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Wer einmal aus dem Blechnapf frißt - Der Trinker - In meinem fremden Land

Informationen zum Buch

Wer einmal aus dem Blechnapf frißt:
Der Häftling Kufalt kann sein fünfjähriges Gefängnisleben nicht mit der Gefängniskluft abstreifen. Es bleibt an ihm haften, begleitet ihn auf Schritt und Tritt wie unsichtbar an ihn gekettet. Sein Leidensweg ins bürgerliche Dasein ist von den Vorurteilen seiner Umwelt begleitet. Es platzt die Verlobung und sein Traum von der ehrbaren Existenz. Er, der ewige Pechvogel, bleibt ein Versager für die Bürger und für die Ganoven.
Erleichtert geht er zurück ins Gefängnis: Nun hat er Ruhe - er ist zu Hause.

Der Trinker:
Untergang eines Kleinbürgers.
In gut zwei Wochen, bis zum 21. September 1944, schrieb Fallada seinen persönlichsten Roman nieder. Zu der Zeit lebte er auf richterlichen Beschluss für dreieinhalb Monate in der Strelitzer Landesanstalt. Vorangegangen war ein Streit mit seiner geschiedenen Frau, bei dem Fallada einen ungezielten Schuss aus seinem Terzerol abgab. „Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, teilte er seiner Mutter in einem Brief mit. Umgeben von kranken Kriminellen, Wärtern und Pflegern, selten ungestört, schrieb Fallada nicht nur den Roman, sondern noch fünf Erzählungen und seine Sicht auf die Nazizeit nieder. Um das Manuskript zu schützen, tarnte er es durch Unleserlichkeit: fertige, eng beschriebene Manuskriptblätter stellte er auf den Kopf und schrieb in den Zwischenräumen zurück. Mitunter wiederholte er den Vorgang, so dass die Seiten wie mit einer Geheimschrift bedeckt erschienen. In monatelanger Entzifferungsarbeit wurde der Roman nach Falladas Tod im Aufbau-Verlag rekonstruiert. In dieser Fassung erschien er als Lizenzausgabe 1950 im Rowohlt-Verlag, 1953 im Aufbau-Verlag.
„Ein zeitloses Dokument über die Abgründe einer Sucht.“ Nürnberger Nachrichten.

In meinem fremden Land:
»Ich habe das Leben wie alle gelebt, das Leben der kleinen Leute.«
Noch bevor der Zweite Weltkrieg zu Ende ist, im Herbst 1944, resümiert Hans Fallada in einer Gefängniszelle die Jahre unter der NS-Diktatur. In ständiger Angst vor Entdeckung beginnt er sich vom Alpdruck der Nazi-Zeit freizuschreiben. Hellsichtig, selbstkritisch und mutig legt er mit seiner politischen Abrechnung den Grundstein für ein Spätwerk, das in seinem letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ kulminiert – und mit dem er ein einzigartiges Vermächtnis hinterlässt.

Informationen zum Autor

Rudolf Ditzen alias HANS FALLADA (1893–1947), zwischen 1915 und 1925 Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, zwischen 1928 und 1931 Adressenschreiber, Annoncensammler, Verlagsangestellter, 1920 Roman-Debüt mit "Der junge Goedeschal“. Der vielfach übersetzte Roman "Kleiner Mann – was nun?" (1932) machte Fallada weltberühmt. Sein letztes Buch, „Jeder stirbt für sich allein“ (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Weitere Werke u. a.: »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931), »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Wolf unter Wölfen« (1937), »Der eiserne Gustav« (1938).

Hans Fallada

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst
&
Der Trinker
&
In meinem fremden Land

Drei Romane in einem E-Book

 

 

 

Hans Fallada

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

Roman

 

 

 

 

Textgrundlage dieser Ausgabe:

Hans Fallada. Ausgewählte Werke in Einzelausgaben.

Herausgegeben von Günter Caspar.

Band III. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar,

4. Auflage 1976

Vorwort

Eine der ersten Taten der Nazis war es, daß sie dieses Buch vom Blechnapf auf die schwarze Liste setzten. Eine der ersten Taten des neuen demokratischen Deutschlands ist es, dieses Buch wieder zu drucken. Dies scheint mir beinahe symbolisch: Jede Zeile in diesem Roman widerstreitet der Auffassung, die von den Nationalsozialisten über den Verbrecher gehegt und durchgeführt wurde an ihnen. Jetzt ist wieder Platz für Humanität, für eine Humanität, die wohl frei ist von jeder Gefühlsduselei, die aber des Satzes eingedenk bleibt: Ihr laßt den Armen schuldig werden …

Ich habe bei diesem Neudruck keine Zeile geändert der ersten Auflage gegenüber. Vielleicht denke ich heute in manchen Dingen anders als damals vor elf Jahren, als ich dieses Buch schrieb. Um so mehr ein Grund, nichts zu ändern. Wir können unsere Bücher nicht in jeder Lebensphase umschreiben. Und im großen ganzen hat für mein Gefühl noch Gültigkeit, was ich damals schrieb.

So gehe denn hinaus, Buch, in die Welt. Ich hoffe, daß auch du für dein Teil ein weniges beiträgst zur Humanisierung der Menschen – nach zwölf Jahren der Verrohung.

 

Berlin, am 1. Dezember 1945

H. F.

ERSTES KAPITEL

Reif zur Entlassung

1

 

Der Strafgefangene Willi Kufalt geht in seiner Zelle auf und ab. Fünf Schritte hin, fünf Schritte her. Wieder fünf Schritte hin.

Einen Augenblick bleibt er unter dem Fenster stehen. Es ist schräg aufgestellt, soweit die eisernen Blenden das zulassen, und herein dringt das Scharren vieler Füße, auch einmal der Ruf eines Wachtmeisters: »Abstand halten! Fünf Schritte Abstand!«

Station C 4 hat Freistunde, eine halbe Stunde gehen sie dort im Kreis, an der frischen Luft.

»Nichts haben Sie zu reden! Verstanden?!« ruft der Wachtmeister draußen, und die Füße scharren weiter.

Der Gefangene geht gegen die Tür, nun bleibt er dort stehen und lauscht in den Bau, der still ist.

Wenn Werner heute nicht schreibt, denkt er, muß ich zum Pfaffen gehen und betteln, daß sie mich in das Heim aufnehmen. Wohin soll ich sonst? Über dreihundert Mark macht mein Arbeitsverdienst sicher nicht. Die sind bald alle.

Er lauscht immer noch. In zwanzig Minuten ist die Freistunde vorbei. Dann kommen wir runter. Sehen, daß ich vorher noch was Tabak krampfe. Ich kann doch nicht die letzten zwei Tage ohne Tabak sein.

Er öffnet das Schränkchen. Sieht hinein. Aber natürlich ist kein Tabak da. Die Eßschüssel muß ich auch noch wienern, sonst kotzt Rusch mich an. Putzpomade …? Besorgt mir Ernst.

Auf den Tisch legt er Jacke, Mütze, Halstuch. Wenn draußen auch ein strahlender, warmer Maitag ist, Halstuch und Mütze sind Vorschrift.

In zwei Tagen ist es ja überstanden. Dann kann ich mich anziehen, wie ich mag.

Er versucht sich vorzustellen, wie sein Leben dann sein wird, aber er kann es nicht. Da gehe ich also die Straße lang, und da ist eine Kneipe, und ich mache einfach die Tür auf und sage: Ober, ein Glas Bier …

Draußen, in der Zentrale, der Hauptwachtmeister Rusch schlägt mit dem Schlüssel gegen das Eisengitter. Es hallt durch den ganzen Bau, in sechshundertvierzig Zellen ist es zu hören.

Schwein das, mit seiner ewigen Krachmacherei, murrt Kufalt. Stimmt wieder was nicht, Ruscheken? Wenn ich nur wüßte, was ich anfange, wenn ich rauskomme! Die werden mich doch fragen, wohin ich entlassen werden will … Und wenn ich keine Arbeit weiß, wird mein Verdienst von hier an die Wohlfahrt überwiesen, und ich darf mir alle Wochen ein bißchen holen. Euch hust ich was! Lieber dreh ich noch mit Batzke ein großes Ding …!

Er schaut gedankenverloren auf seine Jacke, deren blauer Ärmel mit drei weißen Streifen Wäscheband geziert ist. Was bedeutet, daß er »dritte Stufe« ist, ein Gefangener also, dessen Führung auf »nachhaltige Besserung und Wohlverhalten in der Freiheit« schließen läßt.

Hab ich kriechen müssen, um die zu kriegen! Und hat es gelohnt? Das bißchen Tabak und eine halbe Freistunde mehr und Radio einmal in der Woche abends und daß sie die Zelle nicht abschließen tagsüber …

Das ist so: Kufalts Zellentür ist nicht abgeschlossen, die Zellentüren der dritten Stufe werden nicht abgeschlossen, sondern nur angelehnt. Aber es ist das eine seltsame Art Vergünstigung: Beileibe darf er die Tür nicht aufstoßen, auf den Gang treten und auch nur zwei Schritt dort machen! Das ist verboten. Wenn er das tut, wird ihm die dritte Stufe wieder entzogen. Sie ist eben offen, die Tür, daß er das weiß, das ist Vorbereitung auf das Leben draußen, wo ja auch die Türen nicht abgeschlossen sind … eine allmähliche Akklimatisierung, erdacht von einem Geheimratshirn.

Der Gefangene steht wieder unter dem Fenster und überlegt einen Augenblick, ob er hochklettern soll und hinaussehen. Vielleicht sieht er jenseits der Mauern eine Frau …?

Nee, lieber nicht, sparen wir uns auf bis Mittwoch.

Ruhelos nimmt er das Netz in die Hand und strickt sechs, acht, zehn Maschen. Dabei fällt ihm ein, daß er sowohl Putzpomade wie Tabak beim Netzekalfaktor schnorren kann – und er läßt die Holznadel wieder fallen und geht gegen die Tür.

Einen Augenblick steht er und überlegt, ob er es wagen soll. Dann fällt ihm was ein, er knöpft schnell die Hosen ab, geht auf den Kübel und legt sein Morgenei. Er kippt einen Schuß Wasser darüber, schließt den Deckel, knöpft die Hosen wieder an und nimmt den Kübel in beide Hände.

Wenn er mich schnappt, sag ich, die haben heute früh vergessen, bei mir zu kübeln, überlegt er und drückt mit dem Ellbogen die angelehnte Tür auf.

 

 

2

 

Er wirft über die Schulter einen Blick gegen den Glaskasten der Zentrale, wo, wie eine Spinne in ihrem Netz, sonst der Hauptwachtmeister Rusch sitzt und alle Gänge, alle Zellentüren überschaut. Aber Kufalt hat Dusel: Der Hauptwachtmeister ist fort. Statt seiner sitzt ein Oberwachtmeister da, den der ganze Krempel langweilt: Er liest Zeitung.

Kufalt geht möglichst leise über den Gang zum Spülraum. Dabei kommt er an der Zelle des Netzekalfaktors vorbei und zögert einen Augenblick: Da streiten zwei drin. Die eine Stimme kennt er, die ist ölig: Das ist der Netzemeister. Aber die andere …

Er steht und lauscht. Dann geht er weiter.

In der Spülzelle ist Hochbetrieb. Die Kalfaktoren von C 2 und C 4 haben sich heraufgeschlichen, eine stoßen.

Und noch jemand ist hier.

»Gott, Emil, Junge, Bruhn, sieht man dich wirklich mal wieder?! Du mußt doch deinen Knast auch bald abgerissen haben?!« Dabei kippt Kufalt seinen Kübel in das Spülbecken.

»Sauerei! Wo wir hier rauchen!« schimpft ein Kalfaktor.

Kufalt gibt an. »Du hältst dein Maul, Stubben! Seit wann bist du denn überhaupt im Bunker? Ein halbes Jahr? Und so was reißt hier die Fresse auf von wegen Sauerei?! Hättest ja draußen bleiben können, wenn du Wasserspülung gewöhnt bist! Ach, halt die Klappe! Ich bin dritte Stufe! – Hat einer von euch Tabak für mich?«

»Hier, Willi«, sagt der kleine Emil Bruhn und gibt ihm ein ganzes Paket Flaggenstolz und Blättchen. »Kannst du behalten. Ich hab bis Mittwoch stief.«

»Mittwoch? Kommst du Mittwoch raus? Ich auch!«

Bruhn fragt: »Sag mal, Willi, bleibst du eigentlich hier im Kaff?«

»Ausgeschlossen! Hier, wo lauter Wachtmeister rumlaufen! Ich fahre nach Hamburg.«

»Hast du denn da Arbeit?«

»Nee, noch nicht. Aber ich krieg sicher was. Ich denke, meine Verwandten … Oder der Pfaffe … Ich komme immer durch!« Und Kufalt lächelt, aber etwas kümmerlich.

»Ich habe schon was. Ich fange hier in der Holzfabrik an. Fallennester im Akkord. Ich komme mindestens auf fünfzig Mark die Woche, hat mir der Meister gesagt.«

»Das schaffst du«, bestätigt Kufalt. »Das kannst du. Das hast du ja nun neun Jahre gemacht.«

»Zehneinhalb«, sagt der kleine blonde Bruhn und blinzelt mit seinen wasserblauen Augen. Er hat einen Seehundskopf, kuglig, gutmütig. »Elf Jahre waren’s. Ein halbes haben sie mir geschenkt auf Bewährung.«

»Mensch, Emil, das hätte ich doch nicht angenommen! Ein halbes Jahr geschenkt – und wie lange sollst du dich bewähren?«

»Drei Jahre.«

»Schön dumm bist du. Und wenn du ’ne Kleinigkeit machst, wenn du nur ’ne Scheibe einschmeißt in der Besoffenheit oder Krach schlägst auf der Straße, schon mußt du dein halbes Jahr abreißen. Das hätte ich doch noch gleich mit runtergerissen.«

»Na, Willi, wenn man zehneinhalb Jahr Knast geschoben hat …«

»Mir haben sie ewig gesagt, der Direktor und der Lehrer und der Pfaffe, alle: Ich soll ein Gesuch auf Bewährung machen. Aber ich bin nicht so dumm. Wenn ich Mittwoch rauskomme, dann hab ich freie Bahn …«

Ein Kalfaktor mischt sich ein: »Ich denke, dir haben sie dein Gesuch abgelehnt?«

»Abgelehnt? Gar keins gemacht habe ich, hast du Dreck in den Ohren?«

»Mir hat’s aber der Hausvaterkalfaktor erzählt.«

»Der? Was der weiß! Die dünken sich was, die vom Hausvater! Weißt du, was das für einer ist? Kleine Kinder stößt der vor den Hintern und nimmt ihnen die Mark weg, die ihnen ihre Mutti für Besorgungen gegeben hat. Von so einem läßt du dir Geschichten erzählen! – Hast du Putzpomade?«

»Der Kaliebe hat aber auch gesagt …«

»Quatsch! Ob du Putzpomade hast? Zeig mal her. Gut, die hab ich. Kriegst du nicht wieder. Ich muß noch wienern. Red hier bloß keine Töne, Mensch. Außerdem hab ich bei meinen Sachen ein großes Stück Toilettenseife, das geb ich dir dafür. Komm Mittwoch zur Abgangszelle. Soll ich dir auch einen Brief mit rausnehmen? Gut, gemacht. Mittwoch morgen Abgangszelle.«

Der Kalfaktor von C 2 läßt sich vernehmen: »Der gibt ja heute an, noch und noch. Richtig durchgedreht, weil er übermorgen rauskommt.«

Aber Kufalt plötzlich stockwütend: »Ich und durchgedreht wegen Rauskommen? Du spinnst ja. Mir ist das so Scheiße, ob ich noch ein paar Wochen hier bleibe oder nicht. 260 Wochen abgerissen – 1825 Tage – da staunste: – und ich soll angeben wegen Rauskommen?!«

Dann wendet er sich ruhiger zum kleinen Bruhn: »Also, hör mal, Emil – ach, willst du dich verdrücken? Freistunde muß gleich alle sein. Sieh doch, daß du dich heute mittag in die dritte Stufe mogelst …«

»Das kann angehen. Bei uns auf F hat Petrow Dienst. Der macht es.«

»Schön. Ich möcht noch was mit dir reden. Also, hau jetzt ab.«

»Wiedersehen, Willi.«

»Wiedersehen, Emil.«

»Da will ich auch gleich …«, sagt Kufalt und nimmt seinen geleerten Kübel. »Ach so! Weiß einer, was mit dem Netzekalfaktor los ist?«

»Den hat wer in die Pfanne gehauen. Der schiebt Arrest.«

»Ei wei! Wieso denn?«

»Hat Briefe durchgeschmuggelt mit der schmutzigen Wäsche an eine im Weibergefängnis.«

»An welche?«

»Weiß ich auch nicht. Eine kleine Schwarze soll es sein.«

»Kenn ich«, sagt Kufalt: »Die ist aus Altona. Das ist die Räuberbraut. Die hat ein halb Dutzend Jungens für sich auf Bruch gehen lassen, und sie hat die Sore … Wer ist denn jetzt Kalfaktor?«

»Den kenn ich noch nicht. Der ist neu, der ist ’ne Schiebung vom Netzemeister. So ein dicker Jude, eine faule Pleite soll er gemacht haben …«

»Nee?« sagt Kufalt, und ihm fällt ein Wortfetzen ein, den er vorhin hörte, als er mit seinem Kübel an der Zellentür vorbeikam. »So ist das also. Na, den schleimigen Netzeonkel habe ich lange auf dem Strich, den will ich jetzt mal in Salz legen. – Kneiste mal, du Neuer, ob die Luft rein ist. – O Gott!« ruft er verzweifelt, »was für Säuglinge schicken die uns hier in den Bau! Reißt die Tür auf, daß der ganze Bunker zusammenfällt! Kneisten sollst du! – Ist der Rusch in seinem Glaskasten? Nicht? Na, dann will ich mal die Netzeonkels besuchen. Morgen.«

Er nimmt seinen Kübel und tritt den Rückweg zur Zelle an.

 

 

3

 

Auf seinem Rückmarsch hat Kufalt einen Blick zum Glaskasten geworfen: Dort ist die Lage unverändert, Oberwachtmeister Suhr studiert den »Stadt- und Landboten«.

Vor der Zelle des Netzekalfaktors tritt Kufalt einen Schritt seitlich, drückt sich fest in die flache Türnische und lauscht.

Da steht er nun, in blauer Beiderwandhose und gestreiftem Anstaltshemd, die Füße in Schlappen, mit spitzer, gelblicher Nase, blaß, magere Glieder, aber ein Bauch. Etwa achtundzwanzig Jahre. Eigentlich hat er freundliche braune Augen, nur spuken sie, irrlichterieren, verweilen nirgends. Sein Haar ist auch braun. Er steht so da, horcht, versucht zu verstehen, was sie da reden. Den Kübel hält er noch immer mit beiden Händen vor dem Bauch.

Einer sagt drinnen erregt: »Und Sie werden mir die zehn Mark geben! Wozu schickt Ihnen meine Frau ständig Geld?«

Und die ölige, sachte Stimme des Netzemeisters: »Ich tu ja für Sie, was ich kann. Daß ich Sie beim Arbeitsinspektor zum Netzekalfaktor durchgedrückt habe, das können Sie mir nicht genug danken!«

»Ach was, danken!« sagt der andere böse. »Viel lieber wäre ich zu den Tüten gekommen. Hier an dem Bindfaden reißt man sich die ganzen Hände blutig.«

»Das ist nur die ersten Wochen«, tröstet der Netzemeister. »Das werden Sie gewöhnt. Bei den Tüten ist es viel schlechter. Die wollen alle zu mir, die Tüten kleben.«

»Eine Hautschere müssen Sie mir auch besorgen, überall kriege ich Reißnägel …«

»Da müssen Sie sich am Mittwoch zum Hausvater vormelden. Der hat eine Hautschere. Da werden Sie vorgeführt und können sich die Reißnägel abschneiden.«

»Wann werde ich denn da vorgeführt?«

»Wie der Hausvater Zeit hat. Sonnabend oder Montag, vielleicht auch schon Freitag.«

»Meschugge sind Sie!« schreit der andere. »Nächsten Montag, und meine Hände bluten schon jetzt! Das ganze Netz ist blutig, sehen Sie!«

Er schreit immer lauter.

Kufalt vor der Tür grinst. Er kennt das, wie es ist, wenn die Hände von dem scharfen Sisalgarn zu bluten anfangen, und morgens ziehen sich die feinen, harten Fäserchen durch die Risse. Freilich, ihm hat niemand gesagt, daß der Hausvater eine Hautschere hat, er hat sich die Reißnägel mit zwei Scherben abgeklemmt.

Ärgere dich nur, Freundchen, denkt er. Hoffentlich schiebst du einen langen Knast, daß du alles auch richtig lernst. – Mein Kübel stinkt aber wieder mal gemein. Muß ich noch mit Salzsäure rein machen. Wenn ich heute vor den Arzt komme, muß mir der Lazarettkalfaktor welche ausspucken …

»Und nun geben Sie mir endlich die zehn Mark. Ich lasse mich nicht dumm reden von Ihnen. Mein eigen Geld werde ich doch noch kriegen können.«

»Machen Sie sich und mich nicht unglücklich, Herr Rosenthal«, sagt der Meister bittend. »Was wollen Sie mit Geld im Bau? Ich besorge Ihnen doch alles, was Sie wollen. Ich kauf Ihnen auch ’ne Hautschere, aber bar Geld im Bau – das kann ja Kopp und Kragen kosten.«

»Stellen Sie sich nur nicht so an«, sagt der Gefangene Rosenthal. »Sie sind ja gar kein Beamter, Sie sind doch nicht vereidigt. Sie sind hier bloß von der Netzefirma, um die Arbeit auszugeben. Gar nichts kann Ihnen passieren.«

»Was wollen Sie bloß mit Bargeld? Das müssen Sie mir wenigstens sagen!«

»Tabak will ich mir kaufen.«

»Das ist bestimmt nicht wahr, Herr Rosenthal. Tabak können Sie doch von mir kriegen. Wozu wollen Sie das Geld?«

Der andere schweigt.

»Wenn Sie es mir sagen, so sollen Sie es kriegen. Aber ich will wissen, wer es kriegt und wofür. Manche sind, die sind stiekum, da kann man es machen.«

»Stiekum?«

»Die machen keine Lampen, Herr Rosenthal, die hauen uns nicht in die Pfanne, die scheißen uns nicht an, die verpfeifen uns nicht – die verraten uns nicht. So heißt das hier.«

»Ich will Ihnen sagen«, flüstert der andere – und Kufalt muß sein Ohr ganz dicht an den Türspalt legen, um zu verstehen –, »aber Sie dürfen nichts verraten. Da ist ein großer Schwarzer, ein Gewalttätiger, sage ich Ihnen, der schlägt mich tot, wenn ich ihn verrate, hat er mir gesagt. In der Heizung ist er, er hat sich an mich herangemacht, in der Freistunde …«

»Der Batzke«, sagt der Meister. »Da haben Sie den richtigen Ganoven gefaßt.«

»Er hat mir versprochen, wenn ich ihm zehn Mark gebe – Meister, Sie verraten uns nicht, nein? Gerade gegenüber von meinem Fenster, auf der anderen Seite von der Straße, jenseits der Mauer, steht ein Haus.« Der Rosenthal schluckt, holt tief Atem. Dann: »Ich kann gerade in die Fenster reinsehen. Und zweimal habe ich dort ’ne Frau gesehen. Und der Schwarze hat mir geschworen, wenn ich ihm die zehn Mark gebe, so steht sie morgen früh um fünf am Fenster, ganz nackt, und ich darf sie sehen. Ach, Meister, geben Sie die zehn Mark! Ich komme hier um, ich bin schon halb verrückt! Meister, Sie müssen!«

»Diese Jungen«, sagt der Netzemeister bewundernd und stolz, »was die für Dinger drehen! Aber wenn der Batzke es Ihnen sagt, der macht es! Und der verpfeift uns auch nicht. Hier haben Sie …«

Kufalt zwängt den Fuß in den Spalt, drückt die Tür auf, ist mit einem Schritt drin, sagt halblaut: »Kippe oder Lampen!« und steht abwartend.

Die starren verdonnert. Der Meister mit seinen vorquellenden Fischaugen, dem runden Gesicht, dem Walroßbart, hat seine Brieftasche in der Hand. Er glotzt. Unterm Fenster, bleich, gedunsen, schwarz, etwas fett, steht der neue Netzekalfaktor Rosenthal und hat Angst.

Kufalt setzt mit einem Ruck den Kübel ab.

»Keine langen Geschichten, Meister, oder ich verpfeif dich, daß du selber Knast schiebst. Hier von wegen dem alten Netzekalfaktor Arrest besorgen und den Speckjäger ins Fett setzen. – Hab doch keine Angst, du dummes Schwein, es kostet ja bloß dein Geld! Ich bin morgen früh um fünf selber am Fenster. Also raus, Meister, mit der Marie! Kippe? Teilen können wir nicht, ich weiß ja nicht, wieviel du gekriegt hast. Ich bin billig: hundert Mark!«

»Da ist nichts zu machen, Rosenthal«, sagt der Meister gottergeben. »Das Geld müssen wir ausspucken, wenn Sie nicht mindestens acht Wochen Arrest schieben wollen. Der Kufalt ist so.«

»Kalt ist es da, Jungchen«, grinst Kufalt. »Lieg du mal erst drei Tage auf der Steinpritsche, da wird dir das Mark in den Knochen zu Eis. Also, wie wird’s?«

»Sagen Sie ja, Herr Rosenthal«, drängt der Meister.

Zwei Glockenschläge hallen durchs Haus. Auf der ganzen Station rührt es sich, Riegel knallen …

»Nu aber fix – oder ich bin in einer Minute beim Hauptwachtmeister!«

»Sagen Sie doch ja, Herr Rosenthal!«

»Ich hetze den Batzke auf dich, du dickes Schwein, der ist mein Kumpel. Der beißt dir die Nase ab.«

»Bitte, sagen Sie ja, Herr Rosenthal!«

»Also geben Sie ihm … aber ich trage den Schaden nicht allein, Meister!«

»Handgeld«, sagt Kufalt und spuckt auf den Hunderter. »Übermorgen bin ich draußen, Dicker, da denke ich bei den kleinen Mädchen an dich. – Du, Meister, stell mir den Kübel auf die Zelle während der Freistunde. Und Salzsäure stellst du daneben, sonst donnert’s! Morgen!«

Kufalt huscht über den Gang in seine Zelle.

 

 

4

 

Lärmend, klappernd, schwatzend sind achtzig Gefangene die vier Eisentreppen hinuntergeschusselt zum Erdgeschoß. Nun, am Tor zum Freihof, stehen zwei Wachtmeister und wiederholen wie die Automaten: »Abstand nehmen! Es wird nicht gesprochen. Nehmen Sie Abstand! Wer spricht, kriegt eine Anzeige.«

Die Gefangenen schwatzen doch. Nur in nächster Nähe der Wachtmeister werden sie stumm, aber kaum vorbei, unterhalten sie sich schon wieder in jenem lauten Flüsterton, der gerade über fünf Schritte Abstand reicht und bei dem nur der Mund nicht bewegt werden darf, denn das ist Grund zu einer Anzeige.

Kufalt ist hoch in Form. Er unterhält sich gleichzeitig mit Vorder- und Hintermann, die von ihm, dem Drittstufler, Neues hören wollen.

»Das ist eine Scheißhausparole, daß die zweite Stufe jetzt auch zum Radio darf. Glaub doch so was nicht, Mensch!«

 

»Ja, übermorgen komm ich raus. – Weiß ich noch nicht. Vielleicht dreh ich ein Ding, vielleicht geh ich auch zu meinem Schwager aufs Büro.«

 

»Wie sollen die denn hundertfünfundzwanzig Mann aus der zweiten Stufe in dem Schulzimmer unterbringen?! Da haben doch höchstens fünfzig Platz! Du bist ja doof, Mensch. Jeden Dreck glaubst du!«

 

»Mein Schwager? Möchste wissen, glaub ich. – Der hat ein Filzlatschenbergwerk, wenn du’s wissen willst. Da kannst du auch ’nen Posten kriegen.«

»Halten Sie den Mund, Kufalt«, sagt der Wachtmeister. »Immer die Herren von der dritten Stufe, die auffallen.«

»Ich hab nicht geredet, Herr Wachtmeister, ich hab nur tief geatmet.«

»Den Mund sollen Sie halten, sonst ist ’ne Anzeige fällig.«

»Meine Sachen hab ich beim Hausvater. Alles tipptopp, Frack auf Seide, Lackstiefel – Mensch, wird das einem vorkommen nach den fünf Jahren!«

 

»Ach, laß doch den Affen von Wachtmeister quatschen! Wenn der was will, verpfeif ich ihn. Der hat sich heimlich von mir ein Einholnetz und eine Hängematte stricken lassen.«

 

»Ich hab ja nur eine Angst … Wie lange bist du drin? Drei Monate? Sag mal, tragen die Weiber noch so kurze Röcke? Mir ist erzählt, sie tragen jetzt wieder lange Röcke …«

 

»Das kann ich ihm nicht beweisen? Das kann ich ihm doch beweisen! Ich sag einfach zum Direktor: In der vierten Reihe vom Einholnetz ist eine Masche doppelt gestrickt, und schon ist er drin!«

 

»Na, Gott sei Dank! Ist das so, kann man die ganzen Schinken sehen, wenn sie sich setzen? Und beim Radeln das bloße Fleisch?«

»Treten Sie raus, Kufalt, Sie sind ja heute rein verrückt! Wollen Sie die letzten Tage noch Arrest schieben? Gehen Sie hier an der Mauer, Sonderloge für die Herren von der dritten Stufe.«

Kufalt geht solo. Die im Kreis verspotten ihn: »Natürlich die dritte Gruppe! – Die Speckjäger! Die Radioherren! Biste stolz auf deine drei Streifen, Arschlecker?«

»Ihr könnt mir alle …« Und er denkt: Hundert Mark. Fein! Nun habe ich schon mindestens vierhundert Mark, und wenn Werner Pause heute schreibt und Geld schickt … »Sie, Herr Wachtmeister Steinitz, was kostet eigentlich die Fahrt Dritter bis Hamburg?«

»Wollen Sie sich jetzt mit mir unterhalten? Seien Sie ruhig, oder ich lasse Sie auf die Zelle abführen.«

»Herr Wachtmeister, Herr Wachtmeister! Ich hätte heute so schön Zeit, Ihnen noch ’ne Einholtasche zu stricken.«

»Frech willst du werden?! Warte, Jungchen, ich schlage dir die Schlüssel über den Schädel! Machst du, daß du …«

»Ich hätte heute wirklich Zeit, Herr Wachtmeister! Und das Pfund Margarine, das Sie mir für die Hängematte versprochen haben, ist auch noch nicht übergekommen.«

»Schweinekerl! Erpresser! Jetzt willst du Lampen machen, was? Letzten Tag? Feiges Aas! – Ach was, tritt da rein. Werd ich mich noch mit dir ärgern! – Fünf Schritte Abstand – und daß Sie den Mund halten, Kufalt!«

»Ich bin stiekum, Herr Wachtmeister, ich rede keinen Ton!«

Es ist Mai, der Himmel ist blau, jenseits der Mauer, über sie hin, blühen die Kastanien. Das Rund, das die Gefangenen umkreisen, hat der Gärtner mit Wruken bepflanzt, die gerade angegangen sind, ein spärliches Gelbgrün in diesen traurigen, fahlen Farben von Schlacke, pulvriger Erde, Zement.

Sie gehen im Kreise und flüstern. Sie gehen und flüstern. Sie gehen und flüstern.

 

 

5

 

Zurück in seiner Zelle, fällt Willi Kufalt zusammen. So geht’s ihm immer. Wenn er mit anderen zusammen ist, redet er, erzählt er, gibt an, ist der große Ganove und allbefahrene Knastschieber, aber allein mit sich ist er sehr allein, wird klein und verzagt.

Hätte nicht so sein sollen zu Wachtmeister Steinitz, denkt er. Gemein war das. Bloß damit die grünen Jungens, die Stubben, sehen, daß ich ihn in der Tasche habe. Es lohnt nicht, alles mache ich verkehrt – wie wird’s draußen gehen?

Wenn der Schwager doch erst schriebe …! Aber so … da ist die Welt draußen, all diese Städte und die Zimmer, von denen man eines mieten muß, und die Arbeitsstellen und das Geld, das viel zu schnell alle wird – und was dann?

Er starrt vor sich hin. Keine achtundvierzig Stunden trennen ihn vom Entlassungstermin, den er so heiß herbeigesehnt hat seit fünf Jahren. Nun ist ihm angst. Hier ist er gern gewesen, er hat sich rasch gefunden in den Ton und die Art, er hat schnell gelernt, wo man demütig sein muß und wo man frech werden kann. Seine Zelle ist immer blank gewienert gewesen, sein Kübeldeckel hat stets geglänzt wie ein Spiegel, und den Zementboden seiner Zelle hat er zweimal die Woche mit Graphit und Terpentin geputzt, daß er geschimmert hat wie ein Affenarsch.

Sein Pensum hat er immer gestrickt, oft zwei, manchmal sogar drei, er hat sich Zusatzlebensmittel kaufen können und Tabak. Er ist in die zweite Stufe gekommen und in die dritte, ein vertrauenswürdiger Mustergefangener, in dessen Zelle die Kommissionen geführt wurden und der stets angemessen und bescheiden geantwortet hat.

»Ja, ich fühle mich sehr wohl hier, Herr Geheimrat.«

»Nein, ich merke, es tut mir gut, Herr Oberstaatsanwalt.«

»Nein, ich habe über nichts zu klagen, Herr Präsident.«

Aber manchmal – jetzt grinst er, er denkt daran, wie er den kleinen Studentinnen, die Wohlfahrtsfürsorgerinnen werden wollten und ihn so gierig nach seiner Straftat fragten, wie er denen demütig statt Unterschlagung und Urkundenfälschung geantwortet hat: »Blutschande. Hab mit meiner Schwester geschlafen. Leider.«

Er denkt an das entzückt über diesen Witz grinsende Gesicht des Polizeiinspektors und an die eine Studentin, die ihm mit flammendem Blick immer dichter auf den Leib rückte. Nettes Mädchen, hat ihm guten Stoff für manches Einschlafen geliefert.

Und die feine Zeit, als er beim katholischen Pfaffen immer den Altar rüsten mußte, trotzdem der sich heftig gegen einen »Evangelischen« gewehrt hatte. Aber es gab »keine vertrauenswürdigen Katholiken« im Bau, das war ein Hieb der evangelischen Beamten gegen den katholischen Pfarrer.

Wie er da hinter der Orgel gestanden und Luft in die Bälge gepustet hatte, und der Kantor gab ihm jedesmal eine Zigarre, und einmal war der katholische Kirchenchor oben, und die Mädels schenkten ihm Schokolade und feine Toilettenseife. Hinterher nahm sie ihm freilich der Hauptwachtmeister Rusch wieder ab. »Puff! Puff!« hatte er in Kufalts Zelle geschnuppert, »riecht hier wie Puff.« Und hatte so lange gesucht, bis er sie gefunden hatte und die olle Sodaseife wieder Trumpf war.

Nein, eine gute Zeit hatte er gehabt, alles in allem, eigentlich kam die Entlassung etwas Hals über Kopf. So recht vorbereitet war nichts, er würde ganz gerne noch so sechs oder acht Wochen bleiben, sich auf die Entlassung rüsten. Oder war es, daß er auch schon meschugge war, zu spinnen anfing …? Er hatte es ja hundertmal erlebt, die Vernünftigsten, die Ruhigsten wurden kurz vor der Entlassung durchgedreht, fingen an zu spinnen. War er auch soweit?

Vielleicht ja, das mit dem Netzemeister und dem dicken Juden, da so einfach in die Zelle, das hätte er früher nicht riskiert, und das mit Wachtmeister Steinitz auch nicht.

Wenn nur erst der Schwager schriebe! Hatte der Hauptwachtmeister heute schon die Post verteilt? Schwein das, auf den konnte man sich auch nie verlassen, hatte er keine Lust, gab er drei Tage keine Post aus!

Kufalt macht ein paar Schritte und stutzt. Er hat doch die Waschschüssel stets so auf dem Schränkchen stehen, daß ihr Rand millimetergenau mit der Schrankkante abschneidet? Und jetzt steht sie mindestens einen Zentimeter zurück?

Er öffnet die Schranktür.

Kieke da, der hat meine Zelle durchgefilzt, das olle Stielauge, der Netzemeister! Hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben auf seinen Hunderter! Na, warte, mein Junge, wenn du dich da man nicht schneidest!

Kufalt wirft einen argwöhnischen Blick gegen den Spion und greift dann rasch an sein Halstuch. Es knittert beruhigend darin. Aber nun fällt ihm ein, daß in spätestens einer halben Stunde Vorführung beim Arzt ist, und da muß er sich ausziehen und darf also den Hunderter nicht bei sich haben. Das weiß der Netzemeister auch, dann wird er die Zelle noch mal filzen …

Kufalt zieht grübelnd die Stirne in Falten. Er weiß natürlich, daß es in der Zelle kein Versteck gibt, das die Beamten nicht kennen. Die haben da vorne eine Liste, ein Wachtmeister hat es ihm mal erzählt; zweihundertelf Möglichkeiten gibt es, in dem Dreckding von Zelle was zu verstecken.

Aber für ihn handelt es sich jetzt nur darum, ein Versteck zu finden, das anderthalb Stunden vorhält. Länger dauert die Vorführung beim Arzt nicht, und länger hat der also auch keine Zeit zu suchen.

Im Rücken vom Gesangbuch? Nein, das ist schlecht. In der Kapokmatratze? Das wäre nicht dumm, aber dafür ist die Zeit jetzt zu kurz, er kann nicht auftrennen und zunähen in der halben Stunde bis zur Vorführung. Außerdem müßte er sich erst das passende Garn von den Sattlern besorgen.

Nun zeigt es sich, daß es dumm war, den Kübel zu leeren, anderthalb Stunden in dem Dreck auf dem Boden zu liegen, das hätte dem Hunderter nichts geschadet, das wäre wieder rauszukriegen gewesen, aber nun war der Kübel leer.

Unter den Tisch kleben?

Am besten unter den Tisch mit Brotkrumen festkleben!

Er dreht schon an den Kügelchen, aber dann läßt er es wieder: Es ist zu bekannt, und ein Blick genügt. Lieber nicht.

Kufalt wird nervös. Es klingelt schon zum Schluß der letzten Freistunde, in einer Viertelstunde geht die Vorführung los. Ob er den Schein doch mit zum Arzt nimmt? Er könnte ihn ganz fest zusammenrollen und sich hinten reinstecken. Aber vielleicht gibt der Netzemeister dem Hauptbullen vom Lazarett einen Wink, und dann wird er so gefilzt – die sind imstande und untersuchen ihn auf Mastdarmkrebs!

Er ist ratlos. Es ist genau, wie wenn er rauskommen wird. Da sind auch so viele Möglichkeiten, und bei allen ist ein »Aber« dabei. Man muß sich entscheiden können, aber das eben kann er nicht. Wie soll er auch? Die haben ihm doch hier fünf Jahre lang jede Entscheidung abgenommen. Die haben gesagt: »Friß!«, und da hat er gefressen. Die haben gesagt: »Geh durch die Tür!«, und da ist er durchgegangen, und: »Schreib heute!«, und da hat er heute seinen Brief geschrieben.

Die Luftklappe ist auch nicht schlecht. Nur zu bekannt, viel zu bekannt. In dem einen Bettbrett ist ein Riß – aber wenn einer zufällig hinsieht, sieht er sofort den Schimmer vom Papier. Er könnte den Schemel auf den Tisch stellen und das Dings auf den Schirm der Deckenlampe legen, aber das machen alle, und außerdem kann gerade einer durch den Spion linsen, wenn er auf dem Tisch steht.

Kufalt dreht sich rasch um und sieht nach dem Spion. Richtig, er hat’s gefühlt, da ist ein Glotzauge, das ist dem seines, das Fischauge!

Und in gespielter Wut springt er gegen die Tür, ballert daran und brüllt: »Willst du weg vom Spion, Kalfaktor, verdammter!«

Es geht knallbums, die Tür fliegt auf, und in ihr steht der Hauptwachtmeister Rusch.

Nun heißt es theatern, denn Rusch liebt nur die eigenen Späße. Bei Hauptwachtmeister Rusch muß man demütig sein, und so ist Kufalt ganz hübsch betreten, als er stottert: »O Verzeihung, Herr Hauptwachtmeister! Herr Hauptwachtmeister verzeihen, ich dachte, es wäre das Biest von Kalfaktor, der kneistet immer, wo ich meinen Tabak lasse.«

»Wat denn? Wat denn? Krach gibt’s nicht. Der Lack geht von der Türe.«

Kufalt schmeichelt: »Herr Hauptwachtmeister wissen doch, bei mir ist immer alles in Butter, kein Kratzer im Lack.«

Der Hauptwachtmeister, ein etwas stoppliger Napoleon, der wahre Herrscher über das Gefängnis, wortkarg, stets voller Überraschungen, erbitterter Feind jeder Neuerung, des Stufenstrafvollzugs, des Direktors, der Beamten, jedes Gefangenen – der Hauptwachtmeister Rusch antwortet nicht, sondern geht zum Schränkchen, an dem die Personalien- und Vergünstigungstafel hängt.

»Was ist mit Vögeln?« fragt er.

»Mit Vögeln?« fragt Kufalt, halb verwirrt, halb grinsend.

»Vögeln! Vögeln!« knarrt der Despot ärgerlich und tippt mit dem Finger auf die Vergünstigungstafel. »Hier steht: zwei Kanarienvögel. Wo sind die? Verschoben, was?«

»Aber, Herr Hauptwachtmeister«, sagt Kufalt vorwurfsvoll und denkt dabei voll Angst an den Hunderter, der immer noch in seinem Halstuch steckt. »Die gelben Spatzen sind doch draufgegangen, als im Winter die Zentralheizung kaputt war. Ich hab’s Ihren doch noch gesagt!«

»Gelogen. Gelogen. Erstunken. Gelogen. Der Schuster, der Maaß, hat zweie zuviel. Das sind deine. Verschoben!«

»Aber, Herr Hauptwachtmeister, ich habe es Ihnen doch gesagt, daß sie krepiert sind! Ich bin im Glaskasten bei Ihnen gewesen und habe es Ihnen gemeldet.«

Der Hauptwachtmeister steht unterm Fenster. Er dreht dem Gefangenen den Rücken, der sieht nur die dicken weißen Hände, die mit den Schlüsseln spielen.

Wenn er doch ginge! fleht Kufalt. Jeden Augenblick kommt die Vorführung zum Arzt und ich mit dem Schein im Halstuch! Ich bin ja geplatzt! Ich komme gleich wieder in Untersuchungshaft!!

»Die dritte Stufe!« knurrt das Haupt. »Immer die dritte Stufe. Alle Unordnung im Bau. Ihr Geld, Ihre Arbeitsbelohnung …«

»Ja …?« fragt Kufalt, als nichts mehr kommt.

»Aufs Wohlfahrtsamt. Da kannst du dir jede Woche fünf Mark holen.«

»Herr Hauptwachtmeister«, fleht Kufalt, »das werden Sie doch nicht tun, wo ich meine Zelle immer so fein gewienert habe!«

»Wat denn! Tu ich. Mach ich. Mir ganz egal. Wienern …? Ordnung mit Vögeln – hahaha!«

»Haha«, lächelt auch Kufalt gehorsam.

»Was ist«, fragt der Hauptwachtmeister und kann plötzlich Deutsch, »mit dem Netzemeister und dem neuen Netzekalfaktor?«

»Neuer Netzekalfaktor?« fragt Kufalt. »Ist denn ein neuer da? Den hab ich noch gar nicht gesehen.«

»Fiole! Scheiß die andern an! Zehn Minuten warst du bei denen in der Zelle!«

»Aber nein, Herr Hauptwachtmeister, ich war heute überhaupt nur zur Freistunde aus meiner Zelle!«

Der Hauptwachtmeister streicht mit dem Finger nachdenklich über das Schrankdach. Er besieht den Finger, nicht unbefriedigt, dann beriecht er ihn. Nein: Es hat auch nicht eine Spur von Staub auf dem Schrank gelegen. Er besinnt sich und geht gegen die Tür. »Also Arbeitsbelohnung durch Wohlfahrt.«

Kufalt überlegt fieberhaft: Sag ich jetzt nichts, so geht er und ich kann den Hunderter verstecken, aber hänge ewig bei der Wohlfahrt. Hau ich die aber in die Pfanne, bin ich zwar den Hunderter los, kriege aber übermorgen meine Arbeitsbelohnung hier bar ausbezahlt. Aber auch nur vielleicht.

»Herr Hauptwachtmeister …«

»He …?«

»Ich war in der Zelle – bei denen.«

Der wartet. Schließlich: »Was ist …?«

»Der kriegt für den dicken Juden Briefe. Da müssen Sie mal filzen gehen.«

»Nur Briefe?«

»Er wird’s ja nicht tun für die schöne Nase von dem.«

»Weißt du was?«

»Filzen müssen Sie, Herr Hauptwachtmeister. Heute noch, gleich – da finden Sie was.«

Die Tür geht auf. »Kufalt zum Arzt!«

Kufalt sieht auf den Hauptwachtmeister.

»Los!« sagt der gnädig. »Vögel krepieren hier alle im Bau.«

Dem Aas, dem Netzemeister, habe ich das fein besorgt, denkt Kufalt, als er die Treppe hinunterschlurrt. Nun hat er keine Zeit, in meiner Zelle zu suchen. Ach Gott, das wäre ja jetzt auch egal! Nun habe ich den Schein doch noch bei mir, verdammt!

 

 

6

 

Der Wachtmeister sieht Kufalt über das Geländer weg nach. »Ein bißchen dalli, Kufalt! Tut, als wüßte er nicht Bescheid. Bist doch wahrhaftig genug zum Arzt gelaufen!«

Ist ja gar nicht wahr, denkt Kufalt. Seit der mich damals angezeigt hat wegen Simulieren, als ich den Daumen verknackst hatte und nicht stricken konnte, bin ich keine dreimal mehr bei ihm gewesen. Und ich hatte nicht Fiole geschoben, ich hatte den Daumen wirklich verknackst!

Nein, es sind schlechte Aussichten, den Schein noch irgendwie loszuwerden. Auf allen Gängen ist Hochbetrieb. Vorführung zum Direktor, zum Polizeiinspektor, zum Arbeitsinspektor, zum Arzt, zum Pastor, zum Lehrer – auf allen Stationen knallen die Riegel, knacken die Schlösser, laufen Beamte mit Listen, schieben sich Gefangene in ihren blauen Schlotterhosen lang.

Mir geht eben alles schief. Wenn ich einmal wirklich keß bin und schneide mir eine Scheibe ab – ein richtiger Ganove werde ich doch nie …

Unten begrüßt ihn Oberwachtmeister Petrow, ein oller Posener, schon in der Vorkriegszeit Kittchenhengst gewesen, Liebe aller Gefangenen.

»Na, Kufalt, olles Haus, is sich Zeit rum? Siehst du, is gewesen ein Blitz! Warum hat Hauptwachtmeister dir Zelle gegeben? Hättest du machen können auf der Treppe ab das kleine Endchen Knast! – Wie lange? Fünf Jahre? Mensch, Kufalt, Zeit läuft sich wie Auto; was sich kleines Mädchen freuen wird, daß du alles hast aufgespart für sie.«

Der dicke Petrow schnauft strahlend, und die Gefangenen grinsen beifällig.

»Nein, stell dich dorthin, Kufalt, Haus. Nich zu Batzke, denn ihr schwatzt und der Olle kuckt aus Glaskasten, kuckt, kuckt! – Siehst du, hier, und drei Schritte Abstand. – Komm her, du Neuer mit Brille, willst du zu Fuß gehen auf Hamburg …? Bleib hier, mein Söhnchen, mach ein bißchen halt hier bei uns, Liebling … Geh nicht mehr weiter.«

An die dreißig Gefangene stehen schon da, wartend auf die Arztvisite, und noch kommen immer mehr von allen Stationen dazu. Kufalt hat den kleinen Tischler, den Emil Bruhn, entdeckt und winkt ihm aus der Ferne zu.

»Das wird ja heute wieder endlos«, stöhnt er zu seinem Vordermann, »todsicher ist der Fraß eiskalt, wenn wir auf die Zelle kommen. Und heute gibt’s Erbsen.«

Der vor ihm dreht sich um. Er ist ein langes Reff in einer unglaublichen Kledage, Röhren aus lauter hell- und dunkelblauen Flicken, eine Weste, die so kurz ist, daß zwischen Hosen- und Westenrand eine Handbreit Hemd hervorsieht, und eine Jacke mit Ärmeln nur bis an die Ellbogen. Darüber ein kleiner, blasser, böser Kopf.

»Dich haben sie ja beim Hausvater fein in der Mache gehabt«, sagt Kufalt. »Hast ihn wohl geärgert. – Wie lange reißt du ab?«

»Sprechen Sie mit mir?« fragt das Reff. »Darf man denn hier sprechen?«

»Nee. Aber du darfst ruhig du zu mir sagen, unsre Kübel werden doch alle zusammen ausgeschüttet. – Wieviel mußt du abreißen?«

»Ich bin zu zwei Jahren Gefängnishaft verurteilt. Aber ich bin unschuldig, zwei Zeugen haben einen Meineid geschworen. Ich habe schon Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.«

»Das mit dem Meineid sagen wir alle, wenn wir reinkommen«, tröstet Kufalt. »Das gibt sich. – Was hat auf deinem Schild über der Zelle gestanden, vor der Verhandlung?«

»Schild …? Wie meinen Sie das? Ach so! Untersuchungsgefangener, also ein ›U‹.«

»Quatsch, das ›U‹ heißt doch nicht Untersuchungsgefangener, das heißt Unschuldiger. Und was hängt jetzt an deiner Zelle?«

»Strafgefangener. ›S‹.«

»Wieder Quatsch. Schuldiger! Das ist alles ganz einfach. Wenn du verknackt bist, bist du auch schuldig, da hilft kein Reden. Urteil ist Urteil. Rede hier bloß keinen Stuß von wegen Meineidsanzeigen, auf die süße Tour fallen wir hier nicht rein. Da sind ’ne ganze Menge, die nehmen das gewaltig sauer, wenn du so daherredest.«

»Na, erlauben Sie mal, ich bin unschuldig, meine Frau und mein Prokurist werden ein paar Jahre Zuchthaus wegen Meineid kriegen. Hören Sie mal zu, ich werde Ihnen das erzählen …«

Aber er kommt nicht mehr zum Erzählen. Vom Glaskasten her klingt heftiges Schlüsselgeklopfe. »Herr Petrow, passen Sie gefälligst auf! Der Lange da, der Menzel, schwatzt immerzu mit dem Kufalt.«

Petrow stürzt sich wutentbrannt auf den »Unschuldigen«. »Soll ich dir Giftzahn ausreißen, Laster, langes, geklebtes? Bist du in Judenschule, denkst du? Glaubst du? Marsch, marsch, marsch, Linken, Rechten, Linken, Rechten, in Arrestzelle, kannst du reden mit Eisen, bis Arzt kommt, Schwätziges, du!«

Knack, knack, die Zellentür fliegt zu, der ganz verstörte Lange ist verschwunden, und im Vorbeigehen flüstert Petrow strahlend dem Kufalt zu: »Hat er Schiß gekriegt, der Neue? Bin ich schrecklich wütend? Söhnchen, mach mit dem nicht Kumpelage, immer ist das bei Direktor und Inspektor und schwätzt alles, was es hört.«

Und Petrow ist schon zehn Schritte weiter. Da stehen isoliert zwei Braune, schmucke Zuchthaushusaren, sicher auf Transport hier. Und die beiden Isolierten hatten drei Schritte vorwärts gemacht, vom Linoleum herunter auf den gewachsten Zementboden, wohl um etwas Anschluß zu finden bei den anderen Gefangenen, vielleicht wegen Tabak …

»Bleibt sich hier die Herren, auf dem braunen Linolei, immer auf dem Linolei! Hier, die Herren!«

Die Zuchthäusler sehen nicht auf, sie sehen starr vor sich in die Luft, hören nichts, rühren sich nicht. Kufalt stellt wieder fest, daß Zuchthäusler eine ganz andere Art haben, mit Beamten umzugehen. Gefängnisgefangene schmusen sich an, suchen auf du und du zu kommen, der Zuchthäusler hat nie einen Beamten gesehen, die sind alle Luft für ihn.

Petrow empört sich ernstlich: »Auf den Linolei! Auf den Linolei!«

Die beiden hören nichts, sehen nichts. Nur wie zufällig machen sie gerade jetzt einen Schritt, zwei Schritte, drei Schritte – und stehen wieder auf dem Linoleum. Den Beamten haben sie gar nicht gesehen.

Die Tür zum Lazarett tut sich auf. In seinem weißen Mantel erscheint der Lazaretthauptwachtmeister. »Vorführung zum Arzt!«

»Paarweise antreten!« schreit Petrow. »Einrücken ins Lazarett!«

Und im selben Augenblick bricht die sorgfältig bewahrte Ruhe und Ordnung zusammen. An die fünfzig Gefangene rücken mit Gelärm und Geschwätz durch die enge Schlucht eines Ganges über eine Treppe ins Lazarett. Petrow versucht, wenigstens die beiden Zuchthäusler im Auge zu behalten, aber sofort sind die untergetaucht zwischen den anderen, tauschen Worte, ihre Hände fassen zu.

»Na, wartet! Werde ich filzen euch auf Tabak, Schweine, miserablige! – Na, laß sie! – Stellt euch hierhin, ihr beide!«

»Alles in zwei Gliedern aufstellen, die Gesichter zur Wand, die Rücken gegeneinander. Schuhe und Pantoffeln ausziehen und vor sich stellen!« kommandiert der Lazaretthauptwachtmeister.

Es geschieht, ein Name wird aufgerufen, und der Gefangene verschwindet im Arztzimmer, der Hauptwachtmeister hinterher.

»Das wird heute wieder endlos dauern«, haucht Kufalt zum kleinen Bruhn, der neben ihm steht.

»Weiß man nicht, Willi«, flüstert Bruhn. »Manchmal macht er sechzig in einer halben Stunde fertig. Siehst du, geht der Krach schon los.«

Aus dem Arztzimmer tönt Geschimpfe, Geschrei, der Gefangene erscheint, wutrot. »Aber ich bin wirklich krank, ich beschwere mich beim Strafvollzugsamt, das lasse ich mir nicht gefallen!«

»Gehen Sie schon, gehen Sie«, drängelt der Hauptwachtmeister.

»Simulantengesindel«, hört man den Arzt schreien. »Ich besorg’s euch! Der nächste!«

»Riecht heute sauer«, sagt Batzke auf der anderen Seite von Kufalt. »Wenn er schon beim ersten so anfängt …«

»Wenigstens kommen wir dann schneller dran. Ich will noch zum Fußball. Du doch auch?«

»Weiß noch nicht. Mein Affenfett ist alle, ich muß erst noch mal auf die Anschaffe.«

»Müssen wir uns eigentlich ganz ausziehen« fragt Kufalt.

Und Batzke: »In Fuhlsbüttel mußten wir’s. Wie’s hier bei den Preußen ist, weiß ich nicht.«

»Unsinn«, flüstert Bruhn von der anderen Seite. »Gar nichts wird gemacht. Der sieht uns gar nicht an.«

»Glaub ich nicht«, sagt wieder Kufalt. »In der Strafvollzugsordnung steht doch, daß die Gefangenen vor ihrer Entlassung gründlich auf Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu untersuchen sind.«

»Da steht viel.«

»Also du meinst, wir brauchen uns nicht auszuziehen?«

Batzke flüstert: »Na, was für heiße Sore hast du denn in deinen Lumpen, Kufalt? Machen wir Kippe oder …?«

»Stille seid ihr, Klatschtanten«, ruft Petrow. »Mit Schlüssel in Genick schlag ich!«

»Ach, Herr Oberwachtmeister, darf ich nicht mal austreten? Herr Oberwachtmeister, es zieht mir ja so durch den Bauch! Ich hab ja so ’ne Angst vor dem Arzt!« grinst Kufalt.

»Na, geh scheißen, altes Haus. Drüben in Spülzelle. Daß du aber keine drinnen stößt, sonst alles Qualm und Doktor schimpft.«

»Bestimmt nicht, Herr Oberwachtmeister.«

Und Kufalt verschwindet in der Spülzelle, deren Tür er anlehnt. Der Sicherheit halber zieht er die Hosen runter, aber dann stellt er sich mit dem Rücken gegen den Spion, nimmt hastig den Schein aus dem Halstuch, schiebt ihn tief in die Socken (so, Batzke, Kippe is nich), macht sich zurecht, läßt einen Augenblick die Wasserleitung laufen und stellt sich wieder in Reih und Glied.

Petrow steckt den Kopf prüfend in die Spülzelle und zieht ihn befriedigt zurück. »Nicht geraucht, keine gestoßen, braver Kerl, Kufalt.«

Und Kufalt fühlt sich ob dieses Lobes richtig gerührt.

Doch Batzke flüstert: »Na, Mensch, Kufalt, wie is …? Kommst du rüber mit der Sore oder soll ich …?«

Und Kufalt dagegen: »Und was ist mit dem dicken Jud und der nackten Schickse? Mensch, hau bloß ab, bei mir immer Fehlmeldung!«

»Na also«, grinst Batzke. »Hast du den Stubben auch hochgenommen? Sauber! Sauber!«

Aus der Ecke grollt eine drohende Stimme: »Wie lange sollen wir hier noch in Socken auf dem kalten Fußboden stehen? Eine Schweinerei ist das! Beschweren werde ich mich!«

Petrow grinst. »Die Herren aus dem Zuchthaus? Hat sich Medizinalrat so angeordnet. Kann ich nichts machen, Herren. Beschweren sich bei Medizinalrat.«

»Möchte ich auch wissen«, sagt Kufalt leise zu Bruhn, »warum diese Schweinerei ist. Zehnmal habe ich mir schon den Husten bei dieser Steherei auf dem kalten Fußboden geholt.«

»Daß wir den Herren Lazarettkalfaktoren ihr Linoleum nicht zerkratzen«, meint Batzke.

»I wo«, erklärt Bruhn, der alles weiß. »Das ist schon sechs, acht Jahre her, da hat mal ein Gefangener dem Arzt die Latschen um den Kopf gehauen. Seitdem darf kein Gefangener mehr in Latschen zu ihm.«

»Verdammte Schweinerei«, knurrt Kufalt. »Wir dürfen uns hier erkälten, weil …«

»Wir sind eben Vieh«, sagt Batzke. »Aber ich will’s denen draußen auch fein zeigen, was ich für ein Vieh bin!«

Die Gefangenen sind dahingeschmolzen wie Schnee an der Sonne, es hat mehr Krach gegeben, mehr Geschrei, empörte Proteste oder weinerliches Gewinsel, aber zum Schluß hat immer die dicke Schulter des Lazaretthauptwachtmeisters die Leute aus der Tür gekantet, Petrow hat sie weiterbefördert, hat mitfühlend ihre Klage angehört und ist froh gewesen, wenn er sie aus dem Lazarett raus hatte. Nun kommen nur noch die beiden Zuchthäusler und die Entlassungen dran.

»Paß auf, jetzt gibt’s Krach«, rät Kufalt.

»Glaub ich nicht«, zweifelt Bruhn. »Sollte mich wundern.«

Und nach fünf Minuten erscheinen die beiden wieder aus dem Arztzimmer, mit denselben ausdruckslosen Gesichtern, und diesmal taucht der Herr Medizinalrat selbst hinter ihnen auf. »Der Hauptwachtmeister bringt Ihnen gleich die Medizin rauf. Ja, auch Watte. Jawohl.«

»Die können’s besser, die Jungen«, beneidet sie Kufalt.

»Ach was«, sagt Bruhn, »feige ist er bloß, der Doktor. Das können doch Lebenslängliche sein – und was riskieren die schon, wenn sie ihm in die Fresse schlagen? Lebenslänglich bleibt immer lebenslänglich. Das weiß der Doktor ganz gut.«

»Kehrt! Den Arzt anschauen! Das sind die Leute, die diese Woche zur Entlassung kommen, Herr Medizinalrat.«

»Schön.« Der Medizinalrat sieht nicht hoch. »Die Leute können abgeführt werden. Alle gesund, alle arbeitsfähig, Herr Hauptwachtmeister.«

»Dafür haben wir hier nun eine Stunde gewartet«, sagt Bruhn.

»Aber ich schreibe eine dicke Beschwerde, wenn ich raus bin«, erklärt Kufalt.

»Vieh muß wie Vieh behandelt werden«, grinst Batzke. »Recht hat er, der Pflasterkasten!«

 

 

7

 

Als Kufalt in seine Zelle kommt, hat er schon wieder Grund zum Ärger. Da haben sie unterdessen Essen ausgegeben und ihm seinen Eßnapf auf den Tisch gestellt, aber nur einen Schlag haben sie hineingetan! Hunde, die verdammten! Soll er Kohldampf schieben noch in den letzten Tagen? Und gerade Erbsen, die er so gerne ißt!

Aber als Kufalt dann sitzt und hastig löffelt – er muß schlingen, denn es kann jede Minute klingeln zur Freistunde der dritten Stufe –, widersteht ihm das Essen plötzlich. Das hat er ein paarmal gehabt in diesen Jahren: Wochenlang, monatelang konnte er den breiigen Fraß nicht runterbringen.

So wühlt er nur appetitlos in der Schüssel, ob sich vielleicht ein Stückchen Schweinefleisch hineinverirrt hat – aber nichts.

Er kippt das Essen in den Kübel, macht die Schüssel sauber und schmiert sich einen Kanten mit Schmalz. Sein Schmalz schmeckt deftig, die Schneider braten es ihm unten auf dem Bügelofen mit Äpfeln und Zwiebeln aus. Zu ihm sind sie anständig, bei ihm nehmen sie nicht mehr als ein Viertel vom Pfund für ihre »Arbeit«, andere müssen die Hälfte oder gar drei Viertel geben, und wer grün ist, der kriegt überhaupt nichts zurück. Da hat es eben der Hauptwachtmeister beschlagnahmt. Die Schneider sind noch anständig gewesen und haben alle Schuld auf sich genommen. Erzählen die. Mach da schon was!

Kufalt hockt auf seinem Schemel und gähnt. Am liebsten haute er sich eine Weile aufs Bett, aber der Hauptwachtmeister kann jeden Augenblick an die Glocke schlagen, es wäre schon längst Zeit.

Wie sich die Zeit dehnt, diese letzten Tage und Wochen! Sie geht nicht hin, sie geht nicht hin, sie bleibt, sie klebt, sie geht nicht hin. Sonst hat er jede freie Minute gestrickt, aber er mag nicht mehr, nicht eine Masche mehr wird er denen stricken! Nichts mag er mehr. Auch nicht draußen sein. Sicher schreibt Werner überhaupt nicht, und dann darf er beim Pfaffen um Unterkunft betteln.

Das Beste wäre ein gutes, sicheres Einkommen, es braucht nur klein zu sein, aber sicher. Nichts mehr von den Ganoven sehen, irgendwo ganz unauffällig hausen, ein gewisser, gleichgültiger Willi Kufalt, und man hat sein Zimmer und sitzt warm durch den Winter. Vielleicht mal Kino. Und nette Büroarbeit und so weiter und so weiter. Er wünscht sich nichts Besseres. Amen.

Die Glocke schlägt an.

Er fährt hoch, greift nach Mütze und Halstuch, fühlt noch mal, ob der Schein fest im Strumpf sitzt – da macht schon Steinitz die Tür auf. »Freistunde dritte Stufe!«

Unterm Glaskasten sammeln sie sich, elf Männlein von sechshundert.

»Seid ihr alle?« fragt Petrow.

»Nein, Batzke fehlt noch.«

»Der pennt, muß extra geweckt werden.«

»Nein, der will nicht kommen.«

»Einen feinen Begriff kriegen die vorne. Die werden uns rasch wieder die Extrafreistunde abknöpfen, wenn sie sehen, daß wir nicht mal hingehen.«

»Wer hat den Fußball?«

»Einen neuen brauchen wir auch wieder. Den kann man nicht mehr flicken.«

»Halt ’s Maul, Schuster, gut ist der noch zu flicken, sei bloß nicht so faul!«

»Wenn die feinen Herren übermorgen rauskommen, können sie schon mal zehn Mark schmeißen von ihrer Arbeitsbelohnung.«

»Ich brauch mein Geld für mich.«

»Nanu, Herr Oberwachtmeister, warum gehen wir denn heute durch den Keller?«

»Is sich näher.«

»Und verboten ist es auch.«

»Wer verboten? Gar nicht verboten!«

»Rusch!«

»Was der verbietet, ich hust in die Hosen.«

»Da steht doch wer!«

»Mensch, Bruhn, kommst du mit uns mit?«

»Au fein, Emil, da können wir schön miteinander klönen.«

»Petrow hat mich rausgeschmuggelt, Rusch ist jetzt nicht im Bau. Fein, was, Willi?«

»Das gibt es gar nicht! Der ist noch nicht mal zweite Stufe! Herr Oberwachtmeister …!«

»Ich nichts sehen. Nicht wissen, wie Bruhn rausgekommen.«

»Hältst du den Sabbel, neidischer Hund! Gönnst das dem Bruhn wohl nicht, daß er ein einziges Mal mit uns rauskommt?«

»Stubben, dämlicher, wenn ich mal was will, gibst du an, noch und noch.«

»Bei Bruhn ist das anders, bei Bruhn sagt kein Wachtmeister was.«

»Anders – weil er dein Süßer ist, was? So was gibt’s gar nicht, ich werde dir Lampen machen!«

»Tu’s doch, wenn du’s wagst! Ich weiß auch was von dir …«

Sie sind draußen. Es ist der Freihof vom Jugendgefängnis, auf dem sie Fußball spielen und spazierengehen dürfen, ohne Aufsicht – Petrow hat sich schleunigst gedrückt –, als Vorbereitung für die Freiheit, allerdings von einer fünf Meter hohen Mauer umgeben.

»Komm, Willi, laß ihn doch reden, ich bin ja jetzt draußen.«

»Ja, komm. Wir gehen hier die Mauer lang, da stören wir sie nicht beim Spiel.«

»Dir muß man eine in die Fresse schlagen, du hochnäsiger Hund, du!«

»Schlag doch, schlag doch, wenn du eine Courage hast!«

»Das will ich dir beweisen, du Priemmaul, du elendes …!«

»Spielen wir nun Fußball oder nicht, Schuster …?«

»Viel zu elend bist du mir, hau bloß ab mit deinem Pupenjungen. Aber ich sag es dem Rusch …!«

»Also komm endlich, Willi!«

»Dieser elende Schuster, Emil! Ich will dir auch sagen, warum er so stänkert. Meine beiden gelben Spatzen hab ich ihm verkauft für vier Pakete Tabak. Und der Rusch hat es gerochen. Nun ist er die Vögel und den Tabak los. Darum ist er so giftig, nicht deinetwegen.«

»Wann kommt er raus, der Schuster? Der spinnt ja schon.«

»Und ob. Drei Jahre muß er noch abreißen. Aber er schmiert sich ja an jeden ran, den Beamten besohlt er heimlich die Schuhe, noch und noch, und jetzt will er ja auch wieder in die katholische Kirche eintreten, da kriegt er sicher Bewährungsfrist!«

»Ja, der kommt immer wieder raus, der versteht den Bogen.«

Sie gehen in der warmen Maisonne immer unter der Mauer auf und ab. Grün ist kein Gräserl, kein Zweig zu sehen, aber der Himmel ist schön blau, und nach den trüben Zellen ist die Sonne doppelt hell und warm. Sie wärmt bis in die Knochen, die Glieder werden schlaff und lässig, die immer gespannte, sprungfertige, abwehrbereite Stimmung entspannt sich, die beiden werden weich und ruhig.

»Du, Willi«, sagt der kleine Bruhn.

Er ist ein dicker, molliger Junge, erst achtundzwanzig, mit siebzehn in den Bau gekommen. Mit seinen hellblauen Augen, dem rosigen, vollen Gesicht, dem fast weißen Haar sieht er aus wie ein großes Kind. Auf seinem Schild in der Zelle steht aber »Raubmord«, und er hat auch die Höchststrafe für Jugendliche bekommen, damals noch fünfzehn Jahre. Doch nach so was sieht er nicht aus, er ist ein guter Junge, alle im Bau mögen ihn. Nie hat er sich angeschmiert, und doch mögen sie ihn.

Übrigens behauptet er, wenn er auf die Sache, sehr selten und sehr hilflos, zu sprechen kommt, daß er zu Unrecht verurteilt ist. Es war kein Raubmord, es war Totschlag, in Wut und Verzweiflung hat er seinen Kahnschiffer, der den Schiffsjungen Bruhn bis aufs Blut peinigte, erschlagen. Daß es ihm dann leid tat, mit dem toten Schiffer die goldene Uhr ins Wasser zu werfen, das steht seiner Ansicht nach auf einem anderen Blatt. Nicht um die Uhr hat er den erschlagen.

Da gehen die beiden jungen Leute, fünf Jahre und elf Jahre Knast haben sie hinter sich, jetzt sind sie in der Sonne, und in zwei Tagen ist alles überstanden, und alles wird wieder gut.

»Du, Willi?»fragt der kleine Bruhn.

»Ja, Emil?«

»Ich hab dich schon in der Spülzelle gefragt: Willst du nicht hierbleiben? Hier am Ort, meine ich. Nein, sag noch nichts, ich denke mir, wir nehmen uns zusammen ein Zimmer, das wird billiger. – Und wenn du nicht gleich Arbeit kriegst, kochst du und wäschst und machst die Hausarbeit. Ich werd gut verdienen. Und abends werfen wir uns fein in Schale und gehen aus.«

»Ich muß doch sehen, daß ich Arbeit kriege, Emil. Ich kann doch nicht ewig deine Hausarbeit machen.«

»Arbeit kriegst du. Nur so für den Anfang, dachte ich. Wenn du kräftiger wärst, würde ich dich in der Holzfabrik unterbringen, aber du mußt wohl Schreibkram machen oder so was … Der Alte mag dich doch gerne, der besorgt dir sicher was.«

»Ach, der Direktor, der kann auch nicht, wie er möchte. Und dann, Emil, hier das kleine Nest, überall laufen die Wachtmeister rum und die blauen Jungens auf Außenarbeit, und ewig hast du den Bunker vor Augen, und nach drei Tagen wissen die Krimschen, woher du bist. Und dann schwatzt es sich rum, und die Wirtin erfährt’s, und dir wird gekündigt …«

»Wir gehen gleich zu einer, die’s nicht stört.«

»Ach, das sind doch auch wieder solche, die wollen uns dann gleich hochnehmen.«

»Braucht nicht zu sein, Willi, glaub mir, braucht nicht zu sein. Es gibt auch andere. – Ich denk immer, ich krieg noch mal ein anständiges Mädel, nicht solch Nuttenpack, und heirate und werde Meister und hab Kinder …«

»Würdest du’s ihr denn sagen?«

»Weiß nicht. Müßte man mal sehen. Aber besser nicht.«

»Aber du mußt es ihr sagen, Emil! Sonst hast du ja immer Angst, es kommt raus und sie läuft dir weg.«

Sie stehen in der vollen Sonne, sie sehen sich nicht an, sie sehen vor sich hin in den grauen Sand, Kufalt wühlt mit seinem Pantoffel darin.

Bruhn bittet noch einmal: »Also, Willi, mach, komm mit mir!«

Und Kufalt: »Nein. Nein. Nein. Das mit dir, Emil, wäredoch auch wieder Kittchen. Wir würden immer nur vom Bau reden und vom Knast. Nee, nicht.«

»Nein!« sagt nun auch Bruhn.

»Man hat ja hier alles mitgemacht, und man hat schön mitgeschoben und beschissen und hat andere in die Pfanne gehauen und ist denen in den Arsch gekrochen, denen vorne, aber nun Schluß!«

»Ja«, sagt Bruhn.

»Und dann, wegen des anderen auch … Weißt du, als ich auf der Penne war, auf der Schule, verstehst du, da habe ich ’ne Liebe gehabt, ganz von weitem, wir haben höchstens zweimal miteinander gesprochen, und einmal hab ich gesehen, wie sie ihr Strumpfband wieder festmachte in den Anlagen. Das war damals, als die Mädchen noch lange Röcke trugen, weißt du …«

»Ja«, sagt Bruhn.

»Aber das war nichts gegen das erste Jahr hier, als du mir gegenüber auf der anderen Seite die Zelle hattest, und ich sah dich morgens. Du hattest nur Hemd und Hose an und setztest den Kübel raus und den Wasserkrug. Und dein Hemd stand offen über der Brust. Dann fingst du an, mir zuzulächeln, und ich hab immer auf das Schließen gewartet, ob ich dich zu sehen kriegte … Und dann schicktest du mir den ersten Kassiber …«

»Ja«, sagt Bruhn, »das war damals noch durch den langen Kalfaktor, den Tietjen, der wegen Raub saß. Der war stiekum, der machte es selber so.«

»Und dann das erstemal, als du im Duschraum, wie der Wachtmeister sich umdrehte, zu mir unter meine Dusche krochst, und wie du dich immer hinter dem Schirm verstecktest, wenn der linste … Gott, es waren doch manchmal schöne Zeiten hier im alten Bau …«

»Ja«, sagt Bruhn, »aber ein Mädchen ist doch besser.«

Kufalt besinnt sich. »Siehst du, darum hab ich mich daran erinnert: Wenn wir beide zusammen wären, es ginge gleich wieder los wie früher …«

»Nein«, sagt Bruhn. »Nicht, wenn Mädchen da sind.«

»Doch«, sagt Kufalt. »Und es soll alles vorbei sein. So schön es gewesen ist, es soll alles vorbei sein. Jetzt geht es ganz neu los, und ich will genauso sein wie alle anderen.«

»Also du gehst bestimmt nach Hamburg?«

»Nach Hamburg, ja, da fragt keiner nach mir.«

»Na schön, bleib bloß fest in Hamburg, Willi. – Gehen wir noch ein Stück?«

»Ja, gehen wir, die Sonne ist schon richtig heiß.«

Der kleine Bruhn sagt: »Dann werde ich also mit Krüger zusammenziehen. Der kommt am 16. Mai raus.«

Kufalt fragt erschrocken: »Hast du den jetzt, Emil? Der ist aber nicht gut.«

»Nein, ich weiß. Er klaut uns auch immer unseren Tabak. Und er hat drei Strafen, weil er Arbeitskollegen bemaust hat.«

»Na also!«

»Aber was soll ich machen? Einen muß ich haben, ganz allein halt ich’s nicht aus. Und die meisten wollen draußen nichts von mir wissen, von wegen Raubmord, weißt du.«

»Aber nicht gerade mit Krüger!«

»Wer kommt denn schon mit mir! Du hast doch auch nein gesagt.«

»Aber doch nicht darum, Emil!«

»Und ich muß auch jemanden haben, der mir hilft, Willi. Ich bin doch elf Jahre im Bunker, ich weiß doch von nichts, Mensch. Manchmal habe ich direkt Angst, ich denke, ich mach was falsch, und es geht gleich wieder schief, und ich sitz mein Lebtag drin.«

»Schon darum ginge ich nicht mit Krüger.«

»Also zieh du zu mir.«

»Nein. Ich kann nicht. Ich will nach Hamburg.«

»Dann nehme ich Krüger.«

Eine Weile gehen sie stumm nebeneinander. Dann sagt Bruhn: »Ich muß dich auch noch was fragen, Willi. Du weißt doch mit solchen Sachen Bescheid …«

»Mit was für Sachen?«

»Mit Geld. Mit Sparkassenbüchern.«

»Ein bißchen. Vielleicht.«

»Wenn jemand – also einer hat ein Sparkassenbuch auf meinen Namen, und er hat auch die Marke dazu, kann er da Geld abheben darauf? Nicht wahr, das kann er doch nicht?«

»Meistens wird er’s können, wenn das Sparbuch nicht gerade gesperrt ist, oder es ist Kündigung ausgemacht. Meistens kann er’s. Hast du ein Sparbuch?«

»Ja. Nein. Es ist eins angelegt worden für mich …«

»Vor deinem Knast?«

»Nein, hier …«

»Quatsch dich rein aus, Emil, ich halt schon den Sabbel. Vielleicht kann ich dir was helfen?«

»Ich hab doch immer in Schuppen drei gearbeitet, erst bei den Möbeltischlern und nachher für die Firma Steguweit die Geflügelställe …«

»Ja?«

»Und dann hat doch Steguweit auf der Großen Geflügelausstellung die goldene Medaille gekriegt auf seine Fallennester und mußte liefern noch und noch. Und damit wir ordentlich was fertigkriegten, haben seine Werkmeister uns heimlich Tabak zugesteckt. Das war damals, als im Bau überhaupt noch nicht geraucht werden durfte.«

»Vor meiner Zeit …«

»Ja, und dann kam es raus, es gab einen Riesenkrach, und mit dem Tabak war es alle. Aber sie hatten sich was anderes ausgedacht. Wir hatten ja nun keine Lust mehr, uns das Leder von den Händen zu arbeiten, bloß damit Steguweit Geld verdiente, und schlugen so Nest für Nest zusammen, gerade, daß der Tag hinging. Und da kamen dann die Werkmeister und sagten: ›Jungens, für jedes Nest, das ihr über fünfzehn abliefert pro Tag und Mann, kriegt ihr zwanzig Pfennig. Und das Geld wird für jeden von euch eingezahlt auf ein Sparkassenbuch mit seinem Namen. Und wenn ihr entlassen seid, dann kommt ihr zu uns und holt euch das Geld ab.‹«

»Saubere Sache das? Da wurden Nester fertig?«

»Mensch, ich sage dir! Wir haben Tage gehabt, da haben wir zweiunddreißig, ja, fünfunddreißig pro Nase extra abgeliefert. Na, es war auch Schinderei, meine Pfoten hättest du sehen sollen, das hat was gekostet!«

»Und das Geld ist richtig für dich eingezahlt?«

»Klar. Im ersten Jahr waren schon über zweihundert Mark da. Und im nächsten machte es noch mehr. Jetzt müssen’s schon weit über tausend sein.«

»Na, nun verlang doch das Sparbuch. Nimm’s ihm einfach weg, wenn er’s dir zeigt.«

»Ja, jetzt zeigt er es doch nicht mehr. Ist zu gefährlich, sagt er, riecht sauer, sagt er. Da sind doch eine Masse Leute rausgekommen in der Zeit, und manche haben Krach gemacht und sind zum Direktor gelaufen, weil es zuwenig ist. Und Steguweit hat zum Direktor gesagt, das alles ist Scheißhausparole, so was wie Sparbücher gibt es natürlich überhaupt nicht, weil es nicht zulässig ist vor dem Gesetz, daß Gefangene sich Geld extra verdienen.«

»Es sind doch sicher welche von den Entlassenen wieder reingekommen in der Zeit in den Bau, was haben die denn erzählt?«

»Welche sind, die hat der Steguweit gefragt, wenn sie zu ihm gekommen sind, ob sie träumen, er weiß von Sparbüchern nichts. Und wenn sie gemein geworden sind, dann hat er mit der Polizei gedroht. Manchen, die sehr gebettelt haben, hat er auch zwanzig Mark gegeben und manchen fünfzig, aber was ist das gegen die vielen Hunderter, die sie zu kriegen hatten? Ich hab allerdings das meiste, ich bin von Anfang an dabei.«

»Und was sagen die Werkmeister?«

»Daß die Kerls schwindeln. Daß die ihr Geld gekriegt haben, und daß sie es nur nicht wahrhaben wollen, weil sie es gleich versoffen und verhurt haben.«

»Möglich ist das ja. Das sind doch alles Scheißer, die wieder reinkommen in den Bunker. Aber warum zeigen sie dir das Buch dann nicht? Das ist doch Schwindel, daß sie Angst haben! Du müßtest den Steguweit anzeigen. Aber nee, das ist auch nichts, das laß lieber. Nachher kriegst du noch Knast wegen Erpressung wie der Sethe da an der Mauer.«

»Der hat doch was mit dem Küchenmeister gehabt?«

»Ja. Laß schon, ich seh rot, wenn ich daran denke. Der käme auch übermorgen raus und muß noch drei Monate abreißen, weil ich den Sabbel nicht gehalten habe. Der brächte mich am liebsten um. Na, laß schon …«

»Ich hab gedacht«, sagt der kleine Bruhn, »ich geh am schlausten zum Alten. Der ist doch ein netter Kerl und hilft uns, wenn er kann.«

»Freilich, wenn er kann. Er kann nur nicht, wie er will.«

»Warum soll er nicht können? Er braucht nur jeden Gefangenen in Schuppen drei zu fragen, dann hört er, daß ich die Wahrheit sage.«

»Und wenn er dir auch glaubt, er kann gar nichts machen. Das ist doch was Verbotenes, das Spargeld, und er kann dir doch nicht zu was Verbotenem verhelfen! – Sieh mal, da ist die Sache von dem ollen Sethe drüben, die war ganz sauber, und doch schiebt der Olle Knast dafür noch ein Vierteljahr.«

Sie stehen in einem Winkel. Die Fußballspieler sind müde geworden, liegen an der Mauer in der Sonne, schlafen und rauchen.

»Rauchen auch wieder, die Äster«, murrt Kufalt. »Wissen, daß es verboten ist hier vorm Jugendgefängnis. Na, laß sie, übermorgen bin ich in der vierten Stufe, da kann mir piepe sein, was aus der dritten wird. – Aber, der olle Sethe, der war Kartoffelschäler für die Küche und saß seine sechs oder acht Jahre im Kartoffelkeller und schälte Kartoffeln. Und jeden Monat einmal meldete er sich zum Arbeitsinspektor, er bäte um andere Arbeit, er wäre nun lange genug im Kartoffelkeller gewesen, möchte auch mal an die Luft. Und immer wurde sein Gesuch abgelehnt. Schließlich kommt er dahinter, daß es der Küchenmeister ist, der den Arbeitsinspektor aufputscht, er soll ihn nicht aus dem Kartoffelkeller rauslassen. Weil Sethe nämlich soviel schafft wie sonst zwei Kartoffelschäler. Das hast du vom vielen Arbeiten hier im Bau.«

»Richtig.«

»Und er fleht den dicken, vollgefressenen Küchenbullen an, er soll ihn doch rauslassen, er wird trübsinnig in dem nassen dunklen Keller, und der sagt: Ja, ja, nur noch dies Vierteljahr, und im Frühjahr soll er zu den Gärtnern kommen. Und dann wieder nicht und wieder nicht, bis dem ollen Sethe die Geduld reißt.

Der weiß doch eine ganze Menge aus der Küche, und so weiß er auch, daß der Küchenmeister sich jeden Mittwoch und Sonnabend seine fünf, sechs Pfund Fleisch unter die Weste steckt und nach Hause schleppt. Und dann dürfen die Beamten sich doch Hobelspäne holen aus der Tischlerei, in einem Sack auf dem Handwägelchen, zum Feueranmachen. Aber im Sack vom Küchenmeister sind oben Späne, und unten drin sind Erbsen und Linsen und Graupen und Grieß. Aber das beste ist: Meistens muß ausgerechnet der olle Sethe dem Dicken das Handwägelchen nach Hause ziehen.

Na, der Sethe überlegt sich hin und her, wie er es machen soll, daß er den Küchenmeister absägt und ein anderer kommt und er aus dem Keller. Schließlich erzählt er mir den ganzen Quatsch und fragt: ›Kufalt, was soll ich machen?‹ Und ich sage ihm: ›Sethe, die Sache ist klar wie Kuhkäse, mit der Scheiße gehen wir zum Direktor.‹ Und er sagt: ›Zum Alten! Auf keinen Fall! Da schussele ich rein!‹ Und ich sage: ›Wie kannst du da reinschusseln, der Quatsch ist klar, wir drehen das Ding so, daß du nicht reinfallen kannst.‹ Und er zu mir: ›Ich wollte Gott, ich hätte dir nichts gesagt, ich falle rein, du bist ja grün.‹ Und ich zu ihm: ›Ich bin nicht grün, aber du bist in einer Woche bei den Gärtnern.‹ Und melde mich zum Direktor.

Denn eine schöne Wut hatte ich im Bauch auf das fette Schwein von Küchenmeister. Uns armen Gefangenen, die Kohldampf schieben, frißt so ein Speckjäger noch das bißchen Fleisch weg!«

»Und was sagte der Alte?«

»Der Direktor hört sich also die Geschichte an und wiegt seinen ollen Glatzkopf hin und her und sagt: ›So ist das also. Gehört habe ich auch schon davon, aber wie es im einzelnen zuging, das wußte ich noch nicht.‹ Und ich sage ihm: ›Ja, nun darf aber der Sethe nicht reinfallen. Wenn Herr Direktor sich vielleicht am nächsten Mittwoch oder Sonnabend um sechs Uhr am Tor aufhalten wird? Da kommt der Küchenmeister mit seinem Handwagen mit Spänen drauf und Sethe vorneweg. Und kneift Sethe die Augen zu, so ist diesmal wirklich nur Holzzeug im Sack, und läßt er die Augen offen, so greifen Sie zu und haben den Speckjäger.‹ – ›Ja‹, sagt der Direktor, ›das haben Sie sich gut ausgedacht, das machen wir. Und ich danke Ihnen auch, Kufalt.‹

›Na‹, sage ich zu Sethe, ›die Sache ist in Butter.‹ Und er freut sich auch. Aber am nächsten Mittwoch sagt er: ›Der Direktor war nicht da, und drei Büchsen Corned beef waren im Sack!‹ Und am Sonnabend sagt er: ›Die haben dem Küchenmeister die Sache verpfiffen, der ist ganz anders zu mir.‹

Und wie der Kram zum Klappen kommt, kriegt der Sethe eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung in die Zelle. Und die Köche stehen wie ein Mann da und schwören, daß sie nie gesehen haben, daß der Küchenmeister sich Fleisch genommen hat oder Erbsen und daß das auch gar nicht möglich ist, und oll Vadder Sethe hat drei Monate Knast weg. Übermorgen wäre er sonst rausgekommen.«

»Aber vielleicht hat er wirklich geschwindelt. Warum soll der Direktor so was machen?«

»Das hat doch nicht der Direktor gemacht, das hat doch die Beamtenkonferenz gemacht. Das geht doch nicht, daß ein alter Beamter von einem Gefangenen reingelegt wird! – Sei du vernünftig, mach es, wie ich es dir gesagt habe, und geh nicht zum Direktor.«

»Ich weiß nicht, Willi. Bei mir ist das doch anders.«

»Natürlich ist es anders bei dir. Aber das gleiche ist, daß der ein Verbrecher ist und du auch, und uns wird schon von vornherein gar nichts geglaubt. Mach es, wie ich es dir gesagt habe. Halt die Klappe und sei froh, wenn du draußen bist und Arbeit hast!«

»Wenn du wirklich meinst, Willi?«

»Natürlich meine ich das. Ich mach es auch nicht anders, Emil!«

 

 

8

 

Am Nachmittag wurde Kufalt plötzlich von einem jähen Arbeitseifer ergriffen. Eigentlich hatte er bloß seine Zelle wienern wollen, aber dann sah er, daß ihm am Netz nur noch gegen zweitausend Knoten zu einem vollen Pensum fehlten, und wenn er sich dranhielt, war das zu schaffen, und er bekam achtzehn Pfennige mehr ausbezahlt bei der Entlassung.

So strickte er denn los auf Deubel komm raus. Ein bißchen schluderig wurde es ja, und gerade bei einem Heringsbelli sah es immer infam aus, wenn die Knoten nicht fest waren. Aber die Hauptsache blieben die achtzehn Pfennige, und wenn der Netzekalfaktor das Netz ordentlich reckte, war es noch zehnmal gut für die ollen Fischdampfer.

Dann ist er mit dem Stricken fertig, setzt sich auf den Fußboden und reibt ihn ein. Auch das muß man weghaben, nur eine Spur Terpentin mit Graphit, sonst bleibt die Erde stumpf und wird nicht blank, soviel man auch mit der Bürste reibt. Zum Schluß macht er »Muster«, das ist augenblicklich die große Mode im Zentralgefängnis: Aus einem Pappdeckel schneidet man sich eine Schablone und bürstet nun den Boden durch die Schablone »gegen den Strich«, dann hat man hell- und dunkelglänzende Muster auf der Erde, Blumen und Sterne und kleine galoppierende Tiere. Es ist das kein Muß, aber es macht Spaß und gefällt dem Auge des Hauptwachtmeisters Rusch und macht sein Herz geneigt für solche Künstler.

Als er auch das fertig hat, geht er ans Putzen des Metalls. Der schwierigste Fall ist die Innenseite des Kübeldeckels, die direkt mit dem Urin und Kot in Berührung kommt, da bildet sich immer ein weißlicher, schleimiger Schimmel. Nun, er hat den Bogen raus, man scheuert das erst mit einem möglichst hartgebrannten Backstein, dann …

Zu Anfang hat es ihn gestört, daß unterdes der offene Kübel dicke Gestankwolken in seine Zelle sendet, jetzt weiß er von so was nichts mehr. Der Kübel stinkt eben, da kann man nichts machen, und er stinkt auch noch lange nach, denn die Zellen sind klein und lüften sich schlecht.

Dann nimmt man etwas Putzpomade …

Aber da geht die Tür zu seiner Zelle auf, und der Netzemeister kommt herein, mit seinem Netzekalfaktor. Doch das ist der Rosenthal nicht mehr, das ist schon wieder ein neues Gesicht.

»Nanu, Meister«, grinst Kufalt und putzt emsig weiter, »haben Sie schon wieder ’nen neuen Kalfaktor? Das geht bei Ihnen ja wie Brezelbacken!«

Der Meister antwortet nicht, sondern sagt zu seinem Gehilfen: »Da, das Netz raus und alles Garn und die Eisenstange und – wo haben Sie Ihr Messer, Kufalt?«

»Liegt im Schrank bei der Bibel. Nee, auf dem Fenster. Habe eben noch das Pensum fertiggestrickt, Meister.«

»Welches Pensum? Wollen Sie nicht den Kübel solange zumachen? Das stinkt hier wie die Pest.«

»Ihre riecht wie Veilchen, was? – Welches Pensum? Das letzte Pensum natürlich. Immer, was unten dranhängt!«

»Sechzehn Pensen haben Sie seit dem Ersten! – Machen Sie jetzt den Kübel zu, ich befehle es Ihnen!«

»Geht nicht, muß den Deckel wienern. Trampeltier du da hinten, heb das Netz gefälligst auf und verschramm mir nicht meinen Boden! Siehste nicht, daß ich frisch gewienert habe?«

Der Gefangene, ein »Studierter«, wie Kufalt gleich gesehen hat, sagt: »Schnauzen Sie mich nicht an, ich verbitte mir das! Und dann sollen Sie den Kübel zumachen, haben Sie ja gehört, das stinkt hier wirklich gemein.«

»Mit dir red ich überhaupt nicht, du hast doch sicher ’ne alte Tante um ihre Spargroschen betrogen?! – Wieso sechzehn, Meister? Jetzt sind’s siebzehn, und die will ich morgen bezahlt haben, sonst kracht’s.«

»Seien Sie nicht so frech, Kufalt«, bittet der Meister förmlich. »Oder ich muß Herrn Hauptwachtmeister rufen.«

Kufalt aber ist in Wut und sagt: »Den ruf du man, mit dem erzähle ich mir gerne was. – Guck nicht so, du Dussel, raus mit dem Netz, raus mit dir aus meiner Zelle! – Wollen Sie mich zum Tort um ein Pensum betrügen?«

Der Netzemeister ist ganz verzweifelt. »Sie sind ja reine wild, Kufalt, Sie spinnen ja. Der Arbeitsinspektor hat doch heute früh schon die Pensumlisten von den Entlassenen verlangt! Da kann ich doch nichts mehr ändern, Kufalt. Nehmen Sie schon Vernunft an!«

Kufalt schreit: »Dann mußten Sie’s mir sagen!«

»Sie waren doch beim Arzt.«

»Ganz egal! Denkt ihr, ich schenke euch viertausendfünfhundert Knoten! Bring das Netz rein, du, ich knot’s wieder auf.«

»Kufalt«, fleht der Meister, »seien Sie nur einmal vernünftig. Sie brauchen doch sechs, acht Stunden, die Knoten wieder aufzumachen.«

»Ganz egal!« schreit Kufalt wieder. »Das ist Schikane von dir! Das ist deine Rache, daß du mir das Pensum nicht zahlen willst, ich kenne dich doch! Das Netz her oder ich schmeiß den Kübel mit dem ganzen Scheißdreck …«

»Wat denn! Wat denn!« klingt es von der Tür, und der Herrscher des Zentralgefängnisses, Hauptwachtmeister Rusch, schiebt sich herein. »Mit Scheiße schmeißen? Feste, feste! Aber alles wieder einsammeln, mit den Händen, selbst! Selbst!!«

»Und der Mann will übermorgen rauskommen«, sagt der Netzemeister, der sich plötzlich sehr sicher fühlt.

»Das geht Sie gar nichts an«, fährt Kufalt neu auf. »So was haben Sie überhaupt nicht zu sagen! Sie sind hier kein Beamter, verstehen Sie! Beim Direktor werd ich Sie melden! Sie, Sie haben mich erst so gemacht! Schikaniert haben Sie mich Tag für Tag! Ich hab’s Ihnen nicht vergessen, Meister, wie Sie mir immer das schlechteste Garn gegeben haben und immer gesagt haben, die Knoten sind nicht fest genug. Und ich hab getreckt und getreckt, bis ich mir den Daumen verknackst habe, und Sie haben sich in den Bart gelacht und haben gesagt: Immer noch nicht fest genug.«

»Warum schreien Sie denn so, Kufalt?« fragt der Hauptwachtmeister. »Sind Sie krank?«

»Gar nicht bin ich krank, aber siebzehn Pensen hab ich gestrickt, und der Meister will mir nur sechzehn anrechnen. Ist das Gerechtigkeit? Ich denke, wir werden hier nach Gerechtigkeit behandelt?«

»Wenn der Mann siebzehn gestrickt hat, muß er auch siebzehn bezahlt kriegen«, erklärt Rusch.

»Aber ich hab dem Arbeitsinspektor …«

»Wat! Wat! Aber! Hat er siebzehn gestrickt …?«

»Ja, aber …«

»Wat! Wat! Aber? Kriegt er siebzehn bezahlt! Alles klar!«

»Aber ich hab die Listen doch schon abgeliefert.«

»Dann sagen Sie eben, Sie haben einen Fehler gemacht.«

»Es ist nur, Herr Hauptwachtmeister«, sagt plötzlich grinsend Kufalt, »weil er denkt, ich hab ihn in die Pfanne gehauen mit seinem Rosenthal. Darum soll ich ein Pensum weniger kriegen. Und darum bin ich so wütend gewesen.«

Der Hauptwachtmeister guckt und wartet. Dies ist seine Stunde. In solchen Stunden erntet er, in diesen Stunden, wenn sich die Kumpel verfeinden und die Genossen anschwärzen, da sammelt er sein Material gegen Gefangene und Stufenstrafvollzug, da kommt der Stoff her für seine Anzeigen. Alles weiß er, alles erfährt er, und vorne in seinem Büro der Direktor schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und verzweifelt: Ist denn nicht ein Gerechter …?

Der Netzemeister läuft blaurot an und schluckt. »Herr Rusch, wenn hier einer in die Pfanne gehauen werden muß …«

»Na, wat denn?« fragt Rusch breit und gemütlich. »Sie meinen doch nicht unsern Musterknaben, den Willi Kufalt? Gucken Sie sich die Zelle an, wissen Sie sonst noch so ’ne Zelle im ganzen Bau? Gewienert, glänzt wie ein Affenarsch.«

Und Kufalt ist seiner Sache so sicher, daß auch er noch den Meister hetzt: »Freilich, ich muß in die Pfanne gehauen werden, Meister. Sie haben’s gerade nötig, mir Lampen zu machen, Meister. Haben doch wohl auch als Hilfsbeamter einen Eid geschworen, Meister?«

Worauf nun wieder der Netzemeister wütend losbricht: »Der Erpresser der, aber ich will Ihnen sagen, Hauptwachtmeister …« Und besinnt sich, dunkelrot, aber besinnt sich: »Also Sie kriegen Ihre siebzehn Pensen bezahlt, Kufalt. Und wenn ich Ihnen die achtzehn Pfennig übermorgen unterm Tor selber geben muß. Sie kriegen sie!«

Der Netzemeister geht ab. Jetzt steht der Hauptwachtmeister unzufrieden und wütend da.

»Hab ich keine Post, Herr Hauptwachtmeister?« fragt Kufalt.

»Post. Post. Sie kriegen Ihre Post, wenn’s Zeit ist. Und überhaupt haben Sie nicht so frech zu sein. Der Netzemeister ist Ihr Vorgesetzter. Ich schreib’s in Ihren Entlassungsschein, Kufalt, daß die Führung schlecht war. Dann kommen Sie bei keiner späteren Strafe auch nur in die zweite Stufe.«

Spricht’s und schrammt die Tür zu, ehe Kufalt sich von neuem entrüsten kann.

 

 

9

 

Abends um acht Uhr hat die dritte Stufe ihren allwöchentlichen Radioabend. Es ist schön still im Bau, die paar Wachtmeister vom Nachtdienst schlurren auf Filzlatschen herum und schließen die schon für die Nacht versperrten Zellen der Leute von der dritten Gruppe vorsichtig und leise noch einmal auf. Und sachte gehen die runter zum Schulzimmer, denn nichts ist schlimmer als ein Gefängnis, das nachts in Lärm gerät. Sind die Gefangenen erst einmal in ihrer kostbaren Nachtruhe gestört, dann hört das Schreien und Toben und Brüllen überhaupt nicht wieder auf.

Im Schulzimmer sammeln sich die zwölf, es ist noch ziemlich taghell, der Schuster hantiert schon am Radio.

»Was gibt’s denn?« fragt Kufalt, aber der Schuster ist noch von mittag her böse und antwortet nicht.

Dafür sagt Batzke, der lange Batzke, der über nackte Mädchenschönheiten gebietet und der die Heizkessel der Anstalt versorgt: »’ne Oper, von Verdi. Willste zuhören?«

»Nee, nur nicht. Warum die am Abend nie was Humoristisches machen, versteh ich nicht. Könnten doch auch mal an ’nen Gefangenen denken.«

Aber Batzke leiert seinen alten Vers: »Warum sollen die an uns denken? Sind froh, daß sie nicht an uns zu denken brauchen. Heilfroh, daß sie uns los sind, Vieh, das wir sind.«

Das Radio hat eingesetzt, und die beiden gehen den langen Gang neben den Schulbänken auf und ab.

»Hast du Tabak? Au, Mensch, Batzke, wo kriegst du nur immer den feinen Tabak her? Ich habe hier ja auch was gelernt von Schieben, aber so wie du …«

»Wenn du erst vierzehn Jahre Knast abgerissen hast wie ich«, sagt der sechsunddreißigjährige Batzke, »kennst du den Laden auch schon besser.«

»Nur nicht!« ruft Kufalt. »Lieber tot!«

»Das sag man nicht«, tröstet Batzke. »Dafür ist die Zeit draußen um so schöner.«

»Nee, danke, ich werde jetzt solide.«

»Mach bloß so was nicht«, warnt Batzke. »Du hältst es ja doch nicht durch. Da strampelst du dich zwei Monate ab oder drei oder fünf und schiebst Kohldampf und rennst dich um nach Arbeit. Und vielleicht kriegst du wirklich Arbeit und schuftest dich tot, daß sie dich nur behalten. Aber dann kommt’s doch irgendwie raus, daß du gesessen hast, und der Chef befördert dich an die Luft, oder die Kollegen – die sind immer die Schlimmsten – wollen mit so ’nem Verbrecher nicht arbeiten. Hab ich alles versucht. Aber wenn du dann mürbe bist und hast drei Tage nichts gefressen und faßt was an und gehst hoch dabei, gleich sagen sie: ›Das haben wir uns doch gedacht. Gut, daß wir den damals gleich rausgeschmissen haben.‹ So sind die, und wenn du schlau bist, dann hörst du auf mich und fängst gar nicht erst so was an wie Solidwerden. Dann machste mit mir mit.«

»Aber man wird geschnappt und kommt wieder ins Kittchen.«

»Nicht so leicht, wenn man ausgeruht ist und Geld hat. Immer wenn man Kohldampf hat und Angst und Geld kriegen muß. – Irgendwann fassen sie einen natürlich doch, aber bei mir wird das seine Weile haben.«

»Aber es gibt doch welche, die kommen nicht wieder rein?«

»Wer denn? Wer denn? Sag doch, wie lange schiebst du Knast? Wieviel Leute hast du schon wiederkommen sehen in der Zeit? – Na also! Und die nicht hierher wiedergekommen sind, die schieben jetzt woanders Knast. Ich dreh mein nächstes Ding auch nicht wieder in Preußen, ich geh mit ’nem Stadtplan brechen in Hamburg, daß ich nur nicht über die Grenze nach Altona gerate. Knast in Fuhlsbüttel ist viel besser als in Preußen, da kann schon die zweite Stufe Fußball spielen.«

»Ich mag aber nicht brechen gehen. Hab keinen Mumm für so was.«

»Sollst du auch nicht, mein Junge. Weiß ich doch selber. Wie wirst du mit solchen Ärmchen brechen gehen? Nee, auf so einen wie dich habe ich schon lange gewartet. Du bist doch fein, kennst die Fremdwörter und ein bißchen Englisch Parlewuh, du ahnst ja nicht, wie einem so was fehlt. Ich mach auch lieber was anderes als auf Bruch gehen.«

Kufalt fühlt sich geschmeichelt.

»Ich hab gelernt und gelernt«, erzählt Batzke weiter, »aber den richtigen Dreh krieg ich doch nicht raus. Eine Weile lang hab ich mal in Heiratsschwindel gemacht, das Risiko ist nicht so groß, und du brauchst kein Geld auszugeben für die Nutten, aber glaubst du, ein besseres Mädchen hab ich gekriegt …? Ich hab so aufgepaßt, wie’s gemacht wird, auf der Rennbahn und in der Bar, und die Fingernägel hab ich mir manikürt – nichts. Die feinen Kavaliere sind mit den großen Kallen abgezogen, und wenn ich meine besah, dann war’s immer ein Dienstbolzen oder höchstens ’ne Stütze, mit ein paar Hundert Erspartem, es lohnte nicht.«

»Richtiges Benehmen könnte ich dir schon zeigen.«

»Siehst du, das ist es, was einen wurmt. Ich versteh alles, ich kann ’nen Geldschrank knacken mit ’nem Schneidbrenner, wie nur einer. Aber immer krieg ich nur die kleinen Sachen, die andern gehen mit den großen über den Harz. So was wurmt einen, wenn man sein Fach versteht.«

»Aber zum Einbrechen braucht man doch keine Bildung, Walter!«

»Du hast ’ne Ahnung! In einen feinen Klub kommen als Doktor Batzke oder mit einem Luxuszug mitfahren, ohne daß gleich die Schmiere den Braten riecht, in einem hochherrschaftlichen Haus die Vordertreppe raufgehen, und der Portier hat nicht einmal die Courage, dich zu fragen, wieso und zu wem – das, sage ich dir, das mußt du mir beibringen.«

»Ich glaub immer, du kannst das alles schon. Du hast sicher in deinem Leben mehr Sekt gesoffen als ich.«

»Sicher … aber eben gesoffen … aber eben mit Huren. Sekt trinken, weißt du, und dabei ’ne Unterhaltung führen mit ’ner richtigen Dame, und ihr nicht schon nach dem dritten Glas in den Ausschnitt fassen – so was will ich lernen!«

Sie gehen auf und ab. Alle unterhalten sich, rauchen, streiten, ein paar im Winkel spielen Schach. Verdis Melodien gehen unter in dem Gelärm.

Walter Batzke fängt an zu schwärmen: »Mensch, ich sage dir, wir wollen es fein haben! Wenn wir jetzt rauskommen, haben wir beide Geld, da wird gelebt, sage ich dir. Was du in der ersten Nacht tust, weißt du?«

»Nee! Was tue ich da?«

»Nichts weißt du! Eine feine Nutte freist du dir auf der Reeperbahn oder in der Freiheit und gehst mit ihr auf ihre Bude. Und wenn sie anfängt von Marie und Abladen und so, dann haust du deinen Entlassungsschein auf den Tisch und sagst: ›Mädchen, heute blechst mal du! Fahr Sekt auf!‹«

»Die wird mir schön auf den Kopf spucken.«

»Das weiß er nicht! Nicht mal das weiß er! Die erste Nacht nach dem Knast ist bei allen Huren in Hamburg frei. Das ist so. Das kannst du mir glauben. Da schließt sich keine aus.«

»Wirklich?«

»Ehrenwort! – Na, und am Sonntag komme ich dann ja nach.«

»Soll ich dich von der Bahn abholen?« fragt Kufalt.

»Nee, lieber nicht. Ich muß erst mal nach Haus und nach meiner Ollen sehen.«

»Verheiratet bist du plötzlich auch?«

»Nee! Seh ich so aus? ’ne olle Witwe habe ich, so an die Fünfzig, die sonst keinen mehr findet, die besorge ich, und dafür habe ich zwei feine Zimmer und Bad und fein Essen – Präpelchen, Junge! Vielleicht kannst du auch bei mir wohnen, muß mal sehen, Harvestehuder Weg, Witwe Antonie Hermann. Die ist von der großen Reederei, davon hast du doch schon gehört?«

»Glaubst du denn, daß die all die Jahre auf dich gewartet hat?«

»Du bist gut! Natürlich hat sie ’nen Jungen, und natürlich hat sie keine Ahnung, daß ich jetzt wieder rauskomme aus dem Knast. Aber du weißt ja, wie ich bin, fromm bin ich nicht. Ich stell mich einfach hin vor den Jungen und sag: ›Der Rabe ist da. Raus!‹ Und wenn er seine Sachen packt, da steh ich dabei, und was sie ihm zuviel geschenkt hat, das wird meine!«

Kufalt macht es Spaß, er grinst. »Und läßt sie sich das gefallen?«

»Die …? Ich weiß doch, wo die Reitpeitsche hängt, und wenn ich sie erst einmal verdroschen habe, weiß sie von keinem andern mehr.«

Es geht Kufalt etwas durcheinander, der Rauch ist dick und der Abend trüb geworden, und die Musik der Oper klingt aus weiter Ferne. Witwe vom Harvestehuder Weg, Reedereibesitzerin, Reitpeitsche, Rabe – es ist ein bißchen viel. Aber wenn man fünf Jahre Knast geschoben hat, scheint nichts unmöglich – Dinge hat man hier erlebt!

Er läßt es auf sich beruhen und fragt: »Also wo treffen wir uns? Und wann?«

»Ich will dir sagen«, schlägt Batzke vor, »wir treffen uns auf dem Hauptbahnhof – nee, da läuft immer soviel Schmiere rum, die kennen mich alle. Wir treffen uns um acht auf dem Rathausmarkt unterm Pferdeschwanz.«

»Wo ist das?«

»Unterm Pferdeschwanz? Warst noch nie in Hamburg?«

»Nur ein paar Tage.«

»Da ist ein Denkmal von Kaiser Wilhelm auf dem Rathausmarkt, da reitet er. Unterm Pferdeschwanz weiß jeder in Hamburg.«

»Gut. Das finde ich. Also um acht.«

»Abgemacht. Und wirf dich fein in Schale. Wir machen einen langen Zug.«

»Schön. An mir soll’s nicht liegen.«

»An mir auch nicht.«

 

 

10

 

Durch den schlafenden, fast dunklen Bau schleicht hinter dem Nachtbeamten Kufalt, auf Socken, die Pantoffeln in der Hand.

Der Wachtmeister schließt die Zelle auf, er steht einen Augenblick da, den Lichtschalter zögernd in der Hand. »Gehen Sie einmal ohne Licht ins Bett, Kufalt. Ich muß sonst in zehn Minuten die vier Treppen wieder rauf. Und ich hab den ganzen Tag zu Haus Holz gesägt und bin hundemüde.«

»Selbstverständlich«, sagt Kufalt. »Das macht mir nichts. Gute Nacht, Herr Thiessen.«

»Gute Nacht, Kufalt. Es ist ja wohl Ihre letzte Nacht?«

»Vorletzte.«

»Und wie lange haben Sie abgerissen bei uns?«

»Fünf Jahre.«

»Lange Zeit. Auf und ab eine lange Zeit«, sagt der alte Mann und schüttelt den Kopf. »Sie werden sich wundern draußen. Fünf Millionen Arbeitslose. Schwer ist das, Kufalt, schwer. Meine beiden Söhne sind auch arbeitslos.«

»Ich hab ja warten gelernt.«

»Haben Sie’s gelernt? Hier doch nicht! Hier hat’s noch keiner gelernt. – Na, wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte, Kufalt, alles Gute. Sie werden’s nicht leicht haben, schwer werden Sie’s haben. Ob Sie’s aushalten werden? Wer einmal aus dem Blechnapf frißt …«

Der alte Mann steht wartend, denn Kufalt ist schon beinahe fertig mit Ausziehen im Licht der Flurlampe.

»Schlecht sind Sie nicht gewesen, nur zu leicht. Fleißig, ja. Und höflich, wenn man höflich war. Aber immer gleich im Bruddel, wenn was verquer ging, und hinter jeder Scheißhausparole hinterher. Fünf Millionen Arbeitslose, Kufalt …«

»Sie machen mich nicht gerade munter, Herr Thiessen.«

»Munter werden Sie schon genug sein, wenn Sie entlassen sind, da sorgen die Mädchen schon für und der Suff – das Muntersein macht’s nicht. Denken Sie immer daran, Kufalt, wir haben hier im Bau an die siebenhundert Zellen – denen ist’s egal, wer sich drin sorgt. Uns ist’s egal, bei wem wir schließen, alles kennen wir schon, alles, was es gibt.«

»Jeder ist anders, Herr Thiessen.«

»Draußen ja. Aber hier drinnen, da seid ihr alle gleich, das wissen Sie doch selbst, Kufalt. Wie rasch lernt ihr’s. – Na, gehen Sie jetzt man schlafen. Ihr Bett haben Sie schon runtergeklappt. Sehen Sie, das ist nett, so was mag ich, das sind die wirklich Gebildeten. Aber andere gibt’s. Der Schlimmste ist der Batzke, der macht sein Bett nachts um zwölf vom Haken und haut es mit aller Gewalt auf den Steinfußboden, daß der ganze Bau rebellisch wird. – Na, schlafen Sie denn also gut, die vorletzte Nacht. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Herr Thiessen. Und danke auch schön. Für alles!«

 

 

11

 

Es ist nicht dunkel in der Zelle. Durch das Fenster kommt Mondlicht. Kufalt stellt sich auf sein Bett und zieht sich an der Blechblende hoch. Nun kann er mit einem Knie auf dem schmalen Fenstersims ruhen und sieht oben, unter der Decke, in die Nacht.

Ja, es ist still. Wenn sich auch einmal ein Hund rührt und ein Schritt laut wird auf dem Hof von der Nachtwache, darum ist die Nacht nur noch stiller.

Nein, keine Sterne. Auch den Mond kann er nicht sehen, nur seine Helligkeit ist in der Luft. Die dunklen, schweren, langen Schatten da, das sind die Mauern, und was sich kuglig über ihnen wölbt, das sind die Kastanien. Die blühen jetzt, aber man kann sie nicht riechen. Kastanien riechen nur von ganz nah, und dann riechen sie unangenehm, wie Samen.

Aber sie werden noch blühen, wenn er draußen ist. Er kann unter ihnen gehen, wenn sie blühen, er kann hingehen, wenn sie voller werden im Grün, wenn die ersten gelben Blätter kommen, wenn die Früchte platzen, wenn sie kahl sind, wenn sie wieder blühen – immer kann er zu ihnen gehen, überallhin kann er gehen, wie er will, wann er will.

Es ist nicht auszudenken. Fünf Jahre lang hat er viele hundert Male hier unter der Decke gehangen, immer in Gefahr, mit der Blende herunterzurasseln oder vom Wachtmeister erwischt zu werden, nun braucht er das alles nicht mehr.

Der Thiessen hat gut quasseln, denkt er. Der versteht von nichts mehr was, so ein Wachtmeister hat ja lebenslänglich. Und das mit seinen zwei Söhnen. Ich weiß ganz gut, der Jüngste hat lange Finger gemacht und säße auch hier, wenn der Vater nicht alles abbezahlte. Viel Gehalt hat er auch nicht.

Er hat Lust auf eine Zigarette und klettert hinunter. Während er im Dunkel der Zelle nach den Hosen und dem Tabak in ihnen tastet, überkommt ihn plötzlich ein Gefühl … er bleibt stehen …

Ich will nicht mehr, denkt es in ihm. Ich will gewiß nicht mehr. Ein guter alter Mann, er ist immer nett gewesen zu allen. Es ist auch so wie draußen die Nacht, es wird dunkel, der Mond scheint, dann wird es wieder hell, es ist alles ganz einfach …

Er bemüht sich, klarzuwerden. Alle diese Schuftigkeiten, es macht es nur schwerer, es war vorher alles viel leichter, als ich noch ganz einfach in meiner Zelle saß, nichts von Schieben und Angeben wußte. Ich muß sehen, daß es wieder leichter wird. Ich komme sonst nicht durch, bin zu schwach, recht hat er. Es wird mir immer gleich alles zuviel. Man müßte irgendeinen sauberen Anfang haben, ganz gleich wie. Vielleicht gehe ich morgen doch zum Pastor.

Er dreht sich die Zigarette und zündet sie an. Ich muß sehen, daß es geht. Ich will gleich morgen früh damit anfangen, nicht um fünf am Fenster nach Batzkes Trulle zu sehen.

Er sitzt im Hemd auf der Bettkante und starrt vor sich hin, sehr hilflos. Die Asche fällt unbeachtet auf den herrlichen Fußboden. Seiner hat ein Sternmuster, mit Mond und Sonne.

ZWEITES KAPITEL

Die Entlassung

1

 

Ob Kufalt, am Morgen um fünf erwacht, sich den Reizen eines nackten Mädchenkörpers verweigert hätte, bleibt zweifelhaft. Denn er wacht erst um drei Viertel sechs auf, als die Glocke mit zwei scharfen Schlägen Signal zum Aufstehen und Waschen gibt.

Er fährt hoch, in die Hosen, besonders gut wird das Bett gemacht, denn heute ist die große Zellenabschiedsrevision. Dann das Waschen im Emailleeßnapf statt in der blinkenden Nickelwaschschüssel, die nun zu putzen keine Zeit mehr ist.

Als die Kalfaktoren um sechs nach Kübeln und Wasser laufen, die Zellenriegel zurückdonnern und die Schlösser knacken, ist Kufalt schon längst beim Reinigen des Zementfußbodens. Noch einmal muß das Muster drauf gewichst werden, alles ist von der Nacht verdorben. Dann baut er das Inventar nach einem heiligen System auf, damit der Hauptwachtmeister auf einen Blick überschaue: siehe! alles ist da.

Und bei all dieser Tätigkeit denkt er doch nur ununterbrochen an den Traum, den er gehabt hat in der Nacht. Der Traum aus den ersten Wochen seiner Untersuchungshaft ist wiedergekommen, jetzt in dieser Nacht.

Er läuft auf einen dunklen, tiefverschneiten Wald zu. Er muß sehr rasch laufen, die Polente ist auf seiner Spur. Es ist Nacht, es ist bitterer Winter, der Wald vor ihm ist sehr groß, auf einer Karte hat er gesehen, achtzehn Kilometer läuft die Chaussee durch Wald. Aber er muß hinüber nach der anderen Seite, dort geht eine andere Bahnlinie, dort vermuten sie ihn nicht, dort kann er vielleicht noch entkommen.

Ehe er in die ungeheure Waldung eintaucht, die ihn für vier Nachtstunden umschließen wird, muß er durch ein Dorf. Und im Gasthof des Dorfes sind die Fenster noch hell. Er geht hinein und läßt sich einen Schnaps geben. Und noch einen. Und noch einen. Es scheint, er kann nicht mehr warm werden. Er kauft sich eine Flasche Kognak. Er verstaut sie in seine Aktentasche und zahlt.

Dabei merkt er, daß ihn zwei Männer aufmerksam betrachten, ein blasser, fuchsgesichtiger, junger und ein alter, gedunsener, mit nur noch ein paar Haaren auf der schorfigen Platte. Zwei Pennbrüder.

»Viel Schnee auf den Wegen«, krächzt der Alte.

»Ja«, antwortet Kufalt und sieht, wo das Wechselgeld auf seinen Hunderter bleibt. Er hat die Geldtasche dabei in der Hand, und der Blick des jungen Fuchses liegt auf ihr, haltlos gierig.

»Gibt noch mehr Schnee, Nachbar«, brummt der Alte. »Keine Nacht zum Spazierengehen.«

»Nein«, sagt er kurz und steckt die Brieftasche ein. Er sagt »Guten Abend« gegen den Wirt hin und geht hinaus. Als er an dem Tisch der beiden vorbeikommt, steht der junge auf und sagt bittend: »Geben Sie einen Schnaps aus für zwei Durchgefrorene. Wir wollen auch noch auf Quanz.«

Er geht rasch vorbei, als hätte er nichts gehört.

Draußen empfängt ihn der Wind mit einem scharfen prasselnden Trieb Schnee direkt ins Gesicht. Er muß sich Schritt um Schritt gegen ihn ankämpfen, der Wald steht dunkel über dem Feld, ein paar hundert Meter ab.

Ich hätte ihnen einen Grog geben lassen sollen, macht er sich Vorwürfe. Dann wären sie noch eine Viertelstunde sitzen geblieben, und ich hätte Vorsprung gehabt. Die sind scharf auf mein Geld. Warum hat er gesagt, wir gehen auch auf Quanz? Woher weiß er, wohin ich will?

Er versucht, den Weg zurückzusehen, den er kam.

Aber es ist nichts zu erkennen, der Schnee treibt jagend schräg vorbei.

Im Wald wird es stiller sein. Aber der Schnee wird hoch liegen. Noch achtzehn Kilometer! Ich bin wahnsinnig, wie gut saß ich in Berlin! Sobald ich im Walde bin, nehme ich die Tausender aus der Brieftasche und verstecke sie an mir. Dann finden sie nur das Wechselgeld von dem Hunderter, und das sollen sie gerne haben!

Er läuft gegen Wind und Schnee stürmend an. Der Alkohol flammt in ihm hoch, er dampft von Wärme. Der Schnee kühlt das Gesicht gut.

Dann plötzlich ist es ganz still um ihn, er ist in die »Geduld« gekommen, in den Windschatten des Waldes. Nur noch ein paar Schritte. Da steht ein Tannenbusch gleich am Wege, er will hinter ihm Deckung nehmen, bricht in die metertiefe Schneeverwehung des Chausseegrabens ein und kämpft, immer wieder abrutschend und einsinkend, um festen Boden.

Als er den hat, nimmt er sich nicht erst die Zeit, den Schnee abzuklopfen von den Kleidern. Er setzt einen Fuß auf den Chausseestein und knöpft hastig die Schnürsenkel auf. Seine Schuhe sind gut, mit langen, wasserdichten Schäften, der Fuß darin ist trocken und warm. Vorsichtig schiebt er das flach gekniffte Paket mit den Tausendern – es sind leider nur noch drei – zwischen Strumpf und Haut, fühlt, ob alles gut und glatt sitzt, und zieht den Schuh wieder an.

Dann richtet er sich auf. Er nimmt einen tüchtigen Schluck aus der Flasche. Er ist ganz ruhig jetzt und seiner Sache sicher. Die kriegen ihn nie, weder die noch die. Er ist der Schlauste. Er muß nur forsch ausschreiten, die holen ihn nie ein.

Und so beginnt seine Wanderung. Sie ist schwieriger, aber auch leichter, als er dachte. Von den beiden sieht und hört er nichts wieder, doch der Schnee liegt schrecklich hoch, bei den Schneisen in breiten Wehen, in denen er bis zu den Armen versinkt. Und von der Chaussee gleitet er so oft ab, daß er schließlich darin Routine hat: Sobald er den Boden unter den Füßen verliert und in den Graben rutscht, wirft er sich mit aller Gewalt in die frühere Gehrichtung, dann landet er meist noch auf fester Erde.

Von Zeit zu Zeit macht er einen Chausseestein frei und leuchtet die Zahl an. Er kommt langsam vorwärts. Mehr als drei Kilometer schafft er nicht in der Stunde. Gut ist, daß er den Kognak hat, aber trotz alledem: den Frühzug bekommt er nicht mehr in Quanz, und vor allem: er muß dort erst in ein Hotel und schlafen und schlafen!

Als er die geleerte Flasche in den Schnee wirft, hat er noch vier Kilometer vor sich. Vor acht kann er nicht in Quanz sein. Die letzten Kilometer fällt er nur vorwärts, von einem Fuß auf den anderen, trotzdem zum Schluß die Chaussee fast schneefrei ist, außerhalb des Waldes rein geweht vom Winde.

Dann sitzt er im Deutschen Adler in Quanz auf der Bettkante, das Zimmer ist eisig, der eben angezündete Ofen qualmt. Er schläft immer wieder, zur Seite fallend, ein, aber er muß sich ausziehen, er kann nicht schlafen in dem nassen Zeug. Seine Glieder sind starr, seine Knochen voll Eis.

Er streift den Strumpf ab …

Er starrt, er sitzt da, verständnislos. Dann helfen die Finger den Augen beim Suchen. Sie finden – einen weichen zerriebenen Papierbrei, fast farblos, Papier, das acht Stunden zwischen feuchtem Fuß und Strumpf zerarbeitet wurde.

Dreitausend – sein letztes Geld, der letzte Rest vom Unterschlagenen! Er wirft sich aufs Bett und bleibt liegen, wie er hinfällt, ohne Denken. Etwas später bestellt er sich Kognak aufs Zimmer, auch heißen Rotwein mit Nelken und Zucker.

Drei Tage bleibt er in seinem Bett, immer trinkend, dann ist das kleine Geld aus der Brieftasche alle. Er geht los und stellt sich der Polizei, genauer dem Oberlandjäger von Quanz, einem Städtel mit dreitausend Einwohnern. Es ist zu Ende.

Dies hat er erlebt, es ist etwas über fünf Jahre her. Und dies hat Kufalt geträumt, viele, viele Nächte lang, die ganzen ersten Monate nach seiner Verhaftung: den Nachtmarsch durch den Wald und den Augenblick, da er aus dem Strumpf die zermatschten Tausender holte.

Es hat ihm einen Stoß versetzt, es ist das Schlimmste, was er je erlebt hat. Es hat seinen Stolz für immer geknickt, die Einbildung, er wäre wer. Nicht einmal zum Ganoven taugt er. Nie wird er jemandem dies Erlebnis erzählen, stets hat er erklärt, er habe alles Geld verludert, auch diese drei.

Später ist der Traum seltener gekommen, aber immer einmal kam er wieder. Auch heute nacht. Auch diese Nacht. Da das neue Leben beginnt, klirrt das alte Kettenglied.

Aber seltsam, der Traum hat sich gewandelt, ein wenig nur, eine geringe Kleinigkeit war anders.

Er erinnert sich genau: Auch heute nacht hat er den Fuß auf den Chausseestein gesetzt, den Senkel gelöst, den Schuh abgestreift. Nur … es waren keine drei Tausender, die er in den Strumpf schob, es war ein Hunderter …

Es war der Hunderter!

 

 

2

 

Willi Kufalt sitzt in Gedanken verloren da. Zögernd bückt er sich nach seinem Strumpf. Eigentlich müßte ich ihn dem Netzemeister wiedergeben. Aber das kann ich nun doch nicht. Lieber zerreiß ich ihn.

Er hat ein deutliches Gefühl von dem neuen Leben, das nun beginnen soll. Es ist etwas wie das Mondlicht heute nacht. Klar, fühlt er. Nichts mitschleppen.

Er faßt in den Strumpf …

Er läßt die Hand wieder vom Strumpf. Er steht mit einem Ruck auf und stellt sich unter das Fenster, in aufmerksamer Haltung, denn Hauptwachtmeister Rusch kommt in die Zelle.

Der Stationswachtmeister bleibt an der Tür stehen.

Der Hauptwachtmeister sieht den Gefangenen nicht an. Er betrachtet erst den Kübel, dann die Inventaraufstellung auf dem Tisch, dann das Arrangement aus Schüsseln, Bürsten, Dosen, Putzkasten auf dem Fußboden. Irgend etwas mißfällt ihm, er klappert erst mit den Schlüsseln, dann stößt er mit der Fußspitze die Bürsten durcheinander.

»Erst Wichse, dann Kleider«, befiehlt er.

Kufalt geht hin, bückt sich und legt die Bürsten in die geforderte Ordnung.

»Was gelernt, was?« fragt Rusch gnädiger. »Kein Schwein mehr?«

»Nein«, sagt Kufalt und denkt daran, daß er hier beispielsweise gelernt hat, sich in der Eßschüssel zu waschen und mit dem Netzemesser, einem schwärzlichen Stummel, zu essen, bloß um den befohlenen Paradeglanz der Dinge nicht zu zerstören.

Der Hauptwachtmeister geht gegen die Tür. Aber er hat noch etwas, er bleibt stehen und betrachtet nachdenklich den Wandschrank. Er faßt mit dem Finger hinauf und wischt die Kante entlang.

»Herr Suhm«, sagt er, »Briefbogen ausgeben. Ich mach allein weiter.«

Der Stationswachtmeister verschwindet.

»Der Sethe. Der Sethe«, sagt Rusch und betrachtet die Decke. »Nimmt er an?«

Kufalt überlegt einen Augenblick. Er weiß es zwar nicht, ob der alte Kartoffelschäler seine drei Monate Strafe wegen Beleidigung des Küchenwachtmeisters annehmen oder ob er Berufung einlegen wird, denn der spricht ja mit ihm nicht mehr. Aber davon erzählt er dem Rusch lieber nichts.

»Glaube nicht, Herr Hauptwachtmeister«, sagt er. »Wird wohl Berufung einlegen.«

»Soll er nicht. Soll nicht dumm sein. Mit ihm reden. Strafe annehmen, dann Bewährungsfrist, morgen raus. Sonst – bleibt er hier, Untersuchungshaft – Verdunkelungsgefahr.«

Kieke da, denkt Kufalt, das haben die ja wieder fein hingedreht. Acht Jahre hat der olle Sethe abgerissen, da wissen die ganz genau, daß ihm jetzt jeder Tag zuviel wird. Damit wollen sie ihn kriegen.

Und laut: »Ich kann ja heute mittag mal mit ihm reden. Aber ich glaub nicht, Herr Hauptwachtmeister, daß da was zu machen ist. Der hat einen Rochus im Leib.«

»Soll nicht dumm sein, annehmen. Dann Bewährungsfrist. Sonst – weiter Knastschieben!« Der Hauptwachtmeister macht eine Pause.

Darauf sagt er bedeutungsvoll: »Und dann …«

Er bricht ab. Sehr bedeutungsvoll.

Ja, und dann …, denkt Kufalt. Ich weiß schon, was du meinst. Es ist nämlich noch gar nicht sicher, daß der Sethe dann in einem Vierteljahr rauskommt. Erst mal werden ihn wohl die Küchenhengste ein bißchen erledigen in seinem dunklen Keller, und ein Gefangener ist kein Zeuge. Bißchen in die Mache nehmen, daß er sein eigenes Geschrei mal hört. Und dann werden ihn die Beamten ein ganz kleines bißchen reizen – der ist ja jetzt schon wie so ein Teekessel am Überkochen –, bis er wieder was Dummes sagt und wieder Beamtenbeleidigung. Und vielleicht ist er gar tätlich geworden, ganz egal, ob er’s wirklich geworden ist – dem können sie Knast besorgen, bis er auf der Irrenabteilung ist …

»Schlauer ist, er nimmt an«, sagt also Kufalt auch.

»Siehst du«, sagt der Hauptwachtmeister gnädig. »Ihm sagen. Soll sich vormelden zum Gerichtsschreiber. Kommt heute her. Dann morgen früh sieben raus.«

»Jawohl, Herr Hauptwachtmeister«, sagt Kufalt und weiß, daß er mit Sethe nicht ein Wort sprechen wird.

Der Hauptwachtmeister nickt. »Vernünftig. Bist immer vernünftig gewesen – bis auf die anderen Male. Fertigmachen. Hole dich gleich zum Direktor. Maul halten.«

Der Hauptwachtmeister ist weg und revidiert weiter die Zellen auf Ordnung und Sauberkeit.

Kufalt steht da.

Jetzt vor acht Uhr zum Direktor! Schwager Werner hat geschrieben! Vielleicht ist die Schwester selbst da, ihn abzuholen! Aber dafür ist es doch noch einen Tag zu früh? Es ist natürlich wegen etwas anderm, es ist wegen Sethe. Warum hat der Hauptwachtmeister zum Schluß gesagt: Maul halten …?

Er wird dem Direktor sagen, was er will. Direktor Greve ist der einzige Mensch im Bau, dem man alles sagen kann. Er kann ja nicht viel machen, seine Beamten stimmen ihn immer nieder, aber er ist anständig, er tut, was er kann. Und er will nur können, was anständig ist.

Kufalt denkt wieder an seinen Hunderter. Aber er nestelt nicht mehr an seinem Strumpf. Er räumt das Inventar ein. Scheibe, denkt er. Ja, Scheibe! Ausgerechnet hier fange ich mit Anständigkeit an. So blau!

Und dann: Eine schöne Dummheit hätte ich gemacht, hätte ich den Hunderter zerrissen. Die sind doch alle so, die draußen sind auch nicht anders. Sethe – den werden sie noch nach acht Jahren Knast erledigen. Und ich soll anständig sein? So blau!

Der Hauptwachtmeister steckt den Kopf durch die Tür. »Mitkommen«, sagt er.

 

 

3

 

Kufalt kommt immer besonders gerne aus dem Zellengefängnis zu denen »vorne«.

Er geht einen halben Schritt vor dem Hauptwachtmeister her, am Glaskasten der Zentrale vorbei. Hier wird es schon ganz anders, hier sind die großen Zellen der Handwerker: der Schuster und Schneider, der Steindrucker und des Bücherwarts. Hier stehen die Zellentüren weit offen, und die Handwerker laufen ein und aus, zur Wasserleitung und zum Werkmeister, mit Bügeleisen und mit Lederkupons.

Dann aber kommt die große feste Eisentür.

Der Hauptwachtmeister schließt zweimal, Kufalt tritt durch die Tür und steht auf dem Büroflur. Ein kahler Flur, weißgetünchte Wände, das Linoleum des Bodens fleckenlos spiegelnd, und eine endlose Reihe Türen. Kufalt kennt sie alle: Sprechzimmer, Lehrer, Pastor, zweites Sprechzimmer, zwei Obersekretäre von der Arbeitsinspektion, das Vorzimmer zum Direktor, Direktorzimmer, Oberwachtmeister vom Postdienst. Und auf der anderen Seite wieder zurück: Telefonzentrale, Polizeiinspektor, Arbeitsinspektor, Ökonomieinspektor, Kasse, Kasseninspektor, Arzt, Jugendfürsorger, Konferenzzimmer, Untersuchungsrichter und die Aufnahme.

In fast allen diesen Zimmern ist er gewesen mit Bitten und Gesuchen, um getadelt zu werden, um Schriftstücke zu unterschreiben. Von hier aus ist sein Schicksal geregelt worden, sind Hoffnungen erweckt und enttäuscht worden.

Der Polizeiinspektor hat ihm einmal drei Monate lang seinen Besuch versprochen und ist nie gekommen. Seitdem haßt er ihn. Der Lehrer hat ihm einmal zwanzig fast neue Zeitschriften auf die Zelle gegeben, der war überhaupt immer anständig. Mit dem Arbeitsinspektor hat er oft Krach gehabt, weil die Abrechnung nicht stimmte. Einmal gab der Ökonomieinspektor acht Wochen zu flott Lebensmittel aus, und am Schluß des Quartals bekam dann das ganze Kittchen solchen Fraß, daß man nichts mehr denken konnte wie Kohldampf, Kohldampf, Kohldampf … Der Pastor, nun, über den war überhaupt nicht zu reden. Der war nun schon über die Sechzig und machte seit vierzig Jahren im Bunker Dienst – der kälteste Pharisäer auf dieser pharisäischen Erde.

Der Direktor andererseits, nun, über den ließ sich auch nicht reden. Ein herrlicher Mann … zu gut vielleicht, zu gut sicher. Er hat schon viel Böses durch seine Güte erfahren, darum hat er den rechten Mumm nicht mehr, etwas gegen seine Beamten durchzudrücken, die doch immer recht behalten. Aber immer noch gut.

Der Hauptwachtmeister klopft an die Tür. »Der Strafgefangene Kufalt«, meldet er.

Der Direktor hinter seinem Schreibtisch sieht hoch. »Es ist gut, Hauptwachtmeister. Sie können gehen, ich schicke den Mann dann zurück.«

So eine Art Vorführung wurmt den Hauptwachtmeister, diesen mächtigen Mann, das weiß Kufalt. Beim vorigen Direktor ist er bei jeder Unterredung dabeigewesen und hat feste mitgeredet. Aber der Hauptwachtmeister verzieht keine Miene, er macht kehrt und geht aus dem Zimmer.

Der Direktor sitzt hinter seinem Schreibtisch. Er hat frische Farben, ein paar Durchzieher in der linken Backe und blaue Augen. Außerdem hat er eine Platte, die von den frischen Farben auch was abbekommen hat, gegen die Stirn ist sie rosa, gegen den Scheitel wird sie immer röter.

»Setzen Sie sich«, sagt der Direktor. »Sie nehmen eine Zigarette, nicht wahr, Kufalt?«

Er bietet ihm die Schachtel an, es ist eine Sorte zu sechs Pfennig, Kufalt sieht es, etwas Fabelhaftes. Und nun gibt ihm der Direktor auch noch Feuer.

Er hat sehr gepflegte Hände und einen tadellos sitzenden Sportanzug, seine Manschetten fallen so sauber über die Handgelenke, Kufalt kommt sich wie ein Schwein vor.

»Morgen ist es nun überstanden«, sagt der Direktor. »Ich will Sie fragen, ob ich Ihnen noch irgend etwas helfen kann?«

Kufalt möchte in seiner jetzigen Stimmung alles akzeptieren, was Direktor Greve ihm etwa vorschlägt, aber er hat keine eigenen Vorschläge – trotz seiner Hilflosigkeit. So sieht er den Direktor nur abwartend an.

»Was haben Sie für Pläne?« fragt der. »Sie haben doch Pläne?«

»Ich weiß nicht recht. Ich denke, meine Verwandten schreiben noch.«

»Sie stehen mit ihnen in Korrespondenz?« Und erläuternd: »Sie wissen, ich lese die Post nicht. Die Zensur macht der Herr Pastor.«

»In Korrespondenz? Nein. Ich habe ihnen in den letzten drei Monaten jedesmal einen Brief geschrieben, wenn Schreibtag war.«

»Und sie haben nicht geantwortet?«

»Nein, noch nicht.«

»Ihre Verwandten stehen gut da?«

»Ja.«

»Möchten Sie, wenn keine Antwort kommt – sie kann natürlich noch kommen, wenn aber keine kommt –, möchten Sie einfach hinfahren zu Ihren Verwandten?«

»Nein«, sagt Kufalt ganz erschrocken. »Nein, keinesfalls.«

»Gut. – Und Sie wollen ernstlich arbeiten?«

»Am liebsten«, sagt Kufalt stockend, »möchte ich irgendwohin, wo niemand etwas weiß. Ich habe an Hamburg gedacht.«

Der Direktor wiegt den Kopf hin und her. »Hamburg … Großstadt …«

»Ach Gott, Herr Direktor, ich habe die Nase wirklich voll. Das lockt mich nicht mehr.«

»Die Versuchungen der Großstadt …? Ach nee, Kufalt, an die glaube ich auch nicht. Oder vielmehr, die in der Kleinstadt sind genauso. Aber die Arbeitslosigkeit ist in Hamburg natürlich noch schlimmer. Sie haben keinen, der Ihnen dort hilft? Hier könnte ich vielleicht …«

»Nein, bitte nicht hier. All die Gesichter …«

»Gut. Vielleicht haben Sie recht. Aber was dort? Was haben Sie sich so gedacht?«

»Ich weiß doch noch nicht. An Buch- und Kassenführung komme ich natürlich nicht wieder ran. Und eine Stellung kriege ich auch nicht so leicht, wo die fünf Jahre in meinen Papieren fehlen …«

»Nein«, bestätigt der Direktor. »Kaum.«

»Aber ich kann doch Schreibmaschine. Wenn ich mir eine Maschine kaufte und Adressen schriebe im Akkord? Und später eine richtige Schreibstube einrichtete? Ich kann gut maschineschreiben, Herr Direktor.«

»Sie besitzen keine Maschine? Haben Sie Geld?«

»Nur die Arbeitsbelohnung.«

»Und wieviel macht die?«

»Ich denke, dreihundert Mark. – Ach, Herr Direktor, wenn Sie veranlassen würden, daß die mir hier gleich ganz ausbezahlt werden? Daß ich sie mir nicht alle Wochen vom Wohlfahrtsamt holen muß?«

Der Direktor macht ein bedenkliches Gesicht.

»Ich will so sparsam sein, Herr Direktor!« bittet Kufalt. »Ich will keinen Pfennig verludern. Aber nicht aufs Wohlfahrtsamt!« Und leise: »Ich möchte auch mit so was durch sein.«

Der Direktor kann Bitten schlecht widerstehen. Er sagt: »Gut. Das ist erledigt. Ich werde veranlassen, daß Sie Ihre Arbeitsbelohnung voll ausbezahlt kriegen. Aber, Kufalt – von den dreihundert Mark müssen Sie leben, vielleicht zwei Monate, drei Monate leben, da können Sie sich keine Schreibmaschine kaufen.«

»Auf Raten?«

»Nein, nicht auf Raten. Sie können ja nicht mit festen Einnahmen rechnen, das kann alles fehlgehen mit Ihren Adressen. Was also …?«

»Meine Verwandten …«

»Die lassen wir erst einmal ganz aus dem Spiel. Was machen Sie also?«

»Ich – weiß – doch – nicht.«

Des Direktors Stimme wird immer frischer: »Und wie lange haben Sie nicht Schreibmaschine geschrieben? Fünf Jahre nicht? Über fünf Jahre nicht? Ja, das wird dann im Anfang nur mühsam gehen, viel werden Sie nicht schaffen.«

»Ich kann gut hundert Adressen in der Stunde tippen.«

»Haben Sie gekonnt. Heute nicht mehr. Sie denken, Sie sind gesund. Sie denken, Sie haben Ihre zwei Pensen gestrickt, das geht auch draußen. Aber hier hat Sie nichts abgelenkt, Kufalt, draußen kommen all die Sorgen und die Versuchungen. Sie sind doch den Umgang mit Menschen nicht mehr gewohnt. Und dann die Kinos, in die Sie nicht dürfen, und die Cafés, für die Sie kein Geld haben. Das wird alles sehr schwer für Sie sein, Kufalt. Das Schwere fängt erst an.«

»Ja«, sagt Kufalt. »Ja.«

»Sie waren lange genug hier im Bau, Kufalt. Wie viele haben Sie wiederkommen sehen?«

»Viele, viele.«

»Sie müssen stärker sein als die alle. Sie werden oft denken, das lohnt ja gar nicht die Mühe – für was denn? Ich komme ja doch nicht wieder hoch. – Manche kommen aber doch wieder hoch. Nur streng müssen Sie es angehen lassen, Kufalt, ganz streng.«

»Ja, Herr Direktor«, sagt Kufalt gehorsam.

Das Zimmer ist zart bräunlich getönt. Die Fenster sind keine Löcher in der Wand, sondern haben Gardinen, weiße Mullgardinen mit zartgrünen Streifen. Ein richtiger Teppich liegt auf dem Boden.

»Sie sind wie ein Kranker, der lange im Bett gelegen hat. Sie müssen erst wieder gehen lernen, Schritt für Schritt. Wer lange im Bett lag, muß einen Stock zur Stütze haben oder jemanden, der ihn führt. – Noch eine Zigarette? Gut.«

Der Direktor wartet einen Augenblick. »Sie denken jetzt, laß den man reden, ich find mich schon zurecht. Es – ist – aber – sehr – schwer. Bis Sie sich reingefunden haben in das Leben draußen … Sie haben doch früher nie gelebt ohne festes Einkommen? Sehen Sie! Bis Sie sich eingelebt haben, ist Ihr Geld alle. Und was dann?«

»Man möchte bitten«, sagt Kufalt mühsam lächelnd, »daß Sie einen hierbehalten, Herr Direktor. Ich bin ja doch wie ein Mann, dem man die Hände abgeschlagen hat.«

»Nicht abgeschlagen«, sagt der Direktor. »Aber gelähmt sind sie, steif sind sie. Ich will Ihnen was vorschlagen. Es gibt ein Haus in Hamburg, da können Sie hingehen, da werden stellungslose Kaufleute aufgenommen, auch strafentlassene Kaufleute. Da ist eine Schreibstube dabei, Sie arbeiten dort tagsüber, genau wie auf einem Büro, und dafür haben Sie Ihr Zimmer und Ihr Essen frei. Wenn Sie mehr verdienen, wird Ihnen das gutgebracht. Sie brauchen Ihre Arbeitsbelohnung nicht anzugreifen, die wird sogar mehr, wenn Sie fleißig sind. Und sobald Sie sich sicher fühlen und irgendeine Arbeit wissen, gehen Sie raus aus dem Heim. Sie können jeden Tag rausgehen, Kufalt.«

»Ja«, sagt Kufalt überlegend. »Es sind nicht nur Strafentlassene da?«

»Nein«, sagt der Direktor. »Soviel ich weiß, auch sonst Stellungslose.«

»Und ich kann da ohne weiteres hin?«

»Ganz richtig. Sie lernen gehen, Kufalt, weiter nichts. Es wird natürlich da so eine Art Hausordnung geben, und sehr luxuriös wird es auch nicht grade sein, aber Sie sind ja nicht verwöhnt.«

»Nein«, sagt Kufalt aufatmend. »Nein, das bin ich nicht. Das ist sehr gut. Das will ich tun.«

Er sieht vor sich hin. Der Hunderter im Strumpf brennt wie Ausschlag. Er kämpft mit sich. Er möchte ihn dem Direktor geben. Da, nehmen Sie, ich will klaren Weg haben. Der Direktor würde schon nichts fragen. Aber dann tut er es doch nicht, es sähe so großsprecherisch aus, als wollte er seine Dankbarkeit abbezahlen, aber oben in der Zelle wird er ihn gleich zerreißen. Bestimmt.

»Ja«, sagt der Direktor. »Dann ist also alles klar. – Und wenn irgend etwas nicht klappt, dann schreiben Sie mir.«

»Ja. Und ich danke Ihnen auch, Herr Direktor. Ich danke Ihnen für alles.«

»Gut«, sagt der Direktor und steht auf. »Und nun bringe ich Sie noch zum Pastor. Der besorgt die Anmeldung im Heim.«

»Zum Pastor …?« fragt Kufalt. »Ist es ein frommes Heim?« Er bleibt sitzen.

»Nein, nein. Wenn auch ein Pastor sein Leiter ist. Es ist ganz interkonfessionell. Da sind Juden und Christen und Heiden.« Der Direktor lacht beruhigend.

»Aber ich möchte nicht gerne zum Pastor.«

»Seien Sie kein Tor«, sagt der andere energisch. »Der Pastor meldet Sie an, das ist eine Formalität, die ebensogut der Polizeiinspektor oder der Postwachtmeister machen könnte. Zufällig macht sie nun mal der Pastor.«

»Ich gehe nicht gerne zum Pastor.«

»Nun schön. Wollen Sie fünf Minuten Unannehmlichkeiten beim Pastor in Kauf nehmen oder lieber versacken? Also! Kommen Sie!«

Der Direktor ist schon halb auf dem Gang und geht Kufalt eilig voraus.

 

 

4

 

Plötzlich ruft Kufalt den Direktor, der schon fast an der Tür des Pastorenzimmers ist, an: »Herr Direktor, bitte noch was!«

Der Direktor wendet sich um. »Ja?«

»Der Bruhn, Herr Direktor, kommt doch auch übermorgen raus. Wenn Sie einmal mit ihm reden könnten?«

»Ja?«

»Es ist da was im Busch. Ich glaube, es haben ihm welche Versprechungen gemacht, und nun soll er angeschissen werden.«

Der Direktor überlegt eine Weile, er denkt scharf nach, dann fragt er: »Werkmeister?«

Kufalt sieht den Direktor an, aber er schweigt.

»Sie wollen nicht mehr sagen?«

Zögernd antwortet Kufalt: »Seit Sethe eigentlich nicht mehr sehr gerne.«

Sie stehen sich beide gegenüber auf dem Bürogang, Gefangener und Gefängnisdirektor, sie denken beide an jene Unterredung, da der Direktor dem Gefangenen Hilfe, Aufdeckung versprach. Die Stirn des Direktors ist dunkelrot geworden. Er sagt behutsam: »Es ist alles nicht so leicht, Kufalt. Man muß schustern, ewig schustern …«

Und plötzlich rasch entschlossen: »Also, ich werde mit Bruhn reden, daß er keine Dummheiten macht.«

Und er geht Kufalt rasch ins Pastorenzimmer voran.

»Hier, Herr Pastor, bringe ich Ihnen Kufalt. Er hat ein Anliegen an Sie.«

Und zu Kufalt: »Also lassen Sie es sich gut gehen. Halten Sie die Ohren steif und – alles Gute!«

Er gibt ihm die Hand, leise murmelt Kufalt etwas, und der Direktor ist fort.

Der Pastor sagt: »Also, mein lieber junger Freund, Sie haben ein Anliegen an mich. Sprechen Sie sich aus, sagen Sie mir alles, was Sie auf dem Herzen haben.«

Das möchtest du wohl, denkt Kufalt und schaut mit kaum verhohlenem Widerwillen in das glatte, wohlgenährte Gesicht.

Pastor Zumpe ist schneeweiß von Haar, hat auch einen schönen weißen, glatten Teint, aber dunkle Augen, über denen sehr buschige und rabenschwarze Brauen sitzen. Im Kittchen geht das Gerücht, diese Brauen seien nicht echt; jeden Sonntag vor der Predigt klebe sie sich der Pastor neu an, mit Leim, und zum Beweise, daß dies kein bloßes Gerücht sei, führen seine Anhänger an, daß manchmal eine Braue höher sitze als die andere.

Der Pastor sieht den Gefangenen freundlich an, es ist eine milde Freundlichkeit, etwas kaninchenhaft, aber das hilft nichts: Kufalt spürt genau, daß er diesem Mann völlig gleichgültig ist.

Der Pastor fragt wieder: »Also wo fehlt es, Kufalt? Brauchen wir noch etwas? Einen schönen Anzug zur Entlassung? Das kostet viel Geld, aber bei Ihnen lohnt es vielleicht. Bei Ihnen ist ja noch Hoffnung.«

»Danke«, sagt Kufalt. »Ich will keinen Anzug. Aber Herr Direktor hat mir gesagt, ich muß zu Ihnen wegen der Anmeldung für ein Heim mit stellungslosen Kaufleuten. Darum bin ich hier.«

»Also Sie wollen nach Friedensheim? Das ist erfreulich. Sehr erfreulich. Es ist eine große Vergünstigung, wenn man dort aufgenommen wird, mein lieber Kufalt. Sie leben dort – herrlich, kann ich Ihnen versichern. So gutes Essen. Und reizende Zimmer. Und ein entzückender Tagesraum mit einer vorzüglichen Bibliothek. Ich bin selbst dort gewesen, alles habe ich mir angesehen. Vorbildlich.«

»Und die Arbeit?« fragt Kufalt argwöhnisch. »Wie ist denn die?«

»Ach ja«, sagt der Pastor überrascht, »richtig, die Herren arbeiten. Das ist vorzüglich organisiert. Da ist ein großer Raum und sehr viel Schreibmaschinen, und da sitzen die Herren und schreiben. Es sieht so – gemütlich aus.«

»Was verdient man denn da?«

»Ja, mein lieber junger Freund, wie soll ich Ihnen das sagen? Es ist doch eine Wohltätigkeit, eine Hilfe, die Ihnen geleistet wird. Aber natürlich werden Sie genau bezahlt. Den Betrag kann ich Ihnen nicht sagen, aber Sie verdienen sicher sehr gut.«

»Na schön«, sagt Kufalt, »wollen Sie dann mal die Anmeldung ausschreiben?«

»Ja. Hier sind schon die Formulare. Wie heißen Sie? Also Kufalt. Und mit Vornamen? Willi? Also Wilhelm.«

»Nein, nicht Wilhelm. Willi. Ich bin auf den Namen Willi getauft.«

»Wirklich? Aber Willi ist eine Verstümmelung. Nun, lassen wir es dann also. Willi … hmmm … Willi. Und wann geboren? – Da werden Sie ja bald dreißig! Es wird Zeit, lieber Freund, hohe Zeit. – Und weswegen bestraft? – Unterschlagung und Urkundenfälschung? Schwere? Also Unterschlagung und schwere Urkundenfälschung. Wie lange?«

»Wozu müssen die in dem Heim denn das eigentlich wissen? Ich denke, damit ist es nun alle, hab’s abgesessen.«

»Aber die wollen Ihnen doch helfen, lieber Kufalt. Und wenn man Ihnen helfen will, muß man Sie kennen. Wie lange?«

»Fünf Jahre.«

Der Pastor wird immer freundlicher und sanfter, je brummiger Kufalt antwortet. Fast gerührt fragt er: »Und die Ehrenrechte, mein lieber Kufalt? Die bürgerlichen Ehrenrechte – die haben Sie doch noch?«

»Ja, habe ich noch.«

»Und die lieben Eltern? Was ist denn der liebe Vater?«

Kufalt verzweifelt wirklich. Heftig sagt er: »Um Gottes willen, Herr Pastor, können Sie damit nicht aufhören? Das macht mich … Was haben denn meine Eltern mit dem Krempel zu tun?«

»Lieber Kufalt, seien Sie doch ruhig … Es ist bestimmt alles zu Ihrem Besten. Sehen Sie, man muß doch wissen, aus welchen Kreisen Sie stammen. Einen Arbeitersohn kann man natürlich nicht für einen Privatsekretärposten in feinem Hause empfehlen. Nicht wahr? Also, was ist der liebe Herr Vater?«

»Tot.«

Der Pastor ist immer noch nicht ganz zufrieden, aber er läßt es auf sich beruhen. »Soso. – Aber die Mutter, die lebt noch, nicht wahr? Die ist Ihnen noch geblieben?«

»Herr Pastor«, sagt Kufalt und steht auf, »ich bitte, mir die Fragen kurz und knapp, wie sie dort vorgedruckt sind, vorzulesen!«

»Aber, mein lieber junger Freund, was haben wir denn? Ich verstehe Sie nicht. Ja, doch, doch, ich weiß, es ist eine wunde Stelle, wenn man mit seinen Nächsten auseinander ist. Daran darf nicht gerührt werden. Aber sie schreibt Ihnen doch, Ihre Mutter, sie schreibt doch?«

»Nein, sie schreibt nicht!« schreit Kufalt. »Und das wissen Sie ganz gut. Sie lesen ja die Briefe, Sie haben ja die Zensur.«

»Aber, mein lieber junger Freund, dann müssen Sie hinfahren! Zu Ihrer Mutter! Dann dürfen Sie nicht nach Friedensheim. Dann fahren Sie hin zu Ihrer Mutter, sicher verzeiht sie Ihnen!«

»Herr Pastor«, fragt Kufalt kalt entschlossen, »was ist es mit dem Blumenstrauß?«

Pastor Zumpe ist wirklich verblüfft. In einer ganz anderen Tonart, völlig ohne Sanftheit, fragt er: »Mit dem Blumenstrauß? Mit welchem Blumenstrauß?«

»Ja, mit welchem Blumenstrauß wohl?!« höhnt Kufalt jetzt ganz offen. »Was ist mit Ihrem Blumenstrauß, den Sie drei Wochen nach Weihnachten dem schwindsüchtigen Siemsen in die Zelle gebracht haben? Was ist mit der Anzeige von Siemsen geworden, die er gegen Sie an den Strafvollzugspräsidenten geschrieben hat? Ist die in Ihren Papierkorb gekommen?«

Und Kufalt sieht sich wild im Zimmer nach dem Papierkorb um, als könnte die Anzeige heute, ein Vierteljahr später, noch drin liegen.

Der Pastor ist erschüttert. »Aber, mein lieber junger Freund, so beruhigen Sie sich doch! So etwas muß Ihnen ja schaden. Sie sind einem Irrtum zum Opfer gefallen, einem jener häßlichen Gerüchte … Wenn ich dem kranken Gefangenen Siemsen einen Blumenstrauß gebracht habe, so darum, um ihm eine Freude zu machen, aber doch nie …«

Überwältigt bricht der Pastor ab.

»Sie haben, Herr Pastor Zumpe«, sagt Kufalt wild, »dem Siemsen wie seiner Frau zu Weihnachten zehn Zentner Briketts und ein Lebensmittelpaket versprochen für seine Familie. Das war von der Gefangenenfürsorge bewilligt. Die Frau hat gewartet und gewartet mit den Kindern. Sie haben es einfach vergessen. Und als die Frau dann zu Ihnen gekommen ist, haben Sie sich verleugnen lassen. Und als Sie von ihr auf der Straße angesprochen worden sind, haben Sie gesagt, sie soll Sie zufriedenlassen, es sind keine Mittel mehr da. – Das ist so, Herr Pastor, das wissen alle Gefangenen im Bau, und die Beamten wissen es auch.«

»Hören Sie mal«, ruft der Pastor wütend, »das ist alles nicht wahr, Entstellungen sind das, Verleumdungen. Wissen Sie, daß ich Sie wegen Beamtenbeleidigung anzeigen kann? Die Siemsen ist eine zweifelhafte Person, sie läßt sich mit anderen Männern ein, einer Unterstützung ist sie gar nicht würdig!«

»Wahrscheinlich soll sie ihre Gören verhungern lassen, statt auf den Strich zu gehen! – Und wie ist es denn, Herr Pastor, sind Sie nicht an dem Tage zu Siemsen mit Ihrem Blumenstrauß gekommen, als er in seiner Wut an den Strafvollzugspräsidenten geschrieben hatte?«

»Aus Mitleid bin ich zu ihm gegangen. Die Anzeige war bloßer Unsinn, denn der Fürsorgeverein ist ein privater Verein, und für den ist der Herr Präsident gar nicht zuständig!«

»Darum haben Sie wohl dem Siemsen gute Worte gegeben, daß er die Anzeige zurücknimmt? Und das dumme Schwein tut’s wirklich! Aber ich werde sie schreiben, wenn ich rauskomme, an die Zeitungen werde ich den Fall geben …«

»Tun Sie das nur«, sagt der Pastor giftig. »Sie werden ja sehen, wie weit Sie kommen. Ich bin vierzig Jahre Pastor hier, ich habe andere Leute wie Sie ausgestanden. – Ist Ihre Mutter in der Lage, Sie zu ernähren?«

»Nein.«

»Welcher Religion sind Sie?«

»Noch evangelisch. Aber ich trete so rasch wie möglich aus.«

»Also evangelisch. – Was können Sie?«

»Büroarbeiten.«

»Welche?«

»Alle.«

»Können Sie spanische Geschäftsbriefe schreiben?«

»Nein.«

»Also welche Büroarbeiten können Sie?«

»Schreibmaschine, Stenographie, doppelte, amerikanische und italienische Buchführung, bilanzsicher. Und so das Übliche.«

»Also nicht spanisch. Können Sie Vervielfältigungsmaschinen bedienen?«

»Nein.«

»Falzmaschinen?«

»Nein.«

»Adressiermaschinen?«

»Nein.«

»Sehr wenig. So – nun haben Sie hier zu unterschreiben.«

Kufalt überfliegt den Fragebogen. Plötzlich stutzt er. »Hier steht, daß ich die Hausordnung anerkenne. Wo ist denn die?«

»Die Hausordnung ist die Hausordnung. Die müssen Sie natürlich anerkennen.«

»Aber ich muß doch wissen, was ich anerkenne. Darf ich die mal sehen?«

»Ich habe keine hier. Mein lieber Herr Kufalt, für Sie wird keine extra gemacht. Der haben sich alle unterworfen, also werden Sie’s auch müssen.«

»Ich unterschreibe nicht, was ich nicht kenne.«

»Ich dachte, Sie wünschten in das Heim aufgenommen zu werden.«

»Ja, aber die Hausordnung muß ich erst sehen. Sie haben sicher eine hier.«

»Ich habe keine hier.«

»Dann kann ich auch nicht unterschreiben.«

»Und ich nicht Ihre Aufnahme empfehlen.«

Kufalt steht einen Augenblick unschlüssig und betrachtet den Pastor. Der sitzt am Schreibtisch und blättert in Briefen.

»Sie sollten die Briefe rascher zensieren, Herr Pastor«, sagt Kufalt. »Es ist eine Schweinerei, wenn die Briefe hier zwei Wochen liegen.«

Der Pastor sieht gar nicht erst hoch. »Also Sie unterschreiben nicht?«

»Nein«, sagt Kufalt und geht.

 

 

5

 

Kufalt sieht sich auf dem Gang um. Drüben, bei der Aufnahme, stehen sechs, acht Mann in Zivil, neu eingelieferte Gefangene. Bei ihnen hat Oberwachtmeister Petrow Aufsicht, der bläst nichts, was ihn nicht brennt. Sonst ist der Gang leer.

Kufalt geht in der anderen Richtung, vom Zellengefängnis fort, von Petrow fort, an all den Bürotüren vorbei, bis er zur Treppe, die ins Erdgeschoß führt, kommt. Dies ist eine Beamtentreppe, für Gefangene nicht zu betreten, aber er wagt es.

Keiner begegnet ihm, er steigt nach unten, bis in den Keller, und hier stellt sich Kufalt an eine andere große Eisentür, die in des Hausvaters Reich führt. Der Pastor hat ihn auf einen Gedanken gebracht: In welchem Zustand wird sein Anzug sein?

Fünf Jahre ist es her, seit er eingeliefert wurde, er versucht vergeblich, sich zu erinnern, was er damals anhatte. Er besaß damals nur, was er auf dem Leibe trug: Anzug und Wintermantel und Hut, und dazu in einer Aktentasche ein Nachthemd und eine Zahnbürste.

Also wird er auch Wäsche kaufen müssen. Ehe er noch draußen ist, schwindet sein Geld, schwindet. Und wie wird der Anzug aussehen, jetzt nach fünf Jahren?

Er steht da an der Eisentür und sieht kummervoll vor sich hin. Sicher, es ist mit der Entlassung viel zu schnell gekommen, nichts ist vorbereitet, vor allem ist er nicht vorbereitet. Nun ist es auch wieder mit dem Heim nichts geworden, er wird ein Zimmer mieten müssen … Wenigstens bekommt er sein Geld gleich ganz ausbezahlt, das hat er beim Direktor erreicht, ein, zwei Monate hat er zu leben. Und kann sich auch ein bißchen was kaufen. Aber dann …?

Wachtmeister Strehlow kommt. »Nanu, was stehen Sie denn hier? Wo ist denn Ihr Wachtmeister?«

»Ich war zur Vorführung bei Direktor und Pastor. Ich soll zum Hausvater wegen meiner Sachen. – Weil ich doch morgen rauskomme«, fügt er erläuternd zu.

»Laßt euch doch gleich ’nen Schlüssel geben, ihr von der dritten Stufe! Wir sind ja schon ganz überflüssig. Läuft allein rum im Bau! Na, es geht so lange, bis einem von uns der Schädel eingeschlagen wird, dann werden’s die Herren am grünen Tisch ja kapiert haben, was sie hier anrichten.«

Aber Strehlow läßt Kufalt doch durch, schimpfend, aber er läßt ihn durch, schließt hinter ihm wieder ab und geht die Beamtentreppe hinauf.

Kufalt ist auf einem langen Kellergang, rechts und links stehen die Türen der Läger auf. Im Vorbeigehen sieht er Regimenter von Eßschüsseln aufmarschiert, Armeen von Kübeln. Unter unendlichen Wäschestößen haben sich die Regale durchgebogen. Immer näher kommt er der Abfertigung, dorthin, wo der Hausvater sitzt. Sein Herz klopft stark, nun kommt alles auf die Stimmung des Hausvaters an.

Der Hausvater ist nämlich ein feiner Kerl, er behandelt keinen Gefangenen wie einen Gefangenen, sondern genauso wie alle anderen Menschen: gut, wenn er guter Stimmung, hundemäßig, wenn er schlechter ist. Und wenn er schlechter ist, schmeißt er Kufalt einfach raus und womöglich gleich in Arrest, daß der hier allein angesockt kommt.

Weiter ist aber auch wichtig, wie man es mit der Anrede hält. Es gibt zwei Parteien im Bunker: Die eine behauptet, er will durchaus »Hauptwachtmeister« genannt werden, die andere schwört auf die Anrede »Hausvater«.

Kufalt hat früher zur Hauptwachtmeisterpartei gehört, ist aber, trotz dieser Anrede, zweimal rausgeflogen mit seinen Anliegen. Bei »Hausvater« ist er erst einmal angeschnauzt, und das kann nun wirklich gewesen sein, weil er Putzpomade verlangt hatte. So was ist ein Ansinnen, eine Frechheit, nur den Kalfaktoren, die Beamtengerät zu putzen haben, steht Putzpomade zu.

Er nimmt einen Anlauf und landet vor dem Hausvater.

»Herr Hausvater, ich komme von Herrn Pastor. Ich wollte mal fragen, Herr Hausvater, ob meine Sachen noch gut sind. Sonst kriege ich vielleicht was von Herrn Pastor.«

»Wo kommen Sie denn allein her?« fragt auch der Hausvater zuerst. »Wo ist denn Ihr Wachtmeister?«

»Ich bin so durchgelassen«, sagt Kufalt.

»Wer hat Sie denn durchgelassen? Der Pastor?«

Kufalt nickt.

»Dieser elende Pfaffe!« schimpft der Hausvater. »Da sieht man’s wieder. Wenn wir mal eine Erleichterung für die Gefangenen wollen, dann ist er immer dagegen, weil ›Strafe Strafe bleiben soll‹, aber er ist zu faul, die zwanzig Schritt den Gang runterzugehen. Na warte, in der nächsten Beamtenkonferenz bringe ich das aber vor.«

Kufalt hat andächtig zugehört. Der Hausvater ist guter

Laune, er kann auf die Pfaffen schimpfen, das mag er gerne, der Hausvater ist nämlich rot. Und die nächste Beamtenkonferenz ist erst am Dienstag, dann ist Kufalt schon längst draußen.

»Was wollen Sie denn nun eigentlich?« fragt der Hausvater gnädig. »’nen Anzug schnorren? Ihrer ist noch ganz gut.«

»Wenn ich ihn einmal anprobieren dürfte, Herr Hausvater«, schmeichelt Kufalt. »Ich hab hier so ’nen Bauch gekriegt von all dem Brei!«

»Nach Bauch sehen Sie aber nicht aus. Na, mir soll’s recht sein, trotzdem man dem Pfaffen wirklich den Gefallen nicht tun sollte. – Bastel, holen Sie mal dem Kufalt seine Sachen.« Er blättert in dem Register. »Fünfundsiebzig dreiundsechzig. – Ist der Anzug vom Schneider schon zurück?«

»Jawoll, Herr Hauptwachtmeister«, schallt es aus dem Gewölbe, und der Hausvaterkalfaktor Bastel erscheint mit einem großen Sack, in dem kunstvoll auf einem Bügel geordnet sämtliche Sachen des Gefangenen Kufalt hängen.

»Wart schon«, sagt Bastel zu Kufalt. »Ich nehm deine Kluft lieber selbst raus. Du zerknautschst sie nur.«

Es ist der dunkelblaue Anzug mit dem weißen Nadelstreifen, Kufalts Herz jauchzt, den hat er höchstens fünf- oder sechsmal angehabt.

»Ein feiner Anzug«, sagt auch der Hausvater. »Was haben Sie dafür bezahlt?«

»Hundertsechsundsiebzig«, sagt Kufalt aufs Geratewohl.

»Viel zuviel Geld«, sagt der Hausvater. »Höchstens neunzig Mark.«

»Das ist aber auch fast sechs Jahre her«, gibt Kufalt zu bedenken.

»Da haben Sie recht, damals waren Anzüge noch teuer. Heute sechzig, siebzig Mark. Es gibt schon welche für zwölf und fünfzehn.«

»So was!« staunt Kufalt bereitwillig.

»Nee, Ihre Wäsche behalten Sie an. Ihr Oberhemd ist überhaupt noch nicht von der Plätterin zurück, bei der müssen wir heute abend rangehen, Bastel. – Ja, fein kommt ihr raus, ihr Jungen. Die reinen Kavaliere, an uns liegt’s nicht.«

Und dafür ist der Hausvater wirklich bekannt, die Sachen hält er tipptopp, das ist sein Stolz, da darf kein Fäserchen fehlen. Seine Kalfaktoren haben schweren Dienst.

»Gut sieht das aus. Ein ganz anderer Mensch, Kufalt. – Bastel, sehen Sie sich bloß mal den Kufalt an …« Er unterbricht sich ärgerlich: »Was will der Batzke hier? Herr Steinitz, ich will den Kerl hier unten nicht haben, wenn es nicht unbedingt sein muß. Der stänkert nur. Ja, Sie stänkern, Batzke, Sie sind auch jetzt nur zum Stänkern gekommen.«

»Ich hab ja noch nicht den Mund aufgemacht«, sagt Batzke und sucht Bastel mit den Augen. Kufalt beachtet er gar nicht.

»Anordnung vom Direktor«, sagt Wachtmeister Steinitz. »Batzke darf seine Sachen anprobieren. Ob sie noch passen.«

»Hab ich hier ’ne Ankleidestube? Nächstens kommt der ganze Bau und probiert an. Der Direktor könnte auch was Schlaueres tun. Hauen Sie wenigstens ab, Kufalt. Ihre Schuhe …? Ach was, Ihre Schuhe werden schon passen.« Milder: »Na, meinethalben, probieren Sie Ihre Schuhe noch an. Bastel, die Sachen von Batzke, Nummer vierundzwanzig neunzehn!«

Bastel kommt mit einem neuen Sack, und Batzke flüstert hastig mit Bastel, der nickt, dann mit dem Kopfe wiegt. Aus der Mütze, die Batzke in der Hand hielt, tauchen plötzlich vier Pakete Tabak, eines nach dem anderen, auf und verschwinden in Bastels Händen.

Bastel zieht sich zurück, die beiden Beamten reden miteinander am Fenster.

Kufalt müht sich mit seinen Schuhen. Er kriegt und kriegt sie nicht an, wahrscheinlich liegt es an den dicken wollenen Socken. Und die zivilen Strümpfe sind noch in der Wäsche. Aber so eng waren die Schuhe doch gar nicht! Kann man noch Ende Zwanzig größere Füße kriegen?

Plötzlich klingt Batzkes Stimme laut und vernehmlich durch den Raum: »Hier ist ein Mottenloch!«

Der Hausvater macht drei Schritte. Dann bleibt er stehen. »Natürlich, der Batzke! Natürlich stänkern! Ein Mottenloch. Siebzehn Jahre bin ich hier Hausvater, und es hat noch nie ein Mottenloch gegeben.«

Er kehrt um und geht wieder ans Fenster.

»Und hier ist noch ein Mottenloch. Und hier unterm Aufschlag alles zerfressen.«

»Zeigen Sie her! Verrückt sind Sie … Nie hat eine Motte …«

»Und es sind doch Motten in meinen Sachen«, sagt Batzke unerbittlich und sieht gleichmütig den wütenden Hausvater an.

Der zerrt das Jackett ans Licht. »Es ist unmöglich … oh, gottverdammte Hurerei … Bastel, verfluchter Hund, warum hast du mir nicht gesagt, daß in Batzkes Sachen die Motten sind?«

Bastel blickt dumm. »Hab Schiß gehabt, Herr Hausvater.«

»Und warum haben die Schneider nichts gesagt?«

»Sind zu feige gewesen, Herr Hausvater, haben Schiß gehabt.«

»Warum hast du’s nicht zum Kunststopfen gegeben?«

»Hab gedacht, ich kriegte was auf den Deckel.«

»Hier in der Hose sind auch Mottenlöcher«, läßt sich Batzke ungerührt vernehmen.

»Schweinerei, verfluchte …! Ich sagte, dieser Batzke … Nie habe ich Motten gehabt … Aber es geht nicht mit rechten Dingen zu, Batzke, da ist …«

Eine Erleuchtung kommt ihm: »Die waren drin, als Sie kamen! Mitgebracht haben Sie die, Batzke!«

»Müßte im Protokoll stehen. Müßte ich unterschrieben haben, Herr Hausvater.«

»Und das haben Sie auch! Warten Sie!« Der Hausvater reißt Akten aus dem Fach. »Wie lange sind Sie drin? Wann sind Sie aufgenommen?«

»Wie soll ich das noch wissen, Hausvater?« sagt Batzke gemütlich. »So oft, wie ich rein- und rauskomme. Das steht doch alles in Ihren dicken Büchern.«

Der Hausvater hat es schon gefunden

Er liest mit gerunzelter Braue das Aufnahmeprotokoll. Er liest es noch einmal. Und zum drittenmal. Dann sagt er mit erzwungener Ruhe: »Also, ich laß Ihnen den Anzug kunststopfen, Batzke.«

»Ich hab ’nen heilen Anzug mitgebracht, Hausvater. Ich will mit ’nem heilen Anzug wieder raus. Ein gestopfter steht mir nicht zu.«

»Das sieht kein Mensch, wenn der gestopft wird, Batzke. Die Stellen sind dann fester als die anderen.«

»Brauch keine festeren Stellen, Hausvater, ich will ’nen heilen Anzug.«

»Woher soll ich den denn jetzt noch nehmen, Batzke? Seien Sie vernünftig. Bis Sonntag kriegen die Schneider doch keinen fertig.«

»Gehen wir in die Stadt, Herr Hauptwachtmeister. Kaufen wir einen. Ich trag auch Konfektion, Hausvater, ich bin gar nicht so.«

»Und das Geld … Muß ich wahrhaftig Ihretwegen beim Pfaffen betteln, daß die Gefangenenfürsorge Geld rausrückt …! – Was stehen Sie hier noch rum, Kufalt? Wollen Sie machen, daß Sie türmen!«

»Meine Schuhe, Herr Hausvater!«

»Was ist mit Ihren Schuhen, he? In Ihren Schuhen sind wohl auch die Motten? Gehen Sie, Herr Steinitz, lassen Sie den Kufalt durch. Einfach durchlassen. Ist ja auch so gekommen, der große Herr!«

»Aber ich kann die Schuhe nicht …«

»Ich kann sie auch nicht …! Himmeldonnerwetter, Steinitz, nehmen Sie den Kerl mit! Und Sie, Batzke, also hören Sie mal …«

Kufalt ist auf dem Gang. Wachtmeister Steinitz läßt ihn ins Zellengefängnis. »Gehen Sie gleich auf Ihre Zelle, Kufalt. Nein, vorher melden Sie im Glaskasten beim Hauptwachtmeister, daß Sie zurück sind.«

 

 

6

 

Als Kufalt am Glaskasten steht, um seine Meldung zu machen, ist der Kasten leer. Kein Hauptwachtmeister zu sehen. Kufalt hebt den Kopf und späht in den Bau: nichts. Natürlich sind da Kalfaktoren im Gang, beim Schrubbern und Wachsen und Wichsen des Linoleums, und natürlich sind da Beamte unterwegs, aber hierher sieht keiner.

Kufalt schaut in den Glaskasten. Die Schiebetür steht halb offen. Es muß gerade Post gekommen sein, ein ganzer Stoß Briefe liegt dort, und obenauf liegt ein länglicher, gelblicher Umschlag mit einer weißen Einschreibequittung.

Er sieht sich um. Niemand scheint auf ihn zu achten. Er späht durch die Tür. Nun liest er, was er schon ahnte: »Herrn Willi Kufalt, Zentralgefängnis.«

Der lang ersehnte Brief von Schwager Werner Pause, der Brief mit Geld oder einer Anstellung.

Es ist nur ein Griff, und Brief nebst Einschreibezettel sind in seiner Tasche geborgen. Langsam geht Kufalt über die Treppe zur Zelle.

Da steht er nun an seinem Tisch unter dem Fenster, den Rücken sorgfältig gegen den Spion, damit niemand sehen kann, was er mit den Händen tut.

Vorsichtig befingert er den Umschlag. Ja, es ist etwas drin, eine Einlage. Sie schicken ihm Geld! Es ist kein sehr umfangreicher Brief, scheint es, aber eine dickere Einlage ist darin.

Also hat Werner ihm doch geholfen. Eigentlich, ganz drinnen, hat er nie daran geglaubt. Aber der Werner ist eben doch ein anständiger Kerl, da kann man sagen, was man will. Daß er erst, als die Sache passierte, so wütend war, nun, übelnehmen konnte man das eigentlich nicht.

Ach, das gute Leben jetzt draußen! Wie wird es schön sein! Keine Entbehrungen, wenn er natürlich auch sehr, sehr sparsam sein wird. Aber man kann in ein Café gehen und vielleicht mal in eine Bar …

Unter tausend Mark können sie nicht schicken, sonst ist es überhaupt kein Start. Und in vier oder fünf Wochen kann man dann noch einmal um eine größere Summe bitten, drei- oder viertausend, um sich ein nettes Geschäft einzurichten, vielleicht Zigarren … Nein. – Nein …

Die Einlage ist kein Geld, ein Schlüssel, ein flacher Schlüssel, ein Kofferschlüssel. Schade … Und der Brief:

 

Herrn Willi Kufalt,

z. Z. Zentralgefängnis, Zelle 365

 

Wir beehren uns, Ihnen im Auftrage von Herrn Werner Pause mitzuteilen, daß Herr Pause Ihren Brief vom 3. 4. und Ihre früheren Briefe erhalten hat. Herr Pause bedauert, Ihnen sagen zu müssen, daß z. Z. in seinen Büros keine Stellung für Sie frei ist, daß er aber auch, selbst wenn eine frei würde, sie aus sozialen Gesichtspunkten einem der vielen nicht vorbestraften Arbeitslosen geben müßte, die teilweise im tiefsten Elend leben. Was die weiter von Ihnen erbetene geldliche Unterstützung angeht, so bedauert Herr Pause, Sie auch in diesem Punkte abschlägig bescheiden zu müssen. Nach unseren Erkundigungen haben Sie während Ihrer Haftzeit eine nicht unbeträchtliche Summe für Arbeitsbelohnung verdient, die Sie direkt nach Ihrer Entlassung vor Entbehrungen schützen dürfte. Auch verweist Sie Herr Pause nachdrücklich auf die zahlreichen Fürsorgevereine, in deren Arbeitsgebiet Ihr Fall fällt, und die sicher gerne etwas für Sie tun werden.

Herr Pause läßt Sie nachdrücklich ersuchen, weitere Zuschriften weder an ihn noch an seine Frau, Ihre Schwester, oder an Ihre Mutter zu richten. Die gehabten Aufregungen sind nur schwer und unvollkommen verwunden, ihre Wiederaufrührung würde nur schärferes Abrücken von Ihnen zur Folge haben. Herr Pause läßt Ihnen aber per Eilfracht einen Teil Ihrer Sachen zugehen, den Rest werden Sie erhalten, wenn Sie sich mindestens ein Jahr einwandfrei geführt haben. Den Kofferschlüssel fügen wir diesem Briefe bei.

Indem wir Ihnen dieses mitteilen, verbleiben wir mit vorzüglicher Hochachtung

Pause und Mahrholz

ppa. Reinhold Stekens

 

Der Maitag ist noch immer hell und strahlend, die Zelle ganz licht. Draußen ist Freistunde. Die Füße scharren und scharren.

»Fünf Schritte Abstand! Abstand halten!« ruft ein Wachtmeister. »Halten Sie den Mund, oder es gibt eine Anzeige!«

Kufalt sitzt da, den Brief in der Hand. Er starrt vor sich hin.

 

 

7

 

Kufalt erinnert sich genau, wie das war, als Tilburg vor drei oder vier Jahren entlassen wurde. Tilburg war ein ganz gewöhnlicher Gefangener gewesen, er war nach keiner Richtung hin aufgefallen. Er war auch kein besonders schwerer Junge gewesen, hatte einen normalen Knast von zwei oder drei Jahren abgerissen. Was er während dieses Knasts erlebt und gedacht hatte, das konnte man ja nun nicht wissen. So was kann niemand im Kittchen wissen, nicht einmal der Betroffene.

Also Tilburg wurde eines Tages entlassen. Nun machte er nicht das, was so Gefangene im allgemeinen machen, er besoff sich nicht und ging auch nicht mit Weibern los in der ersten Nacht, er suchte sich weder Arbeit noch Zimmer. Tilburg fuhr einfach nach Hamburg und kaufte sich einen Revolver.

Dann fuhr er wieder zurück, besah sich den Bunker von außen und ging dann eine von den Straßen, die aus der Stadt hinausführen.

Als er da nun ein Stück gegangen und aufs flache Land gekommen war, begegnete ihm ein Mann. Es war irgendein beliebiger Mann, Tilburg hatte ihn nie gesehen.

Tilburg zog seinen Revolver und gab einen Schuß auf den Mann ab. Er traf den Mann in die Schulter, zerschmetterte den Schulterknochen, der Mann fiel um. Tilburg ging weiter.

Dann begegnete er wieder einem Mann, und auch auf den schoß er, diesmal traf er den Mann in den Bauch.

Eine halbe Stunde später sah Tilburg Landjäger auf Rädern. Er sprang von der Chaussee, lief über Wiesen auf einen Hof. Er schoß ein paarmal und schrie, daß alle im Haus zu bleiben hätten. Dann verteidigte er den Hof gegen die Landjäger. Nun hatte er Gelegenheit, sich als das zu fühlen, als was er sich die letzten Jahre vielleicht ständig gefühlt hatte: als wildes böses Tier. Oder die einzige Erklärung, die er in der Verhandlung später abgab: »Ich hatte so ’nen Rochus auf die Menschen.«

Er schoß noch drei Landjäger um, bis sie ihn umschossen. Aber er wurde dann wieder zurechtgeflickt für die Verhandlung und für ein hübsches neues Ende Knast, das er nicht mehr aufbrauchen dürfte.

Eigentlich kann man den Tilburg ganz gut verstehen, denkt Kufalt über seinem Brief in der Zelle.

Und etwas später: O ich Idiot, den Brief hätte ich wahrhaftig im Glaskasten liegenlassen können! Was mach ich nun nur, wenn er vermißt wird?

 

 

8

 

»Sie sollen zur Abrechnung kommen, Kufalt«, ruft ein Wachtmeister in die Zelle.

»Jawohl«, sagt Kufalt und steht langsam auf.

»Nu mach schon voran, Mensch, ich hab noch zwanzig Vorführungen.«

»Der Wachtmeister ist ein Renntier«, sagt Kufalt.

»Also los, lauf schon runter zur Zentrale. Ich will nur …«

Kufalt kommt wieder am Glaskasten vorbei. Hauptwachtmeister Rusch schaut hoch und glotzt ihn durch die Brille an. Er bewegt die Lippen, aber er ruft Kufalt nicht an.

Einen schönen Dreck hab ich da gemacht. Der Koffer kommt, und kein Schlüssel ist da. Ich hab ihn in der Tasche, aber ich darf ihn nicht haben. Und ich darf nicht einmal wissen, daß einer kommt. Oh, ich bin ja so alle! Das neue Leben fängt gut an. Wenn ich nur meine Ruhe hätte, in der Zelle, und dreißig Pensums Heringsbelli vor mir!

»O Mensch, o Manningmensch«, flüstert Batzke zu ihm auf der Zentrale. »Hast du den Hausvater gesehen? Geplatzt ist der über die Mottenlöcher!«

»Kriegst du nun einen neuen Anzug?«

»Klar, was denn! Heute nachmittag gehe ich mit ihm in die Stadt, einen kaufen. Die Fürsorge zahlt. Und mein alter wird kunstgestopft, den krieg ich auch noch mit.«

»Wieso ist er denn so weich geworden?«

»Damit ich nichts ausquatsche von den Mottenlöchern. Die würden doch verrückt vorne, wenn sie hören, es sind Motten in der Kleiderkammer. Die würden ihm schon Kattun geben, dem roten Hund, dem!« Batzke grinst. »Und Motten findet er doch nicht.«

»Findet er nicht?«

»Mensch, hast du geglaubt, das sind Motten? So blau! Motten aus der Flasche sind das!«

»Motten aus der Flasche?«

»Hast du denn nicht gesehen, wie ich dem Bastel den Tabak gegeben habe?! Wir haben das Ding zusammen gedreht. Ausgedacht hab ich’s. Die Hose war schon beinahe durch, und ich wollte doch in anständiger Kluft rauskommen. Da hat Bastel aus der Salzsäureflasche immer einen Tropfen auf den Anzug fallen lassen, und die Ränder von den Löchern hat er mit dem Messer ein bißchen rauh gemacht, und etwas Spinneweb hat er darübergerieben, ganz feinecht hat das ausgeschaut, da fliegt jeder drauf.«

»Aber der Hausvater …«

»Der doch grade! Der ist doch so ein Kamel, der kocht doch gleich über, wenn was schiefgeht. Das hab ich mir doch alles genau berechnet. Bei Rusch hätte ich das nicht machen dürfen, der hätte die Lupe genommen und gedacht und gedacht, da hätt ich Knast schieben dürfen für. Aber beim Hausvater …«

»Wenn die Herren von der dritten Gruppe mit ihrer Unterhaltung fertig sind, dann dürfen wir wohl abrücken zur Kasse, ja?« sagt der Wachtmeister.

 

 

9

 

»Wohin wollen Sie entlassen werden, Kufalt?« fragt der Inspektor.

»Nach Hamburg.«

»Haben Sie Arbeit?«

»Nein.«

»Zu wem ziehen Sie dort?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Schreiben Sie also ›auf Wanderschaft‹«, sagt der Inspektor zum Sekretär.

»Ich gehe doch nicht auf Wanderschaft. Ich will mir ein Zimmer mieten.«

»Das lassen Sie nur unsere Sache sein. Wir machen das so, wie wir das hier gewöhnt sind.«

»Aber es ist nicht richtig. Ich gehe nicht auf Wanderschaft. Ich bin doch kein Handwerksbursche.«

»Wahrscheinlich sollen wir schreiben ›auf Reisen‹. Hören Sie, Ellmers, Herr Kufalt begibt sich auf Reisen. Wahrscheinlich wartet sein Auto morgen früh um sieben vor der Tür.«

Kufalt schielt argwöhnisch über die Schranke. »Ich kriege doch keine Abmeldung vom Gefängnis?«

»I wo, wie werden Sie! Vom Hotel Vier Jahreszeiten kriegen Sie eine!«

»Eine Abmeldung vom Kittchen nehme ich nicht an. In der Strafvollzugsordnung steht, aus der Abmeldung darf nicht ersichtlich sein, daß der Entlassene aus einer Strafanstalt kommt.«

»Das machen wir, wie es hier Vorschrift ist.«

»Ich lese es doch, da steht doch: ›Aus dem Zentralgefängnis‹. Die nehme ich nicht an. Die soll ich wohl gleich meiner Wirtin in die Hand geben? Ich verlang ’ne andere Abmeldung.«

»Diese hier kriegen Sie und keine andere. Sie haben hier lange genug ’ne Lippe riskiert, Kufalt.«

»Aber in der Strafvollzugsordnung steht …«

»Das haben wir gehört. Halten Sie jetzt den Mund, oder ich lasse Sie abführen.«

»Herr Wachtmeister, ich verlange Vorführung beim Direktor!«

»Das Maul sollen Sie halten! – Übrigens ist der Direktor verreist.«

»Das ist nicht wahr! Ich bin ja erst vor einer Stunde bei ihm gewesen.«

»Und vor einer halben ist er abgereist. Wenn Sie jetzt nicht ruhig sind …«

»Batzke, Bruhn, Lehnau – laßt ihr euch das gefallen?! Ihr wißt, es steht im blauen Heft in der Zelle …«

Kufalt wird immer wilder.

Der Inspektor kommt um die Schranke herum. »Kufalt, ich warne Sie! Ich warne Sie! Was Sie da eben gemacht haben, Kufalt, war Aufwiegelei! Morgen früh, wenn Ihre Strafe rum ist, lasse ich Sie in Untersuchungshaft führen wegen Meuterei.«

»Sie …? Sie?! Untersuchungshaft kann ein Richter verhängen, aber doch nicht Sie! Das müssen Sie einem frisch Eingelieferten erzählen, Herr Inspektor, mir doch nicht!«

»Ellmers, sehen Sie sich das an! Das sind die Leute, die entlassen werden wollen!«

»Kriege ich eine Bescheinigung nach der Strafvollzugsordnung?«

»Sie kriegen die Bescheinigung, die hier Vorschrift ist.«

»Steht da drauf, daß ich aus dem Gefängnis komme?«

»Natürlich. Wo kommen Sie denn sonst her?«

»Dann verlange ich Vorführung beim Stellvertreter von Herrn Direktor.«

»Wachtmeister, führen Sie den Kufalt bei Herrn Polizeiinspektor vor. – Also jetzt Sie, Batzke. Sie legen ja wohl keinen besonderen Wert auf eine Abmeldung aus dem nächsten Hotel?«

»Wenn mein Geld stimmt, Herr Inspektor, können Sie meinetwegen schreiben, ich bin Muttermörder.«

»Hören Sie, Kufalt!« sagt der Inspektor triumphierend.

 

 

10

 

Der Polizeiinspektor ist ein milder, weißhaariger, sanfter Mann, ein fetter Mann, ein leiser Mann, ein stiller Mann, kaum zu merken eigentlich, so leise und still, so sanft. Und doch vielleicht der unbeliebteste Mann im Bau. Die Gefangenen nennen ihn den Judas.

Kufalt kann nicht vergessen, daß der Inspektor im ersten Haftmonat einen Zellenbesuch bei ihm machte, da war er teilnehmend und gut, am Schluß sagte er zu ihm: »Und wenn Sie einmal einen Wunsch haben, Kufalt, so sagen Sie ihn mir mündlich. Ich komme jeden Monat einmal auf Ihre Zelle.«

Kufalt hatte Wünsche und wartete auf den Inspektor. Nun ist es so bestimmt, daß Gefangene nur einmal im Monat an einem bestimmten Tage, zu einer bestimmten Stunde einen Wunsch äußern dürfen, ist die Stunde verstrichen, müssen sie wieder einen Monat warten.

Kufalt wartete drei Monate auf den versprochenen Besuch des Inspektors, um ihm seinen Wunsch mündlich vorzutragen. Der Polizeiinspektor kam nicht. In den fünf Jahren kam er nicht einmal wieder auf Kufalts Zelle. Er hatte das »nur so« gesagt, einfach hingesagt, um sich im Augenblick angenehm zu machen, er hatte dann nie wieder an Kufalt gedacht. Aus Neugierde war er ein einziges Mal bei dem frisch Eingelieferten gewesen.

Kufalt hat ihm das nicht verziehen. Er hat es nie über sich gebracht, an den Mann noch eine Bitte zu richten, und so sagt er denn jetzt auch nur: »Herr Inspektor, es gibt eine Bestimmung in der Vollzugsordnung, daß aus dem Abmeldeschein nicht hervorgehen darf, daß der Entlassene aus einer Strafanstalt kommt. Die wollen mir aber einen Schein aus dem Zentralgefängnis mit dem Stempel ›Zentralgefängnis‹ geben.«

Der Polizeiinspektor sieht den Gefangenen lange an. Dabei wiegt er den weißen, runden Kopf hin und her und schaut in eine Ecke, wo nichts ist wie ein Schrank mit Akten. »Wieder«, sagt er bedauernd. »Wieder.« Er wiegt den Kopf hin und her. »Ein Jammer ist das.«

Kufalt steht vor ihm und wartet, worauf das Theater hinaus soll. Denn daß der Polizeiinspektor über irgend etwas, was einen Gefangenen angeht, Bedauern empfinden könnte, übersteigt seine Glaubenskraft.

Hinter Kufalt steht in dienstlicher Haltung der vorführende Wachtmeister. Eine Uhr an der Wand, geschmückt mit Eichenlaub, Schwertern und Adler, tickt sehr vernehmlich die Zeit fort.

Der Polizeiinspektor lenkt seinen Blick auf den Gefangenen zurück. »Und was sollen wir tun?«

»Mir eine vorschriftsmäßige Bescheinigung geben.«

»Ja, natürlich!« sagt der Inspektor freudig. »Ja, natürlich!« Er verfällt erneut in Bedauern. »Nur …«, ganz leise und vertraulich, »… es gibt Hindernisse.«

Er lehnt sich in seinen Schreibtischsessel zurück und sagt: »Es gibt Bestimmungen zweierlei: durchführbare – undurchführbare. Ich will nichts gegen diese Bestimmung sagen, im Gegenteil, sie ist sozial, sie ist human, sie entspricht dem Geiste heutiger Volksvertretung, nur – durchführbar ist sie nicht. Überlegen Sie sich, Kufalt, ich spreche jetzt nicht zu Ihnen als zu einem Gefangenen, ich spreche zu Ihnen als zu einem Menschen von Verstand und Bildung.«

Der Inspektor hält inne. Er sieht Kufalt milde an. Er sagt langsam und sanft: »Das Zentralgefängnis liegt in einer Stadt. Diese Stadt hat ein Meldebüro. Dieses Meldebüro hat eine Einwohnerkartei. Wir lassen uns, nach dem Buchstaben ihrer Bestimmung, eine Anzahl Meldeformulare geben. Wir füllen sie aus, wir wollen sie den Entlassenen geben und – und …«

Wieder schaut der Polizeiinspektor in die Ecke. Kufalt wartet geduldig, er hat sich beruhigt, sein Plan ist fertig. Laß den reden, er kriegt seine Abmeldung schon.

»… Und«, sagt der Polizeiinspektor, »der Gefangene weist die Abmeldung zurück. Sie lächeln, Kufalt« (der denkt nicht daran), »Sie glauben mir nicht. Und doch weist der Gefangene die Abmeldung zurück. Sie sind mir nicht gefolgt. Was fehlt der Abmeldung? Der Stempel fehlt! Denn was können wir tun? Entweder drücken wir den Stempel vom Zentralgefängnis darauf, dann ist der Bestimmung nicht Genüge getan, oder wir lassen sie ungestempelt, dann ist die Abmeldung ungültig.«

»Und als drittes besorgen Sie sich einen Stempel des städtischen Meldeamts.«

»Kufalt! Kufalt! Sie, ein Mann von Verstand und Bildung! Wir sind ein Zentralgefängnis, wie können wir einen Meldeamtsstempel führen? Nein«, ganz traurig, »diese Bestimmung ist nicht durchführbar, so ideal und sozial sie scheint. – Sie sehen es ein?«

»Ich bitte um eine Abmeldung nach Vorschrift der Strafvollzugsordnung.«

»Ich täte es gerne, Kufalt, so gerne! Es ist un – mög – lich! Wachtmeister, führen Sie den Mann nach erteilter Belehrung …«

»Wenn ich eine Abmeldung mit dem Stempel des Zentralgefängnisses bekomme, so schicke ich sie an meinem Entlassungstage an den Rechtsausschuß beim Landtage unter Wiederholung der mir erteilten Belehrung …«

Stille.

»Natürlich«, sagt der Polizeiinspektor, aber nicht mehr sanft, sondern mit einer scharfen, kratzigen Stimme. »Na – tür – lich! Mit dem Kopf durch die Wand. Ich habe es nie anders von Ihnen erwartet. Es ist unklug, Kufalt. Sie denken jetzt nur daran, daß Sie entlassen werden. Sie denken nicht daran, daß Sie auch einmal wieder …«

Er bricht ab. Und Kufalt fragt: »Was einmal wieder? Bitte, Herr Inspektor?«

»Es ist schon gut. Wachtmeister, führen Sie den Mann ab. Sagen Sie, daß eine Abmeldebescheinigung für ihn vom Einwohnermeldeamt geholt werden muß.«

»Ich danke auch schön, Herr Polizeiinspektor.«

Herr Polizeiinspektor hustet gerade, er kann nicht antworten.

 

 

11

 

Kufalt steht wieder auf der Abfertigung. Der Wachtmeister hat seine Meldung gemacht. Die anderen Abgänge sind schon fort, erledigt.

Nun sagt der Inspektor: »Ihre Strafzeit ist um dreizehn Uhr zwanzig vorbei.«

Worauf Kufalt antwortet: »Ich bitte, wie üblich morgens entlassen zu werden.«

Der Inspektor sagt grob: »Was heißt wie üblich? Sie kennen doch die Strafvollzugsordnung so gut! Die Gefangenen sind so zu entlassen, daß sie noch am Entlassungstage ihren Bestimmungsort erreichen. Sie wollen nach Hamburg entlassen werden. Sie haben also am Nachmittag überreichlich Zeit, Ihren Bestimmungsort zu erreichen.«

Kufalt sagt: »Aber sämtliche Gefangene werden morgens um sieben Uhr entlassen.«

»Das überlassen Sie uns. Wir riskieren womöglich noch eine Beschwerde, wenn wir Ihnen was von Ihrer Haftzeit rauben.«

Kufalt steht und schweigt. Nun, natürlich, er kann froh sein, wenn es damit noch abgeht. Es gibt viele Möglichkeiten, einem Gefangenen vierundzwanzig Stunden zur Hölle zu machen.

Der Inspektor fängt neu an: »Ihre Arbeitsbelohnung beträgt dreihundertfünfzehn Mark siebenundachtzig Pfennig.«

Kufalt sagt: »Darf ich einmal die Abrechnung sehen?«

»Ellmers, geben Sie dem Herrn Kufalt seine Abrechnung zur Prüfung und Genehmigung.«

Kufalt sieht die Abrechnung an. Ihn interessiert nur die letzte Pensumzahl, und siehe, es sind doch nur sechzehn Pensen angeschrieben, nicht siebzehn!

Er überlegt, ob er wieder meckern soll, aber er besinnt sich und schweigt.

»Ich bitte, daß ich mir heute noch von meiner Arbeitsbelohnung ein Paar Schuhe kaufen darf. Meine alten Zivilschuhe sind mir durch das Pantoffellaufen zu eng geworden.«

»Abgelehnt«, sagt der Inspektor. »Ich werde den Hausvater anweisen, daß er Ihnen ein Paar alte Arbeitsstiefel von den Außenarbeitern gibt. Die tun vollkommen Dienst für Sie.«

»Aber ich kann nicht …«

»Sie werden können müssen, Kufalt … Für Reisegeld bis Hamburg brauchen Sie fünf Mark, für die erste Woche zu leben zehn Mark. Ihnen werden also bei der Entlassung fünfzehn Mark siebenundachtzig ausbezahlt, der Rest wird an das Wohlfahrtsamt überwiesen.«

»Herr Direktor hat aber …« Kufalt überlegt.

»Nun, was hat Herr Direktor …? Quatschen Sie sich rein aus, Kufalt. Ich habe heute nichts weiter mehr vor, als Sie abzufertigen.«

»Herr Direktor hat verfügt, daß mir meine Arbeitsbelohnung bei der Entlassung voll ausbezahlt wird.«

»Ach nee? Und warum weiß ich nichts von der Verfügung?«

»Herr Direktor hat es heute früh genehmigt«, beharrt Kufalt.

»Sie lügen, Kufalt. Herr Direktor kann das gar nicht verfügt haben, das widerspricht allen Anordnungen des Strafvollzugsamtes. Damit das Geld in einer Woche alle ist, und wir Steuerzahler dürfen Sie ernähren? Das möchten Sie!«

»Herr Direktor hat es verfügt.«

»Dann müßte es in Ihren Akten stehen. Da steht nichts.«

»Ich verlange mein Geld voll ausbezahlt!«

»Jawohl. Fünfzehn Mark siebenundachtzig. Unterschreiben Sie jetzt, daß Sie die Abrechnung anerkennen.«

»Ich bitte um Vorführung bei …«

»Nun, bei wem wohl?« grinst höhnisch der Inspektor.

Kufalt hat eine Erleuchtung: »Bei Herrn Pastor!«

»Beim Pastor …?«

»Jawohl, bei Herrn Pastor!«

»Wachtmeister – aber es ist das letztemal, daß ich Sie vorführen lasse, Kufalt! Ihre Stänkereien habe ich satt! – Wachtmeister, führen Sie den Mann zum Pastor!«

»Was machen Sie für Sachen, Kufalt«, sagt der Wachtmeister mißbilligend auf dem Gang. »Sie machen sich ja ganz zunichte. Wie an die Wand gespuckt sehen Sie aus.«

»Die sollen tun, was uns zusteht!« sagt Kufalt.

»Dumm sind Sie«, sagt der Wachtmeister. »Wären Sie dem Inspektor ein bißchen hinten reingekrochen wie der Batzke, hätten Sie Ihr ganzes Geld ausbezahlt gekriegt. Aber wenn Sie ihn immerzu ärgern!«

»Ich verlang mein Recht«, beharrt Kufalt.

»Deswegen sind Sie eben dumm«, stellt der Wachtmeister fest.

»Herr Pastor«, sagt Kufalt zu dem Geistlichen, der ihn ärgerlich betrachtet, »ich habe es mir überlegt, ich will die Anmeldung für Friedensheim doch unterschreiben.«

»So? Wollen Sie das nun? Und wenn ich nun nicht glaube, daß Sie dessen würdig sind? Es ist ein gemeinnütziges Institut.«

»Herr Direktor hat gesagt, ich soll dorthin.«

»Herr Direktor hat sich eben in Ihnen getäuscht. – Nun, meinetwegen, unterschreiben Sie.«

Kufalt schreibt.

Und sagt stolz zum Inspektor: »Meine Arbeitsbelohnung ist nach Friedensheim zu überweisen. Herr Pastor hat eben meine Aufnahme genehmigt.«

»Sie gehen nach Friedensheim? Mensch, Kufalt, Sie gehen nach Friedensheim?! Oh, Manning, Manning, und so was riskiert ’ne Lippe!« Der Inspektor schüttelt sich vor Vergnügen.

Kufalt ist wütend.

»Kriecht zu Kreuz, der liebe kleine Kufalt! Na, Sie werden noch an mich denken, wie ich hier gelacht habe!«

Kufalt wird ängstlich, ihm ist sehr ungemütlich. »Fehlt was in Friedensheim?«

»I wo! Was soll da fehlen?! Gar nichts fehlt da. Im Gegenteil. – Aber dann brauchen Sie natürlich keine fünfzehn Mark. Fünf Mark Reisegeld sind voll genug. Schreiben Sie, Ellmers, fünf Mark siebenundachtzig zur Auszahlung, dreihundertzehn Mark an Friedensheim.«

Kufalt denkt an seinen Hunderter im Strumpf und protestiert gar nicht erst.

»Na, Gott sei Dank, da steht ja nun der Name ›Kufalt‹. Wir sind fertig mit dem Mann, Wachtmeister. Führen Sie den Mann auf seine Zelle. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen. Drei solche wie Sie, Kufalt …«

Als Kufalt am Glaskasten vorbeikommt, hebt der Hauptwachtmeister wieder den Kopf und sieht Kufalt wieder scharf an. Sagt aber wieder nichts.

Die Luft ist nicht sauber, findet Kufalt, und in der Zelle bindet er sofort Brief und Einschreibezettel zu einem Röhrchen zusammen, klettert ans Fenster und bindet das Röhrchen seitlich so an einen der Gitterstäbe, daß es weder von außen noch von innen zu sehen ist.

Dann holt er den Hunderter aus dem Strumpf und macht aus ihm ein Röllchen, das er fest zwischen die Gesäßbacken drückt.

Irgendwas ist nicht im Lote. Rusch glotzt so.

Nun aber ist er alle, er klappt sein Bett runter und wirft sich darauf, vollkommen erledigt.

 

 

12

 

Er muß sehr fest geschlafen haben. Als er aufwacht, sieht er, daß – mit dem Rücken gegen ihn – eine kurze fette Gestalt an seinem Schränkchen steht, in Uniform, mit einem dicken, kurzgeschorenen Schädel darüber: der Hauptwachtmeister Rusch.

Er hat das Gesangbuch in der Hand. Nun faßt er es bei beiden Deckeln, schüttelt es – und nichts fällt zur Erde. Dann schaut Rusch durch die Rückenhöhlung.

Er legt das Gesangbuch in den Schrank zurück und kriegt die Bibel vor.

Kufalt denkt: Such du nur! und bleibt liegen, mit offenen Augen.

Der Hauptwachtmeister schließt die Schranktür und geht an den Tisch. Er macht eine tiefe Kniebeuge und sieht unter die Tischplatte. Als er sich wieder aufrichten will, begegnet sein Blick dem des Gefangenen. Aber der Hauptwachtmeister hat sich in der Gewalt. Er geht gegen das Bett. »Schlafen! Schlafen! Heller Tag! Arbeiten!«

»Die haben mir ja die Arbeit fortgeholt«, sagt Kufalt.

»Scheuern! Rein machen! Wienern! Tischplatte ist ganz schietig! Drunter! Drunter!«

»Mach ich, Herr Hauptwachtmeister. Mach ich, mach den Tisch auch von unten reine!« sagt Kufalt und eilt zum Tisch.

»Halt! Wann haben Sie Post gehabt?«

»Wann …? Ja, das ist lange her, Herr Hauptwachtmeister. Warten Sie …«

»Heute keinen Brief bekommen?«

»Nee. Ist ein Brief für mich da? Au fein, der ist von meinem Schwager, der schickt Geld.«

»So!!!« sagt der Hauptwachtmeister, betrachtet sich noch einmal seinen Gefangenen und murrt: »Wienern! Scheuern! Rein machen! Bett hoch machen!« Und geht aus der Zelle.

»Und mein Brief?« ruft Kufalt, aber der Hauptwachtmeister ist schon fort.

So stürzt er sich wirklich über den Tisch, er hat noch nie daran gedacht, daß man den auch von unten rein machen könnte. Und als er damit fertig ist, hängt er sein Schränkchen ab und scheuert die Rückwand.

Er ist gerade dabei, als er merkt, daß ein ungewohnter Lärm durchs Haus geht. In allen Stationen wird Zelle um Zelle aufgeschlossen, etwas hineingerufen – Kufalt springt auf und lauscht. Aber er versteht nicht, bis er das Wort »Brief« hört, dann »falscher«, er grinst.

Näher und näher kommt seiner Zelle das Gerassel, nun sind sie in der Zelle nebenan, und nun …

Seine Tür geht auf, ein Wachtmeister steckt den Kopf rein. »Ist hier ein falscher Brief … ach so, Sie sind das, Kufalt, nee, ist schon alles in Ordnung.«

»Was ist denn los, Herr Wachtmeister?«

Der ist schon weiter.

Als Kufalt aber seinen Schrank sauber hat, stellt sich die Notwendigkeit heraus, den Zellenboden neu zu wienern. Er hat stramm zu tun. Der Bau ist voll von den leisen, gedämpften Taggeräuschen, die Eisenstange eines Netzestrickers klirrt, ein Kübeldeckel klappert, einer fängt an zu pfeifen und bricht rasch ab, ein paar Rollen Strickgarn werden vor einer Nachbarzelle abgeworfen. Von der hochstehenden Sonne wird seine Zelle ganz hell.

Neugierig bin ich doch, was die tun werden.

Es ist schon bald Abendessenszeit, also nach fünf, als seine Zellentür sich wieder öffnet. Drei Mann hoch treten sie ein: Polizeiinspektor, Pfarrer und Hauptwachtmeister. Die Tür wird sorgsam angezogen. Kufalt stellt sich unter das Fenster mit dem Gesicht gegen die Beamten und wartet.

Der Pfarrer spricht zuerst: »Kufalt, hören Sie. Es ist da ein Versehen vorgekommen, es wird sich noch aufklären. Heute ist ein Brief eingegangen für Sie …«

»Ja, ich weiß. Herr Hauptwachtmeister hat mir schon gesagt. Von meinem Schwager, mit Geld.«

»Hab nichts gesagt«, grollt der Hauptwachtmeister. »Lügst. Gar nichts. Sie haben’s gesagt.«

»Nein, nicht mit Geld, mein lieber junger Freund. Es war – ein Schlüssel darin.«

»So?« fragt Kufalt gedehnt. »Darf ich den Brief haben …?«

»Das ist es eben. Der Brief ist verlegt. Er wird sich wieder anfinden. Aber Sie gehen morgen schon ab …«

»Verlegt?« fragt Kufalt. »Hier verschwindet doch nichts? Warum soll ich das Geld nicht haben? Herr Polizeiinspektor, der Direktor hat auch angeordnet, daß ich meine Arbeitsbelohnung voll ausbezahlt bekomme, und die von der Abfertigung wollen mir nur sechs Mark geben. Das ist doch ungerecht. Wenn Herr Direktor es anordnet …«

»Nun, nun, Kufalt, immer ruhig! Darüber ließe sich vielleicht reden. Aber …«

»Aber das Geld von meinem Schwager, das ist mein Geld! Das müssen Sie mir aushändigen. Warum wollen Sie mir den Brief nicht geben …?«

»Kufalt«, sagt der Hauptwachtmeister, »mach keinen Quatsch! Es ist kein Geld darin gewesen. Der Pastor weiß es bestimmt. Der Brief ist mir weggekommen.«

»Ich hatte Ihren Brief gerade gelesen«, sagt nun wieder der Pastor. »Ihr Schwager schrieb Ihnen gar nicht selbst, er ließ Ihnen durch seinen Prokuristen sagen, er könnte Ihnen nicht helfen. Und Geld wollte er Ihnen auch nicht geben, Sie hätten ja Ihre Arbeitsbelohnung …«

»Die soll ich ja auch nicht kriegen!«

»Aber Ihr Schwager schickt Ihnen einen Teil Ihrer Sachen. Das andere können Sie später haben.«

»Ich hab mich erkundigt, Kufalt. Ihr Koffer ist schon da. Sie können ihn ausnahmsweise heute nach Einschluß einsehen, wir lassen ihn in Ihrer Gegenwart aufmachen. Der Hausvater bleibt extra Ihretwegen hier.« Der Polizeiinspektor ist so sanft …

»Kufalt«, sagt der Hauptwachtmeister, »der Brief ist wirklich weg. Wenn Sie darauf bestehen, muß der Polizeiinspektor eine Meldung schreiben, und ich bin haftbar.«

Der Polizeiinspektor sagt: »Sie sind doch ein Mann von Bildung und Verstand, Kufalt. Warum wollen Sie dem Herrn Rusch Schwierigkeiten machen? Versehen kommen überall vor.«

Kufalt sieht sich die drei an. Er sagt: »Und wie mir beim Baden meine Strümpfe geklaut wurden, da kriegte ich drei Tage Entziehung der warmen Kost und mußte sie von meiner Arbeitsbelohnung bezahlen, nicht? Das haben Sie damals angeordnet, Herr Inspektor! Warum soll denn der Rusch ohne Strafe ausgehen, wenn er sich Briefe klauen läßt?«

Alle drei sind bei dem nackten »Rusch« zusammengezuckt.

Dann sagt der Pastor: »Man muß auch verzeihen können, lieber Kufalt. Sie werden auch Fehler machen und der Verzeihung bedürfen.«

Aber nun ist es bei Kufalt alle. Er schreit wütend: »Gehen Sie raus aus meiner Zelle, Herr Pastor! Gehen Sie raus! Ich schlag alles in den Klump. Und Sie, Herr Inspektor, gehen Sie auch raus!«

»Ich finde, Sie werden unverschämt …«, bricht der Inspektor los.

Und der Pastor: »Schämen Sie sich, Kufalt …«

Aber Rusch ist energisch: »Bitte doch, bitte!«

Sie gehen. Gehen mit bösen Blicken. Und sind weg.

Kufalt steht da und sieht die Tür an. Er ist immer noch wütend, er hat rot gesehen, er sagt hastig: »Warum bringen Sie die mit, Herr Hauptwachtmeister? Solche Lügner wie die. Das macht mich wild, wenn ich die Schleicher nur sehe! – Sie haben mir nie was vorgemacht, Herr Hauptwachtmeister, versprechen Sie mir, daß ich morgen meine Arbeitsbelohnung voll ausbezahlt kriege?«

»Versprech ich dir, Kufalt.«

»Geben Sie den Zettel her, ich unterschreibe, daß ich den Brief bekommen habe.«

Der Hauptwachtmeister gibt den Zettel nicht her, er denkt nach.

»Woher wissen Sie denn, daß es ein Einschreibebrief war, Kufalt?«

»Na, mein Schwager wird doch einen Schlüssel nicht in einem einfachen Brief schicken!«

Rusch denkt immer noch nach.

Kufalt setzt fort: »Wo sogar Einschreibebriefe verschwinden …?«

Der Hauptwachtmeister zieht den Zettel aus der Tasche. »Kufalt, bist en Aas. Na, unterschreib schon. Kriegst dein Geld – trotzdem.«

 

 

13

 

Es ist am Vormittag des anderen Tages, gegen elf Uhr.

Kufalt steht in der Abgangszelle. Sein Handkoffer, der von Schwager Pause nachgesandte große Handkoffer, neben ihm. Er steht und wartet.

Die Zeit kriecht, nichts kann er tun. Er hat Bücher im Koffer, aber wer kann jetzt lesen? In zwei Stunden sind fünf Jahre herum, in zwei Stunden ist er ein freier Mensch, kann hingehen, wohin er will, kann sprechen, zu wem er mag, kann mit einem Mädchen ausgehen, Wein trinken, sich ins Kino setzen … nein, es ist immer noch nicht vorstellbar … er ist immer noch so gefangen …

Keine Glocke mehr morgens. Kein Pensum mehr zu stricken. Keine Gehässigkeiten mehr mit anderen Gefangenen. Kein Papps des Mittags. Kein Zellenwienern. Keine Sorge, ob der Tabak auch reicht. Kein Wachtmeister, kein stinkender Kübel, keine schlottrige Kluft … es ist nicht auszudenken.

Wie fest der Anzug sitzt! Im Bauch sogar zu stramm, trotzdem er Westen- und Hosenschnallen auf hat, er hat einen Bauch gekriegt von der Wasserkost. Es hat Zeiten gegeben, wo er mittags zwei Liter Essen und dann noch einen Schlag verdrückt hat. Auf dem Bauch hat er eine Uhr, seine silberne Konfirmationsuhr. Sie zeigt die Zeit, es ist elf Uhr achtzehn.

Die anderen sind schon über vier Stunden draußen, schön dumm ist er gewesen, daß er nicht auch das noch herausgepreßt hat aus Rusch. Die sind weg – und der Bastel, der Hausvaterkalfaktor, hat ihm beim Einkleiden erzählt, daß auch Sethe weg ist. Gleich früh haben sie ihn gefragt, ob er die Strafe annimmt wegen Beamtenbeleidigung, sonst muß er hierbleiben … nun, er hat sie angenommen. Er wird Bewährungsfrist kriegen. Immerhin … Schweine sind das hier. Schweine. Und alle werden Schweine. Ein Schwein ist auch er gewesen mit dem Brief gestern abend, ein Schwein ist er gewesen mit dem Hundertmarkschein, tausendmal ist er ein Schwein gewesen diese fünf Jahre. Und was hat es für einen Zweck gehabt …? Andersherum wäre er auch zur gleichen Stunde herausgekommen – aber mit anderen Gefühlen.

Nun ist es jedenfalls zu Ende. Er wird von nun an genau das tun, was recht ist, er will ruhig schlafen können. Keine Sorgen mehr haben, nur keine Sorgen mehr! Wenn er auch den Hunderter mit rausnimmt. Das ist das letztemal, daß er so was tut.

Kufalt läuft auf und ab, hin und her. Die Zelle ist wieder so hell. Ein herrlicher Tag ist draußen. All diese letzten Tage ist die Zelle immer so hell gewesen wie alle Jahre vorher nicht. Hoffentlich bleibt das Wetter gut, wenn er draußen ist …

Nur dieses Friedensheim … Der Inspektor hat zu gemein gegrinst. Jedenfalls kriegte er nachher im Torhaus sein ganzes Geld, und würde es ihm zu dumm im Friedensheim, schmiß er denen einfach den Kram hin …

Es kratzt an der Tür. Kufalt ist mit einem Satz da. »Ja?«

»Du! Du bist doch Willi?«

»Na, natürlich, kannst du nicht linsen?«

»Man erkennt dich gar nicht mehr in deiner feinen Schale! Ich bin der Kalfaktor von deiner Station. Hast du die Toilettenseife in deinem Koffer?«

»Ja.«

»Laß mir die da, Mensch. Leg sie unter den Kübel. Ich hol sie mir gleich aus der Zelle, wenn du raus bist.«

»Meinethalben.«

»Aber bestimmt, Willi!«

»Kannst durch den Spion sehen. Ich hol sie gleich raus, siehst du …«

»Du, Willi, du hast doch auch Tabak? Kannst dir ja gleich wieder welchen kaufen. Leg ihn hin.«

»Ihr Räuber, ihr!«

»Mensch, ich hab noch drei Jahre Knast.«

»Was ist denn das? Ich habe fünf Jahre gehabt und der Bruhn, der heute rausgekommen ist, elf!«

»Au wei! Au wei! Der Bruhn! Das weißt du noch nicht?! Mensch, der ganze Bau ist voll davon!«

»Was denn? Was ist denn mit Bruhn?«

»Der ist schon wieder drin! Drei Stunden ist er gerade draußen gewesen, ist schon wieder drin!«

»Du spinnst wohl! Das ist ’ne Scheißhausparole!«

»Wo’s der Hausvater selber erzählt hat! Wie die rausgekommen sind, heute früh, sind sie gleich saufen gegangen. Nur der Sethe ist mit der Bahn abgefahren. Und einer hat gewußt, wo Mädchen sind. Da sind sie zu denen ins Haus gegangen. Aber die Weiber haben noch geschlafen und haben den besoffenen Kerls nicht aufmachen wollen. Die haben Krach geschlagen, der Hauswirt ist gekommen und hat sie aus dem Haus gewiesen. Da haben sie den Hauswirt die Treppe runtergeschmissen, aus seinem eigenen Haus rausgeschmissen! Und wie der Wirt wieder zurückgekommen ist mit Polizei, sind die Jungens doch drin bei den Weibern gewesen! Haben die geschrien, wie die Polente kam, die hätten’s mit Gewalt gemacht, die Tür hätten sie aufgebrochen – na, daß die Hunger gehabt haben, die Jungen, das ist doch sicher! Und jetzt sitzen sie alle im Vater Philipp! Heute nachmittag kommen sie ins Untersuchungsgefängnis, sagt der Hausvater.«

»Glaube ich nicht! Glaube ich nie im Leben! Wenn’s alle machen, verstehen kann man es ja, aber nicht der Emil Bruhn! Der nicht!«

»Dicke Luft! Rusch!!«

Kufalt springt vom Spion fort, ans Fenster. Draußen hört er den Hauptwachtmeister hinter dem Kalfaktor her schimpfen.

Ja, es ist doch möglich! denkt Kufalt. Emil Bruhn, so ein armes Aas! Immer solche muß es treffen. Immer still gewesen, nie hat er ’ne Stange angegeben, all die elf Jahre nicht – dich haben sie fein angeschissen mit deiner Freude aufs Rauskommen! Und wenn du auch nur ein paar Wochen Knast kriegst, die Bewährungsfrist ist doch verfallen, und du fängst noch einmal von vorne an.

Er hat Angst, der Willi Kufalt, er fühlt, ihm kann es auch so gehen. Keiner kann so auf sich aufpassen, der rauskommt aus dem Bau, irgendwie ist ihm ein Bein gestellt …

Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, frißt immer wieder daraus!

Kufalt besinnt sich. Er nimmt das Heft von der Wand, das blaue Heft mit dem Auszug aus der Strafvollzugsordnung. Er blättert nur einen Augenblick, dann liest er:

»Bei dem Vollzuge der Strafen sind mit der Zufügung des Strafübels und mit der Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung geistige und sittliche Hebung, Erhaltung der Gesundheit und Arbeitskraft anzustreben. Auf Erziehung zu einem geordneten, gesetzmäßigen Leben nach der Entlassung ist besonders hinzuwirken. Das Ehrgefühl ist zu schonen und zu stärken.«

Kufalt schlägt das Heft wieder zu. Na also, denkt er. Dann ist ja alles in schönster Butter. Klappt der Laden. Alles richtig, wie es ist. Was so ’ne Leute sich bei so was denken …

 

 

14

 

Es ist dreizehn Uhr fünfzehn, Kufalt steht da mit der Uhr in der Hand. Er wartet. Sein Herz klopft sehr. Schritte kommen, nähern sich, gehen an seiner Zelle vorbei. Wenn die mich vergessen, die Lumpen …! Wenn die mich aus Schikane drei Minuten länger warten lassen …!

Schritte kommen, nähern sich, machen vor seiner Zelle halt. Papier raschelt. Dann wird der Schlüssel ins Loch gestoßen, der Riegel geht zurück, und Oberwachtmeister Feder sagt gelangweilt: »Na, denn kommen Sie man mit Ihren sieben Zwetschgen, Kufalt!«

Er geht, er sieht noch einmal zurück, gegen den Glaskasten, die Zentrale. Da ist der große Bau mit seinen siebenhundert Zellen, er ist hier zu Haus gewesen, Jahr um Jahr, viele Jahre zu Hause. Um die Ecke späht sein Stationskalfaktor, ob er schon in die Zelle rein kann. Er nickt ihm zu.

Dann durch den Kellergang beim Hausvater vorbei. Hier ist alles still. Kufalt fällt etwas ein. »Ist das wahr, Herr Oberwachtmeister, mit Bruhn? Daß der schon wieder sitzt?«

»Habe was gehört, kann aber auch ’ne Scheißhausparole sein.«

»Hier ist er noch nicht wieder?«

»Nee, kann er auch nicht. Muß doch erst zum Richter, der Haftbefehl erläßt.«

Sie kommen über den Vorhof. Im Torgebäude steht Oberwachtmeister Petrow.

»Na, komm, mein Sohn. Komm, viele Pinunse kriegst du.«

In der Wachstube quittiert Kufalt.

»Steck sie gut weg, deine Pinunse, wirst du brauchen. Warte, Scheine in Geldtasche. So. Hast du schöne Tasche. Daß sie immer voll ist! Und hier in Porteh Silber und hier Messing und hier Kupfer. Und nun komm, mein Jung.«

Sie stehen unter dem Torbogen. Petrow schiebt Riegel um Riegel zurück. Dann nimmt er den Schlüssel.

»Mußt du jetzt loslaufen, ohne Umsehen. Mußt nicht wieder rücksehen auf Kittchen. Spuck ich dich dreimal in Rücken, mußt du nicht abwischen, ist gut dafür, daß du nicht wiederkommst. – Hau ab, mein Sohn!«

Das Tor geht auf. Kufalt sieht vor sich einen großen besonnten Platz in greller Sonne. Der Rasen ist grün. Die Kastanien blühen. Menschen gehen drüben, Frauen in hellen Kleidern.

Er geht langsam und vorsichtig hinaus ins Licht.

Nein, er sieht sich nicht um.

DRITTES KAPITEL

Friedensheim

1

 

Erstens hatte Petrow viel zu doll auf den Mantel gespuckt; Kufalt hatte das Gefühl, alle Leute lachten. So hing er den Mantel über den Arm, die Placken verwischten sich nun zwar, aber das galt nicht: Er kam doch nicht wieder rein!

Zweitens hatte er vom Zug auf die Stadt zurückgeschaut, da sah er plötzlich zwischen den Häusern noch einmal die grauen, steilen Zementwände mit ihren vielen Gitterlöchern – auch das galt nicht, denn jetzt fuhr er dem Bunker fort: Er kam doch nicht wieder rein!

Wenn er es aber recht überdachte, jetzt im Zug, so hatte er doch schon verschiedenes ganz verkehrt gemacht. Einmal hatte er sich eine Autodroschke genommen zum Bahnhof, weil ihn die Leute so ansahen, er konnte es nicht vertragen, daß sie ihn so ansahen. Und dann hatte er auf dem Bahnhof zu Mittag gegessen, wo er doch im Kittchen seinen Rumfutsch hatte stehenlassen. Und dann zehn Zigaretten zu sechs, die Sorte vom Direktor. Und dann eine Zeitung. Und dann, was das schlimmste war, zum Mittagessen auch noch ein Glas Bier, trotzdem er dem Alkohol abgeschworen hatte. Fünf Mark neunzig völlig überflüssig ausgegeben, die Arbeitsbelohnung für dreiundsechzig Pensums. Dreiundsechzig Tage hatte er dafür stehen müssen und stricken, und im Anfang hatte er zwölf, dreizehn Stunden für ein Pensum gebraucht. In zwei Stunden weg, die Arbeit von dreiundsechzig Tagen, es fing ganz niedlich wieder an!

Eigentlich hatte er sie sich etwas anders gedacht, die Fahrt in die Freiheit. Da ging es nun durch das sommerliche Land, gewiß, es war ganz angenehm anzusehen, aber hatte er Zeit dafür? Er mußte sich Sorgen machen, ebenso Sorgen wie in der Zelle. Und wie es mit dem Heim wurde …?

»Kann einer von den Herren mir wohl sagen, wo ich in Hamburg aussteigen muß, wenn ich zur Apfelstraße will?«

Stille – schon fürchtet Kufalt, keiner wird antworten, schon wird ihm zweifelhaft, ob er wirklich laut gefragt hat, da läßt der Herr in der Ecke die Zeitung sinken und sagt: »Apfelstraße? Da müssen Sie beim Hauptbahnhof umsteigen. Sie fahren dann noch bis Berliner Tor weiter.«

»Erlauben Sie mal«, widerspricht der Herr neben Kufalt, »das stimmt doch nicht. Da ist doch keine Apfelstraße. Wo soll die denn da sein?«

»Natürlich ist sie da. Das ist die bei der Badeanstalt …«

»Der Herr hat Ihnen nicht richtig Bescheid gesagt«, bemerkt Kufalts Nachbar, »Holstenstraße müssen Sie aussteigen. Die Apfelstraße ist da gleich …«

Ein kleiner Dicker entscheidet: »Der Herr hat recht. Und der Herr hat auch recht. Es gibt nämlich eine Apfelstraße in Altona und eine in Hamburg. Zu welcher wollen Sie denn?«

»Mir ist gesagt worden, Hamburg.«

»Dann müssen Sie also bis Berliner Tor fahren, Hauptbahnhof umsteigen.«

Stille herrscht.

Plötzlich fängt Kufalts Nachbar neu an: »Wo wollen Sie denn da hin in der Apfelstraße? Man sagt das so hin, Hamburg, und nachher ist doch Altona gemeint.«

»Bitte, der Herr hat gesagt, Hamburg, also muß er auch Berliner Tor raus.«

»Ist Ihnen denn ausdrücklich gesagt worden: Hamburg? Oder nur so hin?«

»Ja, ich weiß doch nicht. Ich will zu Verwandten.«

»Und wie haben Sie denn geschrieben an die Verwandten: Hamburg oder Altona?«

»Ja – ich habe nie selbst geschrieben. Das hat jemand für mich gemacht – meine Mutter.«

Der Nachbar hat ein pickliges Gesicht und blinzelnde Augen. Außerdem riecht er schlecht, wenn er sich so nah zu Kufalt beugt. »Du willst doch – dahin?« flüstert er.

»Wieso? Wohin«, tut Kufalt.

»Na, Mensch. Ich weiß doch. Und ich rate dir, steig Holstenstraße aus, da ist es. Sonst tippelst du nachher mit deinem Koffer durch die ganze Stadt.«

»Ja, danke. Ich weiß ja nicht. Ich fahre zu Verwandten nach Hamburg.«

»Wenn du mit denen verwandt bist …«

Kufalt verflucht sich, daß er dies Gespräch entfesselt hat. Sucht nach seiner Zeitung.

»Wenn ich du wäre, ich führe ja lieber zu den Hallelujabrüdern in der Steinstraße.«

Kufalt entfaltet die Zeitung.

»Da kostet es auch nur vier Groschen die Nacht.«

Kufalt liest.

»Wenn du willst, ich trag dir deinen Koffer.«

Kufalt hört nicht.

»Ich geh dir damit nicht über den Harz, verstehste. Ich trag dir den Koffer, und wenn du bis Blankenese tippelst.«

Kufalt steht auf und geht aufs Klo.

 

 

2

 

»Apfelstraße?« fragt der Schupo und sieht Kufalt an. »Na natürlich. Da gehen Sie hier runter und die zweite Querstraße rechts rein.«

»Danke«, sagt Kufalt und marschiert los. Hat’s mir auch angesehen. Es muß an meiner gelben Farbe liegen. Ich wollte, ich säh erst anders aus, keinen kann man gerade anschauen …

Apfelstraße. Nummer 28 soll es sein. »Vereinshaus der Stadt-Mission. Schlafsäle über den Hof. Bett fünfzig Pfennig.«

Das ist doch nicht das?

In dem Torweg steht ein dicker Mann mit unfreundlichem Gesicht. Kufalt geht ihm zögernd näher. Der Mann hat so eine besondere Mütze auf. Noch ehe Kufalt bei ihm ist, schreit er los: »Was wollen Sie denn jetzt schon? Um sieben werden die Schlafsäle aufgemacht!«

Was ist das mit mir? fragt sich Kufalt angstvoll. Ich bin doch genauso anständig gekleidet wie früher, und doch sehen es mir alle gleich an. Er sagt: »Ich will doch nicht in die Schlafsäle. Ich will nur fragen, ob hier Friedensheim ist.«

»Friedensheim? Meinetwegen können Sie’s ja Friedensheim nennen. Heute abend. Morgen früh werden Sie’s wohl anders heißen.«

»Friedensheim ist ein Heim für stellungslose Kaufleute.

Ist das auch hier?«

»Nein, das ist nicht hier.«

»Können Sie mir denn sagen, wo das ist?«

»Nein, was weiß ich, wo ihr Brüder alle abbleibt.«

Der Mann geht in den Torweg, und Kufalt tritt auf die Straße zurück. Es ist zwecklos, hier weiterzusuchen. Nummer 28 stimmt. Es ist also doch in Hamburg. Er faßt seinen Koffer fester und geht wieder gegen den Bahnhof. –

Auf sein Klingeln öffnet dem Kufalt ein Mädchen in blauer Schürze, jung, doch unerfreulich anzusehen. Sie fixiert ihn, er fühlt das, wenn er es schon nicht sehen kann, so stark schielt sie.

Wenn die nicht Fürsorge ist …, denkt Kufalt. Aber hier bin ich richtig.

»Was wollen Sie denn?« fragt das Mädchen im Ton der Entrüstung. »Wieso kommen Sie denn hierher am Abend?«

»Ich soll in Friedensheim aufgenommen werden.«

»Davon weiß ich nichts. Ihr Geld haben Sie versaubeutelt, und jetzt kommen Sie zu uns. Sind Sie nüchtern?« Sie geht gegen ihn an. »Ein bißchen zurück, junger Mann, ein bißchen zurück ins Licht, daß ich sehen kann, ob Sie nicht dun sind.«

Sie drängt ihn, Schritt um Schritt, bis er wieder draußen steht, da aber schrammt sie die Tür vor seiner Nase zu.

Kufalt steht wieder auf der Straße oder, genauer, im eingegitterten, gepflasterten »Vorgarten«.

Was für ’ne Rübe! denkt er interessiert und schielt zu den gotischen Lettern »Friedensheim« empor. Sehr friedlich kann es nicht sein, wo die kommandiert.

Durch die Haustür hört er ihre gellende Stimme: »Herr Seidenzopf, es ist einer da. Besoffen ist er nicht. Hat ’nen Handkoffer. Nee – kommen Sie selbst runter, er steht draußen im Gärtchen.«

Dann Stille.

Es ist eine Vorstadtstraße, die Apfelstraße in Hamburg. Dreißig kleine zweistöckige Häuschen wie das Friedensheim, manche noch mit richtigen Gärten und Baum und Busch, und achtzig fünfstöckige Mietskasernen.

Viele Leute unterwegs. Kleine Leute. Kufalt hat das Gefühl, hier braucht er sich nicht zu genieren, wenn sie auch alle erraten, wieso er hier vor Friedensheim mit seinem Handkoffer steht. Die wissen Bescheid, die regt das nicht mehr auf. Überhaupt hat ihm der Empfang nicht mißfallen, es war der beste Empfang von der Welt, ein vertrauter Ton klang: Auch im Kittchen gab man gerne so an.

Mittlerweile könnte der sogenannte Seidenzopf kommen.

Wie gerufen erscheint er. Die Tür geht schnell auf, ein kleiner Mann in schwarzem, sehr weitem Anzug schiebt sich geschwind durch, und schon ist die Tür wieder zu.

Herr Seidenzopf steht vor Willi Kufalt, etwa anzusehen wie ein Schnauzhund, so dicht ist sein Gesicht mit wolligen schwarzen Haaren bewachsen, aus denen nur eine bleiche große Nase und grelle schwarze Augen leuchten. Das Kopfhaar aber ist glatt angeklatscht und glänzt mit öligen Lichtern.

Herr Seidenzopf betrachtet den jungen Mann lange und schweigend. Die Betrachtung erstreckt sich nicht nur auf Gesicht und Hände, nein, Mantel und Hosen, Schuhe und Handkoffer, Kragen und Hut – alles wird genau besichtigt.

Die Prüfung ist scheinbar beschlossen, der kleine Mann räuspert sich. Sein Räuspern erfolgt sehr laut in überraschend tiefem Baß.

»Ich kann warten«, antwortet Kufalt bescheiden.

»Können Sie es, so fragt es sich, ob es Zweck hat. Angemeldet sind Sie nicht«, sagt der Mann. Seine Stimme ist ein löwenhaft brüllender Baß, ein paar Kinder, die ihre Kreisel schlugen, sammeln sich am Gitter.

»Angemeldet bin ich. Und die Anmeldung müßte hier sein. Ich habe gestern früh schon unterschrieben.«

»Gestern früh!« schreit der Kleine. »Und ›schon‹! Sie verstehen nichts, Sie wissen nichts, aber hier stehen Sie und sagen, Sie können warten.«

»Kann ich auch«, sagt Kufalt, der immer leiser spricht, je mehr der Kleine brüllt.

»Anmeldungen gehen zuerst an unseren Herrn Vorsitzenden, Herrn Diakonus Doktor Hermann Marcetus. In vier Tagen sind sie vielleicht bei uns. – Können Sie so lange vor der Tür warten?«

»Nein«, sagt Kufalt, der das Gefühl hat, ausgezeichnet aufgenommen zu sein.

Hauptwachtmeister Rusch hat es auch immer auf die Tour gemacht, sagt er zu sich. Soviel Theater macht man nur für jemanden, an dem einem gelegen ist.

»Wenn Sie also nicht so lange warten können, dann werden Sie fein bitten müssen, mein junger Freund.« Mit gesteigerter Stimme: »Bitten ist keine Schande, wie Sie vielleicht denken werden, auch unser lieber Herr Jesus Christus hat sich nicht geschämt zu bitten, seine Jünger sowohl wie seinen himmlischen Vater.«

»Ich bitte also um Aufnahme am heutigen Abend in das Friedensheim«, sagt Kufalt sanft.

»Sehen Sie! Und wen bitten Sie …?«

»Herrn Seidenzopf, wenn ich recht verstanden habe.«

»Auch. Aber sagen Sie Vater zu mir. Ich bin der Vater von euch allen.« Mit ganz anderer Stimme, nicht mehr für das Publikum auf der Straße berechnet: »Das andere erledigen wir drinnen. Nicht, daß ich Sie schon aufgenommen hätte, aber …« Wieder mit brüllender Stimme, aber nun zur anderen Straßenseite hinüber: »Es hat gar keinen Zweck, daß Sie da umherschleichen und lauern, Berthold. Habe Sie längst gesehen. Sie kriegen kein Bett bei mir, Sie kriegen kein Essen bei mir, denn Sie sind wieder – besoffen! Gehen Sie dahin!«

Die schlotternde Gestalt drüben im Lodenmantel hebt beide Arme und schreit in höchster Fistel über die Straße: »Erbarmen Sie sich, Herr Seidenzopf! Wo soll ich denn schlafen heute nacht? In den Anlagen ist es noch so kalt.«

Die Gestalt hastet über die Straße.

»Kommen Sie rasch!« flüstert Seidenzopf. Die Tür öffnet sich, Kufalt wird hindurchgedrängt, Seidenzopf nach – und rasch schlägt sie vor dem nahenden Berthold zu. »Klingel abstellen, Minna!« brüllt Seidenzopf. »Berthold ist an der Tür!«

Der Vorplatz ist dunkel, aber nicht so dunkel, daß Kufalt nicht auf einer ins obere Stockwerk führenden Treppe zwei Frauengestalten sähe, die eine die Maid von vorhin, die andere voluminös, zerfließend, drei Stufen höher.

Von dieser kommt die klagende, weinerliche Stimme: »O Vater! Am späten Abend bringst du noch einen Mann ins Heim. Sicher ist er betrunken und hat sein Geld vertan bei den Weibern, Vater. So spät kommt keiner aus dem Gefängnis, Vater!«

Und die helle scharfe Stimme der Schielenden: »Betrunken ist er nicht, Frau Seidenzopf. Aus dem Kittchen kommt er frisch, kann keinen grade ansehen. Seine Hosen sind ganz frisch gebügelt, noch nicht verknautscht, bei Weibern ist er also nicht gewesen …«

»Stille!« brüllt der Löwe. »An euer Geschäft, Frauen! Kein Wort mehr!«

Die beiden Gestalten entschwinden.

Durch die Tür klingt eine weinerliche Stimme: »Vater Seidenzopf, wo soll ich schlafen?! Vater Seidenzopf …«

»Husch! Husch!« macht Seidenzopf gegen die Tür. »Pflicht ist es, daß auch manchmal die Stimme des Mitleids schweige … Kommen Sie, junger Freund.«

Durch das Schlüsselloch jammert es: »Vater Seidenzopf, ach, Vater Seidenzopf …«

Sie aber gehen vom Flur in ein noch einigermaßen helles Zimmer. Auf einen Riesensessel mit Ohrenklappen hinter einem Schreibtisch setzt sich der Kleine, wie Fittiche stehen die Ohrenklappen über seinem Haupt. Auf die andere Seite des Schreibtisches darf sich Kufalt setzen.

»Meine Frau, junger Freund«, sagt der Kleine, »hat die Sache getroffen. Wo kommen Sie so spät noch her?«

»Aus dem Zentralgefängnis.«

»Aber das Zentralgefängnis entläßt um sieben Uhr früh. Sie hätten um zwölf Uhr hier sein können. Wo sind Sie solange gewesen?«

»Ich …«, fängt Kufalt an.

Der Kleine richtet sich steil auf. »Halt, halt, mein Lieber! Reden Sie nicht unbedachtsam! Leicht entschlüpft uns eine Lüge. Sagen Sie lieber: Ich schäme mich, es Ihnen zu sagen, Vater. Dann wollen wir eine Weile schweigen und bedenken, wie schwach wir sind, allzumal.«

»Ich bin doch erst um ein Uhr zwanzig entlassen, Herr Seidenzopf.«

»Vater«, verbessert der. »Vater. Ich glaube Ihnen, Freund, aber besser ist es, Sie zeigen mir Ihren Entlassungsschein.«

Kufalt nimmt seine Brieftasche, sucht, entnimmt ihr den Entlassungsschein und reicht ihn Herrn Seidenzopf.

Der kennt solche Dinger, er wirft nur einen Blick darauf. »Gut. Sie haben die Wahrheit gesprochen. Aber immerhin … Nein, lassen Sie die Brieftasche auf dem Tisch liegen. Wir sprechen sofort darüber. – Jetzt nur …«

Mit einem Ruck wendet sich der Kleine zum Fenster und trommelt wild gegen die Scheiben. »Gehst du weg? Gehst du weg? Soll ich die Polizei rufen? Gehst du weg!«

Kufalt sieht gerade noch das bleiche langnäsige Gesicht Bertholds hinter der Scheibe verschwinden.

Seidenzopf aber sagt strahlend: »Angst hat er vor mir! Haben Sie gesehen, was er für Angst hat vor mir? Ja, wir machen keine Wippchen. Wir sind streng. Streng muß man sein mit den Verlorenen, streng und mild. – Nun aber zu uns. Auch noch mit ein Uhr zwanzig hätten Sie eine Stunde früher hier sein können!«

»Ich bin erst in Altona in die Apfelstraße gegangen, das war gut eine Stunde hierher zu laufen mit dem schweren Handkoffer.«

»Kommen Sie rum!« ruft Seidenzopf. »Kommen Sie rum! Sehen Sie doch mal Ihre Brieftasche!« Er hat sie geöffnet und sieht staunend in ein Fach, in dem nichts zu sein scheint.

Kufalt blickt, ungewiß, abwartend, sieht nichts wie ein leeres Fach.

»Pusten Sie doch rein, Mensch. Sehen Sie da nicht die Spinne?«

Kufalt sieht keine, aber er pustet kräftig.

Seidenzopf schnuppert. »Alkohol haben Sie getrunken, junger Freund! Aber nicht viel. Ein Glas, nicht wahr? Na ja, aber Sie sollten es ganz lassen. Sehen Sie den Berthold, so ein kluger Mensch, ein Mann mit Gemüt und Religiosität, aber säuft. Dreimal schon hat er das Gelübde im Blauen Kreuz abgelegt – ich bin da der Leiter, ich kam vom Blauen Kreuz als Vater in dieses Friedensheim – und immer gebrochen! Immer gebrochen!«

»Ich hätte Sie auch so angepustet, ohne Theater.«

»Glaub ich, glaub ich. Sie sind ein ehrlicher Mensch. Ich sehe es Ihnen an. An Ihnen werden wir Freude haben, Sie sollen mal sehen, wie Sie bei uns hochkommen. – Na, und Ihr Geld, das geben Sie mir in Verwahrung …«

»Nein. Mein Geld will ich behalten.«

»Aber, aber, Sie wollen doch nicht, daß es Ihnen abhanden kommt? Sie wissen doch, was wir hier für Gäste haben! Wir haften nicht, wenn Sie’s bei sich behalten. Und natürlich bekommen Sie eine Quittung, und wenn Sie was brauchen, gebe ich Ihnen was. So: vierhundertneun Mark siebenundsiebzig. Gleich die Quittung.«

Kufalt sieht sein Geld ärgerlich an. »Aber ich brauche Geld, sofort. Ich muß Sockenhalter kaufen und Hausschuhe. Ich bin die Lederschuhe nicht gewöhnt, meine Füße tun mir weh.«

»Sie werden sich daran gewöhnen. Ich gebe Ihnen drei Mark. Aber Sie gehen achtsam mit dem Geld um, nicht wahr? Drei Mark sind schwer verdient.«

»Ich brauche mindestens zehn Mark«, sagt Kufalt mürrisch.

»O was! O was! Sind wir Millionäre? Sie können ja immer frisches haben, wenn die drei Mark alle sind. Sie kriegen’s, lieber Freund. Aber wenn man erst zu Vater Seidenzopf gehen muß, überlegt man sich’s zweimal. Und wieder hat man Geld gespart.«

Der Kleine ist schon am Schrank, die Brieftasche ist fort.

Hätt ich das geahnt, denkt Kufalt verblüfft, hätt ich mir was beiseite gesteckt. Immer wieder fällt man auf diese Brüder rein.

»Und nun unterschreiben Sie noch schnell die Heimordnung und die Schreibstubenordnung, und dann gehen Sie hinauf und packen aus und rüsten Ihr Bett.«

»Können wir nicht Licht machen?« fragt Kufalt, vor dem zwei enggedruckte Formulare liegen. »Ich möchte doch auch gerne wissen, was ich unterschreibe.«

»Das wollen Sie alles lesen? Lieber Freund, was hat denn das für einen Sinn? Tausend Menschen haben das unterschrieben, da werden Sie’s doch auch unterschreiben.«

»Aber wissen möcht ich doch, was hier los ist. Lassen Sie mich lieber lesen.«

»Aber Sie ärgern sich unnütz, lieber Freund. Natürlich, wenn Sie wollen. Am Fenster ist noch Licht genug.«

Am Fenster ist nicht mehr Licht genug. Kufalt sieht nach dem Schalter, auf die dämmerige Straße, in den Vorgarten. Da hockt eine Gestalt, ein bleiches, weißnasiges Geschöpf, und macht Grimassen zu ihm hin. »Da sitzt doch der Berthold!« ruft er.

»Wo …? Oh, dieser Unglückselige! Nun muß ich ihn wieder wegschaffen lassen durch die Polizei. Lieber Herr Kufalt, tun Sie mir die Liebe, unterschreiben Sie schnell. Ich muß zu dem Unseligen, das Ärgernis muß weg. Unser Haus darf nicht auffallen, ein wahres Friedensheim muß es sein. Sehen Sie, nun haben Sie unterschrieben. Ich schüttele Ihre Hand. Mein Sohn sind Sie nun. Gott segne Ihren Eingang.«

»Interkonfessionell ist das Heim aber doch?« grinst Kufalt.

»Aber natürlich! Ganz interkonfessionell! Minna, bringen Sie Herrn Kufalt seine Bettwäsche und ein Handtuch. Minna, dies ist Ihr Bruder Kufalt. Kufalt, dies ist Ihre Schwester Minna.«

Ogottogott, denkt Kufalt.

»Gebt euch die Hand. Natürlich nennt ihr euch weiter Sie. Kufalt, einfach die Treppe hinauf. Suchen Sie sich Ihr Bett aus. Sie sind jetzt hier zu Haus. Sie werden einen Bruder oben finden …«

»Der spinnt ja, Vater«, sagt Minna, das Mädchen im Friedensheim.

»Ja, er ist krank. Er ist krank noch, der Bruder Beerboom, liebe Minna. Die lange Haft …«

»Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen will«, sagt Minna mit den Schielaugen.

»Oh! Oh! Oh! Aber es braucht nichts Unsittliches zu sein, wenn er mit Ihnen ausgehen möchte, natürlich werde ich ihn aber vermahnen. Gehen Sie jetzt, Kufalt, ich muß zu dem gefallenen Bruder.«

Ein Blick aus dem Fenster zeigt Kufalt, daß sein Bruder Berthold wirklich gefallen ist: Jetzt kriecht er auf allen vieren durch den Vorgarten und trägt seinen Hut in den Zähnen.

»Ich muß wirklich die Wache anrufen«, sagt Seidenzopf angesichts der Menge, die sich am Gitter des Vorgartens drängt.

Er reißt das Fenster auf und ruft: »Geht doch fort, ihr Neugierigen, ihr Gaffer! Erbarmt sich euer Herz nicht …«

Eine grobe Stimme ruft aus der Menge: »Wolle-Teddy, mach dir keinen Fleck ins Hemde …«

Kufalt tastet sich die fast dunkle Treppe hinauf.

 

 

3

 

Oben auf dem Flur ist es kaum noch hell. Mit Mühe unterscheidet Kufalt eine Tür. Er drückt auf die Klinke, und die Tür geht auf. Ein dunkler Raum, der groß zu sein scheint. Kufalts Hände suchen nach dem Schalter, finden ihn schließlich, das Licht brennt, eine funzlige Sechzehn-Kerzen-Birne in einer langen Schlucht.

Zwölf schnurgerade ausgerichtete Betten. Zwölf schmalbrüstige schwarze Schränke. Dazu ein einziger eichener Tisch.

Üppig ist das nicht, denkt Kufalt, das trauliche Friedensheim. Wenigstens sind die Fenster nicht vergittert. Sonst ist es eigentlich Kittchen. Die Betten sind auch nicht besser.

Erst jetzt sieht er, daß auch die Bettwäsche über seinem Arm Gefängnisbettwäsche ist, blau gewürfelt. Haben sie geschnorrt von der Justizverwaltung. – Hier wohnt jedenfalls keiner. Wollen mal die nächste Tür versuchen.

Die nächste Tür ist verschlossen.

Die letzte Tür führt in einen erleuchteten Raum, wo auf einem Bett ein Mann liegt. Der Mann hebt den Kopf, betrachtet Kufalt und sagt: »Na, bist du endlich auch da, oller Knastschieber, Stubben, elender? Wird Zeit. Wieviel abgerissen? Hat dir Wolle-Teddy Geld gelassen? Hast du Schnaps im Koffer? Hast dich schon ausgeschlämmt vom Knast bei den kleinen Mädchen …?«

»Guten Abend«, sagt Kufalt.

Der Mann steht auf und lacht verlegen. Es ist ein mittelgroßer, breiter Kerl mit grauer lederartiger Haut, dunklen, stumpfen, schwarzen Augen, krausem, schwarzem Haar. »Entschuldigen Sie bloß. Diese Begrüßung sollte nämlich ein Witz sein. Wir sind ja jetzt in der sogenannten goldenen Freiheit. Mein Name ist Beerboom …«

»Kufalt«, sagt Kufalt.

»Mein Vater ist Universitätsprofessor, kennt mich aber nicht mehr. Elf Jahre Zet abgerissen, wegen Raubmord. Ich hab ’ne kleine Schwester, die war süß, muß jetzt ein großes Mädel sein. Haben Sie ’ne Schwester?«

»Ja.«

»So. Ich möchte meine gerne wiedersehen. Darf aber nicht. Mein Vater meldet mich sofort bei der Polente, wenn ich in sein Kaff komme und – Schluß mit der Bewährungsfrist! Wenn ich Sie übrigens störe, dahinten ist noch ein Zimmer, da können Sie auch schlafen.«

»Ich will mal sehen«, sagt Kufalt. »Sind wir die beiden einzigen hier?«

»Ja. Ich bin zwei Tage hier. Dachte schon, ich bliebe der einzige Idiot, der freiwillig in diese Besserungsanstalt geht. Ich hau mich wieder hin. Bis zum Abendessen ist noch ’ne halbe Stunde Zeit.«

»Ich will mal sehen«, sagt Kufalt zu dem Raum hin, der hinter diesem liegt.

»Genieren Sie sich nicht. Kann ich verstehen, ich verstehe alles. Übrigens heule ich meistens abends vor dem Einschlafen ’ne Stunde, würde Sie stören. Im Zet haben sie mich deswegen auf Gemeinschaft immer vertrimmt, ich kann es aber nicht lassen. Ist übrigens ein guter Name, Kufalt, ich denke an Einfalt und Dreifaltigkeit. Was ist eigentlich Dreifaltigkeit?«

»Irgendwas mit dem Heiligen Geist. Ich weiß auch nicht. – Ich will jetzt aber mal sehen …«

»Gehen Sie ruhig los, Mensch, Kufalt, Heiliger Geist. Genieren Sie sich nicht. Ich rede immer weiter, wenn ich ’nen Menschen sehe. Hab ich mir so angewöhnt im Knast. Brauchen Sie nicht zuzuhören. Ich hör auch nicht zu …«

»Also, dann gehe ich …«

»Haben Sie schon gesehen, das Affentheater mit den Fenstern? Schlimmer als im Kittchen. Keine Gitter, nee, aber die schmalen Scheiben gehen immer nur zehn Zentimeter weit um ’ne Stahlachse. Und Rahmen und Leisten sind Eisen. Türmen, nachts auf die kleinen Mädchen, mulle, mulle, oller Jenießer, is nich. Vater Seidenzopf, der weiß Bescheid.«

»Ich gehe also.«

»Mensch, gehen Sie doch! Sie sind genauso ein Trottel wie ich. Wenn ich abends heule, denk ich immer, so ’nen Idioten wie mich gibt’s nicht wieder. Es gibt aber auch andere. Zum Beispiel Sie, daß Sie hier immer noch stehen …«

»Bin schon drüben«, sagt Kufalt und lacht.

Das Zimmer dahinter ist genauso ein Loch, vier kahle Wände, vier schmale Schränke, vier unbezogene Betten. Kufalt wählt das Bett an der Wand zuhinterst. Er wirft den Koffer auf das Bett und schließt ihn auf. Die Schranktür steht offen, kein Schlüssel steckt darin. Das Schloß ist auch nur Tinnef, Blech, eine Zuhalte, mit jedem Draht aufzutändeln. Kufalt probiert daran herum.

»Kleb den Schrank mit Spucke zu«, ruft der von drüben. »Hab bloß keine Angst um dein Gelumpe. Wenn ich’s dir schon klaute, ich käm ja nicht raus aus dem Haus, das Schielauge paßt uns auf, noch und noch …«

»Und mit der wollten Sie ausgehen?« fragt Kufalt und legt seine Oberhemden in den Schrank.

»Warum nicht, Weib ist Weib. Hat sie’s also dem Wolle-Teddy erzählt. Na warte, Mariechen! Der lackieren wir auch mal die Fassade. Es paßt schon mal so …«

Kufalt packt aus. Der ist ja alle, denkt er. Der spinnt ja. Elf Jahre Zet, der ist hübsch gründlich fertig geworden, der wird nicht wieder.

Er packt weiter aus. Plötzlich steht der andere in der Tür, lautlos auf Socken angeschlichen. »Ein richtiger Raubmord war es gar nicht. Hab meinen Leutnant alle gemacht, und als das Schwein dalag, dacht ich erst daran, daß ich kein Geld zum Türmen hatte. – Saubere Sachen hast du, muß man sagen. Mir haben sie im Zet lauter Powel gegeben, meine Sachen waren ja alle hin vom langen Liegen. Die Hemden nichts wie Baumwolle. Und der Anzug – was ist denn das für ein Anzug? So ein Ding von der Stange – dreißig Mark. Aber der Pfaffe, der schwarze Mann, hat mich nie ausstehen können. Verkaufen Sie die Socken? Die mag ich. Was wollen Sie haben für die lilanen?«

»Nein, verkaufen nicht«, antwortet Kufalt. »Aber ich schenke sie Ihnen, ich mag sie nicht besonders.«

»Immer her damit, wenn einer so dumm ist. – Erst war das Urteil: Kohlrübe weg bei mir, dann lebenslänglich, dann fünfzehn Jahre. Und jetzt mit elf haben sie mich rausgelassen. Und dabei keine gute Führung, keine Fürsprache. Und doch raus? Weil mein Fall stinkt, zum Himmel stinkt er. Zu den Roten müßte man gehen und denen erzählen …«

»Jetzt sind Sie ja draußen.«

»Aber Polizeiaufsicht. Verlust der Ehrenrechte auf Lebenszeit. Ach was, ich scheiß auf die Ehrenrechte, ich will gar keine Ehre von denen haben. Aber dem Pfaffen möcht ich es besorgen. In vier Wochen kommt er hierher, unser Pfaffe aus dem Zuchthaus. Wissen Sie, daß die hier dann fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiern, die hier vom Friedensheim …?«

»Nee.«

»Räuber sind das hier. Der geölte Aal, der Seidenzopf, ist ein Räuber, aber die kalte Wasserschlange, der Pfaffe, der Marcetus, der ist noch zehnmal so schlimm, und am schlimmsten ist der Bürovorsteher, der Eierkopf, der Mergenthal. Von unserm Blut leben die. Deswegen haben die doch den ganzen Apparat hier aufgemacht, die Speckjäger, sogenannte Wohltätigkeit, daß die was zu fressen haben durch unsere Arbeit. Ich könnte Ihnen was erzählen …«

»Sie sind doch erst zwei Tage hier …?«

»Wieso denn? – Wollen wir rauchen? Es ist verboten, aber die schmeißen uns nicht raus, solange sie sowenig Leute im Heim haben. Eine stoßen, zum Fenster raus, genau wie im Zet … Was das Erzählen angeht, ich seh was, wissen Sie, irgendwas, der Pfaffe sagt: ›Gehen Sie da rauf!‹, oder Seidenzopf: ›Sie sind ein Lügner!‹ Und wenn ich dann abends im Bett liege und heule, dann spinn ich das aus, dann mach ich mir Geschichten dadraus, dann seh ich durch die Wände, darum weine ich ja auch, weil ich mir so leid tue …«

»Jetzt haben Sie es ja überstanden.«

»Gar nicht überstanden. Mein Lieber, jetzt geht es los. Jetzt fängt es erst richtig an. Wenn ich hier aus diesem Heim rauskomme, dann in ’ne Klapsmühle oder wieder ins Zet, was anderes gibt es nicht. – Hören Sie bloß, was für ein Krach! Kommen Sie, wollen mal lauschen, oben an der Treppe. Schmeißen Sie die Kippe nicht zum Fenster raus, draußen ist der Heimgarten, da findet sie morgen sonst Schielebock …«

Ein toller Lärm brandet von unten herauf. Seidenzopfs Baß rollt tief und sonor, spitz schreit die Minna, Frau Seidenzopf protestiert weinerlich in den höchsten Tönen, dazwischen eine flehende Stimme …«

»Ich fordere Sie auf«, schreit Seidenzopf. »Verlassen Sie dieses Haus, dessen Sie unwürdig …«

Die flehende Stimme schreit: »Erbarmen Sie sich, Vater!«

Kufalt flüstert: »Das ist der Saufkopp, der Berthold …«

Und Beerboom: »Welcher Berthold …?«

»Hausfriedensbruch«, grunzt Seidenzopf. »Zum ersten. Zum zweiten. Zum dritten …«

Ein schwerer Fall.

Die Weiber kreischen: »Ogottogottogottogottogott!«

Seidenzopf: »Mich täuschen Sie nicht …«

Frau Seidenzopf jammert: »Er blutet …«

Und Minna: »Mein schönes blankes Linoleum!«

Seidenzopf brüllt: »Herr Beerboom! Herr Kufalt! Ich bitte Sie …«

In fünf Sprüngen sind sie die Treppe hinunter. Auf der Erde, in seinem Lodenmantel, mit offenem Mund, bleich, bewußtlos, mit blutiggeschlagener Stirn, liegt Berthold.

»Ich bitte Sie, meine Söhne, tragen Sie den Unglückseligen in Ihr Gemach. Auf die Stirn genügt eine nasse Kompresse. Minna, geben Sie Ihrem Bruder Kufalt ein Handtuch …«

Es ist nicht ganz leicht, einen Bewußtlosen, dessen Glieder schwer wie Blei sind und die Tendenz haben, wie Quecksilber fortzurollen, eine steile, schlechtbeleuchtete Treppe hinaufzutragen, deren Linoleumbelag eisglatt ist.

»Legen Sie ihn hier auf das Bett neben meinem«, sagt Beerboom. »Dann kann ich ihm immer eins in die Fresse geben, wenn er heute nacht aufwacht, so was macht mir Laune …«

»Ich will ihm gleich einen Umschlag machen.«

»I was! Der braucht doch keinen Umschlag für das bißchen Schrammen. Sollten Sie gesehen haben, wie die mich manchmal im Zet in der Mache gehabt haben!«

»Warum haben Sie denn so ’ne Wut auf den Berthold? Der hat Ihnen doch nichts getan.«

»Ich wollte, ich wäre so schön besoffen wie der! Das kann einen doch neidisch machen. Das letztemal war ich’s Weihnachten 28 im Zet, da haben wir Möbelspiritus aus der Tischlerei getrunken …«

»Guten Abend, Kinder«, sagt der Betrunkene und richtet sich auf. »Bin scheinbar ein bißchen doller gefallen als beabsichtigt. Na, Wolle-Teddy hat klein beigegeben, hat mich doch wieder aufgenommen! Was dem morgen sein Pastor für ’nen Marsch blasen wird!«

»Sie sind ja gar nicht besoffen«, sagt Beerboom mürrisch. »Dann ist es eine Gemeinheit, sich so die Treppen raufschleppen zu lassen.«

»Natürlich bin ich besoffen. Nur so wie ihr Kindlein kann ich nicht mehr besoffen sein. Ich bin frei, wenn ich trinke. Ihr seid gefangen, wenn ihr trinkt. Ich kann alles, wenn ich trinke. Ihr gar nichts. Kinder, ich habe eine glänzende Idee. Einer von euch, du da, du Dunkelblonder, du siehst so unverdorben aus, du sagst Teddy, daß du noch mal auf die Straße mußt, und holst ’ne Flasche Schnaps.«

»Quatsch«, sagt Beerboom. »Der läßt uns jetzt um acht doch nicht mehr aus dem Haus. Und wer gibt Geld?«

»Geld. Geld. Ihr habt doch Geld, ihr Kittchenjungfern. Ihr arbeitet doch für Geld. Ich – seht meine Hände, nichts kann ich mehr halten, so einen Tatterich.«

»Bist noch stolz drauf, olles Saufloch!«

»Nein«, schluchzt Berthold. »Eine Plage ist das. Und ich tu jetzt dem Teddy auch die Liebe. Ich tret wieder dem Blauen Kreuz bei. Ich schwör den Schwur. Und ich halt ihn auch. Ein Mann muß können, was er will. Und wenn ich ihn nicht halte, fange ich nur ganz, ganz langsam zu saufen an …«

»Sag mal«, fragt Beerboom, »bist du eigentlich vorbestraft?«

Berthold grient schon wieder. »Nee, mein Junge, nichts zu machen. Ich bin nur Säufer und arbeitsscheu.«

»Und was willst du da hier?« fragt Beerboom wütend. »Das ist hier für Vorbestrafte! Arbeiten willst du nicht, aber fressen willst du. Sollen wir etwa für dich arbeiten …?«

»Fang doch keinen Streit an«, jammert der Betrunkene. »Ich vertrag keinen Streit. Ich bin so glücklich, daß ich bei oll Vadder Teddy bin. – Hör zu, ich hab ’ne glänzende Idee. Warte, hier in der Tasche habe ich was.« Er kramt und bringt einen Block zum Vorschein. »Rezepte. Rezeptformulare. Hab ich heute früh einem Arzt geklaut.«

»Wie kommst du denn zu einem Arzt?«

»Bin einfach in seine Sprechstunde gegangen, das kann man doch. Wie ich drin bin in seinem Zimmer, bitte ich ihn um ein Darlehen von fünf Mark. Er sagt, es ist eine Frechheit, ich soll machen, daß ich rauskomme. Ich sag, ich geh erst, wenn ich fünf Mark habe. Er rennt rum wie ein Huhn ohne Kopf, ich bleib ruhig sitzen. Schließlich läuft er nach Leuten zum Rausschmeißen. Unterdes hab ich die Rezepte geklaut und mich leise verdrückt.«

»Und? Wozu? Was willst du denn mit den Rezepten?«

»Das ist doch das Feine. Da schreiben wir Morphium drauf und Koks und so’ne guten Sachen und verscheuern das nachher vor den Nachtlokalen.«

»Das ist nicht dumm. Weißt du denn, wie man das raufschreibt?«

»Ich hab doch mal ’nen Mediziner gekannt! Ich soll das nicht wissen. Fein geht das.«

»Daher kriegst du dein Geld, oller Saufkopp! Na warte, wenn ich …«

Eine Kuhglocke bimmelt.

»Abendessen! Kommen Sie mit …?«

»Laßt mich nur liegen, Kinder. Wenn ich denke, ich soll was essen, dreht sich alles in mir um. Mein Magen ist aus Glas.«

»Also bleibst du liegen. Aber das sag ich dir, wenn du unsere Sachen auch nur anfaßt, du olles dreckiges Schwein, du …!«

»Ich träume, ihr Äffchen. Was brauch ich Sachen? Ich brauch schon lange keine Sachen mehr.«

 

 

4

 

Am nächsten Morgen um halb neun sitzt Kufalt in der Schreibstube. Er ist noch unbeschäftigt, die anderen arbeiten. Eine ganze Menge sind gekommen, zehn, zwölf Herren, und haben sich an ihre Tische gesetzt. Nun schreiben sie alle, nichts wie Adressen, manche mit der Hand, manche mit der Maschine.

Auch der fahle Beerboom sitzt am Tisch neben Kufalt und schreibt emsig.

»Tausend Stück vier Mark fünfzig«, hat er geflüstert. »Ich will heute mindestens fünfzehnhundert schaffen. Zwei Mark fünfzig Pension, da habe ich fünf Mark über. Fein, was?«

»Kann man denn fünfzehnhundert schaffen?«

»Klar. Gestern habe ich schon fast fünfhundert geschafft, und heute bin ich doch eingearbeitet.«

Nun erscheint Vater Seidenzopf in einem Lüsterjackett, gefolgt von einem Mann mit glattem Eikopf und grauem Spitzbart. Er geht einen Gang hinauf, den anderen hinunter, sagt zweimal »Guten Morgen« und verschwindet wieder. Der Eikopf stumm hinterher.

Kufalt sitzt und sieht in den Garten. Schön grün ist es da, und der Rasen sieht so frisch aus.

»Gehört der zu uns?« fragt er Beerboom.

»Das tut er, aber rein dürfen wir nicht. Der ist so da, zur Parade, wenn Besichtigungen kommen …«

Kufalt grinst verständnisinnig.

Ein Langer sagt halblaut: »Wenn die Adressen fertig sind, soll die Arbeit mal wieder alle sein.«

»Wieviel sind denn noch nach?«

»Dreißigtausend.«

»Das reicht ja höchstens für zwei Tage. Dann sitzen wir wieder da.«

»Bis dahin kommt neue Arbeit.«

»Darauf warten Sie man.«

Der Eikopf erscheint von neuem und trägt einen Umschlag in der Hand. »Herr Kufalt, schreiben Sie hier mal Ihre Adresse auf. Einfach Ihre Adresse: Herrn Willi Kufalt, Hamburg, Apfelstraße, Friedensheim. – Nanu, geht das nicht besser? – Schön, wollen wir mal sehen.«

Er verschwindet mit dem Umschlag, und Kufalt schaut wieder in den Garten.

Einer fragt: »Was machen Sie, wenn die Arbeit hier alle ist?«

»Ich weiß auch nicht, es bleibt nur die Wohlfahrt.«

»Ich kann vielleicht ’ne Staubsaugervertretung kriegen.«

»Dann hängen Sie sich lieber gleich auf. Staubsauger ist noch schlechter als Margarine.«

Eine neue Stimme: »Mit Fußbodenwachs und Zerstäubern ist noch was zu machen.«

»I wo, das war einmal. Alles längst abgegrast.«

Wieder erscheint der Eikopf, maßlos erstaunt. »Es wird doch hier nicht gesprochen? Ich müßte aber sehr bitten!«

»Hier spricht keiner, Herr Mergenthal.«

»Also, ich bitte sehr nachdrücklich. Sie wissen alle, was das Übertreten der Schreibstubenordnung nach sich zieht. Wenn einer der Herren die Straße vorzieht …?« Viele Federn kritzeln, die Maschinen schmettern. »Herr Kufalt, Herr Seidenzopf läßt Ihnen sagen, Sie hätten Doktor werden sollen.«

»Ich? Wieso?«

»Ihre Handschrift – vollkommen unbrauchbar. Sind Sie schon mal in Ihrem Leben auf einem Büro gewesen? So. Das muß ein komisches Büro gewesen sein. – Aber Schreibmaschine können Sie doch schreiben?«

»Ja.«

»Das sagen Sie. Ich glaub’s deswegen aber noch lange nicht.«

»Natürlich kann ich Schreibmaschine schreiben. Gut sogar.«

»Zehnfingersystem?«

Zögernd: »Nicht ganz. Aber sechs bestimmt.«

»Sehen Sie. Zum Schluß nehmen Sie zwei Finger und sind glücklich, wenn Sie die richtige Taste treffen. – Sie müssen sich erst einmal eine Schreibmaschine in Ordnung bringen. Auseinandernehmen und reinigen und ölen. Können Sie das?«

»Es kommt auf das System an.«

»Es ist ’ne Mercedes. Also, denn machen Sie los.«

»Da brauch ich aber Benzin und Öl und Lappen.«

»Gehen Sie zu Herrn Seidenzopf, der gibt Ihnen einen Groschen für Benzin. Und Minna hat Lappen und Nähmaschinenöl.«

Eine halbe Stunde später sitzt Kufalt vor einer Blechschüssel, in der sämtliche Typenhebel der Maschine in Benzin baden, seine Finger sind mit einem Überzug von violetter Farbbandfarbe und schwarzem Öldreck bedeckt.

Er fängt gerade an, die Typenhebel rein zu bürsten, als Minna in der Tür erscheint. »Der Neue soll bohnern kommen.«

»Aber das ist doch!« protestiert Mergenthal. »Der sitzt jetzt bei einer Arbeit, wo er nicht weg kann. Herr Beerboom kann gehen.«

»Frau Seidenzopf sagt, der Neue soll bohnern. Beerboom macht’s nicht ordentlich. Und wenn der Neue nicht kommt, sage ich ihr, daß Sie es ihm verboten haben!«

»Also gehen Sie bohnern«, sagt Mergenthal. »Wischen Sie Ihre Hände an dem Lappen ab. Sie kommen ja gleich wieder.«

Gleich dauert anderthalb Stunden. Kufalt hat sämtliche Schlafsäle, den Vorplatz, die Treppen zu bohnern, streng beaufsichtigt von dem Dienstmädchen Schwester Minna.

»Warum machen Sie das eigentlich nicht?« erkundigt sich Kufalt.

»Ihnen Ihren Dreck nachräumen? Ich bin nur für Seidenzopfens da!«

Zum Schluß erscheint noch Frau Seidenzopf, in einem Schlafrock zerfließend, von Kufalt begrüßt mit dem Rufe: »Guten Morgen, gnädige Frau, wünsche wohl geruht zu haben.«

Da Frau Seidenzopf keinen Sinn für Ironie hat, sagt sie ziemlich gnädig: »Für den Anfang geht es. Aber der Mann muß noch besser in die Ecken, Minna.«

Dann sitzt Kufalt wieder vor seinen Typenhebeln und bürstet die Gelenkstellen rein von Schmutz. Er ist ziemlich fertig mit dieser Arbeit, als Mergenthal, der scheinbar ständig zwischen Chefbüro und Schreibstube hin und her pendelt, auftaucht mit dem Ruf: »Herr Kufalt und Herr Beerboom zu Herrn Seidenzopf.«

Der Vater aller sitzt in seinem Lüsterjackett am großen Schreibtisch. »So, meine jungen Freunde. In der Arbeit sind wir nun, und möge sie Ihnen gedeihen. – Wieviel Geld haben Sie, Kufalt?«

Kufalt sagt mürrisch, denn dies ist ein sehr wunder Punkt: »Das wissen Sie doch. Drei Mark.«

»Zeigen Sie mal Ihr Portemonnaie. Richtig, sehen Sie, so ist es recht. Klare Geldverhältnisse heißt reines Gewissen. – Und Sie, Beerboom? Zeigen Sie her, erzählen Sie nichts. Leer? Wo sind Ihre drei Mark?«

 ...

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