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Was im Dunkeln lauert

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitate
  7. ERSTER TEIL
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
    13. 13
    14. 14
  8. ZWEITER TEIL
    1. 15
    2. 16
    3. 17
    4. 18
    5. 19
    6. 20
    7. 21
    8. 22
    9. 23
    10. 24
  9. Danksagung

Über die Autorin

Elizabeth Hand, geboren 1957, ist eine mehrfach ausgezeichnete amerikanische Autorin. Sie hat Romane, Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht, wofür ihr unter anderem der World Fantasy Award, Nebula Award und International Horror Guild Award verliehen wurden. Außerdem gewann sie für ihren Thriller Dem Tod so nah den Shirley Jackson Award für herausragende Leistungen im Bereich der Spannungsliteratur. Hand lebt mit ihrer Familie an der Küste von Maine.

Elizabeth Hand

Was im Dunkeln lauert

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch
von Angela Koonen

Für Russell Dunn, 1958–2011,
Seelenverwandter, wahrer Künstler und
Reisegefährte in Reykjavík
in immerwährender Liebe

»All die jungen Photographen, die durch die Welt hasten,
weil sie sich dem Aktualitätenfang verschrieben haben,
wissen nicht, dass sie Agenten des TODES sind.«

ROLAND BARTHES, Die helle Kammer

Domine, libera nos a furore normannorum.
»Befreie uns, Herr, vom Zorn der Normannen.«

GEBET AUS DEM MITTELALTER

ERSTER TEIL

1

Wie üblich hatte es mehr Ärger gegeben als erwartet. Im November war ich in den Norden gefahren, auf eine Insel vor der Küste von Maine. Ich hatte gehofft, ich könnte dort ein Interview machen, mit dem sich das mehr als dreißig Jahre alte Wrack meiner Fotografenkarriere wieder flottmachen ließe. Stattdessen wurde ich in eine ziemlich üble Sache reingezogen. Das Ende vom Lied war, dass ich restlos pleite und mit noch weniger Aussichten als zuvor von dort wieder wegfuhr. Aber ich wurde auf gewohnte Weise damit fertig: Ich kaufte mir eine Flasche Jack Daniel’s, drehte die Stereoanlage auf und ließ mich volllaufen.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel. Graupel schlug gegen die schmutzige Fensterscheibe. In einer Ecke der Wohnung, neben einem Stapel alter LPs, blinkte ein rotes Licht: Ich hatte mein Telefon ausgeschaltet, aber den Anrufbeantworter vergessen. Ich torkelte hinüber und wusste nicht, ob es Nacht war oder Abend, gestern oder morgen.

»Cass. Was, um Himmels willen, hast du getan?«

Ich rieb mir die Augen. Mein Schädel dröhnte.

»… weiß zwar nicht, wie du an das Foto von meiner Mutter rangekommen bist, aber es ist besser, du rufst mich so schnell wie möglich an! Sheriff Stone will dich sprechen, außerdem dieser Wheedler vom …«

Ich drückte auf die Löschtaste. Der nächste Anrufer.

»Dies ist eine Nachricht für Cassandra Neary von Jonathan Wheedler von der Maine State …«

Auch die Nachricht löschte ich und sicherheitshalber alle anderen mit, ohne sie mir anzuhören. Dann ging ich unter die Dusche und wartete zehn Minuten, bis sich endlich der Wasserdruck aufgebaut hatte und ein kochend heißes Rinnsal aus der Leitung kam. So ist das nun mal, wenn man dreißig Jahre in einer Wohnung der Lower East Side lebt, wo die Miete noch nie erhöht worden ist. Ich zog mich an – einen löchrigen schwarzen Pullover, eine alte schwarze Jeans, meine Tony Lamas und die zerschlissene Lederjacke, die ich vor ewigen Zeiten bei Goodwill gekauft hatte – und ging nach draußen, um mir einen Kaffee zu besorgen.

Es war Nacht. Die Straßenlampen streuten ein diffuses gelbes Licht. Der Finanzcrash traf das Viertel, in dem ich wohnte, schwer – doch ich hatte kein Mitleid mit den arbeitslosen Hedgefonds-Arschlöchern und den Modepuppen, die nachmittags vor dem Dries-Van-Noten-Laden in ihr iPhone jammerten. Vor dem Crash war dieser Stadtteil noch eine Mischung aus hippen Bars und Bühnen und großen Shoppingmalls gewesen. Anstatt über Junkies hinwegzusteigen, musste ich rattengroßen Hunden in Designer-Pullovern und Windeln ausweichen. Jetzt fragte ich mich, wann es wohl so weit war, dass Jack-Russell-Terrier auf den Speisekarten dieser Bars auftauchten.

Aber einen Umzug konnte ich mir nicht leisten. Ich wohnte hier seit den Siebzigern, und der Vermieter versuchte schon lange, mich loszuwerden. Während der Wochen, die ich weg gewesen war, hatten sich die Räumungsbescheide in meinem Briefkasten gestapelt. Darum rief ich meinen Vater in Kamensic an.

»Sprich mit Ken Wilburn«, sagte er. »Der wird sich darum kümmern. Bist du aus Maine zurück, Cass? Hast du noch Ärger wegen dieser Sache? Komm doch nach Hause, und lass uns mal abends zusammen essen gehen.«

Ich sagte, ich würde es mir überlegen, und legte auf.

Im Weiterhasten zog ich den Kopf vor dem Schneeregen ein und wünschte mir, ich hätte eine wärmere Jacke. Ich ging an einer Warteschlange aus Magersüchtigen vorbei. Sie standen vor einem Restaurant an, das sich auf Trostfutter für Großstädter spezialisiert hatte: Brei aus alten Kartoffelsorten, Trüffelmakkaroni und handgemachter Käse. Eine der Bohnenstangen lachte, gerade als ich an ihr vorbeiging. Ich blieb stehen und drehte mich auf dem Absatz um, sodass die Stahlkappen meiner Stiefel ihre Bally Renovas streiften.

»Hast du was gesagt?«

Skeletor warf mir einen Blick zu und wurde blass.

»Dachte ich mir«, sagte ich und ging weiter.

Früher hatte ich den Spitznamen Scary Neary. Von denen, die mich so genannt haben, sind die meisten inzwischen tot. Das war nicht meine Schuld. Es lag einzig und allein an üblen Drogen und noch übleren Zufällen. Ich selbst wäre heute ein perfektes abschreckendes Beispiel für jede Anti-Drogen-Kampagne: Ich bin eins achtzig groß, raste schnell aus, habe zerzauste schmutzig blonde Haare und eine frische Narbe neben dem rechten Auge als Andenken an meinen Ausflug ins Urlaubsparadies.

Ich ließ das Starbucks links liegen und ging lieber in das griechische Diner um die Ecke, das die ganze Nacht über geöffnet hat. Ganz hinten fand ich eine freie Nische und bestellte schwarzen Kaffee und ein Rib Eye, blutig. Ich hatte das Steak erst halb gegessen, da rutschte jemand auf die Bank gegenüber.

»Hey, hey, hey! Cassandra Android.«

Ich setzte eine gequälte Miene auf. Phil Cohen, früher mal verhinderter Musikjournalist und jetzt der Vordenker eines Promi-Blogs namens Early Death, saß vor mir. Phil war ein Widerling, er stand auf der sozialen Leiter gerade mal ein oder zwei Stufen über oder unter mir. Egal. Er war mein zuverlässigster Speed-Lieferant.

Seit ich zurück war, war ich ihm noch nicht über den Weg gelaufen. Dem äußeren Eindruck nach – Phil wirkte beunruhigend frisch – hatte der wirtschaftliche Abstieg seine Ecke von Hoboken noch nicht erfasst. Phil war nicht der abgerissene Typ, der sich unter Brücken herumtrieb. Vielleicht eher in Tunneln, denn er hatte die rattengleiche Fähigkeit, sich seinen Lebensunterhalt im Dunkeln zusammenzuschnorren.

»Phil. Wie geht’s?«

»Nicht übel, nicht übel. Hey, ich hab gesehen, dass dein Foto in der Smoking Gun war. Gelungener Schnappschuss. Wie, zum Teufel, hast du das hingekriegt?«

Ich schob meinen Teller weg. »Verzieh dich, Phil.«

Er machte ein gekränktes Gesicht. »Ich hab dieser deutschen Redakteurin gesagt, sie soll dich anrufen. Dieser Dame vom Stern. Die zahlen gut. Ich dachte, du könntest ein bisschen was brauchen.«

»Du hast ihr meine Nummer gegeben?«

Phil nickte. Er zappelte andauernd herum, man konnte meinen, er wäre eine lebensgroße Clownsfigur mit Wackelkopf. »Ja klar, was denkst du denn? Gut, dass dein Alter Jurist ist.«

Ich sah ihn böse an und trank meinen Kaffee aus. Phil war es gewesen, der mich vor kurzem nach Maine geschickt hatte, für ein Interview, das er angeblich vereinbart hatte. Aber das war gelogen gewesen wie alles andere auch. Sein Kontakt vor Ort entpuppte sich als ein Fotograf namens Denny Ahearn, dessen bevorzugtes Motiv verwesende Leichen in Bäumen gewesen waren – Menschen, die er selbst umgebracht hatte. Um die Geschichte abzukürzen: Denny fiel letztlich vor der Küste von Maine aus einem Boot, und inzwischen ging man davon aus, dass er tot war. Der Vorfall ging durch die Presse, aber schon nach kurzer Zeit war die Luft raus, da der Mörder ja umgekommen war und nur zwei Mordopfer entdeckt wurden.

Meine Rolle in dieser Geschichte war ein bisschen heikel. Darum hatte ich mich bedeckt gehalten, bis ich wieder in New York war. Ein paar Tage später rief mich dann tatsächlich eine Redakteurin der deutschen Wochenzeitschrift Stern an.

»Ich bin eine große Bewunderin Ihrer Arbeiten, Cassandra.« Sie hob die Stimme ein bisschen. »Der Fotoband Dead Girls war brillant. Ich war damals ein großer Bowie-Fan, wissen Sie? Wir bieten Ihnen einen Exklusivvertrag …«

Sie war enttäuscht, als ich ihr sagte, dass ich keine Fotos von dem Serienmörder oder seinen Opfern hätte. Und ich war enttäuscht, als sie die Summe nannte, die sie zahlen würde. Dann fielen mir die letzten Bilder ein, die ich auf der Insel gemacht, aber noch nicht entwickelt hatte.

Das war einer meiner schwachen Augenblicke. Und die sind bei mir in der Überzahl. Schließlich sagte ich: »Kennen Sie Aphrodite Kamestos, die Fotografin?«

»Kamestos? Natürlich. Sie ist hier sehr bekannt. Helmut Newton hat ihre Arbeit geschätzt.« Sie zögerte kurz. »Sie ist auch vor kurzem gestorben, nicht wahr?«

Ich erzählte ihr nicht, dass ich Aphrodite hatte sterben sehen oder dass ich die Bullen belogen hatte, um nicht wegen Totschlags verurteilt zu werden. Stattdessen überlegte ich schnell, bei wem ich ein paar Dunkelkammerstunden schnorren konnte, um den Film zu entwickeln, ohne dass jemand die Fotos zu Gesicht bekam. »Ja. Ich habe vielleicht eine Aufnahme von ihr, ein Memento mori, quasi eine Totenmaske.«

»Eine Totenmaske?«

»Genau. Wurde kurz nach ihrem Tod gemacht.«

Die Redakteurin hatte entzückt aufgestöhnt. »Ach, das wäre toll!«

Jetzt blickte ich über den Tisch hinweg in Phils Gesicht. »Und, hast du was für mich in deinem kleinen schwarzen Beutel?«

Phil verdrehte die Augen. »Focalin.«

Ich streckte die Hand unter dem Tisch aus, um ein Tütchen in Empfang zu nehmen.

»Sie werden dir gefallen, Cass. Total unkomplizierte Retardkapseln. Die machen keine Probleme. Wahrscheinlich sollte ich das nicht sagen, weil ich dich als Kunde nicht verlieren möchte, aber du kannst sie dir vom Arzt verschreiben lassen. Dann bezahlt sie deine Krankenversicherung. Ein paar Zoloft täten dir übrigens auch ganz gut.«

»Phil. Sehe ich vielleicht so aus, als hätte ich eine Krankenversicherung?«

»Gutes Argument. Hier, willst du?« Er legte ein zweites Plastiktütchen auf den Tisch und schnippte es zu mir herüber. Es landete in meinem Schoß. »Touchdown.«

»Was ist das?«

»Crystal Meth. Absolut rein, hundertprozentig, Cass. So was wie San Pellegrino oder Fiuggi beim Mineralwasser. Es gibt im Moment keine große Nachfrage, aber es ist ein Spitzenstoff. Ein Typ, der mal bei einer Kühlschrankfirma gearbeitet hat, kocht noch mit Freon. Er hat einen schönen kleinen Vorrat an FCKW, aber wo das herkommt, gibt es keins mehr. Ich mach dir ein Sonderangebot, Cassie. Als Weihnachtsgeschenk.«

»Weihnachten ist vorbei, Phil. Aber ich nehme es.« Ich zählte ein paar Scheine ab, um mein Essen zu bezahlen, schob ihm auch zwei rüber und stand auf. »Bis dann.«

Er zog meinen Teller zu sich und machte sich über den Rest des Steaks her. »Ja. Schreib mir, wenn du Arbeit kriegst.«

Auf dem Heimweg passte ich auf, dass ich mich mit meinen Cowboystiefeln nicht im Schneematsch langlegte. Von der Kohle vom Stern hatte ich mir die Stiefel neu besohlen lassen. Für schlechtes Wetter waren sie trotzdem nicht geeignet. Das restliche Geld war für unbezahlte Rechnungen draufgegangen. Außerdem hatte ich ein bisschen was für Ken Wilburn abgezweigt, damit ich noch ein, zwei Jahre in meiner Wohnung bleiben konnte.

Meine langjährige Stelle im Strand Bookstore hatte ich nicht mehr. Eigentlich kein großer Verlust, abgesehen von dem Langfinger-Rabatt, den ich mir immer wieder genehmigt hatte, sodass ich inzwischen eine kleine Bibliothek mit teuren Fotobildbänden besaß. Dass sie nicht noch größer geworden war, lag am gesellschaftlichen Wandel, denn die Ladendetektive hatten aufgerüstet mit Metalldetektoren und Taschenkontrollen; man fühlte sich wie am Flughafen.

Pleite zu sein war aber nicht das Schlimmste. Ich hatte die meiste Zeit meines Lebens als abgebrannte Versagerin zugebracht, hatte im Lager vom Strand gearbeitet und war von einem Bett ins nächste gesprungen. Als ich über zwanzig war, konnte ich ein paar Jahre lang ganz gut von dem kurzen Erfolg der Dead Girls leben, meines ersten und einzigen Fotobildbandes. Alles, was später kam, waren nur Nachwehen.

Trotzdem war ich immer in der Lower East Side geblieben, vor meinem inneren Auge hatte sich schemenhaft ein Bild festgesetzt, wie sie einmal ausgesehen hatte: die Drei-Uhr-in-der-Früh-Ödnis, in die ich mich mit achtzehn verliebt hatte; die zerbrochenen Spritzen und die abgebrochenen Flaschenhälse mit Blut dran; die Gitarren und das Gelächter von Betrunkenen in den Gassen; die Jugendlichen, die ich fotografierte, wenn ihnen die Augen zufielen; die Art, wie sich im Augenwinkel immer etwas bewegte, wie sich die Stadt andauernd veränderte und sich in etwas Neues, Schreckliches und Schönes verwandelte.

Das Schreckliche kannte ich aus eigener Erfahrung. An meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag wurde ich vor dem Punk-Club CBGB vergewaltigt. The scars are so old, wie es in dem Song so schön heißt. Jetzt sind sie Teil eines verblassten Tattoos auf meinem Unterleib, das ich mir stechen ließ, um die Spuren des Messers zu verdecken. Trotzdem gelang es mir manchmal noch, die Stadt, wie sie wirklich war, auf Silbernitrat zu bannen, wenn das Licht günstig war und ich ordentlich was getrunken hatte, wenn ich genug Amphetamin intus hatte, damit mein Herzschlag mit dem Takt meines Blitzlichts mithalten konnte.

Inzwischen war es vorbei mit der Schönheit der Stadt. Ich war zu alt und zu kaputt, um woanders danach zu suchen. Ich hatte zu viel Zeit allein verbracht, und ich hatte nur von Alkohol und Speed gelebt, sodass ich nicht gemerkt hatte, dass das Eis unter mir brüchig und das Wasser mörderisch kalt geworden war.

Der letzte Mensch, der zu mir gesagt hat, dass er mich liebt, war am 11. September ums Leben gekommen. Ich konnte mich schon nicht mehr erinnern, wie sie aussah. Ich war eine ausgebrannte, alternde Punkerin mit totem Blick, einem verblassten Tattoo und einer frischen roten Narbe am Auge. In Maine hatte ich mehr Zeit mit anderen Menschen verbracht als in den Jahren, vielleicht sogar in den Jahrzehnten vorher. Dort hatte es sogar Augenblicke gegeben, da hielt ich meinen alten Fotoapparat in Händen und fühlte mich wie früher, als ich zum ersten Mal in einer Dunkelkammer stand und auf dem Emulsionspapier eine andere Welt auftauchen sah.

Doch mit diesem Gefühl, mit dieser Welt war es vorbei. Seit meiner Rückkehr nach New York hatte ich Albträume, in denen sich eine schwarze Gestalt über mein Bett beugte und mir lächelnd an die Kehle griff. Dann erwachte ich von meinen eigenen erstickten Schreien, und mein Herz schlug gegen meinen Brustkorb wie eine geballte Faust. Ich fühlte mich ausgelaugt, ich fürchtete mich davor einzuschlafen und sogar davor, meine runtergekommene Wohnung zu verlassen. Die ganzen Jahre hatte ich am Rande der Gesellschaft gelebt, doch allmählich sah dieser Rand aus wie der eines Abgrunds. Und so dachte ich mir, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für einen Kurzbesuch bei meinem Vater.

Ein paar Stunden legte ich mich aufs Ohr, dann schluckte ich ein paar von Phils weißen Pillen und ging zur Grand Central. Dort stieg ich in den nächsten Zug nach Kamensic.

2

Der Schneeregen, der die Innenstadt in eine Eislaufbahn verwandelt hatte, ging in schweren Schnee über, als der Zug die Station Valhalla verließ. Während er in den Bahnhof von Kamensic einfuhr, konnte man die Autos die Saw Mill Richtung Süden rutschen sehen, und die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge blinkten in der Ferne wie Christbäume.

Mein Vater nahm mich am Bahnhof in Empfang. Ich hatte kurz vor der Abfahrt angerufen. Er steht immer früh auf. Auch in der dunkelsten Jahreszeit ist er schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen.

»Hallo, Cass.« Er neigte den Kopf, um mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben, und zog den Reißverschluss seines alten L.L.Bean-Parkas zu, dann ging er los Richtung Parkplatz.

»Du hättest mich nicht abholen müssen. Ich hab doch gesagt, ich kann zu Fuß gehen.«

»Hast du nicht gesehen, dass es schneit?«, fragte er nur, dann fuhren wir nach Hause.

Seit Ende der Sechzigerjahre ist mein Vater Richter in Kamensic. Jeden zweiten Dienstag geht er ins Gericht. In der übrigen Zeit kümmert er sich in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, von seinem Kellerbüro aus um mehrere alte Mandanten.

Seit damals hatte sich der Ort in ein Disneyland für Spekulanten verwandelt. Die meisten alten Kolonialhäuser waren jetzt heiß begehrte Zweitwohnsitze und zu Protzbauten aufgemotzte Abrisshäuser, in denen sich nichts rührte, außer wenn die Alarmanlage von irgendeinem kläffenden Hund ausgelöst wurde oder wenn aus Stamford ein Kleinbus mit Arbeitern kam, die den Rasen mähten, Laub wegpusteten oder, wie an diesem Morgen, Schnee räumten. Martha Stewart besaß eine Zwanzig-Millionen-Dollar-Hütte am Rand des Dorfes, wo sie die letzten paar Jahre lang den Namen Kamensic für eine Kollektion von Terrassenmöbeln vermarktete, die so viel kosteten wie ein Semester an einem kleinen Elitecollege.

Mir war das alles zuwider, aber ich freute mich riesig, als ich sah, dass bei dem Sturm eine große Eiche auf den neuen Anbau eines Nachbarhauses gestürzt war.

»Die Alarmanlage hat die ganze Nacht geheult«, sagte mein Vater, als wir in die Auffahrt einbogen. »Ich habe versucht, die Besitzer in der Stadt zu erreichen, aber sie sind nicht ans Telefon gegangen.«

»Die kriegen jetzt ordentlich viel Schnee in ihren neuen Anbau.«

Mein Vater lächelte. Er war der Einzige in ganz Kamensic, der seinen Rasen noch selbst mähte.

Wir frühstückten zusammen und lasen dann die New York Times. Viel redeten wir nicht, aber daran war ich gewöhnt. Meine Mutter kam bei einem Autounfall ums Leben, als ich vier war. Sie wurde von der Lenkradsäule aufgespießt, während ich schreckensstarr auf dem Rücksitz saß. So fand mich die Polizei. Seitdem hielt mein Vater sich an einen groben Grundsatz: Solange mich niemand vor seinen Richterstuhl schleppte, stellte er mir möglichst wenig Fragen.

»Wie war es in Maine?«

»Kalt.«

»Hast du in Freeport haltgemacht?«

»Nein.«

Er stand auf und nahm einen Stapel Papier von der Anrichte. »Ich muss arbeiten.«

Er ging zur Kellertür, blieb stehen und drehte sich um. »Ach, Cass, hier ist etwas für dich gekommen.« Er zog einen Umschlag aus dem Papierstapel und gab ihn mir. »Du bist doch nicht in Verzug mit dem Studiendarlehen, oder?«

Das war ein Witz. Ich war schon im ersten Jahr an der New Yorker Uni wieder ausgestiegen, und seitdem hatte ich keine Post mehr an diese Adresse bekommen. Verwirrt blickte ich auf den Umschlag. »Wann ist der gekommen?«

»Vorige Woche.«

Er ging in den Keller und ich ins Wohnzimmer, wo durch das Schneetreiben draußen ein schauriges bläuliches Licht herrschte. Ich setzte mich und starrte auf den Umschlag. Auf dem dünnen Luftpostpapier stand in schrägen schwarzen Kugelschreiberbuchstaben mein Name über der Adresse. In akkurater, beinahe kindlicher Handschrift, als wollte der Schreiber einen guten Eindruck machen. Mich überlief ein leiser Schauer, der irgendwo zwischen Furcht und Jubel lag.

Ich kannte die Handschrift. Oder hatte sie mal gekannt.

Aber die Erinnerung spielte jetzt keine Rolle mehr. Die riesige Briefmarke zeigte eine verschneite Landschaft mit grünen und violetten Wellenlinien darüber.

ICELAND 120.

Kein Absender. Wen kannte ich in Island? Ich kniff die Augen zusammen, um den Stempel auf der Briefmarke zu entziffern.

REYKJAVÍK

Das dünne Papier des Umschlags zerriss, als ich ihn öffnete. Drinnen lag ein Zeitungsausschnitt in isländischer Sprache. Zu dem Artikel gehörte ein körniges Schwarz-Weiß-Bild von einer tannenbewachsenen Insel, darunter stand: PASWEGAS, MAINE, USA. Ich überflog ihn, bis ich meinen Namen las – Cassandra Neary.

Also hatte ich in Island einen Fan. Einen, der vielleicht den Stern las. Stirnrunzelnd blickte ich in den Umschlag, denn er enthielt noch etwas. Ich holte es behutsam hervor.

Es war das Foto eines nackten Jugendlichen, der ausgestreckt auf einem ungemachten Bett lag. Körniges Schwarz-Weiß, 10 x 15 cm, die Ecken nach oben gebogen und vergilbt. Er war schlank und sehnig, die Brust unbehaart, der halb erigierte Penis lag in der Leistenbeuge. Schulterlange Haare umrahmten ein androgynes Gesicht mit weißer Haut, gewölbtem Jochbein, schmalem Kinn, vollen Lippen und leicht vorstehenden Zähnen.

Aber was mich fertigmachte, waren seine dunklen Augen, die tief in den Höhlen lagen und die aussahen, als wären sie mit Kajal umrandet. Er hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und blickte direkt in den Sucher. Es war kein einladender, sondern ein skeptisch herausfordernder Blick, als überlegte er, vom Bett aufzuspringen und den Fotoapparat zu zertrümmern oder aber den Fotografen neben sich auf das graue Laken zu ziehen.

Ich wusste, wofür er sich damals und jedes weitere Mal entschieden hatte, denn ich war der Fotograf gewesen.

»Scheiße«, flüsterte ich. »Quinn.«

Vor dreißig Jahren hatte ich an diesem Bett gestanden, in einem Zimmer, das keine Meile weit weg lag von dem Haus, in dem ich jetzt war. Ich verschoss damals einen Tri-X nach dem anderen, mit lauter Bildern von Quinn O’Boyle, der manchmal bekleidet, meistens aber nackt war. Ich fotografierte, bevor wir vögelten, danach, sogar dabei. Quinn über seine alte Royal-Schreibmaschine gebeugt oder beim Einschlafen oder in sein zerlesenes Taschenbuch vom Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs vertieft. Quinn auf dem Weg zum Bahnhof, fläzend in einer Nische im Parkway Diner. Er und ich nebeneinander, ein Reflexlicht, sodass der Blitz meines Fotoapparats sich im Spiegel entzündete, der unser Bild reflektierte. Ich fuhr damals mit dem Rad nach Mount Kisco, um den Film in einem schmuddeligen Laden entwickeln zu lassen. Der Besitzer hatte sich auf »künstlerische Fotos« spezialisiert, ein alter Mann, der sich eine Lark nach der anderen ansteckte und nach Lakritze roch. Nur ein Mal zog er eine Braue hoch, als er mir die Abzüge gab, und sagte: »Bist du nicht ein bisschen zu jung dafür?«

Ich drehte das Foto hin und her und betrachtete den Jungen auf dem Bett. Es gab so viele Aufnahmen von ihm, Hunderte vielleicht. Ich hatte sie in einer hölzernen Whiskey-Kiste aufbewahrt. Fast drei Jahrzehnte lang hatte ich weder die Kiste noch die Fotos gesehen. Ich hatte irgendwann einmal mein Zimmer durchwühlt, im ganzen Haus und sogar im Keller gesucht, aber nichts gefunden.

Und Quinn, der war auch verschwunden. Mit achtzehn waren wir zusammen in einen Drugstore im Dorf eingebrochen und nicht geschnappt worden. Mein kleiner Vorrat an Quaaludes brachte mich damals durch mein erstes Jahr in New York, aber da war Quinn schon mit einer Frau, die er eines Nachts in Harlem kennengelernt hatte, in den Norden abgehauen. Ich war damals krank vor Verlangen nach ihm, hatte eine Mordswut und gleichzeitig schreckliche Angst, ich könnte nie wieder ein gutes Foto machen. All diese Gefühle kompensierte ich mit Speed und durch die Fotos, die später als Dead Girls erschienen. Ungefähr um die Zeit, als der Band veröffentlicht wurde, hörte ich, Quinn wäre verhaftet worden bei einem Einbruch in einen Drugstore oben in Putnam County. Er schrieb mir von seinen Eltern aus, bei denen er auf die Urteilsverkündung wartete. Es waren verzweifelte, flehende Briefe, handgeschrieben oder getippt auf liniertem Papier, das aus einem Block gerissen worden war. Manchmal schickte er mir Teile einer Geschichte, an der er arbeitete. Einmal eine Quaalude, die in dem Umschlag zu rosa Pulver zermalmt worden war.

Ich schrieb nie zurück. Als er mich verließ, war es so, als hätte mir jemand mit einer Nadel in die Augen gestochen. Danach sah nichts mehr so aus wie zuvor. An Quinn hatte ich mein Gespür für Psychoschäden geschärft, durch die bitteren Pheromone, die ich inhaliert hatte, wenn ich ihn einen Löffel mit braunem Pulver über eine Gasflamme halten sah, bis es sich mit der Spritze aufziehen ließ. Noch Jahre, nachdem er weg war, hatte ich diesen sauren Geschmack auf der Zunge und sah seine Augen vor mir, die durch den Stoff nur noch schwarze Pupillen waren.

Ich hatte angenommen, er wäre inzwischen tot. Seine Familie war in den Mittleren Westen gezogen. Ich hatte nie versucht, ihn ausfindig zu machen.

Was tat er jetzt in Island?

»Von wem ist der Brief?«

Ich erschrak. Mein Vater war hinter mir ins Wohnzimmer gekommen. »Von niemandem. Ist nur ein Zeitungsartikel.« Ich schob das Foto in den Umschlag und steckte ihn in die Hosentasche. Den Zeitungsausschnitt warf ich in den Papierkorb. »Ist sonst noch was für mich gekommen?«

»Nein. Ich muss jetzt für ein paar Stunden in die Kanzlei. Bleibst du zum Abendessen?«

Ich starrte nach draußen, wo sich Bäume und Mauern im Dunst auflösten. »Nein. Ich muss zurück. Kannst du mich zum Bahnhof mitnehmen?«

Während er sich fertig machte, ging ich nach oben in mein altes Zimmer. Dort erinnerte nichts mehr an mich, es gab keine Poster oder Bücher mehr, keine Klamotten oder Schallplatten. Nur mein Bett stand noch da, jetzt mit einem Überwurf aus weißer Chenille und weißen Kissen. Ich zog Quinns Foto heraus, trat ans Fenster und betrachtete es. Mich überlief ein ahnungsvoller Schauer, und aus den Augenwinkeln nahm ich einen dunklen Schein wahr. Ich roch den abgestandenen Geruch von angesengtem Metall und Blut.

3

Der Zug hatte Verspätung wegen des Schneefalls. Als ich endlich in meiner Wohnung ankam, war es dunkel. Ich aß Thunfisch aus der Dose, dann setzte ich mich vor meinen Computer, um Quinn O’Boyle zu googeln.

Nichts zu finden. Es gab keinen in Island und keinen, der wie er aussah oder sich anhörte, als könnte er der Quinn sein, der ein Nacktfoto von sich an seine Jugendliebe schickt, die er dreißig Jahre nicht mehr gesehen hat.

Ein paar Minuten später gab ich auf und checkte meine E-Mails. Nichts außer Spam.

Oder fast nichts.

Von: derrabe@norwaymi.com

Betreff: Fototermin

Sehr geehrte Cassandra Neary,

ich bin schon lange ein Bewunderer Ihrer meisterhaften Dead Girls, und ich habe Ihr Foto von der verstorbenen Aphrodite Kamestos im Stern gesehen. Ich frage mich, ob Sie Interesse hätten an einer kurzen professionellen Beratung zu einigen Fotos, deren Erwerb ich in Erwägung ziehe …

Noch so ein Spinner. Ich schob den Curser auf Löschen, wartete aber noch, bis ich den Schluss der Mail überflogen hatte.

Natürlich erwarte ich nicht, dass dieser Dienst kostenlos ist, und ich wäre erfreut, mit Ihnen über die Details sowie eine großzügige Vergütung Ihres Aufwandes zu sprechen.

Hochachtungsvoll

Anton Bredahl

Über den Kerl war bei Google so einiges zu finden. Bredahl war Besitzer eines Clubs in Oslo namens Forsvar, in dem Industrial, Death Metal und solches Zeug gespielt wurde und der in einem alten Luftschutzbunker lag. Der Website nach zu urteilen, hatten viele seiner Gäste die schlechte Nachricht über Ian Curtis immer noch nicht verkraftet. Die übrigen sahen aus, als kämen sie gerade von einem Anvil-Konzert. Es gab ein paar unterbelichtete Fotos, auf denen man den Club von innen sah, aber keins vom Besitzer.

Eine Minute lang saß ich da, dann tippte ich meine Antwort.

Anton,

klar, wir können darüber sprechen.

CN

Ich drückte auf Senden und holte mir was zu trinken. Als ich zurückkam, war schon eine neue Nachricht auf dem Bildschirm.

Haben Sie jetzt gerade Zeit zum Telefonieren? Wie lautet Ihre Telefonnummer?

Eine Zeit lang blickte ich durch das graue, verregnete Fenster und trank meinen Jack Daniel’s aus. Was soll’s?, dachte ich und schickte ihm meine Nummer. Schon einen Augenblick später klingelte das Telefon.

»Hier Anton Bredahl.«

»Sie sind aber schnell.«

»Ein Gespräch ist mir angenehmer. Zunächst einmal: Ich kenne Ihr Werk, ich besitze ein Exemplar von Dead Girls

»Sie und fünfundzwanzig andere.«

Er lachte. Die Verbindung war nicht die beste. Entweder telefonierte er mit dem Handy oder übers Internet. Er klang jünger als ich, ungefähr Mitte dreißig. Fast kein Akzent.

»Ja, es war schwer, es zu bekommen«, ergänzte er. »Ein Freund in Amerika hat mir davon erzählt. Vor ein paar Jahren habe ich es von einem Händler gekauft, einem hier in Oslo, der sich auf Fotografie spezialisiert hat. Der Band ist inzwischen ziemlich wertvoll. Wussten Sie das?«

»Hab davon gehört.«

»Ich habe hundertvierzig Euro dafür bezahlt. Der Wechselkurs war nicht günstig, es war also ganz schön teuer. Ich hätte wohl lieber noch warten sollen, oder?« Er lachte wieder. »Man sollte es nachdrucken. Es ist ein guter Bildband. Deshalb habe ich Ihr Foto im Stern erkannt. Dasselbe Auge, dachte ich. Es ist gut, dass Sie wieder fotografieren.«

»Es wäre noch besser, wenn ich dafür bezahlt würde.«

Diesmal lachte er nicht. Ich trank den letzten Schluck und überlegte, ob ich ihn verärgert hatte.

»Darum wollte ich mit Ihnen sprechen. Ich sammle Fotografien.«

»Das Stern-Foto ist unverkäuflich.« Die Negative hatte ich längst in verschiedene Bücher gelegt, ein halbherziger Versuch, sie zu verstecken. »Von meinen Fotos ist gar keins verkäuflich, tut mir leid.«

»Oh nein, das meinte ich nicht.« Er klang ein bisschen verlegen – meinetwegen, wie mir beim nächsten Satz klar wurde. »Ich habe vielmehr überlegt, ob Sie vielleicht Interesse hätten, sich einige Fotos anzusehen und zu bewerten. Keine von mir – ich fotografiere nicht selber. Ich habe vor, ein paar für meine Sammlung zu erwerben. Und wir haben offenbar denselben Geschmack.«

»Das bezweifle ich.« Ich ging in die Küche und schenkte mir nach. »Seit Dead Girls habe ich nichts mehr gemacht. Das wissen Sie, oder?«

»Sie haben das Foto im Stern gemacht.«

Urplötzlich wurde mir flau im Magen. Das ist ein Bulle, dachte ich. Die ganze Stern-Sache war eingefädelt worden, um mir den Tod von Aphrodite anzuhängen. Doch bevor ich auflegen konnte, sagte er: »Joel-Peter Witkin – ich habe seine Arbeiten schon sehr früh gekauft. Aber es sind seine späten Fotos, die ich am schönsten finde, die mit den Leichenteilen. Irgendwann wurden sie jedoch zu geschmacklos. Ich besitze auch eine Reihe anderer Fotografien. Weegee, aber auch – nun ja, mein Geschmack ist ziemlich … ungewöhnlich. Sie wissen, was ich meine?«

»Aha.« Ich wurde wieder locker und kippte den Whiskey runter. »Ja, sicher.«

Das Etikett »ungewöhnlich« passte auf meine fotografischen Arbeiten wie das Etikett »erotisch« auf Pornografie. Dieser Typ stand auf die fotografische Entsprechung zum Rough Trade – zum extremen Rough Trade, das heißt: Fotos mit Toten drauf. Witkins berüchtigte Bilder zeigen Kadaver und Leichenteile, die er aus Leichenschauhäusern und Kliniktiefkühlfächern zusammengetragen und so arrangiert hat, dass Bilder wie das Martyrium des Heiligen Sebastian oder surrealistische Tableaus entstanden, bei denen Buñuel das Grausen bekäme.

»Gefallen Ihnen die Arbeiten von Witkin?«, fragte Bredahl.

»Manche. Die, die nicht allzu bemüht wirken, sind schön.«

»Ja, nicht wahr?« Er wurde lebhafter. »Es gibt so viele Menschen, die nicht erkennen, wie viel Schönheit in der Art liegt, wie er die Welt betrachtet. Das Bild mit den abgetrennten Köpfen, die sich küssen, ist einfach unglaublich.«

»Ich würde es mir nicht in die Küche hängen, aber ja, es ist ein erstaunliches Foto.«

Joel-Peter Witkin – das war eindeutig ein ziemlich ungewöhnlicher Geschmack. Außerdem ein teurer. Nachdem Jesse Helms seine Arbeiten als degeneriert verurteilt hatte, stiegen die Preise ins Astronomische.

Deswegen wunderte es mich, warum Bredahl mich brauchte. An Witkin reichte ich nicht im Entferntesten heran. Wäre mein Stern nicht in den Siebzigern untergegangen, wäre mein Name vielleicht neben seinem im Wikipedia-Artikel über »Transgressive Art« aufgetaucht. Aber so stand mein Name nicht mal in einer Fußnote. Trotzdem musste ich essen. Zumindest trinken.

»Ich soll mir also ein paar gestohlene Witkin-Fotos ansehen und entscheiden, ob sie echt sind? Ich bin kein Kurator, wissen Sie? Ich kann deren Wert nicht einschätzen. Aber ich kann sie mir mal ansehen.«

»Nein.« Bredahl schwieg darauf so lange, dass ich schon glaubte, die Leitung wäre tot. »Sie sollen nicht den Wert schätzen. Ich möchte nur Ihre Meinung hören. Sie sollen Ihre Augen benutzen, als Berater fungieren, mir sagen, ob die Fotos echt sind oder nicht. Die Fotos, die Sie sich ansehen sollen, stammen nicht von Witkin. Sie sind – anders. Wie gesagt: sehr speziell, sehr …«

»Ungewöhnlich?«

»Ja. Manch einer würde sie vielleicht sogar anstößig finden.«

»Hören Sie, wenn es hier um Kinderpornografie geht …«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich muss – wie soll ich es erklären? – vorsichtig sein. Vor allem muss ich erfahren, ob die Fotos echt sind. Verstehen Sie?«

»Nein.« Ich trank mein Glas leer. »Also, ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Ich muss …«

»Ich werde alle Ihre Auslagen übernehmen. Nicht in Oslo, sondern in Helsinki. Und ich zahle Ihnen sechstausend Euro.«

Im Kopf rechnete ich um.

»Tja, also, na gut.«

»Dann buche ich die Flüge. Ist Donnerstag zu früh?«

Heute war Mittwoch. »Donnerstag?« Ich war erst ein Mal im Ausland gewesen, ein Trip nach Belize, der unter keinem guten Stern stand. Hektisch kramte ich in meinem Schreibtisch, bis ich unter einem Stoß alter Kontaktabzüge meinen Reisepass fand. Er war noch ein Jahr gültig. »Ja, Donnerstag passt gut.«

»Ausgezeichnet.«

Ich gab ihm die nötigen Infos für die Buchung.

»Ich maile Ihnen einen Link, damit Sie sich ein paar Sachen aus meinem Archiv ansehen können.« Ich hörte, wie er sich eine Zigarette anzündete und inhalierte. »Die, die ich online gestellt habe. Sie tun wahrscheinlich gut daran, den Link nicht an Ihre Freunde zu schicken.«

Ich versprach, nichts dergleichen zu tun. Nicht, dass ich Freunde hätte. Plötzlich kam mir ein beunruhigender Gedanke.

»Hey, kennen Sie zufällig einen Phil Cohen?«

»Phil Cohen? Nein.«

»Ganz sicher?«

»Ich denke, ja. Ist das ein Problem?«

»Nein. Im Gegenteil. Ich erwarte Ihre E-Mail«, sagte ich und legte auf.

4

Bredahl war schnell. Nur wenige Augenblicke später kam die angekündigte E-Mail mit dem Link und der Anweisung, auf einen Raben zu klicken. Dann würde sich eine zweite Seite öffnen, auf der ich einen Regenbogen anklicken sollte. Danach sollte ich mich mit einem Pseudonym registrieren, und dann würde ich ein Passwort bekommen, mit dem ich mich einloggen konnte.

So gelangte ich auf Antons Seite. Kein Foto, keine Angaben zu seiner Person, nur ein weißer Hintergrund, auf dem es von Tieren, vermutlich waren es Totemtiere, nur so wimmelte: Wölfe, Wale, Papageientaucher, Adler, Schlangen. Es dauerte ein bisschen, bis ich den Raben fand, der mich zur nächsten Seite brachte. Die sah aus, als wäre sie von einem Mädchen aus der fünften Klasse gestaltet worden: lauter pastellfarbene Clips von Einhörnern und Elfen. Ich klickte den Regenbogen an, woraufhin ein Blatt mit Tabellen für die Buchhaltung einer Möbelfirma erschien. Es gab ein Feld zum Einloggen, und das tat ich unter dem Pseudonym Cam Lucida. Ich gab das numerische Passwort ein und blickte einen Augenblick später auf eine Seite im Darkweb.

Plukke rune

Zögernd klickte ich auf ein Icon. Es erschien eine schwarz-weiße Daguerreotypie mit einem verschrumpelten Säugling im Taufkleid. Er lag auf einem Bett. Die Augen waren geschlossen, die Händchen wirkten wie die Krallen eines toten Vogels.

Eine Post-mortem-Aufnahme aus der viktorianischen Zeit. Solche wurden in der Frühzeit der Studioarbeit massenweise angefertigt, als Memento mori für die trauernde Familie, die sie im Salon aufstellte oder in die Familienbibel legte. Es waren begehrte Sammlerstücke, aber sie waren nicht besonders wertvoll, weil es zu viele davon gab, zumal von unbekannten Fotografen, die damit eifrig Geld verdient hatten, als diese Kunst noch neu war. Ich konnte es mir nicht leisten, Bredahls Geld auszuschlagen, aber dieser makabre Kitsch war ganz entschieden nicht mein Geschmack.

Ich klickte einen anderen Link an. Es erschien ein weiteres Post-mortem-Foto mit einer dunkelhäutigen jungen Frau im Sarg, umgeben von hohen Vasen mit weißen Rosen. An den Seitenwänden des Sarges bauschten sich Spitze und Seide. Ihre gefalteten Hände hielten einen üppigen Strauß weißer Lilien. Sie war im Hochzeitskleid aufgebahrt.

James Van Der Zee, um 1920

Das war schon besser. Van Der Zee war ein schwarzer Fotograf, der zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Zehntausende Fotos geschossen hat. Ich hatte ein Exemplar seines Harlem Book of the Dead im Strand mitgehen lassen, gleich nachdem es erschienen war. Inzwischen bekam man es für fünf Scheine. Van Der Zee war fast hundert gewesen, als er starb, und er hat noch bis kurz vor seinem Tod gearbeitet, hauptsächlich Prominente fotografiert. Was eines seiner frühen Harlem-Fotos bringen würde, konnte ich nur schätzen.

Bredahl besaß mehrere, falls dieses Online-Archiv der Wirklichkeit entsprach. Er besaß auch eine Handvoll Fotos von Weegee, dem berüchtigten New Yorker Zeitungsfotografen, der seinen Spitznamen wegen seiner angeblich übernatürlichen Fähigkeit bekommen hatte, so früh am Schauplatz eines Mordes aufzutauchen, dass die Leiche noch warm war, und das war gewöhnlich vor der Polizei.

Von Weegee hatte ich auch einen Fotoband, aber die Bilder, die Bredahl hier zeigte, hatte ich noch nie gesehen. Eine nackte Frau auf der Strandpromenade von Coney Island, ihr Oberkörper vom Hals bis zum Schambein geöffnet, sodass die Haut Falten schlug wie schmutzige Bettlaken. Ein Mann ohne Kopf, zusammengesunken auf einem Barhocker, die Halswirbelsäule schaute aus einem gepunkteten Oberhemd heraus. Ein schwarzer Chihuahua, der neben einer abgetrennten Hand in einer Blutlache leckte. Es gab auch mehrere Witkins, die ich nicht kannte, dazu Fotos vom FBI-Versuchsgelände, wo in einer lieblichen Landschaft mehrere Leichen verstreut herumlagen.

Jetzt kannte ich Bredahls ungewöhnlichen Geschmack. Er musste ziemlich viel Geld haben, um sich den zu leisten. Nur so konnte er rechtmäßig bestimmte Arbeiten erwerben, sogar ein paar Unikate, und er konnte auf dem Schwarzmarkt Bilder kaufen, die wahrscheinlich gestohlen worden waren. Ich hätte mehr Geld verlangen sollen.

Ich schrieb ihm eine E-Mail.

Interessante Seite. Wo haben Sie die Weegees her?

Seine Antwort war kurz.

www.saatavissatumma.com

Ich dachte, das wäre die Internetadresse einer privaten Auktionsseite oder Galerie. Stattdessen öffnete sich eine Seite mit silbern blinkendem Licht.

Astua Sisään. Enter.

Ich klickte drauf.

Dort gab es keine Weegees. Vielmehr füllten raumartige Bilder, die mir vage bekannt vorkamen, den Bildschirm: Frauen, grün und blau geschlagen, saßen in Bürokabinen auf einer Eisscholle; kantig aussehende Männer mit Brillengestellen aus rostigen Nägeln; ernst wirkende blonde Kinder mit Bündeln aus Birkenreisig auf den Armen, die im Gänsemarsch über einen steinigen Strand gingen. Die Models trugen nur giftgrüne Shantungkleider oder Röcke aus künstlich gealtertem Chiffon, trotzdem strahlten die Szenen eine arktische Kälte aus: zugefrorene Seen, öde, tief verschneite Tundren, die aussahen wie Formschnittgärten aus Alabaster. Auf einem Bild spannten zerzaust aussehende Frauen in Pelzleggings und Korsagen Rentiere vor einen Schlitten, der mit rohem Fleisch beladen war.

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