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Vom Großen Krieg zur permanenten Krise

Vom Großen Krieg
zur permanenten Krise

Der Aufstieg der Finanzaristokratie und
das Versagen der Demokratie

Marc Chesney

Übersetzung
Monika Brüninghaus

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Vorwort

Im Jahr 1914 wurden die jungen europäischen Generationen auf dem Altar der Nation geopfert. Heute, hundert Jahre später, werden sie es auf internationaler Ebene auf demjenigen der Finanzmärkte. Der Versuch, den Finanzmoloch zu befriedigen, ist aussichtslos und führt die Gesellschaft in eine beunruhigende Dynamik, welche den Grundprinzipien der Demokratie widerspricht.

Die aktuelle Krise ist nicht nur finanzieller Art. Heute, wo im Finanzsektor Zynismus und Sozialisierung der Verluste oft Vorrang haben gegenüber Vertrauen und Verantwortung als Motor der Gewinne, ist die Finanzkrise das Symptom einer anderen, tieferen Krise, derjenigen der Werte unserer Gesellschaft.

Diese Krise nimmt einen permanenten Charakter an, weil die Maßnahmen, die der gesunde Menschenverstand gebietet, um den Finanzsektor wieder in den Dienst der Wirtschaft und der Gesellschaft zu stellen, nicht wirklich diskutiert und noch weniger umgesetzt werden. Tatsächlich sind mächtige Lobbys am Werk und zwingen Wirtschaft und Gesellschaft ihre gefährliche Logik auf. Diese schadet den meisten Menschen, und deswegen richte ich mich mit diesem Buch an ein breites Publikum und versuche, komplexe Konzepte und Finanzprodukte, die teilweise absichtlich so konzipiert sind, zugänglich zu machen. Es ist gefährlich für Demokratie und Gesellschaft, wenn Finanz und Wirtschaft eine geschlossene Sprache schaffen und verwenden, die nur von einer sogenannten Wirtschaftselite beherrscht wird, das heißt die Mehrheit ausschließt. Die in der Finanzkrise Leidtragenden müssen die Lage verstehen!

Einige Leser werden sich durch mein Buch bestätigt fühlen, anderen wird es Klarheit verschaffen, bei dritten werde ich mit dem Geschriebenen nicht auf Zustimmung stoßen. Alle müssen sich aber mit den unbequemen Tatsachen auseinandersetzen. Somit hoffe ich, mit diesem Buch sowohl eine Diskussion anzuregen als auch den Lesern ein Instrument in die Hand zu geben, um sich an solchen Diskussionen beteiligen zu können.

Ich möchte mich bedanken bei meiner Frau Meire Chesney, und auch bei Claudia Bartholemy, Paul Dembinski, Bénédicte Elie, Emilio Marti und Brigitte Maranghino-Singer, für den fruchtbaren Austausch zu verschiedenen Zeitpunkten während der Realisation dieses Buches.

Marc Chesney

Zürich, im Juni 2014

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Der Untergang der Zivilisation unter dem Vorwand, ihr Wohl zu schützen

Kapitel 1:   1914 und 2014

Kapitel 2:   Der Versuch, die Finanzmärkte zufriedenzustellen, ist aussichtslos

Kapitel 3:   Liberalismus: die Finanzsphäre hält den Glauben hoch, praktiziert ihn aber nicht

Kapitel 4:   Die Charakteristika des Finanzkasinos

Kapitel 5:   Die Geburt des Homo financiarius und die Untertänigkeit der Eliten

Kapitel 6:   Schlussfolgerungen und Lösungsansätze

Anmerkungen

Stichwort- und Namensverzeichnis

Einleitung

Der Untergang der Zivilisation unter dem Vorwand, ihr Wohl zu schützen

Am Samstagabend des 1. August 1914 bereiten sich französische wie deutsche Familien auf eine schmerzliche Trennung vor. Soeben wurde die allgemeine Mobilmachung durch Aushänge angeordnet. Lange läuten die Glocken in den Städten und Dörfern. Sie verkünden die gefürchtete Nachricht und werfen die Schatten künftiger Ängste und Leid voraus. Der erste Tag der Mobilmachung wird Sonntag, der 2. August, sein. Schon am frühen Morgen wird der Pariser Ostbahnhof voller Soldaten in Begleitung ihrer Familien sein. Das gleiche Bild bietet sich am Berliner Anhalter Bahnhof. Unter dem Vorwand des Wohls der Zivilisation werden die Soldaten sowohl zu den Akteuren als auch zu Opfern ihres Untergangs gemacht.

Am Freitag, den 1. August 2014 bereiten sich viele französische und deutsche Familien auf ihren Urlaub vor. Am nächsten Tag werden der Pariser Gare de Lyon und der Berliner Hauptbahnhof mit ihren TGVs und ICEs vollkommen überlaufen sein. In Frankreich wird die Autobahn nach Süden verstopft sein. Diesmal zieht es die Menschenmengen gen Süden zu den Stränden und nicht mehr die einen zur Ostfront und die anderen zur Westfront. Der Traum von Sonne und Meer tritt an die Stelle des Albtraums vom langen Weltkrieg. Es geht nicht mehr um das Wohl der Zivilisation, sondern eher prosaisch um eine wohltuende Auszeit, während sich die Finanzkrise dauerhaft in unserer Gesellschaft einzunisten scheint. Im Sommer dominiert in Europa das Tourismusbusiness und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit von dem Ungleichgewicht ab, das die Krise schafft – und von den Spannungen, die damit einhergehen. Die Blutbäder des Ersten Weltkriegs verblassen im kollektiven Gedächtnis. Das Vergessen ist in vollem Gange. Das monumentale Gemälde im Pariser Ostbahnhof erinnert uns an die Tragödien des Ersten Weltkriegs. Ist es vergleichbar mit den Wandmalereien in der Höhle von Lascaux – Spuren einer fernen Vergangenheit, deren Einfluss sich bereits in grauer Vorzeit verlor?

Die Höhle von Lascaux, die sich im französischen Departement Dordogne befindet, ist eine der bedeutendsten Fundstätten prähistorischer Höhlenmalerei.

Kapitel 1

1914 und 2014

Ein Jahrhundert ist es her, seit die europäische und vor allem französische und deutsche Jugend auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs geopfert wurde. Hundert Jahre erscheinen uns eine lange Zeit, trotzdem handelt es sich nur um wenige Generationen. Die Gesellschaft von 1914 ist der heutigen sehr ähnlich mit ihren Universitäten, Bibliotheken, Opernhäusern, Theatern und ihrer Literatur, ihrem Parlament, ihren Gerichten und nicht zuletzt ihren Großunternehmen und Banken. Der Westen konnte sich seiner wirtschaftlichen, sozialen, wissenschaftlichen und demokratischen Errungenschaften durchaus rühmen.

Natürlich gab es noch kein Internet, doch das Radio war bereits erfunden und die Printmedien schon weit entwickelt und vermutlich vielseitiger als heute. Kommerzielle Flüge existierten noch nicht, aber man konnte sich mit Zügen und Autos fortbewegen.

Es war eine gebildete und zivilisierte Gesellschaft. Zwei Länder in ihrer Blütezeit, Frankreich und Deutschland, beide christlich geprägt und mit den gleichen Grundprinzipien, begannen einen verheerenden Krieg unter Einsatz der Massenvernichtungswaffen jener Zeit. Die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger Österreich-Ungarns, am 28. Juni 1914 in Sarajewo war der Funke, der Europa in Brand setzte und es in ein Räderwerk der Zerstörung hineinzog, in dem eine ganze Generation geopfert wurde. Nicht nur materiell, sondern auch moralisch wurde die Zivilisation zugrunde gerichtet, und das zu ihrem angeblichen Wohl. Durch eine großangelegte Manipulation der Völker, auch in Deutschland und Frankreich, drifteten die Massen in die Barbarei ab, alles unter dem Vorwand der Rettung der Demokratie oder der Nation. Dies bezeugt eines der wichtigsten Werke jener Zeit, Die Thibaults, in dem der Autor Roger Martin du Gard seinen Helden sagen lässt:

«Nie zuvor ist die Menschheit so tief erniedrigt, ihre Intelligenz so rücksichtslos unterdrückt worden!»1

Aufschlussreich für diesen Niedergang der Menschheit ist auch folgendes Zitat aus dem Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Der Protagonist seines Romans, ein deutscher Soldat, erzählt:

«Wir sind verbrannt von Tatsachen, wir kennen Unterschiede wie Händler und Notwendigkeiten wie Schlächter. […] Wir sind fürchterlich gleichgültig. […] Wir sind roh und traurig und oberflächlich – ich glaube, wir sind verloren.»2

Ja, verloren waren sie in ihren Schützengräben – in einem grauenvollen und sinnlosen Kampf. Sind wir es heute auch? Gleichgültigkeit, Verrohung, Traurigkeit und Oberflächlichkeit kennzeichnen auch die aktuellen Generationen. Man könnte noch weitere Charakterisierungen hinzufügen. Welche das sind? Der nachfolgende SMS-Austausch zwischen zwei jungen Zeitgenossen hilft uns, sie zu identifizieren:

– hallo

– hallo

– wir sind tot

– david von cs ruft wegen der skew trades an […]

– ich sag’s ja

– die machen uns kaputt […]

– heute abend hast du minimum 600m

Was bedeutet diese grob vereinfachte, fast schon derbe Sprache zwischen zwei vorgeblich gebildeten Personen? Wird hier auf den Tod angespielt? Wessen Tod? Steht 600m für 600 Mordopfer? Nein, es geht um den finanziellen Tod. 600m stehen für 600 Millionen Dollar Verlust (der aber letztendlich 6 Milliarden betragen wird). Und sind skew trades Massenvernichtungswaffen? Diese Finanzwetten mit komplexen Derivaten sind das tatsächlich nur allzu oft. Im Handelsraum der Londoner Bank JPMorgan erkennen der Händler Bruno Iksil – wegen des gewaltigen Ausmaßes seiner Finanzspekulationen auch «Wal von London» genannt – und sein Assistent Julien Grout am 23. März 2012, dass ihre gigantischen Finanzwetten ihrer Bank (und damit teilweise dem Steuerzahler) Verluste einbringen. Ihr SMS-Austausch drückt diese Verzweiflung aus. 2011 hatte Iksil noch erfolgreich auf den Konkurs mehrerer amerikanischer Unternehmen spekuliert. Diese Wetten bescherten JPMorgan Gewinne in Höhe von 400 Millionen Dollar, davon Boni von 32 Millionen Dollar für ihn und zwei seiner Vorgesetzten.

Der Fall Fabrice Tourre ist ein weiteres Indiz für die Geisteshaltung, die im Milieu der Investmentbanken vorherrscht. Fabrice Tourre, Absolvent der École Centrale und der Stanford University, wurde im Alter von zweiundzwanzig Jahren von der Bank Goldman Sachs eingestellt. Einige seiner E-Mails verwendete die US-Finanzaufsicht SEC im Verfahren gegen die Geschäftsbank, der sie unzulässige Bereicherung auf Kosten ihrer Kunden vorwarf: Sie hatte Kunden zum Kauf von Schuldverschreibungen verleitet, die mit besonders unsicheren Hypothekendarlehen besichert waren, während die Bank selbst ohne Wissen der Kunden auf den Verfall der Immobilienpreise spekulierte. Hier ein Beispiel seiner Prosa:

«Immer mehr Leverage-Effekt im System. Das ganze Gebäude kann jeden Moment zusammenbrechen. […] Wenn ich daran denke, dass ich dieses Produkt mitentworfen habe […], ein Ding, das du erfindest und dir dabei sagst: und wenn wir ein Ding erfinden, das zu nichts taugt, das keinen Sinn erfüllt und hoch theoretisch ist und dessen Preis keiner einschätzen kann, dann schmerzt es, es mitten im Flug explodieren zu sehen. Es ist ein bisschen wie mit Frankenstein, der sich gegen seinen Erfinder wendet.»3

Eine E-Mail eines anderen jungen Bankers bestätigt diese Geisteshaltung. Ihr Autor ist Jérôme Kerviel, der Wertpapierhändler, welcher der französischen Großbank Société Générale 2007 einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro bescherte. Er wurde inzwischen von der französischen Justiz verurteilt, während sein Arbeitgeber seltsamerweise für straffrei erklärt wurde, obwohl er sicher mitverantwortlich für die Ausbreitung dieser Kasino-Wirtschaft und die entsprechende Mentalität war. Unter anderem erklärte er:

«Den idealen Modus Operandi der Handelsräume kann man in einem Satz zusammenfassen: Man muss wissen, wie man das größte Risiko eingeht, um der Bank die größtmöglichen Gewinne zu ermöglichen. Angesichts dieser Regel wiegen die elementarsten Vorsichtsprinzipien nicht schwer. Bei der großen Geldorgie werden die Trader genauso behandelt wie jede x-beliebige Prostituierte: eine kurze Anerkennung, dass der Tagesumsatz in Ordnung war.»4

Abschließend macht ein Artikel von Sam Polk, der als Trader für einen spekulativen Fonds tätig war, eine weitere Dimension des Problems deutlich: Für ihn wie für viele seiner Kollegen wird Geld zur Droge. Hier ein Auszug:

«Während meines letzten Jahres an der Wall Street betrug mein Bonus 3,6 Millionen Dollar und ich war wütend, weil das nicht genug war. Ich war 30 Jahre alt, hatte keine Kinder, keine Schulden abzuzahlen, kein philanthropisches Ziel vor Augen. Ich wollte mehr Geld und zwar aus dem gleichen Grund, wie ein Alkoholiker noch ein Glas braucht. Ich war süchtig.»

Des Weiteren sagt er:

«Nicht nur, dass ich nicht dabei half, Lösungen für die Probleme der Welt zu finden, ich profitierte auch noch davon.»5

Beim Lesen dieser E-Mails oder Aussagen kristallisieren sich weitere Merkmale der heutigen Gesellschaft heraus. Innerhalb der Finanzsphäre, also im Nervenzentrum der Wirtschaft, überwiegen Käuflichkeit, das Fehlen anderer als finanzieller Werte und moralisches Vakuum. Der ungebremste Zynismus desillusionierter, geldsüchtiger junger Leute, die ihre Abschlüsse an den renommiertesten Universitäten erst seit kurzem in der Tasche haben, wird nicht nur geduldet, sondern von ihren Arbeitgebern auch stillschweigend gefördert. Hinzu kommt, dass diese Hochschulen sich häufig damit brüsten, solche brillante Köpfe auszubilden, die das Zeug haben, in den Handelsräumen der größten internationalen Banken zu agieren. Viel zu selten wird dabei die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen und der Integrität ihrer Absolventen gestellt! Dank der massenhaften Einstellung von Wertpapierhändlern können sich Großbanken aktiv am gegenwärtigen «Finanzkrieg» beteiligen, in dem die Wetten der Kasino-Wirtschaft6 zu Massenvernichtungswaffen werden,7 die Staaten und Unternehmen erschüttern und Massenarbeitslosigkeit produzieren.

Menschen, die unter diesem Zynismus leiden, gibt es zuhauf. Ein Beispiel ist die Arbeitslose Isabelle Maurer. Am Donnerstag, den 10. Oktober 2013 fiel sie Jean-François Copé, dem Vorsitzenden der französischen politischen Partei UMP, in einer Fernsehsendung empört ins Wort:

«Wir überleben von dem bisschen, das man uns zugesteht. Bald können wir uns nicht mal mehr ein Stück Seife zum Waschen leisten! Und dann soll ich mich auch noch bedanken?!»8

Und noch eine Charakterisierung müssen wir hinzufügen. Ein Großteil der heutigen Generationen fühlt sich hilflos angesichts der verzweifelten Situation, mit der sie sich konfrontiert sehen.

Heute stirbt die europäische Jugend nicht mehr massenhaft in Schützengräben oder auf Schlachtfeldern – wer vorzeitig stirbt, tut das eher durch Autounfälle oder Selbstmord. Und doch wird sie in diesen Krieg der anderen Art hineingezogen, den Finanzkrieg, unter dem sie häufig zu leiden hat. Worunter leiden die Jugendlichen? Unter Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Übergewicht, allesamt Begleiterscheinungen der Not und Verzweiflung. Wovor fürchten sie sich? Vor der Zukunft und vor Gefahren wie Arbeitslosigkeit und Unsicherheit, die durch die Finanzkrise bedingt sind. Die heutigen Generationen werden von den Medien abgestumpft, die zumeist Belangloses als wichtig darstellen und wichtige Themen, wenn überhaupt, in belangloser Form abhandeln. Da ihnen die Orientierung fehlt, um zu erkennen, worum es wirklich geht, erscheint ihnen die Zukunft allzu oft undurchschaubar und somit beunruhigend.

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