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Wollsockenwinterknistern

 

 

 

 

 

 

Liebesroman

Wollsockenwinterknistern

(K)ein Weihnachtsroman

Karin Lindberg

 


1.      Auflage

Lektorat: Katrin Engstfeld, www.kalliope-lektorat.de

Korrektorat: Sandra Nyklasz

Umschlaggestaltung: Casandra Krammer

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Copyright © Karin Lindberg

www.karinlindberg.info

 

 

 

Kapitel 1

 

„Hast du jetzt genug in Selbstmitleid gebadet?“, höre ich meine beste Freundin Nicole neben mir.

„Ich bade überhaupt nicht in Selbstmitleid“, schnappe ich und starre sie mit zusammengekniffenen Augen an. Ich umklammere die Teetasse mit beiden Händen, um mich daran zu wärmen.

„O doch, meine Liebe, und ich werde mir das nicht mehr länger mitansehen!“ Sie hat ihre Arme vor ihrer stattlichen Oberweite verschränkt. Das bedeutet, sie macht keine Witze, und mir wird leicht mulmig.

„Dann sieh halt nicht hin!“ Dass ich wie ein bockiges Kind klinge, ist mir mal so richtig egal.

„Das ist aber verdammt schwer, denn du bist mir sehr wichtig und ich finde es schlimm, dich leiden zu sehen. Und deswegen gehen wir heute aus. Komm mal mit“, lockt Nicole, zupft am Ärmel meines Wollpullovers und verschwindet einen Moment später aus dem Wohnzimmer. Ich runzele die Stirn. Ich habe keine Ahnung, was dieses eindrucksvolle Luder schon wieder ausgeheckt hat, aber es kann nichts Gutes sein. Dann begreife ich und ein Stöhnen schleicht sich über meine Lippen.

„Komm schon! Oder muss ich dich nach oben tragen?“, ruft sie mir aus der Diele zu.

Seufzend richte ich mich auf, stelle die leere Tasse auf dem Wohnzimmertisch ab und schlurfe kraftlos auf sie zu.

Ich habe null Bock auf das Abitreffen. Bei den meisten meiner ehemaligen Mitschüler bin ich sogar froh, dass ich sie seit knapp zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Nicht aber meine beste Freundin. Sie steht bereits – mit einer Sporttasche bepackt – auf der Mitte der Treppe und denkt gar nicht daran lockerzulassen. Ich hätte vorhin schon misstrauisch werden sollen, als sie mit dem Ding reingekommen ist. Nicole geht nämlich selten freiwillig zum Sport. Mir hätte also gleich klar sein müssen, dass sie irgendwas vorhat, das keinen Ausflug auf die Yogamatte beinhaltet. Jetzt ist es zu spät. Mist.

„Zack, zack!“, sagt sie jetzt, und ihr Ton duldet keinen Widerspruch. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie täglich ihre Kinder herumkommandiert – mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sehr erfolgreich. Mühsam ziehe ich meine müden Knochen am Treppengeländer nach oben, so langsam wie möglich, auch um Zeit zu schinden, hauptsächlich aber, weil mir absolut die Kraft fehlt, mich auf eine Party vorzubereiten. Widerworte wären jetzt allerdings mein endgültiges Todesurteil. Jedenfalls, wenn sie so entschlossen ist wie in diesem Moment.

Oben angekommen, schiebt mich Nicole sichtlich ungeduldig ins Badezimmer. Ihr Gesichtsausdruck macht mir mittlerweile ein bisschen Angst, wenn ich ehrlich bin.

„Was hast du vor?“, frage ich vorsichtig, ihren Bewegungen misstrauisch mit den Augen folgend.

„Du ziehst jetzt deine Klamotten aus und machst das, was ich dir sage!“, kommandiert sie mich weiter herum.

Für einen kleinen Moment bin ich sprachlos, dass sie wirklich in diesem Ton mit mir spricht – als ob ich ihre Leibeigene wäre! Alles muss ich mir auch nicht bieten lassen. Ich schnaube laut auf und zeige ihr einen Vogel. „Du hast sie doch nicht mehr alle. Ich werde nirgendwohin gehen! Du bist nicht meine Mutter, also hör auf, mich so zu behandeln.“

„Pff, als ob du auf deine Mutter hören würdest. Wo ist sie eigentlich? Marie, ich habe seit acht Wochen keine Kohlenhydrate mehr gegessen und fünf Kilo für dieses verdammte Abitreffen abgenommen. Du machst jetzt also gefälligst, was ich dir sage! Ich muss dich nicht darauf hinweisen, dass du in Lebensgefahr schwebst, wenn du dich hier weiter so aufführst?“

Muss sie nicht. Ich bin vielleicht blond, aber nicht total blöd.

Während ich mich mit verschränkten Armen vor dem Waschbecken platziere, öffnet sie den Reißverschluss der knallroten Sporttasche, die auf dem hellen Fliesenboden steht. Die offizielle Eroberung des Badezimmers ist damit abgeschlossen.

„Na, wird’s bald? Hosen runter!“ Nicoles Wangen sind gerötet, und ich weiß, dass ich endgültig und unwiederbringlich verloren habe. Widerstand absolut zwecklos. Außerdem habe ich in einem Anfall geistiger Umnachtung letzte Woche zugesagt, dass ich auf ein Stündchen mitkommen würde. Ich bin also selbst schuld, dass sie sich hier aufführt wie Schwester Hildegard. Irgendwie habe ich gehofft, dass vielleicht eines ihrer Kinder krank wird und sie nicht kommen kann, aber Magen-Darm gibt’s auch bei Kindergartenkindern nicht auf Bestellung. Leider.

„Kacke“, flüstere ich leise vor mich hin, während ich die ausgeleierte Jogginghose nach unten ziehe und umständlich aus den Hosenbeinen steige.

„Ach, du Schande! Aber echt. Wann hast du dir das letzte Mal die Beine enthaart? Rasiert?“ Meine Freundin lässt sich mit weit aufgerissenen Augen auf den Rand der Badewanne sinken. „Hiermit werde ich eine Weile beschäftigt sein. Mein lieber Mann! Nur gut, das ich schon so früh gekommen bin.“

„Ganz toll, ja. Was hab’ ich doch für ein Glück“, gebe ich sarkastisch zurück und schäme mich wirklich ein bisschen für meinen verwahrlosten Zustand.

Nicole geht zum Glück nicht weiter darauf ein, sondern kramt in der Tasche und fördert allerhand Utensilien zutage, mit denen sie meiner Körperbehaarung zu Leibe rücken will. Kaltwachsstreifen, Babyöl, Pinzette und allerhand kleine Fläschchen, bei denen ich nicht genau weiß, was drinnen ist. Sogar fürs Gesicht und die Intimzone hat sie Extrapackungen Enthaarungswachs gekauft. Als ich das sehe, komme ich mir fast vor, als wäre ich ein Gorilla. Dabei ist es wirklich nicht sooo schlimm, versuche ich mir wenigstens einzureden. Immerhin bin ich naturblond, meine Körperbehaarung fällt also quasi kaum auf. Völlig unnötig, diese Prozedur ... Mir schwant Schlimmes, denn Schmerzen habe ich noch nie gut ausgehalten. Ich will das nicht und beäuge meine Beine mit Widerwillen. Leider hat Nicole in einem Punkt doch recht: Mein Zustand ist, um es mit einem Wort auszudrücken, schlimm.

Seit mich mein Freund vor zwei Wochen rausgeworfen hat, habe ich zu nichts mehr Energie aufgebracht, außer um mich selbst zu bemitleiden. Zähneputzen und Duschen waren das Höchstmaß an Körperpflege, das ich in diesem Stadium gerade eben so noch habe bewältigen können. Meine Haare sind in diesem Moment zu einem schlampigen Dutt zusammengedreht und das letzte Mal habe ich sie, glaube ich, vor drei Tagen gewaschen. Vielleicht waren es auch vier? Ach herrje! Aber für wen soll ich mich hübsch machen? Mein Freund, ähm, Exfreund vögelt just in diesem Moment wahrscheinlich gerade seine Neue. Seinen Facebook-Status musste er nicht mal ändern. Nur die Freundin wurde ausgetauscht. Holger Ludwigs – in einer Beziehung mit ... Na ja, jedenfalls nicht mehr mit mir. Arschloch.

Der Gedanke an ihn treibt meinen Puls in die Höhe.

Dieser miese Verräter.

Ich wünsche ihm die Pest an den Hals oder wenigstens eine fiese Geschlechtskrankheit.

Aber mir bleibt nicht mehr Zeit, mich in meiner Wut zu verlieren, denn in genau diesem Moment wird meine volle Aufmerksamkeit auf meinen Unterschenkel gelenkt. Nicole hat mir bereits zwei Kaltwachsstreifen auf selbigen geklebt und zieht sie jetzt mit einem herzhaften Ruck ab.

Ich schreie auf.

„Aua, scheiße, tut das weh!“

„Reiß dich jetzt zusammen, Mädel! Du wirst es mir später noch danken“, herrscht sie mich mit konzentrierter Miene an.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich mich für diese Prozedur zu irgendeinem Zeitpunkt bei meiner bald ehemals besten Freundin bedanken werde.

Das Brennen klingt langsam ab, aber Nicole kennt keine Gnade. Die nächsten beiden Streifen werden auf meiner Wade platziert. Ich kralle mich am Duschvorleger fest. Das Ratschen des Kaltwachses lässt mich erneut wimmern. Ich werde definitiv nicht zum Abitreffen gehen können, denn bis dahin bin ich vor Schmerzen krepiert.

Wenigstens ein Lichtblick ...

Zwei Stunden nach Beginn der Tortur stehen wir immer noch im Badezimmer, mein körperlicher Zustand hat sich allerdings ein wenig verändert. Babyglatte Haut, seidig schimmernde blonde Wellen, lackierte Nägel und Smokey Eyes ... und ein kleiner Schwips. Glücklicherweise hat Nicole nämlich außer dem Drogeriemarkt auch noch einen Supermarkt angesteuert und für Flüssignahrung gesorgt. Die Flasche Sekt ist bis auf einen letzten Rest leer und ich fühle mich so beschwingt wie schon eine ganze Weile nicht mehr.

„Ich weiß gar nicht, warum ich das alles mitmache ...“, grummele ich, den Kopf abgewandt, damit sie mein halbes Grinsen nicht sieht, als wir nylonbestrumpft die Holztreppe nach unten stolzieren.

„O Mann. Kannst du irgendwann mal damit aufhören? Jetzt sind wir schon so weit gekommen ...“

„Ha, so weit gekommen! Wir sind gerade einmal ein Stockwerk tiefer.“

„Ach, du wieder, Marie. Ich habe mich hier in die teuerste Unterwäsche meines Lebens gezwängt.“

„Ich hab’ dir nicht gesagt, du sollst dir Shapewear besorgen! Die sieht nicht mal hübsch aus.“

Nicole hält einen Moment inne, lässt ihre Schultern sinken und fixiert mich mit ihren hübschen dunklen Augen.

Mist. Den Blick kenne ich allzu gut. Gleich macht sie mich einen Kopf kürzer.

„Marie, kannst du nur für einen Moment aufhören, an dich und dein Elend zu denken? Ja? Kannst du das? Es ist mir scheißegal, ob diese Unterwäsche gut aussieht, solange sie meinen Bauch flach und meinen Arsch eine Nummer kleiner macht. Ich habe es in den letzten zehn Jahren zu was gebracht, ich ... Wir sind nicht mehr die grauen Mäuse von früher! Ich will diesen Abend genießen und sehen, was aus den anderen geworden ist.“ Gut, ich lebe noch, aber ich bin garantiert zwei Zentimeter kleiner. Trotzdem hebe ich eine Augenbraue und wage eine vorsichtige Antwort, wenig diplomatisch, aber wahr: „Die meisten unserer ehemaligen Mitschüler leben immer noch im gleichen Ort, zumindest im gleichen Landkreis, soweit ich weiß. Also ... na gut, von mir aus. Ich sag’ nichts mehr.“ Abwehrend hebe ich beide Hände in die Luft und Nicole atmet hörbar aus. „Gott sei Dank, besser isses. Gönn mir den Abend und hör auf, mir auf die Nerven zu gehen, wenn du es schon nicht genießen kannst. Noch einen Drink, bevor es losgeht?“ Letzteres klingt schon wieder ganz versöhnlich, immerhin.

„Cosmo?“, fragte ich wohlwissend, dass meine Mutter nicht alle Zutaten dafür im Haus hat. Ich würde in ihrem Vorratsschrank höchstens vielleicht Cranberrysaft finden, mit dem sie ihre häufigen Blasenentzündungen auskuriert. Von Limettensaft, Wodka und Orangenlikör hat sie vielleicht schon mal was gehört, aber gekauft hat sie davon sicher nie etwas.

„Hat man dir das mit den feinen Cocktails in Hamburg beigebracht, oder wie?“, fragt Nicole und sieht mich schräg an.

„Nein, das hat mir ‚Sex and the City‘ beigebracht. Müssen wir nicht los?“, lache ich.

„Ach, jetzt hast du es auf einmal eilig?“, kontert sie, und in diesem Moment wird mir klar, dass ich eine supermiese Freundin bin. Nicole ist nervös. Für sie ist es ein besonderer Abend, für mich hingegen ... eine Qual.

„Je eher wir hingehen, desto früher können wir wieder nach Hause“, gebe ich daher achselzuckend zurück und bleibe noch einmal vor dem Spiegel in der Diele stehen. Mein blondes Haar fällt mir in sanften Wellen über die Schultern. Der Ausschnitt des schwarzen Kleides ist zwar sündhaft tief, aber es ist das einzige, das für diesen Abend halbwegs geeignet ist. Außer diesem habe ich nämlich nichts Taugliches. Als Verwaltungsfachangestellte besucht man äußerst selten Veranstaltungen, auf denen festliche Kleidung Pflicht ist. Dieses Exemplar jedoch habe ich mir für einen Theaterbesuch im letzten Jahr besorgt, der dann buchstäblich ins Wasser gefallen ist: Das Stück wurde wegen eines Wasserschadens abgesagt und mein Kleid ist damit unbenutzt im Schrank hängen geblieben. Tja, und einen Job habe ich seit zwei Wochen auch nicht mehr. Aber das ist ein anderes, sehr unerfreuliches Thema, mit dem ich mich heute Abend sicher nicht befassen möchte. Momentan befinde ich mich auf dem absoluten Tiefpunkt meines neunundzwanzigjährigen Lebens. Ich bin eine Versagerin. Und auch noch Single. Wo ist der nächste Fluss, in dem ich mich ertränken kann?

Nicole stupst mich in die Seite und ihr Spiegelbild erscheint neben meinem.

„Guck nicht so ernst. Du siehst toll aus, Marie!“, höre ich meine beste Freundin neben mir sagen, während sie mich anlächelt und den Arm um meine Taille legt. Ich fühle mich gleich ein bisschen besser. Komplimente helfen doch immer.

„Danke. Du siehst aber auch superklasse aus. Wahnsinn, das Rot steht dir so gut!“, revanchiere ich mich und meine es auch so. Sie ist wirklich sehr hübsch mit ihren dunkelbraunen glänzenden Haaren und den symmetrischen Gesichtszügen.

„Hi, hi, ja, und die langen Ärmel kaschieren meine schwabbeligen Oberarme“, lacht sie verlegen.

„Hör doch auf!“

„Erinnerst du dich nicht? ‚Pfannkuchengesicht‘ haben sie mich immer genannt.“

„Jesus, Nicole, das war in der Grundschule!“

„Ja, aber das habe ich nie vergessen. Kinder können grausam sein.“ Ihre melodische Stimme klingt ein wenig melancholisch und sie schaut bedrückt auf den Boden. Oje, nicht, dass es gleich Tränen gibt! Ich habe in den letzten zwei Wochen genug für ein ganzes Leben geheult. Schnell lenke ich ein: „Stimmt, das ist wahr. Na, komm, lass uns gehen. Ich verspreche hoch und heilig, ich werde mir Mühe geben, dass du einen schönen Abend hast.“ Zur Sicherheit hebe ich meine Hand zum Schwur und Nicole kichert. Sie bleibt nie lange schlecht gelaunt und kann einem selten ernsthaft böse sein – genau das Gegenteil von mir. Ich bin leider nachtragender als ein Elefant. Das würde ich aber nie vor jemandem zugeben. Wahrscheinlich bin ich genau deswegen so lange und so gut mit Nicole befreundet, weil wir uns eben perfekt ergänzen. Wir ziehen unsere Winterjacken über – es ist ganz schön kalt und windig heute – und schlüpfen in unsere Schuhe. Dann sind wir auch schon unterwegs in die dunkle Herbstnacht.

 

Wenig später klopft mein Herz bis zum Hals. Warum noch mal will ich mir das antun?

Richtig. Weil ich eine gute Freundin bin.

Verdammt. Vielleicht muss ich mal einen Kurs besuchen: So lernen Sie, in den richtigen Momenten Nein zu sagen. Nun ja. Jetzt jedenfalls ist es zu spät dafür. Nicole schiebt mich mehr oder weniger durch die rote Doppeltür in das historische Gebäude, in dem unser altes Gymnasium untergebracht ist. Äußerlich hat sich hier in den letzten zehn Jahren wenig bis gar nichts verändert. Musik und warme Luft schlagen uns entgegen und vor uns gehen ein paar unserer ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen, deren Namen mir auf Anhieb nicht einfallen. Sie könnten aber auch zu einem anderen Jahrgang gehören, da nicht nur unser Abitreffen sich heute hier jährt. Aber da wir das zehnjährige feiern, hielt unser Jahrgang bei der Planung das Zepter in der Hand. Nicole war im Organisationsteam; wahrscheinlich wollte sie deswegen unbedingt herkommen. Irgendwie habe ich meine Schulzeit ziemlich weit hinten in meinen Erinnerungen vergraben. Es ist nicht so, dass ich überhaupt keine Freunde gehabt hätte, aber zu den Coolen und Hippen habe ich nie gehört. Ich war eher so der unsichtbare Typ, der nie besonders auffällig war. Mehr so wie ein Fisch im Schwarm, angepasst und Mainstream. Außer beim Beachvolleyball, da habe ich immer eine ganz gute Figur gemacht. Eine sehr gute sogar.

Nicole hakt sich bei mir unter. Sie trägt ihr Kinn hoch und ihren üppigen Busen voran. Im Gegensatz zu mir hat sie noch nie Berührungsängste gehabt.

Ich trete zusammen mit ihr in die dekorierte Aula meines ehemaligen Gymnasiums. Mein Atem kommt flach, mein Puls rast. Das Gefühl, eine Versagerin zu sein, lässt mein Selbstvertrauen auf Ameisengröße schrumpfen. Dann sehe ich ihn. Mein Herz bleibt einen Moment stehen, bevor es in ungleichmäßigem Takt weiterschlägt.

„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass er hier ist?“, flüstere ich Nicole hektisch zu. Mir ist heiß und kalt zugleich und ich wünschte, ich hätte mich auf diesen Moment vorbereiten können.

„Wer, Lennart?“, gibt sie grinsend zurück.

„Du blöde Kuh bist doch im Organisationskomitee, du hast doch sicher einen Blick auf die Liste mit Zusagen geworfen“, zische ich nun deutlich lauter.

„Ich dachte, es wäre nicht so wichtig“, säuselt sie unschuldig. In mir reift das Verlangen, ihr eine reinzuhauen.

„Ich hasse dich“, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Am liebsten würde ich meine Beine in die Hand nehmen und davonlaufen. Trotzdem bleibe ich stehen und starre Lennart einfach nur an. Er sieht gut aus. Viel zu gut. Er ist komplett in Schwarz gekleidet, seine dunkelblonden Haare sind leicht mit Gel frisiert und er lächelt in die Gesprächsrunde. Natürlich ist er umringt von einigen Frauen und Kerlen. Er war immer schon beliebt bei den Jungs und begehrt von den Mädels. Von allen Mädels. Jetzt, wo er reich und erfolgreich ist, werden sie ihn noch mehr umschwärmen als früher. Als ob er ahnen würde, dass ich ihn beobachte, dreht er seinen Kopf in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich ...

 

Aber halt. Erst mal zurück an den Anfang. Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass ich wieder bei meiner Mutter eingezogen bin – was im Übrigen nur vorübergehend ist – und damit wieder im wohl langweiligsten Kaff Norddeutschlands wohne?

Es ist jetzt etwas mehr als zwei Wochen her, dass ich wie üblich in meinem Hamburger Büro saß und meinem Job bei einer Wohnungsbaugesellschaft als Verwaltungsfachangestellte nachgegangen bin. Gekriselt hat es schon länger zwischen mir und meinem Chef, aber dass ich der alten Dame aus der Westermannstraße 43 nicht – wie von ihm aufgetragen – die Wohnung zum Monatsende gekündigt habe, war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es hat schon öfter kleinere Probleme gegeben, weil ich immer wieder die Interessen der Mieter vertrat, anstatt meinem Arbeitgeber mehr Profit einzubringen. Ich tat das nicht aus einem Anfall von Samaritertum, sondern vielmehr, weil mir die Machenschaften der Wohnungsbaugesellschaft etliche Male unfair vorgekommen sind. Und dann habe ich mir mit Frau Sablotzky wohl zu viel herausgenommen, aber die nette alte Dame hat mir einfach leidgetan – sehr leid sogar. Sie wohnte seit mehr als dreißig Jahren in dieser Wohnung, war weit über achtzig, und für sie gab es nichts Schlimmeres, als ihre Bleibe und damit ihr langjähriges Zuhause zu verlieren. „Ich werde mich eher umbringen, als hier ausziehen. Dann können sie mich im bleiernen Sarg hier raustragen. Aber auf meinen eigenen Füßen verlasse ich meine Wohnung nicht“, hat sie immer wieder gesagt – und ich habe ihr geglaubt. Tja, und dann hat mein Chef wohl kontrolliert, ob die Wohnung endlich frei ist, da sie den gesamten Komplex modernisieren wollten, um die Mieteinnahmen erheblich zu steigern. Dieser fiese Sklaventreiber Matzek hat sich nicht mal die Mühe gemacht, meine Kündigung irgendwie nett zu verpacken. Er ist einfach in mein Büro gekommen und hat mir einen Umschlag auf den Tisch gelegt. „Hier ist Ihre fristlose Kündigung, das war jetzt eine Nummer zu viel. Packen Sie Ihren Kram, Sie sind den Rest des Monats freigestellt. Ihre Papiere schicken wir Ihnen zu.“ Kein „Tschüss“, kein „Vielen Dank für die Arbeit in den letzten vier Jahren“, kein „Alles Gute auf dem weiteren Lebensweg“. Einfach emotionslos neutralisiert.

Aber das war noch nicht alles an diesem Tag. Ein wenig bedröppelt war ich nach dem Rauswurf schon, anders kann ich es nicht sagen, aber ich bin eigentlich kein Mensch, der lange mit dem Schicksal hadert. Deswegen wollte ich das Beste aus dem Tag machen, fuhr also auf dem Rückweg zum Supermarkt, kaufte für ein nettes Dinner ein und stellte mich ganze zwei Stunden in die Küche, um ein leckeres Abendessen für mich und meinen Freund Holger zuzubereiten, obwohl ich absolut keine Meisterköchin bin. Gegen acht saß ich da, mit meinem Glas Wein. Die Kerze brannte auf dem Tisch und das Essen köchelte auf kleiner Flamme. Aber Holger kam nicht. Sein Handy war ausgeschaltet. Gegen dreiundzwanzig Uhr hörte ich den Schlüssel im Schloss – natürlich war das Abendessen längst kalt. Um neun habe ich den Herd abgedreht, weil ich ihn nicht erreichen konnte. Um meinen Tag perfekt zu machen, teilte mir Holger nach einem unverbindlichen „Hallo“ mit, dass unsere Beziehung beendet sei.

„Marie“, sagte er, „es geht nicht mehr länger. Ich möchte, dass du ausziehst. Ich liebe dich nicht mehr.“

Bumm. Der Schlag hat gesessen.

Dass er mich dermaßen kalt und ohne Zögern nach vier Jahren abservierte, hat mir den letzten Rest Boden unter den Füßen weggezogen.

Erst dachte ich noch, er macht vielleicht Witze, aber sein ernster Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel. Und es war nicht mal Freitag, der 13., und leider auch nicht der 1. April.

„Ich möchte, dass du bis zum Wochenende ausgezogen bist.“

„Was?! Wo soll ich denn hin?“, gab ich völlig aufgelöst zurück. Von meiner Kündigung hatte ich ihm noch nichts gesagt.

„Ich weiß es nicht, schau halt mal bei Airbnb oder so. Es gibt doch überall freie Zimmer in WGs. Wir sind ja in Hamburg und nicht in Wanne-Eickel“, warf er mir weiter völlig nüchtern Informationsbrocken hin. Genau, in Hamburg, wo viele für eine anständige Wohnung ihre Seele verkaufen würden. Ein zynisches Lachen hat die Stille durchbrochen. Es hat einen Moment gedauert, bis ich realisiert habe, dass es meines war.

Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hat es ja so kommen müssen. Das Ende unserer Beziehung hat sich leise und schleichend über Monate hinweg abgezeichnet. Ich mache mir da nichts vor, aber gerade an diesem Abend hätte ich eine starke Schulter gebraucht, um mich auszuheulen. Hätte er nicht einen Tag länger warten können, bevor er mich rauswarf? Irgendwann im Verlauf des Abends ging mir dann auf, dass Holger längst eine Neue hatte. Weil ich mich nicht völlig lächerlich machen wollte, räumte ich zügig das Feld. Wie ein geprügelter Hund.

Am nächsten Morgen habe ich meine spärlichen Habseligkeiten in meinen Twingo gepackt und bin damit zu meiner Mutter gezogen. Alles, was ich besitze, passte in zwei Koffer und vier Umzugskartons. Kein Job. Kein Freund. Kein Leben. Seitdem habe ich mich im Selbstmitleid mehr oder weniger ertränkt. Bis zum heutigen Abend jedenfalls.

Im Moment bin ich mir nicht sicher, was schlimmer ist: alleine bei Mutti abzuhängen oder von hunderten ehemaliger Schüler umringt zu sein, die alle irgendwie glücklich und vergnügt wirken. In der Mitte der Aula haben fleißige Helfer eine Discokugel aufgehängt, die helle Kreise auf Boden und Wände projiziert. Gegenüber vom Eingang gibt es ein üppiges Buffet, daneben die Getränke. Auf der Bühne spielt eine lokale Band, die ‚Goodies‘. Sie schmettern alte Hits aus unserem Abschlussjahr 2006, und ich komme mir vor, als wäre ich im falschen Film gelandet.

 

Lennart und ich starren uns immer noch an. Es ist, als ob die Zeit stillstehen würde. Trotzdem fällt mir auf, dass er sich verändert hat. Aus dem neunzehnjährigen Teenager ist ein Mann geworden. Ein reicher Mann, wie man hört. Genau deswegen habe ich auch absolut nicht damit gerechnet, ihn hier zu treffen. Meines Wissens lebt er nämlich im Silicon Valley, wo er Spiele-Apps programmiert. Damit hat er auch ein Vermögen gemacht, führt jetzt ein Jetset-Leben und feiert eine Party nach der anderen – so ist jedenfalls mein Informationsstand. Das habe ich alles von Nicole. Sie weiß über alles und jeden Bescheid, daher denke ich – dachte ich – dass die Quelle zuverlässig sei. Aber die Hexe hat mich anscheinend nicht über die jüngsten Entwicklungen informiert. Ihrem dämlichen Grinsen nach zu urteilen, wusste sie nämlich auf jeden Fall, dass er hier sein würde.

Die Flasche Sekt, die wir zuhause bereits geleert haben, um das Nervenflattern zu beruhigen, hat sich mit Lennarts Anblick aus meinem Blutkreislauf verabschiedet.

Was zur Hölle macht er hier?

Natürlich ist er immer noch von einer Traube Frauen und Männern umringt, die ihm sicher gerade jetzt die Fragen stellen, die mir auf der Zunge brennen. Nicole stupst mich sanft in die Seite. „Geh hin und sag hallo.“

Auf gar keinen Fall!

Meine Beine zittern und mir ist schlecht. Vielleicht habe ich Glück und mein farbloses Dasein endet just in diesem Moment mit einem Herzinfarkt. Aber natürlich werde ich nicht erlöst. Stattdessen lässt Lennart den Haufen ehemaliger Mitschüler stehen und kommt auf mich zu, dabei hat er seinen Blick die ganze Zeit auf mich gerichtet. Nicole höre ich wie im Nebel rufen: „Ich hole uns mal ein Glas Bowle!“, bevor sie davoneilt.

Ich bin alleine, schätze die Fluchtmöglichkeiten ab, aber es ist zu spät. Das Strahlen in Lennarts Gesicht wird breiter, als er schließlich vor mir steht.
„Marie, du bist hier! Wie schön!“ Er drückt mich an sich und umarmt mich, ganz wie eine alte Freundin. Das bin ich ja auch. Ich muss mich kurz selbst daran erinnern; auch daran, dass er mich enttäuscht hat, als er damals einfach verschwunden ist, ohne sich wirklich von mir zu verabschieden. Das würde man doch von einem Freund erwarten ...

Ich stehe stocksteif da, meine Wange wird an seine muskulöse Brust gedrückt und ich atme seinen frischen Duft ein. Er riecht noch wie früher – fehlen nur noch die Sonnencreme und der Sand unter unseren Füßen. Viel zu schnell lässt er mich los und sieht mich eindringlich an. Ich verliere mich einen Moment zu lange in seinen samtbraunen Augen.

Zack.

Jetzt ist es soweit. Ich bin mir sicher, ich brauche einen Notarzt. Mein Puls rast lebensbedrohlich schnell, mein Sprachzentrum arbeitet nicht mehr und möglicherweise steht mein Mund weit offen. Ja, ganz sicher sogar.

„Du siehst toll aus!“, höre ich ihn sagen und ich bemerke, wie er auf mein Dekolleté starrt.

Wenigstens etwas. Da hat sich der Einsatz des unbequemen Push-up-BHs doch noch ausgezahlt.

„Danke, du, äh, auch“, stammele ich. „Was machst du hier?“

Lennart lacht und ich sehe seine weißen, geraden Zähne aufblitzen.

„Das klingt ja so, als wolltest du mich nicht sehen, Summer“, tadelt er mich amüsiert.

Ich zucke zusammen.

Summer. Mein Gott. So hat mich seit neun Jahren niemand mehr genannt. Eigentlich hat sowieso immer nur er mich so genannt. Und unter dem Namen haben wir mich meistens auch bei der Tour registriert. Wir fanden das damals lustig. Und passend.

Summer & Naughty.

Bildfetzen erscheinen vor meinem inneren Auge. Lennart und ich auf dem Beachfeld, jener Sommer 2006, als wir noch das ganze Leben vor uns hatten und ich an seiner Seite beinahe jedes Wochenende von Turnier zu Turnier gefahren bin. Wir waren ein unschlagbares Team. Beinahe jedenfalls. Bis zum plötzlichen Tod seiner Mutter. Danach ist er in ein tiefes Loch gefallen, bis er Deutschland schließlich den Rücken gekehrt hat. Er hat danach jeglichen Kontakt zu mir und – soweit ich weiß – auch zu allen anderen von damals abgebrochen. Ich war zutiefst getroffen, weil er, neben Nicole, mein allerbester Freund gewesen ist. Für ihn wäre ich durchs Feuer gegangen. Anscheinend habe nur ich das so gesehen, denn er ist ohne ein Wort auf einen anderen Kontinent abgehauen.

„Tja, ich bin einfach überrascht, Naughty. Ich hätte nicht damit gerechnet, dich heute hier zu treffen.“

Lennart ist selbst in den USA eine Nummer. Sein Ruf als Herzensbrecher eilt ihm voraus, wo auch immer er hingeht. YouTube, Twitter, Instagram ... Man kann genug Infos über ihn finden, wenn man danach sucht. Ja, ich gebe es zu: Ich habe ein paarmal nachgeforscht, wie es ihm geht, was er macht und so. Aber das habe ich schnell wieder sein lassen; das war nicht der Lennart, den ich kannte. So, wie es aussieht – und auch, was man sich im Dorf erzählt –, hat er mit seinen Spielen Millionen verdient. Etwas allerdings hat sich auch in den USA nicht verändert: nämlich, dass man ihn auf keinem Bild zweimal mit derselben Frau im Arm sieht. Die wenigen Bilder, die ich gefunden habe, bestätigen das. Ich kann wahrscheinlich von Glück sagen, dass ich niemals was mit ihm hatte. An ihm hätte ich mir nur die Finger verbrannt. So hatte ich Glück. Ich war eigentlich immer an seiner Seite, best buddies, aber nach Sonnenuntergang war es dann auch meist vorbei mit dem Teamplay und Lennart ist mit einer anderen Beachkönigin davongezogen, bis wir uns am nächsten Tag wieder zum Frühstück vor dem anstehenden Match getroffen haben.

„Beachst du noch?“, fragt er mich, als könnte er Gedanken lesen.

„Selten“, gebe ich ausweichend zurück.

„Wieso?“, fragt er mich, und seine warmen braunen Augen suchen meine.

Ich zucke mit den Schultern. Nein, ich werde ihm jetzt nicht erzählen, dass ihm meiner Meinung nach keiner das Wasser reichen kann. Jahrelang habe ich versucht, seinen Verlust zu ersetzen, aber nie wieder hatte ich so viel Spaß auf dem Feld wie mit ihm. Schließlich habe ich es ganz aufgegeben, als ich Holger kennengelernt habe, um mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

„Keine Ahnung, man wird halt irgendwann erwachsen, schätze ich.“

Gott, das klingt so lahm!

Er sieht mich seltsam an. Gerade will er etwas sagen, als Nicole mit zwei Gläsern Bowle neben uns auftaucht. Na, hoffentlich ist viel Alkohol drin, den brauche ich jetzt nämlich.

„Hey, Lennart! Wie schön, dass du kommen konntest“, strahlt sie ihn an.

Er deutet eine Verbeugung an und grinst spitzbübisch: „Na klar, das zehnjährige Abitreffen wollte ich mir nicht entgehen lassen. Außerdem wohne ich jetzt wieder hier. Du siehst gut aus, Nicole.“ Dann umarmt er sie mit Küsschen hier und Küsschen da.

Ich verschlucke mich an meiner Bowle, und beide sehen mich an, als wäre ich ein Alien. Er wohnt wieder hier? Warum zur Hölle erfahre ich eigentlich immer alles als Letzte?

Hat er sein Vermögen verspielt, oder warum kehrt er in dieses Kaff zurück?

Obwohl mir diese Fragen auf der Zunge brennen, behalte ich sie für mich.

„Sorry, mir ist wohl ein Stück Erdbeere in den Hals gerutscht“, presse ich zwischen zwei Hustenanfällen hervor.

„Danke, du hast dich auch gut gehalten“, schäkert meine beste Freundin mit ihm. Keine Frage, er schafft es nach wie vor, jede Frau innerhalb von Sekunden um den Finger zu wickeln. Er sieht aber auch verdammt sexy aus. Schwarz steht ihm. Definitiv. Ich schaue ihn mir noch einmal genauer an. Seine Wangen sind unrasiert und die hellbraunen Haare nach oben gegelt. Er hat einen Stil, den man nicht mit Geld kaufen kann, und ist wirklich erwachsen geworden. Früher hat man ihn eigentlich nur mit Sweatshirt und Jeans gesehen, aber das ist lange her. Ich hingegen habe mich nicht so viel verändert. Dass ich heute ein sexy Kleid trage, ist, wie gesagt, eine absolute Ausnahme.

„Auf uns!“, höre ich seine tiefe Stimme, während er seine Bierflasche hebt. „Prost!“

Er schlägt seine Flasche zuerst leicht an Nicoles Glas, sieht ihr kurz in die Augen und wendet sich dann mir zu. Kleine Schauer rieseln über meinen Rücken, während er mich mit seinem Blick fixiert. Ich habe kurz das Gefühl, seine Augen würden mir mehr sagen wollen als einfach nur Prost.

Aber was zur Hölle ist mit mir eigentlich los, dass ich so heftig auf ihn reagiere?

Ich bin verwirrt und starre zu Boden. Als ich meinen Kopf wieder anhebe, sehe ich Elke Joost auf uns zukommen – frisch geschieden und mit einer neuen Haarfarbe.

Ich hasse sie. Sie war der Alptraum meiner Schulzeit. Wo immer sie konnte, hat sie mich gemobbt. Keine Ahnung, wieso, aber es war wechselseitiger Hass auf den ersten Blick. Im Gegensatz zu mir ist Elke mit einem überdimensionalen Selbstvertrauen zur Welt gekommen. Meines hingegen ... Lassen wir das. Auf einer Skala von Null bis Zehn liege ich aktuell bei minus Fünf.

„Lennart“, flötet sie und wirft sich ihm an den Hals. Nicole und ich tauschen Blicke, und ich weiß, sie denkt das Gleiche wie ich: einmal Schlampe, immer Schlampe.

Lennart hingegen scheint erfreut zu sein und erwidert ihre Umarmung kameradschaftlich.

In mir löst das herzliche Wiedersehen allerdings Brechreiz aus. Im letzten Schuljahr waren die beiden ein Paar. Natürlich das Paar. Aber das Glück hat nicht lange gehalten. Wie mir scheint, ist Elke nicht nachtragend. Aber eines ist nach wenigen Sekunden klar: Sie hat jetzt vor, sich meinen Kumpel zu krallen.

„Ähm, ja“, sagt Nicole und nimmt einen Schluck. Elke dreht sich so, dass Nicole und ich quasi von der Unterhaltung ausgeschlossen werden. Ich habe keinen Bedarf, weiter wie eine Idiotin neben den beiden zu stehen, und ziehe Nicole an ihrem Kleid sanft mit mir fort. Lennart runzelt die Stirn, aber Elke legt ihre Hand so bestimmt auf seinen Oberarm, dass er nicht protestiert oder uns gar etwas hinterherruft. Ich übernehme den Job für ihn: „Wir sehen uns sicher noch.“ Dazu setze ich ein hoffentlich freundliches Lächeln auf. Es fühlt sich mehr wie eine verzerrte Grimasse an, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Ich rette mich zusammen mit Nicole hinter eine Gruppe von Leuten, die ich nicht kenne, und kippe meine Bowle auf ex hinunter. Es hat also auch etwas Gutes, dass sich hier mehrere Jahrgänge versammeln: Man kann sich aus dem Weg gehen.

„Puh. Können wir dann los?“, frage ich wenig hoffnungsvoll.

„Du hast sie doch nicht alle! Die Feier hat eben erst angefangen.“ Meine Freundin tippt sich an die Stirn, um mir klarzumachen, dass sie mich für bescheuert hält.

„Also, ich habe jetzt schon genug“, erwidere ich erschöpft.

„Jetzt entspannt dich. Sieh mal, da vorne sind Ole und Johanna. Gott, den hätte ich ja beinahe nicht erkannt. Was ist mit seinen Haaren passiert?“

„Ausgefallen“, kommentiere ich ein bisschen gelangweilt, mit meinen Gedanken noch ganz woanders. „Die beiden wohnen doch mittlerweile in der Schweiz, oder?“

„Ja, er ist Banker. Die sind anscheinend nur für das Abitreffen gekommen.“

Ich schüttele ungläubig den Kopf, während ich mich langsam mit Nicole in Bewegung setze. Wir unterhalten uns ganz gut. Ole holt noch eine Runde Getränke für uns und mein Schwips meldet sich zurück. Angeheitert lässt sich das alles hier besser ertragen und ich habe sogar etwas Spaß an der Sache. Es sieht so aus, als ob sich doch mehr Leute, als gedacht an mich erinnern können, und wir unterhalten uns prima.

Da wäre Petra, die jetzt halbtags in einer Buchhandlung arbeitet. Wir saßen früher in Chemie nebeneinander, und sie hat mich mehr als einmal vor einer Fünf gerettet, weil sie mich immer abschreiben lassen hat. Sie ist schon ziemlich betrunken, daher macht es doppelt so viel Spaß, mit ihr über unsere ehemaligen Lehrer zu lästern, von denen auch ein paar hier sind. Ich habe gar nicht bemerkt, wohin Nicole verschwunden ist, bis die Musik leiser wird und ich sie auf der Bühne sehe.

Da steht sie wie eine Walküre, mit wehendem kastanienbraunem Haar, rotem Kleid und mörderischen Absätzen. Ich bin stolz auf meine Freundin, aber was, verdammt, macht sie da oben?

„Hallo, äh, hallo? Kann mich jemand hören?“ Sie klopft gegen das Mikro. Ein paar Männer aus der linken Ecke grölen ihr zu, dass sie sich ausziehen soll.

„Ja, wir hören dich!“, kommt es aus der zweiten Reihe.

Gelächter. Jubeln.

„Gut, dann also …“ Nicole räuspert sich. „Ich freue mich, dass heute Abend so viele von meinem Abijahrgang hier sind. 2006, wir sind die Besten!“ Sie reckt ihre Faust in die Luft, und viele schreien: „2006!“

Wow, so viel Animationstalent habe ich gar nicht in ihr vermutet.

Jubeln. Pfiffe.

„Und jetzt habe ich einen ganz besonderen Programmpunkt für euch. Wie schon in der Einladung angekündigt, wird es eine Versteigerung geben ...“

Was will sie denn jetzt versteigern? Alte Schulranzen; und der Erlös kommt dem Tierheim zugute? Ich nippe derweil an meinem dritten Glas Bowle.

„… Es gab mehr Anmeldungen, als ich mir ausgemalt habe, deswegen musste das Los entscheiden, wer auf die Bühne darf ...“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wie sollte ich auch? Ich habe die Einladung doch direkt vom E-Mail-Posteingang in den Papierkorb befördert, ohne sie zu lesen natürlich. Dass Nicole mich trotzdem hergeschleppt hat, reicht ja schon.

Meine Freundin faltet einen Zettel auseinander und hebt das Mikro wieder an ihre rotgeschminkten Lippen. „Der Erlös geht zu gleichen Teilen an das Kinderkrankenhaus und das Tierheim. Ich bitte also zu mir auf die Bühne: Simone Peters, Ariane Berger, Steffi Herbst, Marion Weber und, last but not least, Marie Janssen.“

Natürlich, das Tierheim!

Moment mal.

Hat sie eben nicht meinen Namen gesagt?

Verfluchter Mist.

Ich verdrehe die Augen und forme lautlos mit meinem Mund in ihre Richtung: „Ich hasse dich!“

Trotz – oder wegen – des Alkohols kann ich eins und eins zusammenzählen. Versteigerung und fünf Frauen – das kann nichts Gutes bedeuten. Ich checke, wie viele Schritte mich vom Ausgang trennen, aber die Masse beginnt rhythmisch zu klatschen. Schließlich schubst mich Petra, so dass ich mich stolpernd in Bewegung setze. Warum haben sich eigentlich alle gegen mich verschworen? Das ist nicht fair!

Wenig später stehe ich also mit vier anderen Frauen aus meiner ehemaligen Schule auf der Bühne und lausche den Erläuterungen zu dem Programm, in dem ich die unfreiwillige Hauptrolle spiele. Nicole sieht mich nicht an. Aha, sie weiß also, dass sie damit einen Schritt zu weit gegangen ist. Aber das nützt mir jetzt auch nichts mehr. Die Scheinwerfer sind auf uns gerichtet. Ich muss blinzeln, kann aber nicht viel erkennen, als ich mich in der Aula umsehe. Nur eines ist klar: Es sind verdammt viele Leute hier, und das wird wohl der peinlichste Moment in meinem bisherigen Leben werden. Um diese Farce zu unterstreichen, tönt leise Musik aus den Lautsprechern, die mich irrsinnigerweise an „Jeopardy“, die Quizshow, erinnert. Es ist skurril und peinlich. Zum wiederholten Mal an diesem Tag wünsche ich mir, einfach tot umzufallen. Ein Blitzschlag würde es sicher auch tun.

„So, ich würde sagen, wir fangen auch gleich mit Marie an. Du bist ja schließlich die Älteste auf der Bühne ...“

Na, danke schön. Muss das jetzt sein? Als ob ich mit neunundzwanzig das Verfallsdatum längst überschritten hätte! Nicole ist definitiv tot, wenn ich die Sache hier überlebe.

Ich presse meine Lippen aufeinander und versuche möglichst lässig dazustehen. Aber was macht man in einem solchen Moment mit seinen Händen? Mein Bowleglas hat mir jemand aus der Hand genommen, als ich nach oben gegangen bin.

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