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Vom verzauberten Trudchen

Bertha Mercator

Vom verzauberten Trudchen

und andere Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vom verzauberten Trudchen

Trudchen wohnte mit ihren Eltern in der alten Stadt Breslau, die sehr groß ist, wenn auch nicht ganz so groß wie Berlin. Ihr könnt euch denken, was für eine Menge Straßen und Häuser sie hat.

„Aber unser Haus ist das aller-allerschönste!“, sagte Trudchen fast jedes Mal, wenn es mit Mama ausgewesen war und wieder durch den kleinen, bunten Garten hüpfte, die Treppen hinan zur Glastür mit dem blanken Schellenknopf. „Nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, nicht zu weit und nicht zu nah – gerade richtig und hübsch! Weißt du, Mamale, genau wie das siebente Bett bei Schneewittchen, nicht wahr?“

„Ja, ja, ja! Du Schneewittchen du!“, lachte dann wohl die Mutter.

Und es war richtig, ein Schwätzerchen war Trudchen wirklich! Schon früh am Morgen fing es an, wenn Papa ganz gern noch ein Weilchen geschlafen hätte. „Papa! Papa! Papale!“, rief es dann aus dem kleinen Bett zu ihm hinüber: „Bitte, willst du mir mal schnell ein Rätsel machen, bitte, bitte! Aber nicht so furchtbar schwer wie gestern.“

„I bewahre – schlafen will ich, und du auch.“

„Nein – ich nicht, Papale. Ich bin fertig. Pass auf, dann mache ich dir eins: Es ist – es ist – warte mal – es ist was Spitzes auf was Spitzes! Was ist das?“

Aber Papa gab keine Antwort, und Trudchen schwatzte weiter: „Na! Das kannst du nicht raten? So’n großer Papa und so’n kleines Rätsel! Das Kreuz ist es doch natürlich auf dem Kirchturm von neulich, weißt du noch?“

„So – ja, daran dachte ich nicht“, meinte Papa und lachte ein ganz klein wenig, befahl dann aber: „Nun schweig noch ein Weilchen, verstanden?“

„Ja, aber ich weiß noch so viele Wörter“, klagte Trudchen halblaut unter ihrer Decke. Und nur ein winzig Weilchen dauerte es, gerade bis Papa eben wieder eingeschlafen war, da huschte ein weißes Nachtkittel-Menschchen aus dem kleinen Bett, auf nackten Füßen hin zu dem großen, zupfte den guten Papa am Bart und rief sehr dringlich: „Papale! Du! Hör mal!“

„Na, was ist denn los?“

„Magst du gern Pellkartoffeln?“

Nun glaube ich, hätte mancher Vater den kleinen Naseweis gründlich geklapst. Aber dieser hatte eben nur das eine Trudekind, das mochte er sehr ungern strafen. „Du Hexe“, sagte er darum nur. „Wart, du wirst dich erkälten!“ Dann hob er es zu sich. „Denke aber nicht, jetzt werde ich Rätsel machen oder so was“, erklärte er freilich und schloss schnell wieder die Augen.

Ob er aber schlafen konnte mit dem Schwätzerchen im Arm? Denn Trudchen schwatzte! Und weil es noch nicht mit Papa und Mama reden sollte, redete es mit seinen Fingern, redete mit den Fliegen, mit den Bildern an der Wand; schwatzen musste es nun einmal, das kleine, lustige Ding.

Sobald der Tag anbrach, durfte es das auch nach Herzenslust, Mama war sogar froh, wenn sie recht viel von ihrem Trudekind hörte; denn Papa musste so viel fort sein und Geld verdienen, und Emma, das Hausmädchen, war auch bald fertig mit ihren Fragen und Antworten. Da wäre es ohne Trudchen gar still gewesen.

Im vorigen Sommer war es, da fing jeder Tag für Trudchen an mit der eiligen Frage: „Mama! Mama! Mamale! Wie oft müssen wir jetzt noch schlafen?“

Aber, werdet ihr denken, im Sommer zählt man doch noch nicht die Tage vor Weihnachten! Das dauert ja noch entsetzlich lange! – Fiel Trudchen auch gar nicht ein; sie zählte für etwas ganz andres: Für ihre große Reise zählte sie, denn die sollte bald kommen. Papa hatte es erlaubt und Mama hatte es versprochen: Im Juni, wenn die Rosen blühten, sollte Trudchen mit Mama nach Westfalen reisen, nach Liebenau, wo Großmutter wohnte und Onkel Robert, Tante Anna und ganz viele Kinder.

Trudchen konnte es kaum abwarten, es stand jeden Tag auf den Zehen an jedem Rosenstock im Vorgärtchen und guckte, ob sie noch nicht blühten. Eine Knospe war da, die tat drei Tage lang, als wollte sie aufbrechen, und blieb doch noch so ein rundes festes Ding. Da nahm Trudchen sie, bohrte ihr Zeigefingerlein hinein und drückte sie auseinander, dass die krausen dunkelroten Blättchen aus dem Grün hervorplatzten. Dabei aber brach die Rose ab vom Stiel. Trudchen erschrak. Man sollte nichts abpflücken, es war streng verboten; sie wusste es wohl. Darum steckte sie die arme Rose flink unters Schürzchen, lief zu Mama und flüsterte, dass Emma es nicht hören sollte: „Mamale – ich hab es gemacht, das Abbrechen und das Blühen. Gib mir nur Klapse; aber dann müssen wir ganz schnell den Koffer packen, denn guck, sie blüht ganz richtig.“

Da kamen die Klapse freilich, aber die Reise kam noch nicht; denn was so ein ungeduldiger, vorwitziger Finger macht, das ist kein Blühen, das ist Zerstören. Es half nichts! Trudchen musste warten, warten, warten, bis endlich eines sonnigen Tages die Rosen wirklich blühten, der Koffer gepackt wurde, Mama der Kleinen den neuen roten Reisemantel mit der Kapuze umhängte und Papa und Emma sie abends, als es kühler wurde, hinbrachten zur Eisenbahn. Jetzt fing die Reise endlich an!

„Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!“, rief Trudchen immer noch einmal aus dem kleinen Fenster, und ganz zuletzt sprang der liebe Papa auf den Wagentritt, küsste sein Mädelchen so tüchtig, dass sein langer Bart es ordentlich kitzelte, steckte ihm noch eine runde rosa Schachtel in die Hand, und dann fing der Zug schon an zu fahren – Papa musste nur ganz fix wieder herunter springen.

„Kommt Papale morgen auch nach Liebenau?“, fragte Trudchen, denn es wurde ihm ganz ängstlich zumute, als er so plötzlich weg war.

„Nein, leider nicht“, sagte Mama. „Er muss hier bleiben und Geld verdienen.“

„Braucht er gar nicht, wir haben genug. Dein ganzes Portmonee ist ja voll und dann noch meine Sparbüchse. Die kann er sich aus dem Silberschrank nehmen und mitkommen.“

Mama seufzte. Jetzt guckte Trudchen die kleine Schachtel an. „Ach, und ich glaube, hier sind auch noch Taler drin!“

Es waren wirklich Taler, aber von Schokolade, und Trudchen durfte gleich einen essen. Dabei wurde sie wieder vergnügt und meinte: „Zwei will ich nie, nie aufessen; die soll Papa haben, wenn er zu uns nach Liebenau kommt.“ Dass er kommen müsse, meinte sie nun doch einmal, obwohl Mama den Kopf schüttelte.

Das Reisen gefiel Trudchen sehr, besonders so lange sie am Fenster knien durfte und sehen, wie draußen alles flog; wenigstens sah es so aus, als flögen Häuser, Bäume, Leute, Tiere, Telegrafenstangen schschschsch am Zuge vorbei. In Wirklichkeit war es der Zug selbst, der solche Eile hatte und mit jeder Minute weiter wegsauste von Breslau und dem aller-allerschönsten Hause, in dem Trudchens Bett stand.

Es stiegen immer mehr Leute ein, zuletzt eine gar dicke alte Frau; da wurde es so eng, dass Trudchen vom Fenster weg musste auf Mamas Schoß. Dort aßen sie zusammen zwei Brötchen auf, immer jedes einen Happen, und tranken Milch dazu aus Trudchens silbernem Becher. Das war nicht ganz leicht, wenn der Zug so rüttelte, aber es ging doch. Dann wurde es so dunkel, dass die Welt draußen ganz schwarz und langweilig aussah und inwendig im Eisenbahnstübchen eine kleine Lampe brennen musste.

„Sind wie bald da?“, fragte Trudchen und gähnte; jetzt hatte sie genug von der Eisenbahn.

„Schlaf ein bisschen, mein Liebling, nachher kommt dann bald Liebenau!“, sagte Mama und machte ihm ein Nestchen auf ihrem Schoß.

Wirklich, es dauerte nicht lange, so schlief Trudchen ein, schlief und schlief und lächelte manchmal im Schlaf, denn es träumte Liebes und Schönes. Ja, einmal lachte es sogar hell auf, schlief aber weiter.

„So ein Kind! So ein Kind!“, sagte die alte, magere gelbe Dame, die ihnen gegenüber saß und so viel seufzte und den Mund so fest zukniff, wenn sie einmal gerade nicht seufzte. „So ein Kind! Sogar im Schlafe kann es sich noch freuen.“

„Ja, es ist ein Sonnenscheinchen“, nickte Mama, deckte den roten Mantel über Trudchens Beine und küsste leise die kleine warme Hand, die den halben Schokoladentaler, der zum Nachtisch hatte verspeist werden sollte, noch festhielt.

Erst am andern Morgen wurde Trudchen wieder recht wach, es hatte wohl ein paar Mal so getan, als wollte es wach werden, hatte sich gestreckt und gereckt und ein paar Wörtchen geredet; aber jetzt riss es seine Blau-Äugelein weit auf, schaute erstaunt um sich, schaute die Mutter an, schaute die hohen Häuser an, zwischen denen man eben langsam hindurchfuhr, sprang auf beide Füße und rief: „So, nun kommt Liebenau!“

Aber o weh! Dies war noch längst nicht Liebenau, sondern erst Berlin. Die gelbe Dame stieg hier aus, strich beim Weggehn mit ihrer langen Hand über Trudchens Blondschopf und sagte: „Sonnenscheinchen, du! Auf Wiedersehn!“

Aber was war das nur mit Trudekind? Wo war der Sonnenschein? Als Mama ihm erklärte, das sei Berlin, hier würden sie behaglich frühstücken und dann weiter fahren, machte es ein verdrießliches Gesicht, so eins, wie eigentlich nur in die Ecke gehört, und nicht einmal der richtige Kaffee mit zwei dicken Zuckerstücken darin, so etwas Wunderbares, das kleine Mädchen sonst nie kriegen, machte Trudchen wieder vergnügt.

Still saß es auf seinem Plätzchen, als der Zug nachher weiterfuhr. Es mochte seine Puppe nicht, es mochte den Ball nicht, den Mama auf einmal entdeckte, es mochte nicht aus dem Fenster gucken und nicht in das Bilderbuch hinein, das aus der Reisetasche hervorkam. „Kommt bald Liebenau?“, fragte es nur immer wieder und dann jedes Mal gleich hinterher: „Ist Papale schon in Liebenau und Emma auch?“

Die arme Mama gab ihr schließlich gar keine Antwort mehr und war herzlich froh, als sich endlich, endlich grüne Berge zeigten und sie rufen konnte: „Guck, mein Trudchen, jetzt sind wir da!“

Auf dem Bahnhof standen Onkel Robert und Tante Anna und winkten und lachten, und kaum hielt der Zug, da flog auch schon die Tür auf und Tante Anna streckte beide Arme herein: „Willkommen, willkommen! Trudchen, arme kleine Maus, nun darfst du endlich aus deinem Käfig!“ Aber die kleine Maus tat gerade wie eine echte: Sie entwischte Tante Annas Händen und krabbelte an Mamas Kleid in die Höhe.

Dann freilich hob der große Onkel Robert sie mir nichts dir nichts aus dem Eisenbahnwagen und gab ihr einen Kuss, den sie sich aber schnell wieder abwischte. Doch niemand sah danach, denn nun gab es so viel zu fragen und zu denken, bis die Koffer und die Fahrkarten besorgt waren, und da waren so abscheulich viele Leute, die stießen und drängten. Trudchen mochte wollen oder nicht, es musste sich schon von Tante Anna festhalten lassen, sonst hätte man es umgerannt.

Endlich aber war man fertig, aus dem Bahnhof heraus und in eine ganz stille Straße gekommen, eine, an der noch kaum Häuser standen, nur Bäume und Hecken. Am Ende sah man eine schöne Kirche mit einem schlanken Turme und neben der Kirche ein hohes steinernes Haus. „Das ist unser Haus“, sagte Tante Anna.

„Unser Haus ist noch viel schöner!“, piepte Trudchen, so schnell es nur konnte, ließ Tantes Hand wieder los und fasste Mamas desto fester.

„Lass sie, lass sie“, meinte die Tante. „Sie ist noch scheu, das gibt sich bald, wenn die Kinder kommen.“

Und vor ihnen über den holprigen Weg kamen eben schon ein paar Kinder, ein langes, dünnes Mädchen mit zwei unordentlichen, blonden Zöpfchen – und ein Junge, der nicht viel kleiner, aber noch einmal so breit und dick war und einen ganz kahlgeschorenen Kopf hatte.

„Evchen kann es natürlich nicht mehr erwarten, und Heini schleppt sie gleich mit“, lachte Onkel Robert.

„Welchen Heini?“, fragte Trudchens Mama.

„Ach, weißt du nicht, dass der bei uns ist? Heini Sieber aus Neudorf, Er muss alle paar Tage zum Ohrenarzt, und das geht von hier aus besser als von Neudorf. Der arme kleine Kerl! Er hört so schlecht seit dem Scharlachfieber.“

Doch sah der arme klein Kerl recht vergnügt aus und Evchen nicht weniger, als die beiden nun mit großen Sprüngen den Reisenden entgegenflogen.

„Nein, Evchen, was ist aus dir geworden!“, rief Trudchens Mama verwundert. „Als ich dich zuletzt sah, warst du kleiner als Trudchen und jetzt solch eine Stange! Sieh, Trudemaus, das ist deine älteste Cousine Evchen, und das ist Vetter Heini; von dem habe ich dir noch nichts erzählt, aber lieb haben will er dich auch, nicht wahr?“

Heini nickte und sah ein bisschen dumm dabei aus, denn er hatte nicht alles verstanden, nur das vom Liebhaben, darum bückte er sich schnell zu Trudchen und gab ihr einen Kuss, den es sich aber ebenso eilig abwischte wie vorher den vom Onkel.

„Dürfen wir mit Trudchen vorlaufen?“, fragte Evchen. „Ach Mutter, sie ist süß!“, flüsterte sie, noch ehe die Mutter antworten konnte.

Aber Trude war durchaus nicht süß, sie klammerte sich an ihre Mama und machte ein ganz saures Gesichtlein. Da ließen sie sie und liefen allein vor.

„Sie sind da, sie sind da!“, schrieen sie in den Garten hinein. „Reizend ist sie! Blonde Löckchen und einen roten Zwergenmantel!“, erzählte Eva. Heini sagte gar nichts.

Und jetzt kamen sie auch schon. Auf die Veranda traten sie und guckten in den Garten. Trudchen riss die Augen auf. Freilich, das war ein anderer als der in Breslau. Hier gab’s ein einziges großes Rosenbeet, von dem man abpflücken durfte – das sah man; denn es standen ein paar Kinder mit einem Puppenwagen mitten im Grase, und der Puppenwagen war ganz mit Rosen bedeckt. Hier gab’s einen großmächtigen Sandberg und viel zu viele Hacken, Schaufelchen und Holzformen, das sah man; denn im halben Garten lagen sie verstreut. Hier gab es Hühner, lebendige weiße, schwarze und braune, die liefen da über Gras und Sand; hier gab es vor allen Dingen Kinder.

Nein, was für eine Menge Kinder! Zwei standen an der Verandatreppe, schämten sich und wollten doch gern das neue Cousinchen und Tante Marta besehen. Das waren Christel und Minna, das Küsterkind. Zwei standen bei der Schaukel – richtig, eine Schaukel war ja auch noch da! – schlugen mit Stöcken auf einen alten Gartenstuhl und kümmerten sich sonst um nichts in der Welt. Das waren Käthe und ihr Freund, der Nachbarjunge Adolf Müller.

Drei kleine Mädchen und ein rotbackiger Junge hockten um den Puppenwagen; sie hatten wohl eben Taufe gespielt, das waren Frieda und Martha und zwei „Kardinälchen“, nämlich Karl und Hilda von Kardinal, auch ein paar Nachbarskinder. Und über das niedrige Gartentor, das in die Wiesen führte, guckten noch drei oder vier Kinder, und aus dem Hühnerstall kam eben noch eins gesprungen. Trudchen war ganz erschrocken; so viel Kinder auf einem Haufen hatte sie wohl noch nie gesehen.

Das Hühnerstall-Dirnlein war noch ein gar Kleines, noch kleiner als Trudchen, gewiss noch nicht vier Jahre alt. Aber es schleppte ein fettes, schwarz und weißes Kaninchen zur Verandatreppe hin und pustete vor Vergnügen.

„Ach, ein Hundele!“, schrie Trudchen und hüpfte ein paar Stufen abwärts.

„Is gar kein Hund, is Ninchen“, schrie das andre Kind. „Is ja unser Puck; Muck kommt auch gleich.“

„So, nun gebt euch doch erst einmal die Hand, ihr beiden kleinen Naturforscher“, lachte Tante Anna. „Siehst du, Trudchen, das ist Brigitte, dein Cousinchen Brigitte; mit der kannst du den ganzen Tag spielen.“

„Will ich nicht“, sagte Trudchen, drehte sich um und kletterte wieder ein paar Stufen aufwärts.

„Aber Trudchen!“, rief die Mama.

„Mit dem Hundele will ich spielen, aber die Kinder sollen weggehen“, flüsterte Trudchen ganz weinerlich.

Es war nur gut, dass Tante Anna jetzt bat, man möchte sich doch an den gedeckten Verandatisch setzen und ein wenig Kuchen und Erdbeeren essen, sonst wären wohl gleich in der ersten Viertelstunde Tränen gekommen. „Das Kind ist ganz verwirrt von unserer Herde“, meinte sie. „Sieh nur, Robert, wie es sich an seine Mutter klammert.“

„Morgen wird sich’s schon ändern“, beruhigte der Onkel. „Es muss erst einmal eine Nacht geschlafen haben.“

„Ja – wenn es nur erst schliefe!

In der Gaststube stand neben Mamas Bett ein Gitterbettchen, drin hatte sonst Käthe geschlafen, und es war ein wirklich nettes, behagliches kleines Bett. Aber Trudchen sah es sehr misstrauisch an, und als es hinein kam, seufzte es, und als Mama mit ihm gebetet hatte und es küsste, seufzte es noch viel schlimmer und hielt ihren Arm fest, so lange es nur konnte. Als Mama aber dann aus der Türe ging, schrie es plötzlich laut auf: „Nein! Nein! Nein! Hier bleiben, Mamale! Hier bleiben, sonst kann ich gar nicht einschlafen.“

„Natürlich kannst du einschlafen. Sieh mal, was für ein liebes Bettchen! Sieh mal die schöne bunte Decke, darunter schläft man ja wie im Himmel. Und was denkst du wohl? Brigitte schläft auch schon – hier nebenan schläft sie artig. Du wirst dich doch nicht schämen wollen vor der kleinen Brigitte?“

Aber Trudchen weinte. „Kribitte soll weggehen“, schluchzte sie. „Aber du sollst hier bleiben!“

Eine kleine Weile tat Mama ihr wirklich den Gefallen, dachte, nun wäre sie eingeschlafen, und schlich leise hinaus. Doch noch nicht an der Treppe war sie – da schrie Trudchen schon wieder, und schrie so laut, dass Brigitte aufwachte, in ihrem Bettchen saß und kopfschüttelnd sagte: Trudchen is unartig, ich bin aber artig!“

„Na, du kleiner Pharisäer, immer aber auch nicht“, rief Evchen ihr zu, die eben von Tante Anna geschickt war, um zu sehen, ob Trudchens Mama noch nicht in den kühlen Garten käme.

Nein, sie konnte noch nicht kommen; denn am allerersten Abend wollte sie doch Trudchen hier nicht solch ein Schreikonzert geben lassen, und so musste sie wohl neben dem Bettchen sitzen bleiben und warten, bis es ganz dunkel war und das Kind wirklich schlief.

Endlich, endlich saß sie dann doch noch gemütlich mit den andern um den Tisch zwischen den Tannen, von wo man einen so freundlichen Blick auf das Haus und die Kirche hatte. Der Garten war aufgeräumt und still, die Kinder schliefen, der Abend war so wunderschön und friedlich. Vom Küsterhause nebenan, wo Minna wohnte, klang es jetzt mit feierlichen Posaunentönen herüber: „Nun ruhen alle Wälder“.

„Das sind unsere braven Bläser vom Blaukreuzverein“, sagte Onkel Robert, und dann schwiegen sie alle, ein jeder betete ihn wohl in seinem Herzen mit, den schönen Vers:

„Breit aus die Flügel beide,

O Jesu, meine Freude,

Und nimm dein Küchlein ein;

Will Satan mich verschlingen,

So lass die Englein singen:

Dies Kind soll unverletzet sein.“

Plötzlich sprang Trudchens Mama auf, und zugleich kam von der Verandatreppe herunter eine kleine weiße Gestalt; das war Christel im Nachtröckchen, und sie liefen einander entgegen und riefen einander entgegen – beide genau dasselbe: „Trudchen schreit wieder ganz fürchterlich!“

Allerdings: Als die arme Mama heraufkam, stand es in seinem Bettchen und schrie, als würde es gebraten: „Wer tut das? Wer tut das?“

Jetzt merkte Mama, dass die Posaunenbläser es aufgeweckt hatten und dass es wirklich sehr erschrocken war. Sie nahm das kleine Dummerchen fest in ihre Arme. „Das kennst du nicht, mein Liebling. Weißt du, hier nebenan sind nur ein paar brave Jungen, die haben blanke Hörner, wie der Postillon im Bilderbuch, weißt du noch? – Horch nur, Liebling, wie schön sie blasen! Ist ja unser Lied: Breit aus die Flügel beide.“

Aber Trudchen zitterte vor Angst, hielt sich die Ohren zu und wurde nicht eher ruhig, als bis die Mama sich auszog und sie zu sich ins Bett nahm.

Das war ihr erster Abend in Liebenau, auf den sich beide so lange gefreut hatten!

Am nächsten Morgen schlief Trudekind zum Glück so fest und lange, dass es nichts hörte von den vier Cousinen, die sich nicht allzu leise anzogen, nichts merkte vom Heini, der mit einem fürchterlichen Bumsen die halbe Treppe hinunterfiel. Eva hatte ihn wieder einmal geneckt. Sie war so lang und schlank und so behänd wie eine Eidechse; turnen und klettern konnte sie, es war erstaunlich! Schade nur, dass sie sich oft sehr unpassende Orte und Zeiten für ihre Übungen aussuchte! So heut Morgen, wo alles besonders sachte hergehen sollte, damit die Reisenden sich recht ausschliefen, das Treppengeländer. Heini wollte ihr Kunststück nachmachen, weil sie ihn immer neckte und Heini Viereck rief; dabei rutschte er dann aus und segelte unter Evchens Gelächter mit Poltern zum Hausflur hinab. Zum Glück hatte er nur ein paar Beulen am Kopf, und der war ohnehin so dick, dass es nichts ausmachte, als er noch ein bisschen dicker wurde. So meinte Evchen wenigstens und schluckte die Tränen hinunter, die ihr Vaters Ohrfeige in die Augen trieb. Doch steckte sie Heini nachher eine Handvoll Stachelbeeren von ihrem eigenen Busch in die Tasche. „Da! lauter Pflästerchen für deine Beulen.“

Die beiden Mütter standen unterdes an Trudchens Bett und sahen auf das schlafende Blondköpfchen. Es hatte rosige Bäckchen und sah doch ein wenig traurig aus. „Das arme kleine Ding! Es ist ihm alles gar zu neu hier; aber du sollst sehen, heut wird es wieder lustig sein und herrlich mit Brigitte spielen.“

Aber, aber – Trudchen wurde nicht lustig und spielte durchaus nicht herrlich mit „Krigitte“, wie es standhaft und ein bisschen ärgerlich über den dummen Namen immer sagte, noch mit den anderen. Es klammerte sich an Mamas Hand, Arm oder Rock und schrie, sobald Mama es auch nur für einen Augenblick verlassen wollte. Es fragte wohl zwanzigmal: „Kommt Papale bald?“, und es ärgerte sich den lieben langen Tag, das arme Trudekind.

Es ärgerte sich über Brigitte, die seinen Ball in den Garten warf; es ärgerte sich über den Garten, weil er immer voll Kinder war – sie hatten ja allzumal Ferien! Es ärgerte sich über die Kinder, weil sie es streichelten und allerlei fragten; es ärgerte sich über das Küchenmädchen, weil es Luise hieß und nicht Emma; er ärgerte sich über die ganze Welt. Ja – es ärgerte sich sogar über sein geliebtes Mamale; denn hier in Liebenau gab Mama ihm viel mehr Klapse und viel weniger Küsse als in Breslau – das war ganz gewiss.

Ach, die arme Mama, sie wusste wirklich zuletzt nicht mehr, was sie anfangen sollte mit ihrem weinerlichen Trudekind. Sogar bei der Großmama, die sie nachmittags besuchten und bei der es doch so hübsch still und ordentlich war wie im Breslauer Haus, hatte Trudchen ein missvergnügtes Gesicht gemacht, ihre Milch nicht trinken wollen und zuletzt laut geschrieen, als Mama und Großmama nur eben in ein anderes Zimmer gingen.

„Ich kenne so etwas gar nicht an unserem Sonnenscheinchen“, sagte Mama ganz erschöpft. „Ihr werdet es mir gar nicht glauben, was für ein fröhliches Kind Trude sonst ist. Vorgestern in der Bahn noch saß uns eine alte grämliche Dame gegenüber, die konnte sich nicht genug wundern über das vergnügte Schwätzerchen. ,Nein‘, meinte sie, ,so ein Kind! Sogar im Schlaf kann es sich noch freuen.‘ Und zum Abschied streichelte sie es und sagte ganz gerührt: ,Lebewohl, Sonnenscheinchen! Auf Wiedersehen!‘ – Wie verzaubert kommt es mir vor.“

„Lasst ihm nur Zeit, es wird schon anders“, tröstete Tante Anna und ermahnte dann Evchen, die mit weit offenen Augen dabei stand: „Ins Nest, Kind, ins Nest! Es ist höchste Zeit.“

Aber Evchen konnte in ihrem Nest doch noch lange nicht einschlafen. Ein ganz wunderbarer Gedanke ging in ihrem Kopf ringsum; am nächsten Abend bekam man ihn zu hören.

Am nächsten Abend nämlich war „Gruselverein“ – Was ist denn das?, werdet ihr fragen. – Nichts Gescheites und nichts zum Nachmachen, das sage ich euch im Voraus.

Also: Evchen, Küsters Minna und noch ein andres Nachbarkind, die Else mit den schwarzen Zöpfen, sie waren alle drei ganz fürchterliche Leseratten. Kein Zeitungsfetzen und kein Buchumschlag war vor ihnen sicher, und so hatten sie manchmal schon dumme, unnütze Geschichten gelesen, die ihnen ihre Eltern gewiss nicht in die Hand gegeben hätten. Seit Kurzem war es Mode bei ihnen, dass man nach recht gruseligen Geschichten jagte, wie die richtigen Ratten nach fetten Bröckchen. Wer eine erwischt hatte, verzehrte sie aber keineswegs allein, wie eine Ratte ihren Leckerbissen, sondern er teilte sie den anderen mit, und dann eben wurde sie recht gruselig. Denn dies Erzählen durfte nur gegen Abend und nur an zweierlei Orten geschehen: bei schönem Wetter auf dem Bänkchen im Kindergang; das war ein niedriger Laubengang ganz am Ende des Gartens. Das Bänkchen gehörte eigentlich Käthe und ihrem Freund Adolf, die beiden hockten dort oft stundenlang und spielten Spiele, die sie nur alleine kannten; doch überließen sie es den Größeren zur Abendzeit, denn dann machten sie sich auf und suchten für ihre neueste Sammlung – na was denn wohl? Abgebrannte Streichhölzer!

Auf dem Bänkchen war’s traurig schön, wenn der Wind im Buschwerk ringsum seufzte und zuweilen ein Rabe in den Wiesen krächzte oder eine Kuh brüllte. Aber fast noch schauriger und schöner war’s bei Regenwetter in der Badestube, wenn man die Läden zumachte, sodass nur durch das runde Loch oben ein einziger Lichtstreif auf die Wäschekiste fiel, auf der eng aneinandergedrängt die drei Gruselvereinler saßen und mit den Beinen baumelten. Neulich hatten sie sogar alle in der Badewanne gehockt – trocken natürlich; aber das hatte Mutter verboten.

Heute war Gruselverein auf dem Bänkchen: Eva saß in der Mitte und flüsterte: „Dies ist eine traurige Geschichte, hört mal, keine gelesene! Ein bisschen ist wahr davon und ein bisschen ausgedacht. Sie heißt: Vom verzauberten Trudchen.“

„Trudchen Adams?“, fuhr Minna dazwischen.

„Nett verzaubert!“, lachte Else. „Verkehrt ist der kleine Racker; mehr Prügel als Essen müsste es haben, wenn es mein Kind wäre.“

„Ach, nun seid stille, sonst höre ich auf“, sagte Evchen ärgerlich, lehnte sich zurück, guckte in die dichte Hecke, als lese sie ihre Geschichte von den grünen Weißdornblättern, und fing wieder an: „Also: Vom verzauberten Trudchen! – Es lebte einmal ein Prinzesschen, das war immer vergnügt, vom Morgen bis zum Abend. Weinen kannte es gar nicht, nicht einmal wie es noch im Wickelbettchen steckte. Eines Tages wollte die Königin, seine Mutter, mit ihm verreisen. Da wurde Prinzess Trudchen noch viel lustiger als sonst und lachte, dass jeder mitlachen musste, der es ansah, und plauderte so niedlich, dass alle Leute es lieb haben mussten. Sie mussten einfach! Aber eines Abends – die Reise war sehr weit – fuhren sie durch einen dunklen Wald; in einem Postwagen saßen sie, das fand Prinzess Trudchen so allerliebst. Passt auf, jetzt kommt es gruselig! – Mitten im Wald hielt der Wagen, und hinein steig eine alte gelbe Frau ...“

„Gelb? Ganz gelb?“, fragte Minna und schüttelte sich.

„Im Gesicht natürlich; aber Augen hatte sie – wie so ’ne schwarze Katze – huh! Und damit guckte sie das Prinzesschen immer an – guckt mal – so –“

„Brrr! Wie gräulich!“

„Und der Königin wurde es ganz unheimlich, aber Prinzess Trudchen merkte nichts, lachte und schwatzte und schlief endlich ein. Im Schlaf lachte es noch weiter. Da auf einmal bückte sich die gelbe Frau und fuhr ihm mit der gelben Hand übers Gesicht – guck so –“

Es knackte im Haselbusch über dem Bänkchen. „O! O! Eine Hexe! Ein Spuk!“, schrie Else und sprang auf, dass die Zöpfe flogen.

Aber Evchen lachte. „Bleibe doch sitzen, du Hasenfuß! Ist ja nur der Heini, der sucht Nüsse und hört doch nix.“

„Das darf er auch nicht! Unser Gruselverein ist doch ein Geheimnis.“

„Na, der Heini merkt nichts, und wenn auch, weißt du “, beruhigte Minna. „er ist ein bisschen dumm.“

„Sogar ein bisschen tüchtig“, nickte Evchen und rief laut: „Du, Heini! Heini Viereck! Hast was vernommen?“

Heini gab keine Antwort. „Na, dann purzle nur nicht, wie gewöhnlich!“, und Evchen setzte sich wieder zurecht und erzählte: „Also wie sie das getan hatte, da murmelte sie so etwas, grinst und – ehe die Königin sich recht besinnen konnte, war sie verschwunden. Aber Prinzesschen seufzte, zum ersten Mal in ihrem Leben seufzte es, machte ein ganz verkehrtes Gesicht, riss die Augen auf und wurde wach. „Ach, wie ist das hier abscheulich!“, rief es und fing an zu weinen. Von dem Augenblick an weinte es immer los, gerade so viel, wie es vorher gelacht hatte. Es war ganz wie ein anderes Kind.“

„Verzaubert natürlich!“, wisperte Minna.

„Natürlich! Und die alte gelbe Hexe kriegte nun all das Lustigsein von Trudchen, sang und sprang den ganzen Tag in ihrem Hexenhäuschen. Aber das Prinzesschen aß nicht und trank nicht und wurde so zart und dünn, dass es im Winde einfach umwehte, und zuletzt, zuletzt ist es im fremden Lande einfach gestorben, und die arme Königin musste mit dem kleinen goldenen Sarg nach Hause fahren.“

Else und Evchen seufzten.

„Schade!“, sagte Küsters Minna. „Schrecklich traurig. Weißt du, eigentlich könnte es anders kommen. Die Königin müsste ihr Trudchen doch eigentlich erlösen, und die alte Hexe müsste tot gemacht werden.“

„Na, wie denn gefälligst?“, fragte Evchen etwas spitzig, denn ihr gefiel gerade der kleine goldene Sarg so ganz besonders gut.

„So, wie es unser Otto in seinem Buche gelesen hat; wisst ihr, in dem bunten, das ich nie haben soll. Da steht ganz deutlich ein Mittel gegen Verzauberung, das hätte die Mutter brauchen müssen. Um Mitternacht –“, Minnchen erhob ihre Stimme und deklamierte langsam und feierlich wie bei des Kaisers Geburtstag in der Schule, „also, nachts zwischen zwölf und ein Uhr muss einer von einer Kirchenglocke etwas Rost abkratzen. Dann muss er den Rost dem verzauberten Menschen unters Essen rühren – das hilft! – Junge, Junge! Pfui, wie kannst du einem bange machen!“, schrie sie plötzlich und schlug nach dem Haselbusch.

Aus dem guckte jetzt eben Heinis Gesicht ganz nahe bei ihrem eigenen; er hatte seine schwarzen Augen so weit aufgerissen, dass es wirklich zum Bangewerden war. Jetzt aber kam er mit Geknacke herunter, mitten in den Gruselverein hinein, und sie schalten alle drei mit ihm und sagten, er solle sich fortmachen. Das tat er denn auch, langsam und ernsthaft wie gewöhnlich. „Gehört hat er doch nichts“, sagte Evchen geringschätzig hinter ihm her.

Aber er hatte gehört! Nicht alles, längst nicht alles, dazu waren seine armen Ohren viel zu taub, aber ganz genug, so viel nämlich, dass er von dem Abend an Trudchen Adams mit sehr mitleidigen Augen anguckte und so geduldig und lieb zu ihr war, dass er bald der Einzige wurde, mit dem sie zuweilen noch ein freundliches Wörtlein sprach, der Einzige, dem sie von selbst die Hand gab und von dem sie sich ohne Strampeln die steile Verandatreppe hinuntertragen ließ. War sie sonst einmal wieder sehr unartig oder so ganz stumm und missmutig, so schüttelte Heini betrübt seinen schwarzen Kopf und sagte zu sich selbst – er sprach so oft zu sich selber –: „Verzaubert! Verzaubert!“

Ihr merkt es wohl: Er hatte die dummen Gruselgeschichten für eitel Wahrheit gehalten und nur dies eine daraus verstanden: Trudchen, dies kleine, blonde, stumme, weinerliche Trudchen war ein armes, verzaubertes Kind. Wie konnte man ihm helfen? Dieser Gedanke saß sehr fest in Heinis dickem Kopf. Das wunderliche Mittel, das Minna nannte, hatte er auch verstanden. Das aber war für ihn nicht zu kriegen. Er, der schon vom Treppengeländer fiel, sollte auf den Glockenstuhl klettern?

Doch von diesem Abend an konnte man Heini Viereck täglich wenigstens einmal hinter Minnas Vater in die Kirche gehen sehen. Er half läuten und sah sehnsüchtig zu den großen Glocken hinauf. „Ist da wohl Rost dran?“, erkundigte er sich einmal zaghaft.

„Rost? – An den Glocken? – Mehr als genug, Junge. Besonders die dicke da, die hat was mitgekriegt, wie das Dach damals entzwei war und der Schnee hereinwehte“, sagte Vater Bockhorst und dachte hinzu: Ist doch ein spaßiger Bengel! Was der immer für Fragen tut!

 

Es war ein wundervoller Sommermorgen. Alles strahlte – nur Trudchen nicht. Was war das nur mit diesem alten Liebenauer Hause? War’s nicht zum Totärgern? Es wurde ja immer voller und voller! Als ob nicht schon Kinder und Leute genug drin gewesen wären! Jetzt kam fast jeden Tag noch jemand dazu, lauter Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen. Und sie küssten alle Trudchens Mama, Trudchens eigne, süße Mutter! Sie wollten auch Trudchen küssen – es wehrte sich aber – und der lange Student, Vetter Hans, blies ihm Tabakdampf ins Gesicht, und der freundliche Onkel, Onkel Hans, wollte es durchaus auf seine Knie haben, und klein Anneliese, die gerade aussah wie Rotkäppchen, nur dass sie kein Käppchen auf den langen Locken hatte, spielte mit ihrem Puppenkind, schlief in ihrem Nachtröckchen und trank Milch aus ihrer Reiseflasche.

O, es war wirklich zum Totärgern!

Und immer, wenn jemand Neues hereinkam, dachte Trudchen: Jetzt kommt Papa! Und nie, nie war er gekommen. Das Allerschlimmste aber war doch: Mama war gar nicht mehr dieselbe freundliche, fröhliche Mama wie in Breslau. Sie sprach manchmal so kurz und so streng zu ihrem Trudekind, und oft gab sie ihm Klapse, viel, viel öfter als in Breslau.

Nein, es war nicht mehr zum Aushalten! – Auch heute Morgen hatte Trudchen schon Klapse bekommen, denn es war wieder unbegreiflich eigensinnig gewesen, hatte dem neuen Onkel Walter nicht einmal eine Hand geben wollen.

Nun wollte es wieder artig sein, saß wirklich einmal neben Kribitte auf dem Sandberg und sah zu, wie sie Kuchen backte, alle für Großmutters Geburtstag; denn der eben war morgen, und darum wurde das Haus so voll Leute. Großmutter hatte schrecklich viele Kinder und Enkelkinder, und sie wollten alle gerne kommen und mitfeiern; denn die liebe Großmutter wurde siebzig Jahre alt, und das ist ein ganz besonders wichtiger Geburtstag.

„Gott sei Dank! Es scheint, als würde Trudchen heut vergnügter“, seufzte ihre Mama und guckte von der Veranda herunter. „Eva, du achtest ja wohl auf die Kleinen? Ich besorge eben Trudchens Ei.“

„Ja, ja“, rief Eva und lief auf ihren Stelzen wie eine Schildwache von dem Sandberg hin und her. Sieh, da lag ja auf dem Gartenstuhl noch der Strauß, den sie für Vater gepflückt und dann vergessen hatte. Den wollte sie nun schnell ins Wasser stellen und ihm bringen. So lange konnten diese zwei Küken wohl ohne sie hier im Sande scharren.

Gedacht, getan!

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