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Verrückt bleiben!

Inhaltsübersicht

PROLOG

1. Selber denken

2. Nomen est Omen

3. Avanti Dilettanti!

4. Just say No! – Der Bartleby in uns

5. Ruhepause: Think small!

6. Allein Allein

7. Penunze

8. Hose runter! Letters to myself

9. Fressen

10. Schlafen

11. Krank – na und?

12. GLÜCKSMOMENTE

13. Der Ideentöter – unser schlimmster Feind

14. Der illusorische Brief der Woche

15. Es lebe der Makel

16. Zeitinseln durch Aberwitz

17. Ab und an Festplatte löschen

18. Fernweh

19. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung

20. SEX

21. Blamieren

22. Spuren hinterlassen

23. Würdelos altern

24. Selbstbestimmt sterben

25. Endlich!

EPILOG

PROLOG

Ein schizophrener Dichter namens März geistert durch die Kapitel dieses Buches. Er stammt aus dem Roman »März« von Heinar Kipphardt und ist mein Lieblingsheld. Für Kipphardt, seinen Schöpfer, ist Verrücktsein sozial verursacht. Er glaubt, dass sensible Menschen an dem zerbrechen können, was Familie und Gesellschaft mit ihnen machen. März hat als Kind eine Hasenscharte. Die Mutter kauft ihm eine Norwegermütze, hinter der er sie verstecken kann. Der Vater verbietet ihm, in Gegenwart von Gästen zu sprechen. Er wird sich davon ein Leben lang nicht erholen.

Mir ist der Mann mit der Hasenscharte nah. Warum nur? Ich bin ja gar nicht zerbrochen. Ich bin ja gar nicht verrückt geworden. Aber es hätte ebenso gut mich treffen können. März ist ja nicht verrückt, weil er anders ist, er ist verrückt, weil ihn der Versuch, so zu werden wie die anderen, zu viel Kraft gekostet hat. Wird man etwa allein vom Normaltun verrückt?

Als Kind sieht März einmal, wie seine Mutter eine Gans mästet, wie sie ihr mit einem Trichter Futter in den Hals zwingt, damit sie fett wird. »Die Gans, das war ich«, sagt März. »Sie war das Rohmaterial, in das man stopft und stopft, was ich nicht will.« Dafür bewundere ich die Verrückten in Kino und Literatur: Sie sagen und tun, was sie wollen.

Als ich meine Mutter anrief und ihr von meinem neuen Buchprojekt erzählte, sagte sie, ich hätte eine Meise. Ich schriebe immer nur über mich selber. Und überhaupt, solche Bücher gäbe es zuhauf. Ob ich wirklich der Meinung sei, das wolle einer lesen? Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Ich bin nicht etwa 14, ich bin 46 Jahre alt, selbst Mutter einer erwachsenen Tochter, ich habe vier Romane veröffentlicht, bin in der Welt herumgereist, gescheitert und wieder aufgestanden, ich bin geistig und finanziell unabhängig. Ich brauche wohl beides, die Mutter und die Meise. Vielleicht hätte ich es sonst gar nicht bis hierhin geschafft.

So ein Menschenleben ist ein gefesselter Tanz auf dem Drahtseil. Die Meise will tanzen, die Mutter fesselt, und man selber denkt: Bloß nicht runterfallen!

Verrücktsein kann schlimme Folgen haben. Herkules löscht seine Familie aus, Ajax stürzt sich ins eigene Schwert, Medea erdolcht ihre Söhne. Verrückt sein kann aber auch heißen, das Unmögliche zu wagen. König Ludwig II. baut das Schloss Neuschwanstein. Kolumbus entdeckt Amerika, Einstein die Relativitätstheorie. Das ist es: Verrückt bleiben, ohne verrückt zu werden. Schmaler Grat, sag ich nur, schmaler Grat.

Die Normalen bewohnen die Welt, die Verrückten bringen sie voran. Sie durchbrechen die Mauern der Konvention, plumpsen aus der Norm, laufen praktisch barfuß auf Messers Schneide herum – und ernten oft Undank. Doch Undank kann auch Ansporn sein. War es nicht Elfriede Jelineks Mutter, die den Nobelpreis aus ihr herausnörgelte?

»Juckpulver im Gehirn – nicht kratzen«, notiert März. Aber das ist leicht gesagt. Verrückt bleiben heißt nicht: durchdrehen; es heißt: die Meise und die Mutter im Kopf haben und trotzdem auf dem Drahtseil tanzen. Verrückt bleiben heißt, den Mut haben, seine Meise zu füttern. Füttern Sie Ihre Meise mit diesem Buch!

1. Selber denken

»Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst.«

Juliane Werding

Als Kindergartenkind habe ich mich gewehrt, gegen das kollektive Nacktschwimmen, das kollektive Mittagessen, den kollektiven Mittagsschlaf. Manchmal, wenn ich am Nachmittag abgeholt wurde, hatte ich zwei Stunden zähneknirschend unter einer fusseligen Schlafdecke gelegen, die Backen voller Essensreste. Einmal wurde Dirk, ein Junge aus meiner Gruppe, nackt aufs steinerne Waschbecken gestellt, weil er während der Mittagsruhe ins Bett gemacht hatte. Wir mussten alle mit den Fingern auf ihn zeigen und ihn auslachen. Ob der Mann, der aus diesem Jungen geworden ist, seit Jahrzehnten auf der Couch eines Therapeuten liegt und weinend diese Szene nacherlebt? Ob er verrückt geworden ist?

Damals weinte er. Ich auch. »Im Allgemeinen bist du frei, wenn du etwa vier bist«, sagt Charles Bukowski, »später gehst du zur Grundschule und wirst langsam geistig zerstört und weich.« Warum sollte ich andere verhöhnen? Warum sollte ich essen, wenn ich keinen Hunger hatte? Warum sollte ich schlafen, wenn ich nicht müde war? Auch zu Hause zeigte ich kleine Irrationalitäten. Ich brüllte, wenn ich Samt anfassen sollte. Ich brüllte, wenn ich Blasmusik hörte. Mein Vater sagte: »Alles Schauspielerei.« »Rolle 17 B«, das war immer sein Spruch. Niemand in meiner Familie wies ähnliche Defekte auf. Woher kam das?

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung erzählte einmal in einem Interview, wie er mit elf, auf dem Weg zur Schule, plötzlich aus dem Nebel trat und wusste, dass er IST. Das hat mich beeindruckt. Einfach so, auf dem Schulweg? Kommt das von selbst, muss man sich für so etwas nicht anstrengen, sich strecken wie Michelangelos Adam nach Gott in der Sixtinischen Kapelle?

In der ersten Klasse brachte man mir das Schreiben bei. Ich war begeistert bei der Sache und malte eine Reihe mit Vieren, eine schöner als die andere. Aber meine Vieren waren nicht gültig. Ich hatte sie mit der falschen Hand geschrieben, mit der bösen Hand, der linken. Damals hatte ich noch keine Argumente: Muhammad Ali, Mozart, Bob Dylan, Rachmaninow, Caspar David Friedrich, die Jungfrau von Orléans, Picasso, sie alle waren Linkshänder. Aber weil ich das nicht wusste, ließ ich mich umtrainieren.

Nur die Schlaghand, die blieb links. Ich war eine Jungentochter, »Knolls Junge«, nannte mich mein Großvater, Klempnermeister Wilhelm Knoll. Ich habe mich viel geprügelt als Kind. Es gibt von mir ein Passfoto aus der 1. Klasse, mit dicker Lippe und falsch geknöpftem Pulli. Einmal kam ich mit einem Veilchen nach Hause, ein anderes Mal habe ich einem Mitschüler, der Kleinere am Ranzen zog, eine Beule gehauen, einmal zerschlug ich sogar meinen Gipsarm auf dem Kopf eines Spötters zu Brei. »Gesund ist, wer andere zermalmt«, gibt März zu Protokoll. War ich gesund? War ich im Recht? Wie findet man allein heraus, was richtig ist und was falsch?

Und was ist mit der Phantasie? Ist die einfach da? Kann man sie zudrehen wie einen Wasserhahn? Die Dichterin Else Lasker-Schüler schrieb über ihre Schulzeit: »Jedem Buchstaben malte ich ein Tuch um den Hals, da er fror, es war im Winter.« Begeisterung wird sie damit nicht geerntet haben. Der Konstruktivist Heinz von Foerster weiß, warum: »Man fragt ein Kind: Was ist zwei mal zwei? Und es sagt: Grün! Eine solche Antwort ist auf geniale Weise unberechenbar, aber sie scheint uns unzulässig, sie verletzt unsere Sehnsucht nach Berechenbarkeit.« Das ist eine der unlösbaren Gleichungen der Erziehung: die Berechenbarkeit der kleinen Menschmaschinen, die übers Laufband kullern.

Aber warum sich auflehnen? Denken, irren, diskutieren, man muss das alles gar nicht selber machen. Sich eine eigene Meinung bilden – wozu? Es gibt doch schon genug. Es ist doch alles schon da. Wie Konfektionsanzüge hängen die Urteile an Stangen herum, wie gebratene Tauben fliegen uns Pauschalisierungen ins Maul – wir brauchen nur zuzuschnappen. Wofür soll ich mich entscheiden? Im Supermarkt? An der Wahlurne? Es gibt sicher jemanden, der mir das sagt.

Wir haben kapituliert. Wir denken nicht selber, wir lassen denken. Wir surfen im Windschatten der Leitwölfe, wir fischen anonym im Trüben, wir lassen andere Farbe bekennen und heften uns mental an ihre Fersen. Wir verstecken uns in der Schwarmintelligenz. Irgendjemand sagt mir schon, worüber ich trauern soll, was mich zornig machen, was mich freuen soll. Alle ziehen an einem Strang, egal, wohin der führt. Einfach ziehen, was für ein herrliches Gemeinschaftsgefühl. Petitionen, Aktionen, Spenden, Flashmobs, Solidarisierungen: Gefällt mir. Ich stimme zu, ich unterschreibe, ich fühle mich aktiv.

Mit 17 schrieb ich meiner Cousine Kristina: »Hebe meine Briefe auf. Es könnte sein, ich werde einmal furchtbar berühmt (entweder als Anarchist, Schauspieler oder Schriftsteller, Selbst- oder Doppelmörder). Dann wird alles, was ich einmal von mir gegeben habe, gefragt sein, und meine Arschfalte wird heilig gesprochen.«

Ohne den fast 30 Jahre aufbewahrten Brief – eines Tages stand Kristina vor mir, wedelte damit und fragte, wann die Sache endlich Geld einbringen würde – hätte ich mich an diesen Weltüberwältigungsvorsatz gar nicht erinnert. Aber er war offenbar da. Teile davon haben sich sogar erfüllt. Es gibt die Theorie, dass eine Persönlichkeitsstörung dem Ruhm vorangeht, also gleichsam Voraussetzung für Ruhm ist, NICHT, wie oftmals angenommen, andersrum. Stars haben also keine Macken, weil ihnen etwa ihr Ruhm zu Kopf gestiegen ist, sondern sie hatten schon immer Macken, nur wusste das niemand, weil niemand sie kannte. Diese Macken kommen ausgiebig zum Tragen vor einer breiten Öffentlichkeit. Romy Schneider, Lady Gaga, Madonna und Wie-sie-alle-heißen haben bereits sehr früh formuliert, dass sie eines Tages berühmt sein werden. Ihre Notizen wurden von ehrgeizigen Eltern aufgehoben. Die Beweisdokumente erwecken heute ungläubiges Staunen. Woher wussten die denn das als Kinder? Die Wahrheit ist ebenso simpel wie bestechend. Auch Bodo Bommel und Erna Kasuppke kritzelten einst was von Ruhm in ihre Tagebücher – aber es ist nichts geworden, und niemand gibt heute einen Pfifferling dafür.

Es muss nicht Ruhm, es darf auch ein anderer Traum sein. Wie kommt der Mensch weiter? Wie wächst er über sich selbst hinaus? Was stimuliert ihn? Es heißt immer, man soll nichts persönlich nehmen. Ich halte das für falsch. Das Leben persönlich nehmen und danach handeln, so geht es. Die Existenzialisten hatten recht: Man definiert sich durch die Entscheidungen, die man trifft. Rudolf Nurejew, der berühmte russische Tänzer, war vermutlich mit dem Gesetz der Schwerkraft vertraut. Er hat dennoch versucht, sie aufzuheben. Er kam dem Fliegen sehr nahe. Aber man muss immer mit Rückschlägen rechnen (Ikarus).

Der englische Astrophysiker Stephen Hawking war davon überzeugt, dass sich die Zeit umkehren lassen müsse. Wenn eine Teetasse vom Tisch fällt, dann prallt sie auf dem Boden auf und geht kaputt. Hawking berechnete, dass das Universum nach einer gewissen Zeitspanne aufhören würde, sich auszudehnen, und dann beginnen würde, in sich zusammenzufallen. Seine Folgerung: Alle Scherben der zerbrochenen Tasse würden sich wieder zusammenfügen, die Tasse würde zurück auf den Tisch springen, alle Menschen würden rückwärts leben, vom Alter in die Jugend. Kranke Menschen, Menschen wie er, würden immer gesünder werden und immer jünger. Und anstatt zu sterben, würden sie irgendwann in den Schoß der Mutter zurückkriechen.

Mehrere Monate rechneten zwei von Hawking beauftragte Physiker seine Gleichungen nach, sie berücksichtigten alle Sonderfälle, schrieben ein Computerprogramm, das wiederum ihre Berechnungen überprüfen sollte, kamen aber, trotz aller Bemühungen, nicht zu dem von Hawking gewünschten Ergebnis. Er hatte sich verrechnet. Die Zeit würde sich nicht umkehren. Das Universum würde nicht kollabieren. Der große Denker Stephen Hawking hatte sich geirrt. Aber er ließ sich nicht be-irren. Er forschte weiter. Heute gilt er als Master of the Universe, als Jahrhundertgenie. Es heißt sogar, Frauen halten ihm ihre Babys hin, damit er sie berührt.

Trial and Error. Weitermachen. Sich nicht beirren lassen. Nicht auf jede Frage gibt es eine Antwort, dennoch kann man danach suchen. »Ich wüsste nicht, was Gott mir auf den Zug e2-e4 antworten könnte«, sagte der Schachweltmeister Bobby Fischer. Aber er wollte es wissen, so sehr, dass er verrückt wurde. Eine Idee verfolgen, die so kühn ist, dass alle anderen Menschen sie für dämlich halten, mit einer Erkenntnis nackt auf die Straße zu laufen wie Archimedes und »Heureka!« rufen – so muss es sein. Wer einen Gedanken zum ersten Mal denkt und ausspricht, steht oft vor den anderen als Depp da. Es ist aber auch schwierig. »Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum Verwechseln ähnlich«, sagt Joachim Ringelnatz. Vorgekautes klingt vertraut, Neues klingt fremd. Behält der Denker recht, haben es alle schon immer gewusst. Irrt er sich – dann sowieso.

Der Psychiater Oliver Sacks erzählt in seinem Buch »Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte«, wie er einem Patienten eine Rose zeigt mit der Bitte, sie zu beschreiben. Der Patient identifiziert sie als »rotes, gefaltetes Gebilde mit einem geraden grünen Anhängsel«. Ist das richtig oder falsch? Ist das Wahnsinn oder Poesie?

Der Dichter Jean Genet schlug einmal Journalisten vor, ein Interview im Kopfstand durchzuführen, das vermittle neue Sichtweisen. »Das Falsche ist oft die Wahrheit, die auf dem Kopf steht«, sagt Freud. Selber denken, es anders anpacken, die Dinge um 180 Grad drehen. Was ist so schlimm daran, wenn man etwas schräg in die Welt gebaut ist? Was ist so schlimm an einer kleinen Unwucht im Hirn? Fragen Sie sich jeden Tag: Wie will ich leben? Warum lebe ich anders, als ich leben will? Was ist das Außergewöhnliche an mir? Wer kann mein Vorbild sein, wenn es ringsum kein geeignetes gibt? Können Bücher, können Filme zu mir sprechen, und zwar so, dass nur ich es verstehe? Gibt es Menschen auf der Welt, die ich bewundere, denen ich nacheifern kann?

Machen Sie es anders, anders als bisher, anders als die anderen. Suchen Sie sich Vorbilder! Machen Sie Fehler! Riskieren Sie Irrtümer. Leben Sie nicht nach Norm und Gesellschaft; leben Sie nach Intuition und Instinkt. Sie werden vielleicht nicht gleich Master of the Universe, aber Sie werden erstaunliche Entdeckungen machen.

2. Nomen est Omen

»Der Name ists, der Menschen zieret,

weil er das Erdenpack sortieret -

bist du auch dämlich, schief und krumm:

Du bist ein Individuum.«

Kurt Tucholsky

Faust sagt, der Name sei Schall und Rauch. Das stimmt aber nicht. Es gibt eine Geschichte von Peter Bichsel, die handelt von einem Mann, der die Gegenstände in seiner Wohnung umbenennt. »Dem Bett sagte er Bild, dem Tisch sagte er Teppich, dem Stuhl sagte er Wecker, der Zeitung sagte er Bett, dem Spiegel sagte er Stuhl, dem Wecker sagte er Fotoalbum, dem Schrank sagte er Zeitung.« Er findet sich in seiner selbsterschaffenen Welt besser zurecht als in der Wirklichkeit – nur draußen versteht ihn niemand mehr. Die anderen halten den Mann für verrückt, dabei ist er nur ver-rückt.

Wenn ich einen Roman schreibe und mir einen Helden ausdenke, dann trägt er anfangs den Namen einer mir bekannten Person, mit deren Eigenheiten ich meine Figur füttern will. Beginnt die Figur aber zu leben, dann muss ich ihr einen anderen Namen geben, einen eigenen. Es ist wie in der Bibel: »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.«

Meine Eltern gaben mir den Namen Sabine. Ich war wie eine Sabine frisiert, ich sprach wie eine Sabine, ich trug eine Sabine-Brille und hatte einen Sabine-Humor. Als ich in die Schule kam, war ich eine von drei Sabines. Wir versuchten, uns mit Hilfe von Spitznamen voneinander zu unterscheiden. Biene. Bienchen. Sabinchen. Einmal schrieb ich in ein Poesiealbum: »Denke stets ganz ohne Groll an Billefine Knollefoll.« Ab und zu traf ich jemanden, der meinen Namen nicht mochte. Einmal sagte einer, das sei ein »WBS-Siebzsch-Name«. WBS 70, so hieß der Plattenbautyp, in dem wir damals wohnten. Da hieß man eben Sabine. Die Frage, ob ich meinen eigenen Namen mochte, wurde also von außen an mich herangetragen. Ich selbst hätte sie mir nicht gestellt, genauso wenig, wie ich hinterfragte, warum ein Baum Baum heißt und ein Tisch Tisch. Es war eben so.

Als ich 16 war, trat Else Lasker-Schüler in mein Leben. Jemand schenkte mir ein zerfleddertes Buch mit ihren Gedichten und Texten. »Meine Gedanken kräuseln sich, ich muss tanzen«, schrieb sie. »Meine Dankbarkeit reitet auf Elefanten und kann nicht auf dem Bauch kriechen«, schrieb sie. »Mein Herz geht langsam unter, ich weiß nicht wo«, schrieb sie. Sie war eine Dichterin, sie wollte eine Kriegerin sein, sie schimpfte über Goethe, weil er »Wipfeln« auf »Gipfeln« reimte. Sie unterschrieb mit »Ihre dichtende, vernichtende, Else Lasker-Schüler«.

Sie war eine Jungentochter gewesen wie ich, sie spielte lieber mit Jungen als mit Mädchen, ihr Leben lang. Sie ernährte sich nur von Nüssen und Obst, trug riesige Ohrringe, »Dienstmädchenringe« (Gottfried Benn), weite Hosen. Sie übernachtete auf Parkbänken und in Kinosesseln. Wenn ihre Schuhe Löcher hatten, klebte sie Papier drauf. Sie war eine öffentliche Frau, die im Kaffeehaus saß, billigen Wasserkakao trank und ihre Gedanken auf Servietten, auf Rechnungen, auf Zeitungsränder schrieb. Sie schrie ihren Zorn heraus, ihre Liebe und ihre ganze Unmöglichkeit. Else Lasker-Schüler war die erste Wahlverwandte meines Lebens. Ich sah ein Selbstbildnis von ihr mit einem Davidstern auf der Stirn und einem Mond auf der Wange. Die wollte niemandem gefallen, die war wesentlich. Mensch, werde wesentlich!

Ich färbte meine Haare schwarz und schnitt sie nackenkurz, ich hängte mir Weihnachtskugeln an die Ohren, ich versuchte mich (glücklicherweise nur kurz) im Dichten und nannte mich fortan Else. Es fehlte nicht viel, und ich hätte mein Klavier blau angemalt, so stark war damals mein Wunsch, ganz in dieser Frau aufzugehen. Am Anfang steht die Imitation. Mit 20 Jahren, am 18. März 1986, fand ich im Standesamt Berlin-Pankow eine verständnisvolle Sachbearbeiterin. Sie holte diverse Informationen über mein »Rufbild« ein – tatsächlich wurde ich von meinen Kommilitonen und Kollegen Else genannt – und bewilligte eine amtliche Vornamensänderung. Das war durchaus ein institutioneller Glücksfall. Es gab keinen vernünftigen Grund, dieser Vornamensänderung zuzustimmen. Sie tat es. Die Sachbearbeiterin war eine Heldin des Alltags. Ob sie noch lebt? Ich würde ihr gern noch einmal die Hand schütteln. Sie überreichte mir – nach Entgegennahme der Gebühr von 30 DDR-Mark – eine neue Geburtsurkunde und einen neuen Personalausweis, in dem der neue Vorname stand: Else. Die Sabine war, zum Entsetzen meiner Eltern, für immer ausgelöscht.

»Nenn mich nicht Lulamae«, sagt Holly Golightly zu ihrem Ehemann Doc in »Frühstück bei Tiffany«, »ich bin schon lange nicht mehr Lulamae.« Ich war nicht mehr Sabine, ich war nun Else. Der Rahmen für meine eigene Unangepasstheit war gesetzt. Es war nun einfacher, sich loszulösen vom vorgegebenen Weg.

Als ich mich damals Else nannte, gaben sich meine Freunde auch alle neue Namen. Aus Thomas wurde Dietrich, aus Simone wurde Martha, aus Moni wurde Paula. Die meisten haben die neuen Namen inzwischen wieder abgelegt, nur ich nicht.

Mögen Sie Ihren Namen nicht? Finden Sie, er bildet Sie nicht richtig ab? Das ist fatal. Geben Sie sich einen neuen Namen, es muss ja nicht gleich offiziell gemacht werden. Sie müssen kein Künstler sein, um sich einen Künstlernamen auszusuchen. Nomen est Omen. Der Name ist Programm.

Kipphardts Romanfigur, der schizophrene Dichter März, wurde zum ersten Mal in die geschlossene Anstalt eingewiesen, als man ihn schlafend auf der Damentoilette des Innenministeriums auffand. Er gab an, er sei gekommen, um seinen Namen zu ändern, sein Vorleben auszulöschen und ein neues Leben zu eröffnen, da ihm das alte nicht gefalle. Da ist er wieder, der schmale Grat. Was ich tat, ging gerade noch so als normal durch. Was März tat, katapultierte ihn aus der Gesellschaft.

Auch wenn ich hier jeden Beweis schuldig bleiben muss: Ich bin fest davon überzeugt, dass ich als Sabine ein anderes, ein unwesentlicheres Leben geführt hätte. Sabine Knoll, Bibliothekarin aus Eilenburg. Es hätte auch ganz anders kommen können. Wäre der Gedichtband, der in meine jugendlichen Hände fiel, von Mascha Kaléko oder Ingeborg Bachmann gewesen, dann hätte ich mich vielleicht Mascha oder Ingeborg genannt. Man kann nicht sagen, wer ich heute wäre, wenn ich ein Mascha- oder Ingeborg-Leben geführt hätte. Mein Leben als Else, das nun ins 27. Jahr geht (nachdem ich vorher 20 Jahre Sabine war), gefällt mir. Eine weitere Namensänderung ist vorerst nicht nötig.

3. Avanti Dilettanti!

»Ich habe keine Ahnung, was ich da tue. Aber Inkompetenz hat mich auch noch nie von etwas abgehalten.«

Woody Allen

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