Logo weiterlesen.de
Underground Railroad

Über das Buch

Cora, deren Großmutter auf einem Sklavenschiff verschleppt wurde, ist nur eine der unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Caesar, ein Leidensgenosse, erzählt Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangen sie in den Untergrund, und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Stationsvorstehern begegnen. Jeder Staat, den sie durchqueren, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet hinter der letzten Grenze wirklich die Freiheit?

Colson Whitehead

Underground Railroad

Roman

Aus dem Englischen
von Nikolaus Stingl

Carl Hanser Verlag

Inhalt

Ajarry

Georgia

Ridgeway

South Carolina

Stevens

North Carolina

Ethel

Tennessee

Caesar

Indiana

Mabel

Der Norden

Als Caesar das erste Mal von einer Flucht in den Norden redete, sagte Cora nein.

Da sprach ihre Großmutter aus ihr. Vor jenem gleißend hellen Nachmittag im Hafen von Ouidah, als das Wasser sie nach ihrer Zeit im Kerker des Forts blendete, hatte Coras Großmutter noch nie den Ozean gesehen. Sie wurden bis zur Ankunft der Schiffe im Kerker verwahrt. Räuber aus Dahomey entführten zuerst die Männer und kehrten im nächsten Mond in das Dorf zurück, um die Frauen und Kinder zu holen, die sie, zu zweit aneinandergekettet, ans Meer trieben. Während Ajarry in die schwarze Türöffnung starrte, glaubte sie, sie würde dort unten im Dunkeln mit ihrem Vater wiedervereinigt. Die Überlebenden aus ihrem Dorf erzählten ihr, ihr Vater habe auf dem langen Marsch nicht Schritt halten können, und die Sklavenhändler hätten ihm den Schädel eingeschlagen und seine Leiche am Weg liegen lassen. Ihre Mutter war schon vor Jahren gestorben.

Coras Großmutter wurde auf dem Treck zum Fort ein paarmal verkauft, wechselte für Kaurimuscheln und Glasperlen den Besitzer. Wie viel man in Ouidah für sie bezahlte, war schwer zu sagen, denn sie war Teil eines Großeinkaufs, achtundachtzig Menschenseelen für sechzig Kisten Rum und Schießpulver, ein Preis, auf den man sich nach dem üblichen Gefeilsche in Küstenenglisch einigte. Körperlich taugliche Männer und schwangere Frauen brachten mehr als Halbwüchsige, sodass eine individuelle Zurechnung schwierig war.

Die Nanny kam aus Liverpool und hatte zuvor schon zweimal an der Goldküste angelegt. Der Kapitän staffelte seine Käufe lieber, als sich eine Ladung von einheitlicher Kultur und Gesinnung einzuhandeln. Wer wusste schon, welche Form von Meuterei seine Gefangenen vielleicht ausheckten, wenn sie eine gemeinsame Sprache sprachen. Zwei blonde Seeleute ruderten Ajarry vor sich hin summend zum Schiff hinaus. Ihre Haut so weiß wie Knochen.

Die üble Luft im Laderaum, die Trübsal des Eingesperrtseins und die Schreie der an sie Geketteten, das alles trieb Ajarry in den Wahnsinn. Wegen ihres zarten Alters befriedigten die Kerkermeister zunächst nicht ihre Gelüste an ihr, aber nach sechs Wochen Fahrt zerrten einige der abgebrühteren Maate sie schließlich doch aus dem Laderaum. Zweimal versuchte sie sich auf der Reise nach Amerika umzubringen, einmal, indem sie nichts mehr aß, dann, indem sie sich zu ertränken versuchte. Beide Male vereitelten die Seeleute ihre Pläne, denn mit den Schlichen und Neigungen von beweglichem Eigentum kannten sie sich aus. Ajarry schaffte es nicht einmal bis zum Schandeck, als sie versuchte, über Bord zu springen. Ihr einfältiges Gebaren und der klägliche Anblick, den sie bot, bekannt von Tausenden von Sklaven vor ihr, verrieten ihre Absichten. Von Kopf bis Fuß in Ketten gelegt, von Kopf bis Fuß, wurde ihr Elend immer größer.

Obwohl sie sich bemüht hatten, bei der Auktion in Ouidah nicht getrennt zu werden, wurde der Rest ihrer Familie von portugiesischen Händlern von der Fregatte Vivilia gekauft, die man vier Monate später zehn Meilen vor Bermuda treiben sah. Die Pest hatte alle an Bord dahingerafft. Die Obrigkeit ließ das Schiff in Brand stecken, und man sah zu, wie es in Flammen aufging und sank. Coras Großmutter erfuhr nichts vom Schicksal des Schiffs. Für den Rest ihres Lebens stellte sie sich vor, ihre Verwandten arbeiteten für freundliche, großzügige Herren im Norden, übten schonendere Handwerke als sie selbst aus, Weben oder Spinnen, keine Feldarbeit. In ihren Geschichten kauften sich Isay, Sidoo und die anderen irgendwie aus der Sklaverei los und lebten als freie Männer und Frauen in der Stadt Pennsylvania, einem Ort, über den sie einmal zwei weiße Männer zufällig hatte reden hören. Diese Phantasien spendeten Ajarry Trost, wenn ihre Lasten so gewaltig wurden, dass sie in tausend Stücke zersprang.

Das nächste Mal verkauft wurde Coras Großmutter nach einem Monat im Pesthaus auf Sullivan’s Island, sobald die Ärzte bescheinigten, dass sie und die übrige Fracht der Nanny von Krankheit frei waren. Abermals ein geschäftiger Tag an der Börse. Eine große Auktion zog stets ein buntes Publikum an. Von überallher entlang der Küste strömten Händler und Vermittler in Charleston zusammen und prüften Augen, Gelenke und Wirbelsäule der Ware, auf der Hut vor Geschlechtskrankheiten und anderen Leiden. Die Schaulustigen verzehrten frische Austern und warmen Mais, während die Versteigerer in die Luft brüllten. Die Sklaven standen nackt auf dem Podest. Es kam zu einem Bieterwettstreit um eine Gruppe von Ashanti-Hengsten, jenen Afrikanern, die für ihren Fleiß und ihre Muskulatur berühmt waren, und der Vorarbeiter eines Kalksteinbruchs kaufte verblüffend preiswert etliche Negerbabys. Unter den Gaffern sah Coras Großmutter einen kleinen Jungen, der Kandiszucker aß, und fragte sich, was er sich da in den Mund steckte.

Kurz vor Sonnenuntergang kaufte ein Händler sie für zweihundertsechsundzwanzig Dollar. Sie hätte mehr eingebracht, wenn in dieser Saison kein Überangebot an jungen Mädchen geherrscht hätte. Sein Anzug bestand aus dem weißesten Tuch, das sie je gesehen hatte. An seinen Fingern funkelten Ringe mit eingefassten farbigen Steinen. Als er sie in die Brüste kniff, um festzustellen, ob sie mannbar war, spürte sie das Metall kalt auf ihrer Haut. Sie wurde, nicht zum ersten Mal, gebrandmarkt und an die anderen Erwerbungen des Tages gefesselt. Hinter dem Einspänner des Händlers herwankend, trat der Zug der Sklaven noch an jenem Abend den langen Marsch nach Süden an. Die Nanny war um diese Zeit schon auf dem Weg zurück nach Liverpool, beladen mit Zucker und Tabak. Unter Deck ertönten weniger Schreie.

Man hätte Coras Großmutter für verflucht halten können, so oft wurde sie im Lauf der nächsten Jahre verkauft, eingetauscht und wieder verkauft. Ihre Besitzer gingen verblüffend häufig bankrott. Ihr erster Herr wurde von einem Mann übers Ohr gehauen, der ein Gerät verkaufte, das Baumwolle angeblich doppelt so schnell reinigte wie Whitneys Egreniermaschine. Die Skizzen waren überzeugend, doch am Ende war Ajarry nur ein weiterer Vermögenswert, der auf Anweisung des Magistrats abgewickelt wurde. Sie ging, etwas überstürzt, für hundertachtzehn Dollar weg, ein Preisrückgang, der den Realitäten des lokalen Markts geschuldet war. Ein anderer Besitzer verschied an der Wassersucht, worauf seine Witwe den Besitz auflöste, um die Rückkehr in ihre Heimat Europa zu finanzieren, wo es sauber war. Ajarry verbrachte drei Monate als Eigentum eines Walisers, der schließlich sie, drei weitere Sklaven und zwei Hausschweine bei einer Partie Whist verlor. Und so weiter.

Ihr Preis schwankte. Wenn man so oft verkauft wird, lehrt einen die Welt, aufmerksam zu sein. Sie lernte, sich rasch an die neuen Plantagen anzupassen, die Niggerschinder von den bloß Grausamen zu unterscheiden, die Faulenzer von den Arbeitsamen, die Spitzel von den Verschwiegenen. Herren und Herrinnen in Abstufungen von Bösartigkeit, Besitzungen mit grundverschiedenen finanziellen Möglichkeiten und Ambitionen. Manchmal wollten die Plantagenbesitzer nichts weiter als ein bescheidenes Leben fristen, dann wieder gab es Männer und Frauen, die die ganze Welt besitzen wollten, als wäre das nur eine Frage der passenden Fläche. Zweihundertachtundvierzig, zweihundertsechzig, zweihundertsiebzig Dollar. Überall, wohin sie kam, ging es um Zucker und Indigo, abgesehen von einer Woche, in der sie Tabakblätter faltete, bevor sie abermals verkauft wurde. Der Händler besuchte die Tabakplantage, wo man Sklavinnen im fortpflanzungsfähigen Alter suchte, vorzugsweise mit sämtlichen Zähnen und von gefügiger Gemütsart. Inzwischen war sie eine Frau. Und wurde verkauft.

Sie wusste, dass die Wissenschaftler des weißen Mannes unter die Oberfläche der Dinge schauten, um zu verstehen, wie sie funktionierten. Die Bewegung der Sterne durch die Nacht, das Zusammenwirken der Säfte im Blut. Die klimatischen Bedingungen für eine ordentliche Baumwollernte. Ajarry machte eine Wissenschaft aus ihrem schwarzen Körper und sammelte Beobachtungen. Jedes Ding hatte einen Wert, und mit der Veränderung dieses Wertes veränderte sich auch alles andere. Eine kaputte Kalebasse war weniger wert als eine, aus der das Wasser nicht herauslief, ein Haken, der den Katzenfisch festhielt, wertvoller als einer, der den Köder preisgab. Das Sonderbare an Amerika war, dass Menschen Dinge waren. Einen alten Mann, der eine Fahrt über den Ozean nicht überleben würde, schrieb man am besten als Verlust ab. Ein junger Bursche aus kräftigem Stamm brachte die Kunden in Raserei. Ein Sklavenmädchen, das Junge hervorpresste, glich einer Münzanstalt, Geld, das Geld heckte. Wenn man ein Ding war – ein Karren, ein Pferd oder ein Sklave –, bestimmte der Wert, den man besaß, die Möglichkeiten, die man hatte. Sie achtete darauf, wo ihr Platz war.

Schließlich Georgia. Ein Vertreter der Randall-Plantage kaufte sie für zweihundertzweiundneunzig Dollar, trotz der neuen Leere hinter ihren Augen, die sie einfältig wirken ließ. Für den Rest ihres Lebens tat sie keinen Atemzug mehr außerhalb von Randall-Land. Sie war zu Hause auf dieser Insel ohne Aussicht auf irgendetwas.

Dreimal nahm sich Coras Großmutter einen Mann. Sie hatte eine Vorliebe für breite Schultern und große Hände, genau wie der alte Randall, obwohl der Herr und seine Sklavin unterschiedliche Arten von Arbeit im Sinn hatten. Die beiden Plantagen waren gut eingedeckt, neunzig Stück Nigger auf der nördlichen und fünfundachtzig Stück auf der südlichen Hälfte. Im Allgemeinen konnte Ajarry es sich aussuchen. Wenn nicht, war sie geduldig.

Ihr erster Mann entwickelte einen Hang zum Maisschnaps und begann, seine großen Hände zu großen Fäusten zu ballen. Ajarry war nicht traurig, als er irgendwann an eine Zuckerrohrplantage in Florida verkauft wurde und verschwand. Als Nächstes ließ sie sich mit einem der süßen Jungs von der Südhälfte ein. Ehe er an Cholera verschied, erzählte er gern Geschichten aus der Bibel, denn sein früherer Herr war, was Sklaven und Religion anging, eher liberal gewesen. Sie erfreute sich an den Geschichten und Gleichnissen und erkannte, dass die Weißen nicht ganz unrecht hatten: Das Reden von Erlösung konnte einen Afrikaner auf Ideen bringen. Die armen Söhne des Ham. Ihrem letzten Mann durchbohrten sie die Ohren, weil er Honig gestohlen hatte. Die Wunden eiterten, bis er dahinsiechte.

Von diesen Männern bekam Ajarry fünf Kinder, jedes an derselben Stelle auf den Brettern der Hütte zur Welt gebracht, auf die sie deutete, wenn sie einen Fehltritt begingen. Da bist du hergekommen, und da tu ich dich wieder hin, wenn du nicht hörst. Bring ihnen bei, dir zu gehorchen, vielleicht gehorchen sie dann auch allen künftigen Herren und überleben. Zwei starben elend am Fieber. Ein Junge schnitt sich beim Spielen auf einem rostigen Pflug in den Fuß, was sein Blut vergiftete. Ihr Jüngster wachte nicht mehr auf, nachdem einer der schwarzen Vorarbeiter, der Bosse, ihn mit einem Holzkloben auf den Kopf geschlagen hatte. Wenigstens sind sie nie verkauft worden, sagte eine ältere Frau zu Ajarry. Das stimmte – damals verkaufte Randall die Kleinen selten. Man wusste, wo und wie die eigenen Kinder sterben würden. Das Kind, das sein zehntes Lebensjahr erreichte, war Coras Mutter Mabel.

Ajarry starb in der Baumwolle, während die Samenkapseln um sie herum hüpften wie Schaumkronen auf dem grausamen Ozean. Die Letzte ihres Dorfes, aufgrund eines Knotens in ihrem Gehirn zwischen den Reihen umgekippt, während Blut aus ihrer Nase strömte und weißer Schaum ihre Lippen bedeckte. Als hätte es irgendwo anders passieren können. Die Freiheit blieb anderen Menschen vorbehalten, den Bürgern der Stadt Pennsylvania, die sich tausend Meilen weiter nördlich tummelten. Seit der Nacht, in der man sie entführt hatte, war sie immer wieder taxiert und neu taxiert worden und jeden Tag auf der Schale einer neuen Waage erwacht. Kenne deinen Wert und du kennst deinen Platz in der Ordnung. Der Grenze der Plantage zu entkommen hieß, den Grundprinzipien der eigenen Existenz zu entkommen: unmöglich.

Es war ihre Großmutter, die an jenem Sonntagabend aus Cora sprach, als Caesar von der Underground Railroad redete und sie nein sagte.

Drei Wochen später sagte sie ja.

Diesmal sprach ihre Mutter aus ihr.

Georgia

DREISSIG DOLLAR BELOHNUNG

Dem in Salisbury ansässigen Unterzeichner am 5ten d. M. entlaufen: Ein Negermädchen mit Namen LIZZIE. Es wird angenommen, dass besagtes Mädchen sich in der Umgebung von Mrs Steels Plantage aufhält. Für die Auslieferung des Mädchens oder für Informationen über seine Unterbringung in einem Gefängnis dieses Staates zahle ich die obengenannte Belohnung. Jedermann sei unter Androhung der gesetzlich vorgeschriebenen Strafe davor gewarnt, besagtes Mädchen zu beherbergen.

W. M. DIXON

18. Juli 1820

Linie.tif

Jockeys Geburtstag fand nur ein-, zweimal im Jahr statt. Sie versuchten, eine richtige Feier zu veranstalten. Die war immer am Sonntag, ihrem halben Tag. Um drei Uhr gaben die Bosse das Zeichen, dass die Arbeit zu Ende war, und die nördliche Plantage machte sich eilends an die Vorbereitungen, erledigte in aller Hast das Notwendige. Flicken, Moos sammeln, die undichte Stelle im Dach ausbessern. Das Fest hatte Vorrang, außer man hatte eine Erlaubnis, in die Stadt zu gehen und Handwerk zu verkaufen, oder man hatte sich als Tagelöhner verdingt. Auch wenn man gewillt wäre, auf den zusätzlichen Lohn zu verzichten – und das war niemand –, war es undenkbar, dass ein Sklave so unverschämt wäre, einem Weißen zu sagen, er könne nicht arbeiten, weil ein Sklave Geburtstag habe. Jeder wusste, dass Nigger keinen Geburtstag hatten.

Cora saß am Rand ihres Beets auf ihrem Zuckerahornklotz und pulte sich Dreck unter den Fingernägeln hervor. Wenn möglich, trug Cora Rüben oder Sauerampfer zu den Geburtstagsfesten bei, aber heute gab es nichts. Irgendwer schrie in der Gasse zwischen den Hütten herum, höchstwahrscheinlich einer der neuen Jungs, den Connelly noch nicht komplett abgerichtet hatte, und das Geschrei mündete in offenen Streit. Die Stimmen eher gereizt als wütend, aber laut. Es würde ein denkwürdiger Geburtstag werden, wenn die Leute jetzt schon so aufgebracht waren.

»Wenn du dir deinen Geburtstag aussuchen könntest, wann wäre er dann?«, fragte Lovey.

Weil die Sonne hinter Lovey stand, konnte Cora ihr Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, wie ihre Freundin dreinschaute. Lovey war unkompliziert, und heute Abend würde es eine Feier geben. Lovey kostete diese seltenen Fluchten voll aus, ob es nun Jockeys Geburtstag, Weihnachten oder eine der Erntenächte war, in denen jeder, der zwei Hände hatte, aufblieb und pflückte und die Randalls von den Bossen Maisschnaps verteilen ließen, um sie bei Laune zu halten. Es war Arbeit, aber dank des Mondes okay. Lovey war die Erste, die dem Fiddler sagte, er solle loslegen, und auch die Erste, die tanzte. Sie versuchte jedes Mal, Cora auf die Tanzfläche zu ziehen, und ignorierte ihre Einwände. Als ob sie Arm in Arm in Kreisen herumwirbeln würden, während Lovey bei jeder Drehung eine Sekunde lang den Blick eines Jungen auffangen und Cora es ihr nachtun würde. Aber Cora schloss sich ihr nie an, sondern zog den Arm weg. Sie sah zu.

»Hab dir doch gesagt, wann ich geboren bin«, sagte Cora. Sie war im Winter geboren worden. Ihre Mutter Mabel hatte sich zur Genüge über ihre schwere Geburt beklagt, über den ungewöhnlichen Frost an jenem Morgen, den Wind, der durch die Ritzen in die Hütte pfiff. Dass ihre Mutter tagelang geblutet hatte und Connelly sich nicht die Mühe machte, den Doktor zu holen, bis sie fast wie ein Gespenst aussah. Gelegentlich spielte Coras Verstand ihr einen Streich, und dann verwandelte sie die Geschichte in eine ihrer Erinnerungen und fügte die Gesichter von Geistern ein, all der toten Sklaven, die voller Liebe und Nachsicht zu ihr herabschauten. Sogar Menschen, die sie hasste, diejenigen, die sie getreten oder ihr Essen gestohlen hatten, kaum dass ihre Mutter tot war.

»Wenn du es dir aussuchen könntest«, sagte Lovey.

»Kannst dir’s aber nicht aussuchen«, sagte Cora. »Es wird für dich entschieden.«

»Sieh mal zu, dass deine Laune besser wird«, sagte Lovey. Sie sauste davon.

Cora knetete ihre Waden, dankbar für die Zeit, die sie nicht auf den Beinen sein musste. Fest hin oder her, hier landete Cora jeden Sonntag, wenn ihr halber Arbeitstag vorbei war: Sie hockte auf ihrem Platz und schaute, was zu tun war. Jede Woche gehörte sie ein paar Stunden lang sich selbst, so sah sie das, und konnte Unkraut jäten, Raupen abpflücken, den Sauerampfer ausdünnen und jeden anfunkeln, der Übergriffe auf ihr Territorium plante. Sich um ihr Beet zu kümmern war notwendige Pflege, gab aber auch zu erkennen, dass sie ihre Entschlossenheit seit dem Tag mit dem Handbeil nicht eingebüßt hatte.

Die Erde zu ihren Füßen hatte eine Geschichte, die älteste Geschichte, die Cora kannte. Bis Ajarry bald nach ihrem langen Marsch zur Plantage dort Pflanzen setzte, war das Beet ein öder Fleck aus Dreck und Gestrüpp hinter ihrer Hütte am Ende der Reihe von Sklavenquartieren gewesen. Jenseits davon lagen Felder und hinter diesen der Sumpf. Dann hatte Randall eines Nachts einen Traum von einem weißen Meer, so weit das Auge reichte, und stellte vom verlässlichen Indigo auf Sea-Island-Baumwolle um. Er knüpfte neue Verbindungen in New Orleans und schüttelte Spekulanten die Hand, hinter denen die Bank von England stand. Das Geld strömte wie nie zuvor herein. Europa hungerte nach Baumwolle und musste Ballen für Ballen gefüttert werden. Eines Tages fällten die jungen Männer Bäume, und als sie abends von den Feldern zurückkehrten, mussten sie Balken für die neue Reihe von Hütten zuschneiden.

Als Cora die Hütten, in denen ein lebhaftes Kommen und Gehen von Leuten bei ihren Vorbereitungen herrschte, nun anschaute, fiel es ihr schwer, sich eine Zeit vorzustellen, als es die vierzehn Bauten nicht gegeben hatte. Trotz aller Abnutzung, trotz der bei jedem Schritt ertönenden Klagelaute aus den Tiefen des Holzes, hatten die Hütten die Zeitlosigkeit des schon immer Dagewesenen, wie die Hügel im Westen und wie der Bach, der den Besitz zweiteilte. Die Hütten strahlten Dauerhaftigkeit aus und riefen bei denen, die darin lebten und starben, ihrerseits zeitlose Gefühle hervor: Neid und Gehässigkeit. Wenn man zwischen den alten und den neuen Hütten mehr Raum gelassen hätte, wäre im Lauf der Jahre viel Kummer vermieden worden.

Weiße zankten sich vor Richtern über Ansprüche auf dieses oder jenes Hunderte von Kilometern entfernte Gebiet, das auf einer Landkarte zerteilt worden war. Sklaven stritten mit ebensolcher Inbrunst über die winzigen Parzellen zu ihren Füßen. Der Streifen zwischen den Hütten war ein Ort, wo man eine Ziege anbinden oder einen Hühnerstall bauen konnte, ein Flecken zum Anbau von Gemüse, mit dem man sich zusätzlich zu dem Brei, der jeden Morgen von der Küche ausgegeben wurde, den Bauch füllen konnte. Falls man zuerst da war. Wenn Randall und später seine Söhne sich in den Kopf setzten, einen zu verkaufen, war die Tinte auf dem Vertrag noch nicht trocken, ehe sich jemand das frei werdende Stück unter den Nagel riss. Wenn der Nachbar einen am Abend ruhig und lächelnd oder summend da sitzen sah, kam er vielleicht auf den Gedanken, einen durch Einschüchterung oder mittels diverser Provokationen vom angestammten Platz zu vertreiben. Bei wem könnte man dagegen Beschwerde einlegen? Hier gab es keine Richter.

»Aber meine Mutter hat niemanden an ihr Feld gelassen«, erzählte Mabel ihrer Tochter. Feld im Scherz, da Ajarrys Stück kaum drei Yard im Quadrat maß. »Hat gesagt, sie würde jedem, der es auch nur anguckt, mit dem Hammer den Schädel einschlagen.«

Das Bild ihrer Großmutter, wie sie einen anderen Sklaven angriff, stimmte nicht mit Coras Erinnerungen an diese Frau überein, aber sobald sie selbst anfing, das Beet zu bestellen, begriff sie seinen Wahrheitsgehalt. Durch alle Wandlungen von Wohlstand hindurch wachte Ajarry mit Argusaugen über ihren Garten. Die Randalls kauften den Besitz der Spencers im Norden auf, sobald jene Familie beschloss, ihr Glück im Westen zu versuchen. Sie kauften die im Süden angrenzende Plantage, stellten von Reis auf Baumwolle um und fügten jeder Reihe zwei weitere Hütten hinzu, aber Ajarrys Beet inmitten von allem blieb erhalten, unveränderlich, wie ein Stumpf, der zu tief in die Erde reichte. Nach Ajarrys Tod übernahm Mabel die Pflege von Yams und Okra oder was auch immer sie reizte. Der Ärger fing an, als Cora sie beerbte.

Als Mabel verschwand, wurde Cora zur Einzelgängerin. Elf Jahre alt, zehn Jahre, jedenfalls so ungefähr – es gab niemanden mehr, der das genau sagen konnte. In ihrer Erschütterung entfärbte sich die Welt für sie zu grauen Eindrücken. Die erste Farbe, die zurückkehrte, war das siedende Braunrot des Erdreichs im Beet ihrer Familie. Es erweckte sie wieder für Menschen und Dinge, und sie beschloss, an ihrem Stück festzuhalten, auch wenn sie jung und klein war und niemanden mehr hatte, der sich um sie kümmerte. Mabel war zu still und zu stur, um beliebt zu sein, aber Ajarry hatten die Leute geachtet. Ihr Schatten hatte Schutz geboten. Die ursprünglichen Randall-Sklaven lagen mittlerweile größtenteils unter der Erde, waren verkauft oder sonst wie verschwunden. War noch irgendwer übrig, der ihrer Großmutter gegenüber loyal war? Cora verschaffte sich ein Bild vom Dorf: keine Menschenseele. Sie waren alle tot.

Sie kämpfte um das Stück Erde. Es gab die kleinen Quälgeister, diejenigen, die für richtige Arbeit zu jung waren. Diese Kinder scheuchte sie fort, wenn sie die Sprossen zertrampelten, und sie schrie sie an, wenn sie die Yams-Setzlinge ausbuddelten, und dabei bediente sie sich des gleichen Tons, den sie bei Jockeys Festen anschlug, um sie zu Wettläufen und Spielen zusammenzutrommeln. Sie behandelte sie mit Gutmütigkeit.

Aber aus den Kulissen traten Anspruchsteller. Ava. Coras Mutter und Ava wuchsen zur gleichen Zeit auf der Plantage auf. Ihnen wurde die gleiche Randall’sche Gastfreundschaft zuteil, die Zerrbilder, die so alltäglich und vertraut waren, dass man sie wie eine Art von Wetter empfand; einige zeigten in ihrer Monstrosität einen solchen Einfallsreichtum, dass der Verstand sich weigerte, sich auf sie einzustellen. Manchmal band eine solche Erfahrung zwei Menschen aneinander; ebenso oft machte die Scham über die eigene Machtlosigkeit alle Zeugen zu Feinden. Ava und Mabel kamen nicht miteinander aus.

Ava war drahtig und stark, mit Händen so flink wie eine Wassermokassinotter. Eine Schnelligkeit, die ihr beim Pflücken und beim Ohrfeigen ihrer Kinder wegen Faulheit und anderer Sünden zustattenkam. Sie schätzte ihre Hühner mehr als ihre Kinder und begehrte Coras Land, um ihren Hühnerstall zu erweitern. »Es ist eine Verschwendung«, sagte Ava und schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Das alles nur für sie.« Ava und Cora schliefen jede Nacht nebeneinander auf dem Dachboden, und obwohl sie dort mit acht anderen zusammengepfercht waren, konnte Cora noch den kleinsten Missmut Avas durch das Holz spüren. Der Atem der Frau war feucht vor Zorn, sauer. Aus Prinzip schlug sie Cora jedes Mal, wenn diese aufstand, um Wasser zu lassen.

»Du bist ab sofort in der Hob«, sagte Moses eines Nachmittags zu Cora, als sie vom Ballenpressen zurückkam. Moses hatte einen Handel mit Ava geschlossen und sich dabei irgendeiner Form von Währung bedient. Seit Connelly den Feldarbeiter zum Boss gemacht hatte, zu seinem verlängerten Arm, hatte Moses sich zum Mittler bei Hüttenintrigen aufgeschwungen. In den Reihen musste die Ordnung, soweit vorhanden, aufrechterhalten werden, und es gab Dinge, die ein Weißer nicht tun konnte. Moses übernahm seine Rolle voller Begeisterung. Cora fand, er hatte ein gemeines Gesicht, wie eine Knolle, die einem gedrungenen, verschwitzten Rumpf entspross. Sie war nicht überrascht, als sein Charakter sich zeigte – wenn man lang genug wartete, tat er das immer. Wie die Morgendämmerung. Cora schlich hinüber in die Hob, wohin man die Elenden verbannte. Es gab keine Einspruchsmöglichkeit, keine Gesetze außer denen, die jeden Tag neu geschrieben wurden. Irgendwer hatte schon ihre Sachen hingeschafft.

Niemand erinnerte sich an den Unglücklichen, der der Hütte den Namen gegeben hatte. Er hatte lange genug gelebt, um Eigenschaften zu verkörpern, die ihn schließlich zugrunde richteten. Ab in die Hob mit denen, die von den Bestrafungen der Aufseher zerbrochen worden waren, ab in die Hob mit denen, die von der Arbeit kaputtgemacht worden waren, auf Arten, die man sehen, und auf Arten, die man nicht sehen konnte, ab in die Hob mit denen, die den Verstand verloren hatten. Ab in die Hob mit Einzelgängern.

Die versehrten Männer, die halben Männer, hatten zuerst in der Hob gewohnt. Dann hatten sich die Frauen dort einquartiert. Weiße und braune Männer hatten sich gewaltsam der Körper der Frauen bedient, ihre Babys waren verkümmert und vermickert zur Welt gekommen, man hatte ihnen den Verstand aus den Köpfen geprügelt, und im Dunkeln wiederholten sie die Namen ihrer toten Kinder: Eve, Elizabeth, N’thaniel, Tom. Cora rollte sich auf dem Boden des Hauptraums zusammen, weil sie zu viel Angst davor hatte, dort oben zu schlafen, bei diesen erbärmlichen Geschöpfen. Sie verfluchte sich selbst wegen ihrer Engstirnigkeit, kam aber nicht dagegen an. Sie starrte auf dunkle Schemen. Den Kamin, die Balken, die den Dachboden unterfingen, die Werkzeuge, die an Nägeln an den Wänden hingen. Das erste Mal, dass sie eine Nacht außerhalb der Hütte verbrachte, in der sie geboren worden war. Hundert Schritte und ebenso viele Meilen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Ava die nächste Phase ihres Plans umsetzte. Und es galt mit Old Abraham fertigzuwerden. Old Abraham, der keineswegs alt war, sich jedoch wie ein älterer Misanthrop aufführte, seit er sitzen gelernt hatte. Er hatte keine bestimmten Absichten, sondern wollte aus Prinzip, dass die Parzelle verschwand. Warum sollten er und alle anderen den Anspruch dieses kleinen Mädchens anerkennen, bloß weil seine Großmutter dort einmal die Erde umgewühlt hatte? Old Abraham war kein Freund von Traditionen. Er war zu oft verkauft worden, als dass die Vorstellung großes Gewicht für ihn hatte. Cora hatte ihn viele Male, wenn sie auf irgendwelchen Gängen an ihm vorbeikam, für die Weiterverteilung ihrer Parzelle Stimmung machen hören. »Das alles nur für sie.« Ganze drei Yard im Quadrat.

Dann erschien Blake. In jenem Sommer erfüllte der junge Terrance Randall bestimmte Aufgaben, um sich auf den Tag vorzubereiten, an dem er und sein Bruder die Plantage übernehmen würden. Er kaufte in den Carolinas etliche Nigger. Sechs Stück, Fanti und Mandingo, wenn man dem Makler Glauben schenken konnte, von ihrem Körper und ihrer Veranlagung her wie für die Arbeit geschaffen. Blake, Pot, Edward und die anderen bildeten auf Randalls Land einen eigenen Stamm und hatten keine Bedenken, sich zu nehmen, was nicht ihnen gehörte. Terrance Randall ließ wissen, dass sie seine neuen Günstlinge waren, und Connelly sorgte dafür, dass alle es sich merkten. Man lernte, zur Seite zu treten, wenn die Männer schlechter Laune waren oder samstagabends sämtlichen Apfelmost getrunken hatten.

Blake war ein Riesenklotz, einer, der doppelte Rationen bekam und sich bald als Beleg für Terrance Randalls Fähigkeiten als Investor erwies. Allein der Preis, den man für den Nachwuchs eines solchen Kerls erzielen würde. Blake rang, ein häufig veranstaltetes Spektakel, mit seinen Kumpanen und jedem anderen, der sich traute, machte ordentlich Rabatz und ging unweigerlich als Sieger daraus hervor. Bei der Arbeit dröhnte seine Stimme durch die Reihen, und selbst die, die ihn hassten, sangen unwillkürlich mit. Der Mann hatte einen miesen Charakter, aber die Klänge, die aus seinem Körper kamen, ließen die Arbeit wie im Flug vergehen.

Nachdem er ein paar Wochen herumgeschnüffelt und die Nordhälfte taxiert hatte, beschloss Blake, dass Coras Fleckchen Erde ein hübscher Platz wäre, um seinen Hund anzubinden. Sonne, Luft, Nähe. Blake hatte den Köter bei einem Gang in die Stadt an seine Seite gelockt. Der Hund blieb bei ihm, drückte sich beim Räucherhaus herum, wenn Blake arbeitete, und bellte in den belebten Nächten von Georgia bei jedem Geräusch. Blake verstand sich aufs Schreinern – anders als oft der Fall, war das keine vom Händler in die Welt gesetzte Lüge, um den Preis hochzutreiben. Er baute ein kleines Haus für seinen Köter und ließ sich gern Komplimente dafür machen. Die freundlichen Worte waren aufrichtig, denn die Hundehütte war ein ansehnliches Stück Arbeit von hübschen Proportionen, mit klaren Winkeln. Sie hatte eine Tür an einer Angel, und aus der hinteren Wand waren sonnen- und mondförmige Öffnungen ausgesägt.

»Hübsches Haus, nicht wahr?«, wollte Blake von Old Abraham wissen. Er hatte dessen manchmal erfrischende Offenheit seit seiner Ankunft schätzen gelernt.

»Mächtig gute Arbeit. Ist das dadrin ein kleines Bett?«

Blake hatte einen Kissenbezug genäht und ihn mit Moos ausgestopft. Er beschloss, dass der Fleck vor der Hütte der geeignetste Platz für das Zuhause seines Hundes war. Bis jetzt war Cora unsichtbar für ihn gewesen, doch nun suchte er ihren Blick, wenn sie in der Nähe war, um sie zu warnen, dass sie nicht mehr unsichtbar war.

Sie versuchte, ein paar Gefallen einzufordern, die man ihrer Mutter schuldete, soweit sie davon wusste. Man ließ sie abblitzen. Beau zum Beispiel, die Näherin, die Mabel gesundgepflegt hatte, als sie von Fieber befallen wurde. Mabel hatte dem Mädchen ihre eigene Abendportion gegeben und ihm Brühe und Wurzeln zwischen die zitternden Lippen gelöffelt, bis es die Augen wieder aufgeschlagen hatte. Beau sagte, sie habe diese Schuld und noch einiges mehr bezahlt, und Cora solle in die Hob zurückgehen. Cora fiel ein, dass Mabel Calvin ein Alibi geliefert hatte, als einige Pflanzwerkzeuge verschwanden. Connelly, der eine Vorliebe für die neunschwänzige Katze besaß, hätte Calvin die Haut vom Rücken gefetzt, wenn sie sich keine Verteidigung für ihn ausgedacht hätte. Und hätte das Gleiche mit Mabel gemacht, wenn er dahintergekommen wäre, dass sie gelogen hatte. Cora pirschte sich nach dem Abendbrot an Calvin heran: Ich brauche Hilfe. Er scheuchte sie weg. Mabel hatte gesagt, sie habe nie herausgefunden, zu welchem Zweck er die Geräte verwendet hatte.

Nicht lange nachdem Blake seine Absichten kundgetan hatte, wachte Cora eines Morgens auf, und der Übergriff war geschehen. Sie verließ die Hob, um nach ihrem Garten zu sehen. Die Morgendämmerung war kühl. Fetzen von weißem Dunst schwebten über dem Boden. Da sah sie es – die Überreste dessen, was ihre ersten Kohlköpfe gewesen wären. An der Treppe von Blakes Hütte aufgehäuft, die verknäuelten Ranken schon am Vertrocknen. Der Boden war umgegraben und festgestampft worden, um einen schönen Hof für die Hütte des Köters abzugeben, die mitten auf Coras Fleck Erde stand wie ein vornehmes Herrenhaus im Herzen einer Plantage.

Der Hund steckte den Kopf zur Tür heraus, als wüsste er, dass es ihr Land gewesen war, und wollte seine Gleichgültigkeit bekunden.

Blake trat aus der Hütte und verschränkte die Arme. Er spuckte aus.

Aus den Augenwinkeln nahm Cora Bewegungen von Menschen wahr: Schatten von Klatschbasen und zänkischen Weibern. Die sie beobachteten. Ihre Mutter war fort. Man hatte sie in das Elendshaus abgeschoben, und niemand war ihr zu Hilfe gekommen. Und jetzt hatte dieser Mann, der dreimal so groß war wie sie, ein Schläger, sich ihren Flecken Erde unter den Nagel gerissen.

Cora hatte eine ganze Weile über ihre Strategie nachgedacht. In späteren Jahren hätte sie sich an die Hob-Frauen oder an Lovey wenden können, aber so weit war es noch nicht. Ihre Großmutter hatte damit gedroht, jedem, der sich an ihrem Land vergriff, den Schädel einzuschlagen. Das erschien Cora unverhältnismäßig. Wie unter einem Bann ging sie in die Hob zurück und griff sich ein Handbeil von der Wand, das Handbeil, das sie anstarrte, wenn sie nicht schlafen konnte. Zurückgelassen von einem früheren Bewohner, der dieses oder jenes böse Ende gefunden hatte – eine Lungenkrankheit, von einer Peitsche zerfleischt oder sich auf dem Boden die Innereien aus dem Leib scheißend.

Inzwischen hatte sich die Sache herumgesprochen, und vor den Hütten lungerten Gaffer und reckten erwartungsvoll die Hälse. Cora marschierte an ihnen vorbei, vorgebeugt, als stemmte sie sich mit ihrem Körper gegen einen kräftigen Wind. Niemand machte Anstalten, sie aufzuhalten, so seltsam war dieses Gebaren. Ihr erster Schlag zerstörte das Dach der Hundehütte und ließ den Hund aufjaulen, dem sie gerade den Schwanz halb abgetrennt hatte. Er verkroch sich unter der Hütte seines Besitzers. Coras zweiter Schlag lädierte die linke Seite der Hundehütte schwer, und ihr letzter gab ihr den Rest.

Schwer atmend stand sie da. Mit beiden Händen das Beil umklammernd. In einem Tauziehen mit einem Geist schwankte das Beil in der Luft, aber das Mädchen gab nicht nach.

Blake ballte die Fäuste und trat auf Cora zu. Seine Jungs hinter sich, angespannt. Dann blieb er stehen. Was sich in jenem Moment zwischen diesen beiden Gestalten – dem stämmigen jungen Mann und dem schlanken Mädchen im weißen Kittel – abspielte, war eine Frage der Perspektive. Für diejenigen, die von der ersten Reihe von Hütten aus zusahen, verzog sich Blakes Gesicht vor Überraschung und Beunruhigung, wie bei jemandem, der in ein Nest von Hornissen gestolpert ist. Diejenigen, die bei den neuen Hütten standen, sahen Coras Augen hin und her huschen, als schätzte sie die Größe eines vorrückenden Heeres, nicht bloß die eines einzelnen Mannes ab. Einer Armee, der sich zu stellen sie gleichwohl bereit war. Entscheidend war ungeachtet der Perspektive die Botschaft, die von der einen durch Haltung und Miene vermittelt und vom anderen interpretiert wurde: Du kannst mich vielleicht überwältigen, aber es wird dich etwas kosten.

Sie standen einige Augenblicke lang da, bis Alice die Glocke zum Frühstück läutete. Niemand würde auf seinen Brei verzichten. Als sie von den Feldern zurückkamen, räumte Cora auf ihrem Stück Land auf. Sie rollte den Zuckerahornklotz, Überbleibsel irgendeines Bauprojekts, heran, und er wurde zu ihrem Sitzplatz, wann immer sie einen Augenblick erübrigen konnte.

Wenn Cora vor Avas Machenschaften nicht in die Hob gehört hatte, so tat sie es nun. Die verrufenste Bewohnerin und die langjährigste. Irgendwann richtete die Arbeit die Verkrüppelten zugrunde – das geschah unweigerlich –, und wer den Verstand verlor, wurde billig verkauft oder setzte sich selbst ein Messer an den Hals. Leerstände waren kurz. Cora blieb. Die Hob war ihr Zuhause.

Sie verwendete die Hundehütte als Feuerholz. Es hielt sie und den Rest von Hob eine Nacht lang warm, aber die damit verbundene Legende kennzeichnete sie für den Rest ihrer Zeit auf der Randall-Plantage. Blake und seine Freunde begannen, Geschichten über sie zu erzählen. Blake berichtete, wie er hinter den Stallungen aus einem Nickerchen erwacht sei und Cora mit ihrem Beil vor ihm gestanden und geheult habe. Er war der geborene Imitator, und seine Gesten machten die Geschichte glaubhaft. Sobald Coras Brüste zu sprießen begannen, gab Edward, der Übelste von Blakes Bande, damit an, dass Cora ihr Kleid vor ihm hochgeschlagen, lüsterne Andeutungen gemacht und gedroht hätte, ihn zu skalpieren, wenn er sie zurückwies. Junge Frauen tuschelten, sie hätten sie bei Vollmond von den Hütten in den Wald schleichen sehen, wo sie mit Eseln und Ziegen Unzucht treibe. Wer diese Geschichte nicht ganz glaubhaft fand, anerkannte gleichwohl die Notwendigkeit, das seltsame Mädchen aus dem Kreis der Achtbarkeit auszuschließen.

Nicht lange nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Cora mannbar war, zerrten Edward, Pot und zwei Arbeiter von der Südhälfte sie hinter das Räucherhaus. Falls irgendwer etwas hörte oder sah, so griff er nicht ein. Die Hob-Frauen nähten ihre Wunden. Blake war zu diesem Zeitpunkt schon fort. Vielleicht hatte er ihr an jenem Tag ins Gesicht gesehen und seinen Gefährten geraten, keine Rache zu üben: Es wird dich etwas kosten. Aber er war fort. Drei Jahre nachdem sie die Hundehütte zerstört hatte, entlief er und versteckte sich wochenlang im Sumpf. Es war das Gebell seines Köters, das der Sklavenpatrouille sein Versteck verriet. Geschieht ihm recht, hätte Cora gesagt, wenn nicht schon der bloße Gedanke an seine Bestrafung sie hätte schaudern lassen.

Sie hatten schon den großen Tisch aus der Küche gewuchtet und Essen für Jockeys Feier daraufgestellt. An einem Ende häutete ein Fallensteller seine Waschbären, am anderen schabte Florence die Erde von einem Haufen Süßkartoffeln. Das Feuer unter dem großen Kessel prasselte und pfiff. Im schwarzen Topf köchelte die Suppe, Kohlstücke jagten um den Schweinekopf, der auf und ab hüpfte, das Auge im grauen Schaum schweifend. Der kleine Chester kam angerannt und versuchte eine Handvoll Kuhbohnen zu stibitzen, aber Alice verscheuchte ihn mit ihrem Kochlöffel.

»Heute nichts, Cora?«, fragte Alice.

»Ist noch zu früh«, sagte Cora.

Alice trug kurz ihre Enttäuschung zur Schau und machte sich wieder ans Abendessen.

So sieht eine Lüge aus, dachte Cora und merkte es sich. Auch gut, dass ihr Garten nichts hergegeben hatte. An Jockeys letztem Geburtstag hatte sie zwei Kohlköpfe gespendet, die gnädig entgegengenommen wurden. Sie hatte den Fehler gemacht, sich beim Verlassen der Küche noch einmal umzudrehen, und Alice dabei ertappt, wie sie die Kohlköpfe in den Schweineeimer warf. Sie stolperte ins Sonnenlicht hinaus. Hielten die Frauen ihre Nahrungsmittel für verdorben? Hatte Alice alles, was Cora in den letzten fünf Jahren beigesteuert hatte, weggeworfen, war sie so mit jeder Rübenknolle und jedem Bund Sauerampfer umgegangen? Hatte es bei Cora angefangen oder bei Mabel oder ihrer Großmutter? Die Frau zur Rede zu stellen hatte keinen Sinn. Alice war von Randall geliebt worden und wurde es nun von James, der mit ihren Hackfleischpasteten groß geworden war. Es gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckendes Elend, und man musste den Überblick behalten.

Die Randall-Brüder. Schon als kleiner Junge ließ sich James mit einer Leckerei aus Alice’ Küche besänftigen, dem Zuckerapfel, der jedem Rappel oder Wutanfall sofort ein Ende setzte. Sein jüngerer Bruder Terrance war von anderem Schlag. Die Köchin hatte noch immer eine Schwellung neben dem Ohr, wo Master Terrance sein Missvergnügen über eine ihrer Brühen zum Ausdruck gebracht hatte. Damals war er zehn Jahre alt gewesen. Solche Anzeichen hatte es gegeben, seit er laufen konnte, und er brachte die unangenehmeren Seiten seines Charakters zur Vollendung, während er ins Mannesalter und in seine Verpflichtungen hineinwuchs. James hatte das Naturell einer Meeresschnecke und vergrub sich in seine geheimen Begierden, doch Terrance lebte jede flüchtige und jede tiefsitzende Phantasie an allen aus, über die er Gewalt hatte. Wie es sein gutes Recht war.

Um Cora schepperten Töpfe, und kleine Kinder kreischten angesichts der zu erwartenden Freuden. Aus der Südhälfte: nichts. Die Randall-Brüder hatten vor Jahren eine Münze geworfen, wer welche Hälfte der Plantage verwaltete, und damit diesen Tag möglich gemacht. In Terrance’ Domäne fanden solche Feste nicht statt, denn der jüngere Bruder war knauserig, was Sklaven-Belustigungen anging. Die Randall-Söhne verwalteten ihr jeweiliges Erbe gemäß ihrem jeweiligen Temperament. James begnügte sich mit der Sicherheit eines modernen Anbauprodukts, mit den langsamen, zwangsläufigen Zuwächsen seines Besitzes. Land und Nigger, die es bestellten, gaben eine Garantie, wie sie keine Bank bieten konnte. Terrance bevorzugte ein aktiveres Vorgehen und heckte ständig Möglichkeiten aus, wie sich die nach New Orleans geschickten Ladungen steigern ließen. Er presste jeden nur möglichen Dollar heraus. Wenn schwarzes Blut Geld war, verstand sich der kluge Geschäftsmann darauf, zur Ader zu lassen.

Der Junge Chester und seine Freunde packten Cora, was sie zusammenfahren ließ. Aber es waren nur Kinder. Zeit für die Wettläufe. Cora stellte die Kinder immer an der Startlinie auf, richtete ihre Füße aus, beruhigte die zappeligen und teilte einige, falls erforderlich, für den Wettlauf der älteren ein. Dieses Jahr beförderte sie Chester eins rauf. Er war ein Einzelgänger wie sie, seine Eltern waren verkauft worden, bevor er laufen gelernt hatte. Cora kümmerte sich um ihn. Kurzgeschorene Haare, rote Augen. Er war in den vergangenen sechs Monaten in die Höhe geschossen, die Arbeit zwischen den Reihen hatte irgendetwas in seinem geschmeidigen Körper ausgelöst. Connelly sagte, er habe das Zeug zu einem erstklassigen Pflücker, ein seltenes Kompliment von seiner Seite.

»Du kannst schnell rennen«, sagte Cora.

Er verschränkte die Arme und legte den Kopf schräg: Du brauchst mir gar nichts zu sagen. Chester war ein halber Mann, auch wenn ihm das nicht bewusst war. Nächstes Jahr würde er nicht am Wettlauf teilnehmen, erkannte Cora, sondern unter den Zuschauern herumlungern, mit seinen Freunden scherzen, Unfug ausbrüten.

Die jungen und die alten Sklaven versammelten sich an den Rändern des Pferdewegs. Nach und nach kamen Frauen herüber, die ihre Kinder verloren hatten, und quälten sich mit Wunschgedanken und Dingen, die niemals zustande kommen würden. Grüppchen von Männern ließen Apfelmostkrüge herumgehen und spürten ihre Demütigungen vergehen. Hob-Frauen nahmen selten an den Festen teil, aber Nag hastete auf ihre hilfsbereite Art umher und trommelte die abgelenkten Kleinen zusammen.

Lovey stand als Schiedsrichterin an der Ziellinie. Alle außer den Kindern wussten, dass sie, wenn es irgend ging, stets ihren jeweiligen Liebling zum Sieger erklärte. Jockey waltete ebenfalls an der Ziellinie, in seinem wackeligen Lehnstuhl aus Ahorn, von dem aus er in den meisten Nächten die Sterne zu beobachten pflegte. An seinen Geburtstagen schleppte er ihn die Gasse hinauf und hinunter, um den in seinem Namen stattfindenden Belustigungen die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Die Läufer gingen zu Jockey, wenn sie mit ihren Rennen fertig waren, und er drückte ihnen ein Stück Lebkuchen in die Hand, ganz gleich welchen Platz sie belegt hatten.

Chester keuchte, die Hände auf die Knie gestützt. Er hatte am Ende nachgelassen.

»Hättest beinahe gewonnen«, sagte Cora.

»Beinahe«, sagte der Junge und ging sich sein Stück Lebkuchen holen.

Nach dem letzten Rennen tätschelte Cora dem alten Mann den Arm. Man wusste nie, wie viel er mit seinen milchigen Augen noch sah. »Wie alt bist du, Jockey?«

»Äh, lass mich überlegen.« Er döste ein.

Sie war sich sicher, dass er bei seiner letzten Feier hundertundeins behauptet hatte. Er war nur halb so alt, was bedeutete, dass er der älteste Sklave war, den auf den beiden Randall-Plantagen jemals irgendwer kennengelernt hatte. Wenn man erst einmal so alt war, könnte man genauso gut achtundneunzig oder hundertacht sein. Die Welt hatte einem nichts mehr zu bieten als die neuesten Varianten von Grausamkeit.

Sechzehn oder siebzehn. Darauf schätzte Cora ihr Alter.

Es war ein Jahr her, dass Connelly ihr befohlen hatte, sich einen Mann zu nehmen. Zwei Jahre, seit Pot und seine Freunde sie zugeritten hatten. Sie hatten ihre Gewalttat nicht wiederholt, und angesichts der Hütte, die sie ihr Zuhause nannte, und der Geschichten von ihrem Wahnsinn schenkte ihr nach diesem Tag kein ehrbarer Mann mehr Beachtung. Sechs Jahre, seit ihre Mutter gegangen war.

Jockey machte das gut mit seinem Geburtstag, fand Cora. Er erwachte an einem Überraschungs-Sonntag und kündigte seine Feier an, und damit hatte es sich. Manchmal geschah das mitten in der Regenzeit im Frühjahr, dann wieder nach der Ernte. In manchen Jahren ließ er sie aus, vergaß sie oder beschloss gemäß irgendeiner persönlichen Bilanz von Kränkungen, dass die Plantage keine Feier verdiente. Niemand verübelte ihm seine Launen. Es reichte, dass er der älteste Farbige war, den sie je kennengelernt hatten, dass er jede große und kleine Qual überlebt hatte, die weiße Männer ersonnen und in die Tat umgesetzt hatten. Seine Augen waren getrübt, sein Bein lahm, seine ruinierte Hand dauerhaft gekrümmt, als umklammerte sie immer noch einen Spaten, aber er war am Leben.

Inzwischen ließen die Weißen ihn in Ruhe. Der alte Randall sagte nichts über seine Geburtstage, und genauso hielt es James, als er die Geschäfte übernahm. Connelly, der Aufseher, machte sich jeden Sonntag rar und befahl das Sklavenmädchen zu sich, das er in dem betreffenden Monat gerade zu seiner Frau gemacht hatte. Die Weißen schwiegen. Als hätten sie es aufgegeben oder wären zu dem Schluss gekommen, dass eine kleine Freiheit die schlimmste aller Bestrafungen war, da sie die Fülle wahrer Freiheit umso schmerzlicher spüren ließ.

Eines Tages entschied sich Jockey bestimmt für den richtigen Tag seiner Geburt. Falls er lang genug lebte. Wenn das stimmte, dann würde auch Cora, falls sie sich einen Tag als Geburtstag aussuchte, ab und zu vielleicht ihren wirklichen Geburtstag treffen. Tatsächlich könnte sogar heute ihr Geburtstag sein. Aber was hatte man davon, dass man wusste, an welchem Tag man in die Welt der Weißen hineingeboren war? Es war nichts, woran man sich gern erinnerte. Eher etwas, was man lieber vergaß.

»Cora.«

Von der Nordhälfte waren die meisten in die Küche gegangen, um sich etwas zu essen zu holen, aber Caesar ließ sich Zeit. Da war er. Sie hatte nie Gelegenheit gehabt, mit dem Mann zu reden, seit er auf die Plantage gekommen war. Neue Sklaven wurden rasch vor den Hob-Frauen gewarnt. Das sparte Zeit.

»Kann ich mit dir reden?«, fragte er.

James Randall hatte ihn und drei weitere Sklaven vor anderthalb Jahren von einem fahrenden Händler gekauft, um die Verluste durch Fieber auszugleichen. Zwei Frauen, um die Wäsche zu machen, und Caesar und Prince als Verstärkung für die Feldarbeiter. Sie hatte ihn schnitzen, mit seinen gebogenen Schnitzmessern Kiefernholzklötze bearbeiten sehen. Von den eher unangenehmen Elementen auf der Plantage hielt er sich fern, und sie wusste, dass er ab und zu mit Frances, einem der Hausmädchen, verschwand. Ob sie sich noch zueinanderlegten? Lovey wusste es bestimmt. Sie war zwar noch ein Mädchen, aber sie behielt den Überblick über die Mann-und-Frau-Geschichten, die bevorstehenden Regelungen.

Cora fühlte sich anständig. »Was kann ich für dich tun, Caesar?«

Er machte sich nicht die Mühe festzustellen, ob jemand in Hörweite war. Er wusste, da war niemand, denn er hatte das Ganze geplant. »Ich gehe in den Norden zurück«, sagte er. »Und zwar bald. Ich laufe weg. Ich möchte, dass du mitkommst.«

Cora versuchte darauf zu kommen, wer ihn zu diesem Streich angestiftet hatte. »Du gehst in den Norden, und ich gehe was essen«, sagte sie.

Caesar hielt sie am Arm fest, sanft, aber bestimmt. Sein Körper war schlank und kräftig wie bei jedem Feldarbeiter seines Alters, aber er trug seine Kraft mit Leichtigkeit. Sein Gesicht war rund, mit einer flachen Knopfnase – ihr kam eine rasche Erinnerung an Grübchen, wenn er lachte. Warum hatte sie das im Kopf behalten?

»Ich will nicht, dass du mich verrätst«, sagte er. »Ich muss dir da vertrauen. Aber ich gehe bald, und ich will dich dabeihaben. Du sollst mir Glück bringen.«

Da verstand sie. Nicht ihr wurde ein Streich gespielt. Er spielte sich selbst einen Streich. Der Junge war einfältig. Der Geruch des Waschbärenfleischs holte sie wieder zu der Feier zurück, und sie zog den Arm weg. »Ich habe keine Lust, von Connelly, der Patrouille oder Schlangen umgebracht zu werden.«

Cora runzelte noch immer die Stirn über seine Schwachköpfigkeit, als sie ihre erste Schale Suppe bekam. Jeden Tag versuchte der weiße Mann, einen langsam umzubringen, und manchmal versuchte er auch, einen schnell umzubringen. Warum sollte man es ihm leichter machen? Wenigstens hier konnte man nein sagen.

Sie fand Lovey, fragte sie aber nicht danach, was die Mädchen über Caesar und Frances tuschelten. Wenn es ihm ernst war mit seinem Plan, war Frances eine Witwe.

Es war das längste Gespräch, das irgendein Mann mit ihr geführt hatte, seit sie in die Hob gezogen war.

Sie zündeten Fackeln für die Ringkämpfe an. Irgendwer hatte einen Vorrat Maisschnaps und Apfelmost zutage gefördert, der zu gegebener Zeit herumging und die Begeisterung der Zuschauer anfachte. Inzwischen waren die Ehemänner, die auf anderen Plantagen lebten, auf ihren Sonntagabend-Besuch gekommen. Waren meilenweit marschiert, hatten Zeit genug gehabt, sich Phantasien hinzugeben. Manche Frauen waren glücklicher über die Aussicht auf eheliche Beziehungen als andere.

Lovey kicherte. »Mit dem würde ich auch ringen«, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf Major.

Major blickte auf, als hätte er sie gehört. Er entwickelte sich zu einem jungen Kerl erster Güte. Arbeitete hart und zwang die Bosse selten, die Peitsche zu heben. Wegen ihres Alters verhielt er sich Lovey gegenüber respektvoll, und es käme nicht überraschend, wenn Connelly die beiden zusammentäte. Der junge Mann und sein Gegner wanden sich im Gras. Lasst es aneinander aus, wenn ihr es nicht an denen auslassen könnt, die es verdient haben. Die Kinder lugten zwischen den Älteren hervor und schlossen Wetten ab, ohne etwas einsetzen zu können. Im Augenblick jäteten sie noch Unkraut oder arbeiteten in Abfallkolonnen, aber eines Tages würde die Feldarbeit sie genauso groß und stark machen wie die Männer, die einander packten und ins Gras drückten. Mach ihn fertig, mach den Jungen fertig, bring ihm bei, was er lernen muss.

Als die Musik einsetzte und das Tanzen anfing, wussten sie erst zu schätzen, wie viel sie Jockey zu verdanken hatten. Wieder einmal hatte er sich den richtigen Tag als Geburtstag ausgesucht. Er hatte eine allgemeine Spannung gespürt, eine gemeinsame Furcht, die über die alltäglichen Umstände ihrer Knechtschaft hinausging. Sie hatte sich gesteigert. Die vergangenen Stunden hatten viel von dem bösen Blut vertrieben. Eine ausgelassene Nacht, auf die man zurückblicken, und ein Geburtstagsfest, auf das man sich freuen konnte, füllten ihre Reserven an Lebenswillen, wie bescheiden auch immer, wieder auf, sodass sie der morgendlichen Schufterei, den folgenden Morgen und den langen Tagen ins Auge sehen konnten. Indem sie sich zu einem Kreis schlossen, der die Menschengeister in seinem Inneren von der Erniedrigung außerhalb davon trennte.

Noble griff nach einem Tamburin und schlug es. Er war ein schneller Pflücker zwischen den Reihen und abseits davon ein fröhlicher Initiator; er trug mit beiden Formen von Gewandtheit zu dieser Nacht bei. Händeklatschen, Ellbogenanwinkeln, Hüftwackeln. Es gibt Instrumente und menschliche Spieler, doch manchmal macht eine Fiddle oder eine Trommel denjenigen, der sie spielt, zum Instrument, und beide werden in den Dienst des Stücks gezwungen. So war es, wenn George und Wesley an Tagen wilden Feierns zu Fiddle und Banjo griffen. Jockey saß auf seinem Ahornstuhl und klopfte mit den bloßen Füßen auf den Boden. Die Sklaven bewegten sich vorwärts und tanzten.

Cora rührte sich nicht. Sie war auf der Hut davor, dass man sich manchmal, wenn die Musik an einem zerrte, plötzlich neben einem Mann wiederfinden konnte, ohne zu wissen, was er vielleicht tun würde. All die Körper in Bewegung, die sich Freiheiten herausnehmen konnten. An einem zu ziehen, einen an beiden Händen zu fassen, auch wenn sie es in netter Absicht taten. Einmal hatte Wesley an Jockeys Geburtstag einen Song zum Besten gegeben, den er von seiner Zeit im Norden kannte, einen neuen Klang, den keiner von ihnen je gehört hatte. Cora hatte sich getraut, zwischen die Tänzer zu treten, die Augen zu schließen und herumzuwirbeln, und als sie sie öffnete, war Edward da, mit leuchtenden Augen. Obwohl Edward und Pot tot waren – Edward aufgeknüpft, nachdem er seinen Sack mit Steinen gefüllt und so beim Wiegen betrogen hatte, und Pot unter der Erde, nachdem er von einem Rattenbiss grün und blau geworden war –, schreckte sie vor dem Gedanken zurück, die selbst angelegten Zügel zu lockern. George sägte auf seiner Fiddle, die Töne wirbelten in die Nacht empor wie Funken, die von einem Feuer aufstoben. Niemand näherte sich ihr, um sie in das wilde Treiben zu ziehen.

Die Musik verstummte. Der Kreis brach auf. Manchmal verliert sich eine Sklavin in einem kurzen Taumel von Befreiung. In der Gewalt einer plötzlichen Träumerei zwischen den Furchen oder beim Entwirren der Rätsel eines frühmorgendlichen Traums. Mitten in einem Song in einer warmen Sonntagnacht. Dann kommt er unweigerlich – der Schrei des Aufsehers, der Ruf zur Arbeit, der Schatten des Herrn, die Mahnung, dass sie in der Ewigkeit ihrer Knechtschaft nur einen kurzen Moment lang ein Mensch ist.

Die Randall-Brüder waren aus dem Herrenhaus gekommen und standen unter ihnen.

Die Sklaven traten zur Seite und stellten Berechnungen darüber an, welche Entfernung das rechte Maß an Furcht und Respekt darstellte. Godfrey, James’ Hausdiener, hielt eine Laterne hoch. Laut Old Abraham ähnelte James der Mutter, stabil wie ein Fass und von ebenso kräftigen Zügen, während Terrance eher dem Vater nachschlug, hochgewachsen und mit einem Eulengesicht, immerzu kurz davor, auf Beute herabzustoßen. Zusätzlich zum Land hatten sie auch den Schneider ihres Vaters geerbt, der einmal im Monat mit seiner wackeligen Kutsche voller Leinen- und Baumwollmuster kam. Die Brüder hatten sich schon als Kinder ähnlich gekleidet und fuhren im Mannesalter damit fort. Ihre weißen Hosen und Hemden waren so sauber, wie die Hände der Wäscherinnen sie nur schrubben konnten, und der orangefarbene Schimmer ließ sie wie aus der Dunkelheit tretende Gespenster wirken.

»Master James«, sagte Jockey. Seine gesunde Hand packte die Armlehne seines Stuhls, als wollte er aufstehen, aber er rührte sich nicht.

»Lasst euch von uns nicht stören«, sagte Terrance. »Mein Bruder und ich haben über Geschäftliches gesprochen und die Musik gehört. Ich habe zu ihm gesagt: ›Also, das ist der fürchterlichste Lärm, den ich je gehört habe.‹«

Die Randalls tranken Wein aus Kristallglaskelchen und machten den Eindruck, als hätten sie schon einige Flaschen geleert. Cora suchte in der Menge nach Caesars Gesicht. Sie sah ihn nicht. Er war nicht da gewesen, als die Brüder das letzte Mal zusammen auf der Nordhälfte erschienen waren. Man tat gut daran, sich an die jeweiligen Lektionen dieser Ereignisse zu erinnern. Wenn die Randalls sich ins Sklavenquartier begaben, passierte jedes Mal etwas. Früher oder später. Es kam etwas Neues, das man nicht voraussagen konnte, bis es über einen kam.

James überließ den täglichen Betrieb seinem Angestellten Connelly und sah selten nach dem Rechten. Zuweilen gewährte er einem Besucher, einem vornehmen Nachbarn oder neugierigen Plantagenbesitzer aus einer anderen Ecke des Countys, eine Besichtigungstour, aber das kam selten vor. James sprach seine Nigger, denen man mit der Peitsche beigebracht hatte, weiterzuarbeiten und seine Anwesenheit zu ignorieren, selten an. Wenn Terrance auf der Plantage seines Bruders erschien, taxierte er normalerweise jeden Sklaven und merkte sich, welche Männer die leistungsfähigsten und welche Frauen die anziehendsten waren. Während er sich bei den Frauen seines Bruders mit anzüglichen Blicken begnügte, hielt er sich an den Frauen in seiner Hälfte schadlos. »Ich koste meine Pflaumen gern«, sagte Terrance und streifte zwischen den Hütten umher, um festzustellen, was ihn reizte. Er setzte sich über die Bande der Zuneigung hinweg und suchte Sklaven manchmal in ihrer Hochzeitsnacht auf, um dem Mann die richtige Art zu zeigen, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Er kostete seine Pflaumen, zerfetzte die Haut und hinterließ seine Spuren.

Es galt als ausgemacht, dass James von anderer Sinnesart war. Im Gegensatz zu seinem Vater und seinem Bruder benutzte er sein Eigentum nicht dazu, sich Befriedigung zu verschaffen. Gelegentlich lud er Frauen aus dem County zum Essen ein, und dann bereitete Alice jedes Mal das üppigste, verführerischste Mahl zu, das ihr zu Gebote stand. Mrs Randall war schon vor vielen Jahren gestorben, und Alice fand, eine Frau hätte einen mäßigenden Einfluss. Manchmal bewirtete James diese blassen Geschöpfe monatelang, und ihre weißen Einspänner fuhren die Schlammfurchen entlang, die zum Herrenhaus führten. Die Küchenmädchen kicherten und spekulierten. Und dann kam unweigerlich eine neue Frau.

Laut seinem Diener Prideful beschränkte James seine erotischen Energien auf spezialisierte Räume in einem Etablissement in New Orleans. Die Puffmutter war tolerant und modern, mit allen Spielarten menschlichen Begehrens vertraut. Pridefuls Geschichten waren schwer zu glauben, trotz der Versicherungen, er bekomme seine Berichte von der Belegschaft des Hauses, mit der er sich im Lauf der Jahre angefreundet habe. Welcher weiße Mann würde sich freiwillig der Peitsche unterwerfen?

Terrance scharrte mit seinem Stock in der Erde. Der Stock, mit einem silbernen Wolfskopf als Knauf, hatte seinem Vater gehört. Viele erinnerten sich an sein Brennen auf ihrer Haut. »Dann ist mir eingefallen, dass James mir von einem Nigger erzählt hat, der ihm gehört«, sagte Terrance, »und der angeblich die Unabhängigkeitserklärung auswendig aufsagen kann. Ich kann das einfach nicht glauben. Ich dachte, heute Abend kann er es mir vielleicht beweisen, da alle auf den Beinen sind, nach dem Krach zu urteilen.«

»Wir klären das«, sagte James. »Wo ist dieser Junge? Michael.«

Niemand sagte etwas. Godfrey schwenkte auf mitleiderregende Weise die Laterne herum. Moses war der Boss, der das Pech hatte, den Randall-Brüdern am nächsten zu stehen. Er räusperte sich. »Michael ist tot, Master James.«

Moses wies einen der Kleinen an, Connelly zu holen, auch wenn das bedeutete, den Aufseher bei seinem Sonntagabend-Konkubinat zu stören. James’ Gesichtsausdruck veranlasste Moses, Erklärungen zu liefern.

Michael, der fragliche Sklave, hatte tatsächlich die Fähigkeit besessen, lange Passagen auswendig aufzusagen. Laut Connelly, der die Geschichte von dem Niggerhändler gehört hatte, war Michaels früherer Besitzer fasziniert von den Fähigkeiten südafrikanischer Papageien und überlegte, dass man, wenn man einem Vogel Limericks beibringen konnte, vielleicht auch einem Sklaven beibringen könnte, Dinge auswendig zu lernen. Schließlich verriet einem schon ein flüchtiger Blick auf den Schädel, dass ein Nigger ein größeres Gehirn besaß als ein Vogel.

Michael war der Sohn des Kutschers seines Herrn gewesen. Hatte eine Form von tierischer Schläue besessen, wie man sie manchmal bei Schweinen findet. Der Herr und sein merkwürdiger Schüler fingen mit einfachen Reimen und kurzen Passagen beliebter britischer Verseschmiede an. Besondere Mühe verwandten sie auf die Wörter, die der Nigger nicht und, um die Wahrheit zu sagen, der Herr nur halb verstand, da sein Lehrer ein Gestrauchelter gewesen war, den ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Underground Railroad" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen