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Unter der goldenen Sonne Roms

Lucy Gordon

Unter der goldenen Sonne Roms

1. KAPITEL

Ich müsste hier bleiben und um Olympia kämpfen, dachte Luke Cayman, als er am Tag nach der Verlobung seines Bruders Primo die Koffer packte. Dennoch setzte er sich in seinen neuen Sportwagen und verließ Neapel so schnell, als wäre der Teufel hinter ihm her. Schon bald hatte er die Autobahn erreicht und fuhr mit der höchsten erlaubten Geschwindigkeit in Richtung Rom, wo er zweieinhalb Stunden später eintraf.

Im „Contini“, dem Fünf-Sterne-Hotel in dem noblen Stadtviertel Parioli, mietete er sich eine Suite. Ich brauche mir nichts vorzumachen, ich hätte nie eine Chance bei Olympia gehabt, auch dann nicht, wenn ich in Neapel geblieben wäre, überlegte er, während er im Restaurant des Hotels zu Abend aß.

Gerade hatte er sich entschlossen, früh ins Bett zu gehen, als jemand ihm die Hand auf die Schulter legte und fragte: „Warum haben Sie mich nicht informiert, dass Sie heute kommen wollten?“

Es war der Hotelmanager Bernardo, ein freundlicher, untersetzter Mann in den Vierzigern. Er und Luke kannten sich gut, denn er hatte schon öfter auf Geschäftsreisen in diesem Hotel übernachtet.

„Ich habe mich ganz spontan dazu entschlossen“, antwortete Luke betont unbekümmert. „Eher zufällig bin ich in den Besitz einer Immobilie in Rom gekommen, um die ich mich kümmern muss.“

„So? Ich wusste gar nicht, dass Sie im Immobiliengeschäft tätig sind.“

„Das bin ich auch nicht. Ein zahlungsunfähiger Kunde hat mir sein Mietshaus überschrieben.“

„Hier in der Nähe?“

„Nein, in Trastevere.“ Dieser volkstümliche, malerische Stadtteil mit den zahlreichen Trattorien und Kneipen war ein beliebtes Ausgeh- und Flanierviertel. „Wahrscheinlich befindet sich das Gebäude in einem schlechten Zustand“, fügte er hinzu. „Sobald ich es renoviert habe, verkaufe ich es.“

„Warum verkaufen Sie es nicht gleich? Soll es doch jemand anders in Stand setzen.“

„Damit wäre Signora Pepino bestimmt nicht einverstanden“, entgegnete Luke lächelnd. „Sie ist Rechtsanwältin und hat sowohl ihre Wohnung als auch ihre Kanzlei in dem Haus. Schriftlich hat sie mir mitgeteilt, was ich ihrer Meinung nach zu tun habe.“

„Wollen Sie etwa die Forderungen dieser Frau erfüllen?“

„Sie scheint ein Drache zu sein. Um das Haus ungestört besichtigen zu können, habe ich mein Kommen nicht angekündigt.“

„Sind Sie nur wegen des Hauses in Rom?“, fragte Bernardo und betrachtete ihn skeptisch.

Luke zuckte die Schultern.

„Ah ja, eine schöne Frau hat Ihnen das Herz gebrochen, und Sie …“

„Keine Frau bricht mir das Herz“, unterbrach Luke ihn scharf. „So etwas würde ich nie zulassen.“

„Ein weiser Entschluss.“

„Zugegeben, ich habe mich ein wenig zu sehr für eine bestimmte Frau interessiert, obwohl ich wusste, dass sie einen anderen Mann liebt. Es war falsch, aber Fehler kann man korrigieren. Ein kluger Mann erkennt die Gefahr rechtzeitig und handelt entsprechend.“

„Demnach haben Sie die Sache mit der Ihnen eigenen Nüchternheit und Sachlichkeit geregelt.“

„Wie bitte?“

„Sie stehen in dem Ruf, nie den Überblick zu verlieren und unverletzlich zu sein. Wirklich beneidenswert. Das macht das Leben leichter. Doch jetzt sollten Sie sich in Gesellschaft guter Freunde, die Sie anschließend ins Bett bringen, sinnlos betrinken.“

„Du liebe Zeit, Bernardo, wie oft haben Sie mich betrunken erlebt?“

„Viel zu selten, was meiner Meinung nach nicht normal ist.“

Luke lächelte verhalten. „Das mag sein, aber für mich ist nur wichtig, nie die Kontrolle über mich und mein Leben zu verlieren.“ Er stand auf, verabschiedete sich und eilte in seine Suite.

Offenbar hielt Bernardo ihn für einen kühlen, harten Mann, dem Selbstbeherrschung über alles ging und der sich genau überlegte, was er tat. Das kam der Wahrheit sehr nahe, wie Luke sich eingestand. Bisher war er mit sich und seinem Leben recht zufrieden gewesen, doch plötzlich verspürte er ein gewisses Unbehagen.

Als er die Nachrichten auf seinem Handy abfragte, stellte er fest, dass seine Mutter angerufen hatte. Lächelnd rief er sie zurück. Hope Rinucci war seine Adoptivmutter, seine leibliche Mutter kannte er nicht.

„Hallo, mamma. Ich bin gut angekommen. Alles ist in Ordnung. Das wolltest du doch wissen, oder?“

„Ja. Hast du schon Signora Pepino getroffen?“

„Nein, ich habe nur etwas gegessen, das ist alles. Ehe ich mich mit ihr auseinandersetze, muss ich erst einmal zu mir selbst kommen und meinen ganzen Mut zusammennehmen.“

„Tu doch nicht so, als hättest du Angst vor ihr“, forderte Hope ihn gespielt entrüstet auf.

„Das habe ich wirklich. Glaub mir, ich zittere vor Angst.“

„Erzähl mir keine Märchen, mein Lieber.“

Er lachte in sich hinein. Seine Mutter schaffte es immer wieder, ihn aufzuheitern, und er glaubte sie vor sich zu sehen. Bestimmt saß sie momentan auf der Terrasse der Villa Rinucci mit dem herrlichen Blick über die Bucht von Neapel. Es war schon dunkel, und am samtschwarzen Himmel funkelten die Sterne. Sie liebte es, während des Telefonierens dort zu sitzen und die Aussicht zu genießen, die sie für die schönste der Welt hielt.

„Bist du erschöpft nach dem vielen Feiern?“, fragte er.

„Nein, dazu habe ich gar keine Zeit. Ich muss Primos und Olympias Verlobungsfeier vorbereiten.“

„Die Verlobung haben wir doch gestern schon gefeiert.“

„Gestern war der letzte Tag von Justins Hochzeitsfeier. Wir haben nur auf Primos und Olympias Verlobung angestoßen, mehr nicht. Die beiden sollen ihre eigene Feier haben.“ Justin war Hopes ältester Sohn.

„Anschließend musst du die Hochzeitsfeier planen, es sei denn, Olympias Mutter will es selbst machen.“

„Keine Sorge, das ist schon geklärt. Gestern Abend haben wir darüber gesprochen, und sie überlässt es mir gern“, erklärte Hope.

„Mit anderen Worten, sie kann sich dir gegenüber genauso wenig durchsetzen wie der Rest der Familie“, stellte Luke lachend fest.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortete sie beleidigt.

„Ach, vergiss es. Ich freue mich schon auf die Feier. Es ist herrlich, meinen Bruder Primo nach der Pfeife einer Frau tanzen zu sehen“, sagte er scherzhaft.

„Du wirst auch noch die richtige Frau finden“, prophezeite seine Mutter.

„Vielleicht ziehe ich es vor, Junggeselle zu bleiben und ein Griesgram zu werden.“

Hope lachte aus vollem Hals. „Ausgerechnet so ein attraktiver Junge wie du?“

„Ein Junge? Ich bin immerhin schon achtunddreißig.“

„Für mich bleibst du ein Junge. Denk daran, ich erwarte, dass du mir bald deine zukünftige Frau vorstellst. Und jetzt mach dir einen schönen Abend.“

Mamma, es ist elf Uhr“, wandte er ein.

„Na und? Das ist genau die richtige Zeit zum Ausgehen. Amüsier dich gut.“

Luke lächelte. Seine Mutter nahm nie ein Blatt vor den Mund, und das war mit ein Grund, warum ihre Söhne sie geradezu anbeteten. Ihr Mann Toni war etwas weniger offenherzig und direkt.

„Um mit Signora Pepino verhandeln zu können, brauche ich einen klaren Kopf.“

„Unsinn. Biete nur deinen ganzen Charme auf, und die Frau steht auf deiner Seite.“

Hope Rinucci war überzeugt, alle ihre Söhne wären so charmant, dass keine Frau ihnen widerstehen könnte. Wahrscheinlich traf das auf Lukes jüngere Brüder auch zu, aber sich selbst hielt er keineswegs für charmant. Er war ein großer, muskulöser Mann mit regelmäßigen Gesichtszügen, und man konnte ihn als attraktiv bezeichnen. Doch er lächelte viel zu selten und wirkte meist sehr ernst.

In Olympias Gesellschaft hatte er sich jedoch wie ein anderer Mensch gefühlt. In den wenigen Wochen, in denen sie bei ihm gewohnt hatte, hatte er sich natürlich sehr korrekt verhalten, denn er wusste, dass ihr Herz seinem Bruder Primo gehörte. Es war nicht leicht gewesen, seine Zuneigung nicht zu zeigen und sich zu beherrschen.

Unter Olympias Einfluss war er lockerer geworden und hatte sogar einen gewissen Charme entfaltet. Aber er würde sich hüten, noch einmal so sehr auf eine Frau einzugehen und sich in Geduld zu fassen. Sachlichkeit, Nüchternheit, Beharrlichkeit und Entschlossenheit, mit diesen Eigenschaften hatte er bisher alle Ziele erreicht. Alles andere war Zeitverschwendung.

Seiner Mutter zu widersprechen war sinnlos. Sie war voreingenommen, und dagegen kam man nicht an. Deshalb beendete er das Gespräch freundlich und mit einigen humorvollen Bemerkungen. Aber anschließend verspürte er wieder dasselbe Unbehagen wie zuvor. Irgendetwas stimmte mit ihm einfach nicht.

Um sich abzulenken, stürzte er sich in die Arbeit. Er zog einen Ordner hervor und studierte die Unterlagen über das Mietshaus, das er unfreiwillig erworben hatte.

Das Gebäude trug den klangvollen Namen „Residenza Gallini“, der wahrscheinlich mehr versprach, als er halten konnte. Wie aus den Plänen ersichtlich war, handelte es sich um ein fünfgeschossiges Haus mit einem großen Innenhof. Als er die Korrespondenz mit Signora Minerva Pepino durchlas, die eine harte, strenge Frau zu sein schien, schwante ihm nichts Gutes.

Sich mit einem Mann auseinanderzusetzen war für ihn kein Problem. Darin hatte er Übung, er kannte die Spielregeln. Bei einer Frau musste er subtiler vorgehen. Doch Subtilität war seine Sache nicht.

Sie hatte schriftlich angefragt, wann er nach Rom kommen und die notwendigen Renovierungsarbeiten in Auftrag geben würde. Angeblich waren die Bedingungen, unter denen ihre Mandanten leben mussten, nicht länger hinnehmbar. Luke hatte ihr versichert, er würde kommen, sobald es seine Terminplanung zuließ, und angedeutet, dass er ihre Schilderung der Zustände für übertrieben hielt.

Doch sie hatte ihm prompt eine detaillierte Mängelliste mit einer Kostenaufstellung zugeschickt, deren Höhe er bezweifelte. Wahrscheinlich waren die Handwerker, von denen sie sich Angebote hatte unterbreiten lassen, Freunde und Verwandte von ihr und hatten ihr eine Provision versprochen. Luke ärgerte sich darüber, dass die Frau offenbar glaubte, sie könnte ihn übers Ohr hauen. Noch einmal hatte er versprochen, sich persönlich um die Sache zu kümmern, sobald er geschäftlich in Rom sein würde.

Sogar den Namen dieser Frau, die er auf Mitte fünfzig schätzte, fand er beunruhigend. Minerva war die Göttin der Weisheit und wegen ihres scharfen Verstandes berühmt gewesen. Auch das verhieß nichts Gutes.

Natürlich wollte er sich so verhalten, wie man es von einem verantwortungsbewussten Vermieter erwartete. Andererseits war er nicht bereit, sich von dieser Frau Vorschriften machen zu lassen.

Schließlich legte er den Ordner wieder weg. Plötzlich fand er die Stille um sich her unerträglich, und der Luxus, der ihn umgab, schien ihn zu erdrücken. Kurz entschlossen nahm er das Bargeld aus dem Portemonnaie und steckte das Geld zusammen mit der Plastikkarte zum Öffnen der Tür seiner Suite in die Hosentasche. Dann legte er das Portemonnaie in den Safe, verließ die Suite und eilte aus dem Hotel. Da es an diesem Abend noch sehr warm war, verzichtete er auf das Jackett. Er winkte ein Taxi herbei und ließ sich über die Via del Corso, die lebhafteste Einkaufsstraße der Stadt, fahren und weiter über die Ponte Garibaldi, eine der Brücken, die den Tiber überquerten, bis nach Trastevere. Dieser Stadtteil mit den vielen Restaurants, Cafés, Clubs und Bars war einer der ältesten und schillerndsten.

„Setzen Sie mich bitte hier ab“, forderte Luke den Fahrer auf. In den hell erleuchteten Straßen wurde gesungen und gelacht, und Essensgerüche erfüllten die Luft.

Er betrat die erstbeste Bar und wurde rasch in Gespräche verwickelt. Danach ging er in eine andere Bar und entspannte sich bei einem Glas Wein, der ihm so gut schmeckte wie kein anderer zuvor. Nach drei weiteren Barbesuchen kam er zu dem Schluss, dass diese Art zu leben besser war als jede andere.

Später stand er auf der Straße und betrachtete den Vollmond. Als er sich umsah, musste er sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, wo er sich befand.

„Suchen Sie etwas?“, fragte plötzlich jemand hinter ihm.

Luke drehte sich um und entdeckte den jungen Mann, der allein an einem der Tische draußen vor der Bar saß. Er war höchstens Anfang zwanzig, wirkte sehr lebhaft und hatte strahlende dunkle Augen.

„Hallo.“ Der junge Mann hob sein Glas.

„Hallo.“ Luke setzte sich neben ihn. „Ich habe gerade gemerkt, dass ich mich verlaufen habe.“

„Sie sind nicht von hier?“

„Nein.“

„Ach, bleiben Sie ruhig hier sitzen. Es macht Spaß, die Menschen zu beobachten.“

Luke bestellte etwas zu trinken, und nachdem der Kellner eine Flasche Wein und zwei Gläser gebracht hatte, bezahlte er sogleich.

„Wahrscheinlich war das ein Fehler.“ Luke hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen. „Ich glaube, Sie haben schon genug getrunken.“

„Von gutem Wein kann man nie genug bekommen. Selbst dann, wenn ich zu viel getrunken habe, ist es immer noch nicht genug“, antwortete der junge Mann und füllte die beiden Gläser.

Luke probierte den Wein, er schmeckte wirklich gut. „Ich bin Luke“, stellte er sich vor.

„Ich bin Charlie. Darf ich Sie Lucio nennen? Wir können uns duzen, oder?“

„Sicher, kein Problem.“ Luke runzelte die Stirn. Ein Italiener namens Charlie? „Du heißt Carlo, oder?“

„Nein, Charlie. Es ist die Abkürzung von Charlemagne, dem französischen Namen Karls des Großen. Aber das verrate ich nur meinen besten Freunden.“

„Vielen Dank.“ Lächelnd akzeptierte Luke diese Auszeichnung. „Warum hat man dich nach diesem früheren Kaiser benannt?“

„Weil ich einer seiner Nachkommen bin. Sein Vater war ‚Pepino il Breve‘, also Pippin der Kurze. Wir Pepinos stammen von diesem Kaiser ab, das ist doch klar.“

„Wie kannst du dir da so sicher sein? Er hat doch vor mehr als zwölfhundert Jahren gelebt.“

Überrascht sah Charlie ihn an. „Meine Mutter hat es mir erzählt.“

„Glaubst du alles, was deine Mutter sagt?“

„O ja, das sollte man tun, wenn man sich Probleme ersparen will.“

„Das kenne ich. Meine ist genauso.“

Sie stießen an. Charlie leerte sein Glas in einem Zug und füllte es sogleich wieder.

„Wenn ich trinke, vergesse ich alles“, erklärte er fröhlich.

„Was willst du denn vergessen?“

„Alles Mögliche. Wen interessiert das schon? Warum trinkst du?“

„Ich trinke mir Mut an, weil ich mich morgen mit einer Frau auseinandersetzen muss, die ein Drache ist.“

„Ah ja, solche Frauen sind die schlimmsten. Aber du wirst bestimmt mit ihr fertig.“

„Das bezweifle ich.“

„Du brauchst ihr nur zu erklären, dass du keine Zeit für irgendwelchen Unsinn hast“, riet Charlie ihm. „Anders kann man mit Frauen nicht umgehen.“

Jetzt habe ich schon zwei Tipps, wie ich mit der Situation fertig werden kann, überlegte Luke belustigt. Seine Mutter hatte ihm geraten, es auf die charmante Art zu versuchen, und der naive junge Mann war der Meinung, man sollte Frauen gegenüber als Autoritätsperson auftreten.

Nachdem sie zwei weitere Bars besucht hatten, beschloss Luke, zum Hotel zurückzufahren. Doch plötzlich hörten sie lautes Geschrei, ein Kind fing an zu weinen, ein Hund jaulte, und vier Jugendliche tauchten vor ihnen auf. Einer der Jungen hielt einen jungen Hund fest, der zum Erbarmen winselte und versuchte, sich zu befreien. Ein etwa Zwölfjähriger bemühte sich, seinen Hund zu retten, doch die Jungen warfen sich gegenseitig das kleine Tier zu.

„Was für gemeine Kerle!“, rief Charlie aus.

„Ja, das finde ich auch“, stimmte Luke ihm zu, während sie auf die Jugendlichen zugingen.

Als die jungen Leute sie bemerkten, zögerten sie sekundenlang, Zeit genug für Charlie, den Hund an sich zu reißen. Zwei von ihnen versuchten, ihm ihn wieder wegzunehmen, doch Luke hielt sie so lange auf, bis Charlie das Tierchen dem Kind zurückgegeben hatte, das damit rasch davonlief.

Obwohl sie zahlenmäßig unterlegen waren, war Charlie so wütend, dass es ihm mit Lukes tatkräftiger Unterstützung gelang, die Jugendlichen daran zu hindern, das Kind zu verfolgen. Auf einmal ertönten aus verschiedenen Richtungen Polizeisirenen, wenig später wurden die Raufbolde eingekreist, in die Autos geführt und auf das nächste Polizeirevier gebracht.

Das kann nur Netta Pepino sein, niemand anders klopft so an, dachte Minnie, als es an der Tür klopfte. Lächelnd öffnete sie.

„Ist es nicht zu spät?“, fragte Netta.

„Nein, ich war noch nicht im Bett.“

„Du arbeitest zu viel“, stellte Netta fest. „Weil ich weiß, dass du kaum Zeit zum Einkaufen hast, habe ich dir etwas mitgebracht.“

Dieses Ritual hielten sie seit vielen Jahren aufrecht. Minnie hatte eine gut gehende Anwaltskanzlei an der Via Veneto, und ihre Sekretärin hätte ohne weiteres für sie einkaufen können. Doch seit ihrem achtzehnten Lebensjahr verließ Minnie sich auf Netta. Damals war sie als Gianni Pepinos Braut von Netta herzlich in der Familie aufgenommen worden.

Schon während des Jurastudiums war Minnie von ihrer Schwiegermutter verwöhnt worden. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Gianni war vor vier Jahren gestorben, doch Minnie hatte nie daran gedacht, in eine luxuriösere Wohnung umzuziehen oder die Verbindung zu Netta, die für sie eine Ersatzmutter war, einschlafen zu lassen.

„Schinken, Parmesan, Pasta, alles, was du gern isst“, erklärte Netta und stellte die Einkaufstüte auf den Tisch. „Sieh es dir an.“

„Das ist nicht nötig, du machst sowieso alles richtig“, antwortete Minnie lächelnd. „Setz dich. Möchtest du einen Kaffee oder einen Whisky?“

„Whisky.“ Netta ließ sich lachend in den Sessel sinken.

„Ich trinke lieber einen Tee.“

„Du bist und bleibst eine Engländerin, obwohl du schon vierzehn Jahre in Italien lebst.“ Nettas Stimme klang liebevoll.

Als Minnie anfangen wollte, die Lebensmittel wegzuräumen, entdeckte sie den kleinen Strauß obenauf.

„Ich dachte, die Blumen würden dir gefallen“, sagte Netta beiläufig.

„O ja, die sind wunderschön.“ Minnie küsste die ältere Frau auf die Wange. Dann stellte sie den Strauß in einer Vase auf das Regal neben Giannis Foto. Es war eine Woche vor seinem Tod aufgenommen worden und zeigte ihn als jungen Mann mit gewinnendem Lächeln und strahlenden Augen. Sein gelocktes Haar war etwas zu lang. Es fiel ihm in die Stirn und ließ ihn ausgesprochen charmant und liebenswert erscheinen.

Auf dem Foto daneben war Minnie als Achtzehnjährige abgebildet. Ihre Züge wirkten weich, und man merkte, wie hoffnungsvoll und unbekümmert sie damals gewesen war. Jetzt wirkte sie fraulicher, eleganter und in sich gekehrt, aber nicht abweisend oder humorlos. Das auf dem Foto sehr lange blonde Haar trug sie nur noch schulterlang, ein Zugeständnis an ihren Beruf als erfolgreiche Rechtsanwältin.

„Er wird sich freuen, er hat Blumen sehr geliebt.“ Netta wies auf das Foto ihres Sohnes. „Erinnerst du dich noch, wie oft er dir welche mitgebracht hat? Zum Geburtstag, zum Hochzeitstag …“

„Ja, diese Tage hat er nie vergessen.“

Sekundenlang schwiegen sie und gaben sich den Erinnerungen hin.

„Was macht Charlie?“, fragte Minnie schließlich.

Netta seufzte. „Er ist ein schlimmer Junge und hält sich für sehr erwachsen. Immer wieder trinkt er zu viel, kommt spät nach Hause und hat zu viele Freundinnen.“

„Das ist für einen Achtzehnjährigen ganz normal“, entgegnete Minnie sanft, gestand sich jedoch insgeheim ein, dass sie das ausschweifende Leben ihres jungen Schwagers besorgniserregend fand.

„Als er in dich verliebt war, war er viel ruhiger und ordentlicher“, wandte Netta ein.

Mamma, er war nicht in mich verliebt. Er ist achtzehn, und ich bin zweiunddreißig. Es war eine harmlose Schwärmerei, auf die ich nicht eingegangen bin. Ich hoffe, er hat es überwunden. Charlie ist mein Schwager, sonst nichts.“

„Du interessierst dich für keinen Mann mehr. Das finde ich nicht normal. Du bist doch eine schöne Frau.“

„Und Witwe.“

„Schon viel zu lange. Das muss sich ändern.“

„Ausgerechnet du als meine Schwiegermutter sagst so etwas?“

„Nicht als deine Schwiegermutter, Minnie, sondern ich rede mit dir von Frau zu Frau. Es ist geradezu skandalös, dass es immer noch keinen Mann in deinem Leben gibt, obwohl du schon vier Jahre allein bist.“

„Das stimmt nicht ganz, es hat ab und zu jemanden gegeben. Das müsstest du eigentlich wissen, denn du wohnst im selben Haus.“

„Sicher, ich habe einige Männer kommen und gehen sehen. Aber keiner ist länger bei dir geblieben.“

„Ich habe auch keinen gebeten, bei mir zu bleiben“, stellte Minnie ruhig fest.

Netta umarmte sie liebevoll. „Gianni hätte keine bessere Frau haben können als dich. Doch es wird Zeit, dass du wieder an dich denkst. Du brauchst einen Mann in deinem Leben und in deinem Bett.“

„Netta, bitte …“

„Als ich in deinem Alter war …“

„Hattest du einen Ehemann und fünf Kinder“, unterbrach Minnie sie.

„Stimmt. Es ist ja auch schon lange her.“

„Auch ohne Mann bin ich glücklich und zufrieden“, erklärte Minnie.

„Unsinn. Keine Frau ist wirklich glücklich, wenn sie allein lebt.“

„Selbst wenn ich unbedingt einen Freund haben wollte, würde ich mich nicht für Charlie interessieren.“

„Natürlich nicht“, stimmte Netta ihr zu. „Aber er würde auf dich hören. Ich habe keine Ahnung, wo er heute Abend ist. Wahrscheinlich treibt er sich irgendwo herum und ist in schlechte Gesellschaft geraten.“

„Wenn du nach Hause gehst, ist er sicher da“, versuchte Minnie sie zu beruhigen.

„Gut, dann gehe ich jetzt. Er soll sich schämen, seine Mutter so sehr aufzuregen.“

„Das musst du ihm sagen. Von mir bekommt er auch etwas zu hören. Ich begleite dich.“

Minnies Wohnung lag im dritten Stock und ging zum Innenhof hinaus. In einigen der anderen Wohnungen lebten weitere Mitglieder der Familie Pepino, und als Minnie und Netta die eiserne Treppe, die außen um den Innenhof herum nach oben führte, in den vierten Stock hinaufgingen, bemerkten sie, dass durch einige Fenster noch Licht fiel.

In dem Apartment, in dem Netta mit ihrem Mann, ihrem Bruder und ihrem jüngsten Sohn lebte, war von Charlie nichts zu sehen.

„Er kommt bestimmt bald“, meinte Minnie und küsste ihre Schwiegermutter auf die Wange. „Mach dir keine Sorgen, und schlaf gut.“

Als sie kurz darauf die Tür zu ihrer kleinen Wohnung aufschloss, fühlte Minnie sich müde und erschöpft. Das Gespräch mit Netta hatte zu viele Erinnerungen heraufbeschworen.

Von dem Foto auf dem Regal schien Gianni ihr mit den Blicken zu folgen. Minnie betrachtete es lächelnd und hoffte, auch dieses Mal so viel Trost zu finden wie sonst, wenn sie ihn ansah. Aber an diesem Abend empfand sie nichts.

Widerstrebend setzte sie sich an den Küchentisch, auf dem sie alle möglichen Akten ausgebreitet hatte, und wollte rasch noch etwas fertig machen. Doch es gelang ihr nicht, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Zu ihrer Erleichterung läutete auf einmal ihr Handy.

„Oh, hallo, Charlie! Wo steckst du, deine Mutter regt sich schon auf.“ Sie hörte kurz zu und fragte dann entsetzt: „Wie bitte? Wo bist du?“

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