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1

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die an eine Abenteuerreise - oder genauer gesagt an einen Sonntagsbesuch bei den Großeltern, die zwei Dörfer weiter wohnten. Es war noch zu früh, um loszufahren, aber ich quengelte bereits. Schließlich wollte ich meinen Großeltern unbedingt mein Dreirad zeigen, dass ich zu meinem vierten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Meine Mutter, die ihre Haare voller Lockenwickler hatte und mit Tortenverzierungen beschäftigt war, schickte mich schon voraus.

»Aber nur bis zur Landstraße. Dort wartest du auf uns«, sagte sie und strich mir liebevoll über das Haar. Ihre nächste Berührung sollte eine Ohrfeige werden, die sich gewaschen hatte, aber das konnten weder sie noch ich voraussehen.

Also strampelte ich mit meinem Dreirad den Schotterweg entlang, der zur Landstraße führte. Dort hielt ich an und blieb eine Weile stehen. Natürlich besaß ich noch keine Uhr, deshalb wusste ich nicht, wie lange ich auf meine Eltern wartete. Leider war mir damals der Begriff Geduld ebenso fremd wie das Wort Gehorsam, und ich war im Umgang mit beidem noch unerfahren.

Es war nicht mein erster Sonntagsausflug zu Oma und Opa. Schon oft war die Wegstrecke an mir vorbeigezogen, als ich von meinem Platz durchs Autofenster blickte. Ich wusste also, dass ich mit meinem Dreirad nur nach links abbiegen musste und einige Kilometer der Landstraße zu folgen hatte, bis diese auf eine vielbefahrene Hauptstraße stieß. Diese müsste ich dann entlangradeln und mich dabei immer schön am rechten Straßenrand halten, damit ich nicht von einem der vielen Autos überfahren würde. Ich würde erst durch ein kleines Dorf kommen, dann durch einen größeren Ort. Anschließend ginge es einen Berg hinab, und schon hätte ich die Kleinstadt Seekirchen erreicht. Am Ortseingang lag das Haus meiner Großeltern.

Ich war zwar mit meinem Dreirad noch nie so weit gefahren, genau genommen besaß ich mein Gefährt erst seit wenigen Tagen, aber ich war mir sicher, dass ich das mit meinen kurzen Beinchen schaffen könnte. Ohne an die mahnenden Worte meiner Mutter zu denken, strampelte ich los und wagte mich zum ersten Mal aus meiner kindlichen Komfortzone.

Etwa drei Stunden später klingelte ich an der Tür meiner Großeltern. Wenn man von einer besorgten Dame an einer Bushaltestelle absieht, die mich kleinen Helden aufzuhalten versuchte, hatte ich mein Ziel ohne größere Zwischenfälle erreicht. Ich war mächtig stolz auf mich. Meine von meinem spurlosen Verschwinden bereits in Kenntnis gesetzte Großmutter brachte kein Wort hervor und drückte mich so fest an sich, dass ich - ohnehin außer Atem - kaum Luft bekam. Wenig später trafen meine eiligst verständigten Eltern ein. Sie schienen sich zu freuen, den jungen Abenteurer wiederzusehen, auch wenn meine Mutter diese Freude etwas eigenartig ausdrückte - nämlich in Gestalt der bereits erwähnten Ohrfeige.

Vierzig Jahre später hatte mir das Leben eine Menge Ohrfeigen verpasst, und das kindliche Selbstvertrauen war mir längst abhanden gekommen. Ängste und Sorgen begleiteten meinen Weg. Auf den Ratschlag meiner Mutter konnte ich nicht mehr hören. Sie war längst verstorben. Freiwillig aus dem Leben geschieden.

Vor vielen Jahren hatte ich mein im Winter viel zu kaltes Heimatland verlassen, um in ein Land zu ziehen, in dem es im Sommer viel zu heiß ist. Ich hatte verschiedenste Berufe ausgeübt, wirkliche Berufung oder gar Erfüllung hatte ich jedoch nicht erfahren. Ich hatte eine schöne Frau geheiratet und mich wieder scheiden lassen, weil diese schöne Frau einen anderen Mann gefunden hatte. Ich hatte über fünfzig Länder in sämtlichen Kontinenten bereist und dort unzählige Fotos geschossen, die ich mir hinterher nie wieder ansah, aber vor der Linse hatte ich kaum etwas wahrgenommen. Überhaupt befand ich mich gedanklich nur selten in der Gegenwart, sondern eher im Gestern, im Morgen, beim nächsten Termin, beim letzten Streit. Oder ich war in ein Selbstgespräch vertieft, in dem ich jemanden schonungslos meine Meinung sagte, was ich ganz sicher nicht tun würde, wenn diese Person mir tatsächlich gegenüber gestanden hätte.

Ich konnte sympathisch sein, wenn ich das wollte, doch das war immer seltener der Fall. Ich konnte humorvoll sein, dabei hatte ich selbst nichts zu lachen. Ich konnte selbstsicher auftreten und hegte zugleich Zweifel, ob mir das gelang. Ich hatte sogar Bewunderer, von denen manche so sein wollten wie ich. Ich hingegen wollte ein anderer sein, wollte erfolgreicher und vermögender oder schlanker und sportlicher oder weiser und gebildeter oder sorgenloser und glücklicher sein.

Am glücklichsten war ich in meinen Träumen. Im imaginären Entfliehen aus meinem Alltag und im Erschaffen neuer Realitäten. Ich träumte von weiteren Reisen in ferne Länder, gefährlichen Abenteuern, die nur echte Kerle bestanden, von Romanzen mit betörenden Frauen, einer athletischen Figur, finanzieller Freiheit, einer Villa in den Bergen und einer Yacht im Hafen. Manche Träume konnte ich mir erfüllen, doch nicht selten bemerkte ich hinterher, dass ich, wie schon so oft, den falschen Träumen nachgelaufen war und mich damit nur unnötig belastet hatte.

Zudem steuerte mein Leben gerade auf einen Abgrund zu - finanziell, emotional und sozial. Ich wusste nicht, wie ich das Steuer im letzten Moment herumreißen sollte, zum Bremsen war es längst zu spät, und ich hatte schreckliche Angst vor dem Absturz ins Nichts.

Immer wieder suchte ich nach Lösungen aus meinem Dilemma. Mich beschäftigten Fragen, deren Antwort man nicht im Internet finden konnte. Wie die Frage nach dem Glück. Wie erlangte man Glück? Wie erkannte man es? Wie hielt man es fest? Wie definierte man überhaupt Glück? Ich hatte mal gelesen, dass Glück der Wunsch nach Wiederholung sei. Aber stimmte das auch?

Ich ahnte, dass das Glück nicht einfach durch die Tür spaziert käme. Man musste es wohl zu sich nach Hause einladen. Doch sollte man nicht vorher aufräumen und saubermachen? Vielleicht indem man lernte, wie man besser mit Sorgen umging, gelassener, aufmerksamer, aufrichtiger und dankbarer wurde, wie man mit Schmerz und Enttäuschungen klarkam? Womöglich sollte man auch längst vergessene Zeitgenossen wie Freude, Begeisterung und Liebe zu sich nach Hause einladen, damit sich das Glück wohlfühlte?

Doch ich war nicht gut im Aufräumen. Dafür hatte ich eine Putzfrau. Ich wusste nicht, wie das Glück den Weg zu mir finden sollte, und das machte mich unglücklich.

Zwar grübelte ich in regelmäßigen Abständen über solche Fragen nach - aber nicht lange. Mails mussten beantwortet, Telefonate geführt, Termine wahrgenommen werden. Eine Menge Probleme warteten auf ihre Lösung. Keine Zeit für das Glück oder fürs Nachdenken über wirklich wichtige Dinge im Leben. Andere taten das doch auch nicht. Und geht man mit der Masse konform, muss man kein schlechtes Gewissen haben, dachte ich. Und woher sollte ich die notwendigen Erkenntnisse nehmen? Schließlich war ich kein Philosoph, erleuchteter Buddhist oder Hirnforscher.

Ich hatte das Selbstvertrauen eingebüßt, hatte vergessen, wie es sich vor über vierzig Jahren auf dem Dreirad angefühlt hatte. Verblasst war die Erinnerung an mein Hurrageschrei, als ein riesiger Lkw an mir vorbeidonnerte und der Luftsog mein Dreirad auf zwei Räder hob und beinahe in den Straßengraben befördert hätte, es aber doch nicht vermochte, weil ich mich für unbesiegbar hielt und mir wie ein Superheld vorkam, lange bevor ich mein erstes Comicheft lesen konnte.

2

Eines Tages traf ich mich mit einem Geschäftspartner. Der Mann kam gerade aus dem Urlaub und schien irgendwie verändert. Ruhiger und gelassener, anstatt wie bislang hektisch und nervös. Er sprach langsamer und hatte etwas an Gewicht verloren. Seine Hände lagen ruhig auf dem Tisch, wenn er etwas erklärte. Es gab ein Problem zu besprechen, aber das schien mein Gegenüber nicht besonders zu belasten. Es musste ein erholsamer Urlaub gewesen sein, dachte ich und fragte ihn, wo er gewesen sei. Ich tippte auf die Malediven.

»Ich bin einen Teil des Jakobswegs gegangen«, erzählte er. Donnerwetter. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. In der nächsten Stunde lauschte ich voller Interesse seinem Bericht.

»Eines Tages werde auch ich den Jakobsweg laufen«, verkündete ich meinem Geschäftspartner, als wir uns verabschiedeten. Aber selbst in meinen Ohren klang das wie eine Lüge. Seit ich in Spanien wohnte - und das waren zu dem Zeitpunkt schon zwanzig Jahre -, hatte ich davon geträumt. Eines Tages werde ich diesen Weg gehen, hatte ich mir alle Jahre wieder geschworen. Schließlich handelte es sich dabei um einen noch unerfüllten Traum auf meiner To-do-Liste. Inspiriert hatte mich Paolo Coelhos Buch Auf dem Jakobsweg. Es beeindruckte mich sehr, dass Pilger diesen Weg schon seit Hunderten von Jahren beschritten hatten. Doch ich war den Camino Francés noch immer nicht gegangen. Natürlich nicht. Wie denn auch? Ich hatte ja keine Zeit! Schließlich handelte es sich um keinen Sonntagsausflug, sondern um einen mindestens dreißig Tagesetappen langen Gewaltmarsch, Ruhetage sowie An- und Abreise nicht eingerechnet. Darauf, mir die Zeit einfach zu nehmen, war ich nicht gekommen. So war es bei dem Traum geblieben.

Aber das Gespräch mit meinem Geschäftspartner verfolgte mich den restlichen Tag und auch noch am nächsten Morgen. Ich sagte zu mir: Was bist du eigentlich für ein Idiot? Geh doch endlich deinen Weg, und zwar sofort! Doch mein innerer Dämon mischte sich ein: »Spinnst du? Gerade warst du einen ganzen Monat in Österreich auf Urlaub, du musst arbeiten, deine kleine Immobilienfirma vor dem Ruin bewahren, endlich deinen vierten Kriminalroman schreiben, du bist im Oktober auf zwei Hochzeiten eingeladen, und es stehen wichtige Geschäftstermine an. Außerdem hast du derzeit kaum Geld. Also vergiss es, und träum schön weiter.«

Allerdings ließ ich mich diesmal nicht so einfach abkanzeln und hielt dagegen: »Am vierten Roman kann ich hinterher immer noch schreiben - und er wird dadurch noch besser werden, weil ich neu gewonnene Erfahrungen einfließen lassen kann. Geld habe ich zwar nicht viel, aber eine Herberge kostet zwischen fünf und zehn Euro, und das werde ich einen Monat lang auch noch finanziert bekommen. Und was meine >wichtigen Termine< anbelangt, mein lieber Dämon - was bitteschön kann wichtiger sein als die Erfüllung eines jahrelangen Traums?«

So wurde in meinem Kopf eine Weile weiterdiskutiert, bis der skeptische Dämon schließlich das Handtuch warf. Damit war der Entschluss gefasst. Jetzt würde ich den Jakobsweg gehen. Nicht nächstes Jahr, nicht nächsten Monat, sondern jetzt sofort. Noch am selben Tag kaufte ich in einem Outdoor-Laden das Nötigste, am folgenden Tag verschob ich meine Termine und organisierte einen kompletten Monat um, und am Morgen danach fuhr ich von meinem Wohnort im Süden Spaniens tausend Kilometer bis zum Ausgangspunkt des französischen Jakobswegs.

In der überstürzten Planungsphase blieb zum Glück kaum Zeit, um über meinen aktuellen Fitnesszustand nachzudenken. Ich besuchte zwar mehr oder weniger regelmäßig ein Fitnessstudio und stemmte dort tonnenweise Eisen, aber alles, was mit Ausdauer zu tun hatte, mied ich ebenso wie das Treppensteigen in die dritte Etage. Nach zwanzig Minuten Laufband warf mich das fiese Gerät ab wie einen Rodeoreiter, nach einer halben Stunde Spinning übertönte mein hyperventilierendes Japsen die laute Musik, und nach einer Stunde Wandern ... Um ehrlich zu sein, hatte ich keine Erfahrungswerte, wie mein Hundertfünfzehn-Kilo-Körper auf eine Stunde Wandern reagierte, weil ich das schon seit ewigen Zeiten nicht mehr getan hatte.

In jener ersten schlaflosen Nacht im Stockbett einer Pilgerherberge im verschlafenen französischen Grenzort Saint-Jean-Pied-de-Port kamen mir daher berechtigte Zweifel am physischen Aspekt meines Vorhabens. Der lästernde Teil meines Egos hielt mir Vorträge, dass ich das niemals schaffen werde. Mein anderes Ich hielt dagegen, dass ich es mit dem nötigen Willen sehr wohl schaffen könnte. Zumal »learning by doing« eins meiner Grundprinzipien war. Auch in meine neue Aufgabe als Pilger versuchte ich langsam hineinzuwachsen, und nach einigen hundert Kilometern würde ich schon fit genug sein, dachte ich.

Leider machte mir die Topografie einen Strich durch die Rechnung, denn die erste Etappe des Jakobswegs war die schwierigste. Vor der Herbergstür ging es direkt hinein in die Pyrenäen, die ich bisher nur von Übertragungen der Tour de France kannte, die ich bequem von meinem Sofa aus verfolgte. Am Beginn stand also gleich die Königsetappe - und das auch noch ungedopt. Eine Tatsache, die mich in jener ersten Nacht, zusammen mit dem Schnarchen eines halben Dutzend Pilgerkumpanen, um den Schlaf brachte.

3

Saint-Jean-Pied-de-Port - Roncesvalles

Noch vor Tagesanbruch setzte ich meinen viel zu schweren Rucksack auf - und gleich wieder ab. Diesen Vorgang wiederholte ich viermal, weil ich erstens meine Jacke hervorkramen musste, zweitens die Wasserflasche anders positionierte, drittens den historischen Moment festhalten wollte und dafür mein Handy aus einer Seitentasche ziehen musste und viertens kontrollieren wollte, ob auch alle Fächer und Taschen ordentlich verschlossen waren, sodass bei meinem bevorstehenden Marsch über die Pyrenäen nichts herausfallen konnte. Diese Aktivität brachte mich so aus der Puste und ins Schwitzen, dass ich meinen Rucksack ein fünftes Mal abschnallte und die Windjacke wieder reinstopfte.

Während einer ersten Verschnaufpause hatte ich auch gleich meine erste Erscheinung auf dem Jakobsweg. Es war leider nicht die Jungfrau Maria, die mir zuflüsterte, ich müsse keine achthundert Kilometer laufen, damit sie mir alle meine Sünden vergebe - ein Vater Unser sei völlig ausreichend. Nein, es war eine Belgierin mit Kurven wie eine Pyrenäengebirgsstraße. Sie fragte mich, ob hier in der Nähe ein Obstladen offen hätte. Ich bezweifelte es und bot ihr Früchte aus meinem Rucksack-Megastore an. Diesbezüglich war ich bestens vorbereitet. Ich hatte Kiwis, Bananen, Äpfel, Birnen, Sandwiches und Müsliriegel dabei. Und zwei Liter Elektrolytgetränke. Mit reichlich Proviant versuchte ich meinen Fitnessmangel halbwegs wettzumachen. Das Problem dabei war nur, dass ich keinen Sherpa engagiert hatte und das zusätzliche Gewicht selbst tragen musste.

Die Belgierin lächelte mich an, sodass die Sonne eine Stunde vor der Zeit aufzugehen schien, lehnte jedoch dankend ab und machte sich in entgegengesetzter Richtung auf die Suche nach einem Obstladen. Ich fand das schade und wäre gerne ein Stück gemeinsam mit ihr gegangen, natürlich nur, um mich mit Small Talk etwas von der schier unlösbaren Aufgabe abzulenken, mich zu Fuß und mit diesem Bandscheiben-Massaker-Rucksack knapp achthundert Kilometer bis nach Santiago de Compostela zu schleppen.

Nach einem letzten Durchatmen ging es endlich los. Von nun an lautete meine Aufgabe, für mindestens einen Monat lang Pilger zu sein. Während meine Wanderstöcke über das Kopfsteinpflaster der Gassen von Saint-Jean-Pied-de-Port klackerten, rief ich mir in Erinnerung, was das Pilgersein für mich bedeutete. Ich sah den Camino Francés nicht als sportliche Herausforderung wie einen Marathonlauf, bei dem man sich in wenigen Stunden irgendwie ins Ziel retten musste, sondern als spirituellen Hindernislauf.

Ich wollte die langen Gehzeiten nutzen, um mich mit neuen Gedanken zu beschäftigen, für die ich im Alltag keine Zeit fand. Dabei erhoffte ich mir Erkenntnisse, die mir den Weg zu einer grundlegenden Veränderung meines Lebens weisen könnten - denn diese Veränderungen waren verdammt notwendig. Das war der eigentliche Grund, warum ich mich entschieden hatte, diesen Weg zu gehen.

Um mich dieser Chance nicht gleich vorab zu berauben, musste ich meinen Weg bewusst gehen. Keine Musik aus dem Kopfhörer oder sonstige Ablenkungen. Außerdem wollte ich vorwiegend allein wandern, denn belangloser Small Talk mit anderen Pilgern würde meinen Gedankenfluss unnötig stören, sagte ich mir. Im nächsten Moment fiel mir die Belgierin mit dem Engelsgesicht ein, die mir Apostel Jakob offensichtlich als Willkommensgeschenk unter die Pilgernase gerieben hatte. Natürlich hätte ich für sie eine Ausnahme von meiner Regel gemacht, schließlich würde während des kommenden Monats genügend Zeit zum Grübeln bleiben.

Außerdem galt es ein weiteres Detail zu beachten. Vor wenigen Wochen hatte ich in Salzburg an meinem fünfundvierzigsten Geburtstag vor zahlreichen Lesern, Freunden und Familienmitgliedern eine Buchpräsentation gehalten. Zum Ende der Lesung aus meinem letzten Krimi »Im Schatten der Alhambra« hatte ich einige emotionale Worte auf Russisch an meine Lebensgefährtin gerichtet, mit der ich die letzten fünf Jahre geteilt hatte. Nach der Rede steckte ich Tatiana einen Ring an den Finger. Dabei mussten wir beide weinen. Seitdem waren wir glücklich verlobt.

An sie dachte ich (und nicht an die Belgierin), als ich die Porte d'Espagne erreichte, einen Torbogen, der die inoffizielle Startlinie des französischen Jakobswegs markierte. Ich hatte Tatiana seit drei Wochen nicht gesehen, weil sie gerade in Russland weilte, um ihre Eltern zu besuchen. Sie fehlte mir sehr. Aber jetzt war der falsche Zeitpunkt für Sentimentalitäten. Jetzt galt es den Augenblick bewusst wahrzunehmen, in sich zu gehen, eins mit sich zu sein und auf Zeichen zu achten. Schließlich hatte ich mir das so vorgenommen. Ich schoss also ein Handyfoto und schritt andächtig durch die Porte d'Espagne.

Nach den ersten zehn Metern auf dem Jakobsweg hielt ich inne und lauschte in mein tiefstes Inneres. Was fühlte ich gerade? Und siehe da - meine erste Erkenntnis am Jakobsweg ließ nicht lange auf sich warten: Ich musste dringend zur Toilette.

Danach fand ich endlich meinen Rhythmus. Bei Tageslicht hatte die finstere Wand, als die sich die Pyrenäen noch vor Sonnenaufgang darstellten, etwas an Schrecken verloren. Über sanft ansteigende Feldwege ging es durch grüne Wiesen und herbstliche Wälder in die Berge. Nach wenigen Kilometern durfte ich einen fantastischen Ausblick zurück ins Tal genießen, in dem sich gerade die letzten Nebelschwaden auflösten. Schafherden säumten den Weg.

Aber die Schafe waren in der Minderzahl. Außer mir hatten an diesem sonnigen Herbsttag noch Dutzende andere die Idee, den Jakobsweg zu laufen. Sie kamen aus Frankreich, Spanien, Korea, Schweden, Deutschland, Brasilien, Ungarn und anderen Ländern. Wurde man überholt oder ging man an einem anderen Pilger vorbei, wünschte man sich »Buen Camino!«, einen guten Weg.

Ich fühlte mich als Teil einer Gemeinschaft, es ging mir gut, ich fühlte mich frei, unbeschwert, begeistert - und ich hatte ein Ziel vor Augen. Ich genoss dieses seltene Glücksgefühl, wohlwissend, dass es sich dabei um eine schöne Illusion handelte, die nur von kurzer Dauer wäre. Man müsste dieses Gefühl festhalten können, dachte ich mir. Die Frage, wie man das anstellen könnte, war es wert, den restlichen Tag darüber nachzudenken. Als ich von einer Gruppe laut quasselnder Amerikaner überholt wurde, ließ ich mich aus deren Frequenzbereich zurückfallen, um in Ruhe meinen Gedanken nachhängen zu können.

Ich fragte mich, wodurch diese positiven Emotionen in mir ausgelöst wurden. Gerade keuchte ich einen Berghang hoch, und meine Kleidung war so nass geschwitzt, als hätte es schon den ganzen Tag lang geregnet. Brauchte ich das fortan, um Glücksgefühle zu empfinden? Musste ich ab sofort täglich einen Berg erklimmen? Hoffentlich nicht, denn mein Rücken schmerzte, meine Knie taten weh, meine neuen Wanderschuhe drückten, dabei hatte ich nicht einmal die Hälfte der ersten Tagesetappe geschafft. Von geschätzten dreißig, wohlgemerkt.

Das konnte also kaum die Lösung sein, aber da ich mich aufgrund dieser Sorgen schon nicht mehr ganz so gut fühlte, gab ich mir die Antwort selbst: Ich hatte mich vorhin so wohlgefühlt, weil ich nicht daran dachte, was mir bereits alles wehtat, obwohl ich erst sieben Kilometer von insgesamt achthundert Kilometern gelaufen war. Damit hatte ich also nicht einmal ein Prozent des Jakobswegs hinter mich gebracht und war bereits an meine physischen Grenzen gestoßen.

Dennoch hatte ich mich an der tollen Herbstlandschaft erfreut, hatte bemerkt, dass ich mit wesentlich jüngeren Pilgern Schritt halten konnte, und für eine Weile meine Probleme vergessen. Denn eigentlich wog mein Rucksack insgesamt fünfzig Kilogramm. Nur fünfzehn davon waren Gepäck - der Rest war das gefühlte Gewicht meiner Sorgen, die ich ständig mit mir herumschleppte, egal wohin ich ging.

Während einer Rast machte ich mir bewusst, dass es mir gut getan hatte, für eine Weile nicht darüber nachzugrübeln, warum sich meine drei Kriminalromane so dürftig verkauften, dass ich davon nicht mal ansatzweise leben konnte. Ich hatte nicht daran gedacht, dass meine Immobilienfirma seit Längerem Verluste schrieb und dass ich die Hypothekenrate meines Hauses ab nächsten Monat nicht mehr würde bezahlen können. Ich hatte für einen Moment vergessen, dass kürzlich der Antrag auf einen neuen Kontoüberziehungsrahmen von meiner Bank abgelehnt worden war und dass ich so wenig Erspartes hatte, dass kaum abzusehen war, ob ich davon überhaupt Essen und Unterkunft bis nach Santiago de Compostela würde bezahlen können. Und mir drängte sich die Frage auf, ob der Camino für mich tatsächlich die Erfüllung eines lang gehegten Traums bedeutete - oder nicht eher einer Flucht vor diesen traurigen Tatsachen gleichkam.

Nun, da mir all diese negativen Gedanken im Kopf herumschwirrten, war es vorbei mit meinem Wohlbefinden. Ich war nicht mehr im Hier und Jetzt. Ich hing in der Vergangenheit fest und grübelte darüber nach, wie ich mich in diese Lage hineinmanövriert hatte und was ich hätte anders machen können. Dabei war es mir doch eben noch so gut wie schon lange nicht mehr gegangen.

Ich aß eine Banane, beendete meine Rast und ließ die Vergangenheit ruhen. Stattdessen dachte ich an die Zukunft. Was würde nach dem Camino kommen? Welchen Ausweg gab es aus meiner Misere? Welche Möglichkeiten hatte ich, die Katastrophe im letzten Moment abzuwenden? Was könnte ich tun, damit es mir in Zukunft besser ginge? Und musste ich dafür unbedingt auf die Zukunft warten?

Der Weg führte nun steil bergan durch einen magisch anmutenden Wald. Buntes Laub raschelte unter meinen Wanderschuhen. Aber ich achtete kaum auf die Umgebung. Ich war trübsinnig und wollte in den glückseligen Zustand von vorhin gelangen. Wenigstens für den Rest der Etappe. Oder noch besser: für den Rest des Jakobswegs! Und plötzlich kam meine erste wirkliche Einsicht auf dem Jakobsweg.

Ich schnallte meinen Rucksack ab und setzte mich auf einen Baumstumpf. Mit meinem Wanderstock zeichnete ich Kreise in den Waldboden. Ein vorbeiziehender Pilger fragte mich auf Englisch, ob alles in Ordnung sei. »Yes, now it is!«, lautete meine Antwort.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich würde mich auf dem restlichen Jakobsweg - egal wie weit ich es schaffte - nicht mehr von meinen Gedanken beeinflussen lassen. Ich beschloss, die Vergangenheit ruhen zu lassen und keine Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Die einzige Realität war der heutige Tag. Das Jetzt. Ich würde mich ab sofort darauf konzentrieren, die aktuelle Etappe zu überstehen, statt an alle weiteren Tagesstrecken zu denken. Und wenn ich alles ausblendete und mich in diesem Moment nur an meiner Umgebung erfreute, würde ich das erhabene Gefühl vom Beginn der heutigen Etappe zurückgewinnen und hoffentlich festhalten können.

Ich öffnete meinen Rucksack und zog ein Paar Socken hervor. Die linke Socke sollte symbolisch für die Vergangenheit stehen und die rechte für die Zukunft. Nachdem ich beide mit Laub gefüllt hatte, sagte ich laut zur linken Socke, dass ich an ihr ohnehin nichts mehr ändern könne, und die rechte ließ ich wissen, dass sie mich nicht länger interessiere, weil ich ohnehin nicht wissen könne, was sie für mich bereithielt. Dann versicherte ich den beiden Socken, dass ich für die Dauer des Caminos nicht mehr an sie denken würde, und warf sie in hohem Bogen von mir. Dabei schrie ich laut »YESSS!« und reckte beide Arme in die Luft.

Eine deutsche Pilgerin, die meine Zeremonie offenbar mitverfolgt hatte, erkundigte sich, ob es mir gut gehe. Ich nickte lächelnd. Sie wirkte wenig überzeugt und schien sich plötzlich der Tatsache bewusst zu werden, dass sie allein in einem Waldstück einem Verrückten begegnet war. Jedenfalls wünschte sie mir »Buen Camino« und zog eilig von dannen. Einen guten Pilgerweg werde ich ab jetzt ganz sicher haben, dachte ich.

Den Rest der ersten Etappe war mein Körper damit beschäftigt, sich über den nicht enden wollenden Pyrenäenberg zu schleppen, während mein Geist versuchte mein ehrgeiziges Vorhaben in die Tat umzusetzen: den gegenwärtigen Augenblick zu genießen und den Rest auszublenden. Beides gelang mir besser als erwartet. Am frühen Nachmittag stand ich am Gipfel und fühlte mich wie Reinhold Messner auf Ecstasy.

Laut meinem schlauen Jakobswegführer gab es für den Abstieg zwei Alternativen. Die empfohlene Route führte über eine asphaltierte Straße ins Tal, ein zweiter, anspruchsvollerer Weg hingegen über einen steilen und steinigen Pfad direkt zur Herberge. Von dieser Option sei allerdings abzuraten, hieß es in meinem Guide, da man nach stundenlangem Aufstieg voraussichtlich unter Konzentrationsschwächen leide und müde Füße habe. Deswegen bestehe beim Abstieg eine gewisse Sturzgefahr.

So ein Schwachsinn. Ich hätte mir einen anderen Reiseführer besorgen sollen, dachte ich. Immerhin bin ich gebürtiger Österreicher, auch wenn ich schon lange nicht mehr dort lebe. Was man hier Gebirge nannte, würde in meiner alten Heimat maximal als sanfte Hügelgruppe durchgehen. Als kleiner Knirps war ich mit meinem Vater auf Berge geklettert, die dreimal so hoch waren wie dieser Pyrenäenwinzling.

Mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen kam leider der Übermut. Natürlich wählte ich den »gefährlichen« Waldweg, und da es nun auch nicht mehr weit sein konnte, lief ich der Herberge und einem kühlen Bier entgegen, das dort als Belohnung bestimmt schon auf mich wartete. Es dauerte keine zehn Minuten, ehe ich meine Meinung über mein schlaues Büchlein revidieren sollte. Ich geriet mit dem rechten Fuß in eine feuchte Spurrinne, rutschte aus und knallte längsseits auf Hüfte und Schulter. Vor Schmerzen konnte ich kaum fluchen. Da ich anscheinend der Einzige war, der sich für diese Wegalternative entschieden hatte, war weit und breit keine Hilfe in Sicht. Ich blieb reglos liegen und befürchtete das Schlimmste. Dann schnallte ich den Rucksack ab, versuchte mich zu erheben, wofür ich mehrere Anläufe benötigte, und wagte eine Eigendiagnose. Meine Hüfte schmerzte, und mein rechter Fuß zitterte, aber das war wohl nur der Schock. Die Schulter, die wegen des Rucksackriemens ohnehin schon mitgenommen war, pochte jetzt, als wäre eben mein Herz dorthin gerutscht, aber ich konnte mit dem Arm kreisen, auch wenn es schmerzte. Humpelnd und vorsichtig setzte ich meinen Abstieg fort.

Gegen vier Uhr nachmittags kam ich in Roncesvalles an. In einer Kneipe traf ich auf trinkfeste Irländer und Kanadier, mit denen ich meinen ersten Etappenerfolg feierte. Danach besuchte ich in der Kapelle der Klosterherberge einen Pilgergottesdienst. Im Anschluss gab es ein Gratiskonzert. Das Orchester spielte im Schlafsaal, in dem hundert Menschen schliefen, und es gab eine Symphonie für fünfzig Schnarcher aus aller Welt. Der Dirigent befand sich offensichtlich im unteren Teil meines Stockbetts. Er und sein Ensemble schnarchten, als gälte es, böse Geister zu vertreiben. Ich stopfte mir meine Ohrstöpsel so tief in die Gehörgänge, dass ich sie am nächsten Morgen nur mit Mühe wieder herausbekam.

4

Roncesvalles - Larrasoana

Die zweite Etappe führte über sechsundzwanzig Kilometer nach Larrasoana - durch Wälder und Wiesen, durch Siedlungen, die aus einer Handvoll Steinhäuser bestanden, über jahrhundertealte römische Brücken und durch sonnige Auen. Da diese Strecke etwas kürzer war als die am Vortag und die Topografie eher an Holland erinnerte, musste ich mir keine Sorgen machen, auch diesen Tag zu überstehen.

Die erste Etappe war laut meinem Guide die schwierigste des gesamten Jakobswegs gewesen. Und ich hatte sie gemeistert. Sogar besser als manche Pilgerbrüder, die erst sehr spät in der Herberge eintrafen. Das verstärkte mein neu gewonnenes Selbstvertrauen. In nur einem Tag hatte sich mental bereits einiges verändert. Ich haderte weniger mit der Vergangenheit und scherte mich kaum um die Zukunft. Meine geistige Blockade löste sich langsam auf. Ich konnte frei denken und mich an den kleinen Dingen am Wegesrand erfreuen - an einer Gottesanbeterin, einem besonders alten Baum in herbstlicher Pracht, einer schönen Wolkenformation, netten Gesprächen während einer Rast, und selbst ein Wegweiser, in den »Santiago de Compostela 765 kms« eingemeißelt war, brachte mich zum Lächeln. Ich freute mich über die fünfunddreißig bislang absolvierten Kilometer und dachte nicht an das, was noch vor mir lag.

Während ich durch den Wald ging, kreisten meine Gedanken um den Begriff Selbstvertrauen. Der gestrige Tag in den Pyrenäen hatte mich etwas Wichtiges gelehrt: Egal was heute oder die nächsten Tage und Wochen auf mich zukäme - ich würde damit fertigwerden. Schaffst du die schwierigste Etappe, dachte ich, schaffst du sie alle.

Ich begann mich zu fragen, warum ich nicht immer so verblüffende einfache Schlussfolgerungen zog. Ich war zwar bislang noch nie in den Pyrenäen gewesen, aber ich hatte in meinem Leben schon manche Hindernisse in Form von Schicksalsschlägen, scheinbar ausweglosen Situationen und finanziellen Engpässen überschritten. Schließlich hatte ich mich mit Anfang zwanzig genau dafür entschieden. Damals hatte ich Österreich den Rücken gekehrt und ein Leben am Limit und ohne große Sicherheiten gewählt.

Ich bereiste ein Jahr lang den südamerikanischen Kontinent und schlief in Hängematten. Ich segelte zusammen mit einem Kumpel ohne große Segelkenntnisse über den Atlantik und danach einige Jahre in der Karibik. Ich kämpfte mich mit einer Machete durch den kolumbianischen Dschungel, badete mit Piranhas in einem choleraverseuchten Seitenarm des Amazonas, überlebte ein Zugunglück in Ecuador, eine Bruchlandung mit meinem Paragleitschirm, einen schweren Autounfall in Österreich und einen Motorradunfall in Serbien. Ich knallte in der Straße von Gibraltar mit unserem kleinen Segelboot beinahe in einen Supertanker und wurde mitten am Atlantik fast vom herumwirbelnden Segelbaum erschlagen. Alle fünf Jahre gründete ich eine Firma, verkaufte sie wieder oder machte Konkurs, nur um es in einer anderen Branche erneut zu versuchen. Ich musste mich mit dem Tod meiner geliebten Mutter auseinandersetzen, dafür wurde mir eine wunderbare Tochter geschenkt. Ich heiratete und wurde geschieden. Ich hatte nichts ausgelassen. Es ging bergauf und bergab. Hoch die Welle und wieder runter. Ständig.

In den vergangenen zwanzig Jahren hatte mein Leben zwar alle paar Jahre die Richtung gewechselt, doch eines hatte sich niemals verändert: In welchem Schlamassel ich mich auch befunden hatte - ich war immer wieder herausgekommen. Und nun, in diesem magisch anmutenden Wald, durch den der Jakobsweg mich gerade führte, fragte ich mich, wieso das nun plötzlich anders werden sollte. Wieso sollte ich nicht weiterhin auf diese Kraft vertrauen - egal ob man sie Schutzengel, Gott oder ganz anders nennen mochte?

Etwas abseits des Wegs sah ich einen Bach fließen. Ich setzte mich daneben und warf Steinchen hinein.

»Du bist ein Idiot!«, schimpfte ich laut mit mir.

»Da ist etwas, das dich schon die längste Zeit beschützt, und anstatt diese kostenlose Lebensversicherung dankbar anzunehmen, stellst du sie infrage und sorgst dich darum, ob sie auch beim nächsten Mal funktionieren wird.«

Ich kramte mein Notizheft aus dem Rucksack und notierte mir die zweite wichtige Einsicht auf dem Jakobsweg: Wenn du nach einer neunstündigen Wanderung über einen Berg genug Selbstvertrauen für den restlichen Camino erlangst, solltest du auch aus deiner Lebensgeschichte genug Selbstsicherheit für dein weiteres Leben schöpfen.

Zufrieden mit dieser Einsicht wanderte ich weiter. Auf dem Weg begegnete ich einem Schweden mit Rauschebart und Nickelbrille. Während wir die restliche Strecke bis zur Herberge gemeinsam pilgerten, erzählte Mats, dass er zu Hause regelmäßig längere Wanderungen unternahm. Er pflegte sogar die zehn Kilometer in die Arbeit zu Fuß zurückzulegen.

»Na, dann bist du ja bestens vorbereitet«, lobte ich ihn und dachte an meine eigenen Trainingseinheiten, die darin bestanden hatten, zweimal zu Fuß zum Bäcker zu gehen, um meine neuen Wanderschuhe halbwegs einzulaufen.

»Es gibt nichts, was dich auf diesen Weg vorbereiten kann«, antwortete Mats bedeutungsschwanger. »Ich hoffe nur, dass ich es dieses Jahr bis nach Santiago schaffe«, fuhr er fort. »Bei meinem ersten Anlauf im letzten Jahr musste ich nach hundertsiebzig Kilometern aufgeben.«

Wie bitte? Ich musterte den Burschen. Er war etwa fünfzehn Jahre jünger und mindestens zwanzig Kilogramm leichter als ich - den Rucksack mit eingerechnet.

»Äh ... wieso das denn?«, hakte ich nach.

»Letztes Jahr bin ich es etwas zu schnell und optimistisch angegangen. Ich habe auf meiner Pilgerreise eine Gelenkentzündung bekommen, die sich so sehr verschlimmerte, dass irgendwann gar nichts mehr ging.«

Oha. Sofort bekam mein gerade erst wiederentdecktes Selbstvertrauen mehr Schrammen als die Sohle meiner Wanderschuhe. Bislang hatte ich nur an drei Faktoren gedacht, die mich vom Gelingen meiner Pilgerreise abhalten könnten: meine Kondition, meine Willenskraft und meine bescheidenen Geldreserven. Nach diesem aufschlussreichen Gespräch gesellten sich Sorgen über Gelenkbeschwerden, Bandscheibenvorfälle, Hüftschäden und andere körperliche Abnutzungen aller Art als viertes Schreckensszenario hinzu.

5

Larrasoana - Pamplona

Nach den beiden längeren Etappen beschloss ich daher, auf Mats' Rat zu hören und so gelenkschonend wie möglich ins nur fünfzehn Kilometer entfernte Pamplona zu gehen. Erneut versuchte ich nicht nur meine Füße auf Trab zu halten, sondern auch meinen Kopf. Aus aktuellem Anlass nahm ich mir für meine dritte geistige Pilgeretappe den Begriff »Problem« vor. An diesem Morgen hatte ich nämlich vor einem riesigen Problem gestanden. Nach meiner Ankunft am Vorabend hatte ich die Wäsche von Hand gewaschen und sie auf Wäscheleinen im sonnigen Garten der Herberge aufgehängt.

Danach war ich mit Mats, den beiden trinkfesten Iren von Roncesvalles und anderen Pilgern in die einzige Bar von Larrasoana gegangen. Ein Pilgermenü kostete in der Regel zehn Euro, und man bekam dafür eine Vorspeise, bestehend aus Salat, Pasta oder Suppe mit Brot, anschließend eine Hauptspeise mit Fleisch oder Fisch und danach eine Nachspeise - und »Pilgerdiesel«, so viel man wollte. Die Rotweinkaraffen wurden des Öfteren nachgefüllt, und dementsprechend fröhlich wurde die Runde. Ich schloss viele neue Bekanntschaften und schaffte es nur knapp vor dem Schließen der Herbergspforten um zweiundzwanzig Uhr zurück in mein Stockbett. Natürlich hatte ich vergessen, die bereits trockene Wäsche von der Leine zu nehmen.

Am Morgen war vom Tau alles klamm, insbesondere die Socken. Und selbst ich als Wanderlegastheniker wusste: Feuchte Socken ergeben Blasen an den Füßen. Und Blasen gefährdeten im schlimmsten Fall mein gesamtes Vorhaben. Noch bis vor Kurzem - als im Alltag die Probleme wie Meteoritenregen auf mich einprasselten - hätte ich nicht gedacht, dass nasse Socken meine elementarste Sorge sein könnten. Ich löste das Problem, indem ich sie oben am Rucksack befestigte und in Badelatschen marschierte, bis die Socken getrocknet waren.

Während die wunderschöne herbstliche Landschaft an mir vorbeizog, dachte ich an diesen neuen Blickwinkel auf meine Probleme. Nachdem die Socken getrocknet waren und ich meine Wanderschuhe wieder anziehen konnte, war ich sorgenfrei. Aber warum eigentlich? Gut, ich hatte mein jetziges Problem gelöst - aber ich hatte jede Menge andere Schwierigkeiten, die weitaus gravierender und komplizierter zu lösen waren.

Gab es etwa zwei Dimensionen von Problemen beziehungsweise der daraus resultierenden Sorgen? Eine aktuelle, mit der man jetzt umgehen musste, und eine abstraktere oder gar illusorische Art von Problemen - eine, die man derzeit gar nicht lösen konnte, weil sie sich in der Zukunft befanden und sich, wenn es soweit wäre, womöglich bereits von selbst aufgelöst hatten?

In der Vergangenheit war mir das manchmal passiert. Da hatte ich mich um Dinge gesorgt, die niemals eingetreten waren, hatte mich unnötig mit Hirngespinsten belastet und im entscheidenden Moment, nämlich in der Gegenwart, darunter gelitten. Andererseits waren meine aktuellen Probleme keineswegs eingebildet. Sie waren real. Wenn ich nach Hause kam, wartete das Chaos auf mich, und ich hatte keine Ahnung, wie ich der misslichen Lage Herr werden sollte.

In der Ferne konnte ich Pamplona ausmachen. Bald würde ich die Randbezirke der Stadt erreichen. Meine Gedanken würden durch Straßenlärm, Schaufenster und Menschenmassen abgelenkt werden. Doch zuvor wollte ich das Thema zu Ende denken, also setzte ich mich etwas abseits des Wegs in eine Waldlichtung. Welche »aktuellen Probleme« hatte ich denn wirklich - in diesem Moment? Meine Socken waren trocken. Es war nicht einmal Mittag, und es lag noch eine Wanderung von etwa einer Stunde vor mir. Ich hatte am Morgen telefonisch ein Bett in der von Deutschen geführten Herberge Paderborn reserviert und damit keine Sorgen wegen meines Nachtquartiers. Ich hatte Proviant und Wasser dabei, mir war weder zu kalt noch zu warm, ich verspürte keine Schmerzen, und das Wetter war fabelhaft, ich wurde von niemandem bedroht, es gab keine gefährlichen Tiere in diesem Wald, und Naturkatastrophen schienen sich ebenfalls nicht anzubahnen.

Musste ich vielleicht nur meinen zeitlichen Fokus verändern? Denn so sehr ich auch darüber grübelte, wollte mir nicht das geringste Problem einfallen, dass ich tatsächlich in genau diesem Moment hatte.

Ich fand, diese Einsicht war es wert, notiert zu werden. Ich zog mein Heft hervor und schrieb: Probleme verblassen zu illusorischen Konstrukten, wenn man seine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richtet, auf das Jetzt. Konzentriert man sich hingegen auf ein Problem, das man später lösen muss, belastet man sich in der einzigen realen Zeit, nämlich im gegenwärtigen Augenblick, nur unnötig mit Sorgen.

6

Pamplona - Puente de la Reina

Ich hatte Pamplona am frühen Nachmittag erreicht. Nach drei Tagen in der Einöde freute ich mich auf den Trubel. Ernest Hemingway hatte viel Zeit in der Stadt verbracht, insbesondere im Café Iruna am Hauptplatz, das jetzt mein erster Anlaufpunkt war. Tatsächlich wehte noch immer sein Geist durch dieses Lokal, als wäre er nur eben mal hinausgegangen. An diesem Ort, wo ein Literaturnobelpreisträger Inspiration für seine Werke gefunden hatte, schrieb ich bei ein paar Drinks zu Ehren des von mir bewunderten Autors zum ersten Mal auf meiner Reise in mein Tagebuch.

Danach pilgerte ich abseits des Jakobswegs durch Pamplona. Nach drei Tagen spartanischer Lebensweise kam mir die Stadt mit ihren unzähligen Kneipen und Restaurants gerade recht. Endlich wieder mal schöne Tapas, guten Wein und Partystimmung auf der lokalen Fiesta, der San Fermin Chica, die gerade im Gang war.

Aber es war dann doch etwas zu viel Trubel für mich. Das kulinarische Angebot der unzähligen Bars war zwar äußerst verführerisch, aber für einen sparsamen Pilger leider unerschwinglich. Also aß ich nur eine Tortilla und investierte den Rest meines Tagesbudgets in weitere Drinks, ehe ich in meine Herberge zurückging.

Der Preis für eine Übernachtung in der Herberge Paderborn war mit acht Euro fünfzig inklusive Frühstück mit deutschem Schwarzbrot wirklich fair. Das Zimmer musste ich mir nur mit einem netten kanadischen Ehepaar teilen. Noch waren sie nett zu mir. Am nächsten Morgen sollten sie mich keines Blickes würdigen. Als sich kurz vor dem Zubettgehen ein kleiner Small Talk zwischen uns entwickelte, erfuhr ich, dass die beiden in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan hatten, weil jemand im Schlafsaal ihrer Herberge laut geschnarcht hatte.

Diese Information setzte mich unter Druck. Schließlich wollte ich nicht der Grund für eine weitere schlaflose Nacht des Ehepaars werden. Leider aber wusste ich, dass ich manchmal nicht ganz geräuschlos durch die Nacht glitt. Zudem konnte sich die Lautstärke mit jedem Zehntel Promille verdoppeln. Und um Hemingways Spuren durch Pamplona so authentisch wie möglich zu verfolgen, musste man sich nun mal kräftig einen hinter die Mandeln kippen. So ahnte ich bereits, dass meine Atemwege zum Traktormotor mit chronischen Fehlzündungen mutieren könnten, und wies das Ehepaar auf die Erfindung der Ohrstöpsel hin. Just in case. Die beiden beäugten mich misstrauisch und sagten, sie hätten keine dabei. Ich bot ihnen welche von mir an, aber sie schlugen das Angebot aus. Selbst schuld, dachte ich und kuschelte mich in meinen Schlafsack.

»Stop snoring!«, schrie die Kanadierin keine zehn Minuten später so laut, dass ich vor Schreck fast aus dem oberen Teil des Stockbetts fiel. Galt das etwa mir? War ich überhaupt schon eingeschlafen? Ich murmelte ein »Excuse me«, aber die Situation war mir so peinlich, dass ich beschloss, mit dem Einschlafen zu warten, bis die beiden schliefen. Also las ich in meinem E-Book, bis ich mir sicher war, dass die Kanadier eingeschlummert waren. Er zumindest schnarchte so laut, dass ich mir dachte, seine Frau hatte sich vorhin auf ihn bezogen. Ich stopfte mir die Ohrstöpsel wieder rein und versuchte in den Schlaf abzugleiten, was mir lange nicht gelingen wollte.

Als es schließlich doch so weit war, drang ein neuerliches »Stop snoring!« in meine Gehörgänge und weckte mich auf. Da die Dinger in meinem Ohr normalerweise kaum einen Laut durchließen, musste die empfindliche Dame ziemlich gebrüllt haben. Mir reichte es nun. Ich nahm meinen Schlafsack und suchte mir ein neues Bett. Die anderen Schlafsäle waren allerdings voll belegt, also verlegte ich mein Nachtquartier auf eine Couch im Empfangsraum der Herberge. Dort konnten tagsüber bequem zwei Besucher nebeneinander sitzen, aber zum Liegen war sie viel zu kurz. Die nächsten beiden Stunden verbrachte ich damit, meinen Körper in verschiedensten Positionen von hundertachtundachtzig auf hundertzwanzig Zentimeter Länge zu komprimieren. Am Ende sah ich in meinem Schlafsack aus wie eine in Richtung Mekka betende schwangere Raupe. Dass ich die Matratze meines Stockbetts in den Empfangsraum hätte schleppen können, fiel mir leider erst im Nachhinein ein - nämlich beim Schreiben dieser Zeilen.

Als ich am Morgen im Zimmer meinen Rucksack packte, trat der Kanadier an mich heran und beschwerte sich, dass er meinetwegen die ganze Nacht kein Auge zugetan habe, und seine Frau musterte mich wie einen Kinderschänder. Ich musste mir fest auf die Zunge beißen, um sie in Zaum zu halten, verzichtete auf das leckere Frühstück mit dem frischen deutschen Schwarzbrot und machte mich auf den Weg. Ich hatte meine erste schlechte Erfahrung am Jakobsweg hinter mir und fühlte mich miserabel.

Übermüdet und übellaunig folgte ich frühmorgens der Jakobsmuschel durch die noch von der Fiesta des Vortags verschmutzte Stadt. Als ich in einem Randbezirk unweit der Universität an einem Wegweiser innehielt, traten drei junge Damen auf mich zu. Sie stellten sich als kolumbianische Austauschstudentinnen vor, die einfach mal eine Etappe des Jakobswegs gehen wollten, und fragten mich, ob sie mich begleiten dürften, weil sie den Weg ja nicht kannten.

Ohne näher auf das Aussehen der drei Studentinnen einzugehen - die allesamt Shakiras Cousinen hätten sein können -, hätte man eine solche Situation für einen heterosexuellen Mann durchaus als seltenen Glücksfall bezeichnen können. Das glaubten die drei Kolumbianerinnen wohl auch, umso überraschter zeigten sie sich von meiner Antwort. Ich erklärte ihnen, dass sie keinen Begleiter bräuchten - sie müssten nur der Jakobsmuschel oder dem gelben Pfeil folgen und könnten sich unmöglich verlaufen. Eine Abfuhr aus der Männerwelt waren die drei Latinas bestimmt nicht gewöhnt. Sie glotzten mich verblüfft an und zogen grußlos davon. Eine trug neue pinkfarbene Stiefel mit hohen Absätzen, was mich daran zweifeln ließ, dass sie es bis nach Puente de la Reina schaffen würde. Ich wollte auch diesen Tag meinem Erkenntnisprojekt widmen, und mit drei schwatzenden Begleiterinnen wäre das nicht möglich gewesen.

Allerdings würde es heute schwierig werden, zu neuen Einsichten zu gelangen. Ich hatte wenig bis gar nicht geschlafen und diskutierte in Gedanken noch immer mit dem kanadischen Ehepaar, welches ich hoffentlich nie wieder zu Gesicht bekommen würde.

Vor mir lag das weite karge Land der Provinz Navarra. Der Weg führte durch abgeerntete Äcker und Felder auf eine Anhöhe mit einem Pilgerdenkmal, von wo aus man eine grandiose Fernsicht genoss. Zehn Kilometer vor dem Ziel traf ich wieder auf die Kolumbianerinnen. Die mit den pinkfarbenen Stiefeln humpelte in Strümpfen über den nun unbefestigten Weg. Ihr neues Schuhwerk trug sie in der Hand. Ich bot meine Hilfe an, auch wenn ich nicht wusste, wie diese aussehen könnte, aber von mir wollten sie ohnehin nichts mehr wissen.

Da ich heute schon frühmorgens losgelaufen war und die Strecke nur dreiundzwanzig Kilometer betrug, traf ich bereits am frühen Nachmittag in der Herberge ein. Ich wusch meine Wäsche und ruhte mich etwas aus. Dabei empfand ich eine gewisse Unzufriedenheit, schließlich blieb meine einzige Erkenntnis, dass ich schnarchte und damit offensichtlich andere Pilger belästigte. Der Umstand, dass die meisten anderen männlichen Pilger ebenfalls schnarchten und sich deswegen nicht grämten, tröstete mich nicht besonders. Ich verdrängte den Gedanken und telefonierte lange mit meiner Verlobten in Russland. Hinterher ging es mir gleich besser. Wie schön, dass es sie gab. Wie schön, eine solche Frau lieben zu dürfen. Wie schön, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen konnte.

»Hey, nice to see you again!«, sagte Mats, der bärtige Schwede auf seinem zweiten Camino-Anlauf, und schüttelte mir die Hand. Ihm war das Bett neben mir zugeteilt worden. Zumindest diese Nacht konnte ich mit gutem Gewissen einschlafen - der Typ schnarchte selbst wie ein Wikinger mit Bronchitis. Er zog etwas aus seinem Rucksack, das wie ein Paar Wintersocken aussah, die man in eine dünne Schutzhülle gestopft hatte. Das Ding maß etwa zehn mal zwanzig Zentimeter. Mats zog die Hülle ab und breitete seinen Schlafsack auf dem Bett aus.

Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Fror sich der in diesem dünnen Fummel nicht zu Tode? Als ich Mats meinen Schlafsack zeigte, bekam er einen Lachanfall und machte sich die Mühe, seinen Schlafsack wieder zu verpacken, ihn neben meinen zu legen und ein kurioses Foto zu schießen. Mein Schlafsack war in etwa so voluminös wie zwei aufeinandergestapelte Kopfkissen und wärmte bis minus fünfundzwanzig Grad Celsius. Damit hätte ich in der Todeszone am Mount Everest eine kuschelige Nacht verbringen können, aber in den oftmals beheizten Schlafsälen entlang des Jakobswegs war ich damit definitiv overequipped.

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