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Wer hinten so offen ist, kann nicht ganz dicht sein

Über den Autor

Sebastian Brettschneider ist das Pseudonym eines in Berlin lebenden Sachbuchautors und Schriftstellers. Er studierte in Paris, arbeitete einige Zeit in New York und schreibt u.a. für Die Zeit, Stern und MARE. Fußball im Fernsehen guckt Sebastian Brettschneider trotz gelegentlicher Fassungslosigkeit gerne und am liebsten mit Freunden.

SEBASTIAN BRETTSCHNEIDER

WER HINTEN SO OFFEN IST, KANN NICHT GANZ DICHT SEIN

DIE STEILSTEN O-TÖNE DEUTSCHER FUSSBALLKOMMENTATOREN

INHALT

  1. I. VORWORT

  2. II. DIE STEILSTEN O-TÖNE

    1. Meinungsfreiheit

    2. Es ist Krieg, Baby

    3. Einfach gut

    4. Nicht von dieser Welt

    5. Der »berühmte« Schlüssel

    6. Kulinaria

    7. Äh… nennen wir es investigativ

    8. 90 Minuten sind lang und erst nach anderthalb Stunden vorbei

    9. Stimmt!

    10. Wenn die Räume unterwegs sind

    11. Philosophie

    12. Arithmetik

    13. Anatomie

    14. Gott und die Welt

    15. Der runde Ball

    16. Blick über den Tellerrand

    17. »Runde« Rhetorik

    18. Autsch

    19. In Deckung

    20. Die Legende lebt

    21. Es ist heiß

    22. Rasenkünstler

    23. Prost!

    24. Auf dem Laufsteg

    25. Drama, Baby!

    26. Wort und Wahn

    27. Fette Näpfe

    28. Überleitung

    29. Landeskunde

    30. Wetterfrösche

    31. Der feine Wortwitz

    32. Das Böse

    33. Fremde Worte

    34. Ganz klar

    35. Aus der Hüfte

    36. Thomas Müller, der Raumgleiter

    37. Foulspiel

    38. Pas de Deux

    39. Knapp daneben ist auch vorbei

    40. Der Unparteiische

    41. Die indigene Bevölkerung

    42. In der Fankurve

    43. Prosaisch

    44. Fürs Grobe

    45. Statistik

    46. Fremdsprachen

    47. Geolino

    48. Verstolpert

    49. Big Business

    50. Tierisch gut

    51. Selbsterkenntnis

    52. Big in Japan (Best of Kiyoshi Inoue)

    53. So ist es

    54. Leibesübungen

    55. Ethnologie

  3. III. DAS WUNDER VON BERN –
    Die Radio-Reportage von Herbert Zimmermann

  4. IV. GLOSSAR: DIE KOMENTATOREN

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I.
VORWORT

SPORTREPORTER SIND AUCH NUR MENSCHEN

Meine Damen und Herren, »hier geht’s gleich weiter, es kommt das Aktuelle Sportstudio, und wir bauen die Arena direkt rüber ins Ruhrgebiet«. So kann es gehen, in der Hitze des Gefechts. Vielmehr nach dem Scharmützel. In diesem Fall war es der ARD-Sportreporter Matthias Opdenhövel, der nach dem Bundesliga-Auftaktspiel Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach 2013 eine geeignete Überleitung suchte.

Das Spiel konnte der frisch gebackene Triple-Gewinner Bayern unter seinem neuen Trainer Pep Guardiola relativ souverän für sich entscheiden. Wobei es sogar eine historische Begebenheit zu vermelden gab: Zum ersten Mal in der 50jährigen Geschichte der Bundesliga kam es zu einem doppelten Handelfmeter. Handspiel im Strafraum, Elfmeter, Thomas Müller schießt und ter Stegen pariert. Den Abpraller allerdings erwischt Arien Robben, der seinerseits das Tor zu treffen versucht – da steigt wieder ein Gladbacher dazwischen und der Schiedsrichter entscheidet erneut auf Handelfmeter. Diesmal schießt Alaba und trifft zum 3:1 Endstand. Das Geschehen kommentiert Opdenhövel, ein gestandener Vertreter seiner Zunft, wie folgt: »Riesenaufregung, Doppelhandspiel, haben sich die Gladbacher auch nicht klug angestellt.«

Stimmt, haben sie nicht.

Sportreporter sind auch nur Menschen. Deshalb sollten wir Milde walten lassen. Denn Sportreporter zu sein ist schon beinahe ein Fluch, ähnlich der Tätigkeit des Schiedsrichters auf dem Platz. Der Schiri ist immer der Buhmann. Alle wissen es grundsätzlich besser, die Trainer, die Zuschauer, die Spieler sowieso. Trotzdem muss der Unparteiische entscheiden, manchmal im Bruchteil einer Sekunde, und so ergeht es auch dem Reporter: Er muss denken und sprechen zugleich, eine Fähigkeit, die heute neudeutsch »Multitasking« genannt wird und gemeinhin Frauen und insbesondere Müttern zugeschrieben wird. Es ist wie Kaugummi kauen und die Straße überqueren: Das kann nicht immer gut gehen.

Der Reporter nimmt es dabei stets mit einer Übermacht auf: dem Millionenheer der Zuschauer zuhause vor den Bildschirmen. Darunter befinden sich jede Menge Profis, Fachleute, Besserwisser, Alleskönner. Er kann es gar nicht allen recht machen und diesem geballten Überwissen ist er schutzlos ausgeliefert. Natürlich labert der Heini in der Glotze wieder Unsinn.

Andererseits muss man den Sportreporter auch nicht allzu sehr bedauern. Er bereist die halbe Welt, heute New York, Morgen Rio, übermorgen die Färöer Inseln, da kann man schon mal durcheinandergeraten. Wie der Reporter, der einmal von seinem Kommentatorenplatz in Wimbledon berichtete: »Das hab ich jetzt von meinem Kommentatorenplatz aus in Paris gar nicht richtig sehen können.«

Zudem ist der Beruf des Sportreporters im Fernsehen nicht selten ein Sprungbrett zu den ganz großen Karrieren. Talk-Master, Entertainer, Publikumsliebling, Weltstar. Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner begannen als Sportreporter. Der Stern-TV-Moderator, Herr über die Frage: Wer wird Millionär?, Polit-Experte, Potsdamer Villenbesitzer und Multimillionär Günther Jauch machte sich einen Namen als Fußball-Kommentator. Rudi Cerne, Ex-Eisschnellläufer und Sportreporter, moderiert heute Aktenzeichen XY. Oliver Welke, ZDF-Moderator vieler wichtiger Länderspiele und Champions-League-Begegnungen, ist zugleich begnadeter Humorist und Moderator der Heute Show im ZDF.

Das Radio ist da ein anderes, ein flüchtiges Medium. Es muss auf das bewegte Bild verzichten. Daher ist der Radio-Kommentar oft empathischer. Der Radiokommentator muss doppelte Arbeit leisten: Er macht den Spielverlauf sichtbar und wertet zugleich. Der Radiokommentar ist meist mitreißender als der Fernsehkommentar, weshalb viele Fans gern den Ton an der Glotze ausmachen und das Radio andrehen, weil es dort lebendiger, fieberhafterer zugeht. Hinzu kommen in jüngster Zeit eine wachsende Zahl von Netradios, die man nur über den PC oder das Smartphone hören kann. Legendär hier das BVB-Netradio, das ausgewogen und unparteiisch von den Spielen ihrer Herzensmannschaft berichtete.

Viele berühmte Reporter haben einmal beim Radio angefangen. Sie stiegen die Karriereleiter unaufhaltsam empor, wobei sie die harte Schule des Fußballkommentars durchaus zu noch höheren Weihen befähigt. Ihre Ausbildung hinter dem Mikrofon wie vor der Kamera macht sie zu Allroundern, die über Sex & Crime so elegant parlieren können, wie sie über politisch analytischen Sachverstand verfügen und unterhalterisches Talent besitzen. Sportreporter sind die Allzweckwaffen des Fernsehens. Die Troubleshooter der Nation, und es ist nicht ausgeschlossen, dass eines Tages ein Bundespräsident den Namen Gerd Gottlob oder Hansi Küppers trägt. Warum nicht Kanzlerin Kathrin Müller-Hohenstein? Man sollte diese Mädels und Burschen nicht unterschätzen, selbst Zeus würde heute noch mal als Sportreporter anfangen.

Lange Zeit wurden Frauen ja eifersüchtig aus diesem Geschäft ausgegrenzt. Man hielt sie nach Möglichkeit sowohl von den Stadiensitzen fern wie von den Kommentatoren- und Moderatorenplätzen. Fußball war bis über die bundesrepublikanische Steinzeit hinaus Männersache. Dass Frauen in der Fankurve, beim Skandieren einschlägiger Hymnen wie auf dem Rasen, im Radio und im Studio längst dazugehören, beweisen jede Woche die Spiele der Frauen-Bundesliga wie die weiblichen Fans des FC Schalke. Ihnen bleibt in Sachen Leidensfähigkeit genauso wenig erspart wie den weinenden Kollegen. Der anfängliche Patzer („Schalke 05“) von Carmen Thomas im Aktuellen Sportstudio 1973 ist da längst verziehen. Obwohl … Django vergibt, aber er vergisst nicht!

Es gehört nun mal zum Geschäft, dass hart mit Sportreportern beiderlei Geschlechts ins Gericht gegangen wird. Das ist in der Demokratie das verbriefte Grundrecht des Ohnmächtigen, des zuschauenden Fußballverständigen wie des über seinen Kopf hinweg regierten Bürgers: Wenn er schon nicht wirklich mitentscheiden darf, so kann er wenigstens lästern. Das ist vielleicht unser einziges Recht, und wir sollten es verteidigen wie einst Olli »das Tier« Kahn die deutsche Torlinie.

Wer gern Fußball sieht, kennt sie, unsere kommentierenden Lieblinge. Béla Réthy, Hansi Küppers, Marcel Reif. Man freut sich auf sie oder eben nicht. Sie sind, wie man im amerikanischen sagen würde, »household names«. Nicht jeder ältere Mensch kennt Justin Biber und nicht jeder Teenager Willy Brand, weshalb der household name eine Sonderform des Promis ist. Man kennt nicht immer ihre Gesichter, aber man würde in jedem Supermarkt an der Kasse sofort ihre Stimme heraushören. Anders ergeht es ihren Kollegen aus dem Medium Radio. Sie kennt man meist nicht, weder Namen noch Stimme und das Gesicht schon gleich gar nicht.

Der Sportreporter ist ein unermüdlicher Arbeiter. Stets liest er Zeitung und Statistik, gräbt skurrile Geschichten aus, hört das Gras wachsen. Er fühlt sich unter den Funktionären auf der VIP-Tribüne bei Champagner und Petit Fours ebenso zuhause wie bei den Fans an der Currywurstbude vor dem Stadion. Rolf »Töppi« Töpperwien, seinerzeit der ungekrönte König seiner Zunft, duzte gnadenlos jeden Spieler und Trainer. Mit Ausnahme von Otto Rehagel und Felix Magath, die sich diese Vertraulichkeit verbeten haben. Im Idealfall ist der Reporter ein Freund der millionenschweren Dribbler, der auflaufenden Stars wie der ewigen Bankdrücker, Grüße an die Ehefrau zuhaus.

Sportreporter sind Weltreisende und verfügen oft über ausgezeichnete geographische Kenntnisse (»Sie sollen nicht glauben, dass sie Brasilianer sind, nur weil sie aus Brasilien kommen«, Paul Breitner), Wissen über die indigene Bevölkerung (»Die Koreaner stinken zwar nach Knoblauch, das ist aber noch lange kein Grund, sie nicht zu decken«, Wolfgang Ley), sie verblüffen mit politisch gewürzten Expertisen (»Italien, zurzeit ohne Papst und Regierung«, Axel Kruse), dehnen die Gesetze der Anatomie bis zu ihren Grenzen aus (»Die Achillesferse von Bobic ist die rechte Schulter«, Gerd Rubenbauer) und brillieren mit ausgezeichneten Fremdsprachkenntnissen (»Guten Abend, meine Damen und Herren, und – bonne noir«, Waldi Hartmann). Sie haben ein Gespür für den feinen Wortwitz (»Aaron Winter – der Mann kann auch im Sommer Fußball spielen!«, Wolfgang Ley), treffen klare Aussagen (»Saarbrücken bezwang Freiburg mit 1:1«, Klaus Schwarze), beobachten messerscharf (»Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam«, Werner Hansch) und sind Meister der Philosophie, allesamt. Seit Günter Netzer das Theorem der »Tiefe des Raums« aufgeworfen hat, gibt es keinen Reporter, der sich nicht daran versucht hätte. Ebenso begeben sich Sportreporter gern auf die Suche nach dem berühmten Schlüssel auf dem Rasen, daher seien diesen beiden Phänomenen eigene Kapitel gewidmet.

Lohnenswert wie erhellend auch ein Blick über den Tellerrand. Was sagen eigentlich japanische, englische Fußballreporter, wenn sie ein Spiel ihres Teams gegen Deutschland kommentieren? So niedlich dem heimischen Reporter Tom Bartels der asiatische Spieler auf dem Rasen auch erscheinen mag (»hat sich der Japaner mit seinem Körperchen da reingedreht«), so problembeladen ist dem japanischen Reporter Kiyoshi Inoue der ein oder andere hiesige Name: »Diesen deutschen Spieler kann kein Mensch aussprechen, ich muss mal auf meine Liste schauen: Shi-wai-nu-shi-tai-gari. Nennen wir ihn einfach das Lachsgesicht mit der Bürste auf dem Kopf«

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