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Wolkengänger

Alan Philps/John Lahutsky

Wolkengänger

Die wahre Geschichte eines russischen Waisenkindes

Aus dem Englischen von Carina Tessari

 

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Inhaltsübersicht

Prolog

1. Die angelehnte Tür

2. Eine Stimme aus der Stille

3. Pilze und Papageien

4. Den Engeln entglitten

5. Übermenschliches

6. Allen gleichgültig

7. Die Geschichte einer Mutter

8. Die Ratte

9. Nachricht aus dem Gulag

10. Saure Trauben

11. Mit knapper Not entronnen. Teil 1

12. Hänsel und Gretel

13. Kognak und Schokolade

14. Murmeltiertag

15. Schuldzuweisungen

16. Mit knapper Not entronnen. Teil 2

17. Das Imperium schlägt zurück

18. Weihnachtspudding im Juli

19. Der Vogel im Käfig

20. Einer von uns

21. Candela

22. Möglicherweise sehr gute Nachrichten

23. Ticket nach Amerika

24. Boshaftigkeit

25. Gefangen im Kaukasus

26. Notlügen

27. Unversöhnlich

28. Wieder vereint

29. Detektei Philps

30. Die Geschichte einer Schwester

31. Der Wanja-Effekt

Epilog. Wolkengänger

Über dieses Buch

Russlands verlorene Kinder. Nachwort zur deutschen Ausgabe

Hilfsorganisationen

Glossar

Für alle, die es nicht geschafft haben.

John Lahutsky im September 2008 in Bethlehem, Pennsylvania (© Alan Philps)

PROLOG

Ich zwang mich, zu klettern. Ich mag schwache Beine haben, aber meine Arme sind stark, vielleicht sogar genauso stark wie die der anderen Jungs in meiner Pfadfindergruppe. Unter mir schrien die anderen: »Vorwärts, John! Du schaffst es!« Ich streckte meinen linken Arm aus, packte das Seil und zog mich nach oben. Ja, sagte ich zu mir selbst, ich schaffe es.

Ich wusste, dass keiner in der Gruppe damit gerechnet hatte, dass ich mich an dem Kletternetz versuchen würde. Einem nach dem anderen hatte ich auf seinem Weg nach oben hinterhergeschaut. Wie Matrosen am Mast eines Segelschiffs im Wind waren sie vor und zurück geschwankt, und ich hatte ihnen ansehen können, dass sie alle Mühe hatten, sich hinaufzuhangeln. Ich hatte Angst, dass sich meine Beine in den Seilen verheddern könnten und unser Gruppenführer mich daraus würde befreien müssen. Oder dass ich abrutschen könnte und dann wie ein Hampelmann in meiner Pfadfinderuniform am Sicherungsseil baumeln würde. Nachdem alle Jungs an der Reihe gewesen waren, sah mich der Gruppenführer an und fragte: »Willst du es auch versuchen, John?« Ich wusste, es wäre okay, wenn ich nein sagen würde.

Ich sah ihm in die Augen. »Ich mach’s.«

Der Gruppenführer legte mir den Sicherheitsgurt an und zog die Gurte um meine Taille und Schultern fest. Dann setzte er mir einen Helm auf und schloss den Kinnriemen. Ich streckte die Arme aus, umfasste das raue Kletternetz und zog mich nach oben. Als meine Füße den Boden verließen, schwankte mein gesamter Körper nach hinten, und ich klammerte mich mit aller Kraft fest. Stück für Stück zog ich mich nach oben. Ich begann zu schwitzen und zu schnaufen. Unter mir hörte ich die anderen rufen: »Weiter, John, weiter!«

Ich streckte meine rechte Hand aus, um ein weiteres Stück Seil zu packen, als ich plötzlich ein Bild vor mir sah: einen kleinen Jungen, nackt, mit Medikamenten ruhiggestellt, hinter eisernen Gitterstäben, eingeschlossen in einem Zimmer. Dieser Junge versuchte auch zu klettern. Er versuchte über die Gitterstäbe eines Kinderbetts zu klettern, doch sie waren zu hoch. Er versuchte es, immer und immer wieder, bis er schließlich völlig erschöpft auf einer blanken Plastikmatratze zusammenbrach.

Ich machte eine kurze Verschnaufpause und hörte die Stimmen von unten rufen: »Nicht aufhören, John! Du schaffst es!« Es war, als würden sie den kleinen Jungen in meinem Kopf anfeuern. Ja, ich schaffe es, dachte ich, griff nach dem Seil, biss die Zähne zusammen und zog mich nach oben. Ich schaffe es für diesen kleinen Jungen, der in diesem abgedunkelten Raum, in seinem Gitterbett vollkommen allein gewesen war.

Der kleine Junge war ich. Als ich sechs Jahre alt war und in einem anderen Land lebte, eine andere Sprache sprach und Iwan oder kurz Wanja hieß.

Ich erreichte das obere Ende des Netzes und hörte meine Kameraden klatschen und jubeln. Ich sah nach unten und lächelte ihnen zu. Es war schwierig gewesen – aber nichts im Vergleich zu dem, was der sechsjährige Junge in meiner Erinnerung hinter sich gebracht hatte. Meine Pfadfinderkameraden wissen nichts von meiner Vergangenheit. Was würden sie sagen, wenn sie es wüssten?

Das hier ist meine Geschichte. Es heißt, ich sei vermutlich das einzige Kind, das die schlimmste aller Einrichtungen im russischen Kinder-Gulag überlebt und die Chance auf ein normales Leben im Ausland bekommen hat. Bis heute verschwinden Kinder in diesen einst von Stalin geschaffenen Einrichtungen. Darum glaube ich, dass meine Geschichte erzählt werden muss. Wenn es nur ein Kind vor der Hölle bewahrt, durch die ich gegangen bin, ist es die Mühe wert, sagt meine Mutter, und sie hat recht.

Im Alter von fünf Jahren wurde ich, genau wie Tausende andere russische Kinder, für bildungsunfähig erklärt und zu »permanenter Bettruhe« verurteilt – einem trostlosen Dasein in Gitterbetten auf nackten Matratzen. Bis zu meinem zehnten Lebensjahr erhielt ich keinerlei Bildung, und ich hoffe, dass mein Abschluss an einer amerikanischen Highschool beweisen wird, wie unrecht jene russischen Experten haben, die Kinder als »Schwachsinnige« abschreiben.

Meine Freunde, die mich aus Russland kennen, fragen mich oft, wie ich es geschafft habe, zu überleben, wo doch so viele Kinder wie ich bereits vor ihrem siebten Lebensjahr sterben. Ich habe keine Antwort auf diese Frage.

Jedes Buch hat seine Geschichte, so auch dieses. Nach meiner Ankunft in Amerika hielt meine Mutter jahrelang ein Ehepaar in Großbritannien, Sarah und Alan, über meine Fortschritte auf dem Laufenden. Ich kannte die beiden aus meiner Moskauer Zeit im Babyhaus 10.1 Wir schickten ihnen Fotos: ich neben Mickey Mouse bei meinem ersten Besuch in Disney World; die Party, die wir feierten, nachdem ich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte – ich trug einen Zylinder mit dem Sternenbanner, auf dessen Rückseite Mom »All American John« geschrieben hatte; ich im Smoking verkleidet als James Bond, meinem Idol; und später ich in meiner Pfadfinderuniform.

2006 schickte Mom Sarah und Alan etwas anderes: einen Artikel aus unserer Lokalzeitung. Ein Journalist hatte uns befragt, wie wir uns gefunden hätten, wie unser heutiges Zusammenleben aussehe und wie meine frühe Kindheit in Russland gewesen sei. Alan schrieb uns daraufhin eine E-Mail, dass er aus dem Artikel schließe, ich wüsste nur wenig über meine außergewöhnliche Geschichte. Im darauffolgenden Jahr besuchten uns Sarah und Alan, und wir tauschten Erinnerungen über unsere gemeinsame Zeit in Moskau aus, als Alan, begleitet von seiner Frau Sarah, dort als Zeitungskorrespondent arbeitete, während ich mich noch in der Obhut des Staates befand. Ich hatte so viele Fragen: Was war mit meinen leiblichen Eltern geschehen? Wie war ich ins Babyhaus 10 gekommen, und warum wurde ich mit sechs Jahren von dort in eine Irrenanstalt für Erwachsene verlegt? Warum hat es so lange gedauert, mich zu retten?

Je mehr ich hörte, desto mehr wollte ich erfahren. Ich wollte wissen, warum russische Ärzte keinen Unterschied zwischen körperlicher und geistiger Behinderung machten, und wie sie Kinder mit leichter körperlicher Behinderung dazu verurteilen konnten, die Hölle auf Erden zu erleiden. Irgendwann im Laufe unserer Gespräche sagte Alan, dass man aus meiner Geschichte ein Buch machen müsste. Ich war Feuer und Flamme. Du musst es schreiben, sagte ich zu ihm. Und auch Sarah, Wika und all die anderen sollten ihren Teil zu meiner Geschichte beitragen. Die Welt sollte es erfahren.

Seit ich in Amerika lebe, habe ich viel über Russland gelernt. Vor kurzem habe ich in Geschichte ein Referat gehalten über den Sturz des Zaren und die kommunistische Machtübernahme von Lenin und später Stalin. Dadurch habe ich Einblicke in jenes System gewonnen, das versucht hat, mein Leben zu zerstören.

Die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, beginnt, als ich vier Jahre alt war. Wie bei jedem Menschen sind auch meine Erinnerungen an meine frühe Kindheit recht bruchstückhaft. Ich war eingesperrt und wusste daher nicht, dass es da draußen Menschen gab, die sich unermüdlich darum bemühten, mich zu retten. Bis schließlich meine Mutter meinem Hilferuf folgte.

Zur Recherche ist Alan zurück nach Moskau geflogen, um den Großteil der Leute zu befragen, die damals mit mir in Berührung gekommen waren, und um Material in Form von Tagebüchern, Fotos, Videos und behördlichen Dokumenten zu sammeln. Was meine eigenen Erinnerungen betrifft, nehmen diese ab dem sechsten Lebensjahr zu, und ich erzählte Alan alles, was ich wusste.

Der Blick auf meine Erlebnisse in jenen Räumen, in denen ich eingesperrt war, erfolgt durch meine Augen. Die übrige Geschichte wird von zwei Menschen erzählt, die mir sehr viel bedeuten: Wika, eine junge Russin, die es sich über Monate zur Aufgabe gemacht hatte, mich zu retten, und Sarah, der ich keine Ruhe ließ, bis sie für mich ein Leben außerhalb dieses mörderischen Systems gefunden hatte.

John Lahutsky

Bethlehem, Pennsylvania, im September 2008

Wanja (oben rechts) mit seinem Freund Andrej im Babyhaus 10 und mit Wika in Filimonki (unten), 1996 (© oben: Sarah Philps, unten Alan Philps)

1.

DIE ANGELEHNTE TÜR

November/Dezember 1994

»Kann ich bitte ein Spielzeug haben?«

Unbeantwortet schwebte Wanjas Bitte im Raum. Das Zimmer war voller Kinder, doch außer Nastja, der Betreuerin, die mit einem feuchten Lappen fast geräuschlos saubermachte, bewegte sich niemand. Sehnsüchtig auf eine Antwort wartend, beobachtete Wanja jede ihrer Bewegungen. Doch sie hielt ihm weiter den Rücken zugekehrt, während sie in Richtung der Fensterbank schlurfte, wo die winzig kleine Waleria bewegungslos in einer Babywippe lag. Waleria starrte mit großen Augen ins Leere, und in der ganzen Zeit, die Nastja um das Kind herumwischte, suchte sie keinerlei Kontakt zu ihm – keine Berührung, kein Wort, kein Blick –, als handle es sich um eines der Holzspielzeuge auf dem Regal. Als der Lappen kurz ihren Fuß berührte, zuckte das kleine Mädchen zusammen, und in ihrem Gesicht spiegelte sich Angst.

Wanja hoffte, dass Nastja sich umdrehen würde, sobald sie die Fensterbank abgewischt hatte, und er ihren Blick auffangen könnte. Aber nein, sie ging weiter zu dem Laufstall, in dem der blinde Tolja nach Spielsachen tastete, die nicht da waren. Sie stieß ein »dz-dz« aus, als sie sah, dass das Geländer des Laufstalls von den Kindern angenagt worden war.

Nun beugte sie sich herab, um das Tablett des Lauflernstühlchens abzuwischen, in dem Igor seine Tage zubrachte – ein sogenanntes Gehfrei, das mit Rollen versehen war, mit dem er aber nicht herumfahren konnte, da das Plastikgestell mit einem Fetzen Stoff an den Laufstall gebunden war. Igor warf sich in seinem Sitz zurück und begann, seinen Kopf gegen die Gitterstäbe des Laufstalls hinter sich zu schlagen. Wanja wusste, dass der Junge versuchte, Nastjas Aufmerksamkeit zu erregen. Doch sie ignorierte ihn ebenso wie Wanja.

Wanja traute sich nicht, Nastja noch einmal nach einem Spielzeug zu fragen. Am Anfang ihrer Schicht war sie immer schweigsam und mürrisch, doch nach ihrer Pause schrie sie die Kinder oft an oder tat Schlimmeres. Einmal hatte sie Igor von der Wickelkommode in den Laufstall geworfen. Danach hatte Wanja beobachten können, wie Igor eine große Beule auf der Stirn gewachsen war.

Beunruhigt bemerkte Wanja den leeren Ausdruck im Gesicht seines Freundes Andrej, der ihm an ihrem kleinen Tischchen gegenübersaß. Noch beunruhigender war Andrejs Vorwärts- und Rückwärtsschaukeln, ähnlich dem der Kinder, die im Gehfrei saßen. Das konnte den ganzen Tag so weitergehen, doch Wanja brauchte jemanden, mit dem er sich unterhalten konnte. Er hatte seinem Freund zwar das Sprechen beigebracht, doch Andrej blieb immer noch die meiste Zeit stumm. Wanja sehnte sich nach Beschäftigung. Er konnte nicht mehr so lange warten, bis sich Nastja, die in der anderen Ecke des Zimmers Wäsche zusammenlegte, endlich umdrehen würde. »Können wir bitte unser Spielzeug haben, Nastja?«, bat er noch einmal in ihre Richtung.

Wieder nur Schweigen. Wanja machte sich auf einen ihrer Ausbrüche gefasst. Mit angehaltenem Atem sah er zu, wie sie sich langsam umdrehte. Sie schlurfte ein paar Schritte in Richtung eines hohen Regals und holte eine ramponierte Matrjoschkapuppe herunter. Wanja wusste gar nicht wohin vor Aufregung, als sie mit der Figur auf ihn zukam.

»Nimm das. Teil’s dir mit Andrej«, sagte sie und knallte das Holzspielzeug zwischen die beiden Jungen auf den Tisch. Andrej hörte auf zu schaukeln, sein Gesichtsausdruck blieb jedoch leer.

Einige Teile der Puppe waren kaputt oder fehlten. Doch lieber ein kaputtes Spielzeug als gar keins. In Ruhe stellte Wanja sämtliche Puppen der Größe nach vor Andrej auf. Dann nahm er sie auseinander und schachtelte sie wieder ineinander. Schließlich fing er noch einmal von vorn an, doch Andrej zeigte nach wie vor keine Reaktion.

»Los, Andrej. Jetzt bist du dran«, drängte er den Freund flüsternd.

Andrej starrte weiter vor sich hin. Doch Wanja gab nicht auf.

»Ich rolle eine Puppe zu dir rüber, und du fängst sie auf.« Die Puppe kullerte über den Tisch, plumpste in Andrejs Schoß und fiel von dort auf den Linoleumboden. Andrej machte keinerlei Anstalten, sie festzuhalten.

Ängstlich schaute Wanja zu Nastja hinüber, um zu sehen, ob sie mitbekommen hatte, dass die Puppe heruntergefallen war. Aber nein, sie war immer noch damit beschäftigt, Wäsche zusammenzulegen.

»Du hast es noch nicht mal versucht, Andrej.«

Er hielt seinem Freund die Puppe direkt vors Gesicht. Andrej drehte seinen Kopf ein klein wenig und starrte die Puppe aus leeren Augen an. »Schon besser, Andrej. Jetzt roll ich sie wieder zu dir rüber.«

Abermals verharrte Andrej vollkommen regungslos und ließ die Puppe wieder vom Tisch fallen. Diesmal hörte es Nastja.

»Ihr schmeißt euer Spielzeug also runter? Ich hab ja gesagt, dass ihr mit Spielsachen nichts anzufangen wisst.« Wütend schnappte sie sich die restlichen Puppenteile, und Wanja musste entsetzt mit ansehen, wie sie alles zurück auf das hohe Regal legte. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch und begann, Formulare auszufüllen.

Wanja starrte die Tischplatte an, die nun wieder genauso kahl war wie der übrige Raum. Er schaute auf und sah Andrej an, der seinem Blick auswich und wieder angefangen hatte zu schaukeln. Igor schlug seinen Kopf immer heftiger gegen die Gitterstäbe des Laufstalls. Zwischen den Schlägen konnte Wanja die kleine Waleria am Fenster wimmern hören.

Sein Blick fiel auf den Heizkörper unter dem Fenster. Er musste lächeln bei dem Gedanken an die raue Oberfläche des Metalls und die tröstliche Wärme, die er spendete. Er sehnte sich danach, von seinem Stuhl zu rutschen, hinüberzukrabbeln und den Heizkörper anzufassen, doch nur seine Lieblingsbetreuerin, die, die er Tante Walentina nannte, erlaubte ihm, sich frei im Raum zu bewegen. Nastja würde schimpfen und zetern, wenn sie ihn auf dem Boden herumkrabbeln sähe.

Er dachte an jenen Morgen zurück, als die Tür aufgegangen und ein Mann mit einem großen Kasten in der Hand hereingekommen war. Er sagte, er sei hier, um den Heizkörper zu reparieren, aus dem es tropfte. Wanja war es gelungen, den Mann auf sich aufmerksam zu machen, indem er ihn gefragt hatte, wer er sei, und dann hatte er sich neben ihn setzen und ihm zusehen dürfen. Der Mann hatte ihm gesagt, er sei der Klempner, und hatte seinen Kasten geöffnet, in dem Werkzeug verschiedenster Größen und Formen zum Vorschein gekommen war.

Noch nie zuvor hatte Wanja so viele faszinierende Gegenstände gesehen. Der Klempner bemerkte sein Interesse und reichte ihm einen Kreuzschlüssel. Er selbst nahm sich einen Schraubenschlüssel und begann, den Heizkörper aufzuschrauben. Wanja beobachtete jede seiner Bewegungen und fragte nach dem Namen eines jeden einzelnen Werkzeugs, wobei er die Wörter wiederholte, um sie sich besser merken zu können. Der Klempner lächelte ihn an, und als er mit dem Schraubenschlüssel fertig war, durfte Wanja ihn halten. Glücklicherweise hatte Walentina an diesem Tag Dienst und erlaubte Wanja, bei dem Mann sitzen zu bleiben.

Wanja schloss die Augen und ließ die gesamte Szene Revue passieren. Jetzt war er der Klempner und Andrej sein Gehilfe, der den Schraubenschlüssel für ihn hielt. »Schnell, Andrej«, würde er sagen, »gib mir den Schraubenschlüssel. Wir haben ein Leck!« Andrej würde ihm das Werkzeug reichen, und er würde mit aller Kraft die Schraubenmutter anziehen. Das Wasser würde aufhören zu tropfen, Walentina würde alles saubermachen, und er würde sein Werkzeug in den glänzenden Metallkasten packen und losziehen, um den nächsten undichten Heizkörper zu reparieren. Wie herrlich wäre das!

In diesem Moment schob Nastja ihren Stuhl zurück und sprang auf. Wanja hatte so viel Zeit damit verbracht, ihre Bewegungen zu beobachten, dass er ganz genau wusste, was ihre plötzliche Zielstrebigkeit zu bedeuten hatte: Sie war auf dem Weg in die Pause. Sie ging zu ihrer Tasche, die an einem Haken an der Wand hing, und nahm eine Schachtel Zigaretten heraus. Dann suchte sie in ihrer Manteltasche nach einem Feuerzeug. Sie schaute nicht in den Spiegel – anders als Tanja, die Lippenstift auftrug, bevor sie den Raum verließ.

Während er Nastja beobachtete, schlug sein Herz wie wild. Er hatte bemerkt, dass die Verbindungstür zum Nebenzimmer nur angelehnt war. Normalerweise war sie immer geschlossen. Was für ein Glücksfall – Nastja war soeben dabei, hinauszugehen, und hatte es nicht bemerkt. Die Aussicht auf ein bevorstehendes Abenteuer ließ Wanja schlagartig putzmunter werden. Wenn Nastja erst einmal draußen war, könnte er zu der Tür hinüberkrabbeln und einen Blick in den Nebenraum werfen, der von den Betreuerinnen Gruppe 1 genannt wurde. Er wusste, dass dort andere Kinder waren. Vielleicht fand er dort ein Kind, mit dem er sich unterhalten konnte. Er sah Andrej an, der wieder ins Leere starrte. Oder eine nette Betreuerin, die er noch nicht kannte. Vielleicht würde sie etwas Liebes zu ihm sagen, an das er dann während des langen Mittagsschlafs denken konnte.

Mit der Zigarettenschachtel in der Hand blieb Nastja zögernd stehen und sah sich prüfend im Raum um. Wanja senkte den Blick. Vielleicht konnte sie Gedanken lesen und hatte seinen Plan erraten. Was machte sie nur? Warum stand sie da herum? Da lief sie auf die Tür zum Nebenzimmer zu. Wanja schlug das Herz bis zum Hals. Sie würde bemerken, dass die Tür nur angelehnt war, würde sie schließen, und sein Abenteuer hätte sich erledigt. Zu seiner Erleichterung nahm Nastja nur ihre Tasche vom Haken. Wie durch ein Wunder war ihr die offene Tür entgangen. Wanja sah ihr nach, wie sie nach draußen auf den Flur verschwand. Dann hörte er, wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde.

Nun waren die Kinder sich selbst überlassen – es galt also keine Zeit zu verlieren. Wanja rutschte von seinem Stuhl und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Man hatte ihm verboten zu krabbeln: Der Boden sei schmutzig, hatten sie ihm gesagt, er könne krank davon werden. Er versuchte nicht daran zu denken, dass Nastja ihn schlagen würde, wenn sie ihn erwischte. Mit aller Kraft zog er sich mit den Armen über den glänzenden Boden. Er hatte etwa die Hälfte des Weges geschafft, als er aus Richtung der geöffneten Tür hörte, dass jemand sang. Er krabbelte schneller.

Als er die Tür erreichte, öffnete er sie ein klein wenig weiter, so dass er hineinsehen konnte. Geblendet von der Mittagssonne, die durch die Gardine fiel, konnte er lediglich eine große Silhouette, umrahmt von Licht, ausmachen. Er kniff die Augen zusammen. Die Silhouette beugte sich nach vorn und verwandelte sich in eine junge Frau, die behutsam ein Baby zurück in ein Kinderbett legte. Wie sanft sie mit dem Baby umging, welch grenzenlose Aufmerksamkeit sie ihm schenkte, und dabei sang sie die ganze Zeit diese ergreifende Melodie. Sie nahm ein anderes Kind auf den Arm, und Wanja bemerkte, dass sie nicht so angezogen war wie die anderen Frauen im Babyhaus. Sie trug keinen dieser weißen Kittel, stattdessen steckten ihre langen Beine in Jeans, und ihre Haare waren offen, nicht zurückgebunden.

Wanja war sprachlos. Mucksmäuschenstill beobachtete er die Szene; auf keinen Fall wollte er den Zauber des Augenblicks zerstören. Er wollte sich jedes noch so kleine Detail einprägen, um es sich dann in Erinnerung zurückzurufen, wenn er am Nachmittag in seinem Bett liegen würde und nicht schlafen konnte.

Die junge Frau lief im Zimmer umher, wiegte das Baby in ihren Armen, und plötzlich trafen sich ihre Blicke. Sie hörte nicht auf zu singen, sondern lächelte ihm zu. Wanja hatte damit gerechnet, angeschrien und in sein Zimmer zurückgescheucht zu werden, doch die Frau sagte kein Wort. Mutig krabbelte er ein Stück weiter in das Babyzimmer. Er wünschte, er könnte hier leben. Alles war so anders: War es am Ende nur ein Traum?, fragte er sich gerade, als er hinter sich eine Stimme bellen hörte: »Komm hierher zurück, Wanja. Du hast da drüben nichts zu suchen.« Wanja erkannte Nastjas typische Nach-der-Pause-Stimme. Er krabbelte zurück in Gruppe 2. Nastja schloss die Verbindungstür zum Nebenzimmer, packte ihn unter den Achseln, schleifte ihn über den Boden und warf ihn ärgerlich auf seinen Stuhl.

»Tu das nie wieder«, fauchte sie ihm direkt ins Gesicht, sodass er gezwungen war, den ekligen Geruch aus ihrem Mund einzuatmen.

Es war Zeit für die Mittagsfütterung. Küchenfrauen trugen zwei große Aluminiumtöpfe herein sowie ein Tablett mit einem hohen Stoß Schüsseln und Nuckelfläschchen, die mit brauner Suppe gefüllt waren, und stellten alles auf einen Tisch neben der Tür. Aus der Ferne suchte Wanja das Tablett ab. Keines der anderen Kinder bekam je Brot, nur seine Lieblingsbetreuerin, Tante Walentina, brachte Wanja immer ein großes Stück Schwarzbrot mit, wenn sie Dienst hatte. Heute war zwar Nastjas Tag, und sie hatte ihm noch nie Brot gegeben, aber vielleicht hatte der Koch an ihn gedacht und eine Scheibe zwischen die Fläschchen gesteckt.

Nastja schöpfte zehn Portionen dünne Gemüsesuppe und Kartoffelpüree aus den Töpfen in die Schüsseln. Wanja und Andrej bekamen immer als Erste ihr Essen, und sie rechneten jeden Moment mit ihren Tellern. Andrej hatte sogar aufgehört zu schaukeln. Doch Nastja wandte sich Wanja zu und zischte ihn an: »So schlecht, wie du dich vorhin benommen hast, kriegst du heute als Letzter. Und dein Freund kann auch warten.«

Niedergeschlagen musste Wanja mitansehen, wie Nastja eine Schüssel nahm, neben Igors Gehfrei in die Hocke ging, ihn zwang, seinen Kopf nach hinten zu kippen, indem sie die Schüssel gegen sein Kinn presste, und mit einem großen Löffel begann, das Essen in ihn hineinzuschaufeln. Igor schluckte und stieß einen Schrei aus. Wanja wusste, dass ihm das heiße Essen den Mund verbrannte. Doch Nastja machte weiter. Ohne ein Wort zu sagen, stopfte sie ihm löffelweise Kartoffelpüree in den Mund. Igor wand sich hin und her und versuchte, seinen Kopf wegzudrehen. »Du hast also keinen Hunger«, sagte Nastja daraufhin, stand auf und stellte die Schüssel zurück auf den Tisch.

Dann nahm sie Tolja aus seinem Laufstall, ließ ihn auf einen Stuhl fallen und holte eine andere Schüssel. Wanja sah dem blinden Jungen zu, wie er seine neue Umgebung abtastete und versuchte, sich zurechtzufinden. Während seine Finger den Stuhl erkundeten, stieß Nastja seinen Kopf nach hinten und begann, ihm das Gemisch aus Suppe und Püree in den Mund zu schaufeln. Der Löffel wurde schneller und schneller, und Tolja hatte große Mühe, das Essen hinunterzuschlucken. Jedes Mal, wenn er seinen Kopf wegdrehte, um sich Zeit zum Schlucken zu verschaffen, riss Nastja ihn zurück und schaufelte weiter Essen in ihn hinein. Beinahe im gleichen Tempo, wie sie es in ihn hineinpresste, floss es wieder aus seinem Mund heraus, rann sein Kinn herab und tropfte auf einen Fetzen Stoff. Im Nu war die Schüssel geleert, und Nastja ging zum nächsten Kind über.

Sie nahm eines der Fläschchen mit der braunen Suppe und schlurfte hinüber zur Fensterbank, auf der Waleria lag. Sie steckte dem Mädchen den Sauger in den winzigen Mund und hielt das Ende der Flasche schräg nach oben. Waleria war so schwach, dass Wanja sie kaum schlucken hören konnte. »Mach schon«, sagte Nastja ungeduldig, wandte sich von dem Mädchen ab und sah sich prüfend im Zimmer um. Walerias Schluckgeräusche wurden weniger und weniger und blieben schließlich ganz aus. Obwohl ihre Flasche noch immer fast voll war, riss Nastja sie ihr ungeduldig aus dem Mund und ging zum nächsten Kind.

Während Wanja Nastja beim Füttern der anderen Kinder beobachtete, wurde er immer hungriger. Er brauchte dringend ein Stückchen Brot. Vielleicht wenn er sie ganz freundlich bitten würde … Doch als Nastja zwei Schüsseln und zwei große Löffel vor die Jungs auf den Tisch knallte, wurde ihm klar, dass es heute keine Leckerbissen geben würde. Da war kein Brot. »Macht bloß keinen Dreck«, warnte sie die beiden. Stumm löffelten Wanja und Andrej die kalte Suppe, in der rein gar nichts zum Kauen war.

Während die Jungs aßen, trug Nastja ein Kind nach dem anderen zur Wickelkommode und zog ihnen, ohne ein Wort oder einen Blick, ihre nassen Strumpfhosen und schmutzigen Stoffwindeln aus und trockene an. Anschließend verfrachtete sie jedes Kind in eines der Gitterbetten, die im angrenzenden Schlafraum standen. Der Mittagsschlaf stand an.

Wanja graute vor der Langeweile, vor den endlosen Stunden, die er nun ans Bett gefesselt sein würde. Während er wartete, dass die Reihe an ihn kam, überlegte er fieberhaft, wie er das Unvermeidliche hinauszögern könnte. Wenn Tante Walentina Dienst hatte, durfte er immer noch eine Weile bei ihr sitzen, wenn sie die anderen ins Bett gebracht hatte. Dann brachte sie ihm Lieder oder Gedichte bei. Nastja tat das nie. Gerade hatte sie Andrej fortgetragen. Während er vorgab, noch nicht mit dem Essen fertig zu sein und die allerletzten Reste seines Pürees zusammenkratzte, suchte Wanja nach einer Möglichkeit, sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Als sie sich zu ihm hinunterbeugte, um ihn hochzunehmen, fragte er: »Hast du dir deinen Teppich gekauft?«

Nastja sah ihn verblüfft an. »Woher weißt du von meinem Teppich?«

»Ich habe gehört, wie du der Ärztin erzählt hast, dass du einen Teppich im Geschäft gesehen hast und dass du ihn dir nach Dienstschluss kaufen willst.«

»Ja, ich hab ihn mir gekauft.«

»Ist er schön?«

»Ja.« Es entstand eine Pause, als sie ihn auf den Arm nahm. »Was ist ein Geschäft, Nastja?«

»Ein Ort, an dem man Sachen kaufen kann. Aber jetzt wird geschlafen.«

»Aber ich bin gar nicht müde.« Nastja zeigte keine Reaktion. Sie hatte es viel zu eilig, ihn in sein Bett zu bringen. Als sie die Tür hinter sich schloss, blieb Wanja nichts zu tun, als durch die Gitterstäbe seines Betts die Risse in der Wand anzustarren. Mit einem Finger fuhr er die Linien entlang, ließ ihn über die Gitterstäbe hüpfen und verfolgte die Risse bis ans Ende des Betts. Der Gedanke an die vor ihm liegende endlose Zeit war niederschmetternd. Er wusste, dass es bereits dunkel sein würde, wenn man ihn wieder aus dem Bett holte. Die anderen Kinder waren unruhig und lagen jammernd in ihren Betten, die entlang der Wände aufgestellt waren.

Er versuchte, das Gejammer der anderen Kinder auszublenden, und konzentrierte sich stattdessen auf den Gedanken an das Abenteuer, das er am Vormittag erlebt hatte. Er beschwor das Bild der jungen Frau mit den langen Haaren herauf, wie sie sanft das Baby hielt und ihm vorsang. Er sah sie ihm zulächeln und stellte sich vor, dass sie auch ihm vorsang. Erneut fragte er sich, wer sie war. Warum war sie nicht gekleidet wie die anderen Betreuerinnen? Warum hatte sie ihn nicht angeschrien oder bestraft, weil er seine Gruppe verlassen hatte? Er überlegte hin und her, doch er fand keine Antwort.

Nachdem er die Szene mehrfach hatte Revue passieren lassen, suchte er nach etwas anderem, an das er denken konnte: die Matrjoschkapuppen fielen ihm ein. In seiner Vorstellung spielte er wieder mit ihnen, aber diesmal waren sie nicht kaputt oder rissig, und es fehlten auch keine Teile. Er baute sie in einer Reihe auf dem Tisch auf, von der kleinsten, die gerade mal so groß war wie sein Daumen, bis zur größten, die so groß war wie Waleria in ihrer Babywippe. Es waren so viele, dass sie gerade noch auf den Tisch passten. Sie bildeten eine Mauer auf seiner Seite des Tisches, hinter der er sich vor Andrej verstecken und ihn so zum Lachen bringen konnte.

Dann begann er, die Puppen über den Tisch zu Andrej rollen zu lassen. Aber diesmal hatte der Freund nicht diesen leeren Ausdruck auf dem Gesicht, sondern warf sich nach rechts und links, um die Puppen aufzufangen – und zwar alle: die kleinen, die über die Tischplatte sausten, ebenso wie die großen, die schwerfällig dahinkullerten. Andrej bekam jede einzelne zu fassen und kugelte sie zurück zu Wanja, der sie wiederum von der Tischkante fallen ließ, sie aber noch rechtzeitig auffing, bevor sie auf dem Boden aufschlugen. Und Nastja bekam von alldem nichts mit!

Für heute bestand keinerlei Hoffnung mehr, dass Nastja ihm noch einmal die Matrjoschkapuppe geben würde. Aber wie sah es morgen aus? Morgen war Tanjas Tag. Er war sich nicht ganz sicher, was Tanja anbetraf, aber er könnte sie fragen. Und übermorgen war endlich wieder Tante Walentinas Tag. Sie würde ihn ganz sicher mit der Puppe spielen lassen. Das war etwas, worauf man sich freuen konnte.

Zwei Tage später saß Wanja an seinem Tisch und sehnte den Dienstbeginn seiner Lieblingsbetreuerin herbei. Tanja hatte ihren weißen Kittel bereits ausgezogen und warf einen ungeduldigen Blick auf ihre Uhr. Da ging die Tür auf, und herein kam Tante Walentina in ihrem abgetragenen Mantel, in der Hand einen Regenschirm und eine prall gefüllte Plastiktüte.

Wanja sah Walentina zu, wie sie ihren Mantel aufhängte und in der Plastiktüte zu kramen begann. Sie holte ein mit Papier umwickeltes Päckchen daraus hervor und legte es vor ihn auf den Tisch. Wanja zitterten vor Vorfreude die Finger, als er das Butterbrotpapier öffnete. Darunter kam eine dicke Scheibe Salami zum Vorschein.

»Nachher hab ich noch eine Banane für dich«, flüsterte sie ihm zu. Er strahlte.

»Tante Walentina, du bist meine Lieblingsbetreuerin«, sagte er mit vollem Mund.

»Iss schön weiter«, sagte sie und ging in den Schlafraum. Als sie zurückkam, hatte sie Kirill auf dem Arm, den Jungen, der tagein, tagaus in einem Babyhopser hing. Sie setzte ihn sich auf den Schoß und zog ihn langsam an, erst das T-Shirt und die Strumpfhose, dann die Hose und den Pulli. Auf ihrem Gesicht lag ein gedankenverlorener Ausdruck.

»Tante Walentina, warum bist du heute so traurig?«, fragte Wanja.

»Kirill wird uns verlassen. Er geht in ein Internat.«

Wanja hatte dieses Wort schon einmal gehört und wollte wissen, was es bedeutete. »Was ist ein Internat?«, fragte er daher. Walentina gab keine Antwort. In diesem Moment flog die Tür auf, und Swetlana kam hereingestürmt, die Frau, die immer Zettel in der Hand hatte. Während die beiden Frauen ein paar Worte wechselten, steckte Walentina Kirills Arme in die Ärmel einer Jacke, küsste ihn liebevoll auf die Stirn und reichte ihn Swetlana. Die Tür knallte zu, und er war verschwunden.

Wanja hatte dies nicht zum ersten Mal gesehen: Swetlana kam herein, nahm ein Kind mit und brachte es nie wieder zurück. Vielleicht würde sie als nächstes Andrej holen, und er würde ohne seinen Freund zurückbleiben müssen. Er verdrängte diesen Gedanken und sah stattdessen Walentina an, um sie noch einmal zu fragen, was ein Internat war. Aber sie war gerade damit beschäftigt, ein anderes Kind zu wickeln, und ihr Blick sagte ihm, dass sie diese Frage nicht beantworten wollte.

Ein paar Minuten später öffnete sich die Verbindungstür zum Babyzimmer von Gruppe 1, und die stellvertretende Chefärztin kam mit einem kleinen blonden Mädchen auf dem Arm herein. »Sie haben ja jetzt ein freies Bett. Die ist für Sie«, sagte sie zu Walentina und warf einen Blick auf eine braune Karte. »Name: Kurdjajewa. Frühgeburt. Ihre Mutter hat sie nach der Geburt weggegeben. Alter: fünfzehn Monate; kann noch immer nicht ohne Hilfe sitzen. Offensichtlich stark zurückgeblieben. Ganz klar jemand für Ihre Gruppe.«

Walentina setzte das Mädchen in den Gehfrei, der auf Wanjas Seite des Raumes an den Laufstall gebunden war, und wandte sich der Schreibarbeit zu.

»Hallo, ich bin Wanja. Wie heißt du?«

Das Mädchen sah Wanja aus intelligenten Augen an und gab sich alle Mühe, etwas zu sagen, doch alles, was es zustande brachte, war ein erstickter M-m-m-Laut. Wanja konnte ihr ansehen, wie gern sie bei ihm und Andrej am Tisch gesessen hätte.

»Und das ist Andrej«, sprach Wanja weiter. »Schau, Tante Walentina hat jedem von uns ein Spielzeug gegeben.«

Er zeigte ihr sein Spielzeug: die eine Hälfte eines kaputten Plastiktelefons. Wanja hatte das Unterteil, während Andrej den Hörer in der Hand hielt, an dem die Schnur fehlte. Das Mädchen wurde ganz aufgeregt, als Wanja mit seinen Fingern die Wählscheibe drehte und ein zirpendes Geräusch erklang. Ihr Blick sagte: Lass mich mitspielen. Wanja erklärte ihr, wie man die Wählscheibe bediente, und zeigte ihr das Gesicht, das vorn auf dem Spielzeug aufgemalt war. Er war so darin vertieft, dass er die Gestalt, die plötzlich hinter ihm stand, gar nicht bemerkte.

»Oh, Mascha, gefällt dir das?«, fragte eine ihm unbekannte Stimme. Eine Hand schnappte sich von oben das Telefon und gab es dem Mädchen. Wanja klappte die Kinnlade herunter. Die Frau hatte ihm nun den Rücken zugewandt, ging in die Hocke und bemutterte den Neuzugang. »Jetzt üben wir sprechen, Mascha. Sag Mama. M-m-m-m.« Gehorsam wiederholte Mascha: »M-m-m.«

Wanja war von dem Schauspiel gefesselt. Sein Blick folgte der jungen Frau, als sie aufstand und zu Walentina hinüberging. »Bitte entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Wika. Ich bin eine freiwillige Helferin und unterstütze eine Freundin drüben im Babyzimmer. Ich habe viel Zeit mit Mascha verbracht. Ist es in Ordnung, wenn ich sie besuchen komme, jetzt, da sie in Gruppe 2 ist? Ich kann auch Ihnen helfen.«

»Oh, Hilfe kann ich hier immer gebrauchen. Wie Sie sehen, bin ich ganz allein mit einem Dutzend Kinder, die gefüttert und gewickelt werden wollen. Und das vierundzwanzig Stunden am Tag. Und die Jüngste bin ich auch nicht mehr«, sagte Walentina lachend. »Sie können bleiben und mir mit dem Mittagessen helfen.«

Während sich die beiden miteinander unterhielten, erkannte Wanja, dass das die junge Frau war, die er dabei beobachtet hatte, wie sie im Nebenzimmer den Babys vorgesungen hatte – die Frau, die ihm seit seinem Abenteuer mit der angelehnten Tür keinen Moment aus dem Kopf gegangen war. Und jetzt war sie in seinem Zimmer – seine Aufregung wuchs. Während er sie dabei beobachtete, wie sie Mascha ungeschickt mit einem Löffel fütterte, wobei die Hälfte auf dem Boden landete statt in Maschas Mund, war er einfach nur froh, sie in seiner Nähe zu haben. Still übte er ihren Namen: Wika, Wika.

»Wir hatten noch nie eine freiwillige Helferin«, sagte Walentina, während sie gemeinsam die Kinder fütterten. »Fremde haben hier normalerweise keinen Zutritt.«

»Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich wirklich erwünscht bin. Manchen hier scheine ich sogar im Weg zu stehen.«

Walentina lächelte sanft. »Das glaube ich nicht, Liebes.«

Die beiden Frauen plauderten weiter. Wie berauscht sog Wanja jedes Wort in sich auf, wenngleich ihm keine Beachtung geschenkt wurde, denn Mascha, der Neuzugang, stand im Zentrum des Interesses. Aber das störte ihn nicht. Er hatte beschlossen, sich Wika zur Freundin zu machen.

Als Wanja am nächsten Morgen aufwachte, brauchte er einen Moment, bis er wusste, warum er glücklich war. Es konnte nicht daran liegen, dass Walentina heute kommen würde, denn sie hatte ja gestern Dienst gehabt. Dann fiel ihm Wika ein. Sie war keine von den Frauen in den weißen Kitteln, deren Dienstpläne er auswendig kannte. Wika konnte jederzeit auftauchen. Zum ersten Mal hatte er sie an Nastjas Tag gesehen, dann war sie an Walentinas Tag erschienen – es sprach also nichts dagegen, überlegte er, dass sie auch heute kommen könnte. Den ganzen Tag lang schaute er jedes Mal erwartungsvoll auf, wenn sich die Tür öffnete, in der Hoffnung, Wikas liebes Gesicht zu sehen, und jedes Mal war die Enttäuschung groß. Als es schließlich dunkel wurde, war er sich sicher, dass sie nicht mehr kommen würde.

Auch am nächsten Morgen kam sie nicht, und er suchte Trost darin, leise ihren Namen vor sich herzusagen. Da steckte sie plötzlich ihren Kopf zur Tür herein, und er hörte sich rufen: »Wika! Wika! Bist du gekommen, um Mascha zu besuchen?«

»Du hast dir ja meinen Namen gemerkt«, freute sich Wika. »Und wie heißt du?«

»Ich bin Wanja.«

»Genau. Du hast Mascha das Telefon gezeigt. Und ja, ich bin hier, um sie zu besuchen.«

Mit langen Schritten durchquerte sie den Raum, nahm Mascha aus dem Gehfrei und wiegte sie in ihren Armen. Auf Maschas für gewöhnlich traurigem Gesicht zeigte sich ein Lächeln.

»Wer sind Sie? Wer hat Ihnen erlaubt, hier reinzukommen?« Wanjas Herz setzte einen Schlag aus, als Nastja aus dem Schlafraum auftauchte. Vor lauter Aufregung hatte er ganz vergessen, dass sie heute Dienst hatte. Mit dem Mädchen auf dem Arm drehte sich Wika zu Nastja um.

»Entschuldigen Sie bitte, ich hätte mich vorstellen sollen. Ich bin hier, um Mascha zu besuchen.«

»Arbeiten Sie hier?«

»N-n-nein.«

»Dann haben Sie hier nichts zu suchen.«

»Aber ich helfe bei den Babys in Gruppe 1. Ich komme schon seit Monaten.«

Nastjas Haltung wurde weniger feindselig, als sie eine Gelegenheit witterte: »Nun, ich könnte eine Pause gebrauchen. Sie können zehn Minuten auf die Kinder aufpassen.«

Die Tür schloss sich hinter ihr, und zu Wanjas Freude setzte sich Wika mit Mascha auf den Knien auf einen kleinen Stuhl zu ihm an den Tisch. Sie drehte das Mädchen so, dass es sie ansehen konnte, schaute ihr in die Augen und begann, den M-m-m-Laut zu machen. »Mach mit, Mascha, ich weiß, dass du es kannst.« Mascha schwieg. Wika berührte mit den Lippen die Wange des Kindes und wiederholte den Laut. Mascha schwieg weiterhin.

»Komm schon, Mascha, du hast das so toll gemacht, als du drüben bei den Babys warst.« Mascha starrte sie nach wie vor an, gab aber keinen Mucks von sich.

Wika seufzte. Sie zog Mascha die Socken aus, setzte ihre nackten Füße auf den Boden und legte ihre Hände auf die Tischplatte, wobei sie das Mädchen unter den Achseln stützte. »Deine Beine müssen schön stark werden«, sagte sie. Mascha sackte zusammen.

Wika sah verzweifelt aus. Auf Wanjas Gesicht spiegelte sich der gleiche Ausdruck, während Wika sich nach etwas umsah, womit sie Mascha stimulieren konnte. Ihr Blick blieb an einem Babystuhl mit Pferdekopf und zwei Griffen hängen, der in einer Ecke stand. Sie holte ihn herüber an Wanjas Tisch, setzte Mascha darauf und legte ihr die Finger um die Griffe. In dieser Position war das Kind in der Lage, allein aufrecht sitzen zu bleiben. »Kluges Mädchen! Du reitest auf einem Pferd.« Mascha hielt die Griffe fest umschlossen, und ihre Augen begannen zu leuchten.

Wika machte ein Geräusch wie ein galoppierendes Pferd und ermunterte Wanja, mitzumachen. Dann fing sie an zu klatschen und mit der Zunge zu schnalzen. Seit einer Ewigkeit hatte Wanja keinen solchen Spaß mehr gehabt.

»Was soll der Krach? Sie haben sie aufgeregt. So bringe ich sie nachher nie zum Einschlafen.« Nastja war aus der Pause zurück und entschlossen, die Party zu beenden. »Und warum haben Sie ihr die Socken ausgezogen?«, fragte sie Wika. »Sie wird sich erkälten.«

»Sehen Sie nur, wie glücklich sie ist. Dieser Stuhl tut ihr wirklich gut. Vielleicht könnten Sie sie ab und zu hineinsetzen …«

»Als ob ich nicht schon genug zu tun hätte mit all dem Wickeln, Waschen und Füttern.«

Und damit nahm Nastja Mascha von dem Pferdestuhl und setzte sie zurück auf den ihr zugeteilten Platz: den angebundenen Gehfrei. Augenblicklich begann Mascha herzzerreißend zu weinen.

»Warum verschwenden Sie überhaupt Ihre Zeit mit ihr?«, fragte Nastja und tippte sich mit dem Finger zwei Mal an die Schläfe, eine boshafte Geste, die wohl bedeuten sollte, dass Mascha schwachsinnig sei.

Wika erkannte, dass man ihr womöglich verbieten würde, Mascha wiederzusehen, und unternahm einen letzten Versuch, mit der Betreuerin auf gutem Fuß zu stehen. »Ich kann Ihnen mit dem Mittagessen helfen, wenn Sie möchten«, bot sie an.

»Nein. Ich komme allein zurecht. Zeit für Sie zu gehen. Und machen Sie sich nicht die Mühe, wiederzukommen.«

Wika gab Mascha einen Kuss auf die Stirn, nahm ihre Tasche, winkte Wanja kurz zu und war verschwunden. Und wieder einmal wurde es still um Wanja.

Den ganzen Nachmittag lag Wanja wach in seinem Bett und dachte an Wika. Nastja hatte ihr gesagt, sie solle nicht wiederkommen. Er würde sie nie wiedersehen. Der Verlust lastete schwer auf seiner Brust und ließ ihm kaum Luft zum Atmen. Er stellte sich vor, wie er aus seinem Gitterbett sprang, nach drüben in den Tagesraum schritt, sich vor Nastja aufbaute und verkündete: »Zeit für Sie zu gehen. Und machen Sie sich nicht die Mühe, wiederzukommen!« Dann würde Tante Walentina an Nastjas Tag kommen. Wie herrlich wäre das!

Er zuckte zusammen, als Nastja kam und ihn aus seinem Bett nahm. Während sie ihn wickelte, hielt er die Augen geschlossen. Als er wieder an seinem Tisch saß, starrte er sie jedes Mal hasserfüllt an, wenn sie ihm den Rücken zukehrte. Er war so wütend, dass er, als die Tür aufging, gar nicht wie sonst reagierte und sich umdrehte, um zu sehen, wer hereinkam. Zu spät sah er aus den Augenwinkeln jemanden in Jeans und Pullover an sich vorbeilaufen. Sein Herz machte einen Sprung, denn er dachte, es müsse Wika sein. Doch als er sich umdrehte, musste er zu seiner Enttäuschung feststellen, dass dort zwar zwei Frauen ohne Kittel standen, aber keine von beiden Wika war. Zwar hatte eine von ihnen lange Haare wie Wika, doch sie waren blond; die andere sprach mit einer lustigen Stimme.

Sie waren zusammen mit einer Betreuerin hereingekommen, die Wanja zuvor erst zweimal in Gruppe 2 gesehen hatte, deren Namen er aber trotzdem kannte: Schanna. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen, und er konnte spüren, dass sie die Besucher loswerden wollte. Doch die Frau mit den kurzen Haaren stellte weiter Fragen. Schließlich bugsierte Schanna die beiden Frauen in Richtung Tür, wobei sie ihnen erklärte, dass die Kinder gleich ihr Abendessen bekommen würden. Wanja war überrascht, da das Abendessen immer erst nach Nastjas Nachmittagspause gebracht wurde, die sie noch gar nicht gehabt hatte. Als sie die Tür erreicht hatten, ergriff Wanja die Gelegenheit beim Schopf.

»Bitte komm wieder«, sagte er zu der Frau mit den kurzen Haaren.

Zu seiner Freude drehte sich die Frau um und kam zu ihm. Sie gab ihm ein Auto und griff, auf seine Frage hin, ob sie auch ein Auto für Andrej hätte, ein weiteres Mal in ihre Tasche und holte ein zweites hervor. Wanja hatte noch nie zuvor mit einem Spielzeugauto gespielt, ebenso wenig Andrej. Beide ließen ihre Autos über die Tischplatte sausen und lächelten einander an. Sie waren so darin vertieft, dass Wanja beinahe vergessen hätte, die Frau nach ihrem Namen zu fragen – sie sagte, sie heiße Sarah – und ihr das Versprechen abzunehmen, wiederzukommen. Das würde sie, versicherte sie.

Kurz vor dem Abendessen nahm Nastja ihnen die Autos weg und legte sie auf ein hohes Regal. Als Wanja am nächsten Morgen aufwachte, galt sein erster Gedanke seinem Auto. Er setzte sich auf, streckte eine Hand aus und stellte sich vor, sein Auto auf dem Geländer des Gitterbetts hin- und hersausen zu lassen. Dann ließ er es eine große Kurve an der Wand entlang fahren.

»Nastja, kann ich jetzt mein Auto haben?«, fragte er, als sie in den Schlafraum kam.

»Auto? Welches Auto?«

Wanja wurde es unbehaglich zumute. Nervös griff er nach den Gitterstäben und zog sich hoch. »Du weißt doch, das Auto, das Sarah mir geschenkt hat.«

»Sarah? Ich kenne keine Sarah.«

Wanja geriet in Panik. »Die mit der lustigen Stimme, die mir gestern das Auto geschenkt hat. Und Andrej hat sie auch eines geschenkt.«

Nastja beugte sich über ein Gitterbett, um ein Kind herauszuheben. »Ich weiß nichts von irgendwelchen Autos«, sagte sie ungerührt. »Das musst du geträumt haben.«

2.

EINE STIMME AUS DER STILLE

Oktober 1994 bis Juni 1995

Sarah lernte Wanja rein zufällig kennen. Genau genommen hätte sie ihn beinahe übersehen. Es geschah am Ende eines langen Tages – ihr erster Besuch im Babyhaus 10, als sie vollkommen unvorbereitet in eine Welt eintauchte, die in der Zeit von Charles Dickens stehengeblieben zu sein schien.

Wenn Sarah zehn Jahre später an den Herbst 1994 und ihre damalige Ankunft in Moskau zurückdenkt, erinnert sie sich, dass sie keine bestimmte Vorstellung davon hatte, wie ihr Leben dort aussehen könnte: »Zusammen mit unseren beiden schulpflichtigen Kindern war ich meinem Mann Alan, einem Zeitungskorrespondenten, nach Russland gefolgt, und fragte mich nun, womit ich die vor mir liegenden vier Jahre verbringen sollte. Eines Tages ließ ich mich überreden, mit zum »Treffen der Neuankömmlinge« zu gehen, das vom International Women’s Club organisiert wurde und den ausländischen Frauen als Vorwand diente, sich herauszuputzen und Dunkin’ Donuts – ebenfalls frisch in Moskau eingetroffen – in der Residenz des amerikanischen Botschafters zu essen. Draußen standen die russischen Frauen nach allem Möglichen Schlange. Drinnen hatten wir die Möglichkeit, uns für Ikonenmalerei, indische Küche, Yoga, russische Literatur oder andere sinnvolle Aktivitäten anzumelden.

Zwischen all den in Gucci gehüllten Botschaftergattinen machte ich zufällig die Bekanntschaft einiger britischer Frauen, die T-Shirts aus Kisten verkauften. Sie gehörten der Fürsorgegruppe des International Women’s Club an, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, russischen Bürgern zu helfen, deren Existenz infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus zerstört worden war. Sie suchten verzweifelt nach Personen, die gut Russisch sprechen und als Dolmetscher fungieren konnten, und ich wollte ihnen ihre Bitte nicht abschlagen. Ich ahnte nicht, dass die Folgen dieser Begegnung den weiteren Verlauf meines Lebens derart bestimmen würden, dass ich am Ende der vierjährigen Korrespondentenzeit meines Mannes noch nicht in der Lage sein würde, mit ihm weiterzuziehen.«

So kam es, dass Sarah an jenem wolkenverhangenen Dezembertag von Louisa, einer amerikanischen Freundin, in ihrer Wohnung abgeholt wurde, um bei einem Besuch in einem Babyhaus zu dolmetschen. Moskau befand sich zu dieser Zeit in einem schlimmen Zustand. Von den Veränderungen, die aus der Stadt Jahre später ein neonbeleuchtetes Boomtown machen würden, war noch nichts zu sehen, und Schnee, unter dem die kaputten Gehwege und mit Schlaglöchern durchsiebten Straßen hätten versteckt werden können, war auch noch keiner gefallen.

Im hinteren Teil von Louisas glänzend rotem Jeep Cherokee stapelten sich Kinderwintermäntel und -stiefel, Töpfchen sowie Packungen mit Bunt- und Filzstiften – alles gekauft von Geldern, die die Fürsorgegruppe gesammelt hatte – sowie Dosen mit Keksen, die Louisa selbst gebacken und glasiert hatte.

Während Louisa ihren Wagen den Moskauer Autobahnring entlangsteuerte und über vier Fahrstreifen nach rechts zog, um auf die u-förmige Abbiegerspur zu gelangen, war sie sich bewusst, dass sie Befremden erregte: Sie war der einzige weibliche Fahrer auf der Straße und vermutlich die einzige Frau in ganz Moskau am Steuer eines großen und teuren Geländewagens. Mit ihren langen blonden Haaren fiel sie nur noch mehr auf. Sie fuhren gerade die Nowoslobodskaja Straße entlang, als ein zerbeulter Lada seine ganze Kraft aufbot, um den Jeep zu überholen, und vier untersetzte Männer in Lederjacken Louisa böse Blicke zuwarfen, die es wagte, der männlichen Vorherrschaft auf den Straßen die Stirn zu bieten.

Louisa kämpfte sich weiter durch den Verkehr und erklärte währenddessen, dass das Babyhaus 10 zwar das am einfachsten zu erreichende Waisenhaus sei, aber auch das, zu dem man am schwersten Zutritt erlangte. Grund dafür war Adela, die exzentrische Chefärztin, die Fremden gegenüber äußerst misstrauisch war. Sie hielt alle ausländischen Frauen für Missionarinnen amerikanischer Sekten und war überzeugt, dass eine Dolmetscherin sie mit dem bösen Blick geschlagen hatte. Seither hatte die Chefärztin alle Besuche der Fürsorgegruppe boykottiert, indem sie das Babyhaus regelmäßig unter Quarantäne stellte, sobald man dort anrief, um einen Besuchstermin auszumachen. Diesmal, erklärte Louisa Sarah, würden sie unangemeldet kommen.

Sie erreichten das Ende einer mit Schlaglöchern übersäten Gasse und hielten an einem hohen grünen Tor, dessen Farbe abgeblättert war. Durch ein kleineres Tor an der Seite gelangten sie auf das Grundstück des Babyhauses. Sarah bot sich ein trostloser Anblick: Unter kahlen Linden standen einige große Holzlaufställe mit abgewetzten Dächern, gemustert im russischen Bauernstil. Was die Außenanlage des Babyhauses einst verschönert haben musste, moderte nun nur noch vor sich hin. Zwischen den Bäumen verstreut fanden sich eine Schaukel ohne Sitzfläche, ein Sandkasten, der Wind und Wetter ausgesetzt war, sowie einige herrenlose Plastikgefährte, allesamt ohne Lenker oder Griffe. Das Babyhaus selbst war ein gelbes, zweistöckiges Gebäude – ein ehemals elegantes Herrenhaus, dessen mit Pilastern und Stuckverzierungen geschmückte Fassade durch den Anbau von Bretterverschlägen, Vorratskammern und Kohlenbunkern zwangsläufig verunstaltet worden war. Der marode Zustand des Hauses wies auf eine staatliche Nutzung hin.

Im Babyhaus 10 lebten zweiundsechzig Kinder im Alter von null bis fünf Jahren. Doch Sarah sah oder hörte nichts von ihnen. Dieser Ort wirkte nicht wie die Heimat glucksender Babys und glücklicher Kleinkinder, sondern wie eine Endstation. Die Hauptstraße, auf der sich dicht an dicht Ladenbesucher, Straßenhändler und Bettler drängten, war gerade einmal fünfzig Meter entfernt, doch das Babyhaus schien wie in einer anderen Welt zu liegen.

Sarah und Louisa gingen die Treppe zu einer großzügigen Veranda hinauf, die vollgestellt war mit allerlei Sperrmüll wie Möbeln, alten Kinderwagen und Plastikspielzeug, allesamt viel zu kaputt, um noch repariert werden zu können, doch zur Entsorgung schien sich niemand aufraffen zu können.

Neben der Tür saß eine stark geschminkte junge Frau in einem weißen Kittel rauchend auf einer Bank und starrte in die Ferne. Sie zeigte keinerlei Interesse an den beiden fremden Frauen, als diese die Außentür öffneten, einen kurzen Korridor entlangliefen und durch eine zweite Tür im Inneren des Babyhauses verschwanden. Dem Ort hing ein eigentümlicher Geruch nach gekochtem Kohl und Urin an. Die Luft war abgestanden. Eine ältere Frau in weißem Kittel, mit großer Brille und einem Stethoskop um den Hals kam auf sie zu, in der Hand trug sie ein Blatt Papier. Sie erkannte Louisa und nahm die Dose mit den Keksen entgegen.

»Wir haben die Mäntel und Stiefel mitgebracht, um die Sie gebeten haben«, sagte Louisa.

»Adela muss die Sachen in Empfang nehmen. Ich werde sie suchen gehen.« Damit ließ sie die beiden Frauen im Flur stehen. Noch immer war kein einziges Kind zu sehen, aber in der Ferne hörte Sarah ein Weinen.

Langsam lief sie in Richtung des Jammerns den Flur entlang. Im Vorbeigehen las sie die Schilder an den Türen: CHEFÄRZTIN, STELLVERTRETENDE CHEFÄRZTIN, LOGOPÄDIE, MASSAGE. Hinter all diesen Türen war es still. Sie versuchte, eine zu öffnen. Abgeschlossen. Ein Stück weiter den Flur hinauf stieß sie schließlich auf die Quelle des Weinens. Es kam aus einem Zimmer, das als »ISOLATIONSRAUM« ausgewiesen war. Die Tür hatte ein Fenster. Drinnen sah Sarah drei Zellen. In der hintersten Zelle stand ein etwa zweijähriger Junge in einem Kinderbett und rüttelte auf- und abspringend an den Gitterstäben. Er sah aus, als hätte er seit einer Ewigkeit geweint, und brachte nun, vor lauter Erschöpfung, nur noch vereinzelte Schluchzer zustande. Die Zelle war vollkommen kahl. Im Bett lag kein Teddy. An den Wänden hingen keine Bilder.

Geschockt von diesem Anblick, prallte Sarah zurück und konnte nicht anders, als eine Frau mit weichen Gesichtszügen anzusprechen, die gerade das Zimmer der stellvertretenden Chefärztin verließ.

»Entschuldigen Sie bitte. Was ist denn mit dem kleinen Jungen los?«, fragte Sarah. »Er scheint vollkommen aufgelöst.«

»Seine Mutter hat ihn heute Morgen hergebracht. Sie schafft es nicht mehr«, sagte die Frau. »Sie ist Studentin. Sie braucht eine Pause, um ihr Studium zu beenden. Wir haben ihr gesagt, sie soll in ein paar Jahren wiederkommen. Dann ist er einfacher im Umgang.«

»Aber warum ist er ganz allein da drinnen?«

»Neuankömmlinge müssen drei Wochen in Isolation verbringen. Sie könnten die anderen Kinder anstecken.«

»Aber er sieht gar nicht krank aus …«

»So sind nun mal die Vorschriften – drei Wochen Quarantäne. Dann wird er einer Gruppe zugeteilt.«

»Aber er hat gar nichts zum Spielen.«

»Spielzeug ist nicht erlaubt. Zu viele Keime«, sagte die Stellvertreterin.

Sarah wollte ihr weitere Fragen stellen, doch da sah sie Louisa auf sich zusteuern, die sehr besorgt aussah. »Hab ich dir nicht gesagt, dass du keine unangenehmen Fragen stellen sollst?«, flüsterte sie Sarah zu. »Sie werden uns nie wieder hier hereinlassen.«

In diesem Moment kam die Frau mit der großen Brille von draußen herein, gefolgt von einer alten Frau mit rußverschmierter Stirn und einer grünen Haube auf dem Kopf, aus der graue Haarsträhnen herausschauten. Ihre Hände steckten in dicken, tiefschwarzen Handschuhen, und in der Hand trug sie einen Kohleeimer.

Sarahs erster Gedanke war, dass diese drollige Frau eine Reinigungskraft sein musste. Erst als sie ihr vorgestellt wurde, stellte sich heraus, dass Sarah hier niemand Geringeren vor sich hatte als Adela, die Chefärztin des Babyhauses, verantwortlich für das Leben von zweiundsechzig Kinderseelen.

»Der Heizkessel muss repariert werden«, sagte Adela und zog ihre Arbeitshandschuhe aus. Unruhig blickte sie zwischen den Besuchern und ihrer Stellvertreterin hin und her.

»Adela, wir haben die Mäntel und Stiefel mitgebracht, um die Sie gebeten haben«, sagte Sarah. »Sie sind im Auto. Wenn Sie jemanden mit rausschicken, der uns das Tor öffnet, fahren wir den Wagen vors Haus.«

Trotz ihrer gehobenen Position ging Adela selbst mit nach draußen, entriegelte das Tor und zerrte es über den unebenen Boden. Louisa fuhr den Wagen hinein und parkte vor dem Eingang neben dem alten Auto des Babyhauses, einem schmutzigweißen Wolga Kombi mit einem roten Kreuz auf der Seite, der gegen die glänzend rote Karosserie des Cherokee geradezu armselig wirkte. Während Adela die Spenden auslud und ins Haus trug, blieb das Personal, ein Häufchen Frauen in weißen Kitteln, zögerlich am Eingang stehen.

Nachdem alle Artikel gezählt und von Adela quittiert worden waren, fragte Louisa, ob es noch mehr gäbe, was die Fürsorgegruppe für das Babyhaus besorgen könnte. Adela blickte starr zu Boden und murmelte: »Wir haben alles, was wir brauchen.« Danach herrschte betretenes Schweigen, woraufhin sich die Frau mit der großen Brille zu Wort meldete. »Adela Wladimirowna. Wie wäre es mit einer Waschmaschine? Unsere ist seit Monaten kaputt.«

»Ja, genau. Das brauchen wir. Klären Sie das mit Louisa.«

Eine Tasche mit Spenden befand sich noch im Wagen. Sarah ergriff die Gelegenheit. »Hier sind noch Spielsachen. Können wir sie den Kindern geben?«

Eine andere Frau im weißen Kittel trat einen Schritt vor. Sie stellte sich ihnen als Schanna, »Chef-Defektologin«, vor, und verfügte zweifellos über eine gewisse Autorität. Sarah fragte sich, was ihr kryptischer Titel wohl zu bedeuten hatte.

Die Defektologin führte die Besucher den Flur entlang und eine Steintreppe hinauf, deren kaltes, braun gestrichenes Geländer auf stählernen Pfosten auflag. Am oberen Ende der Treppe gab es eine Sitzecke mit Teppich, roten Plastiksofas und einer verkümmerten Pflanze auf einem Blumenständer. Niemand saß hier, und noch immer gab es keine Spur von einem Kind. Schließlich erreichten sie eine große Tür mit der Aufschrift GRUPPE 3. Drinnen lief etwa ein Dutzend vierbis fünfjährige Jungen und Mädchen umher. Sie steckten in hellbraunen oder blassblauen Strumpfhosen, darüber trugen sie Kleidungsstücke, die allesamt nicht zusammenpassten, was darauf schließen ließ, dass keiner von ihnen etwas Eigenes besaß. Ein Mädchen stach aus der Gruppe heraus – offenbar war sie der Liebling der Betreuerin, denn sie hatte ein gepunktetes Kleid an, eine große weiße Schleife im Haar und spazierte mit einer Puppe im Arm herum. Sarah entdeckte auf den Gesichtern einiger Kinder einen Ausschlag; die Jungen hatten Blutergüsse und Schrammen.

Eine einzelne Betreuerin saß in einem weißen Kittel mit dem Rücken zu den Kindern an einem Schreibtisch und schrieb etwas in ein Heft. Auf dem Boden stand ein Spielhaus, drum herum lagen ein paar kaputte Plastiktiere. Die hübscheren und interessanteren Spielsachen lagen in einer Glasvitrine. Zum Spielen waren sie ganz klar nicht gedacht. Einer der Jungs schlug gerade mit einem undefinierbaren Stück Plastik auf einen anderen ein. Die Betreuerin sah von dem Heft auf, warf einen Blick über die Schulter und schrie den Jungen an: »Hör auf damit!« Den Besuchern schenkte sie keinerlei Beachtung.

Die Kinder scharten sich um die fremden Frauen, griffen in die Taschen, die sie bei sich trugen, und riefen: »Hier, hier! Ich, ich!«

Als eine Rangelei um Louisas Kekse ausbrach, zeigte die Defektologin mit einer ausladenden Handbewegung auf die Kinder im Raum und sagte: »Sie sind oligophren, alle.«

Sarah fragte, was das Wort bedeutete. »Geistig zurückgeblieben«, sagte die Frau. Sie deutete auf ein Mädchen mit dunklerer Hautfarbe in einem karierten Unterhemd. »Nehmen Sie die, zum Beispiel. Ihre Mutter ist drogenabhängig und der Vater zurück nach Kuba. Früher besuchte wenigstens die Großmutter sie noch, aber nicht mal mehr sie kommt noch. Soweit wir wissen, ist sie tot.«

Als die Kleine diese hässlichen Worte hörte, verzog sich ihr Gesicht zu einem Weinen, was die Defektologin jedoch nicht zu bemerken schien. Sie zeigte auf einen Jungen in einem violetten T-Shirt und einer rosafarbenen kurzen Hose. »Der ist seit seiner Geburt bei uns. Er wurde am Bahnhof gefunden. Seine Mutter hat ihn in Moskau zur Welt gebracht und ist dann zurück nach Lettland verschwunden. Und der hier: Seine Mutter lebt in einem Internat. Der Hausmeister hat sie geschwängert.«

In den darauffolgenden Monaten, in denen Sarah weitere Babyhäuser besuchte, lernte sie, dass dieses grausame, gefühllose Verhalten der Betreuerinnen die Regel war. »Ich konnte nicht glauben, dass sie über die Kinder sprach, als ob diese sie nicht hören könnten oder zu dumm wären, sie zu verstehen. Sie besaß ein so freundliches und mütterliches Gesicht, doch wenn es um die Kinder ging, schienen ihr alle Mutterinstinkte abhandenzukommen. Ihre Botschaft war klar: Die Kinder waren von Geburt an verflucht und würden niemals in der Lage sein, ihre Unzulänglichkeiten zu überwinden.

»Ich nahm ein kleines Mädchen auf den Arm. Sie hatte kurze, lieblos abgeschnittene Haare. Ich setzte sie mir auf die Knie und gab ihr ein Spielzeugpferd mit Reiter. Ich erwartete, dass sie ähnlich lieblich wie meine Tochter riechen würde, die etwa im gleichen Alter war. Doch stattdessen stieg mir der Geruch von ungewaschener Kleidung und Vernachlässigung in die Nase. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, wie es sein konnte, dass eine so große Einrichtung nicht einmal eine Waschmaschine hatte, um die Kleidung der Kinder sauberzuhalten.«

Nachdem sie die Defektologin um Erlaubnis gebeten hatten, leerten Sarah und Louisa einen Teil der mitgebrachten Spielsachen in der Mitte des Raumes auf dem Fußboden aus. Sofort stürzten sich die Kinder auf die Schätze. Berauscht von den leuchtenden Farben nahmen sie die knallbunten Figuren eifrig auseinander und setzten sie wieder zusammen, betätigten Hebel, drückten Knöpfe und veranstalteten ein wildes Klingel-, Brumm- und Hupkonzert.

Sarah merkte schnell, dass dieses muntere Durcheinander nicht in das strenge System des Babyhauses passte, und bereits nach wenigen Minuten gab ihnen die Defektologin zu verstehen, dass es Zeit war, zu gehen. Im Hinausgehen sagte sie zu der Betreuerin: »Ich komme später wieder, um die Spielsachen zu holen und in mein Zimmer zu bringen. Das ist pädagogisches Spielzeug, mit dem sie nur spielen dürfen, wenn ich sie beaufsichtige. Wir wollen ja nicht, dass es kaputtgeht.«

Sarah wollte schon protestieren, da stieß ihr Louisa einen Ellbogen in die Rippen. Nach ihnen verließ auch die Betreuerin das Zimmer. »Zeit für meine Pause«, murmelte sie, zückte einen Schlüssel, schloss die zwölf Kinder ein und verschwand die Treppe hinunter. Sarah war kurz davor zu fragen: »Aber wer passt jetzt auf die Kinder auf?«, biss sich dann aber auf die Zunge.

Auf dem Weg zur Treppe kamen sie an einer Tür mit der Aufschrift GRUPPE 2 vorbei. »Sind in diesem Zimmer auch Kinder?«, fragte Sarah die Defektologin. »Wir könnten ihnen die restlichen Spielsachen geben.«

»Oh, nein, da drinnen sind nur die schlimmen Fälle – die Unheilbaren. Die brauchen keine Spielsachen. Sie sind nicht in der Lage, damit zu spielen.« Doch irgendetwas an ihrer Haltung bestärkte Sarah in ihrem Vorhaben, in dieses Zimmer zu schauen. »Dürfen wir sie trotzdem besuchen?«

Widerwillig öffnete die Defektologin die Tür. Stille empfing sie. Nach dem Trubel im vorigen Zimmer schien dieses auf den ersten Blick leer zu sein. Dann sah Sarah, dass sich etwa ein Dutzend Kinder in dem Raum befanden, von denen sich keines bewegte. »Sie können nur liegen. Sie sind alle sehr krank«, sagte die Defektologin.

In einem Laufstall lag regungslos ein kleines blondes Mädchen.

»So eine Süße. Wie alt ist sie?«, fragte Sarah. Sie schätzte die Kleine auf etwa ein Jahr.

Die Defektologin wandte sich um und gab die Frage an die Betreuerin weiter, die in einer Namensliste an der Wand nachschaute und dann sagte: »Iwanowa – sie ist vier. Ihr zentrales Nervensystem ist geschädigt.«

»Aber sie verfolgt uns mit den Augen.«

»Das ist nur ein Reflex. Es hat nichts zu bedeuten«, beharrte die Defektologin.

Neben dem Laufstall standen ...

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