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Verstehen Sie Ihren Verstand?

3 Antworten, die das Buch gibt

1 Woher weiß ich, was ich will?

Die Neurowissenschaften haben in zahlreichen Experimenten nachgewiesen, dass das Denken und Entscheiden des Menschen viel stärker unbewusst wahrgenommenen äußeren Einflüssen unterliegen, als es der Einzelne glauben möchte. Um sein eigenes Ich und seinen eigenen Willen zu erforschen, muss man die Situation, in der man sich befindet, und das Verhalten anderer mit ins Kalkül ziehen.

2 Warum tun die Menschen, was sie tun?

Die meisten Entscheidungen werden zunächst unbewusst getroffen, ohne dass uns die verschiedenen dabei berücksichtigten Einflussfaktoren bekannt sind. Erst danach gibt unser Verstand unserem Verhalten eine Bedeutung. Selbstüberschätzung und Angst vor Verlusten spielen bei Entscheidungen ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach Fairness und Anerkennung.

3 Wie kann ich andere dazu bringen, das zu tun, was ich möchte?

Rationale Argumente, die den Verstand ansprechen sollen, haben eine viel geringere Wirkung als die unbewusst wahrgenommenen Elemente, die die Beziehung zu einem Menschen definieren und darüber entscheiden, ob er ein gutes oder schlechtes Gefühl hat. Wer unbewusste Botschaften erkennt und weiß, wie sie funktionieren, kann sie auch einsetzen, um Einfluss zu nehmen.

Über die folgende Website können Sie mit dem Autor direkt in Kontakt treten: www.verstehen-sie-ihren-verstand.de

Verstehen Sie Ihren Verstand?

Wir versuchen in unserem Leben ständig ganz bestimmte Ziele zu erreichen. Ob es nun darum geht, das eigene Privatleben und die Familie zu planen, Karriere zu machen, den Urlaub vorzubereiten oder einfach nur eine bestimmte Arbeit termingerecht zu beenden, ständig benutzen wir unseren Verstand als Navigationssystem.

Bei all diesen Planungen springen wir ständig zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her. Einmal ist eine Detailansicht sinnvoll, damit wir wissen, ob wir weiter geradeaus fahren oder abbiegen müssen, einmal ist eine Übersicht sinnvoll, die uns zeigt, wohin die Reise überhaupt geht. Doch in all diesen Fällen, in denen wir unseren Verstand als Navigationssystem einsetzen, sind wir uns meist überhaupt nicht darüber im Klaren, woher die verwendeten Informationen kommen und ob sie überhaupt richtig sind. Wenn etwas falsch läuft, merken wir es erst, wenn das Ziel, an dem wir ankommen, nicht das ist, was wir eigentlich erreichen wollten.

Es ist also durchaus sinnvoll zu verstehen, wie ein Navigationssystem und damit auch unser Verstand funktioniert. Deshalb begeben wir uns jetzt auf eine höhere Ebene, indem wir uns die Frage stellen, wie wir unseren Verstand verstehen können. Dabei werden uns die Neurowissenschaften eine große Hilfe sein.

Die falschen Folgen logischer Entscheidungen

Pleiten, Pech und Pannen sind in jedem Lebenslauf zu finden, obgleich wir uns doch bemühen, so vernünftig, rational und logisch wie möglich zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Auch im großen Maßstab in Wirtschaft und Politik gibt es immer wieder riesige Flops, die Milliarden Euro kosten, durch die Tausende von Arbeitsplätzen verloren gehen und die erst als großartige Leistung bejubelt wurden, um dann ein paar Jahre später sang- und klanglos in Vergessenheit zu geraten.

Was ist aus dem weltumfassenden DaimlerChrysler Milliardendeal des Jürgen Schrempp geworden? Und wie hat sich die Übernahme von VW durch Porsche unter Wendelin Wiedeking entwickelt? Was geschah binnen weniger Jahre mit dem Essener Arcandor-Konzern, der früheren Karstadt-Quelle AG? Alles nur Pleiten, Pech und Pannen. In der Politik ist es kaum anders. Weder die Hartz IV-Gesetze noch die Gesundheitsreform zeigten den gewünschten Erfolg, und was das Wachstumsbeschleunigungsgesetz bringen wird, gibt selbst Experten immer noch Rätsel auf.

All diese Ereignisse sind das Ergebnis von wohlbegründeten, Schritt für Schritt abgestimmten Entscheidungen, die einer ganz bestimmten inneren Logik folgen. Das gilt auch für die Finanzkrise der vergangenen Jahre. Und diejenigen, die diese Entscheidungen trafen, zählten alle zu den Spitzenkräften in Wirtschaft und Politik, denen man Milliarden Euro als Kapital anvertraute und denen man das Schicksal von Millionen Arbeitnehmern in die Hände legte. Wie kommt es, dass die Ergebnisse dennoch so unbefriedigend sind?

Die Diktatur des Verstandes

Dass wir als Einzelne im Leben immer wieder Fehler machen, schlechte und falsche Entscheidungen treffen, wissen wir. Oft genug sprachen dann zwar unsere Gefühle gegen solche Entscheidungen, doch unser Verstand sagte, „Tu es, es gibt viele gute Gründe“. Aber warum spielt der Verstand für uns eine so große Rolle? Warum wollen wir alle „Verstandesmenschen“ sein?

Ganz offensichtlich ist es ein Teil unserer westlichen, von der Wirtschaft geprägten Kultur, dem Verstand einen so hohen Stellenwert einzuräumen. Schließlich werden wir ständig aufgefordert, vernünftig zu sein, die Verhältnisse in unserer Gesellschaft rational zu betrachten und die Regeln der Vernunft zu akzeptieren.

Doch das heißt oft nichts anderes, als dass man sich der Meinung anderer, die an den Schaltstellen von Wirtschaft und Politik sitzen, anschließen soll. Verstand, Vernunft und Rationalität sind also vielleicht nichts anderes als ein Instrument, um uns gefügig zu machen und uns davon abzubringen, tiefer in uns hineinzulauschen und das zu tun, was wir wirklich wollen.

Ganz offensichtlich haben wir uns an die Diktatur des Verstandes schon so sehr gewöhnt, dass wir den Begriff gar nicht mehr hinterfragen. Schließlich sind dessen Prinzipien schon mehr als 200 Jahre alt.

Vom Homo oeconomicus zum Homo reciprocans

Mit der Veröffentlichung seines Buchs „Der Wohlstand der Nationen“ legte Adam Smith 1776 nicht nur den Grundstein für eine neue Wissenschaft, die Ökonomie, sondern entwarf auch das Bild des verstandesgemäß handelnden Menschen, des Homo oeconomicus. Dieser Mensch, der zweckgerichtet denkt und unter Abwägung aller Informationen allein zu seinem Vorteil handelt, ist bis heute aus den Wirtschaftswissenschaften nicht verschwunden.

Die meisten gängigen Wirtschaftstheorien, Managementmethoden und Führungsprinzipien basieren noch heute auf der Prämisse, dass sich der Mensch tatsächlich so verhält, wie es Adam Smith annahm. Hiervon rückte man auch nicht ab, als vor hundert Jahren die Psychologie begann, das Verhalten der Menschen neu zu deuten.

Die Ökonomen befanden sich in einer Zwickmühle. Einerseits erkannten sie durchaus, dass ihre theoretischen Modelle, die sich auf rationalen Entscheidungen begründeten, keinesfalls in der Lage waren, die Realität abzubilden. Andererseits erwiesen sich viele der frühen psychologischen Erkenntnisse als nicht kompatibel mit ökonomischen Lehren. Eine Lösung wurde erst Mitte der 1950-er-Jahre gefunden, als der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Alexander Simon das Konzept der begrenzten Rationalität (bounded rationality) einführte.

Dieses Konzept besagt, dass Menschen Entscheidungen treffen, die schlechter sind, als sie unter theoretischen Idealbedingungen möglich wären. Vollständig rationales Verhalten ist unmöglich, weil es sowohl an Informationen über die Gegenwart wie auch über die Zukunft mangelt. Ein beschränkt rationales Verhalten konzentriert sich darauf, die Suche nach Alternativen dann zu beenden, wenn man eine Lösung gefunden hat, die einen zufriedenstellt, auch wenn man weiß, dass es eventuell noch bessere geben könnte.

Mit diesem Modell der begrenzten Rationalität ließen sich in den Folgejahren viele wirtschaftliche Prozesse besser beschreiben, als es mit dem Modell des Homo oeconomicus möglich war. Jetzt ist die Neuro-ökonomie angetreten, diesem Modell der begrenzten Rationalität noch innere und indirekte Vorgänge hinzuzufügen.

Nicht nur der Mangel an relevanten Informationen verändert das Entscheidungsverhalten, sondern es fließen auch irrationale Elemente in die Entscheidungen und verändern diese. Dies geschieht in einer Weise, die oft nur noch dadurch nachvollziehbar gemacht werden kann, dass man mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie dem Gehirn beim Denken zuschaut und herausfindet, welche Hirnregionen an einer bestimmten Entscheidungsfindung beteiligt sind.

Das Modell des Homo oeconomicus taugt also nicht mehr zur Erklärung unseres Verhaltens. Der Mensch ist weniger ein rational handelnder Homo oeconomicus, der ausschließlich an einer Maximierung des materiellen Eigennutzens orientiert ist und der davon ausgeht, dass auch alle anderen Menschen eigennützig und rational handeln, sondern eher ein Homo reciprocans, der seine eigenen Reaktionen mehr an den fairen oder unfairen Handlungen der anderen orientiert.

Den Begriff Homo reciprocans hat der Bonner Neuroökonom Armin Falk entwickelt, als er in seinen Experimenten feststellte, dass sich die Mehrheit der Teilnehmer reziprok verhielt, das heißt sich wechselseitig und aufeinander bezogen danach richtete, wie sich die anderen Teilnehmer innerhalb eines Experiments verhielten. Nicht allein der eigene Vorteil stand im Vordergrund, wie es beim Homo oeconomicus der Fall sein würde, sondern eher die Reaktion darauf, wie man selbst behandelt wurde.

Weil dieses Verhalten maßgeblich für das Gesamtverhalten der Menschen innerhalb einer Gesellschaft ist, hat es gravierende Folgen für all diejenigen, die in der Beratung von Politik und Unternehmen Vorhersagen treffen wollen: Vorhersagen, wie sich Kunden, Arbeitnehmer oder auch Wähler im Hinblick auf bestimmte Entscheidungen verhalten werden, die sie in negativer Weise betreffen oder zumindest als unfair empfinden werden.

Ganz offensichtlich befinden wir uns heute in einer Zeit, in der wir einen Paradigmenwechsel vornehmen müssen und uns ein neues Menschenideal, nämlich den Homo reciprocans, zum Vorbild nehmen sollten. In der Wirtschaft haben einige große Unternehmen wie zum Beispiel Nestlé diesen Schritt schon getan, indem sie sich nicht mehr nur den Aktionären und dem Shareholder Value verpflichtet fühlen, sondern gemeinsam mit allen Menschen in allen Gesellschaften Werte schaffen wollen und das auch im so genannten „Shared Value Prinzip“ formuliert haben.

Vertrauen Sie sich und anderen?

Können Sie anderen, sich selbst und Ihrem Verstand vertrauen? Ich muss zugeben, dass ich oft Jahre und manchmal sogar Jahrzehnte gebraucht habe, um einige meiner Verhaltensweisen und Entscheidungen, aber auch die anderer Menschen im Nachhinein wirklich verstehen zu können. Vieles, was ich spontan aus einer Situation heraus gesagt oder getan habe, stellte sich nachher als wenig nützlich und zielführend, zum Teil sogar als kontraproduktiv, heraus, auch wenn es mir in diesem Moment als durchaus richtig, sinnvoll und notwendig erschienen war.

Das gilt auch für Probleme, über die ich lange nachgedacht habe, bevor ich eine entsprechende, aber dennoch falsche Entscheidung traf. Man kann solche Fehler, die man einmal gemacht hat, bereuen, doch dadurch ändert sich nichts. Man kann sie vor sich und anderen rechtfertigen, dann fühlt man sich vielleicht etwas besser. Oder aber man kann auch versuchen, sie zu analysieren und für die Zukunft daraus zu lernen.

Bei diesem letzten Weg waren die Erkenntnisse der Hirnforschung für mich eine große Hilfe, weil sie ganz andere Denkansätze lieferten, als es die klassische Psycho lo gie tut. Do ch das heißt no ch längst nicht, dass ich mich und andere heute vollständig verstehe.

Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis funktionieren ungefähr so, als wollte man bei Nacht den Grundriss eines uralten Gebäudes, an dem immer wieder um- und angebaut wurde, mithilfe einer kleinen Taschenlampe erkunden.

Sicher wird man nach einer Weile wissen, wohin bestimmte Gänge und Treppen führen und was sich in einigen Zimmern befindet. Doch dummerweise verhält es sich mit diesem Gebäude so wie mit der Zauberschule Hogwarts bei Harry Potter. Manche Treppen verschwinden oder führen plötzlich in eine vollkommen andere Richtung, und wo Türen waren, steht man plötzlich vor geschlossenen Wänden. Dabei bleibt die äußere Fassade des Gebäudes nahezu unverändert.

Diese ständigen Veränderungen und Umbauten sind aber weder unnormal noch sind sie ungewöhnlich, sondern sie sind in unserem Gehirn ganz alltägliche Realität. Allerdings nehmen wir solche Veränderungen bei uns selbst kaum oder gar nicht wahr. Wir können uns nicht daran erinnern, wie unsere Erinnerungen vor einiger Zeit einmal waren, weil unser Gehirn immer nur mit einem aktuellen Bauplan arbeitet und keine Kopien von früheren Plänen anfertigt und ablegt.

Dass das Gehirn sich in einem ständigen Umbauprozess befindet, wurde nicht nur durch neurowissenschaftliche Experimente nachgewiesen, sondern auch durch die Beobachtung von Neuronen und ihren Verbindungen zueinander unter dem Mikroskop.

Immer wenn wir uns eine Erinnerung ins Bewusstsein rufen, wird diese bearbeitet und dann wieder neu abgespeichert. Auf diese Weise können sich Erinnerungen aber nicht nur verfestigen, sondern auch verändern. Oft reicht es schon, wenn eine bestimmte Geschichte immer und immer wieder erzählt wird, wobei manche Details weggelassen und andere liebevoll ausgeschmückt werden. Mit der Zeit können solche Erzählungen dann eine Eigendynamik entwickeln, deren Ergebnis mit der ursprünglichen Wirklichkeit nur noch wenig zu tun hat.

Solche „falschen Erinnerungen“ gibt es nicht nur im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch, Misshandlungen oder Kriegserlebnissen, sondern eben auch im ganz normalen Alltag.

Wir können vielleicht manchmal Spuren erkennen, wo etwas in unseren Erinnerungen radiert oder übermalt wurde, und wir können vielleicht auch erkennen, welche Teile dieses Bauplans zu einer frühen Phase unseres Lebens erstanden sind und welche erst später hinzugefügt wurden. Aber wir haben kein Archiv, in dem die alten Baupläne, fein säuberlich so rtiert nach Tagen, Wo chen und Jahren, abgelegt wurden, sodass wir jede Veränderung nach ihrem Zeitpunkt und nach ihren Ursachen aufspüren könnten.

Um die Frage, ob man seinem Verstand vertrauen kann, zu beantworten, müssten wir uns zunächst einmal darauf einigen, was der Verstand überhaupt ist.

Verstand und Vernunft sind nicht identisch

Die Begriffe Verstand und Vernunft werden in der Umgangssprache häufig nicht getrennt oder sogar synonym gebraucht. Tatsächlich bedeuteten ihre althochdeutschen Vorläufer etwas sehr Ähnliches. Verstand geht auf das Wort „firstan“ zurück, das soviel bedeutet, wie „dicht davor stehen“, um etwas erkennen zu können. Vernunft geht auf das Wort „firneman“ zurück, das soviel bedeutet, wie vernehmen, wahrnehmen, aber auch erfassen und begreifen.

Mit den Begriffen Verstand und Vernunft haben sich viele Philosophen ausführlich und in zahlreichen Werken beschäftigt. In der Psychologie und in den Neurowissenschaften spielen sie allerdings nur eine untergeordnete Rolle, da sie von Begriffen wie Denken, Bewusstsein, Intelligenz und Wille mit abgedeckt werden.

Man kann vielleicht vereinfacht sagen: Mit Verstand bezeichnet man die Fähigkeit, durch die Verknüpfung von Einzelelementen Zusammenhänge und Sachverhalte zu erkennen, die es einer Person ermöglichen, diese Erkenntnisse bewusst für das eigene Handeln nutzen zu können. Verstand ist also die Grundlage für vernünftiges, das heißt zweck- und zielorientiertes Denken und Handeln. Doch hilft uns diese Definition wirklich weiter, um unseren Verstand zu verstehen?

Wir erleben unseren eigenen Verstand als Gesamtheit unseres bewussten Denkens, und wir wissen auch, dass er gelegentlich an Grenzen stößt, wo unser Vorstellungsvermögen nicht mehr ausreicht, wo wir etwas nicht mehr verstehen können. In der Physik liegt vielleicht für viele die Grenze beim Verständnis von Einsteins Relativitätstheorie, und wer glaubt, da noch mithalten zu können, gibt vielleicht auf, wenn er die Stringtheorie oder bestimmte quantenphysikalische Phänomene erklären soll.

Solche elementaren Grenzen des Verstehens sind im Alltag allerdings eher unbedeutend. Häufig scheitern wir schon daran, das Verhalten eines Vorgesetzten oder eines Arbeitskollegen zu verstehen. Wir verstehen es häufig auch nicht, wenn ein Mensch, den wir für vernünftig halten, politische Meinungen vertritt, die nicht mit unseren eigenen übereinstimmen. Und viele verstehen auch nicht, wie man Geschmack an pfälzischem Saumagen oder rohen Austern finden kann.

Wir brauchen also gar nicht lange zu überlegen, um festzustellen, dass wir andere Menschen in vielerlei Hinsicht nicht verstehen, oder, um es präziser zu formulieren, dass wir ihre Empfindungen, Gedanken und Handlungen nicht nachvollziehen können.

Das liegt unter anderem daran, dass wir uns selbst zum Maßstab aller Dinge machen. Hierbei handelt es sich allerdings um eine ganz elementare menschliche Eigenschaft, denn ohne einen Fixpunkt verlieren wir jeden Halt und wären richtungs- und orientierungslos. Nur mithilfe unseres Verstandes können wir unsere eigene Identität bewusst erfassen.

Jetzt kommen wir zu einem Begriff, der bisher noch nicht behandelt wurde: das Bewusstsein. Verstand und Bewusstsein sind nicht identisch, denn im Bewusstsein tauchen auch Gefühle auf, und zwischen Gefühlen und Verstand erleben wir meist einen deutlichen Unterschied. Der Verstand ist also nur ein Teil des Bewusstseins.

Die drei Teile des Verstands

Nach allem, was man bisher weiß, scheint der Verstand also aus drei Teilen zu bestehen: dem persönlichen Teil, mit dem wir uns selbst wahrnehmen, dem Beziehungsteil, der einerseits gewollte Beziehungen zu anderen herstellt und andererseits die Beziehungen der anderen zu uns bewertet, und dem Sachteil, der bestimmte Aufgaben definiert, Lösungen auswählt und diese begründet.

Im Hinblick auf uns selbst liefert der Verstand als Teil des Bewusstseins nur bedingt brauchbare Ergebnisse. Der größte Teil des Selbst bleibt im Unbewussten verborgen. In Bezug auf andere Menschen funktioniert der Verstand deutlich besser, allerdings nur weil er mit den Gefühlen kooperiert.

Wenn es um die Lösungen von Aufgaben geht, sind die Leistungen des Verstandes sehr unterschiedlich, denn hier spielen die Kompetenz, also die Selbsteinschätzung, Überschätzung oder Unterschätzung eine ebenso große Rolle wie das Wissen und die Intelligenz.

Wir sehen also, dass der Verstand eine höchst komplexe Angelegenheit ist, die nicht nur verschiedene Funktionen wahrnimmt, sondern als Teil des Bewusstseins auch noch eng mit den Gefühlen und mit allem, was im Unbewussten abläuft, verknüpft ist. Es ist deshalb einfacher, sich mit dem Denken an sich zu befassen, wie es auch die Neurowissenschaften tun.

Gehirnforschung für den Alltag

„Woher weiß ich, was ich will? Warum tun die Menschen, was sie tun? Und wie kann ich andere dazu bringen, das zu tun, was ich möchte?“ Die richtigen Antworten auf diese drei Fragen zu finden, bereitet den Menschen seit jeher große Probleme. Daran konnte auch die Psychologie nichts ändern, die seit mehr als hundert Jahren mit unterschiedlichem Erfolg versucht, das Verhalten der Menschen in der Gemeinschaft mit anderen zu erklären und ihm Vorschläge für eine positive Lebensführung zu unterbreiten.

Inzwischen sind die Neurowissenschaften angetreten, den Problemen der Selbstverwirklichung, der Menschenkenntnis und der Einflussnahme auf andere mit neuen Theorien, Methoden und Experimenten auf den Grund zu gehen. Alles, was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis neuronaler Prozesse, die ein höchst komplexes Bild der Welt im Kopf entstehen lassen. Das hat sich auch durch Messungen bestätigt, die bei buddhistischen Mönchen vorgenommen worden sind. Dabei ist es wichtig, dass wir das Gehirn als ein soziales Organ begreifen, das nur im Zusammenhang mit seiner Umwelt so funktioniert, wie es das tut.

Früher hatte man sich das Funktionieren des Gehirns ungefähr so vorgestellt wie das Räderwerk einer Uhr. Alles lief schön systematisch und geordnet ab. Die verschiedenen Funktionen griffen ineinander, und wenn irgendein Rädchen oder eine Feder nicht mehr funktionierten, dann „tickte“ derjenige eben nicht mehr richtig.

Heute glauben viele Menschen, dass das Gehirn so ähnlich arbeitet wie ein Computer. Man weiß als Benutzer zwar nicht genau, was die verschiedenen Programme tun, aber wenn wir in einen Computer immer wieder dasselbe eingeben, kommt auch dasselbe heraus, es sei denn, irgendetwas ist kaputt gegangen.

Doch genau da unterscheidet sich das Gehirn von einem elektronischen Rechner. Denn ein Mensch kann seine Meinung ändern, und er kann aus einer Vielzahl von Möglichkeiten auswählen. Darüber hinaus unterliegt er sowohl äuß eren wie auch inneren Einflüssen, die ihm selbst gar nicht bewusst sind und die dennoch sein Denken und Handeln bestimmen.

Dank der Neurowissenschaften kommen wir jetzt aber diesen geheimen und im Verborgenen arbeitenden Steuermechanismen auf die Spur, die eine so große Wirkung entfalten. Und nur, wenn wir diese auch im Alltag in unser Kalkül mit einbeziehen, können wir uns selbst und andere besser verstehen.

Wir wissen noch zu wenig

Die Komplexität des Gehirns bietet für die Forschung vielfältige Ansatzpunkte, und das bildet sich auch in der Forschungsarbeit ab. Weltweit arbeiten mehr als 50.000 Forscher auf diesem Gebiet. In den Neurowissenschaften sind die verschiedensten Kooperationen und Forschungsgruppen aktiv, die eine Vielzahl von Fragestellungen beantworten und eine breite Palette von Detailergebnissen veröffentlichen. In den Medien erscheinen jährlich rund 100.000 Artikel über deren neue Erkenntnisse, die oft höchst spektakulär sind.

Diese Fülle von Veröffentlichungen mag ein Grund dafür sein, dass das Wissen, das wir über das Gehirn haben, von der Gesellschaft und auch von wissenschaftlich interessierten Laien deutlich überschätzt wird. Die Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht und die Erkenntnisbreite und -tiefe ist außerordentlich stark gewachsen.

Wir kennen inzwischen unendlich viele Details über das Gehirn, dennoch hat die Forschung erst einen extrem kleinen Teil der Geheimnisse gelüftet. Die grobe Anatomie des Gehirns ist heute zwar weitgehend bekannt und die Wissenschaft kennt zu etwa 60 Prozent den Feinaufbau des Gehirns, doch werden die molekularen Vorgänge erst zu einem guten Drittel verstanden.

Die Neurowissenschaften ordnen ihre Forschungsgegenstände drei Beschreibungsebenen zu: der unteren subzellulären und zellulären Ebene, einer mittleren Ebene neuronaler Netzwerkverbände sowie der oberen Ebene der funktionellen Systeme. Fortschritte wurden in den vergangenen Jahren insbesondere auf der subzellulären und zellulären Ebene sowie auf der der funktionellen Systeme gemacht.

Die obere Ebene der funktionellen Systeme umfasst die verschiedenen mentalen Leistungen des Gehirns. Sie ist unter anderem dafür zuständig, Sprache zu verstehen, Bilder zu erkennen, Töne wahrzunehmen, Musik zu verarbeiten sowie Handlungen zu planen, aber es laufen dort auch Gedächtnisprozesse sowie Emotionserlebnisse ab.

Die neurowissenschaftliche Forschung verfügt heute über modernste technische Verfahren. Vor allem durch den Einsatz der funktionellen Magnetresonanztomografie konnten deutliche Fortschritte erzielt werden. Die dabei entstehenden bunten Bilder des Gehirns sind den meisten Menschen aus den Medien durchaus vertraut.

Ohne die konkreten Fragestellungen der Ökonomen, die mit ganz bestimmen Erfahrungen und Erwartungen verknüpft sind, wäre es allerdings nahezu unmöglich, den zu beobachtenden neuronalen Abläufen und Phänomenen einen Sinn zuzuordnen.

Beobachtungen des Gehirns haben gezeigt, dass es einen ganz erheblichen Unterschied ausmacht, ob die untersuchte Person eine Belohnung erwartet oder tatsächlich erhält. Ähnliche Unterschiede werden auch deutlich, wenn es darum geht, ob die Person sich für ein Risiko entscheiden muss oder ein Risiko tatsächlich eingeht.

Auch hinsichtlich der unteren neuronalen Organisationsebene haben neue technische Methoden zu neuen Erkenntnissen geführt. Doch zwischen dem Wissen über die obere und untere Organisationsebene klafft immer noch eine große Erkenntnislücke. So existieren heute allenfalls plausible Vermutungen darüber, mit welchem Code einzelne oder wenige Nervenzellen untereinander kommunizieren. Völlig unbekannt ist, was abläuft, wenn es hundert Millionen oder gar einige Milliarden Nervenzellen sind, die miteinander kommunizieren.

Wie das Gehirn tatsächlich funktioniert, welche Ursachen Krankheiten haben und wie das Gehirn mit Störungen umgeht und sich selbst „repariert“, ist in den Details so kompliziert und so schwer zu verstehen, dass hier nach Ansicht von Experten noch über viele Jahre hinweg ein großer Forschungsbedarf bestehen wird. Speziell im Alltag gesunder Menschen ist es aber heute schon lohnenswert, sich mit den aktuellen Erkenntnissen der Neurowissenschaften zu beschäftigen.

Denken – ein Prozess mit ungewissem Ausgang

Wir alle wissen ganz genau, wie es sich anfühlt, wenn wir denken. Schwierig wird es allerdings, wenn wir unser eigenes Denken erklären wollen. Wir können zwar meist sagen, welche gedanklichen Schritte wir zurückgelegt haben, um zu einer bestimmten Entscheidung zu kommen, aber warum wir gerade diese und nicht andere Schritte gegangen sind, bleibt für uns meist im Verborgenen. Genauso wissen wir immer nur, welchen Gedanken wir jetzt im Kopf haben, aber nicht, was wir exakt eine Stunde später denken werden.

Dass wir unser Denken längst nicht so stark lenken können, wie wir es gemeinhin annehmen, stellen wir am ehesten fest, wenn wir träumen. Wenn wir aufwachen und uns noch Teile der Träume bewusst sind, bevor sie zu verblassen beginnen, sind wir oft erstaunt, um welch merkwürdige Geschichten es sich handelte, die wir da in unserem Kopf zusammengesponnen haben. Denken ist also eines der faszinierendsten Phänomene, und so ist es kein Wunder, dass sich die Gehirnforschung intensiv bemüht, den Vorhang zu lüften und dem Geheimnis des Denkens auf die Spur zu kommen.

Wir denken nicht, was wir wollen

Wir denken nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir denken. Denken ist zu einem ganz überwiegenden Teil kein bewusster Prozess, sondern ein unbewusster, der sowohl von den Genen als auch von der Gesellschaft gesteuert wird. Der Mensch ist von seiner Umwelt nicht zu trennen. Sie formt im Laufe des Lebens nicht nur immer neue Muster im Kopf, sondern fordert uns beständig heraus, zu reagieren, statt zu agieren.

Bei der Geburt eines Menschen hat sein Gehirn ein Gewicht von ungefähr 400 Gramm. In den ersten zwei Lebensjahren erreicht es 1.000 Gramm und wächst bis zum 18. Lebensjahr auf ein durchschnittliches Volumen von 1.500 Gramm an. Bei Männern liegt das Gehirngewicht etwas höher, bei Frauen etwas niedriger.

Dieser Gewichtsunterschied wurde in der Vergangenheit gern als Argument genommen, um die Vorrangstellung des Mannes zu untermauern. Inzwischen ist die Frage des Gehirngewichts aber als irrelevant erkannt worden. Denn bei Frauen ist die Nervenzelldichte etwas höher als bei Männern, mit dem Ergebnis, dass die Anzahl der Nervenzellen in etwa gleich groß ist.

Von den etwa drei Millionen Basenpaaren des menschlichen Genoms, die auf 30.000 Genen untergebracht sind, benutzt das Gehirn etwa 50 Prozent, was ein deutlicher Hinweis auf die Komplexität seines Aufbaus und seiner Funktion ist. Aber es zeigt auch, wie stark die Funktion des Gehirns durch Gene gesteuert wird.

Das Gehirn macht zwar nur durchschnittlich zwei Prozent der Körpermasse aus, verbraucht aber 20 Prozent der Energie. Man kann es insofern als „Schwerarbeiter“ bezeichnen. Bewusste Denkprozesse brauchen besonders viel Energie, allerdings erfolgen die meisten Abläufe im Gehirn unbewusst, das heißt im „Energiesparmodus“.

Wir müssen akzeptieren, dass unser Gehirn nur begrenzte Kapazitäten hat. Bewusst können wir immer nur einen Gedanken und nicht mehrere gleichzeitig denken. Das Unbewusste hingegen ist in der Lage, verschiedene Probleme parallel zu bearbeiten und uns plötzlich Lösungen vorzuschlagen, die dann als Ideen im Bewusstsein auftauchen.

Bewusstes Denken verbraucht mehr Energie und ist wesentlich langsamer als unbewusstes Denken, deshalb delegieren wir die meisten der alltäglichen Funktionen an das Unbewusste.

Das ist auch die Ursache dafür, dass häufig bestimmte Entscheidungen nach einfachen Mustern erfolgen, die zwar energieeffizient, aber im Ergebnis dann leider falsch sind.

Das Gehirn besteht aus einem hoch vernetzten System, in dem es über 100 Billionen Verbindungsstellen gibt. Denn jede einzelne der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn kann über bis zu 15.000 Kontaktstellen, den Synapsen, mit anderen Nervenzellen verbunden sein. Auch wenn diese Zahlen unsere Vorstellungskraft sprengen, ist offensichtlich nur ein solch hoch komplexes System in der Lage, Informationen so zu verarbeiten, zu speichern und zu verknüpfen, dass das entsteht, was wir als unser Selbst wahrnehmen und was uns Identität gibt.

Die Signale, die zwischen den Nervenzellen hin- und hergehen, sind elektrischer Natur, vergleichbar einem Morsealphabet. Um die unterschiedlichen Signale richtig bewerten zu können, verfügt das Gehirn über einen Regelmechanismus, der auf jeder Stufe die hemmenden und die erregenden Impulse gegeneinander verrechnet. Erst wenn eine bestimmte Erregungsschwelle überschritten wird, kommt es zu einer Weiterleitung des Signals nach dem Prinzip eines Kaskadensystems.

Das Gehirn kennt keine Denkpausen

Das Gehirn eines Menschen ist also ständig aktiv und verarbeitet beziehungsweise bearbeitet Sinneseindrücke und Informationen. Das gilt auch für die Ruhephasen, wenn man schläft. Würde das Gehirn keine Informationen mehr verarbeiten, könnte man am Morgen nicht durch das Klingeln des Weckers aus dem Schlaf gerissen werden. Erst wenn der Hirntod eingetreten ist, also alle Bereiche des Gehirns ihre Funktion eingestellt haben, hört das Denken auf.

Auch wenn wir hellwach sind, wird nur ein winziger Bruchteil dessen, was wir denken, vom Bewusstsein wahrgenommen. Denn das Denken ist in erster Linie ein unbewusster Prozess, der hauptsächlich darin besteht, zu entscheiden, welche eingehenden Informationen wichtig sind und welche nicht.

Die als wichtig erkannten Informationen werden dann an das Bewusstsein weitergereicht, allerdings keineswegs immer und ausschließlich als Fakteninformation, sondern häufig auch nur in Form eines Gefühls. Denn auch das Unbewusste ist keineswegs immer in der Lage, solche oft sehr kleinen Informationseinheiten für den Verstand als Fakten aufzubereiten.

Unbewusstes, aber auch bewusstes Denken, bedeutet in erster Linie zu entscheiden: Ist etwas wichtig oder unwichtig? Ist etwas richtig oder falsch? Ein einzelner Gedanke, der einen Sinn ergibt oder ergeben soll, setzt sich aus einer Vielzahl solcher Entscheidungen zusammen.

Allein wenn ich in diesem Moment diesen Text schreibe, muss ich bewusst und unbewusst eine Vielzahl von Entscheidungen treffen. Nämlich nicht nur „Was will ich sagen?“ und „Wie will ich es sagen?“, sondern auch „Mit welchen Worten?“ und „In welcher Reihenfolge müssen diese Worte stehen, um einen Sinn zu ergeben?“.

Denken bedeutet deshalb einerseits, zu entscheiden, was ist. Durch unsere Entscheidungen, welche unserer Wahrnehmungen wichtig sind und welche nicht, konstruieren wir das, was wir dann als Realität akzeptieren. Andererseits treffen wir aufgrund dieser Annahmen dann die Entscheidung, was sein soll. Indem wir also auf das Ist reagieren, konstruieren wir die nächste Stufe der Wirklichkeit. Jede Schlussfolgerung, die wir aus einer Information ziehen, ist ein Entscheidungsprozess, der ein neues Stück Wirklichkeit schafft.

Aber damit gibt sich das Gehirn noch nicht zufrieden. Es versucht nämlich nicht nur zu entscheiden, was sein soll, sondern ist auch kontinuierlich damit beschäftigt, die Resultate von Handlungen und Entscheidungen vorherzusagen, um diese einleiten, steuern und im Notfall auch korrigieren zu können. Ohne die Vorhersage, was sein wird, könnten wir uns überhaupt nicht entscheiden. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Vorhersagen richtig oder falsch, begründet oder unbegründet sind.

Wenn man das Gehirn eines Menschenaffen mit dem eines Menschen vergleicht, erkennt man sofort, dass vor allem das Stirnhirn, also der vordere Abschnitt des Gehirns, beim Menschen größer ist. Dieser organische Unterschied wird auch in den Verhaltensweisen und Fähigkeiten von Affen und Menschen repräsentiert.

Hinsichtlich der Sinneswahrnehmungen und Bewegungen verfügt der Affe über eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit als der Mensch. Kein Mensch könnte mit „affenartiger Geschwindigkeit“ auf einen Baum klettern oder von einem Baum zum anderen springen. Stattdessen liegen die Stärken des Menschen im zielgerichteten Handeln, in der Entscheidungs- und Introspektionsfähigkeit sowie in der Kommunikation und im abgestimmten Handeln mit anderen Wesen seiner Gattung.

Daraus lässt sich schließen, dass die komplexen Hirnleistungen des Menschen im vorderen Abschnitt des Gehirns stattfinden. Hier erfolgt die Speicherung vieler Informationen, hier werden Entscheidungen getroffen und hier entsteht das Ich-Bewusstsein. Große Teile der Fähigkeiten zur Kommunikation, wie zum Beispiel die Sprache, sind hier lokalisiert und auch die emotionale Bearbeitung von Ereignissen findet hier durch eine Verbindung mit den Emotionszentren des Gehirns statt.

Man geht davon aus, dass in den ersten Lebensjahren in diesem Teil des Gehirns ein kompliziertes Netzwerk aufgebaut wird, dessen Funktion sich auch in unserem Sozialverhalten niederschlägt. Wenn zum Beispiel vor Abschluss des zweiten Lebensjahrs dieser Netzwerkaufbau durch Verletzungen gestört wird, hat der Mensch eine deutliche Neigung, sich im wahrsten Sinne des Wortes „asozial“ zu verhalten. Er kann weder Regeln einhalten noch erkennen, dass es ganz bestimmter Regeln bedarf, um in einer Gemeinschaft zusammenleben zu können.

Tritt eine solche Verletzung allerdings erst zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr auf, werden die entsprechenden Regeln zwar erlernt und auch wahrgenommen, doch fällt es dem Betroffenen schwer, sie einzuhalten.

Wenn man den Schädel eines Menschen für Operationen öffnet, scheint jedes Gehirn zunächst einmal gleich zu sein, es sei denn, dass grobe Anomalien vorliegen. Doch diese oberflächlich erkennbare organische Gleichheit findet sich nicht in den Funktionen wieder. Es gibt zwar Regionen, in denen in jedem Gehirn vergleichbare Prozesse stattfinden, doch der Feinaufbau kann höchst unterschiedlich sein, weil jedes Gehirn anders vernetzt ist. Und selbst wenn zwei Menschen exakt dasselbe denken, tun sie es doch immer auf unterschiedliche Weise.

Diese auf dem komplexen Aufbau des Gehirns beruhende Unterschiedlichkeit stellt keinesfalls einen Mangel dar, sondern bildet wahrscheinlich die Grundlage für die menschliche Entwicklungsfähigkeit. Ähnlichkeiten zwischen den Menschen aufgrund ihrer Gene und ihrer Sozialisation sind ein Garant für die Stabilität einer jeden Gesellschaft, während die Unterschiede die Grundlage für Weiterentwicklungen und Veränderungen bilden.

Das Gehirn beim Denken beobachten

Erst die neuere Hirnforschung hat den Bereich des Unbewussten in den Blickpunkt gerückt. Immer mehr Hirnforscher sind dabei, von beobachtbaren Vorgängen, speziell bei Menschen mit Schädigungen am Gehirn, auf nicht beobachtbare Vorgänge zu schließen. Die bildgebenden Verfahren können belegen, welche Teile des Gehirns an bestimmten Denkoperationen beteiligt sind. Und sie zeigen, dass zum Beispiel Gefühle beim Denken eine weitaus größere Rolle spielen, als lange Zeit angenommen wurde.

Die erste Möglichkeit, ein lebendes Gehirn beim Denken zu beobachten, ohne den Schädel öffnen zu müssen, war die Elektroenzephalografie (EEG), die in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhundert entdeckt worden war. Mithilfe von am Kopf befestigten Elektroden ließen sich die Gehirnströme der Hirnrinde messen. Allerdings blieben die Aktivitäten in tiefer liegenden Schichten des Gehirns ebenso verborgen wie das funktionelle Zusammenspiel der verschiedenen Hirnbereiche. Durch das EEG erhielt man zwar Daten, aber noch keine Bilder.

Bei der Magnetenzephalografie (MEG) werden die magnetischen Signale des Gehirns gemessen, die durch die elektrischen Ströme aktiver Nervenzellen erzeugt werden. Moderne Ganzkopf-MEGs messen mit einer helmartigen Konstruktion, in der sich rund 300 Magnetfeld-Sensoren befinden. Auch das MEG erzeugt noch keine Bilder, gibt aber in speziellen Fällen, wie zum Beispiel bei der Epilepsie, gute Aufschlüsse darüber, welche Hirnareale wann aktiv sind. Deshalb setzt man die MEG für spezielle Forschungszwecke und in Verbindung mit anderen Verfahren recht häufig ein.

Echte Bilder vom Gehirn erhält man durch die Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Hierbei wird eine radioaktiv markierte Substanz injiziert, die Positronen ausstrahlt. Da es sich um ein nuklearmedizinisches Verfahren handelt, nutzt man es eher bei der Diagnose von Erkrankungen, aber nicht zu Forschungszwecken.

In der Forschung hat sich heute weitgehend die Magnetresonanztomografie (MRT) durchgesetzt, die auch Kernspintomografie genannt wird. Die MRT arbeitet mit Magnetfeldern und Radiowellen, um Körpergewebe abzubilden.

Seit Anfang der Neunzigerjahre benutzt man auch die so genannte funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), die indirekt den Blutdurchfluss und den Sauerstoffgehalt einzelner Hirnregionen misst und daher auch, wie der Name schon sagt, Funktionen wie Denken und Lernen darstellen kann, bei denen Sauerstoff im Gehirn verbraucht wird.

Die hübschen, bunten Bilder, die man heute vom Gehirn sieht, darf man allerdings nicht als Fotografien interpretieren. Sie entstehen erst dadurch, dass der Computer, mit dem die Signale des Magnetresonanztomografen ausgewertet werden, bestimmte Rechenwerte farblich darstellt. Um den so gewonnenen Bildern eine Aussagekraft zu verleihen, bedarf es allerdings komplizierter psychologischer Experimente, die das Gehirn in einer ganz bestimmten Art und Weise anregen und beeinflussen.

Wie können wir heute zu den Wurzeln unseres Denkens vordringen? Natürlich arbeitet die Wissenschaft eifrig daran, die Funktionen und Reaktionen des Gehirns zu entschlüsseln. Es wird in wenigen Jahren sicherlich möglich sein, für jedermann einen Hirnscan anzubieten, der zumindest die wesentlichen Potenziale und Defizite eines Gehirns entdeckt und entschlüsselt. Vielleicht werden solche Verfahren dann auch „freiwillige“ Bestandteile bei der Beurteilung von Bewerbern für Berufe oder bei der Entscheidung über eine Beförderung sein.

Das Unbewusste steuert uns

Der erste Schritt zu einer Beurteilung seiner selbst mag darin liegen, zu akzeptieren, dass das Unbewusste der eigentliche Steuermann unseres Lebens ist. Aber auch für das Unbewusste gibt es drei große Einflussfaktoren:

  1. Der eine sind die Gene, die Grundlagen schaffen und Veränderungen dirigieren.

  2. Der zweite und ganz wesentliche Faktor ist das Verhalten anderer Menschen und dessen Wirkung auf das Denken durch Signale, die so gut wie nie das Bewusstsein erreichen.

  3. Der dritte Einflussfaktor sind die Lebensbedingungen, denen wir von Geburt an ausgesetzt waren und die uns besonders als Jugendliche und junge Erwachsene geformt haben.

Was der Mensch braucht, um sein eigenes Denken besser verstehen zu können, sind deshalb Achtsamkeit gegenüber der Vielzahl von Gedanken, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen, und eine möglichst große Menge von Erfahrungen, die damit verknüpft sind. Er braucht also ein gewisses Alter, da sich Erfahrungen nun einmal nicht ad hoc einstellen.

Es ist kein Zufall, dass viele Menschen nach ihrem 40. Lebensjahr und auch noch deutlich später etwas vollkommen Neues beginnen. Sie sind dann offensichtlich darauf gestoßen, dass das, was sie bisher dachten und wonach sie bisher handelten, überhaupt nicht ihrer wahren Natur entspricht. Allerdings möchte ich hier warnend anmerken, dass dieses In-sich-Hineinhören manchmal auch zu erheblichen Irrtümern führen kann. Aber das sollte niemanden davon abhalten, über sein Denken immer wieder selbst nachzudenken.

Das Unbewusste ist zuerst aktiv

Die meisten Menschen können bewusst nur das denken, was sich in Worte kleiden lässt. Kein Wunder also, dass wir so oft Sprachbilder, Metaphern, benutzen, um unsere Gefühle, aber auch bestimmte Gedanken, für die es keine Begriffe gibt, auszudrücken. Wir sprechen zum Beispiel von Schmetterlingen im Bauch.

Wenn ein Mensch über ein Problem nachdenkt, greift das Bewusstsein auf Ressourcen zurück, die zwar vorhanden, aber eben zunächst nicht bewusst sind. Wir beginnen uns an gelernte Fakten, vergangene Ereignisse oder Erfahrungen zu erinnern. Spätestens in einem solchen Moment sollte uns klar werden, dass neben dem aktuellen Bewusstseinsinhalt noch weitaus mehr Inhalte im Kopf vorhanden sind, die wir durch Denken präsent machen können.

Unsere alltägliche Erfahrung ist die, dass wir uns gedanklich immer vom Bewussten zum Unbewussten hin bewegen. Aber dies entspricht nicht den tatsächlichen Abläufen. Gezeigt haben dies die Experimente von Benjamin Libet, früherer Professor für Neurophysiologie an der University of California in San Francisco. Er wies nach, dass das Bewusstsein, eine Handlung durchführen zu wollen, zu der wir uns aus eigenem Antrieb entschließen, fast ein halbe Sekunde nach dem Moment eintritt, in dem das Gehirn mit der Vorbereitung des Entschlusses bereits begonnen hat. Die Handlungen setzen also unbewusst ein.

Libet kam zu dem Schluss, dass das Bewusstsein lediglich eine Art Vetorecht hat, um eine vorbereitete Handlung abzubrechen, sie aber nicht initiiert. Wenn sich diese Reihenfolge, dass also ein unbewusster Prozess einer bewusst gewollten Handlung vorausgeht, experimentell nachweisen lässt, kann man daraus auch schließen, dass einem bewussten Gedanken zunächst ein unbewusster gedanklicher Prozess vorgelagert ist.

Alles bewusste Denken hat also zunächst einen unbewussten Vorgänger. Ob dieser Vorsprung nun wie bei Libet eine halbe Sekunde beträgt oder ob es nicht sogar so ist, dass unbewusste gedankliche Prozesse ein Eigenleben führen und abhängig von der jeweiligen Auslastung des Bewusstseins unterschiedlich lange brauchen, bis sie dort auftauchen, weiß man noch nicht.

Albert-László Barabási beschreibt in seinem Buch „Linked“ das so genannte Multitasking, also die gleichzeitige Bearbeitung von mehreren Aufgaben. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen bei der körperlichen Arbeit ähnlich wie Computer reagieren. Ihre Leistung sank um 20 bis 40 Prozent, wenn zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und hergewechselt werden musste.

Allerdings diagnostizierte Barabási, dass ein komplexes System, wie es das menschliche Gehirn darstellt, ohne Probleme zwischen Tausenden von Aufgaben hin- und herspringen kann.

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