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Vom guten Tod

Reiner Sörries

Vom guten Tod

Die aktuelle Debatte und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe

Butzon & Bercker

Inhalt

Vorwort

I. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“

II. Der Tod als Baustein der Evolution – Alte und neue Gedanken

Der Sinn des Todes in der Evolution

Deine Nachkommenschaft wird zahlreich sein wie die Sterne am Firmament

Der Fortbestand der sozialistischen Menschengemeinschaft

Das Weib triumphiert über den Tod

III. „Es hat Gott gefallen …“

IV. Der gute und der jähe Tod – im Mittelalter

ars moriendi – die Kunst zu sterben

Der heilige Christophorus bewahrt vor dem jähen Tod

Jesus, Maria und Josef

Seelgeräte

V. Der sanfte und der selige Tod – Gedanken der Reformation

Anweisungen für einen guten Tod

Testament, Versöhnung und Vorsorge

VI. Das scheußliche Gerippe – nicht nur im katholischen Barock

Der Sensenmann

Irdisches Leiden und himmlische Freuden

VII. Bruder Tod – Wandlungen der Aufklärung

Hypnos und Thanatos

Tod ist nicht Tod, ist nur Veredelung sterblicher Natur

Esoterische Todesgedanken

VIII. Der Selbstmord – kein guter Tod?

Selbstmord, Freitod, Suizid

Der egoistische und der altruistische Selbstmord

Freiheit, Versklavung oder Tod

Suizid und Sterbehilfe

Der rituelle Selbstmord

IX. Der Opfertod – ein guter Tod?

Sterben für andere

Euthanasie und Organspende

X. Todesangst, Todestrieb und Todeslust – im 19. Jahrhundert

Der schöne Tod der Liebenden

Der Tod als Paradox

XI. Die Skandalisierung des Todes – im 20. Jahrhundert

XII. Euthanasia und Euthanasie – Ihre Pervertierung im Nationalsozialismus

Euthanasia als Hilfe zum Guten Tod

Euthanasie als Instrument der Auslese

Euthanasie als Instrument zur Ausmerzung der Schwachen

Die Tabuisierung der Euthanasie

Euthanasie als Recht auf den eigenen Tod

Die Neubewertung unwerten Lebens

Vom Selbstbestimmungsrecht des Menschen

Euthanasie und Ökonomie

XIII. Sterben lernen – im Hier und Jetzt

ars moriendi nova – ars vivendi

Das Lernziel Sterben

Kinder lernen sterben

Friedhofspädagogik und Death Café

Sterbebegleitung

XIV. Die Autonomie des Menschen oder die Debatte um die Sterbehilfe

Definitionen der Sterbehilfe

Erlaubte, nicht erlaubte und praktizierte Sterbehilfe

Regelungen der Sterbehilfe im europäischen Ausland

Sterbehilfe zum guten Tod?

Beurteilung der Sterbehilfe in den Religionen

XV. Und der Tod wird nicht mehr sein – in Zukunft?

Die Brücke zur Unsterblichkeit

Makrobiotik und Athanasia

Die Schaffung des unsterblichen Menschen

Vom Unglück des Sterblichen ein Unsterblicher zu werden

XVI. Vorläufige Gedanken zum Schluss

Anmerkungen

Weiterführende Literatur

Vorwort

„Dann wirft er die Fessel von sich, und er tut das nicht bloß in der äußersten Not; sondern sobald das Schicksal anfängt, ihm verdächtig zu werden, geht er gewissenhaft mit sich zu Rate, ob er sofort ein Ende machen soll.“ In seinem vierten Brief an Lucilius argumentiert der römische Philosoph und Staatsmann Seneca mit diesen Worten für die Berechtigung der Selbsttötung, und er hat dabei in erster Linie den weisen Menschen im Blick, der über seinen Zustand und das, was ihn noch erwartet, reflektieren kann. Sein Bekenntnis zum überlegten Entschluss, dem Leben ein Ende zu setzen, blieb auch zu seiner Zeit nicht unwidersprochen, doch seinen Gegnern, welche für ein Verbot der Selbsttötung eintraten, antwortete er in einem weiteren Brief an Lucilius: „Wer so spricht, sieht nicht, dass er der Freiheit den Weg versperrt. Wie hätte das ewige Gesetz besser verfahren können, als uns nur einen Eingang ins Leben zu geben, aber viele Ausgänge?“ Ungeachtet dessen, welche Einstellung zum Tod aus eigener Entschlossenheit man haben mag, ist es richtig, dass das Leben viele Ausgänge haben kann. Doch welcher ist der richtige, der beste? Und kann es einen falschen geben?

Angeregt ist dieses Buch durch die Ankündigung der Ende 2013 ins Amt gekommenen schwarz-roten Bundesregierung, die mehrfach verschobene Gesetzgebung zur Sterbehilfe nun auf den Weg zu bringen. Dabei solle nach Möglichkeit eine fraktionsübergreifende Regelung gefunden werden, wobei ein Fraktionszwang nicht gelten dürfe. Jeder Abgeordnete sei in dieser Frage allein seinem Gewissen verpflichtet, denn es gehe um elementar persönliche Einstellungen in dieser Menschheitsfrage. Trotz dieser Ausgangslage will das Buch kein weiteres zum Thema Lebenspflicht und Sterberecht sein, sondern es befasst sich mit dem Ausgang des Lebens und stellt sich der Frage, ob es angesichts der bitteren Weisheit vom Sterben-Müssen einen guten Tod geben kann.

Die Quintessenz lautet, dass es nicht nur viele Ausgänge des Lebens gibt, sondern ebenso viele Vorstellungen vom guten Tod. Ein Gang durch die Kulturgeschichte lässt deutlich werden, welch unterschiedliche Auffassungen dazu miteinander um die Wahrheit kämpften. Daran hat sich nichts geändert. Der Unterschied von heute zu früher besteht allenfalls darin, dass diese Frage nicht mehr ausschließlich von religiösen oder philosophischen Eliten beantwortet wird, sondern jeder bildet sich dazu seine eigene Meinung. Im Wissen um die freie Meinungsbildung, die mit jener Autonomie verschwistert ist, die jedem das Recht einräumen will, sein Ende nach eigenem Willen zu gestalten, erhebt dieses Buch nicht den Anspruch, das Kriterium für den guten Tod gefunden zu haben. Vielleicht kann es sensibilisieren, Argument und Gegenargument verständlich machen, vielleicht ist es auch nur ein lesenswerter Gang durch die Kulturgeschichte, denn die Vorstellungen vom guten Tod sind ein Teil von ihr. Zumindest wird dann verständlich, dass es für die Wertebestimmung des guten Todes keine überzeitlichen, unhinterfragbaren und quasi menschheitsimmanenten Kriterien gibt. Was wir für einen guten Tod halten, ist Teil eines kulturellen Lernprozesses, der von der Welt abhängig ist, in der wir leben.

Freilich werden dann auch wir zum Ende in der Gegenwart angekommen sein und der aktuellen Debatte um die Sterbehilfe begegnen, die manche aus bitterer Erfahrung als Euthanasie ablehnen oder als Inbegriff des Selbstbestimmungsrechts des Menschen als Euthanasia herbeisehnen und einfordern, denn im Wortsinn geht es nur um den guten Tod. Das ist jedoch nur der vorletzte Schritt, denn es stehen ja die Wünsche im Raum, den Tod vermeiden zu können. Für Trans- und Posthumanisten stellt sich die Frage nicht mehr, was ein guter Tod ist, denn es wird ihn dann nicht mehr geben. Bis es allerdings so weit ist, bleibt es der Gesellschaft, der Politik und dem Einzelnen kaum erspart, Regelungen zu finden, die für alle gelten.

Die Neuregelung der Sterbehilfe hierzulande wird noch etwas auf sich warten lassen und beim Abschluss dieses Manuskripts nicht vorliegen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der selbst für ein Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe eintritt, erläuterte beim Auftakt des Deutschen Ärztetages am 27. Mai 2014 in Düsseldorf den Fahrplan zu einem entsprechenden Gesetz, das bis 2015 eingebracht, diskutiert und verabschiedet sein soll.

I. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“

Märchen sind ja nicht nur etwas für Kinder, sondern sie enthalten auch für uns Erwachsene manche Lebensweisheit. Da sind vier Tiere: ein Hahn, eine Katze, ein Hund und ein Esel, denen aufgrund ihres Alters bescheinigt wird, dass sie zu nichts mehr nütze seien, weshalb ihr Tod für alle die beste Lösung sei. Als der Hahn daraufhin beschließt, aus vollem Hals zu krähen, solange er noch kann, macht ihm der Esel den Vorschlag, gemeinsam nach Bremen zu ziehen, um dort als Bremer Stadtmusikanten Karriere zu machen. Und er spricht den entscheidenden Satz: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“ Nun ist das eine ein Märchen, das andere die Lebenswirklichkeit, die uns trotz der Weisheit des Esels damit konfrontiert, dass das unausweichliche Ende allenfalls aufschiebbar, aber nicht gänzlich zu vermeiden ist. Deshalb sah sich der Mensch in seiner langen Entwicklungs- und Kulturgeschichte genötigt, dem Tod einen Sinn abzugewinnen, um nicht das Leben selbst sinnlos erscheinen zu lassen.

In der aktuell in Europa geführten Debatte um die Sterbehilfe mehren sich jedoch die Stimmen, welche die märchenhafte Weisheit auch angesichts individueller, als unerträglich angesehener Umstände ins Gegenteil verkehren: Etwas Besseres als das Leben findest du überall, bei einem Menschen, der dir beim Sterben hilft, bei einem professionellen Sterbehelfer oder beim Arzt deines Vertrauens – das ist bei den geltenden Regeln zur Sterbehilfe in Europa (noch) von den nationalen Gesetzgebungen abhängig. Doch wie das in den einzelnen Ländern auch immer geregelt ist: Man darf von dem aufrichtigen Anliegen ausgehen, Menschen in einer als ausweglos und unerträglich empfundenen Situation einen guten Tod zu gewähren. Dabei ist die Frage nach dem guten Tod, der aus dem Griechischen abgeleiteten Euthanasia, viel älter als die gegenwärtige Debatte. Sie ist auch viel älter als jene Euthanasie, deren sich der verbrecherische Nationalsozialismus bedient hat, um unwertes Leben auszumerzen. Doch gerade diese vergleichsweise kurze Phase unserer Geschichte belastet mit ihrem grauenhaften Erbe von Millionen Toten die Rede von der Euthanasie. Das Wort selbst ist nicht schuld, denn die alten Griechen wollten damit lediglich einen guten Tod beschreiben, einen Tod, der eintritt, wenn es an der Zeit ist, im Gegensatz zu einem vorzeitigen Tod, der den Menschen aus dem Leben reißt. Im Gegensatz dazu kannten sie die Verkörperung des gewaltsamen Todes, die sie Ker nannten.

Als einen guten Tod bezeichnete der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebende griechische Dichter Kratinos ein Sterben ohne lange, schwere Krankheit in Abgrenzung zu einem lang verlaufenden Sterbeprozess. Aber selbst die Griechen waren sich nicht einig in der Frage, was ein guter Tod ist. Ist ein hohes Alter erstrebenswert oder ein junges Sterben, wie es in dem geflügelten Wort heißt: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung.“ Es war unter den griechischen und römischen Philosophen durchaus umstritten, ob man den natürlichen Tod abwarten soll oder ob es besser sei, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Eine Entscheidung darüber war letztlich davon abhängig, ob und welchen Wert man dem Leben an sich beimaß. In der pessimistischen Lebensauffassung des griechischen Denkers Hegesias besaß das Leben keinen Sinn an sich, weshalb er es für sinnvoll und geboten hielt, diesem selbst ein Ende zu setzen. Bereits in der Antike nannten sie ihn den Selbstmordprediger.

Somit ist die Frage nach dem guten Tod letztlich davon abhängig, welchen Sinn und Wert man dem Leben beimisst, und darauf versuchen die Religionen eine Antwort zu geben. Ohne dass dies ausdiskutiert wäre, darf man sagen, dass die Frage nach dem Tod einen wesentlichen Urgrund für alle Religionen bildet. Zumal die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam brachten Gott ins Spiel, dem als Schöpfer alles Leben zu verdanken ist, wovon sich zugleich sein einmaliger Wert ableitet, der das Verbot einschließt, in diesen Lebensplan Gottes einzugreifen. Daraus entstand das Verbot zu töten – andere und sich selbst. Daraus lässt sich sogar eine Pflicht zum Leben ableiten, und der Islam geht davon aus, dass Gott für jede Krankheit auch ein Heilmittel bereithält. Die Entwicklung in den Religionen brachte es schließlich mit sich, dass die Verheißung von einem ewigen Leben an ein gutes Leben und einen guten Tod geknüpft wurde.

Lag vom Altertum bis zur Frühen Neuzeit die Beurteilung dessen, was ein guter Tod ist, in der Hand von Philosophen und Theologen, so stellt sich die Frage nach den handelnden Personen in einer materialistischen und zunehmend säkularen Gesellschaft, in der die Meinungsvielfalt und ein Pluralismus der Weltanschauungen zu den Grundfesten unserer Gesellschaftsordnung geworden sind, ganz neu. Welchen Stimmen verleihen wir Gehör, und erst recht, woraus schöpft der Gesetzgeber seine Kriterien? Wurden das Grundgesetz und die darin zementierte Würde des Menschen noch im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen formuliert, wie es in seiner Präambel heißt, so verzichtete man in der „Verfassung“ der Europäischen Union, dem sog. Lissabon-Vertrag, auf den Gottesbezug und verwies nur noch allgemein auf das kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas.

Die Würde des Menschen speist sich heute nicht zuletzt aus seiner Autonomie, die ihm nahezu unbeschränkte Freiheit im Tun einräumt, solange das Lebensrecht und die Würde des anderen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der Mensch wird damit regelrecht dazu verurteilt, der Schmied seines Glücks zu sein oder eben der Herr über sein Leben – und über seinen Tod. Schon einmal siegte die Autonomie des Individuums über das vom Gesetzgeber zu garantierende Lebensrecht, als nach heftigen Diskussionen der Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen für straffrei erklärt wurde (§ 218 a StGB). Nun wackelt der nächste Paragraf aus dem 16. Abschnitt des Strafgesetzbuches, in dem „Straftaten gegen das Leben“ (§§ 211–222) sanktioniert sind. 2013 scheiterte ein Entwurf der schwarz-gelben Koalition zur Neufassung des § 216 StGB, in dem die Tötung auf Verlangen geregelt ist; den einen ging er zu weit, den anderen nicht weit genug. Und 2014 wurden die Debatten fortgesetzt, nun unter schwarz-rotem Vorzeichen. Am weitestgehenden ist der Gesetzentwurf, wie ihn sich die Delegiertenkonferenz der Humanistischen Union wünscht: die völlige Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Ein Missbrauch dieser Regelung sei schon deshalb ausgeschlossen, weil sie auf das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten verweist, also auf seine Autonomie.

Beinhaltet die Autonomie auch die Verantwortung des Menschen, so kann daraus schließlich auch die Pflicht zu sterben erwachsen. Gründe dafür gäbe es genug. Etwa die Verantwortung, den Angehörigen, den Pflegenden oder der Solidargemeinschaft nicht zur Last zu fallen. Die negative Beantwortung der Frage nach ihrer Verwendbarkeit hätte ja beinahe auch den Bremer Stadtmusikanten den Garaus beschert. Auch nach den Euthanasieverbrechen der Nationalsozialisten im Dritten Reich fehlte es nicht an Argumenten, Menschen das Lebensrecht zu bestreiten, die alle auf der Beurteilung fußten, was denn lebenswert oder überhaupt Leben sei. Und wo ein lebenswertes Leben nicht diagnostiziert werden kann oder gar das Leben als unerträglich angesehen wird, wäre das rechtzeitige Ableben ein guter Tod.

Als ich im Februar 2014 mit dem Schreiben dieses Buches begann, hatte das belgische Parlament am 13. Februar dem Gesetz zugestimmt, dem zufolge es auch Minderjährigen ohne Altersbeschränkung erlaubt sei, nach aktiver Sterbehilfe zu verlangen – wohl unter strengen Voraussetzungen, aber damit war ein weiterer Schritt getan, um auf dem Weg zur Selbstbestimmung voranzuschreiten. Wie rasch andere europäische Länder ihre Gesetze verändern oder gar der europäische Gerichtshof aufgrund von Klagen eigene Vorgaben macht, muss abgewartet werden, aber die Tendenz ist offenkundig. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der das, was ein guter Tod ist, anders formuliert sein wird als gestern oder heute. Aus unserer kulturgeschichtlichen Annäherung an das Thema werden sich kaum Kriterien für den guten Tod der Zukunft ableiten lassen, vielmehr wird sie zeigen, dass das, was man dafür hält, abhängig ist von einem wie auch immer definierten Wertesystem. Hatten die Gesellschaften bisher das Glück, dieses aus einer zumindest weitgehend einheitlichen Weltanschauung zu entwickeln, so haben wir dieses Privileg in einer pluralistischen Gedankenwelt verloren. Die Gedanken sind frei.

Allerdings wird aus historischer Perspektive auch deutlich, dass der Kanon der Werte im Laufe der Geschichte nicht nur Änderungen erfuhr, sondern Grauen erregenden Irrungen unterworfen sein konnte. Selbst die einzigartige Einsicht von der Einmaligkeit und Unverfügbarkeit des Lebens, die in Gesetzestafeln gemeißelt lautet: Du sollst nicht töten, hat nicht verhindert, dass sich die Eliten immer wieder das Recht anmaßten, Ausnahmen davon zu formulieren. Allein die Geschichte der Todesstrafe belegt dies eindrücklich. Übeltäter, Ungläubige, Ketzer oder andere missliebige Menschen hatten schnell ihr Recht auf Leben verwirkt. Kriege verführten zu dem Gedanken, den Tod des Feindes wie den eigenen für einen guten Tod zu halten. Oder es dienten allein die Unterscheidungen in Herr und Knecht dazu, dem einen das Recht über das Leben des anderen einzuräumen. Religionen, Philosophien und Weltanschauungen lieferten dazu den gedanklichen Überbau. Und dies wird heute und morgen nicht anders sein. Immer wieder werden Begründungen dafür gefunden, warum der Tod dem Leben vorzuziehen ist – ganz im Gegensatz zur Weisheit der Bremer Stadtmusikanten.

II. Der Tod als Baustein der Evolution – Alte und neue Gedanken

Das Bewusstsein des Menschen ist an allem schuld, zumindest wenn es um die Sinnsuche geht, die in der Frage nach dem Sinn des Todes gipfelt. Betrachtet man den Menschen als die Krone der Schöpfung, so wird gern auf dieses Wissen um die eigene Endlichkeit verwiesen, das ihn vom Tier unterscheide. Oder was ist es sonst? Alle anderen Unterschiede wie etwa die Fähigkeiten kreativen Denkens und ein freier Wille, sein Sprachvermögen, die Wahlfreiheit usw. sind eher gradueller Art infolge einer höheren Entwicklungsstufe. Aber schon der Versuch, das Menschsein am Bewusstsein festzumachen, erweist sich als höchst problematisch. Embryonen, Säuglinge, geistig schwer Behinderte oder Komapatienten verfügen möglicherweise über ein derartiges Bewusstsein nicht und sind dennoch Menschen im Vollsinn. Muss man also deshalb nicht doch die Religion zu Rate ziehen, die in unterschiedlichen Ausprägungen dem Menschen eine immaterielle Seite zuweist, die wir etwa im Christentum Seele nennen? Wer jedoch diese immaterielle Wesenheit nicht akzeptiert, kann möglicherweise Schwierigkeiten haben, einen Mensch-Tier-Unterschied festzumachen, wird dies aber vielleicht auch nicht als problematisch empfinden. Warum soll man sich nicht auf die Regeln der Evolution verlassen, in der der Tod ein notwendiger und deshalb sinnvoller Baustein des Lebens ist?

Der Sinn des Todes in der Evolution

Die Natur favorisiert vor allem die Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens, speziell den sich wandelnden Umwelteinflüssen, fertig zu werden. Dies geschieht, so verdeutliche ich mir das laienmäßig, indem eine Generation ihr Wissen an die nächste weitergibt. Dies kann durch die Vermittlung bestimmter Sachverhalte geschehen, aber auch durch die Weitergabe genetischen Materials. Wenn sich die Gene von Mann und Frau vereinigen, so entsteht eine neue Variante des Erbgutes und damit die Möglichkeit, dass sich das Leben besser an die Bedingungen der Umwelt anpasst. Über die Natur sagte Johann Wolfgang von Goethe, das Leben sei ihre schönste Erfindung und der Tod ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.1 Evolutionäres Ziel ist demnach kein ewiges, ja nicht einmal ein besonders langes Leben, sondern eine möglichst effektive und fortschrittliche Reproduktion. Dazu ist es dann nicht notwendig, dass die Elterngeneration ein hohes Alter erreicht, vielmehr hat sie ihre Aufgabe mit der Schaffung neuen Lebens und der erfolgreichen Aufzucht der Nachkommenschaft erfüllt.

Sterblichkeit und zweigeschlechtliche Sexualität hängen evolutionär gesehen eng miteinander zusammen, weil sie beide demselben Zweck dienen. Es geht um die bestmögliche Selbsterhaltung und Weiterentwicklung der jeweiligen Spezies, und darin unterscheiden sich die höheren Organismen nicht voneinander. Die Evolution sorgt sich nicht so sehr um die Bedürfnisse des Einzelnen als vielmehr um das große Ganze.

Im Folgenden wird es zunächst darum gehen, nach Gesellschaftsmodellen zu suchen, in denen diese evolutionäre Sichtweise ein tragendes Element der Sinnsuche sein kann.

Deine Nachkommenschaft wird zahlreich sein wie die Sterne am Firmament

Mit dieser Verheißung an Abraham (Genesis 15,5) vollendet sich seine Lebensgeschichte, die bis in sein hohes Alter von Kinderlosigkeit bedroht war, und darin spiegelt sich ein Verständnis von Leben, das einer evolutionären Betrachtungsweise sehr nahe kommt. Denn ob ein Dasein sinnerfüllt ist, zeigt sich in der Weitergabe des Lebens an Kinder und Kindeskinder. Eine individuelle Erwartung eines Lebens nach dem Tod ist dem Alten Testament wie dem ganzen Orient fremd, weshalb sich die Frage nach einem guten Tod relativiert. Der Tod ist eine biologische Notwendigkeit. Wer stirbt, wird nicht wieder lebendig, heißt es bei Ijob (14,14), und gegen den Tod lässt sich keine Beschwerde führen (Jesus Sirach 41,3–4): Alle Menschen müssen sterben. Als guten Tod kann man einen ansehen, der nach einem langen und erfüllten Leben eintritt, und so sterben Abraham, Isaak oder Ijob alt und lebenssatt. Dann werden die Menschen zu den Vätern versammelt, wo sie in einem düsteren Totenreich ein trostloses Schattendasein führen.

Im Gegensatz zu diesem Tod, der eintritt, wenn der Mensch satt an Tagen ist, was einer Spanne von siebzig oder achtzig Jahren (Psalm 90,10) entspricht, fürchtet man den unzeitigen Tod eines Kindes oder durch Krankheit, Gewalt, Krieg und Hungersnot, der das Leben unerfüllt abschneidet. Eine etwa daraus resultierende Kinderlosigkeit gehört zu den Schrecknissen eines vorzeitigen Todes. Von der Vorstellung eines guten Todes wird man im Alten Testament wohl absehen müssen; eher kann man von einem erfüllten Leben sprechen, wenn es in der Heimat und im Kreis der Familie geschieht, die dann auch für eine angemessene Bestattung sorgt. Der Tod an sich bleibt ein endgültiges und unwiderrufliches Geschehen. Man kann deshalb sagen, dass sich das Alte Testament in großer Nähe zu einer Interpretation gemäß der Evolution befindet. Wichtig ist der Fortbestand der Familie, der Sippe und des Volkes, weshalb die Zusage einer reichen Nachkommenschaft an Abraham mehrfach wiederholt wird (Genesis 22,17; 26,4).

Erst in nachexilischer Zeit und vor allem in der jüdischen Apokalyptik entwickelt sich die Vorstellung von einer Gottesgemeinschaft des Frommen auch jenseits der physischen Todesgrenze, auf die hier aber noch nicht eingegangen werden muss. Wichtig ist jedoch, dass die Anfänge einer Auferstehungshoffnung das Volk als Ganzes betreffen, wenn Gott das Volk heilt und neu belebt gleich dem Geschehen in der Natur: „… denn er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte und wird zu uns kommen wie ein Regen, wie ein Spätregen, der das Land feuchtet.“ (Hosea 6,3) Ebenso bietet die berühmte Erzählung von der Erweckung der Totengebeine (Ezechiel 37,12) ein Bild für die Wiederherstellung des Volkes Israel und für den neuen Exodus aus dem babylonischen Exil: „Siehe, ich öffne eure Gräber und ich führe euch herauf aus euren Gräbern und ich bringe euch ins Land Israel.“ Das Individuum spielt noch keine Rolle, und eine eigentliche Auferstehungsvorstellung findet sich erst in der apokalyptischen Literatur der hellenistischen Zeit.

Die Vorstellung von einem guten Tod war im Alten Judentum nicht an die erhoffte Überwindung der Endlichkeit gebunden, sondern an die gelebte Fülle des Lebens und eine reiche Nachkommenschaft, womit deutlich wird, dass das evolutionäre Modell durchaus tragfähig sein konnte.

Der Fortbestand der sozialistischen Menschengemeinschaft

Ein Sprung über Jahrtausende und gesellschaftliche Grenzen hinweg sei erlaubt, um in der Gesellschaft des sozialistischen Atheismus nach dem guten Tod zu forschen, der sich angesichts der Negierung eines individuellen Fortlebens ebenfalls anderer Strategien bedienen muss. Auch hier tritt an die Stelle der individuellen Auferstehungshoffnung die Zuversicht auf den Fortbestand und die Weiterentwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft, an der der Einzelne in mehr oder minder hohem Maße seinen Anteil hat. In einem streng biologischen Sinn beendet der Tod zwar das Leben einmalig und unwiederbringlich, Sinn stiftend ist jedoch das gelebte Leben, in dem der Mensch am Bau der Welt, am Bau einer besseren Welt beteiligt war. Der Tod löscht zwar das einzelne Leben aus, aber er kann die Lebensleistung des Menschen nicht vernichten. Noch ist das Trostpotenzial sozialistischer Trauerfeiern nicht wissenschaftlich aufgearbeitet, aber stellvertretend greifen wir den dritten und letzten Vers des Liedes „Flattert der Wimpel“ aus dem Liederbuch der Sozialistischen Jugend „Die Falken“ heraus, der diesen Geist spiegelt und bei Trauerfeiern gesungen wurde:

Hat uns das Schicksal gepackt und gezaust,
und sind wir einst alt und grau,
ist unser Leben vorbeigebraust,
fordert der Tod uns rau.
Dann schauen wir noch einmal die Runde
vom Meer bis zum Sternenzelt.
Mit Mädel und Jungen im Bunde
bauten wir uns’re Welt.

Gibt es im atheistischen Materialismus keine individuelle Hoffnung über den Tod hinaus, so kann es dennoch einen guten Tod geben, der einen sinnvollen Lebensentwurf erlaubt und aus dem ein Tröstungspotenzial für die Angehörigen erwächst. Diese Erkenntnis für die Gestaltung weltlicher Trauerfeiern fruchtbar zu machen war ein Anliegen der Kulturpolitik in der DDR, die vor allem das Zentralhaus für Kulturarbeit der DDR in Leipzig mit der Ausarbeitung entsprechender Materialien beauftragt hatte. Die entstandenen Handreichungen lieferten sowohl die Grundlagen eines materialistischen Todesverständnisses als auch konkrete Entwürfe für Traueransprachen sowie Text- und Liedvorschläge.2 Wenn ein Mensch sterbend sagen kann, er habe sein ganzes Leben, seine ganze Kraft dem Herrlichsten in der Welt, dem Kampf für die Befreiung der Menschheit gegeben, so kann „ein in diesem Sinne bewusst gelebtes Leben … durch den Tod nicht ausgelöscht werden“3. Ist man dem Ziel nahegekommen, „sich als Persönlichkeit zu verwirklichen, seine Umwelt und sein Dasein schöpferisch zu vervollkommnen, wahrhaft menschlich zu gestalten“, dann stirbt man mit der „Gewissheit, dass die Spur seines Wirkens eingezeichnet bleibt im unaufhaltsam fortschreitenden Leben, im Bewusstsein und Werk der Lebendigen“4. Die Einbettung des individuellen Lebens in die sozialistische Gemeinschaft sollte mit dem Versuch erreicht werden, die Trauerfeier aus dem familiären Umfeld auf eine höhere gesellschaftliche Ebene zu heben, indem man die Kollektive von Betrieb und Partei zu Trägern der Abschiednahme bestimmte.

Konsequent war das Bestreben, in der Friedhofskultur das individuelle Einzel- oder Familiengrab durch kollektive Bestattungen in Urnengemeinschaftsanlagen zu ersetzen. Gleichermaßen versuchte man, anstelle individueller Trauerfeiern kollektive Gemeinschaftstrauerfeiern anzubieten, bei denen jeweils mehrere Verstorbene gleichzeitig verabschiedet und beigesetzt wurden. Mit der Ausarbeitung einer inhaltlichen und gestalterischen Grundlage einer sozialistischen Friedhofskultur war das Institut für Kommunalwirtschaft beauftragt worden.

Freilich musste man sich auch mit dem Problem auseinandersetzen, dass Kinder und junge Menschen starben, dass Menschen mitten aus dem Leben gerissen wurden, deren Tod einer Erklärung bedurfte. Hier griff die Grundüberzeugung des Materialismus, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, die an sich keine Erklärung erlaubt: „Als Materialisten wissen wir: Natur hat keinen Sinn. Tod und Leben ,an sich‘ sind sinnlos wie Sonne oder der Schnee. Kein Gott, kein Geist ist Schöpfer der Welt. Aber Gesetze halten Sterne und Atome widersprüchlich in Bewegung. Nicht ,Gottes unerforschlicher Ratschluss‘, sondern das Wirken objektiver Gesetzmäßigkeiten bestimmt Werden und Vergehen in der Natur, also auch Leben und Sterben des Menschen.“5

Im materialistischen Denken ist zwar der Einzelne wichtig als Teil der permanenten Entwicklung der guten, sozialistischen Ordnung, die seinen ganzen Einsatz erfordert, sein Leben wertvoll macht und über seinen Tod hinaus wirksam bleibt, doch zugleich ist er Teil der Natur, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. In seiner Rede am Grab von Karl Marx sagte Friedrich Engels: „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk.“6 Karl Liebknecht wurde mit den Worten zitiert: „Und wenn wir nicht mehr leben werden, leben wird unser Programm. Es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem.“

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