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Verbotene Sehnsucht

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PROLOG

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da kamen vier Soldaten nach vielen Jahren des Kriegs nach Hause. Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!, konnte man den schweren Klang ihrer Stiefel weithin hören, als sie erhobenen Hauptes nebeneinander einhermarschierten und weder nach links noch nach rechts sahen. Denn so hatten sie gelernt zu marschieren, und es ist nicht leicht, mit den Gewohnheiten langer Jahre zu brechen. Die Kriege und Schlachten waren vorüber, doch ich weiß nicht, ob unsere Soldaten sie gewonnen oder verloren haben, und vielleicht ist das auch gar nicht von Bedeutung. Ihre Uniformen waren zerlumpt, ihre Stiefel mehr Löcher als Leder, und nicht einer der Soldaten kehrte als der Mann zurück, als der er aufgebrochen war.

Nach einer Weile gelangten sie zu einer Wegeskreuzung, und hier blieben sie stehen und überlegten, wohin sie gehen sollten. Eine Straße führte nach Westen, der Weg schien gerade und gut gepflastert. Eine Straße ging gen Osten, in einen dunklen und geheimnisvollen Wald hinein. Und eine Straße zeigte nach Norden, wo einsames Gebirge sich düster auftürmte.

„Nun, Kameraden“, sagte der größte der Soldaten, nahm seinen Hut ab und kratzte sich den Kopf. „Sollen wir eine Münze werfen?“

„Nicht nötig“, meinte der Soldat zu seiner Rechten. „Mein Weg liegt hier.“ Und er wünschte seinen Kameraden Lebewohl und marschierte gen Osten. Ohne sich noch einmal nach ihnen umzusehen, verschwand er in dem dunklen Wald.

„Mir sagt dieser Weg zu“, meinte der Soldat zu seiner Linken und zeigte auf die hohen Berge, die in der Ferne aufragten.

„Und ich“, rief der große Soldat lachend, „ich nehme natürlich den leichten Weg, denn so habe ich es immer gehalten. Aber was ist mit dir?“, fragte er den letzten Soldaten. „Welchen Weg wirst du nehmen?“

„Ach, ich“, seufzte jener. „Ich glaube, ich habe einen Stein im Schuh und werde mich erst mal hinsetzen und ihn herausholen, denn er plagt mich schon seit Meilen.“ Er ließ seinen Worten Taten folgen, setzte sich auf einen nahen Fels und klopfte seinen Stiefel aus.

Der große Soldat setzte seinen Hut wieder auf. „Dann ist es also entschieden.“

Die verbliebenen Soldaten gaben einander zum Abschied die Hand und gingen jeder seines Weges. Aber welche Abenteuer sie erwarteten und ob sie wohlbehalten nach Hause fanden, kann ich euch noch nicht erzählen, denn dies ist nicht ihre Geschichte. Dies ist die Geschichte des ersten Soldaten, der in den dunklen Wald gegangen war.

Sein Name war Eisenherz ...

Eisenherz

1. KAPITEL

Eisenherz verdankte seinen Namen einer sehr seltsamen Begebenheit. Denn wenngleich seine Arme und Beine, sein Gesicht und auch der Rest seines Leibes ebenso waren wie bei allen anderen Menschen, so war sein Herz es doch nicht. Es war aus Eisen und saß außen auf seiner Brust. Dort schlug es tapfer, stark und stetig ...

Eisenherz

London, September 1764

Es heißt, er sei davongelaufen“, raunte Mrs. Conrad verschwörerisch.

Lady Emeline Gordon nahm einen Schluck Tee und schaute über den Rand ihrer Tasse zu dem fraglichen Gentleman hinüber. Er wirkte hier so fehl am Platz wie ein Jaguar inmitten zahmer Hauskatzen: wild, voller Leben und etwas unzivilisiert. Gewiss nicht der Mann, den sie auf den ersten Blick für einen Feigling hielte. Emeline überlegte, wer er wohl war, und dankte derweil dem Himmel für sein Erscheinen auf der Teegesellschaft. Mrs. Conrads Salon war sterbenslangweilig gewesen – bis er hereinspaziert gekommen war.

„Bei dem Massaker am 28. Regiment, drüben in den Kolonien“, fuhr Mrs. Conrad atemlos fort. „Damals, 1758. Einfach davongelaufen. Dass er sich nicht schämt!“

Emeline wandte sich wieder ihrer Gastgeberin zu und hob schweigend eine Braue. Unbeirrt erwiderte sie Mrs. Conrads Blick, und so entging ihr auch nicht jener Moment, da die dumme Person sich erinnerte. Mrs. Conrads ohnehin rosiges Antlitz nahm einen tiefroten Ton an, der ihr gar nicht gut zu Gesicht stand, wie Emeline fand.

„Damit wollte ich nur sagen ... ich ... ähm ...“, stammelte ihre Gastgeberin.

Das hatte man davon, wenn man die Einladung einer Dame annahm, die Ambitionen bezüglich der besten gesellschaftlichen Kreise hegte, doch leider nicht genügte. Es war Emelines Schuld, wirklich. Weshalb war sie auch gekommen? Sie seufzte und erbarmte sich. „Er ist also in der Armee?“

Dankbar griff Mrs. Conrad nach dem rettenden Strohhalm. „Nein. Oh nein. Nicht mehr. Zumindest glaube ich das nicht.“

„Ah“, sagte Emeline und sah sich nach neuem Gesprächsstoff um.

Der Salon war großzügig bemessen und kostbar ausgestattet. Ein prächtiges Deckengemälde zeigte Hades, wie er Persephone nachstellte. Die Göttin sah allerliebst und arglos aus. Mit sanftem Lächeln schaute sie auf die unten versammelte Gesellschaft herab. Gegen den Gott der Unterwelt würde sie aber keine Chance haben, wenngleich er in dieser Darstellung reizende rosige Wangen hatte und aussah, als könne er kein Wässerchen trüben.

Jane Greenglove, Emelines derzeitige Schutzbefohlene, saß auf einem Kanapee nahebei und plauderte mit dem jungen Lord Simmons. Eine sehr glückliche Wahl. Emeline nickte wohlwollend. Lord Simmons verfügte über ein Einkommen von achttausend Pfund im Jahr und besaß ein annehmliches Haus nahe Oxford. Eine gelungene Verbindung, zumal Janes ältere Schwester Eliza jüngst den Antrag von Mr. Hampton angenommen hatte. So fügte sich doch alles trefflich – wie immer eigentlich, wenn Emeline sich bereit fand, eine junge Dame in die Gesellschaft einzuführen. Aber dennoch freute es einen stets aufs Neue, seine Erwartungen erfüllt zu sehen.

Sollte man zumindest meinen. Emeline ertappte sich dabei, wie sie eines der Spitzenbänder an ihrer Taille um den Finger wickelte, fasste und beherrschte sich und strich es wieder glatt. Wenn sie ganz ehrlich war, so fühlte sie sich ein wenig lustlos und verstimmt. Was natürlich lächerlich war. Ihr Leben ließ wahrlich nichts zu wünschen übrig. Absolut gar nichts.

Betont beiläufig sah sie zu dem Fremden hinüber, nur um festzustellen, dass sein dunkler Blick auf ihr ruhte. Um seine Augen zogen sich feine Falten zusammen, als ob er sich über etwas amüsierte. Gut möglich, dass er sich über sie belustigte. Rasch sah sie beiseite. Grässlicher Mann. Ganz offensichtlich war ihm nicht entgangen, dass alle Damen im Salon ihn bemerkt hatten.

Neben ihr hatte Mrs. Conrad zu plappern begonnen – vermutlich um ihren Fauxpas vergessen zu machen. „Ihm gehört eine Importfirma in den Kolonien. Ich glaube, dass er geschäftlich in London ist. Das meint zumindest Mr. Conrad. Und reich wie Krösus soll er sein, auch wenn man es kaum glauben mag, wenn man ihn so sieht.“

Nach dem eben Gehörten war es unmöglich, ihn nicht doch noch einmal in Augenschein zu nehmen. Von den Schenkeln an aufwärts war seine Garderobe wirklich nicht weiter der Rede wert: ein schwarzer Rock und eine braun-schwarz gemusterte Weste. Soweit die standesübliche und gediegene Kleidung eines Gentlemans – bis man zu den Beinen kam. Dieser Mann trug doch allen Ernstes Beinkleider, die er nur von den Eingeborenen aus den Kolonien haben konnte! Sie waren aus braunem, seltsam glanzlosem Leder und wurden knapp unterhalb der Knie von rot-weißschwarz gestreiften Bändern gehalten. Vorn taten die Beinlinge sich auf und fielen ihm in bunt bestickten Schurzen zu beiden Seiten über die Füße. Das Wunderlichste aber waren seine Schuhe, denn sie waren ohne Absätze. Soweit man das denn sah, schien er eine Art Schlupfschuh zu tragen, der aus demselben weichen, glanzlosen Leder war wie die Beinlinge und von der Ferse bis zur Zehenspitze mit Perlenstickerei besetzt. Allerdings war der Fremde auch ohne Absätze sehr groß geraten. Sein Haar war braun, und seine Augen, so sie es aus dieser Entfernung erkennen konnte, waren es auch. Auf jeden Fall nicht blau oder grün. Klug blickten sie unter schweren Lidern hervor. Sie musste ein Schaudern unterdrücken. Kluge Männer waren so schwer zu handhaben.

Er stand mit einer Schulter an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah sich interessiert um. Gerade so, als wären sie hier die Exoten und nicht er. Seine Nase war lang und hatte einen Höcker, sein Gesicht gebräunt, als wäre er kürzlich erst aus warmen Gefilden zurückgekehrt. Er hatte ein markantes, ungezähmtes Gesicht: Wangenknochen, Nase und Kinn stachen in jener aggressiv-männlichen Manier hervor, die so ausnehmend ansprechend war. Sein breiter Mund hingegen wirkte fast weich, mit einer sinnlichen Kerbe in der Unterlippe. Der Mund eines Mannes, der zu genießen wusste. Der genoss und verweilte. Ein gefährlicher Mund.

Emeline wandte abermals den Blick ab. „Wer ist er?“

Ungläubig starrte Mrs. Conrad sie an. „Ja, wissen Sie das denn nicht, meine Liebe?“

„Nein.“

Ihre Gastgeberin war entzückt. „Aber Teuerste, das ist Mr. Samuel Hartley! Obwohl er seit gerade mal einer Woche in London ist, spricht bereits die ganze Stadt über ihn. Seine Gesellschaft gilt als nicht gänzlich respektabel, weil ...“ Mrs. Conrad fing Emelines Blick auf und ließ tunlichst ungesagt, was sie hatte sagen wollen. „Nun ja. Sagen wir einfach, dass trotz seines Reichtums nicht jeder erfreut ist, ihn zu sehen.“

Emeline saß reglos und spürte ein leises Prickeln im Nacken.

Unverdrossen fuhr Mrs. Conrad fort: „Ich hätte ihn nicht einladen sollen, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Sehen Sie sich nur diese Gestalt an, meine Liebe! Göttlich, nicht wahr? Und wenn ich ihn nicht eingeladen hätte, würde ich wohl auch niemals .“ Ihr atemloser Wortschwall endete jäh in einem erschrockenen Aufschrei, als sich unmittelbar hinter ihnen ein Mann vernehmlich räusperte.

Da Emeline unlängst beschlossen hatte, den impertinenten Fremden keines weiteren Blickes mehr zu würdigen, war ihr auch entgangen, dass er sich von seinem Beobachtungsposten an der Wand entfernt hatte. Dennoch wusste sie instinktiv, wer nun so unschicklich dicht hinter ihnen stand. Langsam wandte sie sich um.

Und schaute geradewegs in kaffeebraune Augen, die sie spöttisch betrachteten. „Mrs. Conrad, ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie uns einander vorstellen würden.“ Er sprach mit flachem, amerikanischem Akzent.

Angesichts dieser dreisten Aufforderung musste Mrs. Conrad erst einige Male nach Luft schnappen, ehe ihre Neugier die Oberhand über ihre Entrüstung gewann. „Lady Emeline, dürfte ich Ihnen wohl Mr. Samuel Hartley vorstellen? Mr. Hartley, Lady Emeline Gordon.“

Emeline sank in einen tiefen Knicks – nur um beim Erheben eine große gebräunte Hand hingestreckt zu bekommen. Einen Augenblick starrte sie überrascht darauf. So unkultiviert konnte dieser Mann nun wahrlich nicht sein, oder? Mrs. Conrads besinnungsloses Gekicher verlangte indes nach raschem Handeln. Flüchtig streifte sie mit den Fingerspitzen die seinen.

Vergeblich. Schon hatte er beide Hände um ihre Hand geschlossen. Fest und warm umfasste er ihre Finger. Seine Nasenflügel blähten sich kaum merklich, als sie sich unter seinem Händedruck genötigt sah, einen Schritt vorzutreten. Beschnupperte er sie etwa?

„Sehr erfreut. Wir geht es Ihnen?“, erkundigte er sich.

„Gut“, erwiderte Emeline. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, was ihr jedoch nicht gelang, obwohl Mr. Hartley gar nicht allzu fest zupackte. „Dürfte ich bitte meine Hand zurückhaben?“

Wieder dieser belustigte Zug um seine Lippen. Lachte er hier alle aus oder nur sie? „Gewiss, Mylady.“

Emeline wollte zu einer Entschuldigung ansetzen – und jede Entschuldigung wäre ihr recht, um diesem schrecklichen Mann zu entkommen –, doch er war schneller.

„Dürfte ich Sie in den Garten begleiten?“

Eigentlich war es überhaupt keine Frage, denn er bot ihr bereits seinen Arm und schien fest mit ihrem Einverständnis zu rechnen, was an Dreistigkeit kaum zu überbieten war. Was indes fast noch schlimmer war: Sie zeigte sich einverstanden. Schweigend legte Emeline ihre Fingerspitzen auf seinen Rockärmel. Er nickte Mrs. Conrad zu und hatte Emeline binnen Minuten aus dem Salon manövriert, wobei er sich für einen so linkischen Mann unerwartet geschickt anstellte. Prüfend sah sie ihn von der Seite an.

Er wandte den Kopf und fing ihren Blick auf. Wieder zeigten sich feine Falten um seine Augen, als würde er sich über sie belustigen, wenngleich sein Mund nicht einmal die Andeutung eines Lächelns erkennen ließ. „Sie müssen nämlich wissen, dass wir Nachbarn sind.“

„Was soll das denn heißen?“

„Ich habe das Haus neben dem Ihren gemietet.“

Emeline ertappte sich dabei, zu blinzeln. Wieder hatte er sie aus der Fassung gebracht – eine unschöne Erfahrung, die bei ihr ebenso selten wie unerwünscht war. Sie kannte die Bewohner des Hauses, das rechter Hand des ihren lag, doch das zur Linken war tatsächlich kürzlich neu vermietet worden. Letzte Woche hatte einen ganzen Tag lang die Tür zur Straße weit offen gestanden, und Arbeiter waren polternd ein und aus gestiefelt. Schwitzend, schreiend, fluchend hatten sie Kisten und Möbel geschleppt und ...

Ihre Brauen zogen sich zusammen. „Natürlich. Das erbsgrüne Sofa.“

Um seine Mundwinkel zuckte es kaum merklich. „Wie bitte?“ „Ihnen gehört doch dieses grässliche erbsgrüne Sofa, nicht wahr?“ Er neigte den Kopf. „Ich bekenne mich schuldig.“

„Ohne einen Anflug von Reue, wie mir scheint.“ Emeline spitzte missbilligend die Lippen. „Waren das wirklich vergoldete Eulen am Schnitzwerk der Beine?“

„Das war mir noch nicht aufgefallen.“

„Aber mir.“

„Dann wird es wohl so sein.“

Mit einem leisen Schnauben wandte sie sich ab.

„Eigentlich wollte ich Sie um einen Gefallen bitten, Ma’am.“ Seine tiefe Stimme schien aus großer Höhe zu ihr herabzudringen.

Er führte sie einen der Kieswege des Conradschen Stadthausgartens hinab, der recht fantasielos mit Rosen und niedrigen Hecken bepflanzt war. Da die meisten Rosen mittlerweile verblüht waren, sah das Ganze noch trostloser als gewöhnlich aus.

„Ich würde Sie gern anheuern.“

„Mich anheuern?“ Emeline schnappte nach Luft und blieb so unvermittelt stehen, dass auch er stehen bleiben und sich nach ihr umdrehen musste. Hielt dieser grässliche Mann sie etwa für eine Kurtisane, oder was? Das war eine geradezu unglaubliche Beleidigung, und in ihrer Verwirrung ertappte sie sich dabei, wie sie ihren Blick irritiert über seine von ihrer Gastgeberin für göttlich befundene Gestalt schweifen ließ: entlang der breiten Schultern über den erfreulich flachen Bauch hinab zu jenem Bereich von Mr. Hartleys Anatomie, den es nicht zu bemerken galt, der jedoch von den schwarzen Breeches, die er unter seinen Beinlingen trug, sehr vorteilhaft betont wurde. Wieder schnappte sie nach Luft, hätte sich dabei fast verschluckt und sah hastig auf. Aber entweder war ihm ihre Indiskretion entgangen, oder er war weitaus höflicher, als sein Benehmen und sein Aufzug vermuten ließen.

Er fuhr fort, als sei nichts gewesen. „Ich suche eine Mentorin für meine Schwester Rebecca. Eine Dame, die sie bei Bällen und Gesellschaften einführt.“

Als Emeline aufging, dass er eine Anstandsdame suchte, neigte sie den Kopf. Warum hatte der törichte Mann das nicht gleich sagen und ihr damit all die Peinlichkeiten ersparen können? „Ich fürchte, das wird nicht möglich sein“, sagte sie.

„Warum nicht?“ Er sprach leise, doch sie meinte einen herrischen Unterton herauszuhören.

Emeline sah gereizt auf. „Weil ich nur junge Damen aus den besten Kreisen unter meine Fittiche nehme. Ich bezweifle, dass Ihre Schwester meinen Ansprüchen genügen wird. Es tut mir leid.“

Einen Moment betrachtete er sie schweigend, dann wandte er sich ab. Obwohl sein Blick auf eine Bank am Ende des Weges gerichtet war, glaubte Emeline nicht, dass er sie überhaupt wahrnahm. „Vielleicht kann ich ja einen anderen Grund geltend machen, damit Sie sich unser annehmen.“

Sie verharrte reglos. „Und der wäre?“

Er richtete seinen Blick wieder auf sie, doch nun war keine Spur der Belustigung mehr in seinen Augen. „Ich habe Reynaud gekannt.“

Emelines Herz schlug so heftig, dass es ihr laut in den Ohren pochte. Denn mit Reynaud, daran konnte kein Zweifel bestehen, war ihr Bruder gemeint. Ihr Bruder, der bei dem Massaker am 28. Regiment umgekommen war.

Sie roch nach Zitronenmelisse. Sam sog den vertrauten Duft in sich auf, während er auf Lady Emelines Antwort wartete. Doch der Duft lenkte ihn ab. Es war gefährlich, sich bei Verhandlungen mit einem klugen Gegner ablenken zu lassen. Wie seltsam, dass eine so elegante Dame ein so schlichtes Parfüm trug. Seine Mutter hatte zu Hause, in ihrem Garten in den Wäldern von Pennsylvania, Zitronenmelisse gezogen. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Junge an einem grob gezimmerten Holztisch gesessen und zugesehen hatte, wie seine Mutter die grünen Blätter mit kochendem Wasser übergoss, und an den frischen Geruch, der mit dem heißen Dampf aus der Tasse aufstieg. Zitronenmelisse. Balsam für die Seele, hatte seine Mutter sie genannt.

„Reynaud ist tot“, sagte Lady Emeline unvermittelt. „Was lässt Sie glauben, ich würde Ihnen diesen Gefallen tun, nur weil Sie behaupten, ihn gekannt zu haben?“

Während sie sprach, betrachtete er sie etwas ausführlicher. Sie war eine schöne Frau, daran konnte kein Zweifel sein. Ihr Haar und ihre Augen waren geradezu dramatisch dunkel, ihre Lippen rot und voll. Doch es war eine keineswegs schlichte Schönheit. Viele Männer würden sich von der Intelligenz, die in den dunklen Augen aufschien, und dem skeptischen Zug, der um die sinnlichen Lippen lag, nicht gerade ermutigt fühlen.

„Weil Sie ihn geliebt haben. “ Sam ließ sie nicht aus den Augen, als er das sagte, und sah ein kaum merkliches Flackern in den ihren. Er hatte also recht gehabt: Sie hatte ihrem Bruder sehr nahgestanden. Wäre er nett, würde er ihre Trauer nicht ausnutzen. Aber Nettigkeit hatte ihm noch nie viel gebracht, weder privat noch geschäftlich. „Ich glaube, Sie würden es seinetwegen – für sein Andenken – tun.“

„Was Sie nicht sagen“, gab sie sich wenig überzeugt.

Aber er wusste es besser. Das war eines der ersten Dinge, die er in seiner Firma gelernt hatte: den genauen Moment abzupassen, wenn sein Gegenüber schwankte und der Lauf der Verhandlungen zu Sams Gunsten umschlug. Der nächste Schritt bestünde darin, seine Position zu festigen. Abermals bot er ihr seinen Arm. Nach einem kurzen irritierten Blick ließ sie wiederum ihre Hand – oder vielmehr nur die Fingerspitzen – in seiner Armbeuge ruhen. Innerlich triumphierte er, dass sie ihm nachgegeben hatte, war jedoch sorgsam darauf bedacht, sich nichts anmerken zu lassen.

Stattdessen führte er sie betont gleichmütig tiefer in den Garten hinein. „Meine Schwester und ich werden nur drei Monate in London bleiben. In dieser kurzen Zeit erwarte ich keine Wunder von Ihnen.“

„Warum ersuchen Sie dann überhaupt meine Hilfe?“

Er wandte sein Gesicht der Abendsonne zu und genoss es, draußen zu sein, fort von dem Gedränge im Salon. „Rebecca ist erst neunzehn. Ich bin geschäftlich sehr beansprucht und sähe es gern, wenn sie gut unterhalten wäre und vielleicht auch einige junge Damen in ihrem Alter kennenlernen würde.“ Was alles stimmte, wenngleich nicht die ganze Wahrheit war.

„Gibt es keine weiblichen Verwandten, die diese Aufgabe übernehmen könnten?“

Belustigt über ihre fast schon taktlose Frage, sah er zu ihr hinab. Lady Emeline reichte ihm gerade mal bis zur Schulter, doch schien sie ihm keineswegs so zierlich und harmlos, wie ihr Mangel an Größe vermuten ließe. Dass man sie nicht unterschätzen durfte, war ihm bereits in jener halben Stunde klar geworden, als er sie, ehe er sich an sie und Mrs. Conrad herangepirscht hatte, aufmerksam beobachtet hatte. Die ganze Zeit hatte sie ihren Blick schweifen lassen. Nichts schien ihr zu entgehen. Sogar während der Unterhaltung mit ihrer Gastgeberin hatte sie ihre jungen Schützlinge nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen und jede Bewegung der anderen Gäste verfolgt. Er würde darauf wetten, dass sie ganz genau wusste, wer mit wem wann wie lange worüber gesprochen hatte, was angedeutet und was ungesagt geblieben war. In ihrer eigenen, exklusiven Welt war sie vermutlich ebenso erfolgreich wie er in der seinen.

Was es nur noch wichtiger machte, dass sie es war, die ihm Zugang zur Londoner Gesellschaft verschaffte.

„Nein, die gibt es leider nicht“, antwortete er auf ihre Frage. „Unsere Mutter starb bei Rebeccas Geburt und Pa bald darauf. Glücklicherweise hatte mein Vater noch einen Bruder, der Geschäftsmann in Boston war. Er und seine Frau haben Rebecca bei sich aufgenommen und sie großgezogen. Beide sind mittlerweile aber auch verstorben.“

„Und Sie?“

Irritiert sah er sie an. „Wie – und ich?“

Sichtlich gereizt erwiderte sie seinen Blick. „Was war mit Ihnen, als Ihre Eltern gestorben sind?“

„Ich wurde auf ein Internat geschickt“, erwiderte er nüchtern und ließ mit keinem Wort erkennen, welch schwerer Schock es gewesen war, die Hütte im Wald verlassen zu müssen und in einer Welt der Bücher und strengen Disziplin zu landen.

Sie waren an einer Mauer angelangt, die zugleich das Ende des Weges markierte. Lady Emeline blieb stehen und wandte sich zu ihm um. „Bevor ich mich entscheide, muss ich Ihre Schwester kennenlernen.“

„Aber natürlich“, erwiderte er beiläufig und wusste, dass er so gut wie gewonnen hatte.

Sie schüttelte mit einer kurzen, knappen Bewegung ihre Röcke auf, zog die dunklen Augen nachdenklich zusammen und spitzte die roten Lippen. Auf einmal sah er im Geiste ihren toten Bruder vor sich: Genau so hatte auch Reynaud stets die Augen verengt, wenn er einen der einfachen Soldaten gemaßregelt hatte. Für einen Moment legten die strengen männlichen Züge Reynauds sich über die feineren, weiblichen seiner Schwester. Er meinte, Rey-nauds dunkle Brauen zu sehen, die sich zusammenzogen, seine nachtschwarzen Augen, die nichts Gutes verhießen. Schaudernd verdrängte er diese Erscheinung der Vergangenheit und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Lady Emeline zu sagen hatte, die höchst lebendig vor ihm stand.

„Sie und Ihre Schwester könnten mir morgen einen Besuch abstatten. Danach werde ich Sie wissen lassen, wie ich mich entschieden habe. Zum Tee, wenn es Ihnen recht ist. Sie trinken doch Tee, oder?“

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Um zwei?“

Fast belustigte es ihn, wie sie hier die Befehle gab. „Das ist sehr gütig von Ihnen, Ma’am.“

Einen Augenblick sah sie ihn argwöhnisch an, dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und eilte zum Haus zurück. Er folgte ihr gemächlich und in einigem Abstand. Während er ihrem geraden, anmutigen Rücken und ihren wogenden Röcken nachblickte, klopfte er kurz auf seine Rocktasche, hörte beruhigt das vertraute Rascheln von Papier und überlegte derweil, wie Lady Emeline ihm wohl am besten für seine Zwecke dienlich sein könnte.

„Das verstehe ich nicht“, tat Tante Cristelle an jenem Abend kund. „Wenn der Gentleman so sehr die Ehre deiner Patronage wünscht, warum hat er sich dann nicht auf üblichem Wege darum bemüht? Er hätte einen Freund bitten sollen, ihn vorzustellen.“

Tante Cristelle war die jüngere Schwester von Emelines Mutter, eine hochgewachsene, weißhaarige Dame mit einem furchteinflößend geraden Rücken und himmelblauen Augen, die lieblich hätten sein können, es aber nicht waren. Sie hatte nie geheiratet, was Emeline insgeheim darauf zurückführte, dass die Männer ihrer Generation allesamt Angst vor ihr gehabt hatten. Seit fünf Jahren, seit dem Tod von Daniels Vater, lebte Tante Cristelle nun schon bei Emeline und ihrem Sohn.

„Vielleicht wusste er einfach nicht, wie es sich gehört“, meinte Emeline und begutachtete die auf dem Tablett offerierte Auswahl an Fleischgängen. „Oder es schien ihm zu umständlich und zeitraubend, die langwierige Etikette zu befolgen. Immerhin werden sie nur kurze Zeit in London sein.“ Sie zeigte auf eine Scheibe Rinderbraten und lächelte dem Diener dankend zu, als er ihr vorlegte.

„Mon Dieu, wenn er so ein täppischer Hinterwäldler ist, hat er in unseren Kreisen ohnehin nichts verloren.“ Ihre Tante nippte am Wein und verzog die Lippen, als wäre er sauer.

Emeline gab sich unverbindlich. Tante Cristelles Einschätzung von Mr. Hartley mochte ja auf den ersten Blick zutreffen – er hatte wirklich einen etwas hinterwäldlerischen Eindruck gemacht. Seine Augen hatten indes eine ganz andere Geschichte erzählt. Fast war es ihr vorgekommen, als würde er sie auslachen, gerade so, als wäre sie die Naive und wisse nicht über die Welt Bescheid.

„Und was gedenkst du zu tun, wenn das Mädchen genauso unkultiviert ist wie der Bruder?“ Tante Cristelle sah sie mit einer Miene übertriebenen Entsetzens an. „Was, wenn sie ihr Haar in zwei langen Zöpfen trägt? Was, wenn sie zu laut lacht? Was, wenn sie keine Schuhe an den Füßen trägt und ihre Füße schmutzig sind?“

Diese erschreckende Vorstellung war zu viel für die alte Dame. Eilig winkte sie den Diener herbei, damit er ihr Wein nachschenke. Emeline musste sich ein Lächeln verkneifen.

„Er ist anscheinend sehr vermögend. Ich habe mich bei den anderen Damen diskret nach ihm erkundigt. Alle haben mir bestätigt, dass Mr. Hartley einer der reichsten Männer Bostons sein soll. Er bewegt sich dort in den besten Kreisen.“

„Pah“, tat die Tante die besten Kreise Bostons ab.

Emeline ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und schnitt in ihre Bratenscheibe. „Und selbst wenn sie etwas provinziell sind, Tante, dass sie keine standesgemäße Erziehung genossen hat, können wir dem Mädchen wohl kaum zum Vorwurf machen.“ „Mais oui!“, verkündete Tante Cristelle so laut, dass der Diener fast die Karaffe hätte fallen lassen. „Aber ja doch, natürlich können wir das! Unsere Gesellschaft gründet auf Manieren. Wie sollten wir denn die Wohlgeborenen vom gemeinen Fußvolk unterscheiden, wenn nicht durch ihre Manieren?“

„Mag sein. Wahrscheinlich hast du recht.“

„Natürlich habe ich recht“, gab ihre Tante zurück.

„Mmmh“, machte Emeline und stocherte in dem Braten herum, auf den sie auf einmal keinen Appetit mehr verspürte. „Tante, erinnerst du dich noch an das Buch, aus dem unser Kindermädchen mir und Reynaud immer vorgelesen hatte?“

„Das Buch? Welches Buch? Ich weiß beim besten Willen nicht, was du meinst.“

Emeline zupfte an den Spitzenbändern ihres Ärmels. „Ein Märchenbuch, das wir früher ganz wunderbar fanden. Aus irgendeinem Grund ist es mir heute wieder eingefallen.“

Gedankenverloren starrte sie auf ihren Teller und verlor sich in Erinnerungen.

Oft hatte ihr Kindermädchen ihnen nachmittags bei einem Picknick im Garten daraus vorgelesen. Reynaud und sie saßen dann auf einer Decke, während Nanny die Seiten des Märchenbuches umblätterte. Aber im Laufe der Geschichte, die ihn völlig gefangen nahm, krabbelte Reynaud immer weiter vor, bis er fast auf Nannys Schoß saß. Gebannt lauschte er jedem ihrer Worte, und seine schwarzen Augen funkelten.

So aufgeweckt und lebhaft war er gewesen, schon als kleiner Junge. Emeline schluckte und strich sorgsam die Bänder an ihrem Ärmel glatt. „Ich fragte mich nur, wo das Buch wohl geblieben ist. Meinst du, es könnte auf dem Speicher sein?“

„Wer weiß?“, meinte ihre Tante mit einem gleichgültigen Achselzucken, mit dem sie sowohl das Märchenbuch als auch Eme-lines Erinnerungen an Reynaud abtat. Eindringlich lehnte sie sich vor. „Und ich frage dich noch einmal: Warum? Warum erwägst du überhaupt, dich dieses Mannes und seiner Schwester anzunehmen – die noch nicht einmal Schuhe trägt!“

Emeline sah davon ab, ihre Tante darauf hinzuweisen, dass Miss Hartleys Schuhe oder deren Fehlen reine Spekulation war, da sie bislang ja nur den Bruder kannte. Für einen Moment sah sie sein gebräuntes Gesicht und die kaffeebraunen Augen vor sich. Bedächtig schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß es selbst nicht genau, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er meine Hilfe brauchte.“

„Wenn du dich aller annehmen würdest, die deine Hilfe brauchen, würden uns Bittsteller hier die Tür einrennen.“

„Er hat gesagt ...“ Emeline zögerte und betrachtete ihr Weinglas, in dem das Licht der Kerzen schimmerte. „Er hat gesagt, dass er Reynaud kannte.“

Tante Cristelle stellte ihr Glas vorsichtig ab. „Ah. Und warum glaubst du ihm das?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube es ihm einfach.“ Etwas ratlos schaute sie ihre Tante an. „Du hältst mich gewiss für sehr töricht.“ Tante Cristelle seufzte, und die Falten, die sich zu beiden Seiten ihres Mundes eingegraben hatten, traten deutlich hervor. „Non, ma petite. Ich halte dich vielmehr für eine gute Schwester, die ihren Bruder sehr geliebt hat.“

Emeline nickte gedankenverloren und ließ das Weinglas in ihren Fingern kreisen. Sie vermied es, ihre Tante anzusehen. Ja, sie hatte ihren Bruder geliebt. Sie liebte ihn noch immer, denn die Liebe zu ihrem Bruder war ja nicht mit ihm gestorben. Aber es gab noch einen anderen Grund, weshalb sie erwog, sich der kleinen Hartley anzunehmen. Denn sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Samuel Hartley ihr nicht die ganze Wahrheit darüber gesagt hatte, weswegen er ihre Hilfe brauchte. Er wollte etwas von ihr. Und dieses Etwas hatte mit Reynaud zu tun.

Was wiederum hieß, dass es sich zu lohnen versprach, ihn im Auge zu behalten.

2. KAPITEL

Eisenherz lief viele Tage durch den dunklen Wald, und alldieweil traf er weder Mensch noch Tier. Am siebenten Tag tat das dichte Dickicht der Bäume sich auf, und er trat aus dem Wald heraus. Vor ihm lag eine strahlende Stadt. Er war wie gebannt. In seinem ganzen Leben hatte er noch nirgends eine solche Stadt gesehen. Doch bald schon knurrte ihm der Magen und riss ihn aus seinem ungläubigen Staunen. Er musste sich etwas zu essen kaufen, und um sich etwas zu essen zu kaufen, brauchte er Arbeit. Und so machte er sich auf den Weg in die Stadt. Doch obwohl er sich allerorten erkundigte, fand sich für einen heimkehrenden Soldaten keine Arbeit. Was, wie ich vermute, nicht ungewöhnlich ist, denn obwohl Soldaten während eines Krieges gern gesehen und wohlgelitten sind, begegnet man ihnen doch oft mit Argwohn und Verachtung, sowie die Gefahr vorüber ist. So kam es, dass Eisenherz als Straßenkehrer arbeiten musste. Und das tat er, und er tat es voller Dankbarkeit ...

Eisenherz

Mir war, als hätte ich dich gestern spät nach Hause kommen hören“, sagte Rebecca, als sie sich am nächsten Morgen von den pochierten Eiern nahm. „Nach Mitternacht?“

„So spät?“, erwiderte Samuel unverbindlich. Er hatte hinter ihr am Frühstückstisch Platz genommen. „Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.“

„Oh nein! Nein, du hast mich nicht gestört. Das wollte ich damit nicht sagen.“ Rebecca seufzte im Stillen und setzte sich ihrem Bruder gegenüber. Zu gerne würde sie ihn fragen, wo er gestern Abend gewesen war – oder den Abend zuvor –, aber

Schüchternheit und eine gewisse Befangenheit ließen sie zögern, und so fragte sie ihn nicht. Sie goss sich Tee ein und überlegte, mit welchem Thema sich ein Gespräch beginnen ließe, was morgens nie ganz einfach war. „Was hast du heute vor? Geschäfte mit Mr. Kitcher? Ich ... ich dachte mir, wenn nicht, könnten wir vielleicht ein bisschen in London herumfahren. Ich habe gehört, dass St. Paul’s ...“

„Ach, verdammt!“ Samuel legte sein Messer geräuschvoll ab. „Fast hätte ich vergessen, es dir zu sagen.“

Abermals seufzte Rebecca still. Gut, es war unwahrscheinlich gewesen, da ihr Bruder meist beschäftigt war, aber dennoch hatte sie gehofft, dass er heute Nachmittag etwas Zeit mit ihr verbringen könnte. „Mir was zu sagen?“

„Wir sind bei unserer Nachbarin Lady Emeline Gordon zum Tee eingeladen.“

„Was?“ Unwillkürlich sah Rebecca aus dem Fenster, durch das man das vornehme Stadthaus sehen konnte, welches gleich neben dem ihren lag. Ein- oder zweimal hatte sie einen kurzen Blick auf Ihre Ladyschaft erhascht und war jedes Mal von deren Eleganz beeindruckt gewesen. „Aber ... wie das? Ich habe gar keine Einladung in der Post gesehen.“

„Ich bin ihr gestern bei einem Salon begegnet.“

„Wirklich?“, wunderte sich Rebecca. „Sie muss sehr nett sein, uns einzuladen, obwohl sie uns kaum kennt.“ Und was sollte sie nur tragen, wenn sie von einer adeligen Dame empfangen wurde?

Samuel spielte mit seinem Messer herum, und wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie annehmen, dass ihr Bruder sich unwohl fühlte. „Um ganz ehrlich zu sein, so habe ich sie gebeten, dich zu einigen Veranstaltungen zu begleiten.“

„Wirklich?“, fragte sie erneut. „Ich dachte, du hältst nichts von Bällen und Geselligkeiten.“ Natürlich freute sie sich, dass er an sie gedacht hatte, aber dieses plötzliche Interesse an ihrem Zeitvertreib kam ihr ein wenig seltsam vor.

„Stimmt, aber wenn wir schon mal in London sind .“ Samuel trank seinen Kaffee und ließ den Satz unvollendet. „Ich dachte mir, du würdest vielleicht gern ein bisschen herumkommen“, meinte er dann. „Etwas von der Stadt sehen, Leute kennenlernen. Du bist ja erst neunzehn und langweilst dich wahrscheinlich zu Tode, den ganzen Tag hier im Haus und nur mich zur Gesellschaft.“

Nun, das stimmte nicht so ganz, dachte Rebecca, während sie überlegte, was sie erwidern sollte. Vielmehr hatte sie das Gefühl, in diesem Haus nicht eine Minute allein zu sein. Sie war umgeben von Menschen – oder vielmehr von Dienstboten. Dutzende schien es in diesem Stadthaus zu geben, das Samuel gemietet hatte. Immer wenn sie glaubte, allen einmal begegnet zu sein, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts noch ein Zimmermädchen oder ein Stiefeljunge auf, denen sie noch nie zuvor begegnet war. Jetzt zum Beispiel standen auch schon wieder zwei diskrete Diener an der Wand bereit, um ihnen aufzuwarten. Wenn sie sich recht erinnerte, hieß der eine Travers und der andere ... ach verflixt! Den Namen des anderen hatte sie völlig vergessen, obwohl sie sich ganz sicher war, ihn schon einmal gesehen zu haben. Er hatte rabenschwarzes Haar und unglaublich grüne Augen. Was natürlich nicht hieß, dass man die Augen eines Dieners überhaupt hätte bemerken dürfen.

Rebecca stocherte in ihrem mittlerweile kalten Ei herum. Zu Hause in Boston gab es nur Elsie und die Köchin. Als Kind hatte sie meistens mit der Köchin und der alten Dienerin in der Küche zu Abend gegessen, bis Onkel Thomas sie für alt genug befunden hatte und sie wie eine Dame im Speisezimmer bei Tisch sitzen durfte. Ihr Onkel war ein gütiger Mensch gewesen, und sie hatte ihn wirklich sehr gemocht, aber mit ihm zu dinieren war recht anstrengend gewesen. Verglichen mit dem Klatsch und Tratsch, den sie bei Elsie und der Köchin zu hören bekam, waren die Gespräche mit ihrem Onkel furchtbar langweilig gewesen. Als Samuel dann nach dem Tod von Onkel Thomas zu ihr gezogen war, wurden die Tischgespräche zwar etwas anregender, aber nicht sehr. Wenn Samuel wollte, konnte er sehr geistreich sein, doch meist schien er in Gedanken bei irgendwelchen geschäftlichen Angelegenheiten.

„Wärst du einverstanden?“ Samuels Frage riss sie aus ihren Gedanken.

„Wie bitte?“

Weil ihr Bruder sie mit gerunzelter Stirn betrachtete, hatte Rebecca das ungute Gefühl, ihn irgendwie enttäuscht zu haben. „Bist du damit einverstanden, dass ich Lady Emeline darum gebeten habe, sich deiner anzunehmen?“

„Oh ja, natürlich.“ Sie bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln. Noch lieber wäre es ihr natürlich, wenn er etwas mehr seiner Zeit mit ihr verbringen würde, aber vielleicht war das ja zu viel verlangt. Schließlich war er geschäftlich in London. „Ich fühle mich wirklich geehrt, dass du an mich gedacht hast.“

Ihre nett gemeinte Antwort bewirkte indes, dass er seine Tasse sehr bedachtsam abstellte. „Du sagst das so, als würdest du denken, du wärst mir eine Last.“

Rebecca schlug die Augen nieder. Ehrlich gesagt dachte sie genau das. Was sollte sie auch sonst denken? Immerhin war sie viel jünger als er und in der Stadt aufgewachsen. Samuel hingegen hatte bis zum Alter von vierzehn in der Wildnis gelebt. Manchmal schien ihr, dass die Kluft zwischen ihnen größer war als das Meer, das England von Amerika trennte. „Dir wäre es lieber gewesen, wenn ich dich nicht begleitet hätte.“

„Darüber haben wir nun wahrlich oft genug gesprochen. Seit ich wusste, wie sehr du dir diese Reise wünschst, war es mir eine Freude, dich mitzunehmen.“

„Und dafür bin ich dir sehr dankbar“, erwiderte Rebecca, rückte ihr Besteck gerade und wusste wohl, dass dies nicht unbedingt die Antwort war, die er gern hören wollte. Verstohlen sah sie zu ihm auf.

Schon wieder betrachtete er sie mit gerunzelter Stirn. „Rebecca, ich ...“

Das Erscheinen des Butlers schnitt ihm das Wort ab. „Mr. Kit-cher ist eingetroffen, Sir. “

Mr. Kitcher war der Geschäftspartner ihres Bruders.

„Danke“, sagte Samuel. Er stand auf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Kitcher und ich treffen uns mit einem Mann, der uns einen Besuch bei Wedgwood arrangieren soll. Mittags bin ich zurück. Ihre Ladyschaft erwartet uns um zwei.“

„Gut“, erwiderte Rebecca, doch Samuel war schon an der Tür. Ohne ein weiteres Wort eilte er hinaus, und es blieb Rebecca überlassen, sich ganz allein in die Betrachtung ihres pochierten Eis zu versenken. Wenn man mal von den Dienern absah.

Der Gentleman aus den Kolonien wirkte gar noch imposanter, als er in ihrem kleinen Wohnzimmer stand. Das war Emelines erster Gedanke, als sie nach Mittag ihre Gäste empfing. Es herrschte ein krasser Gegensatz zwischen ihrem hübschen kleinen Salon – der elegant, kultiviert und sehr zivilisiert war – und dem Mann, der nun mitten darin stand. Eigentlich hätte er von all dem Goldglanz und Satin überwältigt sein, hätte in seinen schlichten Kleidern aus Wolltuch primitiv und deplatziert wirken müssen.

Stattdessen dominierte er den Raum.

„Guten Tag, Mr. Hartley.“ Als Emeline ihm die Hand reichte, fiel ihr etwas verspätet das Händeschütteln vom Vortag ein. Sie hielt die Luft an und wartete gespannt, ob er wohl diese unziemliche Geste wiederholen würde. Doch diesmal nahm er lediglich ihre Hand und ließ seine Lippen höchst anständig einen Fingerbreit darüber verharren. Kurz schien er zu zögern, ob er länger verweilen sollte, und seine Nasenflügel blähten sich, sodass sie erneut argwöhnte, er würde sie beschnuppern. Dann richtete er sich wieder auf. Ihr entging nicht das belustigte Funkeln in seinen Augen. Dieser Schuft! Er hatte also schon gestern gewusst, dass er ihr ihre Hand küssen und sie nicht schütteln sollte wie ein Barbar.

„Dürfte ich Ihnen meine Schwester vorstellen: Rebecca Hartley“, riss er Emeline aus ihren Gedanken, und sie nahm sich zusammen.

Das junge Mädchen, das nun vortrat, war erfreulich anzusehen. Es hatte wie sein Bruder dunkles Haar und braune Augen, doch während die seinen von einem warmen, tiefen Braun waren, blitzten in Rebeccas grüne und gar gelbe Funken auf. Sehr ungewöhnlich, aber dennoch schön. Sie trug ein schlichtes Kattunkleid mit rechteckigem Ausschnitt und wenig Spitzenbesatz an Mieder und Ärmeln. Emeline vermerkte sich sogleich, dass ihre Garderobe ausbaufähig wäre.

„Sehr erfreut“, sagte sie, als das Mädchen einen recht passablen Knicks machte.

„Oh, Ma’am ... ich meine, Mylady ... ich freue mich so, Sie kennenzulernen“, stieß Miss Hartley atemlos hervor. Sie hatte sehr artige, wenngleich etwas ungeschliffene Manieren.

Emeline nickte knapp und deutete auf Tante Cristelle. „Meine Tante Mademoiselle Molyneux.“

Tante Cristelle saß zu ihrer Linken in einem Sesselchen, und zwar so akkurat auf der Kante, dass zwischen ihrem kerzengeraden Rücken und der Lehne zwei Handbreit Luft verblieben. Die alte Dame neigte bedächtig den Kopf. Mit einem etwas verkniffenen Zug um den Mund musterte sie den Saum von Miss Hartleys Kleid.

Mr. Hartley lächelte, und um seine Lippen huschte wieder jener belustigte Zug, bevor er sich über die Hand ihrer Tante beugte. „Sehr erfreut. Wie geht es Ihnen, Ma’am?“

„Ausgezeichnet, besten Dank, Monsieur Hartley“, erwiderte die Tante spitz.

Mr. Hartley und seine Schwester setzten sich – das Mädchen auf das gelb-weiß gestreifte Damastsofa, ihr Bruder in den orange gepolsterten Lehnstuhl. Emeline nahm in einem Sessel Platz und nickte Crabs zu, dem Butler, der sich sogleich entfernte, um den Tee zu ordern.

„Sie sagten gestern, dass Sie geschäftlich in London wären, Mr. Hartley. Welche Art von Geschäften?“, erkundigte sie sich bei ihrem Gast.

Mr. Hartley schob die Schöße seines braunen Rocks auseinander und legte das eine Bein mit dem Knöchel auf das Knie des anderen, ehe er ihr antwortete. „Ich handele in Boston mit Im-und Exporten.“

„Oh“, murmelte Emeline. Es schien Mr. Hartley überhaupt nicht verlegen zu machen, dass er im Handel tätig war. Aber was war von einem Mann aus den Kolonien, der lederne Beinlinge trug, auch schon zu erwarten? Sie senkte ihren Blick auf sein überschlagenes Bein. Das weiche Leder schmiegte sich eng an und offenbarte eine wohlgestaltete männliche Wade. Sie wandte die Augen ab.

„Ich hoffe hier in London auf ein Treffen mit Mr. Josiah Wedgwood“, fuhr Mr. Hartley fort. „Vielleicht haben Sie ja schon von ihm gehört. Er betreibt diese fantastische neue Fabrik für Tonwaren.“

„Tonwaren.“ Tante Cristelle brachte ihre Lorgnette zum Einsatz – eine affektierte Geste, die sie immer dann anwandte, wenn sie jemanden einzuschüchtern wünschte. Erst beäugte sie Mr. Hartley, dann richtete sie ihr Augenmerk wieder auf Miss Hart-leys Rocksäume.

Mr. Hartley ließ sich indes nicht einschüchtern. Sichtlich unbeeindruckt bedachte er erst Emelines Tante mit einem Lächeln, dann Emeline. „Tonwaren, ganz genau. Unglaublich, wie groß der Bedarf in den Kolonien ist. Meine Firma importiert bereits Steingut in großen Mengen, aber ich glaube, dass es auch einen Markt für feinere Waren gäbe – Geschirr, das auch eine elegante Dame auf ihrem Tisch stehen haben wollte. Mr. Wedgwood hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Steinzeug von ungeahnter Feinheit herstellen lässt. Ich hoffe ihn davon zu überzeugen, dass Hartley Importers der beste Partner ist, um sein Keramikgeschirr auf den amerikanischen Markt zu bringen.“

Emeline hob die Brauen und musste sich eingestehen, dass sie das ganz gegen ihren Willen interessant fand. „Sie möchten sein

Geschirr in den Kolonien vertreiben?“

„Nein, nicht direkt vertreiben. Ich werde es nur ankaufen und dann auf der anderen Seite des Atlantiks gleich wieder verkaufen. Allerdings hoffe ich, von ihm die Exklusivrechte zur Vermarktung zu bekommen.“

„Sie sind ehrgeizig, Mr. Hartley“, stellte Tante Cristelle fest. Es klang nicht anerkennend.

Mr. Hartley neigte das Haupt vor ihr, schien sich von der Missbilligung der alten Dame aber nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Widerwillig musste Emeline sich eingestehen, dass sie ihn seiner Selbstbeherrschung wegen bewunderte. Seine Fremdheit hatte wenig damit zu tun, dass er Amerikaner war. Nein, es war etwas anderes. Die Gentlemen ihrer Bekanntschaft betrieben keinen Handel und würden sich zudem hüten, in Gegenwart von Damen so unverfroren von ihren Geschäften zu sprechen. Allerdings war es eine ganz neue Erfahrung und sehr interessant zudem, von einem Mann als gleichwertiger Gesprächspartner gesehen zu werden. Allerdings war sie sich auch bewusst, dass Mr. Hartley nicht zu ihrer Welt gehörte und auch niemals dazugehören würde.

Miss Hartley räusperte sich. „Mein Bruder sagte mir, dass Sie sich freundlicherweise bereit gefunden haben, mich in Gesellschaft zu begleiten, Ma’am.“

Die Ankunft dreier Hausmädchen mit gut gedeckten Tabletts hielt Emeline davon ab, eine angemessene Erwiderung zu geben – eine Retoure, die auf den Bruder gemünzt war, die Schwester aber nicht brüskierte. Er hatte ihre Zustimmung ja praktisch vorausgesetzt, nicht wahr? Das konnte sie ihm nicht durchgehen lassen. Während die Mädchen sich zu schaffen machten, fiel ihr auf, dass Mr. Hartley sie ganz unverhohlen anschaute. Sie hob eine Braue und schaute herausfordernd zurück, doch er hob nur seinerseits eine Braue und erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Flirtete dieser dreiste Mann etwa mit ihr? Wusste er denn nicht, dass sie für ihn unerreichbar war?

Als gedeckt war und die Mädchen sich entfernt hatten, begann Emeline den Tee einzugießen und hielt sich dabei so kerzengerade, dass sie sogar ihre Tante in den Schatten stellte. „Ich erwäge es, Miss Hartley, ich erwäge es.“ Mit einem milden Lächeln nahm sie ihren Worten die Spitze. „Vielleicht könnten Sie ja so gut sein, mir zu erzählen, weshalb Sie ...“

Sie wurde von einem wahren Wirbelwind unterbrochen. Die

Wohnzimmertür flog auf und stieß krachend gegen die Wand, wobei sie den bereits vorhandenen Dellen eine weitere hinzufügte. Ein Gewirr aus Armen und Beinen stürzte sich auf sie.

Emeline brachte die heiße Teekanne mit der Leichtigkeit langer Übung in Sicherheit.

„M’mam! M’man!“, schnaufte der kleine Kobold außer Atem. Die blonden Locken ließen ihn wie einen Engel aussehen, aber der Eindruck täuschte. „Die Köchin hat Rosinenbrötchen gebacken. Dürfte ich eins haben?“

Emeline holte tief Luft und wollte gerade zu einem Tadel ansetzen, als die Tante ihr zuvorkam. „Mais oui, mon chou! Hier, nimm dir einen Teller. Tante Cristelle sucht dir die leckersten aus.“

Emeline räusperte sich, und sowohl der Junge als auch die Tante schauten sie schuldbewusst an. Vielsagend lächelte sie ihren Sohn an. „Daniel, würdest du bitte so gut sein, das Brötchen wegzulegen, das du in deiner Hand versteckt hältst, und dich vor unseren Gästen verbeugen?“

Daniel gab seine schon etwas ramponierte Beute preis und wischte sich mit sichtlichem Bedauern die Hand an der Hose ab. Abermals holte Emeline tief Luft, enthielt sich aber jeden Kommentars. Immer schön eins nach dem anderen. Sie wandte sich den Hartleys zu. „Dürfte ich Ihnen meinen Sohn vorstellen: Daniel Gordon, Lord Eddings.“

Der kleine Kobold verbeugte sich so anmutig und korrekt, dass ihr der Busen mit mütterlichem Stolz schwoll. Was indes nicht hieß, dass Emeline sich ihre Freude anmerken ließ. Das hätte gerade noch gefehlt, den Jungen eitel werden zu lassen. Mr. Hartley streckte ihm die Hand in derselben Manier hin, wie er gestern sie begrüßt hatte. Ihr Sohn strahlte. Für gewöhnlich gaben erwachsene Männer achtjährigen Jungen nicht die Hand, selbst dann nicht, wenn diese von Stand waren. Mit ernster Miene griff Daniel nach der viel größeren, gebräunten Hand und schüttelte sie feierlich.

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mylord“, sagte Mr. Hartley.

Nachdem Daniel sich auch vor Miss Hartley verbeugt hatte, gab Emeline ihm ein in eine Serviette gewickeltes Rosinenbrötchen. „Und jetzt lauf, mein Lieber. Ich habe ...“

„Aber Ihr Sohn kann doch gewiss bei uns bleiben, Ma’am“, fiel Mr. Hartley ihr ins Wort.

Emeline straffte die Schultern. Wie konnte dieser Mann es wagen, sich zwischen sie und ihren Sohn zu stellen? Gerade wollte sie ihn gehörig zurechtweisen, als sie seinem Blick begegnete. Wieder sah sie diese feinen Falten um seine Augen, doch diesmal nahm sie keine Belustigung bei ihm wahr, sondern leises Bedauern. Dabei kannte er ihren Sohn nicht einmal. Warum sollte ihm der Junge leidtun? Welche Anmaßung!

„Bitte, M’man“, bettelte Daniel.

Was ihren Verdruss nur hätte befördern sollen – schließlich wusste der Junge ganz genau, dass es keinen Zweck hatte, sie anzubetteln, wenn sie einmal entschieden hatte –, doch stattdes-sen merkte sie, wie etwas in ihr dahinschmolz.

„Na schön“, gab sie sich geschlagen und fürchtete, dass sie wie eine grantige Alte klang, doch Daniel grinste nur vergnügt und machte es sich möglichst nahe bei Mr. Hartley in einem Sessel bequem, der viel zu groß für ihn war. Und dann lächelte Mr. Hartley sie an. Als sie in seine kaffeebraunen Augen schaute, stockte ihr der Atem, was für eine erfahrene Frau von Welt eine völlig unangemessene, nachgerade lächerliche Reaktion war.

„Nun, wenn wir uns alle wieder beruhigt haben“, meinte Tante Cristelle und zwinkerte Daniel zu, der aufgeregt in seinem Sessel herumzappelte, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erregen, „sollten wir vielleicht über Miss Hartleys Kleidung sprechen.“

Miss Hartley, die gerade einen Schluck Tee nahm, hätte sich fast verschluckt. „Ma’am?“

Tante Cristelle nickte kurz. „Sie sind grässlich gekleidet.“

Mit ausgesuchter Sorgfalt setzte Mr. Hartley seine Tasse ab. „Mademoiselle Molyneux, ich glaube nicht ...“

Die alte Dame nahm ihn ins Visier. „Wünschen Sie, dass man Ihre Schwester auslacht? Möchten Sie, dass die anderen jungen Damen hinter ihren Fächern über sie tuscheln? Dass die jungen Herren sich weigern, mit ihr zu tanzen? Ist es das, was Sie wollen?“

„Nein, natürlich nicht“, sagte Mr. Hartley ruhig. „Was stimmt denn nicht mit Rebeccas Kleid?“

„Gar nichts.“ Emeline stellte nun ihrerseits ihre Tasse beiseite. „Gar nichts, wenn Miss Hartley darin einen Besuch im Park oder eine Fahrt durch London machen möchte. Vermutlich genügt ihr Kleid nach kolonialen Maßstäben auch für eine Abendgesellschaft in Boston, aber für die besten Kreise des Londoner ton ...“

„Braucht sie sehr elegante Kleider!“, fuhr Tante Cristelle fort.

„Und ebenso elegante Handschuhe, Schaltücher, Hüte und Schuhe.“ Sie beugte sich vor und stieß nachdrücklich mit dem Stock auf den Boden. „Die Schuhe sind am wichtigsten.“

Besorgt blickte Miss Hartley auf ihr unzureichendes Schuhwerk, doch Mr. Hartley schien eher belustigt. „Ich verstehe.“

Verschlagen schaute Tante Cristelle ihn an. „Und das kostet natürlich so einiges.“

Sie fügte nicht hinzu, dass er auch für Emelines Garderobe würde aufkommen müssen, da gemeinhin bekannt war, dass Emeline auf diese Weise für Zeit und Aufwand entschädigt würde.

Emeline wartete darauf, dass Mr. Hartley Einspruch erheben würde. Höchst unwahrscheinlich, dass ihm bewusst war, mit welchen Kosten die Saison eines jungen Mädchens einherging. Die meisten Familien sparten jahrelang auf dieses Ereignis, manche verschuldeten sich gar, um ihre Tochter standesgemäß auszustatten. In Boston mochte er ein reicher Mann sein, doch was war sein Vermögen hier in London wert? Würde er sich eine solch unerwartete Ausgabe leisten können? Seltsamerweise verspürte sie leise Enttäuschung bei der Vorstellung, dass er das ganze Unterfangen würde aufgeben müssen.

Aber Mr. Hartley nickte nur versonnen und biss seelenruhig in sein Rosinenbrötchen. Es war Miss Hartley, die heftige Bedenken anmeldete. „Oh, Samuel, nicht doch! Das wird viel zu teuer! Ich brauche keine neue Garderobe, wirklich nicht.“

Schön gesprochen. Die Schwester bot dem Bruder einen ehrenhaften Ausweg. Fragend schaute Emeline Mr. Hartley an. Aus den Augenwinkeln sah sie zudem, dass Daniel die anderweitige Abgelenktheit der Erwachsenen nutzte, um sich ein weiteres Rosinenbrötchen zu stibitzen.

Mr. Hartley nahm erst noch einen tiefen Schluck Tee, ehe er etwas sagte. „Wie es aussieht, brauchst du eine neue Garderobe, Rebecca. Wenn Lady Emeline das sagt, sollten wir auf ihren Rat hören.“

„Aber die Kosten!“ Das Mädchen wirkte ernstlich besorgt.

Der Bruder keineswegs. „Mach dir deswegen keine Sorgen. Das verkrafte ich schon.“ Dann wandte er sich an Emeline. „Also – wann wollen wir einkaufen gehen, Mylady?“

„Sie brauchen uns nicht zu begleiten“, versicherte ihm Eme-line. „Wenn Sie uns einfach ein Akkreditiv schrieben, dass Sie die Kosten ...“

„Aber es wäre mir ein Vergnügen, die Damen zu begleiten“, unterbrach er sie süffisant. „Gewiss wollen Sie mir eine so einfache Freude nicht vorenthalten?“

Emeline presste die Lippen zusammen. Er würde für Ablenkung sorgen und sie unnötig aufhalten, aber sie konnte ihm sein Ansinnen kaum ausschlagen. Zumindest nicht auf höfliche Weise. Sie lächelte knapp. „Natürlich wäre es auch uns ein Vergnügen, wenn Sie uns begleiteten.“

Ohne auch nur die Miene zu verziehen, ließ er ein zufriedenes Grinsen erkennen, das sich einzig in den feinen Falten zeigte, die sich zu beiden Seiten seines Mundes vertieften. „Dann frage ich noch einmal: Wann wollen wir auf unsere kleine Expedition gehen?“

„Morgen“, erwiderte Emeline spitz.

Ein Lächeln spielte um seine sinnlichen Lippen. „Gut.“

Sie musterte ihn mit Argwohn. Entweder war Mr. Hartley ein ausgemachter Narr, oder er war reicher als König Midas höchstselbst.

Nachts schrak er schweißüberströmt aus einem Albtraum auf. Sam verharrte reglos und starrte angestrengt in die Dunkelheit, bis sein heftig pochendes Herz sich beruhigt hatte. Verdammt, schon wieder! Das Feuer war erloschen und das Zimmer kalt. Er hatte die Mädchen ausdrücklich angewiesen, genügend Holz aufzulegen, doch sie schienen es einfach nicht zu lernen. Morgens glomm meist nur noch eine schwache Glut. Heute Nacht war das Feuer ganz erloschen.

Er schwang die Beine aus dem Bett, spürte den Teppich unter den bloßen Füßen. Durch das Dunkel tappte er zum Fenster und zog die schweren Vorhänge beiseite. Der Mond stand hoch über den Dächern der Stadt, sein Licht kalt und fahl. In seinem blassen Schein zog Sam sich an, warf das schweißnasse Nachthemd beiseite und schlüpfte in Breeches, Hemd, Weste, Beinlinge und Mokassins.

Auf leisen Sohlen schlich er aus seinem Zimmer. In den weichen Mokassins bewegte er sich nahezu lautlos. Er lief die weite Marmortreppe hinab in die große Halle. Hier hörte er Schritte sich nähern und zog sich ins Dunkel zurück. Im flackernden Schein einer Kerze erkannte er seinen Butler – im Nachthemd, in der einen Hand die Kerze, in der anderen eine Flasche. Als er an ihm vorüberging, konnte Sam die Whiskyfahne riechen. Er lächelte still. Was würde der arme Mann sich erschrecken, wenn er wüsste, dass sein Herr kaum einen Armbreit von ihm entfernt im Dunkeln lauerte! Wahrscheinlich würde er die Herrschaft für verrückt halten.

Sam wartete, bis der Kerzenschein verschwunden und des Butlers Schritte verklungen waren. Eine weitere Minute noch stand er reglos und lauschte, doch alles blieb ruhig. Lautlos löste er sich aus dem Dunkel und schlich durch die leere Hinterküche zum Dienstboteneingang. Der Schlüssel wurde auf dem Sims der großen Feuerstelle verwahrt, doch er besaß ein Duplikat. Er öffnete die Tür und zog sie hinter sich ins Schloss. Draußen war es angenehm kühl, und er musste ein leichtes Frösteln unterdrücken. Einen Augenblick verharrte er im Schatten der Tür, lauschte, spähte, witterte. Außer einem kleinen Tier, das leise im Gebüsch raschelte, und dem plötzlichen Miauen einer Katze nahm er nichts wahr. Kein Mensch war in der Nähe. Er huschte durch den schmalen Küchengarten, streifte Minze, Petersilie und Kräuter, deren Geruch er nicht benennen konnte. Dann war er endlich draußen, in der kleinen Gasse hinter dem Haus, wo er sich abermals vergewisserte, dass niemand in der Nähe war.

Er begann zu laufen. Seine Füße setzten so leicht und lautlos auf dem Pflaster auf wie die samtenen Pfoten einer Katze. Dennoch blieb er vorsichtshalber im Schatten, den die Stallungen warfen. Er wollte nicht dabei gesehen werden, wie er sich heimlich in die Nacht hinausstahl. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb er sich keinen Kammerdiener hielt.

Als er etwas weiter an einem Hauseingang vorbeilief, stach ihm Uringestank in die Nase, und er wich auf die Straße aus. Er war zehn Jahre alt gewesen, als er zum ersten Mal in einer Stadt gewesen war – und nicht einmal in einer besonders großen. Auch nach dreiundzwanzig Jahren erinnerte er sich noch immer daran, wie ihn der Gestank schockiert hatte. Der grauenhafte Gestank Hunderter Menschen, die zu dicht beieinanderlebten und nirgends Platz hatten, sich ihrer Pisse und Scheiße zu entledigen. Er hatte kaum noch aufhören können zu würgen, als ihm zum ersten Mal bewusst geworden war, dass das nie versiegende braune Rinnsal, das inmitten der Pflastersteine hinabrann, praktisch eine offene Kanalisation war. Eine der ersten Lektionen, die Pa ihn gelehrt hatte, war, seinen Unrat zu vergraben. Tiere waren schlau. Wenn sie Menschen witterten, hielten sie sich fern. Und keine Tiere hieß keine Nahrung. So einfach war das gewesen, damals in den weiten Wäldern Pennsylvanias.

Aber hier, wo die Menschen dicht an dicht lebten und ihren Unrat sich in der Gosse anhäufen ließen, wo der Geruch nach Mensch wie ein Nebel über der Stadt hing, durch den man sich mühsam hindurchkämpfen musste, hier war alles komplizierter. Noch immer gab es Jäger und Gejagte, aber ihre Gestalt hatte sich gewandelt, und manchmal war es unmöglich zu sagen, wer Jäger und wer Gejagter war. Diese Stadt war viel gefährlicher als die amerikanische Wildnis mit ihren wilden Tieren und marodierenden Indianern.

Seine Füße trugen ihn an eine Kreuzung, die er leichtfüßig überquerte, bevor er weiter die Straße hinunterlief. Ein junger Mann trat durch das Tor eines eleganten Stadthauses – ein Dienstbote, der so spät von einer Erledigung zurückkehrte? Sam rannte dicht an ihm vorbei, doch der Mann drehte sich nicht nach ihm um. Vielleicht hatte er ihn nicht einmal bemerkt. Flüchtig nahm Sam den Geruch von Bier und Pfeifenrauch an ihm wahr.

Lady Emeline roch nach Zitronenmelisse. Wieder hatte er den angenehm frischen Duft bemerkt, als er sich heute Mittag über ihre blasse Hand gebeugt hatte. Irgendwie war das seltsam. Elegante Damen rochen gewöhnlich nach Moschus oder Patschuli. Mit Grauen erinnerte er sich daran, wie oft die intensive Duftnote – oder vielmehr der Gestank – feiner Damen ihn in Gesellschaft überwältigt hatte. Ihr Parfüm hing wie eine dichte Nebelwolke über ihnen, und er hätte nichts lieber getan, als sich Mund und Nase zuzuhalten. Aber Lady Emeline roch fein nach Zitronenmelisse, dem Duft des Gartens seiner Mutter. Dieser Widerspruch faszinierte ihn.

Er überquerte eine weitere Kreuzung und sprang über eine widerlich stinkende Pfütze hinweg. Im Eingang einer dunklen Gasse sah er einen Mann stehen. Ob er dort Schutz suchte oder jemandem auflauerte, war schwer zu sagen, aber ehe dem anderen Zeit blieb, auf sein plötzliches Auftauchen zu reagieren, war Sam auch schon vorbeigezogen. Er blickte kurz über die Schulter zurück und sah, wie die finstere Gestalt ihm hinterherschaute. Sam grinste und legte an Tempo zu. Lautlos berührten seine Mokassins den Boden, schwebten fast darüber. Zu dieser Nachtstunde mochte er die Stadt beinah. Die Straßen lagen verlassen da, und man konnte sich frei bewegen, ohne stets zu fürchten, jemanden anzurempeln. Es gab Platz. Er spürte, wie seine Muskeln sich langsam durchwärmten und lösten.

Das Haus neben jenem von Lady Emeline hatte er mit Bedacht gewählt. Er hatte wissen wollen, wie es Reynauds Schwester ergangen war. Das war das Mindeste, das er für den Offizier tun konnte, den er so schmählich im Stich gelassen hatte. Als er dann herausfand, dass besagte Dame junge Mädchen in die Gesellschaft einführte, lag es nahe, sie für Rebecca zu engagieren. Natürlich würde er ihr verschweigen, was der wahre Grund für sein Interesse an der Londoner Gesellschaft war, doch das sollte ihn nicht kümmern. Zumindest nicht, bis er die Dame persönlich kennengelernt hatte.

Lady Emeline war ganz anders als erwartet. Ohne groß darüber nachzudenken, hatte er sie sich wie ihren Bruder vorgestellt: von ebenso hochgewachsener Gestalt und mit derselben aristokratischen Haltung. Die aristokratische Haltung hatte sie, aber es fiel ihm schwer, nicht belustigt zu lächeln, wenn sie sich alle Mühe gab, verächtlich auf ihn hinabzuschauen, obwohl sie ihm kaum bis zur Schulter reichte. Dafür war ihre Figur wohlgerundet – gerade richtig, dass es einen Mann danach verlangte, mit beiden Händen ihren Hintern zu umfassen und ihren warmen Leib zu spüren. Ihre Haare waren nahezu schwarz und ihre Augen nicht minder dunkel. Mit ihren rosigen Wangen und ihrer schnippischen Stimme hätte sie auch als aufreizendes irisches Dienstmädchen durchgehen können, stets zu einem Flirt bereit.

Nur dass sie leider keines war.

Sam fluchte leise und blieb stehen. Er stützte die Hände auf die Knie und beugte sich vor, um wieder zu Atem zu kommen. Lady Emeline mochte ja aussehen wie ein irisches Dienstmädchen, aber in ihren eleganten Kleidern und mit dem glasklaren, schneidenden Tonfall würde niemand sie ernstlich für eines halten – nicht einmal ein ungehobelter, unkultivierter Hinterwäldler aus der amerikanischen Wildnis. Mit seinem Geld konnte er sich vieles kaufen, aber eine Frau aus den besten Kreisen des englischen Adels gehörte nicht dazu.

Ein kurzer Blick gen Himmel zeigte, dass der Mond bereits unterging. Zeit für den Heimweg. Sam sah sich um. Kleine Läden mit weit überhängenden Obergeschossen säumten die schmale Straße. In diesem Teil Londons war er nie zuvor gewesen, aber das sollte ihn nicht davon abhalten, wieder zurückzufinden. Langsam lief er wieder los. Der Rückweg war immer das Schlimmste, weil seine anfängliche Frische und Energie verbraucht waren. Jetzt ging sein Atem mühsam, die Muskeln begannen zu schmerzen. Alte Wunden machten sich bemerkbar und pochten bei jedem Schritt. Nie sollst du vergessen, stöhnten seine Narben, nie sollst du vergessen, wo der Tomahawk in dein Fleisch gedrungen ist, wo die Kugel sich bis zum Knochen eingebohrt hat. Vergiss nie, dass du für immer gezeichnet bist, der Überlebende, einer der Lebenden, vielleicht der Letzte, der noch lebte und Zeugnis geben konnte.

Seinen Schmerzen und Erinnerungen zum Trotz rannte Sam weiter. Das war der Punkt, an dem sich jene, die dennoch weitermachten, von denen schieden, die am Wegesrand liegen blieben. Die Kunst bestand darin, den Schmerz zuzulassen. Ihn anzunehmen. Schmerz hielt einen wach. Schmerz war ein Zeichen dafür, dass man noch lebte.

Er hätte nicht sagen können, wie lange er noch lief, aber als er wieder in die schmale Gasse hinter dem gemieteten Stadthaus einbog, war der Mond bereits untergegangen. Mittlerweile war er so erschöpft, dass er es fast nicht rechtzeitig bemerkt hätte: Bei den Stallungen lungerte jemand herum, ein großer und sehr robust aussehender Mann. Fast wäre er an ihm vorbeigelaufen. Aber nur fast. Er blieb stehen und zog sich in den Schatten zurück, den das benachbarte Gebäude warf. Von dort spähte er den Mann aus. Der unbekannte Spion war von bulliger Statur, trug einen roten Rock und einen an den Rändern schon ziemlich ausgefransten Dreispitz. Sam erkannte ihn sofort wieder. Als er und Rebecca heute Lady Emelines Haus verlassen hatten, hatte er auf der anderen Straßenseite gestanden und ebenso gestern, als Sam in seine gemietete Kutsche gestiegen war. Gestalt und Haltung des Mannes waren unverkennbar. Der Kerl verfolgte ihn.

Sam wartete kurz, bis sein Atem etwas ruhiger ging, dann zog er zwei Bleikugeln aus seiner Westentasche. Klein waren sie, gerade mal daumendick, doch sehr praktisch, wenn man nachts allein durch London lief. Er schloss seine rechte Hand um beide Kugeln.

Dann stürzte Sam sich lautlos auf den Rotrock und packte den Mann mit der Linken beim Haar. Mit der Rechten hieb er ihm seitlich an den Kopf. „Wer hat Sie geschickt?“

Für einen so korpulenten Mann war Rotrock überraschend wendig. Er fuhr herum und versuchte, Sam seinen Ellenbogen in den Bauch zu rammen. Wieder schlug Sam zu. Einmal, dann noch einmal hieb er mit der Faust auf das Gesicht des Mannes ein.

„Verdammter Mist!“, fluchte Rotrock keuchend. Sein Londoner Akzent war so stark, dass Sam kaum verstand, was er sagte.

Der Mann zielte nun seinerseits mit der Faust auf Sams Gesicht. Sam wich aus, und der Hieb streifte nur sein Kinn. Er nutzte die Gelegenheit, dem Mann einen empfindlichen Schlag in die Achselhöhle zu verpassen. Rotrock krümmte sich stöhnend vor Schmerz und hielt sich die geschundene Seite. Als er sich wieder aufrichtete, blitzte eine scharfe Klinge in seiner Hand auf. Sam umkreiste ihn lauernd, die Fäuste zum Angriff erhoben. Rotrock stieß mit seinem Messer zu, doch Sam boxte seinen Arm beiseite. Das Messer fiel zu Boden, die Klinge und der weiße Beingriff schimmerten fahl im Dunkel. Sam täuschte links an, und als sein Gegner parieren wollte, packte er ihn beim rechten Arm und nahm den Mann in den Schwitzkasten.

„Dein Auftraggeber“, zischte Sam und bog ihm den Arm auf den Rücken.

Der Mann wand und wehrte sich heftig, verpasste Sam einen zweiten Hieb ans Kinn, der ihn taumeln ließ. Rotrock riss sich los. Mit einem Satz war er bei seinem Messer, hob es rasch auf, rannte die schmale Gasse hinab und war um die Ecke verschwunden.

Sofort nahm Sam die Verfolgung auf – der Jäger in ihm setzte instinktiv der flüchtenden Beute nach –, doch am Ende der Gasse blieb er stehen. Er war seit Stunden unterwegs und hatte nicht mehr genügend Ausdauer, jemanden zu verfolgen. Und selbst wenn er Rotrock einholen sollte, wäre er keineswegs mehr in der Verfassung, ihm sein Wissen abzunötigen. Seufzend steckte Sam die Bleikugeln wieder ein und kehrte zu seinem Haus zurück.

Der Morgen zog bereits herauf.

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