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Unheil auf der Geisterinsel

A. F. Morland

Unheil auf der Geisterinsel

Cassiopeiapress Romantic Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Unheil auf der Geisterinsel

Romantic-Thriller von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.

In alter Rechtschreibung

Christopher tappte davon, das Licht nahm er mit. Es wurde rasch dunkler um Doris, und schließlich hüllte die Finsternis sie völlig ein. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit, ohne daß sie es wollte. Seit jenem Abend im Steinbruch war sehr viel Unerfreuliches passiert. Zuviel Unerfreuliches. Es reicht langsam, dachte Doris Gorman. Ich habe genug von all dem. Ich möchte runter von dieser verfluchten Insel, möchte zurück nach Cullkirk und dann zurück nach London. Wie ein Film, dessen Enden zusammengeklebt sind, liefen die jüngsten Ereignisse vor ihrem geistigen Auge ab. Immer und immer wieder. Sie sah den Überfall dieser verwahrlosten Piraten Dutzende Male und begriff nicht, wie eine Frau sich solchen Männern anschließen konnte...

1

Doris Gorman fühlte sich unbeschreiblich wohl in den Armen ihres Freundes. Versonnen blickte sie ins flackernde Lagerfeuer, lauschte seinem leisen Knistern und Knacken und sah Millionen roter Funken zum tintigen Nachthimmel emportanzen. Sie waren zu viert. Zwei Pärchen. Man hatte Würste und Kartoffel über den züngelnden Flammen gebraten und hungrig verspeist, und die Männer hatten Dosenbier dazu getrunken und die Ladies Diät-Cola.

"Ist das nicht eine wundervolle Nacht?" sagte Doris leise.

Bernard Lace, ihr gutaussehender Freund, grinste breit. "Eine Nacht zum Götterzeugen."

Sie tippte ihm schmunzelnd auf die Nasenspitze. "Fürs erste wird überhaupt nichts gezeugt. Weder ein kleiner Gott noch sonstwas."

"Schwanger zu werden, wäre jetzt für uns beide das schlechteste Timing, das man sich nur vorstellen kann", warf Alice Studtwick ein.

"Wieso?" fragte Christopher Crawford, ihr derzeitiger Lover, ein großer, breitschultriger brünetter Bursche mit markanten Zügen. Er spielte mit ihrem Haar, indem er langsam eine schwarze Locke um seinen Finger wickelte.

Sie gab ihm einen blitzschnellen Kuß. "Würdest du ausnahmsweise mal deinen Verstand benutzen, Süßer?"

Er nahm im Sitzen Haltung an. "Ich versuch's, Frau Doktor."

"Weshalb haben wir uns hier in diesem idyllischen Steinbruch eingefunden?" fragte Alice Studtwick.

"Um ein wenig Abenteuerromantik zu genießen", antwortete Christopher Crawford.

Sie nickte. "Und weshalb noch?"

"Weil wir etwas zu feiern haben", sagte er.

"Sehr richtig." Sie nickte wieder. "Und was haben wir zu feiern?"

"Euren ersten gemeinsamen Forschungsauftrag", antwortete Christopher.

Alice sah ihn höchst erstaunt an. "Ist ja klasse, wie du dir das gemerkt hast."

Dr. Doris Gorman und Dr. Alice Studtwick waren Wissenschaftlerinnen am Institut für Psychologie der Lymer-Jordan-Universität, und Gerry Lymer, der Universitätsgründer, persönlich hatte sie für einen sehr interessanten Forschungsauftrag ausgewählt. Doris würde das Projekt leiten, und Alice würde ihr assistieren. Sie sollten alles das über eineiige Zwillinge herausfinden, was noch nicht erforscht war. Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren, sollte es auf diesem Gebiet keine weißen also unerforschte Flecken mehr geben. Im Herbst sollte es mit Hochdruck losgehen, doch bis dahin wollten Doris und Alice mit ihren attraktiven Partnern noch einige unbeschwerte Tage erleben.

Christopher Crawford hob plötzlich die Hand.

"Was ist los?" fragte Alice Studtwick. Sie war siebenundzwanzig. Genau wie ihre blonde Langzeitfreundin.

"Da war ein Geräusch", flüsterte Christopher.

Bernard Lace machte den Hals lang. "Wo?"

"Irgendwo dort hinten." Christopher deutete in die entsprechende Richtung.

"Vielleicht ein streunender Hund", sagte Doris.

"Oder ein Spanner", sagte Christopher.

"Hier gibt es nichts zu spannen." Bernard Lace lachte leise. "Man hat uns ja das Götterzeugen untersagt."

Christopher erhob sich und blickte sich mißtrauisch um. Der Steinbruch hatte einen Durchmesser von etwa hundert Metern, und da hier schon lange nicht mehr gearbeitet wurde, begann die Natur mit Büschen und Gräsern zurückzuerobern, was ihr einst gehört hatte. "He, Junge!" rief Christopher drohend. "Paß auf, jetzt gibt es gleich einen Satz heißer Ohren!" Seine Stimme hallte von den schroffen Steinwänden wider.

Er ballte die Hände zu Fäusten und marschierte los. Bernard Lace sprang auf und begleitete ihn. Die jungen Frauen blieben am Lagerfeuer sitzen.

"Meinst du, Christopher hat wirklich etwas gehört?" fragte Doris gepreßt.

"Er hat ein sehr scharfes Gehör", gab Alice zur Antwort. Sie legte die Hand auf ihren Busen. "Ich habe nichts wahrgenommen."

"Ich auch nicht", sagte Doris.

Alice hob die Augenbrauen und wiegte den Kopf. "Aber Chris hört sogar Flöhe husten."

Doris stand auf und sah den Männern nach. Christopher und Bernard verständigten sich soeben mit Handzeichen. Wenn Doris die Gesten richtig deutete, wollte Christopher mit Bernard jemanden, der sich möglicherweise hinter einem blaßblättrigen Busch verbarg, in die Zange nehmen.

Sie trennten sich, und auf Christophers lautes "Jetzt!" schossen sie gleichzeitig vorwärts und zwischen ihnen flitzte ein Fuchs aus dem Busch und ergriff mit weiten Sätzen in heller Panik die Flucht.

Alice Studtwick lachte. Es klang erleichtert. "Ach, Gott, der arme kleine Reineke. Ihr habt ihn zu Tode erschreckt." Sie wandte sich an Doris. "Was habe ich gesagt? Chris hat ein so hochempfindliches Gehör wie eine Fledermaus. Radarohren hat mein Süßer. Denen entgeht einfach gar nichts." Sie kicherte. "Man muß vorsichtig sein, wenn man schlecht über ihn spricht, denn er kriegt es noch auf hundert Yards in allen Details mit. Ist es nicht so, Christopher-Schatz?"

Christopher Crawford drehte sich um. "Wie, bitte?"

"Jetzt hat er nicht aufgepaßt", sagte Alice zu Doris.

Die Männer kehrten zum Feuer zurück.

"Angenommen, ihr hättet einen Spanner gestellt", sagte Alice. "Was hättet ihr mit dem gemacht?"

Ihr breitschultriger Freund griff nach ihren Hüften, zog sie zu sich und sagte grinsend: "Über dem Feuer hätten wir ihn geröstet."

"Gott, wie barbarisch!" rief Doris Gorman heiser aus und schüttelte sich.

Die beiden Pärchen setzten sich wieder auf den Boden. Christopher Crawford öffnete den Deckel der Kühlbox, die neben ihm stand, griff hinein, nahm zwei Bierdosen heraus und warf Bernard Lace eine zu, ohne zu fragen, ob er noch etwas trinken wollte.

"Apropos barbarisch", sagte Alice Studtwick, und der Blick ihrer dunklen Augen wanderte im Kreis. "Kennt ihr eigentlich die Geschichte von Kapitän Spencer Crown und seinen Geisterpiraten?"

Christopher Crawford ließ den Verschluß seiner Bierdose zischen. "Noch 'ne Diät-Cola, die Damen?" erkundigte er sich.

Alice sah ihn rügend an. "Ein Kavalier hätte zuerst uns gefragt und sich dann erst selbst bedient."

Er sah ein, daß sie recht hatte, und murmelte verlegen: "Entschuldigung."

Alice wiegte den Kopf. "Wird noch sehr viel Arbeit sein, dir Manieren beizubringen."

"Also, was ist nun?" fragte er. Die Kühlbox war noch immer offen, und die Wärme des nahen Feuers war der größte Feind seiner eisgekühlten Getränke. Er sah Alice an. "Cola?" Er sah Doris an. "Cola?" Er sah wieder Alice an. "Ja?" Und dann Doris. "Ja?"

"Ich nehme eine", sagte Alice.

"Okay", sagte Christopher.

"Ich nicht", sagte Doris.

"Okay", sagte Christopher, gab Alice ihre Dose und schloß endlich wieder die Kühlbox.

Bernard Lace trank einen Schluck Bier und legte zwei armdicke Äste ins Feuer. Die Flammen stürzten sich sofort gierig darauf. "Wie war das mit diesem Kapitän..." Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dichtes blondes Haar. "Wie war doch gleich sein Name?"

"Crown", sagte Alice Studtwick dunkel. "Spencer Crown."

"Du hast gefragt, ob wir die Geschichte von Kapitän Spencer Crown und seinen Geisterpiraten kennen", sagte Christopher Crawford.

Alice nickte. "Richtig."

Bernard Lace grinste breit. "Hast du etwa vor, uns eine unheimliche Gruselgeschichte zu erzählen?"

Christopher schnippte mit den Fingern. "Laß hören."

"Ich kann darauf verzichten", sagte Doris Gorman gepreßt.

"Aber wieso denn?" Bernard lachte. "So ein Schauermärchen paßt doch gut in diese Szenerie." Er legte den Arm um ihre Schultern. "Hab keine Angst, Kleines, ich bin bei dir."

Alice Studtwick sah Bernard Lace ernst an. "Es ist kein Schauermärchen."

"Sondern?" fragte Bernard.

Christopher Crawford lachte laut. "Du willst uns doch nicht etwa einreden, die Geschichte ist wahr. Geisterpiraten. Ich bitte dich, Alice."

"Kapitän Crown hat wirklich mal gelebt", sagte Alice.

Ihr Freund nickte. "Okay, das kaufe ich dir ab."

Alices Augen wurden schmal. "Er war eine böse, grausame Bestie. Auf allen Weltmeeren war er zu Hause. Nirgendwo war man vor ihm sicher. Wo er auftauchte, fielen seinem Säbel unschuldige Menschen zum Opfer. Frauen. Greise. Er ließ niemanden am Leben, hinterließ eine breite Blutspur auf den Ozeanen."

Doris Gorman drängte sich fröstelnd an Bernard. "Also, wenn ihr mich fragt, ich habe genug gehört."

Christopher Crawford grinste zu ihr hinüber. "Aber Doris-Baby, jetzt geht es doch erst richtig los", sagte er. "Das war doch bloß die Einleitung zum besseren Verständnis." Er sah Alice an. "Ist es nicht so?"

Alice nickte. Sie wandte sich an ihre Freundin. "Wenn du meinst, die Geschichte ist zu stark für deine Nerven, höre ich auf."

"Ach, Doris schafft das schon", sagte Bernard Lace und drückte seine Liebste fest an sich. "Erzähl weiter. Wenn es besonders unheimlich wird, kann Doris sich ja die Ohren zuhalten."

Christopher Crawford nuckelte an seiner Dose. "Fahr fort, Alice. Du hast uns neugierig gemacht."

"Wie ihr wißt, bin ich in Cullkirk geboren", sprach Alice weiter. "Das ist..."

Christopher griente, und er konnte es sich nicht verkneifen, zu sagen: "Ein Fliegenschiß auf der Landkarte."

"Ein hübsches kleines Cornwalldörfchen ist Cullkirk", sagte Alice Studtwick ungerührt. "Sehr still. Sehr idyllisch. Sehr verträumt."

"Wie viele Seelen?" wollte Christopher wissen.

"Etwa vierhundert", antwortete Alice.

"Und was hat Cullkirk mit Kapitän Crown zu tun?" erkundigte sich Bernard Lace.

"Sehr viel", erwiderte Alice. "Er ist da geboren."

"Wie du", sagte Christopher.

Alice nickte. "Wie ich." Sie lächelte schmal. "Nur ein wenig früher."

"Wieviel früher?" fragte Christopher.

"Sechshundert Jahre", gab Alice zur Antwort.

"Dieser Halbirre machte vor sechshundert Jahren also die Weltmeere unsicher, und er war so grausam, daß er bis heute nicht in Vergessenheit geriet", faßte Christopher zusammen. Er leerte seine Bierdose und rief grinsend: "He, Bernard, ist in deiner Dose auch so wenig drin? Die meine muß irgendwo ein Loch gehabt haben."

"Klar", gab Bernard lachend zurück. "Das, aus dem du getrunken hast."

"Jetzt trinkst du aber nichts mehr", sagte Alice streng zu ihrem Freund. "Du hast genug."

Christopher feixte. "Ist es nicht nett, wenn man gesagt kriegt, wann man genug hat? Da braucht man sich um gar nichts mehr zu kümmern."

"Darf ich weiter erzählen?" fragte Alice ein wenig ärgerlich. Sie mochte es nicht, wenn Christopher so maßlos war.

"Ich bitte darum", sagte er. Das Bier ließ bereits seine Augen leicht glänzen.

"Man wird Kapitän Spencer Crown auch noch aus einem anderen Grund nie vergessen", fuhr Alice mit finsterer Miene fort.

"Aus welchem?" wollte ihr Freund wissen.

"Er bringt sich alle hundert Jahre in Erinnerung", sagte Alice.

"Und auf welche Weise?" fragte Christopher.

"Indem er mit seinen Männern nach Cullkirk zurückkehrt", erklärte Alice.

Christopher tat so, als wäre er mächtig beeindruckt. "Ist ja ein Ding. Alle hundert Jahre. Wie macht er das bloß?"

"Wie lange willst du die Geschichte noch ins Lächerliche ziehen?" fuhr Alice ihn an.

Christopher wiegte belustigt den Kopf. "Hör mal, du erwartest doch nicht etwa von mir, daß ich dieses Gruselmärchen ernst nehme. Ein böser Mensch, der vor sechshundert Jahren gelebt hat, kommt mit seinen Männern alle hundert Jahre in sein Cornwalldörfchen zurück, um 'Hallo!' zu sagen."

"Wie ist Crown eigentlich ums Leben gekommen?" fragte Bernard Lace. "Jemand wie er ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keines natürlichen Todes gestorben."

"Er wurde hingerichtet", gab Alice Auskunft.

Bernard nickte. "Das dachte ich mir."

"Etwa zwanzig reiche Kaufleute, die von Crown auf ihren Schiffen ausgeraubt worden waren, setzten einen hohen Preis auf seinen Kopf aus, und eine Flotte entschlossener Seefahrer stellte ihn nach einer langen, erbitterten Jagd schließlich vor Cornwalls Küste. Ihre Kanonenkugeln zerschmetterten sein Schiff und töteten fast die gesamte Mannschaft. Die paar Männer, die mit Crown lebend aus dem Meer gefischt wurden, brachte man auf eine kleine Insel, die man von Cullkirk aus sehen kann und dort machte man dann kurzen Prozeß mit ihnen. Sterbend rief Crown, er würde wiederkommen und sich an seinen Henkern rächen... Und er kam wieder... Alle hundert Jahre... Und es passierten unerklärliche Dinge... Und es verschwanden immer wieder Menschen auf geheimnisvolle Weise."

Christopher Crawford nickte. "Eine schöne, gruselige Geschichte."

"Glaubst du sie?" fragte Bernard Lace ihn.

Christopher schüttelte den Kopf. "Nein."

"Nein?"

"Glaubst du an Geister?" fragte Christopher.

Bernard räusperte sich. "An Geister? Ich? Ob ich an Geister glaube? Nun ja... Also... Ich weiß nicht so recht... Nein, eigentlich nicht."

Christopher hob die Hand. "Ich bin durchaus bereit, zu glauben, daß in Cullkirk hin und wieder unerklärliche Dinge vorkamen, aber ich glaube nicht, daß es auch nur einen einzigen Menschen in diesem Dörfchen gibt oder gab, der den grausamen Piratenkapitän nach seinem Tod noch mal gesehen hat. Das ist nach meinem Dafürhalten von Menschen erfunden, die einander an langen Winterabenden vor dem offenen Kamin gerne schöne Schauergeschichten erzählen."

Das Lagerfeuer war jetzt schon ziemlich niedergebrannt, und es gab kein Brennholz mehr, das die jungen Leute hätten nachlegen können.

Doris Gorman hatte ohnedies keine Lust mehr, noch länger zu bleiben. Es ging auf dreiundzwanzig Uhr zu. Dieser aufgelassene Steinbruch befand sich außerhalb Londons. Doris hatte ihn während einer Wanderung mit Bernard vor zwei Wochen zufällig entdeckt, und als Alice den Vorschlag gemacht hatte, die Zuteilung des Forschungsauftrages mit Christopher und Bernard irgendwo unter freiem Himmel zu feiern, war ihr sofort wieder diese steinige Kulisse eingefallen, die sich dafür wie sich inzwischen gezeigt hatte bestens eignete.

Alice Studtwick schien von ihrer eigenen Gruselgeschichte noch immer stark gefesselt zu sein. Sie starrte in die leuchtende Glut und sagte mit schleppender Stimme: "Crown kehrt alle hundert Jahre an seinen Hinrichtungsort zurück."

"Auf diese kleine Insel, die man von Cullkirk aus sehen kann?" fragte Doris.

Alice nickte. "Ja."

"Und was macht er da?" fragte Doris heiser.

"Niemand weiß es." Alice zuckte mit den Achseln.

"Und wie lange bleibt er?" wollte Doris wissen.

Alice zuckte wieder mit den Achseln. "Ein paar Tage."

"Und dann?" fragte Doris.

"Dann verschwindet er wieder", sagte Alice.

"Mit seinen Geisterpiraten?" fragte Doris.

Alice nickte. "Mit seinen Geisterpiraten."

"Für hundert Jahre?" fragte Doris mit belegter Stimme.

Alice nickte wieder. "Für hundert Jahre."

"Hat die Insel einen Namen?" erkundigte sich Doris.

"Sie heißt Cumin, weil sie die Form eines Kümmelkorns hat", sagte Alice Studtwick, "aber in Cullkirk wird sie von allen nur die Geisterinsel genannt."



2

Doris Gorman wohnte bei gut situierten Leuten zur Untermiete in einem gemütlichen Gartenhäuschen. Sie verabschiedete sich von Alice und Christopher mit einem Kuß auf die Wange und von Bernard mit einem Kuß auf den Mund, dann verließ sie Alices Wagen. Es war fast Mitternacht.

"Schlaf gut, Liebes", sagte Bernard.

"Du auch", gab Doris zurück. Sie wandte sich an Alice und Christopher. "Ihr auch. War eine nette, ungewöhnliche Feier."

"War ein schön gruseliger Abend", sagte Christopher grinsend. Er schaute Alice finster an. "Leider darf man sich über die Geschichte nicht lustig machen."

"Die Menschen in Cullkirk nehmen sie sehr ernst", sagte Alice kühl.

"Ja, die", sagte Christopher. "Aber du."

"Ich habe meine Wurzeln noch immer da", erklärte Alice Studtwick.

Christopher hob die linke Augenbraue. "Obwohl du schon so lange in London lebst?"

"Das wird sich nie ändern", gab Alice zurück. "Ciao, Schätzchen." Sie winkte Doris wie eine Italienerin. "Wir müssen weiter. Ich sehne mich nach meinem Bettchen."

"Ich rufe dich morgen an", sagte Bernard zu Doris. Dann fuhr Alice los.

Sobald die Hecklichter in der Nacht verglüht waren, betrat Doris das dunkle Grundstück. Im Wohnhaus des Ehepaares, bei dem Doris seit einem halben Jahr wohnte, brannte noch Licht. Mr. und Mrs. Bromfield führten keine glückliche Ehe. Sie lebten wie Hund und Katze miteinander und stritten sich sehr oft so heftig, daß die Fetzen flogen.

Doris versuchte immer so zu tun, als würde sie von den vielen Kriegen nichts mitbekommen. In Wahrheit aber fühlte sie sich von mal zu mal unbehaglicher.

Soeben schrien die Bromfields sich wieder fürchterlich an. John Bromfield beschimpfte seine Frau auf das Übelste. Clarissa Bromfield blieb ihm nichts schuldig. Doris wollte so rasch wie möglich am BromfieldHaus vorbeieilen. Misch dich da bloß nicht ein, dachte sie. Das geht dich nichts an. Das ist ganz allein ihre Sache. Wenn sie nicht mehr miteinander leben wollen, können sie sich ja scheiden lassen. Vielleicht brauchen sie diese vielen Auseinandersetzungen. Vielleicht wäre ihnen eine friedliche, harmonische Ehe langweilig.

Glas klirrte. "Bist du wahnsinnig?" brüllte John Bromfield. "Die Karaffe hat ein Vermögen gekostet."

"Das ist mir egal!" keifte Clarissa Bromfield zurück.

"Du kannst so ein antike Rarität doch nicht einfach gegen die Wand knallen."

"Mir tut um dieses alte Stück nicht leid. Ich bedauere nur, daß ich dich damit nicht getroffen habe."

Es folgten klatschende Schläge, und Clarissa Bromfield stieß gellende Schreie aus. Das konnte, durfte Doris nicht übergehen. Sie blieb stehen.

Clarissa Bromfield schrie immer schriller. Doris Gorman drehte sich um. Sie hatte das Gartenhäuschen schon fast erreicht. Nun lief sie zurück und klopfte laut an die Haustür. Drinnen war es augenblicklich still. Keine Schläge mehr. Keine Schreie mehr.

"Mrs. Bromfield!" rief Doris.

Clarissa Bromfield antwortete nicht.

"Mrs. Bromfield, ist alles in Ordnung?" rief Doris etwas lauter.

Schweigen.

"Kann ich irgend etwas für Sie tun, Mrs. Bromfield?" wollte Doris wissen.

"Nein", kam es kleinlaut durch die Tür. "Vielen Dank, Doris. Es ist alles okay."

Doris ging noch nicht weg. "Sind Sie sicher?"

"Ja", antwortete Clarissa Bromfield. "Machen Sie sich keine Sorgen."

"Sollten Sie irgend etwas benötigen..."

"Sehr lieb von Ihnen, aber es geht mir gut."

Und morgen läuft sie wieder mit einer großen schwarzen Sonnenbrille herum, damit man das Veilchen nicht sieht, das ihr Mann ihr geschlagen hat, dachte Doris. Sie wandte sich von der Haustür ab und ging heim.



3

Doris duschte und ging zu Bett. Ob die Bromfields auch mal so verliebt waren wie Bernard und ich? ging es ihr durch den Kopf. Ob Bernard und ich uns auch irgendwann in Richtung "Bromfields" entwickeln werden? Bleibt das niemandem erspart, wenn er mit jemandem zu lange beisammenbleibt? Wie viele Ehepaare schlittern von einer Krise in die andere? Man weiß es nicht, weil die meisten Differenzen hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluß der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Aber es gibt sie, diese schrecklichen Tiefs, die oft unüberbrückbare Gräben aufreißen, diese ohnmächtige Wut, die einen befällt, wenn man nicht weiß, wie man sich wehren soll, diese bodenlose Verzweiflung, diese peinigenden, erniedrigenden, demütigenden Schläge, dieses "Ich habe genug! Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!"

Doris versuchte abzuschalten. Es war spät. Sie wollte schlafen, doch die Gedanken drehten sich weiter wie Mühlsteine in ihrem Kopf.

Nein, sagte sie sich. Es werden zum Glück nicht alle Ehepaare wie die Bromfields. Meine Eltern waren einundvierzig Jahre verheiratet, und Dad hat kein einziges Mal die Hand gegen Mom erhoben. Ich hätte das irgendwann mal erfahren. So etwas läßt sich nicht ewig verheimlichen. Das Knarren von Holz erschreckte sie plötzlich. Ihr Herz begann sofort wild zu hämmern. Sie hätte bestimmt nicht so heftig auf das Geräusch reagiert, wenn Alice Studtwick nicht die unheimliche Geschichte von Kapitän Spencer Crown erzählt hätte.

Sie hielt den Atem an und lauschte. Es war jemand in der Nähe. Sie konnte ihn nicht hören, aber fühlen. Langsam setzte sie sich auf.

Mißtrauisch schweifte ihr Blick durch die Dunkelheit. Befand sich jemand in ihrem Schlafzimmer? Oder draußen auf der Terrasse? Vor Kapitän Crown brauchst du dich nicht zu fürchten, sagte eine Stimme in ihr. Der ist weit weg. Der kommt nicht nach London. Vor dem brauchst du keine Angst zu haben immer vorausgesetzt, daß es diesen bösen Gesellen und seine Geisterpiraten überhaupt wirklich gibt.

Es ärgerte Doris, daß ihr Geist solchen Unsinn produzierte. Herrgott noch mal, du hast an der Lymer-Jordan-Universität deinen Doktor gemacht, rügte sie sich. Du bist kein dummes blondes Püppchen, das gerade mal lesen und schreiben kann. Man hat dir einen wichtigen Forschungsauftrag erteilt. Wenn Dr. Gerry Lymer wüßte, was für verrückte Ideen durch deinen Kopf jagen, würde er die Sache auf der Stelle rückgängig machen. Wieder dieses Knarren...

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