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Wenn der tote Rabe vom Baum fällt

Max von der Grün

Wenn der tote Rabe vom Baum fällt

Prosa

Mit weiteren Texten
von Max von der Grün

und einem Nachwort
von Wolfgang Körner

PENDRAGON

Inhalt

Wenn der tote Rabe vom Baum fällt

Stephan Reinhardt, Wer viel reist …

Max von der Grün, Ein Tag wie jeder andere

Max von der Grün, Meine Erfahrungen mit Lehrern und Schülern

Max von der Grün, Lesereise

Nachwort von Wolfgang Körner

Editorische Notiz

 

Wenn der tote Rabe vom Baum fällt

 

Wohin mich meine Reise führte, wusste ich, nicht aber, was mich erwartete.

Als ich in Düsseldorf ins Flugzeug stieg, erinnerte ich mich an einen Satz, den ein mir bekannter türkischer Gastarbeiter immer sagte, wenn er von der Zukunft sprach: Allah hat hundert Namen, wir Gläubige kennen neunundneunzig, den hundertsten kennt nur das Kamel.

Also werde ich unterwegs einmal ein Kamel fragen.

Im August 1973 sprach mich ein junger Mann vom Generalkonsulat Istanbul an, es war am Strand von Kumbaba am Schwarzen Meer, ob ich Lust hätte, einmal nach Istanbul zu einer Lesung zu kommen. Ich hatte Lust.

Ich machte damals Urlaub und arbeitete gleichzeitig an einem Drehbuch für einen zweiteiligen Fernsehfilm. Kumbaba – das heißt Sandvater. Kumbaba heilte vor hundert Jahren die Kranken mit Sand, aus ganz Anatolien pilgerten die Menschen zu ihm, so erzählen dort die Leute.

Aus dieser Zusage wurde eine lange Reise, und bis sie schließlich in allen Einzelheiten festgelegt war, vom ersten Briefwechsel mit Dr. Anhegger in Istanbul bis zum Antritt der Reise, verging über ein Jahr.

Weil am 1.11.1974 neue Flugpläne in Kraft getreten waren, einige Länder im Nahen Osten hatten Flüge ganz gestrichen, so dass ich zwei bis drei Tage auf das Anschlussflugzeug hätte warten müssen, wurde alles wieder umgestoßen. Ich war lustlos geworden, am liebsten hätte ich die Reise abgesagt. Ich begann schon nervös zu werden, wenn das Telefon klingelte, ich fürchtete, Istanbul, wo die Reise geplant wurde, oder die Zentralverwaltung in München würden mir erneut Terminverschiebungen vorschlagen. Das entnervte mich im Laufe der Zeit so, dass ich am liebsten abgeschrieben hätte: Zum Teufel mit Goethe!

Absagen aber konnte ich nicht mehr, denn ich wusste aus Erfahrung, dass man die nicht enttäuschen darf, die zur Lesung eines Autors kommen, aus welchen Gründen auch immer.

Das Manuskript meines neuen Buches lag im Verlag, mit Stephan hatte ich vier Tage zusammengesessen, diskutiert und lektoriert, kurz vor Abflug hatte ich noch die Fahnen gelesen.

Eine gute Zeit zum Reisen.

Auf den technischen Ablauf im Verlag hat man als Autor sowieso keinen Einfluss mehr, dieser Mechanismus hat seine eigenen Gesetze, über den Autor wird nur noch verfügt.

In dem Bewusstsein, zu Hause nichts zu versäumen, trete ich die Reise an. Ich habe mich losgelöst von dem, was ich zurücklasse, und bin doch wieder unsicher vor dem, was mich erwartet. Ich muss lernen, mit der Unruhe fertig zu werden, muss lernen, mich auf das Neue einzustellen.

Der Frankfurter Flughafen ist eine Zumutung, es sind nicht allein die Entfernungen, die man zurücklegen muss, um von einem Gate zum anderen zu gelangen, er ist so gut beschildert, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Auf dem Frankfurter Flughafen geht es mir, wie es früher meiner Mutter erging, wenn sie alle zehn Jahre einmal mit der Eisenbahn fuhr. Bis zur Abfahrt des Zuges fragte sie jeden, ob das auch der richtige Zug sei, und fuhr der Zug schon, fragte sie wieder: Ist das der Zug nach …

Sie war eine misstrauische Frau, und sie sah sich einer Welt von Feinden gegenüber, wenn sie die vertraute Welt der Kleinstadt, in der sie lebte, doch einmal verlassen musste. Einmal hatte sie tatsächlich im falschen Zug gesessen. Vor Jahren wollte sie mich in Dortmund besuchen, in Stuttgart ist sie angekommen. In Nürnberg war sie in den falschen Zug umgestiegen, aber sie war darüber nicht unglücklich, denn Stuttgart kannte sie noch nicht. Warum der Schaffner ihr den Irrtum nicht erklärt hat? Hat er. Aber meine Mutter hatte ihn überzeugt, dass der Zug, in dem sie saß, nach Dortmund fahren müsse, weil ihre Fahrkarte nach Dortmund ausgestellt war. Der Schaffner hat ihr schließlich in Stuttgart ein billiges Hotel empfohlen. Als sie dann doch mit zweitägiger Verspätung in Dortmund ankam, schimpfte sie auf die Bundesbahn, dass sie auch nicht mehr das wäre, was die Eisenbahn in ihrer Jugendzeit einmal gewesen war.

Während ich auf den Aufruf warte, überprüfe ich noch einmal meine Brieftasche. Pass, Flugkarten, und für alle Fälle ein Scheckheft, Reiseplan, genau aufgeschlüsselt nach Abflug- und Ankunftszeiten, mit welcher Fluggesellschaft ich fliege, wo eine Zwischenlandung ist, wie lange ich warten muss und ob ich abgeholt werde.

Was tue ich, wenn mich niemand abholt?

Auch in meiner Aktentasche war, was ich brauchte: je ein Exemplar von »Stellenweise Glatteis« und »Menschen in Deutschland« und die Fahnen meines neuen Buches »Leben im gelobten Land«, aus denen ich auf Wunsch der Institutsleiter in Istanbul und Izmir lesen sollte.

Als Reiselektüre hatte ich mir »Guinness book of records« mitgenommen und Heinrich Bölls Roman »Und sagte kein einziges Wort«, den ich, nach fast zwanzig Jahren, noch einmal lesen wollte. Trotzdem blieb die Unruhe. Hatte ich etwas vergessen? Ich reiste nicht zum ersten Mal, reisen gehört zu meinem Beruf, ein Schriftsteller sitzt nicht den ganzen Tag am Schreibtisch.

Vor vierzehn Tagen erst war ich aus Norwegen und Island zurückgekommen, und als mich vor Wochen die deutsche Botschaft in Reykjavik plötzlich anrief und fragte, ob ich im Anschluss an meine geplante Norwegenreise auch in Reykjavik lesen wollte, war ich verblüfft, ich hielt das erst für einen schlechten Witz. Was sollte ich in Island, einer Insel aus Eis und Schnee? In Reykjavik erfuhr ich dann, dass ich der erste deutsche Autor gewesen war, der nach 1945 auf der Insel gelesen hat.

Der Präsident der isländischen Notenbank hatte mich einen Tag lang durch das Land gefahren, mir Treibhäuser gezeigt, in denen ich von Bäumen Feigen pflückte. Er fuhr mich auch zu einem Geysir, vierzig Kilometer südlich von Reykjavik. Als wir an dem Geysir ankamen, sah ich nur ein Loch, aus dem es dampfte, keine Fontäne. Ich war enttäuscht.

Der Fahrer holte aus dem Kofferraum des Wagens einen Plastikeimer und trug ihn zum Loch, ich fragte, was in dem Eimer sei. Schmierseife, antwortete mir der Präsident.

Auf Island ist alles anders, dachte ich.

Der Fahrer kippte die Schmierseife in die handtellergroße Öffnung des Geysirs, und der Präsident sagte, in wenigen Minuten würde ich eine Fontäne sehen können.

Isländisches Jägerlatein, dachte ich, aber tatsächlich, zwei Minuten später schoss eine Fontäne mit solcher Kraft aus dem Geysir, dass ich erschreckt weglief. Es war ein Schauspiel. Einer meiner Kindheitsträume war in Erfüllung gegangen.

Der Geysir war zwar noch aktiv, stieß aber nur alle zwei Stunden kochendes Wasser aus. Wenn Schmierseife oder Waschpulver in den Geysir geschüttet wird, sagte man mir, verkürzt das die Wartezeit. Innerhalb von fünf Minuten ist die Fontäne da.

Mittlerweile fand ich in einem Buch über Island bestätigt, was man mir vorgeführt hatte. Die Schmierseife verhindert den Austritt von Dampf und Hitze, die so angestaute Energie macht sich durch eine Explosion Luft.

Neben mir in der Abflughalle sitzt ein dicker Mann. Ich schätze ihn auf drei Zentner. Er schnauft. Atmet er tief durch, vibriert mein Stuhl. Will der auch ins Flugzeug, wo soll er sitzen? Aber vielleicht fliegt er erster Klasse, da sind die Sitze breiter. Deutscher oder Türke? Sein Gesicht ist kein Gesicht, das Kinn hängt auf die Brust herunter, die Augen liegen tief, sein unförmiger Bauch hebt und senkt sich langsam, er hat die Hände über seinem Bauch gefaltet wie zum Gebet. Wenig später bittet er mich um Feuer. Die Zigarre ist wie er selbst: unförmig. Er bittet mich auf Englisch um Feuer, in der Maschine, zwei Reihen hinter mir, unterhält er sich mit der Stewardess auf Deutsch. Also doch ein Türke. In einem Flugzeug weiß man nie genau, neben wem man sitzt.

Ich hatte wie ein treusorgender Vater mein Haus bestellt: Die Telefonrechnung war bezahlt, die Umsatzsteuererklärung abgegeben, die Miete war bezahlt, die Krankenkasse und die Versicherungen. Die Einkommensteuervorauszahlung war überwiesen, und auch den Zahnarzt hatte ich bezahlt. Nach wochenlanger Quälerei auf dem Marterstuhl muss man auch noch dafür bezahlen.

Stephan hatte ich einige Anlaufadressen gegeben, falls im Verlag wegen des neuen Buches etwas schieflaufen sollte oder sich im Text Unklarheiten finden würden. Ich hatte mich impfen lassen, gegen Cholera und Pocken, und war tagelang mit Schmerzen und einem dicken Arm herumgelaufen, ich konnte nicht einmal Schreibmaschine schreiben, und der Amtsarzt, den ich auf meine Schmerzen hinwies, antwortete nur: Da sehen Sie mal, wie notwendig diese Impfungen waren, ihr Körper hatte überhaupt keine Abwehrstoffe mehr. Die Schmerzen, die Sie jetzt haben, sind gesunde Schmerzen.

Hartmut Geerken hatte mir aus Kabul geschrieben, ich sollte mir einen Nassrasierer mitbringen, die Stromschwankungen in Kabul wären so stark, dass man sich kaum rasieren könnte. Ich besaß seit zwanzig Jahren keinen Nassrasierer mehr, wollte mir auch keinen kaufen, dann schon lieber mit einem Bart herumlaufen, wollte schon immer sehen, wie ich mit Bart aussehe. Meine Mutter war immer gegen Bart, sie sagte, nur Menschen ohne Gesicht lassen sich einen Bart wachsen.

Vor wenigen Tagen war in Afrika eine Lufthansamaschine abgestürzt. Was einem nicht alles so durch den Kopf geht, wenn man warten muss. Bin ich eigentlich versichert, und wie hoch? Schließlich bin ich der einzige Ernährer meiner Familie. Fragen, die man sich vor Antritt einer Reise stellen sollte. Meine Mutter hat immer gesagt: Sprich nicht vom Unglück, sonst rufst du es herbei.

Ich höre den Dicken hinter mir tief durchatmen. Mein Gott, muss das eine Qual sein, so dick und auf so schmalen Sitzen. So habe ich mir immer Menschen vorgestellt, die in einer Sänfte getragen wurden.

Die Maschine startet mit einer halben Stunde Verspätung. In Istanbul bleiben mir für den Weiterflug nach Izmir fünfzig Minuten Aufenthalt, aber mir ist jetzt schon klar, dass ich die Anschlussmaschine nicht mehr erreichen werde.

Hartmut hatte mir geschrieben, wenn ich nach Kabul käme, dann würde es ein Fest fürs Leben. Wie sich das anhört: Ein Fest fürs Leben.

Ich lese im »book of records«: Ein Lehrer war zehn Jahre lang mit dem Auto von Hamburg nach Dortmund zu seiner Schule gefahren. Täglich. Tägliche Kilometerleistung siebenhundert. In den zehn Jahren ist der Lehrer nur einmal zu spät gekommen.

Ein Verrückter, denke ich.

Oder: Seit 1496 v. Chr. hat die zivilisierte Welt nur 230 Friedensjahre erlebt, in 3500 Jahren Geschichte also. Auch ein Rekord.

Als die Maschine über Jugoslawien fliegt, höre ich plötzlich die Stimme meines Großvaters: Hinter Wien beginnt der Orient. Mein Großvater war im Ersten Weltkrieg Soldat an den Dardanellen gewesen, und immer wenn er erzählte, dann nur vom Krieg und von den Türken, die er verachtete.

Als die Maschine über dem Marmarameer kreist und auf die Landebahn einschwenkt, bin ich sicher, dass ich meine Maschine nach Izmir nicht mehr erreichen werde. Die Stewardess, die ich wegen des Anschlusses frage, tröstet mich, die Maschine sei nur dann abgeflogen, wenn heute Abend noch eine weitere nach Izmir fliege.

Ich sehe vom Fenster aus die neue Brücke über den Bosporus. Lastwagen fahren über die Brücke, von Asien nach Europa, von Europa nach Asien. Ein schönes Bild. Als würden Ameisen über einen Steg laufen.

Ich denke, wenn der Dicke sich jetzt erhebt, bekommt das Flugzeug Schlagseite.

Vom Rollband hole ich meinen Koffer und setze mich in die Abflughalle und sehe einer Katze zu, die über den glatten und staubigen Fußboden rutscht und dabei kleine Staubwolken aufwirbelt. Seit Jahren ist dieser Istanbuler Flughafen ein Provisorium, primitiv und schmutzig.

Die Katze will spielen, Fluggäste werfen ihr Papierkügelchen zu, und eine amerikanische Reisegruppe, die laut und besitzergreifend die Halle betreten hat, versucht, die Katze einzukreisen, ohne Erfolg, im letzten Moment schlüpft sie immer wieder durch die Beine und flüchtet auf ein Pult, hinter dem sonst ein Passbeamter steht. Nähert sich ihr jemand, wehrt sie sich mit ausgestreckten Krallen. Da es keine Abwechslung in der tristen Halle gibt, sehen alle Reisenden nur noch der Katze zu. Ich warte darauf, dass sie einem Fluggast ins Gesicht springt.

Zwei deutsche Geschäftsleute, die ebenfalls auf die Maschine nach Izmir warten, setzen sich neben mich auf die Bank. Einer von ihnen fragt mich: Was zieht Sie denn nach Izmir. Ich antwortete: Nichts, nur so, zum Vergnügen.

Ach so, sagt der andere, nur zum Vergnügen. Möchte ich auch mal, nur so zum Vergnügen.

Ich habe keine Lust, die Unterhaltung fortzusetzen und lese wieder im »book of records«: Der größte Trinker aller Zeiten war der Engländer Vanhorn. Der Londoner leerte 23 Jahre lang jeden Tag vier Flaschen schweren Portwein. Als er 1811 im Alter von 61 Jahren starb, hatte er 36 000 Flaschen Portwein durch seine Kehle gejagt.

Ich sehe gelegentlich nach der Katze, die sich immer noch wehren muss. Einem Jungen aus der amerikanischen Reisegruppe hat sie den Handrücken zerkratzt.

Vor dem Flugzeug an der Gangway steht das Gepäck aufgereiht. Ich wundere mich darüber, dass es noch nicht verladen ist und dass die Passagiere, bevor sie die Gangway hinaufsteigen, mit Fußspitzen oder Händen Gepäckstücke berühren, ich denke nur, was soll das, aber in Izmir weiß ich, was es zu bedeuten hatte: Mein Koffer und meine Reisetasche sind nicht da. Ich hatte mein Gepäck nicht identifiziert. Nur das Gepäck wird befördert, das man als sein Eigentum ausgewiesen hat.

Wieder um eine Erfahrung reicher.

Mühlschlegel holt mich am Flughafen in Izmir ab. Große Aufregung, weil mein Koffer und meine Reisetasche nicht angekommen sind. Mühlschlegel telefoniert, redet auf einen Uniformierten ein, rudert mit den Armen und sagt mir dann, dass alles in Ordnung sei, morgen früh hätte ich meinen Koffer im Hotel.

Wissen Sie, sagt er später auf der Fahrt zur Stadt, hier im Orient kommt nichts weg, nur manchmal kommt es eben etwas später an. Bei uns ist alles anders.

Am nächsten Morgen stolperte ich über meinen Koffer, den mir ein Angestellter des Hotels vor die Tür gestellt haben musste. Ich schlug so hart in den Flur, dass ich noch Tage später mein Kinn spürte.

In der Bar des Hotels Kizmet trinken Mühlschlegel und ich noch eine Flasche Bier.

Ich bin müde.

Ich schlafe traumlos.

 

Dienstag, 26.11.1974

Gleich nach dem Frühstück, noch bevor Mühlschlegel mich abholt, laufe ich die zweihundert Meter zum Meer. Die wunderschöne Bucht von Izmir ist eine stinkende Kloake. Alle Abwässer der immer größer werdenden Stadt fließen ungeklärt ins Meer, und das Wasser steht, keine Strömung, die den Dreck der Halbmillionenstadt ins freie Meer hinausführen würde. Niemand unternimmt etwas dagegen. Die Stadtväter sagen: Izmir hat dreitausend Jahre überlebt, es wird noch einmal dreitausend Jahre überleben, Izmir und seine Menschen sind zäh.

Die kahlen Berge auf der anderen Seite der Bucht leuchten in der frühen Morgensonne, das graue Wasser ist wie ein Spiegel. Mühlschlegel sagt mir: Jetzt haben wir Winter, der Winter schluckt den Gestank. Im Sommer, bei vierzig Grad im Schatten, kann man den Gestank greifen.

Ich frage: Und was tut man dagegen?

Nichts, antwortet er, man gewöhnt sich einfach daran. Kizmet – Schicksal.

Mühlschlegel fährt mich zur Pädagogischen Hochschule nach Buca, einer Kleinstadt in der Nähe von Izmir, fast ein Vorort. Als ich aus seinem Wagen steige, möchte ich plötzlich schreien vor Freude.

In der Sonne ist es warm.

Dabei haben wir jetzt Winter, sagt Mühlschlegel.

Die Pädagogische Hochschule ist in Neubauten untergebracht, nur Verwaltung und Direktion befinden sich in einem Gebäude, das den englischen Kolonialstil verrät, und ich erfahre auch, dass die Engländer es gebaut haben, es war früher Verwaltungssitz einer englischen Eisenbahngesellschaft.

Der Direktor empfängt mich. Es gibt Tee. Überall in der Türkei gibt es Tee. Das Leben ohne Tee ist nicht denkbar. Auch einige Dozenten sind anwesend, alle sprechen gut Deutsch, die meisten haben in der Bundesrepublik studiert.

Zwischen den Gebäuden gepflegte Anlagen: Rasen, Blumen, Rosenstöcke, leuchtende Blüten, Kiefern, Zypressen, breite Platanen. Der Rasen ist grün, noch oder schon wieder blühen Rosen.

Eine Oase der Ruhe auf einem Berg, von dem ich eine weite Sicht über das umliegende Land habe. Braune, kahle Berge ringsum.

Hinter den Schulgebäuden befinden sich die Wohnheime der Mädchen. Ein Drittel der etwa 1800 Studentinnen wohnt im Heim.

Dr. Lippert, der schon sechs Jahre an der Hochschule Deutsch unterrichtet, führt mich später in einen Unterrichtsraum, wo ich lesen soll, und stellt mich den Studentinnen vor, es sind die beiden Abschlussklassen für Deutsch. Hübsche Mädchen. Lebhaft. Ich finde es besser, einfach ein Gespräch zu führen, aber die Mädchen drängen darauf, dass ich erst etwas vorlese. Ich lese zwanzig Minuten aus »Stellenweise Glatteis«.

Dann kommen Fragen. Ich weiß, dass sie den Roman im Deutschunterricht gelesen haben, und an ihren Fragen spüre ich, dass sie sich darüber Gedanken gemacht haben. Die Studentinnen sprechen gut und fließend Deutsch, einige sogar ohne Akzent. Wenn ich doch so gut Türkisch sprechen könnte, was hat man im Leben nicht alles versäumt.

Das Gespräch dauert bis zur Mittagspause.

Mittags esse ich mit einigen Dozenten in der Mensa. Die Dozenten erhalten das gleiche Essen wie die Studentinnen. Die Theke, an der das Essen ausgegeben wird, ist zwanzig Meter lang. Der einzige Vorteil, den die Dozenten haben, sie müssen sich nicht in die lange Reihe an der Essensausgabe anstellen, sie bekommen ihr Essen an einer abgesonderten Stelle der Theke.

Jeder setzt sich dorthin, wo gerade Platz ist, und ist alles besetzt, isst man auch im Stehen. Auch die Dozenten.

Die Dozenten sind stolz darauf, dass seit einigen Jahren auch Mädchen studieren dürfen und halten das für einen ungeheuren Fortschritt, sie sagen, das war nicht immer so, aber die Türkei habe aufgeholt. Wie hoch dagegen die Analphabetenquote in der Türkei ist, kann oder will mir keiner sagen, ich sehe ihnen an, dass ich ein heikles Thema berührt habe. In abgelegenen anatolischen Dörfern gebe es schon noch welche, aber auch dort werden jetzt Schulen gebaut, viele der Studentinnen hier an der Hochschule würden nach dem Examen in diese Dörfer geschickt.

Ob die jungen Lehrerinnen denn gern in die Dörfer Anatoliens gehen, frage ich einen älteren Herrn, aber der sieht mich kurz an und redet dann mit seinem Nachbarn türkisch.

Ich denke mir, es muss für diese Frauen bestimmt nicht verlockend sein, wieder in die Dörfer zurückgeschickt zu werden, aus denen sie aufbrachen, um das Joch der Jahrtausende abzuschütteln, und das ist ihnen nur möglich, wenn sie in die Stadt ziehen und einen akademischen Beruf ergreifen. Ein Teufelskreis.

Es ist warm wie im Sommer, den Kaffee trinken wir auf der Terrasse. Die Studentinnen hatten mich am Vormittag während der Diskussion gefragt, was ich am Nachmittag unternehmen würde, ich hatte ihnen geantwortet, ich wüsste es nicht, vielleicht würde ich am Meer spazieren gehen oder im Bazar. Sie hatten mich gefragt, ob ich auch noch nachmittags für sie Zeit hätte. Natürlich hatte ich Zeit.

Beim Kaffeetrinken erfahre ich, dass die Mädchen in der Mittagspause vom Direktor die Genehmigung dazu eingeholt hatten.

Bei der Diskussion am Nachmittag war ich mit den Studentinnen allein. Das Gespräch bewegte sich um Karin, die Tochter Karl Maiwalds in meinem Roman »Stellenweise Glatteis«, und um die Stellung der Frau in der Bundesrepublik und in der Türkei. Vielen Studentinnen schien es unwahrscheinlich, dass ein achtzehnjähriges Mädchen wie Karin von sich aus die Verlobung löst, wo sie doch froh sein müsste, verlobt worden zu sein. In der Türkei ist es noch immer üblich, dass Mädchen morgens in die Schule kommen und ihren Mitschülerinnen, nicht ohne Stolz, sagen: Gestern bin ich verlobt worden.

Mit wem?

Weiß nicht, mein Vater wird es mir sagen, wenn es so weit ist.

Vor mir sitzen sechzig Mädchen. Sechzig Studentinnen fragen einen Mann: wie Frauen in der Bundesrepublik an die Pille kommen, ob sie ein Arzt verschreibt, ob sie frei zu kaufen sind, wie es mit dem vorehelichen Geschlechtsverkehr ist, ob zwei Menschen zusammenleben können, ohne verheiratet zu sein, ob Lehrerinnen genauso bezahlt werden, wie ihre männlichen Kollegen, ob bei uns eine Frau von ihrem Mann geschlagen werde und ob sie auch verstoßen werden darf, welche Möglichkeiten in der Bundesrepublik Frauen im Beruf haben, ob eine Frau allein in eine Gaststätte gehen kann, ins Kino, ins Theater, wie das mit dem Abtreiben ist, ob Eltern auf Mädchen in Berufsfragen stärkeren Druck ausüben als auf Jungen, ob sie überhaupt Druck ausüben.

Es ging über Stunden, und ich dachte, bald würde die Frage gestellt: Was tut der Wind, wenn er nicht weht. Auf viele Fragen wusste ich keine Antwort.

Am Ende der Diskussion überreichte mir ein Mädchen einen großen, bunten Blumenstrauß. Lippert sagte mir dann, dass die Blumen nicht aus dem Institutsgarten wären, die Mädchen hätten sie von ihrem Taschengeld gekauft.

Lippert zeigt mir noch einige Institutsgebäude. Es ist empfindlich kalt geworden. Warm ist es nur, solange die Sonne scheint, wird es dunkel, braucht man einen Mantel.

In den Gebäuden müssten Heizungen montiert werden. Inschallah. Wann, frage ich.

Inschallah. Allah ist groß. Die Häuser wurden von einem Architekten gebaut, der schnell reich werden wollte. Freunde, die im Stadtparlament sitzen, verschafften ihm den Auftrag. In Izmir ist noch kein Bürgermeister als armer Mann gestorben. Wer hier nicht besticht oder sich bestechen lässt, ist selbst schuld, über ihn wird nur gelacht.

Deshalb, sage ich, muss man nicht in die Türkei fahren, um so etwas zu hören.

Stimmt, sagt Lippert.

Er fährt mich in mein Hotel. Ich dusche mich und laufe die zweihundert Meter zur Bucht, am Hafen rieche ich den Gestank von Abfall und Fischen, ich setze mich in ein Lokal und bestelle ein Bier. Türkisches Bier. Es schmeckt. Ich habe Hunger, es ist halb sieben, aber ich bin zum Abendessen bei Lippert eingeladen.

Mitten in der Bucht hat ein großer Frachter Anker geworfen und bunte Lichter gesetzt. Von einem Berg auf der anderen Seite der Bucht rotiert von einem Turm ein Scheinwerfer.

Vor dem Lokal steht ein Bettler, er stützt sich auf einen Krückstock und hält eine schmuddelige Mütze in der Hand. Niemand wirft etwas in seine Mütze. Der Bettler steht regungslos, nur sein Kopf wackelt manchmal hin und her.

Auf der anderen Straßenseite gegenüber steht eine Bretterbude. Ein Mann in einem langen Mantel, der bis auf das staubige Pflaster reicht, verkauft Haselnüsse, Pistazien, Walnüsse. Auf dem Verkaufstisch steht eine Gaslampe, die grelles Licht wirft. Ein Auto hält an, vier junge Männer steigen aus und kaufen sich Nüsse, sie stehen am Bordstein, essen die Nüsse aus der Hand und lachen laut.

Neben meinem Tisch sitzen zwei alte Männer und spielen ein Brettspiel. Ich sehe zu und begreife nichts. Der eine der beiden Alten sieht so aus, wie ich meinen Großvater in Erinnerung habe. Wenn er mich anlacht, sehe ich eine Reihe gelber Zähne, sein Mitspieler ist zahnlos, wenn er mich anlacht, blicke ich in ein dunkles Loch.

Die beiden trinken Tee.

Lippert wohnt im sechsten Stock in einem Neubau oberhalb der Altstadt. Die Aussicht ist so schön wie auf der Ansichtskarte, die ich mir im Hotel gekauft habe. Von der Aussicht aber kann man nicht leben, sagt Frau Lippert, der Gestank an heißen Tagen ist alles andere als schön. Nur Fremde staunen noch, wer länger hier wohnt, nimmt die Bucht nur noch wahr, wenn die Fenster geschlossen werden, weil der Gestank einfach unerträglich geworden ist. Ich stehe am Fenster und sehe hinunter auf die Bucht, sie ist trotzdem sehenswert. Hier hat vor über fünfzig Jahren Kemal Atatürk die Griechen ins Meer geworfen, das Wasser war nicht mehr blau, es war rot geworden vom Blut, so erzählt man sich.

Lipperts wollen in ein bis zwei Jahren wieder in die Bundesrepublik zurückkehren, zum Kummer ihres Sohnes, der schon mehr Türke als Deutscher ist, aber auf seiner Schule in Izmir kann er kein deutsches Abitur machen.

Lippert erzählt mir eine Geschichte, die ich nicht glauben will, die mir aber von anderen Gästen bestätigt wird.

Im Bayerischen Wald, in Cham, heiratete ein türkischer Gastarbeiter eine deutsche Frau. Zwei Jahre später nimmt der Türke zum ersten Mal seine junge Frau mit in sein Dorf, dreißig Kilometer entfernt von Izmir. Er gibt seine Frau in die Obhut des Familienclans, und bevor er allein nach Deutschland zurückfährt, schlägt er ihr die vorderen Zähne aus, damit sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen kann, die Frau hat keinen deutschen Pass mehr, er hat ihn ihr abgenommen, sie ist zur Gefangenen seiner Familie geworden.

Warum heiratet er sie denn, wenn er sie in der Türkei zurücklässt, frage ich.

Das erklären wir uns so: Irgendwann aber einmal muss er eine Frau mitbringen in sein Dorf, er muss eine Frau besitzen, nicht unbedingt mit ihr leben. Was wissen wir, was in ihnen vorgeht. Allah ist groß und Mohammed ist sein Prophet.

Es kommen fast unglaublich klingende Schicksale von deutschen Frauen zur Sprache, die mit Türken verheiratet sind. Im Goethe-Institut kam es schon zu regelrechten Prügelszenen, wenn deutsche Frauen – und nicht nur deutsche – Kurse belegten oder Veranstaltungen besuchten, ohne Begleitung ihrer Männer oder naher Verwandter. Frauen wurden von ihren Männern an den Haaren auf die Straße gezogen und im Treppenhaus verprügelt, Türken sahen amüsiert zu und klatschten Beifall. Warum sollten sie nicht, es ist ihr gutes und verbrieftes Recht, ihre Frauen an dem zu hindern, was sie selbst nicht billigen. Im Koran steht, dass die Frau der Besitz des Mannes ist.

Ich habe gut gegessen, ich bin angetrunken. In der Hotelbar will ich noch ein Bier trinken, aber sie ist schon geschlossen, es ist eine Stunde nach Mitternacht.

Im Bett lese ich noch im »book of records«:

Die größte Katze der Welt war achtunddreißig Pfund schwer und zwölf Jahre lang der Alptraum der Hunde in Carlisle/England. Sie musste 1872 eingeschläfert werden. Der hartnäckigste Schluckauf, der einen Menschen quälte, dauerte acht Jahre. Er hat in dieser Zeit hundertsechzig Millionen Mal geschluckt, und dabei hat sich sein Gewicht von dreiundsechzig Kilo auf dreiunddreißig verringert.

Was es nicht alles für Rekorde gibt, die Engländer haben Sinn für Groteske.

 

Mittwoch, 27.11.1974

Es regnet.

Trotzdem gehe ich spazieren. Ein paar Straßen von meinem Hotel entfernt ist die Wirtschaftshochschule. Etwa zweihundert Studenten stehen vor dem verschlossenen Tor und verlangen in Sprechchören Einlass. Der Rektor hatte vor einer Woche die Hochschule schließen lassen. Linke und rechte Studenten waren aufeinander losgegangen. Es gab Schlägereien, Verletzte.

Militär ist in den Seitenstraßen aufgefahren. Mit ausdruckslosen Gesichtern sitzen die Soldaten in ihren Fahrzeugen.

Ich stehe auf der anderen Straßenseite und sehe eine Zeitlang der diskutierenden und schreienden Menge zu. Viele Studentinnen befinden sich in der Gruppe, sie schreien am lautesten.

Der Regen wird lästig.

Mühlschlegel wollte mich am Vormittag zur alten Judenstadt fahren, da es aber nicht so aussieht, als würde der Regen nachlassen, geben wir die Idee auf und fahren zur Universität im Norden von Izmir. Die Hochschule ist ein moderner Campus. Auch da hatte es tagelang Auseinandersetzungen gegeben. Mühlschlegel darf auf das Gelände fahren, er hat einen Ausweis. An der Mensa sind über hundert Soldaten aufgezogen, überall liegen Steine herum, mit denen sich die Studenten gegenseitig beworfen hatten. Rechte gegen linke Gruppen.

Was ist in der Türkei links, was ist rechts. Was links ist, weiß keiner so genau, rechts werden unter anderem die eingeordnet, die die arabische Schrift wieder einführen wollen und eine ausschließlich proarabische Politik fordern.

Dreihundert Studenten sind von den Soldaten umzingelt. Auch hier heftige Diskussionen untereinander. Die Soldaten aber wenden sich ab, wenn sie von einem Studenten angesprochen werden. Sie tragen Gewehre.

Als ich vom Auto aus eine Weile zugesehen habe, frage ich Mühlschlegel: Ob die Soldaten auf die Studenten schießen würden, wenn …

Natürlich schießen die, antwortete er schnell, diese anatolischen Bauernlümmel, die nicht lesen und schreiben können, tun alles, was man ihnen befiehlt.

Ich nicke, denke dabei an unsere Polizisten, die keine Analphabeten sind und auch keine anatolischen Bauernlümmel, die aber, ohne mit der Wimper zu zucken, schießen, wenn es ihnen einer befiehlt, der nur einen Stern mehr als sie auf dem Schulterstück trägt. Und Benno Ohnesorg wurde erschossen, obwohl wahrscheinlich kein Schießbefehl vorlag.

Als ich die Studenten sehe in ihrer Ratlosigkeit und Wut, denke ich: Ich wäre gern Student gewesen, aber die Verhältnisse, die waren nicht so, ich bin nach dem Kriege Maurer geworden und später dann Bergmann, immer den Ratschlägen meiner Mutter folgend: Erst kommt das Fressen …

Als wir vom Campus fahren, denke ich, ich komme, sehe und fahre wieder ab. Ich werfe nicht mit Steinen, ich bin kein Betroffener, nur Beobachter. Mittags esse ich mit Mühlschlegel in einem kleinen Lokal im Bazar. Der Bazar ist wie eine Insel in dieser hektischen Stadt. Wir essen Bohnen mit Fleischklößchen.

Ich mag die türkische Küche, wenn sie mir auch zu fett ist.

Plötzlich sagt Mühlschlegel: Tut mir leid, dass ich Ihnen gestern die Spesen ausbezahlt habe, ab heute ist die Lira gegenüber der Deutschen Mark um vierzig Kurus abgewertet worden. Ich rechne nach. Es ist zu verschmerzen, aber hätte er mir auch mein Honorar in Lira gegeben, dann hätte ich einen beträchtlichen Verlust gehabt.

Er will mich zum Hotel fahren, aber ich gehe lieber zu Fuß. Es regnet noch immer Bindfäden. Ich laufe durch den Bazar hinunter zur Bucht. Das Meer ist für mich wie ein Magnet. Auf dem Wasser sind ein paar Boote, Angler. Dass es in dieser Brühe noch Fische gibt, muss schon ein Wunder sein.

Das Bier, das ich zum Mittagessen getrunken habe, ist mir zu Kopf gestiegen. Ich bin müde.

Ich schlendere am Meer entlang zu meinem Hotel zurück. Vor der Wirtschaftshochschule stehen immer noch Studenten, auf dem Vorplatz vor dem Haupttor haben sie ein Rundzelt aufgeschlagen, sie verteilen Handzettel an Passanten, auch mir wird einer in die Hand gedrückt. Auf meinem Zimmer versuche ich zu schlafen, aber ich wälze mich unruhig auf meinem Bett hin und her, es ist kalt im Zimmer, die Heizung funktioniert nicht, und wenn ich an die Lesung am Abend denke, wird mir flau im Magen.

Ich lese in Bölls »Und sagte kein einziges Wort«, ein schönes und doch deprimierendes Buch, die Geschichte zweier Menschen, die sich lieben und die doch nicht zusammen wohnen können.

Die Putzfrau hatte die Blumen, die mir die Studentinnen gestern überreichten, in eine große Vase gestellt.

Ich dusche mich und gehe wieder hinunter zum Meer. Wie wird heute Abend die Lesung sein. Immer diese Unruhe vorher und die Frage: Wer wird kommen, was sind das für Leute, was werden sie fragen, mit welchen Erwartungen kommen sie.

Meine Aufregung vor jeder Lesung steigert sich oft so, dass ich kurz vor Beginn zur Toilette laufen muss. Ich habe etwas am Darm, ich muss mich operieren lassen.

Auch wenn die Bucht stinkt, sie ist trotzdem schön.

Ich gehe bis zu dem Lokal, in dem ich gestern ein Bier getrunken habe. Die beiden Alten sitzen wieder dort und spielen ihr Brettspiel. Ich stehe neben dem Nüsseverkäufer, der mich fragt, ob ich etwas kaufen wolle. Ich schüttle den Kopf, ich will nur auf das Meer sehen.

Ich laufe am Strand zurück zum NATO-Hauptquartier. Unterwegs fällt mir ein, was ich gelesen hatte: Hauptexportgut der Türkei sind Haselnüsse.

In einer Seitenstraße begegnen mir ein Mann und eine Frau, auf der Schulter des Mannes sitzt ein kleines Äffchen, der Mann peitscht bei jedem zweiten Schritt eine Rute durch die Luft, dass es zischt. Die Frau schiebt einen schwerbeladenen zweirädrigen Karren, sie ist verschleiert, sie keucht.

Der Mann geht schnell, und immer, wenn er einige Meter voraus ist, wartet er, bis seine Frau ihn eingeholt hat. Manchmal ruft er der Frau etwas zu, wenn sie zu weit zurückgeblieben ist. Das Äffchen auf der Schulter des Mannes schaut mit großen Augen auf die Passanten.

Ich gehe wieder an der Wirtschaftshochschule vorbei und bleibe ein paar Minuten stehen. Noch immer fordern ein paar Dutzend Studenten Einlass. Militärfahrzeuge sind keine mehr zu sehen, auch nicht in den Seitenstraßen.

Das Goethe-Institut liegt an einer breiten, verkehrsreichen und lauten Straße. Die Räume sind modern eingerichtet, aber bis auf den großen Saal, in dem ich lesen werde, ist alles zu klein geworden.

Der Saal füllt sich mit Zuhörern, während ich das Sprachlabor und die Bücherei besichtige und vor Aufregung eine Zigarette nach der anderen rauche. Die Besucher, so erfahre ich später, sind Deutsche und Deutsch sprechende Türken, einige haben in der Bundesrepublik gearbeitet und haben deutsche Frauen. Es war abgesprochen, dass der Übersetzer meines Türkenporträts aus »Leben im gelobten Land« und ich abwechselnd lesen sollten, ich eine Seite auf Deutsch, er die türkische Übersetzung. Es geht besser, als ich erst gedacht habe.

Hayrettin Seyhan dolmetscht auch bei der anschließenden Diskussion, er übersetzt fließend, ob auch korrekt, das weiß ich nicht. Ich erfahre, dass die türkischen Zuhörer mit einem Bild des Türken in der deutschen Gesellschaft, so wie ich es gezeichnet habe, nicht einverstanden sind. In Deutschland sei alles gut, das Essen und die Arbeit, die Lebensbedingungen und auch die Wohnungen, gemessen an ihren Hütten in ihren anatolischen Dörfern. Ein junger Lehrer belehrt mich, dass ich den Türken in der Bundesrepublik an deutschen Wertmaßstäben messe, viel gerechter wäre es, ihn nach seinen eigenen Vorstellungen zu bewerten.

Sie sagen, ruft er mir zu, dass die deutsche Gesellschaft einem Türken nicht die Möglichkeit zur Integration gibt, den Ausländern allgemein, aber haben Sie denn schon mal einen Türken gefragt, ob er sich integrieren lassen will.

Ein junger Mann steht auf und sagt: Der Türke kommt in das Land, in dem, nach seinen Vorstellungen, Milch und Honig fließen, um zu arbeiten, um Geld zu verdienen, alles andere ist ihm egal. Ein ehemaliger Gastarbeiter springt auf, spricht laut und ist sehr erregt. Seyhan übersetzt es mir. Der Gastarbeiter hatte dem Lehrer geantwortet: Die meisten Zuhörer wollen sich das schöne Bild, das sie sich von Deutschland und der deutschen Gesellschaft gemacht haben, nicht zerstören lassen, und keiner von denen, die sich so ein schönes Bild gemacht haben, wäre Gastarbeiter in Deutschland gewesen, und wenn sie nicht wissen, wie es wirklich ist, warum kritisieren sie dann den deutschen Schriftsteller. Ich war sechs Jahre in Deutschland, ich kann alles bestätigen, was der Schriftsteller gelesen hat, manchmal dachte ich, ich wäre es selbst. Türkische Intellektuelle, die in der Bundesrepublik studiert haben, schreiben in unseren Zeitungen, dass die anatolischen Bauern selbst schuld sind, wenn es ihnen in Deutschland nicht so geht, wie sie sich es vorstellen, sie wollten sich nicht anpassen.

Der Mann wird immer wieder durch Zwischenrufe am Sprechen gehindert, vor allem durch den Lehrer, der, wie sich herausstellte, zwei Jahre in der Bundesrepublik studiert hatte und manchmal seinen Urlaub in Bayern verbringt.

Ich sage diesem türkischen Besserwisser, was ich zu Hause oft sagen muss in akademischen Kreisen: Sie reden über Arbeiter wie über exotische Tierchen, weil sie ihre Welt nicht kennen und vielleicht auch gar nicht kennen lernen wollen.

Da ist er böse und verlässt den Saal.

Anschließend sitze ich noch mit ein paar Bekannten und Freunden von Mühlschlegel in dessen Büro. Es gibt Rotwein und Käsegebäck.

Ich bin erschöpft.

Es ist nach Mitternacht, als mich eine Angestellte des Instituts am Hotel absetzt. Der junge Mann an der Rezeption spricht mich auf Deutsch an und gibt mir ein Bier aus. Während ich das Bier trinke fragt er mich über die Bundesrepublik aus, und sagt, er würde gerne in einem deutschen Hotel arbeiten, weil er da das Vielfache von dem verdient, was er hier hat, aber trotz intensiver Bemühungen habe er bis heute keine Stelle in der Bundesrepublik bekommen. Er fragt mich direkt, ob ich ihm in Deutschland zu einen Job verhelfen könnte. Ich versuche ihm klar zu machen, dass ich keine Beziehungen zum deutschen Hotelgewerbe habe, aber er lässt nicht locker und sagt, ein Schriftsteller habe doch immer Möglichkeiten, Freunde und Bekannte zu empfehlen. Ich entschuldige mich, dass ich müde sei, und gehe in mein Zimmer. Er wünscht mir eine gute Nacht.

Wieder kann ich nicht einschlafen. Der Tag läuft noch einmal vor mir ab.

Diese Lesungen ermüden mich, besonders wenn ich mich in endlosen Diskussionen verausgabe. Mancher glaubt, Lesungen sind für den Autor ein Vergnügen und ein leicht verdientes Geld dazu. Wenn sie wüssten, in welcher Spannung man den ganzen Tag über lebt.

 

Donnerstag, 28.11.1974

Ich stehe schon unter der Dusche, als der junge Mann von der Rezeption mich wecken will. Meine Maschine fliegt um Viertel nach acht und ist fünf nach neun in Istanbul. Mühlschlegel bringt mich mit seinem Wagen zum Flughafen. Während der Fahrt reden wir noch etwas über die gestrige Veranstaltung, Mühlschlegel ist zufrieden, er bedauert nur, dass sich zu wenig deutsche Autoren für Lesungen oder Vorträge im Ausland zur Verfügung stellen, die einen wollten überhaupt nicht für Goethe reisen, und die Texte anderer seien wiederum für das ausländische Publikum nicht verständlich.

Ich gebe ihm die Hand, wir winken uns noch einmal zu.

Dieses Mal vergesse ich nicht mein Gepäck, das vor der Gangway steht, zu identifizieren, ein Mann nimmt Koffer und Tasche aus dem Stapel und legt sie auf einen Wagen. Was hatte doch Mühlschlegel gesagt: Im Orient geht nichts verloren, es kommt nur manchmal etwas später an – oder woanders.

In einem Schreiben meines türkischen Verlages war mir angekündigt worden, in Istanbul werde mich meine Übersetzerin, Hale Kuntay, betreuen. Ich kannte sie bisher nicht persönlich, aber sie steht in der Empfangshalle und hält die türkische Übersetzung von »Stellenweise Glatteis« in der Hand, ich gehe auf sie zu und sage: Guten Morgen, da bin ich also.

Sie sagt: Nach den Bildern hätte ich sie nicht wiedererkannt.

Ja, antworte ich, ich sehe auf jedem Bild anders aus. Aber wir haben uns wenigstens nicht verfehlt.

Unterwegs erzähle ich ihr die Geschichte des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson. Er war nach Dortmund eingeladen worden zu einem deutsch-schwedischen Autorentreffen, man hatte ihm geschrieben, dass er in Düsseldorf am Flughafen abgeholt würde. Wer ankam, war Gustafsson, aber er wurde nicht abgeholt. Er stand da und wartete und dann kam ihm plötzlich die Erleuchtung: Er ging auf Leute zu, von denen er annahm, dass sie auf jemanden warteten und sagte jedes Mal: Suchen Sie Gustafsson … Suchen Sie Gustafsson …

Niemand suchte Gustafsson, schließlich fuhr er doch mit dem Zug nach Dortmund.

Hale Kuntay ist eine kluge Frau, witzig, selbstironisch, sie spricht Deutsch ohne Akzent. Mit ihrem Wagen fährt sie mich in die Stadt zu meinem Hotel. Mir ist plötzlich alles wieder vertraut, ich war schon oft in Istanbul, dieser lauten, schmutzigen, irrsinnigen aber doch faszinierenden Stadt. Hale erzählt, seit die Brücke über den Bosporus fertig sei, gebe es keine Lastwagenschlangen mehr, die auf die Fähren warten müssten, nicht selten mehrere Tage in der mörderischen Hitze, und sie erzählt weiter, dass es ihr Vergnügen bereitet habe, meinen Roman zu übersetzen, sie hofft, dass das Buch, trotz des kleinen Buchmarktes in der Türkei, ein Erfolg werde.

Hale bringt mich ins Hotel. Unten in der Halle wartet sie, bis ich fertig bin. Die Halle ist groß, alles ist groß in diesem Hotel, das im vorigen Jahrhundert gebaut wurde, auch mein Zimmer ist so groß, dass sich eine zehnköpfige Familie darin nicht auf die Zehen treten würde. Vom Balkon sehe ich den Bosporus und das Goldene Horn.

Hale bringt mich durch die engen, verstopften Straßen am Galataturm zum Goethe-Institut. Hier geht es zu wie in einem Taubenschlag. In den oberen Räumen wird ein Weihnachtsbazar veranstaltet. Dr. Anhegger begrüßt mich. Ich will ihn ansprechen auf die vielen Terminverschiebungen, aber als ich dann die Räumlichkeiten besichtige, wundere ich mich, dass man hier überhaupt noch arbeiten kann, denn das Goethe-Institut ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Rattenloch. Der größte Teil der dreißigtausend Bücher steht noch in Kisten herum und kann nicht ausgepackt werden, weil sie sonst von den Ratten zerfressen würden. Seit Jahren schon hausen die Angestellten des Instituts in diesem Gebäude, und es sieht so aus, als müssten sie noch ein paar Jahre darin zubringen. Mehrmals am Tage springen die weiblichen Mitarbeiterinnen auf Tische und Stühle, weil wieder einmal eine Ratte in die Büros eingedrungen ist. Anhegger besitzt nicht einmal ein eigenes Büro für sich, er muss sich, will er arbeiten, dort niederlassen, wo gerade Platz ist.

So präsentiert sich deutsche Kultur im Ausland!

Dazu in Istanbul, einem der wichtigsten Auslandsposten von Goethe. Anhegger schweigt sich beredt aus über den unzumutbaren Zustand seines Instituts, aber ich erfahre im Laufe der Gespräche mit anderen Mitarbeitern, dass einmal für neue Räume kein Geld vorhanden ist, und dann, steht doch Geld zur Verfügung, fehlt es wieder an geeigneten Räumen. Einflussreiche Geschäftsleute der deutschen Kolonie, die einen direkten Draht zum Auswärtigen Amt haben, mieteten Räumlichkeiten für einen deutschen Klub an, die eigentlich dem Goethe-Institut zugesagt worden waren.

Von einem seiner Mitarbeiter erfahre ich, dass ein anderer an Anheggers Stelle das Institut längst geschlossen hätte, aber Anhegger würde weitermachen in Sachen deutsche Kultur, sollten sie auch einmal den Stall, der Deutsches Kultur-Institut heißt, räumen und einen Holzstand im Bazar beziehen müssen.

Was wollen Sie machen, sagt mir der Mann, es gibt solche Menschen, und er sagt noch: Gott sei Dank, dass es sie gibt.

Anhegger spricht akzentfreies Türkisch, er veranstaltet vierzehn Tage lang ein Gastarbeitersymposium, in dessen Rahmen auch meine Lesung fällt. Anhegger erzählt mir, wie schwierig es gewesen wäre, dieses Symposion zu arrangieren. War der Referent gefunden, fehlte es an Geld, war Geld vorhanden, dann wieder war kein Referent zu bekommen, war beides geklärt, waren die Termine nicht akzeptabel. Bis so etwas klappt, sagt er, das dauert und dauert … Die Formalitäten bei der Einfuhr von Filmen wären zermürbend, denn noch immer müssen sie durch die Zensur, weil die Veranstaltungen des Goethe-Instituts öffentlich sind.

Anhegger strahlt Ruhe aus, auch wenn er dauernd in Bewegung ist, nie länger als ein paar Sekunden auf einen Platz sitzen bleibt.

Zum Mittagessen hat mein Verleger eingeladen.

Ich fahre mit Hale und Anhegger in ein Schlemmerlokal direkt am Bosporus, zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt. Ich lerne meinen Verleger im Lokal kennen, einen jungen Mann mit Bart, langen Haaren und hellen Augen.

Auf der Fahrt zum Restaurant erklären mir Anhegger und Hale die politische Situation in der Türkei, ich erfahre, dass seit Ecevits Amtsantritt eine spürbare Liberalisierung eingetreten ist, und dass zum Beispiel mein Roman in der Türkei erscheinen konnte, sei auch ein Ergebnis dieser Politik, möge auch Zypern ein dunkler Punkt bleiben. Ecevits Vorbild sei Willy Brandt. Die Situation der Linken in der Türkei gleiche manchmal der deutschen, sie seien gegenüber den Konservativen und Reaktionären im Land schon deshalb im Nachteil, weil sich die Linken untereinander bekämpfen!

Muss ich erst in die Türkei fahren, denke ich, um an die Bundesrepublik erinnert zu werden. Auch in der Türkei streiten die Linken um die richtige Ideologie, während sich die Rechten einig sind.

Anhegger, bald schon mehr Türke als Deutscher, beklagt diesen Zustand, er sagt auch, das Goethe-Institut in Istanbul werde manchmal zum Sammelbecken derer, die von Ecevit ...

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