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Angels of the Dark: Verruchte Nächte

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times und USA Today-Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Shooting Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. „Verruchte Nächte“ ist der erste Teil ihrer neuen Serie „Angels of the Dark“.

Gena Showalter

Angels of the Dark:
Verruchte Nächte

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Freya Gehrke

 
 
 

  

Liebe Leserin,

vom ersten Moment an, als er in Schwarzes Geheimnis auf den Seiten meiner Reihe über die Herren der Unterwelt auftauchte, war ich fasziniert von dem eiskalten Engel Zacharel. Ich meine, mal im Ernst: ein unsterblicher Krieger, dem es leichter fällt, einen Feind zu töten, als einem Freund ein Lächeln zu schenken? Oh ja, ich musste seine Geheimnisse ergründen.

Außerdem musste ich seine gesamte Welt auf den Kopf stellen – und was hatte ich dabei für einen Spaß! Er hat den Auftrag, die gemeingefährlichsten Wesen zu befehligen, die je geschaffen wurden – eine Armee von Engeln, die kurz davor stehen, für immer aus dem Himmel geworfen zu werden. Er begegnet der ersten Frau, die je sein Blut in Flammen gesetzt hat. Und er läuft Gefahr, seinen wertvollsten Besitz zu verlieren (und nein, ich rede nicht bloß von seiner Jungfräulichkeit).

Wie hätte ich meine neue Serie Angels of the Dark besser beginnen können?

Es müssen Opfer gebracht und Schlachten zwischen Gut und Böse ausgetragen werden (Vorwärts, Team Gut!). Zacharel hat genau eine Chance, das hinzubekommen. Nur eine – und zwar seine letzte. Wenn er versagt, wird ihm alles genommen, was ihm wichtig ist. Sein Status, seine Macht … und sogar seine Liebe.

Ich hoffe, Sie genießen diese Reise genauso sehr, wie ich es genossen habe, sie zu schreiben. Immerhin werden Sie in den Armen eines auserlesenen geflügelten Kriegers reisen …

Alles Gute!
Gena Showalter

Für Jill Monroe,
für ermutigende Anrufe und E-Mails
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!
(Und beachte, dass du an erster Stelle genannt wirst.)

Für Sheila Fields und Betty Sanders,
für die Freundschaft, die Brainstormings
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!

Für Joyce und Emmett Harrison, Leigh Heldermon
und Sony Harrison, für die Unterstützung, die Liebe
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!
(Ja, mit dem Lachen hab ich’s.)

Für Mickey Dowling und Anita Baldwin,
fantastische Ladys, die ich einfach vergöttere!

Für Kresley Cole und Beth Kendrick –
Tausend Dank, Ladys.
Ach was, das ist noch zu wenig. Millionenfacher Dank,
Ladys!

Und für Kathleen Oudit und Tara Scarcello,
weil ihr euch mit dem hier wirklich selbst übertroffen
habt!
Unfassbar bezaubernd!

PROLOG

Am Morgen nach ihrem achtzehnten Geburtstag erwachte Annabelle Miller aus einem wundervollen Traum – und unter grauenhaften Schmerzen. Als wären ihr die Augen herausgerissen, in Säure getaucht und dann zurück in den Schädel gedrückt worden. Das Gefühl sickerte nur ganz langsam in ihr schlafumnebeltes Gehirn. Doch als sie schließlich voll bei Bewusstsein war, verkrampfte sie sich am ganzen Körper, ihr Rücken bog sich durch, ein schriller Schrei drang aus ihrer Kehle.

Mühsam zwang sie ihre Augenlider auf, doch … da war keine Morgendämmerung. Sie war umgeben von nichts als Dunkelheit.

Der Schmerz breitete sich aus, schoss viel zu schnell durch ihre Adern und drohte sich durch ihre Haut den Weg nach außen zu bahnen. Hektisch rieb sie sich die Augen, in der Hoffnung, wegzuwischen, was immer für das Problem verantwortlich sein mochte. Als das nicht half, begann sie zu kratzen. Bald waren ihre Hände von einer warmen Flüssigkeit überzogen.

Blut?

Ein weiterer Schrei entrang sich ihrer Kehle, und noch einer und noch einer, und jeder schien ihr den Hals aufzureißen wie eine scharfe Glasscherbe. Innerhalb von Sekunden hatte die Panik sie vollkommen in ihren Klauen. Sie blutete, war blind und … lag im Sterben?

Das Quietschen von Scharnieren, dann Stöckelschuhe auf Holzfußboden. „Annabelle? Alles in Ordnung?“ Eine Pause, dann ein zischendes Luftholen. „Oh, Kleines, deine Augen. Was ist mit deinen Augen passiert? Rick! Rick! Komm schnell!“

Ihre Mutter war hier. Jetzt würde alles gut werden.

Harte, schnelle Schritte ertönten wie von weither, dann hörte sie ein weiteres entsetztes Aufkeuchen. „Was ist mit ihrem Gesicht passiert?“, rief ihr Vater.

„Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Sie sah schon so aus, als ich reingekommen bin.“

„Annabelle, Liebes.“ Ihr Vater, jetzt ganz sanft, so besorgt. „Kannst du mich hören? Kannst du mir sagen, was mit dir passiert ist?“

Annabelle versuchte zu sprechen – Daddy, hilf mir, bitte hilf mir –, doch die Worte verstopften ihr die Kehle, saßen fest wie diamantharte Splitter, die sie nicht herausbekam. Und, oh gütiger Himmel, jetzt fraß sich das Brennen bis in ihre Brust, loderte mit jedem Herzschlag auf.

Starke Arme schoben sich unter sie, einer an den Schultern, der andere an den Knien, und hoben sie vom Bett. So sanft die Bewegung auch war, schüttelte sie sie doch durch und vervielfachte ihre Qualen. Jeder Muskel ihres Körpers zog sich zusammen in dem Versuch, die unerträglich schmerzhaften Stöße zu stoppen, doch das machte alles nur noch schlimmer.

„Ich bin bei dir, Liebes“, sagte ihr Dad, immer noch im selben liebevollen Ton. „Wir bringen dich ins Krankenhaus und alles wird wieder gut. Versprochen.“

Sie glaubte ihm und spürte, wie die Panik ein wenig nachließ. Noch nie hatte er ihr etwas versprochen, das er nicht halten konnte. Wenn er glaubte, alles würde wieder gut, dann würde es auch so sein.

Anscheinend hatte er sie bis zu seinem Geländewagen in der Garage getragen. Sie hörte, wie er die Tür öffnete, dann legte er sie sanft auf die breite Rückbank. Den ganzen Weg über war ihnen das Schluchzen ihrer Mutter gefolgt. Ihr Vater machte sich nicht erst die Mühe, sie anzuschnallen, sondern schloss nur die Tür. Annabelle war allein im Wagen. Jeden Moment rechnete sie damit, dass die Fahrertür aufginge, dann die Tür ihrer Mutter auf der Beifahrerseite. Wartete darauf, dass ihre Eltern ins Auto steigen und sie ins Krankenhaus fahren würden. Wie versprochen. Doch … nichts geschah.

Annabelle wartete … und wartete … Quälend langsam verstrichen die Sekunden. Trotz ihres abgehackten Atmens nahm sie auf einmal den Gestank von fauligen Eiern wahr, übelriechend und so scharf, dass er ihr in der Nase brannte. Annabelle fuhr zusammen, verwirrt und verängstigt von der Veränderung – und immer noch allein in ihrer ganz persönlichen Dunkelheit.

„Daddy?“, fragte sie. Sie spürte ihre Ohren zucken, als sie angestrengt auf eine Antwort lauschte, doch sie hörte nur …

Durch die Fensterscheiben gedämpfte Stimmen.

Das schrille Kreischen von Metall, das über Metall kratzte.

Ein unheimliches Lachen …

… ein schmerzerfülltes Grunzen.

„Lauf ins Haus, Saki“, rief ihr Vater, und in seiner Stimme lag ein Grauen, wie Annabelle es noch nie bei ihm vernommen hatte. „Jetzt!“

Saki, ihre jetzt kreischende Mutter.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht kämpfte Annabelle sich hoch, bis sie aufrecht saß. Wieder rieb sie sich die Augen. Wie durch ein Wunder ließ das unerträgliche Brennen nach, und als sie das Blut wegwischte, erschienen winzige Lichtstrahlen in ihrem Sichtfeld. Eine Sekunde verstrich, dann zwei, und das Licht breitete sich aus, Farben erschienen, hier Blau, dort Gelb, bis sie die gesamte Garage im Blick hatte.

„Ich bin nicht blind!“, rief sie aus, doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer.

Schock mischte sich mit Entsetzen und donnerte wie eine unaufhaltsame Lawine durch ihren Leib. Denn sie hatte ihren Vater entdeckt, der sich an der gegenüberliegenden Wand schützend vor ihre Mutter gestellt hatte. Panisch flackerte sein Blick umher, schien nie etwas Bestimmtes zu erfassen. Seine Wangen zeichneten grausige Schnitte, aus denen langsam Blut tropfte.

Was war mit ihm geschehen? In der Garage war niemand sonst und …

Als wäre es ein 3-D-Film, erschien aus dem Nichts ein Mann vor ihren Eltern.

Nein, kein Mann, ein … ein … was war das?

Panisch krabbelte Annabelle rückwärts und stieß an die andere Seitentür des Wagens. Der Neuankömmling war kein Mensch, sondern eine Kreatur direkt aus den Tiefen ihrer schlimmsten Albträume. Wieder stieg ein Schrei in ihr empor, doch er blieb in ihrer zerfetzten Kehle stecken. Plötzlich konnte sie nicht mehr atmen, konnte nur voller Ekel starren.

Das … Ding war unnatürlich groß, es stieß mit dem Kopf fast an die Decke. Es hatte einen Körperbau wie ein Barbarenkrieger und Fangzähne, wie sie sie höchstens aus Vampirromanen kannte. Seine Haut war tiefdunkelrot und spiegelglatt. Von seinen krallenbewehrten Fingern tropfte Blut. Über seinen Schultern erhoben sich knorrige Flügel in tiefstem Schwarz und aus seinem Rückgrat trat eine Reihe von kleinen Hörnern hervor. Am unteren Ende wuchs ein langer, dünner Schwanz, dessen blutige pfeilförmige Spitze metallisch über den Boden klirrte, während er bedrohlich hin und her fuhr, hin und her.

Was auch immer das war, sie wusste, es war verantwortlich für die Wunden ihres Vaters – und es würde ihm noch mehr zufügen.

Angst übertönte jede andere Empfindung in ihr, und trotzdem schoss sie nach vorn, hieb mit den Fäusten gegen die Scheibe und fand ihre Stimme wieder. „Lass meine Eltern in Ruhe!“

Das Ungeheuer sah sich zu ihr um – mit schockierend schönen Augen, die sie an frisch geschliffene Rubine erinnerten – und fletschte rasiermesserscharfe Zähne zur Parodie eines Grinsens. Und dann hieb es mit den Klauen durch die Kehle ihres Vaters.

Im nächsten Augenblick klatschten Blut und Fleischstücke auf das Fenster des Wagens und versperrten Annabelle die Sicht. Aber nicht genug, um zu verbergen, wie ihr Vater zusammenbrach. Er schlug auf dem Boden auf, die Hände um den triefenden Hals geklammert, den Mund aufgerissen im Ringen nach Luft, die er nicht bekommen konnte, nicht bekommen würde.

Aus ihrer Kehle drang ein Schluchzen, entstanden aus Ungläubigkeit und verschärft durch Wut.

Ihre Mutter schrie, als sie wie ihr Vater zuvor mit weit aufgerissenen Augen in der Garage umherblickte, als hätte sie keinen Schimmer, woher die Bedrohung kam, aber genau wüsste, dass sie dort war. Die rot gesprenkelten Hände hatte sie über dem Mund zusammengeschlagen, während ihr Tränen über die Wangen liefen und das Blut verschmierten, das dort gelandet war.

„T-tu uns nichts“, schluchzte sie. „Bitte nicht.“

Eine gespaltene Zunge schoss hervor, als wollte das Wesen ihre Angst schmecken. „Ich mag es, wie du bettelst, Weib.“

„Stopp!“, schrie Annabelle. Ich muss ihr helfen, muss ihr helfen. Sie riss die Tür auf, rutschte aus in … Nein. Nein, nein, nein. Würgend kämpfte sie sich hoch. „Du musst aufhören!“

„Lauf, Annabelle. Lauf!“

Und wieder das unheimliche Gelächter. Dann schlugen die Klauen erneut zu und schnitten ihrer Mutter das Wort ab. Sie brach zusammen.

Vor Schock bewegungsunfähig, sackten Annabelle die Knie weg. Noch ein Körper am Boden, zuckend … dann still.

„Das kann nicht sein“, brabbelte sie. „Das passiert nicht wirklich.“

„Oh doch“, sagte die Kreatur mit tiefer, rauer Stimme. Es schwang ein amüsierter Unterton mit, als sei der Mord an ihren Eltern nichts als ein Spiel.

Mord.

Mord.

Nein. Nicht Mord. Dieses Wort konnte sie nicht akzeptieren. Dieses … Ungeheuer hatte sie angegriffen, aber sie würden es schaffen. Sie mussten es schaffen. Hart hämmerte ihr Herz gegen die Rippen und brennend stieg Galle in ihrer Brust empor, an ihrem Kehlkopf vorbei. Sie würgte. Das hier war nicht echt. Es konnte nicht echt sein. „D-die Polizei ist unterwegs“, log sie. Rieten die Experten in den Reality-Shows im Fernsehen nicht immer, das solle man tun, um sich zu retten? Behaupten, dass Hilfe auf dem Weg sei? „Geh. Verschwinde. Du willst doch nicht noch m-mehr Ärger kriegen, o-oder?“

„Mmh, mehr Ärger hört sich großartig an.“ Das Monster wandte sich um, blickte sie geradeheraus an und grinste noch breiter. „Ich werde es dir beweisen.“ Und dann begann es, die am Boden liegenden Körper zu zerfetz…fetz…fetzen … Kleider und Haut rissen, Knochen krachten, Gewebematsch flog.

Ich kann nicht denken.

Kann nicht… Oh, und wie sie das konnte. Sie wusste es. Wenn ihre Eltern überhaupt eine Chance gehabt hatten, durchzukommen, zerfiel sie gerade zu Asche.

Beweg dich! Du hast zugelassen, dass dieses Ding die Menschen verstümmelt, die du liebst. Wirst du ihm auch erlauben, dich zu verstümmeln? Und was ist mit deinem Bruder, oben in seinem Zimmer – wahrscheinlich schlafend, allein und vollkommen ahnungslos?

Nein. NEIN! Mit einem Schrei aus den Tiefen ihrer schmerzzerrissenen Seele warf sie sich gegen die breite, harte Brust und schlug auf diese hässliche Visage ein. Das Monster stolperte zurück, erholte sich jedoch schnell, warf sie zu Boden und drückte sie mit seinem Körpergewicht nach unten. Seine ausgebreiteten Flügel verdeckten den Rest der Welt, als würden nur sie beide existieren.

Sie schlug und schlug und schlug, doch die Kreatur versuchte nicht einmal, die Klauen in sie zu rammen. Stattdessen wehrte es ihre Hände abwesend ab und versuchte sie zu … küssen? Lachend, lachend, ohne je mit dem Gelächter aufzuhören, presste es die Lippen auf ihre, blies ihr seinen stinkenden Atem in den Mund und bebte vor offensichtlich überwältigender Lust.

„Hör auf“, schrie sie, doch das Monster stieß ihr die Zunge so tief in den Hals, dass sie aufs Neue würgen musste.

Als es den Kopf hob, blieb ein glühend heißer Schleim zurück, der ihre untere Gesichtshälfte bedeckte. Ekstatisch leuchteten seine Augen. „Oh ja, das wird ein Spaß“, sagte es – und dann war es fort, verschwunden in einer Wolke Übelkeit erregenden Rauchs.

Eine lange Zeit war Annabelle körperlich und seelisch wie gelähmt von ihren außer Kontrolle geratenen Emotionen. Angst … Schock … Trauer … Unentrinnbar senkten sie sich schwer auf ihre Brust, erstickten sie.

Mach was! Endlich, ein aufflackernder Gedanke. Es könnte jeden Moment zurückkommen.

Diese Erkenntnis befreite sie aus ihrer Lähmung und setzte sie schließlich in Bewegung. „Brax!“, schrie sie. Ihr großer Bruder konnte ihr helfen, die Überreste ihrer Eltern in Sicherheit zu bringen. „Brax!“ Rutschend und schlitternd krabbelte Annabelle zu den Leichen ihrer Eltern. Leichen, die sie nicht wieder zusammensetzen konnte, sosehr sie sich auch bemühen mochte.

Stolpernd schleppte sie sich ins Haus und wählte den Notruf. Nach einer hastigen Erklärung ließ sie den Hörer fallen und rannte panisch nach ihrem Bruder rufend die Treppe hinauf. Sie fand ihn seelenruhig schlafend in seinem Zimmer.

„Brax. Wach auf. Du musst aufwachen.“ Egal wie grob sie ihn schüttelte, er murmelte bloß vor sich hin, dass er noch ein paar Minuten liegen bleiben wollte.

Sie blieb bei ihm, beschützte ihn, bis schließlich die ersten Einsatzkräfte eintrafen. Doch auch sie konnten ihre Eltern nicht wieder zusammensetzen. Bald darauf kam auch die Polizei – und binnen einer Stunde wurde Annabelle des Mordes an ihren Eltern beschuldigt.

1. KAPITEL

Vier Jahre später

Wie fühlen Sie sich dabei, Annabelle?“ Die Betonung der Männerstimme lag auf dem Wort „fühlen“ und verlieh dem Satz einen ekelhaft schmierigen Anstrich.

Annabelle neigte den Kopf zur Seite, den Blick auf Dr. Fitzherbert fixiert, während sie die anderen Patienten in ihrem „Kreis des Vertrauens“ aus dem Augenwinkel ebenfalls beobachtete. Der Arzt, Anfang vierzig, hatte langsam dünner werdendes, aber gepflegt ergrauendes Haar, dunkelbraune Augen und perfekt gebräunte Haut – wenn auch ein paar kleine Falten. Mit seinen eins fünfundfünfzig war er kaum größer als sie, eher schmächtig und, wenn man von seiner rabenschwarzen Seele absah, einigermaßen attraktiv.

Je länger sie ihn schweigend anstarrte, desto mehr wanderten seine Mundwinkel nach oben. Wie sehr diese Selbstzufriedenheit an ihr nagte – was sie sich jedoch niemals würde anmerken lassen. Niemals würde sie willentlich etwas tun, das ihm gefallen würde, und genauso wenig würde sie ihm gegenüber den Schwanz einziehen. Ja, er war ein abscheuliches Monster, machtgierig, selbstsüchtig und mit dem Konzept der Wahrheit nur flüchtig vertraut, und ja, er konnte ihr wehtun. Er würde ihr wehtun.

Hatte es bereits getan. Letzte Nacht hatte er sie unter Drogen gesetzt. Na ja, unter Drogen gesetzt hatte er sie jeden Tag seit seiner Einstellung bei der Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County vor zwei Monaten. Aber letzte Nacht hatte er sie sediert, um sie auszuziehen, sie auf eine Art anzufassen, wie er es niemals hätte tun dürfen, und Fotos von ihr zu machen.

So ein hübsches Mädchen, hatte er gesagt. Da draußen in der realen Welt würde mich eine Sexbombe wie du selbst für ein einfaches Date zum Abendessen auf Knien betteln lassen. Und hier bist du mir vollkommen ausgeliefert. Ich kann mit dir machen, was ich will. Und ich will vieles.

Noch immer glühte die Erniedrigung in ihr, ein Feuer in ihren Adern, doch sie würde keine Schwäche zeigen. Sie wusste es besser.

In den letzten vier Jahren hatten die Ärzte und Pfleger, die für sie zuständig waren, öfter gewechselt als ihre Zellengenossen. Manche waren echte Koryphäen ihrer Zunft gewesen, andere hatten bloß ihren Job gemacht und getan, was getan werden musste. Einige wenige jedoch waren schlimmer als die verurteilten Kriminellen, die sie behandeln sollten. Je mehr sie nachgab, desto schlimmer misshandelten diese Angestellten sie. Also blieb sie immer wachsam.

Wenn sie in den vergangenen Jahren eins gelernt hatte, dann, dass sie sich auf niemanden als sich selbst verlassen konnte. Ihre Beschwerden über Misshandlungen durch das Personal verliefen jedes Mal im Sand, denn die meisten der Institutsleiter schienen zu finden, sie verdiente, was sie bekam. Sofern sie ihr überhaupt glaubten.

„Annabelle“, tadelte Fitzpervers. „Schweigen wird hier nicht geduldet.“

Na dann. „Ich fühle mich zu hundert Prozent geheilt. Ich schätze, Sie sollten mich entlassen.“

Verärgert runzelte er die Stirn, ganz nach dem Motto Ich bin so ein guter Arzt, ich könnte dich retten, wenn du mich nur lassen würdest. „Sie wissen es doch besser, als meine Fragen so schnippisch zu beantworten. Das hilft Ihnen nicht, mit Ihren Emotionen oder Ihren Problemen zurechtzukommen. Das hilft niemandem hier, mit seinen Emotionen oder Problemen zurechtzukommen.“

„Ah, dann bin ich ja ganz ähnlich wie Sie.“ Als würde er sich darum scheren, irgendjemandem zu helfen außer sich selbst.

Einige der anderen Patienten kicherten hämisch. Andere sabberten unbeeindruckt weiter, sammelten schaumige Bläschen aus brabbelnden Mundwinkeln auf den Schultern ihrer Zwangsjacken.

Da verwandelte sich der Tadel auf Fitzpervers’ Gesicht in Ärger, und der Arzt gab sich nicht einmal mehr den Anschein von Hilfsbereitschaft. Er genoss seine Macht, und er würde nicht zögern, sie für ihre Herausforderung zu bestrafen. „Diese große Klappe wird Sie in Schwierigkeiten bringen.“

Keine Drohung. Ein Versprechen. Egal. Sie lebte in ständiger Angst vor knarrenden Türen, Schatten und dem Geräusch von Schritten. Vor Medikamenten und Menschen und … Dingen. Vor sich selbst. Was machte da eine weitere Bedrohung aus? Obwohl … Wenn sie so weitermachte, würden ihre Emotionen sie noch ins Grab bringen.

„Ich würde Ihnen sehr gern erzählen, wie ich mich fühle, Dr. Fitzherbert“, schaltete sich der Mann neben ihr ein.

Fitzpervers fuhr sich mit der Zunge über die Zähne, bevor er die Aufmerksamkeit auf den Serien-Brandstifter richtete, der ein Apartmentgebäude angesteckt hatte. Samt den Männern, Frauen und Kindern, die darin gewohnt hatten.

Während die Gruppe über Gefühle und Zwänge sprach und über Wege, beides zu kontrollieren, klinkte Annabelle sich aus. Jedenfalls größtenteils. Wo auch immer sie war, mit wem es auch sein mochte, ein Teil von ihr war jederzeit in Alarmbereitschaft. Man konnte nie wissen, wann eine Bedrohung auftauchen würde, sei sie menschlich oder … etwas anderes.

Aus Gewohnheit unterzog sie ihre Umgebung einem prüfenden Blick. Der Raum war genauso trist wie ihr Leben. An den geweißten Deckenpaneelen breiteten sich hässliche gelbe Wasserflecken aus, von den Wänden löste sich die graue Tapete ab und der braune Wollteppich am Boden war zerschlissen. Die einzigen Möbel im Raum waren die unbequemen Metallstühle, auf denen die Anwesenden saßen. Fitzpervers thronte natürlich auf einem eigens für ihn bereitgelegten Kissen.

Dagegen waren Annabelle die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt, sodass ihre sowieso schon überbeanspruchten Muskeln und Sehnen unangenehm gespannt waren. Wenn man sich überlegte, wie viel Betäubungsmittel durch ihre Blutbahn rauschte, waren die Handschellen eigentlich überflüssig. Aber vor vier Wochen hatte sie sich mit zwei Mitinsassen bis aufs Blut geschlagen und zwei Wochen danach mit einem ihrer Pfleger. Also wurde sie als zu gefährlich eingestuft, um sich ohne Fesseln bewegen zu dürfen – dabei interessierte es niemanden, dass sie sich nur verteidigt hatte.

Die letzten dreizehn Tage über war sie im „Loch“ eingesperrt gewesen, einer dunklen Gummizelle, in der das Fehlen von Sinnesreizen den Insassen langsam in den (echten) Wahnsinn trieb. Ihr Hunger nach menschlichem Kontakt war so übermächtig gewesen, dass sie geglaubt hatte, jede Art von Interaktion wäre ihr recht – bis Fitzpervers sie betäubt und fotografiert hatte.

Heute früh hatte er sie dann aus der Isolationshaft geholt und diesen Ausflug für sie arrangiert. Ein Bestechungsversuch à la Sei nett zu mir und ich bin nett zu dir.

Wenn Mom und Dad mich jetzt sehen könnten … Mühsam unterdrückte sie ein plötzliches Schluchzen. Das unschuldige, naive Mädchen, das sie einst gewesen war, gab es nicht mehr. Es war am selben Tag gestorben wie ihre Eltern, doch sein Geist lebte in ihr fort, verfolgte sie. In den schlimmsten Momenten erinnerte es sich an Dinge, an die Annabelle sich niemals erinnern sollte.

Probier mal, Liebes. Das ist das Beste, was du je essen wirst!

Was für eine furchtbare Köchin ihre Mutter gewesen war. Sakis Lieblingsbeschäftigung war es gewesen, Rezepte zu frisieren, um sie zu „verbessern“.

Hast du das gesehen? Noch ein Touchdown für die Sooners!

Ihr Dad, ein begeisterter Footballfan. Drei Semester lang war er an der Universität von Oklahoma eingeschrieben gewesen, und noch Jahrzehnte später hatte er gebannt verfolgt, wie sich das Footballteam schlug.

Sie durfte nicht an sie denken, an ihre Mutter, ihren Vater, wie wundervoll sie beide gewesen waren … und … Oh, sie konnte es nicht aufhalten … Vor ihren Augen nahm das Bild ihrer Mutter Gestalt an. Ein Wasserfall von Haar, das so schwarz gewesen war, dass es fast blau ausgesehen hatte, ganz ähnlich wie bei Annabelle. Schrägstehende goldene Mandelaugen, wie früher bei Annabelle. Samtige Haut in einer Farbe zwischen Honig und Zimt ohne den kleinsten Makel. Saki Miller – geboren als Saki Tanaka – war in Japan zur Welt gekommen, aber in Georgetown, Colorado, aufgewachsen.

Als traditionsbewusste Japaner waren Sakis Eltern fast durchgedreht, als sie sich Hals über Kopf in Rick Miller – einen Weißen, wie er im Buche stand – verliebt und ihn geheiratet hatte. Er war für die Ferien vom College nach Hause gekommen, ihr begegnet und wieder in die Heimat gezogen, um mit ihr zusammen sein zu können.

Sowohl Annabelle als auch ihr großer Bruder hatten Züge von beiden Eltern geerbt. Haare und Hautfarbe kamen von ihrer Mutter, genau wie die Gesichtsform. Doch den großen, schlanken – in Brax’ Fall trotzdem muskulösen – Körperbau hatten sie von ihrem Vater.

Doch Annabelles Augen hatten nichts mehr mit Saki oder Rick zu tun.

Nach jenem grauenvollen Morgen in der Garage, nachdem man sie für die Morde festgenommen hatte, nach ihrer Verurteilung zu lebenslanger Sicherheitsverwahrung in dieser Einrichtung für geistesgestörte Straftäter hatte sie endlich den Mut gefunden, in einen Spiegel zu sehen. Was sie erblickt hatte, war ein Schock gewesen. Eisfarbene Augen, kalt wie das Zentrum eines Schneesturms in der Arktis, unheimlich und kristallen, mit dem winzigsten Hauch von Blau – und keinem Schimmer von Menschlichkeit. Doch was viel schlimmer war: Mit diesen Augen konnte sie Dinge sehen, die niemand jemals sehen sollte.

Und oh nein, nein, nein. Während der „Kreis des Vertrauens“ weiterjammerte, schritten zwei Kreaturen durch die Wand am anderen Ende des Raums und hielten an, um sich zu orientieren. Erwartungsvoll blickte sie zu ihren Mitpatienten, rechnete mit panischen Schreien. Doch außer ihr schien niemand die Besucher zu bemerken.

Wie war das möglich? Eine der Kreaturen hatte den Körper eines Pferdes und den Oberkörper eines Mannes. Anstelle von Haut war sein Körper überzogen mit silbern glitzerndem … Metall? Seine Hufe hatten die Farbe von Rost und waren vermutlich auch aus einer Art Metall – und zu tödlichen Spitzen zurechtgefeilt.

Sein Begleiter war kleiner und hatte hängende Schultern, aus denen gefährlich aussehende Hörner hervorragten, und seine Beine schienen auf unnatürliche Weise verdreht. Als einziges Kleidungsstück trug er einen Lendenschurz. Seine Brust war fellüberzogen, muskulös und vernarbt.

Vertraut und entsetzlich zugleich, erfüllte der Gestank fauliger Eier den Raum. Panik und Zorn durchfluteten sie, eine gefährliche Mischung, von der sie sich nicht überwältigen lassen durfte. Das würde sie nur ihre Konzentration kosten und ihre Reflexe verlangsamen – ihre einzigen Waffen.

Und sie brauchte Waffen.

Sie erschienen in allen Formen und Größen, sämtlichen Farben, beiden Geschlechtern – und vielleicht auch etwas dazwischen –, aber eins hatten sie gemeinsam: Immer hatten sie es auf Annabelle abgesehen.

Jeder Arzt, in dessen Behandlung sie gewesen war, hatte versucht, sie zu überzeugen, diese Wesen wären bloße Ausgeburten ihrer Fantasie. Komplexe Halluzinationen, hatten sie behauptet. Trotz der Wunden, die immer zurückblieben – Wunden, von denen die Ärzte behaupteten, sie würde sie sich irgendwie selbst zufügen –, glaubte sie ihnen manchmal. Doch das hielt sie nicht davon ab, sich zu wehren. Nichts würde das je können.

Rot glühende Blicke schwenkten durch den Raum und blieben schließlich an ihr hängen. Beide Ungeheuer lächelten und entblößten dabei ihre scharfen, tropfenden Fangzähne.

„Meins“, sagte Pferdefresse.

„Nein. Meins!“, fauchte Hörnchen.

„Gibt nur einen Weg, das zu klären.“ Pferdefresse leckte sich voller Vorfreude die Lippen.

„Auf die spaßige Art“, stimmte Hörnchen zu.

Spaß. Das war Monstersprache für „Annabelle die Seele aus dem Leib prügeln“. Wenigstens würden sie nicht versuchen, sie zu vergewaltigen.

Verstehen Sie denn nicht, Annabelle? hatte einer der Ärzte einmal gefragt. Die Tatsache, dass diese Kreaturen Sie nicht vergewaltigen, beweist, dass sie nur Halluzinationen sind. Ihr Geist hindert sie daran, etwas zu tun, womit Sie nicht umgehen könnten.

Als könnte sie mit dem Rest umgehen. Wie erklären Sie sich denn die Verletzungen, die mir zugefügt werden, während ich gefesselt bin?

Wir haben die Waffen gefunden, die Sie in Ihrer Zelle versteckt hatten, Annabelle. Stichwaffen, einen Hammer, von dem wir immer noch nicht wissen, woher Sie ihn haben, Glasscherben. Soll ich weitermachen?

„Wer ist zuerst dran?“, fragte Pferdefresse und holte sie aus der deprimierenden Erinnerung zurück in die Gegenwart.

„Ich.“

„Nein, ich.“

Sie stritten sich weiter, aber der Aufschub würde nicht von Dauer sein. Das war er niemals. Adrenalin rauschte durch ihre Adern, brachte sie zum Frösteln. Keine Sorge. Du schaffst das.

Auch wenn keiner der anderen Patienten mitbekam, was geschah, nahmen sie doch alle Annabelles veränderte Stimmung wahr. Grunzen und Stöhnen ertönte um sie herum. Männer und Frauen, Jung und Alt wanden sich auf ihren Stühlen, wären am liebsten weggelaufen.

Die Wachen, die am einzigen Ausgang bereitstanden, versteiften sich, gingen in Alarmbereitschaft, waren sich aber nicht sicher, woher die Gefahr drohte.

Fitzpervers wusste es und durchbohrte Annabelle mit seinem patentierten Ich-bin-der-König-der-Welt-Blick. „Sie sehen beunruhigt aus, Annabelle. Warum erzählen Sie uns nicht, was Sie bedrückt, hm? Bereuen Sie Ihren Ausbruch von vorhin?“

„Fick dich, Fitzpervers.“ Augenblicklich wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Gegnern zu. Die waren die größere Bedrohung. „Du bist auch noch dran.“

Scharf atmete er ein. „Es ist Ihnen nicht gestattet, so mit mir zu reden, Miss Miller.“

„Sie haben recht. Entschuldigung. Ich wollte sagen: Ficken Sie sich, Doktor Fitzpervers.“ Unbewaffnet ist nicht gleich hilflos, rief sie sich in Erinnerung. Genauso wenig wie gefesselt. Das würde sie den Kreaturen und Fitzpervers heute beweisen.

„Feurig“, freute sich Pferdefresse mit einem entzückten Nicken.

„Die mach ich am liebsten fertig“, gackerte Hörnchen.

„Solange ich sie fertigmachen darf!“

Aus dem Augenwinkel sah sie den guten Doktor eine der Wachen heranwinken. Sie wusste, gleich würde der Kerl ihren Kiefer wie mit einem Schraubstock packen und ihre Wange gegen seinen Bauch pressen, um sie bewegungsunfähig zu machen. Eine degradierende und anzügliche Haltung, die genauso sehr erniedrigte, wie sie einschüchterte, und sie daran hinderte, zu beißen, damit Fitzherbert ihr ein Betäubungsmittel spritzen konnte.

Ich muss sofort handeln. Keine Zeit mehr. In einer fließenden Bewegung zog sie die Knie an die Brust, schob die gefesselten Hände unter ihrem Hintern durch und zog sie über die Füße. War der Gymnastikunterricht also doch für etwas gut gewesen. Jetzt, mit den Händen vor dem Körper, wirbelte sie herum, packte den Stuhl und klappte ihn zusammen, sodass sie ihn wie einen Schild vor sich halten konnte.

Perfektes Timing. Die Wache hatte sie erreicht.

Kraftvoll schwang sie ihren Schild – und ihre einzige Waffe – genau in die Magengrube des Mannes. Zischend rauschte die Luft aus seinem Mund, als er vorneüberklappte. Ein weiterer Schwinger, und sie traf ihn an der Schläfe, schickte ihn als bewusstloses Häuflein zu Boden.

Ein paar der Patienten schrien aufgeregt durcheinander, andere feuerten sie an. Die Sabbermäuler sabberten weiter. Fitzpervers stürzte zur Tür, um die zweite Wache zu zwingen, als sein Schutzschild zu fungieren, und zugleich mit einem Knopfdruck Verstärkung zu rufen. Eine Alarmsirene hob an und peitschte die ohnehin schon aufgewühlten Patienten noch weiter auf.

Währenddessen waren die unheimlichen Besucher es offensichtlich leid geworden, sich anzukeifen, und schlichen auf sie zu, langsam, aber unaufhaltsam, höhnisch auf sie einredend.

„Oh, was ich mit dir anstellen werde, kleines Mädchen.“

„Oh, wie du schreien wirst!“

Näher … näher … fast in Reichweite … voll in Reichweite … Sie holte mit dem Stuhl aus. Verfehlte sie. Die beiden lachten, wichen auseinander und griffen gleichzeitig nach ihr.

Mit dem Stuhl schlug sie ein Paar Hände weg, doch sie konnte nicht beide gleichzeitig abwehren, und der andere kratzte ihre Schulter auf. Sie zuckte zusammen, schenkte dem Schmerz jedoch keine weitere Beachtung, wirbelte herum, um – ins Leere zu treffen, immer nur ins Leere.

Ich schaff das. Als Pferdefresse vor ihr war, rammte sie ihm die Stuhllehne so hart unters Kinn, dass ihm die Zähne zusammenschlugen – und das Gehirn, falls er eins hatte, an die Schädeldecke klatschte. Gleichzeitig trat sie nach hinten aus und traf Hörnchen am Solarplexus. Beide Kreaturen stolperten zurück und das Grinsen verschwand von ihren Gesichtern.

„Ist das alles, was ihr draufhabt, Mädels?“, spottete sie. Noch zwei Minuten, länger hatte sie nicht, bevor die Verstärkung käme und sie zu Boden werfen und fesseln würde. Dann wären Fitzpervers und seine Nadel wieder am Drücker. Vorher wollte sie diese Kreaturen erledigen.

„Das wirst du gleich sehen“, zischte Pferdefresse und stieß den Brandstifter in Annabelles Richtung.

Für alle anderen sah es vermutlich aus, als wäre der Kerl aus eigenem Antrieb auf sie losgestürmt, um sie zurückzuhalten. Wieder schwang sie den Stuhl und der Feuerteufel flog geradewegs durch Pferdefresses Körper hindurch, als bestünde das Wesen aus nichts als Nebel. Und was den unfreiwilligen MöchtegernHelden anging, war es auch so. Immer war sie die Einzige, die die Kreaturen sehen und berühren konnte – mit den Händen und allem, was sie darin hielt.

Irgendwann während dieser Attacke hatte Hörnchen sich aus ihrem Blickfeld geschlichen. Jetzt gelang es ihm, sie von hinten anzuspringen und die Klauen in ihre ohnehin schon blutige Schulter zu schlagen. Als sie sich umdrehte, folgte er ihrer Bewegung und fetzte noch einmal durch ihr Fleisch.

Diese Schmerzen … Oh, diese Schmerzen. Jetzt musste sie ihnen Beachtung schenken.

Sterne blühten in ihrem Blickfeld auf. Hinter sich hörte sie Gelächter, und sie wusste, dass Hörnchen dort sein musste, die Klauen bereit zum nächsten Schlag. Hastig wich sie aus – und stolperte.

Pferdefresse packte sie bei den Schultern, hielt sie aufrecht – und rammte ihr die Faust ins Gesicht. Lächelnd hob er den Arm, um sie noch einmal zu schlagen – doch diesmal war sie bereit. Sie riss den Stuhl nach oben und erwischte ihn voll unterm Kinn. Dabei drehte sie sich weg, sodass er sich die Knöchel an der Sitzfläche des Stuhls brach, statt ihr das Gesicht zu zermalmen. Durchdringend heulte er auf.

Als sie mit dem nächsten Tritt nach hinten wieder Hörnchen traf, vibrierten ihre Knochen vom Aufprall. Bevor ihr Fuß wieder am Boden war, wirbelte sie herum und trat mit dem anderen nach ihm, machte eine Scherenbewegung mit den Fußknöcheln, um ihm zwei schnelle Tritte in die Magengrube zu verpassen. Als er nach Luft ringend zusammenbrach, drehte sie den Stuhl um und schickte Hörnchen über den Jordan, indem sie mit der Metallkante seine Luftröhre zerquetschte.

Schwarzes Blut breitete sich Blasen werfend um ihn herum aus, schäumte und zischte, während es sich durch den Teppich in den Betonboden fraß. Rauch stieg auf und wogte durch die Luft.

Noch eine Minute.

Mach ihn zu Hackfleisch, befahl sie sich.

Pferdefresse beleidigte sie auf sehr unfeine Weise, während er am ganzen Körper vor Wut bebte. Rasend stampfte er auf sie zu und schlug mit diesen muskelbepackten Armen nach ihr. Immer wieder blockte sie ihn ab, duckte sich, wand sich, beugte sich nach hinten, sodass seine fleischigen Fäuste höchstens den Stuhl trafen. Währenddessen prügelte sie mit dem verbeulten Metall auf ihn ein und traf ihn mehrmals empfindlich.

„Warum hast du’s auf mich abgesehen?“, fragte sie. „Warum?“

Blutverschmierte Zähne blitzten auf. „Nur so aus Spaß. Warum sonst?“

Jedes Mal fragte sie, und jedes Mal erhielt sie dieselbe Antwort, so unterschiedlich ihre Angreifer auch waren. Jede der Kreaturen kam nur ein einziges Mal, und wenn sie alles in Schutt und Asche gelegt und so richtig schön Chaos verbreitet hatten, verschwanden sie für immer. Sofern sie überlebten.

Als sie das erste Mal eine der Kreaturen getötet hatte, war sie in Tränen ausgebrochen – auch beim zweiten und dritten Mal –, obwohl die Ungeheuer aus dem einzigen Grund kamen, sie zu quälen. Es war einfach so furchtbar, ein Leben zu nehmen. Egal was der Grund dafür war. Den letzten röchelnden Atemzug zu hören … das Licht in jemandes Augen erlöschen zu sehen … und zu wissen, dass man dafür verantwortlich war. Jedes Mal musste sie an ihre Eltern denken. Irgendwann hatte ihr Herz sich zu einem Block aus Stein verhärtet und sie hatte aufgehört, zu weinen.

Schließlich mussten die zusätzlichen Wachen eingetroffen sein, denn drei harte Leiber warfen sich von hinten auf sie und zwangen sie zu Boden. Hart schlug sie auf dem Boden auf, hörte und spürte ihre verletzte Wange krachend auf den Beton treffen. Ein Pfeil aus Schmerz schoss durch ihren Schädel, während sich in ihrem Mund der Geschmack alter Kupfermünzen ausbreitete. Noch mehr von diesen viel zu hellen Sternen leuchteten vor ihren Augen auf, fraßen sich immer weiter, wuchsen … blendeten sie.

Bei dieser Blindheit geriet sie in Panik, wurde zurückversetzt zu diesem grausigen, schicksalhaften Morgen vor so langer Zeit. „Lasst mich los! Ich mein’s ernst!“

Unnachgiebig drückten sich Knie auf ihre Schulterblätter, ihren Rücken und ihre Beine, und rücksichtslos pressten sich harte Finger bis auf die Knochen in ihr Fleisch. „Halt still.“

„Ich hab gesagt, lasst mich los!“

Pferdefresse musste sich vom Acker gemacht haben, denn an die Stelle des Fäulnisgestanks trat plötzlich der Geruch von Frühstücksspeck und Aftershave. Warmer Atem strich über ihre Wange. Sie gestattete sich nicht, zurückzuweichen, gestattete sich nicht, ihre entsetzliche Abscheu vor dem Arzt preiszugeben, der sich jetzt über sie beugte.

„Das war genug für heute, Annabelle“, befand Fitzpervers in seinem alten tadelnden Ton.

„Es ist niemals genug“, erwiderte sie und zwang sich, zur Ruhe zu kommen. Tief einatmen, tief ausatmen. Je aufgewühlter sie sich zeigte, desto mehr Betäubungsmittel würde er ihr spritzen.

„Tz, tz. Du hättest brav sein sollen, Annabelle. Ich hätte dir helfen können. Jetzt schlaf“, säuselte er.

„Wagen Sie es ja …“ Eine Sekunde nach dem Stich in ihren Hals, auf den sie gewartet hatte, erschlaffte ihr Kiefer. Ein elektrisches Gleißen in ihrer Vene, das sich genauso schnell ausdehnte wie die Sterne und sie schließlich überwältigte.

Obwohl sie dieses Gefühl der Hilflosigkeit hasste, obwohl sie wusste, dass Fitzpervers ihr später einen Besuch abstatten würde, obwohl sie mit all ihrer verbleibenden Kraft dagegen ankämpfte, sank Annabelle in die wartende Dunkelheit.

2. KAPITEL

Sieh nur, Zacharel! Sieh, wie hoch ich fliege.“
„Du machst das so gut, Hadrenial. Ich bin stolz auf dich.“

„Glaubst du, ich kann einen Salto machen, ohne runterzufallen?“

„Natürlich kannst du das. Du kannst alles.“

Ein Lachen wie süßer Glockenklang, das über den Himmel hallt. „Aber ich bin schon dreimal gefallen.“

„Was bedeutet, dass du jetzt weißt, was du nicht tun solltest.“

„Sir? Eure große und mächtige Hoheit? Hört Ihr mir zu?“

Die männliche Stimme holte Zacharel aus der Vergangenheit, fort von dem einzigen strahlenden Licht in seinem ansonsten düsteren Leben, katapultierte ihn direkt zurück in die Gegenwart. Mit einem kurzen Blick erkannte er Thane, den selbsternannten Vizebefehlshaber seiner Armee von Engeln. Eine Ernennung, der er nicht widersprochen hatte, trotz des Benehmens, das der Krieger an den Tag legte. Denn Tatsache war: Thane war noch der Beste aus dem Haufen.

Was nicht viel hieß. Jeder Engel in dieser Armee hatte die Gottheit, ihren obersten Herrscher, über die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Jeder von ihnen hatte so viele Regeln gebrochen, so viele Gesetze der Gottheit umgangen – es war ein Wunder, dass sie immer noch ihre Flügel hatten. Und ein noch größeres Wunder, dass Zacharel es schon so lange schaffte, sie zu tolerieren.

Er räusperte sich. „Ich höre zu, ja.“ Jetzt.

„Ich bitte untertänigst um Verzeihung, sollte ich Euch gelangweilt haben“, erklang die schnippische Entgegnung.

„Akzeptiert.“

Ein Knacken mit dem Kiefer, als der Engel begriff, dass die Beleidigung an Zacharel abgeprallt war. „Ich habe gefragt, ob Ihr bereit seid, den Angriff zu befehlen.“

„Noch nicht.“

Thane schwebte neben ihm, beide mit weit ausgestreckten, riesigen Flügeln, doch ohne einander zu berühren. Keiner von ihnen mochte es, berührt zu werden. Thane machte natürlich ständig Ausnahmen für all die Frauen, mit denen er schlief, doch bei Zacharel gab es solche Ausnahmen für niemanden.

„Ich bin kampfbegierig, Majestät. Das sind wir alle.“

„Ich habe dir schon einmal befohlen, mich nicht mit diesem Titel anzusprechen. Was deine Frage angeht: Ihr werdet wie befohlen warten. Ihr alle.“ Ungehorsam bedeutete Strafe – ein Konzept, mit dem Zacharel mittlerweile eng vertraut war.

Begonnen hatte es ein paar kurze Monate zuvor, als er in den Tempel der Gottheit gerufen worden war, diese heilige Zuflucht, die nur so wenige Engel besuchen durften. Seit dieser unerwarteten Begegnung rieselten Schneeflocken aus dem Gefieder seiner Flügel, ein unaufhörlicher Blizzard und Zeichen des kalten Missfallens seiner Gottheit. Und die Worte der Gottheit, so sanft sie auch gesprochen worden waren, hatten ebenso beißende Kälte ausgestrahlt wie der Schnee. Augenscheinlich hatte Zacharels „schwerwiegende Emotionslosigkeit“ dafür gesorgt, dass er „Kollateralschäden“ während seiner Kämpfe mit Dämonen ignoriert hatte. In mehreren Fällen, so hatte ihm die Gottheit vorgeworfen, hatte Zacharel zugelassen, dass Menschen – die Wesen, für deren Schutz Engel um jeden Preis kämpfen sollten – verletzt oder sogar getötet wurden. Hatte sich entschieden, das Leben seines Gegners zu beenden, statt die angeblich Unschuldigen um ihn herum zu beschützen. Und natürlich war ein solches Verhalten „inakzeptabel“.

Er hatte sich entschuldigt, obwohl er keine Reue über sein Handeln empfand – nur darüber, dass er das eine Wesen erzürnt hatte, das die Macht besaß, sein Dasein zu beenden. Wenn er es ehrlich betrachtete, verstand er nicht, welchen Reiz – oder Nutzen – Menschen haben sollten. Sie waren schwach und hinfällig und behaupteten, alles, was sie täten, geschähe aus Liebe.

„Liebe.“ Zacharel zog abfällig die Mundwinkel nach unten. Als hätten bloße Sterbliche auch nur die geringste Ahnung von selbstloser, lebensspendender Liebe. Damit kannte sich nicht einmal Zacharel aus. Hadrenial hatte sie verstanden – aber über ihn würde Zacharel nicht weiter nachdenken.

Seine Entschuldigung war bedeutungslos, hatte ihm die Gottheit beschieden. Tatsächlich sogar weniger als bedeutungslos, denn seine Gottheit konnte in den schwarzen Morast in seiner Brust sehen, wo sein Herz voller Emotionen schlagen sollte – es aber nicht tat.

Ich sollte dir die Flügel und die Unsterblichkeit nehmen und dich auf die Erde verbannen, wo du die Dämonen, die unter uns leben, nicht sehen könntest. Wenn du sie nicht sehen kannst, kannst du sie auch nicht bekämpfen, wie du es gewohnt bist. Wenn du sie nicht bekämpfen kannst, kannst du auch die Menschen um sie herum nicht töten. Ist es das, was du willst, Zacharel? Unter den Gefallenen leben und das Leben betrauern, das du einst besessen hast?

Nein, das wollte er ganz und gar nicht. Zacharel lebte dafür, Dämonen zu töten. Wenn er sie nicht sehen und gegen sie kämpfen könnte, wäre er tot besser dran. Wieder hatte er seiner Reue Ausdruck verliehen.

Für dieses Verbrechen hast du dich bereits viele Male in der Vergangenheit vor dem Himmlischen Hohen Rat entschuldigt, Zacharel, und doch hast du dein Verhalten nie geändert. Trotz deiner vielen Missetaten haben meine getreuen Ratgeber lange Zeit empfohlen, Milde walten zu lassen. Sie glaubten – hofften –, nach allem, was du durchlitten hast, würdest du mit der Zeit deinen Weg finden. Doch wieder und wieder hast du es unterlassen, dem Rat Gehör zu schenken, und nun kann ich deine Verfehlungen nicht länger ignorieren. Als Oberhaupt des Rats muss ich eingreifen, denn auch ich muss mich vor einer höheren Macht verantworten – und deine Taten werfen ein schlechtes Licht auf mich.

In diesem Augenblick hatte Zacharel gewusst, dass er sich diesmal nicht würde herausreden können. Und er hatte recht gehabt.

Worte kommen so leicht über die Lippen, wie du bewiesen hast, hatte seine Gottheit ausgeführt, aber so selten folgen ihnen die entsprechenden Taten. Von jetzt an wirst du die Manifestation meiner Unzufriedenheit mit dir tragen und diesen Tag niemals vergessen.

„Wie du wünschst“, hatte er erwidert.

Und Zacharel… Zweifle nicht daran, dass dich Schlimmeres erwartet, solltest du mir noch einmal den Gehorsam verweigern.

Er hatte seiner Gottheit gedankt für diese Chance, es besser zu machen, und er hatte es auch so gemeint – bis zu seiner nächsten Schlacht. Gnadenlos, ohne auch nur darüber nachzudenken, hatte er zahllose Menschen verletzt und getötet – denn sie hatten Ivar verletzt und getötet, ein Mitglied der Elite der Sieben seiner Gottheit. Einen unvorstellbar starken und fähigen Krieger.

Dass Zacharel im Namen der Rache gehandelt hatte, war irrelevant gewesen – es hatte ihm sogar mehr geschadet. In einer solchen Situation lag die Entscheidung beim Höchsten, und da Er die höhere Macht war, vor der seine Gottheit sich zu verantworten hatte, war Sein Wort Gesetz. Zacharel hätte Geduld wahren müssen.

Am folgenden Tag hatte die Gottheit ihn erneut zu sich gerufen.

Er hatte gehofft, er würde trotz seiner Taten als neuer Elitekrieger berufen, doch stattdessen hatte er erfahren, dass eine weitere Strafe auf ihn wartete. „Schlimmeres“, hatte er begriffen, war genau das.

Ein Jahr lang würde Zacharel eine Armee von Engeln befehligen, die genau wie er waren. Diejenigen, die niemand sonst unter seinem Kommando haben wollte. Die Rebellischen. Die Gefolterten. Seine Aufgabe: Ihnen den Respekt beizubringen – ihrer Gottheit gegenüber, der Heiligkeit menschlichen Lebens gegenüber –, den er selbst vermissen ließ. Und er allein würde die Konsequenzen für ihr Handeln tragen.

Wenn einer seiner Engel einen Menschen tötete, würde Zacharel ausgepeitscht.

Das war bereits achtmal geschehen.

Wenn am Ende dieses Jahres Zacharels gute Taten die schlechten überwögen, dürften er und all seine Engel im Himmel bleiben. Überwögen hingegen die schlechten Taten, würden er und all seine Engel ihre Flügel verlieren.

Offensichtlich wollte Zacharels Gottheit Klarschiff machen. Auf diese Weise konnte sie das Himmelreich auf einen Schlag von allen befreien, die ihr ein Stachel im Fleisch waren, und niemand aus dem Hohen Rat könnte sie grausam oder unfair nennen. Schließlich war den Engeln ein ganzes Jahr voller Chancen gewährt worden, sich von ihren Sünden reinzuwaschen.

Hier waren sie nun also, Zacharel und seine Armee, und mussten Aufgaben weit unter ihren Fähigkeiten erledigen. Zum größten Teil bedeutete das, besessene Menschen irgendwie von ihren Dämonen zu befreien oder anderen zu helfen, die unter deren moralischem Einfluss standen. Ab und zu kam noch die eine oder andere unbedeutende Schlacht hinzu.

Heute Abend traten sie ihre neunzehnte Mission an – aber erst ihre dritte Schlacht. Bisher hatte jede schlimmer geendet als die davor. Egal womit er drohte, die Engel schienen größtes Vergnügen daran zu haben, seine Befehle zu ignorieren. Sie zeigten ihm den Mittelfinger. Sie beschimpften ihn. Sie lachten ihm ins Gesicht.

Er verstand sie nicht. Für sie war dieses Jahr genauso die letzte Chance wie für ihn. Sie hatten ebenso viel zu verlieren. Sollten sie nicht brav mitspielen?

„Jetzt?“, fragte Thane ungeduldig mit seiner Stimme aus mehr Rauch als Substanz. Vor langer, langer Zeit war ihm die Kehle durchgeschnitten worden – und dann wieder und wieder, bis sich ein Halsband aus Narben gebildet hatte, das er bis in alle Ewigkeit tragen würde.

„Noch nicht. Ich meine es ernst.“

„Wenn Ihr nicht bald zum Angriff ruft …“

Würden sie auch ohne seinen Befehl losstürmen.

„Interessiert es denn niemanden, dass Ungehorsam bedeutet, meinen Zorn auf sich zu ziehen?“, knurrte er. Konzentriert blickte er hinab auf die Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County, die tief in den Bergen von Colorado versteckt lag. Das Gebäude war hoch und breit, umzäunt von unter Hochspannung stehendem Stacheldraht und bewacht von Bewaffneten, die sowohl am Zaun als auch über das Gelände patrouillierten. Flutlichter erhellten auch den letzten Winkel, löschten jeden Schatten aus.

Was die Wächter jedoch nicht sehen konnten, so grell die Beleuchtung auch sein mochte, waren die niederen Dämonen, die wie die Ameisen überall auf den Wänden herumkrabbelten und verzweifelt versuchten, ins Innere des Gebäudes zu gelangen.

Wie die menschlichen Wachen waren auch die Dämonen nicht in der Lage, die Bedrohung wahrzunehmen, die sie umzingelte. Die zwanzig Soldaten unter Zacharels Kommando blieben ihnen verborgen. Ihre Flügel, normalerweise weiß mit Gold durchwirkt, waren im Augenblick von einem sterngespickten tiefen Schwarz, ein Spiegelbild des Nachthimmels. Für diese mühelose Verwandlung brauchte es nur einen schlichten geistigen Befehl. Zudem hatten ihre Engelsgewänder die Form von Hemden und Hosen angenommen, die sich wie angegossen um ihre muskulösen Leiber schmiegten, schwarz und perfekt für den Kampf.

„Warum sollten Dämonen gerade diesen Ort heimsuchen?“, fragte Zacharel laut. Offenbar taten sie das schon seit Jahren. Mehrere andere Armeen waren bereits gegen sie ausgesandt worden, aber ohne echten Erfolg. Sobald eine Horde Dämonen ausgelöscht war, tauchte gleich die nächste auf.

Es gab nur zwei Gründe, aus denen keine andere Armee den Grund herauszufinden versucht hatte. Entweder es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, den Menschen im Inneren dieses Gebäudes zu helfen. Oder ihr Job war einfach mit der Schlacht zu Ende gewesen. So oder so – Zacharel würde nicht denselben Fehler begehen. Das konnte er nicht.

Thane mit seinem goldenen Haar, das sich unschuldig um ein auf seltsame Weise mehr teuflisches als engelhaftes Antlitz lockte, warf ihm einen frevlerischen Blick aus seinen saphirfarbenen Augen zu. Dieser Kontrast zwischen Unschuld und Fleischeslust konnte hypnotisierend sein. Hatte Zacharel jedenfalls gehört. Menschliche wie unsterbliche Frauen warfen sich Thane ohne Unterlass an den Hals – und er machte kein Geheimnis um seine sexuellen Begierden, wenn er sich denen offenbarte, die nicht wissen sollten, dass er da war. Vor allem, weil seine Begierden mit der Gefahr spielten … mit den äußersten Grenzen dessen, was akzeptabel war.

Die meisten Engel der Gottheit, seien es Krieger oder Glücksboten, waren fleischlichen Gelüsten gegenüber so immun wie Zacharel. Allerdings waren die meisten von ihnen auch nicht von einer Horde Dämonen gefangen genommen worden, eingesperrt und wochenlang gefoltert, so wie es Thane geschehen war.

Wenn man so lange lebte wie die Engel, vor allem, wenn man diese Jahre im Krieg verbrachte, dann lernte man die wahre Bedeutung von Schmerz kennen. Ebenso lernte man, in jedem Vergnügen Zuflucht zu suchen, das man finden konnte.

Xerxes und Björn, genauso stark und gerissen wie Thane, waren ebenfalls gefangen und gefoltert worden. Seitdem waren die drei unzertrennlich, verbunden durch die Qual und das Entsetzen des gemeinsam Erlebten. Seelisch entstellt, ja, auch das – wie ihr Platz in den Reihen von Zacharels Armee bewies –, aber eben trotzdem verbunden.

„Das Böse sucht die Nähe zum Bösen, immer auf der Jagd nach Zerstörung“, meinte Thane in einem Anflug von Weisheit anstelle seiner vorherigen Respektlosigkeit. „Vielleicht hat sie jemand im Inneren gerufen.“

Vielleicht. Wenn das stimmte, brachte ihn dieser Auftrag in ein Dilemma. Das Rufen von Dämonen war streng verboten, ein Verbrechen, das ausschließlich mit dem Tod bestraft wurde. Und dieser Tod wäre kein Kollateralschaden, sondern Absicht. Trotzdem war Zacharel sich nicht sicher, wie seine Gottheit auf eine solche Hinrichtung reagieren würde.

Menschen, dachte er und schüttelte angewidert den Kopf. Nichts als Ärger. Sie hatten keine Ahnung von den dunklen Mächten, mit denen sie spielten. Mächte, die anfangs aufregend scheinen mochten, letzten Endes aber ihre Menschlichkeit bis auf die Grundfesten niederbrennen würden.

„Keiner der Dämonen ist tatsächlich in das Gebäude eingedrungen“, sinnierte er. „Ich frage mich, aus welchem Grund.“

Thane neigte den Kopf zur Seite und betrachtete die Dämonen noch intensiver. „Das hatte ich noch nicht bemerkt, aber jetzt sehe ich es auch. Majestät.“

Keine Reaktion. „Nimm einen der Dämonen gefangen und bring ihn zu meiner Wolke, damit ich ihn verhören kann.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein.“ Sosehr Thane auch die verdorbenen Praktiken mit seinen Liebhaberinnen genoss, liebte er es doch noch mehr, Dämonen Schmerzen zuzufügen. Verständlicherweise. „Noch was, Unser Aller Herr?“

Keine Reaktion. „Ja. Auf mein Signal hin darf die Armee angreifen. Aber sorg dafür, dass Björn den wildesten Dämon, den er finden kann, auf das Dach der Einrichtung bringt. Schnell.“ Er hätte den Befehl direkt in die Köpfe seiner Soldaten projizieren können – hätte es tun sollen –, wie alle Befehlshaber es konnten. Doch auf diese Weise hätte er auch ihre Stimmen in seinem Kopf willkommen geheißen, und das war eine Intimität, die er nicht gestatten würde.

Mit einem genießerischen Lächeln enthüllte Thane zwei Reihen gerader, weißer Zähne. „Schon erledigt.“

Bevor Thane verschwinden konnte, fügte Zacharel hinzu: „Ich bin mir sicher, ich muss dich nicht daran erinnern, dass bei dieser Schlacht keinem Menschen Schaden zugefügt werden darf. Wenn du einen Dämon am Leben lassen musst, um ein menschliches Leben zu retten, tu es. Sorg dafür, dass die anderen das ebenfalls wissen.“

Anfangs war es ihm egal gewesen, wenn seine Männer sich entschieden hatten, einen Menschen zu töten, um an einen Dämon heranzukommen. Nach seiner dritten Auspeitschung für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, war es ihm nicht mehr ganz so egal.

Eine Sekunde Stille, zwei. Dann: „Ja, natürlich, Anführer der Überaus Unwürdigen.“ Mit diesem letzten Seitenhieb verschwand Thane in einem Wirbelwind von Bewegung, um die anderen zu informieren, die um das Gebäude kreisten.

Keine Minute später erschien ein Schwert aus Flammen in der Hand eines jeden Engels. Dieses Feuer war stärker und um ein Vielfaches reiner als jedes, das in der Hölle zu finden war. Bedrohliche Reflexionen aus bernsteinfarbenem Licht huschten über entschlossene Gesichter und hart erarbeitete Muskeln. In präzisen Bögen schossen diese Lichter kurz darauf herab, und schon bald ertönten Schmerzensschreie – und letzte Atemzüge – aus allen Richtungen. Schuppige, verdrehte – und jetzt kopflose – Leiber regneten von den Wänden herab.

So viel zum Thema Warten auf Zacharels Signal. Damit würde er sich später befassen müssen.

Auch wenn er es genossen hätte, an der Seite seiner Männer die Dämonen zu vernichten, wartete er ab. Heute Nacht suchte er nach fetterer Beute. Bald entdeckte er einen Durchlass im Schlachtengetümmel und glitt hinab … hinab … und landete anmutig auf dem flachen Dach.

„Der wilde Dämon, wie verlangt, oh prächtiger König“, ertönte neben ihm eine vertraute Stimme. „Schnell.“

Ein riesiges Ungeheuer plumpste Zacharel leblos vor die Füße. Gifttropfen geronnen an den Spitzen seiner Krallen. Riesige Hörner traten aus seinen Schultern hervor und Streifen von Fell und Schuppen formten ein spiralförmiges Muster um seine Beine.

Es gab nur ein Problem. Der Dämon hatte keinen Kopf.

„Dieser Dämon ist dahingeschieden“, bemerkte er.

Nur eine winzige Pause, dann erwiderte Björn: „Was das angeht, wart Ihr nicht weise genug, eine Präferenz anzugeben.“

„Wohl wahr.“ Er hätte es definitiv besser wissen müssen.

Björn schwebte auf Augenhöhe mit Zacharel neben dem Gebäude. „Soll ich Euch einen anderen bringen oder gedenkt Ihr, mich für Euren Fehler zu maßregeln, glorreicher König?“ In den Worten schwang ein bitterer Klang mit.

Björn war ein Tier von einem Mann mit tiefbrauner, golddurchzogener Haut und Augen, die in allen Schattierungen von Lila, Pink, Blau und Grün glitzerten. Ein überraschender Kontrast.

Kurz nach seiner Rettung aus den brutalen Fängen der Dämonen – und seinem nachfolgenden Amoklauf durch das Himmelreich, bei dem niemand vor seinem alles vernichtenden Zorn sicher gewesen war – hatte der Himmlische Hohe Rat Björn für instabil und dienstunfähig befunden. Ein Sündenfall war ihnen als zu leichte Strafe erschienen. Stattdessen war er zu einem Wahrhaftigen Tod verurteilt worden, bei dem sein Geist – seine Lebenskraft, seine Seele, die Verkörperung all seiner Emotionen – und sein Leib vollkommen ausgelöscht werden sollten.

Thane und Xerxes hatten protestiert und verlangt, den Krieger wieder einzusetzen. Im Gegenzug hatten sie versprochen, die volle Verantwortung – und Strafe – auf sich zu nehmen, sollten noch einmal Probleme entstehen. Ebenso hatten sie geschworen, sie würden ebenfalls den Wahrhaftigen Tod sterben, sollten sie von ihrem Freund getrennt werden.

Widerwillig hatte der Rat sich einverstanden erklärt. Bei der Masse von Dämonen, die in diesen Tagen die Welt plagten, waren Krieger von ihrem Kaliber heiß gefragt. Trotzdem bezweifelte Zacharel, dass eine solche Drohung auch ein zweites Mal Wirkung zeigen würde.

„Es wird keine Maßregelung geben“, sagte er, und Björn blinzelte überrascht.

In diesem Moment erspähte Zacharel den Naga-Dämon, der gerade versuchte, sich unbemerkt über die Brüstung zu schlängeln. Nagas besaßen den Oberkörper eines Menschen und den Rumpf einer Klapperschlange und waren gefährlicher als beides zusammen.

Zacharel beugte sich vor, packte den dicken, rasselnden Schwanz und riss daran. Der Naga schnellte herum, die Zähne gefletscht und die Arme erhoben, um anzugreifen, wer auch immer es gewagt hatte, ihn aufzuhalten. Zacharel hielt ihn fest am Schwanz gepackt und wand ihn sich der Länge nach um den Unterarm, während er mit der freien Hand den Dämon am Hals packte. Dann drückte er zu.

Blutrote Augen weiteten sich vor Furcht und klauenbewerte Finger schlugen nach ihm. „Nicht Zzzacharel, jeder ausssser Zzzacharel! Ich verssschwinde, ich verssschwinde, ich versssprech’ssss.“

Endlich Respekt vor seiner Autorität.

„Dieser hier wird genügen“, beschied er Björn. „Du darfst dich wieder deinen Pflichten widmen.“

Mit tiefem Erstaunen im Blick beugte der Engel den Kopf. Dann stürzte er sich wieder in die Schlacht.

„Bitte! Ich verssschwinde!“

Die Dämonen mochten vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sein, in das Gebäude einzudringen. Zacharel hatte damit jedoch keine Probleme. Mit einem knappen geistigen Befehl verwandelte er seinen Körper in einen substanzlosen Nebel – genau wie den des Naga vor ihm. Ohne den geringsten Widerstand sank der Dämon gemeinsam mit ihm durch den Beton des Dachs ins Innere. Sekunden später stand Zacharel im Erdgeschoss des Gebäudes.

Als hätte er vollkommen vergessen, wer ihn da festhielt, seufzte der Naga selig auf und streckte die Hände zur Decke aus. „Zzzeit für meinen Ssspassss …“

Schwungvoll schleuderte Zacharel den Dämon quer über die frisch polierten Fliesen. Zahlreiche Sicherheitsleute patrouillierten und der Empfangsbereich war von mehreren menschlichen Frauen besetzt, doch kein Einziger bemerkte die Eindringlinge mitten unter ihnen.

Flink schlängelte der Naga sich die Wand hinauf, tauchte ungehindert durch die Decke und verschwand aus Zacharels Blickfeld. Die Verfolgung erwies sich als Kinderspiel. Von Stockwerk zu Stockwerk bewegte sich Zacharel, immer bloß einen Schritt hinter dem Dämon. Schließlich hielt der Naga in seinem Aufstieg inne und schoss geradewegs in einen der Räume im vierzehnten Stockwerk.

Im Inneren waren die Wände mit schwarzen Polstern bedeckt. Es gab keine Fenster. Ein einsamer Luftschacht an der Decke brachte die einzige Luftbewegung – und zwar in eisiger Temperatur. Der Raum war leer, bis auf ein einziges Möbelstück. Eine Krankenhaustrage mit … einer jungen Frau, die darauf festgebunden war.

Plötzlich war jeder Muskel in seinem Körper angespannt. Einen Moment lang drohte die Vergangenheit sich aufzubäumen und ihn zu verschlingen.

„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte.“

Schon vor langer Zeit hatte er in seinem Inneren einen Damm errichtet, um seine Erinnerungen an die Vergangenheit zurückzuhalten. Eine Barriere, die er verzweifelt gebraucht hatte. Und immer brauchen würde, wie es aussah. Jetzt verstärkte er diesen Damm wieder, wischte aus seinen Gedanken alles außer der Gegenwart fort.

Auf den ersten Blick schien die Frau zu schlafen. Doch dann rollte ihr Kopf zur Seite, all ihre Aufmerksamkeit anscheinend auf den Dämon fixiert, den sie nicht hätte sehen dürfen. Plötzlich gingen Entsetzen, Zorn und Angst in Wellen von ihr aus.

Hatte sie, eine bloße Sterbliche, den Naga auf irgendeine Weise gespürt?

Zacharel betrachtete sie eingehender. Unter einem papierdünnen Nachthemd, das schmutzig und zerrissen war, zitterte ihr schlanker Körper. Langes Haar lag zerzaust um ein zartes Gesicht, die Strähnen so schwarz, dass sie schon fast in einem atemberaubenden Mitternachtsblau schimmerten. Dunkle Schatten zeichneten die durchscheinende Haut unter ihren Augen und ihre Wangen waren eingefallener, als sie sein sollten. Ganz zu schweigen davon, dass sie von grausamen Blutergüssen und Kratzern überzogen waren. Ihre Lippen waren rot und spröde. Ihre Augen waren eisblau, und in ihren Tiefen sah er einen niemals endenden Sturm des Leids toben, den zu ertragen kein Mensch die Kraft besaß.

Nein, diese Augen gehörten keiner Sterblichen, wurde ihm klar. Sie gehörten der Gemahlin eines Dämons.

Irgendwo da draußen gab es einen Hohen Herrn der Dämonen – die gefährlichsten unter all den Ausgeburten der Hölle –, der diese Menschenfrau als sein alleiniges Eigentum betrachtete. Sein, um sie zu besitzen, sie zu foltern … sie auf jedwede Art zu genießen, nach der es ihn verlangte. Der Dämon hatte ihre Augen vergiftet, hatte sie gezeichnet und gleichzeitig dafür gesorgt, dass sie in die Geisterwelt blicken konnte, die parallel zur Ebene der Sterblichen existierte. Seine Welt. Und mit dieser Tat hatte er auch andere Dämonen auf sie aufmerksam gemacht.

Sie musste eine willige Partnerin gewesen sein, denn dazu konnten Menschen nicht gezwungen werden. Verführt, ja. Betrogen, absolut. Begierig, mit den dunklen Künsten herumzuspielen, zweifellos. Aber niemals gezwungen.

War der Hohe Herr ihrer müde geworden? War sie deshalb hier, ohne seinen Schutz? Nein, entschied Zacharel in derselben Sekunde. Ein Dämon wurde seines Menschen niemals müde. Er blieb bis zum bitteren, blutigen Ende – oder bis der Mensch vernünftig wurde und ihn zwang, zu verschwinden.

Warum hatte er sie also nicht einfach umgebracht, um sein Verbrechen zu vertuschen? Verbindungen zwischen Dämonen und Sterblichen waren bei Todesstrafe verboten. Und die Strafe würde über Dämon und Mensch ausgesprochen. Nicht dass Zacharel oder einer seiner Männer die hier töten würden. Das stand immer noch nicht auf dem Tagesprogramm. Es würde keinen Kollateralschaden geben.

„Bleib weg von mir“, sagte sie und schreckte Zacharel aus seinen Gedanken auf. Ihre Stimme klang rau, vielleicht durch Medikamente, vielleicht durch Überanstrengung. Oder war das ihr natürliches Timbre? „Mich willst du nicht zur Feindin haben.“

Für jemanden, der sich entschlossen hatte, sein Leben an das eines Dämons zu binden, schien sie nicht besonders zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Er hätte wetten mögen, dass sie verführt oder hereingelegt worden war und es jetzt bereute.

So selten fanden diese Menschen zur Vernunft, bevor es zu spät war. Dabei musste es nicht so sein.

„Wenn du noch einen Schritt näher kommst, tu ich dir weh.“ Offensichtlich hatte sie japanische Wurzeln, doch in ihren Worten schwang nicht die Spur eines Akzents mit – was den Klang ihrer Stimme nur umso exotischer machte. Weich und melodiös, der perfekte Gegensatz zu ihren klaren Gesichtszügen.

„Tu mir weh, Weib. Bitte, tu esss …“ Mit tödlich rasselndem Schwanz glitt der Naga um das Bett herum. Zwischen seinen Fangzähnen züngelte seine gespaltene Zunge hervor. „Dasss gefällt mir – vor jedem Sssnack.“

Der Lakai wollte sie nicht um ihretwillen, sondern weil die Kreaturen der Unterwelt nichts lieber mochten, als ihre Brüder zu bestehlen. Stoff zum Prahlen war Gold wert, genau wie das daraus entstehende Überlegenheitsgefühl. Na ja, deshalb und weil es jeden Dämon erregte, jemandem Schaden zuzufügen, dessen Schutz die Eine Wahre Gottheit befohlen hatte.

Die Frau spannte sich an. „Wag es, mich anzufassen, und ich schwöre dir, ich finde einen Weg, mich von diesen Fesseln zu befreien. Und dann reiße ich dir den Kopf ab. Solche wie dich hab ich schon öfter geköpft, schon gewusst? Hey, vielleicht waren das sogar Freunde von dir, was meinst du?“

Eine interessante Antwort. Das war mehr als bloße Reue.

Auf die tapferen Worte erntete sie ein erwartungsvolles Fauchen. „Du lügssst, du lügssst, und dasss macht sssolchen Ssspassss. Kössstlich.“

„Ich mein’s todernst. Du glaubst wirklich, eine Kleinigkeit wie Fesseln könnte mich davon abhalten, dir wehzutun? Dein Hirnschaden ist ja noch größer, als ich dachte. Und nur so zur Info: Ich hatte deinen IQ schon im einstelligen Bereich angesetzt.“

Hilfesuchend blickte sie sich um. Auch wenn sie den Naga sehen konnte, Zacharel war für sie unsichtbar. Das war für ihn nicht wirklich überraschend – wenn er nicht wahrgenommen werden wollte, konnte das auch niemand, weder Dämonen noch Gemahle von Dämonen, nicht einmal andere Engel.

Neugierig auf ihre Reaktion, materialisierte er sich in seiner natürlichen Gestalt und erschuf gleichzeitig ein flammendes Schwert aus der bloßen Luft. Ohne den Blick auch nur einmal von der Frau abzuwenden, schwang er die Klinge, köpfte den Dämon und beendete so seine elende Existenz. Ja, so einfach war es für ihn, zu töten. Er ließ die Flammen verschwinden.

„Was – wie …“ Ihre kristallenen Augen weiteten sich, als ihr Blick auf ihn fiel. Ihre Zähne begannen zu klappern. „I-Ist das ein Traum? Die Medikamente … Das muss eine Halluzination sein. Oder vielleicht ein Traum. Ja, das ergibt Sinn.“

„Das tut es nicht, denn du träumst nicht.“

„Bist du dir sicher? Du siehst aus wie dieser Prinz, den ich mal … Ach, egal.“

Den sie mal … was? „Ich bin mir sicher.“

„Dann … W-wer bist du? Was bist du? Wie bist du hier hereingekommen?“

Trotz ihrer Fragen schien sie zu wissen, dass er nicht so war wie die Kreatur, die er soeben getötet hatte. Dämonen taten ihr Bestes, um Furcht in den Menschen zu wecken. Seine eigene Art gab alles, um ein Gefühl der Ruhe hervorzurufen. Zumindest sollte sie das.

„Was bist du?“, fragte die Frau erneut. „Bist du hier, um mich zu töten?“

„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte. Ich kann so nicht mehr leben. Es ist zu viel, zu schwer. Bitte!“

Wieder drohte die Vergangenheit ihn zu überrollen. Wieder fegte er seinen Geist leer. Obwohl er der Frau keinerlei Erklärung schuldig war, obwohl sie die Gemahlin eines Dämons und in keiner Weise vertrauenswürdig war, hörte er sich sagen: „Ich werde dich nicht töten. Ich bin ein Engel.“

Wie bei allen Engeln der Gottheit schwang auch in seiner Stimme ein überwältigender Klang der Wahrheit mit. Und ganz typisch für ihre Art zuckte sie bei dieser Reinheit zusammen, doch sie zweifelte sie nicht an. Das konnte sie nicht.

Hektisch blinzelte sie und sagte dann: „Ein Engel. So in der Art von ‚ein Engel aus dem Himmel, Verteidiger von allem, was gut und rechtschaffen ist‘?“

Vielleicht konnte sie es doch. Ihr Ton war spöttisch gewesen. Doch es war interessant, dass sie ihn nicht mit denselben Hasstiraden überschüttete wie den Dämon. Als Gemahlin eines Hohen Herrn sollte sie Zacharel mehr als jeden anderen verabscheuen. Dass sie es nicht tat … Definitiv hereingelegt.

„Und?“

„Ja, ich komme aus dem Himmelreich, auch wenn ich vermutlich nicht die Art Engel bin, mit der du vertraut bist.“ Zacharel streckte die Flügel. Noch immer rieselten Schneeflocken um ihn herum, doch hier schmolzen sie nicht, wenn sie auf dem Fußboden landeten. In dem kleinen Raum war es schlicht zu kalt dazu. Seine Federn hatten wieder ihr natürliches Perlweiß angenommen, durchzogen von schimmerndem Gold. Er runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass das Gold dichter war als je zuvor.

Jahrtausende waren vergangen, in denen seine Federn niemals ihre Farbe geändert hatten. Solch ein Wandel bedeutete üblicherweise, dass ein Aufstieg in einen höheren Rang bevorstand. Nur die Elite der Sieben konnte sich mit rein goldenen Flügeln schmücken. Glücksboten waren durch rein weiße Flügel gekennzeichnet. Krieger wie Zacharel trugen ebenfalls Weiß mit bloßen Spuren von Gold. Was sich in seinen Federn zeigte, war mehr als eine Spur.

Doch es musste eine andere Erklärung dafür geben, denn sosehr er das auch gehofft hatte, so hatte seine Gottheit ihm gegenüber doch nichts von einem Aufstieg in die Elite der Sieben erwähnt. Und er war wohl kaum in der Position, für eine Beförderung in Erwägung gezogen zu werden, wo er gerade darum kämpfen musste, erst einmal seinen jetzigen Platz im Himmel zu behalten.

„Es gibt mehr als eine Art?“, fragte sie, nachdem sie ihn von oben bis unten gemustert hatte. „Egal. Nimm’s mir nicht übel, aber du siehst nicht gerade … nett aus. Und ich meine nicht deinen Sexappeal.“

„Nein. Ich bin nicht nett.“ Die Menschen malten sich Engel gern als sanfte, kuschlige Wesen aus, die im Sonnenschein herumtollten, Rosen zum Blühen brachten und Regenbögen an den Himmel malten. Er wusste das. Und manche Engel waren so, aber viele eben auch nicht.

„Also, was kann ich für dich tun, Mr Gemeinheit in Person?“

Er hätte sich nicht von seiner Neugier verleiten lassen sollen. Hätte sich nicht auf dieses Gesprächsthema einlassen sollen.

Das würde jetzt ein Ende nehmen. „Genug, Mensch. Du hast dir schon mehr Ärger eingehandelt, als du im Augenblick wieder loswerden kannst. Ich würde dir nicht raten, noch mehr zu suchen.“

„Wer hätte das gedacht?“, entgegnete sie mit einem freudlosen Lachen. Mit ihrer rosafarbenen Zungenspitze fuhr sie sich über die Lippen. „Endlich haben die Ärzte mal recht. Ich hab Halluzinationen. Bloß in meinem verdrehten Hirn würde ein Engel jemanden so mies behandeln.“

„Ich habe dich nicht mies behandelt, und du hast keine Halluzinationen.“

„Dann beeinflussen die Medikamente mein Hirn“, beharrte sie.

„Das tun sie nicht.“

„Aber hierher kommt nur das Böse.“

„Wieder falsch.“

„Ich … ich … Okay, ich tu mal so, als ob. Ich meine, wieso nicht. Lass uns sagen, du bist real …“

„Das bin ich.“

„…und einer von den Guten, denn du bist nicht hier, um mich umzubringen. Bist du hier, um mich … zu befreien?“

So süß war das Zögern in ihrer Frage gewesen, dass er wusste, sie wagte nicht zu hoffen, es wäre so. Und doch wollte sie mit jeder Faser ihres Seins daran glauben, dass ihre Rettung bevorstand.

Einen anderen Mann hätte ihre Notlage vielleicht zum Helfen bewogen, doch nicht Zacharel. Er hatte Leid in allen Variationen gesehen. Er hatte Leid in allen Formen verursacht. Hatte seine Freunde, Unsterbliche, die für immer hätten leben sollen, sterben sehen.

Hatte seinen Zwillingsbruder sterben sehen.

Hadrenial, sein Zwilling, das Einzige, was ihm je wertvoll gewesen war, ruhte jetzt in einer Urne auf seinem Nachttisch. In seiner Erscheinung war er identisch mit Zacharel gewesen, mit dem gleichen schwarzen Haar, den gleichen grünen Augen, dem gleichen scharf geschnittenen Gesicht und starken Körper. Doch gefühlsmäßig waren sie vollkommene Gegensätze gewesen. Obwohl Hadrenial nur wenige Minuten jünger war als Zacharel, schienen es Jahre zu sein. So unschuldig und lieb war er gewesen, so freundlich und einfühlsam, von allen geliebt.

„Ich kann es nicht ertragen, die Menschen weinen zu sehen, Zacharel. Wir müssen ihnen helfen. Irgendwie, auf irgendeine Weise.“

„Das ist nicht unsere Aufgabe, Bruder. Wir sind Krieger, keine Glücksboten.“

„Warum können wir nicht beides sein?“

Zacharel ballte die Hände zu Fäusten. Du musst aufhören, an ihn zu denken. Über das nachzugrübeln, was geschehen war, würde nicht das Geringste ändern. Es war, wie es war. Wunderschön und hässlich. Herrlich und furchtbar.

Er zwang seine Gedanken zurück zu der Frau und ihrer Misere – beschloss jedoch, die Frage zu ihrer Befreiung nicht zu beantworten. „Kennst du den Namen des Dämons, der dich gezeichnet hat?“

Eine Mischung aus Enttäuschung und verbitterter Resignation blitzte in ihren Augen auf. „Vielleicht bist du ja doch real“, murmelte sie. „Um mir jemanden wie dich auszudenken, bräuchte ich eine dunkle Seite, die ich nicht besitze.“

„Du hast vergessen, vorauszuschicken ‚Ich will dich nicht beleidigen‘.“

„Nein, hab ich nicht. Genau das wollte ich.“

Was für ein aufmüpfiger kleiner Mensch. „Soll ich meine Frage wiederholen?“, hakte er nach – für den Fall, dass sie es beim ersten Mal überhört hatte.

„Nein. Ich erinnere mich. Du willst wissen, ob ich den Namen des …“ Ihre Augen wurden groß, Enttäuschung und Resignation wichen Schock. „Dämons“, flüsterte sie, und die Enthüllung schien sie weit mehr zu treffen als die über seine Herkunft. „So in der Art von ‚ein Dämon, der aus der Hölle kommt‘?“

„Ja.“

„Ein bösartiges Wesen, dessen einziger Daseinszweck es ist, das Leben von Menschen zu zerstören?“

„Ja.“

„Eine abscheuliche Kreatur ohne einen Funken Licht in sich, erfüllt von nichts als Dunkelheit und Bösem?“

„Exakt.“

„Ich hätte es wissen müssen“, murmelte sie. „Dämonen. All die Jahre habe ich gegen Dämonen gekämpft, ohne es zu begreifen.“ Erleichterung mischte sich in den Schock, tränkte ihre Worte. „Ich bin nicht verrückt, und wir sind nicht allein. Ich hab’s ihnen gesagt.“

„Mensch, du wirst mir jetzt antworten.“

„Ich hab’s ihnen gesagt“, fuhr sie unbekümmert fort. „Ich hatte bloß keinen Schimmer, dass es Dämonen waren, gegen die ich gekämpft hab. Ich hätte drauf kommen können, aber ich bin bei Vampiren und mythischen Monstern hängen geblieben, und dann bei Halluzinationen, deshalb …“

„Mensch!“ Erhebe ihr gegenüber nicht die Stimme. Auf keinen Fall würde er seiner Gottheit erklären können, dass er sie gar nicht hatte zu Tode erschrecken wollen.

Sie schüttelte den Kopf und befreite sich mit der gleichen Entschlossenheit von ihren offensichtlich rasenden Gedanken, wie er es getan hatte. Beeindruckenderweise schien sie allerdings beileibe nicht eingeschüchtert zu sein. „Ich kann dir nicht antworten, weil ich keine Ahnung hab, wovon du redest. Mich hat ein Dämon gezeichnet? Wie? Warum?“

Ehrliche Verwirrung. Das wusste er, denn die Lügen anderer schmeckten immer bitter auf seiner Zunge. Doch das Einzige, was er in diesem Moment schmeckte, war … ihr Duft? Ein zarter Hauch von Rosen und Bergamotte, der von ihrer Haut auszuströmen schien, dieser glatten, sahnig-gebräunten Haut.

Dass er ein so unwichtiges Detail bemerkt hatte, ärgerte ihn. „Du erinnerst dich nicht, zugestimmt zu haben, dich mit einem Dämon zu vermählen, bewusst oder vielleicht unbewusst?“

„Niemals!“ Als sie die Augen verengte, verschmolzen ihre langen dunklen Wimpern miteinander. „Und jetzt bin ich dran mit ein paar Antworten. Bist du hier, um mich zu retten oder nicht?“

Wenn sie stark genug war, auf einer Antwort zu bestehen, obwohl sie die Wahrheit bereits erraten hatte, war sie auch stark genug, sie zu hören. „Nein. Das bin ich nicht.“ Aber nur zu gern wäre er lange genug bei ihr geblieben, um das Rätsel ihrer Vermählung zu lösen. Wann war es geschehen? Wer hatte es vollzogen? Wie hatte man sie hereingelegt?

Die Details spielen keine Rolle. Nur das Ergebnis zählt.

Eine Pause, während sie sein Eingeständnis verarbeitete, und dann ein bitteres Lachen. „Natürlich bist du das nicht. Warum hätte ich je etwas anderes hoffen sollen?“

Scharniere quietschten, als die Stahltür plötzlich ruckartig geöffnet wurde. Zacharel verbarg sich vor neugierigen Blicken, und die Menschenfrau verkrampfte sich. Ein Wachmann mit einem Schlagstock hielt die Tür offen, während ein männlicher Mensch in den Raum trat, eine dicke Akte in der Hand. Für einen Menschen war er durchschnittlich groß, hatte bereits einiges an Haar verloren und trug einen falschen mitfühlenden Gesichtsausdruck zur Schau. Ein weißer Kittel lag um seine schmalen Schultern, der Stoff verunziert von kleinen Spritzern getrockneten Blutes.

„Sie ist eine Kämpferin“, sagte der Mensch, „aber sie ist fixiert und kann mich nicht verletzen. Achten Sie nicht auf das, was Sie hören könnten.

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