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Weihnachten für Fans und Spinner

Savannah Lichtenwald

Weihnachten für Fans und Spinner


Mein Herz ist bei all den liebenswerten Menschen da draußen, die Weihnachten nicht zu Hause feiern können, weil ihre Familien sie nicht akzeptieren.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Lüge, das Fell und der Elf im Kamin

Ein Jahr habe ich ihn nicht mehr gesehen, ein verdammt langes Jahr. Jetzt stehe ich hier am ersten Weihnachtsfeiertag auf diesem kalten, zugigen Bahnhof und würde am liebsten davonlaufen. Stattdessen trete ich von einem Fuß auf den anderen. Nicht wegen der Kälte, sondern weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Nervosität. Wenn er da ist - wie wird sich das anfühlen? Fantastisch, miserabel, unerträglich, alles auf einmal.

 

Schlimmer als jetzt kann es eigentlich nicht mehr werden. Andree und ich kennen uns seit drei Jahren und seitdem kämpfe ich gegen die Wirkung, die er auf mich hat. An unzähligen Abenden habe ich im Schachclub vor ihm gesessen, zwischen uns das Brett, und habe statt auf die Figuren auf seine kräftigen Hände gestarrt, auf die fransigen, blonden Haare und habe sein Gesicht beobachtet, wenn er die Stirn runzelte. Wenn er mit leuchtenden Augen den Kopf hob, weil ihm der nächste Zug eingefallen ist und wenn er mich angrinste, als wollte er sagen `Siehst du, Kim, ich werde besser, heute gewinne ich´.

 

Meistens hat er dann doch verloren. Mehr als zwei Züge plant er nicht voraus, er ist eher der spontane Typ. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum er Interesse an diesem etwas verstaubten Spiel hat. Bei mir ist das kein Wunder - ich spiele Schach, seit ich bis drei zählen kann und bin auch recht gut darin. Im Verein stehe ich im Ranking an zweiter Stelle. Das ist nicht übel bei mehr als dreißig Mitgliedern. Andree ist über den drittletzten Platz nicht hinausgekommen, aber es hat ihn nie gestört.

 

Diese ganzen Monate stand ich unter Strom, hatte Schwierigkeiten, nach einem Spiel so unauffällig aufzustehen, dass niemand die Wölbung in meiner Jeans sieht. Über die Nächte mag ich gar nicht nachdenken. Tagsüber habe ich die Stunden bis zum nächsten Treffen gezählt, mich auf sein Lächeln gefreut, seine brummige, gutmütige Art. Er hat etwas von einem zu groß geratenen Teddybär, kuschelig, vertrauenswürdig. Wenn ich die vielen Muskeln betrachte, die sich durch sein Shirt abzeichnen und das kantige Gesicht, dann fallen mir allerdings noch ganz andere Dinge ein. Er ist das Gegenteil von mir. Ich bin kleiner als er, schmaler, mit braunen Haaren und braunen Augen, und wenn mir einer blöd kommt, kann ich ziemlich eklig werden.

 

Jetzt stehe ich hier, weil Andree mich überraschend gebeten hat, ihn abzuholen. Seine Eltern sind verreist und mir ist schleierhaft, warum er ausgerechnet mich anruft. Hat er sonst keine Freunde? Viel weiß ich leider nicht von ihm. Wir haben uns nur im Club getroffen und während eines Spiels spricht man eher wenig bis nichts. Ich weiß nur, dass er vor einem Jahr verkündet hat, dass er verliebt sei und wegziehen würde. Drei Wochen später war er weg und ich am Boden zerstört, habe Tage gebraucht, um zu begreifen, warum das so war. Seitdem bekomme ich keinen Fuß auf den Boden. Jeden Mann vergleiche ich mit Andree und jeder verliert.

 

Sicher, ich hatte mir keine Hoffnungen gemacht, aber dass ich ihn nicht mal mehr sehen würde, hat weh getan. Ich überlege, ob Andree seine Freundin mitbringt. Gesagt hat er nichts, das Gespräch war ziemlich kurz. Meine durchgefrorenen Hände sind tief in den Taschen vergraben und ballen sich zu Fäusten. Wie oft habe ich mir in den vergangenen Monaten gewünscht, dass diese Frau sich in Luft auflöst und Andree zurückkommt.

 

Um mich herum herrscht hektisches Gewusel. Menschen hasten an mir vorbei, rempeln mich mit ihren Koffern an, während ich auf die Gleise starre, dem Zug entgegen. Ganz langsam fährt er in den Bahnhof ein. Meter für Meter zerrt er an meinen Nerven, bis er kurz vor dem Prellbock endlich stehen bleibt. Die Türen öffnen sich, mein Blick scannt die Waggons und trifft auf eine breite Gestalt mit blonden Haaren, die zwei Trolleys aus dem Zug hievt. Schnell laufe ich Andree entgegen und nehme ihm einen davon ab. Das Teil ist verdammt schwer, was hat er da drin? Ziegelsteine?

 

„Hi, Andree, schön, dass du da bist“, begrüße ich ihn. „Mit was hast du denn den Koffer vollgestopft? Den kann man ja kaum heben.“

 

Andree sieht mich an, lächelt schief und antwortet: „Mein halbes Leben ist drin, könnte man sagen.“

 

Mit diesen kryptischen Worten kann ich nichts anfangen, aber er sieht elend aus, dünner im Gesicht, mit dunklen Ringen unter den Augen. Die vergangenen Monate haben ihm offensichtlich zugesetzt. Später muss ich ihn unbedingt fragen, was passiert ist. Jetzt werden wir jedenfalls erst mal zu mir nach Hause fahren. Die Straßen sind höllisch glatt, seit einer Stunde rieselt der Schnee und es ist schweinekalt.

 

Im Auto plappert Andree vor sich hin, erzählt von seinem Job, den er gekündigt hat und dass er ein neues Angebot hier in seiner Heimatstadt habe. Innerlich jubele ich – er kommt zurück, wird wieder hier leben, in meiner Nähe. Von seiner Freundin erzählt er nichts und ich frage auch nicht. Irgendwie mag ich von dem Weib nichts hören.

 

Langsam versiegt Andrees Redeschwall, er fixiert mein Lenkrad und ich frage mich, was er dort sieht, an was er gerade denkt. Vor dem Haus, in dem ich wohne, habe ich Glück und finde direkt vor dem Eingang einen Parkplatz. Andrees Koffer habe ich schon aus dem Kofferraum gewuchtet und vor den Hauseingang gestellt, da hebt er langsam den Kopf und löst umständlich den Sicherheitsgurt. Beim Aussteigen sieht er mich mit unergründlichem Blick an, bleibt mit dem Fuß am Gurt hängen und stolpert – mir direkt in die Arme. Mir bleibt die Luft weg und ich muss mich schwer zusammenreißen, ihn nur festzuhalten und nicht zu umarmen. Meine Hände wollen zu seinem Hintern und meine Lippen zu seinem Mund, in meinem Bauch flirren tausend Schmetterlinge.

 

Andree hält sich an meinen Schultern fest und sagt befangen: „Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst. Da haben wir ja nochmal Schwein gehabt, dass du nicht umgefallen bist. Ich bin ziemlich schwer.“

 

Ja, das ist er, doch dieses Gewicht trage ich gerne. Nur der mehrlagige Stoff ist im Weg. Andree lässt los, schnappt sich seine Zementkoffer und folgt mir durch das Treppenhaus in die Wohnung. Im Flur bleibt er stehen und starrt von dort ins Wohnzimmer. Ich ahne, was er dort sieht, was er sagen wird und ich behalte recht.

 

„Das ist nicht wahr, oder? Ein Kamin und ein Eisbärenfell?“, sagt er grinsend, läuft darauf zu, geht in die Hocke und streicht mit der Hand durch den Pelz. In meiner Fantasie liege ich gerade dazwischen. „Wie viele Frauen hast du da schon vernascht? Die stehen doch auf so was Kitschiges.“

 

Himmel, was soll ich ihm darauf bloß antworten? „Der Kamin war schon da, als ich die Wohnung gemietet habe und das Eisbärenfell ist ein Geschenk von meinen Eltern und meiner Schwester zum Einzug. Sie meinten, zu einem Kamin gehöre das dazu. Aber es ist nicht echt, nur Kunstpelz. Ein totes Tier würde ich mir nicht auf den Boden legen.“

 

„Finde ich gut, damit würde ich mich auch nicht wohlfühlen“, antwortet Andree und setzt sich auf die Couch, die schräg davor steht. „Hast du ein Bier für mich übrig?“

 

„Nein, mit Alkohol kann ich dir höchstens einen Glühwein anbieten. Ansonsten habe ich Wasser und Cola da.“

 

Andree schüttelt sich. „Nee, kein Glühwein, lieber Cola. Ich hasse Weihnachten und alles, was damit zu tun hat. Gottseidank hast du hier keine Deko angebracht.“

 

Seine Abneigung gegen Weihnachten hat er schon letztes Jahr, kurz vor seiner Abreise, mehrfach erwähnt und damit meine Neugier geweckt. Auf meine Fragen hat er damals jedoch ausweichend geantwortet, sodass ich mir die heute auch sparen kann. Dass meine Wohnung so unweihnachtlich aussieht, liegt an den vielen Überstunden der letzten Zeit. Ich hätte gerne Lichterketten aufgehängt und Plätzchen gebacken - ich habe eine Schwäche für so was - aber für den Abteilungsleiter einer Computerzubehör-Firma sind die letzten Wochen vor Weihnachten ein einziges Chaos. Meistens bin ich abends von der Wohnungstür aus ohne Umweg ins Schlafzimmer geschlurft und dort der Länge nach ins Bett gefallen, weil ich so fertig war. Ich gehe in die Küche, hole für Andree und mich zwei Gläser Cola und zünde das Holz im Kamin an. Ist mir egal, ob das kitschig ist oder nicht, ich mag die Hitze, die er ausstrahlt und das warme Licht.

 

„Was ist denn mit deiner Freundin“, rutscht mir unbedacht heraus, die Ungewissheit nagt an mir. „Ist sie nicht sauer, wenn du über die Feiertage weg bist und auch noch wieder zurückziehen willst? Oder kommt sie nach?“

 

Andree verzieht das Gesicht und erwidert: „Das hat nicht geklappt. Die Sache ist in die Brüche gegangen.“

 

Ich habe Mühe, meine Mundwinkel unter Kontrolle zu halten. Ich möchte grinsen, lachen, Freudentänze aufführen, doch das wäre nicht gerade angemessen.

 

„Das tut mir leid“, heuchele ich mit etwas schlechtem Gewissen. „Und wie geht es dir jetzt damit?“

 

„Ist nicht so schlimm, es war von Anfang an der Wurm drin. Wir passen nicht zusammen und außerdem ...“ Er bricht ab, scheint wieder Welten entfernt, wie vorhin im Auto, und betrachtet die kleinen Flammen, die im Kamin hochlodern.

 

I

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