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Wenn die Wüstensonne am Horizont versinkt

1. KAPITEL

„Pst! Sie kommen. Sie dürfen uns nicht finden.“ Schnell hielt Layla ihrer Schwester den Mund zu.

Reglos standen Yasmin und Layla hinter dem schweren Samtvorhang vor den Fenstern der Privatgemächer ihres Vaters. Dass dieser Palasttrakt für die beiden Prinzessinnen tabu war, würde die Sicherheit ihres Verstecks hoffentlich erhöhen. Es war ihnen nie erlaubt gewesen, das Schlafzimmer ihres Vaters zu betreten. Selbst heute nicht – am Tag seines Todes.

Doch Layla hatte den Mann, der für sie nur dem Namen nach ihr Vater gewesen war, noch ein letztes Mal mit eigenen Augen sehen müssen. Würde er tatsächlich kalt und stumm in seinem Bett liegen – oder würde er plötzlich aufspringen und wie gewohnt seine Untertanen tyrannisieren?

Bereits vor Stunden hatten sich die Schwestern ins Schlafzimmer ihres Vaters geschlichen und so seine letzten Worte mitangehört, bevor er sein Leben aushauchte. Kein Wort des Bedauerns war über seine Lippen gekommen, dass er seine Töchter jahrelang vernachlässigt hatte. Kein Wort der Entschuldigung, keine Nachricht, kein letzter Gruß. Stattdessen hatte er kurz vor seinem Tod noch eine weitere Gemeinheit angeordnet, die Laylas Schicksal unwiderruflich besiegeln würde.

„Hassan muss Layla heiraten. Nur dann wird das Volk ihn als Herrscher über Tazkhan akzeptieren.“

Die Schritte kamen immer näher. Layla wagte nicht, die Hand von Yasmins Mund zu ziehen. Hoffentlich mussten sie nicht niesen. Dieser Vorhang roch unangenehm staubig. Angsterfüllt wartete sie auf den Moment der Entdeckung. Dann wäre alles aus.

Mehrere Männer betraten das Schlafgemach.

„Wir haben den gesamten Palast abgesucht. Keine Spur von den Prinzessinnen.“

„Sie werden sich wohl kaum in Luft aufgelöst haben.“ Die harsche Stimme gehörte Hassan, dem sechzigjährigen Vetter ihres Vaters. Es grauste Layla bei der Vorstellung, diesen machtbesessenen Mann heiraten zu müssen.

Ihre Zukunft würde sogar noch finsterer sein, als sie befürchtet hatte! Layla spürte den warmen Atem ihrer Schwester hinter der Hand und hielt die Luft an. Nach allem, was sie gehört hatte, war es jetzt noch wichtiger, dass sie unentdeckt blieben.

„Wir werden sie finden, Hassan.“

„In wenigen Stunden werdet ihr mich mit ‚Eure Exzellenz‘ anreden“, giftete Hassan. „Ihr müsst sie finden. Durchsucht die Bibliothek. Die ältere Schwester ist fast immer dort anzutreffen. Die jüngere redet zu viel. Wir schicken sie nach Amerika und vergessen sie einfach. Das Volk wird sich auch bald nicht mehr an sie erinnern. Noch vor Sonnenuntergang nehme ich die ältere Schwester zur Frau. Sie ist schüchtern, und wird keine Einwände haben.“

Der weiß ja nicht mal, wie ich heiße, dachte Layla. Noch nicht einmal ihr Aussehen schien ihn zu kümmern. Ihre Wünsche interessierten ihn schon gar nicht. Ihrem Vater war auch gleichgültig gewesen, was seine Tochter sich erträumte. Der einzige Mensch, der sich etwas aus ihr machte, stand zitternd neben ihr.

Ihre jüngere Schwester. Ihre Freundin. Ihre Familie.

Nun wollten sie ihr diesen Menschen auch noch nehmen und Yasmin nach Amerika schicken. Layla erstarrte vor Entsetzen. Das würde sie nicht überleben.

„Wozu diese überstürzte Heirat?“

Hassans Begleiter sprach aus, was Layla auch schon durch den Kopf gegangen war.

„Weil wir beide wissen, dass er sich sofort auf den Weg hierher machen wird, sowie er vom Tod des Scheichs erfährt.“

Layla wusste, von wem die Rede war. Hassan musste ihn sehr fürchten, wenn er es nicht einmal jetzt wagte, den Namen seines Erzfeindes auszusprechen. Der sagenumwobene Ruf des Wüstenkriegers und rechtmäßigen Herrschers des wilden Wüstenstaats Tazkhan ängstigte Hassan dermaßen, dass es seit geraumer Zeit innerhalb der Stadtmauern strengstens verboten war, seinen Namen auszusprechen.

Dadurch hatte er den wahren Erben des Scheichtums in den Augen des Volkes jedoch erst recht zum Helden erhoben.

Rebellisch sprach Layla den Namen lautlos aus: Raz Al Zahki.

Ein Prinz, der das Leben eines Beduinen führte und unter Menschen lebte, die ihn vergötterten. Ein Mann der Wüste, der sich durch einen eisernen Willen, innere Stärke und Geduld auszeichnete. Ein Mann, der irgendwo da draußen war und den rechten Moment abwartete. Nur seine engsten Vertrauten kannten Raz’ genauen Aufenthaltsort.

Die Schritte auf dem Steinboden des Schlafzimmers entfernten sich, die Tür fiel zu.

Sofort befreite Yasmin sich von Laylas Griff und schnappte nach Luft. „Ich dachte schon, du wolltest mich ersticken“, raunte sie vorwurfsvoll.

„Ich hatte Angst, du würdest schreien.“

„Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht getan.“

Beschwichtigend griff Layla nach Yasmins Hand und warf einen vorsichtigen Blick durch den Spalt der schweren Samtvorhänge. „Sie sind fort“, stellte sie erleichtert fest. „Wir sind in Sicherheit.“

„Das soll wohl ein Witz sein, Layla. Dieses faltige, fette Monster plant, dich noch vor Sonnenaufgang zu heiraten und mich nach Amerika zu verbannen.“

Tröstend drückte Layla ihrer Schwester die Hand. „Keine Sorge, das werde ich nicht zulassen.“

„Wie willst du das denn verhindern? Ich könnte es nicht ertragen, von dir getrennt zu werden, Layla. Wir sind doch immer zusammen gewesen und haben uns gegenseitig vor Ärger bewahrt.“

Layla wurde das Herz schwer, als ihr die große Verantwortung bewusst wurde, die nun auf ihr lastete. Irgendwie musste es ihr gelingen, Hassans Fängen zu entkommen. „Ich verspreche, dass wir nicht getrennt werden.“

„Das kannst du doch gar nicht.“

„Doch, Yasmin, ich werde eine Lösung finden.“

„Beeil dich bitte, sonst verfrachten sie mich in den nächsten Stunden in einen Flieger nach Amerika, und dich in Hassans Bett.“

„Yasmin!“ Schockiert musterte Layla ihre Schwester.

„Ist doch wahr“, antwortete die trotzig.

„Was weißt du davon, mit einem Mann im Bett zu liegen?“

„Weniger als mir lieb ist. So gesehen, wäre meine Verbannung nach Amerika wahrscheinlich ganz nützlich.“ Yasmin lächelte frech.

Selbst in dieser Situation behält sie ihren Humor, dachte Layla bewundernd. „Ich darf dich nicht verlieren. Ein Leben ohne dein sonniges Gemüt könnte ich nicht ertragen“, sagte Layla leise.

Vorsichtig blickte Yasmin sich im Zimmer um. „Ist Vater wirklich tot?“

„Ja. Bist du … traurig?“

„Traurig? Nein, ich habe ihn ja höchsten vier Mal gesehen, und er hat uns das Leben zur Hölle gemacht. Und das tut er noch immer, über seinen Tod hinaus.“ Yasmins blaue Augen sprühten wütende Funken. „Weißt du, was ich mir wünsche? Raz Al Zahki soll auf seinem schwarzen Hengst angeritten kommen und kurzen Prozess mit Hassan machen. Vor Freude würde ich Raz vom Fleck weg heiraten und ihm hundert Babys schenken, damit seine Dynastie niemals ausstirbt.“

Layla rang sich ein Lächeln ab. „Warum sollte er die Tochter des Mannes heiraten, der verantwortlich für den Tod seines Vater und seiner bildhübschen Frau ist? Er hasst uns, Yasmin. Und das ist nur zu verständlich.“ Sie ertrug es ja auch kaum, die Tochter eines so unmenschlichen Mannes zu sein.

„Er sollte dich heiraten, Layla. Dann wäre er unantastbar und Hassan am Ende.“

Das war mal wieder typisch Yasmin! Layla blickte vor sich hin. Vielleicht wäre das allerdings wirklich die Lösung aller Probleme.

„Hör mal, Yasmin …“

„Er soll seine Frau so sehr geliebt haben, dass er sich bei ihrem Tod geschworen hat, niemals wieder zu lieben“, wisperte Yasmin. „Ist das nicht romantisch?“

„Eher tragisch. Schrecklich, was damals passiert ist.“ Ich kann ihn nicht heiraten, dachte sie.

„So möchte ich eines Tages auch mal geliebt werden“, sagte Yasmin verträumt, als hätte sie die Worte ihrer Schwester gar nicht registriert.

„Zum Träumen haben wir jetzt keine Zeit, Yasmin. Wir müssen verhindern, dass du nach Amerika geschickt wirst und ich Hassan heiraten muss.“

„Aber wie? Wenn Hassan Angst hat, ist er unberechenbar. Und er fürchtet niemanden so sehr wie Raz Al Zahki. Weißt du, was die Frauen im Souk sich über Raz zuraunen? Sein Herz sei zu Eis gefroren, und nur die richtige Frau könne es zum Schmelzen bringen.“

„Du sollst dich doch nicht auf dem Markt herumtreiben, Yasmin. Und hör auf mit diesem romantischen Quatsch! Ein Herz kann weder gefrieren, noch brechen. Es ist nur ein Muskel, der das Blut durch den Körper pumpt. Du solltest lieber überlegen, was wir jetzt tun sollen!“

„Okay, okay. Raz hat sicher einen Plan, wie er seine Position als rechtmäßiger Scheich erlangt. Hassan und der Rat fürchten sich vor seiner Rache. Die Wachen sind verstärkt worden. Späher sind in die Wüste gesandt worden. Obwohl jedes Kind weiß, dass Raz die Wüste wie seine Westentasche kennt. Alle haben Angst, dass er heute Nacht hier einfällt und ein Blutbad anrichtet. Solange er Hassan und seine üblen Vertrauten erwischt, soll es mir recht sein. Ich würde ihm sogar den Weg zeigen.“

„Yasmin!“ Entsetzt funkelte Layla ihre Schwester an.

„Alles ist besser, als von dir getrennt zu werden“, erklärte diese.

„Ich weiß. Und ich werde das zu verhindern wissen.“ Layla eilte ins Ankleidezimmer ihres toten Vaters und kehrte mit zwei Gewändern zurück. Eins drückte sie Yasmin in die Hand. „Zieh das über und bedecke auch dein Gesicht! Warte hinterm Vorhang auf mich, bis ich dich hole! Ich muss noch schnell was aus der Bibliothek besorgen.“

„Du willst ein Buch mitnehmen?“

„Ja. Bücher sind jederzeit wichtig und…“ Layla hoffte, ihre Schwester würde ihr erhitztes Gesicht nicht bemerken, und wechselte schnell das Thema. „Jedenfalls … Wir verschwinden von hier, Yasmin. Du liebst doch Pferde. Traust du dich, einfach auf und davon zu reiten?“

„Selbstverständlich!“

Die kleine Schrecksekunde vor Yasmins Antwort war Layla nicht entgangen. Aber es half nichts. „Gut. Ich kenne mich immerhin theoretisch mit dem Reiten aus. Zusammen schaffen wir das schon. Wir nehmen den Hinterausgang, laufen zu den Stallungen und reiten in die Wüste.“

„In die Wüste? Warum?“

„Um Raz Al Zahki zu finden.“

Der Wüstenwind trug die Botschaft vom Tod des Scheichs zu ihm.

Raz Al Zahki stand vor dem Zeltlager und blickte hinaus in die Dunkelheit. „Ist es nur ein Gerücht, oder ist es wahr?“

„Es ist wahr.“ Sein Bruder Salem stand neben ihm. „Die Nachricht stammt aus unterschiedlichen Quellen.“

„Dann reiten wir noch heute Nacht auf die Stadt zu.“ Das klang gelassen und sachlich. Raz hatte gelernt, seine Gefühle zu verbergen. Niemand hätte ihm angemerkt, wie angespannt er innerlich war.

Sein langjähriger Freund und Berater Abdul trat vor. „Noch etwas müssen Sie wissen, Hoheit: Wie Sie vorausgesagt haben, plant Hassan, die ältere Prinzessin zu heiraten, und zwar innerhalb der nächsten Stunden. Die Hochzeitsvorbereitungen sind schon in vollem Gange.“

„Dabei ist der Scheich noch nicht einmal unter der Erde. Sie scheint ihren Vater tief zu betrauern!“ Raz lachte zynisch.

„Hassan muss mindestens vierzig Jahre älter sein als die Prinzessin“, bemerkte Salem. „Man fragt sich, warum sie sich auf so eine Hochzeit einlässt.“

„Sie kann dadurch weiter das luxuriöse Leben im Palast führen, das ihr gar nicht zusteht“, antwortete Raz. „Sie ist die Tochter des brutalsten Tyrannen, der je über Tazkhan geherrscht hat. Dein Mitgefühl kannst du dir sparen.“

„Wenn Hassan sie tatsächlich heiratet, wird es noch schwieriger für Sie, die Thronfolge anzufechten, Hoheit.“ Abdul schaltete sich wieder ein.

„Ich weiß, deshalb werde ich die Heirat verhindern.“

„Sie wollen Ihren Plan wirklich umsetzen?“ Abduls Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an.

„Mir bleibt nichts anderes übrig.“ Lauschend hob Raz den Kopf. Irgendwas stimmte da draußen nicht. Sofort waren die Leibwächter an seiner Seite.

Die Männer beschützten ihn nun schon seit fünfzehn Jahren. Seit dem Tag, als sein Vater brutal niedergemetzelt worden war. Diese Männer würden ihr Leben lassen, um ihn zu beschützen.

Auch Abdul stellte sich direkt vor Raz, um ihn abzuschirmen. Diese Geste rührte Raz, denn sein engster Berater war weder körperlich fit, noch besonders geschickt im Umgang mit Waffen.

Behutsam, aber energisch schob er Abdul zur Seite. Doch dieser protestierte.

„Schnell ins Zelt, Hoheit! Es könnte ein Angriff auf Ihr Leben sein. So etwas hatten wir ja erwartet.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Raz, dass Salem nach seiner Waffe griff, als zwei seiner Männer einen schlanken Jungen mit sich zogen, den sie an den Armen gepackt hielten. „Wenn sie mich töten wollten, hätten sie sicher keine halbe Portion geschickt“, gab Raz zu bedenken.

„Wir haben ihn in der Nähe der Grenze zu Zubrah aufgegriffen, als er durch die Wüste irrte. Er scheint allein zu sein und behauptet, eine Nachricht für Raz Al Zahki zu haben.“

Seine Männer waren gewieft genug, seine Identität für sich zu behalten. Raz bedeutete ihnen, den Jungen zu ihm zu bringen.

An den Händen gefesselt, stolperte die verhüllte Gestalt und fiel auf die Knie. Das Gewand ist ihm viel zu groß, stellte Raz fest.

„Wie lautet die Nachricht an Raz Al Zahki?“, fragte Salem.

„Die darf ich nur persönlich und unter vier Augen überbringen“, stieß der Junge leise hervor.

Einer der Männer, die ihn aufgegriffen hatten, schnaubte nur. „Jemanden wie dich lassen wir ganz sicher nicht in seine Nähe. Schon gar nicht allein. Sei froh, Bürschchen, denn er würde dich zum Frühstück verspeisen.“

„Soll er doch, aber zuerst muss er mich anhören. Bitte bringt mich zu ihm.“

Der Junge hielt den Kopf gesenkt. Wie schmal seine Schultern sind, dachte Raz misstrauisch. Er hatte da so einen Verdacht.

Ohne auf Salems Versuch zu achten, ihn zurückzuhalten, kam Raz näher. „Du hast also keine Angst?“

Der Wüstenwind bauschte das Gewand des Jungen auf. Verzweifelt zog er es wieder glatt.

„Doch, aber nicht vor Raz Al Zahki.“

„Das wird dir noch leidtun.“ Brutal zog einer der Männer seinen Gefangenen hoch. Der stöhnte vor Schmerz. „Wir behalten ihn hier und befragen ihn morgen früh.“

„Nein!“ Der Junge versuchte, sich zu befreien. „Morgen ist es zu spät. Ich muss sofort mit ihm sprechen. Bitte! Die Zukunft von Tazkhan hängt davon ab.“

Raz musterte den Jungen. „Bringt ihn in mein Zelt“, befahl er dann.

Das trug ihm ungläubige Blicke ein. „Aber erst, nachdem wir ihn gründlich durchsucht haben“, verlangte Salem unnachgiebig.

„Ihr bringt ihn in mein Zelt und lasst uns allein!“

Abdul zupfte ihn am Arm. „Das ist zu gefährlich, Hoheit. Wenigstens die Leibwächter sollten anwesend sein, wenn Sie mir den Einwand gestatten.“

„Ich werde mich ja wohl gegen diese halbe Portion allein zur Wehr setzen können“, widersprach Raz.

„Hassan ist aber zu allem entschlossen. Vielleicht trägt der Junge einen Selbstmordgürtel.“

Salem nickte. „Ich komme lieber mit.“

„Nein, mein Bruder. Deine Liebe und Treue bedeuten mir mehr als du denkst. Aber du musst mir vertrauen, Salem.“

„Wenn dir was passiert …“

Raz blieb hart. „Ich will mit dem Jungen reden. Sorge dafür, dass wir ungestört bleiben!“ Mit einer kurzen Handbewegung entließ er die Leibwächter, verschwand im Zelt und zog die Plane fest hinter sich zu, um wirklich unbeobachtet zu sein.

Der Junge kniete an der Rückwand, die Hände noch immer gefesselt.

Erneut musterte Raz ihn eingehend. Dann ging er zu ihm und schnitt die Fesseln durch. „Steh auf!“

Der Junge rappelte sich auf, ging jedoch gleich wieder zu Boden. „Meine Beine tragen mich nicht. Sie sind steif vom Reiten. Außerdem habe ich mir den Knöchel verstaucht, als ich vom Pferd gefallen bin.“

Wortlos betrachtete Raz das Bündel zu seinen Füßen. „Was willst du hier?“, erkundigte er sich dann kühl.

„Das bespreche ich nur mit Raz Al Zahki.“

„Dann sprich!“, befahl Raz leise.

Schockiert sah der Junge auf. „Sie sind es selbst?“

Ich stelle hier die Fragen. Zuerst möchte ich wissen, wie eine Frau dazu kommt, mitten in der Nacht um mein Zeltlager zu streifen. Was hat Sie bewogen, sich ohne Schutz in die Höhle des Löwen zu wagen, Prinzessin?“

Schlimmer als Laylas körperliche Schmerzen durch ihren Sturz vom Pferd, war ihre seelische Qual. Ihre Schwester irrte völlig auf sich gestellt durch die riesige Ödnis der glühenden Wüste – und das war allein Laylas Schuld! Sie hatte diesen verrückten Plan vorgeschlagen! Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie aus dem Bauch heraus gehandelt, statt alles sorgfältig vorher abzuwägen, und prompt ging es schief!

Er hat mich erkannt, dachte Layla bestürzt, als sie in Raz Al Zahkis harte, wie Onyx glänzende Augen blickte. „Sie … Sie wussten die ganze Zeit, wer ich bin?“, fragte sie schließlich stockend.

„Nein, ich habe Sie erst nach fünf Sekunden erkannt, Prinzessin. An Ihren unverwechselbaren Augen.“

Langsam ließ sie den Blick über seinen durchtrainierten Körper gleiten, dem man die Militärausbildung ansah. Layla hatte alles über Raz in Erfahrung gebracht, was sie finden konnte und sich jedes Detail gemerkt. Sie wusste, dass er sein Maschinenbaustudium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, ein fabelhafter Reiter war und sich gut mit Araberpferden auskannte.

Was ihre Internetrecherche nicht hergegeben hatte, erfuhr Layla jetzt. Raz’ Augen waren dunkler als die Wüste bei Nacht. Seine Präsenz war unglaublich. Man sah sofort, dass man eine Führungspersönlichkeit vor sich hatte. Sein durchdringender Blick schien direkt in ihre Seele zu blicken und ließ Laylas Herz so donnernd pochen wie die Hufe vieler Hundert Pferde, die durch die Wüste galoppierten. Raz’ Charisma überwältigte sie schier.

Was hatte Yasmin über ihn gesagt? Angeblich wäre er vor seiner Liebesheirat mit vielen Frauen im Bett gewesen. Nach dem Tod seiner Frau wäre er dann innerlich erstarrt und seitdem zu keinerlei Gefühl mehr fähig.

„Woher kennen Sie mich?“, fragte sie, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.

„Ich kenne alle meine Feinde.“

„Aber ich bin nicht Ihre Feindin.“ Allerdings konnte sie seine Haltung verstehen, denn ihre eigene Familie hatte der seinen über Generationen hinweg viel Leid zugefügt.

„Das bleibt abzuwarten, Prinzessin. Wo ist eigentlich Hassan? Ist er zu feige, selbst herzukommen und hat Sie geschickt?“

Layla erschauerte unwillkürlich. „Ich bin nicht in Hassans Auftrag hier. Meine Schwester Yasmin und ich sind geflohen. Leider bin ich vom Pferd gestürzt.“ Sie bemerkte, wie er die schön geschwungenen sinnlichen Lippen zusammenpresste. „Bitte helfen Sie mir, sie zu suchen. Yasmin irrt allein durch die Wüste und hat keine Ahnung, wie man so eine Situation überlebt.“ Vor Verzweiflung war sie den Tränen nahe, doch Raz zeigte nicht das geringste Mitgefühl.

„Wo ist Hassan?“

„Im Palast wahrscheinlich. Oder auf der Suche nach Yasmin und mir. Ich weiß es nicht.“

„Sie wissen nicht, wo der Mann steckt, den Sie in wenigen Stunden heiraten sollen?“

„Wenn Hassan meine Schwester zuerst findet …“ Sie stockte, als ihr Raz’ Worte bewusst wurden. „Sie wissen von der Heirat?“, fragte sie verdutzt.

„Ich weiß alles.“

„Offensichtlich ist Ihnen aber nicht bekannt, dass Hassan der letzte Mann ist, den ich heiraten würde.“ Seine überraschte Miene bestätigte Laylas Vermutung.

„Wie sind Sie ohne sein Einverständnis aus dem Palast gekommen, Prinzessin?“

„Wie ich bereits sagte, sind wir geflohen. Meine Schwester ist eine Pferdenärrin. Sie hat den schnellsten Hengst im Stall gesattelt und los ging’s. Leider war der Hengst zu wild für uns.“

Raz zog eine schwarze Augenbraue hoch. „Sie saßen beide auf dem Pferd?“

„Ja. Wir wollten nicht getrennt werden.“ Wohlweislich verschwieg sie diesem fantastischen Reiter, dass sie überhaupt nicht reiten konnte, sondern sich nur theoretisch mit Pferdezucht und Reitkunst beschäftigt hatte. „Irgendwas muss ihn erschreckt haben, denn plötzlich bäumte er sich auf, und ich fand mich am Boden wieder. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, waren Yasmin und der Hengst verschwunden. Wahrscheinlich hat er sie auch irgendwann abgeworfen.“ Verzweifelt versuchte Layla aufzustehen, doch auch dieser Versuch misslang. Jetzt liefen auch noch zwei riesige Hunde auf sie zu und blieben mit gefletschten Zähnen vor ihr stehen.

Raz gab einen kurzen Befehl. Die Bestien protestierten enttäuscht, streckten sich dann aber doch auf dem Boden aus und schauten ihren Herrn ergeben an.

„Salukis?“ Laylas Stimme bebte vor Angst.

„Kennen Sie die Rasse?“

„Natürlich“, krächzte sie. Ihre Kehle war völlig ausgetrocknet. „Sie gehört zu den ältesten Hunderassen der Welt. Mumifizierte Salukis wurden in den Pyramiden Ägyptens in Grabmalen der Pharaonen gefunden.“ Layla verschwieg, dass sie auch schon persönliche Erfahrungen mit Salukis gemacht hatte. Daran wollte sie sich jetzt lieber nicht erinnern.

„Sie sind also geflohen. Wohin wollten Sie denn?“

„Wir waren auf der Suche nach Ihnen.“ Sie verhielt sich ganz ruhig, um die Hunde nicht zu provozieren.

„In der Todesnacht Ihres Vaters? Ich sehe keine Tränen. Offenbar sind Sie genauso gefühlskalt wie er es war.“

Schockiert musterte sie ihn. Unter anderen Umständen hätte sie sich diese Unterstellung sofort verbeten, doch das musste warten. „Die letzten Worte meines Vaters auf dem Sterbebett waren, dass ich Hassan heiraten soll“, sagte sie stattdessen leise.

Seine Augen verdunkelten sich fast unmerklich.

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