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Wolfgang und Edeltraut. Erzählung

Wie die Kinder aufwuchsen

 

Nicht zu jeder Zeit durfte der Landmann so friedlich den Acker bauen und die Früchte seines Fleißes so fröhlich genießen, wie es ihm jetzt vergönnt ist.

Im Mittelalter war sein Stand ein sehr verachteter und bedrückter. Nur wenige Bauern saßen frei auf eigenem Grund und Boden, die meisten waren den Rittern zu hartem Frondienst verpflichtet und wurden von ihnen gehalten wie leibeigene Knechte.

Je mehr der Ritterstand verwilderte, desto größere Bedrückung hatten die Bauern von ihm zu leiden, bis sie endlich in allgemeinem Aufstand das lästige Joch abzuschütteln suchten.

Das geschah zu einer Zeit, als Doktor Luther das Evangelium wieder rein und lauter predigte und auch lehrte, die Seele des Christen sei frei und niemand unterworfen, denn allein Gott.

Die Bauern aber deuteten diese Lehre auf fleischliche Freiheit und meinten, nun niemand mehr Dienst und Gehorsam schuldig zu sein.

Viel Grausamkeit ward in jenem Aufruhr, den man den Bauernkrieg nennt, verübt, und manche Burg zerstört, von der reicher Segen in die Hütten des Dorfes geflossen. Denn es gab ja auch noch gerechte Herren und freundliche Edelfrauen, die barmherzig und milde gegen ihre Untertanen handelten.

Zu diesen gehörte Frau Agnes, die junge Gemahlin des Herrn von Rottenburg, dessen Schloss von bewaldeter Höhe auf die klaren Fluten des Neckarflusses herabschaute.

Wenn die edle Frau an schönen Sommerabenden in dem von niedriger Mauer umgebenen Burggärtlein saß und sich des Ausblickes erfreute, umspielten sie zwei liebliche Kinder.

Das zarte, goldlockige Mägdlein im fein gestrickten Kleidchen war Edeltraut, ihr einziges Töchterlein; der frische, flachsköpfige Bube im sauberen Leinenkittel war Wolfgang, ein Bauernsohn aus dem großen Dorfe, dessen Strohdächer dort unten zwischen Obstbäumen hervorsahen.

Bei Edeltrauts Geburt war Frau Agnes in schwere Krankheit gefallen; da hatte man Elsbeth, Wolfgangs Mutter, auf die Burg geholt, damit sie das zarte Kindlein pflege.

Ihren drei Monate alten Knaben durfte sie mitbringen, und die zwei Kinder lagen zusammen in der großen eichenen Wiege, saßen spielend auf dem bunten Teppich und lernten fast zu gleicher Zeit laufen und die ersten Worte sprechen.

Bald darauf verließ die treue Wärterin mit ihrem Söhnchen das Schloss, um in ihre bescheidene Hütte zurückzukehren, aber noch gar oft zog sie die Sehnsucht zu dem lieblichen Pflegekind.

Nach wenigen Jahren konnte Wolfgang den Weg auf die Burg allein finden, und nur selten verging ein Tag, ohne dass die Kinder miteinander spielten.

Der Knabe sah sich von klein auf als Edeltrauts Beschützer an: Er liebte sie wie ein Bruder, diente ihr wie ein Edelknabe und hütete sie wie ein Ritter.

Das Mägdlein aber ward nicht stolz oder eigenwillig dadurch, sondern nur immer sanfter und freundlicher, denn es hatte ganz den holden Sinn seiner Mutter.

Im Sommer bauten sie zierliche Gärtchen, suchten Beeren im Walde rings um das Schloss her, ließen sich auch wohl von den Stallburschen auf ein Ross heben und ritten langsam um den Burghof.

Wolfgang hätte das edle Tier gern zum Laufen und Springen angetrieben, aber um des Mägdleins willen bezwang er seine Lust.

Im Winter hatten sie im Erkerstübchen der Mutter schönes Spielzeug: eine kleine Mühle, deren klapperndes Rad durch Sand getrieben ward, bunte Holzklötzchen und glänzende Steine zum Bauen, auch ein steifes Püppchen, in Silberstoff gekleidet, und eine schöne kleine Küche, voll von blankem Zinngeschirr.

Waren sie aber aller dieser Dinge müde, so setzten sie sich auf den Tritt zu Füßen der spinnenden Schlossfrau und baten um eine Geschichte.

Sie wusste viel Schönes zu erzählen: von Rittern, die mit Riesen und Drachen gekämpft hatten, von den Elfen und Zwergen, die draußen im Walde hausten, und von den Nixen im Wasser.

Am liebsten aber erzählte sie von heiligen Männern und Frauen und ihren Taten und ermahnte die Kinder dabei, ihrem Beispiel nachzufolgen.

Bald lehrte sie die Kinder auch beten und unterrichtete sie im Lesen und Schreiben.

Die letztere Kunst war gar nicht so häufig auf den Ritterburgen; Wolfgang aber war besonders eifrig darin. Er bewahrte auch jedes Stücklein weißes Papier, das ihm die Schlossfrau schenkte, sorgfältig auf in seinem Kästchen daheim, ohne zu ahnen, wie wertvoll ihm diese Blättlein einst sein würden.

Obgleich nun die edle Frau viel betete, tugendsam und züchtig lebte und mit großer Liebe für ihre Hausgenossen sorgte, war sie doch oft recht traurig und schwermütig.

Sie war zart und kränklich, und zur Winterszeit quälte sie oft ein böser Husten. Daraus merkte sie, dass ihre Zeit nicht fern sei, da sie an die Himmelstür anklopfen müsse.

Würde ihr wohl Sankt Petrus auftun?

Ach, sie fühlte täglich, dass ihr Herz nicht so rein sei, wie es vor Gottes heiligem Auge sein muss, und zweifelte oft, ob sie auch eifrig genug sei in guten Werken!

Die Mönche in dem nahen Kloster, denen sie oft beichtete, gaben ihr wenig Trost.

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