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Weißer Teufel

Inhaltsübersicht

Teil 1

1 Zwischenjahr

2 Die falsche Abzweigung

3 Tod eines Schülers

4 Ein Stück über eine Raupe

5 Die Badewanne mit Klauenfüßen

6 Mrs. Byrons kurzer Rock

7 The Wolf May Prey The Better

8 The White Devil

9 Unersättlich

10 Vorschlaghämmer

Teil 2

11 Atembeklemmung

12 Essay Club

13 Awesome Aunty

14 Londoner Liebelei

15 Sputum

16 Der Pfleger will einen Drink

17 Tränen im Trinity

18 Stalker

19 Alles wird gut

Teil 3

20 Wo ist er jetzt?

21 Das Gesicht unter dem Kissen

22 Sir Angry

23 Der Freikauf einer Hure

24 Eine durchwachte Nacht

25 Essay Club, Teil II

26 Todesröcheln

Epilog

Für Phoebe und meine Mutter

Der weiße Teufel ist schlimmer als der schwarze.

Englisches Sprichwort

Draußen wartete ein kühler Abend. Der Schweiß auf Rücken und Nacken wurde eiskalt. Er taumelte schwer atmend durch die Dunkelheit. Es hatte ihn befallen wie ein Tier, ein Affe, der die großen Zähne in sein Fleisch gehauen hatte, ihn festhielt, schwer an ihm hing und darauf wartete, dass er müde wurde; ein zum Töten bereites Raubtier.

Geh so weit weg von den Menschen, wie du kannst.

Er stieg die Treppe hinauf. Oben angekommen, stolperte er weiter und zog ein Hosenbein hoch. Seine Wade und der Knöchel waren dick angeschwollen; prall und aufgedunsen. Sie hingen an ihm wie mit Flüssigkeit gefüllte Säcke.

Was geschah mit ihm?

Er durchlitt den Übergang vom Leben zum Tode. Die Macht, die sich ihm entgegenstellte, verübte Rache an ihm. Er erlebte in einer Stunde, was sonst ein langsamer, verzehrender Verfall sein mochte.

Er hob die Hand und berührte sein Gesicht; spürte die Kante seines Wangenknochens und fuhr sie mit der Fingerspitze nach. Das Fett war weggeschmolzen. Die Mundfäule breitete sich aus. Die Wangen glühten fiebrig. Alle Symptome, mit denen man rechnen konnte, befielen ihn in rascher Folge. Ihm war bewusst, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb.

Es tötete ihn.

Es würde sie alle töten.

TEIL 1

Kann man einer selbstauferlegten Verbannung entfliehen?

1

Zwischenjahr

Andrew Taylor stand allein vor einem Tor. Das Motorengeräusch des davonfahrenden Taxis war längst verklungen. Die Bewölkung am Himmel wechselte, angetrieben von heftigen Winden, unnatürlich schnell: Wolken, Sonne, Dunst. Das war also das englische Wetter. Die Luft war feucht, und beißender Rauch (Gärtner verbrannten Farnkraut) stieg ihm in die Nase. Irgendwo in der Nähe schlug eine Kirchenglocke. Er stand auf einem Hügel in einem der lebendigen Randbezirke ein paar Meilen nordwestlich von London. Das Taxi hatte ihn auf der High Street abgesetzt, einer gewundenen, mit weiß getünchten Läden und dreistöckigen Stadthäusern gesäumten Straße. Müde aussehende Bäume standen in aus dem Asphalt gefrästen Löchern. Nach Norden hin erstreckten sich weitere Hügel, und jeder war mit einer Kette aus identischen Häusern gezeichnet: braune Ziegel, Kamin, ummauerter Garten. Doch dann sah er das Tor und das auffallende Gebäude, das sein neues Zuhause werden sollte; er dachte, er wäre am falschen Ort gelandet. Dies sollte eine Schule für Englands Elite sein. Zumindest hatte ihm das sein Vater gesagt. Du weißt gar nicht, wie viel Glück du hast, hatte er des Öfteren wiederholt. Doch Andrew hatte schon vorher Eliteschulen besucht. Und seiner Erfahrung nach gab es dort einen weitläufigen Campus mit Golfplatz, großer Turnhalle und blitzender Mensa  … keine Gebäude, die an einer Straße aufgereiht waren. Trotzdem stand er hier. High Street 25, Harrow-on-the-Hill. Middlesex. Das war die Adresse, die auf dem Willkommenspaket, auf der Broschüre und dem Brief von seinem künftigen Hausvater angegeben war. Und er kam sich vor wie in einer verdammten Zeitschleife.

Erst war da der Name. The Lot. Das begründete den Bammel vor englischer Exzentrik. Andrew entwickelte bereits eine Allergie dagegen. In der Frederick Williams Academy in Connecticut trugen die Wohnhäuser die Namen der Spender. Andrew hatte zwei Jahre im Davidson, zwei im Griswold und in seinem Senior-Jahr –  das bei weitem dekadenteste  – im Noel House im Geruch nach Marihuana und ungewaschenen Klamotten gewohnt. Jetzt jedoch stand er vor dem Lot, einem vierstöckigen viktorianischen Herrenhaus mit altmodischem Kreuzgiebeldach. Es war aus roten Ziegelsteinen erbaut – mit dreieckigen Nischen und Erkern, die wie Pfeile aufragten. Über der Tür und an verschiedenen anderen Stellen – wo immer eine etwas größere Ziegelfläche frei war  – befanden sich in Stein gehauene Szenen aus der Landwirtschaft: Heu und Sensen. Sonnenschein und Pflüge. Moos, Ruß und alter Schmutz wetteiferten mit den dünnen Mörtelfugen um ihre Daseinsberechtigung. Eine niedrige Mauer, ebenfalls aus roten Ziegeln, umgab das Grundstück. Zwischen Haus und Mauer befand sich eine mit beigefarbenem Kies bedeckte Einfahrt. Das erinnerte ihn an einen Burggraben. Ein Tor war zwischen zwei mit schmiedeeisernen Laternen gekrönten Pfeilern in die Mauer eingelassen. Andrew wurde das Herz schwer. Dieses Haus war feucht, beengt und alt. Das Jahr, das ihm hier bevorstand, erschien ihm mit einem Mal unendlich lang.

Ich möchte kein Wort der Klage von dir hören. Ich habe Berge versetzt, um dich dort unterzubringen.

Ungebeten drang die Stimme des Vaters in Andrews Kopf – wie so oft. Energisch, mit südlichem Akzent, vorwurfsvoll. In jüngeren Jahren hatte Andrew sie oft in der Dusche wahrgenommen, als würde sie von den Tropfen aufsteigen, die auf der Wanne auftrafen. Dann drehte er die Dusche ab, lief triefnass zur Badezimmertür und rief: Ja? Ja, Daddy?, obwohl nichts gewesen war. Nur das schlechte Gewissen; die innere Uhr, die ihm sagte, dass es schon Stunden her war, seit die harsche Stimme tatsächlich ertönt war. Im vergangenen Sommer hatte Andrew diese Stimme oft zu hören bekommen.

Deswegen habe ich Großvaters letzte Anteile verkauft. Bei dieser Marktlage hab ich nur einen Appel und ein Ei dafür bekommen, aber ich habe die Aktien verschachert, um deinen jämmerlichen Hintern aus der Klemme zu befreien. Was für eine Verschwendung, hatte sein Vater gewettert. Was für eine Enttäuschung für uns alle. Für mich, stöhnte er. Ich hätte nie gedacht, dass ich so was mal erleben muss. Niemals.

Das war die Ansprache, die alle Beschwerden über die neue Schule im Keim ersticken sollte. Harrow School. Die Abbildungen in der Broschüre erinnerten an eine Miniserie auf PBS. Sauber geschrubbte britische Schuljungs mit Jacketts, Krawatten und eigenartigen, schmucken Strohhüten, die, wie sein Vater ihn mit einer gewissen Schadenfreude informierte, zur traditionellen Schuluniform gehörten. Chorknaben. Andrew wusste, dass die Schule renommiert war. Ihm war klar, dass er Glück hatte – na ja, zumindest irgendwie. Allerdings konnte er nicht vergessen, dass er nicht hier war, weil er es so wollte – nicht einmal, weil er es verdiente. Ganz und gar nicht. Er sollte nur so schnell wie möglich außer Sichtweite verschwinden  – sich in einem Mittelding zwischen Reform- und Abschlussschule weit weg, jenseits des Atlantiks, verkriechen. Damit er seiner College-Bewerbung ein Highlight hinzufügen konnte. Damit ihm neue Lehrer und ein neuer Verwaltungsdirektor Zeugnisse und Empfehlungsschreiben ausstellten. Damit die fünf Jahre in der Frederick Williams Academy zu einer unbedeutenden Fußnote wurden. Ich besuchte die renommierte Harrow School … und, o ja, die gleichermaßen angesehene Frederick Williams Academy. Aber je weniger Worte darüber verloren werden, umso besser. Wenn er in seinen Bewerbungen mit internationaler Erfahrung prahlte, ging vielleicht der Notenunterschied zwischen Zwischenprüfung und Jahreszeugnis unter, und Formulierungen wie hat sich nicht angepasst … intelligent, aber faul … und in letzter Zeit der Euphemismus Probleme mit Disziplin könnten weniger ins Auge stechen.

Trotz der dringlichen Umstände hatte das Willkommenspaket von Harrow Eindruck auf seinen Vater gemacht. Es beinhaltete das Schulwappen –  ein aufrecht stehender Löwe, heraldische Symbole und ein lateinisches Motto – und eine Liste der prominenten Schüler: Sieben Premierminister hatten diese Schule besucht, darunter auch Winston Churchill. Andrews Vater hatte sich aufgeplustert vor Stolz. In seinen Augen waren die Taylors Aristokraten. Die Familie hatte Plantagen in Louisiana besessen, Andrews Urgroßonkel war Admiral im Bürgerkrieg gewesen, und man hatte ein Schlachtschiff nach ihm benannt. (Alle paar Jahre schickte ein Freund seines Vaters von der Navy dunkelblaue Mützen mit der orangefarbenen Aufschrift U.S.S. Taylor.) Und Großvater Taylor war Präsident der Kontaktlinsen-Manufaktur Hirsch & Long gewesen und hatte ein kleines Vermögen an Gründeraktien angehäuft. Er war so etwas wie ein Grande in Killingworth, Connecticut, gewesen und hatte ein liebevoll restauriertes Farmhaus –  eine Sehenswürdigkeit  – bewohnt. Das ausgedehnte Anwesen war mit Steinmauern umgrenzt.

Gleichgültig, ob sich Andrews Vater jahrelang bei American Express abgestrampelt und insgeheim rebelliert hatte, weil er nur zu einem einfachen Abteilungsleiter aufgestiegen und nie in die oberste Führungsetage befördert worden war (zweifellos hatte er das seiner Gereiztheit und seinem schlecht verhohlenen Snobismus zu verdanken), ob die Aktien von Hirsch & Long seit der Erfindung der Laseroperationen und der billigen Importe aus China drastisch gesunken waren oder ob Andrew jetzt ein aktenkundiger Versager war. Es spielte auch keine Rolle, dass sein Vater weder ein Vermögen besaß noch eine berufliche Position bekleidete, die ihn in die oberste Schicht der Gesellschaft von Connecticut oder New York erheben würden. Die Taylors sollten verdammt sein, wenn sie sich zur Mittelschicht zählen würden. Für Andrews Vater gehörten sie zur amerikanischen Aristokratie. Sie hatten Format. Sie verdienten es, in die Harrow School aufgenommen zu werden. In den Augen seines Vaters war dies eine Heimkehr, keine Verbannung.

Aber sein Sohn sah nichts anderes als die Vorschriften. Kindische, scheinbar endlose Regeln. Ein kleines pedantisches Pamphlet mit der Überschrift »Leitfaden für Neulinge« listete die Vorschriften auf:

Alkohol verboten.

Rauchen verboten.

Essen auf der Straße verboten.

Der Hügel kann nur mit gültiger Notiz verlassen werden (was immer auch mit »Notiz« gemeint sein mochte).

Die Jungs müssen die Schuluniform immer tragen. Die einzige Ausnahme sind die Sonntage – da ist die Sonntagskleidung Pflicht.

Bei Schulversammlungen dürfen keine hellen Regenmäntel getragen werden (das machte ihn sprachlos).

Keine Lebensmittel in den Zimmern.

Die Jungs müssen die Lehrer bei Begegnungen auf der Straße mit einem Finger an der Krempe des Harrow-Hutes grüßen.

Bei Ladys oder dem Schulrektor muss der Hut gelüftet werden.

Zusätzlich bot der »Leitfaden für Neulinge« noch eine Art Lexikon für den in dieser Schule gebräuchlichen, wahrscheinlich in Jahrhunderten entstandenen Jargon und verschiedene Spitznamen.

Shell – Junge in der ersten Stufe (siebte Klasse, übersetzte Andrew).

Remove – Junge in der zweiten Stufe.

Eccer – Sport.

Bluer  – das aus blauem Wollstoff hergestellte Uniformjackett der Jungs.

Greyers – die aus grauem Wollstoff bestehende Uniformhose der Jungs.

Beak – Master (Lehrer, übersetzte Andrew).

Und so ging es weiter. Andrew spürte die Klauen der Klaustrophobie, die sich mit jeder Wiederholung des Wortes Jungs tiefer in sein Fleisch bohrten.

Eine Jungenschule.

Er hatte sich in reiner Männergesellschaft schon immer unwohl gefühlt. Die Scherze der Sportskanonen empfand er irgendwie als Sticheleien. Die Unterjochung seines Vaters schürte seinen Hass auf Typen, die andere einschüchterten und schikanierten, und führte zu heftigen Wutausbrüchen, wenn er Zeuge von gelegentlichen Grausamkeiten im Wohnheim wurde. Und es ängstigte ihn, Zeit mit Freunden zu verschwenden. Das erschien ihm ineffizient. Wenn er allein war, konnte er seine Zeit viel besser herumkriegen.

Mädchen hingegen mochte er. Sie gaben sich auf Partys und bei Schulveranstaltungen mit ihm ab  – falls er sich dazu herabließ, daran teilzunehmen. Er hielt sich im Hintergrund, machte sarkastische Bemerkungen oder stahl sich davon, um zu rauchen oder, noch besser, irgendwo eine Flasche Schnaps zu organisieren und sich mit ein paar wenigen anderen zu besaufen. An den meisten Samstagabenden befreite er sich kurz vor dem Zehn-Uhr-Check-in von einem BH, in dem er sich verheddert hatte, und leckte sich den Southern Comfort und den Punch von den Lippen. Die Boheme-Mädchen – die Tänzerinnen und Hippie-Chicks – hielten ihn für einen der Ihren wegen seiner schwarzen T-Shirts, der rebellischen Fragen und der Zitate von obskuren oder besonders coolen Literaten im Unterricht (Mr. Wheeler, warum können wir nicht etwas von Brautigan lesen? Oder von Bukowski?). Und die höheren Töchter – diejenigen, die dazu neigten, sich mit Drogenkids gemeinzumachen – ließen sich auch hin und wieder auf ihn ein. Die Sommer in Killingworth – das war eine ganz andere Sache. Mädchen mit tollen Frisuren und starken Parfüms fielen auf seine Masche als ausgehungerter Internatsschüler und seine langen glänzend schwarzen Haare herein. Sie tranken ein, zwei Bier mit ihm und ließen mit sich machen, was er wollte.

Die Vorstellung, auf einem Hügel mit ein paar Hundert Jungs eingesperrt zu sein, machte ihn auf eine Weise nervös, die er nicht ganz verstand. Was passierte, wenn die Mädchen die Sonne und die Wärme hier draußen waren und man selbst in einem kalten, englischen Haus isoliert war? Wahrscheinlich kam man sich vor wie in einer Kühlkammer.

Andrew bückte sich, packte seine schweren Taschen und hievte sich eine davon über die Schulter. Er rührte sich nicht von der Stelle  – er konnte die Grenze nicht überschreiten, noch nicht. Die dreckigen, lichtlosen Laternen starrten ihn bösartig an. Er hatte das Gefühl, dass er ins neunzehnte Jahrhundert geraten war und sich dort verlieren würde, sobald er einen Fuß in dieses Haus setzte. Du verhältst dich besser richtig, dröhnte die Stimme des Vaters in seinem Ohr. Unauffällig. Keine Rockbands (eine Anspielung auf Andrews Band, die One-Eyed Bandits  – ein wunderbarer Vorwand für all die Wochenendgelage, die Kästen mit billigem Bier und die Jam-Sessions bis zum Morgengrauen). Kein Schultheater (Andrew hatte einen Anschiss bekommen, weil er vor und nach den Proben geraucht hatte – zweimal). Keine Party-Wochenenden (dazu gäbe es jede Menge Geschichten). Schularbeiten und daheimbleiben. Das ist dein Mantra. Du benimmst dich anständig, oder wir sind fertig mit dir. Andrew spürte, dass es sein Vater ernst meinte. Sah den Zorn in seinen Augen. Die Verzweiflung. Wir sind fertig mit dir. Meinte er das wirklich so? Würde er die Verbindung zu ihm abbrechen? Ihn aus dem Haus werfen? Seine Collegeausbildung nicht bezahlen? Andrew hielt sich nicht für verwöhnt, aber die Konsequenzen wären für einen Siebzehnjährigen ganz schön hart. Er kannte Jugendliche in Killingworth, die die Kleinstadt nie verließen, die in Geschäften arbeiteten oder als Handwerker endeten – Anstreicher, Gärtner, die Jungs, die in Lieferwagen herumkurvten und rote Augen von den Joints hatten, die sie herumgehen ließen … Wir sind fertig mit dir. Wollte er die Entschlossenheit seines Vaters auf die Probe stellen? Herausfinden, was mit fertig gemeint war? Er litt unter Jetlag, Schlafmangel und Hunger … nein. Heute wollte er das nicht.

Er atmete tief durch und trat zum ersten Mal auf das Gelände der Harrow School. Platsch. Direkt in eine Pfütze.

Scheiße. Typisch.

Er schlurfte über den Kies und hatte alle Mühe, seine Taschen festzuhalten.

Offensichtlich kam er zu früh.

»Du solltest erst um fünf hier sein«, fauchte die Frau, die ihm die Tür öffnete. Sie hatte graues Haar, Wimpern mit viel zu viel Tusche und eisblaue Augen, die vielleicht einmal hübsch gewesen waren. Jetzt war sie ganz Busen und Bauch. Sie wischte sich die Hand an einem Handtuch ab. Eine Tür, die rechts vom Vestibül abführte, stand offen, und Andrew konnte ein Wohnzimmer – ein Tablett mit Essen und den blauen Schimmer eines Fernsehers sehen.

»Ich soll ab jetzt hier wohnen«, erklärte er nachdrücklich. »Ich kann nirgendwo anders hingehen.«

»Amerikaner«, bemerkte sie und funkelte ihn an. »Alles muss nach eurem Zeitplan ablaufen.«

»Unglücklicherweise gab es keine Maschine nach Heathrow, die genau dann landete, wenn das Hausmädchen bereit ist

»Hausmädchen?« Sie richtete sich entrüstet auf. »Ich bin Matron.«

War das ein Name oder ein Titel? Sie hatte das mit einem solchen Stolz verkündet, als wäre Matron ein Element im Periodensystem.

»Und ich bin seit gestern Abend unterwegs. Darf ich bitte reinkommen?«

Matron – die Matron – trat theatralisch einen Schritt zur Seite und ließ ihn mit einem resignierten Seufzer herein.

The Lot sah innen genauso schäbig aus wie außen. Alte glänzende Lackfarbe. Verschrammte Anschlagbretter. Allgemeine Düsterkeit. Der Geruch von Desinfektionsmitteln hing in der Luft, als ob das Haus in aller Hast geputzt und für die erwarteten Schüler hergerichtet worden wäre. Etliche Treppen und Flure gingen von der Eingangshalle ab. Matron führte Andrew über eine ausgetretene Steintreppe drei Stockwerke höher in sein Zimmer. Es lag mit drei anderen Zimmern an einem kurzen Gang. Hier wohnten nur Schüler der sechsten Stufe, erklärte Matron (Seniorschüler, übersetzte er im Stillen.) Die schrägen Wände machten sein Zimmer einigermaßen gemütlich.

»Ich nehme an, du möchtest ein bisschen herumgeführt werden«, grummelte Matron.

Das Lot, sagte sie, bestand eigentlich aus zwei Häusern – aus diesem hier – dem ursprünglichen mit dem Charakter – und einem neuen, das hinter dem Gebäude errichtet worden war. Sie hetzte ihn durch Korridore und Flure. In dem Haus wohnten sechzig Jungs, von Shells bis zur sechsten Stufe. Holzplaketten, in die die Namen früherer Hausbewohner geschnitzt waren, hingen an den Wänden der breiteren Korridore (Gascoigne, M.B.H., Lodgee, H.O.M. The hon, Podmore, H.JT); oben befanden sich Gemeinschaftsräume mit Satellitenfernsehern und Teeküchen. Unten waren ein Snookerraum, Musikzimmer, Duschen und Bäder. (Snooker?, wunderte sich Andrew.) Sie passierten eine schmuddelige Halle mit gespanntem Netz – Matron sprach vom Yarder. Zweifellos war dies ein Raum, in dem sich die Schüler bei schlechtem Wetter austoben konnten. Ein paar Bälle steckten in dem Netz wie Fliegen in einer Spinnwebe. Dann stiegen sie eine enge Treppe hinunter in ein Labyrinth aus Gängen mit niedrigen Decken.

»Das ist der Keller?«, fragte Andrew. Gänsehaut überzog seine Arme. »Es ist kalt. Fühlt sich an, als hätte jemand die Gefrierschranktür offen gelassen.«

Matron bedachte ihn mit einem verärgerten Blick. »Du musst dir etwas im Flugzeug eingefangen haben.«

Er wollte antworten: Hey, das war keine Kritik, hielt aber inne. Irgendetwas war in diesem Keller anders. Als ob all der Zerfall und die baufälligen Teile des Hauses in dieses Untergeschoss verbannt worden wären. Blanke Balken an den Decken und alte verbogene Nägel. Wie bei einer archäologischen Freilegung zeigten die Wände schichtweise ihr Mauerwerk – an manchen Stellen im Fischgrätenmuster, kathedralenartig, an anderen lagen die vom Alter angefressenen Steine wie Überlebende einer armseligeren Zeit grob senkrecht aufeinander. An den Wänden lehnten stapelweise weitere Namensplaketten und fingen den Staub wie uralte Schilde in einer Schatzkammer. Sie sahen nicht aus wie die gefälligeren, walnussfarbenen Schilder, die oben an den Wänden hingen; die Schwärze der Buchstaben verschmolz mit dem fleckigen rußigen Holz, als hätten die Plaketten selbst die Namen vergessen, die in sie eingraviert waren.

Ein dumpfes, beinahe taubes Gefühl überkam Andrew. Sein Verstand arbeitete in Zeitlupe, während er die Umgebung aufnahm. Vielleicht hatte er sich auf dem Flug wirklich etwas eingefangen. Alles um ihn herum schien zu pulsieren. Hier verstecken sie die Geschichte.

Sie gingen zu dem langen rechteckigen, mit Terrakotta gefliesten Duschraum mit den vielen Duschköpfen und Seifenbehältern in einer Reihe. Du kannst mit all den anderen Nackedeis um einen Platz kämpfen, hatte Matron gesagt und damit eine Vision von nackten weißen Gestalten, die sich in dichtem Dampf verrenkten und schrubbten, heraufbeschworen. Andrew verdrängte das Bild. Es war, als wäre es ganz von selbst aufgetaucht und wieder verschwunden.

»Ich bin nicht gern hier unten«, fuhr Matron fort. »Es ist mir unheimlich. Es gibt ein Gespenst im Lot, musst du wissen. Die Jungs machen ihre Scherze darüber, dass es oben in den Zimmern spukt. Ich hingegen denke, dass es hier unten ist.«

»Ein Gespenst?«, wiederholte er.

»Wenn du an so was glaubst.«

»Nicht wirklich«, erwiderte er lässig.

Während sie ihren Rundgang vollendeten, plauderte Matron über die Hausregeln. Zu guter Letzt fühlte sich Andrew von den vielen Informationen überfordert. Sein Gesicht war verkniffen, die Augenlider wurden schwer. Das fiel Matron auf.

»Du bist müde«, stellte sie fest.

Ohne ein weiteres Wort führte sie ihn zu seinem Zimmer und zog sich schnell zurück. Nach jahrelanger Erfahrung wusste sie, was jetzt kam.

Andrew warf sich auf die bloße Matratze und fing zu seiner Schande an zu weinen. Er vergrub das Gesicht in dem unbezogenen Kissen, damit Matron sein Schluchzen nicht hörte. Plötzlich wurde ihm und seinem benebelten, vom Jetlag gepeinigten Gehirn alles zu viel. Die lange Reise. Die erbärmliche Einsamkeit in diesem Haus. Das Schwindelgefühl, das allem zugrunde lag : Wie bin ich hier gelandet? Wie soll ich es nur ein ganzes Jahr an diesem Ort aushalten? Der Anfall dauerte zwei kurze Minuten an. Dann versank Andrew in Benommenheit.

Ein leises Klopfen weckte ihn, und er wischte sich den Speichel vom Kinn, als die Tür aufging. Brauchst du noch eine Minute?, ertönte eine Stimme. Andrew schaute auf und bekam seinen ersten Harrowianer zu Gesicht. Der junge Mann wirkte zartgliedrig, aber keineswegs kränklich und sah aus, als wäre er aus Sonnenschein geschmiedet: Seine Kleider waren farbenprächtig, stylish, teuer, ungewohnt – keine verstaubten Klamotten, sondern ein dunkelrotes Hemd mit breitem Kragen, eine passende Hose ohne Bügelfalte und eine Wildlederjacke. Kleine blonde Löckchen fielen ihm in die Stirn, seine tiefliegenden Augen drückten Mitgefühl aus. Er war schlank und athletisch. Die Sehnen an seinem Hals zuckten, wenn er sich bewegte, seine Brust war glatt und golden gebräunt. Andrew betrachtete ihn, als würde er träumen. So waren die Studenten von Harrow ? Er selbst kam sich schwammig und blass vor und … amerikanisch. Der Typ grinste ihn an.

»Du bist Amerikaner«, konstatierte er. »Ich bin Theo Ryder, dein Zimmernachbar.« Andrew fiel der Akzent auf. »Matron meinte, du könntest jemanden brauchen, der dich hier ein bisschen einführt.«

»Tatsächlich?«

Theo lachte. »Sie ist nicht gerade warmherzig oder fürsorglich, was? Daran wirst du dich gewöhnen.«

»Oh, dann ist dies also nicht dein erstes Jahr in Harrow ?«

»Ich bin seit meinem zwölften Lebensjahr hier. Ich war einer der Shells und hab jede Nacht in mein Kissen geheult, weil ich Heimweh nach meiner Mummy hatte.«

Andrew wurde rot und fragte sich, ob seine Tränen Spuren hinterlassen hatten.

»Hast du deine Ausstattung schon bekommen?«, wollte Theo wissen.

»Meine …?«

»Krawatte, Hut und so weiter.«

»Nein, den Hut muss ich mir noch holen.«

Theo wiederholte den Satz und ahmte grinsend Andrews amerikanischen Tonfall nach. »Du hast noch nichts? Keine Greyers, gar nichts?«

Andrew schüttelte den Kopf.

»Wir haben zu tun. Komm. Wir gehen zu Pags & Lemmon.«

Sie schlenderten zu dem altmodischen Herrenausstatter, wo ein weißhaariger Mann mit Glasauge (Hieronymus Pags, wie Andrew auf einer Visitenkarte las, die auf der Ladentheke lag ). Andrews Brust-, Hals- und Kopfumfang vermaß, ehe er ganze Stapel von Hosen, Jacketts, Harrow-Hüten und Harrow-Krawatten zutage förderte. Andrews Ausstattung für ein Jahr. Die Harrow-Krawatte ist schwarz, erklärte Mr. Pags mit einem affektierten Lächeln, wegen der Trauer um Königin Victoria.

Andrew stellte sich vor den Spiegel. Er sah aus wie ein halbgezähmtes Tier, das in Klamotten gezwängt worden war. Sein wildes schwarzes Haar quoll über das oben offene Hemd.

Trotzdem konnte –  oder wollte  – er die Krawatte auf keinen Fall umbinden. Das wäre die ultimative Unterwerfung. Das Hundehalsband. Theo lachte und kletterte hinter Andrew auf einen Stuhl, so dass er im Spiegel sehen konnte, was er tat. Seine Hände legten sich um Andrews Hals; Andrew zuckte zusammen, aber Theo ließ sich nicht beirren, bis er sein Werk mit der Krawatte vollbracht hatte. Dann tätschelte er Andrews Schulter.

»Es gibt kein Entrinnen mehr, Kumpel. Du bist einer von uns.«

Theo begleitete ihn auch in den Speisesaal, einen niedrigen Bau aus den 1970er Jahren, der durch einen Torbogen von der High Street aus zugänglich war.

Das war gut, denn im Inneren wartete die Anarchie: ein dämpfiger niedriger Raum mit braunen Ziegelwänden, in dem Hunderte Knabenstimmen durcheinander sprachen. Zwei lange Schlangen standen vor der Essensausgabe vor der Küche an. Aus Spaß fingen zwei großgewachsene Jungs an, am Ende der Schlangen zu drängeln; rempelten den Kameraden vor sich mit den Schultern an und versuchten sie umzustoßen wie Dominosteine. Hey, ertönte ein empörter Schrei aus vielen Kehlen. Gesichter verzogen sich vor Ärger. Ein paar Jungs aus der sechsten Klasse, die ihre Pflicht als Aufsicht zum ersten Mal ausübten, tauchten auf und versuchten, die Leute zurückzuhalten wie Sicherheitsmänner bei einem Rockkonzert. Letzten Endes bekam Andrew einen weißen Teller mit zwei Spiegeleiern und Bohnen. Er war angenehm überrascht. Es gab keinen Haferbrei. Er folgte Theo quer durch den Saal – bahnte sich seinen Weg durch Jungs in Bluers vorbei an der großen Toaststation mit einem halben Dutzend Toastern, neben denen sich Brot stapelte und Schüsseln mit roter Marmelade standen; die Jungs lebten von Toast, das sollte Andrew noch erfahren – zu einem langen, massiven Holztisch am Fenster. Dies war der Tisch für die Oberstufenschüler. Die Jüngeren saßen an anderen Tischen, die im rechten Winkel zu diesem standen.

Theo stellte den Neuling vor.

»Hey, allerseits: Das ist Andrew aus Amerika. Sagt hallo wie menschliche Wesen.«

»Fick dich, Ryder.«

»Ja, fick dich.«

»Fick dich auch, Yank.«

»Ja, verpiss dich.« Sie kicherten.

»Fresst Scheiße, Arschlöcher«, knurrte Andrew.

Die Blicke aller richteten sich auf ihn  – sie waren erstaunt, dass der Neue ihren Scherz ernst genommen hatte.

»Reizend.«

»So begrüßt man sich in Amerika?«

»Auf die Art begrüßt man sich in England?«, erwiderte Andrew.

»Das ist englischer Humor, Mann«, meldete sich ein stämmiger Junge mit Locken zu Wort. »Amerikaner verstehen den englischen Humor nicht.«

»Versuchen wir’s noch mal«, schlug Theo vor. »Andrew ist ein neuer Student. Er verbringt hier sein Zwischenjahr.«

»Du verbringst dein Zwischenjahr … hier

»Du musst verrückt sein.«

»Was ist ein Zwischenjahr?«, wollte Andrew wissen.

»Was ein Zwischenjahr ist?«, platzte der stämmige Junge heraus. »Bist du erst gestern geboren?«

»Das Jahr vor der Universität, das man für Reisen nutzt  – ein Sabbatjahr«, erklärte Theo, dann deutete er auf den stämmigen Jungen. »Darf ich vorstellen? Das ist Roddy Slough.«

»Abgefahren«, fügte der sommersprossige Sitznachbar von Roddy hinzu, als wäre er Roddys Sprachrohr.

»Verdammter Loser«, fügte ein anderer hinzu und bewarf Roddy mit einer zusammengeknüllten Serviette.

»Du musst sie entschuldigen. Ich scheine hier der Einzige mit Manieren zu sein.« Roddy erhob sich und schüttelte Andrew die Hand.

Später erklärte Theo, dass Roddy der Hausclown war; die anderen nannten ihn nouveau – wie neureich –, weil sein Vater eine Fast-Food-Kette in London besaß; Roddy war süchtig nach Comics und verbrachte die meiste Zeit in seinem Zimmer. Er sei ein Blitzableiter, was Beschimpfungen betraf, berichtete Theo mit einem Kopfschütteln.

»Oh, setz dich hin, Trottel«, rief der Serviettenwerfer angewidert.

Theo stellte ihn als St. John Tooley vor. Unstete Augen, zappelig, ölige Stirnlocke und Sommersprossen. Sein Vater sei einer der hundert reichsten Männer Englands, flüsterte Theo. Tooley, wie Tooles, Inc., die globale Zeitarbeitsfirma. Wie Sir Howard Tooley.

Ein Junge namens Hugh wurde Andrew vorgestellt; er hatte dichte Wimpern und zeigte sich übermütig. Als sein Name fiel, miauten die anderen wie Katzen. Hughs Augen wurden dunkel, und Andrew begriff, dass das Miauen ein Hinweis auf Homosexualität war. Sehr subtil.

Und so ging es weiter. Andrew hatte das Gefühl, irgendeinen Familienurlaub gestört zu haben  – all die Zänkereien und gehässigen Bemerkungen hätten gut zu einem alten Ehepaar mit Anhang gepasst. Schimpfnamen, peinliche Anekdoten; Allianzen und Animositäten. Andrew erfuhr so dies und das. Ihm wurde schnell bewusst, dass diese Jungs schon als Shells zusammengekommen waren und sich auf einen Neuen stürzten, um ihm ihre Storys zu erzählen.

»Was ist los mit diesem Gespenst?«, fragte er während einer Gesprächspause.

Schsch, zischten die anderen.

»Neulinge«, flüsterte einer. »Heute Abend werden wir einem von ihnen davon erzählen.«

»Was erzählen?«

»Wir suchen uns einen aus«, erklärte ein gewisser Rhys, der, wie sich herausstellte, der Haussprecher war; ein kräftiger Junge aus Wales mit strohblondem Haar. »Und machen ihm weis, dass es in seinem Zimmer spukt.«

»Jemand ist in diesem Zimmer gestorben«, führte einer mit unheimlichem Tonfall aus.

»Dann kommen wir nachts zu ihm und geben ihm den Rest.«

»Überschütten ihn mit Wasser.«

»Schreien.«

»Erinnert ihr euch an das Jahr, in dem sie Pat aus dem Bett geworfen haben?«

»Der arme Teufel denkt, es ist das Gespenst, und macht sich in die Hose«, berichtet Rhys. »Er ist vollkommen nass.«

»Verdammt, das ist lustig.«

»Es ist eine Lot-Tradition.«

»Wie hast du an deinem ersten Tag davon erfahren?«, wollte einer der Jungs wissen.

»Ich glaube, mir ist im Keller ein Schauer über den Rücken gelaufen«, entgegnete Andrew.

Ratlose Blicke machten die Runde.

»Matron hat das Gespenst erwähnt«, stellte Andrew klar, um das unangenehme Schweigen zu brechen.

»Also, warum bist du hier?«, wollte der großgewachsene, muskulöse Sitznachbar von St. John wissen. Er hieß Vaz – kurz für Vasily. Ein Weißrusse. Die Familie war während der Revolution von 1918 aus Russland geflohen. An Vaz war alles riesig : Arme, Beine, Oberkörper, alles war fleischig. (Er ist unser Hooker für die First Fifteens, flüsterte Theo.) Andrew hatte keine Ahnung, was das bedeutete, vermutete jedoch, dass es eine wichtige Position war; und Fifteens musste, nach einem Blick auf Vaz, etwas mir Rugby zu tun haben. Sein Gesicht war breit, der Schädel erinnerte an einen Fußball, er hatte Schlitzaugen mit Silberblick und mit viel Gel zu Tollen gelegtes hellbraunes Haar. Er sah aus wie eine bedrohliche, mit Steroiden verseuchte Version von Ernie aus der Sesamstraße. Vaz schien selten das Wort zu ergreifen, außer um einen Scherz zu machen, und wenn er das tat, schwiegen die anderen und hörten ihm zu. St. Johns ruckartige Bewegungen schienen ihn zu amüsieren.

»Frag ihn das nicht«, protestierte Theo. »Das ist seine Sache.«

»Warum nicht? Es gibt nie Neue in der Abschlussklasse. Es muss einen besonderen Grund geben.«

»Ja, wieso bist du hier, Yank?«, fragte St. John.

Alle wurden still. Andrew zögerte.

»Oh – jetzt sagt er uns gleich wieder, dass wir Scheiße fressen sollen.«

Allgemeines Gelächter.

»Mein Vater hielt es für eine gute Idee, wenn ich ein Jahr im Ausland verbringe«, sagte Andrew vorsichtig.

»Miiiau, Daddy.«

»Dein Dad? Weshalb?«

»Wie – weshalb?«, erwiderte Andrew, um Zeit zu gewinnen. »Um meine Noten zu verbessern. Um mich noch mal bei Colleges und Universitäten zu bewerben.«

»Machst du die A-Levels?«, wollte Vaz wissen.

Andrew stutzte. »Was sind A-Levels?«

Ein Tumult brach los. Insbesondere Roddy hielt es kaum auf seinem Stuhl. Du weißt nicht, was A-Levels sind? Bist du geistig zurückgeblieben? Gibt es bei euch in Amerika überhaupt Schulen? Und so weiter. Es erwies sich, dass A-Levels die großen Examina am Ende des Jahres waren. Andrews eklatante Unwissenheit gab der Unterhaltung eine neue Wendung, und Andrew war vom Haken. Aber er ertappte Vaz dabei, wie er ihn interessiert beäugte. Jeder, der über den großen Teich kam, um seine Noten zu verbessern, musste wissen, was die A-Levels waren, das war Vaz klar. Was hatte dieser Amerikaner zu verbergen?

Eine kurze Hausversammlung folgte. Die Jungs drängten sich auf den Bänken im Gemeinschaftsraum. Andrew betrachtete die gerahmten Fotos an den Wänden: Jungs in Fräcken im Garten. Die neueren Aufnahmen waren in Farbe, die aus den 1960ern in Schwarz-Weiß. Ein Foto war verblasst. Dort, wo die Gesichter sein sollten, war nur ein weißes, radioaktives Leuchten. Andrew war gezwungen, den Blick abzuwenden, als die Jungs den Letzten in der Bank herunterzuschieben versuchten.

Es entstand eine kleine Balgerei, und plötzlich grinsten alle: Der Hausvater kam herein. Fawkes, flüsterten sie. Piers Fawkes rauschte in seinem schwarzen Lehrertalar herein, ein schlanker, leicht gebeugter Mittvierziger mit jugendlich zerzauster Frisur und großen Glupschaugen, die ihm den gelassenen, schalkhaften Ausdruck eines Jungen verliehen, der auf seiner eigenen Geburtstagsparty eingenickt war und dabei erwischt wurde. Betrunken und zu nichts zu gebrauchen, behauptete Rhys kopfschüttelnd. Dann fügte er noch ein Wort hinzu –  Poet  –, als würde das alles erklären.

Nach der Versammlung schwankte Andrew zu seinem Zimmer. Mehr konnte er für heute nicht verkraften. Theo hielt ihn im Flur auf.

»Alles in Ordnung, Kumpel?«

»Mein Gehirn ist Mus.«

»Das wird schon wieder. Willst du ein Lager?«

»Was?«

»Bier.«

»Du hast Bier ins Haus geschmuggelt?«

»Schmuggeln? Ich schmuggle gar nichts. Ich habe eine Bier-Genehmigung.«

Andrew blinzelte. »Von zu Hause?«

»Von dem verdammten Hausvater. Gott, du bist müde. Komm schon. Ein Bier?«

Andrew zögerte. Die Stimme seines Vaters dröhnte wieder in seinen Ohren. Du benimmst dich anständig, oder wir sind fertig mit dir.

»Es war ein langer Tag.«

»Mach dir keine Sorgen wegen der Wichser.« Mit einer Kopfbewegung schloss er den Rest des Hauses ein. »Sie sind einfach so.«

»Das hab ich kapiert. Rain Check für das Bier?«

Theo sah ihn verdutzt an. »Rain Jacket?«

»Verschoben. Ach, vergiss es. Gute Nacht.«

Der Schlaf kam wie ein Wirbelwind  – rasender als der Steinschlag des Nachmittagsschläfchens. Er hatte wilde Träume: Flugzeuge, Aufzüge, Schlangen an der Passkontrolle. Bilder huschten vorbei wie in einem endlosen Videogame. Ihnen war er genau wie der unaufhörlichen Wiederholung all der neuen Wörter und der eigenartigen Sprache, die er heute gehört hatte, hilflos ausgesetzt, als würde sein Unterbewusstsein das Neue für eine Prüfung niederschreiben: Fragen, deren Melodie in der Mitte des Satzes statt am Ende nach oben ging ; neue Idiome und eine fremde Aussprache. Der Film lief noch schneller, in schwindelerregender Geschwindigkeit ab.

Die ausgebleichten Gesichter von den Fotografien im Gemeinschaftsraum.

Röntgenaufnahmen. Weiße Haare, schwarze Gesichter.

Uniformen. Schwarze Kleider. Strohhüte.

Das Gesicht eines Harrow-Jungen mit weißen Haaren kam in sein Blickfeld. Es wirbelte herum – ein immer wiederkehrendes Teilbild in einer hektischen Slideshow.

Das Gesicht kam mit jedem Mal näher. Es pulsierte in seiner Intensität. In seinem Traum wusste er, dass dieses Gesicht zu einer aufregenden Person gehörte. Erregung erfasste ihn. Er spürte seinen Herzschlag und empfand gleichzeitig Panik und ein Prickeln.

Er schreckte schweißgebadet aus dem Schlaf. Ohne Orientierung in der Dunkelheit.

Schule, hauchte er. England. Schlafraum. Dann: Schlaf.

Er driftete in dunklere Tiefen ab – endlich befreit von Bildern und Worten. Er schlief, bis ihn sein Reisewecker um sieben mit seinem erbarmungslosen elektronischen Winseln weckte.

2

Die falsche Abzweigung

Am Morgen hatte Andrew wenig Zeit, über seinen Traum nachzudenken. Nur in den kurzen ruhigen Momenten. Als er seine Socken anzog oder in der Schlange stand, um sich Eier und die Kipper abzuholen. (Ja, hier gibt es tatsächlich die kalt geräucherten Heringe zum Frühstück, stellte er überrascht fest; sie waren gebraten, braun und fettig. Nicht gerade verlockend.) Seine Angst sprang ihn an, unvermittelt und deshalb noch beunruhigender, wie es Ängste zu tun pflegen  – nicht mit einer Behauptung (eine Nacht in einer Knabenschule, und man muss schwul werden), sondern mit einer Andeutung (Theo ist dir gestern ziemlich dicht auf die Pelle gerückt, hat dich überallhin begleitet, dir die Krawatte gebunden; Theo sieht gut aus – braungebrannt, stylish  … dann hattest du diesen Traum). Andrew würde es nie zugeben, aber sein früheres Internat, Frederick Williams, war ein richtig lauschiges Plätzchen. Die Lehrerschaft bestand aus Babyboomern mit liberalen Ansichten, die sie ihren Schülern aufzwingen wollten, indem sie zu Spenden für Haiti aufriefen oder einen Diversity Day veranstalteten, an dem sich eine Handvoll älterer Jungs und Mädchen als Angehörige der Studentengruppe Pride outete. Toleranz für Homosexualität wurde nicht nur offiziell gefordert, sie verankerte sich sogar. Während Andrew also gegen seine Schule rebellierte (weil er – nach Art von Holden Caulfield – glaubte, die Opulenz würde die Studenten irgendwie unter Druck setzen), hatte er diese amerikanische kulturelle Sensitivität verinnerlicht. Wieder zu Hause konnte er (behutsam) einen Freund oder Lehrer zur Rede stellen und über seine Ängste, seine Erfahrungen sprechen. Heute brauchte er sich nur umzusehen, um zu wissen, dass es in seiner gegenwärtigen Umgebung – die angespannten englischen Gesichter, die jahrhundertealten Traditionen, was Kleidung und Bezeichnungen (Churchill-Songs, Churchill-Gebäude; alles wurde nach einem längst verstorbenen ehemaligen Schüler benannt) betraf  – ein solches Feingefühl nicht gab; zumindest nicht für alle sichtbar. Er spürte zu Recht, dass Homosexualität in einer reinen Knabenschule die größte Sünde war. Je leichter es war, Grenzen zu überschreiten, umso größer war das Tabu. Er würde den lebhaften Traum für sich behalten.

Er hatte ohnehin keine Chance, darüber nachzudenken oder zu reden, weil er verschlafen hatte. Um ein Haar hätte er das Frühstück verpasst und kam zwei Minuten zu spät zum Unterricht – zu den Lessons – derangiert, ungewaschen und atemlos.

Das Klassenzimmer war klein und quadratisch. Einzelne Pulte waren wie Schlachtreihen aufgestellt (im Frederick Williams hatte es runde Tische gegeben  – wie egalitär). Im vorderen Bereich befand sich ein Podium (wie hierarchisch). Dort saß ein Lehrer mit übergeschlagenen Beinen still wie eine Statue. Dies war Andrews erste Unterrichtsstunde in Harrow. Für den Lehrer war es die tausendste. Mr. Montague. Silbernes Haar. Das Gesicht mit Altersflecken übersät. Eleganter, aber ländlicher grüner Anzug unter dem schwarzen Talar. Der Mund ironisch verzogen, die ohnehin hohen Augenbrauen hoben sich noch ein wenig mehr bei Andrews verspätetem Auftritt. Ein Platz war noch unbesetzt. Mr. Montague scherzte mit den anderen Jungs, während sie warteten. Das Geplänkel war durchsetzt mit respektvollen Sirs, und die frisch in die Abschlussklasse versetzten Jungs gaben eifrig Anekdoten zum Besten. Die Atmosphäre war freundlich, das fiel Andrew sofort auf. (Im FW behandelten die Schüler, Sprösslinge von Wallstreeters, die schlecht bezahlten Lehrer mit unterdrückter Verachtung, weil sie wussten, dass die Noten keine Rolle spielten und einem nicht halfen, Millionen zu machen, und dass die Lehrer demzufolge nur wenig besser als Bedienstete behandelt werden mussten.) Schließlich betrat ein strammes Bürschchen mit Pfirsichhaut und zerzausten, noch feuchten Haaren das Klassenzimmer. Guten Morgen, Utey, sagte Mr. Montague betont. Guten Morgen, Sir, erwiderte Utey mit rotem Kopf. Mr. Montague erhob sich und hielt ein Buch von Chaucer hoch.

»Die A-Levels stehen euch bevor, Kinder. Und dies ist genau die richtige Zeit, zu lernen, mittelenglische Texte zu lesen, richtig auszusprechen und zu kommentieren.« Er grinste wölfisch, als das erwartete Stöhnen ertönte.

Andrew fühlte sich verloren und war den ganzen Morgen immer einen Tick zu spät dran. Er rannte zum nächsten Programmpunkt. Die Tour der Neulinge. Eine Horde kleiner Jungs mit Hüten trabte zur High Street. Das muss es sein, dachte er, und erst als er näher kam, realisierte er, dass er einer Schar von Shells nachlief. Achtklässler. Andrew schloss sich ihnen an. Sie wurden von einem Harrow-Wahrzeichen zum anderen geführt. Er überragte sogar die größten Jungs und kam sich vor wie der riesige haarige Dummkopf, der fünfmal sitzengeblieben war. Vaz hatte recht – in der Oberstufe gab es keine Neuen.

Zuletzt kamen sie zu der bedrückend stillen Vaughan-Bibliothek, die eher einem Museum als einer Stätte zum Lernen und Studieren glich. Buntglasfenster und Vitrinen aus Plexiglas, in denen seltene Handschriften ausgestellt waren. Die Bibliothekarin – eine kleine, rundliche Frau in den Sechzigern mit orangefarbener Bobfrisur und der Ausstrahlung einer gestrengen Engländerin  – stellte sich mit dem Namen Dr. Kahn vor und begann mit einem fünfminütigen Vortrag, in dem sie die Jungs darauf hinwies, dass es in der Vaughan-Bibliothek verboten war zu essen, ehe sie ihre vorbereiteten Bemerkungen über die Schulgeschichte vom Stapel ließ. Andrew klinkte sich aus. Die kleinen Jungs wurden zappelig vor Langeweile. Wenigstens, bis das Mädchen in Erscheinung trat.

»Miss Vine, würden Sie nach vorn kommen?«, rief Dr. Kahn.

Plötzlich wurden alle aufmerksam und verrenkten die Hälse.

Es ist Zufall – oder ein Zeichen des guten Geschmacks –, dass Miss Vine die ursprüngliche Harrow-Uniform so umgewandelt hat, dass sie ein Mädchen tragen kann, fuhr die Bibliothekarin fort. Ohne Krawatte. Offener Kragen. Weiße Bluse – das Originalhemd ist natürlich aus Leinen. Ihr seht hier einigermaßen detailgetreu, wie ein Harrow-Schüler vor 1850 gekleidet war.

Namen und Daten konnten das Interesse von Zwölfjährigen nicht wecken. Miss Vine hingegen schon. Etwa einhundert kleine schmächtige Jungs mit klebrigen Fingern und ernsten Gesichtern standen auf, kletterten sogar auf die Bänke, um einen Blick auf sie zu erhaschen.

»Ich wusste gar nicht, dass es in Harrow überhaupt Mädchen gibt«, flüsterte Andrew seinem Banknachbarn zu, ohne den Blick von dem Mädchen zu wenden.

»Persephone Vine. Sie macht ihr A-Level-Jahr hier«, flüsterte der Junge.

Andrew glotzte wie alle anderen.

Dieses Mädchen war jede Aufmerksamkeit wert. Sie war knappe eins siebzig groß, hatte helle Haut, ein paar Sommersprossen auf der Nase, einen breiten, vollen Mund und exotische Augen: grüne Kleopatra-Augen mit einem katzenhaft trägen Blick. Sie stand mit den Händen auf dem Rücken vor der Versammlung, als wäre sie ein Krokodil, das sich in einem Terrarium zeigt. Ihre dunklen, wirren Haare mit den wilden Korkenzieherlocken waren zum Teil hochgesteckt, zum Teil fielen sie ihr auf den Kragen. Ihre Knochen waren zart. Sie kaute auf der Lippe, um ihren fleischigen Mund zu verbergen. Ihr Busen war allerdings der größte Blickfang für die Jungs. Die weiße Bluse, auf die Dr. Kahn so stolz war, spannte über den Brüsten. Einhundert Röntgenblicke versuchten, die Nippel auszumachen. Miss Vine erduldete leicht errötend den plötzlichen Tumult. Als die Bibliothekarin erkannte, was sie angerichtet hatte, winkte sie Miss Vine mit einem zerknirschten Das genügt, meine Liebe zurück zu ihrem Platz.

Andrew flüsterte: »Mädchen dürfen hier in die Schule gehen?«

Sein Nachbar zuckte mit den Schultern. »Die Tochter eines Hausvaters. Ein besonderes Privileg. Damit sie sagen kann, sie hat ihren Abschluss in Harrow gemacht.« Er stellte sich auf die Zehenspitzen, dann ließ er sich schmollend nieder. »Sie hat sich wieder hingesetzt.«

Andrew fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigt hatte, redete sich jedoch ein, dass es sinnlos war. Ein solches Mädchen hatte bestimmt einen Freund. Und selbst wenn nicht, gab es hier jede Menge anderer, die sich um sie prügeln würden. Es war zu naheliegend – das einzige Mädchen in einer Jungenschule. Sie würde zweifellos alle Anstrengungen unternehmen, um zu zeigen, dass sie hier war, um zu lernen, nicht, um sich zu verabreden.

Während sie sich einige Zeit später in der Kapelle einfanden, schaute Andrew auf und sah, dass das Mädchen, Persephone Vine, ihn anstarrte. Erst hatte er es gar nicht gemerkt. Jetzt rief er sich seine Logik von vorhin ins Gedächtnis. Aber sie spähte weiterhin mit unverhohlener Neugier zu ihm, als wäre er eine begehrte Antiquität, die sie auf einem Flohmarkt entdeckt hatte.

Und später wartete sie auf ihn. Sie hob sich von dem Meer der blauen Jacketts ab, während sie die Tür für die Kleinen aufhielt und sie mit einem belustigten Lächeln durchwinkte. Die Jungs scharwenzelten um sie herum wie Welpen. Sie fuhr sich durch die Haare. Als Andrew näher kam, beobachtete er, wie ihr Blick auf ihn fiel.

»Du da! Junger Mann!«

Andrew war kundig genug, um die Aussprache der Oberschicht zu erkennen, und selbst wenn nicht, wäre ihm der gebieterische Ton aufgefallen.

»Hi«, grüßte er.

»Ich möchte mit dir reden. Moment  – wiederhole das«, befahl sie.

»Ich habe lediglich hallo gesagt.«

»O Gott, du bist Amerikaner!«, kreischte sie, als ob er ihr etwas angetan hätte.

»W-was?«, stammelte er. Die Shells drängten sich an ihnen vorbei. Die Kapelle hatte sich fast geleert.

»Es wird nicht funktionieren.« Sie musterte ihn nüchtern. »Schade. Dabei siehst du ihm so ähnlich.«

»Wie? … Wem sehe ich ähnlich?«, korrigierte er sich hastig. (Dies ist England, ermahnte er sich; sie registrieren, wie du dich ausdrückst.)

»Lord Byron«, erwiderte sie sarkastisch.

»Lord …«

»Ich weiß, du bist Amerikaner, aber von Lord Byron hast du sicherlich schon gehört, oder?«

Sie ließ ihm keine Zeit für eine Antwort und zog die Kapellentüren zu. Sie waren massiv, und Persephone musste sich anstrengen, doch als er ihr zu Hilfe eilte, fauchte sie: Ich mache das.

»Ja, ich habe von Lord Byron gehört«, sagte er.

Sie drehte sich um. »Was?«

»Ich sagte, ich habe von Lord Byron gehört«, wiederholte er lauter.

»Das macht dich bestimmt sehr stolz.«

Jetzt triefte ihr Tonfall vor Sarkasmus.

»Du hast mich danach gefragt.« Andrew war verärgert. Mädchen sollten netter sein als Jungs. Insbesondere zu ihm. Daheim wäre ein Mädchen mittlerweile neugierig auf ihn, ihre Stimme wäre herzlicher geworden …

»Du siehst aus wie er«, räumte sie ein.

»Wie Lord Byron?«

»Ja. Was meinst du, warum ich dich so angestarrt habe? Dachtest du, ich wäre an dir interessiert? Gott, ihr Harrow-Jungs seid alle so eingebildet, hab ich recht?«

»Ich bin neu«, murmelte er. »Also noch kein … echter … Harrow-Junge.«

»Ich bin überzeugt, dass du bist wie alle anderen«, entgegnete sie gelangweilt.

»Warum suchst du nach …«

»Jemandem, der Lord Byron ähnlich sieht? Wir suchen Darsteller für ein Theaterstück. Na ja, wir haben gesucht. Im Frühjahr. Für ein Stück über Lord Byron. Aber unser Hauptdarsteller musste die Schule verlassen. Ein sehr hübscher Typ und entsetzlich dumm. Ja, vielleicht war er doch nicht so hübsch, wenn ich ehrlich bin. Wie sexy kann man mit einem verdammten Strohhut aussehen?« Andrew wurde rot. Sie fuhr fort: »Das Rattigan-Society-Stück. Ein Original, dieses Mal. Nicht der übliche Shakespeare. Es handelt von Lord Byron … du weißt, dass Lord Byron Schüler in Harrow war?« Andrew nickte. »Das Drama wurde von einem Harrow-Lehrer verfasst. Piers Fawkes.«

»Piers Fawkes?«

»Du kennst ihn?« Zum ersten Mal schwang Interesse in ihrer Stimme mit.

»Er ist mein Hausvater.«

»Kennst du auch sein Werk?«

»Du meinst …«

»Er ist ein Poet«, beendete sie den Satz für ihn. »Er ist absolut brillant. Ich dachte, du hättest vielleicht etwas von ihm gelesen. Aber die Harrowianer sind nicht gerade bekannt dafür, dass sie sich mit zeitgenössischer Literatur abgeben. Ich mache mit.«

»Oh, du spielst Theater?«

»Ja, ich spiele Theater. Du bist ein wenig begriffsstutzig, selbst für einen Amerikaner.«

Als Andrew seine Sprache wiederfand, bemerkte er: »Das ist wirklich keine anständige Art, diese Frage zu beantworten.«

Ein Lachen entfuhr ihr wie unabsichtlich. Sie blieb stehen.

Andrew war ihr gefolgt. Sie waren die High Street entlanggegangen, bis sie bergab führte und grüner wurde. Jetzt hielten sie vor einer Einfahrt, die zu einem Backsteinhaus führte –  auch ein Studentenwohnhaus  – mit gelben gemauerten Kaminen und einem verwahrlosten Vorgarten.

»Wenn du in Piers Fawkes’ Haus wohnst, läufst du in die falsche Richtung«, erklärte sie deutlich sanfter. »Dies ist Headland.«

»Oh?«

»Das Lot ist da drüben.« Sie deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Oh, okay. Danke.«

»Hast du schon mal Theater gespielt?«

»Ein bisschen. Ich hab den Bösewicht in einem Stück mit dem Titel The Foreigner gespielt.«

Persephone äffte seine Aussprache nach. »Du bist so amerikanisch. Wenn du Schotte wärst, ginge es vielleicht. Byron hatte einen leichten schottischen Akzent. Aber Yank? Natürlich wollen sie alles großartig und heroisch darstellen, aber Byron hat nichts anderes gemacht als herumzuvögeln. Jungs und Mädchen. Ich spiele Augusta, Byrons Schwester – besser Halbschwester –, und mit der hat er auch gefickt. Mal sehen, wie viel die Zensoren zulassen. Tut mir leid, hab ich dich schockiert?«

»Nein«, log Andrew.

Nicht ihre Worte hatten ihn schockiert –  obschon er ahnte, dass sie das beabsichtigt hatte –, allerdings erstaunte ihn, dass ein so umwerfendes Mädchen sie so beiläufig aussprach. Es war fast wie Häresie. Mach nicht nieder, was ich so sehr schätze. Er erkannte in ihren Augen und in ihren fahrigen Bewegungen, dass sie wünschte, sie könnte sich davon distanzieren.

»Also  – kann ich es probieren? Nachdem ich so weit gegangen bin?«, sagte er und zwang sich zu einem Lachen, um zu zeigen, dass er sich über sich selbst lustig machte, weil er sie bis hierherbegleitet hatte. Sie blieb ernst.

»Was – willst du dich für die Rolle bewerben?«

»Ja.«

Sie zuckte mit den Achseln. »Ich kann dich nicht davon abhalten.«

»Was muss ich tun?«

»Frag Piers.«

»Mr. Fawkes?«

»Ja, Mister Fawkes«, äffte sie seinen Slang nach.

»Ich bin Andrew. Andrew Taylor.« Er hielt ihr die Hand hin. Sie ignorierte das. Stattdessen musterte sie ihn erneut.

»Ich bringe dich zu ihm«, erklärte sie schließlich. »Ich möchte mir das Verdienst, einen Byron-Doppelgänger gefunden zu haben, auf die Fahne schreiben und damit angeben. Das ist selbstverständlich metaphorisch gemeint.«

Andrews Puls beschleunigte sich. »Klar.«

Schließlich ergriff sie seine Hand und schüttelte sie, als hätten sie gerade ein Geschäft abgeschlossen. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging die Einfahrt hinunter.

»Kalispera, Andrea«, rief sie. Diese Sprache kannte er nicht.

Die Tochter eines Hausvaters. Offenbar lebte sie hier mit ihren Eltern, überlegte Andrew, während er Headland House betrachtete.

Als Persephone den Eingang erreichte, tauchte ein Gesicht in einem der Fenster auf und spähte argwöhnisch zur Auffahrt. Ein böser Blick traf Andrew. Kahler Schädel. Nickelbrille auf der Nasenspitze. Wütend bebende Nasenflügel. Das muss Mr. Vine sein. Andrew wich instinktiv zurück, als ob er das warnende Kläffen eines Hundes gehört hätte.

Nicht einer von meinen, lautete Sir Alan Vines Kommentar, während er Andrews Rückzug vom Wohnzimmerfenster aus beobachtete. Kein Fleisch auf den Schultern oder am Rücken. Lange Haare. Künstlerisch angehaucht. Noch dazu ein extremer Typ. Nein, der gehörte nicht zu seinem Haus, trotzdem lungerte er vor dem Haus herum. Und Sir Alan verstand, warum, wenn er einen Blick auf seine Tochter warf. Ja, sie hat sich auf der Straße mit dem Langhaarigen unterhalten. Alarmiert ging er näher ans Fenster, um besser sehen zu können. Die Erscheinung des Jungen – seine Frisur, die lässige Haltung – täuschte eine gegenkulturelle Einstellung vor. Darüber würde seine Tochter die Nase rümpfen, das wusste Sir Alan. Dennoch straffte er verärgert die Schultern.

Die Haustür fiel ins Schloss, und Persephones Begrüßung hallte durch den Flur.

»Wer ist dieser Junge auf der Straße?«, wollte er wissen.

Er ging in den Flur, um ihr zu folgen, aber sie war bereits die Treppe hinaufgepoltert. Wieder ein Knall; ihre Zimmertür. Ignorierte sie die Frage? Oder hatte sie ihn einfach nicht gehört?

Er ging wieder zum Fenster und starrte auf die Stelle, an der der Harrowianer gestanden hatte. Jetzt war dort nichts mehr; nur Hecken und Bäume.

Er runzelte die Stirn. Auf den werde ich ein Auge haben müssen. Andrew machte kehrt und schlenderte bergauf. Persephones unterschiedliche Verbalattacken hatten ihn erschöpft und zugleich erregt; er machte sich Vorwürfe, weil er auf alle wie ein Trottel reagiert hatte. Er war so damit beschäftigt, sich jedes Wort der Unterhaltung ins Gedächtnis zu rufen, dass er nicht sofort begriff, dass er sich verlaufen hatte. Einer der anderen Neulinge hatte ihm erst am Morgen nachdrücklich erklärt, dass er bei der Weggabelung nicht die Straße einschlagen darf, die bergab geht. Die führt von der Schule weg. Und man verirrt sich sicher. Aber jetzt ging er hinauf –  anscheinend in die richtige Richtung –, und doch sah die Umgebung falsch aus. Hier gab es keine Häuser, keine Läden. Er fand sich an einem steilen Hang wieder – die Schulgebäude, die er am Morgen besichtigt hatte, befanden sich rechts unter ihm. Zu seiner Linken erhob sich eine Ziegelmauer. Vor ihm war ein hölzernes Tor, durch das man zu einer alten Steinkirche mit Friedhof gelangte. In das Holz auf der rechten Seite des Tores waren die Worte geschnitzt: Gesegnet sind die Toten, auf der linken stand: Die in Gott gestorben sind.

Andrew zögerte. Jemand hatte ihm erzählt, Harrow-on-the-Hill sei der höchste Punkt zwischen London und dem Ural. Hier auf dem Gipfel des Hügels konnte er das glauben. Er hatte das Gefühl, den wolkenverhangenen Himmel berühren zu können. Auf dem Friedhof rührte sich nichts. Nachdem er den ganzen Vormittag mit einer Meute umhergezogen war, zog ihn die Einsamkeit regelrecht an. Er passierte das Tor und folgte dem gewundenen Steinpfad. Verwitterte Grabsteine ragten aus dem Gras auf wie Finger. Dichte Bäume, Ranken und Farne umgaben den Friedhof. Hinter der Kirche entdeckte er einen Fußweg, der auf der anderen Seite den Hügel hinunterführte. Wieder zauderte er. Der Weg war überschattet von dicken Ästen und wirkte wie ein windstiller, verschwiegener Ort für verbotene Dinge. Aber es stank nicht nach Urin, nirgendwo lagen kaputte Crack-Pfeifen oder anderer Abfall herum, wie es Andrew erwartet hätte. Es ging bergab und nach links – genau dorthin musste Andrew, also machte er sich auf.

Ein Laut zerriss die Luft. Ein Knurren, ein Bellen. Andrew erstarrte und sah sich nach der Quelle der Geräusche um.

Dann fand er sie. Etwa zwanzig Schritte vor ihm hockte ein Mann rittlings auf einem anderen, der flach auf dem Rücken lag. Der Liegende gab diese seltsamen Geräusche von sich. Der Angreifer trug einen langen, viel zu weiten Gehrock mit Frackschößen. Knurrend vor Anstrengung. Das Gesicht des Angreifers erschreckte Andrew. Die Augen quollen aus den tiefliegenden Höhlen – leuchtend blau. Die Haut war gruselig grau. Langes blondes Haar –  fast weiß wie bei einem Albino – hing ihm ins Gesicht. Einmal musste er seine Bemühungen unterbrechen, weil er husten musste, und Andrew hörte wieder den Laut, der ihn angelockt hatte. Das Husten kombiniert mit einem feuchten Klatschen. Der skelettartige Mann wischte sich mit der Hand über den Mund. Dann schaute er auf. Er starrte Andrew an.

Die blauen Augen durchbohrten Andrew sogar auf die Entfernung. Sie gehörten zu einem jungen Mann. Er wirkte ausgezehrt und krank: Er roch nach Tod.

Andrew wurde schlecht. Er taumelte zurück, drehte sich um und rannte davon. Doch nach ein paar Schritten hielt ihn etwas zurück.

Das Opfer. Die Gestalt auf dem Boden.

Die graue Hose und die schwarzen Schuhe waren Andrew bekannt vorgekommen.

Sie sahen aus wie Harrow-Kleidung.

Andrew machte halt und zwang sich kehrtzumachen.

Er näherte sich. Der Tatort kam in Sicht. Das Opfer lag reglos auf dem Rücken.

Kein Angreifer. Nichts rührte sich. Schwere Äste, um die sich Ranken schlangen, schirmten den Platz ab. Andrew ging weiter und sammelte mit jedem Schritt mehr Informationen.

Schwarze Krawatte.

Graue Hose.

Weißes Hemd.

Abgewinkelte Arme, einer lag schützend über der Brust.

Blut auf der rechten Wange.

Ein anderer Schreck fuhr Andrew in die Glieder, und er lief zu der liegenden Gestalt.

Noch ehe er den zerrissenen Harrow-Hut entdeckte, wusste er, dass er einen seiner Mitschüler vor sich hatte. Entsetzt starrte er das Gesicht an. Es hatte all seine Würde verloren: Steinchen und Erdkrümel klebten an Augenbrauen und Lippen. Die Augen waren nach oben verdreht. Der Mund stand offen  – ein Schwimmer, der nach Luft schnappte. Die Haut war durchsichtig weiß – schon jetzt war der Sonnenschein entwichen. Er erkannte den Jungen kaum wieder. Er kniete nieder und griff nach der schlaffen Hand, ließ sie jedoch schnell wieder los. Sie war kalt. Die Nägel hatten sich rötlich grau verfärbt. Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, klopfte Andrew den Körper ab und untersuchte ihn – Hals, Handgelenke, Brust –, er fühlte den Puls, die Atmung, suchte nach irgendeinem Lebenszeichen, als wäre Theo Ryders Leben ein Schlüsselbund, den er durch Abtasten finden konnte.

3

Tod eines Schülers

Es regnete leicht, aber stetig. Ein Krankenwagen stieß zurück zu der Stelle. Der Rückwärtsgang piepste ein paarmal zur Warnung ; das Blaulicht blitzte. Zwei weiße Polizei-BMWs mit Sirenen und orangefarbenen Streifen blockierten den Zugang zur Church Hill Road. Der Tatort war mit Bändern abgesperrt, und das Team des Coroners tat seine Arbeit. Ein Detective wartete darauf, dass das Team zum Ende kam und seine Kollegin die Vernehmung des Zeugen abschloss. Der Zeuge war ein Teenager, deshalb waren sie übereingekommen, dass seine Partnerin das Verhör durchführte. Der Junge war einer der Schüler mit den Strohhüten, die aussahen, als würden sie in ein anderes Jahrhundert gehören. Dieser hatte langes, schwarzes Haar und war groß – zu erwachsen, um diese Schuluniform zu tragen. Er sieht aus, als könnte er bei AC/DC mitspielen, dachte der Detective lächelnd. Der Junge saß auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens, hatte die Beine durch die offene Tür auf den Boden gestellt. Die Polizistin stand vor ihm. Die Körpersprache des Jungen deutete auf einen Schock hin. Er fingerte an seinem Strohhut herum, hielt den Blick gesenkt, murmelte leise und schüttelte immer wieder den Kopf. Der Detective beobachtete, wie seine Partnerin zu der Fundstelle zeigte  – sie versuchte, eine Reaktion zu bewirken und den Jungen dazu zu bringen, mehr preiszugeben. Der Detective verfolgte die Szene aufmerksam. Der Zeuge sah auf, sein Blick zuckte dorthin, wo der Tote gerade in einen Leichensack gesteckt wurde. Das Gesicht des Zeugen verzog sich, als hätte er Angst, dass sich der Tote aufraffen und wie ein Zombie durch die Gegend schwanken würde. Bald gab die Polizistin auf und schlenderte zu ihrem Kollegen.

»Irgendwas Brauchbares?«, fragte der Detective.

»Eher nicht. Der Streifenpolizist hat ihn gefunden, als er um Hilfe schrie.« Sie zog ihre Notizen zurate. »Andrew Taylor. Sie waren Kumpel. Nachbarn im Wohnheim. In einem der Häuser oder wie immer sie das nennen. Mr. Taylor ging hier oben spazieren und entdeckte die Leiche.«

»Irgendwas über das Opfer? Was hatte der Junge hier oben zu suchen? Drogen?«

»Bei dem Toten wurde nichts gefunden. Der Zeuge ist Amerikaner. Gestern angekommen. Erster Schultag.«

»Pech. Ist ihm was aufgefallen?«

»Er sagte, die Leiche sei bereits steif gewesen. Er hat das Blut im Gesicht gesehen.«

»Hat er ihn bewegt?«

»Nach dem Puls getastet.« Sie zögerte, dann drehte sie sich um und sah Andrew an.

»Was?«

»Er ist furchtbar nervös«, sagte er. »Als ob er etwas gesehen hätte. Er scheint Angst zu haben.«

»Von hier aus hatte es den Anschein, als wäre er nicht sehr gesprächig.«

»Stimmt. Gehen wir ein Stück?«

»Nicht, wenn’s nicht sein muss.«

»Was willst du sonst machen? Dich weiter vollregnen lassen?«

Der Detective schlenderte zu Andrew, der noch immer im Polizeiauto saß. Er ging in die Hocke, um dem Jungen in die Augen zu schauen.

»Ich bin Detective Bryant. Meine Partnerin hast du gerade kennengelernt.«

»Hi«, brummte Andrew.

»Ein ziemlicher Schock, was?«, begann Detective Bryant mitfühlend.

Andrew reagierte nicht.

Bryant entschied sich für einen Direktangriff. »Du hast gesehen, was passiert ist, stimmt’s?«

Andrew hob erschrocken den Blick.

Bryant frohlockte innerlich und versuchte es weiter. »Nicht den Ablauf, sondern den Typen, der ihn getötet hat. Hab ich recht?«

Die Augen des Jungen wurden groß vor Angst.

»Wer war es?«, bluffte Bryant weiter. »Ein Ortsansässiger? Jemand aus der Schule?«

Andrew forschte im Gesicht des Polizisten. Für einen Moment glaubte er, der Detective wüsste etwas, wüsste, was er beobachtet hatte. Andererseits konnte niemand, der Bekanntschaft mit der hageren, weißhaarigen Gestalt gemacht hatte, eine derart gleichgültige, sachliche Miene zur Schau stellen. Der Detective stocherte im Dunkeln. Andrew starrte wieder auf seine Hände.

»Ihre Kollegin sagte, er sei heute Morgen gestorben«, sagte Andrew. »Wie hätte ich da beobachten können, was passiert ist? Ich hab ihn erst mittags gefunden.«

Der Detective verfluchte im Stillen seine Partnerin.

»Was ist dann?«, hakte Bryant ein wenig zu eindringlich nach, da er spürte, dass ihm die Felle davonschwammen. »Du hast Angst, das sehe ich dir an. Wovor? Ich sage es bestimmt niemandem weiter«, log er aalglatt.

Aber die Aufmerksamkeit des Jungen richtete sich auf etwas anderes. Der Detective folgte seinem Blick. Eine untersetzte Frau in einem schwarzen Regenmantel war am Tatort eingetroffen. Atemlos bat sie den Polizisten, der an der Absperrung Wache hielt, um Hilfe und zankte mit ihm, als sie unbefriedigende Antworten erhielt. Schließlich deutete der Polizist auf Andrew. Matron sah den Jungen und kam schnurstracks auf ihn zu.

»Letzte Gelegenheit«, sagte Bryant.

»Ich habe niemanden gesehen«, erwiderte Andrew.

»Lüg mich nicht an«, knurrte der Detective.

Ihre Blicke trafen sich.

Kurz darauf erreichte sie Matron. »Hier bist du!«, keuchte sie. »Niemand will mir etwas sagen.« Sie funkelte Detective Bryant an. »Was ist eigentlich los?«

»Jetzt sind Sie in Schwierigkeiten«, raunte Andrew.

Bryant richtete sich auf, um pflichtbewusst die Fragen der Frau zu beantworten und sich ihr bekümmertes Stöhnen anzuhören. Zu guter Letzt war er gezwungen, tatenlos und eingeschüchtert durch die Entschiedenheit der Frau, zuzusehen, wie sie den Arm um Andrew legte und mit ihm den Hügel hinunterging.

»Ich werde ihn trotzdem vernehmen«, rief er ihr hilflos hinterher.

»Er ist minderjährig und steht in der Obhut der Schule«, keifte Matron über die Schulter.

Andrew und Matron ließen die geschäftigen Polizisten hinter sich und gingen etwa dreißig Meter die menschenleere, nasse Straße entlang. An der Kreuzung hatten sich Schüler hinter dem Polizeiauto versammelt. Unzählige blaue Jacketts saugten sich mit Regen voll. Ein Meer von Harrow-Hüten. Die schwarzen Talare der Lehrer. Die Polizisten ließen Andrew und Matron passieren. Sofort wurden sie von den Jungen bedrängt.

Was ist passiert?

Ist da oben wirklich jemand gestorben?

Jemand aus der Schule?

Hast du etwas gesehen?

Andrew versuchte, sich einen Weg zu bahnen. Sie umringten ihn, bombardierten ihn mit Fragen, einige fassten nach ihm. Der Regen wurde stärker, benetzte sein Gesicht und tropfte ihm von den Wangen. Ein Lehrer eilte an seine Seite. Lasst ihn durch, bitte, Jungs. Kommt schon, bitte. Der Lehrer führte ihn zusammen mit Matron durch die Menge. Er erkundigte sich, ob es Andrew gutgehe und in welchem Haus er wohne. Die erste Frage beantwortete Andrew unaufrichtig mit Ja, die zweite übernahm Matron: Lot. Andrew bekam von seiner Umgebung kaum etwas mit, er sah nur die Schöße des Gehrocks, das aschfahle Gesicht und diese blauen Augen vor sich, und das grausige Husten dröhnte ihm in den Ohren.

»So was hatten wir noch nie«, murmelte Matron halb betrübt, halb verärgert.

Sie zog Andrew behutsam die nassen Klamotten aus und ermahnte ihn, sich hinzulegen. dann deckte sie ihn zu. Die ganze Zeit redete sie vor sich hin.

»In fünfzehn Jahren.« Sie schüttelte den Kopf. »Und, oh, was werden die armen Eltern sagen? Man kann sich gar nicht vorstellen, einen solchen Anruf zu erhalten. Da muss man sich doch wünschen, man selbst wäre tot. Ich hoffe, sie haben noch andere Kinder. Oh, die haben sie – Theo hat Geschwister. Trotzdem wird es ihnen das Herz brechen, aber es ist gut, dass sie noch weitere Kinder haben.« Dann verwandelte sie fast ärgerlich die frischen Informationen zu Gerüchten und Klatsch: »Gott allein weiß, was ihm widerfahren ist. Für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall war er zu jung.

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