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Wenn golden die Sonne im Meer versinkt

Lucy Gordon

Wenn golden die Sonne im Meer versinkt

PROLOG

Am Nachmittag war es endlich so weit, Hope Rinuccis Geburtstagsparty konnte beginnen. Glänzende schwarze Limousinen fuhren den Hügel hinauf zur Villa Rinucci, die auf der Anhöhe oberhalb der Bucht von Neapel stand.

Auf der großen Terrasse der Villa waren die Tische gedeckt. Es würde typisch neapolitanische Gerichte geben, wie Spaghetti und Muscheln sowie Früchte, die auf dem fruchtbaren Boden an den Hängen des Vesuvs gut gediehen. Dazu sollten erlesene Weine gereicht werden.

Der tiefblaue Himmel spiegelte sich im Meer, das in der Nachmittagssonne glitzerte und funkelte.

„Was für ein wunderschöner Tag.“ Toni Rinucci gesellte sich zu seiner Frau auf die Terrasse und legte ihr sanft den Arm um die Schulter. Er war ein untersetzter Sechzigjähriger mit grauem Haar, der oft und gern lächelte. Wie immer, wenn er seine Frau ansah, wirkte sein Blick liebevoll.

Hope Rinucci war vierundfünfzig. Mit ihrer schlanken Gestalt, der eleganten Erscheinung und den anmutigen Bewegungen hätte man sie jedoch eher auf Ende vierzig geschätzt. Sie war eine schöne Frau und strahlte Stärke und Durchsetzungsvermögen aus.

Lächelnd blickte sie ihren Mann an. „Danke für den wunderbaren Diamantschmuck. Du schenkst mir immer etwas ganz Besonderes.“

„Eigentlich hast du dir etwas ganz anderes gewünscht“, antwortete er. „Meinst du, ich wüsste es nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist Vergangenheit, mein lieber Toni. Ich denke nicht mehr darüber nach.“

Ihm war klar, dass es nicht stimmte. Aber sie würde ihn natürlich nicht verletzen und zugeben, dass ihr Glück nicht vollkommen war. Deshalb tat er so, als glaubte er ihr.

Die beiden jungen Männer, die aus dem Haus auf die Terrasse gehen wollten, blieben beim Anblick des Paares, das sich zärtlich umschlungen hielt, an der Tür stehen.

„Dafür ist jetzt keine Zeit“, rief Luke, der kräftigere der beiden Männer, belustigt aus. „Eure Gäste treffen jeden Moment ein.“

„Schick sie weg“, schlug Toni scherzhaft vor.

Primo, ein großer Mann mit strahlenden Augen und selbstbewusstem Auftreten, schüttelte gespielt verzweifelt den Kopf. „Du bist unverbesserlich.“ An seinen Bruder gewandt, fügte er hinzu: „Vielleicht sollten wir sie wirklich allein lassen und die Leute in einen Nachtclub einladen.“

„Du verbringst sowieso schon zu viel Zeit in Nachtclubs, mein lieber Sohn.“ Hope ging auf Primo zu und küsste ihn auf die Wange.

„Ich brauche solche harmlosen, unschuldigen Vergnügen.“ Er lächelte sie liebevoll an.

„Hm. Meine Meinung dazu möchtest du sicher nicht hören.“

„Nein, die kenne ich längst. Gib es auf. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.“

„Ich gebe niemals auf, wenn es um euch geht. Das gilt für alle meine Söhne“, fügte sie leise hinzu.

Sekundenlang herrschte Schweigen.

„Eines Tages ist es so weit, mamma“, sagte Primo dann freundlich.

„Ja, eines Tages wird er vor mir stehen. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“

„Liebes, vergiss heute deine Trauer“, bat Toni seine Frau.

„Ich bin nicht traurig. Aber ich weiß, dass mein ältester Sohn eines Tages kommen wird.“ Dann drehte sie sich um, denn die ersten Gäste wurden von drei jungen Männern auf die Terrasse geführt.

„Hallo, mamma“, begrüßte Francesco sie. Er war größer als seine Brüder und hielt sich für den Lieblingssohn seiner Mutter.

Ruggiero und Carlo, die beiden anderen jungen Männer, waren Hopes und Tonis leibliche Kinder und Zwillingsbrüder. Mit ihren achtundzwanzig Jahren waren sie die jüngsten und genauso attraktiv wie die anderen Söhne der Rinuccis.

Es wurde eine wunderbare Geburtstagsparty. Als die Dämmerung hereinbrach und die rote Sonne am Horizont unterging und im Meer zu versinken schien, gingen in der Villa Rinucci die Lichter an. Immer mehr Gäste trafen ein, und alles, was in Neapel Rang und Namen hatte, war erschienen. Viele hatten sogar die lange Fahrt von Rom und Mailand nicht gescheut, um Hope zum Geburtstag zu gratulieren. Die Rinuccis waren eine der angesehensten Familien in Italien mit den besten Verbindungen zu Industrie und Wirtschaft und zu Politikern.

Hope Rinucci war Engländerin, was man ihr immer noch anmerkte, obwohl sie schon dreißig Jahre in Italien lebte. Dennoch war sie keine Außenseiterin. Sie war der Mittelpunkt ihrer Familie, nicht nur für ihren Mann, sondern auch für die fünf jungen Männer, von denen nur drei ihre leiblichen Kinder waren.

An diesem Abend war sie die Hauptperson und eine charmante Gastgeberin. Immer wieder mischte sie sich unter die Gäste, nahm die Geschenke und Komplimente freundlich lächelnd entgegen und plauderte lebhaft und unbefangen über alle möglichen Themen.

Erst weit nach Mitternacht war die Familie wieder unter sich.

„So, jetzt können wir uns entspannen“, stellte Primo fest und schenkte sich einen Whisky ein. „Möchtest du auch etwas trinken, mamma? Mamma?“

In Gedanken versunken, stand Hope auf der Terrasse und blickte aufs Meer hinaus.

„Hätte sie ihn nicht heute ausnahmsweise einmal vergessen können?“, fragte Primo die anderen männlichen Familienmitglieder.

„Gerade heute nicht“, erwiderte Luke. „Er hat am selben Tag Geburtstag wie sie.“

„Sie hat doch uns. Reicht ihr das nicht?“ Carlos Stimme klang wehmütig.

„Es macht ihr das Herz schwer, dass sie ihren ältesten Sohn verloren hat, und sie glaubt fest daran, ihn eines Tages wiederzusehen“, entgegnete Toni ruhig.

„Meinst du, ihr Wunsch würde in Erfüllung gehen?“ Ruggiero sah seinen Vater an.

Toni zuckte nur hilflos die Schultern und seufzte.

1. KAPITEL

„Okay, Kinder, das war’s für heute. Ihr könnt nach Hause gehen“, sagte Evie, als die Klingel ertönte. Fünfzehn Zwölfjährige packten mehr oder weniger diszipliniert ihre Sachen zusammen, und rasch war das Klassenzimmer leer.

Evie rieb sich den Nacken und streckte sich, um die innere Anspannung zu lösen.

In dem Moment kam ihre Freundin Debra herein. „War es eine anstrengende Woche?“, fragte sie. Als stellvertretende Schulleiterin war sie befugt gewesen, Evie zu bitten, ein halbes Jahr den Fremdsprachenunterricht zu erteilen.

„Ziemlich“, gab Evie zu. „Aber ich will mich nicht beschweren, die Kinder sind in Ordnung.“

„Hast du noch Zeit für einen Kaffee?“

„Immer.“

„Du magst die Kinder, oder?“, begann Debra behutsam, nachdem sie auf der Terrasse eines Cafés am Flussufer einen freien Tisch gefunden hatten.

„Ja. Einige sind sehr intelligent, besonders Mark Dane. Er scheint ein Sprachgenie zu sein. Heute war er übrigens nicht da.“

Debra stöhnte. „O nein, es wird langsam problematisch. Er schwänzt in der letzten Zeit zu oft.“

„Hast du schon mit seinen Eltern gesprochen?“

„Mit seinem Vater. Er würde sich darum kümmern, hat er beinah zornig verkündet.“

Evie verzog das Gesicht. „Das klingt nicht gut.“

„Nein, mir hat es auch nicht gefallen. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat klein angefangen und scheint ein Mensch zu sein, der alles unter Kontrolle haben will.“

„Auch seinen Sohn?“

„Wahrscheinlich nicht nur ihn, sondern auch dich, mich …“

„Und sogar die kleine Maus in der Ecke“, versuchte Evie zu scherzen.

„Justin Dane würde keine Maus in seiner Nähe dulden. Doch lass uns über etwas anderes reden.“ Debra atmete tief ein, ehe sie mit ihrem Anliegen herausrückte. „Evie, ich möchte dir einen Vorschlag unterbreiten.“

„Verdirb uns nicht die Stimmung, und vergiss es.“ Evie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schlug die Füße übereinander. Dann schloss sie die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Mit den sportlichen Schuhen, den Jeans, ihrer schlanken Gestalt und dem kurzen dunklen Haar wirkte sie sehr jung, sehr sportlich und keineswegs wie eine neunundzwanzigjährige Lehrerin.

„Evie“, fing Debra betont geduldig noch einmal an.

„Gib es auf, Deb. Ich weiß, was du sagen willst, und meine Antwort lautet Nein. Ich war bereit, in diesem Halbjahr, das bald zu Ende ist, auszuhelfen, mehr habe ich dir nicht versprochen.“

„Aber der Direktor möchte, dass du weiterhin an unserer Schule unterrichtest. Er lobt dich überschwänglich.“

„Nein. Ich habe nur die Kollegin vertreten, die in Erziehungsurlaub ist. Sie kommt nach den Ferien zurück, und ich fahre in die Sonne.“

„Sie will nicht zurückkommen. Deshalb soll ich dich überreden, ihre Stelle zu übernehmen.“

Evie richtete sich auf und blickte die Freundin vorwurfsvoll an. „Du weißt genau, dass ich nichts von einer festen Anstellung halte. Ich brauche Abwechslung und Vielfalt.“

„Aber du hast behauptet, es mache dir Spaß zu unterrichten.“

„Ja, in kleinen Dosierungen.“

„Das ist dein Lebensmotto, stimmt’s? Alles in kleinen Dosierungen, einen Job hier, einen Job da.“

Evie lächelte belustigt. „Du hältst mich für unreif, oder? Eine Frau in meinem Alter sollte eine gute Stelle, ein Kind und zweieinhalb Ehemänner haben.“

„Du meinst, einen Mann und zweieinhalb Kinder.“

„Wie dem auch sei, Tatsache ist, du willst mir einreden, ich müsste endlich ein so geregeltes Leben führen, wie es sich für eine Frau gehört, die auf die dreißig zugeht. Darauf pfeife ich. Warum können die Menschen nicht akzeptieren, dass ich so lebe, wie es mir gefällt?“

„Weil alle dich beneiden“, gab Debra lächelnd zu. „Du bist völlig frei, hast keine Hypotheken am Hals und keine anderen Verpflichtungen.“

„Auch keinen Ehemann“, stellte Evie zufrieden fest.

„Das ist vielleicht nicht unbedingt ein Grund zur Freude.“

„Aus meiner Sicht doch“, versicherte Evie ihr.

„Egal, jedenfalls kannst du kommen und gehen, wann und wohin du willst. Es hört sich ganz gut an.“

„Das ist es auch.“ Evie seufzte glücklich. „Aber Verpflichtungen habe ich auch. Für das Motorrad bezahle ich monatlich so viel wie du für die Hypothek.“

„Ja, es war jedoch deine eigene Entscheidung. Niemand hat dich dazu gedrängt. Ich wette, du hast dich noch nie von jemandem zu etwas überreden lassen.“

„Da hast du recht“, erwiderte Evie lachend. „Alle derartigen Versuche sind bisher gescheitert. Keiner hat es ein zweites Mal versucht.“

„Weder Alec noch David oder Martin“, zählte Debra auf.

„Von wem redest du?“, fragte Evie mit Unschuldsmiene.

„ Wie kannst du nur deine Liebhaber so rasch vergessen?“

„Sie waren nicht meine Liebhaber, sondern so etwas wie Gefängniswärter. Mit allen möglichen Tricks wollten sie mich zum Altar zerren. Alec hat es sogar gewagt, einen Termin festzusetzen, ohne mich zu fragen.“

„Und du hast dafür gesorgt, dass er es bitter bereut hat. Dabei war der arme Mann nur verzweifelt, weil du ihn so lange hingehalten hast.“

„Ich habe gehofft, er würde selbst merken, dass es für ihn und mich keine gemeinsame Zukunft geben konnte. Leider hat er sich in mich verliebt, was ich nicht ahnen konnte und auch nicht beabsichtigt hatte. Meiner Meinung nach waren wir Freunde und hatten viel Spaß zusammen, sonst nichts.“

„Hast du mit Andrew auch nur viel Spaß?“, fragte Debra.

„Andrew habe ich wirklich gern. Er ist sehr nett.“

„Ich dachte, du wärst in ihn verliebt.“

„Das bin ich vielleicht auch … irgendwie.“

„Ah ja, irgendwie“, wiederholte Debra. „Jede andere Frau würde ihn für eine gute Partie halten. Er hat einen guten Job, einen guten Charakter und viel Sinn für Humor.“

„Er ist Steuerberater und beschäftigt sich nur mit Zahlen“, wandte Evie ein.

„Das ist doch nicht schlimm.“

„Außerdem ist er sehr korrekt und etwas engstirnig“, fügte Evie mit finsterer Miene hinzu.

„Du hattest an allen Männern, mit denen du befreundet warst, etwas auszusetzen. Ich hoffe, du verliebst dich eines Tages bis über beide Ohren in einen Mann, den du nicht haben kannst“, sagte Debra.

„Warum das denn?“, fragte Evie verblüfft.

„Das wäre eine ganz neue Erfahrung für dich.“

Unbekümmert lachte Evie auf. Sie hatte ihr Leben im Griff, hatte ihren Job – sie übersetzte Bücher aus dem Französischen und Italienischen ins Englische –, und sie konnte reisen, wann und wohin sie wollte, was sie auch oft tat. Einen großen Freundes- und Bekanntenkreis hatte sie auch.

Weshalb die Menschen sie so anziehend fanden, ließ sich nicht leicht erklären. Sie hatte ein hübsches Gesicht, war jedoch keine auffallende Schönheit. Aber sie war ein fröhlicher, lebhafter und offener Mensch, lachte gern und oft, und dabei strahlte sie übers ganze Gesicht.

„Ich muss nach Hause“, verkündete sie unvermittelt. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann, Deb.“

Sie wanderten zum Parkplatz, wo Debra in ihre Limousine stieg und Evie sich auf ihr Motorrad schwang. Dann setzte sie den Helm auf, winkte der Freundin noch einmal zu und fuhr los.

Während sie durch den netten Londoner Vorort fuhr, entdeckte sie plötzlich Mark Dane. Sie erkannte ihn nicht nur an dem vollen dunkelbraunen Haar mit dem kupferfarbenen Schimmer, sondern auch an seinem Gang. Er hatte den Kopf gesenkt, ließ die Schultern hängen und wirkte lustlos und mutlos, ein Eindruck, den er oft erweckte.

Mark war ein intelligenter Junge, hatte eine rasche Auffassungsgabe und beantwortete im Unterricht Fragen oft als Erster. Die Worte sprudelten ihm nur so heraus, was zuweilen auf Kosten der Genauigkeit ging.

„Sprich bitte etwas langsamer, und überleg genau, was du sagst“, musste sie ihn dann ermahnen, obwohl sie sich über seinen Eifer und seine lebhafte Beteiligung freute.

Aber nach der Schule wirkte er wieder teilnahmslos und nicht selten auch mürrisch. Nein, nicht mürrisch, sondern unglücklich, korrigierte sie sich.

Sie fuhr langsamer und hielt schließlich neben ihm an.

„Hallo, Miss Wharton“, begrüßte er sie.

Evie nahm den Helm ab. „Hallo, Mark. Hattest du heute viel zu tun?“

„Ja, ich bin …“ Er verstummte, als er ihren belustigten Blick bemerkte. „Okay, genau genommen war ich nicht in der Schule.“

„Was hast du denn stattdessen gemacht … genau genommen?“

Er zuckte die Schultern, als könnte er sich nicht erinnern oder als wäre es ihm egal.

„Du hast ja heute nicht zum ersten Mal die Schule geschwänzt“, stellte sie fest, ohne vorwurfsvoll zu klingen.

Wieder zuckte er die Schultern.

„Wo wohnst du?“

„In der Hanfield Avenue.“

„Dann bist du weit gelaufen. Wie kommst du nach Hause?“ Als er schwieg und noch einmal die Schultern zuckte, fügte sie hinzu: „Soll ich dich mitnehmen?“

Seine Miene hellte sich auf. „Würden Sie das tun?“

„Klar, wenn du den aufsetzt.“ Sie reichte ihm ihren Helm.

Mark setzte ihn auf, und sie vergewisserte sich, dass er es richtig gemacht hatte.

„Aber jetzt haben Sie ja keinen mehr“, bemerkte er.

„Stimmt. Deshalb werde ich sehr langsam und vorsichtig fahren. Steig auf, und halt dich an mir fest.“

Nachdem der Junge sich hinter sie gesetzt hatte, fuhr sie weiter. Eine halbe Stunde später waren sie in der von Bäumen gesäumten Hanfield Avenue, einer vornehmen Wohngegend mit exklusiven Villen. Während Evie das Motorrad auf der Einfahrt abstellte und zur Haustür ging, bereitete sie sich insgeheim auf die Begegnung mit seinen Eltern vor, die sich wahrscheinlich schon Sorgen machten.

Aber die Frau, die die Tür öffnete, war zu alt, um Marks Mutter zu sein. Als sie das Motorrad erblickte, rief sie entsetzt aus: „Was, um alles in der Welt …?“

„Hallo, Lily“, begrüßte Mark sie.

„Was fällt dir ein, so spät nach Hause zu kommen? Und noch dazu auf dem Ding da?“ Dann sah sie Evie scharf an. „Und wer sind Sie?“

„Das ist meine Lehrerin Miss Wharton“, stellte Mark sie vor. „Miss Wharton, das ist Lily, die Haushälterin meines Vaters.“

„Kommen Sie rein“, forderte Lily Evie auf und betrachtete sie skeptisch. „Mark, das Essen steht für dich in der Küche bereit.“

„Kann ich mit Marks Eltern sprechen?“, fragte Evie und betrat die Eingangshalle.

Lily wartete, bis Mark in der Küche verschwunden war. „Seine Mutter lebt nicht mehr, und sein Vater ist noch nicht da“, antwortete sie.

„Ich würde gern auf ihn warten.“

„Es kann lange dauern. Man weiß nie, ob und wann er kommt.“

„Was macht er denn?“

„Übernahmen.“

„Wie bitte?“

„Ja, er ist Geschäftsmann und besitzt ein Firmenimperium. Die Unternehmen, die er noch nicht besitzt, übernimmt er. Wenn er sie nicht übernehmen kann, schaltet er sie aus – überspitzt ausgedrückt.“

„Ich verstehe.“ Evie nickte. „Wenn man so ehrgeizige Ziele hat, hat man natürlich für nichts anderes Zeit.“

„Richtig. Ich bin mehr oder weniger die einzige Bezugsperson, die der arme Junge hat, und das ist nicht gut für ihn. Die Eltern kann ich ihm nicht ersetzen, obwohl ich tue, was ich kann.“ Plötzlich wurde ihr bewusst, was sie da gesagt hatte, und sie fügte rasch hinzu: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das Mr. Dane gegenüber nicht erwähnten.“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Aber ich bin froh, dass Sie mit mir geredet haben.“

„Ich mache Ihnen einen Tee. Gehen Sie bitte geradeaus ins Wohnzimmer.“

Während sie auf den Tee wartete, sah Evie sich im Wohnzimmer um. Das war also Justin Danes Zuhause. Offenbar konnte er seinem Sohn jeden Luxus bieten, nur Wärme fehlte. Plötzlich fiel ihr auf, dass es keinen Hinweis auf Marks Mutter gab, keine Fotos und auch sonst nichts, was ihren Sohn an sie erinnert hätte.

„Was, zum Teufel, machen Sie hier? Wer sind Sie?“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme hinter ihr.

Evie zuckte zusammen und drehte sich um. Der Mann, der an der Tür stand, konnte nur Marks Vater sein. Debra hatte ihn zutreffend beschrieben. Sein markantes Gesicht wirkte hart, und in seinen Augen blitzte es zornig auf. Außerdem hatte er dasselbe dunkelbraune Haar mit dem kupferfarbenen Schimmer wie sein Sohn.

Er ist ein ausgesprochen stolzer und selbstbewusster Mann, aber ich lasse mich von ihm nicht einschüchtern, nahm Evie sich vor.

„Ich bin Miss Wharton und Lehrerin an Marks Schule“, stellte sie sich betont freundlich vor.

„So?“ Er verzog spöttisch die Lippen.

„Ja“, bekräftigte sie ärgerlich.

„Als Lehrerein laufen Sie in dem Outfit herum?“

Sie zuckte die Schultern. „Die Kleidung hat mit der Qualität des Unterrichts nichts zu tun, Mr. Dane.“

„Sie sehen aus wie eine ausgeflippte Studentin.“

„Vielen Dank.“ Sie lächelte ihn strahlend an. Natürlich wusste sie, dass es kein Kompliment sein sollte, dennoch fügte sie hinzu: „In meinem Alter hört man so etwas gern.“

„Es war kein Kompliment“, stellte er dann auch prompt fest.

„Nein? Ich hatte schon geglaubt, Sie wären so ein charmanter und diplomatischer Mann, dem die Herzen der Frauen zufliegen.“

Offenbar wusste er nicht genau, ob Evie sich über ihn lustig machte oder nicht, und war verunsichert. „Wie alt sind Sie denn?“

„Alt genug, um mit etwas mehr Respekt behandelt zu werden.“

„Schon gut“, entgegnete er gönnerhaft. „Vielleicht war ich zu voreilig. Lassen Sie uns noch einmal anfangen.“

Fasziniert blickte sie ihn an. Dieser Mann benahm sich so unmöglich, dass es seltsam unterhaltsam und amüsant war. „Vermutlich sollte das eine indirekte Entschuldigung sein. Mehr kann ich wohl von Ihnen nicht erwarten.“

„Wofür sollte ich mich entschuldigen? Ich bin nicht daran gewöhnt, Fremde in meinem Haus vorzufinden, die irgendwelche Untersuchungen anstellen.“

„Wie bitte? Untersuchungen anstellen?“

„Sie wollen mich doch ausspionieren. Hat das Jugendamt Sie geschickt? Wenn ja, schreiben Sie in Ihrem Bericht, dass mein Sohn ein gutes Zuhause hat und sich niemand einzumischen braucht.“

„Ich bin leider anderer Meinung“, entgegnete sie ruhig.

„Was sind Sie?“

„Anderer Meinung als Sie! Ist das hier ein gutes Zuhause? Was ich bis jetzt gesehen habe, wirkt ziemlich deprimierend. Natürlich war alles sehr teuer, aber darauf kommt es nicht an.“

Jetzt war er derjenige, der fasziniert war. „Viele Menschen halten Geld für das Wichtigste im Leben.“

„Zugegeben, es ist nicht unwichtig. Doch wenn man sonst nichts zu bieten hat, ist es sehr traurig.“

„Und Sie glauben, Sie könnten sich ein Urteil erlauben?“

„Warum nicht? Ich habe mich hier in dem Raum umgesehen. Im Übrigen haben Sie mich ja auch nach Äußerlichkeiten beurteilt.“

„Ich habe doch schon gesagt, dass ich vielleicht zu voreilig war. Damit ist die Sache erledigt“, erklärte er ungeduldig.

„Für mich nicht. Ich habe dasselbe Recht wie Sie, voreilige Schlüsse zu ziehen.“ Normalerweise geriet sie nicht so leicht in Zorn, und sie ließ sich auch nur selten aus der Ruhe bringen. Doch dieser Mann reizte sie zum Widerspruch und machte sie wütend.

Er seufzte. „Das bringt uns nicht weiter. Weshalb sind Sie hier?“

„Ich habe Mark nach Hause gebracht.“

„Auf dieser Maschine da draußen?“

„Nein, er musste hinter dem Motorrad herlaufen“, fuhr sie ihn an. Doch sogleich beherrschte sie sich wieder. Für spöttische Bemerkungen war es nicht der richtige Zeitpunkt. „Er ist auf dem Soziussitz mitgefahren.“

„Ohne Helm?“

„Nein, er hatte meinen auf.“

„Demnach sind Sie ohne Helm gefahren.“

„Richtig.“

„Das verstößt gegen die Verkehrsregeln.“

„Dessen bin ich mir bewusst. Doch was hätte ich machen sollen? Hätte ich Ihren Sohn einfach allein lassen sollen? Wichtig ist, dass er geschützt war.“

„Sie waren es nicht.“

„Ihre Sorge um meine Sicherheit ist geradezu rührend.“

„Ich bin nur um die Sicherheit meines Sohnes besorgt“, korrigierte er sie aufgebracht. „Die Polizei hätte Sie anhalten können.“

Evie biss die Zähne zusammen. Natürlich hatte er recht, obwohl es unfair war, dass er ihr Vorwürfe machte.

„Weshalb mussten Sie ihn überhaupt mitnehmen? Bringen Sie immer Ihre Schüler nach dem Unterricht nach Hause?“

„Er war heute nicht in der Schule, und es ist nicht das erste Mal, dass er geschwänzt hat.“

„Ja, das ist mir bekannt.“

„Wie wollen Sie das ändern? Haben Sie mit Mark darüber geredet?“

„Selbstverständlich. Ich habe ihn aufgefordert, sich korrekt zu verhalten. Vermutlich hat er mir gar nicht zugehört. Aber überlassen Sie es mir, ich werde schon mit ihm fertig.“

Bestürzt sah sie ihn an. „Was soll das heißen?“

„Ich werde dafür sorgen, dass er begreift, welche Konsequenzen es hat, wenn er mir nicht gehorcht. Ich muss hart durchgreifen. Deshalb sind Sie doch hier, oder?“

„Nein“, entgegnete sie so laut und nachdrücklich, dass er sie verblüfft musterte. „Ich bin aus einem anderen Grund hier. Der Junge ist unglücklich, und ich wollte herausfinden, warum. Schon nach fünf Minuten war mir alles klar: In diesem Haus herrscht eine schreckliche Atmosphäre!“

„Was stört Sie denn?“, fragte er.

„Der Raum wirkt wie ein Museum. Er ist voller Möbel, aber er wirkt leer und unpersönlich.“

Justin Dane sah sich um, ehe er Evie verständnislos anblickte. „Nennen Sie das leer?“

„Ja, denn es fehlt alles, worauf es wirklich ankommt: Wärme und Herzlichkeit. Ihr Sohn hat keine Eltern, die ihn begrüßen, wenn er nach Hause kommt.“

„Seine Mutter lebt nicht mehr.“

„Viel schlimmer ist, dass nichts an sie erinnert. Warum gibt es keine Fotos von ihr?“

„Nach allem, was sie getan hat, hielt ich es für falsch, Fotos von ihr aufzubewahren oder aufzustellen.“

„Denkt Mark genauso wie Sie?“

„Sie überschreiten Ihre Befugnisse und mischen sich in Dinge ein, die Sie nichts angehen.“

„Das stimmt nicht“, widersprach sie energisch. „Ich bin Marks Lehrerin und um ihn besorgt. Wenn er unglücklich ist oder leidet, betrifft das auch in gewisser Weise mich.“

„Was wissen Sie schon davon, ob er leidet oder unglücklich ist?“

„Ich weiß nur das, was ich aus seinem Verhalten schließen kann. Den Rest werden Sie mir hoffentlich erzählen. Was hat Ihre Frau so Schlimmes gemacht? Was gibt Ihnen das Recht, jede Erinnerung an sie auszulöschen?“ Sie machte sich keine Illusionen. Nach seiner verschlossenen Miene zu urteilen, würde er darüber nicht reden.

Warum habe ich die Beherrschung verloren und mich so undiplomatisch verhalten? überlegte Evie und atmete tief ein, um sich zu beruhigen.

Justin Dane stellte sich ans Fenster und blickte hinaus. Er war mindestens einsachtzig groß, schlank und breitschultrig. Als er sich wieder umdrehte und anfing, im Zimmer hin und her zu laufen, fiel Evie auf, wie kraftvoll er sich bewegte. Er hatte nichts Sanftes oder Nachgiebiges an sich. Was für ein Leben hatte sein armer Sohn?

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