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Verliere mich. Nicht.

Zu diesem Buch

Wie heilt man ein gebrochenes Herz? Sage hat keine Ahnung. Immer und immer wieder geht sie in Gedanken die letzten Worte durch, die sie und Luca sich an den Kopf geworfen haben:

Ich gehe, weil ich nicht mit dir zusammen sein will.

Das gestern war ein Fehler.

Und schließlich: Verschwinde!

Dabei war Sage noch nie so glücklich gewesen wie mit Luca. Von ihm hat sie gelernt, was es bedeutet, einem anderen Menschen zu vertrauen. Doch Sage hätte ahnen müssen, dass sie nicht vor ihrer eigenen Vergangenheit davonlaufen kann. Dass er alles daransetzen würde, ihr Glück zu zerstören. Und jetzt ist sie wieder auf sich allein gestellt – glaubt sie zumindest. Denn plötzlich steht Luca vor ihrer Tür. Er bittet sie, zurückzukommen – nur als Mitbewohnerin, nicht als Freundin. Sage willigt ein, obwohl sie bezweifelt, dass das funktionieren kann. Zu viel ist zwischen ihnen vorgefallen, und jede Sekunde in Lucas Nähe erinnert sie an all das, was sie nicht haben kann, wonach sie sich aber noch immer so sehr sehnt. Auch Luca scheint es schwerzufallen, das Prickeln zwischen ihnen zu ignorieren, egal, wie sehr er es auch versucht. Doch wie soll es für die beiden ein Happy End geben, wenn noch immer so viel zwischen ihnen steht?

Für meine wunderbaren Leser

Playlist

Rihanna – Stay

Jennifer Rostock – Schlaflos

Dido – Here With Me

Adele – Someone Like You

Sam Smith – I’m Not The Only One

Oasis – Wonderwall

James Bay – Let It Go

Sam Smith – Stay With Me

Adele – Make You Feel My Love

Rihanna – Love On The Brain

Johnny Cash – She Used To Love Me A Lot

System of a Down – Lonely Day

Sia – Elastic Heart

Coldplay – The Scientist

Alex Clare – Too Close

Snow Patrol – Chasing Cars

Paramore – Still Into You

FKA twigs – Two Weeks

Stone Sour – Through Glass

Kesha – Praying

Lady Gaga – The Cure

1. Kapitel

Ich starrte auf die zerkratzte Tür mit dem abgesprungenen Lack und zögerte, den Schlüssel herumzudrehen. Wie war ich hierhergekommen? Noch vor wenigen Stunden war ich so glücklich gewesen wie noch nie zuvor, und nun stand ich hier. Alleine. Verzweifelt. Gebrochen. In einem schäbigen Motelflur, in dem der Putz von den Wänden bröselte. Den Gang aufwärts begann ein Hund zu jaulen, und als Antwort auf sein Klagen wurde ein Fernseher lauter gestellt, bis ich die blechernen Stimmen so deutlich verstehen konnte, als säße ich daneben.

Frohe Weihnachten, Sage.

Erneut stiegen mir Tränen in die Augen, aber ich zwang mich, sie zurückzublinzeln. Ich wollte nicht schon wieder weinen. Es grenzte an ein Wunder, dass ich überhaupt noch Flüssigkeit im Körper hatte. Mehrfach hatte ich auf dem Weg von Brinson nach Melview an den Straßenrand lenken müssen, da mir meine Tränen die Sicht und meine Schluchzer die Kontrolle über das Lenkrad geraubt hatten. Und jedes Mal, wenn ich stehen geblieben war, hatte ich darüber nachgedacht, umzudrehen und zu Luca zurückzufahren, um ihn um Verzeihung zu bitten. Doch Lucas eisiger Blick und seine letzten Worte an mich hatten sich wie Säure in mein Gedächtnis und mein Herz gebrannt. Verschwinde.

Er wollte mich nicht mehr wiedersehen. Nie wieder. Ich hätte gerne geglaubt, dass er nur aus gekränktem Stolz so mit mir gesprochen hatte. Aber in Wirklichkeit war er vermutlich froh, mich los zu sein, nachdem ich ihn so offensichtlich belogen hatte. Womöglich war er bereits in einem seiner verhassten Clubs, um unserer gemeinsamen Zeit ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.

Bei der Vorstellung, seine Hände könnten in diesem Moment über den Körper einer anderen Frau wandern, wurde mir schlagartig übel. Das Gefühl, mich übergeben zu müssen, war so übermächtig, dass ich hektisch den Schlüssel im Schloss herumriss, um im Notfall schnell das Badezimmer erreichen zu können.

Augenblicklich schlug mir der Gestank von abgestandenem Rauch und chinesischem Essen entgegen. Großartig. Ich versuchte, durch den Mund zu atmen. Die Vorhänge im Raum waren noch zugezogen, und ich tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür. Die Tapete fühlte sich rau und klebrig unter meinen Fingerspitzen an. Ich fand den Schalter. Die Lampe an der Decke erwachte flackernd zum Leben und gab den Blick auf ein karges Zimmer frei, das kaum mehr Platz bot als mein Transporter. Gegenüber dem Bett, auf dem eine kotzgrüne dünne Decke lag, stand eine Kommode, die aussah, als würde sie jeden Moment unter dem Gewicht des alten Röhrenbildfernsehers zusammenbrechen. Und im Teppichboden klebten kleine braune Brocken, die verdächtig nach Mäusekacke aussahen.

Es war grauenhaft, und ich konnte die Tränen, die mir in den Augen brannten, nicht länger zurückhalten. Schluchzend brachen sie aus mir heraus, während ich benommen ins Zimmer wankte. Als ich vor fünf Monaten in Melview angekommen war, ohne Dach über dem Kopf und mit leerem Konto, hatte sich das unglaublich gut und befreiend angefühlt. Ich hatte ein leeres Blatt vor mir gesehen, mit der Chance, meine Zukunft nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Heute stand ich wieder vor dem Nichts, aber dieses Mal erschien mir die Leere einsam und erdrückend.

Ich ließ die Tür hinter mir zufallen und schob das Hängeschloss vor. Sollte es jemand darauf anlegen, in dieses Zimmer zu kommen, würde ihn das nicht daran hindern; nicht bei diesen dünnen Wänden aus Pappe, die man vermutlich mit einem kräftigen Tritt durchschlagen konnte. Doch ich war zu benommen, um mir wirklich Sorgen um den schmierig aussehenden Mann zu machen, der im Eingangsbereich des Motels gesessen hatte. Und Alan konnte mich hier nicht finden, das war die Hauptsache. Ich hatte bar bezahlt und an der Rezeption einen falschen Namen eingetragen. Und dies war kein Ort, an dem viele Fragen gestellt wurden.

Ich warf meinen Rucksack achtlos auf den Boden, wankte zum Bett und ließ mich auf die durchgelegene Matratze fallen. Trotz meines eher schmalen Körperbaus quietschten die Federn lautstark unter meinem Gewicht, als ich unter die Decke kroch und mich zu einer Kugel zusammenrollte. Ich ignorierte den staubigen Gestank der Laken und hieß die Dunkelheit willkommen, die sich über mich legte und die Außenwelt verschwinden ließ. Meine Gefühle dagegen ließen sich weniger leicht aussperren.

Vermutlich hätte ich mir Sorgen um Alan machen sollen und darum, dass er seine Drohung, mich mit Gewalt zurück nach Maine zu holen, in die Tat umsetzen könnte. Aber alles, woran ich denken konnte, war Luca und die Kälte in seinen Augen, als ich ihm vorgeworfen hatte, Ekel nach unserer einzigen gemeinsamen Nacht empfunden zu haben. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Wie hatte ich Luca nur in dem Glauben verlassen können, ich würde unsere gemeinsame Zeit bereuen?

Ein Schluchzen brach aus mir heraus. Schnell presste ich die Lippen aufeinander, um die wimmernden Geräusche zurückzuhalten, die meine Kehle hinaufstiegen. Vergebens. Die Tränen waren nicht mehr zu stoppen. Ich begann, am ganzen Körper zu beben, und weinte, bis meine Nase vollkommen verstopft war. Mein Bauch schmerzte, und ich japste nach Luft. Unter der Decke war es warm und stickig, und die Laute, die ich von mir gab, klangen ungewöhnlich laut. So laut, dass ich beinahe das Klingeln meines Handys überhört hätte, das irgendwo in meiner Tasche steckte.

Hastig schlug ich die Decke zurück und streckte mich über die Bettkante, um nach dem Riemen meines Rucksackes zu fischen. Ich bekam ihn zu fassen und zerrte ihn zu mir heran. Mit verschleiertem Blick zog ich mein Handy hervor, das genau in diesem Moment verstummte. Mein Herz pochte wie wild, und ich hoffte mit all meinem Sein, dass es Luca gewesen war, der versucht hatte, mich zu erreichen, um die Sache zwischen uns geradezurücken. Es war allerdings nicht Lucas Name, der auf dem Display angezeigt wurde, sondern Aprils.

Ich zog mir wieder die Decke über den Kopf, das Handy noch in der Hand. Das grelle Licht des Displays blendete mich. Ich kniff die Augen zusammen, und ehe mir wirklich bewusst wurde, was ich da tat, öffnete ich die Kontaktliste und scrollte zu Luca. Zitternd schwebte mein Daumen über dem grünen Telefonsymbol. Nur eine Bewegung, ein einziger Klick trennte mich von ihm. Aber was sollte ich zu ihm sagen? Und vor allem, würde er überhaupt zuhören? Vermutlich nicht. Nach allem, was ich ihm an den Kopf geworfen hatte, konnte ich es ihm nicht mal verdenken.

Bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, begann das Handy abermals zu klingen. Wieder April, die versuchte, mich zu erreichen.

Ich war noch nicht bereit, mich ihren Fragen und womöglich auch Vorwürfen zu stellen, denn immerhin war genau das passiert, vor dem sie mich gewarnt hatte. Die Sache zwischen Luca und mir hatte nicht funktioniert, und jetzt war sie gezwungen, eine Seite zu wählen. Ich ließ das Handy neben mir auf die Matratze fallen, als hätte ich mich an dem Plastikgehäuse verbrannt, und vergrub das Gesicht in den Händen. Der Gedanke, dass ich nicht nur Luca, sondern möglicherweise auch April verloren hatte, war einfach zu viel.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich weinend unter der Decke lag und wie oft in dieser Zeit mein Handy klingelte, dennoch glitt ich schließlich in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich gefühlt alle fünf Minuten aufschreckte, nur um bereits Sekunden später wieder von meinen Albträumen eingefangen zu werden – bis mich das erneute Piepsen meines Telefons endgültig in die Wirklichkeit zurückholte. Blind tastete ich danach, mit verschwommenem Blick und von meinen Tränen verklebten Wimpern.

Luca.

Noch nie hatten vier Buchstaben eine solche Wirkung auf mich gehabt. Ich schoss in die Höhe und blinzelte mir hektisch den Schlaf aus den Augen, bereit, den Anruf entgegenzunehmen, als ich noch einmal genauer hinsah und alle Hoffnung in mir erstarb. Wie ein abgeschossener Vogel fiel sie vom Himmel und knallte mir vor die Füße.

Nora.

Wie konnte er es wagen, mich noch einmal anzurufen? Ihm musste doch klar sein, wie viel Schaden er bereits angerichtet hatte. War das nicht genug? Oder konnte er selbst erst glücklich sein, wenn er mir sämtlichen Lebenswillen geraubt hatte? Eigentlich hätte ich den Anruf nicht entgegennehmen und die Nummer sperren sollen. Doch da er von Luca wusste und seine Adresse kannte, konnte ich ihn nicht ignorieren. Ein Zittern ging durch meinen Körper, und obwohl sich jeder Instinkt in mir dagegen sträubte, wischte ich mit dem Daumen über das Display.

»Was willst du?«, zischte ich.

Es herrschte eine Sekunde Schweigen. »Ich … ich wollte dir frohe Weihnachten wünschen«, stotterte Nora verunsichert.

Ich war so überrascht, ihre Stimme zu hören, dass ich einen Augenblick überhaupt nichts erwidern konnte. Ich war so fest davon überzeugt gewesen, dass es Alan war, der mich von Noras Handy anrief, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dass es tatsächlich meine Schwester sein könnte.

»Tut mir leid«, erwiderte ich stockend. »Dir auch frohe Weihnachten. Ich bin gerade erst aufgewacht.«

»Oh, stimmt. Sorry. Ich vergesse immer die Zeitverschiebung.« Sie klang nicht wirklich so, als würde es ihr leidtun. »Mir ist nur langweilig. Ich warte darauf, dass Mom und Dad aufstehen, damit ich meine Geschenke aufmachen kann.«

Mom und Dad. Dad. Dad. Dad. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, und die Angst vor Alan, die von meiner Trauer über die Trennung von Luca verdrängt worden war, rückte wieder in den Vordergrund. Hatte ich Nora eben richtig verstanden?

»Alan und Mom schlafen noch?«

»Ja.« Sie schnaubte ungeduldig. »Das habe ich doch gerade gesagt.«

»Natürlich.« Ich lachte nervös und rieb mir über die Stirn. Alan war nicht auf dem Weg zu mir. Anspannung und Sorge fielen schlagartig von mir ab. Gleichzeitig spürte ich, wie ein nagender Kopfschmerz hinter meinen Schläfen zu pochen begann. »Sind meine Geschenke rechtzeitig angekommen?«, fragte ich Nora hastig, um sie abzulenken, damit sie nichts von meiner Erleichterung bemerkte.

»Ja, sie liegen hier unterm Baum.«

»Perfekt. Ich hatte schon Angst, dass ich sie nicht rechtzeitig abgeschickt habe.«

Ich hatte sie erst Anfang der Woche zur Post gebracht – natürlich ohne Absenderadresse auf dem Paket. Für Nora hatte ich ein Notizbuch mit Kiwi-Vögeln darauf besorgt, Mom hatte ich eine meiner neuen Ketten geschickt, und um keinen Verdacht zu wecken, hatte ich Alan ein billiges Aftershave gekauft.

»Ich finde es wirklich schade, dass du nicht da bist«, sagte Nora.

»Ich auch«, erwiderte ich und stellte erstaunt fest, dass das noch nicht mal komplett gelogen war. Wäre ich nach Maine gefahren, anstatt Luca nach Brinson zu begleiten, wären wir jetzt vielleicht noch zusammen. Dann hätte ich zwar Alan ein paar Tage ertragen müssen, aber anschließend wäre ich in mein neues Leben zurückgekehrt.

Nein, wärst du nicht. Erneut Alans Nähe ertragen zu müssen, nachdem ich nun wusste, wie unbeschwert das Leben sein konnte, hätte mich gebrochen. Und es wäre Luca gegenüber nicht fair gewesen. Er hatte etwas Besseres verdient, eine Frau, die weniger Ballast mit sich herumtrug und vollkommen ehrlich zu ihm sein konnte. Solange es Alan gab und er mit Nora Druck auf mich ausüben konnte, war es, als gäbe es eine unerwünschte dritte Person in unserer Beziehung, von der Luca nichts wusste und von der ich ihm nicht erzählen konnte. Und an jedem Tag, an dem ich nichts sagte, tischte ich ihm eine weitere Lüge auf.

»Ich muss Schluss machen«, sagte Nora plötzlich. »Mom und Dad sind wach. Sie rufen dich sicherlich später noch mal an. Grüß Luca von mir.« Sie legte auf, bevor ich mich verabschieden oder die Sache mit Luca richtigstellen konnte.

Benommen und noch immer von dem Wort »Dad« gefesselt, starrte ich auf das Display meines Handys, das mir anzeigte, dass ich drei Minuten und zwanzig Sekunden mit Nora telefoniert hatte. Ich betrachtete die Zahl, bis das Leuchten verblasste und der Bildschirm schließlich schwarz wurde. Ein Teil von mir realisierte, dass ich Erleichterung verspüren sollte. Erleichterung darüber, dass Alan nicht auf dem Weg zu mir war. Ein anderer Teil von mir hingegen war einfach nur wütend. Wütend auf Alan. Wütend auf die Situation. Aber vor allem wütend auf mich selbst. Wie hatte ich nur so dumm sein und ihm glauben können, er würde nach Brinson kommen, um mich zu holen? Er hatte geblufft. Natürlich. Wieso war ich nicht früher darauf gekommen?

Niemals würde er meine Mom und Nora über die Feiertage und Neujahr allein lassen. All die Jahre, in denen er auf mich herabgesehen und mich dominiert hatte, hatte er nicht einmal die Fassung verloren, sondern stets die Kontrolle behalten. Er war sich seiner Handlungen immer genauestens bewusst gewesen und hatte alles darangesetzt, dass unser Geheimnis ein Geheimnis blieb. Seine leibliche Tochter sitzen zu lassen, um überstürzt seine volljährige Stieftochter zu besuchen, hätte einen falschen Eindruck erweckt. Eine Tatsache, die mir hätte klar sein müssen, aber meine Angst vor ihm hatte mich blind werden lassen.

Ich krallte die Finger um mein Handy. Am liebsten hätte ich es gegen die Wand geworfen, aber es war derzeit meine einzige Verbindung zu Luca. Ich wischte über das Display und wollte erneut seinen Kontakt öffnen, als ich das rote Symbol über dem grünen Hörer bemerkte. Siebzehn verpasste Anrufe, die bis tief in die Nacht reichten. Die meisten stammten von April, und ein paarmal hatte es Megan bei mir versucht. Mehrere SMS informierten mich über Nachrichten auf meiner Mailbox.

Ich wählte die Nummer des Anrufbeantworters.

»Hey Sage«, grüßte mich Aprils Stimme. »Ruf mich an.«

Ein Piepsen ertönte, und eine zweite Sprachnachricht, die nur wenige Minuten später aufgenommen worden war, wurde abgespielt.

»Offensichtlich ist Luca nicht der Einzige, der nicht mit mir reden will. Ich habe keine Ahnung, was zwischen euch vorgefallen ist. Ich würde es gerne verstehen. Was ist passiert? Ruf mich an. Bitte.«

Pieps.

Nächste Nachricht.

»Hey, ich bin’s noch mal. April. Ich habe gerade in unserer Wohnung angerufen, und entweder ignorierst du das Telefon, oder du bist schon ausgezogen. Ich kann nicht glauben, dass Luca dich rausgeschmissen hat. Falls du schon weg bist, hoffe ich wirklich sehr, dass du nicht in deinem Transporter schläfst. Es ist viel zu kalt. Aaron ist die Feiertage über in Melview, aber seine Mitbewohner nicht. Wenn du ein Zimmer brauchst, ruf ihn an. Ich habe dir seine Nummer schon mal gegeben, oder? Falls nicht, melde dich. Nein warte, melde dich auch, wenn du die Nummer schon hast.«

Pieps.

»Wenn du nicht mit mir sprechen willst, kann ich das verstehen. Aber lass mich zumindest wissen, ob es dir gut geht. Ich mache mir Sorgen.«

Die Verzweiflung in Aprils Stimme wuchs mit jeder Nachricht, und ich bereute es, nicht zumindest einmal ans Telefon gegangen zu sein. Sie hatte nichts falsch gemacht und es nicht verdient, dass ich ihr solche Bauchschmerzen bereitete.

Erneut ertönte ein Piepsen. Ich war schon bereit aufzulegen, um April anzurufen, als mich der tiefe Klang einer männlichen Stimme innehalten ließ.

»Hey Sage.«

Luca.

Unwillkürlich schossen mir Tränen in die Augen. Ich hatte nicht damit gerechnet, hier und jetzt seine Stimme zu hören. Gebannt hielt ich den Atem an, um kein einziges Wort zu verpassen.

»Ich hoffe, du bist gut in Melview angekommen. April hat noch nichts von dir gehört, und Megan meinte, dass du auf ihre Anrufe auch nicht reagierst. Die beiden machen sich Sorgen um dich, also melde dich bei ihnen.«

Die beiden machen sich Sorgen um dich. Megan und April. Er nicht. Ich wusste, dass es ein egoistischer Gedanke war, aber ich wollte, dass er sich genauso um mich sorgte. Ich wollte ihm nicht egal sein.

Wider besseres Wissen spielte ich die Nachricht ein zweites, drittes und viertes Mal ab, nur um Lucas Stimme zu hören. Mein Herz verkrampfte sich. Ich vermisste ihn schon jetzt. Erschöpft ließ ich mich gegen die Rückenlehne des Bettes sinken und ließ die Aufnahme ein fünftes Mal durchlaufen. Erst als sich das »Hey Sage« erneut wiederholte, brachte ich es über mich, die Verbindung zur Mailbox zu trennen.

Eigentlich hatte ich vor, April anzurufen, da sie sogar Luca für mich ans Handy gezwungen hatte, aber wie von selbst scrollte mein Daumen bis zu Megans Namen. Alte Gewohnheiten ließen sich eben nur schwer brechen.

Sie nahm gleich nach dem ersten Klingeln ab.

»Sage!«, rief Megan so laut in den Hörer, dass ich zusammenzuckte. »Wo zum Teufel steckst du? Geht es dir gut? Bitte sag mir, dass du nicht mit gebrochenen Knochen in irgendeinem Krankenhaus liegst. Muss ich nach Nevada kommen?« Zorn und Sorge lagen gleichermaßen in ihrer Stimme.

»Nein, du musst nicht herkommen. Es geht mir gut«, versicherte ich ihr sofort, auch wenn ich mich freuen würde, sie zu sehen. »Es tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe, aber ich habe etwas Zeit für mich gebraucht.«

»Eine kurze Nachricht hätte genügt.«

Ich seufzte. »Du hast recht. Das war egoistisch von mir.«

»Und ob es das war!« Sie schlug nur selten einen so ernsten Tonfall an, und mein schlechtes Gewissen wuchs unter den Vorwürfen, die in ihren Worten mitschwangen.

»Es tut mir leid«, wiederholte ich, und einige Sekunden war es still.

»Wo bist du?«, fragte Megan noch einmal.

»In einem Motel in Melview. Er wollte, dass ich aus der Wohnung verschwinde.«

»Luca?«

»Ja.«

»So ein Arschloch«, fauchte Megan. »Soll ich vorbeikommen und ihn für dich vermöbeln?«

An einem anderen Tag hätte mich die Vorstellung, Megan könnte Luca verprügeln, vermutlich zum Lachen gebracht, heute machte sie mich nur traurig. Ich schluckte schwer und kniff die Augen zusammen.

Verschwinde. Ich wollte nicht über ihn reden, aber gleichzeitig konnte ich an nichts anderes denken. Dabei war ich es schon jetzt leid, mich so zu fühlen. Wer hätte ahnen können, dass Liebe einem tatsächlich körperlichen Schmerz bereiten konnte?

»Können wir vielleicht nicht über Luca reden?«

Megan stieß ein schweres Seufzen aus. Ich konnte ihr Verlangen danach, mir helfen zu wollen, spüren. Mir war es nach ihren Trennungen nie anders ergangen. Doch während sie sich ihren Schmerz am liebsten stundenlang von der Seele redete und die ganze Welt offen an ihrer Gefühlswelt teilhaben ließ, wollte ich diese Dinge lieber verdrängen und mit mir selbst ausmachen.

»Von mir aus«, erwiderte Megan schließlich nach kurzem Zögern. »Aber eine Sache musst du mir verraten.«

Ich nickte. Das war ich ihr schuldig. »Okay.«

Sie holte tief Luft. »Hat er dir wehgetan? Oder dich zu irgendetwas gezwungen, das du nicht wolltest? Wenn das der Fall ist, dann …«

»Nein!«, platzte ich heraus. Ich verstand, woher Megans Frage rührte, schließlich wusste sie von meinen Ängsten und früheren Vorbehalten gegenüber Luca, aber niemals hätte er so etwas Abscheuliches getan. »Er … es hat nichts damit zu tun.« Ich legte so viel Überzeugung in meine Stimme wie nur möglich. »Überhaupt nichts. Luca hätte nichts besser machen können.«

»Wenn du das sagst.« Megan klang skeptisch.

»Ich brauche nur noch etwas Zeit«, versicherte ich ihr und hoffte, dass sie hören konnte, wie ehrlich ich es meinte. »Und jetzt lass uns bitte über etwas anderes reden. Wie ist dein Weihnachten bisher?«

Megan stieß ein frustriertes Knurren aus. »Lass es mich so ausdrücken: Ich würde in diesem Moment alles dafür tun, um alleine in einem Motelzimmer zu sitzen.«

»So schlimm?«

»Ja. Meine Verwandten sind erst seit gestern hier, und ich frage mich jetzt schon, ob ich mit neunzehn zu alt bin, um mich adoptieren zu lassen. Vor allem mein Onkel raubt mir den letzten Nerv. Er ist mit seiner Frau und seiner perfekten Stieftochter angereist. Mit den perfekt blondierten Haaren, dem perfekten Lächeln und seit diesem Sommer dem perfekten Studienplatz an der Brown. Alle Dozenten lieben sie, und sie ist natürlich noch mit ihrem ersten Freund aus der Highschool zusammen, der auch in Brown studiert, und sehr wahrscheinlich schenkt er ihr an Neujahr einen Ring.« Megan gab ein würgendes Geräusch von sich. »Melanie hier, Melanie da. Melanie ist so toll. Ich schwöre, meine Eltern planen bereits, wie sie sie kidnappen und mich stattdessen meinem Onkel unterjubeln können. Dann hätten sie endlich die Tochter, die sie schon immer gewollt haben.«

Megans Rivalität mit Melanie war nichts Neues. Seit sie mit fünfzehn beschlossen hatte, gegen Konventionalitäten zu rebellieren, sich verbotenerweise einen Nasenring stechen ließ, begonnen hatte, ihre Haare zu färben und ihre erste Freundin mit nach Hause gebracht hatte, musste sie sich diese Vergleiche anhören.

»Du übertreibst. Deine Eltern würden dich nie eintauschen. Sie lieben dich.«

Megan stöhnte genervt auf, und ich konnte hören, wie sie die Stufen zu ihrem Atelier im Keller nach unten lief. »Ich weiß. Und genau da liegt das Problem. Wären sie einfach nur scheiße konservativ und würden meine Entscheidungen deswegen infrage stellen, wäre das eine Sache, aber sie machen sich ehrliche Sorgen um meine Zukunft.«

»Und du machst dir keine?«

»Nein, wozu auch? Sorgen sind nutzlose Gefühle, denn sie ändern rein gar nichts. Entweder nimmt man die Dinge in die Hand und versucht, sie zu ändern, oder man lässt es bleiben und lernt, damit zu leben. Vom Sich-Sorgen-Machen wird nichts besser.«

2. Kapitel

Ich rief mir Megans Worte in Erinnerung, als ich zwei Tage später das erste Mal mein Motelzimmer verließ, und das nicht nur, um mir einen abgelaufenen Schokoriegel aus dem Automaten zu holen. Vom Sich-Sorgen-Machen wird nichts besser. Sie hatte recht, und ich wäre gerne die Art von Frau gewesen, die wie Megan sofort wieder auf die Beine sprang und in die Welt hinausmarschierte. Doch ich hatte es über die Feiertage nicht fertiggebracht, das Bett zu verlassen. Hin- und hergerissen zwischen meiner Angst vor Alan, meiner Trauer um Luca und meinem Wunsch, ihn wiederzusehen, war ich zu erschöpft gewesen, um auch nur an eine Dusche zu denken. Schreckhaft, stets am Rande einer Panikattacke und mit Tränen in den Augen hatte ich mich von einer Seite auf die andere gewälzt und mich gefragt, wie es nun weitergehen sollte. Ich war wieder alleine. Und noch immer hatte ich kein Dach über dem Kopf. Zwar hatte ich etwas mehr Geld als bei meiner Ankunft in Nevada, aber ich hätte jeden Cent davon hergegeben, wenn ich damit Luca zurück in mein Leben hätte holen können. Wir kannten uns noch nicht lange, aber nun da ich wusste, wie wundervoll es war, einen Menschen an der Seite zu haben, der mehr war als nur ein Freund, hatte ich keine Ahnung, wie ich den Alltag ohne ihn bewältigen sollte. Dennoch musste ich es versuchen.

Die Frau an der Rezeption hatte mir verraten, dass es nur zehn Fahrminuten vom Motel entfernt ein Internetcafé gab. Um Benzin zu sparen, hatte ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht, doch inzwischen bereute ich meine Entscheidung. Trotz der Kälte und des Schnees, der vom Himmel fiel, begann ich, vor Panik zu schwitzen. Die Straßen waren voller Menschen, die ihre Geschenke umtauschten, Gutscheine einlösten oder ihr Weihnachtsgeld ausgeben wollten. Ich rückte den Riemen meiner Tasche zurecht und beschleunigte meine Schritte, um an einer Gruppe Jugendlicher vorbeizueilen, die mitten auf dem Gehweg stehen geblieben waren.

Ich habe keine Angst.

Die Angst ist nicht real.

Schließlich erreichte ich das Café – zum Glück ohne eine ausgewachsene Panikattacke zu erleiden oder in Tränen auszubrechen, weil ich etwas gesehen hatte, das mich an Luca und unsere gemeinsame Zeit erinnerte. Das Internetcafé war klein und in ein schmales Gebäude zwischen einer Boutique und einem Ein-Dollar-Store gepfercht. Vor der Tür stand ein mit Kreide beschriebenes Schild in hübscher Handschrift, das für eine gratis Stunde Webzugang warb, wenn man einen großen Latte Macchiato mit einem Stück Torte dazu bestellte.

Als ich das Café betrat, ließ mir die Wärme der Heizung einen wohltuenden Schauer über den Rücken rieseln. Ich rieb meine steif gefrorenen Finger aneinander und sah mich um. Das Café war moderner eingerichtet und größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Helle Farben dominierten den lang gestreckten Innenraum. Direkt neben dem Eingang standen einige Tische mit Steckdosen für Leute, die ihre eigenen Laptops dabeihatten. An der rechten Wand dahinter befand sich eine Theke mit Kuchenvitrine und Kasse, danach folgten die Computerplätze, wobei sich die meisten Leute mit ihren eigenen Geräten im vorderen Teil des Cafés tummelten. Sie waren so auf ihre Bildschirme fixiert, dass sie mir überhaupt keine Beachtung schenkten, als ich an ihnen vorbei zum Tresen lief.

Ich lehnte mich über die weiße Theke und starrte auf das braune Haar des Baristas, der vor dem Regal kniete und irgendetwas einsortierte. »Entschuldigung?«, fragte ich zögerlich.

Der Mann riss erschrocken den Kopf hoch, als hätte er mich überhaupt nicht kommen hören. Als er mich entdeckte, kniff er leicht die Augen zusammen. »Sage?«

»Connor?« Ich lachte nervös. »Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest.«

Woher auch? Die einzig richtige Unterhaltung, die wir abseits der Vorlesung je geführt hatten, war nach den Midterms in der Mensa gewesen, und damals war es vor allem Aaron gewesen, der mit ihm geredet hatte. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, vor Wohlwollen nicht laut aufzustöhnen, während Luca heimlich meinen Nacken massiert hatte.

»Erst seit ein paar Wochen. Wer bei seinen Eltern ausziehen will, braucht Geld.« Er neigte den Kopf und schob mit einem Finger das Brillengestell auf seiner Nase nach oben. »Ist bei dir alles in Ordnung? Du siehst nicht gerade aus wie das blühende Leben.«

Ich wusste genau, worauf Connor anspielte, immerhin konnte ich mich in dem Spiegel sehen, der an der Wand hinter ihm befestigt war. Obwohl ich bereits seit zwei Stunden nicht mehr geweint hatte, waren meine Augen und die Haut um sie herum noch leicht geschwollen. Meine Nase war vom vielen Schnäuzen gerötet, und trotz meiner sonst ziemlich reinen Haut entdeckte ich ein paar Pickel auf meinem Kinn. Die hatte ich vermutlich den staubigen Kissen und Decken zu verdanken, in denen ich mich die letzten Tage herumgewälzt hatte.

»Ich war krank«, log ich und wechselte schnell wieder das Thema. »Hast du schon eine Wohnung gefunden?«

Er schüttelte den Kopf. »Alleine kann ich mir nichts leisten, und die meisten WGs sind bereits voll. Ich habe mich für die Wohnheime beworben und hoffe, dass nach Semesterende endlich ein paar Leute ausziehen und Platz für mich machen.«

Für jeden anderen wären Connors Worte vermutlich ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen. Er konnte sich alleine nichts leisten. Ich konnte mir alleine nichts leisten. Doch auch wenn er längst keine Panik mehr in mir auslöste, fühlte ich mich noch lange nicht bereit, mit ihm zusammenzuziehen.

»Ich bin auch gerade auf der Suche.«

»Du willst bei April und Luca ausziehen?«, fragte Connor und stützte die Hände auf der Theke ab.

Ich nickte. »Ich schlafe in ihrem Wohnzimmer, das ist auf Dauer kein Zustand.«

»Verständlich.« Er runzelte die Stirn. »Da fällt mir ein … Solltest du nicht in Brinson sein? Ich dachte, du verbringst die Feiertage mit Aprils Familie.«

Ich zog fragend die Brauen zusammen. »Woher weißt du davon?«

»Aaron hat es mir erzählt.«

»Verstehe«, murmelte ich. Ich war nicht gerade froh darüber, dass Connor über mehrere Ecken an meinem Leben teilnahm. Aber ich konnte April schlecht verbieten, mit ihren Freunden über mich zu reden. Zumindest schien Connor noch nichts über meine Trennung von Luca zu wissen. Ihm Rede und Antwort zu stehen hätte ich nicht ertragen. Ich wollte ja noch nicht mal mit Megan darüber sprechen. »Ich bin früher zurückgekommen, um mich nach Wohnungen umzuschauen.«

»Dann will ich dich nicht länger aufhalten.« Connor deutete auf die Getränketafel, die über seinem Kopf hing. »Was darf ich dir bringen?«

Ich studierte das Angebot. Die Preise waren unverschämt teuer, was vermutlich vor allem den Hipstern im vorderen Teil des Cafés zu verdanken war. Anderenfalls ließ sich ein Internetcafé vermutlich nur noch schwer finanzieren. »Eine kleine heiße Schokolade und zwei Stunden an einem Computer.«

»Schokolade kommt sofort. Die Zeit am PC wird hinterher abgerechnet. Komm einfach wieder an die Theke, sobald du fertig bist.«

Ich bezahlte für die Schokolade, und Connor gab mir die Zugangsdaten für einen der PCs im hinteren Teil des Ladens. Dann balancierte ich meine Tasse zu dem Platz und streifte mir den Mantel von den Schultern.

Von dem Gespräch mit Connor unruhig geworden, widmete ich mich zuerst der Suche nach einer neuen Bleibe. Ich rief meine E-Mails auf und entdeckte tatsächlich vier Antworten von WGs, die ich vor Weihnachten angeschrieben hatte.

Liebe Sage,

vielen Dank für dein Interesse an unserer WG. Leider haben wir das Zimmer bereits an jemand anderen vergeben. Viel Erfolg bei deiner Suche und frohe Weihnachten!

Viele Grüße,

Nadine

Verdammt. Ich löschte die Mail und öffnete die nächste. Leider war deren Wortlaut mehr oder weniger derselbe, und auch die dritte Nachricht beinhaltete eine Absage. Meine Zuversicht, die von Beginn an nicht sonderlich groß gewesen war, schwand immer mehr, und ich verspürte kaum noch Hoffnung, als ich die vierte Mail öffnete, um die Enttäuschung möglichst schnell hinter mich zu bringen.

Hallo Sage,

schön von dir zu hören! Ich habe mich sehr über deine E-Mail gefreut und finde es ziemlich cool, dass du selbst Schmuck auf Etsy verkaufst. Ich glaube, wir würden uns gut verstehen. Wenn du noch immer ein Zimmer suchst, melde dich nach den Feiertagen bei mir. Ich würde dich gerne kennenlernen.

Viele Grüße,

Olivia

Olivias Nachricht brachte mich das erste Mal seit drei Tagen zum Lächeln – bis ich mich eine Sekunde später dabei erwischte, wie ich mir wünschte, ich könnte Luca davon erzählen. Wahrscheinlich hätte er sich für mich gefreut, aber vermutlich nur weil er dann sicher hätte sein können, dass ich nie wieder auf seiner Couch übernachtete.

Ich rief noch einmal Olivias WG-Gesuch auf und sah mir die Fotos der Wohnung an, die nur ein paar Querstraßen vom Campus entfernt lag. Olivia wollte die WG neu gründen und suchte nach zwei Mitbewohnerinnen, die im ersten oder zweiten Semester studierten. Ich antwortete auf ihre Mail und gab ihr meine Nummer, damit wir einen Termin ausmachen konnten. Danach durchforstete ich die Plattformen nach weiteren Wohnungsanzeigen. Ich wollte mich nicht auf einen einzelnen Hoffnungsschimmer verlassen, nicht wenn der Wohnungsmarkt so hart umkämpft war, wie Connor es mir erzählt hatte.

Anschließend loggte ich mich bei Etsy ein und ging sämtliche Bestellungen durch, die in den letzten Tagen eingegangen waren. Ich konnte sie noch nicht bearbeiten, da viele meiner Sachen, darunter auch mein Schmuck, noch in Lucas Wohnung waren und ich es nicht über mich brachte, sie abzuholen, aber es konnte nicht schaden, sich einen Überblick zu verschaffen. Vielleicht konnte ich April darum bitten, mir mein Zeug ins Motel zu bringen, sobald sie aus Brinson zurück war. Falls du es endlich über dich bringst, dich bei ihr zu melden, du Feigling.

Ich hatte ihr von Megan ausrichten lassen, dass es mir gut ging. Selbst hatte ich mich noch nicht getraut, bei ihr anzurufen aus Angst, dass sie mir Dinge über Luca erzählen könnte, die ich nicht hören wollte. Oder dass sie mir die Freundschaft kündigte, da sie bereits zuvor klargestellt hatte, dass sie auf Lucas Seite stehen würde, sollte die Sache zwischen uns schieflaufen. Sie zu ignorieren würde diese Entscheidung zwar nicht ändern, aber zumindest konnte ich mich so noch eine Weile länger der Illusion hingeben, in Melview zumindest noch eine Freundin zu haben.

Nachdem ich alle E-Mails und Benachrichtigungen gecheckt und alle WG-Annoncen durchgesehen hatte, wäre es vermutlich das Klügste gewesen, sich auszuloggen, um Internetzeit und damit Geld zu sparen. Doch da ich bereits seit Tagen nicht mehr mit dem Verstand, sondern ausschließlich mit dem Herzen dachte, tippte ich die Adresse von Lucas Instagram- Account in den Browser ein. Das letzte Foto, das er hochgeladen hatte, stammte vom Weihnachtsmorgen. Er trug eine blinkende Weihnachtsmütze und hatte einen Arm um April geschlungen. Ein schiefes Lächeln umspielte seine Lippen.

Mein Magen verkrampfte sich – vor Sehnsucht, Enttäuschung und vor Wut. Wie konnte er nur so glücklich aussehen? Dieser Schnappschuss war keine vierundzwanzig Stunden nach unserer Trennung entstanden, und während ich an diesem Morgen verheult in einem ekligen Motelbett gelegen hatte, hatte er fröhlich mit seiner Familie Geschenke ausgepackt. Ich klickte auf das Foto und las die Bildunterschrift: Merry Christmas and happy Holidays! Dahinter eine Aneinanderreihung von Emojis und Hashtags. Das nächste Foto zeigte nicht Luca, sondern das Buch, das er zuletzt gelesen hatte. Empfehlenswert (5/5) stand daneben.

Auf diese Weise klickte ich mich immer weiter durch sein Profil, nicht in der Lage, mich zu bremsen. Bei den meisten Bildern handelte es sich um Schnappschüsse aus seinem Alltag. Verzweifelt versuchte ich, die Tränen zurückzuhalten, die drohten überzulaufen. Doch als ich die Zeit um seinen Geburtstag erreichte und realisierte, dass er unser gemeinsames Foto auf dem Balkon gelöscht hatte, konnte ich mich nicht länger beherrschen. Ein Schluchzen entwand sich meiner Kehle, und ich schlug mir schnell die Hand vor den Mund, um den kläglichen Laut zu ersticken.

Mit einem Blick über die Schulter stellte ich sicher, dass Connor mich nicht gehört hatte. Allerdings schien er überhaupt nicht auf mich zu achten, und nachdem ich meine Atmung wieder einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatte, klickte ich mich weiter durch Lucas Profil. Ich wusste, dass ich besser damit hätte aufhören sollen, aber ich konnte nicht. Seine Fotos gaben mir das Gefühl, ihn noch nicht ganz verloren zu haben. Es war armselig, und trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, auf das X in der oberen rechten Ecke zu klicken.

Schließlich blieb ich bei einem ziemlich alten Foto hängen, das Luca mit der Bildunterschrift Throwback Thursday gepostet hatte. Es zeigte eine jüngere Version von ihm zusammen mit Joan. Mit stolzem Lächeln hielten die beiden einen Ausdruck in den Händen, auf dem stand: Joan Gibson – Party- und Hochzeitsplanung. Darunter war eine Handynummer abgedruckt und der Link zu einer Webseite.

Auf einmal begannen sämtliche Alarmglocken in mir zu schrillen. Eilig öffnete ich einen neuen Tab und tippte die Adresse von dem Foto ein. Die Webseite lud schnell. Sie war simpel gestaltet, in Weiß und Violett gehalten und richtete sich eindeutig an eine vornehmlich weibliche Zielgruppe. Neben der Startseite, die ein Bild von Joan im schwarzen Hosenanzug zeigte, gab es nur drei weitere Menüpunkte. Über mich, Mein Service und Kontakt. Als ich die Kontaktseite anwählte, wurde mir auf einen Schlag klar, woher Alan Lucas Adresse in Brinson hatte. Neben einem automatisierten Formular zum Versenden von Nachrichten stand die Adresse von Joans Büro – das sich in ihrem Haus befand.

Ich ließ mich auf dem Stuhl zurücksinken, erleichtert und schockiert gleichermaßen. Nora musste Alan von dem Account erzählt haben. Und einerseits war ich froh, dass Alan die Adresse auf diesem Weg herausgefunden hatte, denn das bedeutete, dass er nicht seine Verbindungen zur Polizei hatte spielen lassen, um mich zu finden. Allerdings war der Gedanke, dass er sich Lucas Account angeschaut, ihn dabei gehasst und sich vermutlich vorgestellt hatte, wie wir zusammen waren, widerlich. Mir wurde übel, und ich schloss eilig sämtliche Tabs und löschte den Browserverlauf. Auf einmal hatte mich das unbändige Verlangen danach gepackt, unbedingt noch einmal duschen zu müssen.

Der spärliche Wasserstrahl, der aus der Brause in alle Richtungen sprühte, war bestenfalls lauwarm, aber nach meinem Marsch durch die Kälte besser als nichts. Außerdem half die Dusche dabei, die Bilder in meinem Kopf davonzuspülen, in denen Alan vor seinem Computer saß und Lucas Instagram-Account nach Hinweisen auf sein Leben und auf mich durchforstete.

Ich trocknete mich ab und schlüpfte in etwas Bequemes, da ich nicht vorhatte, das Motel heute noch einmal zu verlassen, obwohl es mir nach meiner Rückkehr aus der Stadt noch schäbiger erschien als zuvor. Es war, als hätte sich mein Unterbewusstsein das Zimmer schöngeredet, um den Umstand ertragen zu können, noch einige Tage hier verbringen zu müssen. Doch ich war schon wieder viel zu erschöpft, um mir weiter Sorgen darüber zu machen.

Müde ließ ich mich aufs Bett fallen und griff nach meinem Handy. Schon wieder ein verpasster Anruf von April. Sie musste in den letzten drei Tagen mindestens zwanzigmal versucht haben, mich zu erreichen. Ich schämte mich dafür, sie so lange ignoriert zu haben, aber meine Angst vor dem, was sie zu sagen hatte, war einfach zu groß gewesen. Allerdings konnte ich ihr auch nicht ewig aus dem Weg gehen, und bevor meine Zweifel mir die Sache wieder ausreden konnten, rief ich sie zurück.

Anders als Megan ging sie nicht sofort ran. Es klingelte und klingelte und klingelte, und ich wollte gerade auflegen, als April sich schließlich doch noch meldete.

»Sage?«, fragte sie skeptisch.

Als sie nichts weiter hinzufügte, fragte ich leise: »Störe ich?«

»Spinnst du? Natürlich nicht! Ich mache mir gerade nur was zu essen. Das kann warten. Wie geht es dir?«

Da ich mir selbst nicht wirklich sicher war, wie meine Antwort auf diese Frage genau lauten sollte, beschloss ich ganz einfach, sie zu ignorieren. »Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt bei dir melde. Ich hoffe, du hast dir nicht zu viele Sorgen gemacht. Hat Megan dich angerufen?«

»Hat sie, aber das hat es nicht besser gemacht.« Sie hielt kurz inne, bevor sie noch einmal fragte: »Geht es dir gut?«

Ich stand vom Bett auf, zu unruhig, um dieses Telefonat im Liegen zu führen. Ich tigerte durch den Raum zu dem dreckigen Fenster hinüber, von dem aus ich einen Blick auf den chaotischen Innenhof hatte. Der Hund, der mich bereits bei meiner Ankunft mit seinem Bellen willkommen geheißen hatte, tobte dort im Schnee herum.

»Es könnte schlimmer sein.« Alan hätte auftauchen können.

April seufzte erleichtert. »Das freut mich zu hören.« Zu meinem Erstaunen wirkte sie weniger aufgebracht als Megan. »Wirst du mir verraten, was zwischen Luca und dir vorgefallen ist? Er sagt nichts und meint, ich müsste mit dir sprechen, wenn ich Details wissen will. Was hat er angestellt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Er hat gar nichts angestellt. Es ist nur …« Ich zögerte. Was sollte ich ihr schon erzählen? Die Wahrheit konnte ich nicht sagen, ohne Alan zu erwähnen, und eine weitere Lüge wollte ich ihr nicht auftischen. »Ich glaube einfach nicht, dass wir auf Dauer gut füreinander sind. Es …« Es war ein Fehler, ihn so nahe an mich heranzulassen.

Vermutlich stimmte das sogar, dennoch brachte ich es nicht über mich, die Worte auszusprechen. Und hätte ich die Zeit zurückdrehen können, hätte ich alles noch einmal genauso gemacht, nur den Anruf von Nora hätte ich nicht entgegengenommen. Denn wäre ich nicht rangegangen und hätte einfach meine Plätzchen weiter gebacken, wäre all das nicht passiert, und ich hätte zumindest noch Weihnachten mit Luca verbringen können. Eine letzte schöne Erinnerung schaffen.

»Es tut mir leid, wie das alles gelaufen ist.«

»Mir auch«, erwiderte April mit dünner Stimme.

Mir traten Tränen in die Augen. Hastig versuchte ich, sie wegzublinzeln. Ich wollte nicht weinen, nicht schon wieder, aber in diesen Tagen schien mein Körper meine Gefühle nicht anders bewältigen zu können.

Ich schluckte schwer. »Ich weiß, du hast mich vor Luca gewarnt und mir gesagt, dass du mich als Freundin nicht verlieren willst. Und dass du dich immer für ihn entscheiden würdest, sollte die Sache zwischen uns nicht gut laufen. Ich …«

»Vergiss, was ich gesagt habe«, unterbrach mich April. »Ich meine, wie lange wart ihr zusammen? Eine Woche? Zwei? Mein Nagellack hält länger, und solange du nicht jedes Mal ausflippst, wenn ich seinen Namen erwähne, ist alles gut zwischen uns.«

»Meinst du das ernst?«

»Natürlich.«

In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr, als dass der verdammte Lake Tahoe nicht zwischen uns liegen würde, denn ich verspürte den unbändigen Drang, sie fest in die Arme zu schließen, ihr eine große Portion Sushi zu spendieren und ihr zu sagen, dass sie die beste neue Freundin war, die ich mir vorstellen konnte, und dass ich sie eigentlich gar nicht verdient hatte – genauso wie Megan.

»Bist du schon aus unserer Wohnung raus?«, fragte April. Ich konnte hören, wie sie eine Schublade aufzog. Kurz darauf war das Klirren von Besteck zu hören.

»Ja.« Ich schluckte schwer. »Ich … ich konnte dort nicht bleiben.«

»Bist du bei Aaron?«

»Nein.«

April schwieg. »Bitte sag mir, dass du nicht in deinem Auto schläfst.«

»Ich schlafe nicht in meinem Auto.«

»War das eine Lüge?«

Ich schmunzelte. Einen ähnlichen Wortwechsel hatten April und ich uns bei unserer zweiten Begegnung auf dem Campus geliefert, nachdem sie versehentlich einen Blick in meinen VW erhascht hatte.

»Nein, ich bin in einem Motel.«

»In welchem?« April klang immer noch misstrauisch.

»Ich lüge nicht.«

»Dann sag mir, in welchem Motel du bist.«

Ich verdrehte die Augen. »Onho Motel.«

»Hast du das eben gegoogelt?«

»Mit welchem Laptop?«

»Okay, das ist ein Argument. Ich würde mich trotzdem wohler dabei fühlen, wenn du dich bei Aaron …« April verstummte.

Im Hintergrund waren Schritte zu hören und dann ein tiefes gemurmeltes »Hey«, das ich immer und überall wiedererkannt hätte.

Mein Herzschlag beschleunigte sich, und ich biss mir auf die Unterlippe, um keinen Laut von mir zu geben. Ich wollte nichts von dem verpassen, was Luca zu sagen hatte. Zwar hatte ich seine Stimme bereits auf einer der Sprachnachrichten gehört, aber zu wissen, dass er in dieser Sekunde neben April stand, ließ meinen Puls in die Höhe schießen.

»Mit wem telefonierst du?«, fragte Luca.

»Mit niemandem.«

»Du hältst das Handy also nur zum Spaß ans Ohr?«

»Ja.«

Schweigen folgte, und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die beiden einander herausfordernd anstarrten.

»Ich will mit ihr reden.«

Meine Knie begannen zu zittern, und die Luft, die ich angehalten hatte, kam mir mit einem Keuchen über die Lippen.

»Nein«, antwortete April.

»Ich muss mit ihr reden«, beharrte Luca.

»Vergiss es.«

»Gib mir dein Handy«, forderte er, und ich konnte ein kurzes Gerangel hören.

»Sage, ich muss Schluss machen!«, rief April, und noch bevor ich etwas erwidern konnte, wurde die Leitung unterbrochen.

Fassungslos hielt ich das Handy noch einige Sekunden ans Ohr und versuchte zu begreifen, was da gerade geschehen war. Luca hatte mit mir sprechen wollen. Er. Hatte. Mit. Mir. Sprechen. Wollen. Und ich hatte geglaubt, dass wir uns alles gesagt hätten.

Ich muss mit ihr reden.

Scheinbar nicht.

3. Kapitel

Seit zehn Minuten stand ich bereits auf der Straßenseite gegenüber von Olivias Wohnkomplex. Ich war viel zu früh dran, aber meine Abneigung gegen klebrige Wände und muffigen Gestank hatte mich aus dem Motel gejagt. Seit meinem Telefonat mit April vor zwei Tagen hatte ich das Zimmer kaum verlassen. Was hätte ich auch tun sollen? Es war zu kalt, um Zeit im Park totzuschlagen. Und hin- und hergerissen zwischen meiner Trauer über mein letztes Gespräch mit Luca und meiner Angst vor Alan war ich ein so angespanntes Nervenbündel, dass ich in dem Zustand nicht hatte riskieren wollen, in die Stadt zu gehen. Und meine einzige Freundin hier war noch immer in Brinson. Was war mir also anderes übrig geblieben, als schlechte Fernsehsendungen im Motel zu schauen?

Ich vergrub die Hände tief in den Taschen meines Mantels und sah nach links und rechts, ehe ich über die Straße eilte. Olivia erwartete mich zwar erst in gut einer Viertelstunde. Allerdings war ich lieber überpünktlich, als mich von ihr dabei erwischen zu lassen, wie ich sie von der anderen Straßenseite aus ausspionierte.

Das Haus, in dem ihre Wohnung lag, sah ansprechend aus. Es war etwas älter, aber in gutem Zustand. Mit einer makellosen Fassade, die erst kürzlich restauriert worden sein musste. Ich blieb vor der Tür stehen und studierte die Klingelschilder. Mit zitternden Fingern drückte ich auf den Knopf, auf dem Olivia Sterman stand. Ich fühlte mich wie vor einem ersten Date, auch wenn ich nie wirklich eins gehabt hatte. Luca und ich waren nie an diesen Punkt gekommen. Wir hatten zwar etwas zusammen unternommen, aber meist nur als Freunde, so wie zum Beispiel an Halloween; und ich hatte nie den Drang verspürt, ihn beeindrucken zu müssen. In diesem Moment war das anders, denn auch wenn die Verabredung mit Olivia kein Date war, wollte ich sie unbedingt für mich gewinnen.

Ein Summen ertönte, und ich stieß die Tür auf. Das Treppenhaus war mit Weihnachtskränzen geschmückt, und es duftete herrlich nach Kiefernnadeln. Ich knöpfte meinen Mantel auf und stieg die Stufen in den ersten Stock hoch.

Olivia wartete bereits auf mich. Lächelnd lehnte sie im Türrahmen. Die schwarzen Haare fielen ihr glatt bis zu den Hüften, und trotz der Kälte trug sie nur ein einfaches Top.

»Du musst Sage sein.« Sie streckte mir die Hand entgegen.

Ich griff danach. »Die bin ich.«

»Und ich bin Olivia, aber das hast du dir vermutlich bereits gedacht.« Mit einer auffordernden Geste lud sie mich in ihre Wohnung ein.

Ich streifte den Mantel ab. »Soll ich meine Schuhe ausziehen?«, fragte ich und sah auf die Wasserpfütze zu meinen Füßen, die der geschmolzene Schnee unter meinen Sohlen bereits hinterlassen hatte.

»Es reicht, wenn du sie abstreifst.« Sie deutete auf einen kleinen Läufer.

Während ich meine Schuhe trocknete, sah ich mich im Flur um. Die Decke war hoch, und an den Wänden hingen einige großformatige Fotos. Sie zeigten keine Personen, zumindest keine Freunde und Familie, sondern verwischte Gestalten in der Natur, wie Geister, die durch Wälder irrten.

»Du hast in deiner Mail geschrieben, dass du im ersten Semester studierst, oder?«, fragte Olivia.

Ich nickte. »Was studierst du?« Ich konnte mich nicht daran erinnern, Olivia jemals an der MVU gesehen zu haben, aber bei der Flut an Studenten, die täglich über den Campus schwirrten, war das wahrscheinlich auch nicht weiter verwunderlich.

»Dieses und jenes. Ich habe mich noch nicht wirklich festgelegt. Ich habe Kurse in Kunst und Fotografie belegt, bin aber auch in einigen Wirtschaftsvorlesungen und Mediendesign. Und du?«

»Ich bin ziemlich festgefahren, auf Psychologie. Sozialwissenschaften. So in die Richtung.«

»Hast du deine Noten schon bekommen?«

Ich schüttelte den Kopf. Um ehrlich zu sein, hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, im Onlineportal nachzusehen. Die Dozenten hatten uns zwar informiert, sie würden ihre Noten noch vor Neujahr einstellen, aber meine Prioritäten lagen derzeit woanders. »Du?«

»Alle Kurse bestanden«, verkündete Olivia stolz. »Willst du etwas trinken? Wasser? Saft? Tee?«

»Gerne einen Tee.«

Während Olivia Wasser aufsetzte und Tassen von einem Regal nahm, ließ ich den Blick durch die Küche schweifen. Sie war ebenso neu wie das Parkett im Flur. Der Einbauküche gegenüber stand ein kleiner Frühstückstisch mit drei Stühlen, und auch in diesem Raum hingen Fotos an der Wand. »Hast du die Bilder gemacht?«

»Ja, die meisten davon sind in meinem Kurs entstanden.«

»Die sind echt toll.«

»Danke.«

Wir quatschten noch ein paar Minuten über belangloses Zeug, um einander besser kennenzulernen, während das Wasser aufkochte.

»Bereit für deine Führung?«, fragte Olivia schließlich.

Ich nickte, und mit meinem Teebecher in der Hand folgte ich ihr zunächst ins Bad, das nur mit dem Nötigsten ausgestattet war. Ein Wohnzimmer gab es nicht, da beide noch leer stehenden Räume vermietet werden sollten. Wobei ich mich ausschließlich für das kleinere der beiden Zimmer interessierte, das größte kostete hundertfünfzig Dollar mehr Miete. Geld, das ich nicht hatte.

»Wie viele Besichtigungen hast du denn noch vereinbart?«, fragte ich, nachdem wir unseren Rundgang beendet hatten.

Olivia überlegte kurz. »Drei für das größere Zimmer. Und zehn für das kleinere.«

»Wow, da bist du ja wirklich gefragt.«

»Ich glaube, es liegt weniger an mir als am mangelnden Wohnraum. Ich wollte ursprünglich auch in eine WG ziehen, aber nachdem ich zwei Monate kein Zimmer gefunden habe, habe ich beschlossen, einfach selbst eine zu gründen.«

Einfach. Ganz so leicht war es dann doch nicht. Tatsächlich war mir die Idee, eine eigene WG zu gründen, auch schon gekommen. Nur wie hätte ich das finanzieren sollen? Bis ich Mitbewohner fand, hätte ich für die ersten Wochen die Miete allein stemmen müssen. Und es gab niemanden, den ich vom Fleck weg fragen konnte, ob er eine Wohngemeinschaft mit mir gründen wollte – abgesehen von Connor vielleicht.

»Und, wie gefällt dir die Wohnung?«, fragte Olivia.

»Sie ist wirklich schön, allerdings kann ich mir nur das kleine Zimmer leisten.«

»Wie die meisten.« Sie seufzte. »Die erste Bewerberin, die hier war, wollte auch das kleine. Aber ich werde mich erst entscheiden, wenn ich mit allen gesprochen habe.«

»Wann wird das sein?«

»Der letzte Termin ist am zweiten Januar.«

Mist. Wenn sich keiner der anderen Vermieter bei mir zurückmeldete, würde ich über Neujahr im Motel bleiben müssen. Das war so nicht geplant gewesen. Aber ich wollte mir meine Enttäuschung nicht anmerken lassen und zwang ein Lächeln auf meine Lippen, das hoffentlich überzeugend wirkte.

Ich verließ das nach Kiefernnadeln duftende Treppenhaus und schlug den Kragen meines Mantels gegen die Kälte hoch. Die Sonne ging bereits unter, und ich beeilte mich, zurück ins Motel zu kommen.

Brigid, die Inhaberin, grüßte mich an der Rezeption. Sie unterhielt sich mit Cliff, dem Besitzer des Hundes, der jeden Tag wie ein Kind im Schnee tollte. Ich ging an den beiden vorbei in den Flur, in dem mein Zimmer lag. Als ich den Blick hob, sah ich eine Gestalt, die neben meiner Tür stand.

Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. »Was machst du denn hier?«

»Ich dachte, ich schau mir mal deine neue Bleibe an.« April stieß sich von der Wand ab und kam mir entgegen. Sie trug eine Lederjacke, die viel zu dünn für die Jahreszeit war, und eine Strickmütze, die aussah, als hätte sie sie aus Gavins Privatbestand geklaut. Ihr blondes Haar und die feinen Gesichtszüge erinnerten mich auf schmerzhafte Weise an Luca, dennoch ließ ich mich dankbar von ihr in eine Umarmung ziehen. Sie drückte mich für einen langen Moment fest an sich und rieb mir über den Rücken. Ihr stummer Trost war mehr, als ich verdient hatte.

»Seit wann seid ihr zurück?«, fragte ich. Ich vermutete, dass Luca ebenfalls wieder in Melview war, nachdem ich mit meinem Transporter aus Brinson geflohen war und er kein eigenes Auto besaß.

»Heute Mittag. Aaron hat mich für Silvester zu sich eingeladen, und so gerne ich meine alten Freunde auch mag, ich will das neue Jahr lieber mit meinen neuen willkommen heißen.« April ließ mich los, um mich eingehend zu betrachten, und ich war froh, nicht mehr ganz so schlimm auszusehen wie bei meinem Aufeinandertreffen mit Connor. »Das bedeutet, dass du natürlich mitkommen musst.«

»Ich weiß nicht …« Ich kramte den Zimmerschlüssel aus meiner Manteltasche hervor. Die Erinnerung an Aarons letzte Party hinterließ einen fahlen Geschmack in meinem Mund. Was mir an dem Abend passiert war, hatte nichts mit ihm zu tun gehabt, doch das änderte nichts daran, dass mich die Ereignisse an meine Grenzen getrieben hatten. »Wird das so eine Riesensache wie an seinem Geburtstag?«

»Nein. Seine Mitbewohner sind noch ausgeflogen. Er hat nur eine Handvoll Leute eingeladen, damit wir zusammen langweilig sein können.«

»Wird …« Ich räusperte mich. »Wird Luca da sein?«

»Glaubst du ernsthaft, ich würde dich einladen, wenn Luca kommen würde?«

Ich zuckte mit den Schultern und sperrte die Tür auf, um etwas Zeit zu gewinnen. Einerseits wollte ich den Jahreswechsel nicht alleine in meinem ranzigen Motelzimmer verbringen, aber ich fühlte mich auch nicht besonders gesellig, und vor allem wollte ich nicht unter Menschen sein, die mich ständig nach Luca und unserer Trennung fragten.

»Ach komm schon«, drängte April und zupfte wie ein ungeduldiges Kind an meinem Ärmel. »Du bist es mir schuldig, nachdem du drei Tage lang meine Anrufe ignoriert hast.« Sie zog eine Braue hoch. »Oder hast du schon was anderes vor?«

Ich schaltete das Licht ein. »Nein –«

»Dann ist das beschlossene Sache. Du kommst mit«, unterbrach sie mich und schob sich an mir vorbei ins Zimmer.

Ich folgte ihr und legte aus Gewohnheit das Hängeschloss vor.

Langsam schritt April durch den Raum und sagte dabei kein Wort. Ich versuchte, das Motel mit ihren Augen zu sehen. Mir war bewusst, dass ich für zehn Dollar die Nacht nicht das Hilton erwarten konnte, und dieses Zimmer war für mich die einzige mögliche Zuflucht gewesen. Und auch wenn es mit jedem Tag schäbiger zu werden schien, so war es mir noch nie so dreckig vorgekommen wie in diesem Moment. Das gelbe Licht der Deckenlampe ließ die Flecken auf dem Teppichboden deutlich hervortreten. Die Tapete war vergilbt, und der Geruch nach abgestandenem Rauch war so intensiv, als hätte jemand eben erst eine Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt.

Langsam drehte sich April zu mir um. »Ist das dein Ernst?« Sie beschrieb eine Geste mit den Armen, die den gesamten Raum einschloss.

Ich zuckte mit den Schultern. »Es ist billig.«

»Es ist ein Rattenloch.« Sie verzog angeekelt die Lippen, als sie den Schimmelfleck an der Decke bemerkte. »Du kannst nicht hierbleiben.«

»Es ist nur für ein paar Tage.«

»Jede Stunde in diesem Zimmer ist eine zu viel.«

»Es war das einzige Motel, das ich mir leisten konnte«, erklärte ich und ließ mich aufs Bett fallen, wo ich mir die nassen Schuhe von den Füßen streifte und die Beine anzog.

»Du hättest auch noch ein paar Tage bei uns bleiben können.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, hätte ich nicht.«

»Es hätte Luca sicherlich nicht gestört.«

»Er war derjenige, der wollte, dass ich gehe«, erwiderte ich leise. Aber selbst wenn er mir angeboten hätte, weiter bei sich zu wohnen, hätte ich nicht bleiben wollen, denn einfach alles dort erinnerte mich an unsere gemeinsame Zeit. Beim Anblick der Couch hätte ich an Halloween denken müssen. Der Herd hätte mich an den Morgen unseres ersten Kusses erinnert. Und auf dem Balkon hätte ich unweigerlich an seinen Geburtstag und das Selfie denken müssen, das er von seinem Instagram-Account gelöscht hatte.

»Ich bin mir sicher, du hast ihn falsch verstanden.«

Ich stieß ein Schnauben aus. »Für mich war sein ›Verschwinde‹ ziemlich deutlich.«

April neigte den Kopf. »Er hat es nicht so gemeint.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich weiß es, weil es ihm nicht gut geht.« Sie seufzte und rieb sich über die Stirn. »Er würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich dir das sage, aber er fühlt sich deinetwegen miserabel. Er versucht, es zu überspielen und mir aus dem Weg zu gehen, weil ich ihn durchschaue, aber ich kenne Luca. Er vermisst dich, Sage.«

Und ich vermisse ihn. Ich kniff die Augen zusammen und schüttelte noch einmal den Kopf. »Das ist nur ein Grund mehr, nicht wieder bei euch einzuziehen. Wenn wir uns jeden Tag sehen, würde das die Sache nur schlimmer machen.«

April schürzte die Lippen. Ich hatte recht, und sie wusste es.

»Außerdem schaue ich mich bereits nach neuen Wohnungen um. Ich komme gerade von einer Besichtigung.«

»Du wechselst jetzt nicht einfach das Thema«, mahnte April und ließ sich neben mich aufs Bett fallen, wobei sie sich ganz an den Rand setzte, als wollte sie jeglichen Kontakt mit den Laken möglichst vermeiden.

»Ich wechsle nicht das Thema. Du bist unzufrieden mit meiner Wohnsituation, und ich lasse dich wissen, dass sich vermutlich bald etwas daran ändern wird.«

April verdrehte die Augen. »Du bist genauso schlimm wie Luca. Wieso könnt ihr beide nicht einfach über eure Gefühle reden? Das ist nicht verboten.«

»Nein, aber es gibt nichts zu bereden. Wir haben Schluss gemacht. Ende der Geschichte«, beharrte ich und wischte mir eilig eine Träne aus dem Augenwinkel. Wenn ich April erlaubte, weiter mit mir über Luca zu sprechen, würde ich wieder richtig anfangen zu weinen, und dann würde ich uns aus diesem Zimmer hinausspülen wie bei Alice im Wunderland. »Und das Motel ist auch gar nicht so übel.«

»Es stinkt nach Rauch und altem chinesischem Essen.« Sie rümpfte die Nase und sah sich noch einmal um. »Außerdem merke selbst ich, dass dieses Bett unbequem ist.«

»Man kann sich daran gewöhnen.«

»Sollte man aber nicht müssen.«

Ohne etwas zu erwidern, starrte ich April an. Was erwartete sie von mir? Sollte ich mein Konto leer räumen, um mein gesamtes Geld für ein schöneres Motel aus dem Fenster zu werfen? Oder mich und Luca quälen, indem ich wieder auf seiner Couch übernachtete?

4. Kapitel

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Die Erinnerungen an Luca, meine Sorgen wegen einer neuen Wohnung und die Geräusche aus den umliegenden Zimmern hielten mich wach. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, strampelte die Bettdecke weg, nur um sie mir wenige Minuten später wieder über den Kopf zu ziehen. Und jedes Mal, wenn ich kurz davor war einzuschlafen, hörte ich Lucas Stimme. Nicht kalt und bitter wie bei unserem letzten Gespräch, sondern warm und sanft wie in unserer gemeinsamen Nacht. Ich vermisste seine Nähe, und obwohl ich mich unter der Decke verkrochen hatte, erschien mir das Bett plötzlich kalt und leer. Ich drehte mich auf den Rücken und versuchte, an etwas anderes zu denken, und das Erste, was mir in den Sinn kam, war die Silvesterparty bei Aaron. Ich war nicht besonders scharf darauf, aber wenigstens könnte ich den Abend mit April verbringen. Außerdem würde mich das von meinen Gedanken an Luca ablenken.

Luca, den ich seit fünf Tagen nicht mehr gesehen hatte.

Luca, dessen Küsse ich noch immer auf meiner Haut spüren konnte.

Luca, dessen Gesichtsausdruck ich nie vergessen würde, als ich ihm gesagt hatte, dass mich unsere gemeinsame Zeit angeekelt hat.

Verdammt! Jetzt dachte ich schon wieder an ihn.

Ich tastete nach meinem Handy. Drei Uhr siebenundvierzig. Viel zu früh zum Aufstehen, aber ich konnte keine Minute länger liegen bleiben. Nicht wenn ich in jeder einzelnen davon an Luca denken musste.

Ich schaltete die Nachttischlampe ein und stand auf. Ein kurzer Rundumblick durch das Zimmer reichte aus, um mir nur allzu deutlich vor Augen zu führen, wie begrenzt meine Möglichkeiten hier waren. Ich schaltete den Fernseher ein, der flackernd zum Leben erwachte, und begann mir sinnlose Dauerwerbesendungen über Lockenwickler, Beinenthaarung und elektronische Küchenhelfer anzusehen, die man besonders günstig erstehen konnte, wenn man genau jetzt eine völlig überteuerte Hotline anrief. Gott, ich vermisste meinen Schmuck. Beim nächsten Mal, wenn ich mit April sprach, musste ich sie wirklich dringend daran erinnern, mir meine Sachen vorbeizubringen. Dennoch erfüllte das Gedudel des Fernsehers seinen Zweck, indem es mich von Luca ablenkte, bis ich schließlich vor lauter Langeweile während einer Werbung für Frischhalteboxen einschlief.

Am nächsten Morgen machte ich mich so früh wie möglich auf den Weg in die Stadt, um in diesem Jahr ein letztes Mal meine E-Mails zu checken.

Anstelle von Connor stand heute eine junge Frau hinter der Theke. Ich bestellte mir wieder eine heiße Schokolade und saß als einzige Person im hinteren Teil des Cafés. Von den zwölf WGs, die ich am vergangenen Tag angeschrieben hatte, hatten sich nur sechs zurückgemeldet, und fünf der Nachrichten beinhalteten Absagen. Ich war nicht allzu enttäuscht, denn wider besseres Wissen setzte ich all meine Hoffnungen in Olivia. Ich wollte unbedingt bei ihr einziehen. Nicht nur deswegen, weil ich mich gut mit ihr verstand, die Wohnung hatte auch die perfekte Lage zum Campus, und das kleine Zimmer lag sogar fünfundzwanzig Dollar unter meinem Preislimit. Was wollte ich mehr?

Ich antwortete auf die einzige Zusage und gab meine Handynummer durch, um einen Besichtigungstermin im neuen Jahr vereinbaren zu können. Anschließend klickte ich mich durch die Seiten auf der Suche nach den neusten Anzeigen, aber zwischen den Feiertagen war nicht viel eingestellt worden. Zuletzt überprüfte ich das Onlineportal der MVU. Mit flatternden Nerven öffnete ich die Seite mit den Noten, und ein erleichtertes Seufzen kam mir über die Lippen, als ich neben Sozialwissenschaften in Großbuchstaben das Wort Bestanden las. Auch einige der anderen Kurse hatte ich erfolgreich abgeschlossen, zwar mit schlechteren Noten, aber darauf kam es mir in diesem Moment nicht an. Nur das Ergebnis der Psychologieprüfung stand noch aus, aber bei dem Umfang von Professor Eriksens Fragen wunderte mich das nicht. Ich zweifelte noch immer daran, die Prüfung bestanden zu haben, doch bevor ich es nicht Schwarz auf Weiß vor mir sah, wollte ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Vom Sich-Sorgen-Machen wird nichts besser.

Schneller als erwartet war ich am Computer fertig. Ich bezahlte für die halbe Stunde Internet und machte mich auf den Weg zurück ins Motel, um auf April zu warten, die mich für die Party bei Aaron abholen wollte.

Ich duschte und zog die Klamotten an, die ich eigentlich für Weihnachten mit Lucas Eltern vorgesehen hatte. Eine schwarze Bluse mit goldenem Reißverschluss am Kragen und eine schwarze Jeans. Zwar würden wir bei Aaron unter uns sein, aber Kleider machten nun mal Leute, wie es so schön hieß, und ich war fest entschlossen, diesen Abend zu genießen und mich nicht von der Tatsache runterziehen zu lassen, dass ich keinen Neujahrskuss von Luca bekommen würde.

Ich saß auf dem Bett und schaltete durch das Fernsehprogramm, das heute ausschließlich aus Rückblenden und Best-Ofs des vergangenen Jahres zu bestehen schien, als es an der Tür klopfte.

»Einen Moment«, rief ich, sprang auf und löste das Hängeschloss.

»Hey«, grüßte mich April und umarmte mich.

Ähnlich wie ich hatte sie sich sichtbar mehr Mühe mit ihrem Outfit gegeben, als für einen entspannten Abend bei Aaron nötig gewesen wäre. Zwar konnte ich nicht sehen, was sie unter ihrer Jacke trug, aber die weit fallende Stoffhose aus grauem Stoff wirkte ziemlich elegant, genau wie ihre Hochsteckfrisur.

»Du siehst gut aus.«

»Danke. Du auch. Ich bin gleich fertig. Brauche nur noch meine Jacke.«

»Keine Eile, ich bin eh etwas zu früh dran.«

Ich ließ die Tür offen, doch April blieb im Flur stehen. Verstohlen ließ sie den Blick durch den Raum gleiten. Es war deutlich zu sehen, dass sie versuchte, ihr Missfallen über meine Wohnsituation zu verbergen, allerdings gelang es ihr nicht sonderlich gut. Ich ignorierte ihren Gesichtsausdruck, schaltete den Fernseher aus und holte meine Jacke.

»Hattest du bei der Wohnungssuche noch Glück?«, fragte April.

Ich nahm mir meinen Schlüssel vom Tisch und trat zu ihr auf den Flur. »Nicht wirklich. Ich habe heute noch ein paar Leute angeschrieben und auch eine Zusage für einen weiteren Besichtigungstermin bekommen, aber viele haben auch einfach gar nicht geantwortet.«

»Vermutlich sind alle noch in den Ferien.«

»Vermutlich«, echote ich, wobei ich das Schweigen der Vermieter eher als stumme Absage verstand. Wahrscheinlich waren die angebotenen Zimmer bereits vermietet, und die Leute hatten einfach keine Lust, sich mit sinnfreien Absagen herumzuschlagen.

Der Verkehr war der Horror. Jeder war auf dem Weg zu einer Party oder besorgte letzte Kleinigkeiten, um ins neue Jahr starten zu können. Knapp eine halbe Stunde verging, bevor April ihren Wagen parkte. Es dämmerte bereits, und die Lichterketten, die am Dach und um die Büsche im Garten angebracht waren, beleuchteten das Haus. Anders als bei meinem letzten Besuch spielte keine Musik, und ich verspürte sofort so etwas wie Erleichterung. Offenbar hatte ein Teil von mir bis zu diesem Moment nicht geglaubt, dass der heutige Abend tatsächlich ruhig und entspannt werden würde.

April drückte die Klingel neben der Tür, die einen Augenblick später von Connor geöffnet wurde.

»Hey, ihr seid ja früh dran.«

»Du auch«, erwiderte April.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe Aaron beim Aufräumen geholfen.«

April drückte ihm eine Tüte in die Hand, die sie von der Rückbank ihres Autos mitgenommen hatte. Ich wusste nicht, was drin war, vermutete Snacks und fragte mich unwillkürlich, ob ich auch etwas hätte mitbringen sollen. Vielleicht konnte ich ein paar Dollar zu Aprils Kauf beisteuern.

Nachdem April und ich unsere Sachen an die Garderobe gehängt hatten, folgten wir Connor in die Küche. Aaron stand dort umgeben von zig Schüsseln an der Theke und war dabei, verschiedenes Gemüse klein zu schneiden. Ein süßer Duft, den ich nicht zuordnen konnte, lag in der Luft, und die Fenster waren von Dampf beschlagen.

»Hey, ihr.« Aaron winkte uns mit seinem Messer zu, wobei er aussah wie ein verrückter Serienmörder. Ein Eindruck, der durch seine komplett schwarze Kleidung noch verstärkt wurde.

»Wow! Sei vorsichtig damit.« April lachte und stibitzte sich einen Streifen Paprika.

»Psst«, zischte Aaron. »Nicht naschen.« Er machte eine wegscheuchende Handbewegung. »Du bist wie Connor. Ich glaube, er hat schon eine ganze Gurke weggefuttert.«

»Habe ich nicht«, protestierte Connor und machte sich daran, die Tüte auszupacken, die April mitgebracht hatte. Darin waren mehrere Bambusmatten, Packungen mit Noriblättern und zwei Rollen Frischhaltefolie. Nun erkannte ich auch den Geruch in der Küche: Reis.

»Sushi?«, fragte ich.

Aaron nickte. »Aprils Wunsch.«

Ich verdrehte die Augen. »Natürlich.«

»Hey, du magst Sushi doch auch.« April funkelte mich herausfordernd an.

»Aber nicht so sehr wie du.«

»Stimmt, denn niemand liebt Sushi so sehr wie ich.« Verträumt presste sie sich eine Hand auf die Brust, ehe sie sich noch einen Streifen Karotte schnappte.

Aaron warf ihr einen warnenden Blick zu, sagte allerdings nichts und zerteilte weiter in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit die Paprika, dass ich mir Angst um seine Finger machte.

»Kann ich irgendwie helfen?«, erkundigte ich mich.

»Du kannst den Fisch aus dem Kühlschrank holen und schneiden, wenn du willst.«

Ich lief zur Spüle, um mir die Hände zu waschen. »Klar.«

»Und was soll ich machen?«, fragte April.

Connor, der dabei war, die neuen Bambusmatten auszupacken, deutete auf eine große Schüssel, die mit einem Tuch abgedeckt an der Seite stand. Dabei fiel mir auf, dass er heute das erste Mal, seit wir uns kannten, kein Hemd trug, sondern einen dunkelgrünen Pullover mit V-Ausschnitt. »Du kannst den Reis abschmecken. Essig, Zucker und Salz habe ich dir schon bereitgestellt.«

April salutierte. »Aye, aye Captain!«

Ich holte den Fisch aus dem Kühlschrank und stellte mich mit gebührendem Abstand neben Aaron an die Kücheninsel, wo er mir bereits ein Brett mit Messer bereitgelegt hatte. Probeweise schnitt ich ein paar Streifen von dem frischen Lachs. »So?«

Er begutachtete mein Werk. »Vielleicht etwas dünner.«

Vorsichtig, um den Abend nicht mit fehlender Fingerkuppe im Krankenhaus verbringen zu müssen, folgte ich seiner Anweisung. Ein paar Sekunden arbeiteten wir schweigend nebeneinander, aber mit jemandem, den man nicht kannte, fühlte sich Stille immer etwas eigenartig an.

»Und, was hast du an Weihnachten so getrieben?«, fragte ich schließlich.

»Nichts Spannendes.« Er zuckte mit den Schultern und blickte nicht von seinem Schneidebrett auf. »Meine Mitbewohner sind alle zu ihren Familien gefahren, und ich war hier. Am Weihnachtsmorgen habe ich für ein paar Stunden in einer Suppenküche ausgeholfen. Das war auch schon alles.«

Ich wusste nicht, was mich mehr überraschte, die Sache mit der Suppenküche oder dass er keine Zeit mit seiner Familie verbracht hatte. »Wie kommt’s?«

»Meine Familie legt nicht viel Wert auf Feiertage«, antwortete er knapp und klang dabei nicht verbittert. Dennoch wechselte er das Thema. »Habt ihr eure Noten schon bekommen?«

»Noch nicht alle«, antwortete April, die gerade Essig über den Reis kippte. »Aber bisher alle bestanden. Bei dir?«

»Dito«, erwiderte Aaron. »Aber alles andere hätte mich auch enttäuscht. Ich glaube, ich habe noch nie so viel gebüffelt wie in den letzten zwei Monaten.«

»Das kann ich bestätigen«, erklärte April. Sie streute noch etwas Salz über den Reis, ehe sie sich die Schlüssel unter den Arm klemmte, um besser umrühren zu können. »Wie sieht’s bei euch aus?«

»Ich bin auch durch alle Fächer durch, nur Psychologie steht noch aus.«

Offenbar konnte man mir meine Sorge bezüglich Eriksens Note anhören, denn April bedachte mich sofort mit einem verständnisvollen Blick. »Ich bin mir sicher, dass du bestanden hast.«

»Wir werden sehen.« Ich bemühte mich um ein Lächeln. Sie kannte meine Bedenken bezüglich der Klausur bereits, aber ich konnte ohnehin nichts mehr an dem Ergebnis ändern, weshalb ich mir auch nicht erlaubte, über die Konsequenzen einer unbestandenen Prüfung nachzudenken. Das würde ich tun, sobald es so weit war. Anderenfalls würde ich mich womöglich völlig unnötig selbst in eine Panikattacke treiben.

»Ich habe auch alle Fächer bestanden«, sagte Connor und lächelte mich mitfühlend an. »Bisher.«

»Psychologie wird schon auch geklappt haben«, versicherte ihm Aaron und legte die frisch geschnittenen Paprikastreifen in eine der Schalen. »Du hast gelernt und verstehst, um was es geht. Das wird Eriksen erkennen. Wen interessieren da schon ein paar fehlende Worte und Rechtschreibfehler in der Erklärung?«

Connor starrte mit geröteten Wangen auf das Muster seiner Socken, als würde dieses ein Geheimnis bergen, das er lüften musste. »Du hast leicht reden. Deine Sätze klingen ja auch nicht wie die eines Grundschülers.«

»Und deine auch nicht«, sagte Aaron resigniert, als wäre er es leid, schon wieder dieselbe Diskussion mit Connor zu führen. »Du traust dir zu wenig zu. Wärst du so unfähig, wie du dir selbst einredest, hättest du die Highschool niemals bestanden.«

Connor schnaubte und schob die Brille hoch, die ihm von der Nase zu rutschen drohte. »Du kannst die Highschool nicht mit Psychologie bei Eriksen vergleichen.«

»Ich kann und ich werde.« Herausfordernd reckte Aaron das Kinn in die Höhe, doch bevor Connor etwas erwidern konnte, hallte ein schrilles Klingeln durch die Wohnung.

»Ich gehe schon«, erklärte Connor, der die Küche offenbar nicht schnell genug verlassen konnte, um der Diskussion mit Aaron zu entgehen.

Ich fühlte mit ihm. An seiner Stelle hätte ich mich auch unwohl dabei gefühlt, in aller Öffentlichkeit über meine Legasthenie zu sprechen – zumindest vermutete ich diesen Grund hinter dem Gespräch, das die beiden gerade geführt hatten. Das würde auch erklären, weshalb Connor nach den Midterms und Finals so einen gehetzten Eindruck gemacht hatte.

»Fertig!«

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