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Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Kapitel: Reif zur Entlassung

2. Kapitel: Die Entlassung

3. Kapitel: Friedensheim

4. Kapitel: Der Weg ins Freie

5. Kapitel: Schreibstube Cito-Presto

6. Kapitel: Selbst ist der Mann

7. Kapitel: Der Zusammenbruch

8. Kapitel: Ein Ding wird gedreht

9. Kapitel: Reif zur Verhaftung

10. Kapitel: Nord, Ost, Süd, West – to Hus best

Anhang

Hans Fallada: Stimme aus den Gefängnissen

 

Textgrundlage dieser Ausgabe:

Hans Fallada. Ausgewählte Werke in Einzelausgaben.

Herausgegeben von Günter Caspar.

Band III. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar,

4. Auflage 1976

Vorwort

Eine der ersten Taten der Nazis war es, daß sie dieses Buch vom Blechnapf auf die schwarze Liste setzten. Eine der ersten Taten des neuen demokratischen Deutschlands ist es, dieses Buch wieder zu drucken. Dies scheint mir beinahe symbolisch: Jede Zeile in diesem Roman widerstreitet der Auffassung, die von den Nationalsozialisten über den Verbrecher gehegt und durchgeführt wurde an ihnen. Jetzt ist wieder Platz für Humanität, für eine Humanität, die wohl frei ist von jeder Gefühlsduselei, die aber des Satzes eingedenk bleibt: Ihr laßt den Armen schuldig werden …

Ich habe bei diesem Neudruck keine Zeile geändert der ersten Auflage gegenüber. Vielleicht denke ich heute in manchen Dingen anders als damals vor elf Jahren, als ich dieses Buch schrieb. Um so mehr ein Grund, nichts zu ändern. Wir können unsere Bücher nicht in jeder Lebensphase umschreiben. Und im großen ganzen hat für mein Gefühl noch Gültigkeit, was ich damals schrieb.

So gehe denn hinaus, Buch, in die Welt. Ich hoffe, daß auch du für dein Teil ein weniges beiträgst zur Humanisierung der Menschen – nach zwölf Jahren der Verrohung.

 

Berlin, am 1. Dezember 1945

H. F.

ERSTES KAPITEL

Reif zur Entlassung

1

 

Der Strafgefangene Willi Kufalt geht in seiner Zelle auf und ab. Fünf Schritte hin, fünf Schritte her. Wieder fünf Schritte hin.

Einen Augenblick bleibt er unter dem Fenster stehen. Es ist schräg aufgestellt, soweit die eisernen Blenden das zulassen, und herein dringt das Scharren vieler Füße, auch einmal der Ruf eines Wachtmeisters: »Abstand halten! Fünf Schritte Abstand!«

Station C 4 hat Freistunde, eine halbe Stunde gehen sie dort im Kreis, an der frischen Luft.

»Nichts haben Sie zu reden! Verstanden?!« ruft der Wachtmeister draußen, und die Füße scharren weiter.

Der Gefangene geht gegen die Tür, nun bleibt er dort stehen und lauscht in den Bau, der still ist.

Wenn Werner heute nicht schreibt, denkt er, muß ich zum Pfaffen gehen und betteln, daß sie mich in das Heim aufnehmen. Wohin soll ich sonst? Über dreihundert Mark macht mein Arbeitsverdienst sicher nicht. Die sind bald alle.

Er lauscht immer noch. In zwanzig Minuten ist die Freistunde vorbei. Dann kommen wir runter. Sehen, daß ich vorher noch was Tabak krampfe. Ich kann doch nicht die letzten zwei Tage ohne Tabak sein.

Er öffnet das Schränkchen. Sieht hinein. Aber natürlich ist kein Tabak da. Die Eßschüssel muß ich auch noch wienern, sonst kotzt Rusch mich an. Putzpomade …? Besorgt mir Ernst.

Auf den Tisch legt er Jacke, Mütze, Halstuch. Wenn draußen auch ein strahlender, warmer Maitag ist, Halstuch und Mütze sind Vorschrift.

In zwei Tagen ist es ja überstanden. Dann kann ich mich anziehen, wie ich mag.

Er versucht sich vorzustellen, wie sein Leben dann sein wird, aber er kann es nicht. Da gehe ich also die Straße lang, und da ist eine Kneipe, und ich mache einfach die Tür auf und sage: Ober, ein Glas Bier …

Draußen, in der Zentrale, der Hauptwachtmeister Rusch schlägt mit dem Schlüssel gegen das Eisengitter. Es hallt durch den ganzen Bau, in sechshundertvierzig Zellen ist es zu hören.

Schwein das, mit seiner ewigen Krachmacherei, murrt Kufalt. Stimmt wieder was nicht, Ruscheken? Wenn ich nur wüßte, was ich anfange, wenn ich rauskomme! Die werden mich doch fragen, wohin ich entlassen werden will … Und wenn ich keine Arbeit weiß, wird mein Verdienst von hier an die Wohlfahrt überwiesen, und ich darf mir alle Wochen ein bißchen holen. Euch hust ich was! Lieber dreh ich noch mit Batzke ein großes Ding …!

Er schaut gedankenverloren auf seine Jacke, deren blauer Ärmel mit drei weißen Streifen Wäscheband geziert ist. Was bedeutet, daß er »dritte Stufe« ist, ein Gefangener also, dessen Führung auf »nachhaltige Besserung und Wohlverhalten in der Freiheit« schließen läßt.

Hab ich kriechen müssen, um die zu kriegen! Und hat es gelohnt? Das bißchen Tabak und eine halbe Freistunde mehr und Radio einmal in der Woche abends und daß sie die Zelle nicht abschließen tagsüber …

Das ist so: Kufalts Zellentür ist nicht abgeschlossen, die Zellentüren der dritten Stufe werden nicht abgeschlossen, sondern nur angelehnt. Aber es ist das eine seltsame Art Vergünstigung: Beileibe darf er die Tür nicht aufstoßen, auf den Gang treten und auch nur zwei Schritt dort machen! Das ist verboten. Wenn er das tut, wird ihm die dritte Stufe wieder entzogen. Sie ist eben offen, die Tür, daß er das weiß, das ist Vorbereitung auf das Leben draußen, wo ja auch die Türen nicht abgeschlossen sind … eine allmähliche Akklimatisierung, erdacht von einem Geheimratshirn.

Der Gefangene steht wieder unter dem Fenster und überlegt einen Augenblick, ob er hochklettern soll und hinaussehen. Vielleicht sieht er jenseits der Mauern eine Frau …?

Nee, lieber nicht, sparen wir uns auf bis Mittwoch.

Ruhelos nimmt er das Netz in die Hand und strickt sechs, acht, zehn Maschen. Dabei fällt ihm ein, daß er sowohl Putzpomade wie Tabak beim Netzekalfaktor schnorren kann – und er läßt die Holznadel wieder fallen und geht gegen die Tür.

Einen Augenblick steht er und überlegt, ob er es wagen soll. Dann fällt ihm was ein, er knöpft schnell die Hosen ab, geht auf den Kübel und legt sein Morgenei. Er kippt einen Schuß Wasser darüber, schließt den Deckel, knöpft die Hosen wieder an und nimmt den Kübel in beide Hände.

Wenn er mich schnappt, sag ich, die haben heute früh vergessen, bei mir zu kübeln, überlegt er und drückt mit dem Ellbogen die angelehnte Tür auf.

 

 

2

 

Er wirft über die Schulter einen Blick gegen den Glaskasten der Zentrale, wo, wie eine Spinne in ihrem Netz, sonst der Hauptwachtmeister Rusch sitzt und alle Gänge, alle Zellentüren überschaut. Aber Kufalt hat Dusel: Der Hauptwachtmeister ist fort. Statt seiner sitzt ein Oberwachtmeister da, den der ganze Krempel langweilt: Er liest Zeitung.

Kufalt geht möglichst leise über den Gang zum Spülraum. Dabei kommt er an der Zelle des Netzekalfaktors vorbei und zögert einen Augenblick: Da streiten zwei drin. Die eine Stimme kennt er, die ist ölig: Das ist der Netzemeister. Aber die andere …

Er steht und lauscht. Dann geht er weiter.

In der Spülzelle ist Hochbetrieb. Die Kalfaktoren von C 2 und C 4 haben sich heraufgeschlichen, eine stoßen.

Und noch jemand ist hier.

»Gott, Emil, Junge, Bruhn, sieht man dich wirklich mal wieder?! Du mußt doch deinen Knast auch bald abgerissen haben?!« Dabei kippt Kufalt seinen Kübel in das Spülbecken.

»Sauerei! Wo wir hier rauchen!« schimpft ein Kalfaktor.

Kufalt gibt an. »Du hältst dein Maul, Stubben! Seit wann bist du denn überhaupt im Bunker? Ein halbes Jahr? Und so was reißt hier die Fresse auf von wegen Sauerei?! Hättest ja draußen bleiben können, wenn du Wasserspülung gewöhnt bist! Ach, halt die Klappe! Ich bin dritte Stufe! – Hat einer von euch Tabak für mich?«

»Hier, Willi«, sagt der kleine Emil Bruhn und gibt ihm ein ganzes Paket Flaggenstolz und Blättchen. »Kannst du behalten. Ich hab bis Mittwoch stief.«

»Mittwoch? Kommst du Mittwoch raus? Ich auch!«

Bruhn fragt: »Sag mal, Willi, bleibst du eigentlich hier im Kaff?«

»Ausgeschlossen! Hier, wo lauter Wachtmeister rumlaufen! Ich fahre nach Hamburg.«

»Hast du denn da Arbeit?«

»Nee, noch nicht. Aber ich krieg sicher was. Ich denke, meine Verwandten … Oder der Pfaffe … Ich komme immer durch!« Und Kufalt lächelt, aber etwas kümmerlich.

»Ich habe schon was. Ich fange hier in der Holzfabrik an. Fallennester im Akkord. Ich komme mindestens auf fünfzig Mark die Woche, hat mir der Meister gesagt.«

»Das schaffst du«, bestätigt Kufalt. »Das kannst du. Das hast du ja nun neun Jahre gemacht.«

»Zehneinhalb«, sagt der kleine blonde Bruhn und blinzelt mit seinen wasserblauen Augen. Er hat einen Seehundskopf, kuglig, gutmütig. »Elf Jahre waren’s. Ein halbes haben sie mir geschenkt auf Bewährung.«

»Mensch, Emil, das hätte ich doch nicht angenommen! Ein halbes Jahr geschenkt – und wie lange sollst du dich bewähren?«

»Drei Jahre.«

»Schön dumm bist du. Und wenn du ’ne Kleinigkeit machst, wenn du nur ’ne Scheibe einschmeißt in der Besoffenheit oder Krach schlägst auf der Straße, schon mußt du dein halbes Jahr abreißen. Das hätte ich doch noch gleich mit runtergerissen.«

»Na, Willi, wenn man zehneinhalb Jahr Knast geschoben hat …«

»Mir haben sie ewig gesagt, der Direktor und der Lehrer und der Pfaffe, alle: Ich soll ein Gesuch auf Bewährung machen. Aber ich bin nicht so dumm. Wenn ich Mittwoch rauskomme, dann hab ich freie Bahn …«

Ein Kalfaktor mischt sich ein: »Ich denke, dir haben sie dein Gesuch abgelehnt?«

»Abgelehnt? Gar keins gemacht habe ich, hast du Dreck in den Ohren?«

»Mir hat’s aber der Hausvaterkalfaktor erzählt.«

»Der? Was der weiß! Die dünken sich was, die vom Hausvater! Weißt du, was das für einer ist? Kleine Kinder stößt der vor den Hintern und nimmt ihnen die Mark weg, die ihnen ihre Mutti für Besorgungen gegeben hat. Von so einem läßt du dir Geschichten erzählen! – Hast du Putzpomade?«

»Der Kaliebe hat aber auch gesagt …«

»Quatsch! Ob du Putzpomade hast? Zeig mal her. Gut, die hab ich. Kriegst du nicht wieder. Ich muß noch wienern. Red hier bloß keine Töne, Mensch. Außerdem hab ich bei meinen Sachen ein großes Stück Toilettenseife, das geb ich dir dafür. Komm Mittwoch zur Abgangszelle. Soll ich dir auch einen Brief mit rausnehmen? Gut, gemacht. Mittwoch morgen Abgangszelle.«

Der Kalfaktor von C 2 läßt sich vernehmen: »Der gibt ja heute an, noch und noch. Richtig durchgedreht, weil er übermorgen rauskommt.«

Aber Kufalt plötzlich stockwütend: »Ich und durchgedreht wegen Rauskommen? Du spinnst ja. Mir ist das so Scheiße, ob ich noch ein paar Wochen hier bleibe oder nicht. 260 Wochen abgerissen – 1825 Tage – da staunste: – und ich soll angeben wegen Rauskommen?!«

Dann wendet er sich ruhiger zum kleinen Bruhn: »Also, hör mal, Emil – ach, willst du dich verdrücken? Freistunde muß gleich alle sein. Sieh doch, daß du dich heute mittag in die dritte Stufe mogelst …«

»Das kann angehen. Bei uns auf F hat Petrow Dienst. Der macht es.«

»Schön. Ich möcht noch was mit dir reden. Also, hau jetzt ab.«

»Wiedersehen, Willi.«

»Wiedersehen, Emil.«

»Da will ich auch gleich …«, sagt Kufalt und nimmt seinen geleerten Kübel. »Ach so! Weiß einer, was mit dem Netzekalfaktor los ist?«

»Den hat wer in die Pfanne gehauen. Der schiebt Arrest.«

»Ei wei! Wieso denn?«

»Hat Briefe durchgeschmuggelt mit der schmutzigen Wäsche an eine im Weibergefängnis.«

»An welche?«

»Weiß ich auch nicht. Eine kleine Schwarze soll es sein.«

»Kenn ich«, sagt Kufalt: »Die ist aus Altona. Das ist die Räuberbraut. Die hat ein halb Dutzend Jungens für sich auf Bruch gehen lassen, und sie hat die Sore … Wer ist denn jetzt Kalfaktor?«

»Den kenn ich noch nicht. Der ist neu, der ist ’ne Schiebung vom Netzemeister. So ein dicker Jude, eine faule Pleite soll er gemacht haben …«

»Nee?« sagt Kufalt, und ihm fällt ein Wortfetzen ein, den er vorhin hörte, als er mit seinem Kübel an der Zellentür vorbeikam. »So ist das also. Na, den schleimigen Netzeonkel habe ich lange auf dem Strich, den will ich jetzt mal in Salz legen. – Kneiste mal, du Neuer, ob die Luft rein ist. – O Gott!« ruft er verzweifelt, »was für Säuglinge schicken die uns hier in den Bau! Reißt die Tür auf, daß der ganze Bunker zusammenfällt! Kneisten sollst du! – Ist der Rusch in seinem Glaskasten? Nicht? Na, dann will ich mal die Netzeonkels besuchen. Morgen.«

Er nimmt seinen Kübel und tritt den Rückweg zur Zelle an.

 

 

3

 

Auf seinem Rückmarsch hat Kufalt einen Blick zum Glaskasten geworfen: Dort ist die Lage unverändert, Oberwachtmeister Suhr studiert den »Stadt- und Landboten«.

Vor der Zelle des Netzekalfaktors tritt Kufalt einen Schritt seitlich, drückt sich fest in die flache Türnische und lauscht.

Da steht er nun, in blauer Beiderwandhose und gestreiftem Anstaltshemd, die Füße in Schlappen, mit spitzer, gelblicher Nase, blaß, magere Glieder, aber ein Bauch. Etwa achtundzwanzig Jahre. Eigentlich hat er freundliche braune Augen, nur spuken sie, irrlichterieren, verweilen nirgends. Sein Haar ist auch braun. Er steht so da, horcht, versucht zu verstehen, was sie da reden. Den Kübel hält er noch immer mit beiden Händen vor dem Bauch.

Einer sagt drinnen erregt: »Und Sie werden mir die zehn Mark geben! Wozu schickt Ihnen meine Frau ständig Geld?«

Und die ölige, sachte Stimme des Netzemeisters: »Ich tu ja für Sie, was ich kann. Daß ich Sie beim Arbeitsinspektor zum Netzekalfaktor durchgedrückt habe, das können Sie mir nicht genug danken!«

»Ach was, danken!« sagt der andere böse. »Viel lieber wäre ich zu den Tüten gekommen. Hier an dem Bindfaden reißt man sich die ganzen Hände blutig.«

»Das ist nur die ersten Wochen«, tröstet der Netzemeister. »Das werden Sie gewöhnt. Bei den Tüten ist es viel schlechter. Die wollen alle zu mir, die Tüten kleben.«

»Eine Hautschere müssen Sie mir auch besorgen, überall kriege ich Reißnägel …«

»Da müssen Sie sich am Mittwoch zum Hausvater vormelden. Der hat eine Hautschere. Da werden Sie vorgeführt und können sich die Reißnägel abschneiden.«

»Wann werde ich denn da vorgeführt?«

»Wie der Hausvater Zeit hat. Sonnabend oder Montag, vielleicht auch schon Freitag.«

»Meschugge sind Sie!« schreit der andere. »Nächsten Montag, und meine Hände bluten schon jetzt! Das ganze Netz ist blutig, sehen Sie!«

Er schreit immer lauter.

Kufalt vor der Tür grinst. Er kennt das, wie es ist, wenn die Hände von dem scharfen Sisalgarn zu bluten anfangen, und morgens ziehen sich die feinen, harten Fäserchen durch die Risse. Freilich, ihm hat niemand gesagt, daß der Hausvater eine Hautschere hat, er hat sich die Reißnägel mit zwei Scherben abgeklemmt.

Ärgere dich nur, Freundchen, denkt er. Hoffentlich schiebst du einen langen Knast, daß du alles auch richtig lernst. – Mein Kübel stinkt aber wieder mal gemein. Muß ich noch mit Salzsäure rein machen. Wenn ich heute vor den Arzt komme, muß mir der Lazarettkalfaktor welche ausspucken …

»Und nun geben Sie mir endlich die zehn Mark. Ich lasse mich nicht dumm reden von Ihnen. Mein eigen Geld werde ich doch noch kriegen können.«

»Machen Sie sich und mich nicht unglücklich, Herr Rosenthal«, sagt der Meister bittend. »Was wollen Sie mit Geld im Bau? Ich besorge Ihnen doch alles, was Sie wollen. Ich kauf Ihnen auch ’ne Hautschere, aber bar Geld im Bau – das kann ja Kopp und Kragen kosten.«

»Stellen Sie sich nur nicht so an«, sagt der Gefangene Rosenthal. »Sie sind ja gar kein Beamter, Sie sind doch nicht vereidigt. Sie sind hier bloß von der Netzefirma, um die Arbeit auszugeben. Gar nichts kann Ihnen passieren.«

»Was wollen Sie bloß mit Bargeld? Das müssen Sie mir wenigstens sagen!«

»Tabak will ich mir kaufen.«

»Das ist bestimmt nicht wahr, Herr Rosenthal. Tabak können Sie doch von mir kriegen. Wozu wollen Sie das Geld?«

Der andere schweigt.

»Wenn Sie es mir sagen, so sollen Sie es kriegen. Aber ich will wissen, wer es kriegt und wofür. Manche sind, die sind stiekum, da kann man es machen.«

»Stiekum?«

»Die machen keine Lampen, Herr Rosenthal, die hauen uns nicht in die Pfanne, die scheißen uns nicht an, die verpfeifen uns nicht – die verraten uns nicht. So heißt das hier.«

»Ich will Ihnen sagen«, flüstert der andere – und Kufalt muß sein Ohr ganz dicht an den Türspalt legen, um zu verstehen –, »aber Sie dürfen nichts verraten. Da ist ein großer Schwarzer, ein Gewalttätiger, sage ich Ihnen, der schlägt mich tot, wenn ich ihn verrate, hat er mir gesagt. In der Heizung ist er, er hat sich an mich herangemacht, in der Freistunde …«

»Der Batzke«, sagt der Meister. »Da haben Sie den richtigen Ganoven gefaßt.«

»Er hat mir versprochen, wenn ich ihm zehn Mark gebe – Meister, Sie verraten uns nicht, nein? Gerade gegenüber von meinem Fenster, auf der anderen Seite von der Straße, jenseits der Mauer, steht ein Haus.« Der Rosenthal schluckt, holt tief Atem. Dann: »Ich kann gerade in die Fenster reinsehen. Und zweimal habe ich dort ’ne Frau gesehen. Und der Schwarze hat mir geschworen, wenn ich ihm die zehn Mark gebe, so steht sie morgen früh um fünf am Fenster, ganz nackt, und ich darf sie sehen. Ach, Meister, geben Sie die zehn Mark! Ich komme hier um, ich bin schon halb verrückt! Meister, Sie müssen!«

»Diese Jungen«, sagt der Netzemeister bewundernd und stolz, »was die für Dinger drehen! Aber wenn der Batzke es Ihnen sagt, der macht es! Und der verpfeift uns auch nicht. Hier haben Sie …«

Kufalt zwängt den Fuß in den Spalt, drückt die Tür auf, ist mit einem Schritt drin, sagt halblaut: »Kippe oder Lampen!« und steht abwartend.

Die starren verdonnert. Der Meister mit seinen vorquellenden Fischaugen, dem runden Gesicht, dem Walroßbart, hat seine Brieftasche in der Hand. Er glotzt. Unterm Fenster, bleich, gedunsen, schwarz, etwas fett, steht der neue Netzekalfaktor Rosenthal und hat Angst.

Kufalt setzt mit einem Ruck den Kübel ab.

»Keine langen Geschichten, Meister, oder ich verpfeif dich, daß du selber Knast schiebst. Hier von wegen dem alten Netzekalfaktor Arrest besorgen und den Speckjäger ins Fett setzen. – Hab doch keine Angst, du dummes Schwein, es kostet ja bloß dein Geld! Ich bin morgen früh um fünf selber am Fenster. Also raus, Meister, mit der Marie! Kippe? Teilen können wir nicht, ich weiß ja nicht, wieviel du gekriegt hast. Ich bin billig: hundert Mark!«

»Da ist nichts zu machen, Rosenthal«, sagt der Meister gottergeben. »Das Geld müssen wir ausspucken, wenn Sie nicht mindestens acht Wochen Arrest schieben wollen. Der Kufalt ist so.«

»Kalt ist es da, Jungchen«, grinst Kufalt. »Lieg du mal erst drei Tage auf der Steinpritsche, da wird dir das Mark in den Knochen zu Eis. Also, wie wird’s?«

»Sagen Sie ja, Herr Rosenthal«, drängt der Meister.

Zwei Glockenschläge hallen durchs Haus. Auf der ganzen Station rührt es sich, Riegel knallen …

»Nu aber fix – oder ich bin in einer Minute beim Hauptwachtmeister!«

»Sagen Sie doch ja, Herr Rosenthal!«

»Ich hetze den Batzke auf dich, du dickes Schwein, der ist mein Kumpel. Der beißt dir die Nase ab.«

»Bitte, sagen Sie ja, Herr Rosenthal!«

»Also geben Sie ihm … aber ich trage den Schaden nicht allein, Meister!«

»Handgeld«, sagt Kufalt und spuckt auf den Hunderter. »Übermorgen bin ich draußen, Dicker, da denke ich bei den kleinen Mädchen an dich. – Du, Meister, stell mir den Kübel auf die Zelle während der Freistunde. Und Salzsäure stellst du daneben, sonst donnert’s! Morgen!«

Kufalt huscht über den Gang in seine Zelle.

 

 

4

 

Lärmend, klappernd, schwatzend sind achtzig Gefangene die vier Eisentreppen hinuntergeschusselt zum Erdgeschoß. Nun, am Tor zum Freihof, stehen zwei Wachtmeister und wiederholen wie die Automaten: »Abstand nehmen! Es wird nicht gesprochen. Nehmen Sie Abstand! Wer spricht, kriegt eine Anzeige.«

Die Gefangenen schwatzen doch. Nur in nächster Nähe der Wachtmeister werden sie stumm, aber kaum vorbei, unterhalten sie sich schon wieder in jenem lauten Flüsterton, der gerade über fünf Schritte Abstand reicht und bei dem nur der Mund nicht bewegt werden darf, denn das ist Grund zu einer Anzeige.

Kufalt ist hoch in Form. Er unterhält sich gleichzeitig mit Vorder- und Hintermann, die von ihm, dem Drittstufler, Neues hören wollen.

»Das ist eine Scheißhausparole, daß die zweite Stufe jetzt auch zum Radio darf. Glaub doch so was nicht, Mensch!«

 

»Ja, übermorgen komm ich raus. – Weiß ich noch nicht. Vielleicht dreh ich ein Ding, vielleicht geh ich auch zu meinem Schwager aufs Büro.«

 

»Wie sollen die denn hundertfünfundzwanzig Mann aus der zweiten Stufe in dem Schulzimmer unterbringen?! Da haben doch höchstens fünfzig Platz! Du bist ja doof, Mensch. Jeden Dreck glaubst du!«

 

»Mein Schwager? Möchste wissen, glaub ich. – Der hat ein Filzlatschenbergwerk, wenn du’s wissen willst. Da kannst du auch ’nen Posten kriegen.«

»Halten Sie den Mund, Kufalt«, sagt der Wachtmeister. »Immer die Herren von der dritten Stufe, die auffallen.«

»Ich hab nicht geredet, Herr Wachtmeister, ich hab nur tief geatmet.«

»Den Mund sollen Sie halten, sonst ist ’ne Anzeige fällig.«

»Meine Sachen hab ich beim Hausvater. Alles tipptopp, Frack auf Seide, Lackstiefel – Mensch, wird das einem vorkommen nach den fünf Jahren!«

 

»Ach, laß doch den Affen von Wachtmeister quatschen! Wenn der was will, verpfeif ich ihn. Der hat sich heimlich von mir ein Einholnetz und eine Hängematte stricken lassen.«

 

»Ich hab ja nur eine Angst … Wie lange bist du drin? Drei Monate? Sag mal, tragen die Weiber noch so kurze Röcke? Mir ist erzählt, sie tragen jetzt wieder lange Röcke …«

 

»Das kann ich ihm nicht beweisen? Das kann ich ihm doch beweisen! Ich sag einfach zum Direktor: In der vierten Reihe vom Einholnetz ist eine Masche doppelt gestrickt, und schon ist er drin!«

 

»Na, Gott sei Dank! Ist das so, kann man die ganzen Schinken sehen, wenn sie sich setzen? Und beim Radeln das bloße Fleisch?«

»Treten Sie raus, Kufalt, Sie sind ja heute rein verrückt! Wollen Sie die letzten Tage noch Arrest schieben? Gehen Sie hier an der Mauer, Sonderloge für die Herren von der dritten Stufe.«

Kufalt geht solo. Die im Kreis verspotten ihn: »Natürlich die dritte Gruppe! – Die Speckjäger! Die Radioherren! Biste stolz auf deine drei Streifen, Arschlecker?«

»Ihr könnt mir alle …« Und er denkt: Hundert Mark. Fein! Nun habe ich schon mindestens vierhundert Mark, und wenn Werner Pause heute schreibt und Geld schickt … »Sie, Herr Wachtmeister Steinitz, was kostet eigentlich die Fahrt Dritter bis Hamburg?«

»Wollen Sie sich jetzt mit mir unterhalten? Seien Sie ruhig, oder ich lasse Sie auf die Zelle abführen.«

»Herr Wachtmeister, Herr Wachtmeister! Ich hätte heute so schön Zeit, Ihnen noch ’ne Einholtasche zu stricken.«

»Frech willst du werden?! Warte, Jungchen, ich schlage dir die Schlüssel über den Schädel! Machst du, daß du …«

»Ich hätte heute wirklich Zeit, Herr Wachtmeister! Und das Pfund Margarine, das Sie mir für die Hängematte versprochen haben, ist auch noch nicht übergekommen.«

»Schweinekerl! Erpresser! Jetzt willst du Lampen machen, was? Letzten Tag? Feiges Aas! – Ach was, tritt da rein. Werd ich mich noch mit dir ärgern! – Fünf Schritte Abstand – und daß Sie den Mund halten, Kufalt!«

»Ich bin stiekum, Herr Wachtmeister, ich rede keinen Ton!«

Es ist Mai, der Himmel ist blau, jenseits der Mauer, über sie hin, blühen die Kastanien. Das Rund, das die Gefangenen umkreisen, hat der Gärtner mit Wruken bepflanzt, die gerade angegangen sind, ein spärliches Gelbgrün in diesen traurigen, fahlen Farben von Schlacke, pulvriger Erde, Zement.

Sie gehen im Kreise und flüstern. Sie gehen und flüstern. Sie gehen und flüstern.

 

 

5

 

Zurück in seiner Zelle, fällt Willi Kufalt zusammen. So geht’s ihm immer. Wenn er mit anderen zusammen ist, redet er, erzählt er, gibt an, ist der große Ganove und allbefahrene Knastschieber, aber allein mit sich ist er sehr allein, wird klein und verzagt.

Hätte nicht so sein sollen zu Wachtmeister Steinitz, denkt er. Gemein war das. Bloß damit die grünen Jungens, die Stubben, sehen, daß ich ihn in der Tasche habe. Es lohnt nicht, alles mache ich verkehrt – wie wird’s draußen gehen?

Wenn der Schwager doch erst schriebe …! Aber so … da ist die Welt draußen, all diese Städte und die Zimmer, von denen man eines mieten muß, und die Arbeitsstellen und das Geld, das viel zu schnell alle wird – und was dann?

Er starrt vor sich hin. Keine achtundvierzig Stunden trennen ihn vom Entlassungstermin, den er so heiß herbeigesehnt hat seit fünf Jahren. Nun ist ihm angst. Hier ist er gern gewesen, er hat sich rasch gefunden in den Ton und die Art, er hat schnell gelernt, wo man demütig sein muß und wo man frech werden kann. Seine Zelle ist immer blank gewienert gewesen, sein Kübeldeckel hat stets geglänzt wie ein Spiegel, und den Zementboden seiner Zelle hat er zweimal die Woche mit Graphit und Terpentin geputzt, daß er geschimmert hat wie ein Affenarsch.

Sein Pensum hat er immer gestrickt, oft zwei, manchmal sogar drei, er hat sich Zusatzlebensmittel kaufen können und Tabak. Er ist in die zweite Stufe gekommen und in die dritte, ein vertrauenswürdiger Mustergefangener, in dessen Zelle die Kommissionen geführt wurden und der stets angemessen und bescheiden geantwortet hat.

»Ja, ich fühle mich sehr wohl hier, Herr Geheimrat.«

»Nein, ich merke, es tut mir gut, Herr Oberstaatsanwalt.«

»Nein, ich habe über nichts zu klagen, Herr Präsident.«

Aber manchmal – jetzt grinst er, er denkt daran, wie er den kleinen Studentinnen, die Wohlfahrtsfürsorgerinnen werden wollten und ihn so gierig nach seiner Straftat fragten, wie er denen demütig statt Unterschlagung und Urkundenfälschung geantwortet hat: »Blutschande. Hab mit meiner Schwester geschlafen. Leider.«

Er denkt an das entzückt über diesen Witz grinsende Gesicht des Polizeiinspektors und an die eine Studentin, die ihm mit flammendem Blick immer dichter auf den Leib rückte. Nettes Mädchen, hat ihm guten Stoff für manches Einschlafen geliefert.

Und die feine Zeit, als er beim katholischen Pfaffen immer den Altar rüsten mußte, trotzdem der sich heftig gegen einen »Evangelischen« gewehrt hatte. Aber es gab »keine vertrauenswürdigen Katholiken« im Bau, das war ein Hieb der evangelischen Beamten gegen den katholischen Pfarrer.

Wie er da hinter der Orgel gestanden und Luft in die Bälge gepustet hatte, und der Kantor gab ihm jedesmal eine Zigarre, und einmal war der katholische Kirchenchor oben, und die Mädels schenkten ihm Schokolade und feine Toilettenseife. Hinterher nahm sie ihm freilich der Hauptwachtmeister Rusch wieder ab. »Puff! Puff!« hatte er in Kufalts Zelle geschnuppert, »riecht hier wie Puff.« Und hatte so lange gesucht, bis er sie gefunden hatte und die olle Sodaseife wieder Trumpf war.

Nein, eine gute Zeit hatte er gehabt, alles in allem, eigentlich kam die Entlassung etwas Hals über Kopf. So recht vorbereitet war nichts, er würde ganz gerne noch so sechs oder acht Wochen bleiben, sich auf die Entlassung rüsten. Oder war es, daß er auch schon meschugge war, zu spinnen anfing …? Er hatte es ja hundertmal erlebt, die Vernünftigsten, die Ruhigsten wurden kurz vor der Entlassung durchgedreht, fingen an zu spinnen. War er auch soweit?

Vielleicht ja, das mit dem Netzemeister und dem dicken Juden, da so einfach in die Zelle, das hätte er früher nicht riskiert, und das mit Wachtmeister Steinitz auch nicht.

Wenn nur erst der Schwager schriebe! Hatte der Hauptwachtmeister heute schon die Post verteilt? Schwein das, auf den konnte man sich auch nie verlassen, hatte er keine Lust, gab er drei Tage keine Post aus!

Kufalt macht ein paar Schritte und stutzt. Er hat doch die Waschschüssel stets so auf dem Schränkchen stehen, daß ihr Rand millimetergenau mit der Schrankkante abschneidet? Und jetzt steht sie mindestens einen Zentimeter zurück?

Er öffnet die Schranktür.

Kieke da, der hat meine Zelle durchgefilzt, das olle Stielauge, der Netzemeister! Hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben auf seinen Hunderter! Na, warte, mein Junge, wenn du dich da man nicht schneidest!

Kufalt wirft einen argwöhnischen Blick gegen den Spion und greift dann rasch an sein Halstuch. Es knittert beruhigend darin. Aber nun fällt ihm ein, daß in spätestens einer halben Stunde Vorführung beim Arzt ist, und da muß er sich ausziehen und darf also den Hunderter nicht bei sich haben. Das weiß der Netzemeister auch, dann wird er die Zelle noch mal filzen …

Kufalt zieht grübelnd die Stirne in Falten. Er weiß natürlich, daß es in der Zelle kein Versteck gibt, das die Beamten nicht kennen. Die haben da vorne eine Liste, ein Wachtmeister hat es ihm mal erzählt; zweihundertelf Möglichkeiten gibt es, in dem Dreckding von Zelle was zu verstecken.

Aber für ihn handelt es sich jetzt nur darum, ein Versteck zu finden, das anderthalb Stunden vorhält. Länger dauert die Vorführung beim Arzt nicht, und länger hat der also auch keine Zeit zu suchen.

Im Rücken vom Gesangbuch? Nein, das ist schlecht. In der Kapokmatratze? Das wäre nicht dumm, aber dafür ist die Zeit jetzt zu kurz, er kann nicht auftrennen und zunähen in der halben Stunde bis zur Vorführung. Außerdem müßte er sich erst das passende Garn von den Sattlern besorgen.

Nun zeigt es sich, daß es dumm war, den Kübel zu leeren, anderthalb Stunden in dem Dreck auf dem Boden zu liegen, das hätte dem Hunderter nichts geschadet, das wäre wieder rauszukriegen gewesen, aber nun war der Kübel leer.

Unter den Tisch kleben?

Am besten unter den Tisch mit Brotkrumen festkleben!

Er dreht schon an den Kügelchen, aber dann läßt er es wieder: Es ist zu bekannt, und ein Blick genügt. Lieber nicht.

Kufalt wird nervös. Es klingelt schon zum Schluß der letzten Freistunde, in einer Viertelstunde geht die Vorführung los. Ob er den Schein doch mit zum Arzt nimmt? Er könnte ihn ganz fest zusammenrollen und sich hinten reinstecken. Aber vielleicht gibt der Netzemeister dem Hauptbullen vom Lazarett einen Wink, und dann wird er so gefilzt – die sind imstande und untersuchen ihn auf Mastdarmkrebs!

Er ist ratlos. Es ist genau, wie wenn er rauskommen wird. Da sind auch so viele Möglichkeiten, und bei allen ist ein »Aber« dabei. Man muß sich entscheiden können, aber das eben kann er nicht. Wie soll er auch? Die haben ihm doch hier fünf Jahre lang jede Entscheidung abgenommen. Die haben gesagt: »Friß!«, und da hat er gefressen. Die haben gesagt: »Geh durch die Tür!«, und da ist er durchgegangen, und: »Schreib heute!«, und da hat er heute seinen Brief geschrieben.

Die Luftklappe ist auch nicht schlecht. Nur zu bekannt, viel zu bekannt. In dem einen Bettbrett ist ein Riß – aber wenn einer zufällig hinsieht, sieht er sofort den Schimmer vom Papier. Er könnte den Schemel auf den Tisch stellen und das Dings auf den Schirm der Deckenlampe legen, aber das machen alle, und außerdem kann gerade einer durch den Spion linsen, wenn er auf dem Tisch steht.

Kufalt dreht sich rasch um und sieht nach dem Spion. Richtig, er hat’s gefühlt, da ist ein Glotzauge, das ist dem seines, das Fischauge!

Und in gespielter Wut springt er gegen die Tür, ballert daran und brüllt: »Willst du weg vom Spion, Kalfaktor, verdammter!«

Es geht knallbums, die Tür fliegt auf, und in ihr steht der Hauptwachtmeister Rusch.

Nun heißt es theatern, denn Rusch liebt nur die eigenen Späße. Bei Hauptwachtmeister Rusch muß man demütig sein, und so ist Kufalt ganz hübsch betreten, als er stottert: »O Verzeihung, Herr Hauptwachtmeister! Herr Hauptwachtmeister verzeihen, ich dachte, es wäre das Biest von Kalfaktor, der kneistet immer, wo ich meinen Tabak lasse.«

»Wat denn? Wat denn? Krach gibt’s nicht. Der Lack geht von der Türe.«

Kufalt schmeichelt: »Herr Hauptwachtmeister wissen doch, bei mir ist immer alles in Butter, kein Kratzer im Lack.«

Der Hauptwachtmeister, ein etwas stoppliger Napoleon, der wahre Herrscher über das Gefängnis, wortkarg, stets voller Überraschungen, erbitterter Feind jeder Neuerung, des Stufenstrafvollzugs, des Direktors, der Beamten, jedes Gefangenen – der Hauptwachtmeister Rusch antwortet nicht, sondern geht zum Schränkchen, an dem die Personalien- und Vergünstigungstafel hängt.

»Was ist mit Vögeln?« fragt er.

»Mit Vögeln?« fragt Kufalt, halb verwirrt, halb grinsend.

»Vögeln! Vögeln!« knarrt der Despot ärgerlich und tippt mit dem Finger auf die Vergünstigungstafel. »Hier steht: zwei Kanarienvögel. Wo sind die? Verschoben, was?«

»Aber, Herr Hauptwachtmeister«, sagt Kufalt vorwurfsvoll und denkt dabei voll Angst an den Hunderter, der immer noch in seinem Halstuch steckt. »Die gelben Spatzen sind doch draufgegangen, als im Winter die Zentralheizung kaputt war. Ich hab’s Ihren doch noch gesagt!«

»Gelogen. Gelogen. Erstunken. Gelogen. Der Schuster, der Maaß, hat zweie zuviel. Das sind deine. Verschoben!«

»Aber, Herr Hauptwachtmeister, ich habe es Ihnen doch gesagt, daß sie krepiert sind! Ich bin im Glaskasten bei Ihnen gewesen und habe es Ihnen gemeldet.«

Der Hauptwachtmeister steht unterm Fenster. Er dreht dem Gefangenen den Rücken, der sieht nur die dicken weißen Hände, die mit den Schlüsseln spielen.

Wenn er doch ginge! fleht Kufalt. Jeden Augenblick kommt die Vorführung zum Arzt und ich mit dem Schein im Halstuch! Ich bin ja geplatzt! Ich komme gleich wieder in Untersuchungshaft!!

»Die dritte Stufe!« knurrt das Haupt. »Immer die dritte Stufe. Alle Unordnung im Bau. Ihr Geld, Ihre Arbeitsbelohnung …«

»Ja …?« fragt Kufalt, als nichts mehr kommt.

»Aufs Wohlfahrtsamt. Da kannst du dir jede Woche fünf Mark holen.«

»Herr Hauptwachtmeister«, fleht Kufalt, »das werden Sie doch nicht tun, wo ich meine Zelle immer so fein gewienert habe!«

»Wat denn! Tu ich. Mach ich. Mir ganz egal. Wienern …? Ordnung mit Vögeln – hahaha!«

»Haha«, lächelt auch Kufalt gehorsam.

»Was ist«, fragt der Hauptwachtmeister und kann plötzlich Deutsch, »mit dem Netzemeister und dem neuen Netzekalfaktor?«

»Neuer Netzekalfaktor?« fragt Kufalt. »Ist denn ein neuer da? Den hab ich noch gar nicht gesehen.«

»Fiole! Scheiß die andern an! Zehn Minuten warst du bei denen in der Zelle!«

»Aber nein, Herr Hauptwachtmeister, ich war heute überhaupt nur zur Freistunde aus meiner Zelle!«

Der Hauptwachtmeister streicht mit dem Finger nachdenklich über das Schrankdach. Er besieht den Finger, nicht unbefriedigt, dann beriecht er ihn. Nein: Es hat auch nicht eine Spur von Staub auf dem Schrank gelegen. Er besinnt sich und geht gegen die Tür. »Also Arbeitsbelohnung durch Wohlfahrt.«

Kufalt überlegt fieberhaft: Sag ich jetzt nichts, so geht er und ich kann den Hunderter verstecken, aber hänge ewig bei der Wohlfahrt. Hau ich die aber in die Pfanne, bin ich zwar den Hunderter los, kriege aber übermorgen meine Arbeitsbelohnung hier bar ausbezahlt. Aber auch nur vielleicht.

»Herr Hauptwachtmeister …«

»He …?«

»Ich war in der Zelle – bei denen.«

Der wartet. Schließlich: »Was ist …?«

»Der kriegt für den dicken Juden Briefe. Da müssen Sie mal filzen gehen.«

»Nur Briefe?«

»Er wird’s ja nicht tun für die schöne Nase von dem.«

»Weißt du was?«

»Filzen müssen Sie, Herr Hauptwachtmeister. Heute noch, gleich – da finden Sie was.«

Die Tür geht auf. »Kufalt zum Arzt!«

Kufalt sieht auf den Hauptwachtmeister.

»Los!« sagt der gnädig. »Vögel krepieren hier alle im Bau.«

Dem Aas, dem Netzemeister, habe ich das fein besorgt, denkt Kufalt, als er die Treppe hinunterschlurrt. Nun hat er keine Zeit, in meiner Zelle zu suchen. Ach Gott, das wäre ja jetzt auch egal! Nun habe ich den Schein doch noch bei mir, verdammt!

 

 

6

 

Der Wachtmeister sieht Kufalt über das Geländer weg nach. »Ein bißchen dalli, Kufalt! Tut, als wüßte er nicht Bescheid. Bist doch wahrhaftig genug zum Arzt gelaufen!«

Ist ja gar nicht wahr, denkt Kufalt. Seit der mich damals angezeigt hat wegen Simulieren, als ich den Daumen verknackst hatte und nicht stricken konnte, bin ich keine dreimal mehr bei ihm gewesen. Und ich hatte nicht Fiole geschoben, ich hatte den Daumen wirklich verknackst!

Nein, es sind schlechte Aussichten, den Schein noch irgendwie loszuwerden. Auf allen Gängen ist Hochbetrieb. Vorführung zum Direktor, zum Polizeiinspektor, zum Arbeitsinspektor, zum Arzt, zum Pastor, zum Lehrer – auf allen Stationen knallen die Riegel, knacken die Schlösser, laufen Beamte mit Listen, schieben sich Gefangene in ihren blauen Schlotterhosen lang.

Mir geht eben alles schief. Wenn ich einmal wirklich keß bin und schneide mir eine Scheibe ab – ein richtiger Ganove werde ich doch nie …

Unten begrüßt ihn Oberwachtmeister Petrow, ein oller Posener, schon in der Vorkriegszeit Kittchenhengst gewesen, Liebe aller Gefangenen.

»Na, Kufalt, olles Haus, is sich Zeit rum? Siehst du, is gewesen ein Blitz! Warum hat Hauptwachtmeister dir Zelle gegeben? Hättest du machen können auf der Treppe ab das kleine Endchen Knast! – Wie lange? Fünf Jahre? Mensch, Kufalt, Zeit läuft sich wie Auto; was sich kleines Mädchen freuen wird, daß du alles hast aufgespart für sie.«

Der dicke Petrow schnauft strahlend, und die Gefangenen grinsen beifällig.

»Nein, stell dich dorthin, Kufalt, Haus. Nich zu Batzke, denn ihr schwatzt und der Olle kuckt aus Glaskasten, kuckt, kuckt! – Siehst du, hier, und drei Schritte Abstand. – Komm her, du Neuer mit Brille, willst du zu Fuß gehen auf Hamburg …? Bleib hier, mein Söhnchen, mach ein bißchen halt hier bei uns, Liebling … Geh nicht mehr weiter.«

An die dreißig Gefangene stehen schon da, wartend auf die Arztvisite, und noch kommen immer mehr von allen Stationen dazu. Kufalt hat den kleinen Tischler, den Emil Bruhn, entdeckt und winkt ihm aus der Ferne zu.

»Das wird ja heute wieder endlos«, stöhnt er zu seinem Vordermann, »todsicher ist der Fraß eiskalt, wenn wir auf die Zelle kommen. Und heute gibt’s Erbsen.«

Der vor ihm dreht sich um. Er ist ein langes Reff in einer unglaublichen Kledage, Röhren aus lauter hell- und dunkelblauen Flicken, eine Weste, die so kurz ist, daß zwischen Hosen- und Westenrand eine Handbreit Hemd hervorsieht, und eine Jacke mit Ärmeln nur bis an die Ellbogen. Darüber ein kleiner, blasser, böser Kopf.

»Dich haben sie ja beim Hausvater fein in der Mache gehabt«, sagt Kufalt. »Hast ihn wohl geärgert. – Wie lange reißt du ab?«

»Sprechen Sie mit mir?« fragt das Reff. »Darf man denn hier sprechen?«

»Nee. Aber du darfst ruhig du zu mir sagen, unsre Kübel werden doch alle zusammen ausgeschüttet. – Wieviel mußt du abreißen?«

»Ich bin zu zwei Jahren Gefängnishaft verurteilt. Aber ich bin unschuldig, zwei Zeugen haben einen Meineid geschworen. Ich habe schon Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.«

»Das mit dem Meineid sagen wir alle, wenn wir reinkommen«, tröstet Kufalt. »Das gibt sich. – Was hat auf deinem Schild über der Zelle gestanden, vor der Verhandlung?«

»Schild …? Wie meinen Sie das? Ach so! Untersuchungsgefangener, also ein ›U‹.«

»Quatsch, das ›U‹ heißt doch nicht Untersuchungsgefangener, das heißt Unschuldiger. Und was hängt jetzt an deiner Zelle?«

»Strafgefangener. ›S‹.«

»Wieder Quatsch. Schuldiger! Das ist alles ganz einfach. Wenn du verknackt bist, bist du auch schuldig, da hilft kein Reden. Urteil ist Urteil. Rede hier bloß keinen Stuß von wegen Meineidsanzeigen, auf die süße Tour fallen wir hier nicht rein. Da sind ’ne ganze Menge, die nehmen das gewaltig sauer, wenn du so daherredest.«

»Na, erlauben Sie mal, ich bin unschuldig, meine Frau und mein Prokurist werden ein paar Jahre Zuchthaus wegen Meineid kriegen. Hören Sie mal zu, ich werde Ihnen das erzählen …«

Aber er kommt nicht mehr zum Erzählen. Vom Glaskasten her klingt heftiges Schlüsselgeklopfe. »Herr Petrow, passen Sie gefälligst auf! Der Lange da, der Menzel, schwatzt immerzu mit dem Kufalt.«

Petrow stürzt sich wutentbrannt auf den »Unschuldigen«. »Soll ich dir Giftzahn ausreißen, Laster, langes, geklebtes? Bist du in Judenschule, denkst du? Glaubst du? Marsch, marsch, marsch, Linken, Rechten, Linken, Rechten, in Arrestzelle, kannst du reden mit Eisen, bis Arzt kommt, Schwätziges, du!«

Knack, knack, die Zellentür fliegt zu, der ganz verstörte Lange ist verschwunden, und im Vorbeigehen flüstert Petrow strahlend dem Kufalt zu: »Hat er Schiß gekriegt, der Neue? Bin ich schrecklich wütend? Söhnchen, mach mit dem nicht Kumpelage, immer ist das bei Direktor und Inspektor und schwätzt alles, was es hört.«

Und Petrow ist schon zehn Schritte weiter. Da stehen isoliert zwei Braune, schmucke Zuchthaushusaren, sicher auf Transport hier. Und die beiden Isolierten hatten drei Schritte vorwärts gemacht, vom Linoleum herunter auf den gewachsten Zementboden, wohl um etwas Anschluß zu finden bei den anderen Gefangenen, vielleicht wegen Tabak …

»Bleibt sich hier die Herren, auf dem braunen Linolei, immer auf dem Linolei! Hier, die Herren!«

Die Zuchthäusler sehen nicht auf, sie sehen starr vor sich in die Luft, hören nichts, rühren sich nicht. Kufalt stellt wieder fest, daß Zuchthäusler eine ganz andere Art haben, mit Beamten umzugehen. Gefängnisgefangene schmusen sich an, suchen auf du und du zu kommen, der Zuchthäusler hat nie einen Beamten gesehen, die sind alle Luft für ihn.

Petrow empört sich ernstlich: »Auf den Linolei! Auf den Linolei!«

Die beiden hören nichts, sehen nichts. Nur wie zufällig machen sie gerade jetzt einen Schritt, zwei Schritte, drei Schritte – und stehen wieder auf dem Linoleum. Den Beamten haben sie gar nicht gesehen.

Die Tür zum Lazarett tut sich auf. In seinem weißen Mantel erscheint der Lazaretthauptwachtmeister. »Vorführung zum Arzt!«

»Paarweise antreten!« schreit Petrow. »Einrücken ins Lazarett!«

Und im selben Augenblick bricht die sorgfältig bewahrte Ruhe und Ordnung zusammen. An die fünfzig Gefangene rücken mit Gelärm und Geschwätz durch die enge Schlucht eines Ganges über eine Treppe ins Lazarett. Petrow versucht, wenigstens die beiden Zuchthäusler im Auge zu behalten, aber sofort sind die untergetaucht zwischen den anderen, tauschen Worte, ihre Hände fassen zu.

»Na, wartet! Werde ich filzen euch auf Tabak, Schweine, miserablige! – Na, laß sie! – Stellt euch hierhin, ihr beide!«

»Alles in zwei Gliedern aufstellen, die Gesichter zur Wand, die Rücken gegeneinander. Schuhe und Pantoffeln ausziehen und vor sich stellen!« kommandiert der Lazaretthauptwachtmeister.

Es geschieht, ein Name wird aufgerufen, und der Gefangene verschwindet im Arztzimmer, der Hauptwachtmeister hinterher.

»Das wird heute wieder endlos dauern«, haucht Kufalt zum kleinen Bruhn, der neben ihm steht.

»Weiß man nicht, Willi«, flüstert Bruhn. »Manchmal macht er sechzig in einer halben Stunde fertig. Siehst du, geht der Krach schon los.«

Aus dem Arztzimmer tönt Geschimpfe, Geschrei, der Gefangene erscheint, wutrot. »Aber ich bin wirklich krank, ich beschwere mich beim Strafvollzugsamt, das lasse ich mir nicht gefallen!«

»Gehen Sie schon, gehen Sie«, drängelt der Hauptwachtmeister.

»Simulantengesindel«, hört man den Arzt schreien. »Ich besorg’s euch! Der nächste!«

»Riecht heute sauer«, sagt Batzke auf der anderen Seite von Kufalt. »Wenn er schon beim ersten so anfängt …«

»Wenigstens kommen wir dann schneller dran. Ich will noch zum Fußball. Du doch auch?«

»Weiß noch nicht. Mein Affenfett ist alle, ich muß erst noch mal auf die Anschaffe.«

»Müssen wir uns eigentlich ganz ausziehen« fragt Kufalt.

Und Batzke: »In Fuhlsbüttel mußten wir’s. Wie’s hier bei den Preußen ist, weiß ich nicht.«

»Unsinn«, flüstert Bruhn von der anderen Seite. »Gar nichts wird gemacht. Der sieht uns gar nicht an.«

»Glaub ich nicht«, sagt wieder Kufalt. »In der Strafvollzugsordnung steht doch, daß die Gefangenen vor ihrer Entlassung gründlich auf Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu untersuchen sind.«

»Da steht viel.«

»Also du meinst, wir brauchen uns nicht auszuziehen?«

Batzke flüstert: »Na, was für heiße Sore hast du denn in deinen Lumpen, Kufalt? Machen wir Kippe oder …?«

»Stille seid ihr, Klatschtanten«, ruft Petrow. »Mit Schlüssel in Genick schlag ich!«

»Ach, Herr Oberwachtmeister, darf ich nicht mal austreten? Herr Oberwachtmeister, es zieht mir ja so durch den Bauch! Ich hab ja so ’ne Angst vor dem Arzt!« grinst Kufalt.

»Na, geh scheißen, altes Haus. Drüben in Spülzelle. Daß du aber keine drinnen stößt, sonst alles Qualm und Doktor schimpft.«

»Bestimmt nicht, Herr Oberwachtmeister.«

Und Kufalt verschwindet in der Spülzelle, deren Tür er anlehnt. Der Sicherheit halber zieht er die Hosen runter, aber dann stellt er sich mit dem Rücken gegen den Spion, nimmt hastig den Schein aus dem Halstuch, schiebt ihn tief in die Socken (so, Batzke, Kippe is nich), macht sich zurecht, läßt einen Augenblick die Wasserleitung laufen und stellt sich wieder in Reih und Glied.

Petrow steckt den Kopf prüfend in die Spülzelle und zieht ihn befriedigt zurück. »Nicht geraucht, keine gestoßen, braver Kerl, Kufalt.«

Und Kufalt fühlt sich ob dieses Lobes richtig gerührt.

Doch Batzke flüstert: »Na, Mensch, Kufalt, wie is …? Kommst du rüber mit der Sore oder soll ich …?«

Und Kufalt dagegen: »Und was ist mit dem dicken Jud und der nackten Schickse? Mensch, hau bloß ab, bei mir immer Fehlmeldung!«

»Na also«, grinst Batzke. »Hast du den Stubben auch hochgenommen? Sauber! Sauber!«

Aus der Ecke grollt eine drohende Stimme: »Wie lange sollen wir hier noch in Socken auf dem kalten Fußboden stehen? Eine Schweinerei ist das! Beschweren werde ich mich!«

Petrow grinst. »Die Herren aus dem Zuchthaus? Hat sich Medizinalrat so angeordnet. Kann ich nichts machen, Herren. Beschweren sich bei Medizinalrat.«

»Möchte ich auch wissen«, sagt Kufalt leise zu Bruhn, »warum diese Schweinerei ist. Zehnmal habe ich mir schon den Husten bei dieser Steherei auf dem kalten Fußboden geholt.«

»Daß wir den Herren Lazarettkalfaktoren ihr Linoleum nicht zerkratzen«, meint Batzke.

»I wo«, erklärt Bruhn, der alles weiß. »Das ist schon sechs, acht Jahre her, da hat mal ein Gefangener dem Arzt die Latschen um den Kopf gehauen. Seitdem darf kein Gefangener mehr in Latschen zu ihm.«

»Verdammte Schweinerei«, knurrt Kufalt. »Wir dürfen uns hier erkälten, weil …«

»Wir sind eben Vieh«, sagt Batzke. »Aber ich will’s denen draußen auch fein zeigen, was ich für ein Vieh bin!«

Die Gefangenen sind dahingeschmolzen wie Schnee an der Sonne, es hat mehr Krach gegeben, mehr Geschrei, empörte Proteste oder weinerliches Gewinsel, aber zum Schluß hat immer die dicke Schulter des Lazaretthauptwachtmeisters die Leute aus der Tür gekantet, Petrow hat sie weiterbefördert, hat mitfühlend ihre Klage angehört und ist froh gewesen, wenn er sie aus dem Lazarett raus hatte. Nun kommen nur noch die beiden Zuchthäusler und die Entlassungen dran.

»Paß auf, jetzt gibt’s Krach«, rät Kufalt.

»Glaub ich nicht«, zweifelt Bruhn. »Sollte mich wundern.«

Und nach fünf Minuten erscheinen die beiden wieder aus dem Arztzimmer, mit denselben ausdruckslosen Gesichtern, und diesmal taucht der Herr Medizinalrat selbst hinter ihnen auf. »Der Hauptwachtmeister bringt Ihnen gleich die Medizin rauf. Ja, auch Watte. Jawohl.«

»Die können’s besser, die Jungen«, beneidet sie Kufalt.

»Ach was«, sagt Bruhn, »feige ist er bloß, der Doktor. Das können doch Lebenslängliche sein – und was riskieren die schon, wenn sie ihm in die Fresse schlagen? Lebenslänglich bleibt immer lebenslänglich. Das weiß der Doktor ganz gut.«

»Kehrt! Den Arzt anschauen! Das sind die Leute, die diese Woche zur Entlassung kommen, Herr Medizinalrat.«

»Schön.« Der Medizinalrat sieht nicht hoch. »Die Leute können abgeführt werden. Alle gesund, alle arbeitsfähig, Herr Hauptwachtmeister.«

»Dafür haben wir hier nun eine Stunde gewartet«, sagt Bruhn.

»Aber ich schreibe eine dicke Beschwerde, wenn ich raus bin«, erklärt Kufalt.

»Vieh muß wie Vieh behandelt werden«, grinst Batzke. »Recht hat er, der Pflasterkasten!«

 

 

7

 

Als Kufalt in seine Zelle kommt, hat er schon wieder Grund zum Ärger. Da haben sie unterdessen Essen ausgegeben und ihm seinen Eßnapf auf den Tisch gestellt, aber nur einen Schlag haben sie hineingetan! Hunde, die verdammten! Soll er Kohldampf schieben noch in den letzten Tagen? Und gerade Erbsen, die er so gerne ißt!

Aber als Kufalt dann sitzt und hastig löffelt – er muß schlingen, denn es kann jede Minute klingeln zur Freistunde der dritten Stufe –, widersteht ihm das Essen plötzlich. Das hat er ein paarmal gehabt in diesen Jahren: Wochenlang, monatelang konnte er den breiigen Fraß nicht runterbringen.

So wühlt er nur appetitlos in der Schüssel, ob sich vielleicht ein Stückchen Schweinefleisch hineinverirrt hat – aber nichts.

Er kippt das Essen in den Kübel, macht die Schüssel sauber und schmiert sich einen Kanten mit Schmalz. Sein Schmalz schmeckt deftig, die Schneider braten es ihm unten auf dem Bügelofen mit Äpfeln und Zwiebeln aus. Zu ihm sind sie anständig, bei ihm nehmen sie nicht mehr als ein Viertel vom Pfund für ihre »Arbeit«, andere müssen die Hälfte oder gar drei Viertel geben, und wer grün ist, der kriegt überhaupt nichts zurück. Da hat es eben der Hauptwachtmeister beschlagnahmt. Die Schneider sind noch anständig gewesen und haben alle Schuld auf sich genommen. Erzählen die. Mach da schon was!

Kufalt hockt auf seinem Schemel und gähnt. Am liebsten haute er sich eine Weile aufs Bett, aber der Hauptwachtmeister kann jeden Augenblick an die Glocke schlagen, es wäre schon längst Zeit.

Wie sich die Zeit dehnt, diese letzten Tage und Wochen! Sie geht nicht hin, sie geht nicht hin, sie bleibt, sie klebt, sie geht nicht hin. Sonst hat er jede freie Minute gestrickt, aber er mag nicht mehr, nicht eine Masche mehr wird er denen stricken! Nichts mag er mehr. Auch nicht draußen sein. Sicher schreibt Werner überhaupt nicht, und dann darf er beim Pfaffen um Unterkunft betteln.

Das Beste wäre ein gutes, sicheres Einkommen, es braucht nur klein zu sein, aber sicher. Nichts mehr von den Ganoven sehen, irgendwo ganz unauffällig hausen, ein gewisser, gleichgültiger Willi Kufalt, und man hat sein Zimmer und sitzt warm durch den Winter. Vielleicht mal Kino. Und nette Büroarbeit und so weiter und so weiter. Er wünscht sich nichts Besseres. Amen.

Die Glocke schlägt an.

Er fährt hoch, greift nach Mütze und Halstuch, fühlt noch mal, ob der Schein fest im Strumpf sitzt – da macht schon Steinitz die Tür auf. »Freistunde dritte Stufe!«

Unterm Glaskasten sammeln sie sich, elf Männlein von sechshundert.

»Seid ihr alle?« fragt Petrow.

»Nein, Batzke fehlt noch.«

»Der pennt, muß extra geweckt werden.«

»Nein, der will nicht kommen.«

»Einen feinen Begriff kriegen die vorne. Die werden uns rasch wieder die Extrafreistunde abknöpfen, wenn sie sehen, daß wir nicht mal hingehen.«

»Wer hat den Fußball?«

»Einen neuen brauchen wir auch wieder. Den kann man nicht mehr flicken.«

»Halt ’s Maul, Schuster, gut ist der noch zu flicken, sei bloß nicht so faul!«

»Wenn die feinen Herren übermorgen rauskommen, können sie schon mal zehn Mark schmeißen von ihrer Arbeitsbelohnung.«

»Ich brauch mein Geld für mich.«

»Nanu, Herr Oberwachtmeister, warum gehen wir denn heute durch den Keller?«

»Is sich näher.«

»Und verboten ist es auch.«

»Wer verboten? Gar nicht verboten!«

»Rusch!«

»Was der verbietet, ich hust in die Hosen.«

»Da steht doch wer!«

»Mensch, Bruhn, kommst du mit uns mit?«

»Au fein, Emil, da können wir schön miteinander klönen.«

»Petrow hat mich rausgeschmuggelt, Rusch ist jetzt nicht im Bau. Fein, was, Willi?«

»Das gibt es gar nicht! Der ist noch nicht mal zweite Stufe! Herr Oberwachtmeister …!«

»Ich nichts sehen. Nicht wissen, wie Bruhn rausgekommen.«

»Hältst du den Sabbel, neidischer Hund! Gönnst das dem Bruhn wohl nicht, daß er ein einziges Mal mit uns rauskommt?«

»Stubben, dämlicher, wenn ich mal was will, gibst du an, noch und noch.«

»Bei Bruhn ist das anders, bei Bruhn sagt kein Wachtmeister was.«

»Anders – weil er dein Süßer ist, was? So was gibt’s gar nicht, ich werde dir Lampen machen!«

»Tu’s doch, wenn du’s wagst! Ich weiß auch was von dir …«

Sie sind draußen. Es ist der Freihof vom Jugendgefängnis, auf dem sie Fußball spielen und spazierengehen dürfen, ohne Aufsicht – Petrow hat sich schleunigst gedrückt –, als Vorbereitung für die Freiheit, allerdings von einer fünf Meter hohen Mauer umgeben.

»Komm, Willi, laß ihn doch reden, ich bin ja jetzt draußen.«

»Ja, komm. Wir gehen hier die Mauer lang, da stören wir sie nicht beim Spiel.«

»Dir muß man eine in die Fresse schlagen, du hochnäsiger Hund, du!«

»Schlag doch, schlag doch, wenn du eine Courage hast!«

»Das will ich dir beweisen, du Priemmaul, du elendes …!«

»Spielen wir nun Fußball oder nicht, Schuster …?«

»Viel zu elend bist du mir, hau bloß ab mit deinem Pupenjungen. Aber ich sag es dem Rusch …!«

»Also komm endlich, Willi!«

»Dieser elende Schuster, Emil! Ich will dir auch sagen, warum er so stänkert. Meine beiden gelben Spatzen hab ich ihm verkauft für vier Pakete Tabak. Und der Rusch hat es gerochen. Nun ist er die Vögel und den Tabak los. Darum ist er so giftig, nicht deinetwegen.«

»Wann kommt er raus, der Schuster? Der spinnt ja schon.«

»Und ob. Drei Jahre muß er noch abreißen. Aber er schmiert sich ja an jeden ran, den Beamten besohlt er heimlich die Schuhe, noch und noch, und jetzt will er ja auch wieder in die katholische Kirche eintreten, da kriegt er sicher Bewährungsfrist!«

»Ja, der kommt immer wieder raus, der versteht den Bogen.«

Sie gehen in der warmen Maisonne immer unter der Mauer auf und ab. Grün ist kein Gräserl, kein Zweig zu sehen, aber der Himmel ist schön blau, und nach den trüben Zellen ist die Sonne doppelt hell und warm. Sie wärmt bis in die Knochen, die Glieder werden schlaff und lässig, die immer gespannte, sprungfertige, abwehrbereite Stimmung entspannt sich, die beiden werden weich und ruhig.

»Du, Willi«, sagt der kleine Bruhn.

Er ist ein dicker, molliger Junge, erst achtundzwanzig, mit siebzehn in den Bau gekommen. Mit seinen hellblauen Augen, dem rosigen, vollen Gesicht, dem fast weißen Haar sieht er aus wie ein großes Kind. Auf seinem Schild in der Zelle steht aber »Raubmord«, und er hat auch die Höchststrafe für Jugendliche bekommen, damals noch fünfzehn Jahre. Doch nach so was sieht er nicht aus, er ist ein guter Junge, alle im Bau mögen ihn. Nie hat er sich angeschmiert, und doch mögen sie ihn.

Übrigens behauptet er, wenn er auf die Sache, sehr selten und sehr hilflos, zu sprechen kommt, daß er zu Unrecht verurteilt ist. Es war kein Raubmord, es war Totschlag, in Wut und Verzweiflung hat er seinen Kahnschiffer, der den Schiffsjungen Bruhn bis aufs Blut peinigte, erschlagen. Daß es ihm dann leid tat, mit dem toten Schiffer die goldene Uhr ins Wasser zu werfen, das steht seiner Ansicht nach auf einem anderen Blatt. Nicht um die Uhr hat er den erschlagen.

Da gehen die beiden jungen Leute, fünf Jahre und elf Jahre Knast haben sie hinter sich, jetzt sind sie in der Sonne, und in zwei Tagen ist alles überstanden, und alles wird wieder gut.

»Du, Willi?»fragt der kleine Bruhn.

»Ja, Emil?«

»Ich hab dich schon in der Spülzelle gefragt: Willst du nicht hierbleiben? Hier am Ort, meine ich. Nein, sag noch nichts, ich denke mir, wir nehmen uns zusammen ein Zimmer, das wird billiger. – Und wenn du nicht gleich Arbeit kriegst, kochst du und wäschst und machst die Hausarbeit. Ich werd gut verdienen. Und abends werfen wir uns fein in Schale und gehen aus.«

»Ich muß doch sehen, daß ich Arbeit kriege, Emil. Ich kann doch nicht ewig deine Hausarbeit machen.«

»Arbeit kriegst du. Nur so für den Anfang, dachte ich. Wenn du kräftiger wärst, würde ich dich in der Holzfabrik unterbringen, aber du mußt wohl Schreibkram machen oder so was … Der Alte mag dich doch gerne, der besorgt dir sicher was.«

»Ach, der Direktor, der kann auch nicht, wie er möchte. Und dann, Emil, hier das kleine Nest, überall laufen die Wachtmeister rum und die blauen Jungens auf Außenarbeit, und ewig hast du den Bunker vor Augen, und nach drei Tagen wissen die Krimschen, woher du bist. Und dann schwatzt es sich rum, und die Wirtin erfährt’s, und dir wird gekündigt …«

»Wir gehen gleich zu einer, die’s nicht stört.«

»Ach, das sind doch auch wieder solche, die wollen uns dann gleich hochnehmen.«

»Braucht nicht zu sein, Willi, glaub mir, braucht nicht zu sein. Es gibt auch andere. – Ich denk immer, ich krieg noch mal ein anständiges Mädel, nicht solch Nuttenpack, und heirate und werde Meister und hab Kinder …«

»Würdest du’s ihr denn sagen?«

»Weiß nicht. Müßte man mal sehen. Aber besser nicht.«

»Aber du mußt es ihr sagen, Emil! Sonst hast du ja immer Angst, es kommt raus und sie läuft dir weg.«

Sie stehen in der vollen Sonne, sie sehen sich nicht an, sie sehen vor sich hin in den grauen Sand, Kufalt wühlt mit seinem Pantoffel darin.

Bruhn bittet noch einmal: »Also, Willi, mach, komm mit mir!«

Und Kufalt: »Nein. Nein. Nein. Das mit dir, Emil, wäredoch auch wieder Kittchen. Wir würden immer nur vom Bau reden und vom Knast. Nee, nicht.«

»Nein!« sagt nun auch Bruhn.

»Man hat ja hier alles mitgemacht, und man hat schön mitgeschoben und beschissen und hat andere in die Pfanne gehauen und ist denen in den Arsch gekrochen, denen vorne, aber nun Schluß!«

»Ja«, sagt Bruhn.

»Und dann, wegen des anderen auch … Weißt du, als ich auf der Penne war, auf der Schule, verstehst du, da habe ich ’ne Liebe gehabt, ganz von weitem, wir haben höchstens zweimal miteinander gesprochen, und einmal hab ich gesehen, wie sie ihr Strumpfband wieder festmachte in den Anlagen. Das war damals, als die Mädchen noch lange Röcke trugen, weißt du …«

»Ja«, sagt Bruhn.

»Aber das war nichts gegen das erste Jahr hier, als du mir gegenüber auf der anderen Seite die Zelle hattest, und ich sah dich morgens. Du hattest nur Hemd und Hose an und setztest den Kübel raus und den Wasserkrug. Und dein Hemd stand offen über der Brust. Dann fingst du an, mir zuzulächeln, und ich hab immer auf das Schließen gewartet, ob ich dich zu sehen kriegte … Und dann schicktest du mir den ersten Kassiber …«

»Ja«, sagt Bruhn, »das war damals noch durch den langen Kalfaktor, den Tietjen, der wegen Raub saß. Der war stiekum, der machte es selber so.«

»Und dann das erstemal, als du im Duschraum, wie der Wachtmeister sich umdrehte, zu mir unter meine Dusche krochst, und wie du dich immer hinter dem Schirm verstecktest, wenn der linste … Gott, es waren doch manchmal schöne Zeiten hier im alten Bau …«

»Ja«, sagt Bruhn, »aber ein Mädchen ist doch besser.«

Kufalt besinnt sich. »Siehst du, darum hab ich mich daran erinnert: Wenn wir beide zusammen wären, es ginge gleich wieder los wie früher …«

»Nein«, sagt Bruhn. »Nicht, wenn Mädchen da sind.«

»Doch«, sagt Kufalt. »Und es soll alles vorbei sein. So schön es gewesen ist, es soll alles vorbei sein. Jetzt geht es ganz neu los, und ich will genauso sein wie alle anderen.«

»Also du gehst bestimmt nach Hamburg?«

»Nach Hamburg, ja, da fragt keiner nach mir.«

»Na schön, bleib bloß fest in Hamburg, Willi. – Gehen wir noch ein Stück?«

»Ja, gehen wir, die Sonne ist schon richtig heiß.«

Der kleine Bruhn sagt: »Dann werde ich also mit Krüger zusammenziehen. Der kommt am 16. Mai raus.«

Kufalt fragt erschrocken: »Hast du den jetzt, Emil? Der ist aber nicht gut.«

»Nein, ich weiß. Er klaut uns auch immer unseren Tabak. Und er hat drei Strafen, weil er Arbeitskollegen bemaust hat.«

»Na also!«

»Aber was soll ich machen? Einen muß ich haben, ganz allein halt ich’s nicht aus. Und die meisten wollen draußen nichts von mir wissen, von wegen Raubmord, weißt du.«

»Aber nicht gerade mit Krüger!«

»Wer kommt denn schon mit mir! Du hast doch auch nein gesagt.«

»Aber doch nicht darum, Emil!«

»Und ich muß auch jemanden haben, der mir hilft, Willi. Ich bin doch elf Jahre im Bunker, ich weiß doch von nichts, Mensch. Manchmal habe ich direkt Angst, ich denke, ich mach was falsch, und es geht gleich wieder schief, und ich sitz mein Lebtag drin.«

»Schon darum ginge ich nicht mit Krüger.«

»Also zieh du zu mir.«

»Nein. Ich kann nicht. Ich will nach Hamburg.«

»Dann nehme ich Krüger.«

Eine Weile gehen sie stumm nebeneinander. Dann sagt Bruhn: »Ich muß dich auch noch was fragen, Willi. Du weißt doch mit solchen Sachen Bescheid …«

»Mit was für Sachen?«

»Mit Geld. Mit Sparkassenbüchern.«

»Ein bißchen. Vielleicht.«

»Wenn jemand – also einer hat ein Sparkassenbuch auf meinen Namen, und er hat auch die Marke dazu, kann er da Geld abheben darauf? Nicht wahr, das kann er doch nicht?«

»Meistens wird er’s können, wenn das Sparbuch nicht gerade gesperrt ist, oder es ist Kündigung ausgemacht. Meistens kann er’s. Hast du ein Sparbuch?«

»Ja. Nein. Es ist eins angelegt worden für mich …«

»Vor deinem Knast?«

»Nein, hier …«

»Quatsch dich rein aus, Emil, ich halt schon den Sabbel. Vielleicht kann ich dir was helfen?«

»Ich hab doch immer in Schuppen drei gearbeitet, erst bei den Möbeltischlern und nachher für die Firma Steguweit die Geflügelställe …«

»Ja?«

»Und dann hat doch Steguweit auf der Großen Geflügelausstellung die goldene Medaille gekriegt auf seine Fallennester und mußte liefern noch und noch. Und damit wir ordentlich was fertigkriegten, haben seine Werkmeister uns heimlich Tabak zugesteckt. Das war damals, als im Bau überhaupt noch nicht geraucht werden durfte.«

»Vor meiner Zeit …«

»Ja, und dann kam es raus, es gab einen Riesenkrach, und mit dem Tabak war es alle. Aber sie hatten sich was anderes ausgedacht. Wir hatten ja nun keine Lust mehr, uns das Leder von den Händen zu arbeiten, bloß damit Steguweit Geld verdiente, und schlugen so Nest für Nest zusammen, gerade, daß der Tag hinging. Und da kamen dann die Werkmeister und sagten: ›Jungens, für jedes Nest, das ihr über fünfzehn abliefert pro Tag und Mann, kriegt ihr zwanzig Pfennig. Und das Geld wird für jeden von euch eingezahlt auf ein Sparkassenbuch mit seinem Namen. Und wenn ihr entlassen seid, dann kommt ihr zu uns und holt euch das Geld ab.‹«

»Saubere Sache das? Da wurden Nester fertig?«

»Mensch, ich sage dir! Wir haben Tage gehabt, da haben wir zweiunddreißig, ja, fünfunddreißig pro Nase extra abgeliefert. Na, es war auch Schinderei, meine Pfoten hättest du sehen sollen, das hat was gekostet!«

»Und das Geld ist richtig für dich eingezahlt?«

»Klar. Im ersten Jahr waren schon über zweihundert Mark da. Und im nächsten machte es noch mehr. Jetzt müssen’s schon weit über tausend sein.«

»Na, nun verlang doch das Sparbuch. Nimm’s ihm einfach weg, wenn er’s dir zeigt.«

»Ja, jetzt zeigt er es doch nicht mehr. Ist zu gefährlich, sagt er, riecht sauer, sagt er. Da sind doch eine Masse Leute rausgekommen in der Zeit, und manche haben Krach gemacht und sind zum Direktor gelaufen, weil es zuwenig ist. Und Steguweit hat zum Direktor gesagt, das alles ist Scheißhausparole, so was wie Sparbücher gibt es natürlich überhaupt nicht, weil es nicht zulässig ist vor dem Gesetz, daß Gefangene sich Geld extra verdienen.«

»Es sind doch sicher welche von den Entlassenen wieder reingekommen in der Zeit in den Bau, was haben die denn erzählt?«

»Welche sind, die hat der Steguweit gefragt, wenn sie zu ihm gekommen sind, ob sie träumen, er weiß von Sparbüchern nichts. Und wenn sie gemein geworden sind, dann hat er mit der Polizei gedroht. Manchen, die sehr gebettelt haben, hat er auch zwanzig Mark gegeben und manchen fünfzig, aber was ist das gegen die vielen Hunderter, die sie zu kriegen hatten? Ich hab allerdings das meiste, ich bin von Anfang an dabei.«

»Und was sagen die Werkmeister?«

»Daß die Kerls schwindeln. Daß die ihr Geld gekriegt haben, und daß sie es nur nicht wahrhaben wollen, weil sie es gleich versoffen und verhurt haben.«

»Möglich ist das ja. Das sind doch alles Scheißer, die wieder reinkommen in den Bunker. Aber warum zeigen sie dir das Buch dann nicht? Das ist doch Schwindel, daß sie Angst haben! Du müßtest den Steguweit anzeigen. Aber nee, das ist auch nichts, das laß lieber. Nachher kriegst du noch Knast wegen Erpressung wie der Sethe da an der Mauer.«

»Der hat doch was mit dem Küchenmeister gehabt?«

»Ja. Laß schon, ich seh rot, wenn ich daran denke. Der käme auch übermorgen raus und muß noch drei Monate abreißen, weil ich den Sabbel nicht gehalten habe. Der brächte mich am liebsten um. Na, laß schon …«

»Ich hab gedacht«, sagt der kleine Bruhn, »ich geh am schlausten zum Alten. Der ist doch ein netter Kerl und hilft uns, wenn er kann.«

»Freilich, wenn er kann. Er kann nur nicht, wie er will.«

»Warum soll er nicht können? Er braucht nur jeden Gefangenen in Schuppen drei zu fragen, dann hört er, daß ich die Wahrheit sage.«

»Und wenn er dir auch glaubt, er kann gar nichts machen. Das ist doch was Verbotenes, das Spargeld, und er kann dir doch nicht zu was Verbotenem verhelfen! – Sieh mal, da ist die Sache von dem ollen Sethe drüben, die war ganz sauber, und doch schiebt der Olle Knast dafür noch ein Vierteljahr.«

Sie stehen in einem Winkel. Die Fußballspieler sind müde geworden, liegen an der Mauer in der Sonne, schlafen und rauchen.

»Rauchen auch wieder, die Äster«, murrt Kufalt. »Wissen, daß es verboten ist hier vorm Jugendgefängnis. Na, laß sie, übermorgen bin ich in der vierten Stufe, da kann mir piepe sein, was aus der dritten wird. – Aber, der olle Sethe, der war Kartoffelschäler für die Küche und saß seine sechs oder acht Jahre im Kartoffelkeller und schälte Kartoffeln. Und jeden Monat einmal meldete er sich zum Arbeitsinspektor, er bäte um andere Arbeit, er wäre nun lange genug im Kartoffelkeller gewesen, möchte auch mal an die Luft. Und immer wurde sein Gesuch abgelehnt. Schließlich kommt er dahinter, daß es der Küchenmeister ist, der den Arbeitsinspektor aufputscht, er soll ihn nicht aus dem Kartoffelkeller rauslassen. Weil Sethe nämlich soviel schafft wie sonst zwei Kartoffelschäler. Das hast du vom vielen Arbeiten hier im Bau.«

»Richtig.«

»Und er fleht den dicken, vollgefressenen Küchenbullen an, er soll ihn doch rauslassen, er wird trübsinnig in dem nassen dunklen Keller, und der sagt: Ja, ja, nur noch dies Vierteljahr, und im Frühjahr soll er zu den Gärtnern kommen. Und dann wieder nicht und wieder nicht, bis dem ollen Sethe die Geduld reißt.

Der weiß doch eine ganze Menge aus der Küche, und so weiß er auch, daß der Küchenmeister sich jeden Mittwoch und Sonnabend seine fünf, sechs Pfund Fleisch unter die Weste steckt und nach Hause schleppt. Und dann dürfen die Beamten sich doch Hobelspäne holen aus der Tischlerei, in einem Sack auf dem Handwägelchen, zum Feueranmachen. Aber im Sack vom Küchenmeister sind oben Späne, und unten drin sind Erbsen und Linsen und Graupen und Grieß. Aber das beste ist: Meistens muß ausgerechnet der olle Sethe dem Dicken das Handwägelchen nach Hause ziehen.

Na, der Sethe überlegt sich hin und her, wie er es machen soll, daß er den Küchenmeister absägt und ein anderer kommt und er aus dem Keller. Schließlich erzählt er mir den ganzen Quatsch und fragt: ›Kufalt, was soll ich machen?‹ Und ich sage ihm: ›Sethe, die Sache ist klar wie Kuhkäse, mit der Scheiße gehen wir zum Direktor.‹ Und er sagt: ›Zum Alten! Auf keinen Fall! Da schussele ich rein!‹ Und ich sage: ›Wie kannst du da reinschusseln, der Quatsch ist klar, wir drehen das Ding so, daß du nicht reinfallen kannst.‹ Und er zu mir: ›Ich wollte Gott, ich hätte dir nichts gesagt, ich falle rein, du bist ja grün.‹ Und ich zu ihm: ›Ich bin nicht grün, aber du bist in einer Woche bei den Gärtnern.‹ Und melde mich zum Direktor.

Denn eine schöne Wut hatte ich im Bauch auf das fette Schwein von Küchenmeister. Uns armen Gefangenen, die Kohldampf schieben, frißt so ein Speckjäger noch das bißchen Fleisch weg!«

»Und was sagte der Alte?«

»Der Direktor hört sich also die Geschichte an und wiegt seinen ollen Glatzkopf hin und her und sagt: ›So ist das also. Gehört habe ich auch schon davon, aber wie es im einzelnen zuging, das wußte ich noch nicht.‹ Und ich sage ihm: ›Ja, nun darf aber der Sethe nicht reinfallen. Wenn Herr Direktor sich vielleicht am nächsten Mittwoch oder Sonnabend um sechs Uhr am Tor aufhalten wird? Da kommt der Küchenmeister mit seinem Handwagen mit Spänen drauf und Sethe vorneweg. Und kneift Sethe die Augen zu, so ist diesmal wirklich nur Holzzeug im Sack, und läßt er die Augen offen, so greifen Sie zu und haben den Speckjäger.‹ – ›Ja‹, sagt der Direktor, ›das haben Sie sich gut ausgedacht, das machen wir. Und ich danke Ihnen auch, Kufalt.‹

›Na‹, sage ich zu Sethe, ›die Sache ist in Butter.‹ Und er freut sich auch. Aber am nächsten Mittwoch sagt er: ›Der Direktor war nicht da, und drei Büchsen Corned beef waren im Sack!‹ Und am Sonnabend sagt er: ›Die haben dem Küchenmeister die Sache verpfiffen, der ist ganz anders zu mir.‹

Und wie der Kram zum Klappen kommt, kriegt der Sethe eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung in die Zelle. Und die Köche stehen wie ein Mann da und schwören, daß sie nie gesehen haben, daß der Küchenmeister sich Fleisch genommen hat oder Erbsen und daß das auch gar nicht möglich ist, und oll Vadder Sethe hat drei Monate Knast weg. Übermorgen wäre er sonst rausgekommen.«

»Aber vielleicht hat er wirklich geschwindelt. Warum soll der Direktor so was machen?«

»Das hat doch nicht der Direktor gemacht, das hat doch die Beamtenkonferenz gemacht. Das geht doch nicht, daß ein alter Beamter von einem Gefangenen reingelegt wird! – Sei du vernünftig, mach es, wie ich es dir gesagt habe, und geh nicht zum Direktor.«

»Ich weiß nicht, Willi. Bei mir ist das doch anders.«

»Natürlich ist es anders bei dir. Aber das gleiche ist, daß der ein Verbrecher ist und du auch, und uns wird schon von vornherein gar nichts geglaubt. Mach es, wie ich es dir gesagt habe. Halt die Klappe und sei froh, wenn du draußen bist und Arbeit hast!«

»Wenn du wirklich meinst, Willi?«

»Natürlich meine ich das. Ich mach es auch nicht anders, Emil!«

 

 

8

 

Am Nachmittag wurde Kufalt plötzlich von einem jähen Arbeitseifer ergriffen. Eigentlich hatte er bloß seine Zelle wienern wollen, aber dann sah er, daß ihm am Netz nur noch gegen zweitausend Knoten zu einem vollen Pensum fehlten, und wenn er sich dranhielt, war das zu schaffen, und er bekam achtzehn Pfennige mehr ausbezahlt bei der Entlassung.

So strickte er denn los auf Deubel komm raus. Ein bißchen schluderig wurde es ja, und gerade bei einem Heringsbelli sah es immer infam aus, wenn die Knoten nicht fest waren. Aber die Hauptsache blieben die achtzehn Pfennige, und wenn der Netzekalfaktor das Netz ordentlich reckte, war es noch zehnmal gut für die ollen Fischdampfer.

Dann ist er mit dem Stricken fertig, setzt sich auf den Fußboden und reibt ihn ein. Auch das muß man weghaben, nur eine Spur Terpentin mit Graphit, sonst bleibt die Erde stumpf und wird nicht blank, soviel man auch mit der Bürste reibt. Zum Schluß macht er »Muster«, das ist augenblicklich die große Mode im Zentralgefängnis: Aus einem Pappdeckel schneidet man sich eine Schablone und bürstet nun den Boden durch die Schablone »gegen den Strich«, dann hat man hell- und dunkelglänzende Muster auf der Erde, Blumen und Sterne und kleine galoppierende Tiere. Es ist das kein Muß, aber es macht Spaß und gefällt dem Auge des Hauptwachtmeisters Rusch und macht sein Herz geneigt für solche Künstler.

Als er auch das fertig hat, geht er ans Putzen des Metalls. Der schwierigste Fall ist die Innenseite des Kübeldeckels, die direkt mit dem Urin und Kot in Berührung kommt, da bildet sich immer ein weißlicher, schleimiger Schimmel. Nun, er hat den Bogen raus, man scheuert das erst mit einem möglichst hartgebrannten Backstein, dann …

Zu Anfang hat es ihn gestört, daß unterdes der offene Kübel dicke Gestankwolken in seine Zelle sendet, jetzt weiß er von so was nichts mehr. Der Kübel stinkt eben, da kann man nichts machen, und er stinkt auch noch lange nach, denn die Zellen sind klein und lüften sich schlecht.

Dann nimmt man etwas Putzpomade …

Aber da geht die Tür zu seiner Zelle auf, und der Netzemeister kommt herein, mit seinem Netzekalfaktor. Doch das ist der Rosenthal nicht mehr, das ist schon wieder ein neues Gesicht.

»Nanu, Meister«, grinst Kufalt und putzt emsig weiter, »haben Sie schon wieder ’nen neuen Kalfaktor? Das geht bei Ihnen ja wie Brezelbacken!«

Der Meister antwortet nicht, sondern sagt zu seinem Gehilfen: »Da, das Netz raus und alles Garn und die Eisenstange und – wo haben Sie Ihr Messer, Kufalt?«

»Liegt im Schrank bei der Bibel. Nee, auf dem Fenster. Habe eben noch das Pensum fertiggestrickt, Meister.«

»Welches Pensum? Wollen Sie nicht den Kübel solange zumachen? Das stinkt hier wie die Pest.«

»Ihre riecht wie Veilchen, was? – Welches Pensum? Das letzte Pensum natürlich. Immer, was unten dranhängt!«

»Sechzehn Pensen haben Sie seit dem Ersten! – Machen Sie jetzt den Kübel zu, ich befehle es Ihnen!«

»Geht nicht, muß den Deckel wienern. Trampeltier du da hinten, heb das Netz gefälligst auf und verschramm mir nicht meinen Boden! Siehste nicht, daß ich frisch gewienert habe?«

Der Gefangene, ein »Studierter«, wie Kufalt gleich gesehen hat, sagt: »Schnauzen Sie mich nicht an, ich verbitte mir das! Und dann sollen Sie den Kübel zumachen, haben Sie ja gehört, das stinkt hier wirklich gemein.«

»Mit dir red ich überhaupt nicht, du hast doch sicher ’ne alte Tante um ihre Spargroschen betrogen?! – Wieso sechzehn, Meister? Jetzt sind’s siebzehn, und die will ich morgen bezahlt haben, sonst kracht’s.«

»Seien Sie nicht so frech, Kufalt«, bittet der Meister förmlich. »Oder ich muß Herrn Hauptwachtmeister rufen.«

Kufalt aber ist in Wut und sagt: »Den ruf du man, mit dem erzähle ich mir gerne was. – Guck nicht so, du Dussel, raus mit dem Netz, raus mit dir aus meiner Zelle! – Wollen Sie mich zum Tort um ein Pensum betrügen?«

Der Netzemeister ist ganz verzweifelt. »Sie sind ja reine wild, Kufalt, Sie spinnen ja. Der Arbeitsinspektor hat doch heute früh schon die Pensumlisten von den Entlassenen verlangt! Da kann ich doch nichts mehr ändern, Kufalt. Nehmen Sie schon Vernunft an!«

Kufalt schreit: »Dann mußten Sie’s mir sagen!«

»Sie waren doch beim Arzt.«

»Ganz egal! Denkt ihr, ich schenke euch viertausendfünfhundert Knoten! Bring das Netz rein, du, ich knot’s wieder auf.«

»Kufalt«, fleht der Meister, »seien Sie nur einmal vernünftig. Sie brauchen doch sechs, acht Stunden, die Knoten wieder aufzumachen.«

»Ganz egal!« schreit Kufalt wieder. »Das ist Schikane von dir! Das ist deine Rache, daß du mir das Pensum nicht zahlen willst, ich kenne dich doch! Das Netz her oder ich schmeiß den Kübel mit dem ganzen Scheißdreck …«

»Wat denn! Wat denn!« klingt es von der Tür, und der Herrscher des Zentralgefängnisses, Hauptwachtmeister Rusch, schiebt sich herein. »Mit Scheiße schmeißen? Feste, feste! Aber alles wieder einsammeln, mit den Händen, selbst! Selbst!!«

»Und der Mann will übermorgen rauskommen«, sagt der Netzemeister, der sich plötzlich sehr sicher fühlt.

»Das geht Sie gar nichts an«, fährt Kufalt neu auf. »So was haben Sie überhaupt nicht zu sagen! Sie sind hier kein Beamter, verstehen Sie! Beim Direktor werd ich Sie melden! Sie, Sie haben mich erst so gemacht! Schikaniert haben Sie mich Tag für Tag! Ich hab’s Ihnen nicht vergessen, Meister, wie Sie mir immer das schlechteste Garn gegeben haben und immer gesagt haben, die Knoten sind nicht fest genug. Und ich hab getreckt und getreckt, bis ich mir den Daumen verknackst habe, und Sie haben sich in den Bart gelacht und haben gesagt: Immer noch nicht fest genug.«

»Warum schreien Sie denn so, Kufalt?« fragt der Hauptwachtmeister. »Sind Sie krank?«

»Gar nicht bin ich krank, aber siebzehn Pensen hab ich gestrickt, und der Meister will mir nur sechzehn anrechnen. Ist das Gerechtigkeit? Ich denke, wir werden hier nach Gerechtigkeit behandelt?«

»Wenn der Mann siebzehn gestrickt hat, muß er auch siebzehn bezahlt kriegen«, erklärt Rusch.

»Aber ich hab dem Arbeitsinspektor …«

»Wat! Wat! Aber! Hat er siebzehn gestrickt …?«

»Ja, aber …«

»Wat! Wat! Aber? Kriegt er siebzehn bezahlt! Alles klar!«

»Aber ich hab die Listen doch schon abgeliefert.«

»Dann sagen Sie eben, Sie haben einen Fehler gemacht.«

»Es ist nur, Herr Hauptwachtmeister«, sagt plötzlich grinsend Kufalt, »weil er denkt, ich hab ihn in die Pfanne gehauen mit seinem Rosenthal. Darum soll ich ein Pensum weniger kriegen. Und darum bin ich so wütend gewesen.«

Der Hauptwachtmeister guckt und wartet. Dies ist seine Stunde. In solchen Stunden erntet er, in diesen Stunden, wenn sich die Kumpel verfeinden und die Genossen anschwärzen, da sammelt er sein Material gegen Gefangene und Stufenstrafvollzug, da kommt der Stoff her für seine Anzeigen. Alles weiß er, alles erfährt er, und vorne in seinem Büro der Direktor schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und verzweifelt: Ist denn nicht ein Gerechter …?

Der Netzemeister läuft blaurot an und schluckt. »Herr Rusch, wenn hier einer in die Pfanne gehauen werden muß …«

»Na, wat denn?« fragt Rusch breit und gemütlich. »Sie meinen doch nicht unsern Musterknaben, den Willi Kufalt? Gucken Sie sich die Zelle an, wissen Sie sonst noch so ’ne Zelle im ganzen Bau? Gewienert, glänzt wie ein Affenarsch.«

Und Kufalt ist seiner Sache so sicher, daß auch er noch den Meister hetzt: »Freilich, ich muß in die Pfanne gehauen werden, Meister. Sie haben’s gerade nötig, mir Lampen zu machen, Meister. Haben doch wohl auch als Hilfsbeamter einen Eid geschworen, Meister?«

Worauf nun wieder der Netzemeister wütend losbricht: »Der Erpresser der, aber ich will Ihnen sagen, Hauptwachtmeister …« Und besinnt sich, dunkelrot, aber besinnt sich: »Also Sie kriegen Ihre siebzehn Pensen bezahlt, Kufalt. Und wenn ich Ihnen die achtzehn Pfennig übermorgen unterm Tor selber geben muß. Sie kriegen sie!«

Der Netzemeister geht ab. Jetzt steht der Hauptwachtmeister unzufrieden und wütend da.

»Hab ich keine Post, Herr Hauptwachtmeister?« fragt Kufalt.

»Post. Post. Sie kriegen Ihre Post, wenn’s Zeit ist. Und überhaupt haben Sie nicht so frech zu sein. Der Netzemeister ist Ihr Vorgesetzter. Ich schreib’s in Ihren Entlassungsschein, Kufalt, daß die Führung schlecht war. Dann kommen Sie bei keiner späteren Strafe auch nur in die zweite Stufe.«

Spricht’s und schrammt die Tür zu, ehe Kufalt sich von neuem entrüsten kann.

 

 

9

 

Abends um acht Uhr hat die dritte Stufe ihren allwöchentlichen Radioabend. Es ist schön still im Bau, die paar Wachtmeister vom Nachtdienst schlurren auf Filzlatschen herum und schließen die schon für die Nacht versperrten Zellen der Leute von der dritten Gruppe vorsichtig und leise noch einmal auf. Und sachte gehen die runter zum Schulzimmer, denn nichts ist schlimmer als ein Gefängnis, das nachts in Lärm gerät. Sind die Gefangenen erst einmal in ihrer kostbaren Nachtruhe gestört, dann hört das Schreien und Toben und Brüllen überhaupt nicht wieder auf.

Im Schulzimmer sammeln sich die zwölf, es ist noch ziemlich taghell, der Schuster hantiert schon am Radio.

»Was gibt’s denn?« fragt Kufalt, aber der Schuster ist noch von mittag her böse und antwortet nicht.

Dafür sagt Batzke, der lange Batzke, der über nackte Mädchenschönheiten gebietet und der die Heizkessel der Anstalt versorgt: »’ne Oper, von Verdi. Willste zuhören?«

»Nee, nur nicht. Warum die am Abend nie was Humoristisches machen, versteh ich nicht. Könnten doch auch mal an ’nen Gefangenen denken.«

Aber Batzke leiert seinen alten Vers: »Warum sollen die an uns denken? Sind froh, daß sie nicht an uns zu denken brauchen. Heilfroh, daß sie uns los sind, Vieh, das wir sind.«

Das Radio hat eingesetzt, und die beiden gehen den langen Gang neben den Schulbänken auf und ab.

»Hast du Tabak? Au, Mensch, Batzke, wo kriegst du nur immer den feinen Tabak her? Ich habe hier ja auch was gelernt von Schieben, aber so wie du …«

»Wenn du erst vierzehn Jahre Knast abgerissen hast wie ich«, sagt der sechsunddreißigjährige Batzke, »kennst du den Laden auch schon besser.«

»Nur nicht!« ruft Kufalt. »Lieber tot!«

»Das sag man nicht«, tröstet Batzke. »Dafür ist die Zeit draußen um so schöner.«

»Nee, danke, ich werde jetzt solide.«

»Mach bloß so was nicht«, warnt Batzke. »Du hältst es ja doch nicht durch. Da strampelst du dich zwei Monate ab oder drei oder fünf und schiebst Kohldampf und rennst dich um nach Arbeit. Und vielleicht kriegst du wirklich Arbeit und schuftest dich tot, daß sie dich nur behalten. Aber dann kommt’s doch irgendwie raus, daß du gesessen hast, und der Chef befördert dich an die Luft, oder die Kollegen – die sind immer die Schlimmsten – wollen mit so ’nem Verbrecher nicht arbeiten. Hab ich alles versucht. Aber wenn du dann mürbe bist und hast drei Tage nichts gefressen und faßt was an und gehst hoch dabei, gleich sagen sie: ›Das haben wir uns doch gedacht. Gut, daß wir den damals gleich rausgeschmissen haben.‹ So sind die, und wenn du schlau bist, dann hörst du auf mich und fängst gar nicht erst so was an wie Solidwerden. Dann machste mit mir mit.«

»Aber man wird geschnappt und kommt wieder ins Kittchen.«

»Nicht so leicht, wenn man ausgeruht ist und Geld hat. Immer wenn man Kohldampf hat und Angst und Geld kriegen muß. – Irgendwann fassen sie einen natürlich doch, aber bei mir wird das seine Weile haben.«

»Aber es gibt doch welche, die kommen nicht wieder rein?«

»Wer denn? Wer denn? Sag doch, wie lange schiebst du Knast? Wieviel Leute hast du schon wiederkommen sehen in der Zeit? – Na also! Und die nicht hierher wiedergekommen sind, die schieben jetzt woanders Knast. Ich dreh mein nächstes Ding auch nicht wieder in Preußen, ich geh mit ’nem Stadtplan brechen in Hamburg, daß ich nur nicht über die Grenze nach Altona gerate. Knast in Fuhlsbüttel ist viel besser als in Preußen, da kann schon die zweite Stufe Fußball spielen.«

»Ich mag aber nicht brechen gehen. Hab keinen Mumm für so was.«

»Sollst du auch nicht, mein Junge. Weiß ich doch selber. Wie wirst du mit solchen Ärmchen brechen gehen? Nee, auf so einen wie dich habe ich schon lange gewartet. Du bist doch fein, kennst die Fremdwörter und ein bißchen Englisch Parlewuh, du ahnst ja nicht, wie einem so was fehlt. Ich mach auch lieber was anderes als auf Bruch gehen.«

Kufalt fühlt sich geschmeichelt.

»Ich hab gelernt und gelernt«, erzählt Batzke weiter, »aber den richtigen Dreh krieg ich doch nicht raus. Eine Weile lang hab ich mal in Heiratsschwindel gemacht, das Risiko ist nicht so groß, und du brauchst kein Geld auszugeben für die Nutten, aber glaubst du, ein besseres Mädchen hab ich gekriegt …? Ich hab so aufgepaßt, wie’s gemacht wird, auf der Rennbahn und in der Bar, und die Fingernägel hab ich mir manikürt – nichts. Die feinen Kavaliere sind mit den großen Kallen abgezogen, und wenn ich meine besah, dann war’s immer ein Dienstbolzen oder höchstens ’ne Stütze, mit ein paar Hundert Erspartem, es lohnte nicht.«

»Richtiges Benehmen könnte ich dir schon zeigen.«

»Siehst du, das ist es, was einen wurmt. Ich versteh alles, ich kann ’nen Geldschrank knacken mit ’nem Schneidbrenner, wie nur einer. Aber immer krieg ich nur die kleinen Sachen, die andern gehen mit den großen über den Harz. So was wurmt einen, wenn man sein Fach versteht.«

»Aber zum Einbrechen braucht man doch keine Bildung, Walter!«

»Du hast ’ne Ahnung! In einen feinen Klub kommen als Doktor Batzke oder mit einem Luxuszug mitfahren, ohne daß gleich die Schmiere den Braten riecht, in einem hochherrschaftlichen Haus die Vordertreppe raufgehen, und der Portier hat nicht einmal die Courage, dich zu fragen, wieso und zu wem – das, sage ich dir, das mußt du mir beibringen.«

»Ich glaub immer, du kannst das alles schon. Du hast sicher in deinem Leben mehr Sekt gesoffen als ich.«

»Sicher … aber eben gesoffen … aber eben mit Huren. Sekt trinken, weißt du, und dabei ’ne Unterhaltung führen mit ’ner richtigen Dame, und ihr nicht schon nach dem dritten Glas in den Ausschnitt fassen – so was will ich lernen!«

Sie gehen auf und ab. Alle unterhalten sich, rauchen, streiten, ein paar im Winkel spielen Schach. Verdis Melodien gehen unter in dem Gelärm.

Walter Batzke fängt an zu schwärmen: »Mensch, ich sage dir, wir wollen es fein haben! Wenn wir jetzt rauskommen, haben wir beide Geld, da wird gelebt, sage ich dir. Was du in der ersten Nacht tust, weißt du?«

»Nee! Was tue ich da?«

»Nichts weißt du! Eine feine Nutte freist du dir auf der Reeperbahn oder in der Freiheit und gehst mit ihr auf ihre Bude. Und wenn sie anfängt von Marie und Abladen und so, dann haust du deinen Entlassungsschein auf den Tisch und sagst: ›Mädchen, heute blechst mal du! Fahr Sekt auf!‹«

»Die wird mir schön auf den Kopf spucken.«

»Das weiß er nicht! Nicht mal das weiß er! Die erste Nacht nach dem Knast ist bei allen Huren in Hamburg frei. Das ist so. Das kannst du mir glauben. Da schließt sich keine aus.«

»Wirklich?«

»Ehrenwort! – Na, und am Sonntag komme ich dann ja nach.«

»Soll ich dich von der Bahn abholen?« fragt Kufalt.

»Nee, lieber nicht. Ich muß erst mal nach Haus und nach meiner Ollen sehen.«

»Verheiratet bist du plötzlich auch?«

»Nee! Seh ich so aus? ’ne olle Witwe habe ich, so an die Fünfzig, die sonst keinen mehr findet, die besorge ich, und dafür habe ich zwei feine Zimmer und Bad und fein Essen – Präpelchen, Junge! Vielleicht kannst du auch bei mir wohnen, muß mal sehen, Harvestehuder Weg, Witwe Antonie Hermann. Die ist von der großen Reederei, davon hast du doch schon gehört?«

»Glaubst du denn, daß die all die Jahre auf dich gewartet hat?«

»Du bist gut! Natürlich hat sie ’nen Jungen, und natürlich hat sie keine Ahnung, daß ich jetzt wieder rauskomme aus dem Knast. Aber du weißt ja, wie ich bin, fromm bin ich nicht. Ich stell mich einfach hin vor den Jungen und sag: ›Der Rabe ist da. Raus!‹ Und wenn er seine Sachen packt, da steh ich dabei, und was sie ihm zuviel geschenkt hat, das wird meine!«

Kufalt macht es Spaß, er grinst. »Und läßt sie sich das gefallen?«

»Die …? Ich weiß doch, wo die Reitpeitsche hängt, und wenn ich sie erst einmal verdroschen habe, weiß sie von keinem andern mehr.«

Es geht Kufalt etwas durcheinander, der Rauch ist dick und der Abend trüb geworden, und die Musik der Oper klingt aus weiter Ferne. Witwe vom Harvestehuder Weg, Reedereibesitzerin, Reitpeitsche, Rabe – es ist ein bißchen viel. Aber wenn man fünf Jahre Knast geschoben hat, scheint nichts unmöglich – Dinge hat man hier erlebt!

Er läßt es auf sich beruhen und fragt: »Also wo treffen wir uns? Und wann?«

»Ich will dir sagen«, schlägt Batzke vor, »wir treffen uns auf dem Hauptbahnhof – nee, da läuft immer soviel Schmiere rum, die kennen mich alle. Wir treffen uns um acht auf dem Rathausmarkt unterm Pferdeschwanz.«

»Wo ist das?«

»Unterm Pferdeschwanz? Warst noch nie in Hamburg?«

»Nur ein paar Tage.«

»Da ist ein Denkmal von Kaiser Wilhelm auf dem Rathausmarkt, da reitet er. Unterm Pferdeschwanz weiß jeder in Hamburg.«

»Gut. Das finde ich. Also um acht.«

»Abgemacht. Und wirf dich fein in Schale. Wir machen einen langen Zug.«

»Schön. An mir soll’s nicht liegen.«

»An mir auch nicht.«

 

 

10

 

Durch den schlafenden, fast dunklen Bau schleicht hinter dem Nachtbeamten Kufalt, auf Socken, die Pantoffeln in der Hand.

Der Wachtmeister schließt die Zelle auf, er steht einen Augenblick da, den Lichtschalter zögernd in der Hand. »Gehen Sie einmal ohne Licht ins Bett, Kufalt. Ich muß sonst in zehn Minuten die vier Treppen wieder rauf. Und ich hab den ganzen Tag zu Haus Holz gesägt und bin hundemüde.«

»Selbstverständlich«, sagt Kufalt. »Das macht mir nichts. Gute Nacht, Herr Thiessen.«

»Gute Nacht, Kufalt. Es ist ja wohl Ihre letzte Nacht?«

»Vorletzte.«

»Und wie lange haben Sie abgerissen bei uns?«

»Fünf Jahre.«

»Lange Zeit. Auf und ab eine lange Zeit«, sagt der alte Mann und schüttelt den Kopf. »Sie werden sich wundern draußen. Fünf Millionen Arbeitslose. Schwer ist das, Kufalt, schwer. Meine beiden Söhne sind auch arbeitslos.«

»Ich hab ja warten gelernt.«

»Haben Sie’s gelernt? Hier doch nicht! Hier hat’s noch keiner gelernt. – Na, wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte, Kufalt, alles Gute. Sie werden’s nicht leicht haben, schwer werden Sie’s haben. Ob Sie’s aushalten werden? Wer einmal aus dem Blechnapf frißt …«

Der alte Mann steht wartend, denn Kufalt ist schon beinahe fertig mit Ausziehen im Licht der Flurlampe.

»Schlecht sind Sie nicht gewesen, nur zu leicht. Fleißig, ja. Und höflich, wenn man höflich war. Aber immer gleich im Bruddel, wenn was verquer ging, und hinter jeder Scheißhausparole hinterher. Fünf Millionen Arbeitslose, Kufalt …«

»Sie machen mich nicht gerade munter, Herr Thiessen.«

»Munter werden Sie schon genug sein, wenn Sie entlassen sind, da sorgen die Mädchen schon für und der Suff – das Muntersein macht’s nicht. Denken Sie immer daran, Kufalt, wir haben hier im Bau an die siebenhundert Zellen – denen ist’s egal, wer sich drin sorgt. Uns ist’s egal, bei wem wir schließen, alles kennen wir schon, alles, was es gibt.«

»Jeder ist anders, Herr Thiessen.«

»Draußen ja. Aber hier drinnen, da seid ihr alle gleich, das wissen Sie doch selbst, Kufalt. Wie rasch lernt ihr’s. – Na, gehen Sie jetzt man schlafen. Ihr Bett haben Sie schon runtergeklappt. Sehen Sie, das ist nett, so was mag ich, das sind die wirklich Gebildeten. Aber andere gibt’s. Der Schlimmste ist der Batzke, der macht sein Bett nachts um zwölf vom Haken und haut es mit aller Gewalt auf den Steinfußboden, daß der ganze Bau rebellisch wird. – Na, schlafen Sie denn also gut, die vorletzte Nacht. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Herr Thiessen. Und danke auch schön. Für alles!«

 

 

11

 

Es ist nicht dunkel in der Zelle. Durch das Fenster kommt Mondlicht. Kufalt stellt sich auf sein Bett und zieht sich an der Blechblende hoch. Nun kann er mit einem Knie auf dem schmalen Fenstersims ruhen und sieht oben, unter der Decke, in die Nacht.

Ja, es ist still. Wenn sich auch einmal ein Hund rührt und ein Schritt laut wird auf dem Hof von der Nachtwache, darum ist die Nacht nur noch stiller.

Nein, keine Sterne. Auch den Mond kann er nicht sehen, nur seine Helligkeit ist in der Luft. Die dunklen, schweren, langen Schatten da, das sind die Mauern, und was sich kuglig über ihnen wölbt, das sind die Kastanien. Die blühen jetzt, aber man kann sie nicht riechen. Kastanien riechen nur von ganz nah, und dann riechen sie unangenehm, wie Samen.

Aber sie werden noch blühen, wenn er draußen ist. Er kann unter ihnen gehen, wenn sie blühen, er kann hingehen, wenn sie voller werden im Grün, wenn die ersten gelben Blätter kommen, wenn die Früchte platzen, wenn sie kahl sind, wenn sie wieder blühen – immer kann er zu ihnen gehen, überallhin kann er gehen, wie er will, wann er will.

Es ist nicht auszudenken. Fünf Jahre lang hat er viele hundert Male hier unter der Decke gehangen, immer in Gefahr, mit der Blende herunterzurasseln oder vom Wachtmeister erwischt zu werden, nun braucht er das alles nicht mehr.

Der Thiessen hat gut quasseln, denkt er. Der versteht von nichts mehr was, so ein Wachtmeister hat ja lebenslänglich. Und das mit seinen zwei Söhnen. Ich weiß ganz gut, der Jüngste hat lange Finger gemacht und säße auch hier, wenn der Vater nicht alles abbezahlte. Viel Gehalt hat er auch nicht.

Er hat Lust auf eine Zigarette und klettert hinunter. Während er im Dunkel der Zelle nach den Hosen und dem Tabak in ihnen tastet, überkommt ihn plötzlich ein Gefühl … er bleibt stehen …

Ich will nicht mehr, denkt es in ihm. Ich will gewiß nicht mehr. Ein guter alter Mann, er ist immer nett gewesen zu allen. Es ist auch so wie draußen die Nacht, es wird dunkel, der Mond scheint, dann wird es wieder hell, es ist alles ganz einfach …

Er bemüht sich, klarzuwerden. Alle diese Schuftigkeiten, es macht es nur schwerer, es war vorher alles viel leichter, als ich noch ganz einfach in meiner Zelle saß, nichts von Schieben und Angeben wußte. Ich muß sehen, daß es wieder leichter wird. Ich komme sonst nicht durch, bin zu schwach, recht hat er. Es wird mir immer gleich alles zuviel. Man müßte irgendeinen sauberen Anfang haben, ganz gleich wie. Vielleicht gehe ich morgen doch zum Pastor.

Er dreht sich die Zigarette und zündet sie an. Ich muß sehen, daß es geht. Ich will gleich morgen früh damit anfangen, nicht um fünf am Fenster nach Batzkes Trulle zu sehen.

Er sitzt im Hemd auf der Bettkante und starrt vor sich hin, sehr hilflos. Die Asche fällt unbeachtet auf den herrlichen Fußboden. Seiner hat ein Sternmuster, mit Mond und Sonne.

ZWEITES KAPITEL

Die Entlassung

1

 

Ob Kufalt, am Morgen um fünf erwacht, sich den Reizen eines nackten Mädchenkörpers verweigert hätte, bleibt zweifelhaft. Denn er wacht erst um drei Viertel sechs auf, als die Glocke mit zwei scharfen Schlägen Signal zum Aufstehen und Waschen gibt.

Er fährt hoch, in die Hosen, besonders gut wird das Bett gemacht, denn heute ist die große Zellenabschiedsrevision. Dann das Waschen im Emailleeßnapf statt in der blinkenden Nickelwaschschüssel, die nun zu putzen keine Zeit mehr ist.

Als die Kalfaktoren um sechs nach Kübeln und Wasser laufen, die Zellenriegel zurückdonnern und die Schlösser knacken, ist Kufalt schon längst beim Reinigen des Zementfußbodens. Noch einmal muß das Muster drauf gewichst werden, alles ist von der Nacht verdorben. Dann baut er das Inventar nach einem heiligen System auf, damit der Hauptwachtmeister auf einen Blick überschaue: siehe! alles ist da.

Und bei all dieser Tätigkeit denkt er doch nur ununterbrochen an den Traum, den er gehabt hat in der Nacht. Der Traum aus den ersten Wochen seiner Untersuchungshaft ist wiedergekommen, jetzt in dieser Nacht.

Er läuft auf einen dunklen, tiefverschneiten Wald zu. Er muß sehr rasch laufen, die Polente ist auf seiner Spur. Es ist Nacht, es ist bitterer Winter, der Wald vor ihm ist sehr groß, auf einer Karte hat er gesehen, achtzehn Kilometer läuft die Chaussee durch Wald. Aber er muß hinüber nach der anderen Seite, dort geht eine andere Bahnlinie, dort vermuten sie ihn nicht, dort kann er vielleicht noch entkommen.

Ehe er in die ungeheure Waldung eintaucht, die ihn für vier Nachtstunden umschließen wird, muß er durch ein Dorf. Und im Gasthof des Dorfes sind die Fenster noch hell. Er geht hinein und läßt sich einen Schnaps geben. Und noch einen. Und noch einen. Es scheint, er kann nicht mehr warm werden. Er kauft sich eine Flasche Kognak. Er verstaut sie in seine Aktentasche und zahlt.

Dabei merkt er, daß ihn zwei Männer aufmerksam betrachten, ein blasser, fuchsgesichtiger, junger und ein alter, gedunsener, mit nur noch ein paar Haaren auf der schorfigen Platte. Zwei Pennbrüder.

»Viel Schnee auf den Wegen«, krächzt der Alte.

»Ja«, antwortet Kufalt und sieht, wo das Wechselgeld auf seinen Hunderter bleibt. Er hat die Geldtasche dabei in der Hand, und der Blick des jungen Fuchses liegt auf ihr, haltlos gierig.

»Gibt noch mehr Schnee, Nachbar«, brummt der Alte. »Keine Nacht zum Spazierengehen.«

»Nein«, sagt er kurz und steckt die Brieftasche ein. Er sagt »Guten Abend« gegen den Wirt hin und geht hinaus. Als er an dem Tisch der beiden vorbeikommt, steht der junge auf und sagt bittend: »Geben Sie einen Schnaps aus für zwei Durchgefrorene. Wir wollen auch noch auf Quanz.«

Er geht rasch vorbei, als hätte er nichts gehört.

Draußen empfängt ihn der Wind mit einem scharfen prasselnden Trieb Schnee direkt ins Gesicht. Er muß sich Schritt um Schritt gegen ihn ankämpfen, der Wald steht dunkel über dem Feld, ein paar hundert Meter ab.

Ich hätte ihnen einen Grog geben lassen sollen, macht er sich Vorwürfe. Dann wären sie noch eine Viertelstunde sitzen geblieben, und ich hätte Vorsprung gehabt. Die sind scharf auf mein Geld. Warum hat er gesagt, wir gehen auch auf Quanz? Woher weiß er, wohin ich will?

Er versucht, den Weg zurückzusehen, den er kam.

Aber es ist nichts zu erkennen, der Schnee treibt jagend schräg vorbei.

Im Wald wird es stiller sein. Aber der Schnee wird hoch liegen. Noch achtzehn Kilometer! Ich bin wahnsinnig, wie gut saß ich in Berlin! Sobald ich im Walde bin, nehme ich die Tausender aus der Brieftasche und verstecke sie an mir. Dann finden sie nur das Wechselgeld von dem Hunderter, und das sollen sie gerne haben!

Er läuft gegen Wind und Schnee stürmend an. Der Alkohol flammt in ihm hoch, er dampft von Wärme. Der Schnee kühlt das Gesicht gut.

Dann plötzlich ist es ganz still um ihn, er ist in die »Geduld« gekommen, in den Windschatten des Waldes. Nur noch ein paar Schritte. Da steht ein Tannenbusch gleich am Wege, er will hinter ihm Deckung nehmen, bricht in die metertiefe Schneeverwehung des Chausseegrabens ein und kämpft, immer wieder abrutschend und einsinkend, um festen Boden.

Als er den hat, nimmt er sich nicht erst die Zeit, den Schnee abzuklopfen von den Kleidern. Er setzt einen Fuß auf den Chausseestein und knöpft hastig die Schnürsenkel auf. Seine Schuhe sind gut, mit langen, wasserdichten Schäften, der Fuß darin ist trocken und warm. Vorsichtig schiebt er das flach gekniffte Paket mit den Tausendern – es sind leider nur noch drei – zwischen Strumpf und Haut, fühlt, ob alles gut und glatt sitzt, und zieht den Schuh wieder an.

Dann richtet er sich auf. Er nimmt einen tüchtigen Schluck aus der Flasche. Er ist ganz ruhig jetzt und seiner Sache sicher. Die kriegen ihn nie, weder die noch die. Er ist der Schlauste. Er muß nur forsch ausschreiten, die holen ihn nie ein.

Und so beginnt seine Wanderung. Sie ist schwieriger, aber auch leichter, als er dachte. Von den beiden sieht und hört er nichts wieder, doch der Schnee liegt schrecklich hoch, bei den Schneisen in breiten Wehen, in denen er bis zu den Armen versinkt. Und von der Chaussee gleitet er so oft ab, daß er schließlich darin Routine hat: Sobald er den Boden unter den Füßen verliert und in den Graben rutscht, wirft er sich mit aller Gewalt in die frühere Gehrichtung, dann landet er meist noch auf fester Erde.

Von Zeit zu Zeit macht er einen Chausseestein frei und leuchtet die Zahl an. Er kommt langsam vorwärts. Mehr als drei Kilometer schafft er nicht in der Stunde. Gut ist, daß er den Kognak hat, aber trotz alledem: den Frühzug bekommt er nicht mehr in Quanz, und vor allem: er muß dort erst in ein Hotel und schlafen und schlafen!

Als er die geleerte Flasche in den Schnee wirft, hat er noch vier Kilometer vor sich. Vor acht kann er nicht in Quanz sein. Die letzten Kilometer fällt er nur vorwärts, von einem Fuß auf den anderen, trotzdem zum Schluß die Chaussee fast schneefrei ist, außerhalb des Waldes rein geweht vom Winde.

Dann sitzt er im Deutschen Adler in Quanz auf der Bettkante, das Zimmer ist eisig, der eben angezündete Ofen qualmt. Er schläft immer wieder, zur Seite fallend, ein, aber er muß sich ...

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