Logo weiterlesen.de
Unter die Haut

Prolog

Der Mond zeichnet diese geradezu kitschig wirkende Straße über das Wasser. Ein Eindruck, dem man sich nie entziehen kann.

Das Feuer ist heruntergebrannt, die dicken Äste glühen noch, ab und an lässt ein leichter Wind ein paar Funken stieben.

Für diese Gegend ist es eine ungewöhnlich warme Nacht.

Aus der Gruppe, die noch vor kurzer Zeit um das lodernde Feuer am Strand gesessen hat, sind nur noch drei geblieben.

Auf einem flachen Stein sitzt sehr aufrecht eine Dame in weitem, jede Körperform verbergenden Gewand. Ihr gegenüber ein Mann, im Sand zu seinen Knien eine Frau in Jeans und Rollkragenpullover.

Lange schon hat niemand ein Wort gesprochen, alle scheinen ins Nachdenken versunken.

„Du willst es also wissen, bist wirklich entschlossen?“, wendet sich die Dame auf dem Stein an die Frau.

Die zieht die nackten Füße, wie um sie zu schützen, unter die Beine.

Ihre Antwort kommt ein wenig zögerlich, doch klar: „Ja!“

„Gut, wir werden es herausfinden.“ Resolut klingen ihre Worte. „Bist du bereit?“, fragt die Dame nun den Mann.

„Ja!“, bekommt sie knappe Erwiderung.

Alle drei erheben sich und gehen ein Stückchen durch den kühlen Sand, bis ein schmaler Pfad sie in den Wald führt.

Der Boden ist uneben, Wurzeln, Äste und Steinchen, unsichtbar im Halbdunkel, das der Mond hier nicht beleuchten kann, schmerzen unter ihren nackten Füßen. Nach kurzem Weg erreicht die kleine Gruppe eine Lichtung.

„Hier!“, sagt die Dame und deutet auf zwei kräftige Bäume, in vielleicht drei Metern Abstand stehend.

Wer weiß woher, hält sie plötzlich Stricke in der Hand.

„Zieh sie aus!“ Mit festem Ton wendet sie sich an ihn.

Nahe tritt er an die Frau heran, sie steht mit dem Rücken zu den anderen. Ein wenig unentschlossen noch, schiebt er ihr den Pullover über den Kopf, umfasst sie von hinten, öffnet die Hose.

Fahl fällt das Mondlicht auf die Nackte. Zweige zeichnen dunkle Schatten auf ihren Körper. Sie hält den Kopf gesenkt, wartet ab, was kommen wird, fühlt sich seltsam benebelt.

Vielleicht der Wein? So viel ist es doch gar nicht gewesen, überlegt sie.

Sie möchte sich anlehnen, ein wenig wärmen, und weiß doch, dies ist nicht der Moment dafür.

„Binde sie fest!“

Er nimmt die Handgelenke, er kann Knoten machen, er ist praktisch veranlagt. Sie wehrt sich nicht, als ihre Arme weit gespreizt zwischen den Bäumen gespannt werden.

„Nun die Füße!“

Er zieht ihre Beine auseinander, ihr Körper strafft sich.

„Hier, fang an!“

Einen Moment lang passiert nichts. Für einen Augenblick will sie versuchen, sich umzudrehen, wenigstens den Kopf zu wenden, zu sehen, was hinter ihr vorgeht.

Sie zögert und da trifft der erste Schlag. Ihr allererster Schlag.

Es muss eine Mehrschwänzige sein, sacht zunächst, aber deutlich spürbar.

Sie ergibt sich in ihr Schicksal. Er trifft gut, findet seinen Rhythmus, der auch ihrer wird, die Steigerung ist langsam, übertrifft nicht das Maß dessen, was sie ertragen kann; es wird mehr, wird schmerzhafter, sie beginnt erst zu stöhnen, dann bald kleine Schreie auszustoßen.

Plötzlich eine Pause.

Er tritt nah an sie heran, streichelt über die zarten Striemen, dreht ihren Kopf zu sich und zwingt sie, ihn anzusehen. Sie öffnet die Augen und entdeckt in den seinen ein verräterisch grünes Funkeln, das ihr zeigt, wie sehr er es genießt. Sie kann diesem Blick nicht standhalten und gibt sich dem ersten Kuss hin, ohne Scheu, ohne Zögern, in einem Zustand erwartungsvoller Erregung.

„Weiter, so geht das nicht!“ Die feste Stimme im Hintergrund holt beide aus dem magischen Moment.

Ein sachtes Streicheln noch über die Wange, ein fast etwas bedauernder Blick von ihm, dann tritt er wieder hinter sie. Wieder fügt sie sich. Schnell findet er erneut seinen Rhythmus, sie spürt das Auftreffen der Riemen wie eine heftige Massage, der sich hinzugeben von Schlag zu Schlag leichter wird. So weit es ihre Fesseln zulassen, windet sie sich in den Seilen. Erst leise, dann immer lauter werdend ist ihr Stöhnen, der prickelnde Schmerz; das Beißen des Leders in ihre Haut mischt sich mit ihrer Lust, wird zum Lustschmerz, der sich nach Erfüllung sehnt.

„Nimm sie! Jetzt!“

Er löst zuerst ihre Fußfesseln, dann knotet er die Hände los. Durch die halbgeöffneten Lider nimmt sie zum zweiten Mal dieses Funkeln in seinen Augen wahr. Sie lässt sich in seine Arme fallen, lässt sich über einen quer liegenden dicken Baumstamm legen, bäuchlings, lässt ihn ihre Beine in Position ziehen, sich umfangen und genießt die Hand in ihrem Nacken, bestimmend und doch schützend, Sicherheit vermittelnd, und die schnellen, harten Stöße, die ihn, entfesselt jetzt, ohne Zögern, tun lassen, wovon sie immer schon geträumt hat. Es geht rasend schnell, gemeinsam erreichen sie den Gipfel, atemlos, ermattet, erstaunt.

Sie bekommen etwas Zeit, ihre Choreografin hat ein Einsehen.

Direkt milde ist ihr Gesicht, als sie herantritt und verkündet: „Ich bin stolz auf euch.“

Er hilft ihr in die Kleider, dreht ihr eine Zigarette, zündet sie ihr an. Sie lehnt sich mit weichen Knien an ihn, ihre Hände zittern. Er hält sie. Sicher.

„Dass sie einen gewissen Hang zum Masochismus hat, wissen wir nun“, konstatiert die Dame im weiten dunklen Gewand in liebevoll spöttischem Ton. Ich bin sehr gespannt, was noch in ihr schlummert. Doch nun kommt, ich möchte zu den anderen.“ Sie wendet sich zum Gehen. Das Paar folgt ihr. Er muss die Barfüßige stützen, sie schwächelt, nicht allein ihr Körper ist angestrengt.

Der Weg ist nicht weit und trotz aller Schwäche läuft sie jetzt leicht über den unebenen Boden, an seiner Hand, die sie als stark empfindet. Sein Lächeln, das sie im Dunkel ahnen kann, ist zuversichtlich.

Von Weitem schon hören sie die gedämpften Gespräche der anderen. Sie sitzen zusammen im von Fackeln beleuchteten Garten und trinken.

„Ah, da seid ihr ja“, begrüßt irgendjemand die drei. „Setzt euch!“

Weingläser werden gereicht, allzu viel Kenntnis nimmt man nicht von ihnen, die Gespräche werden fortgesetzt.

„Nun, meine Liebe“, die Dame spricht mit ernstem Ton. „Du bist dran!“

Erstaunt sieht die Frau sie an, versteht nicht.

„Geh auf die Knie, hier vor allen, lass sehen, was du noch aus ihm herausbekommst.“ Ihr Lächeln ist süffisant.

Sie schluckt trocken, er schaut ungläubig auf.

Wie in Trance geht sie auf die Knie. Ihr Tun wird von der Runde kaum wahrgenommen, langsam öffnet sie seinen Reißverschluss, versenkt ihren Kopf in seinem Schoß. Sie hat es schwer, er kann sich kaum entspannen, die Anwesenheit der anderen irritiert auch ihn.

Dennoch, sie ist eine Künstlerin auf diesem Gebiet, und irgendwann kann er sich den Reizen nicht mehr entziehen. Sein Stöhnen, leise, fast nur für sie vernehmbar, leitet das Aufsteigen des Lohnes ihrer Mühe ein.

Nein, sie waren nicht unbeobachtet, die ganze Zeit lang nicht unbeobachtet gewesen! Die ganze Gruppe applaudiert nun.

„Na, Madame, hast du den beiden klargemacht, auf welchen Positionen du sie gern sehen möchtest?“, kommt spöttisch eine Männerstimme aus der Runde.

„Ihr seht, ich tauge zur Regisseurin“, erwidert sie lachend und ihr Blick liegt fast ein wenig zärtlich auf ihren beiden Eleven.

Er rettet sie in diesem Moment vor der empfundenen Peinlichkeit, birgt ihren Kopf an seiner Schulter, hält sie, und selbst noch etwas überwältigt flüstert er ganz nah an ihrem Ohr: „Alles nur geträumt!“

1. Kapitel

Noch vollkommen benommen erwacht Juliette, hält die Augen geschlossen und fühlt in ihren Körper, der ihr zunächst Wohlbehagen signalisiert. Sie liegt warm unter einer leichten Decke, und ein sachter Windzug auf dem Gesicht lässt laue Luft vermuten.

Leise beginnt sie die einzelnen Glieder zu rühren. Die Haut auf ihrem Rücken schmerzt ein wenig.

Ein leichtes Lächeln spielt um ihren Mund und sie erinnert sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht, fühlt jeden Moment noch einmal nach bis zu dem Augenblick, als er sie liebevoll in diesem riesigen Bett zugedeckt und mit einem Kuss dem einsamen Schlaf überlassen hatte.

Nur geträumt? Nein, das konnte nicht sein, dafür ist ihr jede Szene allzu gegenwärtig geblieben, jedes Gefühl so präsent.

Das konnte nicht sie gewesen sein, die sich da gestern bereit erklärt hatte, sich in diese unglaubliche Situation zu begeben, geführt und geleitet von einer ihr völlig unbekannten Frau.

Sicher, schon am Mittag bei ihrem Eintreffen hier, als sie ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte, waren definitiv Flugzeuge in ihrem Bauch gestartet. Sie hatte sich sogar ein wenig zur Ordnung rufen müssen, dem ungewohnten Gefühl, weiche Knie zu bekommen, nicht erkennbar nachzugeben.

Es war ihr keineswegs entgangen, dass der erste Eindruck, den sie bei ihm hinterließ, ganz offenbar seine Jagdinstinkte geweckt hatte.

Den Beginn einer Beziehung hatte sie aber so nun wirklich noch nie erlebt.

Ein paar belanglose Worte hatten sie lediglich miteinander wechseln können, bis die Sache sich nachts am Lagerfeuer zugespitzt hatte.

So sicher sie auch ist, hier im „falschen Film“ zu sein, so sicher ist sie jetzt, dass sie die Augen aufhalten wird und sich den Fortgang nicht wird entgehen lassen, denn sie fühlt sich wohl und eine ihr sonst vollkommen fremde, nun aber zunehmend übermächtige Abenteuerlust ergreift von ihr Besitz.

Wie war sie hierhergekommen, wie in diese Situation geraten?

Die Frage ist leicht zu beantworten, denn wie der Zufall bisweilen so spielt, war sie Susanna, ihrer alten Freundin aus Studienzeiten, wiederbegegnet. Sie hatte sie eingeladen. Eingeladen zu einigen Urlaubstagen, von denen sie versprochen hatte, sie würde sie so schnell nicht mehr vergessen, es könnte ihren Horizont erweitern, vielleicht eine andere Frau aus ihr machen.

Die Erinnerungen an Susanna waren schon fast verblasst gewesen, als sie sich vor wenigen Wochen zum ersten Mal seit Jahren wiedergetroffen hatten.

Die wilden Zeiten, in denen sie nicht nur das spärlich möblierte Zimmer teilten, sondern auch eine ganze Menge Erfahrungen, und sogar in schwesterlicher Manier manchen Kommilitonen, waren zu Ende gewesen, als Susanna ihren Mann kennengelernt hatte. Sie hatte diesem arroganten Schnösel nie etwas abgewinnen können, sich unendlich gewundert, dass die Freundin sich Hals über Kopf mit ihm in die Ehe gestürzt hatte.

Susanna war damals plötzlich derart verändert gewesen, dass es ihr kaum mehr möglich war, einen Zugang zu ihr zu finden.

Reichlich zwanzig Jahre waren seither vergangen. Kein Wort war mehr gefallen zwischen den einst eingeschworenen Frauen. Sie hatte wohl mitbekommen, dass drei Kinder aus dieser für sie unnachvollziehbaren Verbindung hervorgegangen waren.

Vor ein paar Jahren war ihr über einige Ecken zu Ohren gekommen, dass Susanna unglücklich geschieden sei, am Ende ihrer Kräfte. Die Idee, den Kontakt neu aufzubauen, hatte sie jedoch verworfen.

*****

Sie war in eine Buchhandlung eingetreten auf der Suche nach einem Fachbuch, als ihr eine Frau auffiel, die mit dem Rücken zu ihr stehend einen Klappentext zu lesen schien, und wie gebannt gewesen von der Erscheinung.

Sie selbst fühlte sich auf einmal grau und belanglos in ihren Turnschuhen, Jeans, dem sportlichen Sweatshirt, ungeschminkt, das Haar etwas unordentlich zum Zopf zusammengebunden. Sie ärgerte sich in diesem Moment, sich vor dem Losgehen nicht wenigstens noch umgezogen zu haben. Das neue, elegante und doch schlichte Jil-Sander-Kostüm, erst kürzlich erworben, das ihre Figur so gut zur Geltung brachte, sollte vielleicht doch weniger Zeit im Kleiderschrank verbringen.

Eigentlich hielt sie nichts vom „Kleider-machen-Leute“-Spruch, dennoch wusste sie von sich, wie sehr eine schöne Schale sich auf ihre innere Sicherheit auswirkte. Sie nahm sich vor, in Zukunft mehr auf sich zu achten. Diese Frau dort hatte eine Haltung, die ihr das abgedroschene, etwas altertümliche Wort „königlich“ in den Kopf schießen ließ. Hoch aufgerichtet, gerade im Rücken, wohl auch wegen des eleganten Korsetts sehr straff, den engen Rock knapp über dem Knie endend, in schwindelerregend hohen Heels, auf denen sie völlig mühelos zu stehen schien, das dunkle, leicht wellige Haar den Rücken herabfallend, war sie zweifellos für jeden Besucher der Buchhandlung ein Hingucker.

Nie zuvor hatte sie in der Öffentlichkeit eine Frau im Korsett gesehen.

An dieser Frau wirkte selbstverständlich, was sie sich sonst eher in Erotikmagazinen oder im vorletzten Jahrhundert als angemessenes Kleidungsstück hätte vorstellen können.

Es gelang ihr nicht, die Augen abzuwenden, sie starrte auf das Bild, das sich ihr bot, und es war ein unendlich peinlicher Moment für sie, als die Frau sich umdrehte.

Sie wäre unter dem folgenden Blick vermutlich in den Boden gesunken, hätte sie nicht erkannt, dass sie es mitnichten mit einer fremden Lichtgestalt zu tun hatte, sondern mit Susanna, die sie im Orkus der Millionen Lucy Jordans dieser Welt verloren geglaubt hatte. Das Lachen, das sich augenblicklich auf Susannas hübschem, sorgfältig geschminktem Gesicht zeigte, ließ keinen Raum für Fremdheit. Sie fielen sich um den Hals, als hätten sie sich nur ein paar Urlaubstage lang nicht gesehen.

*****

Wer ist er eigentlich, wer sind die anderen, die sich zu dieser offenbar zusammengeschweißten Gesellschaft hier treffen, in dem großen alten Haus, das nur einen Spaziergang weit vom Meer entfernt in völliger Abgeschiedenheit in dem riesigen Park steht?

Langsam öffnet sie die Augen. Und findet sich nicht allein. Den kleinen Schreck darüber sieht man Juliette an, denn mit sphinxhaftem Lächeln sitzt ihr die Dame in einem bequemen Lehnstuhl an ihrem Bett gegenüber. War sie gestern in ein schwarzes „Gewand“ gekleidet gewesen, Kleid konnte man es kaum nennen, so trägt sie heute eine genaue Kopie in gebrochenem Weiß.

„Guten Morgen, meine Schöne, hast du ausgeschlafen? Wie fühlst du dich?“

„Ich weiß noch nicht so genau, mein Rücken tut weh und ich würde gerne duschen“, erwidert sie.

„Duschen allein wird es kaum tun“, entgegnet die Dame. “Wir werden ein kleines Schönheitsprogramm mit dir machen müssen.“

Ein Blick hatte ihr gestern genügt, um zu realisieren, dass alle anderen anwesenden Frauen ihr selbst an Gepflegtheit und Eleganz weit voraus waren.

Es hatte sie ein wenig unangenehm berührt und sie war sich vorgekommen, als würde sie nicht recht dazugehören. Allerdings konnte sie sich kaum vorstellen, wie es möglich sein sollte, aus ihrer eigenen empfundenen Unattraktivität ein solch begehrenswertes Geschöpf werden zu lassen, wie beispielsweise Susanna es war.

„Komm, steh auf und lass dich genauer besehen“, sagt die Dame und wiegt etwas bedenklich den Kopf, als sie ihr Nachthemd über die Schultern rutschen lässt.

Ihr Erröten zeigt, wie unsicher sie ist ob dieser Inspektion. „Was ist mit meinem Rücken?“, fragt sie.

„Ach, nichts Dramatisches, ein paar feine blaue Linien, wunderhübsche Zeichen der Leidenschaft; er kann stolz sein, so ungeübt, wie er derzeit ist, ist ihm das prächtig gelungen“, antwortet die Dame und zeichnet mit liebevoller Hand ihre Striemen nach. „Ab ins Bad, wir werden schauen, was sich machen lässt“, schiebt sie sie mit sachtem Nachdruck auf eine geschlossene Tür zu.

Sie ist immer schon ein Freund von Natürlichkeit gewesen, aber was da nun mit ihr geschieht, treibt ihr eine Mischung aus Scham und Wut in den Kopf. Dennoch hält sie alles aus, will sich beweisen, dass sie nicht zimperlich ist, aber es läuft doch die eine oder andere Träne über ihre Wangen, als ihre empfindlichsten Körperstellen ihres weichen, haarigen Schutzes im wahrsten Sinne des Wortes beraubt werden.

Die Dame ist ihr zwar eigentlich etwas unheimlich, aber ihre beruhigende, dennoch bestimmte Art, mit ihr umzugehen, duldet keinen Widerstand und hat eine eigene Ausstrahlung von zielsicherer Professionalität, die ihr das Gefühl vermittelt, es geschähe etwas vollkommen Selbstverständliches.

„Entspann dich, was ich für dich tue, ist schon im alten Ägypten Tradition gewesen“, lächelt sie, “und noch heute gibt es viele Kulturen, in denen es zur normalen Körperpflege gehört, haarlos zu sein. Muslimische Frauen machen kleine Feste daraus, helfen sich gegenseitig. Wenn du schon mal beim Türken essen warst, kennst du als Nachspeise 'Halawa', nicht?“

„Stimmt“, überlegt sie, „ich erinnere mich an diese klebrige Süßigkeit, der reinste Plombenzieher ist das!“

„Ja, siehst du, und was einer Zahnplombe gefährlich werden kann, kann natürlich auch deinen kleinen Urwald entwurzeln“, erwidert sie kichernd. Mit einer kleine Kugel der zähen, klebrigen Masse zwischen den Fingern rückt sie mit geschickten rupfenden Handbewegungen gleich ganzen Büscheln der feinen Härchen zu Leibe und legt mehr und mehr zarte, glatte Haut frei. Die mühsam unterdrückten „Autsch“-Rufe ignoriert sie dabei geflissentlich.

Juliette ist selten zur Kosmetikerin gegangen, hat sich die Spitzen des langen Haares meist selbst geschnitten und muss sich erst hineinfinden in dieses Umsorgtwerden, das allein dazu dient, ihren Körper zu verschönern, und ihr vorkommt wie ein luxuriöses Ritual, jeder exklusiven Schönheitsfarm würdig.

Die betörenden Düfte, die das geräumige Bad erfüllen, die Sinne beflügeln, erleichtern ihr den Weg in eine ungewohnte wohlige Heiterkeit. Nach und nach gelingt es ihr, sich zu entspannen, zu vertrauen, mit sich geschehen zu lassen und die Fürsorge zu genießen. Je mehr sie sich einlässt, umso deutlicher entwickeln sich ihre Gedanken. Es wird ihr klar, wie sehr sie sich jahrelang ausschließlich mit ihrem Kopf beschäftigt, den Körper lediglich als notwendiges Vehikel des Funktionierens wahrgenommen, jedes aufkeimende Bedürfnis nach Körperlichkeit an den Rand des Bewusstseins geschoben hat.

Mens sana ..., schießt es ihr durch den Kopf, und sie muss lächeln, denn den gesunden Geist im gesunden Körper hat sie eigentlich bisher immer nur mit der Notwendigkeit verbunden, Sport treiben zu müssen, nie aber mit der Möglichkeit, sich einfach etwas Gutes zu tun, tun zu lassen. Wie gut der ungewöhnliche Sex der vergangenen Nacht ihrem ganzen Selbst getan hat, ist ihr gerade völlig bewusst. Sich im Mittelpunkt des Begehrens zu finden, Hauptfigur einer Inszenierung zu sein, deren offenkundiges Ziel es ist, ihr einen Blick ins eigene Innere zu gewähren, ihre Befriedigung zu erreichen, empfindet sie nun als unbedingt erstrebenswertes, wohltuendes Szenario.

Gebadet, epiliert, gesalbt, frisiert und parfümiert tritt sie aus dem Bad vor den riesigen Kleiderschrank.

Über das fast durchsichtige Gespinst des weißen Sommerkleides, mehr enthüllend als ihre neue vollkommene Nacktheit verbergend, schnürt die Dame ihr das erste Korsett um die Taille. Nicht sehr fest, dennoch nimmt es ihr beim Blick in den Spiegel die Luft.

Sie fühlt sich wie neu erschaffen, ist begeistert von ihrem Spiegelbild.

Die kleinen Speckpölsterchen über der Hüfte, mit denen sie sich jahrzehntelang erbitterte Kämpfe geliefert hatte, bis sie sie eines Tages mit einer Art akzeptierender Milde zu dulden begann, sind nun unsichtbar. Fast schamlos findet sie es, wie sich ihr Busen nun üppig in dem tiefen Ausschnitt abzeichnet, wie die verschmälerte Taille die atemberaubende Rundung ihrer eigentlich schmalen Hüften, des hervorgehobenen Pos zur Geltung bringt.

Hauchdünne halterlose Strümpfe und Heels, die sie noch eben so verkraften kann, ohne staksen oder stolpern zu müssen, komplettieren ihr neues Bild. Juliette sieht umwerfend aus.

„Wir werden langsam anfangen, die Schuhe sind nicht sehr hoch, aber du sollst ja nicht unsicher wirken am ersten Tag“, erklärt die Dame.

„Oh, das wird schon gehen“, erwidert Juliette, sich langsam vor dem Spiegel drehend. „Aber schau mal, das ist ja unglaublich, wo nehme ich denn plötzlich diese Figur her?“

„Ach, weißt du, die kleinen Helferlein, die jahrhundertelang unsere weiblichen Vorfahren in ihren unbequemen Materialien gequält haben, sind für uns heute doch einfach schöne, modische Accessoires geworden. Anscheinend sind aber moderne Frauen heute so darauf erpicht, sich immer und überall vor allem praktisch und lässig zu kleiden, dass sie ganz vergessen haben, wie erotisierend diese Kleidungsstücke wirken können. Nicht nur auf Männer! Oder fühlst du dich jetzt etwa nicht unglaublich sexy?“

„Und wie! Aber das kann nicht bloß an diesem Anblick liegen, der ganze Körper fühlt sich irgendwie anders an“, antwortet sie, eine Erklärung erwartend.

„Das, meine Liebe, liegt an der etwas veränderten Durchblutung, speziell im Unterleib“, verrät die Dame mit verschwörerischem Zwinkern. „Die Kombination von Korsett und Heels zwingt dich in eine andere Haltung, und auch schon das leicht Geschnürte verschiebt ein wenig. Du fühlst dich wie umfasst, nicht wahr?“

„Ja, genau“, stimmt sie zu. „Und sogar ein bisschen erregt.“ Ein leises Erröten über ihr Geständnis kann sie nicht ganz verhindern.

„So muss das sein“, schmunzelt die andere, „aber nun lass uns gehen, du musst etwas in den Magen bekommen, außerdem werden wir erwartet.“

*****

Auf dem Weg nach unten nimmt sie nun erst wirklich wahr, wie wunderschön das alte Haus ist. Es muss um die vorletzte Jahrhundertwende gebaut worden sein, die Fenster sind groß und im oberen Teil jeweils mit bunten Gläsern im Jugendstil versehen. Die Türen wirken riesig und die Türklinken und Beschläge weisen meisterhafte feine Ornamente auf. Im oberen Stock, in den Schlafzimmern, befinden sich Stuckarbeiten an den Decken.

Sie betreten nun über die breiten Treppen, deren gedrechseltes Holzgeländer ihr sicheren Halt gibt in den ungewohnt hohen Schuhen, die große Eingangshalle.

Ihr Blick zur vertäfelten Decke offenbart die herrlichen Einlegearbeiten in den kostbaren Hölzern. Zahlreiche Türen, hier unten, anders als oben, nicht weiß, sondern in weichen, dunklen Holzfarben, verschließen Räume, die sie noch nicht betreten hat.

Durch riesige Fenster fällt helles Morgenlicht. Eine offen stehende Tür führt über eine weitläufige Terrasse, eingefasst mit zierlichen, hüfthohen weißen Säulen. Dahinter erstreckt sich ein lichter Park.

Schon von Weitem hört sie Stimmen, fröhlich und ausgelassen.

Ihr Blick fällt noch einmal in einen Spiegel, der nah am Eingang steht, und ihr gefällt, was sie sieht. Unter dem Korsett spürt sie die Striemen der vergangenen Nacht bei jedem Atemzug, und ein warmes Gefühl macht sich breit in ihrem Bauch.

Bauchgefühl, denkt sie erstaunt, Bauchgefühl ist doch etwas, was mich normalerweise nur daran hindert, Unvernünftiges zu tun. Immer etwas Unangenehmes! Dieses Bauchgefühl ist nicht unangenehm. Im Gegenteil, ich bin gespannt, aufgeregt!

Die Dame geht nun vor ihr, sie kann sich fast hinter ihr verstecken, als ihre Ankunft von den anderen bemerkt wird. Augenblicklich verstummen die Gespräche an dem großen runden Tisch im Garten, der beladen ist mit allem, was der Mensch sich zum Frühstück wünschen kann.

Er löst sich aus der Gruppe und kommt auf die beiden Frauen zu.

„Guten Morgen, mein Lieber“, begrüßt die Dame ihn, „ich habe sie dir ein wenig gerichtet und wünsche dir viel Vergnügen!“

Er nimmt ihre Hände, hält sie um Armeslänge von sich weg und betrachtet seine Morgengabe.

Sie ist es nicht gewohnt, gewogen, gemessen, inspiziert und so genau betrachtet zu werden. Die Art jedoch, in der er es tut, dieser Blick, in dem sie schon wieder Verlangen erkennen kann, ist bar jeder Kritik und verrät uneingeschränkte Begeisterung.

Eine Winzigkeit zu lang, zu intensiv für einen unverfänglichen Morgenkuss, berühren seine Lippen ihren Mund, und sie bemerkt, wie diese kleine Geste ausreicht, sie schon wieder zu entflammen.

„Wunderschön bist du“, fast schon vertraut ist ihr seine Stimme. „Komm frühstücken!“

Vergnügte Begrüßungen empfangen sie, Susanna springt auf, umarmt Juliette und lobt ihr bezauberndes morgendliches Outfit.

„Entweder dieses umwerfende Weib hat keine einzige Falte oder unsere Stylingmeisterin hat ein großartiges Werk fertiggebracht“, bemerkt er.

„Mein Lieber, in unserem Alter ist man nicht mehr faltenfrei“, neckt Susanna. „Du bist bloß zu eitel, deine Brille aufzusetzen.“

„Hör sich einer das an! Ich und eitel! Ich bin so uneitel wie ...“

„Du bist ungefähr so uneitel wie der Sonnenkönig“, kontert Susanna schlagfertig, „aber es ist wirklich eine Gnade, dass Männer ab vierzig nach und nach im gleichen Maße an Sehkraft verlieren, wie die Faltenbildung bei uns Frauen fortschreitet. Und ich muss schon sagen, ich liebe es, wenn Männer eitel sind!“

Alle anwesenden Frauen lachen zustimmend und es ist unübersehbar, wie ertappt sich die Männer fühlen.

Mit einem Seitenblick auf „ihren“ schönen, eitlen Mann neben sich beschließt Juliette, sich selbst zukünftig den kleinen Gefallen zu tun, beim Blick in den Spiegel grundsätzlich keine Brille mehr aufzusetzen.

*****

Sie setzten sich in das der Buchhandlung angegliederte kleine Café und redeten, bis der Kellner sie bat zu gehen, weil er schließen müsse.

Später wird sie sich nur vage an die ungemütlichen, verchromten Kaffeehausstühle erinnern, an das grelle Licht, die vielen Spiegel. Der Ort war kalt, wenig einladend in seiner modernen, stylischen Art, nur dazu gedacht, im Gedränge der hektischen Einkaufswelt einen schnellen Cappuccino herunterzugießen, um gleich wieder weiterzueilen.

Juliette und Susanna war es egal gewesen, sie hatten sich so viel zu erzählen über die letzten zwei Jahrzehnte.

„Wie ist es dir ergangen?“, wollte Susanna wissen. Schon immer war es ihre Angewohnheit gewesen, zunächst zuzuhören, ehe sie über sich selbst sprach.

„Ach, meine Geschichte ist nicht sehr spannend“, erwiderte Juliette, „da genügen ein paar Sätze! Nach dem Studium bekam ich die Möglichkeit, unserer guten alten Uni treu zu bleiben, eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin hielt mich mit meinen geringen Ansprüchen ganz gut über Wasser. Ich konnte halbwegs ordentlich promovieren und, obwohl ich weiß, dass das äußerst selten ist, bekam ich dort sogar eine Dozentenstelle.“

Susanna zog die Augenbrauen hoch und machte ein anerkennendes Gesicht, das kurz danach aber einen fast verschwörerischen Ausdruck annahm. „Und die Männer“, sagte sie, „was ist mit den Männern? Du bestehst doch aus mehr als nur Hirn! Was ist aus Jerome geworden?“ Plötzlich brach sie in Gelächter aus, Juliette stimmte ein und sie erinnerten sich an die unsägliche Geschichte, als dieser Jerome, ein Student aus Frankreich, sie für „ganz kurze Zeit“ gemeinsam ans Bett gefesselt hatte und plötzlich aufgesprungen war, mit seinem unwiderstehlichen französischen Akzent verkündend: „Mesdames, wir 'aben gar keinen Wein, sie bleiben 'ier, isch 'ole, nur ein paar minutes, isch werde zurück sein!“

Das Prusten der beiden Frauen ließ die wenigen Gäste im Café die Köpfe drehen, sie konnten sich kaum halten in der Erinnerung der Szene, die sich damals danach abgespielt hatte.

Jerome kam und kam nicht wieder, seine Ente hatte beim Weinholen ihren letzten Atemzug aus dem rasenmäherkleinen Motor geschnauft, und die Frauen hatten nach etwa einer Stunde angefangen, zu versuchen, sich ihrer Fesselung aus Beduinentüchern und Gürteln selbst zu entledigen. Ganz genau hatten sie noch vor Augen, wie Juliette sich mit den Zähnen an Susannas Fesseln zu schaffen gemacht hatte, bis diese endlich wenigstens eine Hand losbekommen hatte, um beide zu befreien.

„Jerome war schon ein Traum“, kicherte Juliette, „aber er hat es nach weiteren zwei Semestern vorgezogen, sein Studium in Frankreich fortzuführen. Ich habe ihn noch zweimal dort besucht, dann fand er seine Frau, ich glaube, er hat einen ganzen Haufen Kinder jetzt.“

„Und sonst?“, wollte Susanna wissen.

„Geplänkel, ein paar kurze Affären, nie war der Richtige dabei. Und eine sehr böse Geschichte, die ich ganz hinten in meinem Herzen verschlossen habe. Letztlich hat die dazu geführt, dass ich beschlossen habe, erst mal Single zu bleiben, mich allein auf mich zu verlassen. Jedes Grundvertrauen ist mir damals flöten gegangen. Momentan bin ich allein. Aber was ist mit dir?“

Susanna merkte, dass Juliette an diesem Punkt noch zu keiner genaueren Äußerung bereit war, und beschloss, mit eigener Offenheit eine Basis für eine Öffnung der Freundin zu schaffen, der sie deutlich Unbehagen ansah. Sie berichtete über den Versuch, ihr Studium zu beenden, was ihr nicht gelungen war, ihre kurz hintereinander geborenen Kinder, ihre schnell langweilig gewordene Ehe. Sie erzählte, wie sie nach und nach sich selbst verloren hatte, nur noch Mutter gewesen war und Hausfrau, allein und neben einem Mann, der Karriere gemacht hatte und abends, sofern sie nicht zu gesellschaftlichen Anlässen an seiner Seite zu erscheinen hatte, frühzeitig neben ihr auf dem Sofa schnarchend eingeschlafen war. Er hatte sie betrogen, sie hatte es zunächst zu übersehen versucht, bis sie ihn eines Tages zufällig in der Stadt mit einer attraktiven Brünetten sah, lachend, Arm in Arm. Susanna erzählte, wie sie an diesem Tag nach Hause geschlichen war und einen Blick in den Spiegel gewagt hatte. Ein Spiegel war etwas, was sie nur noch zu putzen gewohnt gewesen war.

„Was ich da sah, war erschütternd, Juliette“, sagt Susanna. „Plötzlich konnte ich ihn verstehen!“

„Du warst wunderschön, solange ich dich kannte“, erwiderte Juliette.

Susanna lachte bitter, schilderte ihren Weg aus der Katastrophe heraus, den sie beschritten hatte, als der tiefste Punkt in ihrem Leben erreicht war.

Bis sie den Pfad nach oben gefunden hatte, waren Jahre vergangen. Jahre einer unspektakulären Scheidung, des Alleinseins mit den Kindern, der Trennung von der Jüngsten, die sich entschlossen hatte, das luxuriöse Ambiente des väterlichen Haushalts der einfachen Mietwohnung der Mutter vorzuziehen. Die Söhne hatten der Mutter die Stange gehalten, der Große hatte ein Studium aufgenommen, der Jüngere war für ein Jahr zu einem Schüleraustausch in die USA abgereist. Es war Juliette nicht entgangen, dass Tränen in Susannas Augen aufgestiegen waren, als sie von ihrer Tochter erzählte. Es musste ein schmerzhafter Stachel sein, der tief in einer nicht verheilten Wunde saß. Ihre Beine um die des unbequemen Kaffeehausstühlchens gewickelt, hatte sie gespannt gelauscht und nicht gewagt, die Freundin zu unterbrechen.

„Es war zufälligerweise auch hier, in dieser Buchhandlung, als ich auf Sarah traf. Sie ist mir aufgefallen in ihrer majestätischen Art, als ich gelangweilt auf der Suche nach Zerstreuung war. Ich hatte gerade Erma Bombecks ‚Nur der Pudding hört mein Seufzen‘ in der Hand, das schien mir nur allzu gut zu meiner Situation zu passen und versprach ein wenig vergnügliche Ablenkung, als sie mich anstupste und mir mit einem süffisanten aber doch irgendwie vertraulich gutmütigen Grinsen ein anderes Buch in die Hand drückte. Sarah war mir absolut unbekannt, aber sie faszinierte mich irgendwie, in ihrer langen weiten Robe, einem Kleidungsstück, wie ich es noch nie gesehen hatte.“

„Und du?“, fragte Juliette.

„Ich war vollkommen geplättet, so etwas Seltsames war mir noch nicht passiert“, erwiderte Susanna lachend, „ich habe Erma Bombeck kurzerhand auf irgendeinen Bücherstapel gelegt, Sarahs Lektüretipp bezahlt und bin in ziemlich unvernünftigem Tempo nach Hause gefahren, denn ich war ungeheuer gespannt.“

„Was war es für ein Buch?“ Juliette war neugierig geworden und rührte ein wenig angespannt in ihrer längst leeren Cappuccinotasse.

„Es hatte einen merkwürdig eindeutig zweideutigen Einband. Allerdings war es nicht das Buch allein! Sarah hatte eine Widmung hineingeschrieben, einige Zeilen in einer kraftvoll geschwungenen Handschrift: 'Lies und melde dich, wenn du bereit bist!'.“

„Melde dich, wenn du bereit bist? Was sollte das denn bedeuten? Bereit wofür? Das ist ja eine abgefahrene Geschichte! Worum ging es denn in diesem Buch?“ Juliette hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und Susanna mit erstauntem Gesicht angesehen.

„Also, das Buch behandelte auf eine mir ganz neue, sensible Weise eine Art savoir vivre im sadomasochistischen-Bereich. Wunderschön, sehr romantisch und aus meiner Erfahrung überhaupt nicht vorstellbar. Aber umso wünschenswerter. Ich habe nicht lange gezögert und, fasziniert wie ich war, wandte ich mich an den Buchhändler und fand sehr schnell eine Erklärung für das Zusammentreffen mit Sarah. Ich hatte sie wohl gerade noch im Gehen erwischt, nachdem sie eine Lesung ihres frisch gedruckten Romans mit anschließender Autogrammstunde gehalten hatte.“

„Also keine wirkliche Wunderfigur, sondern eine geschäftstüchtige Autorin“, hatte Juliette konstatiert, wollte aber Genaueres über den Inhalt erfahren, denn die Freundin sprach von Dingen, die ihr fremd geworden waren.

Susanna berichtete von Lust, Unterwerfung und Männern, die noch wirklich Männer sind, von Hingabe und Leidenschaft, von Schmerzen, von Höhenflügen, vom Nehmen und Genommenwerden, vom Frausein, während Juliette, mit sich langsam mehr und mehr rötenden Wangen es sich verkniff, die Toilette aufzusuchen. Susanna sah Juliette an, erkannte den Zustand, in dem sich die Freundin gerade befand.

„Du geh jetzt erst mal Kaffee wegbringen, das gibt mir die Möglichkeit zu überlegen, was ich an dieser Stelle noch wagen soll, dir zuzumuten.“

Juliette sprang ziemlich erleichtert auf.

Als sie an den Tisch zurückkehrte, sah sie Susanna fragend an, die sehr in sich gekehrt auf ihre Unterlippe biss. Zwei Wermutgläser standen mittlerweile auf dem winzigen Tischchen, kleine feuchte Ränder auf der polierten Chromfläche hinterlassend. Wermut war immer das Getränk gewesen, das sie sich in Studienzeiten gegönnt hatten, wenn es ernst wurde, wenn es etwas zu bereden gegeben hatte. Juliette wirkte gespannt, etwas in Susannas Ausdruck und Haltung ließ ihre Alarmglocken schrillen.

Susanna holte tief Luft. „Juliette, ich weiß, wir sind uns immer sehr ähnlich gewesen, in unseren, na ja sagen wir, sexuellen Präferenzen. Du erinnerst dich, die Sache mit Jerome hatte damals schon etwas mit einer gewissen Prise Masochismus zu tun. Ich war fasziniert von der Möglichkeit, mich fallen zu lassen, entdeckte ein Gefühl in mir, das mir bis dahin völlig fremd gewesen war. Je härter es zuging, umso erregender empfand ich den Sex. Ich bin mir fast sicher, bei dir die gleichen Reaktionen gespürt zu haben.“

Weit weg war das jetzt für Juliette, dennoch gelang es ihr für einen kurzen, kostbaren Moment, das alte Gefühl wieder heraufzubeschwören. Sie nickte lächelnd.

„Das war es, was mich damals so schnell in die Heirat mit Frank getrieben hat“, fuhr Susanna fort. „Im Grunde kann ich froh sein, dass der Kerl in Beziehungsdingen so grenzenlos faul war. Wäre er es nicht gewesen, wer weiß, ob ich nicht seelisch und sogar körperlich an dieser Beziehung zugrunde gegangen wäre.“

Juliette sah die Freundin fragend an. Sie bemerkte, dass etwas in ihr wühlte, das sie teilen wollte, etwas, wovon sie nicht sicher wusste, ob Juliette es würde verkraften können.

„Frank ist nur darauf bedacht gewesen, seine eigene Leidenschaft auszuleben, ohne Rücksicht zu nehmen auf mich, brutal, manchmal grenzenlos. Hätte ich die Kinder nicht bekommen, er hätte mich kaputtgemacht, da bin ich mir heute sicher. Es muss mit meiner Mutterrolle zu tun gehabt haben, dass er mich plötzlich in Ruhe ließ; das hat mich offenbar geschützt, andererseits hat er eigentlich von da an jedes Interesse an mir verloren.“

„Hat er dir Schaden zugefügt?“, wollte Juliette wissen; sie ertrug es schlecht, Susanna, die ihr eben noch unendlich aufrecht und mit sich im Reinen erschienen war, in diesem Zustand zu sehen. Susanna straffte sich, bereit, etwas preiszugeben, und schob kaum merklich den Ausschnitt ihrer Bluse etwas beiseite. Juliette erstarrte, als sie die Narben auf Susannas sonst makellosem Dekolleté sah.

„Woher stammen die?“, rief Juliette entsetzt.

„Zigaretten“, erwiderte Susanna und ihr Ausdruck wurde hart.

Juliette stürzte ihren Wermut hinunter und bestellte neuen.

„Wie ist es möglich“, fragte Juliette ungläubig, „dass du nicht schreiend davongelaufen bist? Du hättest zur Polizei gehen müssen, in ein Frauenhaus, wer weiß was noch! Wenn mir dieser Kerl begegnet, ich dreh ihm den Hals um!“ Juliette war außer sich vor Wut, sie ballte die Fäuste.

„Ich dachte, Liebes, es müsse so sein“, erwiderte Susanna und ihr Gesicht entspannte sich wieder.

„Es müsse so sein? Mein lieber Schwan, wo muss denn so was sein?“, fragte Juliette empört.

„Als ich Frank damals begegnete, war er tief verflochten mit der so genannten Szene. Ich war jung, in diesen Dingen völlig unerfahren und froh über die klaren Regeln, die mir damals als guter Leitfaden erschienen, im Nachhinein haben die aber bei mir einen ganz anderen Geschmack hinterlassen.“

„Das glaube ich dir sofort! Aber Regeln? Was für Regeln außer den in unserer Gesellschaft gängigen, kann es denn geben für den Umgang zweier Menschen miteinander in sexueller Hinsicht?“

„Ja, siehst du, genau das ist der Punkt! Pass auf, ich versuch dir das jetzt mal zu erklären. Ich habe allerdings mittlerweile so viel Abstand zu der Szene, dass ich in jedem Neueinsteiger-Workshop mit meinen Erläuterungen stante pede rausfliegen würde.“

„Wie bitte? Workshops?“

„Ja, guck nicht so, Juliette, so was gibt es wirklich! Das Sendungsbewusstsein ist da enorm. Die BDSM-er sind ständig bemüht, den 'langweiligen Vanillas' klarzumachen, dass ihre etwas na, sagen wir mal, 'andere' Form der Sexualität total erstrebenswert ist.“

„Sag mal, woher kommt eigentlich dieser Begriff?“, fragte Juliette.

„Na, da stand Vanilleeis Pate. Das soll ein Synonym sein für etwas, was unverfänglich ist, was jeder Mensch mag, womit man absolut nichts verkehrt machen kann“, erklärte Susanna und fuhr fort: „Die Sadomasochisten halten sich alle für Individualisten, für Libertins in Sachen Liebe. Diese seltenen Exemplare gibt es wirklich, man muss sie nur finden! Aber die große Masse tut genau das, was Menschen als soziale Wesen immer gern tun.“

„Nach dem Motto 'Gleich und Gleich' gesellt sich gern, ja? Ab sieben Personen wird ein Verein gegründet?“, fragte Juliette grinsend.

„Du hast es erfasst! So, wie sich zum Beispiel Kleingärtner in Vereinen zusammenschließen. Die treffen sich ja auch zu Gartenfesten, Fortbildungen, Stammtischen, zum Wettstreit darum, wer die größte Birne gezüchtet hat. Man stellt Regeln auf, wie dicht die Hecke am Weg sein darf, wie breit der Gartenweg, wie hoch der Apfelbaum.“

„Und genau so benehmen sich auch diese erklärten, organisierten 'Freigeister der Liebe'? Na, das ist ja herzig!“ Juliette verdrehte die Augen als sie fortfuhr. „Ich sehe da aber einen ganz wesentlichen Unterschied: Diese Regeln betreffen das Intimste zwischen zwei Menschen. Kann man das in Vereinssatzungen quetschen? Was steht denn da in den Statuten? Paragraph eins: Dom hat immer recht. Paragraph zwei: Hat er mal nicht recht, tritt sofort Paragraph eins in Kraft?“

„So ungefähr“, lachte Susanna. „Es ist genauestens ist festgelegt, wie sich eine weibliche 'sub' zu betragen hat, was den Dom zum wirklichen Herrn macht. Es ist sogar üblich, das Gefälle zwischen Oben und Unten über die Groß- und Kleinschreibung deutlich zu machen,“ erklärte Susanna.

„Höchst unsympathische Gemeinde“, befand Juliette.

Susanna nickte zustimmend. „Fand ich auf die Dauer auch. Und wenn jemand vom Regelwerk abweicht, hat er sofort mit Missbilligungen und Sanktionen zu rechnen. Ganz flott findet sich jeder, den es nach einer etwas außergewöhnlichen Sexualität gelüstet, schon wieder in einem Schubkastensystem. Nichts ist es mehr mit der Individualität! Ruck, zuck entpuppt sich die freiheitsliebende außergewöhnliche Gemeinschaft als Utopie.“

Für Juliette waren Susannas kritische Äußerungen vollkommen nachvollziehbar gewesen. Sie spürte aber, dass da noch mehr ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema auf dem glatten Tischchen landen würde, und warf ein: „Du scheinst ja ziemlich fertig zu sein mit dieser Szene! Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so etwas wie deine Brandnarben in diesem 'Gartenverein' gang und gäbe sind. Kann doch nicht sein, dass solche Auswüchse vom Regelwerk gedeckt sind, oder?“

„Nein, da hast du ganz recht!“, bestätigte Susanna kopfnickend. „Tragisch an der Sache ist nämlich noch ein weiterer Punkt. Ich habe dafür immer ein ganz bestimmtes Bild vor Augen. Ich beschreibe dir das mal.“

Juliette nippte an ihrem Wermut. Sie war ganz Ohr.

„Stell dir vor, es regnet. Einzelne Tropfen treffen auf einer Fensterscheibe auf. Seltsamerweise benehmen sie sich etwa genau so wie Menschen, die immer bestrebt sind, sich Gleichartigen schleunigst zuzuordnen. Diese einzelnen Tropfen fließen dem nächsten zu, es gibt einen größeren, dann entsteht ein ganz großer, dann ein Rinnsal. In dem kleinen Sturzbach auf der Scheibe kannst du keinen einzelnen mehr erkennen. Und es mischt sich all der Staub vom Fenster unter das fließende Wasser. Dieser Staub, der ganz unauffällig das Wasser schmutzig werden lässt, das sind diejenigen, die die Szene nur als Deckmäntelchen für das Ausleben von Gewalt nutzen. Die Grenzen sind fließend, und so wie in meinem Beispiel häufig unkenntlich.“

„Verstehe!“, hatte Juliette genickt. „Normalerweise nennt man so was häusliche Gewalt, das ist schlichtweg Körperverletzung! Und du bist ausgerechnet an eines dieser Schmutzpartikelchen geraten!“

„Ja“, antwortete Susanna, „ein Schmutzpartikelchen, das in der Brühe nicht besonders auffiel.“

„Trotzdem hast du dich nicht völlig abgewandt“, stellte Juliette fest. „Wie kommt das, was ist passiert?“

Susanna hatte genickt. „Dass es eine ganz andere Welt im Sadomasochismus gibt, konnte ich mir damals nicht vorstellen. Weißt du, ich kenne meine Neigungen; ich weiß, dass es mir nicht möglich sein wird, glücklich zu sein, wenn ich sie ignoriere. Es hätte mir damals nichts Besseres passieren können, als Sarah zu treffen. Ihr Buch, das sie mir gab, zeigte mir diese andere Welt, und als ich sie damals anrief, hatte die Lektüre einen fruchtbaren Boden in meiner ausgebrannten Gefühlswelt gefunden. Alles, was danach kam, hat meine Wunden geheilt.“

Susannas bildhafte Erläuterungen waren spannend genug gewesen, Juliettes Neugier noch größer zu machen. Das, womit sie offenkundig abgeschlossen hatte, war ihr unangenehm, zutiefst unsympathisch, welches Heilmittel sie jedoch gefunden haben musste, um so dazustehen, so glücklich zu wirken, wie es Juliette jetzt erkennen konnte, das wollte sie genauer wissen.

„Du wirst ja wohl kaum nur mit Hilfe eines Buches in diesen strahlenden Zustand gekommen sein, oder? Nun komm schon, erzähl mal! Ich kann mir dich jedenfalls wirklich schlecht ohne Mann vorstellen. Hast du eines dieser 'seltenen Exemplare' gefunden von denen du sprachst?“

„Oh ja, Juliette! Robert ist das allerseltenste und wunderbarste Exemplar, das man finden kann. Ich werde ihn dir bei nächster Gelegenheit vorstellen.“

„Darum möchte ich aber auch gebeten haben. So, wie du glühst, wenn du von ihm redest, muss er ja wirklich sehenswert sein. Ich bin gespannt!“

„Das darfst du sein! Unsere Kennenlerngeschichte erzähle ich dir demnächst mal in Ruhe“, antwortete Susanna und schlug vor, sich auf den Heimweg zu machen.

„Kannst du so lieb sein, mir erst einmal das Buch zu leihen? Es interessiert mich einfach, was dir damals geholfen hat, deine grässliche Situation zu verwinden“, bat Juliette.

„Natürlich! Lass uns noch einen Wein bei mir trinken. Du nimmst es mit und dann sehen wir weiter.“

Als sie die Rechnung bei dem mittlerweile entnervten Kellner bezahlt hatten, machten sie sich gut gelaunt Arm in Arm in die hereinbrechende Dunkelheit der kleinstädtischen Fußgängerzone auf.

Juliettes eben noch ausgelassene Stimmung schlug um auf dem kurzen Weg zu Susannas hübscher Wohnung, die nur einen kleinen Fußmarsch entfernt, in einer ruhigen Seitenstraße lag. Die Wirkung der Martinis auf ihren grummelnd leeren Magen war nicht länger zu übersehen gewesen. Die Lichter der Straßenlaternen tanzten im Zickzack vor ihren Augen. Schon auf dem Weg bestellte sie sich ein Taxi. Ein gleichmäßig rauschender Landregen hatte eingesetzt

„Susanna, nimm es mir nicht übel, ich bin ziemlich fertig und komme nicht mehr mit rein. Lass uns das Weinchen ein andermal zusammen trinken. Bitte gib mir nur schnell das Buch. Ich hatte einen langen Tag. Noch eine Woche, dann habe ich Semesterferien, bis dahin ist in der Uni die Hölle los und ich muss morgen früh raus“, erklärte sie entschuldigend, während sie im milden Licht der kleinen Laterne über Susannas Eingangstür standen.

Susanna hatte sie forschend angesehen und gelächelt, als sie ihr das schnell geholte Buch in die Hand drückte. „Ich sehe schon, Liebes, es ist Neumond. Mach, dass du ins Bett kommst und melde dich.“ Sie hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und drückte die, ob dieser Bemerkung etwas verdattert guckende Juliette kurz an sich, als schon das Taxi vorfuhr.

*****

Während in der Küche die Mikrowelle ein schnelles Singlemenü erwärmte und das Teewasser schon sprudelnd kochte, zog sich Juliette im Bad um, warf sich den weißen Frotteebademantel über und entdeckte im nächsten Moment Handlungsbedarf.

Neumond? Susanna hat doch Neumond gesagt!

Juliette warf einen Blick auf ihre am Türrahmen angepinnte Zykluskurve, der sie täglich nach dem Temperaturmessen ein neues Kreuzchen hinzufügte. Mehr als einmal hatte sie sich schon gefragt, wozu sie das überhaupt tat, denn die Anlässe, sich über Empfängnisverhütung Gedanken machen zu müssen, waren in den letzten Jahren immer seltener geworden.

Es hatte vielleicht etwas mit ihrem Sinn für Ordnung zu tun oder mit dem Gefühl, die Dinge so in der Hand behalten zu können, vielleicht auch mit dem Bewusstmachen, zu funktionieren, fähig zu sein.

Achtundzwanzig, aha!

Das hatte sie am Morgen übersehen. Sollte an diesem Märchen der weiblichen Fruchtbarkeit im Einklang mit den Mondphasen tatsächlich etwas dran sein? Juliette erinnerte sich an Susannas verständnisvolles Gesicht beim Abschied und musste lächeln.

Das war schon früher immer so gewesen, sie waren beide immer gleichzeitig „out of order“ gewesen und hatten sich gegenseitig bei Tee und Wärmflaschen ein, zwei Tage lang etwas vorgejammert.

Wärmflasche!

Genau, das Stichwort!

Irgendwo im Bad hatte sie das uralte, heftig nach Gummi riechende Ding mit dem plüschigen roten Überzug doch gelassen.

Das leise „Pling“ der Mikrowelle verhieß die warme Mahlzeit und Juliette verkrümelte sich mit angezogenen Beinen, dem dampfenden Tee und ihrem Bauchwärmer ins Bett, ohne das Buch auf dem Küchentisch noch eines Blickes zu würdigen.

Juliette schlief ein, in der Hand noch die Teetasse.

Der kleine, auslaufende Rest würde am nächsten Morgen einen schwer zu entfernenden Fleck im Bettbezug hinterlassen haben.

Sie träumte und konnte sich, als der Wecker um halb sieben schrillte, an Bruchstücke des Traumes erinnern. Sie hatte eine Frau gesehen in einem sehr weiten Gewand, sie hatte das Rauschen des Meeres gehört, sie hatte Schmerzen gefühlt, und ein lange nicht erlebtes, verdammt aufregendes Gefühl, das sich vom Bauchnabel über die Schambeinregion, zwischen ihren Beinen hindurch, bis hinauf zum Kreuzbein zog, war ihr nach dem Erwachen geblieben.

Juliette sprang aus dem Bett.

Juliette sprang aus dem Bett?

Wenn Juliette ihre Tage hat, springt sie nie aus dem Bett!

Doch, sie sprang aus dem Bett, setzte sich Kaffee auf und ging unter die Dusche.

Sie konnte nicht anders, obwohl die Zeit morgens immer knapp bemessen war, nahm sie sich an diesem Morgen den Augenblick für sich selbst.

Sie richtete den pulsierenden Strahl des Duschkopfes genau zwischen ihre Beine und es dauert nur Sekunden, bis sie sich leise aufstöhnend an der Duschwand festhielt und das warme Gefühl des schnellen Orgasmus sie durchflutete.

Anders als sonst, wenn ein selbst gemachter Höhepunkt sie ermattete, sie schwach machte für die nächsten Stunden, verletzlich, gewann sie zum ersten Mal aus diesem Moment Kraft.

Ihre Kleiderwahl war sorgfältig an diesem Morgen, was ihr später die aufmerksame Bemerkung eines netten Kollegen eintrug, sie griff sogar einmal wieder zur Wimperntusche, fluchte: „Eingetrocknet“, beschloss, neue zu besorgen.

Im Hinausgehen eine Packung Paracetamol in die Aktentasche werfend, die volle Kaffeetasse in der Hand, nun wirklich in Eile, fiel ihr Blick auf das unberührte Buch auf dem Küchentisch.

„Und zu dir komme ich heute Abend!“

*****

Der Tag war gestopft voll gewesen mit Seminaren, Besprechungen, Terminen mit Studenten, die letzten Schliff für ihre noch vor Beginn der Semesterferien abzugebenden Hausarbeiten benötigten. Am späten Nachmittag verließ Juliette endlich die Uni, einen notdürftig zusammengebundenen Stapel Klausuren unter dem Arm, der ständig auseinanderzurutschen drohte.

Sie warf ihn auf den Rücksitz ihres Wagens, riss erst einmal alle Türen auf, denn der am Morgen glücklich gefundene Schattenplatz an der Westfront des Gebäudes lag nun voll in der nachmittäglichen Sonnenglut. Sie wollte nur noch raus aus ihrem Kleid, eine kühle Dusche nehmen, sich mit einem kalten Getränk auf ihre schattige Terrasse setzen, sich ausruhen.

Das Buch!

Sie würde sich Zeit nehmen zu lesen, beschloss Juliette.

Einige Stunden später, die Sonne war längst untergegangen, die Nacht schwül, kein Lüftchen ging, eine kleine Laterne spendete auf der Terrasse viel zu geringes Licht, um eine mondlose Nacht genügend zu beleuchten und vernünftig lesen zu können, war sie fertig.

Juliette legte Buch und Lesebrille aus der Hand, rieb sich die Augen. Ein noch fernes, aber doch schon deutlich vernehmbares Donnergrollen riss sie aus den Gedanken, während ein erster heftiger Windstoß gefährlich an ihrer Markise zerrte, ein erster Blitz die Nacht kurz und grell erleuchtete.

Schleunigst kurbelte sie die Markise hoch, brachte ihren gemütlichen Liegestuhl mit den dicken Auflagen in Sicherheit, griff sich das Tablett von dem kleinen niedrigen Tisch, schleppte alles schnell ins Haus und schloss die Terrassentür.

Das Unwetter, das vor den Scheiben losbrach, hatte Ähnlichkeit mit Juliettes aufkommendem Kampf der Gefühle. Sie hatte Unglaubliches gelesen. Das aktuelle Bild, das Juliettes Kopf sich zum fremden Thema SM zusammengesetzt hatte, war ein Mosaik aus Susannas unseligen, erschreckenden Erfahrungen und den wenigen Informationen, die ihr bisher zugänglich gewesen waren. Puzzleteile von wüsten, unkenntlichen Kapuzenmännern, die gefesselte hilflose Frauen vergewaltigen, unnahbare Dominas, die überarbeitete, nackte, stiefelleckende Manager drangsalieren, düstere, muffige Keller, klirrende Ketten, teuflische Fratzen und unsägliches Leid, herausgeschrien aus aufgerissenen Kehlen gequälter, bis aufs Blut gepeitschter Frauen. Eine Collage, die einem Gemälde Hieronymus Boschs nicht unähnlich war.

Das Buch aber, das nun fertig gelesen auf ihrem Tisch lag, hatte Bilder von Liebe gezeichnet, von Rücksichtnahme, Achtung und Respekt. Dass zwischen diesen Faktoren und der Ausübung von Macht und Gewalt ganz offenbar ein Spagat möglich sein könnte, und zwar in völliger Übereinstimmung und zum Erreichen höchster Lust beider Partner, hatte Juliette überrascht.

Sie wünschte sich, reden zu können, sich mitteilen zu können, den Widerstreit des Hin- und Hergerissenseins zwischen Faszination und Ablehnung in geordnete Bahnen lenken zu können.

Juliette ließ sich nicht mehr von Gefühlen überrollen, war es schon lange gewohnt, wissenschaftlich zu denken, analytisch, geradlinig.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unter die Haut" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen