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Wilhelm Dilthey

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Hans-Ulrich Lessing

Wilhelm Dilthey

Eine Einführung

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2011

Inhaltsverzeichnis

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Impressum

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Warum Dilthey?

1 Wilhelm Dilthey: Basisdaten zu Leben und Werk

2 Das Projekt einer philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften: die Einleitung in die Geisteswissenschaften

3 Philosophie des Lebens

4 Die Konzeption einer deskriptiven oder Strukturpsychologie

5 Hermeneutik

6 Die späte Philosophie der Geisteswissenschaften: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

7 Die Weltanschauungslehre

8 Stichworte zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte

Anhang

Kurzbiographie

Literaturverzeichnis

Personenregister

Backcover

Für meine Töchter Ann-Kathrin und Kirsten

Vorwort

Mit der vorliegenden Einführung in das umfangreiche philosophische Werk Wilhelm Diltheys, die als Resultat einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Dilthey und seinem Denken im Jahr seines 100. Todestages erscheint, verbinde ich die Absicht einer ebenso elementaren wie kompakten Präsentation seiner zentralen Theorien, Thesen und Begriffe, von denen man mit guten Gründen annehmen kann, dass sie, insbesondere auch für die zukünftige Auseinandersetzung um Wesen, Funktion und Methodologie der Geisteswissenschaften, von bleibender Bedeutung sein werden.

Im Zentrum der hier vorgelegten Darstellung von Diltheys Philosophie, die den gewagten Versuch unternimmt, auf knappem Raum die wesentlichen Inhalte seines aspektreichen philosophischen Denkens zu vergegenwärtigen, steht sein Lebensprojekt einer umfassenden (lebens-)philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, die Dilthey auch – im Anschluss an Kant – als die Aufgabe einer „Kritik der historischen Vernunft“ bezeichnet hat.

Das Buch bietet keine systematische Auseinandersetzung mit Diltheys Philosophie, keine Entwicklungsgeschichte und keine Systematisierung des diltheyschen Denkens, sondern den möglichst textnah angelegten Versuch einer konzentrierten Darlegung seiner philosophischen Grundgedanken und -motive unter Berücksichtigung der Hauptetappen seiner Theorieentwicklung, wobei Vereinfachungen nicht immer zu vermeiden waren.

Wegen des beschränkten Umfangs des Buches, bei dessen Ausarbeitung auf einige Vorarbeiten zurückgegriffen werden konnte, musste auf eine Vorstellung von Diltheys biographisch-geistesgeschichtlichen und philosophie- und literargeschichtlichen Arbeiten ebenso verzichtet werden wie auf eine eingehendere Beschäftigung mit seinen poetologischen,

[7] Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe

ethischen und pädagogischen Schriften. Aus demselben Grunde unterblieben Hinweise auf die Forschungsliteratur und eine kritische Diskussion abweichender Interpretationsansätze. Die Primärliteratur und wichtige Titel der deutschsprachigen Sekundärliteratur sind im Literaturverzeichnis zusammengestellt.

Zitiert wird aus Diltheys Gesammelten Schriften (GS) unter der bloßen Angabe der (römischen) Band- und der (arabischen) Seitenzahl, aus der Vorrede zur Einleitung in die Geisteswissenschaften mit kleingestellten römischen Seitenzahlen, aus dem ersten Band von Diltheys Briefwechsel, aus dem Jungen Dilthey und aus dem Briefwechsel Dilthey-Yorck unter den Siglen „BW I“, „J“ und „B“. Hervorhebungen im Text werden durch Kursivierung wiedergegeben.

Februar 2011

Hans-Ulrich Lessing

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Einleitung: Warum Dilthey?

Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) zählt – neben Friedrich Nietzsche und Edmund Husserl – zu den wichtigsten deutschsprachigen Philosophen der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Name ist eng mit den Geisteswissenschaften, der Hermeneutik und der Entwicklung einer nicht-naturalistischen, „verstehenden“ Psychologie verbunden. Seine entsprechenden Thesen und Theorien werden in den einschlägigen Debatten noch immer diskutiert, und sein Werk, das in einer umfangreichen Ausgabe vorliegt, hat mittlerweile eine kaum mehr zu überblickende Anzahl von Forschungsarbeiten veranlasst. Auf zahlreichen Kongressen und Kolloquien hat man sich mit seinen Gedanken auseinandergesetzt. Seine Texte wurden in fast alle Weltsprachen übersetzt; so gibt es inzwischen amerikanische, französische, russische, japanische und portugiesische Ausgaben seiner Werke sowie eine Fülle von Übersetzungen ins Italienische. Dilthey ist also – obwohl ein Autor, der im 19. Jahrhundert verwurzelt ist – ein Philosoph, dessen Werk noch lebendig ist, immer noch zu denken gibt und zu Interpretation, Auseinandersetzung und Fortführung herausfordert.

Dilthey vertritt eine historisch-hermeneutische Philosophie des Lebens, und die Grundbegriffe seiner Philosophie sind neben „Leben“, „Erleben“ und „Erlebnis“ vor allem „Verstehen“, „Struktur“, „Zusammenhang“; hinzukommen im Spätwerk die Begriffe „Ausdruck“, „Lebensbezug“, „Wirkungszusammenhang“ und „objektiver Geist“. Sein reiches Lebenswerk umfasst Bücher und Schriften zu fast allen Disziplinen der Philosophie, insbesondere zur Erkenntnistheorie und Logik, zur Ethik, Ästhetik, Psychologie, Pädagogik und Poetik sowie darüber hinaus zur Philosophie- und Geistesgeschichte und zur Literaturgeschichte.

Aus seinem Werk ragen drei Lebensprojekte heraus, die ihn über weite Strecken seiner wissenschaftlichen Biographie in Atem gehalten haben,

[9] Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe

ein biographisches, ein systematisch-philosophisches und ein geistesgeschichtliches.

Am Beginn von Diltheys Laufbahn steht, nach kirchen- und philosophiegeschichtlichen Forschungen, die Beschäftigung mit Leben und Werk des protestantischen Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, die in der großen Schleiermacher-Biographie Leben Schleiermachers kulminiert, deren erster (und einziger) Band 1870 erschien. Diese Lebensgeschichte, die zugleich eine sehr fundierte und fulminante Geistes- und Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland bietet, war angeregt durch die Beteiligung an der Edition des Schleiermacher-Briefwechsels, die Dilthey nach dem Tod des Herausgebers allein weiterführte. Aus der Einleitung zum ersten vom ihm edierten Band der Briefe, die Dilthey wegen des Einspruchs der Schleiermacher-Familie nicht publizieren durfte, erwuchs der Plan zu einer umfangreichen Biographie, die ihn – auch nach der Publikation des ersten Bandes – mit Unterbrechungen jahrzehntelang beschäftigte, ohne dass es ihm gelungen wäre, den immer wieder angekündigten zweiten Band fertigzustellen. Die umfangreichen Materialien zu diesem Band wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod aus dem Nachlass herausgegeben.

Das nächste große Projekt, das Dilthey fast sein ganzes wissenschaftliches Leben beschäftigen sollte – ebenfalls ohne zum Abschluss zu kommen –, war eine „Kritik der historischen Vernunft“, wie Dilthey in (kritischem) Bezug auf Kant sein Großprojekt einer umfassenden philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften gelegentlich auch nannte. Verwirklicht werden sollte dieses Unternehmen mit seinem auf zwei Bände angelegten philosophischen Hauptwerk, der Einleitung in die Geisteswissenschaften, dem – wie der Untertitel lautet – „Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte“. Der erste, vorbereitende Band der Einleitung wurde 1883 veröffentlicht. Obwohl Dilthey in den folgenden Jahren für den geplanten zweiten Band, der die eigentliche Grundlegung enthalten sollte, schon größere Partien in Aufsatzform publiziert und umfangreiche Manuskripte verfasst hatte, konnte der Band von ihm ebenso wenig abgeschlossen werden, wie der zweite Band der Schleiermacher-Biographie. Auch in diesem Fall wurden

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erst aus dem Nachlass wichtige systematische Teile der Grundlegung im Rahmen der Gesammelten Schriften (= GS) veröffentlicht.

Das dritte Großprojekt Diltheys sind seine Studien zur Geschichte des deutschen Geistes. Diesem Unternehmen, das auf einen frühen, nicht realisierten Buchplan zurückgeht, zu dem schon ein Verlagsvertrag abgeschlossen war, wandte sich Dilthey nach 1900 zu. Unmittelbarer Auslöser war wohl das zweihundertjährige Jubiläum der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, aus dessen Anlass Dilthey zwei große wissenschafts- bzw. akademiegeschichtliche Aufsätze publizierte. Diese Beschäftigung mit der Geschichte der Berliner Akademie wuchs sich in der Folge zu einem umfangreichen Projekt einer Geschichte des deutschen Geistes aus, die neben der wissenschaftlichen, philosophischen auch die literarische und musikalische Entwicklung in Deutschland umfassen sollte und für die in Diltheys zahlreichen literarhistorischen Abhandlungen schon viele Vorarbeiten bereitlagen. Doch trotz seiner immensen Produktivität – der entsprechende Nachlassteil umfasst mehrere tausend Manuskriptseiten – gelang es Dilthey auch in diesem Fall nicht, das Werk zum Abschluss zu bringen. Teile daraus wurden in den Bänden III und XII der GS sowie 1933 in einer Einzelpublikation veröffentlicht.

Neben diesen Großprojekten finden sich in Diltheys Werk weitere wichtige Veröffentlichungen, die eine intensivere Beschäftigung lohnen, wie z. B. seine Hegel-Biographie Die Jugendgeschichte Hegel von 1905 und vor allem die Sammlung seiner wichtigsten literargeschichtlichen Aufsätze Das Erlebnis und die Dichtung, die 1906 erschien. Außerdem sind Diltheys ausgedehnte geistes- bzw. philosophiegeschichtliche Studien, die seit Anfang der neunziger Jahre in dichter Folge erscheinen, seine Abhandlungen zur Poetik und Pädagogik, seine späten Arbeiten zu einer „Philosophie der Philosophie“, wie er seine Weltanschauungslehre auch genannt hat, sowie insbesondere die 1910 veröffentlichte Schrift Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, die sich an den ersten Band der Einleitung anschloss und Struktur und methodische Grundlagen der Geisteswissenschaften analysierte sowie das Problem der historischen Erkenntnis behandelte, von großer, dauerhafter Bedeutung. Aber auch im Fall des Aufbaus war es Dilthey nicht vergönnt, den angekündigten zweiten Teil dieser umfangreichen Abhandlung ab-

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zuschließen; er starb, bevor er diese Absicht konkret in Angriff nehmen konnte. Insofern lässt sich durchaus mit einem gewissen Recht davon sprechen, dass über Diltheys Lebenswerk, das trotz vieler bedeutender Schriften letztlich ein großes Fragment darstellt, eine gewisse Tragik liegt, was Dilthey wohl auch gesehen und worunter er gelitten hat, wie gelegentliche Hinweise in seinen späten Texten belegen.

Während wichtige Teile seines Werkes insofern noch lebendig und „aktuell“ sind, als sie noch immer in den einschlägigen Debatten als Referenztexte dienen, auf die man sich affirmativ oder kritisch beruft, erscheint uns die Person Dilthey doch merkwürdig fremd und als eine Gestalt, die uns heute fern gerückt ist.

Diltheys Lebensspanne reicht vom Biedermeier bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs; als er geboren wurde, war Hegel zwei Jahre tot und Goethe gut anderthalb Jahre. In seine Lebenszeit fallen viele bedeutende, wenn nicht gar revolutionäre Entwicklungen in politischer, wirtschaftlicher, naturwissenschaftlich-technischer wie kultureller Hinsicht: die Märzrevolution von 1848, der preußisch-österreichisch-dänische Krieg von 1864, der preußisch-österreichische Krieg von 1866, der deutsch-französische Krieg von 1870/71, die Reichsgründung von 1871, der Wilhelminismus, die Gründerzeit, der rasante Aufstieg der Naturwissenschaften, der eine Fülle von Entdeckungen und technischen Entwicklungen mit sich brachte, sowie die Stilwechsel in Kunst und Literatur von der Spätromantik des Biedermeier über den Realismus zum Naturalismus und Impressionismus.

Wie kein zweiter repräsentiert Dilthey in seiner Biographie den Typus des deutschen Professors des 19. Jahrhunderts, der inzwischen nur noch eine historische Figur ist: fast sein ganzes Leben war der Forschung und Lehre sowie dem Austausch mit befreundeten Philosophen und Wissenschaftlern gewidmet. Nahezu alles wurde seinem rastlosen Arbeiten untergeordnet. Urlaube wurden zur Arbeit an begonnenen Forschungsvorhaben genutzt; seine Briefe, selbst an die Familie und die Braut, dienen fast immer auch dem Bericht über gerade anstehende Arbeiten oder dem Ausblick auf neue Projekte. Diese fast als eine Bessenheit zu bezeichnende Erfülltheit von seinen Forschungen und seine umfassende geisteswissenschaftliche Bildung werden treffend illustriert durch eine

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köstliche briefliche Schilderung, die der junge William James in einem Brief vom 17. Oktober 1867 an seine Schwester von einer Begegnung mit Dilthey anlässlich eines Mittagessens bei dem mit Dilthey eng befreundeten Kunst- und Literarhistoriker Herman Grimm gibt und die Herman Nohl in einem Handbuchartikel über Dilthey wiedergegeben hat: „Ein weicher dicker Mann mit schwarzem Haar […] von ungewissem Alter zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren, mit sehr kleinen grünen Augen. Er trug den obligaten Frack, hatte aber an exceedingly grimy shirt and collar and a rusty old rag of a cravat. Der Professor floß über von Informationen über alles Erkennbare und Unerkennbare. He is the first man I have ever met of a class of men, to whom learning has become as natural as breathing. Er sprach und lachte unaufhörlich bei Tisch, berichtete Frau Grimm die ganze Geschichte des Buddhismus, und ich weiß nicht, was von andren Punkten der Religionsgeschichte. Nach Tisch gerieten Grimm und der Professor in eine heiße Kontroverse über die primitive Form der Naturreligion. Ich bemerkte, daß die Antworten des Professors ziemlich müde wurden, als plötzlich sein dicker Kopf nach vorn fiel. Grimm rief, er solle lieber einen ordentlichen Schlaf im Sessel nehmen. Er stimmte eifrig zu. Grimm gab ihm ein reines Taschentuch, das er über sein Gesicht warf und augenblicklich einzuschlafen schien. Nach zehn Minuten weckte ihn Grimm mit einer Tasse Kaffee. Er erhob sich, erfrischt wie ein Riese, und fuhr fort, mit Grimm zu streiten über die Identität von Homer.“ (The Letters of William James. Edited by his son H. James. Vol. I. Boston 1920, 109 – 111; H. Nohl: Wilhelm Dilthey (1957), in: Ders.: Die Deutsche Bewegung. Vorlesungen und Aufsätze 1770 – 1830. Herausgegeben von O. F. Bollnow und F. Rodi. Göttingen 1970, 304.)

In stiller Arbeit entstand im Laufe der Jahre nicht nur ein höchst umfangreiches publiziertes Werk, das heute in der Ausgabe seiner Gesammelten Schriften greifbar ist, die 1914, kurz nach seinem Tod, vom Kreis seiner engeren Schüler begonnen wurde und 2006 nach der Edition von sechsundzwanzig, z. T. sehr umfangreichen Bänden zum Abschluss kam. Er füllte darüber hinaus in jahrzehntelanger harter, disziplinierter Arbeit mit seinen Manuskripten, Skizzen, Entwürfen, Plänen und Projektdispositionen seine Manuskriptschränke. Sein handschriftlicher Nachlass, dessen umfangreichster Teil im Archiv der Berlin-Brandenburgischen

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Akademie der Wissenschaften (Berlin) aufbewahrt wird – ein kleinerer Nachlassteil befindet sich in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen –, umfasst mehrere zehntausend Seiten, von denen nur ein Teil in den Nachlassbänden der GS veröffentlicht werden konnte.

Gute Gründe für eine intensivere Beschäftigung mit dem philosophischen Werk Diltheys wurden oben schon genannt: er ist eine bedeutende, philosophiehistorisch wichtige Gestalt der deutschen Philosophie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und hat eine große Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, zu der so wegweisende Philosophen wie u. a. Martin Heidegger, Georg Misch, Helmuth Plessner, Erich Rothacker, Otto Friedrich Bollnow und Hans-Georg Gadamer gehören, die in unterschiedlicher Weise durch sein Werk zu Kritik und Auseinandersetzung oder zur (kritischen) Weiterführung seiner Denkmotive angeregt wurden.

Diltheys bedeutendste Leistung liegt zweifellos in seiner Philosophie der Geisteswissenschaften: Er hat als einer der ersten versucht, die Geisteswissenschaften als eine von den Naturwissenschaften unabhängige Gruppe von Wissenschaften philosophisch zu begründen und dabei entscheidende Einsichten in das Wesen geisteswissenschaftlicher Erfahrung und die Struktur der Geisteswissenschaften gewonnen.

Sein Ziel war es, ein „allgemeingültiges Wissen der geschichtlichen Welt“ (VII, 152) zu begründen bzw. die Bedingungen der Allgemeingültigkeit des geschichtlichen und kulturellen Verstehens zu erforschen. Die Geisteswissenschaften begreift Dilthey daher zunächst als Wissenschaften, die – wie die Naturwissenschaften – die allgemein anerkannten Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllen, wie z. B. die Forderungen nach Allgemeingültigkeit und Objektivität. Während Dilthey somit einerseits den Wissenschaftscharakter dieser Gruppe der Wissenschaften der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit betont, hebt er aber auf der anderen Seite zugleich hervor, dass sie in erkenntnistheoretischer und in der Folge davon auch in methodischer Hinsicht von den Naturwissenschaften unterschieden sind.

Der Grund dafür liegt in der unaufhebbaren (ontologischen) Differenz von Natur und menschlicher Kultur sowie dem je verschiedenen (methodischen) Verhältnis, das wir als Forschungssubjekte zu diesen

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beiden Bereichen der Wirklichkeit einnehmen. Die Natur, als ein Zusammenhang kausal bestimmter Prozesse, ist für uns – so Dilthey – eine „fremde Welt“, die für uns „stumm“ ist. Die kulturelle, geistige Welt dagegen, an der wir partizipieren, ist „unsere Welt“, sie spricht uns an, wir verstehen sie, sie ist für uns bedeutsam und sinnhaft. Der Natur können wir uns gleichsam nur „von außen“ nähern, die Kultur dagegen, die als menschliches Erzeugnis zugleich den Menschen formt – der Philosoph und Kulturanthropologe Michael Landmann wird für dieses Wechselverhältnis die prägnante Formel vom Menschen als „Schöpfer und Geschöpf der Kultur“ finden –, ist uns „von innen“ bekannt, vertraut und daher verständlich. Wir – und hier wird deutlich, dass Dilthey das so genannte „Vico-Axiom“ (F. Fellmann) paraphrasiert, wonach der Mensch nur das verstehen kann, was er selbst hervorgebracht hat – verstehen die kulturelle Welt, die „unsere Welt“ ist, weil wir sie (mit)hervorgebracht haben. Wir sind als Elemente dieser kulturellen Welt verwoben in die mannigfaltigen und komplexen Geflechte oder Netzwerke gesellschaftlich-geschichtlicher Wirklichkeiten, wie Sprache, Traditionen, Religion etc., die uns umgeben und prägen, an denen wir mitgestalten und weiterarbeiten und die für uns deshalb verständlich sind.

Außerdem ist Dilthey wichtig, weil er einer der Hauptbeteiligten der sogenannten „Verstehen-Erklären-Debatte“ ist, zu den Klassikern der Hermeneutik zählt und mit seiner Philosophie der Geisteswissenschaften den Versuch einer hermeneutischen Grundlegung der Geisteswissenschaften unternommen hat, die nicht nur einen wesentlicher Beitrag zur Philosophie der Geisteswissenschaften geliefert, sondern auch bedeutende Anstöße zur Begründung einer „hermeneutischen Philosophie“ gegeben hat. Dilthey hat das für die Geisteswissenschaften konstitutive Grundverhältnis von Leben, Ausdruck und Verstehen herausgearbeitet und den von Hegel übernommenen, aber von ihm anders gefassten Begriff des „objektiven Geistes“ in die Theorie der Geisteswissenschaften und damit auch in die Hermeneutik eingeführt und mit seiner Analyse der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit außerdem auch einen beachtlichen Beitrag zur Kulturphilosophie geleistet.

Weiterhin ist Diltheys Konzeption einer nicht-naturwissenschaftlich ausgerichteten, beschreibenden und zergliedernden, d. h. „verstehenden“

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Psychologie von außerordentlicher Bedeutung, da er mit dieser eine Konzeption entwickelt hat, die aktuell wieder viel Resonanz erfährt und in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Lage von besonderer Virulenz ist.

Einige weitere gute Gründe, warum sich eine intensive Beschäftigung (und Auseinandersetzung) mit ihm lohnt, lassen sich noch darüber hinaus anführen: weil er als Alternative zur Bewusstseinsphilosophie der Neuzeit (Locke, Hume und Kant) eine auf die Totalität der menschlichen Natur begründete „Philosophie des Lebens“ entwickelt hat und in seinen anthropologischen Überlegungen den Menschen als ein geschichtliches und gesellschaftliches Wesen herausgestellt hat; weil er durch seine literarhistorischen Aufsätze schulbildend geworden ist; weil er mit seinen biographischen Werken über Schleiermacher und Hegel glänzende Beispiele geistesgeschichtlicher Forschung geliefert hat; weil er nicht nur die geisteswissenschaftliche oder verstehende Psychologie, sondern auch die geisteswissenschaftliche Pädagogik inspiriert hat und weil er mit seiner Weltanschauungslehre wichtige Einsichten in den Lebensbezug der Philosophie vermittelt hat.

Schließlich ist Dilthey gerade in unserer heutigen Situation von unverminderter Aktualität, weil er zu einer Zeit, in der der Materialismus von Ernst Haeckel, Ludwig Büchner etc., der Positivismus und Empirismus von Auguste Comte, John Stuart Mill und Henry Thomas Buckle sowie die exakten Naturwissenschaften mit ihren Methodenkonzeptionen den Eigensinn der geistigen Welt – wie er sagte – „verstümmeln“ wollten, die Autonomie dieser geistigen Welt und die ihrer Wissenschaften zu retten versuchte. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Situation, die derjenigen Diltheys gegen Ende des 19. Jahrhunderts verblüffend ähnlich ist: zahlreiche naturalistische Positionen, angefangen von der Hirnforschung über Repräsentanten der analytischen Philosophie bis zu Anhängern eines Neo-Materialismus, stellen mit großer Resonanz in den Medien die Annahme der menschlichen Willensfreiheit und damit die Souveränität der Person sowie die These einer Unabhängigkeit des Geistigen von Naturprozessen und folglich die der kulturellen Wirklichkeit radikal infrage. Diltheys Argumente gegen eine solche, heute im Trend liegende naturalistische Vereinnahmung bzw. Negation der geistig-kulturellen Wirklichkeit und sein Versuch der Begründung der

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Geisteswissenschaften als eigenständiger, von den Naturwissenschaften unabhängiger Wissenschaftsgruppe können auch heute noch wichtige Impulse geben in einer Debatte, in der es um nicht mehr und nicht weniger geht, als um die uns alle betreffende zentrale Frage nach unserem Begriff des Menschen selbst.

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1 Kapitelzahl-Abstand.pngWilhelm Dilthey: Basisdaten zu Leben und Werk

Diltheys Leben verlief – von außen betrachtet – unspektakulär. Seine Lebensgeschichte entspricht auf geradezu frappierende Weise der typischen Biographie eines deutschen Professors der Geisteswissenschaften oder der Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Wie viele andere bedeutende Gestalten der deutschen Geistesgeschichte entstammt auch Dilthey einem protestantischen Pfarrhaus. Sein Großvater war Pfarrer, seine Großmutter Pfarrerstochter, und Diltheys Vater, Maximilian Dilthey (1804 – 1867), war reformierter Pfarrer, Kirchenrat, Dekan und nassauischer Oberhofprediger. Diltheys Mutter, Maria Laura Dilthey (1810 – 1887), kam aus einem künstlerischen Haus und war Tochter des herzoglichen Hofkapellmeisters Johann Peter Heuschkel. Dilthey hatte drei Geschwister: seine Schwester Marie (1836 – 1891) lebte nach kurzer Ehe wieder im Hause ihrer Eltern, sein Bruder Karl (1839 – 1907) war Professor der Archäologie und klassischen Philologie in Zürich und Göttingen, und seine Schwester Lily (1846 – 1920) war verheiratet mit Diltheys Freund, dem Bonner klassischen Philologen Hermann Usener (1834 – 1905).

Wilhelm (Christian Ludwig) Dilthey wurde am 19. November 1833 in Mosbach-Biebrich am Rhein bei Wiesbaden im damaligen Herzogtum Nassau geboren. Dilthey besuchte ein Gymnasium in Wiesbaden und bestand 1852 die Reifeprüfung. Im Sommersemester 1852 begann er – dem Wunsch seines Vaters und der Familientradition folgend – ein Studium der Theologie an der Universität Heidelberg in der Absicht, ebenfalls den Beruf des Pfarrers zu ergreifen. Doch schon bald, das zeigen seine frühen Briefe, geht er auch philosophischen Interessen nach und hört bei dem später sehr bekannt gewordenen hegelianischen Philosophiehistoriker Kuno Fischer (1824 – 1907).

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Nach drei Semestern in Heidelberg wechselt Dilthey zum Wintersemester 1853/54 an die Berliner Universität, wo er neben seinen theologischen Studien bei Karl Immanuel Nitzsch (1787 – 1868) und August Detlev Christian Twesten (1789 – 1876) u. a. auch Lehrveranstaltungen bei dem bekannten Philosophen Friedrich Adolf Trendelenburg (1802 – 1872), der Aristoteliker und entschiedener Hegel-Gegner war, dem Philologen August Boeckh (1785 – 1867) und dem Historiker Leopold von Ranke (1795 – 1886) besucht und die schon in Heidelberg vorgezeichnete Wendung zur Philosophie und Geistesgeschichte schon bald endgültig vollzieht.

In Berlin erhält Dilthey die entscheidenden Anregungen, die die Ausrichtung und Entwicklung seines Lebenswerks bestimmen sollten. Es gibt ein sehr schönes, ebenso autobiographisch wie wissenschaftsgeschichtlich aufschlussreiches Textstück, in dem Dilthey die geistesgeschichtliche Konstellation anschaulich schildert, die in der zweiten Hälfte der fünfziger und beginnenden sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts an der Berliner Universität herrschte. Dieser Passus findet sich in dem Nachruf auf seinen Freund Wilhelm Scherer (1841 – 1886), einen seinerzeit bekannten positivistischen Literaturhistoriker und -wissenschaftler. Sehr lebendig und eindringlich beschreibt Dilthey in diesem Text, in dem er auch die ihn prägenden Lehrer und Anreger nennt, die Situation, in der er sich und mit ihm viele andere Vertreter seiner Generation während ihres Studium befanden und die durch das Spannungsverhältnis zwischen der in Berlin traditionsreichen historischen Schule, dem neu aus Frankreich und England kommenden Positivismus und Empirismus sowie den rasch expandierenden Naturwissenschaften charakterisiert war: „An der Berliner Universität überwogen damals noch von ihrer Gründung her die Geisteswissenschaften. Auf Wilhelm von Humboldt, Fr. A. Wolf, Schleiermacher, Hegel, Savigny als ihre nächsten Vorfahren blickten die Gelehrten zurück. Berlin war noch der Sitz der historischen Schule. Die am meisten hinreißenden Vorlesungen waren die von Ritter und Ranke, in denen der universale erdumspannde Geist empirisch-historischer Betrachtung, wie er von den Humboldts zuerst vertreten worden war, am reinsten sich ausdrückte. Indem Trendelenburg durch die Erkenntnis und die Verteidigung des Aristoteles die Kontinuität der

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philosophischen Entwicklung aufzuzeigen und zu wahren strebte, erschien seine Richtung mit der historischen Schule einstimmig. Berlin war aber auch zweifellos der Mittelpunkt der germanistischen Studien, denen sich Scherer gewidmet hatte. Hier lebte und arbeitete noch Jacob Grimm, zuweilen sah man wohl die schlichte unbeschreiblich imponierende Gestalt durch den Tiergarten schreiten oder vernahm ihn in der Akademie, niemand kann den Eindruck vergessen, der ihn dort über den Bruder sprechen hörte. […] Aber die Jüngeren, die sich zu Berlin in den sechziger Jahren zusammenfanden und sich da ganz anders, als es heute in der Reichshauptstadt möglich wäre, aneinanderschlossen, hatten nun auch ihr eigenes Leben. Ein so spröder und stolzer Zug durch das gelehrte Wirken von Trendelenburg, Müllenhoff, Droysen hindurchging: sie haben doch ihre Schüler niemals einengen wollen. Unter diesen herrschte der Geist einer veränderten Zeit. Die Erfahrungsphilosophie, wie sie Engländer und Franzosen ausgebildet haben, wurde ihnen durch Mill, Comte und Buckle nahe gebracht, und von ihr aus formten sich ihre Überzeugungen. Die aufstrebenden Naturwissenschaften forderten eine Auseinandersetzung mit denselben, wollte man zu festen Ansichten gelangen.“ (XI, 242f.)

Doch wurde – wie Dilthey zu verstehen gibt – seine anfängliche Aufgeschlossenheit oder gar Begeisterung für die moderne positivistisch-empiristische Erfahrungsphilosophie wieder relativiert oder zurückgenommen, denn die Beschäftigung mit der Romantik „regte freiere und der deutschen Wissenschaft gemäßere Betrachtungen über den Zusammenhang der Geschichte an, als Mill, Buckle und Comte gegeben hatten. Eine an Carlyle, Emerson, Ranke erzogene Vertiefung in große Persönlichkeiten lehrte ihre Rolle in der Geschichte anders beurteilen, als jene englischen und französischen Schriftsteller es getan haben.“ (XI, 243; vgl. auch V, 4)

Auf Drängen seines Vaters legt Dilthey im Oktober 1855 sein theologisches Examen in Wiesbaden und im folgenden Jahr in Berlin sein philologisches Examen ab. Es folgt eine mehrjährige Lehrtätigkeit an Berliner Gymnasien, während der er aber seine wissenschaftlichen Projekte weiterbetreibt, die er schon in der Spätphase seines Theologie-Studiums mit der Absicht verfolgt hatte, eine Universitätslaufbahn einzuschlagen. Dilthey beschäftigt sich in diesen Jahren mit dem Plan, „Kirchen- u.

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Dogmengeschichte zum Studium der Geschichte der christlichen Weltanschauung im Abendlande zu verknüpfen“. (BW I, 548) Insbesondere widmet er sich den frühchristlichen theologisch-philosophischen Systemen und der Gnosis, und er will aus diesem Forschungsfeld ein Dissertations-Thema wählen.

Im Jahr 1859 beteiligt sich Dilthey, der sich schon seit einiger Zeit mit Schleiermacher und dessen wissenschaftlichen Nachlass beschäftigt hatte, an einer Preisaufgabe der Schleiermacher-Stiftung und gewinnt im Februar 1860 mit seiner großen Abhandlung Das eigentümliche Verdienst der Schleiermacherschen Hermeneutik ist durch Vergleichung mit älteren Bearbeitungen dieser Wissenschaft, namentlich von Ernesti und Keil, ins Licht zu setzen „den doppelten Preis“. (BW I, 549) Dieser bedeutende Beitrag zur Erforschung der Geschichte der Hermeneutik wird von Dilthey, obwohl er dazu gedrängt wird, nicht publiziert, sondern erst 1966 von M. Redeker aus dem Nachlass veröffentlicht, und zwar im Kontext des von Dilthey nicht vollendeten zweiten Bandes seiner monumentalen Schleiermacher-Biographie. (XIV, 595 – 787).

Das Preisgeld gibt Dilthey, der kurz zuvor seine Schultätigkeit aufgegeben hat, da sich seine wissenschaftlichen Ambitionen mit dem Schuldienst nicht vereinbaren lassen, die Möglichkeit, sich nun ganz auf seine Arbeiten, Projekte und Pläne zu konzentrieren. Er lebt nun mehrere Jahre als Privatgelehrter und freier Publizist in Berlin und veröffentlicht in dieser Zeit eine Fülle von Aufsätzen und Rezensionen, die zumeist anonym oder pseudonym erscheinen.

Seit 1857 publiziert Dilthey wissenschaftliche Arbeiten und engagiert sich bei der Edition von Schleiermachers Briefwechsel. Nach dem Tode des Herausgebers Ludwig Jonas übernimmt Dilthey die Herausgabe der Bände drei (1861) und vier (1864) der Ausgabe Aus Schleiermacher‘s Leben. In Briefen.

Zu Beginn des Jahres 1860 wendet sich Dilthey von der Beschäftigung mit den Kirchenvätern und den gnostisch-neuplatonischen Systembildungen ab und der ersten Periode der Scholastik zu. (Vgl. BW I, 133, 139) Sein Ziel ist es nun, ein Buch über den Ursprung der mittelalterlichen Philosophie zu schreiben. (Vgl. BW I, 152, 256) Aber auch dieser Plan lässt sich ebenso wenig realisieren wie der frühere. Aus der Einleitung zum

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dritten Band der Schleiermacher-Edition, die er auf Druck der Erben Schleiermachers seinem Band nicht voranstellen kann, erwächst ihm der Plan zu einer umfangreichen Biographie Schleiermachers. (Vgl. BW I, 163) Eine schwere Augenerkrankung zwingt Dilthey für mehrere Monate, auf das Schreiben und Lesen zu verzichten. Er entscheidet sich daher kurzfristig, bei seinem Lehrer Trendelenburg mit einer „sehr oberflächliche[n] Abhandlung über Schleiermachers Ethik“ (BW I, 550) zu promovieren. Am 16. Januar 1864 promoviert er mit der Schrift De principiis Schleiermacheri (nur teilweise auf Deutsch publiziert in: XIV, 339 – 357) und habilitierte sich wenige Monate später, am 17. Juni 1864, mit der Untersuchung Versuch einer Analyse des moralischen Bewußtseins (aus dem Nachlass veröffentlicht in: VI, 1 – 55) und beginnt zum Wintersemester 1864/65 als Privatdozent für Philosophie an der Berliner Universität mit seinen Vorlesungen.

Mit Moritz Lazarus (1824 – 1903), dem Begründer einer Völkerpsychologie, der seinem Berliner Freundeskreis angehörte, hatte Dilthey schon früh intensive Gespräche über wissenschaftsphilosophische Probleme geführt. Spätestens ab 1862 befasst er sich auch mit einer „Art Wissenschaftslehre“ (BW I, 262; vgl. 265), die aber, wie viele andere frühe (Buch-)Pläne, die u. a. die „sociale und moralische Natur des Menschen“ (BW I, 320f.) und das Studium des Menschen und der Geschichte (vgl. BW I, 350, 386) zum Thema haben, Fragment bleibt. Auch seine erste Vorlesung im Wintersemester 1864/65 gilt dieser wissenschaftstheoretischen Thematik. Für die Vorlesung lässt Dilthey einen Grundriß der Logik und des Systems der philosophischen Wissenschaften drucken (1865; XX, 19 – 32), den man als Keimzelle seines späteren Unternehmens einer Grundlegung der Geisteswissenschaften ansehen kann.

Schon 1867 wird Dilthey als ordentlicher Professor der Philosophie an die Universität Basel berufen und hält dort seine Antrittsvorlesung über Die dichterische und philosophische Bewegung in Deutschland 1770 – 1800 (aus dem Nachlass veröffentlich in: V, 12 – 27). In Basel arbeitet Dilthey vornehmlich an seiner Schleiermacher-Biographie, beginnt sich aber außerdem in die aktuelle physiologische und physikalische Forschung einzuarbeiten und richtet sein Interesse erstmals verstärkt auf Anthropologie und Psychologie. Dilthey bleibt nur für wenige Se-

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mester in Basel; schon 1869 wird er an die Universität Kiel berufen, an der er bis 1871 lehrt.

1870 veröffentlicht er den ersten Band seiner Schleiermacher-Biographie Leben Schleiermachers (um Partien aus dem Nachlass erweitert in GS XIII), an dessen zweitem Band er in den nächsten Jahren mit großer Intensität arbeitet, ohne ihn abschließen zu können. Immer wieder kündigt Dilthey seinem Verleger den baldigen Druckbeginn an (vgl. z. B. BW I, 802, 823, 830), kann aber sein sehr ehrgeiziges Projekt, das er schon früh als Belastung empfindet, nicht zum Abschluss bringen und bezeichnet schon vor Publikation des ersten Bandes sein Schleiermacher-Projekt, das ihn fast lebenslang begleiten sollte, als „Lebensplage“ (BW I, 510).

1871 wechselt Dilthey an die Universität Breslau, wo er bis 1882 lehrt. In seiner Breslauer Zeit, die zu den philosophisch fruchtbarsten Abschnitten seines Lebens gehört und für seine philosophische Entwicklung von kaum zu überschätzender Bedeutung ist, erarbeitet Dilthey wichtige erkenntnistheoretische und psychologische Konzeptionen und die Grundzüge seiner Philosophie der Geisteswissenschaften.

Nachdem Dilthey in den sechziger Jahren zahlreiche Rezensionen sowie populäre literaturgeschichtliche und biographischen Aufsätze, u. a. zu Schlosser, Schleiermacher, Schopenhauer, Novalis und Lessing veröffentlicht hatte, publiziert er während seiner Breslauer Jahre eine immense Anzahl von Rezensionen, Literaturbriefen, Berichten vom Kunsthandel und kleineren populären biographischen Skizzen und Aufsätzen (u. a. zu Voltaire, Richard Wagner, Balzac, Heinrich Heine, John Stuart Mill, Dickens, George Sand), die v. a. in der Publikumszeitschrift Westermann‘s Illustrirte Deutsche Monatshefte erscheinen und in den Bänden XV – XVII der GS dokumentiert sind. Außerdem veröffentlicht Dilthey 1875 nach einer Reihe von – nicht publizierten – Vorarbeiten mit der so genannten „Abhandlung von 1875“ Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat (V, 31 – 73) die wichtigste Vorstufe seines Hauptwerks Einleitung in die Geisteswissenschaften. Weiterhin veröffentlicht er 1877 unter dem Titel Über die Einbildungskraft der Dichter eine ausführliche Besprechung von Herman Grimms Goethe-Buch (XXV, 125 – 169). Dieser Aufsatz ist die erste Fassung von Diltheys berühmtem Goethe-Aufsatz, der später in

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seinen literargeschichtlichen Sammelband Das Erlebnis und die Dichtung (XXVI, 113 – 172) aufgenommen wird.

1874 heiratet Dilthey die Berliner Rechtsanwaltstochter Katharina Püttmann (1854 – 1932), mit der er drei Kinder hat (Max, Helene und Clara, die später den Philosophen und Dilthey-Schüler Georg Misch heiratet). In Breslau schließt Dilthey vermutlich im Herbst 1873 Freundschaft mit dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg (1835 – 1897), dem Enkel des berühmten preußischen Generals Ludwig Yorck von Wartenburg. Yorck, ausgebildeter Jurist und vielseitig interessierter Privatgelehrter, bewirtschaftet das Familiengut Klein Oels bei Breslau und wird – neben H. Usener – zum wichtigsten Freund und wissenschaftlich-philosophischen Gesprächspartner Diltheys, der mit ihm seine Veröffentlichungs- und Forschungsprojekte entweder bei seinen vielen Besuchen in Klein Oels oder brieflich erörtert. Der Briefwechsel zwischen Dilthey und dem Grafen (Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck v. Wartenburg 1877 – 1897) ist zweifellos eine der wichtigsten philosophischen Korrespondenzen in deutscher Sprache und für das Verständnis der philosophischen Konzeptionen des „mittleren Dilthey“ eine unverzichtbare Quelle.

Am 22.7.1882 wird Dilthey (zum 1.10.1882) als Nachfolger Rudolf Hermann Lotzes an die Berliner Universität berufen; die Übersiedlung nach Berlin erfolgt Michaelis (29.9.) 1882. Bei dieser Berufung spielt die noch in Arbeit befindliche Einleitung eine bedeutende Rolle. Zur Unterstützung seines Anspruchs auf die Berliner Professur hatte Dilthey Teile des im Druck befindlichen ersten Bandes des Werks an die für Berufungsangelegenheiten zuständigen Beamten im preußischen Kultusministerium, Richard Schöne und Friedrich Althoff, geschickt und Absicht und Anlage seines Buches in Begleitbriefen ausführlich erläutert. (Vgl. den Brief an R. Schoene [vor 6. Juli 1882], BW I, 885 – 888, und Aus Konzepten zum sogenannten „Althoff-Brief“ [Mitte 1882], XIX, 389 – 392)

Im Frühjahr 1883 erscheint der erste Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften im Leipziger Verlag Duncker & Humblot (GS I). Der Publikation war eine förmliche Zusage gegenüber dem Verleger der Schleiermacher-Biographie, Georg Ernst Reimer, vorausgegangen, wonach der eigentlich im Sommer 1882 beginnende Druck des zweiten

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Bandes vom Leben Schleiermachers, der für die Veröffentlichung des ersten Bandes der Einleitung zurückgestellt worden war, sofort nach der Publikation, d. h. vor der Veröffentlichung des zweiten Bandes der Einleitung, beginnen sollte. (Vgl. Diltheys Brief an G. E. Reimer vom 13.3.1882, BW I, 874)

Mit Beginn seiner Berliner Lehrtätigkeit stellt Dilthey seine außergewöhnlich umfangreiche Publikationstätigkeit für Westermanns Monatshefte ein und veröffentlicht nun fast nur noch wissenschaftlich-philosophische Schriften. Er entwickelt eine große Produktivität, und in schneller Folge treten nun viele wichtige systematische und historische Schriften Diltheys an die Öffentlichkeit, die zum erheblichen Teil dem historischen und systematischen Kontext des geplanten, aber nie fertig gestellten zweiten Bandes der Einleitung angehören.

1885 erscheint in erster Auflage als Grundlage für seine philosophiehistorischen Vorlesungen sein Biographisch-literarischer Grundriß der allgemeinen Geschichte der Philosophie (6. Aufl. 1905 in: GS XXIII, 1 – 160). 1887 wird Dilthey als ordentliches Mitglied in die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin) aufgenommen (vgl. die Antrittsrede, V, 10 – 11) und gibt vom selben Jahr ab in Gemeinschaft mit Hermann Diels, Benno Erdmann und Eduard Zeller das Archiv für Geschichte der Philosophie (ab 1895 umbenannt in Archiv für Philosophie) heraus. Ebenfalls 1887 erscheint in der Festschrift für Diltheys Berliner Kollegen Eduard Zeller mit der Abhandlung Das Schaffen des Dichters (unter dem Titel Die Einbildungskraft des Dichters in: VI, 103 – 241), sein bedeutendster Beitrag zur Poetik.

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