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Wir hatten mal ein Kind

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Inhaltsübersicht

Erster Abschnitt: Die Urgeschichte des Helden

Zweiter Abschnitt: Die Jugendgeschichte des Helden

Dritter Abschnitt: Wanderjahre des Helden

Vierter Abschnitt: Liebes- und Ehegeschichte des Helden

Fünfter Abschnitt: Wiedersehen mit einer Freundin

Sechster Abschnitt: Wir hatten mal ein Kind

ERSTER ABSCHNITT

Die Urgeschichte des Helden

Johannes Gäntschow wurde am zwölften März 1893 als Sohn einfacher Bauersleute auf der Insel Rügen, und zwar auf deren Halbinsel Fiddichow, geboren. Der Hof Warder, auf dem diese Geburt stattfand, liegt etwa fünfzehnhundert Meter von Kirchdorf entfernt, allein unter uralten Linden und Pappeln. Auch von der Landstraße zum Suhler Hafen hält er sich eine Schlagbreite ab. Dort, wo der Fahrweg zum Hof von dieser Straße abzweigt, hatte schon Malte Gäntschow, des Johannes Großvater, das Schild auf einen Pfahl gestellt:

 

Hier wohnt Malte Gäntschow

Kauft nichts – Verkauft nichts und empfängt auch keine Besuche.

 

Da er aber den Lesekenntnissen seiner Mitmenschen mißtrauen mochte, da er auch als Bibelkundiger den Spruch kannte »Verstehest du auch, was du liesest?«, so wurde weiterhin auf dem Hof stets eine ganze Meute von Hunden gehalten, die jeden leichtsinnig die Tafel Mißachtenden heulend, zähnefletschend, anspringend, kleiderzerreißend empfing.

Diese Hunde, wahre Nachkommen des deutschen Schäferspitzes, in weißen, hell- wie dunkelbraunen, sowie schwarzen Färbungen, mit listig verschlagenen, aber auch mutigen Wolfsköpfen, hatten sich schon unter des Johannes Großvater Malte so vermehrt, daß ihrem Tätigkeitsdrang wie ihrer Freßlust der heimische Ausbauhof zu eng wurde. In Banden zu zwölf und fünfzehn durchstreiften sie die ganze Halbinsel, sie wurden ebenso auf Sagitta gesehen wie in Schranske, sie jagten in Leerhof die geängsteten Schafe um den Tüder, bis sie zusammenbrachen, und veranstalteten auf der Kerbe Treibjagden auf Kaninchen.

Rauh und zottig, mit wild funkelnden Augen, die Narben vieler Schlachten auf dem Leibe, mit zerrissenen Ohren und hinkend von den Schrotschüssen ihrer Feinde, versteckten sie sich abenteuernd längs des Feldwegs in einem Kornfeld. Kam dann ein Bauernmädchen mit seinem Einholkorb von Kirchdorf, so sah es plötzlich einen schmutzigen, demütigen Hund vor sich auf dem Boden kriechen, hilfeflehend zu ihr emporlechzen. Setzte sie den Korb ab, beugte sich mitleidig zu dem Verendenden, so war plötzlich die ganze, gespenstisch von hinten angeschlichene Meute in ihren Röcken, kniff und fetzte, und, während sie aufschreiend sich zu retten suchte, der vermeintlich Sterbende durch ihre Beine kroch und sie zu Fall brachte, rollte der Korb mit den Einkäufen im Gras. Die Hunde entflohen, lautlos wie ein Spuk, das Freßbare mit sich schleppend. Das arme Mädchen aber hatte im Korn die Nacht mit ihrem verhüllenden Dunkel zu erwarten, da es nicht rocklos in Büxen, manchmal auch sommertags ohne Büxen, heim ins Dorf konnte. Aber ging sie auch noch so spät heim, es kam doch immer heraus, und dröhnendes Gelächter und grobe Späße folgten ihr noch lange.

Wasser und Wind, ein unbeständiger, meist grauer Himmel, endloser rauher Winter und spätes Frühjahr, schwieriger Ackerbau, von Schiffbruch bedrohte Seefahrt haben die Bewohner dieser Halbinsel wohl wortkarg und rauh, aber auch derben Späßen und lautem Gelächter geneigt gemacht. Zwar wehrten sie sich mit Steinen, Stöcken und Schießprügeln gegen die Gäntschowsche Hundepest, erschlugen und vergifteten, so viele sie nur konnten, aber den Gäntschows nahmen sie das nicht weiter übel: wer keinen Sparren im Hirnboden hat, ist kein Fiddichower, doch wer einen derben hat, ist den Fiddichowern grade recht. Es ist eigentlich eine Zufallssache: entweder wird man bei solchem Klima hintersinnig und ein Spökenkieker, oder man läßt ein paar Fliegen burren, sich und der Nachbarschaft zur Freude.

Einmal wurde von einem ahnungslosen Nichteingeborenen der Landjäger, der damals noch Landgendarm hieß, in Sachen Gäntschowscher Hunde mit einem Einspruch bemüht. Er lauerte den Bauern Malte listig in einem Wasserloch ab, wie sie dort häufig in die Äcker eingesprengt sind, von Weiden und Espen umstanden. Es war ein heißer Sommertag, der Bauer stand nackt im Loch und spülte sich die schwarzzottige Brust. Zwei Hunde lagen rasch atmend im grünen kühlen Gras, der eine schön schwarzbraun wie ein kühner Löwe, der andere sanft weißgelb, als könnte er kein Wässerchen trüben, doch mit listigem Auge. Beide Hunde klopften freudig mit den Schwänzen ins Gras, als sie den Gendarmen sahen. Der aber hätte schwören mögen, daß es eben dieses weißgelbe Katzenauge gewesen war, das vor ein paar Tagen in der Dämmerung eine wütende Attacke auf seine schwarzledernen Gamaschen gemacht hatte.

Was er, der Bauer Gäntschow, sich nun eigentlich denke mit seinen Hunden, Hettitern und Amalekitern, wieder sei eine Stadthose zerrissen und eine städtische Wade zerbissen.

Woran man es denn wohl gesehen habe, daß es seine, die Gäntschowschen Hunde, gewesen seien, fragte der Bauer dagegen.

Er möge nur fein ruhig sein, seine Hunde seien bekannt auf der ganzen Halbinsel, da brauche es keine Visitenkarte, sagte der Gendarm, aber er setzte sich doch ausruhend ins grüne Gras.

Der Bauer riß eine Handvoll frischen Rohrs aus, knudelte es zusammen und fing an, sich den Rücken zu scheuern. Er müsse sich wundern, meinte er, was man da so leichtsinnig hinrede, er habe nur zwei Hunde, und daß das ganz harmlose Viecher seien, das habe der Gendarm ja eben erst gesehen: selbst bei seinem Anblick hätten sie freudig mit dem Schwanze gewedelt. – Wo doch die Hunde bekannterweise Uniformen gar nicht möchten, setzte er bedachtsam hinzu und verschwand mit dem Kopf unter Wasser.

Der Gendarm mußte seinen Zornesausbruch ob solcher Verlogenheit aufschieben, bis der Bauer wieder aufgetaucht war. Da der Bauer aber einen breiten Brustkasten hatte, dauerte es ziemlich lange. – Nicht nur der Bauer, auch der Zorn war danach etwas wäßrig geworden.

Was man da sagen solle, meinte der Gendarm, wo es doch auf der ganzen Insel bekannt sei, daß der Gäntschow über dreißig Hunde habe.

Er müsse sich immer mehr wundern, sagte der Bauer, seine Kopfhaut reibend, wie auch die Obrigkeit auf solch dummes Geklätsch hören möge. Zwei Hunde habe er, der Gendarm möge nur mit dem Gemeindevorsteher sprechen, zweie habe er auch nur versteuert.

Und damit würde jetzt Schluß sein, versicherte der Gendarm zornrot, er selbst nehme es auf seinen Diensteid, daß er über zwanzig Hunde auf dem Warderhofe habe fressen sehen.

Wohl, wohl, dies sei schon möglich, aber so sei er nun mal, er, der Bauer Gäntschow: bei ihm hätten alle Hunde aus ganz Fiddichow freien Tisch. Die Bauern auf dieser gesegneten Insel gäben ja ihren Hunden nie richtig zu fressen, er erbarme sich der Kreatur und zum Dank schöbe man ihm das ganze Hundepack der Halbinsel in die Schuhe.

Jetzt war der Gendarm sprachlos und der Bauer trat gewaltig aus dem Wasserloch. Die Feuchte rann von seinen Lenden, er lockte den löwenartigen Hund und fragte den Gendarmen, ob er wohl glaube, daß dieser Hund sein eigener Vater, ja, er wolle es frei sagen, sein eigener Großvater sei?

Ihm sei nicht nach Späßen zumute, sagte der Gendarm mürrisch, ob die städtische Hose und die städtische Wade bezahlt würden?

Dieser Pux, sagte der Bauer, hat mit seiner Mutter dort, der blonden Sussi, Kinder gezeugt, die seine Brüder sind, von wegen der Mutter. Da er aber der Vater seiner Geschwister ist, ist er auch sein eigener. Hast du’s begriffen?

Er solle nun aufhören damit und antworten, aber der Bauer sprach weiter: Mit einer seiner Töchter hat er wiederum Kinder gezeugt, und da er der Vater seiner Frau und der Bruder seiner Enkelkinder ist, zugleich der Gatte seiner Mutter und Großmutter …

Halt! schrie der Gendarm. Und wo sind die Kinder alle, wenn du nur zwei Hunde hast, Malte?!

Keine habe ich, schrie der Bauer, siehe, ich verstoße auch noch die letzten!

Und er stürmte nackt und wild auf die Hunde los, sie wichen blaffend, nackt raste ihnen der Bauer nach, wüste Steine aufhebend und nach ihnen werfend. Ein haariges bloßes Urwaldtier sah ihn der Gendarm durch die Felder hofwärts entschwinden, wilde Flüche auf die Biester ausstoßend, zu jenem Hofe, den zu betreten eben die verstoßenen Hunde unmöglich machten, selbst für den mutigsten Gendarmen. –

Der Hof lag in dem sonst hier flachen Lande auf einer leichten Anhöhe, nicht höher als etwa ein umgekippter Suppenteller. Aber diese geringe Erhöhung genügte doch, um den Blick auf das Wasser nach fast jeder Himmelsrichtung frei zu machen. Im Westen war der Rieker Bodden, nach Süden der Dreeger, im Osten war oft, nicht immer die Lommer Wiek zu sehen, nach Norden freilich nichts. Denn hier hob sich das Land sachte und kaum merklich zur Steilküste, die das Meer verdeckte. Dafür stand dort der Leuchtturm von Sagitta, der Nacht für Nacht, Sekunde für Sekunde seine schmerzend weißen Lichtschwerter nicht nur über die See, sondern auch in alle Fenster stieß, daß die ganze Stube gespenstisch aufleuchtete, wieder in Schwärze fiel … aufleuchtete … Schwärze fiel. Und alle Nebelzeiten erfüllte er mit seinem tiefen, urwelthaft traurigen Gebrüll, kommend, anschwellend, übermächtig, und langsam wieder schwächer werdend.

Ein Bauer, der nur seinen Acker sieht, ein Bauer, der Regen und klaren Himmel nur nach seinen Feldern beurteilt, solch Landbauer wird eng, sorgenvoll, sein Blick haftet stets in der Nähe. Die Gäntschow-Bauern sind immer aufgestanden mit dem Blick auf die See, jeder Oststurm hat die rotschnäblige Lachmöwe, die silberköpfige Heringsmöwe in kreischenden Scharen hinter seinen Pflug in die Furche auf die Engerlingsjagd geweht. Die Kähne der Fischer mit ihren düsterbraunen oder lohfarbenen Segeln haben immer irgendwo am Horizont gestanden – das hat gemacht, daß sie von der eigenen Arbeit aufsehen und in die Weite schauen konnten. Ein Bauer, der seinen eigenen Kahn im Wasser hat und der angeln geht, ein Bauer, der abends im Krug mit den Fischern zusammenkommt und nicht nur von Schweinefüttern und Kartoffeligeln, sondern auch von Dorschfang und Heringswaten reden kann, ein Bauer, der nicht nur Bauerstöchter, sondern auch Fischerstöchter, Kapitänstöchter (auf kleine Fahrt) erheiratet – solch Bauer kann ein Herr werden in seinem eingeborenen Königtum, ein wahrer Großbauer mit einer Meute Hunde – und nimmt sich doch nicht zu wichtig.

Der Hof ist seit vielen hundert Jahren im Besitz der Gäntschows, sie haben hier immer gehaust und gepflügt, auf dem Friedhof in Kirchdorf liegen sie Grab an Grab. In den Flurbüchern heißt es oft Gäntschows Ort, Gäntschows Feld, Zu Gäntschows Bake.

Man erzählt, daß früher, in grauen Zeiten, die Fiddichower alle zur See gefahren und Räuber gewesen sind, auf Sagitta liegen noch die grasigen Wälle ihrer Ringburg, in die sie sich mit Weib, Kind, Rind und Pferd vor dem Drängen ihrer Feinde flüchteten. Zum letzten Male bargen sie sich dort vor den Kriegerscharen des Herzogs Wisso, der ihnen die sanfte Lehre des Christentums brachte. Ausgehungert, ihrer Schiffe beraubt, vom Stahle bedroht, beugten sie sich vor dem Kreuz und nahmen die Lehre an. Doch erzählt die Sage, daß schon am Morgen nach der Tauffeier Herzog Wisso seinen weißen Kriegshengst vermißte. Man fand die Reste des herrlichen Tiers auf einem Opferstein bei einem kleinen Teich, der heute noch der Kehlteich heißt. Die neuen Christen hatten des Herzogs Lieblingstier zu ihres alten Gottes Ehren dahingeschlachtet. Ob sie es nun aus unverständigem Aberglauben getan hatten, um sich vor der Rache ihres alten Gottes zu schützen, oder ob sie dem Herzog Wisso nur einen Streich hatten spielen wollen, gleichviel, ihr vornehmster Mann, Gunnar geheißen, verlor damals auf dem gleichen Opferstein am Kehlteich sein Haupt, diesmal als Sühnopfer für den neuen Gott.

Dies sind alte Geschichten, von denen niemand mehr weiß, ob sie wahr oder erlogen sind, doch werden sie noch immer erzählt, besonders von den Gäntschows, die ihren Ursprung von diesem hingeopferten Gunnar herleiten. Sicher ist aber, daß Superintendent Marder und Kantor Bockmann behaupten, diese Geschichte könne schon wahr sein. Denn die Gäntschows seien noch heute die reinen Heiden, mit Saufen, Strandgutstehlen, Wildern und Huren. Und Malte Gäntschow, der Großvater, hat noch entschuldigend von sich gegrient: Wir sind ja man gestern erst Christen geworden, Herre. Das sitzt noch nicht so, Herre, wie bei Ihnen.

Verbürgter schon, aber auch noch etwas sagenhaft und von Grauen umwittert ist die Geschichte jenes Urahns Gäntschow, der in seine eigene Tochter verliebt gewesen war und der darüber ein schreckliches Ende fand.

Er hatte es nicht gewußt, daß er sie liebte, bis sie ihm gestorben war. Nun aber war sie tot und es schien ihm, als sei er mit ihr gestorben. Nie mehr würde er in dem dämmrigen Zimmer ihre schlanke schmale Gestalt sehen dürfen. Es war umsonst gewesen, von einem frischen Wind, einem raschen Tanz gesunde Rötung ihrer Bleiche zu erhoffen. Sie blieb nun auf ewig bleich, ihre schwarzen Zöpfe waren vergebens so schwarz gewesen, ihre schlanken Finger hatten sich nicht festhalten können auf dieser Erde. Sie war tot, er war tot, gut, das war das Ende.

Nun recht, so sollte es auch das ganze Ende sein! Der Bauer war immer ein finsterer, rauher Mann gewesen, er sagte seiner Frau, daß sie fortzugehen hätte mit dem Jungen zu irgendwelchen Verwandten, daß er das Haus für sich allein brauchte – und nun blieb er allein.

Er blieb allein in dem Haus, von dessen Fenstern er die See sah. Aber er wollte auch die See nicht mehr sehen, er verdunkelte die Fenster, und nun war immer um ihn Hetes liebste Stunde, die Dämmerung, in der alles verschwimmt und nur ganz ferne das Rauschen der See zu hören ist, das immer anzuschwellen scheint und doch nie lauter wird.

In den ersten Tagen ging er unablässig in seinen Zimmern auf und ab und bereitete sein Herz vor. Er mußte stark sein. Seit er begriffen, daß er sie geliebt hatte, seitdem hatte er sich danach gesehnt, in ihre Stube zu kommen. An dem Duft ihrer Kleider wollte er sich erinnern, die Form ihres Körpers wollte er wiederfinden. Er wollte es nicht glauben von sich, er ging auf und ab in der Dämmernis, es war doch so leicht –! Nur auf den Flur brauchte er zu gehen, die Hand auf die Klinke zu legen – und sie war da, sie war wieder da! Er hob den Leuchter zwischen sich und den Spiegel, und dies verwüstete Gesicht mit seinen eisgrauen Zotteln, den geschwollenen Tränensäcken sagte nur: Mir ist angst. Wovor ist mir angst? Mir ist angst!

Und die Stunden dehnten sich. Und die Tage dehnten sich. Und es war ewig Tag. Und es war ewig Nacht. Es gab nichts mehr wie eine Tote in ihrem Sarg, leicht und bleich, und auch sie gab es nicht mehr.

Er saß in seinen einsamen Stuben und sie war wieder klein. Als sie geboren war, hatte sie eine leise Bewegung gemacht: sie hatte den kleinen Finger ihrer Hand gespreizt, da hatte er gewußt, daß sie ein besonderes Kind war. Später einmal war sie auf seinen Schoß gestiegen, sie hatte ihre Stirn an seine gelehnt, und es hatte ihr gefallen, während sie ihn küßte, Worte in seinen Mund hinein zu sprechen, und das hatte seine Nerven seltsam erregt. Aber das Spreizen des Fingers war umsonst gewesen, ihre Sprechküsse waren umsonst gewesen, sie war tot und so hatte sie nie gelebt. Zürnte er etwa auch ihr?

Nun verging wieder Zeit. Er hörte das Rauschen des Windes und das Brausen der See. Regen bestrich naß sein Haus und vor den düstern Fenstern häufte sich der Schnee. Er hatte sie versäumt, er hatte sie unwiderruflich versäumt. Ohnmächtiger Zorn erfüllte sein Herz. Sie war der Knoten gewesen, den nur er hätte lösen können, aber er hatte es vergessen, er hatte nicht einmal an die Lösung gedacht. Von ihrer Reife bis zu ihrem Tode hätte sie ihm drei Kinder gebären können. Und er sah sie vor sich, diese drei Mädchen, mit ihrem schwarzen Haar und ihrer bleichen Haut. Er war ja noch nicht alt. Auch diese drei hätten ihm aufwachsen können, er hätte ihre Reife noch als Mann erlebt. Wieder sah er neue Töchter. Er sah sich reichen durch den Wandel der Zeiten, er wäre unsterblich gewesen. Aber er hatte seine Unsterblichkeit versäumt –!

Da saß er einsam und wüst. Um seinetwillen war sie endgültig tot, nun tötete sie alles Leben um ihn. Hatte die Tote etwa gewußt? Hatte sie ihn etwa verachtet? Er dachte an ihr bleiches Gesicht, ihre schmalen Lippen, die so oft waren wie weiß, ihre dunklen Augen hatten nichts verraten – aber hatte sie ihn nicht doch verachtet?

Zur Gewißheit wurde es ihm, daß sie ihn gehaßt, daß sie ihn verachtet hatte. Da hatte sie weiß, mit einem grünen Kranz, im Sarge gelegen und ihr rabenschwarzes Haar war gut anzusehen gewesen, aber in ihrem Kopf hatte diese Verachtung gesessen. Nun wachte er nachts davon auf, daß er sie gesehen hatte, im Traum, wie sie dalag, weiß und still. Er hatte sich über sie gebeugt, er hatte ihre Lippen noch einmal küssen wollen, aber da hatten diese Lippen sich zurückgezogen von den Zähnen, sie hatte ihre fahlen Zähne mit einem Lächeln entblößt. Der Mund hatte sich ganz geöffnet und ihre Zunge hatte sie herausgestreckt, eine häßliche, geschwollene, blauschwarze Zunge, schrecklich anzusehen.

Davon war er erwacht, und nun grübelte er darüber, wie die Tote zu versöhnen, wie das Versäumte nachzuholen sei. Aber darüber war alles Grübeln vergeblich, nichts war mehr nachzuholen.

Jetzt fürchtete er sich auch vor dem Schlaf, denn es war nicht abzusehen, was von einer Toten zu erwarten war, die ihre Zunge so entblößte. Ihm wurde schwindlig, er klammerte sich daran, daß sie doch seine Tochter sei – und alles verging in einem Nebel. Als er wieder wach war, saß er da und lauschte auf das Huschen und Laufen, oben, auf dem Boden. Ratten, sagte er, Ratten. Sie waren eingedrungen in dies verwahrloste Haus, schon lange hatte er ihre Spuren auf den Getreidehaufen oben gemerkt, es mußten sehr viele sein, Scharen. Sicher war es, daß Hete auch sie geschickt hatte. Nicht nur seine Erinnerungen, das Haus mit allem, was darin war, sollte zerstört werden. Er sollte immer nur an sie denken.

In der nächsten Nacht träumte er wieder von Hete. Sie sah nicht böse aus, aber sie lächelte auch nicht, ihr Gesicht trug einen Ausdruck von zärtlicher Betrübtheit. Plötzlich zog es sich angstvoll zusammen, und da sah er eine große, grauschwarze Ratte, die unter ihrem Kleid verschwand. Er wollte das Tier verscheuchen, er griff schon nach ihrem Kleid, aber dann schauderte er davor zurück. Ihr Gesicht war so kummervoll verzogen, sie mußte Schmerzen haben, er rief mit Angst: Aber, Hete, ich kann dir doch nicht helfen! Hete! Hete! – Sie lag schon wieder still da, schweigend und bleich.

Am nächsten Tag ging er nach Kirchdorf und kaufte Gift gegen die Ratten. Es war sein erster Ausgang nach langer Zeit, fast ein Jahr war vergangen, seit Hete gestorben war, und die Felder grünten, die Bäume blühten wieder. Seine von ewiger Dämmerung blöden Augen schmerzten vom Blühen und Licht, er setzte sich, nachdem seine Besorgung erledigt war, in einen Winkel der Schenke und trank und trank. Aber soviel er auch trank, er wurde nicht betrunken, er begriff: er entging ihr nicht.

Als er in der Morgendämmerung in sein Haus zurückgekehrt war und sich zu kurzem Schlaf hingelegt hatte, erschien sie ihm wieder. Ihr Gesicht war zornig, sie hielt auf ihrer Brust zwei Ratten, die ihre langen gelben Zähne entblößten und ihre nackten Schwänze entzückt bewegten. Da tat er das Gift fort, vergrub es tief in der Erde, und als sie ihm in der nächsten und übernächsten Nacht nicht mehr erschien, begriff er, daß er das Rechte getroffen und ihren Willen erfüllt hatte.

Dann aber erschien sie wieder, in einem ermüdend gleichmäßigen Zuge erschien sie durch alle seine Nächte, im Sarge liegend, unverändert, mit totem, blassem Gesicht. Was wollte sie noch? Sie erschien so gleichmäßig, als wollte sie ihn nur erinnern, daß sie noch da sei, daß er sie nicht vergessen dürfte, die Versäumte.

Er vergaß sie schon nicht, sie war immer da, aber sie hatte sich so seltsam verwandelt, sie war wie eine Erkrankung seines Blutes geworden, wie eine Veränderung seines Hirns. Manchmal wußte er nicht mehr, ob er es war, der da auf und ab ging, oder sie. Ob sein Herz in ihrer Brust den Todesschlaf hielt oder ihres.

Das kam anfangs nur wie Wolken und zog vorbei, aber schließlich wurde es doch so, daß er die Spiegel zerschlug. Er mußte es tun, er durfte nicht die Verwandlung belauschen, die unmerklich, Tag für Tag, mit ihm vorging. Er durfte nicht wissen, wo sie heute von ihm Besitz ergriffen hatte und wo gestern. Manchmal, kamen seine Hände vor seine Augen, heftete er seine wie klein gewordenen Blicke darauf, zitternd vor Angst und Begierde, er könne die verwunschene Veränderung schauen. Aber er lenkte die Augen beschämt fort: wer war er, daß er schon hätte sehen dürfen? Er hatte nur zu warten. Alles geschah durch die Verstorbene. Sie hatte ihn angenommen.

Wie ermüdend, oh! wie quälend, jede Nacht die gleiche im Sarge zu sehen. Geschah denn nichts mit ihr, da doch so unendlich viel mit ihm geschah? Gar nichts? Er sah angstvoll ihr Gesicht, ihre Hände an, die immer unverändert blieben. Bis er eines Nachts durch einen zufälligen Seitenblick zu entdecken glaubte, daß der Saum ihres Rockes sich ein ganz wenig von ihren Schuhen emporgeschoben hatte. Er wartete die nächste Nacht ab. Ja, langsam und allmählich schob sich Nacht für Nacht der Saum ihres Rockes empor. Nun zitterte er nicht mehr vor einer Entblößung: nein, diese Verwandlung geschah geheimnisvoller und in einer andern Welt.

Ihre Füße lagen im Schatten, aber doch meinte der Spähende zu sehen, daß es nicht mehr ihr schmaler Spangenschuh war, der dort lag, sondern sein breiter fester Stiefel. Zuerst zweifelte er noch, aber Nacht für Nacht stieg seine Gewißheit, daß er dort einzog, von wo sie floh. Er bekam den Tod und sie gewann das Leben, so war es nur recht.

Dann war er eines Tages gewiß, daß es nun an der Zeit sei, auch äußerlich die Verwandlung zu bestätigen. Seine Angst war fort, als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete – ging er nicht in ihr Zimmer? Ging sie nicht in ihr Zimmer? Nun war es, als habe er hier immer gewohnt, ohne Zögern öffnete er Schubladen und Schränke, er zog sich zu diesem ersten Tage ein fröhliches Kleid an, er zog ihr ein hochzeitlich weißes Kleid an. Seine Hand zitterte nicht, als er die langen Strümpfe über das Bein streifte, seine Haut war glatt und frisch, seine Wade schwellte sich jung und fest. Als er fertig mit Anziehen war, ging er in das Zimmer ihrer gemeinsamen Träumereien hinüber, er war so froh, er setzte sich hin und sank in einen tiefen Schlaf. Wieder stand er an ihrem Sarg, nun in ihrem Kleid, und die halb schon Verwandelte, nun richtete sie sich zum Sitzen auf, ihre Wangen färbte ein leises glückliches Lebensrot, sie hob ihre Hand und legte sie auf die seine. Sie streichelte die Hand. Ein unnennbares Glück durchrieselte ihn.

Er ist aufgewacht, noch klopft sein Herz eilig und noch streichelt ihn ihre Hand. Ja, auch im Wachen dauert das Streicheln fort, Wonneschauer überströmen ihn, er kann sich nicht halten, in das Dunkel fragt er: Bist du da, Hete? Die Ratte auf seiner Hand macht einen Satz und läuft fort. Er hört sie durch das Zimmer huschen. Es ist alles so einfach, es geschieht nichts klarer, es ist nur eine Ratte gewesen. Sie haben die Vorräte auf den Böden vertilgt, sie ziehen sich in die Stuben hinab, dorthin, wo er seine Eßvorräte aufbewahrt. Nichts ist verständlicher. Aber ebenso sicher ist, daß diese Ratte ein Bote von ihr war, ihm zur Belohnung gesandt, daß er auf sich genommen zu tun, was er tat. Er hatte sie recht verstanden, als er die Ratten nicht getötet hatte.

Und die Tage vergehen und die Wochen vergehen und die Monate vergehen. Er weiß nicht mehr, was das ist: Zeit. Die Verwandlung ist fortgeschritten, die Verwandlung ist fast vollendet. Er fühlt: unter seinem Bart trägt er schon ihr Gesicht, nur das eine fehlt, daß sein Bart noch von ihm abfällt. Aber sie ist ungeduldig geworden, sie kann es nicht mehr erwarten, daß sie aus diesem Sarge aufstehen darf, in dem sie schon viel zu lange gelegen. Es fehlt doch nur noch ein Kleines, kann er es denn nicht erraten? Da geht er umher, in ihrer Gestalt, in ihren Kleidern, und immer noch trägt er diesen lächerlichen Bart? Will er etwa nicht verstehen? Ja, da muß sie ihm zeigen, was er zu tun hat.

Sie sitzt in ihrem Sarg, auf ihrer Hand hockt eine Ratte und nun beißt die Ratte zu. Sie reißt einen Fetzen Fleisch von ihrem Finger und läuft davon. Hat er nun verstanden? Ja, er hat verstanden, aber noch einmal bäumt sich seine Seele auf: das ist zu schwer! Wohl hat er sich schon ganz an die Ratten gewöhnt, bei Tag und bei Nacht laufen sie über ihn hin, sie haben keine Scheu mehr vor dem Einsamen, sie streicheln alle seine Glieder. Er weiß ja, es sind ihre Boten, es sind ihre Hände, die ihn streicheln. Aber dies noch! Nein, dies kann er nicht. Er will es nicht!

Aber da kommt sie nicht mehr, sie bleibt einfach fort, sie läßt den schon fast Verwandelten im Stich, ja, ist es nicht so, als ob sie die Verwandlung wieder rückgängig zu machen beginnt?

Er muß sich entschließen und er weiß ja, daß sein Entschluß vom ersten Tage an, da er mit ihr zusammenlebte, gefaßt war. Er vernichtet den Rest der Eßwaren, er legt sich auf sein Lager, er ist bereit, er wartet. Es dauert viele und viele Stunden, ehe die Ratten sich entschließen, ihm näher zu kommen, sich ernsthaft an ihn zu machen. Er hört, wie sie im Haus umherstromen, sie finden wohl noch hie und da ein Stückchen Leder, irgendeinen Abfall. Aber das kann bei so vielen unmöglich lange vorhalten. Dann kommen sie näher und sitzen auf ihm und huschen über ihn. Es ist unendlich schwer, jene Unbeweglichkeit anzunehmen, die sie verführt. Immer wieder verfällt sein Körper in Zittern. Aber schließlich gelingt es.

Und dann brüllt er los, er springt auf, er schlägt um sich: die erste hat ihn gebissen. Ein scharfer Biß, mitleidslos. Er stürzt aus dem Haus, er läuft zum Kirchdorf. Er hält inne, er kehrt um. Der Weiberrock schlug ihm um die Beine, seine tote Tochter erinnerte ihn. Und auf dem Heimweg ist sein Gehirn schon damit beschäftigt, Mittel zu ersinnen, durch die er die Feigheit seines Körpers bändigen kann. Er ersinnt eine Fesselung, die er sich allein anlegen kann, die mit einem Ruck zuzuziehen, aber dann nicht wieder zu öffnen ist.

Es gelingt. Er liegt bewegungslos auf seinem Lager. Er flüstert: Bist du nun gut, Hete?

Aber Hete kommt nicht mehr. Die erste Ratte beißt ihn, und er brüllt wieder. Aber diesmal fliehen sie nur für einen Augenblick, sie begreifen rasch die Hilflosigkeit ihres Opfers, in Scharen sitzen sie auf ihm und benagen ihn. Er brüllt. Wie er brüllt! Er tobt gegen seine Fesseln. Er schreit nach den Menschen und Gott: Hilfe! Hilfe!! Aber unablässig nagen die kleinen scharfen Nagezähne an ihm. Sie fressen ihn auf, Stück für Stück.

Und schließlich, irgend einmal, wird er dann ja wohl still.

Das Haus, in dem sich dies zugetragen haben soll, ist ein gewöhnliches Bauernhaus, roter Backsteinbau, zwei Fenster rechts, zwei Fenster links, in der Mitte die grüne Tür, zu der breite Sandsteinstufen emporführen. Die von dem Öffnen der grünen Haustür in Gang gesetzte Klingel bimmelt endlos. Der Flur, in den man tritt, ist fast dunkel, nur durch eine über der Haustür angebrachte Scheibe fällt mageres trübes Licht, so daß man zur Not einen ungeheuren dunklen Schrank erkennen kann.

Gradezu die immer dunkle, verräucherte Küche mit dem Steinherd und offenem ungeheurem Rauchfang, vor dem Fenster feste Eisengitterstäbe, ganz wie in einem Gefängnis. Die gleichen Stäbe sind auch vorm Fenster der Kammer nebenan angebracht, wo Knechte und Mägde essen, und vor der Mägdeschlafstube im Giebel. Die Bauern haben nie so recht ihren Diensten getraut, besser, sie waren unter Verschluß. Wer keinen Boden zu eigen hat, den hält und bindet nichts. Ein Eisengitter hält fester, bindet sicherer als der kleine Katechismus.

Noch drei Stuben unten: ein kleines Schlafzimmer, ein Zimmer, in dem gegessen und gesessen wird, und die gute Stube rechts, mit Gewehrschrank, Schreibtisch und Rehgehörn. Meistens ist sie verschlossen.

Das Dachgeschoß unter dem schwarzen Schieferdach ist nicht ausgebaut, an Regentagen trocknet hier Wäsche, Gerümpel liegt herum und versinkt Jahr für Jahr unter einer tieferen Staubschicht. Es hat freilich auch mal einen Gäntschow gegeben, der nichts verkommen lassen wollte, der ein Geizkragen war, ein seltener Fall unter diesen Inselleuten, die so rasch lernen, daß sich nichts halten läßt. Ob es ein Sohn oder ein Enkel von jenem so grausam durch Ratten aus dem Leben gekommenen Gäntschow war, weiß man nicht mehr – genug, der Korn-Gäntschow, wie er genannt wurde, konnte sich von nichts trennen, vor allem nicht von seinem Getreide.

Nicht allein, daß er nie auch nur einen Zentner verkaufte, er ließ sein eigen Vieh lieber halb verhungern, ehe er ihm genug Futterkorn gönnte. Er neidete sich, seinen Kindern, seiner Frau, seinen Leuten das Mehl zum Brote, denn er hätte ja schon wieder einen Zentner Roggen zur Mühle fahren müssen.

Unterdessen aber häufte sich auf Stall- und Futterböden das Getreide. Auf den Weizen vom vorigen Jahre wurde die neue Ernte geschüttet, die Haufen stiegen bis zum Dachfirst, rannen die Treppe hinunter, füllten Futterkammer und Banse. Unter dem neuen verkam, verdarb, verschimmelte das alte Korn, fing an zu faulen, stank bis hinunter zur Suhler Landstraße. Was er sich eigentlich dachte, wußte niemand, denn er sprach mit niemandem darüber, und wurde er angesprochen darauf, so sagte er wohl, das Frühjahr sei dies Jahr besonders spät, oder: Was is nich Wachs, und Bienenschiet ist Honig.

Als weder in Scheune noch im Stall, in keiner Kammer, auf keinem Boden mehr Platz zu finden war, schüttete er das Korn auf den Hausboden. Und als auch der voll war, ließ er die Fenster zur guten Stube mit Brettern vernageln, durchschlug die Decke und ließ es hinabrinnen ins Zimmer, bis auch das voll war. Dann kam das Eßzimmer daran, dann die Leutestube. Unaufhaltsam drang das Korn vor, es vertrieb die Menschen von Raum und Raum, es verjagte die Leute mit seinem Gestank, mit seinem unübersehbaren Gefolge von Käfern, Ratten und Mäusen.

Als er schließlich starb, hatte er nur noch allein mit seinem Weibe in einer kleinen Geschirrkammer gehaust. Dort war er auf prall gefüllten Weizensäcken gestorben, vielleicht glücklich.

Viele Wochen dauerte es, bis der Sohn die Getreideernte von rund vierzig Jahren auf die Felder als Dünger gefahren hatte, denn zu etwas anderm taugte sie nicht mehr. Man sagt, daß der sogenannte Pastorenacker am Gäntschowschen Hof darum der beste Acker von ganz Fiddichow sei, weil er die vierzig Jahre Frucht des ganzen Hofes empfangen habe. Aber es muß für den Sohn ein seltsames Geschäft gewesen sein, als aus dem Moder und Schimmel der Äcker, aus dem Schrumpel- und Brandkorn die aus der Kinderzeit nur noch halb erinnerten alten Möbel wieder auftauchten, zugeschüttet gewesen, und nun wieder auftauchten. Ein alter Schrank, in dem noch die Staatskleider der Mutter hingen, oder ein Bett mit all seinen Decken, Kissen und Laken, dessen Schläfer schon unter der kühlen Erde schlief, seit plötzlich aus der angebohrten Decke vom Boden her die Springwoge der gelben, rötlichen und grauen Körner wie eine Flut hinabbrauste.

Wie alt das jetzt stehende Haus ist, weiß niemand, der Hausbrief stammt nach dem Grundbuch vom 30. März 1847. Einmal hat Malte Gäntschow, nicht der Großvater des Johannes, sondern sein Vater, der auch Malte hieß, den Besuch eines hohen Herrn von der Landwirtschaftskammer gehabt, der in dasiger Gegend irgendwelche Kunstdüngerversuche anfangen wollte. Und beim Mittagsessen aus gepökelten Schweinsrippchen, gefüllt mit Mandeln, Rosinen und Backpflaumen, recht fett gebraten, einem rechten Bauernessen – der Herr hat mit sehr hohem Zahn daran gekaut –, hat der hohe Beamte denn auch mit dem Bauern Konversation machen wollen. Er hat gefragt, wie alt denn das Haus wohl sei? Vierhundertsiebenundsechzig Jahre hat Gäntschow gesagt, wie aus der Pistole geschossen. Der Landwirtschaftskammerherr hat etwas hilflos ausgesehen und hat gemeint, so alt hätte er das Haus nie taxiert, so alt sähe es noch gar nicht aus.

Der Bauer hat keine Miene verzogen, sondern ernst gesagt, das mache hier das Klima.

Was?! Daß die Häuser neu aussähen?!

Ja, eben das mache das Klima.

Aber –! Es sei doch allgemein bekannt, daß hier auf der Insel das Klima ziemlich rauh sei, mit schrecklichen Stürmen?

Eben! Und die Seeluft mache es auch.

Aber die Seeluft mit ihrem hohen Feuchtigkeitsgehalt sei doch bekannt dafür, daß sie besonders rasch Verwitterungserscheinungen hervorrufe? Der Herr war ganz verzweifelt über so viel Unwissenheit.

Fragte der Bauer dagegen, ob der Herr denn nicht wisse, daß die Seebäder Fabiansruh und Dreege hier auf Fiddichow immer mehr in Aufnahme kämen?

Ja, das wisse er. Aber er verstehe den Zusammenhang nicht –? Und die Städter wüßten doch Bescheid, sagte der Bauer Gäntschow streng. Wenn die gesund und frisch und wieder heil vom Seeklima würden, wieviel mehr da noch die Häuser, die nicht nur sechs Wochen, sondern immer in diesem gesund machenden Seeklima stünden. Nein, vierhundertsiebenundsechzig sei das Alter, und nicht weniger, wenn man es dem Hause auch nicht ansähe.

Der Bauer aß ernst und streng an seinen Schweinerippchen weiter, der Gast aus der Stadt mußte auch weiteressen und sah den Wirt nur manchmal verstohlen, zweifelnd und verzweifelnd von der Seite an. Hinterher meinte der Herr in der Vorstandsversammlung vom Fiddichower landwirtschaftlichen Verein, der Bauer Gäntschow bleibe doch wohl besser aus dem Dünge-Versuchsring heraus, er habe ein bißchen sehr rückständige Auffassungen, wie, was? Und der Bauer war denn ja auch mit diesem Resultat ganz zufrieden.

Wie alt das Haus nun aber auch sein mag, ob vierhundertsechzig oder ob sechzig Jahre, jedenfalls stammt es noch mit seinen drei Stuben für eine ganze Bauernfamilie aus einer sehr anspruchslosen Zeit, und da die Gäntschows zwar vielerlei Sparren, aber nie den Bausparren gehabt haben, so ist an diesen drei Stuben auch nie etwas geändert worden. Und sie haben eigentlich Lebenszuschnitt und Lebenshaltung der Gäntschows bestimmt, viel stärker als die Zeiten, mochten die auch einmal für den Bauern sehr gut sein.

Nein, das Haus ist kaum je ein Heim, sondern mehr eine Höhle für die Gäntschows gewesen, in die man sich nur bei schlimmstem Wetter verkroch. Es soll zwar ein Gäntschow gewesen sein, der, bei solch schlimmem Wetter an den Ofen gelehnt, mit einem tiefen Aufatmen das Wort gesprochen haben soll: Ist gut, daß die Häuser so hohl sind, daß Menschen drin wohnen können – aber wenn die Häuser nicht so hohl gewesen wären, die Gäntschows hätten sich auch mit der nächsten Erdhöhle oder noch besser mit dem nächsten Krug beholfen. Die Männer heißt das. Was mit den Frauen geworden wäre, bleibt fraglich, aber nie für den Bauern: über ihre Frauen und wie sie im Leben zurechtkamen und was aus ihnen wurde, haben sich die Gäntschows kaum besondere Gedanken gemacht. Sie sind immer ein Männergeschlecht gewesen, für männliche Arbeit, männlichen Streit. Die Frauen führten daneben ein Schattendasein mit Essenkochen, Kinderkriegen, Hühnerbesorgen. Nicht einmal der Kuhstall wurde ihnen hier zugestanden. Kühe waren schon zu kompliziert für solche Wesen.

Als der Großvater Malte Gäntschow längst Witwer und schon in den Siebzigern war, hatte er einmal eine neue Wirtschafterin zu engagieren. Das fünfundzwanzigjährige Mädchen fragte den weißhaarigen Greisen, was es wohl so zu tun hätte auf dem Hof, und er zählte auf: Essenkochen!

Joa, kann ich.

Hühner besorgen.

Joa, Bur, kann ich. Wäsch waschen.

Joa, Bur, kann ich auch.

Schwein einschlachten.

Joa, Bur, kann ich.

Schlafen.

Als wie was? Schlafen –?

Dumme Deern, bi mi slopen, versteiht sick!

Joa, wenn’t sin möt, Bur …

Versteiht sick.

Joa, wenn’t sin möt, Bur, kann ick.

Nein, keine Probleme, es kam, aber es kam als letztes, hinter den Hühnern und dem Einschlachten.

Dieser alte Malte Gäntschow ist es übrigens auch gewesen, der sich statt einer Kuh eine Frau gekauft hat, und noch dazu auf dem Festlande drüben, woher die Fiddichower sich im allgemeinen nicht ihre Frauen holen. Alle Jahre bis zu ihrem frühen Tod in einem Kindbett hieß die junge Frau statt ihres christlichen Taufnamens Justine die Silberkuh, und das kommt von der Sache mit den Silberkühen, über die die alten Leute der Insel heute noch zu erzählen wissen.

Damals, als der noch ganz junge Malte Gäntschow unverheiratet nach seines Vaters Tode den Hof übernahm, also vor fast hundert Jahren, hatten die Bauern auf Fiddichow noch nicht das schöne schwarzbunte Niederungsvieh mit seinen hohen Milcherträgen wie heute, sondern struppige, rotbraune Kühe, klein wie Ponys. Sie gaben wenig Milch und waren wild und ungebärdig wie die Katzen.

Es verbreitete sich aber über die Halbinsel Fiddichow das Gerücht, daß jetzt drüben auf dem festen Lande eine andere Art Rind aufkäme, schwere, tief gebaute Rinder mit breiter Brust, mit einem Rücken gerade wie ein Eschenstamm, mit kurzen silbrigen Hörnern, gutartig, fromm, hoch in der Milch und mit einer nie vernommenen Sahnenausbeute. Das Gerücht mag mit den Holzfahrern aus den Buchenwäldern Jasmunds über die Kerbe gekommen sein. Oder Fischer, die nach Stralsund mit ihren Böten gefahren waren, mögen es mitgebracht haben. Jedenfalls, keiner, der davon sprach, hatte das Vieh mit eigenen Augen gesehen, konnte sagen, auf welcher Hofstätte, in welchem Dorf es denn nun eigentlich stand.

Aber je weniger Deutliches man wußte, um so mehr wuchsen die Gerüchte, die im Schwange waren, die Bullen wurden zwanzig, ja fünfundzwanzig und dreißig Zentner schwer, wahre Urtiere, die durch die Tür keines Fiddichower Stalls zu bringen gewesen wären. Die Milch der Kühe floß aus einem übergroßen Euter so reichlich, daß man nicht mit einem, nein, mit zwei Melkeimern zu jeder Kuh kommen mußte, und daß ein starkes Mädchen von dem Melken zweier Kühe müde werden sollte. Was aber die Farbe anging, so wurde allmählich aus den Silberhörnern eine ganze Silberhaut. Ohne Flecken, schlohweiß sollten die Tiere sein, mit einem Glanz des Fells, von dem man noch nie vernommen. Die Bauern saßen in den Schenken und hörten mißtrauisch und grinsend auf dies Gerede, zuerst waren es ja keine Bauern, die davon sprachen, sondern fahrendes Volk: Fuhrleute, Fischer, auch die braunen Zigeuner in ihren grün gestrichenen Wohnwagen. Sie horchten darauf, als erzählte man Erwachsenen Kindermärchen, und sie fragten wohl auch, ob der Erzähler sich nicht verguckt hätte und dem Elefanten aus dem Naturgeschichtsbuch im Traum begegnet wäre. Eine Weile waren die Wörter Elefantenmilch und Elefantenkäse beliebte Wörter für Lügen auf der Insel.

Allmählich aber entzündete sich die Phantasie der Leute an diesen Geschichten, es gab in jenen Tagen so viel Neues, das erste Dampfboot hatte fauchend und qualmend im Rieker Hafen gelegen, neuartige Ackergeräte ganz aus Eisen waren aufgetaucht, und man sprach davon, daß die Schafwolle nichts mehr gelte, sondern daß eine andere Wolle, die auf Pflanzen wüchse, alle Schafe ausrotten würde. Die Spötter verstummten allgemach, ein und das andere vorsichtige Wort fiel, man solle doch einmal solch ein Tier mitbringen, über den Preis werde sich schon reden lassen. Oder man solle doch wenigstens genau verkünden, wo solche Tiere zu sehen seien.

Natürlich waren es mehr die jungen Leute, die solche Äußerungen taten, die älteren hüteten sich wohl, ihren langsam erworbenen Ruf der Erfahrung und Weisheit durch irgendein Eingehen auf solches Gerede zu gefährden. Unter den jüngeren war es aber nun am meisten der Malte Gäntschow, der sein Herz an diese Geschichten hing. Er bedrängte alle, die etwas wissen konnten, mit Fragen, was die Silberkühe für Klauen hätten und ob sie wohl auch das stark mit Schilf versetzte Heu der hiesigen Wiesen fressen möchten. Die vagen Auskünfte befriedigten ihn immer weniger, er gab den Fahrenden fleißig Aufträge mit. Aber übers Jahr kamen nicht wieder dieselben Zigeuner, sondern ein anderer Trupp. Die Holzfahrer wollten wohl Botschaft bis Bergen oder gar bis Stralsund gesandt haben, aber es kam nie eine Antwort auf diese Botschaft, sondern nur ein anderes Gerücht. Und was die Fischer anging, so hatten sie mit ihrem Heringsverkauf zu viel zu tun, um auf die Suche nach Silberkühen zu gehen.

Malte Gäntschow war auch darin ein echter Gäntschow, daß er von einem Gedanken, von einem Wunsch, der ihn einmal angefaßt hatte, nicht wieder los konnte: er dachte Tag und Nacht an die Silberkühe. Eines Abends im Frühjahr – es wurden grade die ersten Kartoffeln gesteckt – sagte er im Kirchdorfer Schwedischen Hof: so, nun habe er es satt, nun gehe er selbst auf die Suche nach den Silberkühen. Und er komme nicht eher zurück, er hätte denn eine.

In der Nacht noch weckte er Mutter und Vorknecht, übergab ihnen auf unbestimmte Zeit den Hof und alles, was sein war, und saß morgens um fünf, gut mit Proviant und Geld versehen und mit einer festen Düffeljacke angetan, in seinem Boot und segelte mit dem schwachen Sonnenaufgangswind auf den Rieker Bodden hinaus.

Malte Gäntschow hatte nur ein kleines Schwertboot, aber der Rieker Bodden ist weder sehr breit noch sehr tief, Malte mußte auf engstem Fahrwasser ständig kreuzen, und so dauerte es viele Stunden, bis die Rieker Feldsteinkirche am Horizont versank. Vom Wasser schlug ein kühler Hauch hoch, gegen Mittag frischte der Gegenwind auf, der Rassower Strom, in dem er nun segelte, war noch schmäler.

Immer mehr trieb er zum öden, verlassenen, urwaldhaften Bug hinüber, hinter dem Röhricht standen einsame Fichten – der Bauer war froh, als er in der Dämmerung das Fiddichower Posthaus in Sicht bekam, und er hatte alle Mühe, verklammt wie er war, das Boot ordentlich an Land zu bringen und zu vertäuen. Es knackte und krachte in seinem Rücken, als er sich aufrichtete zum Gehen, und die rechte Hand, die den ganzen Tag die Segelleine nicht hatte loslassen können, war gar nicht wieder grade zu bekommen.

Aber kaum saß er im Posthaus bei den alten Gierkes, die froh waren, in ihrer Einsamkeit endlich einmal einen Menschen zu sehen, so fing er an, sich vorsichtig nach den Silberkühen zu erkundigen. Gradezu mochte er ja nicht sagen, daß er auf solcher Suche war, so berichtete er nur kurz, er fahre auf Stralsund zu einem Vetter, fragte dann nach Neuem und bekam wirklich mancherlei Nachrichten von der Insel Hiddensöe, wo die Winterstürme auf dem flachen Neuendorfer Ende, namentlich auf dem Gellen, schweren Schaden angerichtet hatten, ja, die ganze Insel sollte beinahe in zwei Stücke zerbrochen sein.

Aber nichts von den Silberkühen – und als er nun selbst die Sprache auf das brachte, was man bei ihnen auf Fiddichow erzählte, da nickte die uralte Großmutter auf der Ofenbank und erzählte mit ihrer hellen Altweiberstimme: ja, sie wisse das wohl, sie gedächte dessen. Ihre Urahne schon habe ihr von den schlohweißen Silberkühen erzählt, früh, urfrüh, in ihren kleinsten Kindertagen. Und es seien die heiligen Kühe Friggas, der Gattin Odins, der Göttin der Fruchtbarkeit und des Hausstandes. Kein Mensch dürfe sie besitzen, wer sie aber einmal erschaue, dem gedeihe alles ausnehmend wohl, ihm wie seinen Kindern und Kindeskindern.

Malte Gäntschow ging mit einem schweren Zorn hernieder auf seine Strohschütte, er war einen Tag gesegelt, um Sicheres zu erfahren, und er erfuhr alte Sagen von einem uralten Weib. Das war schlechte Vorbedeutung, und richtig, als er am nächsten Morgen in seinem Boot saß, war der Wind noch widriger als am Tage zuvor. Zudem ist es da eine besonders böse Ecke: ist man am Buger Haken vorbei, so kommt der Wind mit aller Gewalt von der hohen See über die Insel Hiddensöe fort und versucht die Boote nach Fährort zu treiben.

Er mühte sich viele Stunden, zwischen Steinort und Hiddensöer Fährinsel durchzuschlüpfen. Aber es schien ganz umsonst, bis sich schließlich doch gegen Abend der Wind günstiger drehte und ihn durch die Enge in den Schaproder Bodden schoß. Hier, zum Schluß seines zweiten Fahrtages, fuhr er dahin mit Rückenwind, ohne die Segelleine anzurühren. Die Wellen klatschten Kumm! Kumm! an sein Boot, und erst in tiefer, von Sternen kaum durchleuchteter Dunkelheit ließ er sein Fahrzeug auf einem flachen Ufer auflaufen. Er meinte, er sei nun wieder auf der Insel Rügen gelandet, in Wahrheit aber hatte er auf der kleinen Schaproder Oie angelegt, die damals noch nicht mit dem Dorf Schaprode durch eine Brücke verbunden war, sondern ein ausnehmend düsterer, dick mit kurzem Kiefernwald und sparrigem Weidengestrüpp bestandener Erdenfleck war, auf dem zwei seltsame Menschen lebten.

Es waren dies aber zwei alte Fräulein, Elfriede und Frieda Nipperwiese, Töchter eines zugrundegewirtschafteten und am Dauersuff dann verstorbenen Gutsbesitzers von der Halbinsel Mönchsgut. Von all seinem schönen ehemaligen Besitz hatte der Vater den beiden armen Unverheirateten nichts hinterlassen als dieses häßliche unbrauchbare Inselchen, das er einmal beim Trinken oder vielmehr im Betrunkensein einem Schaproder Bauern abgegaunert hatte. Jahre hindurch hatten die beiden alten verängstigten Mädchen den Niedergang der geliebten Heimat erlebt: die zerfetzten Strohdächer, die Wände, aus denen Fach um Fach fiel, die abgehauenen Prachtbäume, verkommende Äcker, schwindendes Vieh, Schandmähren statt Treckpferden, Wagen ohne Räder, leere Speisekammern, außer Betrieb gesetzte Butterfässer.

Statt Freundschaft und Nachbarschaft waren schmutzige Händler mit Schafpelzen ins Haus gekommen, die laut und zornig, Papiere in der Hand, redeten und selten ohne ein Stück ihrer Habe fortgingen. Die Diensten waren in alle Welt gelaufen, da sie sich nicht mehr satt essen konnten, und statt ihrer waren Gerichtsboten mit Amtsmützen aufgetaucht, die ständig Stempelpapiere zur Unterschrift vorlegten und das Hoftor mit Versteigerungsankündigungen vollpflasterten. Was Wunder, daß sich die beiden alten Fräulein, von ihrem immer betrunkenen Vater, an dem sie mit unwandelbarer Liebe hingen, stets belogen, nicht mehr in dieser Welt zurechtfanden, daß sie glaubten, jeder Mensch sei ihr Feind, und daß sie mit einem wahren Aufatmen nach dem Tode ihres Vaters auf die kleine einsame Schaproder Oie flüchteten, auf die nie ein Mensch kam.

Dort stand ein alter Viehstall mit einer Knechtekammer daneben, hier richteten sie sich mit den Resten ihrer Habe, einer halb verhungerten Kuh und ein bißchen Gartengerät ein. Sie brachen inmitten der Kiefernkuscheln ein Stück Roggenacker für sich um, dessen Körner sie in ihrer Kaffeemühle zu einem groben Mehl mahlten, sie führten am Strick die alte Kuh ins schilfige Ufergras, und sie waren in ihrer Einsamkeit so glücklich, wie es Menschen grade nach schweren Stürmen sein können.

Aber es war, als gönne ihnen das Schicksal nicht einmal diese dürftige Einsamkeit. In Stralsund, im Kloster zur heiligen Anna, dem fast ein Viertel der Insel Rügen gehört, besann sich irgendein Schreiberling darauf, daß jenem Schaproder Bauern die Oie gar nicht gehört, sondern daß er nur ein Erbpachtrecht auf sie besessen habe. Da wurde sich hingesetzt, da wurde den beiden alten Damen ein Brief geschrieben, und als auf den Brief keine Antwort kam, verkündete man ihnen den Streit. Post- und Gerichtsboten wurden nun auf die kleine Insel mit ihren Schreiben und Zustellungen gesandt. Die beiden alten Mädchen glaubten indes, der Feindteufel lasse ihnen auch hier in der letzten Dürftigkeit, auf dem wüstesten Land, auf dem noch keiner hatte sitzen mögen, keine Ruhe, und sie gerieten zuerst in eine große Verzweiflung mit endlosen Tränen und viel Schluchzen. Später aber besannen sie sich auf ihren Kaufvertrag, holten ihn aus ihrer Truhe, besahen ihn, prüften ihn, lasen ihn, und kamen zu dem Ergebnis, daß es nur äußerste Bosheit ihrer Widersacher sein könne, ihnen ihr kleines restliches Erbgut nicht zu gönnen.

An diesem Gedanken erstarkte der Mut der Schwachen, mit sich und ihrem Herrgott waren sie einig, und so erinnerten sie sich an einen urweltlichen Schießprügel ihres Vaters, der so verrostet und verkommen war, daß sich kein Käufer dafür hatte finden lassen wollen. Mit dieser verstummten und ungeladen bleibenden Donnerbüchse bewaffneten sie sich abwechselnd und hielten scharfe Wacht hinter den Kiefern auf der Inselseite gegenüber dem Dorf Schaprode.

Der erste, der den kriegerischen Geist der Inselbewohner zu spüren bekam, war ein junger, nicht sehr heller Häuslerbengel aus Schaprode, den der Briefträger, dem längst das Gezeter der Inselbewohnerinnen über geworden war, mit der Besorgung eines Briefes betraut hatte. Kaum war sein Boot im seichten Inselwasser aufgelaufen, so sah er zu seinem Schrecken hinter einem Kiefernbusch ein altes wüstes Weib mit wilden weißen Haarzotteln im spitzen Gesicht hervorstürzen, eine Büchse schwingend und dabei wilde Schreie wie ein Raubvogel ausstoßend. Ehe er sich noch besonnen hatte, fühlte er den Flintenlauf auf der Brust, und eine fast geisterhafte Stimme befahl ihm, sich von hinnen zu machen und nie wieder diesen Strand zu betreten.

Da der Bengel nicht eben zu den Mutigsten gehörte, so stieß er sein Boot mit solcher Gewalt vom Ufer ab, daß er beinahe mit einem einzigen Stoß das bergende heimische Schaproder Ufer erreichte. Um aber seine Niederlage vor einem alten Weibe dem Dorfgespött zu verheimlichen, machte er aus seiner Flucht ohne Gegenwehr einen wilden Kampf, bei dem ihm die Schrote nur so um die Ohren gepfiffen seien.

In Schaprode kam man zu der Ansicht, daß die alten Hühner da drüben vollkommen verdreht geworden seien, und sandte den unbestellbaren Brief mit einem kurzen, aber inhaltvollen Bericht des Gemeindevorstehers an das Kloster zur heiligen Anna in Stralsund zurück.

Aber ehe hierauf noch etwas erfolgte, hatte der Gerichtsbote Eleazar Zörrgiebel eine Zustellung bei den beiden Fräulein Nipperwiese anzubringen. Ganz ungewarnt nahte sich dieser gute, etwas behäbige Mann, mit seinem Boot von Udars kommend, dem Gestade der Oie, wo er auch noch das Unglück hatte, grade zur Ablösung der Wache zurecht zu kommen. Er sah sich also nicht einer, sondern beiden Nipperwiese gegenüber, dazu einem drohenden Schießeisen und einer an einem Strick wild daherstürmende Kuh. Denn die beiden Mädchen hatten sofort das verhaßte Mützenrot erspäht und waren, ohne alle theoretischen Kenntnisse in der Strategie, zum Überrumpelungsangriff übergegangen.

Ehe der gute Mann noch wußte, was eigentlich los war, hatte er drei oder vier kräftige Steine in Boot, Brust und Weiche, eine wild brüllende Kuh hatte versucht, mit ihren Vorderbeinen zu ihm in den Kahn zu klettern, was einem Schiffbruch mit schmählichem Ersaufen gleichgekommen wäre, und eine nicht weniger wild schreiende zweite Alte hatte ihm den Schießprügel vor den Brustkasten gestoßen, daß er von der Bank auf den Bootsboden sank.

Als er ächzend, an vielen Stellen blutrünstig und blau, wieder zu sich gekommen war, trieb er weit draußen auf dem Schaproder Bodden, und die schreckliche Oie lag nur noch fahl zusammengekrochen wie ein Untier am helleren Horizont.

Dieser Bericht wurde zu Stralsund mündlich erstattet, und mit so viel Zorn und ehrlicher Entrüstung, wie sie ein sonst nicht mehr leicht zu kränkendes Gerichtsbotenherz nur aufzubringen vermag. Die Folge war, daß schon nach einer Woche ein schwerbewaffneter Gendarm, von einem Hund groß wie ein Bullenkalb begleitet, nach der Schaproder Oie abgeordnet wurde.

Dort war die kriegerische Stimmung infolge der gewonnenen Schlachten bis zur Siedehitze gestiegen, und die beiden alten Fräuleins hatten beschlossen, fürder nicht einen Menschen mehr, er möge wollen, was er wolle, den heiligen Strand ihres Eigentums betreten zu lassen. Leider mußte aber trotzdem der Wachtdienst für eine Weile unterbrochen werden, denn Fräulein Elfriede, die beim Abstoßen des feindlichen Bootes unversehens in tiefes Wasser geraten war, wurde von einem besonders schweren und schmerzhaften Anfall ihres Rheumatismus heimgesucht. Einige Linderung gewährten ihr – neben der Freude über den errungenen Sieg – warme Moorschlammwickel, aufgelegt durch ihre Schwester Frieda.

Als der Mißgeschicke bösestes mußte grade in das Auflegen eines solchen heißen Moorwickels der Landgendarm mit seinem Hund hineingeraten. Er war in den Stall eingetreten, ehe sie es sich versahen. Die Kranke stieß einen wilden Schrei aus, halb aus Schmerz, denn sie hatte sich ungeachtet ihres Leidens aus dem Bett auf den Eindringling stürzen wollen, viertel aus Scham, da sie wegen des Wickels entblößt war, viertel aus Kampfeslust. Die andere Schwester war wild auf die Büchse, Kranke und Wickel vergessend, zugeschossen, der Landgendarm sagte höflich guten Tag, der Bullenkalbhund bellte wild die Kuh an, die ihm das Horn zuneigte, der Stall war von einem Wirrwarr von Geräuschen erfüllt. Da hatte schon der Mann das gefährliche Schießgewehr dem schwachen weiblichen Arm entwunden, hatte aber auch auf den ersten Blick gesehen, was von den Fabelmärchen von spritzenden Schroten und knallenden Schüssen zu halten war. Aus dieser Büchse war seit einem Vierteljahrhundert kein Schuß abgegeben worden, und sollte so etwas je versucht werden, würde der Schütze jedenfalls nicht mit dem Leben davonkommen.

Und während der besonnene Mann den Hund zur Ruhe brachte, die Kuh aus dem Hause trieb, dabei sein Gesicht gegen die Nägelangriffe des alten Fräuleins verteidigte, fand er sogar noch die Zeit, eine Art Vernehmung anzustellen, bei der ihm die Größe der Verwirrung, der Armut und des Jammers, die in diesem alten Kuhstall untergekrochen waren, so recht klar wurde.

Der Landgendarm muß nicht nur ein sehr besonnener, sondern auch ein sehr rechtlicher Mann gewesen sein, mit einem Gefühl für die Kreatur, denn auf seine Schilderung hin wurde der unsinnige Prozeß um ein wüstes Stück Land abgebrochen (die verdrehten Olschen werden ja doch bald sterben, und ohne Erben sind sie auch), ja, die Bevölkerung der Umgegend wurde ausdrücklich verwarnt, den Boden der Schaproder Oie zu betreten. Diese weisen Entschließungen hatten nur den einen Fehler: sie wurden den am tiefsten Betroffenen nicht mitgeteilt.

Nach der Gesundung von Elfriede setzten die beiden ihren aufreibenden Wachtdienst fort, wobei sie jetzt statt des konfiszierten Schießgewehrs die viel gefährlichere Mistforke mit sich führten. Und wenn sich auch Jahr für Jahr kein Feind mehr sehen ließ, das durch so viel bittere Erfahrungen entstandene Mißtrauen ließ sich nicht wieder einschläfern. Diese Stille war das Allerverdächtigste und verbarg nur schlimmste Pläne einer feindlichen Welt.

So beschaffen waren nun die Bewohner des Strandes, auf den Malte Gäntschow ahnungslos in sinkender Nacht sein Boot auflaufen ließ. Der junge Bauer tastete sich im Sternenlicht mühsam etwas entlang, von dem seine Füße glaubten, es sei ein Pfad. Die Zweige der niedrigen Kiefern schlugen gegen ihn und wuschen Gesicht und Düffeljacke mit reichlichem Tau. Als er noch auf See in Nähe des Strandes gewesen war, hatte er ein spärliches rotes Licht in der Schwärze zu sehen gemeint. Jetzt aber war es fort, nichts war um ihn als tiefste Nacht. Die Sterne flimmerten, es würde eine kalte Nacht geben, an Draußen-Schlafen war nicht zu denken.

Verbissen drängte er sich durch das widerspenstige Buschholz, er meinte, es sei hier wie auf Fiddichow, wo fast die ganze Küste von einem schmalen Streif Kiefern gesäumt ist, der das Verwehen des Dünensandes auf die Felder hindern soll. Nach einer Weile hatte er aber jeden Pfad und jede Richtung verloren, er stand keuchend da, dann warf er sich wieder mit aller Wucht ins Gehölz. Die dürren Äste brachen krachend ab, um ihn wurden die Waldgeräusche laut: ein auffahrender Vogel, irgendein Huschen am Boden. Als er einen Augenblick still stand, hörte er deutlich das warnende Klopfsignal eines Karnickelrammlers in seinem Bau. Dann meinte er, es vor sich etwas heller werden zu sehen. Mit einem Schwung warf er sich durch die letzten Stangen – und stand wieder an der See, die leise plätschernd auflief.

Er fluchte laut. Dann beschloß er, am Strand entlang bis zu seinem Boot zu gehen, machte drei Schritte und blieb wieder stehen: in welcher Richtung sollte er denn nun eigentlich das Boot suchen? Sein Ortssinn wollte ihm einreden, das Boot müsse in seinem Rücken liegen, aber das war ja unmöglich, konnte vorn und hinten die See sein? Ja, vielleicht, wenn er auf einer schmalen Landzunge war.

Es wurde immer frischer, er schauderte, durchtaut wie er war. Dann ging er einfach in einer Richtung los, jedes Gehen war besser als dies tatenlose Umherstehen. Aber wenn er sich auch auf diesem Wege beschimpfte, das Licht, auf das er von der See hingehalten, nicht besser ausgemacht zu haben, auf den Gedanken, nun etwa die ganze Fahrt nach den magischen Silberkühen zu verfluchen, kam er nicht. Diese Fahrt war gut, wenn auch der Fahrer schlecht war.

Plötzlich fuhr er zusammen. Dort waren Lichter, nicht eins, sondern sieben, acht, neun, ein ganzes Dorf lag dort unter dem hohen Nachthimmel, friedlich geduckt, flimmernd mit Lichtern aus warmen Stuben – aber die See war dazwischen. Nicht viel, kaum mehr als ein breiter Flußarm, im Sommer ohne weiteres zu durchschwimmen. Aber er mußte ja am Rande einer Bucht stehen, ging er in derselben Richtung fort, so kam er um die Bucht herum und in das Dorf.

Wieder ging er los, hundert Schritt weit schien es, als biege die Küste um, näher schimmerten die Lichter, dann kam ein Knick, Gebüsch, Wald schoben sich dazwischen, die Lichter waren fort.

Er kehrte wieder um. Da lag es von neuem, das Dorf mit seinen Lichtern, wütend starrte er hinüber, einen dicken Ast, der ihm die Mütze vom Kopf fegen wollte, riß er ab und schlug damit wild auf die Ufersteine los. Dann pumpte er seinen Brustkasten voll Luft, legte die Hände an den Mund und schrie: Hol über!

Er schrie drei Minuten, er schrie fünf Minuten, er schrie unermüdlich Hol über, die Lichter blinzelten. Dann ging eines am linken Dorfende aus, dann eines in der Mitte. Er stand in atemloser Wut.

Plötzlich war es ihm, als riefe etwas hinter ihm, nicht sehr weit ab: Hallo! Er fuhr herum, lauschte. Es war richtig, eine helle hohe geisterhafte Stimme rief nicht sehr entfernt: Hallo!

Mit einem Ruck warf er sich wieder ins stachlige Geäst, die Stimme rief unermüdlich weiter: Hallo! Hallo! Brechend, tretend, selber rufend, kam er ihr näher, wieder wurde es heller, die Geisterstimme rief noch einmal Hallo! … er brach durch die letzten Büsche, wieder stand er am Wasser, die Stimme war verstummt. Er rief, er rief, alles blieb stumm. Aber er war doch sicher, der, der eben noch gerufen hatte, mußte ja in seiner allernächsten Nähe sein, er fragte halblaut: Ist hier jemand?

Nichts, nichts. Und plötzlich etwas wie ein leises Rascheln.

Ja?! schrie er schreckhaft.

Ein ruhiger Mann stand da, mit erhobenem Arm. Er ging zögernd auf ihn zu, er fragte: Haben Sie gerufen? Der Mann antwortete nicht, er ging noch einen Schritt, noch einen, fragte: Ja?

Der Mann stand drohend und schweigend da, nun berührte er seinen Rock – nein, es war eine Weide.

In diesem Augenblick fing es wieder an zu rufen, nicht übermäßig entfernt, aber doch immer so weit, daß es unmöglich der Rufer von eben sein konnte. Er stand da, er fühlte ein Schaudern, Kindergeschichten, Spukgeschichten fuhren durch seinen Kopf. Er erinnerte sich an eine Erzählung seines Vaters. Der war durch das Kirchdorf gegangen, die alte Behn hatte mit dem Reiserbesen vor ihrer Katentür gestanden. Plötzlich war sie vor den Augen seines Vaters fort gewesen, und ein Kolkrabe war schwarz und krächzend von der Schwelle hochgeflogen.

Das hatte sein Vater noch mit eigenen Augen gesehen, und seitdem war die alte Behn von ihm zum Besprechen des Viehs in den Stall geholt worden.

Die geisterhafte helle Stimme rief und lockte Hallo! Hallo! Er schüttelte alles von sich ab, rief einmal kurz Hallo und machte sich von neuem auf den Weg durch das Unterholz. Mit dem Wasser hier, nicht nur mit der Stimme, war es komisch, wohin er auch lief, er kam auf den Strand. Ihm dämmerte, daß es wohl ein Inselchen sein könnte, er machte kurz kehrt, befreite sich aus dem Gestrüpp und ging, so leise er nur vermochte, das Ufer entlang.

Erst schien er von der Stimme abzukommen, aber dann klang sie rasch näher und näher. Er schlich immer sachter und langsamer, sie rief, rief jetzt in längeren Abständen ihr Hallo. Er war sehr nah an der Stimme, aber es war auch sehr dunkel, da der Wald beschattend bis dicht an den Strand trat. Er glaubte etwas Weißliches, etwas Graues zu sehen, er stand atemlos. Ja, da hob das Graue etwas wie Arme zum Mund, schrie Hallo – mit einem Sprung wollte er darauf zu. Und fühlte sich von hinten geisterhaft gehalten.

Eine Sekunde erstarrte alles in ihm vor panischer Angst, dann spürte er die Schwäche der klammernden Arme, er riß sich herum und los. Mit einem leisen Aufschrei stürzte sich der Schemen wieder auf ihn zu, er kriegte ihn am Arm zu fassen – ach, ein Weib, nur ein Weib!

Er griff fester. Und ein zweiter Schemen stürzte herbei, streifte ihm die Mütze vom Kopf, riß wild an seinen Haaren, daß er unterdrückt aufschrie … Dann spürte er einen grimmigen Biß in der Hand, die den ersten Schemen noch hielt …

Mit einer gewaltigen Anstrengung riß er sich los, schlug blindlings um sich und stürzte in das rettende, bergende Kieferngestrüpp. Der Spuk blieb hinten.

Er preßte sich zwanzig, dreißig Schritte weit durch die Stämmchen durch, stand lauschend. Alles war still, nur ein bißchen Nachtwind in den Zweigen, der Spuk verblasen, zerstoben. Ziellos machte er noch drei, vier Schritte – und da war das Licht vor ihm, das rote spärliche Licht, das er von der See gesehen hatte!

Er stand atemlos vor Überraschung, erlöste Freude wollte aufkommen und zerging wieder, alles verzerrte sich ins Unwirkliche, die halloenden Hexen, die Hand, die vom Biß schmerzte, der nächtliche Kampf mit dem Kieferngestrüpp – und nun dies einsam glühende Licht in einer kleinen Waldöffnung, auf der es totenstill war.

Trotzdem ging er leise näher, nun unterschied er den rechtwinkligen Umriß einer unverglasten Öffnung, hinter der es heller war von dem Licht. Aber sie saß hoch in einer Wand, an die er stieß. Er tastete sich um die Hütte. An einer Stelle griffen seine Hände gegen buckliges Glas, aber es war dunkel dahinter.

Schließlich kam er an eine Tür. Er rüttelte daran, sie ging auf. Es war eine Art Scheune, Tenne, Stall, von allem etwas, es lag Heu hier und gedörrtes Schilf, es stand aber auch eine Kuh hier, die mit leisem Muhen ihm den Kopf entgegenhob. Er trat einen Schritt zurück, aber trotzdem das Licht des Kienspans über der Feuerstatt so schlecht war, er hatte es doch gesehen: es war eine Kuh, wie er sie nie geschaut. Keine Silberkuh, wie auch sollte ein Frigga heiliges Tier in dies Hexenhaus kommen?, aber eine ungeheure, knochige, schwarzweiße Kuh, mit einem großen staubigen Kopf und festen kurzen schwarzen Hörnern. Etwas wie Frohlocken erfüllte sein Herz, er war auf dem richtigen Wege, der erste Fund war gemacht.

Er umschritt die Kuh. Sie war nicht ganz so groß, wie er in dem unsicher schwelenden Licht zuerst gedacht, aber sie war viel größer als die Kühe daheim. Er streckte eine vorsichtige Hand aus, berührte erst die Haut mit einem, nun mit allen fünf Fingern. Dann zog er die Haut prüfend von den Rippen, sie widerstand, sie war wie festgewachsen daran, es mußte eine uralte Kuh sein. Plötzlich dachte er an den Blick ihrer Augen, mit dem sie ihn angesehen hatte. Er ging wieder nach vorn. Jawohl, diese Augäpfel waren nicht dunkelsamtig wie bei andern Kühen, sie waren hell weißblau, sie ähnelten den Augenkugeln gekochter Fische. Die Kuh war blind.

Dies erschreckte ihn nicht, es beruhigte ihn. Das Tier war zwar unzweifelhaft von den Hexen betreut, aber allen irdischen Gebrechen unterworfen und nicht verhext. Seine Unternehmungslust kehrte zurück. Er gedachte des großen weißen Euters mit den vier langen, wohlgebildeten Strichen, während doch die Melkerinnen daheim sich mit kurzen, ewig wegrutschenden Zitzen abquälen mußten, er beugte sich prüfend über das Euter …

Den beiden erschreckten, zerschlagenen Fräulein Nipperwiese an der Tür sank das Herz immer mehr. Eine Weile hatten sie schon glauben wollen, der nächtliche Eindringling auf ihrer Insel sei wirklich nur ein verfahrener Fischer, dem ein tüchtiger Nachtschrecken das Wiederkommen auf immer verleiden würde. Wer aber sich so mit einer Kuh abgab, wer so das Fell von den Rippen riß, um zu sehen, ob auch Fett dazwischen säße, wer so am Euter herumtastete, den kannten sie! Solche hatten sie oft genug, viel zuviel in des seligen Papas Viehstall gesehen. Sie waren zum Äußersten entschlossen, denn die alte Schwarzbunte war ihre rechte Nährmutter und Erhalterin. Nie sollte sie mit irgendeinem Gerichtsboten davongehen! Das sagte Friedas wie Elfriedes Blick.

Während Frieda im Rücken des Mannes zum Kienspan huschte, schlich seitlich Elfriede zu der Mistforke, die drei Schritt weiter an der Wand lehnte.

Plötzlich erlosch das Licht mit einem Funkenregen, als sei es aus dem Ring gestürzt. Der Bauer fuhr auf, horchte in die raschelnde Stille – da traf ihn der Stich der Forke in die Seite.

Er brüllte auf, stürzte auf die hellere Türöffnung zu, rannte etwas, das leise und schmerzvoll aufseufzte, über den Haufen, gewann das Freie. Er taumelte, halb betäubt von Schmerz, erfüllt von wahnsinniger Angst, eine Art Pfad hinab, sich an Bäumen stoßend, sich an Bäumen haltend. Er war am Strand, kein Licht blinkte, aber etwas Schwarzes lag auf dem dunklen Wasser. Er stolperte darauf zu, er fiel hinein, er griff nach der Ruderstange, stieß das Boot ab … Die Stange entglitt ihm, er wäre ihr beinahe nachgestürzt, aber das Boot trieb schon. Schwer aufseufzend setzte er sich auf den Boden, legte seinen Kopf gegen die Heckkiste, murmelte: Verfluchte Insel! Verhexte Hexen! Und wußte nichts mehr. –

Der Leuchtturm von Barhöft steht toteneinsam auf dem äußersten Punkt einer Halbinsel nördlich von Stralsund. Auf ihn zielt von Norden der Vierendehlstrom, aber, ehe er an die Küste kommt, teilt er sich, und sein einer Ausläufer verliert sich südöstlich im Mühlentief, das an den Flundergrund stößt.

Hier war an einem frühen Sonntagmorgen ein Mädchen allein mit einer sonderbaren Art Boot unterwegs. Es war geradeheraus gesagt nichts anderes wie eine große Waschbutte, und daß es die wirklich war, bewies der Pflock, der das Loch verschloß, aus dem die Weiber das schmutzige Waschwasser fortlaufen lassen. Nur war jetzt der Pflock nicht von unten, sondern von oben in die Butte getrieben, und da saß er nun recht schön zwischen den beiden Knöcheln des Mädchens. Das Mädchen hatte in seiner Butte oder Balje nichts wie ein kleines Plätscherruder, mit dem es vorsichtig zugleich ruderte und steuerte.

Es war noch sehr früh am lieben Sonntagmorgen, kaum fünf, aber die Sonne schien schon lieblich, der Himmel war klar und die See so glatt wie ein sauber aufgelegtes Tischtuch. Das mußte sie aber auch sein und dazu mußte man auch noch so geduldig stillsitzen wie dieses Mädchen, ohne auch nur ein einziges Zentimeterchen nach rechts oder links zu rücken, sonst würde die Waschbalje nur ein einziges Mal kippeln, rasch tief aufseufzen und leer sein. Es gehörte schon jahrelange Übung dazu, sich in solchem Ding so weit auf die See hinauszuwagen, und doch hätte es das Mädchen trotz aller jahrelangen Übung nicht getan, wenn es sich nicht endgültig und fürchterlich mit Onkel Walli verzankt hätte. Onkel Walli nun war der von der verstorbenen Elternschaft eingesetzte Verwalter des Hofes in Solkendorf (unterhalb des Leuchtturms von Barhöft), der Vormundschaft, Ackerbau und Viehzucht verantwortlich auszuüben hatte, bis dermaleinst Justine ihren Justus oder wie er eben heißen würde, heiraten und sich damit aus der einen in die andere Vormundschaft begeben würde.

Nun war Onkel Walli ein Mann aus der Anklamer Gegend, wohl ein herzensguter Mann, aber was soll man von einem Mann aus der Anklamer Gegend erwarten? Er ist und bleibt ein Binnenlandmensch, und das sagt für einen Küstenmenschen, für einen Wassermenschen genug. Die Solkendorfer Kinder wurden gewissermaßen in der See groß, schon, wenn sie erst zwei oder drei Jahre alt waren, fingen sie an, rastlos in die Boote zu klettern, aus den Booten zu fallen und sich mit Rudern, dreimal so lang wie sie selbst, umzubringen. Und sie quälten immer ihre Mütter, ihnen zum Essen selbstgefangene Fische zu braten, von denen der längste so lang war wie ein Mittelfinger, wohlgemerkt wie der Mittelfinger einer Kinderhand.

Justine, Stine hatte von dieser Solkendorfer Tradition keine Ausnahme gemacht, und die Grundlagen zu ihrer heutigen Waschbaljenfahrt hatte sie in einem Alter gelegt, wo man nicht zweiunddreißig, sondern erst zwanzig Zähne im Munde hat. Das ging, wie es ging, solange die Eltern lebten, je mehr Justine sich streckte, um so mehr streckten sich auch die Fische, die sie heimbrachte, sie schienen mit ihr zu wachsen.

Aber Onkel Walli war nicht für Fische. Er hatte den Aberglauben vieler Binnenländer, daß Fische nach Tran riechen und schmecken, und er hatte den Privataberglauben dazu, daß es giftige und ungiftige Fische gäbe, und daß die ungiftigen sehr schwer von den giftigen zu unterscheiden seien, genau wie bei den Pilzen, die er auch nicht aß.

In allen Dingen waren er und sein Mündel besten Einvernehmens, aber in diesem Punkt waren sie so verschiedener Meinung, daß das sonstige gute Einvernehmen darüber in die Brüche zu gehen drohte. Der Krieg wurde von Onkel Wallis Seite unter schamloser Ausnützung der ihm behördlich verliehenen Gewalt geführt: Fischgerät wurde beschlagnahmt und verbrannt, Boote an Ketten gelegt, die Fischer gegen das Mädchen aufgehetzt. Für Justine blieben nichts wie Tränen, Schmollen, Proteste und List.

Am Tage zuvor war es Justine nun gelungen, Onkel Walli während seines Nachmittagschlafes die Schlüssel aus der Tasche zu stehlen. Eilig war sie damit entflohen, denn sie hatte eine Woche nicht auf dem Wasser gelegen, sie hatte ihre Angelschnüre zurechtgemacht, war hinausgerudert und hatte die Schnüre auf dem Flunderngrund ausgelegt.

Als sie hereinkam von der See, hatte Onkel Walli sie schon am Strande erwartet, und der gute alte Mann mit den glupschen Augen, mit dem Walroßschnauzbart und dem Hosenboden, faltig wie ein Elefantenhintern, war zum ersten Male richtig zornig gewesen. Ja, er schwur ihr zu, er würde sie nun binnen heute und sechs Wochen verheiraten, und finde sich kein anderer in dieser Zeit, dann an seinen Neffen, den Kröpelhinnerk, der einen Buckel hatte und ebensolch ein Landmensch wie sein Onkel war.

Vergebens hatte Stine ihn beschworen, sie doch nur noch ein einziges kleines Mal hinauszulassen, die Angelschnüre hingen doch nun einmal draußen und verkamen, wenn man sie nicht holte. Und sicher hingen Aale daran, und das Pfund grüne Aale brachte auf dem Fischmarkt in Stralsund jetzt einen Drittel Taler!

Vergebens, nicht einmal das Geld zog, sie könne viel mehr Geld verdienen, wenn sie beim Kartoffelstecken hülfe: Wir sind so hintenran damit, und die Leute lachen schon über uns.

Aber dann war sie doch nicht zum Kartoffelstecken gegangen, noch dazu an einem so schönen Sonntag, sondern hatte in ihrer Wut und Verzweiflung die alte Waschbalje den Abhang zur See hinuntergetrudelt, und nun saß sie darin und hielt auf den Flunderngrund zu. Bisher war ja alles gutgegangen, und Justine saß achtsam, mit zusammengekniffenen Lippen, in der Butte. Sie wußte: das Schlimmste stand ihr noch bevor, wenn sie die Aalhaken hereinnahm, die Aale von den Haken löste und in den Sack steckte. Dann mußte sie sich bewegen, und was das Waschfaß zu diesen Bewegungen sagen würde, das wußte sie eigentlich auch.

Nun, aber eine Weile ging doch alles gut. Es war ein schöner Fang, den sie getan hatte, nicht übermäßig groß die Aale, aber gerade so eine schöne Mittelgröße, das Beste fürs Räuchern. Nun aber kam sie an einen Haken, und an diesem Haken saß ja wohl der Ur- und Stammvater aller Aale, ein Biest wie ein Kinderarm und lang wie ein abgebrochener Besenstiel. Paß Achtung, Stine, sagte Stine zu sich und ließ den Aal noch sein Tänzchen im Wasser machen. Dies kann schiefgehen. Den Sack hatte sie hübsch zwischen den Beinen zu liegen, es krabbelte und wand sich ja schon einiges darin, und so konnte sie ihn nicht sofort griffbereit legen, aber sie machte ihn doch mit der einen Hand schon so weit auf, daß sie den Aal nur durch die Sackschnauze zu schieben brauchte.

Sie sah sich den Aal im stillen, klaren Oberwasser an. Er schlängelte und bäumte sich schrecklich, er kam ihr immer mehr nicht wie ein Aal, sondern wie eine Seeschlange vor, die es auf sie abgesehen hatte.

Ich muß ihn am Haken in die Balje reißen und erst im Sack losmachen, entschloß sie sich. Nun, ich und Justine, wir werden es schon schaffen. Über ihrer Nasenwurzel stand eine scharfe Falte, ihre braunen, ziemlich buschigen Brauen saßen eng beieinander. Unwillkürlich sah sie auf die See hinaus, nicht daß sie etwa nach Hilfe ausgeschaut hätte, den Gefallen tat sie den dummen Bengels nun doch nicht, nur so …

Aber da war nichts, die Sonne warf eine blendende, silbern glitzernde Bahn über das Wasser bis kurz vor ihre Balje, und in dieser Bahn schien weiterhin etwas Schwarzes zu sein, irgendein Stück Treibholz. Also denn nicht, und nun den Urvater! Sie zog an der Schnur, holte sie ein und der Aal kam halb aus dem Wasser. Was ein Biest, was ein Bengel, was ein Viech, sicher wog er seine neun oder zehn Pfund – beinahe war sie ärgerlich, daß sie ausgerechnet heute bei der Balje solch ein Vieh fangen mußte! Der Aal tanzte unermüdet und tat manchmal einen kräftigen Schlag gegen die Baljenwand. Sie dachte, er müßte eigentlich einmal müde werden, aber es sah nicht so aus.

Also denn! kommandierte sie sich selbst, und mit einem Schwung war der Aal auf ihrem Schoß. Aber da bäumte er sich auch schon auf, über der Baljenwand ahnte er wohl das gute salzige Wasser, Stine zog ihn kräftig zur Sackschnauze, der Aalschwanz tat einen hübschen Schlag in ihr Gesicht, der Aalkopf verschwand schon im Sack – Kippel, Kippel machte die Balje eilig, Uff! seufzte das einströmende Wasser …

Es war eben doch zu lebhaft geworden, nun saßen sie alle im Wasser. Voran schwamm im Silberstreif die Balje, mit dem Boden nach oben, hinterher paddelte mit einem Arm Justine, in der andern Hand die Aalschnur und an der Schnur saß der Aal. Der Haken jedenfalls hatte festgehalten.

Justine war viel zu sehr Tochter der See, um nicht zu wissen, daß sie unmöglich die zwei Kilometer bis zum Strande schwimmen konnte. Auch die Waschbütte war wohl aufzurichten, aber hineinzukriechen war da nicht, das hieße nur sofort wieder umkippen. Eigentlich war also Justine zum Tode des Ertrinkens verurteilt, und daß das nicht ganz der angenehme Tod (mit Rückerinnerung an das ganze Leben) sei, wie er in manchem Buch so schön beschrieben steht, das wußte sie von dem und jenem Fischer, den man schon besinnungslos aus den Wellen geholt hatte.

Aber an Ertrinken dachte Justine nun freilich nicht. Zuerst dachte sie an ihre Kledagen, und mit ein paar festen Griffen holte sie sich die Röcke von den Beinen. Darüber ging der Urgroßvater flöten. Beest! sagte sie nur. Das Nächste war die friedlich schaukelnde Waschbalje, und mit zehn Schwimmstößen hatte sie die eingeholt. Sie schob sich das Ding, so bequem es eben ging, unter Brust und Bauch. Es trug sehr hübsch, zu schwimmen hatte sie nun nicht mehr, aber das Wasser blieb trotzdem saukalt, ja es wurde immer noch kälter, so schön die Sonne auch darauf glitzerte.

Bei diesem Glitzern der Sonne fiel Justine das Treibholz ein, und da sie jetzt durch die Butte etwas höher über dem Wasser lag, so sah sie, daß es gar kein Treibholz war, kein von der Deckslast irgendeines Schwedenschoners heruntergerissenes Grubenholz, sondern ein Boot, und ein leeres Boot, schien es, dazu.

Nun, hierauf haben wir ja schon einige Zeit gewartet, und jetzt sind wir recht froh, daß Justine ihren leeren Kahn gesichtet hat und auf ihn zuschwimmt und hineinsieht und dort auf dem Boden besinnungslos in Blut, Dreck und Sickerwasser ihren künftigen Gemahl entdeckt. Da haben wir den Salat, dachte sie verdutzt, und Onkel Walli fiel ihr sofort ein, der gleich sagen würde, daß so etwas nur beim Herumstreunen auf dem Wasser vorkommen könne.

Aber nach dieser anfänglichen Betrachtung hatte sie ja erst einmal für die nächsten paar Stunden zuviel zu tun, um sich weiteren beschaulichen Erwägungen hinzugeben. Manchmal ist es selbst vom Kinderstandpunkt aus ganz gut, wenn Eltern, Pastoren und Vormünder überängstlich mit ihren Schäflein sind. Justine wenigstens fand es für diesmal ganz schön, daß der liebe betrübte, zornige, dicke Onkel Walli am Solkendorfer Strand auf und ab lief, ganz wie eine Glucke, der man Enteneier zum Ausbrüten untergeschoben hat und die nun fassungslos ihre eigene Nachzucht abschwimmen sieht. Als die Flotte einfuhr – die Waschbalje natürlich im Kielwasser –, wollte der Vormünder wohl blitzen und donnern und spucken, aber Justine sagte bloß: Kiek eins, Onkel Walli! – Und da dachte Onkel Walli, als er den besinnungslosen, aber ansehnlichen jungen Menschen liegen sah, vielleicht genau wie Justine vor einer Stunde: Da haben wir den Salat!

Aber auch hier war wieder zu Betrachtungen wenig Zeit, und keine zehn Minuten, da zog auf einer improvisierten Bahre der junge Gäntschow in Justines Hof ein. Onkel Walli aber hatte sogar an einen Rock für das junge Mädchen gedacht, sie hätte es ja wohl rein vergessen, in welchem Aufzug oder Auszug sie da einherging.

Wenn aber nun Onkel Walli geglaubt hatte, er könnte jetzt den so geheimnisvoll Verletzten dem Doktor Benzin und den alten Tanten des Hofs überlassen, so war er wieder einmal falsch davor gewesen: Justines Platz war an diesem Bett. Sie hatte ihn gefunden. Während sie den Kahn mit ihrem kleinen Tröpfelruder heimwärts trieb, hatte sie den ganzen Weg lang einen recht guten Ausblick auf den jungen Mann gehabt. Da hatte er so gelegen, bleich, mit einem fast strengen Gesicht, das dichte dunkle Haar in der Stirn.

Gesprochen hatte er auch, aber es waren fliegende, flüchtige Worte gewesen, nur den Ton von Angst und Ungeduld hatte sie erfaßt. Nein, er war ihr Heimbringsel, und die alten Tanten mochten vor der Krankenstube tun, was sie wollten, in ihr hatte sie das Wort. Und der Kranke. Sie das leise, er das laute.

Je weiter die Nacht vorrückte, um so mehr, um so heftiger sprach er. Er mußte es bei geschlossenen Augen in den Gründen des Fiebers fühlen, daß er nicht mehr in einem von den Wellen gewiegten Kahn saß, sondern in einem Bette lag. Ja? fragte sie wohl, über ihn geneigt, wenn er gar zu ungeduldig sprach. Wohin willst du?

Nichts, unkenntliche Wortfetzen. Die Hände laufen über die Bettdecke, Justine hat es, erst bei ihrem Vater, dann bei ihrer Mutter gesehen, daß die Hände so unruhig werden, die Sterbenden graben sich ihr Grab, sagt man. Sie nahm die beiden festen, gebräunten, verarbeiteten Hände zwischen die ihren. Erst suchten sie zu entwischen, dann beruhigten sie sich, das wilde Reden wurde seltener, er schlief wohl ein. Auch sie schlief ein.

Sie erwachte von seinem Blick. Er saß halb aufrecht im Bett und starrte sie verwundert an. Seine Stirn war zusammengezogen, als denke er fast schmerzhaft nach.

Bist du wach geworden? fragte sie.

Hast du die Silberkühe? fragte er.

Die Silberkühe?

Ja doch, die Silberkühe, sagte er ungeduldig. Über sein Gesicht ging wieder jener Ausdruck von Qual und Ungeduld, der sie schon im Boot erschreckt hatte.

Lege dich nur hin, sagte sie tröstend. Es kommt alles zurecht.

Er setzte sich mit einem Ruck ganz grade. Wenn auch du nicht die Silberkühe hast, muß ich weiter. Und wie zu sich: Sie sieht aus, als müßte sie sie haben. Aber sie hat sie auch nicht. – Er sah nach der Tür.

Leg dich doch bloß hin, bat sie nochmal. Das muß dir doch weh tun, das Sitzen.

Ja, es tut weh, sagte er. Wieso tut es eigentlich weh?

Jemand hat dich wohl mit einer Forke gestochen? fragte sie.

Mit einer Forke gestochen –? Dann erinnerte er sich. Ja, ich weiß wieder. In der Nacht. Es waren Hexen, sie wollten mich umbringen, weil ich die schwarzweiße Kuh gesehen habe, eine Hexenkuh. Aber die silberne hatten sie auch nicht.

Das Mädchen machte einen großen Fehler. Es sagte: Wir haben auch schwarzbunte Kühe.

Schwarzbunte? Hexenkühe? So sieht sie nicht aus. Und Silberkühe habt ihr nicht?

Nein, sagte Justine etwas ungeduldig. Und nun leg dich wieder hin, sonst wirst du noch kränker.

Aber statt sich hinzulegen, nahm er die Beine über den Bettrand. Sein Gesicht glühte von Fieber, seine Augen blickten flackrig. Plötzlich begriff sie, daß er weit fort in tiefem Fieber war, daß er kaum noch etwas sah von seiner Umwelt. Angst faßte sie, sie lief zur Tür, sie rief ins Treppenhaus: Onkel Walli! Tante Bertha! Ernstine! Erna!

Niemand rührte sich, es war die tiefste Schlafensstunde, die Uhr ging auf drei.

Als sie sich umwandte, war der Kranke schon auf den Beinen und in den Hosen. Er schien sie nicht zu sehen, er murmelte vor sich hin, aber sie verstand nicht. Sie verstand wohl, in welch schlimmer Lage sie mit ihm war, daß er wirklich fort wollte und daß sie ihn nicht halten konnte. Da verfiel sie in ihrer Besorgnis auf eine List, und sie befragte ihn: Was für Silberkühe sind denn das, zu denen du mußt?

Er drehte ihr langsam den Kopf mit den tiefliegenden, fieberglühenden Augen zu, er hörte auf, sich weiter anzuziehen, er fragte: Ja?

Sie wiederholte ihre Frage.

Friggas Kühe, sagte er. Die heiligen Kühe im Silberhaar, mit dem Silberhuf, mit dem Silberhorn. Er setzte hinzu: Sie geben zwanzig Liter jeden Tag.

Ja, sagte sie. Und wo sollen die sein?

Sein Gesicht bekam einen hilflosen Ausdruck. Ich suche, sagte er dann.

Komm, sagte sie. Leg dich wieder hin. Wenn du erst wieder gesund bist, suchen wir gemeinsam. Und sie legte den Arm um ihn, damit er wieder zum Bett ging.

Er drückte den Arm fort, als sei er ein dünner Zweig. Ich muß suchen, sagte er, und sein Gesicht sah böse aus. Sie redete auf ihn ein, er antwortete gar nicht mehr. Sie fragte noch einmal nach den Silberkühen, er antwortete gar nicht mehr. Noch einmal rief sie ins Treppenhaus: die schliefen.

Sie war so hilflos, sie konnte nichts gegen sein Fortgehen tun, ach, sie mußte ihn sogar noch dabei unterstützen. Als sie sah, wie sich seine fieberischen Hände mit den Hosenträgern abmühten, daß er die warme Strickweste anzuziehen vergaß, da half sie ihm. Und als er oben auf dem dunklen Gang nicht zurechtfand, da half sie ihm wieder mit der Lampe. Und sie half ihm weiter, auf der Treppe, auf dem Hof, an dem bläffenden Tyras vorbei.

Während sie das alles aber tat, dachte sie ununterbrochen darüber nach, wie sie ihm doch helfen könnte. Er hatte vor ihr hilflos wie ein Kind im Boote gelegen und sie hatte ihn an Land gebracht. Sie hatte ihn in Haus und Bett gepackt, er war ihre Sorge, ihre Verantwortung. Schon war sie fest entschlossen, ihn nicht allein gehen zu lassen, so wie sie war, würde sie mit ihm gehen. Irgendwann würde er ja doch umfallen, weit kam er so nicht, und dann würde sie ihn wieder in ein Haus bringen und diesmal würde sie ihn fester halten. Er ging langsam und taumelnd die Dorfstraße voraus, vor sich hin murmelnd. Ganz von selbst hatte er die Richtung zur See eingeschlagen, als röche er sie. Sie zottelte hinterher. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Zuerst verwarf sie ihn als ganz unmöglich, aber er kehrte hartnäckig immer wieder. Sie lief hinter dem Kranken her, der Gedanke nistete sich fester ein, schon erschien er ihr nicht mehr so unmöglich. Sie lief vor, berührte seinen Arm und sagte: Du!

Er blieb stehen, trotz des Dunkels konnte sie fühlen, daß er sie gespannt ansah.

Ich will dir die Silberkuh zeigen, sagte sie.

Sie hörte einen Laut von ihm. Sie hatte solchen Laut noch nie im Leben gehört, sie hatte nie gedacht, daß man so großes Glück empfinden und so rein in einem Laut äußern könnte – manchmal jauchzten Kinder ähnlich, aber dies war es denn doch nicht.

Mach rasch, zeig, sagte er atemlos und faßte sie so fest am Arm, daß sie leise aufschrie. Komm doch!

Sie gingen hastig zurück. Nun taumelte er nicht mehr, er ging rasch, mit langen Schritten, wie ein strahlend frischer junger Mann. Er fragte nichts mehr, er sagte nichts mehr, aber sie fühlte, wie er ganz Spannung war.

Doch ihr Herz zitterte und bebte, es wollte, daß sie sagte: Ich habe dich belogen. Und sie ging weiter. Sie hoffte: vielleicht gelingt es. Und sie verzweifelte: das Fieber macht ihn nur hellsichtiger.

Es waren die schlimmsten dreihundert Schritte, die jetzt zum Hof, die die junge Justine je in ihrem Leben gegangen war, und sie wünschte während des ganzen Weges, sie wären ihr erspart geblieben.

Dann kamen sie wieder auf den Hof, der Tyras schlug an und winselte dann zur Begrüßung. Sie hatte die Stallaterne anzuzünden, und das ging nur schwer und langsam mit ihren zitternden Händen. Dann hatten sie in die kleine Box neben dem Pferdestall zu gehen. Er hatte bei alledem ruhig und unendlich geduldig gestanden, aber sie fühlte wohl seine unerträgliche Spannung. Sie hatte keine Furcht davor, daß er sie etwa schlagen würde, wenn er den Betrug entdeckte, aber sie hatte Angst darum, was dann wohl aus ihm werden würde. Denn dann würde er nicht einmal mehr erlauben, daß sie ihm weiter nachging. So stieß sie zitternd die Lattentür zu der Boxe auf, blieb stehen, hielt die Lampe möglichst zurück und sagte: Das ist die Silberkuh.

Er trat rasch in die Boxe.

Mit dem Tier aber, das in dieser Boxe stand, hatte es eine ganz einfache Bewandtnis. Auf dem Hof zog länger schon, als Justine lebte, ein Schimmel, ein großes knochiges Tier, Pflug, Egge und Wagen. Je älter er wurde – und er mußte längst Mitte der zwanziger Jahre sein, was für Arbeitspferde ein Methusalemalter ist –, um so schlohweißer und knochiger wurde er. Er hatte sich immer bemüht, fleißig seine Arbeit zu tun, aber bei der letzten Herbstbestellung konnte er einfach nicht mehr: drei- oder viermal fiel er um vor dem Pflug und kam nur noch mit Mühe heim in den Stall. Da erbettelte es sich Justine von Onkel Walli, daß der alte Schimmel nicht dem Pferdeschlächter oder Schinder anheimfiel, sondern in der dunklen Box hinter dem Pferdestall seinen Gnadenhafer fressen durfte. Auf diesen alten Schimmel war sie nun verfallen, als ihr gar kein anderes Mittel einfiel, den kranken Mann zu halten, und sie hoffte, im Dunkel des nächtlichen Stalls werde ihr die Unterschiebung glücken.

Der Mann stand zuerst bewegungslos in der Stalltür und starrte auf den großen, bleich schimmernden Fleck. Silberweiß, sagte er selig. Er drehte sich zu Justine um und sagte geheimnisvoll freundlich: Es hat alles seine Richtigkeit. Silberweiß ist sie.

Sie schämte sich sehr.

Er trat über das Stroh näher, er streckte die Hand aus, ihr Herz erzitterte, er nickte und murmelte. Der Schimmel hatte seinen müde hängenden Kopf gegen das Licht gedreht und sah trübe hinein. Der Mann faßte nach den Ohren des Schimmels, der fühlte es wohl kaum mehr, er war nicht mehr von dieser Welt, er lebte nur noch auf den Fohlenweiden seiner Jugend. Der Mann sagte kopfnickend: Silberhörner, fest und gerade. Wieder richtig.

Er strich über die Brust. Er lobte: Tief gebaut und breit.

Er befühlte den armen durchhängenden, vom Geschirr mit wunden Druckstellen entstellten Rücken. Gerade wie ein Eschenstamm, sagte er.

Einen Augenblick stand er mit hängenden Armen vor dem Tier. Sicher war es seine Silberkuh, das Tier, um das er ausgezogen, nach dem er sich gesehnt, von dem er geträumt hatte. Dann richtete er sich stramm auf. Er sagte strenge zu dem Mädchen: Hol einen Melkschemel und Eimer. Ich will die Silberkuh melken.

Das arme Mädchen erschrak schlimm, dann besann es sich. Silberkuh steht trocken, flüsterte es. Silberkuh bekommt ein Kalb.

Der Mann stand da. Er sah Justine voll an. Und bekomme ich das Kalb von Silberkuh? fragte er.

Wenn du jetzt mitgehst und dich gleich hinlegst, sollst du das Kalb von Silberkuh haben.

Du versprichst es mir, daß du mich gleich weckst, wenn es soweit ist mit dem Kalben? Ich will mein Kalb selber holen, keiner soll es anfassen. – Keiner soll es anfassen! schrie er noch einmal.

Du erschreckst ja Silberkuh, sagte sie. Komm jetzt, sie muß ihre Ruhe haben.

Er kam mit, folgsam wie ein Kind.

An des Schlafenden, Fiebernden Bett saß sie und weinte bitterlich. Es wollte ihr noch nicht eingehen, daß es gut sei, mit solchen Lügen anzufangen.

Aber es brauchte dann ja nicht mit Lügen weiterzugehen. Es lag keine Notwendigkeit mehr dazu vor, als der junge Bauer nach vielen Tagen wieder erwachte. Warum er auf diese Fahrt gegangen, was ihm auf ihr geschehen, das war vergangen, wie das Fieber vergangen war. Nicht vergangen war die Erinnerung an eine helle mutige Stimme, die bei ihm geblieben war in der Nacht höchster Qual.

Und als sie nachher auf Fiddichow jene gewaltige Hochzeit feierten, bei der keine Kehle auf der ganzen Halbinsel trocken blieb, bei der in allen Straßengräben tags wie nachts heimkehrende Gäste vorübergehendes Quartier nahmen, bei der sie vier Zimmerwände aus dem Haus schlugen, weil kein Raum groß genug war für die Tanzenden – als sie also diese Hochzeit feierten und die Großbauern den jungen Malte ein wenig hecheln wollten und nach seiner Silberkuh fragten, da sagte er lachend und ganz unbeschwert: seine Schwarzbunten seien auch ganz schön und jedenfalls besser als die braunen Ziegen, die er bisher gehabt. Und im übrigen habe er ja seine Silberkuh …

Da tanzte sie, strahlend und jung, und sie, die Justine, die Silberkuh, ohne Tadel, ohne Fehl vom Scheitel bis zur Sohle, sie war und blieb die einzige, die da wußte, daß ihr Malte manchmal grübelnd saß, was es wohl für eine Bewandtnis damit haben mochte, daß sein Urahn Gunnar durch einen Schimmel ums Leben, er aber ins neue Leben gekommen sei. Nun, darüber konnte man lange grübeln, namentlich wenn man aus einem Nebellande ist, und erst recht, als die Justine im vierten Kindbett aus seinem Leben ging. Man konnte grübeln und grübeln und darüber aus einem jungen unbekümmerten Mann ein tiefsinniger Alter werden, voller Bissigkeit, der im Menschenhaß eine Tafel an der Straße aufstellte und voll Weiberverachtung seiner neuen Wirtschafterin über das gemeinsame Schlafen Bescheid sagte.

Diese Hochzeit aber, diese Ehe bringt uns auf den Stinkteich, ja sie ist die eigentliche Ursache zu seiner späteren Anlage.

Es ist viele Jahre später, als ihn wieder ein Malte Gäntschow anlegt, der Sohn des Hochzeiters von dunnemals, der nun nach dem Tode des Vaters den Hof übernommen hat. Er ist der erste lesende Gäntschow – doch wir müssen beim Anfang des Stinkteichs beginnen.

Da hatten sie nun also in ihrer Festesfreude die Wände aus den Zimmern herausgeschlagen, daß das ganze Haus, von der Küche abgesehen, einen großen Raum bildete. Nun, nach der Feier mußten neue Wände gezogen werden, warme Wände, Lehmklutenwände, zu denen man die Steine aus Lehm und Häcksel backt.

Zwischen Garten und Scheune, dicht am Haus, ist eine schöne Lehmstelle, das weiß der Malte von jedem Regenwetter her. Und daraus nehmen sie dann also auch den Lehm, den sie brauchen. Es entsteht ein Loch, oder richtiger gesagt kein Loch, eine mäßige Senkung, deren tiefster Punkt etwa zwei Meter unter dem übrigen Gelände liegt. Hier läuft das Regenwasser von Stall- und Scheunendach zusammen, hierher fährt der Bauer die Grannen und Spelzen von der gedroschenen Gerste, die man nicht verfüttern kann, hier werden die Fuhren mit Quecken, mit altem Kartoffelkraut entladen.

Das ging jahraus und jahrein, bis die Senkung wieder voll war. Es sackte noch etwas nach, weil all der Pflanzenkram verrottete, aber dabei blieb es dann auch.

Gut, nun kam viele Jahre später der zweite Malte Gäntschow, der junge Besitzer, der auch schon lange nicht mehr jung war. Er hatte die Gewohnheit, mit einem kleinen Stahllöffel, der unten an seinem Handstock befestigt war, überall im Boden zu bohren, ja, er kostete sogar die Erde. An dieser wüsten Stelle nun, die übrigens von Kirschenbäumen und Holunder umstanden war, drang sein Stock tief in den Boden. Die Erde lag locker, er betrachtete sie, er prüfte sie, die schönste Entdeckung war gemacht: eine köstliche Humuserde, vergleichlich der besten Komposterde.

Wagen auf Wagen kam, die Erde wurde fortgefahren, um die Mutterkrume eines sandigen Feldes zu vermehren und zu verbessern, schließlich war die Kuhle wieder da.

Auch dieser Malte wußte etwas mit ihr anzufangen. Schon lange hatte es ihn geärgert, daß das Regenwasser vom Hof, von allen Stall-, Scheunen-, Haus- und Schuppendächern in seine Dunggrube lief. Es wusch den Mist aus, es verwässerte ihn, machte ihn fast wertlos, diese kostbare Gabe. Und er tat, was schon sein Vater getan hatte, aber er tat es gründlich und mit Methode: er leitete mit Gräben und Rohren alles Wasser des Hofes in die Senkung. Ein kleiner Teich entstand, der auch den Sommer überdauerte, eine herrliche Gelegenheit für Enten und Gänse, sich den Staub aus den Federn zu waschen, an heißen Tagen ein kühles Fußbad zu nehmen.

Nun ist der Teich also wieder da, aber noch ist er kein Stinkteich, er ist ein hübscher, von den Bäumen und Büschen kühl gehaltener Regenwasserteich – und nun muß wieder erst etwas anderes erzählt werden.

Dieser Malte Gäntschow war ein stiller Mann, er ging immer allein für sich mit seinem Löffelstock und grübelte, auch las er viel in gedruckten Büchern. Er war nicht schlecht zu seinen Leuten, nein gar nicht, ganz im Gegenteil, aber er sprach nicht gerne mit ihnen, er sprach überhaupt nicht gerne, und vor allen Dingen war es ihm ein Greuel, auf ihre Arbeit aufzupassen, zu treiben, zu schelten. Da er nun zu einer Zeit in den Genuß des Hofes kam, da es den Bauern gutging, so nahm er sich für diese ihm unangenehmen Dinge einen Wirtschafter, einen gewissen Herrn Strehlin.

Strehlin aß wohl an seines Herrn Tische mit und nicht in der Leutestube, aber er war nun beileibe kein solcher Herr, daß er mit dem Stock über die Felder wandeln und nur der Donner seines Herrn sein durfte, Strehlin hatte feste mit anzupacken, dazu war er das Sprachrohr und der Wille seines Herrn. Er wurde darum auch von Malte Gäntschow mit Sie angeredet, der doch all seine andern Leute nur du nannte. Strehlin war ein kleiner kompakter Mann, stets schwitzend, stets im Trab, stets heillos beschäftigt. Malte Gäntschow beobachtete ihn scharf aus dem Augenwinkel, er sah dem Hetzer zu.

Es war nun nicht mehr weit von Weihnachten, es lag Schnee, da sagte der Bauer eines Morgens bei der Mehlsuppe zu seinem Wirtschafter: Strehlin, wir bekommen bald Tauwetter. Sehen Sie zu, daß die Abzugsgräben zum Teich offen sind.

Jawohl, Herr Gäntschow, sagte der Wirtschafter und schoß von seiner Mehlsuppe auf den Hof. Der Bauer aber nahm seinen Stock und ging aufs Feld.

Es war am nächsten Abend, da traf der Bauer seinen Wirtschafter auf den Stufen vor dem Haus. Die Abzugsgräben sind nicht offen? fragte er.

Wird morgen früh sofort gemacht, sagte der Wirtschafter und schoß in den Pferdestall.

Es wird tauen, sagte am dritten Tage der Bauer mit Nachdruck, und ein aufmerksames Ohr hätte nicht nur Nachdruck, sondern auch ein aufziehendes Gewitter in diesen paar Worten gespürt.

Jawohl, die Abzugsgräben, bestätigte Strehlin. Sofort! Und er stürzte in die Scheune, aus der der Bauer zwei Minuten darauf das Schnupp-Schnupp der Häcksellade hörte. Der Bauer ging wieder ins Haus, auf den Dächern lag friedlich weißer Schnee, ziemlich dick.

Am nächsten Morgen kurz nach sieben scholl über den Hof ein gewaltiger Schrei. Der Bauer stand auf den Stufen vor seinem Haus, es regnete stark, der ganze Hof war eine gurgelnde, strömende Sintflut.

Strehlin!! hatte der Bauer gebrüllt.

Strehlin kam aus dem Schweinestall geschossen, eine Schaufel in der Hand. Er stand unten an den Stufen, sein Herr oben.

Die Abzugsgräben, jawohl, die Abzugsgräben, Herr Gäntschow, sagte er eilig. Ich habe schon die Schaufel in der Hand, jawohl, sofort!

Es sind fünf Stufen, aber der Bauer war mit einem Schritt unten. Die Gäntschows sind nie Schwächlinge gewesen, und mit einem Griff hob der Bauer den Wirtschafter von der Erde. Er trug ihn durch den Regen über den Hof zur Pumpe. Der geschäftige Strehlin aber war so erschrocken, daß er in den Bauernarmen ruhig wie ein Kind im Arme der Mutter lag.

Gäntschow hielt vor der Pumpe an. Mit einem steifen Arm hielt er den Wirtschafter unter die Pumpe, mit dem andern pumpte er …

Naß, sagte er nur dazu. Nasses Wasser, sagte er nur.

Das nasse Wasser war eiseskalt. Als der Mann bis auf die Haut naß war, nahm ihn der Bauer wieder auf den Arm. Er war immer noch so erschreckt, daß er kein Tönlein von sich gab. Der Bauer ging mit ihm ins Haus, über die Treppe auf den Boden, in die Kammer des Wirtschafters, er stellte ihn auf die Erde, er sagte bloß: Packen!

Der triefende Strehlin wollte etwas sagen.

Packen! wiederholte der Bauer mit Nachdruck und sah nach dem Fenster, als wollte er sehen, ob die Öffnung groß genug sei, einen dicken Mann hindurchzuschießen.

Der warf seine Sachen, am ganzen Leibe zitternd, kunterbunt in den Korb, der Bauer faßte den einen Henkel, der Wirtschafter den andern. Es ging schweigend die Treppe hinunter, schweigend über den Hof, schweigend den Zufahrtsweg entlang, sie standen auf der Suhler Landstraße, unter dem Schild mit den verbetenen Besuchen.

So! sagte der Bauer, drehte sich um, ging wieder auf den Hof, nahm die Schaufel, die an den Treppenstufen hingefallen war, und machte sich daran, nun selbst die Abzugsgräben zu öffnen.

Es war übrigens der 24. Dezember und übrigens strengte auch der Wirtschafter Strehlin noch eine Klage gegen den Bauern an. Er gewann, und außer Prozeßkosten, nachgezahltem Gehalt, Kostgeld, Arztkosten hatte der Bauer Malte Gäntschow noch drei Tage Haft wegen Ungebühr vor Gericht abzumachen. Weil er auf den Vorschlag des Richters zu schiedlich-friedlicher Einigung erklärt hatte, die einzige schiedlich-friedliche Einigung sei für ihn, dem Kläger Strehlin vor Gericht fünfundzwanzig mit einem nassen Handtuch auf den Hintern zu versetzen. Denn die Dummheit muß bestraft werden!

Das war also der Strehlin und die Abzugsgräben, die von ihm vernachlässigt wurden und nicht in den Stinkteich liefen, der aber damals noch kein Stinkteich war, es aber nun bald werden sollte. Denn dem Gäntschow, der, wie gesagt, gedruckte Bücher las, in denen dies und jenes aufgeschrieben ist, war ein Buch in die Hände gekommen über die Landwirtschaft in Japan.

Dieses Land nun ist dicht bevölkert. Der Boden muß zwei Ernten im Jahre bringen und die Viehhaltung ist gering. Um nun sein Land bei so übermäßiger Ausnützung genügend zu düngen, ist der Japaner gewaltig auf die menschlichen Auswurfstoffe erpicht. Es gibt Sonderschiffe, die die kostbare Ware von der Stadt aufs Land bringen. An der Straße stellt der Bauer Gefäße auf, errichtet kleine Hütten, von Tafeln gekrönt, die den Wanderer ermahnen, die gute Gottesgabe nicht lässig zu verstreuen, sondern dem Acker wiederzugeben, was der Acker spendete. Das so gewonnene Gut verwahrt der Landmann sorgsam dann in gemauerten Gruben. Fleißig gerührt, macht die Masse eine Gärung durch, um schließlich als geruchloser Dungstoff Mutter Erde neue Kraft zu spenden.

Eine verwandte Saite erklingt in Malte Gäntschows Brust. Waren ihm nicht von je die städtischen Entleerungshäuser ein Greuel und ein Unverstand? Dem Boden spenden, was des Bodens ist, da liegt es! Keine langen Quackeleien, keine Umwege! Und doch stehen auch auf seinem Hof – gegen sein Herz! – zwei solcher Tempel. Ihm waren sie von je ein Dorn im Auge, aber die Weiber meinten ja, ohne sie nicht leben zu können.

Da stehen sie, angeklebt an die Scheune, mit der Schmalseite dem Teich benachbart, und wir müssen uns einen Augenblick bei ihnen aufhalten. Recht tempelhaft führen drei breite gemauerte Feldsteinstufen zu ihnen empor, und die Türen sind mit einer scheußlichen braunroten Kalkfarbe getüncht. Das vorspringende Dach ist mit Teerpappe gedeckt.

Ehe wir die Tür öffnen, stellen wir fest, daß sie nicht festgefugt ist. Sie weist zentimeterbreite Spalten auf, aber diese Spalten sind nicht unzweckmäßig, wie wir gleich merken werden.

Wir öffnen die Tür und wir treten ein. Der enge, nicht unbehagliche Raum weist in seiner Ausstattung nichts Ungewöhnliches auf. Leuten mit scharfem Blick und raschem Verstand wird vielleicht die Kette mit dem Porzellangriff auffallen, die rechts vom Sitz niederbaumelt. Wasserspülung in einem Herzhäuschen auf einem Bauernhof? Sie ist eine Reliquie, diese Kette mit Griff, eine Erinnerung an jenen Tag, da der jetzige Bauer Käpten Düllmanns Tochter aus Dreege heiratete. Zu keinem Spülungskasten führte die Kette, nein, eine Platzpatrone war eingeklemmt oben an jenem Tag, und wer selbstvergessen zog, zog ein in alle Hofräume donnerndes Signal, daß die Gesichter gegen die Fensterscheiben fuhren: wer ist nun fertig und wieder reingefallen? Sie fielen alle immer wieder darauf rein, alle Hochzeitsgäste – und die Jungen sorgten ja auch fleißig dafür, daß immer wieder eine neue Patrone oben hineinkam.

Aber, wie schon gesagt, heute hängt die Kette leer, wer daran zieht, hört nur ein leichtes Klicks oben von der Spannfeder. Und es braucht auch keinen Donnernachweis mehr, damit der Bauer weiß, wer diesen verruchten Raum besucht. Der ist gut geweißt, und die unvermeidlichen Kalkspuren an den Kleidern sind wie eine notarielle Beurkundung über den Besuch, die nie dem scharfen Blick des Bauern entgeht.

Der eigentliche Thron mit der ungekünstelt einfachen Öffnung ist wie üblich. Wir möchten die Tür hinter uns schließen, bemerken aber, daß innen keine Befestigungsvorrichtung vorhanden ist. Wir lehnen die Tür an, aber ein Luftzug oder die schief stehenden Angeln öffnen sie wieder. In schon etwas ungeordneter Kleidung treten wir abermals auf die Schwelle, die Tür zu schließen, und stellen fest, daß gradeaus der Pferdeknecht, links die Frau am Fenster uns zusehen.

Wir ziehen die Tür heran. Dabei schwören wir uns zu, sie nicht wieder aus der Hand zu lassen, und wir verstehen nun die Zweckmäßigkeit der Spalten, durch deren eine wir die Fingerspitzen stecken, die wir an der Außenseite der Tür wie ein Verschlußsiegel an- und umlegen. Mit der zweiten, der freigebliebenen Hand nesteln wir an unsern Kleidern. Wir haben Geduld und wir werden das uns gesteckte Ziel schon erreichen.

Mittlerweile durchforschen unsere Augen eifrig durch die Risse den vor uns liegenden Hofraum, um etwaige Usurpatoren auf unsern Thron durch Räuspern, Gebrumm oder ein kurzes Besetzt rechtzeitig zu verjagen. Sind wir aber bei den Hofhunden, der Meute, beliebt, so haben wir noch eine andere Prüfung zu bestehen. Diese beschäftigungslosen Tiere juckt eine unermeßliche Neugierde nach jeder Art unsers Tun und Lassens. Schwänzelnd und freundlich nähern sie sich unsrer Behausung und kratzen emsig an der Tür. Rufe wie: Ist schon gut! Geh nur wieder! sind verfehlt, sie nehmen das für eine Aufforderung zum Nähertreten und bohren so lange mit spitzer Schnauze zwischen Tür und Pfosten, bis sie mindestens den Kopf bei dir drin haben. Von außen bietet dieser Anblick viel Erheiterndes, selbst für solche, die binnen jetzt und einer Stunde in der gleichen Lage sein werden.

Mittlerweile sind wir aber nun doch mit unserer Kleidung fertig geworden und lassen uns nieder. Ganz gelingt uns das freilich nicht. Die Verankerung unserer Hand im Türspalt, die Kürze unseres Armes zwingen uns zu einer halb schwebenden Haltung, die sich auf die Dauer in unsern Kniekehlen bemerkbar macht. Zugleich trifft uns ein kühler Luftzug von unten. Eine seltsame Laune – hier an diesem Ort ist schlechterdings an Zufälle nicht zu glauben – läßt die von uns besetzte Öffnung ähnlich wirken wie das Rund eines kräftig ziehenden Fabrikschornsteins. Im Sommer, bei milder Witterung, ist das noch erträglich, ja, vielleicht sogar erfrischend. Wenn aber der Boreas braust, wenn im Winter Schneestürme heulen, dann scheint ein wahrer Eisbärenwind diesen viel zuwenig abgehärteten Körperteil anzufauchen.

Völlig prekär wird aber die Lage erst nach Beendigung der Verrichtung. Der fauchende Luftstrom treibt das Papier, das die Hand versenken möchte, brausend hoch zur Decke des Gemachs. Der Rettung suchende Geist gerät darauf, daß es notwendig wäre, mit der einen Hand das Papier zu versenken, mit der andern durch rasche Deckelauflage den Luftzug zu hemmen. Aber ach! der Unglückliche hat nur zwei Hände, er brauchte deren mindestens vier! Eine für die Tür, eine für die Kleider, eine für den Deckel, eine fürs Papier! Sein gequälter Geist erwägt fieberhaft, welche Position er am ehesten preisgeben kann.

Und so verlassen wir ihn. Viel zu lange haben wir hier schon geweilt, aber jetzt verstehen wir das Kopfschütteln des Besitzers besser, daß trotz all dieser Erschwernisse der Weg über die Feldsteinstufen noch immer dem schönsten Aufenthalt im Korn- oder Kartoffelfeld vorgezogen wird.

Hinter der Scheune liegt der Komposthaufen. Bisher verwandelte sich hier der Inhalt der beiden Häuser in fruchttragende Erde. Nun hat das Buch über Japan eine Änderung herbeigeführt. Allwöchentlich einmal versenkt ein Bursche das Angefallene in den Teich. Nicht genug damit, verendete Schweine, krepierte Hühner, erschlagene Ratten wandern hinein. Der Teich schillert nun in Grün, Braun, Blau, Tiefschwarz. Eigentlich sind die Farben schön, aber wir haben keine Möglichkeit, sie recht zu betrachten, der Gestank des Stinkteichs vertreibt uns, er ist zu infernalisch. Er hüllt die beiden Häuslein ganz ein, ihr Besuch läßt nun endlich (wo es gar nicht mehr so nötig wäre) nach.

Nur der Bauer Gäntschow steht manchmal tiefsinnig am Teichrand. Er findet den Geruch nicht schlecht, aber er findet es nicht richtig, daß es riecht. Nach dem japanischen Buch müßte es längst gären und geruchlos werden. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Und der Bauer beschließt, ein Rührwerk in den Stinkteich einzubauen. Mit einem langen Baume werden Burschen auf einer Achse angeordnete Schaufeln umtreiben, die die träge Masse in ständiger Bewegung halten werden. Der Bauer lächelt, da er dies Zukunftsbild sieht. Hilft aber auch das Rührwerk nicht, so wird er den Stinkteich ausmauern, er gibt nicht nach. Schließlich gibt er doch nach, er stirbt nämlich darüber, ehe die Geruchlosigkeit erreicht ist.

Zwischen Stinkteich und Haus liegt der Garten. Er ist das einzige Stück Land auf dem großen Hof, das die Frauen unter ihrem Kommando haben. Der Hof ist hundertachtzig Morgen groß, das sind vierhundertfünfzigtausend Quadratmeter, der Garten ist sechshundert Quadratmeter groß. Diese Zahlen drücken ziemlich richtig die Wichtigkeit vom Bauern und seiner Frau aus.

Die Einteilung des Gartens liegt von alters her fest – wie er aber bestellt wird, das bleibt den einzelnen Frauen überlassen. Zu der Zeit, von der jetzt gesprochen wird, als des Johannes Gäntschow Mutter Bauersfrau auf dem Hofe war, Hedwig Gäntschow, geborene Düllmann, von den Düllmanns aus Dreege, da war der Garten, dessen Fläche durch zwei sich kreuzende Mittelwege in vier gleich große Stücke zerlegt war, zu einem Viertel mit Kartoffeln, zum zweiten Viertel mit Pferdebohnen bestellt. Das dritte Viertel ist zwiefach unterteilt, auf seiner einen Hälfte sind Erdbeeren gepflanzt, auf der andern stehen die gelben und roten Ruten der Himbeeren. Für den vierten Teil endlich scheint Arbeitskraft oder Zeit der Frauen nicht gereicht zu haben: er ist Wüste, blätterstilles Geheimnis, der Kern von Eden.

Alle diese vier Teile sind von längst nicht mehr verschnittenem Buchsbaum eingefaßt, dessen buschiges Gestrüpp mit seinen lederartigen, wie gelackten Blättern und seinen zähen Zweigen keinen Schaden leidet, wenn ein Fuß ungeschickt hineintritt oder sich ein Kind zum Spielen auf die Rabatte setzt. Der Buchsbaum steht wieder auf und hält Richtung.

Um den Garten herum aber läuft eine Schwarzdornhecke. Auch sie weiß schon lange nichts mehr von einer Gärtnerschere, sie ist weit über Mannshöhe gewachsen, eine wahre Wand, und ihre Zweige langen tief in den Garten.

In diesem Bauerngarten nun, der nicht mehr als dreißig Meter in der Länge und zwanzig in der Breite mißt, ist auch den Blumen eine Stätte bereitet, ohne damit den Nutzpflanzen ihren Raum zu nehmen. Inmitten des Längswegs liegt kurz vor seinem Ende ein kleines rundes Beet, wieder von Buchs gesäumt. Wie eine Insel liegt es in dem ruhigen Strom des Gartenganges und zwingt ihn, der sich rechts und links an ihm vorüberpreßt, zu solcher Verengerung, daß der Schuh des Vorbeigehenden mit dem Buchs kämpft und mit Tautropfen übersät wird.

Der bäuerliche Garten ist sechshundert Quadratmeter groß, das Blumenbeet darin aber zwei – diese Zahlen drücken ziemlich richtig aus, wieviel Raum für die nutzlos schönen Dinge auf einem Bauernhof übrigbleibt.

Dort aber nun, wo der Weg sein Ende erreicht, ist ein Ruheplatz bereitet mit einer kleinen Laube, die ganz von wildem Wein überzogen ist. Eine Bank aus Latten ist aufgestellt, und wer da sitzt, der hat grade vor sich das kleine Blumenbeet. Es wachsen keine Seltenheiten darauf: in der Mitte eine Rose, ein hartes Gewächs, das es nicht übelnimmt, wenn es nicht rechtzeitig gegen Frost verpackt wird. Und rundum, was eben von irgendwann ausdauerte, denn neu wird nichts gepflanzt: Iris, Brennende Liebe, Vergißmeinnicht und die großäugige Schwester des Gänseblümchens, das Tausendschönchen. Es macht nichts, wenn die Hände der Kinder die Blüten abbrechen, sie kommen im nächsten Jahre wieder.

Übrigens sitzt nie einer auf der Bank, sieht nie einer nach den Blumen, dafür ist nie Zeit.

Aber der Platz in dieser kleinen Laube ist noch viel heimlicher, als ihn Wein allein machen könnte. Nach hinten gegen das Feld zu deckt die Schwarzdornhecke, und rechts und links des heranführenden Wegs wächst hier an seinem Ende eine wahre Buschwildnis: Jasmin, Flieder, Hagebutten, Goldregen, Haseln und Schneebeeren. Sie wachsen auf jenem Beetabschnitt der Wüste, die blätterstilles Geheimnis, Kern von Eden genannt wurde. Sie verwehren jeden Einblick und sie sind im Vormarsch: ein kurzes Endchen begleiten sie schon den Buchsbaum des Erdbeerlandes.

Es ist heimlich hier auf dem Platz, der Seewind mag noch so sehr brausen, seine letzten Ausläufer tauchen unter in den Armen des Gebüschs. Geschmeidig geben die Äste nach und das Auge erfreut sich an dem raschen Wechsel von glänzendem und mattem Grün, je nachdem sich ihm die bewegte Ober- oder Unterseite der Fliederblätter darbietet. Nicht einmal der so nahe Giebel des Wohnhauses wird sichtbar, denn ich habe zu sagen vergessen, daß auch Bäume in diesem Gärtchen wachsen: Apfelbäume und Birnbäume und rechter Hand – du siehst sie von hier nicht – eine ganz frühe Sauerkirsche. Weiter stehen auf beiden Seiten der ewig knarrenden Lattentür zwei Pappeln, geköpfte, gestutzte Pappeln (denn ihre Zweige sind gut zum Anheizen des Backofens), die nachgewachsenen schwachen Zweige stehen in einem lächerlichen Mißverhältnis zu der Dicke der Stämme.

Auf einer von den beiden Pappeln liegt eine hölzerne Egge. Malte Gäntschow hat sie selbst hinaufgeschafft als eine Aufforderung an die Störche, dies als Nistgrund zu betrachten. Aber die Störche sind dieser Aufforderung nicht gefolgt. Dies erfolglose Hinauftragen einer Egge ist aber auch der einzige Eingriff des Bauern in den Garten. Die Kartoffeln, die Erdbeeren, die Pferdebohnen, sie sind ein Unternehmen seiner Frau Hedwig, geborenen Düllmann. Manchmal kam der Geist über die Frau – im Trubel von Haus-, Milch- und Geflügelwirtschaft erinnerte sie sich ihrer Gewächse, sie wollte ihnen einen Sondervorteil zuschanzen, mit dem Kindertöpfchen schoß sie zu den Erdbeeren, sie düngte eine Pflanze. Oder sie hackte und jätete einen Tag lang eifrig mit ihren Mädchen, es gab angebranntes Essen, mageres Essen, unpünktliches Essen. Dann vergaß sie wieder durch viele Wochen den Garten ganz, aus allem wurde so gut wie nichts.

Es war aber auch der reine Unverstand gewesen, unter den Bäumen solche Beete anzulegen, da konnte nie etwas werden. Das kam aber daher, daß die Frau keine richtige Bauerntochter war, wenn sie auch aus Dreege stammte, ihr Vater war ein Kapitän auf kleine Fahrt gewesen.

Nun wollte sie – aus purem Unverstand – mit dem Bauern konkurrieren. Sie hätte Schoten, Stangenbohnen, Schnittlauch, Porree, Kohl bauen sollen, das war ihr Gebiet. Aber nein, der Bauer baute Kartoffeln, so baute sie auch Kartoffeln.

Und ihre Kartoffeln wuchsen und wuchsen, die Blätter der Stauden waren blaugrün, ihre Stengel strotzten vor Saft. Der Sommer verging, der Herbst kam. Die Kartoffeln auf den Feldern waren längst abgewelkt und braun, sie hatten ihren Saft und ihre Kraft in die Knollen geschickt. Die Gartenkartoffeln, die Frauenkartoffeln – ihr Kraut lag triefend vor Nässe, tiefgrün, wie erschlagen auf dem Boden. Und als man sie schließlich aufnahm, was war die Ernte? Kartöffelchen wie Kirschkerne, wie Walnüsse, das war der Ertrag dieser Strotzenden. Sie hatten in ewigem Schatten gestanden, keine Sonne war zu ihnen gedrungen, sie hatten ihre ganze Kraft ans Blattwerk verschwendet, mit dem sie zum Licht hatten vordringen wollen. Es war ihnen nicht gelungen.

Und die Erdbeeren? Ja, auch sie litten unter zu vielem Schatten. Und dann war da diese Hecke, die der Herr nicht mehr beschneiden lassen wollte. Sie wuchs unmäßig wild und hoch, nach allen Seiten, in Himmel und Licht hinein. Aber da man sie so in den Himmel hineinwachsen ließ, hatte sie keine Kraft mehr, unten im Dunkeln, an der Erde Zweige zu treiben, sie wurde über dem Boden dünn und schütter. Und die Enten kamen gewatschelt und wanderten eine nach der andern durch die Heckenlöcher in den Garten. Sie fraßen wohl auch die Schnecken und das Gewürm, aber mit ihren breiten Schwimmfüßen stellten sie sich dabei auf die Erdbeerpflanzen, und da hielten sie glucksend und schwankend ihr Palaver.

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