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Wolfgang und Edeltraut und andere Erzählungen

Marg. Lenk

Wolfgang und Edeltraut und andere Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Swanwit

Fünfhundert Jahre waren vergangen, seit unser Heiland auf Erden wandelte. Seine Boten waren in alle Welt ausgegangen, um den Völkern das seligmachende Evangelium zu bringen, aber noch immer gab es im deutschen Lande viele Gegenden, wohin noch nie die Kunde von dem freundlichen Gottessohn gedrungen war.

 In einem fruchtbaren Tale des Thüringer Landes lagen zerstreut einige Höfe, zusammen eine Gemeinde bildend, deren Oberhaupt der tapfere Hugbald war.

Sein Hof war der größte von allen. Stattlich ragte das hohe Dach des Hauses zwischen mächtigen, schattengebenden Linden empor, umgeben von den niederen Wohnungen der Knechte, die samt ihren Frauen und Kindern dem Hofherrn eigen waren.

Wohlbestellt waren die Felder und zahlreich das Herdenvieh, das auf den frischen Wiesen am Bache weidete. Kräftige Knaben übten sich im Ringkampf und Speerwerfen, und fleißige Mägde liefen umher, des Viehes wartend und den Haushalt besorgend.

Jetzt aber war Nacht. Auf weichem Bärenfell ruhte Hugbald, doch schlief er nicht, denn drinnen im Frauengemach lag sein Weib Liebtrut schwer krank danieder, und die Ahne war ängstlich um sie beschäftigt.

Unverwandt war des Helden Auge auf den Vorhang gerichtet, der die Halle von der Kammer trennte.

Da bewegte sich dieser leise, die Alte trat auf ihn zu und legte ein neugeborenes Mägdlein zu seinen Füßen nieder, das alsbald kläglich zu schreien begann.

Schon beugte sich der Vater herab, um es zu betrachten, da tönte aus dem Nebenraum banger Angstruf der Mägde.

Des Kindleins nicht achtend, eilte Hugbald hinaus, gefolgt von der Ahne.

Einen Blick voll Liebe und Abschiedsschmerz warf die treue Liebtrut noch ihrem Manne zu, dann schloss sie die Augen und ging ins finstere Reich der Toten.

Bald erfüllten die vier Söhne der Hingeschiedenen die weite Halle mit Klagegeschrei, in das die Mägde einstimmten, denen Liebtrut eine freundliche Herrin gewesen war.

Als nun alle weinend das Lager umstanden, fehlte Hilde, das zwölfjährige Töchterlein.

Der Vater meinte, es liege wohl in seinem Winkel in allzu festem Schlaf, und ging es zu holen. Da fand er es am Boden sitzend, das neugeborne Schwesterlein auf dem Schoße, zärtlich bemüht, ihm aus einer kleinen Schale etwas Milch einzuflößen.

„Wie wagst du es“, rief Hugbald, „das Kind zu tränken, das ich noch nicht angenommen habe?“

„Vergib mir, Vater“, erwiderte das Mädchen; „ich wusste es nicht, denn ich erwachte erst von seinem Weinen.“

„Lege es auf die Bank, damit ich es ansehe; du aber geh hin und traure, denn du hast keine Mutter mehr.“

Mit lautem Aufschrei eilte das Kind in die Kammer, kehrte aber bald, wenn auch mit tränenvollem Antlitz, zurück, um nach dem Schwesterlein zu sehen.

„Sehr töricht hast du gehandelt“, rief ihm der Vater entgegen, „dass du dem Kinde Milch reichtest. Merktest du nicht, wie jämmerlich es ist? Wahrlich, doppelt so groß warst du, als du zuerst das Licht sahst; kräftig war deine Stimme und rund deine Gliederchen.

Dieses aber piept wie ein krankes Vöglein, dürr sind seine Ärmchen, und ein Beinchen ist kürzer als das andere.

Lahm und elend wird sich’s über die Erde schleppen, und daran bist du schuld! Hätte es noch nicht getrunken, ließe ich’s in den Wald legen. Da wäre es bald tot, und die freundliche Hertha nähme es in ihre Arme.“ (Sobald zu damaliger Zeit ein Kind getrunken hatte, durfte es nicht mehr ausgesetzt werden.)

„O Vater, nimmermehr gönne ich der bleichen Göttin das Schwesterlein! Schon lange wünsch’ ich mir eins, denn ich bin allein unter den wilden Brüdern. Ich will es pflegen und warten; es soll mein Trost sein im bittren Schmerz um die Mutter. Vielleicht wird es doch noch schön und stark; auch das Beinchen kann noch wachsen.“

„So nimm es hin“, sagte Hugbald finster, „aber klage nicht, wenn sein Gewimmer dich aus dem Schlafe weckt und wenn du es herumschleppen musst, während andere Mägdlein den Reigen tanzen.“ Damit wandte er sich ab, um zu der geliebten Leiche zurückzukehren.

Hilde aber wickelte das Schwesterlein warm ein, wiegte es in den Armen und lächelte unter Tränen, als es bald ruhig ward und einschlief.

Swanwit (Schwanweiß) ward das Kindlein genannt, denn seine Haut war zart und weiß und seine feinen Härchen beinahe so hell glänzend wie das Gefieder des schönen Wasservogels.

Wohl war die Last, die Hilde auf sich genommen, im Anfang schwer, denn das schwache Kindlein schrie oft Tag und Nacht. Aber die Liebe ist stark, und so ward die Schwester nicht müde, es zu tragen und zu wiegen, zu tränken und in das stärkende Bad zu bringen, im Sommer draußen am Quell, im Winter drinnen am warmen Herd.

Und siehe, der Lohn blieb nicht aus. Als Swanwit die ersten Schritte tat und lächelnd den Namen der treuen Schwester stammelte, war das Schwerste überstanden. Von nun an entwickelte es sich lieblich. Sein Haar fiel in seidenweichen, flachshellen Locken bis auf die Schultern, die Äuglein strahlten lichtblau und die Wangen überzog ein rosiger Hauch.

Aber schwach und klein blieb es trotz aller Pflege, und das Beinchen blieb kurz, sodass der Gang des Kindes hinkend war.

Dadurch war ihm manche Freude versagt, aber dennoch kam kein Neid in sein sanftes Gemüt, es war immer zufrieden und freundlich. Fröhlich lachte es mit, wenn es im Grase sitzend den wilden Spielen der Hofkinder zusah. Gern trugen sie ihm Blumen und Beeren zu, und es war glücklich, wenn es der geliebten Schwester ein Kränzchen winden und aufs goldige Haupt setzen konnte.

Im Winter freilich kauerte es oft einsam am Herdfeuer, denn es fror leicht und konnte nicht auf dem Eise gleiten und sich im Schnee wälzen wie die andern. Seit ihm aber ein alter Knecht ein Püppchen geschnitzt, blieb es gern allein, um es zu liebkosen und leise mit ihm zu sprechen.

Als es größer und kräftiger ward, fing es bald an, der Schwester und den Mägden zur Hand zu gehen: Es lernte die Spindel drehen, half das Mehl bereiten und bediente Vater und Brüder in Demut, sodass sie es gern um sich duldeten.

Nur Theodulf, der älteste, war ihm nicht wohlgesinnt, denn sein Gemüt war stolz und hart. Es kränkte ihn, ein so gebrechliches Geschöpf im Hause zu sehen, doch hütete er sich, es zu beleidigen, solange Hildes Auge zärtlich wachte. So verfloss Swanwits Kindheit harmlos und friedlich, bis es zwölf Jahre alt war.

Da ward einst am Tage der Sommersonnenwende auf dem Hofe ein Fest veranstaltet, zu dem viele Gäste von nah und fern kamen.

Unter ihnen war Siegbert, ein herrlicher Jüngling, der sich eine Zeitlang in fremden Ländern aufgehalten hatte und jetzt im Begriff war, in die Heimat zurückzukehren.

Wohlanständig waren seine Sitten und voll Weisheit seine Rede. Auch gewann er in allen Kampfspielen, verlangte aber keinen andern Preis dafür als einen freundlichen Blick von der schönen Hilde.

Lange sprach er mit dem Vater; und als am Abend das große Feuer auf dem Hofe angezündet wurde, umfasste er die Jungfrau und sprang leichtfüßig mit ihr durch die lodernde Flamme, während Gäste und Gesinde in lauten Jubelruf ausbrachen.

Swanwit aber entfloh ins Haus, verkroch sich in einem Winkel und weinte lange bitterlich, denn sie wusste schon, was der kühne Sprung bedeutete.

Als es Herbst ward, kam Siegbert wieder, um Hilde als Ehegemahl mit sich fort, weit hinauf ins Gebirge, zu führen.

Sanft und geduldig überwand Swanwit ihre Sehnsucht nach der Schwester, eifriger als je diente sie allen und bemühte sich, dem Vater die fortgezogene Tochter zu ersetzen. Glücklich war sie, wenn er sie zum Lohn freundlich anlachte und ihr über das Lockenhaar strich.

 

So vergingen wieder drei Jahre; da zog Hugbald mit seinen Söhnen aus in den Kampf gegen die wilden Wenden.

Siegreich und mit Beute beladen kehrten die Jünglinge zurück, aber der Vater kam nicht wieder. Mit der Todeswunde in der Brust lag er mit andern Gefallenen auf dem Kampfplatz begraben.

Die Söhne priesen ihn glücklich, dass er nun in der Götterhalle sitzen durfte mit allen tapferen Helden; Swanwit aber wollte sich nicht trösten lassen.

Das arme Kind hatte wohl Grund zu trauern, denn von dem Tage an, da Theodulf den Herrensitz einnahm, ward es nicht viel anders gehalten wie eine Magd. Am liebsten hätte es der Stolze ganz in die Wohnungen des Gesindes verwiesen, wenn nicht Hermann, der jüngste Bruder, ihm mit Eifer einen Platz am Herde bewahrt hätte.

Aber es ward so oft unfreundlich angesehen und so hart gescholten, wenn es ein Versehen machte oder im Wege war, dass es scheu und ängstlich ward und gern Zuflucht suchte bei den Mägden und Kindern.

Noch schlimmer ward es, als Theodulf nach Jahresfrist die schöne, reiche Gerlinde aus der Nachbarschaft als Hofherrin heimführte. Sie führte ein strenges Regiment und hatte keine Liebe zu dem zarten, träumerischen Mägdlein, das freilich gar sehr abstach gegen ihre hohe, herrliche Gestalt.

 

Nun kam eine Zeit, da Swanwit oft recht traurig war und viel weinte, auch wenn sie niemand schalt oder beleidigte.

Sie wuchs nun zur Jungfrau heran, hatte am Kinderspiel keine Freude mehr und lebte nicht mehr so harmlos von einem Tage zum andern. Oft schweifte ihr Blick in die Zukunft, und die war ja so trübe und freudenleer für das lahme, kränkliche Mägdlein.

Kein anderes Glück kannte damals die deutsche Jungfrau, als von einem edlen Manne zur Gattin erwählt zu werden, ihm in Liebe und Treue zu dienen und blühende Kinder um sich emporwachsen zu sehen.

Nun wusste Swanwit wohl, dass ihr solches Glück ganz versagt sei, denn wer würde die Gebrechliche begehren?

Wohl gab es Jungfrauen, die, freiwillig auf Erdenglück verzichtend, sich den Göttern zum Dienste ergaben. Hochgeehrt als weise Frauen halfen sie den Kranken, gaben klugen Rat in allerlei Not, suchten sogar die Zukunft zu enthüllen und folgten dem Heere in die Schlacht, um die Verwundeten zu pflegen.

Aber würden die Götter eine so mangelhafte und unvollkommene Gabe annehmen? Was ihnen geopfert ward, musste schön, stark und fehlerlos sein.

Ach, Swanwit war unscheinbar, schwach und voller Gebrechen, das fühlte sie wohl und verhüllte seufzend ihr Antlitz, denn auch bei den Göttern war für sie kein Trost zu finden. Einsam und unwert musste sie durchs Leben gehen; wenn es aus war, musste sie unbeweint sterben und auch einsam und verachtet im Schattenreich wandeln.

O, wie traurig war das!

 

Seit Theodulf den Herrensitz einnahm, ging es viel lebhafter auf dem Hofe zu als ehemals und häufig kehrten Gäste ein, die allerlei zu berichten wussten von fremden Ländern und Völkern.

Da ward auch zuweilen von seltsamen Männern geredet, die seit einiger Zeit ins Land gekommen waren.

Arm und demütig gingen sie einher in grauen Gewändern, verkündigten aber denen, die sie beherbergten, wunderbare Dinge von einem neuen Gott, der mächtiger sei als alle die andern.

Sie dienten ihm allein, und wenn sie zu ihm beteten, banden sie zwei Hölzer in Kreuzform zusammen und knieten davor nieder. In ihrem Sack führten sie ein Ding, das sie Buch nannten, mit dem redeten sie leise in einer Sprache, die niemand verstand.

 

Lange achtete Swanwit dieser Kunde nicht viel, denn wenn der neue Gott noch mächtiger war als die alten, so kümmerte er sich wohl noch weniger um ein armes, kränkliches Mägdlein.

So ward Swanwit neunzehn Jahre alt, doch konnte man sie ihrer Größe und Gestalt nach kaum für fünfzehnjährig halten.

Da ward der Tag der Wintersonnenwende, den sie Jul nannten, auf dem Hofe fröhlich gefeiert.

Auch Swanwit hatte ein gutes neues Gewand bekommen und diente am Tisch. Sorgfältig verrichtete sie ihre Arbeit, ohne viel auf das Gespräch der Männer zu hören, das lange nur von Krieg und Waffenspiel handelte.

Da erhob Ratmund, ein erfahrener Mann, der vor Kurzem von einer weiten Landfahrt zurückgekehrt war, die Stimme und sprach:

„Lasst uns auf der Hut sein, Genossen, gegen den neuen Gott, den die Fremden ins Land bringen. Sie nennen ihn den Friedefürsten, denn obgleich er den Seinen auch Schutz in der Schlacht gewährt, ist er doch dem kühnen Waffenspiel nicht besonders günstig.

Seltsame Dinge sah ich auf meiner Reise. Drüben über dem großen Flusse steht ein Haus, das allein für den neuen Gott gebaut ist. Einer von den grauröckigen Fremden rühmt darin seine Wundertaten, und selbst tapfere Männer hören still und demütig zu.

Nirgends bringt man dort mehr den alten Göttern Opfer, und statt des Pferdehauptes ziert ein Kreuz den Giebel des Hauses. Wie bald wird Wodans Zorn entbrennen und sie alle vernichten!“

„Mir sollen sie nur kommen, diese Grauröcke!“, rief Theodulf; „ich werde ihnen mit dem Schwerte den Lohn geben, den sie verdienen.“

„Und doch sind es gute Männer“, wandte der junge Grimwald ein, dessen Hof in der Nähe lag. „Nicht weit von meinem Hause haben sich zwei von ihnen eine Hütte gebaut, und ich gewährte es ihnen gern. Mild und freundlich sind sie, geduldig und mit Wenigem zufrieden. Schmähworte vergelten sie mit Wohltat und Fluch mit Segen; ihr Gott hat es sie gelehrt.“

„Wahrlich, schöne Tugenden sind es“, höhnte Theodulf, „die du an den Fremden rühmst, du Milchgesicht! Sanftmut und Milde gehörten bisher ins Frauengemach, jetzt rühmt man sie am Tische der Männer.“

„So will ich ihren Mut rühmen“, rief Grimwald errötend. „Sind es nicht tapfere Helden, dass sie sich einsam und unbewaffnet in unsere Wälder wagen, wo ihnen niemand wohl will? Als jüngst mein Brüderlein schwer krank lag, haben sie es durch kräftige Kräuter geheilt; darum will ich nicht, dass man sie beschimpft.“

Einen vollen Metkrug in den Händen, hatte Swanwit zugehört. Was musste das für ein wunderbarer Gott sein, der so freundliche Diener hatte!

„Swanwit, was träumst du?“, rief jetzt Gerlindens scharfe Stimme. „Eile, fülle die Becher!“

Schnell wollte das Mägdlein dem Gebote folgen, aber in der Verwirrung stieß es an die Ecke des Tisches und der Krug entfiel seinen Händen. Da lag das kostbare Gefäß, das Gerlinde erst kürzlich von einem ausländischen Krämer erhandelt, zerbrochen am Boden, und das edle Getränk war verschüttet.

So schnell sie vermochte, floh Swanwit aus der Halle und Gerlinde ihr nach. Bald erreichte die Kräftige das schwache Mägdlein, fasste es hart an, und ein schwerer Schlag traf die zarte Schulter.

„Du hässliche Dirne!“, schrie die Zornige. „Ist’s nicht genug, dass du selbst das Haus verunzierst, musst du auch noch zerstören, was zu seinem Schmuck dient? Wahrlich, ganz unnütz bist du; zu schwach zur Magd und zu unedel zur Herrin.“

Und wieder erhob sie die Hand zum Schlage; da aber ertönte Theodulfs strenge Stimme von der Schwelle des Hauses:

„Halt ein, Gerlinde! Hüte dich, meine Schwester zu verletzen. Schelten magst du sie, aber nimmer sollst du die Freie durch Schläge beschimpfen.“

„So geh und verkrieche dich“, rief die Stolze. „Geh in die Hütten der Mägde, wo du so gern weilst, aber komm mir heute nicht mehr vor die Augen, denn verdrießlich ist mir dein Anblick.“

Swanwit hörte es kaum mehr. So schnell ihre Füße sie trugen, eilte sie über das bleiche Gras. Vorüber an den jauchzenden Kindern, die das Julfeuer umtanzten, durch den Zaun, der den Hof umschloss, lief sie, ohne dass es jemand bemerkte, dem Walde zu.

Ihr zarter Leib schmerzte von dem Schlage der harten Hand, aber noch mehr brannten die schmähenden Worte in ihrem Herzen.

Lange hatte sie Gerlindes Ungunst geduldig ertragen, jetzt brach der verhaltene Jammer mit Gewalt hervor; unter den stillen Waldbäumen schallte Schluchzen und Weinen und bitterer Klageruf.

Aber ein sanftes Gemüt pflegt nicht lange in so heftigem Schmerz aufzuwallen.

Bald war Swanwit ruhiger; milde flossen die heißen Tränen über die Wangen herab, und nur leise Seufzer rangen sich aus dem gepressten Herzen.

Langsam und nachdenklich ging sie nun den schmalen Pfad entlang, der kaum kenntlich durch den winterlich kahlen Wald führte, und sang leise vor sich hin:

 

„Mit Jubel und mit Reigen begrüßt man heut das Licht;

Nur Swanwit geht verlassen, ihr gilt die Freude nicht.

Wahr sind der Stolzen Worte: Ganz unnütz bin ich hier,

Ich armes, schwaches Mägdlein. O wehe, wehe mir!

 

Nun hoffen alle Herzen auf neue Lieb’ und Lust;

Ich habe nichts zu hoffen, das ist mir wohl bewusst.

Verachtet hier auf Erden, ganz unbeweint im Tod,

Wie sollt’ ich nicht beklagen, die große, große Not?

 

Ach“, seufzte das Mägdlein, „wenn Hilde wüste, wie unwert ich daheim gehalten werde, sie käme gewiss und holte mich zu sich. Gern wollte ich dort mein Leben lang niedere Magddienste verrichten, wenn nur ihr freundliches Auge auf mir ruhte. Aber allzu weit lief ich im Übermaß des Jammers; nimmer tragen mich die Füße, und fremd ist mir schon die Gegend.“

Das Mädchen war nie weit vom Hofe weggekommen, wenigstens niemals allein, und als es nun auf einem bemoosten Stein sitzend um sich schaute, ward ihm bange, ob es auch den Rückweg finden werde.

Schon brach die frühe Dämmerung herein, und eilends machte sich Swanwit auf, um noch vor der Nacht den Hof zu erreichen.

Aber siehe, Wolken hatten indes den Himmel überzogen; feine Schneeflöckchen fielen herab, dichter und immer dichter, sodass die schmale Spur des Pfades bald bedeckt war.

Hierhin und dorthin lief Swanwit, um den Ausgang aus dem Walde zu finden, aber immer tiefer kam sie hinein und entfernte sich weiter und weiter von der schützenden Heimat.

Oft glaubte sie Gesang und Jubelruf aus der Ferne zu hören, aber es war nur das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Bäume.

Des langen Wanderns ungewohnt, konnte sie sich kaum weiterschleppen und spähte ängstlich durch die zunehmende Dunkelheit nach einem Ruheplatz.

Da gewahrte sie unter den dichten Ästen eines großen Eichbaumes einen Haufen zusammengewehter Blätter; nur wenig Schnee konnte dahin gelangen, und sie beschloss, dort Schutz für die Nacht zu suchen.

Ihr Obergewand um das blonde Haupt hüllend, grub sie sich tief in das warme, trockene Laub hinein, bis auf den weichen Moosboden.

Sicher und geborgen fühlte sie sich hier, denn die Ahne, die gelebt hatte, bis Swanwit sechs Jahre alt war, pflegte zu sagen, dass an solchen Orten die guten Zwerglein und Lichtelfen unter der Erde wohnten und dem Unschuldigen gut und hilfreich gesinnt seien.

Von jeher hatte sich Swanwit diesen Geisterlein näher verwandt gefühlt als den hohen Göttern, denen sie so gar unähnlich war. In früheren Jahren hatten sie die Brüder oft scherzweise das Wichtlein oder Elfenkind genannt, denn sie war klein und stillwaltend wie diese.

Darum erschrak sie nicht, als es neben ihr im Laube raschelte; ja, sie freute sich sogar, einmal eines dieser seltsamen kleinen Wesen zu sehen. Wer weiß, was für klugen Rat es ihr geben konnte für ihr trübseliges Leben!

Aber o weh! Es war nur ein Häslein, das, durch das Menschenkind aus seinem Lager verscheucht, anderswo Zuflucht suchte.

‚Vielleicht kommen sie erst später heraus, um Mitternacht‘, dachte sie und lag stille ruhend in ihrem Versteck, während mancherlei Gedanken durch ihren Kopf gingen.

Es war doch schön gewesen, was von den Dienern des neuen Gottes erzählt worden war. Friedefürst war ein lieblicher Name; ach, wie hasste Swanwit Krieg und Blutvergießen!

Ob wohl die freundlichen Männer auch zu ihrem Hof kommen würden?

Ach nein, sie durften ja nicht, denn Theodulf hatte gedroht, sie zu töten, und sie hatten keine Waffen, um sich zu wehren.

Männer ohne Waffen konnte sich das Mägdlein kaum vorstellen; die Knaben des Hofes bekriegten einander ja schon mit hölzernen Schwertern, wenn sie kaum Tischeshöhe erreicht hatten.

Und doch schützte der Friedefürst die Seinen und verachtete sie nicht, weil sie waffenlos waren. Er musste also auf etwas anderes sehen als auf wilde Kraft und Kampfesmut.

Ob er vielleicht sogar so schwache, untüchtige Geschöpfe freundlich ansah, wie sie war? Das wäre fast zu viel gehofft, aber schön wäre es und lieblich.

„Ja, Friedefürst“, flüsterte Swanwit, „ich wollte dir gern dienen, wenn du mich nicht verachtetest, denn die andern Götter mögen mich alle nicht.“

Nun aber überwand sie die Müdigkeit; sie schloss die verweinten Augen und schlummerte sanft ein.

 

Bleigrau ging der Morgen auf; es war kälter geworden, rauer Nordwind jagte die Schneeflocken vor sich her. Da wanderten zwei Männer durch den Wald in langen, dunklen Gewändern, die sie jedoch, um leichter einherzugehen, aufgeschürzt hatten.

Auch den Kopf verhüllten die seltsamen Kutten, sodass nur wenig von dem grauen Haar des einen und den kurzen blonden Locken des andern zu sehen war. Der Jüngere trug einen Sack auf dem Rücken, der Alte eine Axt im Gürtel.

„Lass uns eilen, Eginhard“, mahnte der Letztere, „dass wir bald die schützende Hütte erreichen. Kalt war das Nachtlager in der Höhle, und du bist des rauen Lebens in der Wildnis noch ungewohnt.“

Der Jüngling aber folgte der Mahnung des Alten nicht; er war stehen geblieben und winkte jenen zurück.

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