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Verneig dich vor dem Tod

Peter Tremayne

Verneig dich vor dem Tod

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Friedrich Baadke

 

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

 

Zum Gedenken an Moira Evans

(22. September 1951 – 4. August 2001), eine gute Freundin, die mich unterstützte und ermutigte und die an Schwester Fidelma glaubte

 

Steht nicht an meinem Grab und weint.

Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht.

Ich bin im Wehen von tausend Winden,

Ich bin im glitzernden Funkeln auf Schnee.

Ich bin im Sonnenlicht auf reifendem Korn,

Ich bin im sanften Regen des Herbstes.

Wenn ihr im Schweigen des Morgens erwacht,

Bin ich im raschen aufsteigenden Flug

Stiller Vögel, die ihre Kreise ziehen.

Ich bin im Schein der nächtlichen Sterne.

Steht nicht an meinem Grab und weint,

Ich bin nicht dort, bin nicht gestorben …

 

Unbekannter Dichter

 

Selbst wo es kein Gesetz gibt, gibt es noch das Gewissen.

Publilius Syrus

1. Jahrhundert v. Chr.

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen hauptsächlich in Irland in der Mitte des siebenten Jahrhunderts. In diesem Buch jedoch befinden sich Fidelma und der Gefährte ihrer Abenteuer, der angelsächsische Bruder Eadulf, auf dem Wege nach Eadulfs Geburtsort Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks (heute Saxmundham in Suffolk), im Königreich der Ost-Angeln (East Anglia) im späteren England.

Dabei ist zu bedenken, daß East Anglia und das Königreich der Ost-Sachsen (Essex) südlich davon erst wenige Jahrzehnte vor Fidelmas Besuch, der im Dezember des Jahres 666 stattfindet, von irischen Missionaren zum Christentum bekehrt worden waren.

Im Jahre 653 wurde König Sigebert der Ost-Sachsen von Finan, dem irischen Bischof von Lindisfarne, getauft. Finan entsandte einen seiner Brüder, Cedd, zu den Ost-Sachsen. Cedd sollte auf der berühmten Synode von Whitby im Jahre 664 die keltische Kirche vertreten. Er baute eine Kirche in Lastingham und starb bald danach dort an der Gelben Pest. König Sigebert und seine Ost-Sachsen fielen in ihren heidnischen Glauben zurück, doch Eata, der nächste Bischof von Lindisfarne, schickte einen weiteren irischen Missionar, der sie erneut bekehren sollte.

Einige Jahre zuvor hatte im Königreich East Anglia ein Prinz aus königlichem Hause, der auch Sigebert hieß, nach Gallien fliehen müssen, um nicht von einem ehrgeizigen Vetter getötet zu werden, der nach der Krone trachtete. In Gallien lernte er ungefähr in den Jahren 610–612 den berühmten irischen Missionar Columbanus (um 540 bis 615) kennen, der Mönchskloster in Annegray, Luxeuil und Fontaine eingerichtet hatte und danach das Kloster Bobbio in Italien gründete, das als Vorbild für die Abtei in Umberto Ecos »Der Name der Rose« gedient haben soll.

Sigebert kam später nach East Anglia zurück, nachdem ihn Columbanus zum Christentum bekehrt hatte. Zwischen 631 und 634 holte er Missionare in sein Königreich. Unter ihnen befand sich ein Burgunder namens Felix (gest. 648), der seine Abtei in Dunwich errichtete, während eine Gruppe irischer Missionare unter der Leitung von Fursa (575 – 648, bei den Angeln als Fursey bekannt) ihre Abtei in Burghcastle erbauten. Fursa wurde von seinen Brüdern Foillan und Ultan und vielen weiteren irischen Mönchen begleitet. Zu ihnen gehörten auch Gobban und Diciul. Letzterer führte die erste christliche Mission zu den Süd-Sachsen (Sussex) und gründete 645 seine Kirche in Bosham.

Fidelmas Gefährte Eadulf hatte die Würde eines gerefa, eines Ortsrichters, in Seaxmund’s Ham geerbt, ehe er von diesen irischen Missionaren bekehrt wurde und seine religiöse Unterweisung in einer irischen Einrichtung erhielt.

Nach der Entscheidung, die auf der berühmten Synode von Whitby im Jahre 664 fiel (siehe auch »Nur der Tod bringt Vergebung«), erkannten die meisten angelsächsischen Königreiche dem Einfluß der römischen Kirche ein Übergewicht über die ursprünglichen keltischen Auffassungen vom Christentum zu. Doch in der Zeit, in der diese Geschichte spielt, im Dezember 666, war das Christentum dort noch sehr neu, und die alten heidnischen Gebräuche starben nur langsam aus. Die Ost-Angeln und Ost-Sachsen waren erst knapp eine Generation zuvor von der Verehrung ihrer Götter und Göttinnen abgebracht worden – von Tyr, Wotan, Thunor und Frig. Die Macht der alten Götter war so groß, daß sich einige ihrer Namen noch heute in den Bezeichnungen der Wochentage wiederfinden. Das Osterfest ist nach der Fruchtbarkeitsgöttin Eostre benannt, und Weihnachten fiel mit dem heidnischen angelsächsischen Julfest zusammen.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irlands.

Zu Fidelmas Zeit bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche war die Macht unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten aufgeteilt.

Ein solcher Zusammenhalt bestand zwischen den sich ständig bekriegenden Königreichen der Angelsachsen noch nicht. Zur Zeit von Fidelmas Besuch gab es ungefähr zehn oder elf dieser Königreiche, die kleinen mitgerechnet. Drei davon waren die hauptsächlichen Anwärter auf die Macht: Northumbria, Mercia und Wessex. Jedes strebte danach, seinen König zum Bretwalda, zum »Herrscher Britanniens« zu machen. Eine zusammenhängende Einheit, die als England zu erkennen war, bildete sich erst drei Jahrhunderte nach Fidelmas Zeit heraus.

Wir sollten uns vor Augen halten, aus welcher kulturellen Perspektive Fidelma die angelsächsischen Königreiche betrachtete, und begreifen, daß sie im Rechtssystem ihres Landes Anwältin sein konnte – was in Bruder Eadulfs Heimatland unmöglich war.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war Irland fremd. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen mit einem gemeinsamen Stammvater versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes diente, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fénechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert, das in der Royal Irish Academy in Dublin aufbewahrt wird. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz eines irischen Gesetzbuchs wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk bis in die jüngste Zeit. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid und Áine Ingine Iugaire zum Beispiel und Darí, die nicht nur Richterin war, sondern auch einen berühmten Gesetzestext verfaßte, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, wenn sie zu Hause lagen oder im Krankenhaus. Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind. Aus heutiger Sicht verkörperten die Gesetze der Brehons eine beinahe ideale Gesellschaft.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in diesen Geschichten zu verstehen.

Fidelma ging zum Studium an die weltliche Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren erlangte sie den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irlands zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte sowohl das Strafrecht Senechus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill studiert. Dadurch wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser Geschichte hatte Fidelma jedoch Kildare bereits enttäuscht verlassen.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne vieler angelsächsischer Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die Kirche, die wir heute die keltische nennen, lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die Orthodoxe Kirche des Ostens behaupteten ihre Unabhängigkeit von Rom in solchen Fragen. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht, so daß man unmöglich über kirchliche Angelegenheiten schreiben kann, ohne auf diesen geistlichen Streit einzugehen.

Eine Gemeinsamkeit sowohl der keltischen wie der römischen Kirche bestand darin, daß das Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, und auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 hatte die Westkirche Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich hauptsächlich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht.

Erst der Reformpapst Leo IX. (1049–1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. Es dauerte Jahrhunderte, bis die keltische Kirche ihren Widerstand gegen das Zölibat aufgab und sich der römischen Kirche fügte, während in der östlichen Orthodoxen Kirche die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Heirat haben.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds der Fidelma-Romane. Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta war zu ihrer Zeit solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conláed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste erhaltene Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode und zu Fidelmas Lebzeiten, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch nach ihrem Tode weiterhin eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Im Unterschied zur römischen Kirche verfügte die irische Kirche über kein System von »Beichtvätern«, Geistlichen, denen die »Sünden« gebeichtet werden mußten und die dann die Vollmacht besaßen, von diesen Sünden in Christi Namen loszusprechen. Statt dessen wählte man sich einen anam chara, einen »Seelenfreund«, einen Kleriker oder Laien, mit dem man seine emotionalen und geistigen Probleme besprach.

Damit sich der Leser leichter zurechtfindet, habe ich eine Liste der Hauptpersonen beigefügt. Die Handlung spielt im Dezember 666. Es war der neue irische christliche Monat Nollaig, nach dem lateinischen natalicia – Geburtsfest – benannt, während nur wenige Jahre zuvor die Iren ihn noch als Medónach Gemrid- als Mittwinter – bezeichnet hatten.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

 

IN CYNRICS GASTHAUS

 

Cynric, der Gastwirt

»Der verrückte« Mul, ein Bauer

 

IN ALDREDS ABTEI

Abt Cild

Bruder Botulf, ein Freund Eadulfs

Bruder Willibrod, der Verwalter

Bruder Osred, der Schmied

Bruder Higbald, der Apotheker

Bruder Redwald, ein junger Mönch

Bruder Wigstan

Bruder Beornwulf

 

IM MOORLAND

 

Aldhere, ein Geächteter

Bertha, eine Fränkin, seine Frau

Wiglaf, einer aus seiner Schar

Lioba, ein Bauernmädchen aus der Gegend

 

AUF DER LANDSTRASSE

 

Dagobert, ein fränkischer Kaufmann

Dado, sein Begleiter

 

IN TUNSTALL

Bruder Laisre

Bruder Tola

Gadra, Fürst von Maigh Eo

Garb, sein Sohn

 

Sigeric, Oberhofmeister Ealdwulfs, des Königs von Ost-Angeln

Werferth, Befehlshaber seiner Leibwache

KAPITEL 1

»Mach bitte die Tür zu, Bruder. Der Wind treibt Schnee herein, und es ist hier drin schon kalt genug.«

Bruder Eadulf hatte voller Ärger durch die halboffene Tür des Gasthauses in die Dunkelheit hinausgestarrt und den tobenden Schneesturm betrachtet. Nun wandte er sich widerstrebend ab, schob die Tür zu und den hölzernen Riegel vor und schaute den kleinen, untersetzten Gastwirt an. Der hatte schütteres Haar und rote Wangen, die wie poliert glänzten. Er erwiderte mitleidig Eadulfs Blick.

»Bist du absolut sicher, daß es keine Mitfahrgelegenheit nach Aldreds Abtei gibt?« Eadulf hatte die Frage schon ein paarmal gestellt. Wie hieß der Gastwirt doch gleich? Cynric? Ja, das war sein Name.

Der Gastwirt stand da und wischte sich die Hände an der Lederschürze ab, die seine füllige Gestalt bedeckte.

»Wie ich dir schon sagte, Bruder, du und deine Gefährtin, ihr hattet Glück, daß ihr es bis hier geschafft habt, bevor der Sturm richtig losbrach. Wenn ihr diese Herberge verpaßt hättet, dann hättet ihr von hier bis zum Fluß Alde keinen Schutz mehr gefunden.«

»Das Schneetreiben war nicht annähernd so schlimm wie jetzt, als wir bei Mael’s Tun vom Fluß abbogen und hierher gingen«, bestätigte Eadulf und zog sich von der Tür ins wärmere Innere des Gasthauses zurück.

»Bis Mael’s Tun seid ihr also auf dem Fluß gereist?« fragte der Gastwirt, der sich wie alle Wirte für das Kommen und Gehen seiner Gäste interessierte.

»Ja. Wir gelangten von der Mündung des Deben auf einem Flußschiff dorthin. Erst nachdem wir von Mael’s Tun aufgebrochen waren, wurde der Wind so stark, und der Schnee fiel wie ein weißes Tuch. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Da waren wir schon so weit von der Siedlung entfernt, daß wir nicht an eine Rückkehr denken konnten.«

»Nun, ihr hattet Glück, daß ihr auf meine kleine Herberge gestoßen seid«, wiederholte der Gastwirt. »In dem Moorland im Norden und Osten von hier sollte man nicht herumwandern, wenn man den Weg nicht genau sehen kann.«

»Aber die Abtei ist doch nur vier oder fünf Meilen von hier«, erklärte Bruder Eadulf. »Wir könnten leicht hingelangen, wenn wir nur ein Pferd hätten.«

»Wenn ihr ein Pferd hättet«, erwiderte der Gastwirt mit Betonung. »Ich besitze nur ein Maultier, Bruder, und das brauche ich. Und du müßtest schon Glück haben, wenn du die Abtei finden wolltest, selbst mit einem Reittier. Heute ist kein Mensch mehr auf der Landstraße. Sieh dir doch den Schnee da draußen an. Er bildet Wehen in den Senken und an den Hecken. Der Wind kommt bitterkalt aus Osten. Kein vernünftiger Mensch begibt sich in solch einer Nacht auf die Landstraße.«

Bruder Eadulf schnalzte mit der Zunge vor Verärgerung. Der Gastwirt sah ihn wieder mitleidig an.

»Warum setzt du dich nicht ans Feuer? Deine Gefährtin kommt sicher gleich dazu, und ich bringe euch eine Erfrischung«, meinte er aufmunternd.

Bruder Eadulf zögerte.

»Morgen läßt der Sturm vielleicht nach, dann kommt man leichter zur Abtei durch«, versuchte ihn der Gastwirt zu überreden.

»Ich muß die Abtei heute abend noch erreichen, weil …« Bruder Eadulf brach ab. Warum sollte er dem Gastwirt seine Gründe erklären? »Es ist wichtig, daß ich noch vor Mitternacht dort bin.«

»Na, Bruder, zu Fuß schaffst du das nie, selbst wenn du den Weg kennen würdest. Was ist denn so wichtig, daß es auf einen Tag ankommt?«

Bruder Eadulf zog grimmig die Brauen zusammen.

»Ich habe meine Gründe«, beharrte er.

Cynric schüttelte traurig den Kopf. »Ihr Ausländer seid doch alle gleich. Schnell, schnell, schnell. Na, heute abend wirst du wohl dem Sturm nachgeben müssen, dir bleibt keine andere Wahl.«

»Ich bin nicht fremd in diesem Land, Freund«, protestierte Eadulf, den die Bezeichnung »Ausländer« geärgert hatte. »Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham und war der erbliche gerefa des Ortes, bevor ich die Tonsur des heiligen Petrus annahm.«

Der Gastwirt machte große Augen. Ein gerefa war ein Mann von Rang im Ort und hatte das Amt des Friedensrichters inne.

»Verzeih mir, Bruder. Ich wunderte mich schon, daß du unsere Sprache so gut sprichst, aber weil du in Begleitung einer irischen Nonne reist, dachte ich, du gehörtest auch dieser Nation an.«

Eadulf antwortete ausweichend. »Ich habe mich eine Weile im Ausland aufgehalten. Aber Deo adiuvante, mit Gottes Hilfe, werde ich zur Christmesse wieder in meinem Heimatort Seaxmund’s Ham sein.«

»Es sind noch vier Tage bis dahin, Bruder. Aber warum willst du nach Aldreds Abtei? Warum wartest du nicht ab, bis der Sturm vorüber ist, und gehst dann geradewegs nach Seaxmund’s Ham, das doch nur ein kleines Stück jenseits davon liegt?«

»Weil … weil ich meine Gründe dafür habe«, erwiderte Eadulf schroff.

Der Gastwirt verzog das Gesicht bei Eadulfs unruhiger Verschlossenheit. Er zuckte die Achseln und ging zum Feuer. Das Gasthaus war leer. Niemand sonst hatte es bis zu der verschneiten Kreuzung geschafft, an der es stand. Er nahm ein Scheit Holz vom Stapel, wiegte es kurz in der Hand und legte es aufs Feuer.

»Du wirst vieles verändert finden in diesem Land, Bruder«, meinte er und wandte sich wieder vom Kamin ab. »Du hast eigentlich schon Glück gehabt, daß du sicher bis hierher gekommen bist.«

»Ich hab schon mehr Schnee gesehen und bin durch Schneestürme gewandert, hinter denen sich der da« – Eadulf wies nach draußen – »verstecken kann. Was soll daran gefährlich sein?«

»Ich habe nicht in erster Linie das Wetter gemeint. Der Mensch ist oft grausamer als die Elemente, mein Freund. An vielen Orten sind die christlichen Gemeinschaften jetzt Überfällen ausgesetzt. Der neue Glaube wird heftig angefeindet.«

»Überfällen ausgesetzt? Von wem?« wollte Eadulf wissen. Widerwillig ließ er sich am Feuer nieder, während der Gastwirt einen Becher Apfelwein aus einem Holzfaß schöpfte.

»Von denen, die zur Verehrung Wotans zurückgekehrt sind, natürlich. Im Königreich der Ost-Sachsen tobt ein Bürgerkrieg zwischen König Sigehere und seinem eigenen Vetter, Prinz Sebbi. Sie kämpfen nicht nur um die Krone, sondern jeder für seinen Glauben. Du mußt doch durch das Land der Ost-Sachsen gekommen sein, um hierher zu gelangen? Hast du nichts von dem Konflikt bemerkt?«

Eadulf schüttelte den Kopf und nahm den Becher entgegen. Vorsichtig nippte er daran. Das Getränk war süß und stark.

»Ich wußte nicht, daß der Streit zu offenem Krieg geführt hat«, sagte er nach einem weiteren Schluck. »Sigehere und Sebbi wandelten beide fest auf dem Weg Christi, als ich dieses Königreich verließ, und es gab keine Feindschaft zwischen ihnen.«

»Wie du sagst, beide waren Christen. Aber als vor zwei Jahren die Gelbe Pest bei den Ost-Sachsen ausbrach, kam Sigehere zu der Überzeugung, das wäre die Strafe der alten Götter für die, die von ihnen abgefallen waren. Deshalb wandte er sich von dem neuen Glauben ab und stellte die heidnischen Tempel wieder her. Sein Vetter Sebbi blieb dem neuen Glauben treu. Beide haben Anhänger, die das Land verwüsten, die heiligen Stätten der jeweils anderen Religion zerstören und die Gottesdiener, die ihnen in die Hände fallen, umbringen, ob es nun die Christi oder die Wotans und der alten Götter sind.«

Eadulf war entsetzt. In Canterbury hatte er zwar von Unstimmigkeiten unter den Ost-Sachsen gehört, aber von Gewalttaten oder Krieg war nicht die Rede gewesen. Er erschauerte leicht bei dem Gedanken, daß er beinahe beschlossen hätte, von Kent durch das Königreich der Ost-Sachsen in sein Land des Südvolks zu reisen. Wie der Gastwirt annahm, wäre das die normale Reiseroute gewesen. Es war ein Zufall, daß er auf dem Wege von Canterbury nach Norden in dem kleinen Hafen Hwita’s Staple einen alten Bekannten getroffen hatte. Stuf war ein Schiffskapitän, der die Küsten der angelsächsischen Königreiche befuhr, und er überredete Eadulf, mit ihm den direkten Weg ins Land des Südvolks zu nehmen. Das hatte die Reise um mehrere Tage verkürzt. Stufs Schiff hatte Eadulf in der Stadt St. Felix’s Stowe abgesetzt, wo der heilige Missionar vor etwa zwanzig Jahren eine Abtei gegründet hatte. Dank dieser zufälligen Begegnung mit Stuf hatte Eadulf das unruhige Königreich der Ost-Sachsen umgangen.

»Dann hatten wir also Glück, Gastwirt, daß wir über See aus dem Königreich Kent hergereist sind«, überlegte er laut.

»Ach, dann seid ihr also nicht durch das Land Sigeheres und Sebbis gekommen?« Cynrics verblüfftes Gesicht erhellte sich etwas. »Diese Wahl der Route war ein Segen für euch. Aber selbst hier im Lande des Südvolks gibt es Reibereien zwischen den Christen und den Heiden. Der Konflikt hat die Grenze übersprungen, und Sigehere schürt die Spannungen in der Hoffnung, bei uns Verbündete zu finden. Im Moorland treiben sich Geächtete herum, und außerdem haben wir natürlich mit Kriegsdrohungen unseres westlichen Nachbarn Mercia zu tun. Von dort gibt es ständig Überfälle.«

»Wann war Mercia mal keine Bedrohung für das Königreich der Ost-Angeln?« fragte Eadulf mit grimmigem Spott. Sein ganzes Leben lang konnte er sich an den ständigen Krieg zwischen East Anglia und Mercia erinnern.

»Erst kürzlich hat unser König Ealdwulf die Forderung des Königs von Mercia, East Anglia solle ihm Tribut zahlen, zurückgewiesen. Da Ealdwulfs Mutter Hereswith aus dem Königshaus von Northumbria stammt, rechnen wir auf ein Bündnis, das der Drohung aus Mercia entgegenwirkt. Wir haben gute Aussichten, wenn es König Ealdwulf gelingt zu verhindern, daß der innere Zwist zwischen Heiden und Christen hierher übergreift. Das ist es, wovor ich dich warne, Eadulf von Seaxmund’s Ham: Geh nicht davon aus, daß jeder dich und deine Gefährtin in Freundschaft begrüßt und eure Kleidung respektiert. Es gibt viel Bitterkeit in unserem Land. Ein paar Thane haben sogar gedroht, sich Sigehere von den Ost-Sachsen anzuschließen, wenn König Ealdwulf sich nicht vom Christentum lossagt. Es gärt im Lande, Bruder. Du hast dir eine gefährliche Zeit für deine Heimkehr ausgesucht.«

Bruder Eadulf seufzte tief. »Das sieht so aus.«

Cynric legte noch ein Scheit aufs Feuer. In dem Augenblick öffnete sich eine Tür an der entgegengesetzten Seite des Raumes, und eine hochgewachsene, rothaarige Nonne trat ein. Sie schenkte Eadulf ein rasches Lächeln.

»Meine Kleider sind jetzt trocken, und mir ist nicht mehr so kalt wie bei unserer Ankunft.« Sie sprach Irisch, wie es zwischen ihnen üblich war. »Ich hätte gern etwas Glühwein, um mich von innen zu erwärmen.«

Eadulf erwiderte erfreut ihr Lächeln und deutete auf einen Stuhl neben sich am Feuer.

»Ich glaube nicht, daß ein angelsächsisches Gasthaus Traubenwein zu bieten hat, aber es gibt guten Apfelwein oder Met, wenn dir der lieber ist.«

»Eher Apfelwein als Met, wenn es keinen Wein gibt«, antwortete sie.

Der Gastwirt hatte dem Gespräch geduldig, aber verständnislos zugehört.

»Ich glaube kaum, daß du Wein hast, Gastwirt?« fragte Eadulf.

»Du würdest dich irren, wenn du das glaubst, Bruder. Wo sollte ich denn Wein herhaben, und wenn ich welchen hätte, wer sollte ihn mir abkaufen? Die Weinladungen, die in Felix’s Stowe anlangen, gehen meistenteils an die Abtei oder an die anderen Klöster entlang der Küste. In Aldreds Abtei findest du Wein, aber hier nicht.«

»Dann bring meiner Gefährtin deinen besten Apfelwein.«

Der Gastwirt schaute die Nonne an und fragte Eadulf: »Deine Gefährtin spricht also kein Angelsächsisch?« Er war überrascht, als sich die Nonne umdrehte und ihn etwas stockend ansprach.

»Genug, um dem Gespräch ungefähr zu folgen, Gastwirt. Aber meine Kenntnis reicht nicht aus, um alle Nuancen deiner Sprache zu verstehen.«

Der Wirt wiegte nachdenklich den Kopf. »Ich habe gehört, die Iren kennen sich in allen Sprachen der Welt aus.«

»Das ist sehr schmeichelhaft für mein Volk. Unsere Missionare bemühen sich, mehrere Sprachen zu beherrschen, damit sie ihre Aufgabe erfüllen können: Latein, Griechisch, ein wenig Hebräisch und die Sprachen unserer Nachbarn. Aber unsere Fähigkeit, Sprachen zu sprechen, ist weder größer noch geringer als die anderer unter den gleichen Bedingungen und bei gleichen Gelegenheiten.«

Eadulf nickte anerkennend und ging über ein oder zwei leichte Verstöße gegen die Grammatik hinweg.

Der Gastwirt füllte einen weiteren Becher und reichte ihn Fidelma. Während sie genußvoll daran nippte, bestellte Eadulf eine Fleischpastete zum Abendbrot, die ihm Cynric als Spezialität des Hauses empfohlen hatte.

»Der Wirt meint, heute abend erreichen wir Aldreds Abtei nicht mehr«, begann Eadulf, als Cynric gegangen war, um das Essen zuzubereiten.

»Das glaube ich auch«, erwiderte Fidelma ernst nach einem Blick auf das kleine, vom Schnee zugewehte Fenster. »Ich habe noch nie so gefroren und noch keinen Schnee gesehen, der so wie kleine Eisstücke wirkte.«

»Aber Bruder Botulf hat sich klar ausgedrückt. Ich soll heute vor Mitternacht in der Abtei sein. Das hat er in der Botschaft, die er mir nach Canterbury schickte, deutlich unterstrichen.«

»Er muß das Wetter berücksichtigen«, erklärte Fidelma achselzuckend. »Dieser Sturm nimmt dir die Sache völlig aus der Hand.«

»Trotzdem, warum hat er Datum und Uhrzeit so betont?«

»Du sagst, dieser … Botulf? Ich kann eure angelsächsischen Namen immer noch schwer aussprechen. Du sagst, dieser Botulf ist dein guter Freund?«

Eadulf nickte rasch. »Wir sind zusammen aufgewachsen. Er muß wirklich in Not sein, sonst hätte er mir nicht solch eine Botschaft geschickt.«

»Aber darin hat er nichts erklärt. Er muß sehr auf deine Freundschaft bauen, wenn er erwartet, daß du Canterbury sofort verläßt und hierher stürmst.«

»Er konnte sich denken, daß ich, wenn ich schon in Canterbury bin, danach in meine Heimat nach Seaxmund’s Ham reisen würde. Er konnte davon ausgehen, daß mein Weg an seiner Tür vorbeiführt«, verteidigte sich Eadulf. »Mein Heimatort liegt nur sechs Meilen jenseits der Abtei.«

»Ein merkwürdiger Freund, mehr kann ich dazu nicht sagen.« Fidelma seufzte. »Ist er der Abt dieser Abtei?«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Er ist der Verwalter. In Canterbury sagte man mir, jemand namens Cild sei der Abt, aber von dem habe ich noch nie etwas gehört.«

Cynric kam wieder herein und stellte eine heiße Fleischpastete auf einen nahen Tisch.

»Wenn ihr euch an den Tisch setzen wollt, bringe ich euch noch mehr Apfelwein, mit dem ihr das Essen hinunterspülen könnt.«

Die Pastete sah gut aus und roch gut, und bald war das Heulen des Sturmes da draußen vergessen, während sie das Mahl genossen. Eadulf erläuterte einiges von dem, was ihm Cynric über die Auseinandersetzungen zwischen Christen und Heiden berichtet hatte. Schwester Fidelma sah ihren Gefährten mitleidig an.

»Es muß schwer sein für dich, so etwas zu hören. Aber es wird doch sicher aufgewogen durch die Freude, deine Heimat wiederzusehen.«

»Es ist lange her, seit ich zuletzt in Seaxmund’s Ham war. Ich freue mich wirklich darauf, es wiederzusehen.« Er schaute sie besorgt an. »Es tut mir leid, wenn ich eigensüchtig scheine, Fidelma.«

Ihre Augen weiteten sich für einen Moment. Sie meinte, sie verhielte sich eigensüchtig. Sie merkte plötzlich, wie sehr sie ihr Heim in Cashel vermißte. Das Land des Südvolks war düster, kalt und unwirtlich. Als sie sich bereit erklärte, Eadulf nach Canterbury zu begleiten, und ihr Heimatland verließ, war sie nicht auf den Gedanken gekommen, daß er noch weiter in sein Geburtsland reisen wollte. Aber das, so wurde ihr nun klar, war eine törichte und egozentrische Annahme ihrerseits gewesen. Es war nur natürlich, daß Eadulf nach seinem Aufenthalt in Rom und fast einem Jahr im Königreich ihres Bruders in Muman nun einige Zeit in seiner Heimat verbringen wollte.

Sie bemühte sich, die Befürchtungen, die sie überfielen, zu verscheuchen. Sie hoffte, er würde nicht allzu lange Zeit in diesem Ort … Seaxmund’s Ham … bleiben. Dann fühlte sie sich schuldig wegen dieses selbstsüchtigen Gedankens. Warum erwartete sie, daß er in ihr Land zurückkehren wollte? Doch ihr fehlte ihre Heimat. Sie war genug gereist. Sie wollte zur Ruhe kommen.

Sie merkte, daß Eadulf sie über den Tisch hinweg anlächelte.

»Tut es dir nicht leid?« fragte er.

Sie spürte, wie sich ihre Wangen röteten.

»Was soll mir leid tun?« fragte sie zurück, obgleich sie genau wußte, was er meinte.

»Daß du mitgekommen bist in mein Land?«

»Es tut mir nicht leid, daß ich mit dir zusammen bin«, formulierte Fidelma ihre Antwort vorsichtig.

Eadulf betrachtete sie forschend. Er lächelte, doch sie sah, wie ein Schatten über seine Augen huschte. Bevor er noch etwas sagen konnte, faßte sie rasch seine Hand.

»Wir wollen für den Augenblick leben, Eadulf.« Ihr Ton war ernst. »Wir haben uns geeinigt, daß wir den alten Brauch meines Volkes befolgen und ein Jahr und einen Tag zusammenbleiben wollen. Ich habe zugestimmt, so lange deine ben charrthach zu sein. Damit mußt du dich zufriedengeben. Alles, was länger gelten soll, erfordert viel juristische Überlegung.«

Eadulf wußte, daß das Volk der fünf Königreiche von Éireann ein sehr kompliziertes Rechtssystem besaß, das mehrere Definitionen einer richtigen Ehe enthielt. Fidelma hatte ihm auseinandergesetzt, daß es nach irischem Recht neun unterschiedliche Typen von Verbindung gab. Der Ausdruck, den sie gebraucht hatte, ben charrthach, hieß wörtlich »Geliebte«. Eine ben charrthach war noch nicht eine gesetzlich gebundene Ehefrau, aber eine Frau, deren Stand und Rechte durch das Gesetz des Cáin Lánamnus anerkannt waren. Es handelte sich um eine Ehe auf Probe, die ein Jahr und einen Tag dauerte. Glückte sie nicht, konnten beide Teile wieder getrennte Wege gehen, ohne sich eine Strafe oder einen Tadel zuzuziehen.

Fidelma hatte sich nicht dafür entschieden, weil sie Mönch und Nonne waren. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, daß dies ein Hindernis für eine Heirat sein könnte. Kein Mönch und keine Nonne, ob sie nun der Lebensweise Colmcilles oder den Regeln Roms oder irgendeiner anderen christlichen Kirche folgten, sahen das Zölibat als eine notwendige Bedingung für einen religiösen Beruf an. Es gab allerdings eine wachsende Minderheit, die die Ehen von Geistlichen verurteilte und das Zölibat als den wahren Weg derer pries, die sich dem neuen Glauben widmeten. Mehr Sorge bereitete es Fidelma, daß eine Heirat mit Eadulf als eine unstandesgemäße Ehe gelten könnte – falls ihr Bruder, König Colgú von Muman, überhaupt seine Zustimmung dazu gab. Eine solche Ehe besaß zwar rechtliche Gültigkeit, bedeutete aber, daß Eadulf, als ein Ausländer ohne Grundbesitz in Muman und ohne den fürstlichen Rang Fidelmas, nicht die gleichen Besitzrechte genießen würde wie seine Ehefrau. Da sie Eadulfs Charakter kannte, meinte Fidelma, daß es nicht unbedingt eine Aussicht auf eine glückliche Ehe böte, wenn Eadulf sich nicht rechtlich mit ihr gleichgestellt fühlen würde.

Es gab natürlich auch andere Formen der Ehe. Nach dem Gesetz konnte ein Mann mit einer Frau in ihrem Hause zusammen wohnen, wenn ihre Familie das erlaubte, oder sie konnte offen mit ihm davongehen ohne die Zustimmung ihrer Familie und doch einige Rechte behalten. Fidelmas Problem bestand darin, daß sie inzwischen zwar ernsthaft über eine Heirat mit Eadulf nachdachte, aber nicht wußte, welchen Weg sie einschlagen sollte. Außerdem war sie davon ausgegangen, daß ihre gemeinsame Zukunft in Cashel liegen würde. Die letzten Wochen mit Eadulf in den angelsächsischen Königreichen hatten Zweifel bei ihr geweckt.

Eadulf unterbrach ihre Gedankengänge.

»Habe ich denn gesagt, ich wäre nicht zufrieden, Fidelma?« Eadulf lächelte etwas gezwungen, als er ihre wechselnde Miene bemerkte.

Plötzlich flog die Tür krachend auf, und einen Moment schien es, als zeichne sich eine seltsame Gestalt aus der Unterwelt gegen den wirbelnden Schnee ab, der nun hereintrieb. Ein eisiger Hauch drohte die Laternen auszublasen, die den Hauptraum des Gasthauses erhellten. Die Gestalt, die wie ein riesiger zottiger Bär aussah, drehte sich um und mußte sich gegen die Tür stemmen, um sie gegen den Druck des böigen Windes zuzuschieben. Dann wandte sie sich wieder um und schüttelte sich, so daß Wolken von Schnee aus den dicken Pelzen stiebten, die ihren Körper von Kopf bis Fuß einhüllten. Darauf wühlte sich ein Arm aus den Pelzen heraus und wickelte einen Teil der Kopfbedeckung ab. Darunter kam ein bärtiges Gesicht zum Vorschein.

»Met, Cynric! Met, um der Liebe der Mutter Balders willen!«

Der Mann stapfte weiter in den Gastraum hinein und verstreute noch mehr Schnee aus seinen Pelzen. Seine äußerste Hülle ließ er einfach auf den Boden fallen. Ein Lederwams bedeckte seinen stämmigen Körper, und um seine riesigen Waden hatte er Sackleinen gewickelt und mit Lederriemen festgebunden.

»Mul!« rief der Wirt erstaunt aus, als er den Neuankömmling erkannte. »Was machst du denn jetzt draußen bei diesem scheußlichen Wetter?«

Der Mann, den er Mul nannte, war von mittlerem Alter, breitschultrig, mit flachsblondem Haar und wettergegerbter Haut. Sein Körperbau war der eines Bauern oder Schmieds. Seine muskulösen Schultern und Arme schienen das Wams fast zu sprengen. Er hatte ein grobes, rötliches Gesicht mit einem buschigen Bart. Es sah aus, als wäre es zerschlagen worden und nicht richtig geheilt. Seine Lippen waren ständig geöffnet und ließen Lücken in den gelben Zähnen erkennen. Die durchdringenden hellen Augen standen dicht an seiner Hakennase, was ihm einen Ausdruck ewiger Mißbilligung verlieh.

»Ich bin auf dem Heimweg«, knurrte er. »Wo sollte denn ein Mensch in dieser Nacht sonst sein?« Plötzlich erblickte er Fidelma und Eadulf an der anderen Seite des Raumes und neigte den Kopf zum Gruß.

»Möge Wotans Speer eure Feinde durchbohren!« dröhnte er nach der alten Formel.

»Deus vobiscum«, antwortete Eadulf feierlich mit leichtem Vorwurf in der Stimme.

Der Mann, den der Wirt mit Mul angeredet hatte, riß Cynric einen Becher Met aus der Hand, ließ sich auf einen Stuhl nahe am Feuer fallen und trank ihn mit einem mächtigen Schluck halb leer. Dann rülpste er laut und zufrieden.

Fidelma sah etwas entsetzt aus, sagte aber nichts.

»Gott schaue auf uns herab«, murmelte Eadulf, dessen Miene seine Meinung über diesen Mangel an Manieren verriet.

»Christen, was?« brummte der Neuankömmling und betrachtete sie neugierig. »Na, ich bin ein alter Hund und lerne keine neuen Kunststücke mehr. Die Götter, die meinen Vater schützten, sind auch gut genug für mich. Mögen alle und jede Götter die Reisenden in dieser Nacht schützen.«

Der Wirt setzte ihm einen neuen Becher Met vor.

»Soll ich dir ein Bett zurechtmachen, Mul?«

Der Riese schüttelte heftig den Kopf. Er ähnelte dabei einem großen zottigen Hund. Haar und Bart schienen sich zu einer wirren Mähne zu vereinen.

»Bei Thunors Hammer, nein!«

»Aber dein Hof ist doch mindestens sechs Meilen von hier!« rief der Wirt. »Das schaffst du nie bei diesem Sturm.«

»Das schaff ich«, antwortete der stämmige Bauer mit grimmiger Zuversicht. »Von dem bißchen Schnee laß ich mich nicht an der Heimfahrt hindern. Außerdem ist heute die Mutternacht, und ich will Frig und den Asinnen zur richtigen Stunde einen Becher Met darbringen. Ich bin noch vor Mitternacht auf meinem Hof, Freund Cynric. Schließlich muß ich ja auch meine Tiere versorgen. Wenn ich’s nicht mache, gehen sie leer aus. Ich war den ganzen Tag unterwegs, um Käse auf dem Markt in Butta’s Leah zu verkaufen.«

Eadulf bemerkte Fidelmas verständnisloses Gesicht und erklärte ihr flüsternd: »Heute ist Wintersonnenwende, der Beginn des alten heidnischen Julfests, das zwölf Tage dauert. Mit dem Fest feiern wir die Göttin Frig und die Asinnen, die Urmütter unserer Rasse. Der Höhepunkt des Fests ist Wotan geweiht.«

Fidelma sah noch ebenso verblüfft aus wie zuvor.

»Es ist die Zeit der Dunkelheit, und wir müssen den Göttern und Göttinnen Geschenke darbringen, um die Wiedergeburt der Sonne zu bewirken.«

Fidelmas mißbilligende Miene entging ihm, denn inzwischen betrachtete er den Neuankömmling mit einigem Interesse.

»Darf ich fragen, Freund, in welcher Richtung dein Hof liegt? Ich hörte, wie der Wirt dich Mul nannte. Es gab einen Mul, der den Hof Frig’s Tun bewirtschaftete, bevor ich auf Reisen ging. Bist du das?«

Der stämmige Bauer sah Eadulf scharf an und runzelte die Stirn.

»Wer bist du denn, Christ?« wollte er wissen.

»Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham, wo ich gerefa war, bevor ich Mönch wurde.«

»Eadulf? Eadulf von Seaxmund’s Ham? Deine Familie kenne ich. Ich habe auch gehört, daß einer von ihnen sich zum neuen Glauben bekehrt hat. Du hast recht. Ich bin Mul von Frig’s Tun, und wie ich Cynric schon sagte, habe ich vor, heute nacht in meinem eigenen Bett zu schlafen.«

»Aber die Straßen sind doch unpassierbar«, warf der Wirt Cynric ein.

Der Bauer lachte rauh. »Unpassierbar für Leute, die keinen Mut besitzen. Noch einen Becher Met, Cynric, dann mache ich mich auf den Weg.«

Fidelma klopfte Eadulf auf den Arm.

»Virtutis fortuna comes«, flüsterte sie auf lateinisch. Das Glück war wirklich der Begleiter des Mutes, aber was sie meinte, und so verstand es Eadulf auch, war, daß man die Gelegenheit beim Schopfe packen mußte.

Eadulf bemühte sich, die Frage so zu stellen, daß Mul sie günstig aufnahm.

»Dein Weg führt dich doch in die Richtung von Aldreds Abtei, nicht wahr?«

Mul verhielt mit dem Becher an den Lippen und sah Eadulf forschend an.

»Und wenn?« konterte er.

»Meine Gefährtin und ich, wir möchten die Abtei unbedingt noch heute abend erreichen. Falls du Platz hast auf deinem Wagen, würde ich dich gut dafür bezahlen, wenn du am Tor der Abtei vorbeifährst.«

Cynric, der Wirt, fand das gar nicht gut.

»Ich rate euch davon ab, weiterzufahren. Es ist zu gefährlich. So einen Schneesturm haben wir die letzten zehn Jahre nicht erlebt. Dieser bitterkalte Wind treibt den trockenen Schnee, türmt ihn hinter Mauern und Hecken und Gräben auf und füllt die Senken damit. Ihr könnt leicht den Weg verfehlen und in einen See oder überfrorenen Fluß stürzen und euch dabei ein Bein brechen oder euch noch schlimmer verletzen. Und dann ist da noch das Moor.«

Mul leerte seinen Becher und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Nachdenklich kraulte er einen Moment seinen dichten, groben Bart. Schließlich seufzte er und wandte sich an den Wirt.

»Du bist ein altes Weib, Cynric. Ich kenne die Wege wie die Linien auf meiner Handfläche.« Er schaute Eadulf an. »Mein Weg führt dicht am Tor der Abtei vorbei. Mögen die Götter diesen Sitz des Übels verfluchen. Wenn du bezahlen kannst, nehme ich euch mit. Aber ich habe nur einen unbequemen Bauernwagen mit einem Gespann Maultiere davor.«

Eadulf wechselte einen raschen Blick mit Fidelma.

»Ich höre es nicht gern, daß du ein Haus des christlichen Glaubens einen Ort des Übels nennst, Freund, und daß du falsche Götter anrufst, um es zu verfluchen.«

Mul grinste säuerlich. Das machte ihn noch häßlicher als sonst.

»Es ist klar, daß du Aldreds Abtei nicht kennst und nicht weißt, was heutzutage daraus geworden ist. Aber deine Meinung geht mich nichts an.«

Eadulf zögerte und fragte dann: »An was für einen Fuhrlohn hast du gedacht?«

»Wenn ihr euch entschließt, bei mir mitzufahren, werdet ihr mir wohl einen Penny für meine Mühe gönnen.«

Eadulf schaute Fidelma an, die rasch nickte.

»Einverstanden, mein heidnischer Freund«, erklärte Eadulf befriedigt.

Der Bauer stand auf und griff sich seinen Pelzumhang.

»Wann könnt ihr fertig sein?« wollte er wissen.

»Wir sind fertig.«

»Dann kümmere ich mich um mein Gefährt. Kommt zu mir nach draußen, wenn ihr soweit seid.«

Sie zogen sich schon ihre Wollmäntel an, als der Bauer durch die Tür verschwand.

Cynric sah ihnen besorgt zu. »Überlegt euch das bitte noch mal. Der Weg ist gefährlich. Nur ein Blödmann wie Mul wagt so eine Fahrt. Hier in der Gegend nennen ihn alle den verrückten Mul. Es ist viel sicherer, wenn ihr wartet, ob sich der Sturm morgen legt.«

»Und wenn er es nicht tut?« Eadulf lächelte und drückte dem Gastwirt ein paar Münzen für die Mahlzeit in die Hand. »Den Versuch wollen wir wenigstens heute abend noch machen.«

»Es ist schließlich euer Leben, das ihr riskiert«, meinte der Wirt achselzuckend und gab sich geschlagen.

Draußen saß Mul bereits auf seinem Wagen, vor dem zwei geduldige Maultiere an der Deichsel standen und den Kopf leicht gegen den eisigen, heulenden Wind gesenkt hielten. Die Winternacht war hereingebrochen, doch der Bauer hatte an jede Seite seines Wagens eine Sturmlaterne gehängt, und im Widerschein ihres Lichts auf dem Schnee konnte man etwas sehen. Die Windstöße häuften große Schneewehen auf. Eadulf half Fidelma auf den Wagen, warf ihre Reisetaschen hinterher und kletterte dann selbst hinauf.

»Setzt euch dort hin«, schrie ihnen Mul durch das Jaulen des Windes zu und deutete auf den geschützten Platz hinter dem Kutschbock. »Eure Wollmäntel schützen euch kaum vor der Kälte. Da liegen ein paar Pelze. Wickelt euch ein, dann ist es nicht so schlimm.«

Cynric war vor die Tür getreten. Er hob zum Abschied die Hand.

»Ihr seid alle verrückt«, rief er ihnen nach, und das Sausen des Schneesturms verzerrte seine Worte. »Aber wenn ihr unbedingt reisen wollt, so sei Gott mit euch auf allen euren Wegen.«

»Gott sei mit dir, Wirt«, antwortete Eadulf ernst, bevor er neben Fidelma unter die Pelze schlüpfte. Dann hörten sie Mul mit den Leinen klatschen und rufen, und mit einem Ruck setzte sich der Wagen in Bewegung.

KAPITEL 2

Sobald sie vom Hof des Gasthauses herunter und an den ihn umgebenden Bäumen vorbei waren, fuhr der Wind auf sie los und bewarf sie mit Schnee wie mit Eiskügelchen, die hart und trocken waren und Schmerz verursachten, wenn sie das Gesicht trafen. Es war ein bitterkalter Wind, der ihnen entgegenheulte und manchmal wie angstvoll aufkreischte. Eadulf war froh, daß die Pelze auf dem Wagen sie vor der vollen Wucht des eisigen Sturms schützten.

Mit gesenkten Köpfen stapften die wackeren kleinen Maultiere vorwärts und zogen den Wagen durch eine flache Schneewehe. Die großen Holzräder knirschten auf dem gefrorenen Boden, und der Wagen schwankte hin und her, während Mul sich bemühte, ihn in der Spur zu halten, die unter der Schneedecke verborgen lag. Einen Moment schien es, als wolle der Wind nachlassen, aber schon pfiff er aus einer anderen Richtung noch stärker als zuvor, so daß der Wagen ins Schwanken geriet, als wäre er ein lebendiges Wesen. Dann wieder schlitterten die Räder über ein Stück glattes Eis.

Sie hörten Mul fluchen, aber irgendwie brachte er den Wagen zum Halten. Er sprang ab, und als Eadulf über die Seitenwand spähte, sah er, wie Mul das Gespann durch eine tiefe Schneewehe führte. Der Bauer blieb neben den Köpfen der Tiere, bis sie in den Schutz eines Waldstücks gelangten, in dem der Weg nur dünn mit Schnee bedeckt war. Der Wind fegte durch die Bäume und hörte sich an wie ein seltsamer, flüsternder Chor seufzender Stimmen.

Mul kletterte wieder auf den Wagen.

»Wie geht’s euch da hinten?«

Seine Stimme wurde vom Fauchen des Windes fast verschluckt, doch Eadulf verstand ihn.

»Gut«, rief er zurück. »Meinst du, daß es Zweck hat, weiterzufahren?« Eadulf war unsicher geworden, während sie sich durch offenes Land bewegten. Der Wald bot wenigstens etwas Schutz vor den Unbilden des Wetters. Aber er wußte, daß das nicht lange anhalten würde.

»Bei Thunors Hammer! Natürlich hat es Zweck. Ich fahre doch, nicht?« Mul lachte schallend über seinen eigenen Humor.

Eadulf gab keine Antwort und wandte sich Fidelma zu. Vor Schnee und Dunkelheit konnte er ihr Gesicht nicht sehen.

»Wie geht es dir?«

»Ich hab schon Schlimmeres erlebt«, meinte sie gelassen.

Sie wollte noch etwas sagen, als der Wagen plötzlich holperte und stehenblieb. Die schweren Räder rutschten und drehten sich auf den vereisten Spuren, ohne zu fassen. Die Tiere mühten sich vergeblich ab, den Wagen fortzubringen.

»Ich muß absteigen und Reisig suchen, das ich unter die Räder legen kann«, rief Mul.

Das wollte er gerade tun, als in der Nähe das düstere Geheul eines Wolfs ertönte. Eadulf spürte, wie Fidelma neben ihm erstarrte. In ihrem Land waren Wölfe zahlreich und gefährlich, und er wußte, daß sie allen Grund hatte, sich vor ihnen zu fürchten. Er selbst übrigens auch. Er beugte sich über den Wagenrand und starrte in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Ein paar grauweiße Schatten huschten durch die Bäume.

Mul fiel die Besorgnis seiner Fahrgäste auf.

»Habt keine Angst. Es ist nur ein vereinzeltes Paar mit seinen Jungen, das sich hier herumtreibt. Rudel gibt es in dieser Gegend nicht, soviel ich weiß. Die Wölfe sind am Aussterben in diesem Land. Sie tun uns nichts.«

Fidelma und Eadulf hatten schon schlechte Erfahrungen mit Wölfen gemacht und waren sich nicht so sicher. Selbst bei dem Schneetreiben konnten sie den Rüden erkennen – ein großes Tier von einem vollen Meter Schulterhöhe. Es stand auf einem Felsen zwischen den Bäumen und starrte sie aus glühenden scharfen Augen an. Fidelma erschauerte, als sie den kraftvollen Bau und das schwere schiefergraue Fell erkannte.

Etwas tiefer als diese majestätische Gestalt erspähten sie die Fähe, die unruhig ihre beiden langbeinigen, fauchenden Welpen bewachte und sie mit gelegentlichem Schnappen ihrer langen weißen Zähne ermahnte.

Der Wolfsrüde warf den Kopf zurück, und ein langes, düsteres, hungriges Geheul schallte durch den Wald. Dann wandten sich die Tiere ab und verschwanden im Dunkel der Bäume. Anfangs hörten sie noch ihre Rufe, schließlich verklangen auch die.

Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, daß Mul inzwischen bereits abgestiegen war, während sie nur auf die Wölfe achteten, und Zweige unter die Räder schob, damit sie fassen sollten. Gleich darauf saß er wieder auf dem Kutschbock, und der Wagen rumpelte weiter vorwärts, brach aber seitlich aus und geriet in eine Wehe, aus der der Schnee in den Wagen stürzte und sie fast begrub. Die kalten Flokken fanden ihren Weg in ihre Pelze und in Nase, Mund und Augen. Schnaubend und spuckend machten sie sich frei.

Der Wind ließ ein wenig nach. Mul wandte sich um und rief zu ihnen hinunter: »Hier gibt es zu viele Schneewehen. Ich versuch’s mit dem Weg durchs Moor. Da ist der Wind schärfer, aber er findet keine Senken, die er zuweht und in denen wir steckenbleiben.«

Eadulf hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte.

»Geht’s dir gut, Fidelma?« fragte er erneut und beugte sich zu ihr.

Fidelma verzog zweifelnd das Gesicht. »Wenn du dauernd danach fragst, nehme ich an, daß du dir Sorgen machst. Weißt du, wie weit es noch bis zur Abtei ist?«

»Nicht sehr weit. Der Weg durchs Moor führt über flaches Land zum Fluß, und die Abtei liegt gerade gegenüber.«

»Müssen wir bei diesem Wetter auf einer Furt durch den Fluß?«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Soweit ich mich erinnere, gibt es eine Brücke, Gott sei’s gedankt.«

»Na, wenigstens das ist tröstlich.«

Die hin und her pendelnden Laternen beleuchteten die nebeldichten Schneeschauer, die diagonal bald aus dieser, bald aus jener Richtung heranfegten, wie der Wind sich in wilden Stößen drehte. Wäre es nicht so kalt gewesen, hätte es etwas Schutz vor den tobenden Elementen gegeben, dann wäre es ein schöner Anblick gewesen. Der Schneesturm schien eher noch anzuschwellen, und die wirbelnden Eiskügelchen blendeten sie fast.

Plötzlich spürten sie, wie der Wagen wieder wegrutschte und hielt.

Eadulf sah, daß der Bauer sich erhob, und hörte ihn fluchen und alle Götter seiner Väter anrufen. Er beschloß, die heidnischen Verwünschungen zu überhören.

»Was ist?« fragte er.

»Diesmal muß ich ihn frei schaufeln«, antwortete Mul grimmig.

»Ich helfe dir«, erbot sich Eadulf. Er wandte sich zu Fidelma um und fügte unnötigerweise hinzu: »Bleib, wo du bist, und versuch dich warm zu halten.«

»Ich glaube nicht, daß ich jemals wieder warm werde«, erwiderte Fidelma trostlos.

Der Wagen war seitwärts in eine große Schneewehe gerutscht und hatte sich mit den Hinterrädern bis über die Achse eingegraben. Mul hatte sich einen Spaten gegriffen, der an der Seite des Wagens angebunden war, und schaufelte bereits wütend drauflos. Große Schneebatzen flogen von seinem Spaten. Er hielt inne, richtete sich auf und wies auf eine Hecke auf der anderen Seite des Weges. Der Wind hatte sie vom Schnee befreit und ihn auf der Seite aufgehäuft, wo der Wagen darin versunken war.

»Such nach trockenem Holz, das wir unter die Räder schieben können.«

Eadulf beantwortete die Anweisung mit einer zustimmenden Handbewegung und machte sich an die Arbeit.

Es dauerte einige Zeit, bis die geduldigen Tiere, unterstützt durch Muls und Eadulfs Schieben und Schreien, den schweren Wagen herausgezogen hatten. Eadulf kehrte mit durchnäßter Kleidung an seinen Platz auf dem Wagen zurück, denn er hatte bis zum Gürtel in der Schneewehe gestanden, und die Kälte schnitt ihn wie mit Messern.

Sie hatten den Kamm eines Hügels erreicht, und der Wind wurde fast unerträglich. Die Eiskügelchen prasselten wie Kiesel auf die hölzernen Planken. Eadulf reckte sich und starrte an Mul vorbei auf den Weg vor ihnen. Mul merkte es und deutete mit der Hand nach vorn.

»Noch um die Bäume herum, dann biegen wir auf den Moorweg ein«, meinte er tröstend. »Von dort aus könntest du ohne den Schneesturm schon den Fluß Alde von weitem sehen. Der Moorweg führt zur Brücke, und die Abtei liegt gleich dahinter.«

»Also höchstens noch eine Meile«, stellte Eadulf zufrieden fest. »Wir sind bereits ganz nahe, und es ist noch lange vor Mitternacht.«

»Mitternacht? Bis dahin will ich längst auf meinem Hof sein und schlafen«, erklärte der Bauer.

Eadulf spähte mit zusammengekniffenen Augen durch den treibenden Schnee. Als der Wagen um die Bäume bog, sah er nur noch eine weite Weiße der Landschaft, keinen Schatten von Hügel oder Wald, nichts als das ebene Moor. Weißer pulveriger Schnee erstreckte sich weithin, ohne Biegungen, in denen sich Wehen sammeln konnten.

»Unwirtlich ist kaum der richtige Ausdruck für dieses Wetter, mein Freund«, bemerkte Eadulf und erschauerte leicht. »Du wirst doch sicher lieber über Nacht in der Abtei bleiben, Mul, als nach Frig’s Tun weiterfahren?«

»Bei Thunors Hammer! Ich würde weder diese Nacht noch überhaupt eine Nacht in Aldreds Abtei bleiben – und wenn du mir drei Pennies zahlen würdest statt des einen, den du mir versprochen hast«, widersprach der Bauer energisch. »Ich bete, daß sie untergeht!«

Überrascht von seinem heftigen Ton, starrte Eadulf ihn durch das Schneetreiben an.

»Wovor fürchtest du dich in der Abtei?« wollte er wissen.

»Jeder weiß, daß der Teufel dort eingezogen ist.«

»Der Teufel?« Eadulfs Augen weiteten sich leicht. »Das ist eine kühne Behauptung, und eine schlimme dazu, wenn du von einer christlichen Gemeinschaft sprichst.«

Mul zuckte gleichgültig die Achseln.

»Warst du lange aus diesem Land fort?« fragte er, und Eadulf glaubte einen Moment, er wolle das Thema wechseln.

»Mehrere Jahre«, bestätigte er nach kurzem Zögern.

»Na, dann sage ich dir, Eadulf von Seaxmund’s Ham, daß sich viele Dinge hier in dieser Gegend geändert haben. Manchmal ist es nicht einmal klug, zuzugeben, daß man dem neuen Glauben angehört.«

Eadulf wurde ungeduldig. Ihm mißfielen Leute, die nicht genau erklärten, was sie meinten, und das sagte er auch.

»Ich habe von dem Konflikt im Königreich der Ost-Sachsen gehört. Aber ich verstehe nicht, was das mit Aldreds Abtei und dem Übel dort zu tun hat. Sag klar und deutlich, was du meinst, Mul.«

»Ich kann nicht mehr sagen als das: Der Teufel hat seinen Schatten über Aldreds Abtei geworfen. Und jetzt laß mich weiterfahren, ehe wir alle erfrieren. Aber nimm dich in acht, Bruder, nimm dich und deine Gefährtin in acht. Es lastet ein brütendes Übel auf der Abtei. Ich habe gehört, daß …«

Er brach mitten im Satz ab, zuckte noch einmal die Achseln und knallte mit der Peitsche. Der Wagen zog mit einem Ruck an, der Eadulf auf seinen Sitz zurückwarf.

»Hast du das gehört und verstanden?« fragte Eadulf in der Sprache von Éireann und lehnte sich an Fidelma.

Fidelma blickte ihn in dem Dämmerlicht an.

»Ich habe nicht alle Nuancen erfaßt, aber den Sinn verstanden«, gab sie zu. »Bauer Mul fürchtet sich vor der Abtei. Soviel ist mir klar. Tut er das, weil er Heide ist und Angst hat vor der neuen Religion?«

»Vielleicht«, meinte Eadulf. »Es könnte an einem heidnischen Bauernaberglauben liegen. Wer weiß?«

»Ich nehme an, euer sächsisches Wort diofol ist dasselbe wie unser Wort díabul

»Ja. Luzifer, Satan … der Teufel.« Eadulf nickte.

Fidelma überlegte einen Moment.

»Seltsam, daß ein Heide so etwas von einem christlichen Haus sagt. Übrigens, dieser Freund von dir … Der dir die Botschaft nach Canterbury schickte …?«

»Bruder Botulf?«

»Ja, der. Bruder Botulf. Hat er dir wirklich mit keinem Wort erklärt, weshalb er dich so dringend sehen möchte?«

Eadulf schien schmerzlich berührt. »Ich habe dir nichts verheimlicht. Du weißt ebensoviel wie ich. Er hat mir nur ausrichten lassen, ich solle unbedingt heute vor Mitternacht in der Abtei sein.«

Fidelma atmete tief und verärgert aus. »Aber warum heute um Mitternacht? Hat dieser Tag eine besondere Bedeutung für euch?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Neigt er dazu, Dinge unnötig zu dramatisieren?«

»Überhaupt nicht. Er ist ein humorvoller und fröhlicher Mensch. Der heilige Fursa bekehrte ihn, als er nach Gallien ging. Bruder Botulf war einer der ersten, die Aldred halfen, die Abtei zu gründen. Aldred starb vor einigen Jahren, und Botulf ist jetzt der Verwalter der Abtei. Es stimmt zwar, daß ich ihn Jahre nicht gesehen habe, aber die Menschen ändern ihren Charakter nicht. Er stellt keine unnützen Forderungen. Wenn er will, daß ich heute vor Mitternacht in der Abtei sein soll, dann hat er einen guten Grund dafür.«

Eine Weile schwiegen sie, schließlich sprach Fidelma.

»Nun, wie ich schon oft gesagt habe, Eadulf, es hat keinen Zweck, ohne genaue Kenntnis der Dinge Vermutungen anzustellen. Wir müssen warten, bis wir diese Kenntnis haben.«

Wenn sie gedacht hatten, daß die Fahrt auf dem Moorweg leichter wäre, so wurde ihnen diese Illusion bald genommen. Der Wagen kam zwar voran, aber er schleuderte dabei hin und her. Unter der Schneeschicht lag blankes Eis. Der Wind blies ganze Wolken von Schnee über den Wagen, so daß man kaum etwas erkennen konnte. Mehrmals mußte Mul absteigen und seine kräftigen kleinen Maultiere führen, wobei er erst den Weg ertasten mußte, ehe er weiterging.

Ab und zu stieg auch Eadulf vom Wagen und half dem Bauern, denn er fürchtete, eins der Maultiere könnte stürzen und sich ein Bein brechen. So schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis sie die Holzbrücke erreichten, die den Fluß überspannte. An den Ufern des Flusses hatten sich unregelmäßige Eiskanten gebildet. Er wäre zugefroren, wenn nicht die starke Strömung in der Mitte es verhindert hätte.

Wenigstens war die Brücke ziemlich frei, denn der Wind fegte den Schnee von den hölzernen Planken und fand nichts, gegen das er ihn auftürmen konnte. Mul führte die Maultiere hinüber und hielt dann an.

Er kniff die Augen zusammen, um sie vor den Eiskörnern zu schützen, streckte den Arm aus und rief Eadulf zu: »Sieh mal! Dort ist das Licht der Abtei. Noch ein paar hundert Schritte, und wir sind am Tor. Bis dahin bringe ich euch, dann verlasse ich euch.«

»Das solltest du dir noch einmal überlegen, Mul«, erwiderte Eadulf, der das anhaltende Schneetreiben beobachtete. »Der Weg zu deinem Hof wird noch schwierig, und ich bin nicht mehr dabei, um dir zu helfen.«

»Ich hab’s bis hier geschafft, Eadulf von Seaxmund’s Ham, und den Rest schaffe ich auch noch.«

Der Wagen zog wieder an, und diesmal schien es nur noch ein kurzes Stück auf der gewundenen, von Bäumen geschützten Straße bis zu den dunklen Mauern der Abtei zu sein. Außen an dem mächtigen Holztor schwang eine Sturmlaterne im Wind hin und her.

»Wir sind da, Fidelma«, rief Eadulf, nahm ihre Taschen und warf sie vom Wagen herunter.

Fidelma hatte sich aus ihren Pelzen gewunden und stand im Wagen. Mißbilligend starrte sie auf die düsteren, schweren grauen Steinmauern.

»Das sieht mehr nach einer Festung aus als nach einem Haus Gottes.«

Eadulf nickte. »Das kommt wahrscheinlich daher, daß es zugleich Festung und geistiges Zentrum ist. In unserer Gesellschaft gibt es noch viel Gewalt, Fidelma. Unser Königreich leidet oft unter Überfällen aus Mercia und sogar aus West-Sachsen.«

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