Logo weiterlesen.de
Vollkasko

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 1

Arno Eggenthal dachte nach. Das war nichts Besonderes, denn Arno Eggenthal verbrachte viel Zeit mit Nachdenken über das, was einem im Leben so passieren konnte, über Krankheiten zum Beispiel, die man bekommen konnte, oder über mögliche Lottogewinne oder Beziehungsprobleme; alles Dinge also, die das Leben veränderten und in seinem Falle doch eher theoretischer Natur waren, denn er war bisher nie ernstlich krank gewesen und er spielte auch kein Lotto, und ein echtes eigenes Beziehungsproblem, wie es bei Bekannten ständig vorkam, das war ihm bisher fremd erschienen, fast unangemessen und auch ein bisschen anstrengend. Meinungsverschiedenheiten, wenn man das so nennen wollte, hatte es in letzter Zeit allerdings auch zwischen ihm und Silke, seiner Frau, häufiger gegeben. Wie vor einigen Minuten.

Sie hatten ihn in der Küche stehenlassen, Silke, die seinen Ausführungen nicht weiter zuhören wollte, und Luca, sein sechzehnjähriger Sohn, der ihm schon seit etwa einem Jahr nicht mehr zugehört hatte, und so war Arno die Treppe hinauf ins obere Stockwerk gegangen, in sein Arbeitszimmer, wo er jetzt am Fenster stand und hinausschaute.

Es war Freitagabend, die Nachbarn kamen von der Arbeit nach Hause, stellten ihre Wagen ab, und die Straße füllte sich. Zu manch einem Haus gehörten vier Autos, denn das Dorf hatte keine Verkehrsanbindung, es gab fast ein Parkplatzproblem hier am Ortsrand, in der Siedlung, wie sie es weiter unten im Dorf nannten.

Eggenthal musste diesmal aus einem ganz persönlichen Grund nachdenken, es ging um etwas, das ihn direkt betraf. Er hatte vorhin in der Küche durch einen einzigen Satz seine Lage verändert, es war dramatischer verlaufen, als er es geplant hatte, und es ging darum, ob er sich jetzt im Recht fühlen und trotzig sein durfte und, der erhofften Unterstützung seiner Frau beraubt, unbeirrbar sein Ziel weiterverfolgen konnte. Oder ob er, wie Silke es beim Verlassen der Küche formuliert hatte, sie tatsächlich nicht mehr alle hatte.

 

Die Ursachen für den Disput lagen Monate zurück. Es hatte im Sommer des vergangenen Jahres begonnen. Ein brandheißer, staubig trockener Juli war nach einem Kälteeinbruch von einem verregneten August abgelöst worden, Eggenthal wurde im Urlaub mit Wasser nur so zugeschüttet, und dieser Umstand gab ihm zwangsläufig viel Zeit zum Nachdenken und schärfte seine Sinne für die weitere Entwicklung.

Ihm fiel damals auf, dass der Sommer erst im Herbst fortgesetzt wurde, um dann allerdings bis Ende Oktober anzuhalten. Der November und auch der Dezember brachten Temperaturen, die an den Frühling erinnerten. Dann kam der Winter, gleich drei Mal. Das erste Mal vom 26. bis 27. Januar, und zwar mit Minustemperaturen! Das zweite Mal mit Schnee am 7. Februar von 7 bis 12 Uhr und dann noch mal, völlig unverhofft, am 8. Februar von 14 bis 17 Uhr.

Es schien, als wären die Jahreszeiten, so wie er sie bisher kannte, verschwunden, und zwar so plötzlich, als hätte jemand mit dem Finger geschnippt oder als hätte es einfach nur »Peng!« gemacht. Nachdem sie früher schon hin und wieder unzuverlässig gewesen waren, was sich durch das falsche Wetter zum falschen Zeitpunkt geäußert hatte und als zufälliges und immer wieder mal auftretendes Phänomen erklärt worden war, waren sie nun ganz weg, hatten sich abgemeldet und aufgelöst, so jedenfalls empfand es Eggenthal.

Und dann kam, Anfang Februar, auch noch die offizielle Bestätigung, der große Klimakatastrophenaufschrei, und alles, was die Zeitungen seit über zehn Jahren in kleinen Überschriften auf Seite siebenundzwanzig gedruckt hatten, brachten sie plötzlich auf Seite eins in Großbuchstaben. Die Reaktionen waren eher putzig und zeigten, dass noch nicht alle bereit waren für die neue Erkenntnis: Im Radio stellte der Nachrichtensprecher fest, dass das Unglück nicht aufzuhalten und die Lage ernst sei. Eine Minute später sagte eine Moderatorin des gleichen Senders: »… und wir freuen uns auf einen phantastischen Tag mit Sonne und Temperaturen bis siebzehn Grad!« Siebzehn Grad plus wohlgemerkt, im Februar.

Eine Woche später hieß es im Nachrichtenteil seiner Tageszeitung, dass die Klimaveränderung nur noch durch sofortiges Handeln gemildert werden könne. Am nächsten Tag brachte die gleiche Zeitung auf der Autoseite einen Bericht mit der Überschrift: »Faszinierender neuer Audi R8. Alles richtig gemacht!« Die technischen Daten: 420 PS, 301 km/h Spitze. Verbrauch: 20 Liter.

Die Tourismusbranche ließ ganz sachlich verlautbaren, dass der Klimawechsel eine Veränderung der Reisegewohnheiten mit sich bringen werde, auf die man sich einzustellen habe, und ein Kollege von Eggenthal sagte mit einem Blick aus dem Fenster: »Ohne die Klimaveränderung würden die Blumen jetzt nicht so schön blühen.« Na ja. Er war erst dreiunddreißig.

Eggenthal hatte die Thematik bisher nie wirklich an sich herangelassen, doch das mit den Jahreszeiten beunruhigte ihn schon ein wenig. An denen hing er nämlich, wie ihm jetzt auffiel, ziemlich stark. Sie gehörten zu seiner Ordnung. Er konnte sich noch daran erinnern, wie die Menschen auf dem Dorf früher, als er fünf oder sechs gewesen war, nach ihrem Rhythmus gelebt hatten. Der blühende Garten im Frühling, das Wachstum auf den Feldern, die Tiere, die aus den Ställen auf die Weiden kamen. Getreideernte und Heumachen im Sommer, im Herbst Rüben und Kartoffeln, die neue Aussaat, der laubbedeckte Garten mit leeren Beeten und dunklen, schweren Farben. Schließlich wurden die Feldmaschinen gereinigt, der Lauf der Dinge verlangsamte sich, es ging auf Weihnachten, und die Weihnachtszeit begann tatsächlich erst Anfang Dezember und nicht schon im Oktober mit dem üblichen Kitsch in den Geschäften.

Er dachte an die schönen Momente, die er als Erwachsener mit den Jahreszeiten gehabt hatte. Früher zum Beispiel, so bis er Ende zwanzig war, kam er an den Wochenenden öfter betrunken heim, nachts natürlich. Manchmal war dann November, und er stand noch ein bisschen vorm Haus und schaute nach oben zum Himmel. Der Nieselregen störte ihn in seinem Zustand nicht, der Wind war stark und angenehm und jagte hell- und dunkelgraue Wolkenfetzen vor sich her, die hin und wieder den Mond durchblicken ließen. Das Gleiche funktionierte in den Winternächten, wenn Schneetreiben das Licht der Straßenlaternen dämpfte, und im Frühjahr, wenn die Vögel bereits anfingen zu lärmen und die Katzen der Nachbarin um ihn herumstrichen, und im Sommer, wenn er in lauen Nächten das ferne Quaken der Frösche hören konnte.

Solche Eindrücke hatte er natürlich nicht nur nachts und betrunken, sondern auch am Tag und nüchtern. An dem Land, in dem er wohnte, liebte er vor vielem anderen die Jahreszeiten, sie waren immer da gewesen, verlässlich und beständig. Er wollte sie behalten. Wenn der Winter hart war, hatte man sich das Frühjahr verdient, dann machte es umso mehr Spaß. Nicht aber, wenn sich ab November das Wetter auf eine mittlere Einheitstemperatur von zehn Grad plus einpendelte und zwischendurch alle paar Wochen ein idiotischer Wind stundenlang zwischen den Häusern rumjaulte. Das war kein Zustand. Das war eine Katastrophe.

Allerdings war er sich nicht sicher, ob von solchen Sentimentalitäten ein hinreichender Anspruch auf den Erhalt der Jahreszeiten abzuleiten war. Als er seine Gedankengänge eines Abends Silke unterbreitete, hatte er nicht das Gefühl, dass sie es für sinnvoll hielt, ihnen zu folgen. Offensichtlich stand seine Argumentation auf tönernen Füßen. Was er brauchte, war eine Legimitation, etwas Handfestes, vielleicht auch etwas Radikales. Möglicherweise musste er sogar selbst etwas tun und ein Zeichen setzen.

Dieser Eindruck verstärkte sich, als er am Samstagvormittag eine Zeitungsmeldung über eine kleine verkehrspolitische Revolution im etwa einhundertfünfzig Kilometer entfernten Gantenheim las: »Grüne unter Führung von Annette Felber setzen Umgehungsstraße durch.« Da war sie, auf dem Foto, mit vier anderen Abgeordneten, etwas kleiner als die Leute um sie herum, aber sie zog den Blick auf sich, und ihr Lächeln war offen und nicht so verkniffen wie das der anderen.

Annette. Sie tauchte immer mal wieder in seinen Gedanken auf, er wusste nicht, ob ein System dahintersteckte, aber vielleicht waren es ja genau solche Situationen wie jetzt, in denen er sich an sie erinnern sollte. Auf Verdacht googelte er ihren Namen und wurde fündig: »Annette Felber für die Grünen im Stadtparlament von Gantenheim«, las er. Annette war sich also treu geblieben, die ganze Zeit. Und sie lebte immer noch in der Nähe von Frankfurt. Es war ein paar Jahre her seit ihrem letzten Treffen. Sie war eine Klassenkameradin, das heißt eigentlich war es etwas mehr, was sie verbunden hatte. Damals.

Eggenthal dachte wieder an sein Jahreszeitenproblem. Er beschloss, erst einmal die weitere Entwicklung der Lage zu beobachten. Es gab im Frühjahr erste Kalkulationen darüber, wie viel die Rettung der Welt kosten würde, man veranschlagte so etwa fünfhundert Milliarden, Eggenthal las es und fragte sich unwillkürlich, wo man denn seinen Anteil einzahlen könne, es wäre ja schließlich ganz praktisch, wenn jeder seinen Beitrag leisten würde, und das Problem wäre behoben.

Er war fast erstaunt, als ihm bewusst wurde, dass er sogar bereit wäre, das Haus dafür zu verkaufen, wenn damit die Sache aus der Welt zu schaffen sei. Aber es war eben nur eine Theorie. Als er solche und ähnliche Gedankengänge eines Abends Silke unterbreitete, hatte er nicht das Gefühl, dass sie es für sinnvoll hielt, ihnen zu folgen.

Ein Lösungsansatz musste her, und in diesem Zusammenhang drängte sich ihm ein verwegener Gedanke auf. Es hatte etwas mit dem Ka zu tun. Eggenthal hatte sich den Ka vor zehn Jahren als Zweitwagen angeschafft, neben dem Kombi, weil er ihn für die billigste noch menschenwürdige Lösung hielt, zur Arbeit zu kommen. Es war übrigens mutig von ihm, im Ka zu fahren, fand er, und zwar nicht wegen des mangelnden Unfallschutzes oder des geringen Platzangebots, sondern weil er ein Mann war. In den zehntausend Ford Ka, die ihm in den letzten Jahren begegnet waren oder die er überholt hatte, saßen immer Frauen. Wenn jemals ein Mann am Steuer eines solchen Wagens gesessen hatte, dann nur Eggenthal. Es machte sonst keiner.

Jetzt ging es um den Erhalt der Jahreszeiten, Eggenthal wollte das Recht haben, ihn einzufordern, bei Politikern oder wem auch immer, und der Ka sollte seine Legitimation dafür werden. Eggenthal fühlte sich bereit, ihn zu opfern.

Neue Argumente dafür lieferte ihm der April. Die Hochdruckgebiete »Peggy«, »Renate« und »Silvia« bestimmten das Wetter, unterdrückten Schnee- und Graupelschauer, ließen Wind und Wolken keine Chance, und dreißig Tage lang fiel kein Tropfen Regen. Eines Abends versuchte er erneut, ein Gespräch mit Silke über die Jahreszeiten zu führen und wie sehr es ihn beschäftigte, dass sie sich immer weniger voneinander unterschieden. Aber er kam nicht richtig durch zu ihr, sie hatte einen stressigen Tag in der Bank verbracht, einige Mitarbeiter hatten sich über die Überlastung beschwert, meinten, die Arbeit sei ungleich verteilt; Probleme, die sie in den nächsten Tagen lösen musste.

»Es ist Mai«, sagte sie nur. »Und es ist Mistwetter. ›Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun und Fass.‹ Das ist ein uraltes Sprichwort, seit hundert Jahren bewährt, und so ist das Wetter. Genau richtig also, eher beruhigend. Seit wann beschäftigst du dich mit Meteorologie?«

Seit einem halben Jahr, hätte er antworten können, aber das hätte seine Argumentationsbasis nicht gestärkt. Er sah seine Situation jetzt klar: Es ging ihm nicht gut, und die Gründe dafür wurden nicht verstanden. Normalerweise hätte er es damit gut sein lassen. Aber nicht diesmal. Eggenthal spürte, dass er an einem Punkt angelangt war, der eine klare Haltung erforderte. Er würde eine Entscheidung fällen müssen, wie es aussah, allein, denn zu entscheiden gab es etwas. Zu stark und zu dauerhaft hatte sich Unruhe in ihm breitgemacht, das Gefühl, dass sich etwas ändern müsse, und dieses Gefühl wollte er loswerden.

Doch es dauerte an. Der Sommer ging nass und zu kalt dahin, im Urlaub waren sie nach Griechenland in die Hitze geflüchtet (Silke war dieses Jahr mit der Festlegung des Urlaubsziels dran gewesen), und dann kamen der September und das Gespräch mit seinem Mechaniker, der den Ka auf der Hebebühne hatte.

»Der Motor ist noch okay, aber die Querlenker, die Stoßdämpfer und der Auspuff sind so gut wie hinüber. Die Reifen haben gerade noch die Mindestprofiltiefe, die Türschlösser und die Wischblätter müssten erneuert werden, und der Rost frisst sich langsam durch. Also wenn Sie den weiterfahren wollen, müssen Sie demnächst mal ’n bisschen was investieren.«

»Ich überleg’s mir«, sagte Eggenthal, doch weil er jahreszeitenbedingt im Moment nicht so tickte wie ein normaler Mensch, nahm er die Nachricht geradezu mit Genugtuung auf. Das war ein Wink des Schicksals, genau die Hilfe, die er gebraucht hatte. Der Ka war so gut wie Schrott, musste abgeschafft werden, und nicht nur das – er würde noch weiter gehen. Auf der Heimfahrt hatte er noch mal nachgedacht, er befasste sich ja seit Monaten damit, und heute, an diesem Montag, dem 17. September, vor einer halben Stunde, hatte er verkündet, was den Disput mit Silke ausgelöst hatte: dass er plante, ein Jahr lang kein Auto mehr zu fahren.

 

»Wie stellst du dir das vor?«, fragte Silke, als er ihr seine Idee vortrug. »Hast du dir mal die Folgen überlegt? Ich hol dich dann jedenfalls nicht ab, wenn du Überstunden machst und bis acht bei der Arbeit hängst.«

»Geht ja auch gar nicht«, sagte er.

»Warum?«, fragte sie.

»Weil ich nicht nur selbst nicht fahre, sondern auch ein Jahr lang in kein Auto einsteige.« Wie gesagt, sein Einfall war radikal.

Sie tippte sich an die Stirn. »Und wie willst du zur Arbeit kommen?«

»Zug.«

»Aha. Und wie zum Zug?«

»Fahrrad.«

»Und wie vom Bahnhof zur Bibliothek?«

»Bus.«

»Ich lach mich schlapp. Du weißt doch nicht mal, ob man beim Bus vorn oder hinten einsteigen muss. Ich kenn dich doch. Und eins sag ich dir gleich: Wenn ich Luca dann ein Jahr lang allein zu allen Terminen fahren soll, dann kannst du sehen, wo du bleibst. Ich hol dich jedenfalls nicht ab, wenn du nachts auf irgendeiner Fete hängst …«

»Geht ja auch gar nicht«, sagte er wieder.

Sie hatte ihn angesehen wie einen Idioten und die Küche verlassen. »Ich glaub nicht, dass du sie noch alle hast«, waren ihre letzten Worte gewesen.

Auf seinen Einwand, dass man ja nicht nur die Nachteile seiner Aktion sehen solle, reagierte sie nicht mehr, und Eggenthal, der immer noch aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, fand es etwas undankbar, wie wenig sie ihn in seiner Angelegenheit unterstützte. Es war ein selten emotionales Gespräch gewesen, so hatte er sie lange nicht erlebt.

Wenn sie verschiedener Meinung waren, nahm er es gewöhnlich hin. Es ging dabei meist um Kleinigkeiten wie das »richtige« Schließen der Wohnzimmertüren – Silke war nämlich der Meinung, dass man dabei jedes Mal den Griff herunterdrücken müsse, weil der Vorgang dann geräuschloser vor sich ging. Außerdem monierte sie häufig, dass er beim Schließen der Kühlschranktür nicht den Griff benutzte, sondern das Türblatt mit den Fingern berührte und dadurch Abdrücke hinterließ, die für ihn selbst noch nicht einmal sichtbar waren. Oder sie bemängelte mikroskopisch feine Partikel auf dem Badezimmerspiegel, die durch zu intensive Gurgelvorgänge Eggenthals entstanden waren und die sie jetzt aufwändig entfernen müsse. Eggenthal fand so etwas übertrieben, er war der Meinung, dass es reichte, wenn ein Spiegel dann geputzt würde, wenn er dran wäre, und das machte er dann auch gern selbst, er konnte nämlich Spiegel putzen und andere nützliche Dinge, aber das brauchte ja nicht alle drei Stunden zu geschehen; ein Bad oder eine Küche mussten schließlich nicht immer so aussehen, als seien sie gerade neu eingebaut worden.

Es waren Kleinigkeiten, an denen sie sich rieben, aber Eggenthal fand, dass sich diese in letzter Zeit häuften, vielleicht hatte er auch früher nie so darauf geachtet, jedenfalls fühlte er sich manchmal ein wenig kontrolliert.

Er setzte sich an den Schreibtisch und notierte sich noch mal die Eckdaten. Mit der Arbeit hatte sie schon recht: Mit dem Ka brauchte er genau fünfundzwanzig Minuten von der Haustür bis zur Arbeit. Einsteigen, losfahren, auf dem Parkplatz wieder aussteigen, das war’s. Ohne den Ka: etwa fünfzehn Minuten mit dem Rad zum Bahnhof, fünf Minuten Aufenthalt, dreißig Minuten mit dem Zug in die Stadt, zehn Minuten mit dem Bus zur Arbeit. Machte sechzig Minuten. Also morgens und abends über eine halbe Stunde mehr.

Statt um 7 Uhr vor 6 aufstehen, um den richtigen Zug zu erwischen. Durch Regen, Kälte und Hitze mit dem Rad, im Winter Dunkelheit. Angst vor Hunden. Zusätzlich: nicht mehr schnell mal abends in die Pizzeria fahren oder zum Spanier. Das war das, was ihm auf Anhieb einfiel. Schaffte er das?

Die Frage war berechtigt. Rein oberflächlich betrachtet sah es so aus, als habe Eggenthal sich mit den Jahren nur wenig verändert, etwas, was alle für erstrebenswert hielten, obwohl er selbst nie viel dafür getan hatte. Ein paar Falten auf der Stirn und um die Augen, das Haar dünner, aber noch nicht hoffnungslos verloren, die Gewichtszunahme, seit er zwanzig und dürr war, im deutlich einstelligen Bereich. Oberflächlichkeiten, die es einem erlaubten, den Alterungsprozess zu verleugnen oder mit so schwachsinnigen Sprüchen wie »Man ist so alt, wie man sich fühlt« zu kommentieren.

Eggenthal fühlte sich genauso alt, wie er war, und es war nicht zu leugnen, dass sich mit den Jahren Veränderungen eingeschlichen hatten. Wenn er morgens zu schnell aus dem Bett aufstand, konnte es vorkommen, dass ihn ein Ziehen im Rücken auf den ersten paar Metern zu einer krummen Haltung zwang, und wenn er beim Treppensteigen drei Stufen auf einmal nahm, wurde das gelegentlich von einem leichten Stechen im linken Knie begleitet. Als er neulich im Garten eine Rolle vorwärts vorführen wollte, hatte er das Gefühl durchzubrechen. Er hatte wohl ein wenig an Elastizität eingebüßt. Doch im direkten Vergleich mit einigen Bekannten, bei denen die Frauen sich die Brüste und die Männer die Hüfte machen ließen, konnte man noch nicht von Gebrechen reden. Es war noch einiges möglich, vorausgesetzt, man begann es irgendwann einmal.

Er dachte daran, wie er wohl im Vergleich mit seinen Klassenkameraden abschnitte. Annette hatte auf dem Bild in der Zeitung noch ziemlich jung ausgesehen. Er rief Theo Lammbeck an, mit dem er ebenfalls zur Schule gegangen war, und zwar von der ersten bis zur dreizehnten Klasse. Es war Urzeiten her, aber sie hatten einiges zusammen erlebt und sich nicht aus den Augen verloren, obwohl Lammbeck vor Jahren vierhundertfünfzig Kilometer südlich, in der Nähe von München, sesshaft geworden war. Sie trafen sich manchmal und telefonierten oft. Lammbeck würde ihn unterstützen, er hatte eine Antenne für solche Themen. Er hatte schon zu einer Zeit Solarzellen bei sich montiert, als alle anderen die Dinger noch für überdimensionierte Dachfenster hielten. Er machte so etwas nicht unbedingt, um Umweltbewusstsein zu demonstrieren, es waren mehr die technische Herausforderung und die Möglichkeit, mittelfristig Geld zu sparen, die ihn reizten. Weil er die Sachen pragmatisch anging und alles selbst machte, rechnete es sich meistens tatsächlich. Eggenthal, der bei der Installation der Anlage als Handlanger geholfen hatte, war fast schlecht geworden, als er Lammbeck damals auf dem Dach herumturnen sah, gesichert nur mit einem alten Hanfstrick, den er um den Bauch geknotet und oben um den Schornstein geschlungen hatte.

Seltsamerweise lief das Gespräch mit Lammbeck ähnlich ab wie das mit seiner Frau fünf Minuten zuvor, nur mit dem Unterschied, dass Lammbeck sich schlapp lachte über ihn. Da müsse man aber ganz schön die Zähne zusammenbeißen, meinte er und wollte außerdem wissen, warum es gleich eine so radikale Lösung sein müsse.

»Es geht um die Jahreszeiten«, sagte Eggenthal.

»Bist du dir sicher?«, fragte Lammbeck, und Eggenthal bejahte. »Wenn du meinst«, sagte Lammbeck. Schließlich fragte er ihn, ob er jetzt ein Jahr lang in seinem Kaff versauern wolle.

Das war nicht gerade die Form von Unterstützung, die Eggenthal sich erhofft hatte. Er hätte es wissen müssen. Lammbeck hatte nicht nur als Erster die Solarzellen gehabt – er war auch der absolute Motorrad- und Autofreak. Zum Schluss meinte er noch, sein Vorhaben würde Eggenthal mobilitätsmäßig auf den Stand von 1974 zurückwerfen.

Damit hatte er wohl recht. Damals, als Fünfzehnjährige, jagten Eggenthal und Lammbeck mit 1,3 PS starken NSU Quicklys und ohne Führerschein über die Feldwege. Solche Geräte standen in dieser Zeit in Kellern oder Scheunen von Verwandten oder Bekannten herum, oft seit Jahren nicht mehr genutzt, und es kostete nur ein wenig Quengelei und fünfzig D-Mark, sich so ein Teil zu organisieren. Sie waren für den Anfang nicht schlecht, aber der Maßstab waren die »richtigen« Mopeds, genauer gesagt die Kreidler mit fünf Gängen und 6,25 PS, die so ziemlich das Schärfste war, womit man als Jugendlicher unterwegs sein konnte.

Eggenthal träumte von der Kreidler, Lammbeck hatte sie ein Jahr später. Selbst zusammengespart. Er hatte schon vor zwei Jahren auf dem Hof seines Onkels angeheuert, eines Großlandwirts, und war innerhalb eines Jahres zum Mähdrescherfahrer aufgestiegen, alles neben der Schulzeit, versteht sich. Eggenthal fielen fast die Augen raus, als Lammbeck zum ersten Mal mit der Karre bei ihm zu Hause aufkreuzte. Drehzahlmesser, verchromter Tank, der Rest orange lackiert. Das Ding ging hundert Sachen.

Die Quicklys liefen siebenunddreißig. Sie waren gebaut worden, als Eggenthal noch gar nicht geboren war, der Hersteller hatte mit ihnen damals offiziell den »Kampf um den letzten Fußgänger« eröffnet. Lange her.

Kapitel 2

Die Welt war also gegen Eggenthal und seinen Plan. Seine Mitmenschen trauten es ihm nicht zu, weil sie ihn kannten, und das gab ihm zu denken. Er hatte ein wenig Anerkennung erwartet, das Vorhaben allein schien schon nicht einfach, und jetzt wurden bereits vor dem Startschuss die Hürden aufgebaut.

Bisher hatten er und Silke immer alles miteinander besprochen. Als die Kinder noch kleiner waren, gab es die üblichen Probleme in Kindergarten oder Schule oder die Betreuungsfrage, als beide wieder arbeiteten. Immer hatten sie sich abends hingesetzt, sich Zeit genommen und Lösungen gesucht und gefunden. Jetzt war Jana nicht mehr da, studierte in Hamburg und meldete sich für sein Empfinden viel zu selten, und zu Luca, der es inzwischen vermied, sich öffentlich mit ihnen zu zeigen, fehlte ihm seit Monaten der Zugang.

Auch später waren er und Silke sich meistens einig gewesen, wenn es um Veränderungen am Haus oder um irgendwelche Anschaffungen ging. Wobei er sich jetzt gelegentlich fragte, ob es wirklich gemeinsame Beschlüsse gewesen waren oder ob er nicht meist irgendwann eingelenkt hatte, weil ihm die Sache doch nicht so wichtig erschien, dass man darüber streiten sollte. Die weiße Polstergarnitur aus Leder kam ihm in den Sinn, die sie vor drei oder vier Jahren angeschafft hatten und an deren Anblick er sich bis heute nicht gewöhnt hatte. Oder, genauso schlimm, die Sprossenfenster, die es bei der letzten Renovierung sein sollten. Vorher hatten sie nämlich einen ganz guten Ausblick gehabt, vor allem aus dem großen Wohnzimmerfenster. Dank dieser Sprossen gab es nun ohne Not Barrieren, eine Art Raster, wo gar keins hingehörte, der Blick war also nicht mehr frei, Eggenthal war da sensibel, und das Idiotischste war, dass diese Dinger keine andere Funktion hatten, als das Fenster teurer zu machen. Na ja, jedenfalls hatten sie jetzt überall diese Sprossenfenster. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Dinge fielen ihm ein, die mehr oder weniger ungeplant in seinen Besitz gekommen waren.

Was seine Aktion betraf, da war die Situation anders. Diesen Plan hatte er selbst entworfen, und er hatte die Fäden in der Hand und hielt es für notwendig zu agieren, wenn es die Lage erforderte, auch ohne ihr Einverständnis. Silke hatte offensichtlich vor, die Sache auszusitzen, oder besser, auszuschweigen, sie erwähnte das Thema nicht mehr und redete auch sonst kein Wort mit ihm. Das Glas Wein, das sie gelegentlich gemeinsam tranken und von dem sich Eggenthal einen entspannteren Gesprächsverlauf erhofft hatte, lehnte sie ab. Aber da ihm ein Gefühl sagte, dass es Zeit war, die Dinge voranzutreiben, machte er gegen 22 Uhr einen neuen Vorstoß.

»Ich behaupte ja nicht, dass es einfach ist«, sagte er.

Silke schwieg.

»Und es läuft vielleicht nicht ganz ohne Kompromisse ab, darüber bin ich mir auch im Klaren.«

Silke rückte nach vorn auf die Sesselkante und richtete sich auf.

»Aber es gibt durchaus Vorteile, wenn man mal genauer drüber nachdenkt.«

»Kannst du mal erklären, wovon du überhaupt redest?«, fragte sie.

»Überleg mal«, sagte Eggenthal. »Wir würden die kompletten Kosten für den Zweitwagen sparen, über dreihundert Euro pro Monat.«

»Gehen wir deshalb beide arbeiten, damit wir solche Berechnungen anstellen müssen? Außerdem musst du von deinen angeblichen dreihundert Euro Ersparnis die Kosten für Zug- und Busfahrten abziehen, dann sieht die Sache schon anders aus. Von dem höheren Zeitaufwand ganz zu schweigen.« Jetzt kam die Bänkerin in ihr zum Vorschein. Immerhin hatte sie sich schon mit dem Fall befasst. Und sie war noch nicht fertig. »Die ganzen Fahrten, die für unseren Alltag nötig sind. Wer fährt Luca zu seinen Kumpels oder zur Schulfete? Zum Arzt? Was ist mit Einkaufen? Bleibt alles an mir hängen. Was ist mit Kino, Theater, Essengehen? Lässt du dich da hinbeamen oder was?« Sie hatte sich sogar schon ziemlich detailliert mit dem Fall befasst.

»Was die zusätzlichen Fahrten für dich betrifft, da würde ich im Gegenzug natürlich andere Aufgaben übernehmen. Und Arztfahrten wären die Ausnahme, die würde ich schon machen. Wenn es ein echter Notfall wäre. Und zu den anderen Terminen komme ich schon irgendwie hin, das ist ja dann mein Problem.«

»Du wärst also im Notfall bereit, in ein Auto zu steigen, um unser Leben zu retten. Wie schön. Das ist an Großzügigkeit kaum zu übertreffen. Das, was du da vorhast, ist nicht nur dein Problem, das wird unser aller Problem. Wie kann man plötzlich auf eine solche Idee kommen? Ich hab bis heute eigentlich gedacht, ich kenn mich ein bisschen aus bei dir.«

»War gar keine plötzliche Idee«, sagte Eggenthal. »Es hat sich über Monate entwickelt, aus einem Unbehagen über die ganze Klimasituation und so. Mir ist aufgefallen, dass es keine richtigen Jahreszeiten mehr gibt. Ich hab nach einer Lösung gesucht.«

»Das soll also deine Lösung sein. Für die Klimasituation. Was du vorhast, das ist ungefähr so wirkungsvoll, als wenn nachts in Amerika in der Prärie jemand ein Streichholz anzündet und meint, das hätte positive Auswirkungen auf die Helligkeit in Europa.«

»Der Vergleich hinkt«, sagte Eggenthal. »Wenn es in Amerika dunkel ist, ist es ja hier sowieso meistens hell, wegen der Zeitverschiebung.« Die Bemerkung war nicht hilfreich.

»Wie willst du das eigentlich alles jemand anderem erklären, wenn nicht mal ich es begreife?«, fragte sie.

»Ich dachte, es erklärt sich vielleicht von selbst. Müsste doch jedem einleuchten.«

»Manchmal staune ich über deine Naivität. Du willst ein Jahr lang in kein Auto einsteigen. Noch nicht mal als Beifahrer. Das heißt, du hast vor, dich aus der normalen Welt zu verabschieden, und das soll den Leuten einleuchten. Und wann bitte soll das losgehen?«

»Du kannst dich beruhigen. Nicht sofort.«

»Und das heißt?«

»In ein paar Tagen vielleicht. Wenn ich den Ka los bin.«

»Dann hast du ja noch Zeit, um zur Vernunft zu kommen. Ich geh jetzt ins Bett, hab morgen einen anstrengenden Tag. Kümmer dich doch lieber mal darum, dass Luca nicht wieder bis um zwölf vorm Computer hängt …«

Eggenthal dachte nach. Sie wusste jetzt immerhin, was er vorhatte. Aber sie glaubte noch nicht, dass er Ernst machen würde. Er glaubte es auch noch nicht ganz, deshalb musste er dranbleiben. Sich nicht noch ein weiteres halbes Jahr im Kreis drehen und grübeln. Er hatte keine Verbündeten, nicht einmal Lammbeck. Doch er konnte ihnen etwas beweisen. Und es gab keinen ernstzunehmenden Grund, warum es nicht klappen sollte.

Eine Änderung. Es war nur eine einzige Änderung in seinem normalen Leben, nichts, was ihn aus der Bahn werfen konnte. Der Rest würde so bleiben. Die tägliche Arbeit, sein Job als Bibliothekar, wurde nicht beeinträchtigt. Luca würde von seinem neuen Verhalten ohnehin kaum etwas mitbekommen.

Morgen war Dienstag. Er musste irgendwann zum Gebrauchtwagenhändler, das Rad musste funktionstüchtig gemacht werden, er musste zum Bahnhof, es galt also einiges zu regeln. Dinge zu regeln war nicht gerade seine Stärke.

Bevor er zu Bett ging, klopfte er noch mal an Lucas Tür. Sie war abgeschlossen wie meistens. Luca öffnete und schaute ihn nur stumm an, stumm und auf Augenhöhe. »Mach nicht wieder bis zwölf«, sagte Eggenthal, sein Sohn zuckte mit den Schultern zum Zeichen, dass er ihn wahrgenommen hatte, und schloss wieder ab.

 

An den Folgetagen verliefen die Gespräche zwischen ihm und Silke knapp und funktionsorientiert, sein brisantes Vorhaben wurde ignoriert. Eggenthal ging am Dienstag in den Keller und begutachtete sein Fahrrad. Es war ein gutes Rad, er hatte es vor etwa fünf Jahren nach ausgiebigem Studium der Fachzeitschriften und gründlicher Beratung mit seinem Fachhändler gekauft, inklusive Ausrüstung wie Packtaschen und Regenkleidung. Damals hatte er angekündigt, größere Fahrten zu unternehmen, vielleicht mit Luca samt Zelt und Gepäck auf Erkundungstour zu gehen. Und er hatte sich vorgenommen, den Wagen öfter stehen zu lassen, dafür kleinere und mittlere Strecken mit dem Rad zurückzulegen und sich ein wenig von den alltäglichen Gewohnheiten zu befreien.

Die Realität sah anders aus. Er hatte das Rad zuletzt vor etwa sieben oder acht Wochen benutzt, es musste aufgepumpt werden, und um die Schaltung musste sich jemand kümmern. Sie war nicht etwa vom vielen Fahren verstellt, sondern vom vielen Nichtfahren, auch so etwas gab es. Er hatte es in einer Radfahrzeitung gelesen, er las seit vielen Jahren solche Hefte und kannte sich, theoretisch gesehen, aus. Ja, er war sogar eine Art anerkannter Fachmann, aber das wusste aus guten Gründen niemand aus seiner Umgebung.

Es gab nämlich etwas in Eggenthals Leben, das ihn unterschied von den anderen, eine Kleinigkeit nur, und es war eine Mischung aus Beharrlichkeit und Zufall, die dazu geführt hatte. Als er damals sein Rad gekauft hatte, störte ihn schon bald der umständliche Gangwechsel bei seiner hochgelobten Kettenschaltung mit den angeblich vierundzwanzig Gängen. Auf jeder Lenkerseite saß eine Schalteinheit, die auch noch über jeweils zwei Hebel zum Hoch- und Runterschalten verfügte. Zwar kamen Millionen von Radfahrern mit dieser Schaltung zurecht, doch da Eggenthal entgegen seinen Vorsätzen nicht besonders häufig unterwegs war, musste er sich das Schaltschema jedes Mal neu einprägen und landete immer wieder in den falschen Gängen. Als er dann auch noch, nach einem Platten, unter Flüchen und Verwünschungen eine halbe Stunde mit dem Radausbau zubrachte und danach so ölverschmiert war wie ein Landmaschinenmechaniker nach einem anstrengenden Arbeitstag, reichte es ihm.

Er verfasste einen Leserbrief an eines der großen Radmagazine, in dem er nach den Fortschritten aus hundert Jahren Fahrradbau fragte, und wies darauf hin, dass ein Motorrad, obwohl es fünftausend bewegte Teile mehr hatte und in der Minute fünftausend Umdrehungen mehr machte, seltener gewartet und gepflegt werden musste als ein Fahrrad. Er fragte nach Innovationen wie der Einarmschwinge für einfacheren Radausbau und beschwerte sich, dass den echten technischen Alternativen im Fahrradbau wie beispielsweise der genialen Vierzehngang-Nabenschaltung, die in einer nordhessischen Kleinstadt produziert wurde, von der Fachpresse weniger Raum eingeräumt wurde als den supertollen neuen Griffgummis irgendeines amerikanischen Kultherstellers.

Der Leserbrief wurde über eine Seite lang, und natürlich wurde er nicht veröffentlicht. Eggenthal gab nicht auf und schickte ihn an das nächste Magazin, mit dem gleichen Ergebnis, danach an zwei Mountainbike-Zeitschriften, die ihn ebenfalls ignorierten. Erfolg hatte er schließlich beim Radkurier, dem alternativen Fahrradmagazin, das vierteljährlich in einer Auflage von etwa zwanzigtausend Exemplaren erschien und in einigen Fachgeschäften und Bahnhofsbuchhandlungen auslag. Das Magazin war nicht so auf Hochglanz poliert wie die meisten anderen, es gab mehr Text als Bilder. Der Redakteur vom Radkurier fragte sogar an, ob er den Leserbrief wegen der subtilen Seitenhiebe, die darin enthalten waren, als Glosse bringen dürfe und ob Eggenthal noch mehr solcher Texte beisteuern könne.

Eggenthal sagte zu, wollte aber aus einleuchtenden Gründen anonym bleiben, und so erschuf er als Hauptfigur für seine Storys den Bürger Bert Kamotzki, der sich Rad fahrend durchs Leben schlug und die verschiedensten Abenteuer erlebte.

Seitdem hatte er unter diesem Namen eine vierteljährliche Kolumne im Radkurier, von der niemand aus seinem Bekanntenkreis wusste und deren Inhalte überwiegend auf theoretischen Erfahrungen beruhten.

Eggenthal freute sich jedes Mal, wenn er das neue Heft in der Hand hielt und seine Seite aufschlug, es war ein Erfolg, und manchmal bedauerte er es ein wenig, dass er ihn mit niemandem teilen konnte.

Das bescheidene Honorar, das er für seine Texte bekam, ließ er auf ein Konto überweisen, das er extra für diesen Zweck eröffnet hatte, natürlich heimlich.

Kapitel 3

Das Rad war also mehr oder weniger einsatzbereit für seinen Plan, doch sonst passierte zunächst nicht viel. Es schien Silke zu beruhigen, dass er weiterhin mit dem Ka zur Arbeit fuhr, die Getränke und andere Einkäufe besorgte und auch alle anderen Fahrten wie gewohnt unternahm. Sie wurde wieder aufgeschlossener und nahm die bilateralen Gespräche von Neuem auf; sie unterhielten sich abends gelegentlich über Neuigkeiten aus dem Dorf, lebten ein bisschen auf bei dem, was geargwöhnt und gemutmaßt wurde oder gar als bewiesen galt. Harmonie, die gefährlich war und seine Vorsätze aufweichte. Als er gegen halb zehn mit dem zweiten Glas Wein in der einen und der halbvollen Flasche in der anderen Hand nach oben in sein Arbeitszimmer ging, um noch einmal seine Mails zu checken, wurde ihm klar, dass er jetzt endlich mal den Zeitpunkt festlegen musste, an dem seine Aktion beginnen sollte. Doch da er einen anstrengenden Tag hinter sich hatte, beschloss er, die Entscheidung am nächsten Tag zu treffen, und nippte an seinem Weinglas, zu müde für weitere Gedanken.

Dann klingelte das Telefon.

»Hallo Arno«, sagte eine Frau, und Eggenthal erkannte sie sofort an ihrer hellen, ruhigen Stimme. Seine Müdigkeit verflog augenblicklich.

»Annette, du rufst mich an. Um diese Zeit«, sagte er.

»Soll ich noch mal morgen um sieben anrufen?« Es klang belustigt.

»Nein, um Himmels willen, bleib dran. Und sag, was du willst.« Annette Felber, dachte er, das gibt’s nicht, nach Jahren, endlich mal wieder. Und wie immer überraschend.

»Ich hatte heute einen ganz seltsamen Anruf«, sagte sie. »Von Theo Lammbecks Sekretärin. Die wollte wissen, ob wir nächstes Jahr Klassentreffen haben und wann das sein wird. Also ist der jetzt völlig durchgeknallt, oder warum ruft der mich nicht selbst an?«

Eggenthal grinste. »Das ist typisch. Theo ist ein vielbeschäftigter Mann. Wahrscheinlich macht er gerade seine Terminplanung fürs nächste Jahr, da delegiert er solche Kleinigkeiten ganz gern. Nimm’s als Kompliment, dass er überhaupt an uns gedacht hat. Und deshalb meldest du dich jetzt bei mir?«

»Ich dachte, ist mal ein schöner Vorwand, um dich anzurufen.«

»Gute Idee. Also erzähl, wie geht’s? Immer noch in Frankfurt, immer noch mit Fred zusammen?«

Sie lachte. »Ja, immer noch in der Nähe von Frankfurt, immer noch in der Jugendhilfe tätig, und nebenbei mach ich ein bisschen Umweltpolitik, zuletzt ziemlich erfolgreich. Das mit Fred ist leider zu Ende gegangen, war so ein schleichender Prozess, du kannst dir ja vorstellen, wie das ist, man versinkt in Gewohnheiten und unterhält sich kaum noch, und irgendwann hat es keinen Zweck mehr.«

»Tut mir leid für euch«, sagte Eggenthal.

»Ach was, wir sind ja nicht im Streit auseinander, und wir hatten uns ja auch nie ewige Treue geschworen oder so was. Aber erzähl mal was von dir. Wahrscheinlich alles beim Alten, oder? Die Bibliothek, deine Frau, die Kinder, der ganz normale Wahnsinn?«

Eggenthal seufzte unmerklich. »Das mit den Kindern erledigt sich langsam. Jana studiert seit einem Jahr in Hamburg, und an Luca komm ich im Moment nicht so richtig ran. Liegt wahrscheinlich am Alter …«

»An seinem oder an deinem? War ’n Scherz«, sagte sie, als er lachte. »Und was machst du sonst so?«

Gute Frage, dachte er, jetzt bräuchte ich mal eine gute Antwort. Und plötzlich fiel ihm eine ein. »Ich bastle gerade an so einem kleinen Projekt rum. Steht kurz vor dem Startschuss.«

»Hört sich spannend an. Erzähl doch mal.«

»Ich werd demnächst mein Auto verkaufen, und dann will ich mich ein Jahr lang so durch die Welt bewegen, mit dem Rad, zu Fuß, mit der Bahn. Ohne in ein Auto einzusteigen. Das ist alles.«

»Arno!« Sie klang erstaunt. »Wie bist du denn auf die Idee gekommen?«

»Wegen der Jahreszeiten«, sagte er seinen Standardsatz. »Ich hab das Gefühl, dass es sie bald nicht mehr gibt.«

»Ja, das Gefühl kenn ich. Ist ’ne ziemlich gute Idee von dir. Ich glaube, anders kann man das Klimaproblem auch gar nicht mehr in den Griff kriegen. Ich fahr auch mit der Bahn zur Arbeit, schon lange, bei uns ist das ja kein Problem, aber zum Einkaufen nehme ich doch das Auto. Ganz darauf zu verzichten ist eine echte Herausforderung. Ich find es toll, dass das mal jemand anpackt.«

»Danke«, sagte Eggenthal. Sie hatte es gleich kapiert, als Einzige bisher. Sie unterhielten sich noch eine Weile über sein Vorhaben, und ihre Zustimmung tat ihm gut, und irgendwann nach einer Dreiviertelstunde – Eggenthal hatte mittlerweile die Weinflasche fast geleert – sagte sie: »Ich muss noch was für die Arbeit fertigmachen, Arno, leider. Es war echt nett, mit dir zu reden.«

»Ja, fand ich auch«, sagte Eggenthal. »War schön. Was war eigentlich noch mal der Grund deines Anrufs?«

»Weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, es ging um ein Klassentreffen im nächsten Jahr.«

»Ach so, ja. Und findet das nun statt?«

»Weiß nicht. Oder doch. Klar findet das statt. Zu zweit sind wir ja schon mal. Reicht doch.«

»Ja, reicht. Also spätestens bis dann.«

»Ja, spätestens. Und ich will alles über deine Aktion wissen. Wann soll’s eigentlich losgehen?«

»Am Montag«, sagte er. Es kam ihm ganz leicht über die Lippen.

»Stark! Viel Glück dafür und alles Gute. Ich meld mich.«

Sie tauschten noch ihre aktuellen Handynummern und E-Mail-Adressen aus, dann verabschiedeten sie sich. Danach saß er fünf Minuten lang zurückgelehnt auf seinem Schreibtischstuhl, die Füße auf den Sitzhocker gelegt, blickte versonnen zum Fenster hinaus und trank den letzten Schluck Wein.

Er wusste nun endlich, wann seine Aktion beginnen würde. Am Montag. Das waren immerhin noch vier Tage. Er zählte es an den Fingern ab und wurde ganz ruhig. Jetzt musste er seine Entscheidung nur noch den anderen mitteilen.

 

Fünfzehn Minuten später ging er leise ins Schlafzimmer und legte sich hin. Er hatte sich vorgenommen, Silke noch einmal anzusprechen, falls sie nicht schlief, suchte sogar nach passenden Worten, als er spürte, wie sie sich langsam zu ihm hindrehte, er fühlte ihre Hand, die unter seiner Bettdecke tastete und sich sehr zielstrebig an seinem Bein nach oben schob, und er fühlte ihren Körper und schließlich ihre Lippen ganz nah an seinem Gesicht. Das kam nach den Spannungen der letzten Wochen etwas überraschend, aber es war eine Entwicklung, die man auf keinen Fall durch irgendwelche Erklärungen unterbrechen sollte, und so schloss er die Augen, atmete tief durch und ließ den Dingen ihren Lauf.

 

Am nächsten Tag realisierte er, dass er sich in eine Situation manövriert hatte, die Konsequenzen erforderte. Nachdem er nach Hause gekommen war – bequem, schnell und reibungslos mit dem Ka –, setzte er sich zum ersten Mal aufs Rad. Er verließ das Haus durch den Kellereingang und schob das Gefährt über den rotgepflasterten Hof, der zur Straße führte. Die Häuser in der Siedlung waren terrassenförmig angelegt, vier Straßen übereinander mit einer seitlichen Verbindungsstraße, die oben ins Feld und unten ins Dorf führte. Eggenthals wohnten in der obersten Straße in einem geräumigen Haus, rechts und links von ihnen standen je fünf weitere Häuser.

Silke, die noch arglos war, sah ihn losfahren. Die ersten Meter rollte er nun die sanft abfallende Verbindungsstraße ins Dorf hinab, vorbei an ein paar Höfen und älteren Häusern, darunter auch das, in dem er aufgewachsen war und in dem jetzt seine Schwester wohnte, dann ging es quer über die Hauptstraße auf einen kleineren Weg, der zum Ortsrand führte. Von dort weiter auf einem birkengesäumten Pfad, der aus festgestampfter Erde und gelegentlichen Abschnitten von Kopfsteinpflaster bestand, über einen geteerten Wirtschaftsweg zwischen Feldern hindurch bis nach Waldbeck.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Vollkasko" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen