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Werner

Werner

 

Es ist eine wunderbare Sache um den Geist des Menschen, und unergründet wie das Meer liegen die Geheimnisse seiner Tiefe vor uns in dunkler Nacht.

Wir nennen das Auge den »Spiegel der Seele« und vermeinen in seinem klaren Stern das Bild zu lesen, das da drunten verborgen ruht; aber arme, kurzsichtige Sterbliche, die wir sind – nur raten und vermuten können wir. Ungelöst wie je liegt hinter dem wunderbaren Kristall eine zauberreiche, märchenhafte 'Welt, die wir nicht einmal in uns selbst zu ergründen vermögen, viel weniger in einem anderen, fremden Blick.

Wer kennt die Grenzen, die Fantasie und Wahnsinn voneinander trennen? Wer enträtselt uns den Traum, ja die Erinnerung selbst, die in der weichen Masse des Gehirns Millionen Bilder aufgeschichtet hat und oft wie spielend Jahre weites Leben vor unserem inneren Blick mit einem Wurf entrollt? Wir grübeln wohl darüber und kombinieren, und hier und da gibt uns auch wohl ein Gelehrter ein vollständiges System über das, was er weiß und was er nicht weiß – aber gelöst hat noch niemand die Frage, noch nie einen Blick in das geheimnisvolle Walten dieser rätselhaften Kraft und Welt getan. Nur ihre Wirkungen sehen wir; ihre Ursachen bleiben uns ein verschlossenes Buch.

Wohl machen wir uns die Kräfte der Natur mit jedem Tag mehr dienstbar und lernen ihr eigentliches Wesen mehr verstehen; aber während sich unser Blick in dieser Richtung erhellt, erkennen wir doch auch immer mehr, dass es eben einzig und allein die äußere Schale ist, die wir uns bloßgelegt haben. Je mehr wir lernen, desto mehr sehen wir ein, wie wenig wir noch wissen, und wir stehen schwindelnd vor dem Raum, der uns von dem Unendlichen noch trennt.

Mit unseren Teleskopen haben wir Welten im Himmelsraum, mit unseren Mikroskopen ein bis dahin ungeahntes Leben in allem, was uns hier umgibt, entdeckt, und immer mehr drängt sich uns dabei die Überzeugung auf, dass keine Stelle, kein Punkt im weiten Weltenbau vergebens existiere oder brachliegen könne und dürfe.

Nur das geistige Wesen, das uns umgibt, blieb bis jetzt unseren schärfsten Forschungen verborgen, und doch – wer darf es leugnen? – zwingt sich uns die Überzeugung auf, dass auch im weiten Ätherraum ein lustiges Heer sein Wesen treibt. Mögen unsere Sinne zu grob sein, es zu erfassen, zu verstehen, ja nur zu erkennen; ein Etwas in unserer Brust sagt uns, dass mehr als bloß Luft zum Atmen uns umschließt. Wir ahnen eine andere Welt, wenn wir sie auch nicht ergründen, sie unserem Blick noch nicht erschließen können; und je geheimnisvoller sie uns entgegentritt, desto stärker reizt sie, lockt sie uns.

Selbst unser Glaube steht damit im Bunde. Es widerstreitet unserem Herzen wie dem Verstand, dass wir, mit solchen geistigen Fähigkeiten ausgestattete Wesen, zu weiter nichts geboren sein sollten, als nur, wenn wir einst sterben, den Erdboden, der uns getragen hat, mit unseren Leibern wieder zu düngen. Der Geist, der in uns wohnt, kann nicht so plötzlich untergehen. Und wenn das ist, wenn es ein Fortleben für ihn gibt, wie wir fest glauben und hoffen – sollte er sich dann so leicht von allem, was er früher auf diesem Erdball geliebt hat, trennen und es meiden können, nie mehr hierher zurückzukehren?

Des Volkes Stimme sagt nein. Seine »Ahnungen«, seine wunderbar schönen und duftigen Sagen von »Schutzgeistern und Engeln«, die die Betten der Kinder bewachen und auch dem guten Menschen schützend zur Seite stehen, sie alle sprechen die feste Überzeugung einer näheren, innigeren Verbindung mit jener geheimnisvollen Welt aus. Wenn die Toten um zwölf Uhr nachts ihr stilles Kämmerchen verlassen und die Wohnungen ihrer Lieben wieder aufsuchen, geschieht das, diesen Sagen nach, nicht, um Schrecken und Entsetzen dort zu verbreiten. Ungesehen, nur vielleicht geahnt, umschweben sie die alten lieben Plätze, warnen vor bevorstehendem Leid und kehren um ein Uhr traurig in ihre einsame kalte Zelle – die Gruft –zurück.

Dem Menschenauge sind sie freilich nicht sichtbar; nur einzelne Bevorzugte hat der Volksglaube dazu ausersehen, die dann und wann ein solch umherstreifendes Nebelkind erschauen und ihm begegnen dürfen. Es sind das die sogenannten »Sonntagskinder«. Ihrem Blick allein enthüllt sich jene fremde, geisterhafte Welt, mit der sie, selber Sterbliche, in oft gar unwillkommene, selten gesuchte Verbindung treten. Vor ihren helleren Augen huschen sie vorüber, die unheimlichen Schatten. Für sie hat das Heulen des Sturmes, das Rauschen des Waldes Sprache. Ihnen erzählt der plätschernde Quell die Märchen seiner Geburt und singt der Vogel in allen Zweigen verständlich sein leise klagendes Lied.

Und kann sie das dafür entschädigen, dass ihre Mitmenschen, ungläubig und verblendet, sie oft nur für Wahnsinnige halten und überspannter, krankhaft erregter Fantasie allein das zuschreiben, was sie vielleicht in Wirklichkeit umgibt? – Wir wissen’s nicht; aber ihr Los ist kein beneidenswertes, denn an den Körper noch gebunden, mit allen Schwächen und Gebrechen menschlicher Natur, gehört ihr Geist doch einer anderen Welt, und wir begreifen weder sie noch ihn.

***

Es war im Herbst des Jahres 1851, dass ein leichter Reisewagen durch das Tor der alten Stadt M– rasselte und in die zum Markt führende Straße einbog. Zwei junge Männer saßen darin, die eben von einem Ausflug in die nicht weit entfernten Gebirge zurückkehrten und beide, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, auf das rege Leben und Treiben um sich her schauten. Stach es doch gar so eigen und auffallend gegen das fast heilige Stilleben in den gewaltigen Bergesschluchten ab, die sie soeben erst verlassen hatten ...

Es waren zwei Maler, die ihre Mappen mit reichen Skizzen und Studien gefüllt hatten, um im Winter das im ruhigen Atelier auszuarbeiten, was ihnen der Sommer auf Joch und Bergeshang, in Tal und Schlucht, am Seegestade und im weiten Moor mit freigebiger Pracht geboten hatte.

»Sieh dort, Gerhard«, sagte jetzt plötzlich der eine von ihnen, ein junger schlanker Mann mit rabenschwarzem Haar und leichtem, zart gekraustem Bart, mit großen dunklen, sprechenden Augen, und zwar etwas bleichen, aber belebten Zügen, indem er rasch des Freundes Arm ergriff und auf die Seite der Straße deutete, auf der er saß. »Wahrhaftig, da ist sie wieder! Merkwürdig bleibt es doch, dass in mir, sooft ich nun auch in das alte M– hineingegangen oder –gefahren bin, jedes Mal, wenn ich von einem längeren Ausflug zurückkehrte, jenes schöne Mädchenbild da drüben zuerst begegnete.«

»Welches?«, fragte sein Begleiter. »Die dicke Dame dort im braunen Kleid?«

»O bewahre! Jene schlanke Gestalt in der schwarzen Mantille.«

»In der schwarzen Mantille?«, sagte Gerhard, indem er sich weiter vorbog, um aus dem rasch vorüberfahrenden Wagen noch einen Blick auf die bezeichnete Dame zu gewinnen. Aber er konnte sie nicht mehr finden, und das Fuhrwerk bog in diesem Augenblick nach der entgegengesetzten Seite um die Ecke des Marktplatzes.

»Ich habe in meinem Leben keine tiefdunkleren Augen gesehen«, sagte Werner, der, als die Fremde seinem Blick entzogen war, sich in sich in seine Ecke zurückwarf, »und mir ist jedes Mal, wenn ich ihnen begegne, als ob sie mir Feuer ins Hirn hineinbrennten.«

»Dann nimm dein Herz vor der Glut in acht«, lachte Gerhard. »Aber wer ist sie? Hast du es nie erfahren können?«

»Nie; und sondererweise habe ich sie auch selbst bei jahrelangem Aufenthalt in M– nie getroffen. Nur wenn ich, wie heute, eine Zeitlang entfernt gewesen bin, traf ich sie regelmäßig bei meinem ersten Einfahren in die Stadt.«

»Du machst mich so neugierig«, lächelte Gerhard, »dass ich deine unbekannte und rätselhafte Schöne ebenfalls von Angesicht zu Angesicht kennen lernen möchte, und je eher, desto besser. Halt, Kutscher! Wir wollen hier aussteigen«, rief er rasch, indem er die Schulter des auf dem Bock sitzenden Führers berührte. »Fahre nur langsam zum Grünen Baum, und warte dort auf uns; wir kommen gleich nach.«

»Was willst du tun?«, fragte ihn Werner erstaunt.

»Was ich tun will?«, lachte Gerhard, indem er aus dem Wagen sprang. »Deiner geheimnisvollen Donna, wenn irgend möglich, begegnen, da man ihrer sonst, wie es scheint, nicht habhaft wird. Sie muss jetzt etwa gerade den Markt erreicht haben, und wenn wir die kurze Strecke zurückgehen, werden wir sie leicht finden.«

Werner folgte, ohne ein Wort weiter zu erwidern, dem Freund, und die beiden jungen Männer schritten Arm in Arm rasch den Weg zurück, den sie eben gekommen waren. Obgleich sie aber beide ihre forschenden Blicke nach rechts und links schweifen ließen, war die Fremde nirgends mehr zu erkennen. Sie musste irgendwo in ein Haus getreten sein. Zwar suchten sie noch sämtliche Läden in der Nachbarschaft ab, aber auch das vergebens, und so schritten sie endlich langsam dem Gasthof zu, vor dem ihr Kutscher sie erwarten sollte.

»Deine schwarze Dame scheint durch eine Versenkung abgegangen zu sein«, sagte Gerhard.

»Möglich, dass sie in der Nähe wohnt«, erwiderte Werner; »aber was hätte uns auch ein zweites Begegnen geholfen? Wir durften sie doch nicht anreden.«

»Für mich wäre es aber ein erstes Begegnen gewesen«, lachte der Freund, »denn trotz deiner Beschreibung habe ich vorher auf dem ganzen Trottoir keine ähnliche Gestalt erkennen können. Doch wir finden sie vielleicht ein andermal; und wohnt sie in der Nähe, so hat sie wohl gar aus dem Fenster unser eifriges Suchen beobachtet: eine stille Huldigung, die jeder jungen Dame angenehm sein muss.«

Die Sorge um ihr Gepäck wie das Suchen eines passenden Quartiers mit der Übersiedlung dorthin nahm von jetzt ab ihre Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass selbst Werner die schöne Unbekannte vergaß oder, wenn er ja einmal einer ähnlichen Gestalt auf der Straße begegnete, die ihm deren Bild wieder ins Gedächtnis rief, sich damit tröstete, sie im Lauf des Winters schon irgendwo zu treffen.

***

Der Winter verging aber, und trotzdem Werner manchen Ball besuchte und in den verschiedensten Gesellschaften ein oft und gern gesehener Gast war, traf er unter all den jungen fröhlichen Mädchen nicht ein einziges Mal seine unbekannte Schöne. Auch dachte er in der Tat kaum mehr an sie. Das rege Treiben in der lebensfrohen Stadt brachte für ihn zu viel des Neuen und Interessanten, um einer flüchtigen Erscheinung aus früherer Zeit länger als dann und wann einmal mit einem ebenso flüchtigen Gedanken nachzuhängen.

So kam das Frühjahr heran und mit ihm die Zeit, in der Werner M– wieder verlassen wollte. Er hatte eines Tages schon einige Abschiedsbesuche gemacht und den Abend in sehr angenehmer Gesellschaft zugebracht, aus der er ziemlich spät nach Hause zurückkehrte. Die Straßen waren still und öde, die Lampen schon längst ausgelöscht, und nur der Mond, der hell und voll am Himmel stand, warf seinen lichten Schein auf die eine Seite, sodass die andere in desto tieferem Dunkel lag. Werner wohnte in einem ziemlich entlegenen Teil der Stadt, und der Nachtwächter war die letzte Person, der er begegnete, als er plötzlich vor sich, in dem vom Mond nicht beschienenen Teil der Straße, eine weibliche Gestalt bemerkte, die mit raschen Schritten denselben Weg zu verfolgen schien wie er.

Mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, achtete er wenig darauf und hatte eine ziemliche Strecke lang etwa gleiche Entfernung mit ihr gehalten, als vom anderen Ende der Straße her ihnen lautes Lachen und Singen entgegenschallte und ein Trupp etwas angetrunkener Wirtshausgäste ein wenig übervergnügt den Weg herunterkam.

Die Gestalt vor ihm blieb plötzlich zögernd stehen, als ob sie sich fürchte, dem vielleicht rohen Schwarm allein zu begegnen, und schien auf die andere Seite der Straße gehen zu wollen. Aber auch dorthin zogen sich einzelne des Trupps. Während sie deshalb noch in Ungewissheit auf ihrem Platz verharrte, hatte sie Werner eingeholt.

Wenn es ihm auch auffiel, eine Dame zu so später Stunde noch allein auf der Straße zu treffen, ließ es seine Gutmütigkeit doch nicht zu, sie in Verlegenheit zu lassen, und er sagte artig: »Sie scheinen die dort nahende, etwas zu lustige Schar zu fürchten. Wenn Sie mir erlauben, werde ich Sie hindurchgeleiten.«

Die Fremde wandte ihm ihr Antlitz zu, das der Mond in diesem Augenblick hell und klar beschien, und wie ein Schlag zuckte es durch Werners Körper, als er sich den dunklen, rätselhaften Augen seiner Unbekannten dicht gegenübersah.

Ich danke Ihnen«, sagte die Fremde mit leiser, weicher Stimme, die alle Fibern seines Herzens erbeben machte; »ich fürchte ...

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