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Zauberkatze

 

|5|Die schmale, fingernageldünne Sichel des abnehmenden Mondes verschwand hinter sturmgepeitschten Wolkenfetzen, die letzten Lampen in der Straße waren erloschen, und außer dem Rascheln der trockenen Blätter war kein Laut zu hören. Im flackernden Kerzenlicht warf die Hecke zuckende Schatten, die Flamme kämpfte mühsam gegen den kalten Wind. Noch einmal rekapitulierte ich die Worte, die zu sagen waren, dann wandte ich mich entschlossen in alle vier Himmelsrichtungen und intonierte die Beschwörung mit heiserer Stimme.

Gänsehaut überzog meine Arme unter dem schwarzen Gewand, doch nun galt es, zu tun, was zu tun war. Ich sammelte in mir allen Hass, erinnerte mich an alle Demütigungen, alle Lügen, jeden Verrat, den ich erfahren hatte. Dann endlich stach ich mit vor Zorn zitternder Hand die Nadeln in das schwarze Wachs und beschwor die Mächte der Finsternis, mir bei meiner Rache beizustehen.

Der Wind legte sich für einen kurzen Moment, und der Mond warf seinen blassen Schimmer über das dürre Gras in meinem Garten. Ich fröstelte. Es war, als hielte die Natur den Atem an – das große Schweigen, bevor sich die beschworene Macht zu erkennen gab. Und dann …

Ein schriller Schrei zerriss die Stille, ein Kreischen wie von tausend Dämonen gellte durch die Nacht, und die schwarze Kerze verlosch in einem neuen Windstoß. Ich fühlte alle Wut in mir versickern, und das namenlose Grauen kroch meinen Rücken |6|empor. Hätte ich meine Füße bewegen können, ich wäre bis ans Ende der Welt gelaufen. Doch wie gelähmt stand ich unter dem knarrenden Apfelbaum. Nur mühsam gewöhnten sich meine Augen an die tiefe Dunkelheit. Und ich wurde von neuerlichem Entsetzen gebeutelt. Zwei glühend gelbe Augen starrten mich aus der finsteren Hecke an, kamen lautlos näher und näher. Trocken schluckte ich, versuchte, meinen unwilligen Beinen Beine zu machen, als ich plötzlich die Umrisse zu den gelben Augen erkannte. Es waren eindeutig spitze Ohren und ein hochaufgerichteter Schwanz.

Der herbeizitierte Dämon schien sich in Gestalt einer schwarzen Katze materialisieren zu wollen, die es sich angelegen sein ließ, mir um die Beine zu streichen. Mein verhältnismäßig unverwüstlicher Sinn für Humor gewann endlich die Oberhand, und ich war wieder in der Lage, mich zu bewegen. Auf was für einen Blödsinn hatte ich mich hier bloß eingelassen?

»Willst du auf einen Schluck Milch mit reinkommen?«, fragte ich – rein rhetorisch – mit immer noch etwas unsicherer Stimme das Katzentier. Man muss höflich zu Katzen sein. Dann nahm ich die schwarze Kerze und ging auf die Terrassentür zu. Es wunderte mich allerdings, dass das Tier wirklich hinter mir hergestakst kam und kein bisschen misstrauisch ins Zimmer trat.

»Na, so wie du aussiehst und wie du diesen Auftritt geplant hast, solltest du wohl Luzifer heißen!«, sagte ich, als ich das prächtige Geschöpf im Lampenschein musterte. Und dann verblüffte mich das Tier, weil es sich umdrehte, demonstrativ den Schwanz hob und mir sein Hinterteil zeigte. Ich hatte als Kind Katzen gehabt, also erkannte ich die Botschaft.

»Okay, nicht Luzifer. Dann aber Luzi – ist das in Ordnung?«

Der Schwanz ging nach unten, und bernsteinfarbene Augen sahen mich einigermaßen neckisch über die blauschwarze Schulter an.

 

|7|Eigentlich habe ich für solche theatralischen Auftritte überhaupt nichts übrig. Ich glaube auch nicht daran, dass es irgendetwas ändert, wenn man zu flackernden Flammen leise Evokationen murmelt, aber ungewöhnliche Situationen verlangen ungewöhnliche Maßnahmen – hat Alizia gesagt.

Alizia ist meine Freundin, ich kenne sie schon seit unserer gemeinsamen Kindheit. Sie hatte schon immer verrückte Ideen, aber manchmal scheint es mir, als sei sie inzwischen noch etwas skurriler geworden. Das macht mir allerdings nichts aus, denn sie ist eine wirklich gute Freundin und hilft, wenn es zu helfen gilt.

Jedenfalls saß jetzt aufgrund ihres seltsamen Rates eine schwarze Katze mit einem weißen Milchbart vor mir, die mich mit ihren goldenen Augen unergründlich anstarrte. Ich hockte mich neben sie auf den Küchenfußboden und streckte kontaktsuchend meine Hand aus. Ganz vorsichtig näherte sich die schwarze Nase und schnüffelte leicht. Die Barthaare vibrierten, die Ohren waren aufmerksam gespitzt. Ich ließ die Inspektion geduldig über mich ergehen. Dann blickte sie mir plötzlich ins Gesicht und zwinkerte mit dem rechten Auge. Ich konnte nicht anders, ich zwinkerte zurück. Offensichtlich fiel dieses Verhalten zu Luzis Zufriedenheit aus, denn sie setzte sich anschließend auf ihre Hinterbeine und begann, sich würdevoll zu putzen.

Aber da es bereits nach Mitternacht war, beschloss ich ziemlich bald, Katze Katze sein zu lassen und mich in mein einsames, großes Bett zurückzuziehen.

Wie sich kurze Zeit später zeigte, blieb ich diesmal nicht allein, denn Luzi fand, man könne in einem Federbett bequemer schlafen als auf dem harten Boden. Es trampelte und kruschelte, und an meiner rechten Schulter in der Armbeuge versammelte sich ein Katzenkringel. Ein anschmiegsames Tier!

Zwei Dinge weckten mich – Boxhiebe gegen meine Rippen |8|und ein widerliches Pfeifen. Und alles das zu unmöglich früher Stunde. Mühsam sortierte ich meine Wahrnehmungen. Die Tritte schienen von dem schwarzen Ungeheuer in meinem Bett zu kommen, das schrille Gepfeife von meinem Telefon auf dem Nachttisch. Schlaftrunken angelte ich mir den Hörer und brachte ein morgendlich heiseres »Hallo!« heraus.

»Guten Morgen, U. M.-Bau GmbH. Hölzchen am Apparat! Spreche ich mit Frau Friedland?«, sprang mir die frühlingsfrische Stimme einer aufgeweckten Sekretärin ins Ohr. Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Hölzchen am Apparat meine Identität zu bestätigen.

»Herr Ungermann hätte Sie gerne gesprochen. Ich verbinde …!«

Niemand fragte mich, ob ich den unbekannten Herrn Ungermann ebenfalls gerne gesprochen hätte, und schon drängte auch er sich an mein Ohr.

»Guten Morgen, Frau Friedland.«

»Guten Morgen«, nuschelte ich und schielte auf meinen Wecker. Zehn nach acht! Möglicherweise ist das eine geschäftsübliche Zeit, mir lag sie nicht! Vor zehn Uhr bin ich eher wortkarg, aber das schien meinen Gesprächspartner nicht zu stören. Er vergewisserte sich, ob ich in der Immobilienbranche tätig sei, was glaubhaft zu machen mir sogar kurz nach dem Aufwachen möglich war.

»Wunderbar. Ich habe nämlich einige Häuser in Planung, die ich gerne über eine Agentur vermarkten möchte.«

Irgendwie drang »einige Häuser« bis zu mir vor, und mit einem Schlag war ich richtig wach.

»Wenn Sie mir vielleicht einige nähere Angaben machen würden …«

»Selbstverständlich. Ich wollte einen Termin mit Ihnen vereinbaren.«

|9|Wunderbar, ich hier verknäuelt im Bett mit einer schwarzen Katze, die eben anfing, ihren Kopf so fest am Telefonhörer zu reiben, dass er mir fast aus der Hand flog, und der Terminkalender befand sich in meiner Handtasche im Irgendwo.

»Entschuldigen Sie, ich muss erst …«

Plumps – der Hörer rutschte unter das Bett. Luzi sprang hinterher und kickte ihn noch weiter nach hinten. Das durfte doch nicht wahr sein! Auf allen vieren angelte ich das Gerät zwischen den Wollmäusen hervor und verfluchte die schnurlose Technik. Luzi tobte im Galopp durch das Schlafzimmer und versuchte, die aufgewirbelten Staubflöckchen zu fangen. Ich musste niesen. Etwas atemlos fragte ich dann ins Telefon: »Herr Ungermann, sind Sie noch da?«

»Ja natürlich. Sagen Sie, habe ich Sie etwa mit meinem Anruf aus dem Bett geholt?«

Es war eine Art von unterdrücktem Lachen in der Stimme, was mich ärgerte.

»Das macht nichts«, schoss ich zurück. »Ich erledige meine Arbeit gerne im Bett!«

Wenn ich mich ärgere, rutschen mir leider manchmal Formulierungen heraus, die bei späterem Überdenken nicht besonders gut gewählt erscheinen. Das beredte Schweigen am anderen Ende zeugte davon, dass es mir mal wieder gelungen war.

»Ich kann Sie auch gerne später noch einmal zurückrufen, Frau Friedland.«

Die Belustigung schwang noch immer in der Stimme mit, aber ich hatte inzwischen sowohl meine Handtasche als auch meinen Kalender gefunden. Mit meiner nüchternsten Stimme schlug ich ihm vor: »Wir können jetzt gerne über einen Termin sprechen.«

»Können Sie morgen am Nachmittag zu uns herauskommen?«

»Wo finde ich Sie?«

|10|Er nannte mir eine Adresse in der Innenstadt, ein renommiertes Geschäftshochhaus der oberen Klasse, was mich noch wacher machte.

Luzi sprang auf meinen Terminplaner und schlug die Krallen in die Seite. Diese Katze war offensichtlich vom Teufel besessen.

»Geh da runter, du Vieh!«, fauchte ich sie an, was natürlich der Herr Ungermann mitbekam, der daraufhin freundlich nachfragte: »Wie viele Mitarbeiter haben Sie eigentlich?«

»Keine, das ist nur eine Katze, die verrückt spielt.«

»Ich hatte auch nicht vermutet, das eben sei der Ton Ihres Hauses.«

Ja, lief denn bei diesem Gespräch alles schief? Ich atmete einmal tief durch und schlug vor: »Morgen um elf habe ich einen Besichtigungstermin. Ich könnte also um vierzehn Uhr bei Ihnen sein.«

»Sehr gut. Dann sehen wir uns morgen Mittag. Einen schönen Tag noch, Frau Friedland.«

»Den wünsche ich Ihnen auch!«

Von Herzen. Einige Häuser! Hoffentlich nicht nur Bausünden. Sollte das Schicksal es endlich wieder gut mit mir meinen? Ich konnte gut einen größeren Auftrag gebrauchen, denn nachdem ich naives Huhn endlich entdeckt hatte, was Engelbert mir angetan hatte, waren da einige Probleme entstanden. Ich hatte ihn kalt und knapp rausgeschmissen, und Freund Engelbert war vor meinem Zorn ohne Angabe seiner neuen Adresse geflüchtet. Damit hätte die Geschichte zwar vorbei sein können, war sie aber nicht. Denn ich sank anschließend von einer schwarzen Wolke in die nächste, kümmerte mich nicht richtig um den Immobilienmarkt, fand keine Kraft mehr, gegen Ricarda, meine schärfste Konkurrentin hier im Ort anzugehen, vergraulte meinen Anwalt, die Jungs vom Grundbuchamt und den Menschen vom Anzeigendienst der Lokalzeitung mit meiner Giftlaune.

|11|Monatelang ging das so, bis mein Steuerberater zufällig vorbeischaute und etwas von einem drastischen Umsatzeinbruch faselte. Er hatte ja so recht, nichts lief mehr, aber zumindest schockierten mich die Zahlen so, dass ich wenigstens Alizia anrief, um mich endlich mal richtig auszuheulen.

Meinen Gedankengang unterbrach die schwarzen Kätzin, die ganz offensichtlich nicht das Bedürfnis hatte, das Haus wieder zu verlassen. Sie erwartete mich vor der Küchentür und maunzte. Sofern mich meine Erinnerung an das Katzenvokabular nicht täuschte, verlangte das Tier nach Futter.

»Ich bin mir nicht sicher, ob du bei mir bleiben kannst, Luzi. Ich mag zwar Katzen, aber vielleicht vermisst dich jemand. Möchtest du nicht doch wieder dahin zurückgehen, wo du hergekommen bist?«

Diese faszinierenden Augen sahen mich durchdringend an, dann schüttelte die Katze heftig ihren Kopf und kratzte sich mit der Pfote am rechten Ohr. Das konnte man so oder so deuten. Vermutlich hatte sie Parasiten. Und ich durfte mit ihr zum Tierarzt. Aber das Ohr brachte mich auf eine Idee. Wenn sie tätowiert war, konnte man anhand der Nummer den Besitzer herausfinden.

»Komm, lass mich mal sehen, Süße. Ja, bist eine ganz Liebe, so eine hübsche Katze«, redete ich sanft auf sie ein, während ich sie untersuchte. Weder Milben noch Täto, kein Halsband mit Adresse und Namen. Wenn wir beide also wollten, konnten wir zusammenbleiben.

Ich liebe Katzen, wirklich! Manchmal trauere ich sogar noch um meinen alten Kater Tiger, der vor Jahren gestorben war. Aber kurz danach kam Engelbert, und der liebte Katzen nicht.

Jetzt gab es keinen störenden Engelbert mehr, und wenn ich die hungrig maunzende Luzi betrachtete, war ich erstmals seit langer Zeit richtiggehend froh darüber. Und bereit, mich dem Problem der Verpflegung zu widmen.

|12|Ungeschminkt und im schlabberigen Jogginganzug ging ich also aus dem Haus, um in dem kleinen Tante-Emma-Lädchen ein paar Dosen Katzenfutter zu erstehen.

Am Eingang angebunden fand ich einen kläffenden Staubwedel, der mir signalisierte, dass meine Konkurrentin Ricarda ebenfalls auf Einkaufsbummel war. Ich traf sie in Person an der Kasse. Eine weiße Jeans umspannte eng ihren knackigen Po, ihre dunklen Haare fielen in glänzenden Locken über die rote Bluse, die wie immer einen Knopf zu weit offen stand. Ihre bereits zu dieser frühen Stunde perfekt geschminkten Nofretete-Augen richteten sich auf mich und die Dosen in meiner Hand.

»Na, hast du dir eine Katze zugelegt, oder kannst du dir nichts Besseres mehr zum Frühstück leisten?«

Ich ließ einen ebenso abfälligen Blick auf die Magermargarine und den Sparquark in ihrer beringten Klaue fallen und erwiderte trocken: »Immer noch besser als das, was du darfst.«

»Wie …? Oh, du bist heute Morgen schlagfertig.«

Bevor sie jedoch weitere Kommentare loslassen konnte, piepte es an ihrem knackigen Po, dort, wo das allzeit bereite Handy an den Gürtel geclippt war. Ich bin mir sicher, sie trägt es nur, um ihrer Umwelt zu signalisieren, wie geschäftstüchtig sie ist. Auf jeden Fall wurde ich so unfreiwillig Zuhörer eines kurzen Gespräches, was sehr aufschlussreich für mich war.

»Natürlich, Herr Baumgartner, selbstverständlich bin ich an der Penthousewohnung interessiert!«, flötete Ricarda mit einem triumphierenden Lächeln in meine Richtung. Sie wusste, dass ich derzeit Probleme hatte, das fiese Schaf!

Was sie nicht wusste, war, dass ich Baumgartner, den Bauträger eines noblen Mietobjektes ebenfalls kannte. Vielleicht sogar etwas besser als sie, denn wir hatten schon mehrere Projekte erfolgreich miteinander abgewickelt. Und das Blöde an solchen |13|Telefonaten zwischen Tür und Angel ist, dass man verhältnismäßig arbeitsunfähig ist. Eine Einkaufstüte ersetzt eben keinen Terminkalender. Ricarda versprach, zurückzurufen. Ich nahm mir das Gleiche vor.

Gemeinsam verließen wir den Laden, und Ricarda machte den Flederwisch los, der jetzt hechelte und mit den Ohren schlackerte, um eine Runde Gassi gehen zu dürfen.

»Was ich dich schon immer mal fragen wollte, Ricarda – nimmst du den auch zum Staubwischen?«

»Warum gehst du nicht nach Hause und machst dir ein schönes Döschen Hackmaus auf?«

Im Grunde finde ich Ricarda nicht völlig unsympathisch, nur ein paar wesentliche Züge an ihr. Eigentlich alle, auf die ich neidisch bin. Zum Beispiel ihre Figur und diese Selbstdisziplin, sich nie so schlampig in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie ich es gerade tat. Dafür hatte ich bisher die besseren Geschäfte gemacht, zumindest noch vor ein paar Monaten. Und das sollte jetzt auch wieder so werden.

Sofort nachdem ich Luzi verköstigt hatte, rief ich Baumgartner an und berichtete ihm ganz harmlos von einem Interessenten für eine möglichst große und elegante Wohnung. Ob denn noch etwas frei sei?

Da Ricarda noch mit dem hündischen Staubwedel in sanitären Angelegenheiten unterwegs war, bekam ich den Zuschlag für eine schöne Penthousewohnung, für die ich wirklich einen Interessenten hatte.

 

Gerold Schriver hatte sich schon vor ein paar Tagen an mich gewendet, ich rief ihn umgehend an und vereinbarte einen Termin am Nachmittag.

»Wo wollen wir uns treffen, Frau Friedland?«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bei mir im Büro.«

|14|»Wäre es nicht besser, wir würden uns gleich an dem Haus treffen?«

»Herr Schriver, mir ist es lieber, mich mit meinen Kunden an einem neutralen Ort zu verabreden. Am Objekt kann das zu unangenehmen Verwechslungen führen.«

Vor allem, wenn solche Freibeuter wie Ricarda ebenfalls interessiert sind, dachte ich bei mir.

Gerold Schriver willigte ein und kam um drei im frühlingshaft offenen Kabrio vorgerauscht. Als er ausstieg, blieb mir fast das Herz stehen. Er und der flüchtige Engelbert hätten Zwillinge sein können.

Reiß dich zusammen, Viktoria, mahnte ich mich, das ist nur ein Kunde, und zwar hoffentlich ein zahlender. Ich beobachtete von meinem Bürofenster aus, wie er sich nach der Hausnummer umsah und dann zielstrebig auf meinen Eingang zuging. Luzi, die neben mir auf der Fensterbank gesessen hatte, sprang hinunter und folgte mir um meine Beine wuselnd zur Haustür. Das war ungewöhnlich, denn bisher hatte sie sich als etwas menschenscheu erwiesen. Meiner Putzfrau war sie weiträumig aus dem Weg gegangen, vor dem Briefträger hatte sie sich unter den Büschen versteckt, und bei einem Läuten an der Tür wurde sie regelrecht unsichtbar.

Ich hatte mich wieder einigermaßen im Griff, als ich öffnete, aber dann machte Gerold Schriver den Mund auf, und in mir fing es an zu brodeln. Gleiche Masche wie Engelbert! Auch wenn er bei näherem Hinsehen sowohl etwas älter um die Nase als auch etwas fülliger um die Hüften war. Ein flotter Fuffziger mit sacht gewelltem aschblondem Haar und konservativer Metallbrille.

»Ah, Frau Friedland, welch ein reizendes Häuschen Sie hier haben. Beinahe ganz mein Traum. Wenn Sie für Ihr eigenes Heim ein so gutes Händchen haben, dann bin ich bestimmt gut bei Ihnen aufgehoben.«

|15|War es Galle, die da so bitter in meinem Mund schmeckte? Mühsam beherrscht bat ich ihn, vor meinem Schreibtisch Platz zu nehmen, um ihm das noch druckwarme Exposé und die Pläne der Wohnung vorzulegen. Seltsamerweise strolchte Luzi noch immer um mich herum und hockte sich sogar auf die Rückenlehne meines Bürosessels. Auf meinen Kunden musste das eine bezaubernde Wirkung haben, denn er bot sein hinreißendstes Lächeln auf und schnurrte: »Frau Friedland, das schwarze Kätzchen steht Ihnen wundervoll zu ihren goldenen Haaren. Aber Sie werden doch wohl keine böse Hexe sein, die mich in ein Knusperhäuschen locken will.«

»Ich möchte Ihnen lediglich eine Wohnung anbieten, Herr Schriver«, antwortete ich nüchtern und begann mit meinen Erklärungen. Mit großer Aufmerksamkeit hing er allerdings nicht an meinen Lippen. Und schließlich unterbrach er mich.

»Entschuldigen Sie, wenn ich so eigen bin, aber könnten Sie Ihrer charmanten Pelzpfote wohl nahelegen, sich einen anderen Platz zu suchen? Sie werden es nicht glauben, aber der Blick Ihrer Katze macht mich nervös. Sie fixiert mich jetzt schon seit fünf Minuten.«

Beinahe wäre mir ein Spruch über den bösen Blick herausgerutscht, aber dann besann ich mich und bat Luzi höflich, den Raum zu verlassen. Mich erstaunte, als sie die Bitte ohne Murren befolgte, als habe sie mich verstanden.

»Gut erzogen, das Tierchen!«

»Katzen erzieht man nicht.«

Jedenfalls konnte Gerold Schriver sich anschließend besser auf das Objekt konzentrieren, und wir beschlossen aufzubrechen, um es in natura zu besichtigen. Ein kurzer Kampf ums Fahrzeug, und ich saß im Kabrio. Na gut, es war wirklich ein schöner Frühlingstag, und es wäre ein Jammer gewesen, sich nicht den lauen Fahrtwind um die Ohren wehen zu lassen.

|16|An dem ausgefallenen Terrassenbau angekommen, bemerkte ich eine leise Wandlung in Schrivers Verhalten. Er schien ruhiger zu werden und dämmte seinen professionellen Charme ein wenig ein. Das war mir erheblich angenehmer.

Die Besichtigung verlief hervorragend.

»Wunderbar, Frau Friedland. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Sehen Sie«, er kam mir etwas näher und streifte dabei meine Haare, als er mir mit vertraulich gesenkter Stimme gestand, »eine luxuriöse Wohnung ist für mich ein Muss, denn meine Position verlangt von mir, gewissen Repräsentationsverpflichtungen nachzukommen.«

Schön für ihn, dachte ich und zählte schon in Gedanken die Dollars.

»Es freut mich, wenn wir auf Anhieb das Richtige getroffen haben. Ihre Frau Gemahlin wird sich aber sicher die Wohnung auch noch ansehen wollen?«

Diesen Hinweis erlaubte ich mir einzustreuen, denn mir war nicht entgangen, dass Gerold Schriver es sich angelegen sein ließ, mir immer näher auf die Pelle zu rücken. Er reagierte jedoch nicht darauf, sondern sah versonnen aus dem Fenster, von dem man zugegebenermaßen einen beeindruckenden Blick über das Tal hatte. Er drehte sich um, nahm die Brille von der Nase und rieb sich mit einer beinahe hilflos wirkenden Geste die Nasenwurzel. Dann sah er mich kurzsichtig an und lächelte bedächtig.

»Ich denke, Sie sollten mir den Mietvertrag gleich mitgeben.«

»Na gut, dann fahren wir im Büro vorbei und regeln die Formalitäten.«

Auf der Rückfahrt verstärkte sich mein vager Verdacht, als seine eheberingte Hand beim Schalten immer häufiger in verdächtige Nähe meines Knies kam.

Nun halte ich mich nicht für eine besonders verführerische |17|Person. Tat ich übrigens noch nie, und jetzt, mit fünfunddreißig und einer gescheiterten Beziehung, war mein Selbstbewusstsein auf dem absoluten Nullpunkt angelangt. Außerdem gehört es zu meinem beruflichen Auftreten auch nicht dazu, irgendwelche Gelüste zu wecken, weder durch Worte, Werke noch Taten. Auch nicht durch Kleidung. Anders als Konkurrentin Ricarda, die mit geschlitztem Minirock oder dezent verrutschtem Dekolleté ihre vermutlich hypnotisierten Kunden verblüfft. Ich trage Hosen, Pullover, Blusen, eher sportlich als elegant. Außerdem ist meine Figur auch nicht das, was man gerne als Model auf dem Laufsteg sehen würde. Was also trieb Schriver die Begehrlichkeit in die Augen? War das seine Masche? Oder stand der auf so unscheinbare Typen wie mich?

Nachdem ich ihm die Unterlagen in die Hand gedrückt hatte, verblüffte er mich mit dem Vorschlag: »Hätten Sie denn vielleicht heute Abend etwas Zeit für mich, um diese erfolgreiche Transaktion zu feiern? Ich fand letzthin den ›Grünen Hasen‹ ganz annehmbar. Wir könnten ein Häppchen essen!«

 

Tiefstapler! Der ›Grüne Hase‹ ist unter Kennern die Adresse, und ich gehöre leider zu den Verfressenen, die einem exquisiten Essen sehr zum Schaden der Figur nicht widerstehen können. Außerdem kam mir die Idee, dass dieser flotte Fuffziger, wenn er wirklich seine Midlife-Crisis mit mir ausleben wollte, wenigstens einen kleinen Teil von dem zurückzahlen könnte, was Engelbert mir schuldete. Scheinheilig grinsend ging ich also auf seine Einladung ein.

Luzi wartete auf mich in der Küche und strich mir zur Begrüßung mit leisem Miauen um die Beine. Und ich, seit Wochen zum ersten Mal wieder gut gelaunt, nahm sie hoch und flüsterte ihr in die gespitzten Ohren: »Hey, Süße, heute Abend wollen wir mal einen Kater vernaschen. Machst du mit?«

|18|Sie schnurrte, wahrscheinlich, weil ich ihr das Kinn dabei kraulte. Dann sah ich meine Termine durch und befand, für diesen Tag genug Umsatz gemacht zu haben. Gerold Schriver sollte eine gepflegte Viktoria kennenlernen. Ja, mir war fast nach Übermut und sexy Aufmachung. Mal sehen, was der Kleiderschrank dazu zu bieten hatte. Wie gesagt, eher weniger, aber dann fanden sich doch ein kniekurzer schwarzer Rock – sooo schlecht sind meine Beine auch wieder nicht – und ein anschmiegsames Seidenblüschen. Und dieser schwarze Spitzenbody, denn ich einmal zu Ehren von Engelberts Geburtstag erstanden hatte, passte auch noch. Er durfte ein wenig im Ausschnitt blitzen.

Luzi beobachtete im Bad mein Hantieren mit Töpfen, Tuben und Tiegeln aufmerksam vom Wannenrand aus und folgte mir dann auf dem Fuße ins Schlafzimmer, wo ich mich in meine Ausgehkluft zwängte.

»Na, kann ich so auf Männerfang gehen?«

Luzi warf sich auf den Teppich und wälzte sich mit Lust, aber als ich mich bückte, um ihr weiches Bauchfell zu kraulen, fuhr sie völlig unerwartet die Krallen aus und zog mir einen langen Kratzer über die frischgelackten Fingernägel. Aggressiv war sie bisher noch nicht gewesen, deswegen fehlten mir im ersten Moment die Worte, um mit ihr zu schimpfen. Und dieses wild gewordene Biest stand auf, setzte sich auf die Hinterbeine und begann leidenschaftlich den Bettpfosten zu zerkratzen. Er ist aus Kiefernholz, und die Aktion gestaltete sich wirkungsvoll. »Spinnst du? Luzi! Sofort aufhören!«, schrie ich sie an.

Sie hörte auf, setzte sich vor mich hin und sah mich mit schräg geneigtem Kopf lange an, fast, als ob sie mir etwas sagen wollte.

Ich halte viel von der Intelligenz der Tiere; ich glaube, man unterschätzt sie oft. Gerade mit Katzen hatte ich gute Erfahrungen |19|gemacht, darum behielt ich diesen merkwürdigen Blick auch weiterhin im Gedächtnis.

Gerold Schriver holte mich ab, nicht ohne mich sofort mit schmeichelhaftesten Komplimenten zu überschütten. Und ich, gewillt, zu genießen, was mir so freizügig geboten wurde, nahm die Bewunderung mit kühlem Lächeln auf.

Im ›Grünen Hasen‹ schien Schriver bekannt zu sein, und als wir mit unserem Kir royal anstießen, fiel mir die schmale weiße Linie an seinem rechten Ringfinger auf. Da hatte vor ein paar Stunden noch ein goldener Ring gesessen. Na, wenn das nicht eindeutig war. Einfaltspinsel, der! Ich bestellte ungeniert.

Unsere Konversation plätscherte dahin, wir betrachteten das Wetter und seine diversen Varianten, den Immobilienmarkt im Allgemeinen und Besonderen, mondäne Urlaubsbeschäftigungen …

»Letzten Sommer habe ich einen Kurs in Drachenfliegen gemacht. Es ist unbeschreiblich gewesen!«

Ich hatte in meinem letzten Urlaub einen Kurs in Computertechnik gemacht, das war auch unbeschreiblich. Aber vermutlich in einem anderen Sinne. Außerdem interessierte es hier nicht, sondern Bewunderung war gefordert. Ich erlaubte mir das Stichwort.

»Ja, ist das denn nicht gefährlich?«

»Nun ja, ein wenig schon. Aber ein Mann muss bereit sein, Risiken einzugehen. Vor allem, wenn das Ergebnis derart lohnenswert ist.«

Sein Blick streichelte mein Seidenblüschen. Sollte ich ihn noch ein bisschen hochheben?

»Und Sie haben sich nicht verletzt dabei? Man hört doch von so schrecklichen Unfällen.«

»Ach, ein paar Kratzerchen, ein verstauchter Knöchel. Was ist das schon?«

|20|Dich möchte ich erleben, wenn du einen Kratzer abbekommst! Engelbert zum Beispiel konnte wundervoll leiden, wenn er sich einmal beim Rasenmähen den Knöchel aufgeschrammt hatte.

»Und gehen Sie diesem Sport jetzt auch noch nach?«

»Leider nein. Die Zeit, Sie wissen ja, die Verpflichtungen …«

»Die Familie …?«

Sehr angelegentlich beschäftigte sich mein Begleiter mit dem Wein, den ihm der Ober eingoss. Kennerisch ließ er ihn im Glas kreisen, schmatzte leise den Probierschluck und nickte dann wohlwollend.

Gut abgelenkt!

»Ach ja, ich komme immer nur im Urlaub zum Sport. Aber da probiere ich dann alles aus. In Portugal bin ich geritten, an der Riviera gesurft, ich kenne die Tennisplätze der besten Hotels. Das ist eben der Ausgleich zu meinem anstrengenden Beruf.«

»Sehr wichtig.« Ich nickte und legte Bewunderung in meine Mundwinkel.

»Und was haben Sie für Hobbys?«

Hatte ich welche? Ich bedachte mich kurz und kam zu dem traurigen Schluss, dass ich keine hatte. Jedenfalls keine vorzeigbaren wie Spitzen klöppeln, Kung-Fu oder Arachniden züchten. Bisschen lesen, bisschen kochen, das war’s schon. Aber da mein Begleiter zu der Gattung der Redner und nicht der Zuhörer gehörte, konnte ich ihn leicht ablenken. Wir streiften also seinen Einrichtungsstil – antik –, seine bevorzugten Automarken – sportlich –, seine Lieblingsspeisen … und seine Hand lag immer häufiger auf meinen bloßen Armen. Ich schlürfte gelassen meinen Wein, entzog mich den Anspielungen und Annäherungen und genoss seinen anbetenden Blick, der sich mit fortschreitender Stunde glutvoll steigerte. Gut, ich gebe zu, die Andeutung eines Kribbelns wagte sich in meinem Bauch zu rühren. So schlecht sah der flotte Fuffziger nun auch wieder nicht aus, auch |21|wenn die Unterhaltung mit ihm sich am Rande der Dümmlichkeit bewegte. Was mich wunderte, denn der gute Mann rühmte sich elitärer Bekanntschaften, berufsbedingt, denn als politischer Redakteur der Westdeutschen Zeitung hatte er sicher keinen schlechten Job. Aber seine Anspielungen auf seinen Freund, den Minister, und seinen guten Kumpel, den Staatssekretär, begannen mich nach dem dritten Aufguss zu langweilen. Das Kribbeln versiegte allmählich, und ich gähnte demonstrativ, was Schriver völlig richtig auffasste.

»Entschuldigen Sie, Viktoria, Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich, und ich langweile Sie mit den Histörchen aus meinem Alltag. Erzählen Sie von sich. Ich bin fasziniert davon, wie Sie Ihr Leben angehen. Es gibt so wenige Frauen, die sich erfolgreich in ihrem Beruf durchsetzen. Sie sind noch so jung. Wie sind Sie nur dazu gekommen, Maklerin zu werden?«

»Ach, Herr Schriver …« Ich betonte die Anrede besonders, denn sein Vorname stand noch nicht zur Debatte, doch prompt unterbrach er mich und säuselte: »Nennen Sie mich Gerold, bitte. Ich habe das Gefühl, Sie kennen mich jetzt wirklich schon richtig lange.«

Das Gefühl hatte ich meinerseits auch. Und mich sollte er jetzt kennenlernen. Das Kribbeln im Bauch war definitiv weg, und wieder kochte diese mörderische Wut in mir hoch. Wie gesagt, Engelberts Masche! Mit einer einfachen Frage zu seinem beruflichen Werdegang lenkte ich sein scheinheiliges Interesse an meinem Wirken ab. Es klappte hervorragend. Der Mann genoss es, sich selbst gründlich zu feiern. Vermutlich dachte er, mich damit beeindrucken zu können, wenn er mir seine einzelnen Karriereschritte schilderte. Mir kam allerdings zwischenzeitlich wieder Luzis seltsames Verhalten in den Sinn. Erst hatte sie sich lustvoll geräkelt, dann plötzlich zugekrallt.

Das war eigentlich eine Idee. Krallen hatte ich auch. Und |22|lustvoll räkeln … Na, einen Versuch zur Hebung des Selbstwertgefühls war’s wert!

Mit leichter Hand führte ich als die Situation dahin, dass Gerold sich bemüßigt fühlte, mich nach Hause zu fahren, ließ mir einen leidenschaftlichen Kuss im Auto gefallen und lockte dann mit Kühle. Gerold bettelte wie ein Primaner, ernsthaft in Fahrt gekommen. Ich ließ mich erweichen – nur ein Kaffee noch in meiner Wohnung. Das Spiel fing an, mir Spaß zu machen.

Nach dem Kaffee wollte er deutlicher werden, ich wurde noch deutlicher.

»Finger weg, Herzblatt, das steht nicht im Vertrag.«

Er zog mich an sich und stöhnte mir leise ins Ohr: »Viktoria, ich begehre dich. Ich begehre dich mehr als jede andere Frau.«

»Was würde denn deine Frau dazu sagen?«

»Meine Frau?«

Verletzte Blicke trafen mich.

»Komm, schummle nicht, Gerold. Der kleine, goldene Ring war heute Mittag noch an dem Finger. Ich habe die ganze Zeit deine subtile Taktik bewundert, das Thema abzubiegen, wenn ich darauf zu sprechen kam.«

Bingo, das hatte gesessen. Mitten im Schwung einer neuerlichen Umarmung blieb ihm der Unterkiefer hängen. Er fasste sich jedoch schnell und tischte mir das alte Märchen von der bevorstehenden Trennung auf.

»Hübsche Story. Ist sie dir zwischen Umziehen und Essengehen eingefallen?«

»Viktoria, glaub mir doch. Meine Frau versteht mich nicht!«

Der klassische Ausspruch. Es gab ihn also wirklich. Und nur eine Erwiderung darauf: »Verstehst du sie denn?«

Ein kummervoller Dackelblick traf mich. Ich verstand ihn auch nicht, oje, oje. Bevor er ein gefühlstriefendes Lamento anstimmen konnte, empfahl ich ihm: »So, und jetzt wäre ein würdevoller |23|Abgang nicht verkehrt, sonst wundert sich dein Freund, der Minister, morgen über die dunklen Ringe unter den Augen.«

»Aber Viktoria, du …«

»Ich wollte mal sehen, wie weit du so gehen würdest. Den Versuch können wir an dieser Stelle abbrechen.«

Er war schwerer wieder auf den Boden zu bringen, als ich dachte, es bedurfte noch ein paar sehr eindringlicher, scharfkralliger Ermahnungen, bis ich endlich in mein einsames Bett fallen konnte. Und das fand ich in diesem Moment auch ganz gut so.

Außerdem war da noch Luzi, das teuflisch schwarze Katzentörtchen, das zufrieden wie eine ganze Mannschaft Holzfäller schnarchte.

Wenn ich dachte, das Thema Schriver sei damit beendet, dann täuschte ich mich. Gerold hatte sich offensichtlich ein Problem eingehandelt. Er behauptete steif und fest, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu lieben. Stündlich erhielt ich Telefonanrufe, Blumensträuße, Mails, immer mit der flehenden Bitte, ihm noch ein, nur ein weiteres Treffen zu gewähren. Ich weidete mich an seiner Qual – und blieb unerreichbar.

Abgesehen davon hatte ich zu tun. Endlich lief das Geschäft wieder an.

 

Es war zum Mäusemelken, seit zwanzig Minuten suchte ich schon diese dämliche Waldstraße, wo angeblich das komfortable Landhaus der Wenzels stehen sollte. Ich hasse es, unpünktlich zu Besichtigungsterminen zu kommen. Außerdem war das hier ein Millionenobjekt, was mir nicht nur finanziell, sondern auch imagemäßig ungeheuer gut in den Kram passen würde. Mietwohnungen in Mehrfamilienhäusern bringen zwar das tägliche Brot; Butter, Lachs und den trockenen Weißen brachten die Einfamilienhäuser.

Aber der Schuppen schien nicht nur in einer ruhigen Waldrandlage |24|zu liegen, sondern sich gänzlich von dieser Welt zurückgezogen zu haben. Selbst das Navi versagte mir seine Dienste, und mit der Straßenkarte auf dem Lenkrad fuhr ich noch einmal langsam aus dem Ort hinaus, als mich ein ohrenbetäubendes Hupen zusammenfahren ließ. Himmel, was für ein Rüpel. Klar, was fährt auch schon einen weißen BMW! Als er an mir vorbeirauschte, sah ich nur das vorwurfsvolle Kopfschütteln eines hartgesichtigen Mannes. Meinen kochenden Blick ignorierte er.

Kurz darauf hatte ich endlich die Waldstraße gefunden, die mit Recht so hieß. Gerade noch pünktlich. Aber die Lage … Immerhin war der Feldweg asphaltiert.

Ich holte dreimal tief Luft, denn die Herrschaften sollten genau der seriösen Maklerin begegnen, der sie schon immer vertrauensvoll ihr trautes Heim zum Verkauf überlassen wollten. Dann stieg ich aus meinem Wagen und sah mir das Landhaus von außen an. Es war, milde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Aber wenigstens würde ein etwas weniger enthusiastischer Bayernfan die Lüftelmalerei einfach überstreichen können.

Auf mein Klingeln öffnete mir die Dame des Hauses. Und die Begegnung mit meinem ersten, Wirklichkeit gewordenen Alptraum begann. Nicht nur, dass dieses Haus von vorne bis hinten verbaut war, nein, Rosmarie Wenzel hatte auch eine sehr dezidierte Vorstellung davon, in welcher Höhe der am Markt zu realisierende Preis für das Liebhaberobjekt anzusetzen war.

»Und – äh – wie sind Sie auf diesen Preis gekommen?«, wagte ich schüchtern zu fragen.

»Der Gatte der Schwester meines Mannes ist aus der Branche! Er hat eine Schätzung vorgenommen. Bei der Quadratmeterzahl, dem Grundstück, der Lage und vor allem der komfortablen Ausstattung hat er gemeint, der Wert sei durchaus realistisch.«

Frau Wenzel brachte das mit einem solchen Brustton der Überzeugung |25|heraus, dass ich die Qualifikation ihres Schwippschwagers nicht in Abrede stellen wollte. Nein, ich war kurz davor, das Terrain mit drei, vier vernichtenden Kommentaren zu verlassen, als sich dann auch noch der Herr des Hauses hinzugesellte.

»Guten Tag, mein Name ist Doktor Wenzel.«

Er war etwas kleiner als seine Frau und äußerst schmächtig. Daher rührte wahrscheinlich auch sein etwas kraftloser Händedruck. Ich begrüßte ihn recht kühl, halb im Begriff, zu gehen, doch Frau Wenzel hielt mich auf.

»Wir sind ja beide berufstätig, Frau Friedland, mein Mann ist Germanist, und ich bin in den musischen Fächern tätig. Und dennoch haben wir viel, viel Zeit investiert, uns ein kuscheliges Zuhause zu schaffen. Sie müssen sich unbedingt ein Bild davon machen.«

So, damit brauchte ich erst einmal nicht auf den dummen Gedanken zu verfallen, der Herr Gemahl sei nur ein popeliger Pädagoge. Nein, Vollgermanist war der Mann. Sie aber war von den Musen geküsst, die sie befähigten, Musik, Kunst und Handarbeit zu unterrichten.

Gemeinsam schilderten sie mir mit eindringlichen Worten und anhand vieler innenarchitektonischer Beispiele, mit wie viel Liebe sie gemeinsam in ihrer karg bemessenen Freizeit ihr Heim gestaltet hatten. Und jetzt, jetzt hatte er, der Herr Doktor, die einmalige Chance erhalten, in einer anderen Stadt Schulleiter zu werden. Ich vermied es, ihn darauf hinzuweisen, dass andere Leute auch schon mal eine halbe, Dreiviertelstunde Fahrzeit auf sich nehmen würden, um an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Jedenfalls hatte er wenigstens so viel Feingefühl, zu bemerken, dass ich bei der Bewertung des Objektes unter Zahnschmerzen zu leiden begann, und fragte mich nach meiner Vorstellung. Ich rechnete kurz nach und pokerte dann. Vielleicht, vielleicht fand sich ja wirklich ein Freund abgelegener Bausünden. Und |26|meine Courtage … Ich brauchte sie dringend, also willigte ich zu einem etwas herabgesetzten Preis ein, den architektonischen Heuler auf den Markt zu bringen. Beladen mit Plänen und Unterlagen und schon wieder durch die Redseligkeit der Lehrerzunft in Zeitdruck geraten, donnerte ich mit durchdrehenden Reifen vom Hof.

Denn als Nächstes stand das vielversprechende Geschäft mit dem Herrn Ungermann von U. M.-Bau auf dem Terminplan. Die Bemerkung von »einigen Häusern« hatte mich inzwischen richtig neugierig gemacht. So ein bisschen wunderte ich mich während der Fahrt, wie dieser Mann ausgerechnet auf mich gekommen war. Aber womöglich hatten ihn meine geschmackvollen Anzeigen angesprochen. Jedenfalls, wenn ich einen Exklusivvertrag über »einige Häuser« bekommen könnte, wäre ich für die nächste Zeit alle Sorgen los. Sogar der Landhausalptraum war ein Erdnüsschen dagegen. Umso mehr war mir daran gelegen, bei Ungermann einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und der fing damit an, pünktlich zu sein.

Ich war knapp in der Zeit, und meine Nachsicht für langsam bummelnde Verkehrsteilnehmer näherte sich dem unteren Grenzwert. Laut vor mich hinschimpfend, quetschte ich mich an Trödeljohnnies und Transusen vorbei, und erst als ich einmal empört auf die Hupe drückte, fiel mir wieder ein, wie ich mich selbst darüber vor noch nicht allzu langer Zeit geärgert hatte. Mit einem unwillkürlichen Lächeln empfand ich beinahe Verständnis für den BMW-Fahrer.

Dieses neuerworbene Verständnis verflüchtigte sich jäh, als ich in eine Lücke rückwärts einparken wollte und ebendieser BMW sie mir belegte. Es war derselbe! Ich erkannte den dunkelhaarigen Fahrer. Mit schierer Selbstdisziplin hielt ich mich am Lenkrad fest, um nicht auszusteigen und dem Kerl in gesetzten Worten die Meinung zu sagen. Knurrend kreiste ich anschließend |27|noch geschlagene drei Mal um den Gebäudekomplex und erschien dann mit einer viertelstündigen Verspätung bei meinem Termin.

Diese Verspätung wurde mir zum Glück nicht übelgenommen, im Gegenteil – Heinz Ungermann und ich schieden nach zwei Stunden konstruktivster Unterhaltung als gute Freunde. Ich begann schon, Luftschlösser zu bauen. Fünfundzwanzig Luftschlösschen! Nur für mich!

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