Logo weiterlesen.de
Venus

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

1 Verliebung

Toga

Toga (Fortsetzung)

2 Beichtgeheimnis

Mau

Sun Baba

Kuki

3 Hindupampe

Benito

Winter/Alien

4 Feenkuss

Maria Magdalena

Bringfriede

5 Spülhände

Scheich Ramzi

Baula

Arjuna

6 Manieren

7 Seniorentarif

8 Donnerhall

9 Tigerfüttern

Bliss Swami

10 Kriegsbemalung

11 Polterabend

12 Eisbären

Venus

Epilog

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

   Prolog

Es ist ein dampfend heißer Frühsommertag, als wir durch Manhattan fliegen, auf der Suche nach unserer Sommergeschichte. An der Upper East Side werden wir fündig. Durch ein riesiges blitzblank geputztes Fenster sehen wir eine nackte Frau stehen, reglos neben einem nackten Mann, dieser auch reglos, aber liegend, blutend, aus vielen Wunden, zwischen ihnen ein Messer.

Wir nähern uns der Wohnung, dem Zimmer, betrachten die beiden. Es ist nicht viel Ausdruck im Gesicht des Mannes, denn er ist ja tot. Das ist offenkundig, dass er tot ist, und jeder, der schon mal einen Toten gesehen hat, wird bestätigen, dass der Unterschied zwischen einem lebenden nackten Mann und einem toten nackten Mann derselbe ist wie zwischen einem Fisch im Wasser und einem Fisch in der Dose. Erloschen, entseelt, nichts als der Verwesung ausgesetztes Fleisch.

Auch im Gesicht der Frau ist nichts zu lesen, und das, obgleich sie lebt. Sie ist schön gewachsen, zweifelsohne, ausgestattet mit einem milchweißen Körper, an dessen Hals hektische Flecken wie Klatschmohn wachsen. Breitbeinig steht sie da, Füße nach außen, vor sich hin starrend, nicht direkt zum Toten am Boden, eher hindurch, vorbei, woanders hin, dorthin, wo keiner ihrem Blick folgen kann, wir jedenfalls nicht. Die Geburt der Venus fällt uns ein, und wir spüren brennenden Hunger auf die ganz große Tragödie.

Erst nach Minuten öffnet sich Venus’ Hand, spreizen sich spillerige Klavierfinger, als würden sie das Messer fallen lassen wollen, wenn es nicht schon am Boden läge. Sie läuft einige Schritte zum nächsten Zimmer, Staubflocken tanzen zwischen ihren nackten Füßen, als sie ihren etwas zu dünnen Körper über den Marmorfußboden balanciert, sie reckt ihren ohnehin etwas zu langen Hals, greift nach einem roten Büstenhalter, einer roten Unterhose, einem roten Sommerkleid, rot wie das Blut am Körper des Mannes, am Messer, auf dem Boden, das frische Blut, dessen metallener Geruch in der Luft hängt. Sie zieht sich an, mit den eckigen Bewegungen einer Gliederpuppe, und verlässt die Wohnung.

Wir gehen ihr natürlich nach, denn an diesem Eckpfeiler der Geschichte ist unser Interesse erwacht, wir heben an ihm das Bein wie ein Hündchen; was passiert ist, wollen wir wissen, und natürlich auch, warum, warum eher als wann, und ob die beiden einander geliebt haben oder nur Liebe gemacht oder nicht einmal das. Wir wollen wissen, was nun wird aus der Frau, denn was aus dem Mann wird, ist ja klar. Der Mann wird in eine Tüte gepackt, in eine Kühltruhe geschoben, er wird aufgeschnitten, ausgenommen, wieder gestopft und später vergraben. Wir gehen also ihr nach, weil uns das interessanter erscheint, als neben ihm hocken zu bleiben und auf die Herren von der Spurensicherung zu warten, wir sind von Neugier gepeinigt, von Schadenfreude, Mitleid, Sensationslust, wir wollen alles, alles über die schöne bleiche Venus wissen.

Sie aber läuft nur, und wenn wir nicht von dem Toten wüssten, würden wir vielleicht das Interesse verlieren, eine Frau, die die First Avenue hinunterläuft, barfuß, Block für Block, im flammend roten Kleid, auch wenn sie dabei fabelhaft aussieht, auch wenn ihr Spaghettihaar wie eine weiße Flagge im Sommerwind flattert, auch wenn dieser Langlauf vor der atemberaubenden Kulisse von Manhattan geschieht, so erschöpft sich doch der Anblick nach und nach, nur unser Herrschaftswissen hält uns bei der Stange. Niemand, der die milchweiße hellblonde Frau sieht, weiß, was wir wissen. Niemand kann in ihrem blassen Gesicht lesen, dass es gerade den Tod geschaut hat.

1   Verliebung

Eine halbe Stunde später ist die Protagonistin unserer Sommergeschichte schon fünfundzwanzig Blocks downtown gelaufen, und uns beruhigt die Vorstellung, dass kein Mensch New York zu Fuß verlassen kann, weil das Wasser ihn früher oder später aufhalten wird, in welche Himmelsrichtung er auch immer zu fliehen versucht.

Die Venus wird über kurz oder lang den Südzipfel der Insel erreichen, und dann ist nämlich Sense.

Aber das scheint sie nicht zu stören. Sie läuft. Sie läuft. Sie läuft wie jemand, dessen Ziel es ist, zu laufen, den steinharten Boden Manhattans mit sorgsam manikürten Zehen abzumessen, wie jemand, der kapriziös ist oder wütend oder ganz und gar gedankenversunken. Wir sind fest davon überzeugt, dass es nicht zum Tagesgeschäft dieser Frau gehört, mit nackten Füßen über New Yorks heißen Asphalt zu laufen, dazu sieht sie zu elegant aus und die Füße zu verhätschelt, aber wir begegnen ihr ja im Moment ihrer Lebenswende, das allein macht sie für uns interessant, also folgen wir ihr weiter.

Doch weil dieser New Yorker Sommer sich besonders schwül anfühlt, so wie jedes Jahr, weil sie erschöpft ist, weil sie keinen Hitzschlag erleiden soll, schicken wir ihr Angebote entgegen. Wir schicken einen Polizisten, einen Feuerwehrmann, einen Soldaten, einen Bodybuilder, einen Skilehrer, starke, potente Männer. Sie kommen in kurzen Abständen auf sie zugelaufen, lächeln, sagen hi, suchen ihren Blick, aber sie sieht sie nicht, sie sieht sie nicht, sie läuft weiter. Also schicken wir ihr einen Akademiker, einen Dichter, einen Studenten, aber auch diese Männer sind offenbar unsichtbar für sie.

Etwa zehn Blocks vor der Houston Street biegt sie urplötzlich nach links ab, läuft ostwärts, zwei Blocks weiter, dann wieder downtown, vorbei an Paolo’s Deli, Laptop Repair, Dolphin Gym, Ugly Coyote Thrift Shop, King’s Pharmacy, Theodoro Grocery, Dry Cleaner and Landromat, Hairdresser unisex. Vor Paolo’s Car Repair jedoch strauchelt sie und fällt. Wir sehen, dass ihre Fußsohlen bluten. Wir sehen, wie ein kahl rasierter Riese in einer orangen Kutte sie aufhebt, auf sie einredet. Wir sehen, wie sie kurz Gegenwehr leistet, wie ihr Gesicht sich höhnisch verzieht, wie sie aber dann aufgibt und nachgibt und sich auf seine starken Arme heben und wegtragen lässt. Wir frohlocken. Eine gefallene Prinzessin und ein Bettelmönch. Eine Mörderin und ein Heiliger. Ihr Anblick und wie sie gemeinsam in einer kleinen Barockkirche auf der Avenue B verschwinden, hat unsere Phantasie angeregt, so sehr angeregt, dass wir alle Termine absagen, dass wir es als unumstößlich betrachten, diesem Paar weiter zu folgen, in ein Treppenhaus, in einen Fahrstuhl, in ein mit Goldbrokat und rotem Samt ausgeschlagenes Zimmer mit niedriger Decke, voll gestopft mit Buddhastatuen, Kruzifixen und kitschigen indischen Göttergemälden.

Schon sitzt sie auf einem Stuhl, der Kopf hängt nach unten, das weißblonde Spaghettihaar hat sich wie ein Schleier vor ihrem Gesicht geschlossen. Sie bietet ein Bild des Jammers, das muss man schon sagen, aber selbst im Jammer ist sie noch anmutig. Jetzt, langsam, hebt sie den Kopf, der etwas Gläsernes hat, der Vorhang öffnet sich, mit flaschengrünen Augen unter dichten weißen Wimpern sieht sie sich unwillig um. Was soll man sagen, wenn man aufwacht und sich alles wie ein Traum anfühlt, in diesen Dingen ist selten einer originell.

»Wo bin ich?«, fragt sie da auch schon.

»In God’s Motel«, säuselt ein Stimmchen. »Willkommen!«

Wir werfen nun einen Blick hinter ihre helle Stirn, in das Chaos in ihrem Kopf. Eben denkt sie, sie sei tot und im Himmel. Eine Vorstellung, die ihr gefällt.

»Was ist passiert?« Sie kräuselt ihre perfekte Nase, findet sich umringt von Aschenputteln. Das ist ja ekelhaft, denkt sie. Das kann unmöglich der Himmel sein.

Man kann sich vorstellen, wie fremd sich jemand fühlt, der sonst auf der Upper East Side verkehrt, in Penthäusern mit spiegelblanken Fenstern, die diese Menschen vermutlich niemals betreten werden, es sei denn, sie putzen sie, die Fenster und die Penthäuser.

Neben ihr sitzt ein indisch aussehendes Mädchen, das fast aus seinem Sari platzt, mit hüftlangem schwarzem Haar, glänzend wie Rabengefieder. Sie tätschelt Venus’ Wangen, knetet ihre zarten hellen Hände, stellt ihr mit schwarzem Mund irgendeine Frage, die sie aber nicht beantwortet. Eine Asiatin mit Kopftuch ums ungeschminkte Gesicht bringt eine Tasse Tee, die die Venus aber nicht trinkt. Das wäre ja noch schöner. »Ich trinke einen doppelten Espresso«, lässt sie die Anwesenden wissen, da sie ein verwöhntes Zicklein ist. Die Asiatin schüttelt stumm den Kopf, geht wieder weg, kommt mit einem Glas Wasser zurück.

Ein feister Indianer mit einer dicken dunklen Hornbrille wäscht Venus’ Füße und reinigt sie mit Jod. »Aua!«, schreit sie und zieht die Füße weg. Die Sätze des Indianers beginnen mit »Anyway«. Er macht aufmunternde Scherze, über die nur er selbst lacht, im Falsett, während er geziert abwinkt. Ein Orientale mit einem hohen Korkhut und einem bunten Flickenmantel steht an der Tür, die schmutzigen Hände über der Brust gekreuzt, unwirklich wie eine Märchenfigur. Oder ist das ein Traum, denkt unsere Venus. Bin ich etwa auf Drogen?

Noch mehr Menschen sind da, aber sie bleiben schemenhaft. Nur dass ein haariger Zwerg in weißer Toga ihr immer wieder das Wasserglas hinschiebt, es ihr sogar an die Lippen hebt, nimmt sie wahr. Sie trinkt. Sie verzieht das Gesicht. Das Wasser schmeckt nach Chlor. Das Zimmer riecht nach Räucherstäbchen. Der Magen des Toga-Zwergs knurrt vernehmlich.

Sie muss raus aus diesem Kostümfundus, raus aus dieser Gesindekammer, in der man ihr sogar den Espresso verweigert.

»Wo kann ich telefonieren?«, fragt sie und sieht sich um. Natürlich ist es pikiert, unser Uptown-Girl mit seinem Marc-Jacobs-Kleidchen aus der neuen Kollektion. Noch greifen wir nicht ein. Im Gegenteil. Wir sind sehr gespannt, wen sie nun anrufen wird. Sie sieht blass aus, vielleicht ist es das sie umspülende Rot des Kleides, vielleicht ist es der unsortierte Farbenwust des multireligiösen Zimmers, aber unsere Venus wirkt durchsichtig, als hätte der Tod des nackten Mannes alle Farbe aus ihr herausgewaschen, als hätte sie gleichsam mit ihm alles Blut verloren, als hätte die Sonne sie gebleicht, anstatt sie zu bräunen.

Der Haarzwerg reißt ein schnurloses Telefon aus dem Holster und reicht es ihr. Sie nimmt es huldvoll in ihre spillerigen Klavierfinger, hält aber inne.

»Neun vorwählen«, sagt Toga mit leiser, eingecremter Stimme und immer noch penetrant knurrendem Magen. Der feiste Indianer, der rote Kriegsbemalung im Gesicht hat, tupft immer noch an ihren Füßen herum. Sie zieht sie weg, woraufhin er eingeschnappt zischt.

»Neun vorwählen«, haucht das Männchen noch mal. Sie tippt mit ihrem perfekt geformten perlmuttlackierten Zeigefingernagel die Neun vor. Aber es ist nicht die Neun, um die es hier geht. Die Neun ist es nicht. Es ist der Rest. Sie kann sich nicht erinnern, was dann kommt. Nicht an die Nummer. Nicht einmal daran, wenn sie anrufen will.

»Wo bin ich hier eigentlich? In einer Klapsmühle?«, ruft sie. Die hektischen Mohnblumen wachsen wieder auf ihrem Hals. Unsere Venus will aufstehen, aber sie schwankt, sie fällt.

Hände, dunkle, raue, abgearbeitete, kräftige Hände, fangen sie auf, kurz sind wir besorgt, man könne unser neues Spielzeug zerbrechen, aber nein, sehr sorgfältig wird es auf ein Sofa gelegt.

»Es sind über vierzig Grad draußen«, haucht Toga, von dem wir annehmen, dass seine Sanftheit gespielt ist. »Da sind Kreislaufprobleme ganz normal.« Sie sieht aus, als wäre sie empört, wenn sie nicht so schwach wäre. Man hat ihr vielleicht Drogen gegeben, sie gekidnappt und bestohlen. Sie muss weg. Sie muss ihre Sachen nehmen und weg.

»Meine Tasche«, ruft sie wie ein König, fehlt nur noch, dass sie ungeduldig in die Hände klatscht.

»Da war keine Tasche«, sagt der Orange Riese.

»Du lügst«, sagt sie. »Du hast mich beklaut! Du hast mich gekidnappt! Ich will nach Hause! Was grinst du so?«

Uns gefällt die Idee, sie hier zu behalten, die Prinzessin auf der Erbse, uns gefällt die Idee immer besser, je weniger sie ihr gefällt. Sie will telefonieren, aber sie weiß nicht, wen anrufen. Sie will nach Hause, aber sie weiß nicht, wo das ist. Was sie nicht zu vergessen haben scheint, sind die kleinen Dinge, die das Leben angenehmer machen.

»Hat jemand eine Zigarette?«

»Wir rauchen hier nicht«, sagt Toga sanft. Sie sieht sich zornig um. Niemand erhebt Protest. »Ich sagte nicht, dass ihr rauchen sollt, sondern dass ich rauchen will.«

»Du rauchst auch nicht, du hast es nur vergessen«, predigt sein kleiner Mund, ein sprudelndes Brünnlein im Dschungel seines Vollbarts. Ich werde gleich aufwachen, denkt sie. Und dann ist es vorbei. Und dann rauch ich eine. Aber sie wacht nicht auf. Und es ist nicht vorbei. Und geraucht wird hier nicht.

»Du kannst heute Nacht hier bleiben«, sagt Toga, und wir können nicht fassen, wie dieses Sahnestimmchen zu den wolligen Unterarmen, zu dem wütenden Verdauungsrumpeln in seinem Leib passen soll. »Morgen wird es dir besser gehen.« Unsere Venus ist plötzlich sehr müde. Sie wirft dem Orangen Riesen, der im Weg steht, einen Blick zu und humpelt Toga nach. Schwer, sehr schwer fühlen sich ihre Beine an, ihr ganzes zartes Knochengerüst scheint aus Blei zu sein. Wir können in sie hineinsehen. Ihr Kopf ist leer, das ist der Schock, aber auch ihr Herz ist leer, das wundert uns.

»Wo bin ich überhaupt?«, fragt sie.

»An einem Ort des Friedens«, wispert der kleine Mann an ihrer Seite, »in einer Tempelkirche.«

»Eine … Tempelkirche?«

»Ein Gotteshaus. Tempel, Kirche, Moschee, Synagoge, nenne es, wie du willst.«

Sie folgt ihm, leicht schwankend. »In welcher Stadt?«

Er sieht sie alarmiert an.

»New York«, sagt er, »New York City.« Im nächsten Moment hechtet er sich auf den Boden. »Sieht denn das keiner? Muss ich denn alles alleine machen?« Er nimmt den Zipfel seiner Toga und reibt, das ganze bärtige Männchen rutscht dabei vor und zurück. Der Stein des Anstoßes ist ein Milchfleck, der aber offenbar schon angetrocknet ist. Unsere Venus sieht taktvoll weg. Wir auch, wir sehen uns um, denn wir haben noch nie einen Tempel gesehen, der gleichzeitig eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee ist. Ein skurriles Sammelsurium, verkitscht, ungeordnet, symbolüberfrachtet, ein kleines Irrenhaus inmitten eines großen, inmitten eines ganz großen.

Unser Blick richtet sich auf den Mönch, der unsere Venus gefunden hat, der ein freundliches langes Gesicht hat, einen knarzigen kahlen Kopf, ein herrisches Kinn. Sein oranger, fast bodenlanger Kittel wird von einem Strick zusammengehalten wie eine Mönchskutte. Ein strammer Bauch hängt über diesen Strick, und auch seine Hände fallen uns auf, die wie Flöße sind, wie Bärentatzen, wie Bratpfannen. Wir sehen am Ausdruck seiner Augen unter buschigen Augenbrauen, dass er die meisten Dummheiten schon hinter sich hat, er ist gezähmt worden, nun zähmt er andere, indem er Ruhe ausstrahlt, ausgleichende Ruhe, er macht sogar uns ruhig, die wir doch ganz aufgeregt sind von den Ereignissen des Tages. Wie muss es erst unserer amnesierten Venus gehen in ihrem kargen Gästebett in ihrem kargen Zimmerchen, in dem sie nun liegt, die milch-weißen dünnen Beinchen angehockt, die Füße in Mullverbänden, das rote Kleid wie eine voll erblühte Tulpe um die schmalen Hüften geplustert, verloren wirkt sie, so ohne jeden Bezug zum Upper-East-Side-Ambiente.

Ihre Augenlider flackern. Es ist Abend oder später Nachmittag. Sie ist immer noch in ihrem goldbrokatenen Albtraum eingesperrt. Sie versucht, sich zu erinnern, an das, was war. Wir sehen sie in ihrem Gedächtnis nach irgendwas suchen, tasten, aber sie denkt gegen eine Mauer. Denn hier haben wir zugegebenermaßen bereits die Hände im Spiel. Sie rüttelt an der Mauer, die wir Stein für Stein um ihre Lebenserinnerung errichtet haben und die so lange stehen bleiben wird, wie wir es wollen. Von nun an werden alle in unserer Sommergeschichte handelnden Figuren unsere Spielzeuge sein, zu unserer Erbauung und auf eigene Gefahr.

Kurz schwanken wir, dann fällt dem Orangen Riesen die männliche Hauptrolle in unserer Sommergeschichte zu. Toga wäre auch infrage gekommen, aber immerhin war es der Riese, der sie auf der Straße fand und herbrachte, nicht der Zwerg. Der Riese wird es auch sein, der sie in Empfang nimmt, wenn sie aufwacht. Er wird ihr Ärgernis sein und später ihr Lehrer und später ihr Mensch. Wir nennen ihn Bliss Swami. Er ist unser Archetyp des keuschen Mönchs, sie die ätherische Versuchung. So schreiben wir mit literarischen Gaumenfreuden am Drehbuch, während unsere Heroine traumlos schläft.

»Willkommen«, sagt lächelnd der Bliss Swami in freundlichem, langsamem Bariton, als Venus verschlafen aus dem Zimmer tritt. »Möchtest du etwas essen?«

Der Bliss Swami spricht so langsam, dass sie gern an seiner Kurbel drehen würde. Sie mustert ihn hochmütig. Sie ist ungeduldig. Sie ist verwöhnt. Offenbar entspricht der Mann nicht im Geringsten ihren Vorstellungen. Hätte mich nicht jemand anders finden können, denkt sie.

Wir haben dir Angebote entgegengeschickt, möchten wir einwenden, einen Polizisten, einen Feuerwehrmann, einen Soldaten, einen Bodybuilder, einen Skilehrer, starke, potente Männer, wir haben auch Sensible geschickt, einen Akademiker, einen Dichter, einen Studenten, aber sie hört uns ja nicht, außerdem ist in unserer Sommergeschichte kein Platz für Rechtfertigung.

Venus wirft einen pikierten Blick in den Topf. Das ist ja ekelhaft, denkt sie.

Wüsste sie von uns, sie würde uns zürnen, da wir im Begriff sind, sie zum Klischee zu machen, aber wir haben Klischees zu schätzen gelernt, sie treffen zu, nichts unterhält uns besser.

»Salat hätte ich gern, Rucola, aber ohne Dressing, nur etwas frisch gepressten Zitronensaft, aber auf einem Extra-Teller«, sagt Venus knapp. Die Art, wie sie die Lippen kräuselt, lässt uns vermuten, dass sie normalerweise bekommt, was sie will. »Und einen Espresso.«

»Ähm … tut mir Leid«, sagt der Bliss Swami, den es offenbar nicht kränkt, wie ein Kellner behandelt zu werden. Er öffnet langsam, sehr langsam, einige Schränke und Schubladen. »Ich kann dir frische Karotten anbieten und Yogi-Tee.« Es sieht nicht so aus, als würden die beiden kulinarisch ins Geschäft kommen. Genau genommen lässt Venus ihn stehen, geht in ihr Zimmer und knallt die Tür.

Sie sieht sich um. Das Zimmer ist karg wie Karotten und Yogi-Tee. Nichts als Fenster, Tisch, Bett, Madonnenbild. Sie hat in ihrem Kleid geschlafen. Sie hat keinen Kamm, kein Make-up, keine Zahnbürste. Und natürlich wissen wir, wonach sie angstvoll alle vier Wände absucht. Nach einem Spiegel. Sie muss ja furchtbar aussehen! Wie sieht sie überhaupt aus? Kein Spiegel da. Sie hebt eine Strähne ihres hellblonden fast weißen Spaghettihaares hoch und betrachtet sie. Sie sieht sich wieder um. Auch kein Badezimmer.

Sie öffnet die Tür und sieht den Bliss Swami wie einen großen, mit Moos bewachsenen Stein im Goldbrokatzimmer sitzen. Sie würde ihm gern das Lächeln aus dem Gesicht prügeln. Aber ihre gute Erziehung, die sie keineswegs vergessen hat, darauf legen wir Wert, veranlasst sie, ihre wahren Gefühle zu verbergen und zurückzulächeln, etwas maskenhaft, doch für ihn reicht es allemal.

»Wo, bitte, ist das Bad?«, fragt sie. Der Bliss Swami zeigt ihr den Weg zum Flur. Ein Gemeinschaftsbad mit muffigen Handtüchern und struppigen ausgedienten Zahnbürsten armer Leute. Sie verriegelt die Tür und sieht lange in den Spiegel.

Das, was sie sieht, kennt sie nicht. Ein schmales, blasses, müdes Frauengesicht. Flaschengrüne Augen unter dichten weißen Wimpern. Ein Schwanenhals, in dem sie den Puls klopfen sieht. Ein rotes Sommerkleid von einem Designer, dessen Name ihr nichts sagt. Eine schwere Armbanduhr an ihrem Handgelenk. Nichts löst Wiedererkennen aus. Alles kommt ihr unbekannt vor. Die ganze Frau kommt sich unbekannt vor. Wer immer sie ist, sie hat es vergessen.

Unsere Venus setzt sich auf den Wannenrand. Schreck. Angst. Leere. Der Wannenrand ist kühl. Ihre Beine zittern.

Einen Moment lang sind wir unaufmerksam, weil wir in einen kleinen Streit darüber geraten sind, ob wir jetzt schon erzählen sollen, was bisher passierte, denn wir haben, während sie schlief, recherchiert. Die Venus sitzt immer noch ratlos auf dem Wannenrand. Sie öffnet den Spiegelschrank, in dem sich einige leere, staubige Toilettenartikel finden, darunter eine Haartönungswäsche. Sie beschließt, sich vorübergehend den Namen der Haartönungswäsche zu geben. Wir nennen dieselbe rasch »Venus«, weil wir es nicht verantworten können, sie mit dem Namen »Flexible Color« durch unsere Sommergeschichte laufen zu lassen. Venus verlässt das Bad und steuert auf den Mönch zu. Er steht riesig und mit hängenden Armen da, dasselbe unverwüstliche Lächeln im Gesicht, denn er benutzt immer nur das eine. Wie ein Sack hängt der orange Kittel an ihm, erdet ihn, hält ihn auf dem Boden der Tatsachen.

»Ich heiße Venus«, sagt sie, obwohl ihr der Name schon merkwürdig vorkommt, sowohl für eine Haartönungswäsche als auch für sie. Er nickt freundlich und scheint nicht im Geringsten überrascht.

»Bliss Swami.«

»Bliss was?« Sie lacht nervös auf.

»Bliss Swami. Das ist mein spiritueller Name.«

»Wie auch immer«, sagt sie, eisig weht uns ihre Arroganz an. Sie schüttelt den Kopf, als könne sie das alles gar nicht fassen. »Ich möchte so schnell wie möglich …«

In diesem Moment wird uns klar, dass selbst ein vorübergehender Gedächtnisverlust unsere Venus nicht an diesen Ort binden wird. Natürlich kann sie einfach rausmarschieren aus jenem ehrenwerten Haus, das wir ihr als neues Zuhause zugedacht haben. Sie kann etwa zur Polizei laufen, um herauszufinden, wie sie wirklich heißt. Aber das haben wir ja schon herausgefunden. Nein, unsere Geschichte soll nicht so langweilig werden wie das Leben. Keine verpasste Gelegenheit. Venus, die Göttin der Liebe, die Göttin der Schönheit, ganz ohne Verliebung, unmöglich!

Es muss eine Verliebung stattfinden, jetzt und hier, wie ein Blitzschlag muss es sie treffen, und nun lässt sich Zauberei leider nicht umgehen, Zauberei, die aus der Geschichte, die wie ein Krimi begann, ein Märchen machen wird, eine Romanze, denn die schönsten Romanzen spielen unserer Meinung nach in New York.

Wir berühren ihre helle Stirn also sanft, ganz sanft mit dem Zauberstab, und duftende Rosenblüten fallen in ihr Herz. Sie sieht auf, sie sieht den Mann an, der vor ihr steht, und seine Augen sind tiefe, kristallklare Seen, mit glitzernden Fischschwärmen, mit steilen, felsigen Ufern, auf deren Klippen sie sich nackt räkelt, mit Schilfbrauen, die den Ufern Schatten spenden, seine Lippen schwellen ihr zärtlich entgegen, seine Hände sind Flöße, stabil gezimmert, um sie durchs Leben tragen zu können. Sie starrt ihn an und beendet ihren Satz:

»… ich würde gern eine Weile hier bleiben.«

Der Bliss Swami sieht für einen Moment erstaunt aus. Ihn haben wir mit dem Zauberstab nicht berührt, er ist noch derselbe, ein Mönch in einer Kirche, einer, der zwar schon vieles gesehen hat, aber noch keinen blonden ätherischen Engel ihn lüstern anstarren.

»Wir vermieten Gästezimmer an Touristen«, sagt er und räuspert sich. Wenn er wüsste, wie das geht, Verlegenheit, er würde umgehend von ihr befallen. Seine Stimme ist männlich und sanft zugleich. Der schlafende Riese. Der traumwandelnde Krieger. Glücklicherweise ahnt er nicht, was ihm bevorsteht, sonst würde er alles stehen und liegen lassen, würde rennen, um sein Seelenheil, um sein Leben. Aber der ganze Mann verharrt in freundlicher Untätigkeit. »Ich müsste herausfinden, ob eines frei ist.«

Er ist schön, denkt sie. Wie schön er ist! Und sagt atemlos: »Ist denn eins frei?«

Der Bliss Swami setzt sich langsam in Bewegung, geht lautlos zum Schreibtisch, beugt sich darüber, blättert in einem abgegriffenen Buch.

»Ähm … ja.«

»Was kostet das?«

»Ähm … zweitausend Dollar im Monat.«

Kein Problem, denkt sie, will sie sagen, will in ihre nicht vorhandene Tasche greifen, um mit nicht vorhandenem Geld zu bezahlen, mit einer lässigen Handbewegung, die nur Menschen im Repertoire haben, die sich alles kaufen können. Sie hält mitten in der Bewegung inne, sich der Vergeblichkeit der Aktion bewusst werdend.

»Was?«, sagt sie. »So viel? In diesem …«, sie verschluckt den Rest des Satzes, weil der herrliche Anblick des Orangen Riesen ihr den Atem raubt.

»Wir sind ein Zufluchtsort für Menschen, die sich ihrer inneren Leere bewusst werden«, sagt der Bliss Swami.

»Reiche Menschen, nehme ich an«, murmelt sie. Mehr als Murmeln ist im Moment nicht drin.

Er nickt. »Das sind oft die leersten«, sagt er ernst.

Da nickt sie auch, denn sie ist viel zu verliebt, um ihm den Vogel zu zeigen. Vielleicht haben wir unseren Zauber zu hoch dosiert, jedenfalls bedankt sie sich artig, geht in ihren Witz von einem 2000-Dollar-Zimmer zurück und überlegt, wie man an Geld kommt, wenn man keines hat, und wie das andere Leute machen.

Sie humpelt hinaus auf die Straße, die Luft ist kühl und klar. Sie läuft auf nackten verbundenen Füßen mit der Abendsonne im Rücken. Ich heiße Venus, erklärt sie dem Straßenlärm. Der brummt nur. Sie sieht sich um und atmet tief ein, aber die Luft ist feucht und schwül und enthält wenig Sauerstoff, und egal, wie tief sie atmet, es scheint auf geheimnisvolle Weise nie tief genug zu sein. Sie betrachtet die Gesichter der Menschen. Kennt der mich? Oder die? Die schmale Straße, eingerahmt von hohen Häusern, der Straßenlärm, der Hochmut der Großstadt, der selbstverliebte Brachiallärm der Feuerwehren, der Gestank nach Wohlstandsmüll und Fäulnis. All das kommt ihr vertraut vor. Dies könnte ihr Haus sein. Oder jenes dort? Die Geräuschkulisse dringt durch jede Pore in sie ein. Die gelben Taxis fahren direkt durch ihren Kopf, zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus, so leer ist der (die reichsten Menschen sind oft die leersten …), so laut sind die. Es schmerzt etwas, sie hört ein fernes Rauschen des Blutes, spürt einen leichten Puls in den Schläfen. Bin ich verheiratet?, denkt sie. Warten meine Kinder auf mich?

Ein Wind kommt auf, dem sie nicht viel entgegenzusetzen hat. Vor ihre Beine weht ein Zeitungsblatt und bleibt an ihren spitzen Knien hängen. Sie bückt sich, zupft es ab, will es wegwerfen, sieht eine Annonce darauf. WATCH EXCHANGE, Fifth Avenue and 23th Street. Venus sieht auf ihr linkes Handgelenk. Da ist eine Uhr. Sie ist schwer, klobig, unbequem, sie sieht teuer aus. Nach Gold mit Brillanten. Es ist fünf Uhr. Fünf Uhr nachmittags. Sie ist an … Avenue B, Ecke 9. Straße. Sie sieht wieder auf die Annonce. Ich werde die Uhr verkaufen, denkt sie. Ich muss geradeaus bis zum Ende vom Tompkins Square Park und links, denkt sie. Geradeaus und links, komisch, denkt sie, das weiß ich.

Nach zwanzig Minuten Barfußmarsch ist sie angekommen, fußwund, die schmutzigen Mullbinden wie Schleppen hinter sich herziehend, aber mit der Leichtigkeit blutjunger Verliebtheit im Bauch. Nun steht sie vor einem alten Eckhaus, dessen atemraubende Schmalheit ihr vertraut erscheint.

Gegenüber sieht sie die großen grünen Neonbuchstaben leuchten: WATCH EXCHANGE. Sie bittet einen rauchenden Passanten um eine Zigarette. Ihr linker Fuß schmerzt mehr als der rechte, sie hebt ihn hoch und dreht ihn im Gelenk. Der eine Verband ist ganz abgefallen, der andere hängt noch am rechten Fuß. Sie steht auf einem Bein, spürt die Wucht des ersten Zuges in allen Gliedern, strauchelt, hält sich an einem Hydranten fest. Nach drei Zügen wirft sie die Zigarette weg und betritt das Geschäft.

»Es ist eine Goldstein Diamond Pearl Master«, sagt der Verkäufer. Er ist um die fünfzig und hat ein Vollmondgesicht. Er wirft einen Blick auf ihre Füße, sagt aber nichts. Jesus’ Füße sahen streckenweise auch nicht besser aus. »Da haben Sie ein wertvolles Stück, Katalogpreis 6435 Dollar.« Er sieht sie anerkennend an, als steige mit der Uhr auch ihr Wert. »Ist sie kaputt?«

Das sind drei Monatsmieten in seiner Nähe, denkt sie.

»Nein«, sagt sie. »Ich will verkaufen.«

Auf diese Nachricht hin kühlt der Mann merklich ab. Nochmals nimmt er die Goldstein Diamond Pearl Master in die Hand und starrt sie lange durch eine Lupe an. In Venus schießt Angst hoch. Eine Fälschung. Kürzlich gestohlen worden. Sie macht sich verdächtig. Vielleicht ist sie eine Kriminelle.

»Entschuldigen Sie mich einen Moment«, sagt der Mann mit dem Vollmondgesicht und verschwindet im Hinterzimmer. Er ruft die Polizei, denkt sie, jetzt ruft er die Polizei. Ihr dünnes milchweißes Bein wippt nervös, aber sie bleibt sitzen, denn sie braucht ja das Geld, denn sie will ja in der Nähe des Orangen Riesen sein, so nah und so lange, wie es geht, dazu haben wir sie schließlich mit unserem Zauber verdonnert.

Nach langen fünf Minuten kommt der Mann wieder raus. Er lächelt entschuldigend.

»Es fehlen zwei Glieder am Originalarmband. Haben Sie die grad da?« Sie schüttelt den Kopf. Das Schwein. Er weiß genau, dass sie die Glieder grad nicht da hat. Er ist ein erfahrener Ankäufer von Verzweiflungsuhren. Er riecht ihre Notlage.

»Dann brauch ich die Papiere.« Sie schüttelt den Kopf.

»Sie haben keine Papiere für die Uhr?«

Sie sagt leise: »Nein.«

»Haben Sie einen Ausweis dabei?«

»Auch nicht.«

»Also, unter diesen Umständen …«, sagt er gedehnt, »unter diesen Umständen kann ich Ihnen höchstens die Hälfte geben.«

»Sie sind ein Betrüger!«

Der Betrüger zieht einen Katalog aus einem Stapel, leckt den kurzen Zeigefinger an und fährt mit ihm quietschend die Spalten herunter.

»Wie gesagt, 6435 Dollar Listenpreis«, sagt er und hält ihr den Katalog hin. »Mit Papieren, also Kaufnachweis und vollständigem Armband.«

»Vielen Dank für Ihre Bemühungen, Mister …«

»Kingsley«, ergänzt er servil.

»… Mister Kingsley. Ich ziehe es vor, mich nach einem seriösen Geschäftspartner umzusehen. Guten Tag!«

Sie humpelt zur Tür, den Verband wie einen toten Wurm hinter sich herziehend.

»Selbstverständlich! Viel Spaß dabei«, ruft der Verkäufer ihr nach. »Und falls Sie nicht fündig werden: unser Angebot steht!«

Fünf Uhrenhändler und zwei Glassplitter später steht sie wieder vor WATCH EXCHANGE.

»Freut mich, dass Sie sich doch noch für uns entschieden haben, gnädige Frau«, sagt Kingsley und bereitet die Papiere vor. »Füllen Sie dieses Formular aus. Der Barscheck geht Ihnen dann in zwei Wochen zu.«

Barscheck. Zwei Wochen. Sie schnappt nach Luft.

»Ich brauche das Geld cash«, sagt sie. »Sofort.«

»Cash zahlen wir nur in Ausnahmefällen, aber dann anteilig«, sagt er. »Das wären in Ihrem Fall …«, er zückt den Stift und malt Kringel in sein Notizheft, »… 2000 Dollar.«

»2200«, bittet sie und spürt die Demütigung in jedem Knochen.

»Okay«, sagt er leutselig und zwinkert ihr zu, »weil Sie es sind!«

Es ist niemand anders im Laden. Er schreibt keine Quittung. Er leckt den Finger an und zählt ihr die stinkenden grünen Scheine hin. Er hält ihr die Hand hin, aber sie nimmt sie nicht. Er zuckt mit den Schultern und steckt die Goldstein Diamond Pearl Master in seine Hosentasche, sieht, wie sie aus dem Laden humpelt, das Geld in der Faust und sich draußen bei einem Straßenhändler billige Schuhe kauft. Er sieht, wie der Straßenhändler argwöhnisch den knittrigen 50-Dollar-Schein betrachtet, den sie ihm hinhält.

Während sich unsere Venus auf den Heimweg macht, Heimweg nach ihrem momentanen Kenntnisstand, während sie also durch die taghelle, dunstheiße Manhattaner Nacht Richtung downtown zurück gen Tempelkirche humpelt, beginnen wir, deren Bewohner mit interessanten Lebensgeschichten auszustatten.

Toga

Der haarige Zwerg mit der eingecremten Stimme wurde geboren in Little Italy, jenem Stadtbezirk in Manhattan, in dem Ford Coppola den Paten spielen ließ, im Übrigen einen unserer Lieblingsfilme, weshalb wir Toga auch verstärkte Beachtung schenken werden. Er stammt aus einer Familie von italienischen Gastwirten, Kleinkriminellen und nebulösen Gestalten, die man im weitesten Sinne der organisierten Kriminalität zurechnen kann, und stand mit zwanzig Jahren vor der Entscheidung, das Restaurant seines Vater zu übernehmen. Toga war zu diesem Zeitpunkt ein kleiner, drahtiger Frauenheld, stark behaart und trinkfest, der die Bräute seiner Brüder auftrug und einen kleinen, aber schwunghaften Waffenhandel betrieb. Seine Stimme war harsch und hart. Er sprach viel zu schnell, viel zu laut, viel zu viel, war aufbrausend und unkontrolliert, mit jener wild fuchtelnden Gestik der Italiener, er legte sich mit jedem an, stritt, schlug, und da er stets bewaffnet war, kam es auch vor, dass er schoss.

An einem Sonntag ging er mit irgendeinem Mädchen in den Central Park zum Picknick, sie lief vor ihm in ihrem engen kurzen Kleid und trug einen Weidenkorb mit Chianti und Antipasti. Keine Frau zum Heiraten, dachte er, als er ihren runden Hintern vor sich hinund herschaukeln sah. Nur zum Vergnügen. Aber er freute sich gar nicht auf das Vergnügen. Auch nicht aufs Saufen mit seinen ebenfalls lauten, ebenfalls stark behaarten Brüdern, auf die fabrikneuen glänzenden Waffen, die man ihm heute geliefert hatte, nicht mal darauf, dass er bald Restaurantchef sein würde und Robert De Niro sein Stammgast. Es schien ihm alles so sinnlos.

Sie hatten ihr Picknick, es wurde dunkel. Alle Paare im Park legten sich nieder. Roberto griff dem Mädchen unter den Rock. Sie wehrte sich. Er wurde wütend und schlug sie. Sie wehrte sich wieder. Er wurde noch wütender und würgte sie. Sie war doch selbst schuld, sie hatte ihn angemacht mit ihrem kurzen Kleid. Kein anständiges Mädchen trägt so ein Kleid. Sie wehrte sich nicht mehr. Sie war tot. Eine dumme Kuh weniger, dachte er, stand auf, klopfte sich die Hose sauber und wollte gehen.

Doch dann traf ihn ein Lichtstrahl geradewegs ins Hirn. Ein Inder erschien ihm, wie aus dem Boden gestampft. Er war uralt, braun wie geröstete Mandeln, verhutzelt wie ein Zirkusäffchen, aber vollkommen haarlos. Er schwebte in einer gleißenden Lichtwolke über der Wiese. »Du bist auf dem falschen Weg, Roberto«, sagte er. Roberto traute seinen Augen und Ohren kaum. Die nackten Füße des alten Inders berührten den Boden nicht. »Komm mit mir, lerne Demut, ergib dich Gott, sei der Diener des Dieners, und du wirst frei sein.«

Frei sein, das war das Verlockendste, das Roberto je vernommen hatte. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass das die Lösung für alle seine Probleme war, und zog noch am selben Tag in einen der vielen Hare-Krishna-Tempel ein, die in jenen Tagen wie Pilze aus dem steinharten New Yorker Boden wuchsen.

Roberto schor sich den Kopf, legte seinen Mafioso-Anzug ab und hüllte sich fortan in jene weißen Laken, die ihm rasch zu seinem neuen Namen verhalfen. Er sprach seit seiner Erleuchtung sanft und leise, lebte weiterhin in Manhattan, ging aber niemals wieder nach Little Italy (»in die Dunkelheit«, wie er sagte) und wurde von seiner Familie, die ihn erfolgreich aus den Ermittlungen der Polizei heraushalten konnte, zur Persona non grata erklärt. Ein Jahr später legte er das Mönchsgelübde ab, gelobte also Keuschheit bis ans Ende seiner Tage.

Trotz seiner plötzlichen Wandlung vom Saulus zum Paulus bleib Toga auf beeindruckende Art und Weise derselbe. Er hatte zwar die Seiten gewechselt, hatte die Knechtschaft der Lebenszwänge gegen die Knechtschaft der Glaubenszwänge getauscht. Er war zwar nun angetrieben vom unbeugsamen Willen, der eigenen Natur zu widersprechen, anstatt ihr zu dienen, aber die genetische Disposition zum Killer war nach wie vor da. Sie war nach seinem Maßstab zu etwas Gutem geworden. Er würde immer noch töten, nur eben für Gott. Er würde immer noch kriminell sein, nur eben für Gott. Er sah sich als Soldat Gottes, machte eine militärische Karriere in den Heerscharen des Herrn. Was immer Gott wollte, er würde es tun. Er war ehrgeizig, erfinderisch, ruhelos. Er vertrug das indische Essen nicht, aber er zwang es erbarmungslos in sein revoltierendes Körperchen hinein.

Als er dreißig war, wurde er von seinem Guru, der in Indien saß und dem verhutzelten Zirkusäffchen aus seiner Vision aufs Haar ähnelte, zum Tempelpräsidenten ernannt und lenkte nun die Geschicke des Hauses.

Er eröffnete ein vegetarisches Restaurant, ein Yogazentrum, bald ein Hotel. Er entwickelte eine nahezu beängstigende Putzwut, es war, als wolle er sein Innerstes blitzblank von bereits begangenen Sünden schrubben. Seine eingecremte Stimme täuschte. Mit harter Hand führte er seine kleine Gemeinde aus verkrachten Existenzen, was ihm durchaus nicht nur Dankbarkeit einbrachte. Den Gewinn, der sich rasch auf eine halbe Million Dollar jährlich belief, Tendenz steigend, lieferte Toga an den Guru ab.

Als er vierzig war, begab er sich auf Geheiß seines Gurus mit einem Koffer voller Dollarnoten nach Thailand, um dort Land zu kaufen und einen Tempel zu bauen, einen prachtvollen Tempel, einen Palast aus Gold, um Guru und Gott zu erfreuen. Toga, der beseelt davon war, die Botschaft des Herrn zu verbreiten und gefallene Seelen zu retten, der ein religiöser Eiferer und Karrierist geworden war, erwies sich auch für diese Aufgabe als geeignet. Besonders um eine gefallene Seele, ein junges Mädchen, das nicht sprechen konnte, bemühte er sich. Ihre wimpernlosen Augen hinter einer Nickelbrille hingen unentwegt an ihm, ohne zu zwinkern, ihre Lernbereitschaft kam ihm fast wie Hunger vor. Die Erinnerung an die matte dunkle Schwere ihres Haares, an die glatte junge Haut ihrer Mädchenbeine begleitete ihn in die Nacht. Er war erstmals seit fast zwanzig Jahren geil. Am nächsten Tag bat er das Mädchen, fortan Kopftücher und lange Röcke zu tragen. Sie gehorchte, säuberte den Palast, kochte das Essen, schlug die Schellen und sah ihn erwartungsvoll an, ohne Wimpern, ohne Zwinkern, auf weitere Anweisungen wartend.

Seine italienisch-kleinbürgerliche Halbbildung reichte aus, um den Namen des Mädchen, Cio-Cio-San, als böses Omen zu entlarven. Er assoziierte damit eine hysterische und selbstmörderische Kurtisane aus einer Oper. Weil er noch immer eine heimliche Schwäche für den Katholizismus hatte, taufte er das Mädchen abmildernd auf den Namen Maria Magdalena und ließ ihr eine Sonderbetreuung angedeihen.

Wenige Wochen später erfuhr er, dass seine Mission in Thailand erfüllt sei. Er verbrachte die ganze Nacht auf Knien, er betete laut, schnell, hastig, unaufhörlich, er betete sieben Stunden pausenlos, aber vor das blaue Gesicht seines Gottes schob sich immer und immer wieder das schlitzäugige Mädchengesicht, den Blick lidschlaglos auf ihn geheftet. Am nächsten Morgen sagte er ihr, dass er abreisen würde, sagte der Weinenden tröstende Worte über Gott, warf ihr einen letzten langen Blick zu und ging.

Er ließ sich einen Vollbart wachsen, um sie zu vergessen. Drei Monate später war der Vollbart dicht und schwarz, und er sah zu seiner Zufriedenheit den Heiligen in den Wäldern bereits viel ähnlicher. Da stand sie plötzlich vor ihm, mit Kopftuch, Rock und ebenjenem bittenden Blick. Er wies ihr einen Platz im Hause zu, gelobte sich aber, sie zu meiden. Nach einigen Monaten spürte die Einwanderungsbehörde sie auf und verwies sie des Landes. Toga, der sich eine ganze Nacht mit dem Bliss Swami besprochen hatte, fuhr ihr zum Flughafen nach, holte sie zurück und heiratete sie eine Stunde später, im Rathaus, wo skurrile Paare wie sie im Akkord verheiratet wurden. Er wusste, dass die Vedischen Schriften einen gefallenen Mönch wie ihn einen Kotzefresser nannten. Er gelobte sich, ihr und dem Guru eine reine, sexlose Ehe, eine Mönchs-Nonnen-Ehe, eine rein spirituelle Lebensgemeinschaft mit Gott im Zentrum. Ihr rosenblattförmiger Mund, sie würde ihn nie schminken, er würde ihn nie küssen, das war Teil der Absprache. Es war der von Toga sehr verehrte indische Heilige Ramakrishna, der sagte: »Verlass eine Frau, die dir Hindernisse auf den Weg zu Gott legt. Mag sie sich umbringen und sonst noch tun, was sie will.«

Weil auf dem Heimweg ein großer Hunger unsere Venus befiel, hat sie, den Ekel überwindend, am Broadway mehrere Hotdogs gekauft und verschlungen. Inzwischen ist sie wieder zurück im East Village, zurück im Goldbrokatzimmer, im Seitengebäude der kleinen Kirche.

Das Haus ist eine jener typischen New Yorker Verschmelzungen von Alt und Neu, von Geistlich und Weltlich, ein alter Vierstöcker mit Flachdach und Feuerleitern neben einer schmalen neuen Kirche, die an einen umgedrehten Eiszapfen aus Beton erinnert. Am Eingang des Nebengebäudes hat Venus ein Schild mit der Aufschrift »Glückliche Sklaven Gottes« wahrgenommen.

Toga empfängt sie und ortet sofort das Geldbündel in ihrer linken Faust. Unsere Venus hält Ausschau nach ihrem Ritter, sieht aber nur eine kirschgroße Kakerlake, die die Wand hinaufflitzt. Das ist ja ekelhaft, denkt sie. Dann macht sie erste Bekanntschaft mit Togas unvergleichlicher Art der Konversation.

»Wie ist das Wetter draußen?«, säuselt er.

»Tropisch«, sagt Venus, wie absichtslos herumlaufend und dabei in alle Gästezimmer spähend. Sie fröstelt, zu groß ist der Temperaturunterschied zwischen dem schwülen Draußen und dem von Klimaanlagen kaltgeblasenen Innen.

»Wir sind so voll«, flüstert Toga und versucht, zu schätzen, wie viel Bargeld sein neuer Gast in der Hand hält.

In der Tat spürt Venus ein gewisses Völlegefühl im Magen, das allerdings nicht das Gefühl der Leere in ihrem Kopf aufhebt. Oder meint der Bartzwerg die Zimmer? Sind inzwischen etwa alle Zimmer belegt?

»Voll mit relativen Wahrheiten«, ergänzt Toga, der es über die Maßen liebt, in Rätseln zu sprechen, um für einen klugen Mann gehalten zu werden. »Wie das Wetter ist, wie spät es ist, wie der Präsident heißt …«

Venus kann den Bliss Swami nirgends entdecken. Hatte der nicht noch vor kurzem von Leere gesprochen, die die Menschen herführte?

»Dabei ist die relative Wahrheit unnütz, morgen schon nicht mehr wahr«, sagt Toga. »Deshalb ist sie ja relativ.« Er hat in Venus’ Hand einige Hunderter ausgemacht und schätzt die Summe auf mehrere tausend Dollar.

»Aber kennst du die absolute Wahrheit?«, fragt er, während er verträumt an ihr vorbei auf die Wand blickt, als spreche er mit der Kakerlake, die er jedoch gar nicht wahrnimmt, denn das wäre ihr sofortiger Tod.

»Nein«, sagt unsere Venus wahrheitsgemäß. Sie kennt ja nicht mal die Vergangenheit. Sie kennt ja nicht mal ihren Namen, und was will dieser Irre eigentlich von ihr.

Der legt die Hand auf sein weißes Gewand, links unters Schlüsselbein, als wollte er einen Sultan grüßen.

»Ich bin sicher, in deinem Herzen weißt du sie.«

Ihr wird unheimlich zumute. Der Zwerg spricht mit ihr in einem Tonfall, in dem man mit Idioten spricht. Er beugt sich zu ihr und seine Stimme wird noch cremiger: »Die absolute Wahrheit ist, dass wir alle Diener Gottes sind.«

Sie sitzt jetzt auf einem Stuhl, hat den Berg von zerknüllten Scheinen auf den Tisch geworfen, die dünnen weißen Beine übereinander geworfen und wippt nervös mit dem Fuß. Sie hat es, davon hat Toga ja noch keine Ahnung, auf einen ganz speziellen Diener Gottes abgesehen.

»Ich selbst nenne mich sogar den Diener des Dieners«, sagt Toga, der sich wieder dem Tagesgeschäft zugewendet hat und mit dem Fragment eines Lappens Tische und Stühle abwischt, alle außer dem, auf dem Venus sitzt. Sie sollte lange Röcke tragen, denkt er wischend und keuchend, lange Röcke und Kopftücher in gedeckten Farben. Er denkt an Ramakrishna und seufzt. Sie sollte mehr fragen, denkt er. Und weniger Make-up benutzen. Und mehr essen.

Er nimmt etwas vom Tisch und bewegt sich auf sie zu. »Möchtest du Prasadam?«

Er hält ihr eine verbeulte Blechschale mit gelb gefärbtem dampfendem Kohl hin.

Sie macht einen langen Hals. »Was ist das?«

Das Tor zur Hölle, denkt er, ist die Frau. »Spirituelles Essen.«

»Nein, wirklich nicht«, sagt sie und zieht die Nase kraus. »Ich hatte gerade Hotdog.«

Toga erbleicht, ihm entfährt ein kleiner empörter Rülps. »Wir sind Vegetarier«, sagt er und räuspert sich. »Wir glauben daran, dass wir, wenn wir Fleisch essen, im nächsten Leben dafür bestraft werden.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sagt Venus, »Kühe sind Vegetarier. Das scheint sie aber nicht davor zu schützen, im nächsten Leben Hotdogs zu werden.«

Toga wirft den Lappen in die Ecke.

»Ich war auch mal zynisch«, sagt er leise, kopfschüttelnd, während er seine haarigen Hände unterm Wasserstrahl des Küchenhahns vom Seifenschaum befreit, als sei dies eine rituelle Waschung. Dann lauter: »Bliss Swami hat mir gesagt, du möchtest bei uns ein Zimmer mieten?«

An dieser Stelle sollten wir rasch Togas Geschichte zu Ende erzählen.

Toga (Fortsetzung)

Fünf Jahre zuvor hatte der Guru seinen Körper verlassen, wie die Hindus das Sterben nennen. Leider, ohne Toga vorher zu seinem Nachfolger zu bestimmen. Das betrübte diesen sehr. Er haderte eine Zeit lang mit Maria Magdalena, die ihn zum Kotzefresser gemacht hatte, aber dann sah er, dass alles Gottes perfektem Plan folgte. Der hatte ihm den freien Willen gegeben, und nun hatte er, Toga, die Qual der Wahl.

Die Jahrtausendwende nahte, und der Sinnenfreude aufgeschlossenere Gruppen, sich dem »New Age« zurechnend, jagten den singenden Haarzipfelmönchen die Gefolgschaft ab. Während einer Abendzeremonie, auf der Toga den Wänden aus den Vedischen Schriften vorlas, beschloss er, sich selbstständig zu machen, nahm sich ein Beispiel an der weltweiten Popularität des Dalai-Lama und gründete eine Non-Profit-Gesellschaft, genannt die »Glücklichen Sklaven Gottes«. In deren Statuten wurden alle Religionen auf ihre Gemeinsamkeiten geprüft und das »allen großen Religionen innewohnende verborgene Wissen« beschworen. Gott sei Gott, war Togas pfiffiger Schluss, egal, bei welchem Namen man ihn nenne, und wenn das endlich jeder begreifen wolle, dann gäbe es auch keine Kriege mehr auf der Welt. Natürlich glaubte er eigentlich nicht daran, denn es gab nur einen richtigen Glauben, und das war seiner, aber er ging mit der Mode, und was dieser Schwindler konnte, dieser Dalai-Lama, Leute mit Allgemeinplätzen locken, einwickeln und abzocken, das konnte er auch.

Tatsächlich. Die Zeitgeistmagazine entdeckten die »Glücklichen Sklaven Gottes«. Immer mehr gut verdienende Aussteiger signalisierten ihr Interesse an glücklicher Sklaverei. Toga verkaufte das alte Tempelgebäude, ein heruntergekommenes Mietshaus an der Lower East Side, an eine Fitness-Studio-Kette und erwarb vom Erlös eine kleine Kirche in der Nachbarschaft, die in den letzten dreißig Jahren erst deutsch-polnisch-katholisch, dann amerikanisch-spanisch-episkopal, dann vietnamesisch-evangelisch und zum Schluss serbisch-orthodox gewesen war. Rasch wurde die Kirche, die ihren Namen »Zum heiligen Franz« aus ihrer deutschen Phase behalten hatte, mit indischem und asiatischem Kabbala-Kitsch eingerichtet, wobei Toga mit relativ bescheidenem Grundwissen versuchte, es allen Religionen recht zu machen. Er schrieb »God« beispielsweise G-d, um den Juden nicht auf den Schlips zu treten, er ließ sogar einen Altar herstellen, dessen Symbol je nach Gottesdienst vom Om-Zeichen über das christliche Kreuz bis hin zum Davidstern gewechselt werden konnte. Die Tempelkirche mutierte rasch zu einer Wohngemeinschaft versprengter Religiöser aus aller Welt, die der Versuch verband, der sündhaften Welt zu entsagen. Genau genommen handelte es sich hier um eine Organisation zur Verwertung unbezahlter Mühen.

Die Glücklichen Sklaven Gottes teilen sich in Permanente und Temporäre. Permanente, Arme mit meist kriminellen Lebensläufen, leben mietfrei und arbeiten dafür klaglos Tag und Nacht. Temporäre, von Reichtum und Erfolg gelangweilte Reiche, zahlen 2000 Dollar monatlich, auch klaglos, und müssen obendrein Teller waschen. Manchmal denkt Toga, dass sein Guru stolz auf ihn wäre. Was wir im Übrigen bezweifeln.

*

»Ja, ich möchte ein Zimmer mieten«, sagt unsere Venus. »Ich warte auf … den … Bliss Swami. Ich möchte ihm das Geld persönlich geben.«

Toga, der zwar immer noch cholerisch ist, aber inzwischen gelernt hat, zu implodieren statt zu explodieren, fegt mit kleinen festen Schritten davon. Warum sie das Geld nicht ihm gibt! Seine Wut bekämpft er, indem er die Mutter Erde tritt. Er klopft dreimal fest und hart an die Tür und reißt sie dann auf. Im Dunkeln schreckt eine Gestalt hoch.

»Könntest du bitte unseren neuen Gast abkassieren? Die Dame möchte nur mit dir verhandeln«, zischt Toga anklagend, als sei dieser Umstand die Schuld des Bliss Swami. Umgehend ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Venus" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen