« Hoffnungsvoll blickte ich zur Tür. Wenn seine Eltern auftauchten, wäre er abgelenkt, das könnte ich ausnutzen und rasch verschwinden.

»Nein, sie haben schon gefrühstückt. Heute haben sie Termine, deshalb bin ich alleine hier. Ich habe heute noch nichts vor.« Er sah mich hoffnungsvoll an.

Ich ignorierte es. »Was für Termine haben deine Eltern denn?«, fragte ich.

»Ach, langweilige vermutlich. Mein Vater ist Kurator und hat bei der Biennale zu tun. Meine Mutter geht mit, weil sie seine Arbeit wichtig findet. Und weil sie dort wichtige Leute treffen kann. Sie mag wichtige Leute. Sie sucht alles über sie im Internet raus.«

»Ach ja«, sagte ich, lustlos an meinem Toast knabbernd.

»Meine Mutter sagte, dein Vater sei einer der führenden Archäologen auf dem Gebiet spätmittelalterlicher Kirchen- und Palastkultur. Und deine Mutter ist Physikdozentin und nimmt hier an einem internationalen Kongress teil. Und ihr seid aus Frankfurt.«

»Ich weiß«, sagte ich.

»Äh … klar.«

Wir schwiegen eine Weile. Ich aß meinen Toast auf, spülte mit Tee nach und überlegte, mit welcher eleganten Ausrede ich am besten verschwinden konnte.

Aber irgendwie klappte es nicht. Vielleicht hing es damit zusammen, dass er mir leidtat. Er trug teure Klamotten und angesagte Sneakers, aber die änderten nichts daran, dass er wie ein übergewichtiger Loser aussah.

Matthias war drei Monate jünger als ich und kam aus München, wo er noch zur Schule ging. Wie ich hatte er Sommerferien und war mit seinen Eltern nach Venedig gekommen, in der Hoffnung, das sei weniger langweilig als wochenlang zu Hause unter der Oberherrschaft seiner Tante herumzuhängen.

»Bei mir wäre es meine Oma gewesen«, sagte ich. »Da hatte ich auch keine Lust drauf.«

»Dann haben wir ja quasi dasselbe Schicksal. Was machst du tagsüber so in Venedig, wenn deine Eltern arbeiten?«

»Nichts Besonderes.«

Treffender konnte ich es nicht ausdrücken. Die ganzen bekannten Sehenswürdigkeiten hatte ich schon mit Mama und Papa abgeklappert, denn am Wochenende stand immer Kultur auf dem Programm. Unter der Woche zog ich allein los. Ich ließ mich einfach treiben und fuhr mit den Linienbooten durch die Gegend. Oder ich spazierte kreuz und quer herum, beobachtete die unzähligen Touristen und hielt Ausschau nach interessanten Läden.

»Hast du nachher schon was vor?«, fragte Matthias.

»Ähm … ja, ich wollte mich noch eine Runde aufs Ohr legen, ich hab letzte Nacht schlecht geschlafen«, flunkerte ich.

»Und danach?«

»Weiß noch nicht.« Ich hatte es kaum gesagt, als ich es auch schon bereute. Es stand Matthias förmlich im Gesicht geschrieben, dass er überlegte, was wir alles gemeinsam unternehmen könnten. Also fuhr ich schnell fort: »Wahrscheinlich gehe ich Schuhe kaufen.«

Schuhe kaufen war reine Frauensache. Kein normal veranlagter siebzehnjähriger Typ würde mit einem Mädchen Schuhe kaufen gehen.

»Da könnte ich mitkommen«, sagte er eifrig. »Ich liebe es, Schuhe zu kaufen!«

Ich zuckte zusammen. »Meinetwegen«, sagte ich widerwillig. »Dann treffen wir uns in einer Stunde in der Lobby und gehen Schuhe kaufen.«