Logo weiterlesen.de
Unsichtbarer Schmerz

Birgit Behle-Langenbach

Unsichtbarer Schmerz

Fibro... was?


Für alle Betroffenen und ganz besonders deren Angehörigen und Freunden. Wer diese Erzählung aufmerksam liest, weiß warum. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Alle Namen wurden geändert.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Intro




Wieder eine Nacht, in der ich kein Auge zugemacht habe. Mir tut jede Faser meines Körpers weh. In meinem Kopf dreht sich ein wirres Gedankenkarussell. Mühevoll sortiere ich meine Knochen und drehe mich auf den Rücken. Dort bleibe ich liegen und zappel wie ein Käfer, der versucht sich auf die Beinchen zu drehen. Die Anstrengung verzerrt mein Gesicht. Doch ich beiße die Zähne zusammen und ich schaffe es. So, wie ich alles schaffe – irgendwie und immer wieder...

Ganz langsam krieche ich ins Bad, schaue in den Spiegel und grusel mich bei dem Anblick, der sich mir dort bietet. Sexy ist anders – ganz anders! Ich sehe müde aus, aufgequollen. Verdammt!! Hinter dieser monströsen Fassade steckt sie immer noch, die Frau, die ich einmal war! Sie ist immer noch leidenschaftlich, immer noch voller Elan. Doch der Körper, in dem sie gefangen ist, ist aus den Fugen geraten, müde, voller Schmerz. Er kämpft jeden Tag um ein klein wenig Normalität. Ja, sexy ist anders.

Ich spüre, wie mir leise die Tränen die Wange runter rollen. Nein, das lass ich nicht zu! Ich bin stark! Ich war immer stark und ich werde es auch weiterhin sein! NIEMAND kriegt mich kaputt. Auch Du nicht. Hörst Du? Ja Du! Ich schaue an meinen nackten Körper hinunter. Die großen Brüste haben weitaus bessere Tage gesehen. Und die Taille... Taille... Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich habe keine mehr! Zwei dicke Fettgürtel schnallen sich um meinen Körper, wo sie einmal war. An guten Tagen nenne ich sie liebevoll „meine erogene Knautschzone“ oder auch „mein Stau am mittleren Ring“. Heute ist es einfach nur Fett. Abscheuliches, monströses Fett!

Ich dusche mich, versuche danach mein wirres Haar zu bändigen, doch das Kämmen fällt mir schwer. Ich kriege diese tonnenschweren Arme einfach nicht hoch. Guten Morgen liebe Sorgen! Fast muss ich selbst über mich lachen. Da stehe ich nun und kämpfe den Kampf meines Lebens – um eine kleine, wirre Strähne meines Haares, die sich partout nicht bändigen lassen will und vor dem Kamm zu fliehen scheint.

Fliehen – wie oft ist mir dieses Wort in letzter Zeit schon in den Sinn gekommen? Fliehen vor dem Jetzt, dem Hier, dem Morgen. Doch wohin ich auch gehen würde, mein Körper käme mit – und mit ihm der Schmerz. Es sei denn, ich würde vor dem Leben fliehen und ihm ein Ende bereiten. Mein Gott, selbst darüber habe ich schon mehr als einmal nachgedacht. So weit ist es mit mir schon gekommen.

Ich gebe den Kampf um diese blödsinnige Strähne auf und rolle mich zurück ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen. Da draußen wartet ein neuer Tag mit neuen Herausforderungen auf mich.

Kapitel 1




Es ist der Silvestertag 1999. Die ganze Welt fiebert gebannt und teilweise ängstlich dem neuen Jahrtausend entgegen. Millennium.... Auch mich lässt das nicht kalt. Ich bin zwar ein von Grund auf positiv denkender Mensch, doch der befürchtete Computercrash macht mir schon ein wenig Sorge. Ach was, wird schon alles gut gehen. Einfach nicht darüber nachdenken. Fröhlich und voller Vorfreude treffe ich noch ein paar Vorbereitungen für den Abend, bevor ich mich dusche und zurecht mache. Mein Mann Thomas, unsere beiden Hunde und ich, wir machen uns auf den Weg zu lieben Freunden, um mit ihnen dieses besondere Ereignis zu feiern.

Nach einem guten und ausgiebigen Essen tanzen wir ausgelassen und albern fröhlich herum. Wir sind jung und unbeschwert. Alle Computer dieser Welt funktionieren noch. Es ist zu keinem Crash gekommen. Das wird also mein Jahr! So wie jedes Jahr mein Jahr war und sein wird!

Irgendwann gegen frühen Morgen machen wir uns wieder auf den Heimweg und fallen müde aber glücklich ins Bett. Ich habe nicht viel Alkohol getrunken. Ein Glas Sekt zum Anstoßen auf das neue Jahrtausend. Mehr war es nicht. Ich brauche nichts, um in Stimmung zu kommen. In mir fließt zur einen Hälfte rheinisches Blut. Das reicht wohl. Die andere Hälfte wird väterlicherseits von meiner Berliner Schnauze dominiert. Eine wahnwitzige Mischung...

Alles fühlt sich ganz normal an, als ich einschlafe. Doch als ich erwache, soll nichts mehr so sein wie früher. Ich liege auf dem Rücken und mir tut alles weh. Es ist ein Schmerz, den ich gar nicht wirklich beschreiben kann. Ein Muskelkater von Kopf bis Fuß? Aber wovon? Von dem bisschen Rumgehüpfe? Niemals! Ich tanze viel und gerne. Das haut mich doch nicht um. Ich schiebe es auf die Schlafstellung, denn ich bin der klassische Bauchschläfer und wer weiß, wie lange ich schon auf dem Rücken vor mich hinliege. So beschließe ich, mich noch mal genüsslich umzudrehen. Es geht nicht! So sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich nicht bewegen. Ich schrei auf vor Schmerz und Schreck. Es scheint mir so, als wäre mein ganzer Körper steif und angeschwollen. Ich schaue auf meine Hände, die unnatürlich dick sind. Mein Ehering ist tief in mein Fleisch eingeschnitten. Zudem habe ich noch einen extremen Juckreiz am Bauch. Nein, hier fühlt sich nichts mehr normal an. Eher bedrohlich. Panik überkommt mich. Aus dem Nebenbett vernehme ich das zufriedene Schnarchen von Thomas. Ich versuche aufzustehen. Es geht nicht. Panik, Schmerz, Hilflosigkeit. Das ist mein Gefühl am ersten Tag des 21. Jahrhunderts.

Immer wieder rufe ich Thomas, der einfach nicht wach werden will.... Es scheint mir eine Ewigkeit, bis er – noch völlig schlaftrunken – endlich kapiert und versucht mich aus dem Bett zu heben... Dabei rutsche ich ihm aus den Armen und falle auf den Boden. Nur unter allergrößten Anstrengungen gelingt es uns, mich bis auf das Sofa zu schleppen. Dort liege ich mit völlig verkrampften Armen und Beinen. Ich habe Angst und fühle mich so... hilflos? Ist es das? Ich weiß es nicht. In meinem Kopf herrscht in diesem Moment das völlige Chaos und ich spüre das blanke Entsetzen. Ich denke von gar nichts bis alles zusammen und dann wieder zurück. Das Schlimmste ist, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass ab diesem Augenblick nichts mehr so sein wird, wie ich es bis dahin kannte. Ich spüre so etwas. Meine Mutter nannte mich schon als Kind eine „Unke“. Ich fühlte immer schon Veränderungen und konnte teilweise Ereignisse sehen, bevor sie passierten. Das hier habe ich nicht gesehen. Aber ich spüre die Veränderung. Ich spüre die Macherin, die Anpackerin, die toughe Frau, der keine Arbeit zu schwer oder Aufgabe zu kompliziert ist, sterben. Sie liegt hier auf dem Sofa in den letzten Zügen.

Inzwischen ist Thomas hellwach, doch hilflos wie nie zuvor. Er schaut auf das wimmernde Etwas, das gestern noch seine lebenslustige junge Frau war. Ich bin 36 Jahre alt und eine echte Frohnatur. Doch in diesem Moment verliere sogar ich meinen Humor.

In seiner Verzweiflung ruft mein Mann den Notarzt. Der ist relativ schnell zur Stelle, scheint aber angesichts meines Zustandes eher ratlos zu sein. Doch nach einiger Zeit diagnostiziert er eine Gürtelrose und spritzt mir Cortison. Das ist alles nicht sehr schön, scheint aber wohl doch nicht so dramatisch zu sein, wie mein Gefühl mir das weißmachen will. Ich schiebe die dunklen Gedanken fort und warte bis die Wirkung der Spritze einsetzt. Dann werde ich wieder die Ärmel hochkrempeln und ganz die Alte sein. Jawoll!

Am nächsten Tag habe ich Sonntagsdienst. Ich muss ihn das erste mal, seit ich bei der Zeitung arbeitete, schwänzen. Selbst am Sonntag nach dem Tod meiner Mutter (sie starb an einem Freitagabend) war ich da. Mein Pflichtgefühl und meine Disziplin sind wohl echter preußischer Natur. Aber diesmal geht gar nichts. Die Kollegin muss einspringen. Mein Zustand hat sich nach der Spritze zwar kurzfristig verbessert, verschlechterte sich zum Abend hin aber schon wieder dramatisch.

Ich bin alles andere als ein euphorischer Arztgänger, doch gleich am Montagmorgen besuche ich meinen Hausarzt. Ich bin ein Häufchen Elend, das sich kaum auf den Beinen halten kann. Und ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals so hilflos gefühlt zu haben. Mein lieber Doc ist sehr erschrocken. Bisher war ich immer fit. Das einzige, was auffiel, war seit einigen Jahren ein etwas erhöhter Entzündungswert. Ansonsten war ich niemals wirklich krank – sieht man mal von ständigen Gallenkoliken und weiteren Zipperlein ab, die meine Ärzte schon gerne näher unter die Lupe genommen und mich gern auch mal der einen oder anderen OP unterzogen hätten. Aber ich wollte nicht ins Krankenhaus. Eher war ich bereit zu sterben. Dreimal in meinem Leben war ich im Krankenhaus. Dreimal verlief es sehr dramatisch. Als Baby – ich war erst ein paar Monate alt – hatte ich.... Ich weiß es nicht. Meine Mutter kann ich nicht mehr fragen und mein Vater erinnert sich nicht. Aber mein Bruder sagte mir, dass die Ärzte der Meinung waren, ich würde es nicht überleben. Dass ich noch da bin, hielten sie für ein kleines Wunder. Das andere Mal war es eine Not-OP am Blinddarm, weil man die Blinddarmentzündung für eine Gallenkolik gehalten hatte. Ich war 10 und mein Leben hing am seidenen Faden. Bei der OP wurden auch gleich die ersten Zysten am Eierstock gefunden. Es sollten noch viele folgen. Manche verschwanden von allein, andere wurden ambulant verödet oder ausgeschabt. Aber das wirkliche Problem war wohl der Aufenthalt in der Krebsklinik in Marburg. Ich war 13 Jahre alt und man gab mir nicht mehr viel Zeit. Auf meinem „Zimmer“, wenn man diesen schrecklichen 8-Betten-Saal in dem alten Gemäuer so nennen kann, lagen alte und todkranke Frauen. Nachts hörte ich sie stöhnen und sterben. Hier lag ich nun und keiner wollte mir sagen, was mit mir nicht stimmt. Sie meinten nur, dass mein Kopf nicht in Ordnung wäre. Eine Woche Hölle...

Als meine Eltern das erste Mal zu Besuch kamen, weinten sie nur an meinem Bett. Sie wüssten angeblich nichts, wollten sie mir weißmachen. Ich flehte sie an, mich mit nach Hause zu nehmen. Ich war 13 und hatte nicht vor zu sterben. Ich wollte leben! Sie brachten es nicht übers Herz, mich dort zu lassen, zumal die Ärzte wohl auch nicht operieren konnten.
Wie ich es mir versprochen hatte, starb ich nicht. Ich lebte! Sehr intensiv und sehr erwachsen. Und ich schwor mir, nie wieder ein Krankenhaus zu betreten! Dass sich bei mir eine echte Phobie ausgeprägt hatte, erkannte ich erst in diesem Jahr 2000.

Nun sitze ich also bei meinem Hausarzt und gebe ihm Rätsel auf. Der allergische Ausschlag auf meinem Bauch ist das eine. Das andere aber ist mein Allgemeinzustand.
Er untersucht mich immer wieder von Kopf bis Fuß, nimmt röhrchenweise Blut für jede Menge Tests ab, macht Ultraschall und viele schöne Röntgenbilder, um erst mal nichts zu finden.

Am nächsten Tag wollen wir die Ergebnisse besprechen und dann die Behandlung einleiten. Meine Schmerzen werden in der Zwischenzeit keinen Deut besser. Ich vermeide jede Bewegung und bin steif und seltsam verkrampft.

Nun sitze ich also vis a vis mit dem Arzt meines Vertrauens. Er schaut mich an, legt seinen Kopf ein klein wenig schief. In seinen braunen Augen kann ich es sehen. Er hat etwas auf der Seele, was er mir sagen will. Er weiß nur nicht wie. Toll, jetzt verkrampfe ich auch noch innerlich! Er klopft zart auf meine immer noch dick geschwollenen Hände. Allein diese kurze Berührung schießt einen Schmerzpfeil durch meinen Körper. Ich könnte aufschreien, doch ich schlucke nur. Er atmet noch einmal tief durch, dann lässt er es raus: „Frau Köhler, ich sehe, dass es Ihnen sehr schlecht geht, aber ich weiß nicht, warum das so ist. Wir haben nichts gefunden. Alle Ergebnisse sind einwandfrei! Ich schreibe Sie jetzt mal für 14 Tage krank und dann wird es Ihnen sicher wieder besser gehen. Ruhen Sie sich schön aus zuhause“.

Ich bin verwirrt, doch noch kann ich nicht ahnen, dass dieses „nichts gefunden“ in Zukunft mein ständiger Begleiter sein wird...

So kommt es also, dass ich das erste mal in meinem Leben krank geschrieben bin. Ich liege zu Hause auf meinem Sofa. Thomas hat Urlaub genommen und versucht mich so gut wie nur irgendmöglich zu versorgen. Er packt mich in Watte und verwöhnt mich rund um die Uhr. Doch nichts wird besser. Im Gegenteil. Je länger ich still liege, desto schlimmer und unerträglicher werden die Schmerzen. Am Ende der ersten Woche weiß der Doc keinen Rat mehr und verschreibt mir Cortison, 25 mg am Tag. Und es hilft! Ich bin zwar immer noch nicht schmerzfrei, aber ich kann wenigstens schon mal ohne Hilfe bis zur Toilette laufen.

Voller Hoffnung und neu erwachtem Lebenswillen, bestärke ich meinen Mann, in der zweiten Woche wieder zur Arbeit zu gehen. Immer noch liege ich die meiste Zeit auf dem Sofa.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Unsichtbarer Schmerz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen