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Unbekannte Raumzeit: Das Science Fiction Abenteuer Paket auf 1200 Seiten

Unbekannte Raumzeit: Das Science Fiction Abenteuer Paket auf 1200 Seiten

Alfred Bekker

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Unbekannte Raumzeit: Das Science Fiction Abenteuer Paket  auf 1200 Seiten | von Alfred Bekker

Copyright

Raumschiff TERRA NOVA | Alfred Bekker | Ferne Raumzeit | Science Fiction Abenteuer

Die Hauptpersonen:

Ferne Raumzeit | Aus dem persönlichen Logbuch von Arn Polo, Commander der TERRA NOVA:

Aus dem persönlichen Logbuch von Jarmila Manfredi, Astrophysikerin, derzeit an Bord der TERRA NOVA:

Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Ras Dashan, abgespeichert in der Datenbank der TERRA NOVA:

Chronik der Sternenkrieger: | Schläfer | von Alfred Bekker

Commander Rena Sunfrost, persönliches Logbuch:

Sammelbände:

Sonderausgaben:

Raumschiff CAESAR | Galaxienwanderer | von Alfred Bekker

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Prolog

1. Kapitel: An Bord der CAESAR - so viel später ...

2. Kapitel: Rückkehr

3. Kapitel: Miijs Erlebnisse, Katzana ...

4. Kapitel: Miijs Begleiter

Naryavos VERGANGENHEIT

5. Kapitel: Naryavos Vergangenheit

6. Kapitel: KLEINE STATION

7. Kapitel: Flucht in die Tiefe

8. Kapitel: In der Anomalie

9. Kapitel: Auf der CAESAR

Mission Schwarzes Loch | Galaxienwanderer | von Alfred Bekker

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1. Kapitel: Leere

2. Kapitel: Der schwärzeste Punkt in der Dunkelheit

3. Kapitel: Würmer am Rande der Unendlichkeit

4. Kapitel: Alte Bekannte

5. Kapitel: Oziroonas Vergangenheit

6. Kapitel: Eine Frage der Präsenz

Kapitel 7: Duell auf der Feuerwelt

Kapitel 8: Ozobeqs Plan

Kapitel 9: Die Bedrohung

Kapitel 10: In der Gegenwart ...

Eine Krise der Raumzeit | Galaxienwanderer 3 | von Alfred Bekker

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Prolog

Kapitel 1: Temporale Krise

Kapitel 2: Sein oder Nichtsein

Kapitel 3: Die Verschwundenen

Kapitel 4: Raumschlacht um Gogran

Kapitel 5: Die Rückkehr der Xaradim-Station

Kapitel 6: Thosper, der Mächtige

Kapitel 7: An Bord der Xaradim-Station

Kapitel 8: Das Projekt

Kapitel 9: Die neue Erde

Herrscher über Galaxien | Galaxienwanderer 4 | von Alfred Bekker

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1. Kapitel: Josephines Rückkehr

2. Kapitel: Auf dem Weg nach Hergamas

3. Kapitel: Die Gnade des Kaisers

4. Kapitel: Schlag und Gegenschlag

5. Kapitel: Das Duell der zwei Hohen

6. Kapitel: Ragllert

7. Kapitel: Der Duellrichter und der Sekundant

8. Kapitel: Der Tempel der Gerechtigkeit

9. Kapitel: Umsturz-Koalitionen

10. Kapitel: Kaiserwetter

11. Kapitel: Verlöschende Lichter, verlöschendes Leben

12. Kapitel: Er kam, sah und starb

13. Kapitel: Ich, Ozobeq – Kaiser und Gott

14.Kapitel: Auf dem Nano-Thron

15. Kapitel: Ozobeqs Mission

About the Author

About the Publisher

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Unbekannte Raumzeit: Das Science Fiction Abenteuer Paket  auf 1200 Seiten

von Alfred Bekker

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DER UMFANG DIESES BUCHS entspricht 1200 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enhält folgende Science Fiction Romane:

Alfred Bekker: Ferne Raumzeit

Alfred Bekker: Schläfer

Alfred Bekker: Raumschiff Caesar

Alfred Bekker: Mission Schwarzes Loch

Alfred Bekker: Eine Krise der Raumzeit

Alfred Bekker: Herrscher über Galaxien

Ein Raumschiff mit extraterrestrischer Technologie und eine zusammengewürfelte Crew auf einer kosmischen Odyssee durch die Unendlichkeit des Alls... Menschen, Androiden und Extraterrestrier müssen sich zusammenraufen, wenn sie den namenlosen Gefahren zwischen den Sternen standhalten und das Erbe einer uralten kosmischen Zivilisation antreten wollen. 

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Science Fiction, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Raumschiff TERRA NOVA

Alfred Bekker

Ferne Raumzeit

Science Fiction Abenteuer

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

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ALFRED BEKKER schrieb die fesselnden Space Operas der Serie CHRONIK DER STERNENKRIEGER. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FALSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL VON MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall. Zuletzt erschien DER BEFREIER DER HALBLINGE bei Blanvalet.

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DIE TERRA NOVA, EIN Raumschiff mit mehr als dreißigtausend Mann Besatzung an Bord, geriet in den Einflussbereich eines Transmitters, die vor Äonen von einer technisch weit überlegenen Rasse erschaffen worden war.

Das unter dem Kommando von Arn Polo stehende Schiff fand sich buchstäblich am anderen Ende des Universums wieder. Alle Zeit der Welt schien nicht auszureichen, um jemals die heimatliche Milchstraßen-Galaxis zu erreichen.

Und keine der raumfahrenden Völker, auf die man bisher getroffen war, schien auch nur annähernd in der Lage zu sein, derartige Entfernungen zu überbrücken.

Die Wahrheit war, dass die Besatzung der TERRA NOVA noch nicht einmal die Möglichkeit besaß, ihre Herkunftsgalaxis überhaupt zu orten.

Mindestens zehn Milliarden Lichtjahre trennten die TERRA NOVA von der heimatlichen Milchstraße und der Erde.

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Die Hauptpersonen:

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Arn Polo - Commander der TERRA NOVA

Jon Kamler, Marout Huisener, Bount Tiberius Reiniger - Brückenoffiziere und Sub-Commander der TERRA NOVA

Ras Dashan - ein über 3 Meter großer Micraner.

Tell Gontro - Navigator und Steuermann

Jarmila Manfredi - Astrophysikerin

Telaa Nomlan - Ortungsoffizierin

Lefty Jandro - Waffenoffizier

Elmon Melnik - Kommunikationsoffizier

Der Liquide - Ein Wesen mit erstaunlichen Eigenschaften.

Brem Lauter, Peggy Matama, Damon Corell - weitere Besatzungsmitglieder der TERRA NOVA

Qorr - Kommandant des Faahrg-Schiffes STOLZ VON FAAHRGON.

Pron Danso - Angehöriger des Sicherheitsdienstes der TERRA NOVA

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Ferne Raumzeit

Aus dem persönlichen Logbuch von Arn Polo, Commander der TERRA NOVA:

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Die Faahrgs sind eine aggressive, insektoide Spezies, deren Machtbereich wir so weit es möglich war, zu umfliegen versucht haben. Sie sind hochintelligent, beherrschen die interstellare Raumfahrt und den Hyperraumfunk. Die über die Fernaufklärung gesammelten und analysierten Daten bestätigen das, was wir bereits bei Zwischenstopps in anderen bewohnten Systemen erfahren haben, wo die Faahrgs als räuberische Aggressoren gefürchtet sind.

Die Insektoiden sind offenbar eingeschlechtlich und vermehren sich durch Cloning, was ihnen die Möglichkeit gibt, innerhalb kürzester Zeit gewaltige Armeen aufzustellen, ansonsten aber die Bevölkerungszahl den jeweiligen planetaren Ressourcen exakt anzupassen.

Den analysierten Daten nach gibt es mehrere Faahrg-Sternenreiche unterschiedlicher Größe, von denen das sogenannte Reich von Faahrgon eine Art Hegemonie über die anderen Reiche ausübt, die offenbar auch häufig untereinander Krieg führen.

Unsicher sind wir noch über das genaue Ausmaß des Einflussgebietes der Faahrgs. Eine militärische Konfrontation versuchen wir unter allen Umständen zu vermeiden.

Was unsere Situation im allgemeinen angeht, so erscheint es immer fragwürdiger, ob wir jemals eine Chance zur Rückkehr erhalten werden.

Eine der wenigen realistischen Optionen wäre gegeben, wenn wir auf einen weiteren Transmitter jener geheimnisvollen, uns unvorstellbar weit überlegenen Rasse fänden, die wir inzwischen als Spezies X bezeichnen.

Wir wissen nicht, ob Spezies X überhaupt noch existiert und ob das Transmitterfeld, in das wir gerieten, uns nicht möglicherweise in eine Region des Universums katapultierte, in der die X-ianer zu keiner Zeit ihrer Geschichte existiert haben. In diesem Fall hätten wir nicht einmal die Aussicht, auf Artefakte ihrer Technik zu stoßen, die uns vielleicht in die Lage versetzen könnten, neue Hoffnung zu schöpfen.

Unsere Situation ähnelt jener eines Insekts, das in das Innere eines Raumschiffs gerät und als blinder Passagier zu einer Lichtjahreweit entfernten Welt gelangt - ohne die Möglichkeit, aus eigener Kraft eine Chance zur Rückkehr zu finden.

Ein anderer Aspekt, der mich in letzter Zeit beschäftigt: Früher oder später werden sich unter den 30 000 Besatzungsmitgliedern an Bord der TERRA NOVA Bestrebungen regen, sich einen Planeten zur Besiedlung zu suchen.

Spätestens dann, wenn die letzte, noch so unrealistische Hoffnung auf Rückkehr schwindet, wird das geschehen, da bin ich mir ganz sicher.

Und dann werden wir alle eine Entscheidung zu treffen haben.

Eine Entscheidung über unsere Zukunft.

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Aus dem persönlichen Logbuch von Jarmila Manfredi, Astrophysikerin, derzeit an Bord der TERRA NOVA:

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Ich bin seit meinen letzten Berechnungen davon überzeugt, dass die TERRA NOVA nicht nur einen räumlichen Sprung von schier unermesslichen Ausmaßen gemacht hat, als sie in das Transmitterfeld der unbekannten Spezies X geriet - sondern, dass zusätzlich ein temporaler Sprung stattgefunden hat. Ich habe heute meine Theorie mit Ras Dashan erörtert. War sehr kontrovers. Das dröhnende Stimmorgan eines drei Meter großen Micraners ist vielleicht nicht gerade das richtige Instrument für feingeistige, mathematisch hochkomplexe Erörterungen, womit ich damit nicht sagen will, dass mir Dashan in seinen Fähigkeiten nicht mindestens ebenbürtig wäre. Eigentlich will ich damit nur sagen, dass einem hinterher die Ohren (und auf Grund der Frequenzen eines Micraners) der Magen wehtun.

Vielleicht war Dashans Reaktion aber auch so heftig, weil er den furchtbaren Tatsachen ebenso wenig ins Auge blicken will, wie die meisten von uns: Die heimatliche Milchstraße und die Erde und alle anderen von Menschen (oder umweltangepassten Micranern, die gerne betonen, wie verschieden sie doch von uns inzwischen seien) besiedelten Welten sind nicht nur räumlich in unerreichbarer Ferne gerückt, sondern vielleicht auch zeitlich.

Ein relativistischer Zeitunterschied von einer oder zwei Milliarden Jahren ist an räumlich so weit entfernten Punkten des Universums sehr schnell erreicht - selbst ohne, dass man die eigentliche und in ihrem Ausmaß bisher völlig unbekannte temporale Wirkung des Transmitterfeldes der X-ianer (wie wir die unbekannten, bisher nur hypothetisch existenten Angehörigen von Spezies X inzwischen nennen) überhaupt in die Berechnungen miteinbezieht.

Vermutlich existiert die Erde, die wir suchen, schon gar nicht mehr. Bisher hat noch niemand an Bord die Konsequenzen, die sich daraus für uns alle ergeben, wirklich bis zu Ende gedacht.

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Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Ras Dashan, abgespeichert in der Datenbank der TERRA NOVA:

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Es ist mitunter wirklich anstrengend, unter Zwergen leben zu müssen. Manchmal träume ich davon, dass die Schwerkraft von Micran angenehm auf mir lastet und mir ein hoher Luftdruck genug Sauerstoff in die Nase drückt, damit ich nicht so häufig atmen muss. Die Geräusche, die dabei entstehen, hören sich für Erdmenschen offenbar des Öfteren wie Unmutsbekundungen an, was den Umgang mit den Kleinen nicht gerade leichter macht. Dass ich mich mit meiner bescheidenen Größe von drei Metern nicht in allen Teilen des Schiffes aufrecht bewegen kann, wenn ich mir nicht den Kopf stoßen will, daran habe ich mich einigermaßen gewöhnt. Daran, dass ich auf zehn Milliarden oder mehr Lichtjahre der Einzige meiner Art bin, ehrlich gesagt noch nicht.

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EIN RUCK GING DURCH das gewaltige Sternenschiff. Arn Polo wurde in den Sitz des Kommandanten hineingedrückt. Die Andruckabsorber schienen für den Bruchteil eines Augenblicks nicht mehr richtig zu funktionieren.

"Was ist los, Reiniger?", fragte Polo.

"Bislang keine Analyse möglich", sagte Reiniger, der zurzeit die Ortungskontrollen auf der Brücke der TERRA NOVA bediente.

"Steuerung und Hyperraumantrieb für eine halbe Sekunde außer Funktion!", meldete unterdessen Tell Gontro, der zurzeit die Funktion des Navigators und Steuermanns inne hatte.

"Erklärung?", fragte Polo.

"Negativ, Captain. Wir hätten zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erklärung. Es sei denn..." Er hielt inne. Das Entsetzen schien ihn gepackt zu haben.

"Unbeabsichtigter Austritt aus dem Hyperraum!", meldete indessen Reiniger. "Fallen auf einen Wert unterhalb der Lichtgeschwindigkeit."

"Hindernis in einer Entfernung von 5,0 auf schräg Backbord", meldete Navigator Tell Gontro. "Absorber auf höchster Stufe. Kursänderung dreißig Grad aufwärts."

"Was zum Teufel ist das?", murmelte Arn Polo.

"Wir bekommen es jetzt auf den Schirm!", meldete Reiniger. Seine Finger glitten über eine virtuelle Tastatur. Er nahm ein paar Einstellungen vor, während sich vor ihm eine dreidimensionale Projektion bildete.

Im nächsten Augenblick erschien auf der zentralen Projektion zur Außensicht das Bild eines Felsbrockens. Er hatte die Form einer Kartoffel. Reiniger meldete dazu die Daten. Das Objekt hatte ungefähr die Größe des Mars, aber eine Masse, die der des Jupiter entsprach. Die Dichte war unwahrscheinlich hoch und entsprechend hoch musste nun auch die Leistungskraft der Andruck- und Gravitationsabsorber sein.

"Abstand weniger als 5,3", meldete Reiniger.

"Schaffen wir es, an dem Ding vorbeizukommen?", fragte Arn Polo.

"Positiv, Commander", bestätigte Tell Gontro.

Auf einer schematischen Darstellung war zu sehen, wie knapp der Rumpf der TERRA NOVA an dem so plötzlich aufgetauchten Objekt vorbeischrammte. Um Haaresbreite!, dachte Arn Polo. Zumindest im kosmischen Maßstab betrachtet...

Tell Gontros Gesicht war weiß wie die Wand.

Der Navigator atmete tief durch, als er sich schließlich zurücklehnte. "Das war sehr knapp", gestand er dann.

"Arbeitet der Hyperraum-Antrieb wieder?", fragte Arn Polo.

"Antrieb funktioniert einwandfrei", bestätigte Tell Gontro.

"Spricht irgend etwas dagegen, dass wir wieder auf Überlicht gehen?"

"Nein, Sir."

Arn Polo wandte sich auch noch an Reiniger, der ja die Ortungsanzeigen im Blick hatte. "Von meiner Seite auch nicht. Es gibt keine ungewöhnlichen Objekte in der Nähe. Die Beinahe-Kollision mit dem Felsbrocken hätte uns überall bei einem unkontrollierten Hyperraumaustritt passieren können."

"Gut", murmelte Arn Polo. Oder vielmehr: Gar nicht gut!, ging es dem Commander der TERRA NOVA durch den Kopf. Die Ursache für dieses Vorkommnis war schließlich noch nicht gefunden. "Reiniger, ich möchte, dass Sie die Ursache für unseren plötzlichen Hyperraum-Austritt finden. Verständigen Sie den Chefingenieur und führen Sie eine Selbstanalyse des Systems durch."

"In Ordnung, Sir", bestätigte Reiniger, dessen Finger bereits über ein weiteres, aus Arn Polos Perspektive leicht durchscheinend wirkendes virtuelles Tastaturfeld schnellten.

Reiniger war in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Er traute der Gedankensteuerung der Menues nicht. Manch einer konnte eben das holografische Zeitalter irgendwie einfach nicht innerlich hinter sich lassen. Aber hier draußen, buchstäblich am Ende des Universums, hatte das alles ohnehin nicht so eine große Bedeutung, wie Arn Polo fand.

Der Commander der TERRA NOVA erhob sich aus seinem Schalensitz aus reiner Formenergie. Der Sitz bildete sich daraufhin zurück und verschwand im Boden. "Mister Reiniger, Sie führen das Kommando hier. Verständigen Sie mich bitte über jede Unregelmäßigkeit. Und ich möchte außerdem darüber in Kenntnis gesetzt werden, wann wir nun tatsächlich die Grenze des Faahrg-Imperiums verlassen haben."

"Aye, aye, Sir!", bestätigte Reiniger.

Arn Polo verließ daraufhin die Brücke. Eine Schiebetür schloss sich hinter ihm und die Aufzugskabine brachte ihn in ein anderes Deck.

Glücklicherweise war der Commander der TERRA NOVA in diesem Augenblick allein.

Er schloss für einen Moment die Augen und wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht.

Ich hoffe nur, dass unser Schiff nicht langsam anfängt, auseinanderzufallen, ging es ihm durch den Kopf.

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ARN POLO BETRAT DIE Offiziersmesse der TERRA NOVA. Marout Huisener und Jon Kamler warteten dort bereits. Der drei Meter große Micraner Ras Dashan traf etwas später ein und war dabei in eine heftige Diskussion mit Jarmila Manfredi verwickelt. Die Astrophysikerin wollte Dashan die Auswirkung irgend eines relativistischen Problems überzeugen, was der Micraner nur mit dröhnenden Knurrlauten quittierte.

Commander Polo setzte sich, nachdem die anderen bereits Platz genommen hatten.

Für Ras Dashan gab es ein Sitzmöbel aus Gestaltenergie, dass sich einer gewaltigen Körpermasse anpasste.

"Ich hatte um einen Situationsbericht gebeten", sagte Arn Polo.

"Die Situation an Bord ist stabil", meinte Huisener. "Es gibt keinen Anlass, sich über psychische Instabilität Sorgen zu machen, außer in Einzelfällen. Aber inzwischen sind wir bereits so lange fort, dass die meisten sich mit der Situation arrangiert haben, möglicherweise nie wieder in die heimatliche Galaxis zurückkehren zu können."

"Die Anstrengungen, die wir unternommen haben, waren enorm", ergänzte Jarmila. "Und auch wenn sie letztlich nicht von Erfolg gekrönt waren, hatten sie doch den Effekt, dass weniger Zeit für depressive Gedanken blieb."

"Ja, aber das war eigentlich nicht der Hauptzweck dieser Übung", sagte Arn Polo.

"Wir sollten uns der Realität stellen", mischte sich nun Jon Kamler ein.

"Und die lautet Ihrer Ansicht nach, Jon?", fragte Polo.

Jon Kamler hob die Augenbrauen. "Ich habe mit Jarmila darüber lange gesprochen und wir sind einer Meinung."

"Und ich bin anderer Auffassung!", sagte Ras Dashan. "Es muss einen Weg zurück geben!" Der Micraner schlug mit der Faust auf den Tisch, der glücklicherweise ebenso aus formbarer, nachgiebiger Gestaltenergie war wie sein schalenförmiges Sitzmöbel, das im Fall des Micraners Ausmaße hatte, die fast an die Kapitänskabine an Bord der TERRA NOVA herankamen.

"Sie sollten sich mäßigen, Ras", sagte Arn Polo. "Vor allem für den Fall, dass eine Rückkehr entgegen Ihrer Ansicht doch definitiv ausgeschlossen sein sollte. Denn dann dürfte jegliche zerstörte Technik an Bord schwer zu ersetzen sein.”

Dashan strich über den Tisch aus Gestaltenergie, der inzwischen seine ursprüngliche Form wieder eingenommen hatte. "Ich will damit nur sagen, dass wir uns nicht zu früh zufrieden geben sollten..."

Arn Polo wandte sich an Jarmila. "Vielleicht führen Sie Ihren Standpunkt mal etwas aus", sagte der Kommandant der TERRA NOVA.

"Wir wurden von einem Augenblick zum anderen, also in Nullzeit oder einem Wert, der der Nullzeit sehr nahe kommen muss, an einen Ort versetzt, der Milliarden Lichtjahre von unserer Heimatgalaxis entfernt ist, weil wir wohl unbeabsichtigterweise in den Einflussbereich eines Transmittertransportsystems gerieten, das von einer unendlich überlegenen Spezies irgendwann installiert wurde. Möglicherweise hat es sogar das Ende dieser Spezies, die wir der Einfachheit halber mal Spezies X nennen wollen, überlebt."

"Vermutlich basiert das ganze auf der Quantenfernwirkung", sagte Huisener. "Dieses Phänomen ist relativ gut erforscht, nur konnte es bislang von unserer, im Vergleich zu Spezies X sicher unvergleichlich rückständigen Technologie, bisher nicht einmal ansatzweise nutzbar gemacht werden."

"Ein Problem ausreichender Energie", sagte Jarmila.

"Die vermutlich für die Übertragung einiger weniger Moleküle so groß sein müsste, wie die Energie des ganzen Universums", meinte Kamler.

"Nein, ich spreche eher von der Energie des menschlichen Willens. Von der Energie, mit der man an die entsprechenden Forschungen herangegangen ist - nicht von den Kleinigkeiten, die Sie erwähnt haben."

Huisener lächelte.

"Sicher..."

"Unser Problem ist nicht die Entfernung, sondern die Zeit", sagte Jarmila. “Versetzt man jemanden von Galaxis A nach Galaxis B, dann bewegen sich diese beide Galaxien möglicherweise relativ zueinander mit einem Wert nahe der Lichtgeschwindigkeit voneinander fort."

"Auf jeden Fall in einem Geschwindigkeitsbereich, in dem die Zeitdilatation relevant ist", stimmte Jon Kamler zu.

"Richtig", nickte Jarmila.

Arn Polo hob die Augenbrauen. "Das heißt, es können Millionen Jahre in unserer Heimatgalaxis vergangen sein, während wir an Bord der TERRA NOVA nur die wenigen Jahre erlebt haben, die wir nun schon durch diesen Abschnitt des Kosmos irren."

Jarmila sah Arn Polo an.

"Diese Jahre SIND vergangen", korrigierte sie. "Der Konjunktiv ist da unangebracht. Und davon abgesehen sind es wohl nicht nur Millionen Jahre, sondern möglicherweise Milliarden."

"Es könnte also sein, dass die Galaxis, aus der wir kommen, gar nicht mehr existiert", sagte Kamler.

"Sie müsste längst mit dem Andromedanebel kollidiert sein", ergänzte Marout Huisener. "Unsere Erde existiert ohnehin nicht mehr. Ebenso wie das Sol-System. Vorausgesetzt, diese Theorie entspricht der Wahrheit."

"Wir könnten durch einen Hyperbelflug die Gravitation einer Sonne ausnutzen und die Zeitschranke durchstoßen", meinte Ras Dashan. "Das ist riskant, aber immerhin wäre es möglich."

"Und was würde uns das helfen?", fragte Huisener. "Selbst, wenn wir zeitlich gesehen wieder mit der kosmischen Region, aus der wir kommen, gewissermaßen auf einer Ebene sind, bleibt die räumliche Distanz bestehen, bei deren Überwindung wiederum ähnlich gelagerte Temporalprobleme aufträten!"

Über Interkom meldete sich die Brücke.

Eine Projektion erschien vor Arn Polo. Sie zeigte Gesicht und Schultern eines Brückenoffiziers, der dort gerade das Kommando führte.

"Hier Reiniger."

"Was gibt es?", fragte Arn Polo.

"Wir verlassen gerade den Einflussbereich der Faahrgs. Sie baten darum, Ihnen Bescheid zu geben."

"Danke", sagte Arn Polo. "Gibt es irgend etwas Aufregendes von den Fernabtastern?"

"Negativ, Commander."

"Lassen Sie die erhöhte Alarmbereitschaft auf dem gesamten Schiff in Kraft, Reiniger."

"In Ordnung.

Reiniger unterbrach die Verbindung.

Arn Polo sagte: "Wir haben uns lange im Einflussbereich der Faahrgs aufgehalten, aber es jetzt lassen wir ihn hinter uns. Ich bin gespannt, was da draußen noch alles auf uns wartet."

"Wir sollten ein Entscheidung herbeiführen", dröhnte der Micraner Ras Dashan. "Und zwar die Richtige!"

"Und wenn wir beim Durchstoßen der Raumzeitschranke nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft landen?", fragte Jarmila an den Riesen gerichtet.

"Sie meinen: Noch weiter in der Zukunft", ergänzte Arn Polo.

Jarmila nickte. "Ja, so wäre die präzisere Formulierung", gab sie zu. "Und selbst wenn wir den richtigen Zeitvektor erwischen, so können wir diese Effekte kaum vorausberechnen. Die Risiken sind völlig unkalkulierbar."

"Commander?", wandte sich Ras Dashan an Arn Polo.

Dieser lehnte sich zurück.

Der Sessel aus Formenergie passte sich seinem Rücken an. "Wir werden unabhängig voneinander zwei Simulationen erarbeiten. Sie, Jarmila werden mit einem Team die erste übernehmen und Sie, Ras, die zweite. Und dann sehen wir weiter."

"Das wird einen erheblichen Teil unserer Rechnerkapazitäten verbrauchen", gab Jon Kamler zu bedenken.

Arn Polo sah ihn an. "Bevor wir so eine Entscheidung treffen, sollten wir zumindest eine klare Datenlage haben, finde ich", sagte Polo. "Risiko und Chancen müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen."

"Und Sie sollten die Besatzung nicht außer Acht lassen", fand Kamler.

Arn Polo hob die Augenbrauen. "Habe ich das je getan, Jon?"

"Sie werden sie befragen müssen, Arn. Das können Sie nicht allein entscheiden."

"Das ist mir wohl bewusst", seufzte Arn Polo.

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REINIGER SCHLUG DIE Beine übereinander, nachdem er im Sitz des Kommandanten Platz genommen hatte. Er führte derzeit das Kommando an Bord der TERRA NOVA.

"Raumzeitverzerrungen auf dreißig Grad Steuerbord", meldete die diensthabende Ortungsoffizierin. Sie hieß Telaa Nomlan und machte ihren Job mit besonderer Gewissenhaftigkeit, da sie noch neu auf diesem Posten war.

"Bestätige!", meldete Navigator Tell Gontro.

"Können Sie etwas zur Struktur dieser Verzerrungen sagen?", fragte Reiniger.

"Nein, Sir", sagte Telaa Nomlan. "Die Daten sind äußerst widersprüchlich. Die Analysevorschläge der Rechnersysteme ergeben keinen Sinn und widersprechen sich ebenfalls."

Reiniger runzelte die Stirn.

Eine Sekunde verstrich. Eine Zweite.

Er dachte darüber nach, ob er den Commander verständigen sollte. Aber das erübrigte sich. In diesem Augenblick öffnete sich eine der Schiebetüren, die zur Zentrale der TERRA NOVA führten. Commander Arn Polo trat ein, zusammen mit seinem Stellvertreter und Ersten Offizier, Subcommander Jon Kamler.

"Phänomen nicht mehr messbar!", meldete Telaa Nomlan dann.

"Leiten Sie eine Überprüfung der Daten und eine weitere Selbstüberprüfung der Systeme ein", verlangte Reiniger und dachte: Mal sehen, ob diesmal etwas dabei herauskommt.

Die letzte, von Commander Polo nach dem ungeplanten Hyperraumaustritt vorgenommene Selbstüberprüfung des Systems war ohne Ergebnis beendet worden.

Aber das hieß nur, dass die Prüfroutine nicht in der Lage war, den Fehler zu finden - nicht, dass kein Fehler existierte.

"In Ordnung, Sir", bestätigte die Ortungsoffizierin.

Ihre Finger glitten über die virtuellen Kontaktpunkte der Bedienungsoberfläche ihrer Konsole. Die entsprechenden Tests waren schnell abgeschlossen.

Das Ergebnis war eindeutig.

"Das Phänomen ist nicht mehr nachweisbar", erklärte sie.

"Aber es war doch da?", stellte Reiniger fest.

"Da bin ich mir nicht mehr sicher... Ich..." Die Ortungsoffizierin stutzte. Sie fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht.

"Ist Ihnen nicht gut?", fragte Reiniger.

"Nein, Sir, alles in Ordnung."

"Das sieht mir aber nicht so aus."

"Sir, es ist einfach nur so, dass es keinerlei Aufzeichnungen über die Anomalie in den Systemen gibt. So als hätte sie nie existiert!"

"Das könnte eine mögliche Folge einer sehr schweren Anomalie sein", mischte sich Tell Gontro ein. "Theoretisch ist das Problem oft genug beschrieben worden. Es ist als McFarlane-Paradox bekannt und wurde uns auf der Terranischen Raumakademie gelehrt."

"Wie schön, dass Sie da offenbar gut aufgepasst haben", sagte die Ortungsoffizierin.

Ihr Gesicht veränderte sich, während sie auf die Anzeigen blickte.

Reiniger wandte sich unterdessen an Polo und erhob sich aus dem Kommandantensitz. “Ich übergebe an Sie, Commander.”

“Verstanden”, sagte Polo.

In diesem Augenblick wurde der Alarm ausgelöst.

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ES WAR EIN EINDRINGLINGSALARM mit maximaler Gefahrenklasse. Holografische Anzeigen bauten sich auf und Meldungen wurden angezeigt.

"Commander, ein Objekt dringt ins Schiff ein. Position ist identisch mit...." Weiter kam die Ortungsoffizierin nicht.

Eine Erschütterung durchlief das gesamte Schiff.

"Teilweiser Ausfall der Andruckabsorber!", rief Tell Gontro.

"Bericht aus dem Maschinendeck!", verlangte Jon Kamler über Interkom. Aber dort meldete sich niemand. Die Verbindung blieb tot. Selbst nachdem Jon Kamler seinen Platz an einer der Konsolen eingenommen und einige Schaltungen vorgenommen hatte, trat keine Verbesserung ein.

Eine Holoanzeige baute sich auf und zerplatzte in einem blendend weißen Lichtblitz. Das passierte mehrfach hintereinander. So als ob ein System in einer Routine gefangen war, aus der das System nicht mehr herausfand.

"Reinitialisierung der Teilsysteme A, F und C3!", kündigte Tell Gontro an.

"Das geht nicht ohne Datenverlust!", gab Kamler zu bedenken. "Commander?"

"Führen Sie es durch, Gontro!", befahl Commander Polo.

Tell Gontro betätigte daraufhin die Schaltung.

Ein Großteil der Anzeigen auf der Brücke der TERRA NOVA verlosch daraufhin. Selbst der Haupt-Holoschirm, der eine Projektion der unmittelbaren kosmischen Umgebung anzeigte, war für einige Momente tot.

Dann erschien dort etwas.

Wie aus dem Nichts kam aus dem Hauptschirm eine Gestalt heraus, taumelte vorwärts, ging zu Boden und rollte sich auf dem Boden ab. Die Gestalt war humanoid und ähnelte einem Menschen. Der Körperbau erschien männlich. Die Schultern waren breit, das Becken schmal. Der Kopf hatte eine langgezogene Form.

Der Fremde bestand vollkommen aus einem silbern schimmernden Metall, das flüssig zu sein schien und dennoch eine Form bildete.

Eine Form, die sich immer wieder veränderte und offenbar auch nicht vollkommen festgelegt war.

Liquide!, dachte Arn Polo. Flüssig wie Quecksilber. Das ist das der passende Begriff.

Der Liquide erhob sich.

Er wandte den Kopf.

Es war nirgends erkennbar, ob er Augen besaß. Eine silberfarben-metallische Schicht bedeckte ihn plötzlich überall und schien ihn für einen kurzen Moment erstarren zu lassen. Man konnte sich in dieser Oberfläche spiegeln. Aber schon mit der ersten Bewegung gewann er seinen metallisch-liquiden Zustand zurück. Er bildete ein zusätzliches Armpaar aus, das sich dann aber wieder zurückzog und mit seinem Körper verschmolz.

“Analyse, Telaa!”, rief Polo. “Ich will wissen, was das für ein Ding ist.”

“Negativ. Es sind keine genauen Aussagen möglich”, erklärte Telaa Nomlan. Die Ortungsoffizierin runzelte die Stirn, während sie einen kurzen Blick auf die Anzeigen warf, die offenbar äußerst befremdlich waren. “Die Daten des Scans passen in kein Muster.”

“Könnte es sein, dass der unfreiwillige Hyperraumaustritt und die damit einhergegangen Störungen etwas mit diesem Eindringling zu tun haben?”

“Sehr wahrscheinlich. Die Struktur dieses Objekts widerspricht jeglichen Gesetzen von Chemie und Physik, so wie wir sie kennen... Es ist ein bisher unbekannter Zustand zwischen Energie und Materie, aber...”

“Sagen Sie Jarmila Bescheid und übermitteln Sie die Daten an ihr Astrolabor”, befahl Polo.

“Aye, Sir.”

“Außerdem: Sicherheitsdienst auf die Brücke und präzisieren Sie das Alarmsignal für Eindringlinge fremder Lebensformen.”

Die metallisch-flüssige Gestalt nahm jetzt immer stärker eine humanoide Form an. Fast schien es so, als versuchte der Fremde, die Körperformen der auf der Brücke der TERRA NOVA befindlichen Menschen so gut es diesem Wesen möglich war, nachzuahmen.

"Commander, er versucht auf einer ungewöhnlichen Frequenz mit uns in Kontakt zu treten!", meldete Jon Kamler. "Ich habe hier ein paar eigenartige Parameter..."

"Benutzt er einen Code, den wir entschlüsseln können?", fragte Arn Polo.

"Negativ, Sir."

In diesem Augenblick öffnete sich die Schiebetür, die zur Brücke der TERRA NOVA führte.

Marout Huisener betrat die Brücke.

Der Liquide drehte sich zu ihm um. Vielleicht hatte das plötzliche Auftauchen Huiseners den Liquiden irritiert. Jedenfalls machte die metallisch-flüssige Gestalt eine blitzschnelle Bewegung, zerfloss dann vor aller Augen und löste seine Form vollkommen auf. Der Liquide zerrann zu einer Lache glänzenden, flüssigen Metalls auf den Boden und zog dann in diesen ein. Und obwohl es sich dabei um ein für menschliche Verhältnisse absolut sicheres, undurchlässiges Material handelte, schien es diese Flüssigkeit geradezu aufzusaugen.

Wie ein Schwamm.

Augenblicke später war nichts mehr davon zu sehen.

Der Fremde war einfach verschwunden, seine Materie vom Boden völlig absorbiert.

“Was ist hier los?”, fragte Marout Huisener irritiert.

Aber die entsprechenden Warnleuchten für den Eindringlingsalarm machten Huisener schon einen Sekundenbruchteil später klar, wie naiv seine Frage war - und dass die Lage wirklich sehr ernst sein musste.

“An alle Decks!”, sagte Polo. “Hier spricht der Commander. Wir haben ein Wesen an Bord, das aus einer flüssigen, metallisch wirkenden Substanz besteht und dessen genaue Eigenschaften uns bislang unbekannt sind. Es vermag Materie zu durchdringen und seine Körperform zu verändern. Wer irgendeine verdächtige Beobachtung macht - und dazu zählen auch anormale Messwerte an Kontrollsystemen aller Art, verständigt sofort die Brücke. Ich wiederhole: Es wird sofort die Brücke verständigt.  Wir wissen bisher weder etwas über die Absichten dieses Wesens, noch ob eine Gefahr von ihm ausgeht und wenn ja, welches Ausmaß diese Gefahr hat! Polo Ende.”

Polo holte tief Luft.

“Da sind wir gerade dem Imperium der Faahrgs entkommen, da fliegen wir geradewegs in diesen Irrläufer herein”, meinte Jon Kamler, der dann für ein paar Augenblicke ziemlich intensiv mit den Kontrollen seiner Konsole beschäftigt war. “Ich habe mir hier die Ortungsdaten anzeigen lassen”, fuhr er dann fort. “Das sind wirklich höchst eigenartige Daten...”

Über eine Holoprojektion erschien das Gesicht von Jarmila Manfredi. “Commander?”

“Sagen Sie bloß, Sie haben aus dem spärlichen Datenmaterial bereits etwas herausfiltern können, was uns weiterbringen könnte!”, staunte Arn Polo nicht schlecht. Aber bei Jarmila Manfredi brauchte man sich da nicht unbedingt zu wundern. Sie war äußerst schnell und hoch begabt. Dass sie selbst unter ungünstigsten Bedingungen sehr schnell zu Resultaten kam, war allseits bekannt.

Ihr feingeschnittenes Gesicht blieb nahezu unbewegt. Die Projektion schien Polo anzusehen. “Es hat eine schwere Raumzeitverzerrung gegeben. Anders lassen sich die Messwerte nicht erklären, aber wenn man das zu Grunde legt, dann ergeben sie vielleicht einen Sinn”, war Manfredi zuversichtlich.

“Können Sie das etwa näher erläutern?”, fragte Arn Polo.

“Nun, Commander, möglicherweise ist diese Kreatur - wenn der Begriff von biologischem Leben, das wir zu Grunde legen überhaupt auf ihn oder es zutreffen, was noch längst nicht sicher ist - nicht nur von weit her zu uns gekommen, sondern auch aus einer anderen Zeit.”

Arn Polo atmete tief durch.

“Sowas hat uns gerade noch gefehlt”, seufzte er.

Der unfreiwillige Sturz aus dem Hyperraum und dieser liquide Fremde mussten in irgendeiner Weise zusammenhängen. Hatte allein das Auftauchen dieses Wesens für die schwere Raumzeitverzerrung gesorgt?

Die Gedanken rasten nur so durch Polos Kopf.

Wir werden auf der Hut sein müssen, dachte der Commander der TERRA NOVA.

Das war nicht nur die Invasion eines einsamen Aliens aus einer entlegenen Gegend des Kosmos.

Es war vielleicht auch ein Eindringling aus einer anderen Dimension, einem anderen Kontiniuum oder...

...einer anderen Zeit?, fragte sich Arn. Dass es zu dieser schweren Raumzeitverzerrung gekommen ist, könnte genau darin eine Ursache haben.

Aber das war ein Problem, um das sich Leute wie Jarmila Manfredi und Ras Dashan den Kopf zerbrechen sollten. 

––––––––

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DER LIQUIDE WARTETE.

Er verteilte seine Körpersubstanz in den Zwischenräumen des dichten Polymolekülgitters, aus dem die Substanz bestand, die die Brücke der TERRA NOVA von den darunterliegenden Decks trennte. Eine Substanz, die dicht genug war, um Sauerstoff zu halten, feinste Partikel davon abzuhalten, diese Barriere zu passieren und selbst Nanostäuben keine Chance ließ. Eine Substanz, die so isolierend war, dass sie als Außenhaut des Raumschiffs hätte dienen können und diese Funktion sogar erfüllen musste, für den Fall, dass das gewaltige Raumschiff  durch feindlichen Beschuss sehr stark beschädigt worden wäre.

Was soeben geschehen war, hatte nicht einmal der überlegene Geist des Liquiden voll und ganz verstanden. Er war noch dabei, die Situation zu analysieren.

Und je nach dem, zu welchen Ergebnissen er dabei gelangte, würde er daraus die nötigen Schlüsse ziehen und dann entsprechend handeln.

EIN ZUSAMMENSTOSS, dachte er. MAN KANN ES AM BESTEN MIT DEM ZUSAMMENSTOSS ZWEIER KÖRPER VERGLEICHEN. ICH UND DIESES RAUMSCHIFF...

Aber diese eher aus dem Gefühl gewonnene Erkenntnis brachte ihn kaum weiter.

Auch nicht, was die Beurteilung jener Wesen anging, in deren Raumschiff er sich jetzt befand.

KEINE HANDLUNG OHNE ANALYSE.

Das war ein Grundsatz, den man ihm vor unvorstellbar langer Zeit einmal beigebracht hatte. Ein Grundsatz, dem zu folgen nicht immer ganz einfach war.

JETZT GILT ES ERSTMAL, SICH ZU VERBERGEN.

Der Liquide verteilte seine Materie weiter, dehnte sie so weit aus, dass sie selbst durch verfeinerte Messmethoden, wie er sie diesen humanoiden Raumfahrern durchaus zutraute, nicht aufzuspüren war.

So hoffte er zumindest.

Denn alles andere hätte nur das Auftreten unvorhergesehener Probleme begünstigt. Und das wollte er nach Möglichkeit vermeiden.

Er veränderte die Struktur seiner ausgedünnten Körpersubstanz, als er die Abtastung durch die Ortungssysteme des Schiffes registrierte. Herr sein über die Materie des eigenen Körpers - das war ein Ideal, dem nachzustreben er sich ebenso sehr bemüht hatte, wie viele andere von seiner Art. Kein Sklave der eigenen Molekularstruktur sein. Leben heißt Veränderung. So hatte man es ihm beigebracht und er hatte es darin zu einem Grad an Beherrschung gebracht, der selbst für Seinesgleichen der Perfektion schon recht nahekam.

JETZT, so dachte er, SOLLTET IHR NICHTS MEHR VON MIR BEMERKEN. SELBST MIT DER BESTEN TECHNISCHEN UNTERSTÜTZUNG EURER UNVOLLKOMMENEN SINNE NICHT.

Er war jetzt in eine Zustand, der außerordentlich fragmentiert war. Die kleinsten Nanopartikel seiner Körpersubstanz hörten trotz allem nicht auf, sich als Teile eines Ganzen zu empfinden und ihre Zusammengehörigkeit stets wirksam bleiben zu lassen. Auch dann, wenn die Fragmentierung  selbst die Molekular-Ebene erfasst hatte und vielleicht sogar bis zur der Ebene der Elementarteilchen voranschritt. Nichts ging an der enthaltener Information verloren. Auf Quantenebene waren all diese Teilchen nur ein einziger Organismus und blieben miteinander verschränkt, so lange der Eigenwille des Liquiden stark genug blieb, um dies zu gewährleisten.

Notfalls konnte er auf diese Weise als dahinschießender Plasmastrom im freien Weltraum überleben. Und zwar selbst dann, wenn zwischen den kleinsten Teilchen, aus denen er bestand, ein Abstand war, der seine Erscheinung für eine Spezies mit oberflächlichem Sensorium als veritables Vakuum erscheinen ließ mit einer mittleren Dichte von nur wenigen Elementarteilchen pro Kubikmeter Raum.

ES IST ETWAS GESCHEHEN, WAS ICH NICHT VORHERGESEHEN HABE, dachte der Liquide und drosselte sogleich seine Gedankenkraft auf ein Minimum. Auch wenn er nicht annahm, dass die Spezies, auf deren Raumschiff er gelandet war, telepathisch begabt war (um das anzunehmen, bauten sie einfach zu schlechte Raumschiffe, wie der Liquide fand), so war es doch besser, in diesem Punkt auf Nummer sicher zu gehen.

DIE ANALYSE DES GESCHEHENS IST EXTREM SCHWIERIG, erkannte er inzwischen. ABER DAS SOLLTE FÜR JEMANDEN, DER DOCH IMMERHIN DIE PRÜFUNG EINES LICHTWÄCHTERS ABGELEGT HAT, WIE DU, KEIN UNÜBERWINDBARES HINDERNIS DARSTELLEN.

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ZWEI IRDISCHE STANDARD-Bordtage vergingen, ohne dass der Eindringling geortet werden konnte.

Es gab keinerlei Messdaten, die noch auf die Anwesenheit des Liquiden an Bord der TERRA NOVA hingewiesen hätten. Trotzdem hatte Commander Arn Polo den Eindringlingsalarm noch nicht aufgehoben. Er war weiterhin in Kraft.

Zwar war keine messbare Aktivität von dem Eindringling ausgegangen, aber ebenso wenig war es möglich gewesen, auch nur das geringste Anzeichen dafür zu finden, dass der Liquide die TERRA NOVA wieder verlassen hatte.

Reiniger saß während seiner Freischicht zusammen mit Ras Dashan in einem der Aufenthaltsräume, die das gewaltige Schiff bereithielt und in denen sich ein Großteil des Soziallebens der über dreißigtausend Besatzungsmitglieder abspielte. Die Kabinen waren schließlich auf Grund der großen Zahl von Besatzungsmitgliedern, alles andere als paradiesische Bedingungen. Sie waren eng und klein und boten nur ein Minimum an Privatheit in diesem Schiff, wo nichts knapper war als das.

Reiniger spielte mit Dashan Schach. Annähernd unverändert hatte dieses alt-terranische Spiel die Jahrtausende überlebt.

Ein Spiel, bei dem der Geist und die Fähigkeit zu strategischem Denken zueinander gemessen wurde und letztlich über Sieg oder Niederlage entschied.

Auf dem breite Gesicht des drei Meter großen (und ebenso breiten) Micraners erschien nach Reinigers letztem Zug eine tiefe Furche.

“Ich hoffe nicht, dass ich Sie vor ein unlösbares Problem stelle, Ras”, sagte Reiniger.

“Ich beherrsche die Regeln dieses Spiels noch nicht so lange wie Sie, Bount, und bin Ihnen gegenüber deswegen im Nachteil.”

“Spielt man kein Schach auf Micran?”, fragte Reiniger.

“Es ist nicht sehr verbreitet dort”, sagte Ras Dashan und bemühte sich dabei, seine Stimme in Verbindung mit seinem massigen Körper so wenig Infraschall wie möglich erzeugen zu lassen, da er wusste, dass der von Menschen zwar nicht gehört werden, aber als unangenehmes Drücken in der Magengegend empfunden werden konnte.

Micran lag eigentlich außerhalb der habitablen Zone seiner Sonne. Aber da es sich um eine Supererde mit fünffacher Erdgravitation handelte, blieb dort Wasser bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt flüssig und es hatte sich Leben entwickeln können. An Bord der TERRA NOVA herrschte künstliche Gravitation auf Erdniveau - und diese für micranische Verhältnisse sehr geringe Schwerkraft macht Ras Dashan hin und wieder gesundheitlich zu schaffen. Nur in seinem eigenen Quartier - das aufgrund von Dashans körperlichen Ausmaßen nur ein umgebauter Lagerraum sein konnte und keine der Standardkabinen - war die künstliche Bordschwerkraft auf micranisches Niveau hochgeregelt worden. Dort erholte sich Dashan von den Strapazen des leichten Lebens, wie er es oft scherzhaft formulierte. Und außerdem trainierte er dort seine Muskulatur, die ansonsten in ständiger Gefahr war, innerhalb kurzer Zeit durch mangelnde Beanspruchung massiv zu schrumpfen.

Reiniger machte einen Zug. Dashan sah sich grübelnd das vom Bordrechner auf den Tisch projizierte Spielfeld an und versuchte dann, angemessen zu reagieren - nur um im nächsten Moment zu begreifen, dass sein Gegenüber ihn mattgesetzt hatte.

Zum dritten Mal hintereinander in weniger als fünf Zügen matt.

Das ist deprimierend, fand Dashan.

Der gewaltige Micraner lehnte sich zurück. Der Sitz aus Formenergie, der in Dashans Fall einige ganz besondere Anpassungsleistungen vollbringen musste, schmiegte sich dabei perfekt an den Körper des nahezu quadratisch gebauten Riesen.

“Sie sind clever, Bount”, stellte Dashan dröhnend fest.

“Tja, meine Eltern haben mich nach einem alt-irdischen Krimihelden benannt: Bount Reiniger, ein Privatdetektiv aus New York zu Beginn der frühen Weltraum-Ära, als die Menschheit stolz darauf war mit einem Shuttle ins Erdorbit zu kommen und zum Mond geflogen zu sein. Sie dachte wohl, ich sollte so clever wie dieser Detektiv werden, und was soll ich sagen? Bis auf den hässlichen mittlere Vornamen, den mir meine Eltern noch zusätzlich vermachten, gibt es kaum einen Unterschied zwischen Bount Reiniger dem Detektiv und mir!” Reiniger grinste.

“Ich werde das mal überprüfen”, sagte der Micraner. “Vermutlich sind die Abenteuer dieses Detektivs in der Bibliothek unseres Bordrechners enthalten.”

“Das sind sie.”

“Und was ist das für ein zweiter Vorname, mit dem Sie gestraft wurden?”

“Verraten Sie es nicht weiter?”

“Ich nehme an, dass das ohnehin jeder erfahren könnte, der Zugang zu Ihrem Datenprofil hat.”

“Ja, aber man muss ja niemanden auf die Idee bringe, dort nachzusehen.”

“Wie Sie meinen.”

Reiniger hob die Augenbrauen.

Er zögerte.

Dann sagte er: “Bount Tiberius Reiniger. So heiße ich vollständig. Und fragen Sie mich bitte nicht, wer in unserer Familie Tiberius genannt wird oder woher dieser Schwachsinn wohl gekommen sein mag.”

“Der Grund für Ihr Entsetzen entzieht sich meiner Vorstellungskraft”, sagte Dashan. “Aber was hindert Sie daran, Ihren Namen zu ändern?”

“Der Respekt gegenüber meinen Eltern.”

“Denen Sie vermutlich ebenso wenig wieder begegnen werden wie ich meinem Clan auf Micran.”

“Ja, schon deswegen, weil sie tot sind. Sie starben bei einem der Angriffe der Invasoren aus Magellan.”

Die beiden Besatzungsmitglieder der TERRA NOVA schwiegen eine Weile.

Schließlich ergriff Bount Tiberius Reiniger als erster wieder das Wort. “Das alles ist bedeutungslos geworden. Sie haben es gerade so beiläufig dahingesagt, aber Sie haben natürlich recht, Ras.”

“Mit meiner Feststellung, dass wir unsere Heimatwelten nicht mehr wiedersehen werden?”

“Ja”, sagte Reiniger tonlos.

“Die Aussichten stehen jedenfalls nicht besonders gut, da haben Sie zweifellos recht”, bestätigte Dashan.

“Für Sie muss es noch viel schlimmer sein, als für mich und die anderen”, glaubte Reiniger. “Von meiner Art gibt es schließlich dreißigtausend Nasen an Bord der TERRA NOVA. Aber Sie sind quasi der einzige Micraner im Umkreis von was weiß ich wie vielen Lichtjahren.”

Ras Dashan nickte.

“Der letzte meiner Art. Vielleicht werde ich mich daran gewöhnen müssen, auch wenn es mir nicht gefällt.”

Reiniger deutete auf das Schachbrett.

“Noch eine Partie?”

Dashan schüttelte den Kopf.

“Lieber nicht. Sie sind mir zu clever, Tiberius.”

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PLÖTZLICH VERSCHWAND der Sitz aus Formenergie, der sich gerade noch an den gewaltigen Körper des umweltangepassten Micraners geschmiegt hatte. Ras Dashan stieß einen lauten, dröhnenden Schrei aus, der Bount Tiberius Reiniger für einen Augenblick schmerzverzerrt das Gesicht verziehen ließ.

Der riesenhafte Micraner stürzte zu Boden. Er rollte sich geradezu panikartig herum, als er bemerkte, dass sich eine bronzefarbene Struktur aus dem Boden heraushob. Diese Struktur veränderte sich, zerfloss, bildete Lachen wie eine vergossene Flüssigkeit. Eine Hand mit sechs Fingern hob sich aus dem Boden heraus, dann ein Gesicht.

Der Liquide!, durchfuhr es Reiniger.

Er aktivierte seinen Kommunikator.

“Energetisches Eindämmungsfeld auf Deck 55!”, rief er. “Eindringling in der Bodenstruktur lokalisiert! Verkürzte biometrische Autorisationsabfrage für Subcommander Bount Tiberius Reiniger für den Alarmfall starten.”

Von der Decke senkte sich ein bläuliches Schimmern.

Es hüllte sowohl Dashan als auch Reiniger ein - und darüber hinaus einen Großteil des Aufenthaltsraums von Deck 55.

Auch der Liquide war innerhalb des Feldes.

Offenbar konnte er nicht daraus entkommen.

Oder er wollt gar nicht. In diesem Punkt war sich Reiniger nicht sicher, als der Fremde sich nun aus dem Boden heraus erhob und die quasi-humanoide Gestalt annahm, in der er zuvor bereits auf der Brücke erschienen war.

Das Gesicht des Liquiden veränderte sich, während er Reiniger ansah.

Oder anzusehen schien, wie man wohl exakter sagen musste, denn ob die Vertiefungen in der Mitte seines Kopfes wirklich Augen waren, stand natürlich überhaupt nicht fest. Menschen neigten dazu, in allen möglichen Strukturen Gesichter und Augen zu erkennen.

Reiniger fiel es dann plötzlich wie Schuppen von den Augen.

Er bildet meinen eigenen Gesichtsausdruck mit Hilfe seines liquiden Körpers nach, erkannte er.

Ras Dashan stieß einen tiefen, grollenden Laut aus.

Der Liquide wandte den Blick (oder vielleicht auch nur seine Aufmerksamkeit) in Dashans Richtung. Sein Gesicht und wenig später auch der ganze Kopf des Fremden veränderten sich abermals. Der Kopf wurde kantiger, die Züge gröber. Sie ähnelten dann im nächsten Moment denen des umweltangepassten Micraners.

Der Liquide öffnete den Mund.

Laute kamen daraus hervor. Laute, die fast so dumpf klangen, wie man es von der Stimme des Micraners gewohnt war.

Er streckte die Hände auf.

Das energetische Eindämmungsfeld flackerte bläulich auf. Blitze zuckten in die Fingerspitzen des Liquiden hinein. Als er den Mund noch weiter öffnete, tat sich dort eine dunkle Öffnung auf und auch dort zuckten jetzt bläuliche Blitze hin, die aus dem Eindämmungsfeld zu stammen schienen. Es wurde für einen kurzen Moment so hell, dass Reiniger vollkommen geblendet wurde. Und Ras Dashan erging es nicht besser. Der riesige Micraner schützte seine Augen mit den Händen.

Einen Augenblick später war sowohl das Eindämmungsfeld, als auch der Liquide verschwunden.

Reiniger glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

“Eindringling verschwunden”, meldete er über den Kommunikator an die Brücke. “Eindämmungsfeld ebenfalls.”

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INZWISCHEN ERSCHIENEN Marout Huisener und Jon Kamler zusammen mit einigen Angehörigen des Sicherheitsdienstes im Aufenthaltsraum von Deck 55.

Ras Dashan hatte sich inzwischen einigermaßen erholt.

Huisener hielt ein Analysemodul in die Luft. Die Daten ließ er sich über ein Implantat direkt auf sein durch Gedanken gesteuertes Netzhautdisplay projizieren.

“Vom Eindämmungsfeld ist nichts mehr übrig”, stellte er fest. “Liegt wirklich kein technische Problem vor?”

Die Frage war an Jon Kamler gerichtet, der über seinen Kommunikator auf die Bordsysteme zugriff und eine schwebende Holoprojektion erzeugte, auf der die entsprechenden Parameter angegeben waren. Datenkolonnen erschienen und verschwanden, drehten sich, kippten zur Seite oder wurden plötzlich größer.

“Negativ”, sagte Kamler schließlich. “Die Energieversorgung des Eindämmungsfeldes ist vollkommen in Ordnung gewesen. Es gibt keine Systemschäden. Nicht einmal Anomalien innerhalb der übliche Toleranz.”

“Und wieso ist das Feld dann verschwunden, sodass uns der Eindringling zum zweiten Mal durch die Lappen gegangen ist?”, wunderte sich Marout Huisener.

“Eine Gesamtanalyse lässt noch auf sich warten”, meinte Kamler. “Es lässt sich nur so viel sagen: Es hat einen plötzlichen, unerklärlichen Energieabfall gegeben.”

“Und der Liquide hat sich wieder verflüchtigt”, stellte Reiniger fest.

“Signatur des Eindringlings lässt sich nicht mehr nachweisen”, erklärte jetzt einer der Sicherheitsdienstler, der ebenfalls mit einem Analysetool im Aufenthaltsraum umherwanderte und über die Netzhautanzeige den eingehenden Datenstrom im Auge behielt.

Sein Name war Pron Danso.

Die dunkle Kombination lag eng an und er war - ebenso wie die anderen anwesenden Angehörigen des Sicherheitsdienstes der TERRA NOVA - mit einem schweren Blaster ausgerüstet, den er in einer Magnethalterung an der Seite trug.

Der Einsatz von schweren Blastern war an Bord eines Raumschiffs immer mit großen Risiken behaftet und konnte zu schweren Schäden führen. Aber andererseits konnte niemand vorhersagen, wie aggressiv der Fremde, der sich zur Zeit an Bord des Raumschiffs aufhielt, bei einer Entdeckung sein würde. Und so hatte Commander Polo angeordnet, dass die Angehörigen des Sicherheitsdienstes diese schweren Waffen zurzeit bei ihren Patrouillen an Bord zu tragen hatten.

“Geringe Strukturanomalie - sichtbar im Infrarotspektrum”, meldete Pron Danso, während er seinen Blaster auf eine bestimmte Stelle am Boden richtete. “Genau hier!”

“Ich hoffe, Sie haben nicht vor, uns ein Loch in den Boden zu brennen”, meinte Jon Kamler.

“Keine Sorge, Sir. Daten sind an die Brücke übermittelt.”

“Gut.”

Dansos Blaster war mit einem Breitbandscanner ausgerüstet, dessen Daten über ein Implantat auf seine Netzhaut übertragen wurden. Aber dass man eine so starke Waffe wie einen schweren Blaster an Bord eines Raumschiffs nur im äußersten Notfall einsetzte, war Danso natürlich klar.

“Brücke! Hier Huisener”, meldete sich Marout Huisener über einen Kommunikator. “Invasor befindet sich noch immer hier auf Deck 55. Haben wir eine Möglichkeit der Eindämmung?”

Commander Polo meldete sich. “Wir könnten es mit einem stärkeren Eindämmungsfeld versuchen”, meinte dieser.

“Ich würde abraten”, äußerte sich Huisener. “Unser erster Versuch hatte schon eine Feldstärke, die um den Faktor 200 über den gewöhnlich verwendeten Werten lag. Wenn wir noch höher gehen, dann riskieren wir bleibende Strukturschäden auf dem ganzen Deck - und abgesehen davon müsste der ganze Schiffssektor dann evakuiert werden, da gesundheitliche Schäden für Menschen bei dieser Feldstärke nicht ausgeschlossen werden könnten.”

“Bleibt also doch nur der Blaster”, meinte Pron Danso.

“Bevor wir den Fremden erschießen, sollten wir vielleicht versuchen, mit ihm zu kommunizieren”, meinte Huisener.

Pron Danso veränderte etwas die Ausrichtung einer Waffe. “Glauben Sie nicht, dass dieses Wesen oder worum es sich auch immer handeln mag, nicht längst mit uns in Kontakt getreten wäre, wenn das in seiner Absicht läge?”

“Das ist Spekulation”, meinte Huisener.

“Dieses Wesen scheint uns in vieler Hinsicht haushoch überlegen zu ein. Warum nicht auch, was die Kommunikationsfähigkeit betrifft”, äußerte sich Bount Tiberius Reiniger.

“Infrarot-Anomalien nicht mehr nachweisbar!”, stellte Pron Danso jetzt fest.

Der Sicherheitsmann nahm eine Modifizierung an dem Multiscanner seiner Waffe vor. Offenbar vergeblich. “Unser Freund ist nicht mehr erfassbar.”

“Es gibt auch keine Strukturanomalien mehr im Material”, stellte Jon Kamler fest.

Ras Dashan stieß einen wütenden Schrei aus, der alle anderen Anwesenden zusammenzucken ließ.

“Dieser verfluchte Eindringling!”, brüllte er. Er humpelte etwas, nachdem er sich wieder zu voller Größe aufgerichtet hatte, was bedeutete, dass sein Kopf nur wenige Zentimeter von der Decke des Aufenthaltsraums von Deck 55 entfernt war. “Er hat mir den Stuhl buchstäblich unter dem Hintern weggerissen!”

“Dann hat das Wesen offenbar Hunger auf Formenergie”, stellte Marout Huisener fest.

“Ein Aspekt, den wir bei seine nächsten Auftauchen beachten sollten”, fand Jon Kamler.

“Dieser Unbekannte absorbiert Energie”, stellte Ras Dashan jetzt fest. “Das muss es sein! Er hat den Stuhl aus Formenergie verschlungen und anschließend auch die Energie des Eindämmungsfeldes in sich aufgenommen.”

“Eine gewagte Hypothese”, meinte Jon Kamler skeptisch.

“Aber die eigenartigen Messwerte meines Blaster-Scanners könnten dadurch erklärt werden”, ergänzte Pron Danso.

“Das bedeutet, wir würden den Eindringling mit weiteren energieintensiven Maßnahmen nur anfüttern”, stellte Jon Kamler fest.

Marout Huisener nickte. “Die Schlussfolgerung liegt nahe.”

“Dann werden wir Konsequenzen daraus für die weiteren Maßnahmen ziehen müssen”, folgerte Kamler.

Pron Danso schwenkte noch einmal den Blaster mit seinem besonders leistungsfähigen Scanner suchend herum. “Nichts mehr”, stellte er noch einmal fest. “Diese liquide Bronzestatue ist uns wohl erstmal durch die Lappen gegangen.”

In diesem Augenblick leuchteten rote Alarmsignale auf. Sowohl an der Ecke des Aufenthaltsraums als auch deutlich verkleinert in den Anzeigen der Netzhautanzeigen, der Displays, der Holoprojektionen und jeder anderen Darstellungsformen, die vom Kommunikations- und Rechnersystem der TERRA NOVA unterstützt wurde.

Huisener und Reiniger tauschten einen kurzen Blick.

Ras Dashan prustete laut vor sich hin, so überrascht war er.

Roter Alarm.

Das bedeutete, es musste ein akutes und sehr schwerwiegendes Problem geben.

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AUF DER BRÜCKE DER TERRA NOVA herrschte helle Aufregung. Einzig und allein Commander Polo wirkte wie eine Insel der Ruhe in diesem Meer aus hektischer Aktivität. Polo saß wie erstarrt in seinem Kommandantensitz und starrte auf die Panorama-Projektion des nahen, die TERRA NOVA umgebenden Raums.

Auch wenn er es nicht nach außen dringen ließ: Ihn schauderte unwillkürlich, als er die zahllosen Raumer sah, die scheinbar urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht waren.

“Gut zweihundert Faahrg-Einheiten sind annähernd zeitgleich aus dem Hyperraum getreten”, meldete Telaa Nomlan. “Die Ortungssysteme zeigen ständig den Hyperraumaustritt weiterer Einheiten an. Außerdem zeichnen unsere Sensoren multidimensionale Raumspannungen auf.”

“Das bedeutet, es kommen noch mehr”, murmelte Arn Polo.

“Ist zu befürchten Sir”, stimmte Telaa Nomlan zu. Sie nahm ein paar Modifizierungen an den Einstellungen der Ortungssysteme vor. “Zahl der Faahrg-Schiffe, die aus dem Hyperraum kommen, steigt noch. Es scheint eine wirklich große Flotte zu sein.”

“Und ich frage mich, weshalb wir denen so wichtig sind”, meinte Arn Polo.

In diesem Moment erreichten auch Kamler und Reiniger die Brücke.

“Wo ist Huisener?”, fragte Polo.

“Analysiert noch zusammen mit Dashan die Vorgänge um das letzte Auftauchen des Liquiden”, antwortete Kamler.

“Geschütze gefechtsklar”, meldete Waffenoffizier Lefty Jandro. “Energieniveau hat Gefechtsniveau vor wenigen Sekunden erreicht. Wir sind feuerbereit.”

“Ich würde dringend davon abraten, es auf einen Kampf ankommen zu lassen”, äußerte sich Telaa Nomlan, während sie angestrengt auf die Anzeigen ihrer Konsole sah. Ein Datenstrahl aus bläulich schimmerndem Licht schoss einem dünnen Faden aus bläulichem Schimmer gleich aus einem Adaptermodul der Konsole und traf exakt die Stelle an ihrer Schläfe, unter der sich ein Implantat befand, das nicht nur ein Translatormodul zur sprachlichen Kommunikation in unbekannten Idiomen enthielt, sondern vor allem auch die Steuerung der Netzhautprojektion. Manchmal ließen sich eintreffende Datenkolonnen eben besser beurteilen, wenn sie in einer Art und Weise veranschaulicht wurden, die sofort das Augenmerk auf das Wesentliche richtete.

“Schutzschilde auf Maximum”, befahl Arn Polo.

“Aye, Aye”, meldete Lefty Jandro.

“Energieschuss von fremder Einheit Nummer 6”, rief Telaa Nomlan. Auf einem Teilfenster des große Panoramaschirms war die dreidimensionale Lagedarstellung zu sehen. Die georteten  Faahrg-Schiffe wurden dabei schlichtweg der Reihe nach durchnummeriert. Bezugspunkt war dabei ihre Position im Verband sowie ihre Nähe zur TERRA NOVA.

Arn Polo spürte wie im nächsten Moment ein ganz leichtes Vibrieren den Boden zu seinen Füßen erzittern ließ. Dieser Impuls schien das gesamte Schiff zu durchdringen.

“Wir werden mit Meta-Energie beschossen”, meldete Telaa Nomlan. “Intensität 5, steigt auf 6.”

“Schutzschilde sind wirkungslos”, ließ sich indessen Waffenoffizier Lefty Jandro vernehmen. “Wiedererlangung der Schutzfähigkeit ist erst nach Neu-Modifikation zu erwarten.”

“Dann tun Sie das!”, befahl Polo. “Mister Gontro?”

“Ja, Sir?”, rief der Navigator und Steuermann.

“Ausweichmanöver mit maximaler Beschleunigung! Dreißig Grad aufwärts, dann vierzig Grad Steuerbord.”

“Wird durchgeführt!”, versicherte Tell Gontro. Er wirkte dabei ziemlich angespannt.

Es wäre besser, wenn Marout Huisener dieses Manöver fliegen würde, ging es Arn Polo dabei durch den Kopf. Aber Huisener war nunmal im Moment nicht auf der Brücke und so war es nutzlos, weiter über diesen Punkt nachzugrübeln. Gontro war schließlich ein fähiger Schiffspilot, auch wenn er sich in einer derart brenzligen Situation noch nicht hatte bewähren müssen. Das wird er schon schaffen, dachte Polo, während die Vibrationen jetzt immer stärker wurden und in den nächsten Augenblicken auch die Konsolen und die Decke der Zentrale erfasste. Meta-Energie. Sie wird das ganze Schiff zerreißen, wenn wir ihr zu lange ausgesetzt sind, wusste Polo. Molekül für Molekül. Er sah auf seine Hand, die ebenfalls zu vibrieren schien. Aber das war eine Illusion, wie er wusste. In Wahrheit waren es die menschlichen Wahrnehmungsorgane, die mit dem Einfluss von Meta-Energie nicht zurecht kamen. Die Faahrgs wissen diese Kraft offenbar sehr effektiv als Waffe einzusetzen, dachte Polo, während ein dumpfes Brummen nun das ganze Schiff erfüllte. Die Unterlicht-Triebwerke der TERRA NOVA beschleunigten mit Maximalwerten.

Gontro lenkte die TERRA NOVA geradewegs in den Pulk der Faahrg-Einheiten hinein.

“Optimale Feuerreichweite erreicht!”, stellte Lefty Jandro fest.

“Dann schießen Sie, was unsere Geschütze hergeben!”, verlangte Polo.

Während die TERRA NOVA durch die Reihen der Faahrg-Schiffe schnellte, feuerte das Schiff aus allen Geschützblastern. Mehrere Treffer mussten die Faahrgs hinnehmen. Eines ihrer Schiffe explodierte. Der Kollaps des Fusionsreaktors an Bord verwandelte das Faahrg-Schiff innerhalb kurzer Zeit in eine gleißende Mini-Sonne. Ultraheißes Plasma wurde in tropfenartigen Gebilden durch das All geschleudert. In der Nähe befindliche Faahrg-Schiffe gingen so gut es ging auf Ausweichkurs.

Mehrere Erschütterungen durchliefen indessen die TERRA NOVA.

Der Ortungsoffizier meldete mehrere Treffer in verschiedenen Sektionen des Schiffs.

Polo saß in sich zusammengesunken in seinem Kommandantensessel und hörte der Aufzählung zu. Aber es war kein entscheidender Treffer dabei. Nichts war beschädigt worden, was sie nicht aus eigener Kraft wieder reparieren konnten - oder was vielleicht einen Überlichtflug ausschloss.

Die TERRA NOVA hatte jetzt die nötige Geschwindigkeit erreicht, um in den Hyperraum überzuwechseln. Die Energiepegel zeigten ein maximales Niveau an.

Eines der Faahrg-Schiffe versuchte noch, die TERRA NOVA frontal entgegenzukommen und das gewaltige Raumschiff abzufangen. Selbst eine Kollision schienen die Faahrgs dafür in Kauf zu nehmen.

Doch dazu kam es nicht.

Zuvor entschwand die TERRA NOVA in den höherdimensionalen Hyperraum. Für ihre Gegner war sie einfach nicht mehr da.

“Maximale Geschwindigkeit!”, befahl Arn Polo dem Steuermann.

“Ich versuche aus den Hyperraumtriebwerken herauszuholen, was möglich ist”, versicherte Tell Gontro.

Polo erhob sich aus seinem Sessel.

“Großartiges Manöver, Gontro”, stellte er fest.

“Danke”, gab der Steuermann zurück.

Polo wandte sich an Jon Kamler. “So lange wir im Hyperraum sind, können die Faahrgs uns nur schwer angreifen.”

“Nein, aber sie werden unseren subdimensionalen Spuren folgen und uns stellen, sobald wir ins Normaluniversum zurückkehren”, stellte Kamler fest.

“Bis dahin fällt uns hoffentlich was ein, Jon”, sagte Polo.

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Chronik der Sternenkrieger:

Schläfer

von Alfred Bekker

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2005,2008,2013 by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

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MITTE DES 23. JAHRHUNDERTS werden die von Menschen besiedelten Planeten durch eine kriegerische Alien-Zivilisation bedroht. Nach Jahren des Krieges herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, aber den Verantwortlichen ist bewusst, dass jeder neue Waffengang mit den Fremden das Ende der freien Menschheit bedeuten würde. Zu überlegen ist der Gegner.

In dieser Zeit bricht die STERNENKRIEGER, ein Raumkreuzer des Space Army Corps , unter einem neuen Captain zu gefährlichen Spezialmissionen in die Weite des fernen Weltraums auf...

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ALFRED BEKKER schrieb die fesselnden Space Operas der Serie CHRONIK DER STERNENKRIEGER. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FALSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL VON MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall. Im November 2012 erschien mit DER SOHN DER HALBLINGE sein nächster großer Fantasy-Epos bei Blanvalet.

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„Austritt aus dem Sandströmraum“, meldete Lieutenant John Taranos, der Rudergänger der STERNENKRIEGER II. „Austrittsgeschwindigkeit vierzig Prozent LG. Bremsmanöver ist eingeleitet.“

Captain Rena Sunfrost schlug die Beine übereinander und lehnte sich im Kommandantensessel zurück. Zusammen mit Schiffen mehrerer anderer galaktischer Völker folgte sie den Spuren der „Erhabenen“, einer Spezies, die vor langer Zeit große Teile der Milchstraße beherrscht und einen bis heute unerreicht hohen technischen Entwicklungsstand erreicht hatte. Die gemischte Flottille war einem Transmittersignal hier her gefolgt – in das System einer Sonne der Spektralklasse G.

„Captain, ich messe die Signaturen mehrerer Morrhm-Mutterschiffe an“, meldete Ortungsoffizier Lieutenant Wiley Riggs. „Außerdem gibt es Anzeichen für Kampfhandlungen.“

Sunfrost atmete tief durch. „Vor diesen Weltraumbarbaren scheint man wirklich nirgendwo sicher zu sein...“

„Und dann ist da noch etwas, Ma’am“, stellte Riggs mit einem Stirnrunzeln fest, während sein Blick auf das Display seiner Konsole gerichtet war. Seine Fingerkuppen berührten ein paar Sensorpunkte auf dem Touchscreen. Wenig später teilte sich auf dem Panorama-Schirm ein Fenster ab, das eine schematische Systemübersicht zeigte. „Sieben Planeten umkreisen das Zentralgestirn“, stellte Riggs fest. „Aber sie bewegen sich alle auf einer einzigen Umlaufbahn!“

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Commander Rena Sunfrost, persönliches Logbuch:

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Nachdem es mir gelang, der Gefangenschaft der Morrhm zu entkommen, ist einige Zeit vergangen. Die Zeit an Bord eines Sklavenschiffs dieser barbarischen Spezies hat sich tiefer in meine Psyche gegraben, als alles, was ich zuvor in Ausübung meines Dienstes für das Space Army Corps erlebt habe.

Auch wenn es der Flotte der Verbündeten gelang, die Morrhm vorerst zurückzuschlagen, bin ich überzeugt davon, dass wir noch mehr von ihnen hören werden, als uns lieb ist.

Man hatte mich für tot erklärt.

Es ist seltsam, die damit in Zusammenhang stehenden Dateivermerke zu lesen und ich wurde dadurch an mein Erlebnis während meiner Zeit als Erster Offizier an Bord der SURVIVOR unter Captain Theo Tulane  erinnert, als mich die Kugel einer primitiven Steinschlosswaffe um ein Haar getötet hätte. Bedenke, dass du sterblich bist. Die jüngsten Geschehnisse haben mich darin bestätigt, diesen Satz nie zu vergessen.

Inzwischen bin ich wieder im Dienst und habe wieder die Position inne, in der ich mich bisher mit Abstand am wohlsten gefühlt habe: Ich habe das Kommando über die STERNENKRIEGER II zurückerhalten. Captain Milton Warrington III ist unterdessen die Karriereleiter hinaufgefallen und dient nun im Sicherheitsstab der Humanen Welten, den der Ratsvorsitzende Julian Lang kürzlich eingerichtet hat - übrigens sehr zum Verdruss von Admiral Raimondo, der sich wohl übergangen fühlte.

Wie auch immer, Warringtons Vater und Großvater wären sicher stolz auf ihn.

Und davon abgesehen hat er sein aktives Kommando ja nach einer gewonnenen Raumschlacht aufgegeben.

Wer weiß, ob dem Dritten Warrington dies ein zweites Mal gelungen wäre.

Zur Zeit ist die STERNENKRIEGER Teil einer Mission, an der sich außer dem Bund der Humanen Welten von Sol auch Schiffe anderer verbündeter Sternenreiche beteiligen, darunter K'aradan, Fulirr und Ontiden sowie ein Schiff der schlangenartigen Shani. Deren Bedeutung geht zwar nicht über ihr lokales Heimatsystem hinaus und abgesehen von der sehr widerstandsfähigen Beschichtung der Außenhüllen ihrer Raumschiffe sind von ihnen auch keine erwähnenswerten technologischen Leistungen bekannt. Die Kommandantin des Shani-Schiffes kenne ich aus einem schon etwas zurückliegenden Einsatz, bei dem unserer Crew die Kontaktaufnahme mit dieser Spezies oblag. Seitdem verbindet mich mit der Shani-Kommandantin so etwas wie Freundschaft, obwohl ich mir ehrlich gesagt nicht sicher bin, ob der Shani-Begriff dafür wirklich dasselbe beinhaltet wie das, was man unter Menschen damit üblicherweise meint.

So unbedeutend die Shani im Vergleich mit den anderen beteiligten Sternenreichen auch sein mögen, bei der Mission, die jetzt vor uns liegt, sind wir darauf angewiesen, sämtliches Wissen zu sammeln, das im Laufe von Jahrtausenden über jene Spezies bekannt wurde, die als die Alten Götter bekannt sind und sich selbst die Erhabenen nannten.

Ihren Hinterlassenschaften gilt die Expedition, auf die sich der gemischte Flottenverband begeben hat, dem auch die STERNENKRIEGER zugeordnet wurde.

Überall im Kosmos sind wir schon auf Hinweise auf dieses geheimnisvolle Volk gestoßen, dass vor unvorstellbar langer Zeit die Galaxis beherrscht haben muss und dessen technologische Errungenschaften die der Menschheit um ein Vielfaches überstiegen.

Das Erbe der Erhabenen könnte die Zukunft für uns alle sichern. Aber ich fürchte, in dem Moment, in dem das technologische Erbe der Alten Götter frei verfügbar vor uns läge und ihre Geheimnisse enträtselt wären, würde das im Krieg gegen die Etnord entstandene Bündnis von Sternenreichen sofort zerbrechen und wieder einer ungezügelten Rivalität Platz machen. Einer Rivalität, bei der es dann darum ginge, wer die größten Stücke dieses Erbes für sich zu sichern vermag.

Aber das ist nur meine private Meinung.

Der Humane Rat scheint diese Bedenken nicht zu teilen.

*

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NACH UND NACH TRAFEN auf der STERNENKRIEGER die ID-Signale der ebenfalls aus dem Sandströmraum materialisierenden Einheiten ein, die für die Qriid, Fulirr, Ontiden, Shani und K'aradan an dieser Expedition teilnahmen. Auch ihnen bot sich das erstaunliche Bild eines Sonnensystems, dessen Anordnung auf keinen Fall natürlichen Ursprungs sein konnte.

„Wenn das nicht die Handschrift der Alten Götter ist, dann weiß ich es auch nicht“, meinte Lieutenant Commander Steven Van Doren, seines Zeichens Erster Offizier der STERNENKRIEGER.

„Die Ortung zeigt Energieentladungen an, die Traser-Schüssen der Qriid ähneln“, berichtete Wiley Riggs. „Aber nur ähneln. Sie feuern auf die Sturm-Shuttles der Morrhm und sind offenbar ganz erfolgreich dabei. Allerdings scheinen einige der Verteidiger-Einheiten die Seiten gewechselt zu haben und kämpfen für die Angreifer.“

„Könnte es sich um gekaperte Schiffe handeln?“, fragte Rena Sunfrost.

Lieutenant Commander Robert Ukasi, seines Zeichens Zweiter Offizier der STERNENKRIEGER und für die Taktik, sowie die Koordination der zehn schwenkbaren Gauss-Geschütze zuständig, mischte sich jetzt ein. „Mir scheint das taktische Verhalten der abtrünnigen Verteidiger darauf hinzudeuten, dass Ihre Vermutung stimmt, Captain“, erklärte er. „Genaueres wissen wir nach einem etwas längeren Beobachtungszeitraum sowie einer rechnergestützten taktischen Analyse.“

„Führen Sie die bitte durch, Lieutenant Commander Ukasi.“

„Ja, Ma’am.“

„Das könnte ein interessanter Aspekt bei der Beurteilung der Lage sein“, äußerte sich Van Doren.

Über Interkom meldete sich Bruder Guillermo aus dem Kontrollraum C des Maschinentrakts. Sein Gesicht erschien auf einem Nebenbildschirm. Zusammen mit den Wissenschaftlern Jack Metz und Yasuhiro von Schlichten sowie dem qriidischen Austauschoffizier Nirat-Son befasste sich Bruder Guillermo mit der Auswertung der eingehenden Ortungsdaten. Der Olvanorer-Mönch, der als wissenschaftlicher Berater mit Offiziersprivileg an Bord der STERNENKRIEGER diente und mit bürgerlichem Namen Guillermo Benford hieß, zog die Augenbrauen zusammen. Sein jugendlich erscheinendes Gesicht, das häufig genug dazu beitrug, dass man ihn unterschätzte, wirkte sehr ernsthaft und angestrengt.

„Captain, das Signal, dem wir gefolgt sind, lässt sich bis zu einem bestimmten Punkt im Abstand von 1,2 astronomischen Einheiten zum Zentralgestirn verfolgen.“

„Dann muss sich dort die Transmitteranlage der Alten Götter befinden, die wir suchen.“

„Das ganze System scheint eine Anlage der Alten Götter zu sein – oder der Erhabenen, um nicht den Fash’rar-Namen für diese Spezies zu benutzen, der ja wohl kaum neutral gewählt war.“

Rena Sunfrost schmunzelte leicht. Als ob der Name ‚die Erhabenen’ neutral gewählt wäre, lieber Bruder Guillermo, ging es ihr durch den Kopf. Aber darüber werden wir vielleicht ein anderes Mal diskutieren...

„Sieben Planeten bewegen sich auf einer nahezu kreisförmigen Umlaufbahn mit einem Abstand von 1,2 AE vom Zentralgestirn und einem Abstand voneinander, der jeweils einem Siebtel des Kreisbogens entspricht. Wenn man diese Planeten mit Linien verbinden würde, hätte man ein fast perfektes Heptagon.“

„Wie bei den Monden auf dem Planeten der Fash’rar im Tardelli-System!“, entfuhr es Van Doren.

Bruder Guillermo nickte. „Ja! Aber damit hören die Gemeinsamkeiten nicht auf. Jede dieser Welten verfügt wiederum über sieben Monde, die ihren Mutterplaneten ebenfalls in einem exakten Siebeneck umkreisen. Professor Metz ist der Ansicht, dass es sich bei diesem System um das größte Artefakt der Erhabenen handeln könnte, auf das wir bis jetzt gestoßen sind.“

„Lässt sich schon etwas über die einzelnen Welten sagen?“, erkundigte sich Sunfrost.

„Warten Sie, ich schalte Ihnen eine detaillierte Übersicht auf den Nebenschirm, soweit die vorhandenen Ortungsdaten bisher vorliegen.“

„Tun Sie das, Bruder Guillermo.“

Das Gesicht des Olvanorers verschwand vom Nebenschirm und machte einer schematischen Systemübersicht platz, die im Gegensatz zu jener, die vom Ortungssystem automatisch erstellt worden war, noch wesentlich mehr Angaben enthielt. Bruder Guillermo musste sie bearbeitet haben.

Die sieben Welten und ihre Monde waren zu sehen.

„Da die Planeten die Eckpunkte eines Siebenecks bilden, habe ich sie wie in der Geometrie üblich gegen den Urzeigersinn  mit Buchstaben des Alphabets durchnummeriert und dasselbe mit den Monden getan. Ausgangspunkt war dabei jeweils der Punkt mit dem geringsten Abstand zu unserer gegenwärtigen Position. AA ist also der uns derzeit am nächsten gelegene Mond des derzeit uns am nächsten gelegenen Planeten dieses Systems...“

„Das selbst noch keinen Namen besitzt, wie ich annehme“, unterbrach ihn Sunfrost, denn normalerweise war es das Privileg des Captains, neu entdeckten Systemen einen Namen zu geben.

„Wenn Sie den Namen, den ihm seine Bewohner gegeben haben nicht übernehmen wollen, dann haben Sie recht“, erwiderte der Olvanorer.

„Können Sie uns schon etwas über die einzelnen Welten sagen?“, fragte Sunfrost.

„A und C sind interessant“, erklärte Bruder Guillermo. „A schon allein deswegen, weil dort erdähnliche Bedingungen herrschen, sieht man einmal davon ab, dass es keinen planetenumspannenden Ozean, sondern nur Binnenmeere gibt, die zusammen etwa ein Viertel der Planetenoberfläche ausmachen, was natürlich klimatische Auswirkungen hat. Aber insgesamt dürften auf A die Bedingungen ganz angenehm sein. Starke Funkaktivität spricht für eine technikorientierte Kultur mit modernen Kommunikationsmitteln. Wahrscheinlich gehören zu ihr die Verteidigerschiffe. Abgesehen davon befinden sich im Orbit nicht nur die obligatorischen sieben Monde, sondern auch ein Quaderartefakt, wie es bereits von anderen Orten her bekannt ist. Allerdings ist dieses von der doppelten Größe des von Spider II bekannten Objekts. Im Übrigen lässt sich das Signal, dem wir gefolgt sind, dorthin zurückverfolgen.“

Sunfrost nickte zufrieden. „Dann ist dort unser Ziel“, murmelte sie und fügte in Gedanken hinzu: Vorausgesetzt, man lässt uns bis dorthin vordringen. „Was ist mit den anderen Welten?“

„Besiedelbar, aber mit wesentlich extremeren Umweltbedingungen. Funkaktivität ist wesentlich geringer. Und Nummer C fällt deutlich aus dem Rahmen. Der Planet hat die fünffache Erdmasse und ist von enormer Dichte. Er besteht fast vollkommen aus schweren Metallen und Transuranen mit einer Protonenzahl von deutlich über 200.“

„Strahlung?“, hakte Van Doren sofort nach.

Bruder Guillermo schüttelte den Kopf. „Nein. Kein Anzeichen für das Vorhandensein von radioaktiven Substanzen. Erstaunlicherweise fehlt sogar bei den stark vertretenen Metallen Uran, Wolfram und Blei jeglicher Anteil an radioaktiven Isotopen. Und die Trans-200-Elemente liegen in einer absolut stabilen Form vor. Keine Gamma-Strahlung, keine Neutronenstrahlung, kein radioaktiver Zerfall... Nichts dergleichen!“

„Sieht fast so aus, als hätte da jemand eine Art umgekehrter Anreicherung des Materials durchgeführt“, mischte sich Professor Dr. Jack Metz ein. Der Bildausschnitt, den der Nebenschirm zeigte, veränderte sich etwas, sodass nun auch Metz zu sehen war. Im Hintergrund war Professor von Schlichten damit beschäftigt, ein paar Einstellungen am Rechner vorzunehmen.

Der hagere Wissenschaftler, der zwischenzeitlich wieder bei seinem alten Arbeitgeber, dem Far Galaxy Konzern, tätig gewesen war und sich für diese Mission hatte beurlauben lassen, schien keinerlei Neigung zu haben, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Das Verhältnis zwischen Captain Sunfrost und von Schlichten war seit ihrer ersten Begegnung während einer Mission zur Testung von Antimateriewaffen, immer angespannt gewesen, auch wenn inzwischen wohl der gegenseitige Respekt überwog.

In diesem Augenblick mischte sich Lieutenant Susan Jamalkerim, die Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER, zu Wort. „Captain, uns erreicht eine Transmission von der erdähnlichen Hauptwelt A.“

„Meinen Sie, unser Translatorsystem hat bereits genügend Material aufgenommen, um eine vernünftige Übersetzung hinzubekommen?“, fragte Van Doren.

„Sir, das war nicht nötig“, erklärte Jamalkerim. „Der Bordrechner zeigt mir, dass sich bereits umfangreiches Sprachmaterial dieser Spezies in den Speichern unseres Bordrechners befindet.“

„Auf den Schirm damit!“, verlangte Sunfrost.

„Was Lieutenant Jamalkerim sagte, kann ja wohl nur bedeuten, dass sie bereits irgendwann mit Raumschiffen der Menschheit zusammengetroffen sind und ihr Sprachmaterial deshalb in unserer allgemeinen Space Army Corps Datenbasis landete“, meinte Van Doren.

Auf dem Hauptschirm erschien nun das Gesicht eines grünhäutigen, haarlosen Humanoiden, auf dessen Kopf ein Knochenkamm wuchs. Die Augen waren bernsteinfarben. Die Gesichtszüge wurden durch hart geschnittene Linien dominiert.

„Hier spricht Befehlshaber Mentoraan, Koordinator der Abwehrflotte von Nostanor. Unserer Analyse nach gehören Sie nicht zu den Raumbarbaren, die uns derzeit heimsuchen und gegen die wir uns mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Leider sind wir nicht die einzigen, die mit dieser Pest des Universums zu tun haben und falls Sie die Absicht haben, uns zu helfen, sind Sie im Nostanor-System als Bundesgenossen willkommen. Falls nicht, sind wir unsererseits an einem Kontakt nicht interessiert und fordern Sie auf, das System wieder zu verlassen, da wir ansonsten Ihre Sicherheit nicht garantieren können. Mentoraan Ende.“

Das Bild des Nostan-Befehlshabers machte einer Folge von Symbolen Platz und ein Sekundenbruchteil später war die Übertragung beendet.

„Die Nostan scheinen sich nicht lange mit diplomatischen Finessen aufzuhalten“, stellte Sunfrost fest.

„Kurz und knapp zur Sache. Diese Art der Kommunikation hat durchaus ihre Vorteile“, erwiderte Van Doren. „Die Transmission ging übrigens parallel auch an die anderen Schiffe unseres Verbandes.“

„Ich schlage vor, wir erweisen uns als gute Verbündete, sorgen für den Abschuss einiger Morrhm-Jäger und haben anschließend vielleicht die Chance, das Quaderartefakt untersuchen zu dürfen“, lautete der Vorschlag des Taktikoffiziers. Lieutenant Robert Ukasi drehte sich herum und hob die Augenbrauen.

„Das entspricht auch meiner Ansicht. Jamalkerim, senden Sie eine entsprechende Nachricht an alle.“

„Sie wollen keine Konferenzschaltung durchführen?“, wunderte sich Van Doren.

„Wir werden weder die Ontiden noch die Qriid oder irgendjemanden sonst von unseren Begleitern um Erlaubnis fragen“, erklärte Sunfrost. „Die können sich uns anschließen, wenn sie wollen oder auch nicht, wenn sie glauben, dass es irgendwo sonst eine vielversprechendere Möglichkeit gibt, dem Geheimnis der Alten Götter etwa näher zu kommen.“ Sie wandte sich noch einmal an Susan Jamalkerim. „Formulieren Sie es so, dass niemand unter unseren Bundesgenossen beleidigt ist.“

„Ja, Ma’am“, nickte die Kommunikationsoffizierin.

Sunfrost erhob sich aus ihrem Kommandantensessel. „Und jetzt möchte ich gerne wissen, was für ein Volk die Nostan sind. Ich habe nämlich noch nie von dieser Spezies gehört.“

„Ich schlage vor, Sie richten diese Frage an Bruder Guillermo“, meinte Van Doren.

Lieutenant Jamalkerim meldete sich zu Wort. „Mehrere Morrhm-Jäger und Sturm-Shuttles haben den Kurs geändert“, sagte sie und aktivierte eine Positionsübersicht, die in einem Teilfenster des Panorama-Schirms dargestellt wurde.

„Captain, man braucht keine rechnergestützte taktische Analyse, um zu sehen, dass das ein Abfangkurs ist“, lautete Ukasis Kommentar.

„Lassen Sie sie auf keinen Fall herankommen, Ukasi“, verlangte Sunfrost. „Mister Taranos, gehen Sie auf direkten Kurs zu dieser erdähnlichen Welt – Nostanor A, nach der von Bruder Guillermo eingeführten Terminologie.“

„Aye, aye, Ma’am“, bestätigte John Taranos. „Wir werden in etwa anderthalb Stunden mit den ersten Morrhm-Jägern bis auf Gefechtsdistanz zusammentreffen.“

„Da kommt noch ein weiteres Problem auf uns zu“, stellte Van Doren fest.

„Wovon sprechen Sie, I.O.?“, hakte Sunfrost nach.

Van Doren veränderte den Zoomfaktor des Panorama-Schirms.

Ein Raumschiff wurde sichtbar. Es hatte eine unregelmäßige Form. Das Grundelement bestand jedoch aus einer quaderförmigen Einheit, von der mehrere Verstrebungen ausgingen, die zu kleineren, zumeist Kugel- oder zylinderförmigen Sektionen.

„Das ist ein Nostan-Schiff“, erklärte Jamalkerim.

„Ja, aber im Gegensatz zu den anderen ist es gerade erst aus dem Sandströmraum materialisiert“ erklärte Van Doren. „Die Analyse des Funkverkehrs legt den Schluss nahe, dass es den Morrhm gelungen ist einige Nostan-Schiffe zu kapern.“

„Sie glauben, dass dies eine dieser abtrünnigen Einheiten ist?“, vergewisserte sich Sunfrost.

„Der Funkverkehr lässt sich so deuten“, bestätigte Van Doren. „Außerdem gibt es deutliche Unterschiede in den Energiesignaturen – so als würde dieses Schiff von jemandem geflogen, der sich damit vielleicht nicht so gut auskennt.“

„Lieutenant Jamalkerim, versuchen Sie noch mal Kontakt zu diesem Befehlshaber der Nostan-Flotte zu bekommen“, verlangte Sunfrost.

„Ja, Ma’am.“

Sunfrost wandte sich an Ukasi. „Glauben Sie, dass unsere Plasma-Schirme gegen die Strahlenwaffen eines Nostan-Schiffs wirken?“

„Ja“, nickte Ukasi. „Die Wirkungsweise ist der der qriidischen Traser tatsächlich sehr ähnlich. Genaues kann man natürlich noch nicht sagen.“

„Nostan-Bandit 1 geht auf Abfangkurs und dürfte uns in einer Stunde erreichen“, meldete Taranos.

*

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ES WAREN KEINESWEGS die Olvanorer, die zuerst Kontakt mit den Nostan hatten“, erklärte Bruder Guillermo wenig später über Interkom, nachdem er in den Computerarchiven ein paar Minuten nachgeforscht hatte. „Ich weiß nicht, ob der Name Marina Ihnen etwas sagt?“

Sunfrost hob die Augenbrauen. „Ein System am äußeren Rand der Humanen Welten im Grenzbereich zu den K'aradan. Allerdings ist es das in den letzten zehn Jahren recht ruhig gewesen.“

„Das Marina-System ist 52 Lichtjahre von der Erde entfernt und wurde seit der Jahrhundertwende von Menschen besiedelt. Vor allem Marina III, wo es eine florierende Algenindustrie gab, die Rohprodukte für synthetische Eiweißfabrikanten im gesamten umliegenden Sektor lieferte. Bis im Jahr 2216 eine Flotte von bisher unbekannten Wesen auftauchte, die das System für sich beanspruchten. Sie nannten sich Nostan und hatten offenbar die Absicht, selbst eine Kolonie im Marina-System zu gründen.“

„Das war zwei Jahre vor Gründung des Space Army Corps“, erwiderte Sunfrost.

Bruder Guillermo nickte. „Dementsprechend gab es auch keine koordinierte Verteidigung. Die Nostan wurden von Fulirr und K'aradan vertrieben, die das System zu ihrem Schlachtfeld machten und dann abzogen. Ehe die unzureichend ausgerüstete Hilfsflotte am Ort des Geschehens auftauchte, die von den Humanen Welten nach einige Hin und Her aufgestellt worden war, waren sowohl die Nostan als auch Fulirr und K'aradan wieder verschwunden. Man entschied daraufhin, dass das System nicht zu sichern sei und evakuierte die Siedler. Erst zehn Jahre später machte man einen erneuten Versuch, Marina zu besiedeln.“

„Wenigstens hat man damals das Sprachmaterial der Nostan aufgezeichnet“, sagte Van Doren. „Ich erinnere mich. Zu meiner Zeit auf der Akademie wurde der Marina-Fall immer als eine Art Auslöser zur Gründung des Space Army Corps dargestellt. Allerdings war mir nicht mehr klar, dass die Nostan etwas damit zu tun hatten...“

„Die Informationen über sie waren ausgesprochen spärlich. Aber immerhin gibt es ein paar Bilddateien und Aufzeichnungen der Sendungen, die die Nostan seinerzeit ins Mediennetz des Marina-Systems einspeisten, anhand derer sich die Physiognomie eindeutig identifizieren lässt“, ergänzte Bruder Guillermo.

„Für mich stellt sich jetzt die Frage, ob sich die Bewohner Nostanors an das unfreundliche Zusammentreffen im Marina-System erinnern“, sagte Sunfrost.

„Das ist nicht gesagt“, gab Bruder Guillermo zurück. „Schließlich spricht viel dafür, dass es sich um eine Kolonistengruppe handelte. Jene Nostan, die damals versucht haben, das Marina-System an sich zu reißen, waren vermutlich zur Auswanderung entschlossen und sind vielleicht nie nach Nostanor zurückgekehrt, sondern haben sich irgendwo anders eine neue Heimat gesucht.“

„Allerdings haben wir nie von ihnen gehört“, stellte Van Doren fest.

Sunfrost seufzte. „Jedenfalls wissen wir, dass sie in der Lage sind, Raumschiffe zu bauen, die ziemlich weite Distanzen  überbrücken. Schließlich sind wir fast 1500 Lichtjahre von der Erde entfernt – deren Position aus dieser Entfernung mit der des Marina-Systems ja fast identisch erscheint!“

„Vorsicht!“, erwiderte Bruder Guillermo. „Wer die Raumschiffe der Nostan tatsächlich konstruiert, ist noch nicht raus.“

„Was meinen Sie damit?“

„Die Außenhülle ähnelt in ihrer Struktur auffällig den bisher untersuchten Quader-Artefakten.“

„Sie meinen, die Nostan haben nur Technik der Alten Götter übernommen?“, hakte Sunfrost sogleich nach.

Bruder Guillermo zuckte mit den Schultern. „Wie groß der Anteil ihrer Technik ist, den sie selbst entwickelt haben und jener, den sie von den Erhabenen übernahmen, lässt sich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht bestimmen, aber dass sie Technik der Alten Götter übernommen haben, steht meiner Ansicht nach außer Frage.“ 

„Eigenartig, ich hätte den Alten Göttern in puncto Waffentechnik schon etwas mehr zugetraut“, äußerte sich Lieutenant Commander Ukasi.

„Wer sagt uns, dass sie uns ihr gesamtes Arsenal bereits vorgeführt haben“, gab Van Doren zu bedenken.

Ein paar Minuten später bekam Lieutenant Jamalkerim noch einmal Kontakt zu Befehlshaber Mentoraan. Dieser gab in seiner knappen, präzisen Art an, dass die Nostan auf zahlreichen anderen Welten siedelten – davon allein zwanzig in Systemen der näheren galaktischen Umgebung. Die scheinbar abtrünnigen Schiffe seien bei Morrhm-Überfällen auf mehrere dieser Kolonien gekapert worden. „Glücklicherweise sind diese Barbaren nicht in der Lage, das volle Waffenarsenal der Schiffe zu nutzen, sodass wir nicht annehmen, dass sich daraus ein größeres Problem ergibt“, beendete Mentoraan seine Ausführungen. 

An einer Antwort von Captain Sunfrost war er wie schon beim ersten Kontakt nicht weiter interessiert.

Schon eine Sekunde nachdem er zu sprechen aufgehört hatte, erschienen auf dem Bildschirm wieder eine Reihe rätselhafter Schriftzeichen, die bereits verblasst waren, noch ehe das Translatorsystem alles übersetzt hatte, was der Nostanische Befehlshaber sagen wollte.

„Also genau wie wir vermutet haben“, murmelte Sunfrost.

„Also eins muss man den Brüdern lassen – die Kunst der diplomatischen Konversation haben sie nicht erfunden“, lautete Van Dorens Kommentar.

„Nennen Sie es eine im Hinblick auf Kürze und Effektivität optimierte Kommunikationskultur“, erwiderte Sunfrost. „Wie die Lakonie der Spartaner.“

Van Doren hob die Augenbrauen. „Hoffen wir nur, dass sie in anderer Hinsicht weniger Ähnlichkeit mit den Spartanern der irdischen Antike haben.“

*

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ZYROLAAN TRUG DAS GOLDEN schimmernde Abzeichen des Herrschers-auf-Zeit um den Hals, das ihn als den derzeitigen, durch Wahl bestimmten absoluten Machthaber der sieben Welten von Nostanor auswies.

Der purpurne Mantel reichte bis zum Boden und kontrastierte stark mit der leuchtend grünen Farbe seiner Haut und dem blauen, tunikaartigen Gewand, das ihn von den Schultern bis zu den Knien bedeckte. Darunter trug er noch enganliegende beige Hosen.

Zyrolaan gehörte dem Geschlecht Nummer 5 an, was zu gewissen Komplikationen geführt hatte. Vor allem deshalb, weil diverse Vorurteile diesem Geschlecht mangelnde emotionale Präsenz, Kommunikationsfähigkeit und eine gewisse Fetischisierung der Technik vorwarfen.

Aber eine Mehrheit der Nostan hatte entschieden, dass es Zeit für einen grundlegenden Wandel in der politischen Kultur Nostanors war. Einen Wandel, bei dem ein kühler Logiker, der bereit war, notfalls Traditionen über Bord zu werfen, vielleicht genau der Richtige war, um das Volk der Sieben Nostanor-Welten zu vertreten.

Streng genommen war schon die Bezeichnung „Sieben Welten von Nostanor“ ein Ausdruck, der politisch gefärbt war. Schließlich lebten neunzig Prozent der Bevölkerung auf Nostanor A – wobei die Nostan selbst die Planeten ihres Systems natürlich nicht mit Buchstaben durchnummerierten, sondern dazu unübertragbare Tonhöhen benutzten, die wiederum für eine ganz spezielle Verbindung von mathematischen Symbolen, Farben und Tonhöhen standen, die der Erfahrung nach in extra-Nostanische Idiome oder Zeichensysteme einfach nicht übertragbar war.

Die Nostan waren nämlich extreme Synästhetiker, in deren Hirnen die Eindrücke von Formen, Farben, Töne und Gerüchen auf sehr komplexe Weise miteinander vernetzt waren. 

Das dies das Lernen sehr erleichterte und es den Nostan ermöglichte, sich selbst flüchtig aufgenommene Fakten beinahe wie in einem fotografischen Gedächtnis merken zu können, war eine Tatsache. Etwas, das der Überzeugung Nahrung gab, dass die Nostan allen anderen Völkern im Universum überlegen waren. Allen bis auf eines, von dem unter den meisten Völkern die Legende umging, es sei verschwunden oder ausgestorben.

Aber die uralte Zivilisation, die sich selbst als das „Reich der Erhabenen’ bezeichnet hatte, war in Wahrheit nicht ausgestorben.

Die Nostan wussten es besser.

Und das begründete einen Großteil ihres Stolzes und ihres Gefühls der Überlegenheit.

Zyrolaan schritt durch die große Wandelhalle – tausend Meter unter der Oberfläche der Hauptwelt Nostanor A. Damit war sie in jedem Fall vor Angriffen – von wem auch immer sie geführt werden sollten – sicher. Der kuppelartige Bau hatte gewaltige Ausmaße. Die Decke der Kuppel bot die Illusion eines blauen Himmels und ließ nicht vermuten, dass tausend Meter Erdreich und Gestein darüber lagen, ehe man den echten Himmel von Nostanor A sehen konnte.

Projektoren zauberten eine Ansicht des Nostanor-A-Himmels auf die Innenseite der Kuppel – und das in einer Qualität, die nicht nur absolut dreidimensional war, sondern auch die durch den Synästhetizismus der Nostan gesteigerten optischen Ansprüchen genügte.

Eine perfekte Illusion, dachte Zyrolaan. Aber eine Illusion, die auf einer Technik basiert, die wir nur einigermaßen verstehen, aber nicht beherrschen – geschweige denn, dass wir uns selbst als ihre Schöpfer bezeichnen könnten...

Aber das würde sich ändern.

Die Erfolge, die Zyrolaan in seiner bisherigen Amtszeit vorweisen konnte, waren noch bescheiden und es gab viele Widerstände der Traditionalisten zu überwinden, die alles, was von den Erhabenen stammte, als heilig und sakrosankt ansahen.

Aber die Technologie der Erhabenen musste weiterentwickelt und den Bedingungen dieser Zeit angepasst werden. Alles andere bedeutete nur einen langsamen Niedergang.

Zyrolaan hörte einen Summton, der für ihn mit einem ganz bestimmten Rot und einer Geruchsnuance verbunden war.

Jemand mit höchster Priorität verlangte nach einer Interkom-Verbindung mit dem Herrscher-auf-Zeit.

Fast instinktiv stieß der Nostan einen Laut im sehr tiefen Frequenzbereich aus, der für menschliche Ohren kam hörbar gewesen wäre. Dazu nutzte er die Röhrengänge innerhalb seines Knochenkamms, die mit dem Rachen-Nasentrakt seines Gesichts verbunden waren. Mehrere Zäpfchen in diesen Gängen halfen, die genaue Tonhöhe modulieren zu können. Jeder Nostan hatte das, was irdische Musiker ein absolutes Gehör nannten, wobei jeder Tonhöhe auch eine Bedeutung zugemessen war. Die Nostan verfügten so neben der herkömmlichen Sprache noch über ein zweites, nonverbales Kommunikationssystem. Das hatten sie zwar mit fast allen sprachbegabten Spezies gemein, allerdings war bei ihnen dieses nonverbale Zeichensystem aus der Kombination von Tonhöhen und melodiösen Phrasen fast genauso differenziert wie die Sprache.

Der Ton, den Zyrolaan ausstieß, aktivierte das Interkom-System seines Gürtel-Kommunikators. Das Gerät projizierte eine Holosäule – gut drei Meter von Zyrolaan entfernt. Das lebensgroße Abbild von Befehlshaber Mentoraan wurde sichtbar.

„Ich nehme an, ich bekomme jetzt einen Lagebericht, der die positive Wendung der kriegerische Ereignisse beinhaltet“, sagte Zyrolaan, während er gleichzeitig mit Hilfe der Luftröhren innerhalb seines Knochenkamms eine Folge dunkler Begleitakkorde erzeugte, die so etwas wie einen ironischen Kommentar zum gesprochenen Wort darstellten. Aber unter Nostan konnten man auf diese Weise kommunizieren. Mit einem der zahlreichen Wsssarrr, die auf Nostanor A lebten, wäre das schon schwieriger gewesen, denn sämtliche Translatorsysteme, die sich den physiologischen Voraussetzungen der Arachnoiden anpassen ließen, fehlte die Fähigkeit, zwischen dem gesprochenen und den Nebentönen klar zu unterscheiden, was immer wieder zu Missverständnissen führte. So war Zyrolaan im Umgang mit Wsssarrr generell dazu übergegangen, auf Nebentöne des Knochenkamms zu verzichten – auch wenn dies die Kommunikation entsetzlich einfach und arm an Bedeutungsnuancen machte.

Aber sollte man machen? Auch wenn die Verwandtschaft der Wsssarrr mit den Erhabenen nicht zu leugnen war, so musste es sich doch entweder um sehr ferne Verwandte dieser Spezies handeln oder es waren einige entscheidende genetische Sequenzen im Verlauf der Wsssarrr-Geschichte deaktiviert worden.

Ein Problem, das vielleicht vor einer halben Million Nostan-Jahren entstanden war, wie führende Wissenschaftler und vor allem die Priesterschaft des Schlafenden Weisen annahmen.

Befehlshaber Mentoraan verstand die Nebentöne seines Herrschers-auf-Zeit problemlos, wie eine amüsierte Erwiderung aus einer Folge verhältnismäßig hochfrequenter Kopfkammtöne bewies.

„Wir bekommen den Angriff unter Kontrolle. Die Strategie des Gegners basiert auf dem Wunsch einer direkten Infanterie-Konfrontation und der Landung von Truppen. Wie wir aus Berichten wissen, die uns von den Kolonien erreichten, setzen sie außerdem hemmungslos primitive Atomwaffen ein, weil sie selbst offenbar sehr strahlenresistent sind.“

„Das bedeutet, wir dürfen nicht gestatten, dass einige ihrer Einheiten bis in den Orbitalbereich einer unserer Welten gelangen“, schloss Zyrolaan.

„Genau das werden wir verhindern. Aber was die Distanzbewaffnung angeht, ist der Gegner uns deutlich unterlegen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann wir die Situation bereinigt haben.“

„Das freut mich zu hören.“

„Mit einzelnen gezielten Schlägen des Gegners, die dennoch sehr zerstörerisch wirken können, müssen wir trotzdem rechnen. Ihre Kampfweise nimmt wenig Rücksicht auf die eigene Sicherheit und die eigene Überlebenswahrscheinlichkeit. Daher ist immer wider mit unlogischen oder selbstmörderischen Aktionen zu rechnen.“

„Was soll man von dieser Pestilenz des Alls anders erwarten?“, erwiderte Zyrolaan. Eine rhetorische Frage, die von Tönen des Spottes begleitet wurden. Aber in diese Tonfolgen mischten sich auch Signale der Sorge. Normalerweise hatte ein Nostan den nonverbalen Äußerungsstrom seines Kopfkamms absolut unter Kontrolle, aber hin und wieder stahlen sich eben doch unbewusst ausgestoßene Töne in die Harmonie der Melodiephrasen, Akkorde und rhythmische Tonfolgern hinein, von denen manche perkussiven Klick- oder Schnalzlauten glichen, während andere eher den Charakter dunkler Klangteppiche annahmen. Ursprünglich war dieses Organ für Äußerungen des Unterbewussten zuständig gewesen. Auch die hoch entwickelte Kultur der Nostan konnte es nicht verhindern, dass diese Eigenschaft immer mal wieder zumindest in Nuancen zum Durchbruch kam. Im Allgemeinen war dies der Anlass, sich zu entschuldigen. Zumindest, wenn der Betreffende die unbewusste, unkontrollierte Äußerung selbst bemerkte. Aber was den Herrscher-auf-Zeit anging, so  widersprach es seiner Rolle, sich überhaupt für irgendetwas zu entschuldigen, da man annahm, dass dies der Autoritätsposition abträglich war.

„Es gibt einige aus den Kolonien gekaperte Schiffe“, sagte der Herrscher-auf-Zeit.

Befehlshaber Mentoraan bestätigte dies. „Es sind Schiffe, die vor mehreren Nostanor-Monaten beim Angriff auf die Kolonie Tabasi gekapert worden.“

„Sind es... Originale?“

Der Herrscher-auf-Zeit zögerte, ehe er das Wort Originale aussprach. Und es wurde auch von ein paar widerstrebenden Nebentönen aus dem Knochenkamm begleitet. Der Grund dafür war einfach. Der Herrscher-auf-Zeit war das Oberhaupt einer Bewegung, die sich dafür einsetzte, dass die Nostan endlich darangingen, die Technik der Erhabenen weiterzuentwickeln. Die Auswanderergruppen der Vergangenheit, die in anderen Systemen Kolonien gegründet hatten, waren natürlich von vornherein darauf angewiesen gewesen, eigene Nachbauten von Raumschiffen und anderen technischen Gerätschaften zu produzieren.

Im Nostanor-System hatte man den Begriff Originale lange Zeit benutzt, um sich von den in der Regel technisch minderwertigen Kopien der Erhabenen-Technologie abzugrenzen.

Niemand war in der Lage die Technik der Erhabenen zu übertreffen, das war lange Zeit das Dogma der Nostanorischen Politik gewesen. Die Kolonien hingegen hatten sich den Luxus eines so destruktiven Dogmas von vorn herein nicht leisten können.

Zyrolaan hatte daher als eine seiner ersten Amtshandlungen verfügt, dass nicht mehr zwischen Originalen und kopierter Technik unterschieden werden dürfe. Weder in der Werbung, noch in der durch das Mediennetz veröffentlichten Meinung. Es durfte nur noch die individuelle Qualität eines Geräts beurteilt werden, aber ob dies aus dies ein Original der Erhabenen oder eine weiterentwickelte Kopie der Nostan war, sollte als Qualitätskriterium keine Rolle mehr spielen.

Das ausgerechnet der amtierende Herrscher-auf-Zeit, der diese Verfügung erlassen hatte, nun selbst von ‚Originalen’ sprach, entbehrte nicht einer gewissen Ironie.

Mentoraan quittierte sie mit ein paar wohlwollenden Brummlauten, die seine Worte unterlegten.

Der Befehlshaber hatte seinen Rang schon innegehabt, als noch die Traditionalisten den Herrscher-auf-Zeit gestellt hatten. Und es war anfangs nicht ganz leicht für ihn gewesen, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen.

Sein Pflichtgefühl hatte schließlich den Ausschlag gegeben. Die neue Regierung war an seinen Diensten interessiert, da er unbestritten über ein hohes Maß an Erfahrung verfügte.

Also hatte er seinen ursprünglichen Plan, mit dem Regierungswechsel aus dem Befehlshaber-Amt zu scheiden, aufgegeben und sich in den Dienst des ersten Herrschers-auf-Zeit gestellt, der den sogenannten ‚Expansionisten’ nahe stand. Neben der Idee, dass die Nostan die Technik der Erhabenen weiterentwickeln sollen, befürwortete die neue Richtung nämlich auch eine Forcierung der Gründung weiterer Kolonien.

Dutzende von Welten hatten die Nostan bis jetzt besiedelt. Von manchen wusste man auf Nostanor gar nichts, da die Auswanderer meistens expansionistische Abweichler gewesen waren, die gegen den Widerstand einer langen Reihe von traditionalistischen Herrschern-auf-Zeit auswanderten. Für die Traditionalisten waren diese Auswanderer Frevler. Wie konnten sie an einem anderen Ort, als dem von Erhabenen geformten Nostanor leben? Standen nicht genügend penibel positionierte Planeten und Monde zur Verfügung? Aus insgesamt 49 Himmelskörpern bestand das Nostanor-System, von denen nur einer – der sogenannte Schlafende Weise – nicht besiedelt werden konnte. Aber abgesehen von Nostanor A war die Bevölkerungsdichte auf allen andere Welten des Siebenecks sehr gering. Die Schaffung weiterer Habitate mit annehmbaren Umweltbedingungen wäre kein Problem gewesen. Die Technologie der Erhabenen machte das möglich.

Aber die Auswanderer hatten sich auch politisch von der Bevormundung durch die Traditionalisten befreien wollen.

Zyrolaan hatte gleich nach dem Machtwechsel einen Langzeitplan entwickeln lassen, dessen Ziel es war, die Verbindung zu den Kolonien aufzunehmen und über das Stadium eines Bündnisses aller Nostan-Welten schließlich ein gemeinsames Sternenreich zu schaffen. 

Aber dieses Ziel war noch in weiter Ferne.

Befehlshaber Mentoraan berichtete: „Es handelt sich bei den gekaperten Schiffen der Morrhm um Nachbauten der Kategorien zwei und drei. Keine Originale und auch keine originalgetreue Kopien, sondern nur sehr stark modifizierte Einheiten.“

„Was wohl zu erwarten war.“ 

„Ja – und die Kampfkraft dieser Schiffe kommt an diejenigen, die uns zur Verfügung stehen nicht heran. Was mich mehr verunsichert, ist das Auftauchen dieser Fremden... Ein Verband von völlig unterschiedlichen Raumschiffen, deren technische Grundlagen ganz verschieden sind...“

„Konnten Sie die Herkunft dieser Schiffe ermitteln?“

„Eines der Schiffe stimmt in seinen Signaturen und in seiner Technik mit Schiffen eines Volkes überein, das sich K'aradan nennt und dessen Kontaktversuche in der Vergangenheit stets abgewiesen wurde.“

„Weswegen?“, hakte der Herrscher-auf-Zeit nach.

„Wegen genetischer Unwürdigkeit“, erwiderte der Befehlshaber. „Ich habe in den Archivdaten nachgesehen. Der letzte Kontakt zu den K'aradan datiert aus dem Jahr 998.768 nach der Ordnung des Nostanor-Systems. Damals regierte Ihr Vor-Vorgänger Kempuviaan noch...“

„Ich bin nicht alt genug, um mich bewusst an diese Zeit erinnern zu können“, erwiderte Zyrolaan.

„Aber ich“, erwiderte Befehlshaber Mentoraan. „Das Urteil über die genetische Qualität war eindeutig. Diese Wesen sind von so niederer Ordnung, dass sie nicht einmal zum Verzehr geeignet sind. Den Erkenntnissen unseres Sicherheitsdienstes zu Folge beherrschen sie ein gigantisches Territorium. Wie ihnen das gelingen konnte, ist mir schleierhaft. Aber Unkraut hat ja ebenfalls die Tendenz, sich auszubreiten.“

„Was hat die Überprüfung der anderen Schiffe ergeben?“

„Stammen allesamt von bisher unbekannten Spezies. Aber unsere Feinde scheinen sie besser zu kennen, denn sie haben die Fremden sofort angegriffen!“

„Die Feinde unserer Feinde könnten ja durchaus unsere Freunde werden“, sagte Zyrolaan. „Vorausgesetzt, ihre genetische Prüfung ergibt, dass nicht sämtliche Schiffsbesatzungen aus Tieren bestehen.“

Befehlshaber Mentoraan ließ einen schrillen Doppelklang seine weiteren Worte untermalen.  „Ich war von Anfang an dagegen, diesen Fremden irgendein positives Signal zu überbringen und habe das nur mit dem größten Widerwillen getan.“

„Aber wenn wir dem Weg der Expansion folgen, werden wir Kontakt zu anderen raumfahrenden Spezies suchen müssen. Das ist nicht zu umgehen.“ Zyrolaan machte eine Pause. Sein Mund verzog sich zur nostanischen Entsprechung eines Lächelns. „Sie haben angekündigt, auch der neuen Regierung dienen zu wollen, Befehlshaber. Mit allen Konsequenzen.“

„Ich diene Nostanor“, sagte der Befehlshaber, wobei sich seine Körperhaltung straffte. Er ballte die sechsfingrige Faust der linken Hand und schlug sich damit gegen den Brustkorb, sodass dabei ein dumpfer Laut entstand.

Unterstützt wurde diese Geste durch einen kraftvollen Akkord aus den Klangröhrchen des Knochenkamms.

*

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DIE VERBINDUNG WURDE unterbrochen.

Er wünscht sich eine andere Regierung, ging es Zyrolaan durch den Kopf. Jahrtausendelang haben nur Herrscher der Traditionalisten das Amt des Herrschers-auf-Zeit bekleidet. Und jetzt denken Leute wie Befehlshaber Mentoraan wohl, dass meine Herrschaftszeit nur ein Intermezzo ist, das kurzfristig  die Tradition unterbricht. Aber da hat er sich getäuscht – und viele Traditionalisten haben das wohl ebenfalls noch nicht richtig begriffen! Es hat ein Bruch in der politischen Geschichte Nostanors stattgefunden. Die Mehrheit gehört jetzt den Expansionisten und das wird lange so bleiben...

Die politischen Verhältnisse Nostanors waren sehr schwerfällig. Veränderungen brauchten lange, ehe sie sich durchsetzten. Aber Zyrolaan hatte Zweifel daran, ob die Umgebung des Siebener-Systems den Nostan diese Zeit geben würde. Schließlich sind wir nicht allein im Universum – und auch unsere edle Abstammung von den Erhabenen wird uns nicht davor retten, eines Tages das Opfer irgendeiner gierigen Macht zu werden. Und selbst genetisch primitiven Tieren wie den K'aradan ist so etwas zuzutrauen...

Eine Bewegung lenkte Zyrolaan ab.

Ein arachnoider Wsssarrr krabbelte auf ihn zu. Die Geschwindigkeit, mit der sich Angehörige dieser Spezies auf ihren spinnenartigen Beinen zu bewegen vermochten, beeindruckte den Herrscher-auf-Zeit immer wieder von neuem.

Der Wsssarrr blieb in einer Entfernung von nur etwa zwei bis drei Metern von Zyrolaan stehen. Er stoppte völlig abrupt. Das Augenkonglomerat sah den Herrscher an. Die Beißwerkzeuge schabten gegeneinander und als er zu sprechen begann und sich dabei die Fressöffnung auftat, war der Röhrenstachel zu sehen.

„Sei gegrüßt, Herrscher-auf-Zeit“, sagte der Wsssarrr.

„Ich freue mich, dass du den Weg in den Palast gefunden hast, Girrrarrrn“, erwiderte Zyrolaan. Es lebten zahlreiche Wsssarrr auch im Nostanor-System. Sie waren irgendwann vor langer Zeit mit Hilfe der Transmitteranlage, die vom großen Transportnetz der Erhabenen übriggeblieben war, hier her gelangt und wurden von den Nostan nicht nur geduldet, sondern auch geschätzt. Sie waren im Laufe der Zeit zu einem symbiotischen Teil der Nostan-Gesellschaft geworden. Insbesondere einfachere Tätigkeiten wurden von ihnen verrichtet. Darüber hinaus hatten sie ihren eigenen Umgang mit der Technik der Erhabenen und konnten den uralten Artefakten mitunter Dinge entlocken, von denen kein Nostan geglaubt hatte, dass die technischen Hinterlassenschaften sie hergaben.

„Es ist mir immer ein besonderes Vergnügen, mich mit dir auszutauschen, Girrrarrrn“, sagte Zyrolaan. Das Treffen mit Girrrarrrn war schon seit langem geplant gewesen. Lange bevor man mit einem Angriff der Morrhm hatte rechnen müssen.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte der Wsssarrr mit einer Folge schriller Laute, die von eigenartigen Klick- und Reibegeräuschen unterbrochen und ergänzt wurden. Ein Nostan war rein physiologisch nicht in der Lage, diese Laute zu erzeugen – und umgekehrt war es dem Wsssarrr nicht möglich, mit Hilfe seiner Fressöffnung und der anderen an der Geräuscherzeugung beteiligten Organe Laute hervorzubringen, die auch nur im entferntesten eine Ähnlichkeit mit der hochkultivierten Sprache der Nostan aufwiesen.

So war für die Verständigung ein Translator unerlässlich. Zumindest auf Seiten des Wsssarrr.

Der Herrscher-auf-Zeit hingegen war stolz darauf, das Idiom der Wsssarrr zumindest zu verstehen, wenn er es auch nicht aktiv verwenden konnte.

Für den Nostan war das in seiner Jugend eine Gedächtnisübung gewesen. Auf Grund der engen synästhetischen Verknüpfung jeder semantischen Bedeutungseinheit der Wsssarrr-Sprache – von Wörtern zu sprechen wäre vielleicht nicht ganz passend gewesen – mit einprägsamen Farben und Gerüchen war es für Zyrolaan kein Problem gewesen innerhalb eines Monats diese Sprache so perfekt verstehen zu lernen, dass er den Ausführungen eines Arachnoiden ohne Schwierigkeiten zu folgen vermochte. Die Tatsache, dass es bei den Spinnenartigen keinerlei Nebenton-Ebene gab und sich auch ihr gestisches und mimisches Repertoire an nonverbalen Äußerungen eng begrenzt hielt, half ihm dabei.

Und die Einfachheit der Kommunikation, wie sie mit einem Wsssarrr möglich war, reizte ihn auf eine besondere Art und Weise. Austausch von Informationen und Meinungen ohne das, was man bei den Nostan einen doppelten Ton nannte – das war so erfrischen direkt und der Herrscher-auf-Zeit fand sogar, dass es mitunter einen völlig neuen Blick auf den einen oder anderen erörterten Sachverhalt eröffnete.

Das war – neben der persönlichen Freundschaft zu Girrrarrrn und einigen anderen Wsssarrr der Hauptgrund dafür, dass der Herrscher-auf-Zeit die Beratung mit diesen spinnenartigen Intelligenzen sehr schätzte.

„Hast du über meine Vorschläge nachgedacht, Herrscher-auf-Zeit?“, fragte der Wsssarrr.

Ein paar Nebentöne entrangen sich den Klangröhren des Nostan, ehe dieser damit abrupt wieder aufhörte, als ihm bewusst wurde, dass diese Nebenlaute ohnehin nur die Übersetzungsqualität des Translators beeinträchtigten, den der Wsssarrr benutzte. Denn im Gegensatz zu den Nostan waren die Wsssarrr nicht mit der Eigenschaft des Synästhetizismus gesegnet, sodass von ihnen im Vergleich zu den Nostan nur deutlich geminderte Gedächtnisleistungen zu erwarten waren.

Die Nostan-Sprache verstehen zu lernen überforderte die Fähigkeiten der meisten Wsssarrr schlicht und ergreifend, wie sich immer wieder herausgestellt hatte. Die edle Abstammung von den Erhabenen, die die Arachnoiden mit den Nostan teilten, bewahrte sie eben nicht vor gewissen Degenerationserscheinungen. Im Laufe der Zeit mussten bestimmte Teile jener genetischen Sequenz, die Nostan und Wsssarrr miteinander und vor allem mit den Erhabenen teilten, bei den Arachnoiden deaktiviert worden sein. Wie das kam, war bisher noch immer ein Rätsel.

„Du sprichst von dem Vorschlag, den Wsssarrr in Zukunft auch das Stimmrecht bei den Wahlen zum Herrscher-auf-Zeit zu geben“, wusste Zyrolaan sofort. Der Wsssarrr hatte ihm eine Liste mit Reformwünschen unterbreitet. Es war vieles darunter, was der Herrscher-auf-Zeit durchaus für bedenkenswert hielt. Sofern die als noch einfältiger als das vierte nostanische Geschlecht geltenden Wsssarrr überhaupt eine politische Meinung hatten, verwiesen sich deren Analysen häufig als ausgesprochen treffend. Vielleicht lag das Geheimnis in der Einfachheit der Argumentationen und der Denkprozesse, die sie hervorgebracht hatten.

Ganz gewiss aber hatte es mit der absoluten Offenheit zu tun, die insbesondere Girrrarrrn dem Herrscher-auf-Zeit entgegenbrachte. Girrrarrrn und Zyrolaan waren seit ihrer Jugend befreundet. Zyrolaan hatte zum zehnten Jahrestag seiner genetischen Konstituierung ein Wsssarrr-Ei zum ausbrüten bekommen. Ein Brutapparat war gleich dabei gewesen und zuerst hatte sich Zyrolaan über dieses  Erstkonstituierungstagsgeschenk gar nicht gefreut. Es bedeutete nämlich Arbeit. Um so ein Wsssarrr-Ei musste man sich kümmern, wenn man nicht wollte, dass es schlecht wurde und sich in einen von einer Kalkhülle umgebenen stinkenden Klumpen organischer Substanzen verwandelte, der Schwefelwasserstoff absonderte.

Es damals große Mode gewesen, seinem Nachwuchs Wsssarrr-Eier zu schenken. Erstens gab es genug davon, denn in dem mit einem Transmitter ausgestatteten Quader-Artefakt der Erhabenen, das im Orbit um Nostanor A kreiste, gab es zwei Königinnen, die nichts anderes taten als Eier zu produzieren. Außerdem war in der Anlage so viel garantiert befruchtete Wsssarrr-Brut vorhanden, dass wahrscheinlich für mehrere Generationen jeder jugendliche Nostan ein Wsssarrr-Ei zum zehnten Jahrestag seiner genetischen Konstituierung bekommen konnte.

Die Traditionalisten haben das Aufkommen dieser Mode nicht gerne gesehen. Es bestehe die Gefahr, dass der Unterschied zwischen Nostan und Wsssarrr verwischt werde, was gegen die althergebrachte Ordnung sei. Aber Zyrolaan war in einer fortschrittlichen Familie groß geworden. Seine Elternfünfheit hatte ganz dem aufkommenden Zeitgeist der Expansionisten gehuldigt – und dazu gehörte nun einmal auch die Idee, dass man sich beizeiten darin üben sollte, Kontakt zu fremden Spezies aufzunehmen.

Zumindest, wenn sie genetisch einigermaßen wertvoll waren. Zyrolaan hatte das Wsssarrr-Ei vorschriftsmäßig ausgebrütet und es war Girrrarrrn geschlüpft. Den Namen hatte sich der Wsssarrr eines Tages selbst gegeben. Glücklicherweise brauchte man ihnen das Sprechen nicht beizubringen, da bei den Wsssarrr die Sprache genetisch codiert war und die Fähigkeit zum Sprechen sich irgendwann von selbst einstellte. Man brauchte dann nur noch den Translator einschalten, wenn man mit seinem Haus-Wsssarrr kommunizieren wollte.

Girrrarrrn war selbst jetzt, da Zyrolaan das Amt des Herrschers-auf-Zeit innehatte, der wichtigste Gesprächspartner, den er besaß. Manche sagten, dass die Beziehung zu einem Haus-Wsssarrr enger und inniger sein konnte als diejenige die ein Nostan normalerweise zu der sexuellen Fünfheit hatte, der er angehörte.

Die Traditionalisten wiederum befürchteten, dass jemand, der sich zu sehr mit einem Wsssarrr beschäftigte, später Schwierigkeiten hatte, überhaupt eine Fünfheit zu finden, die ihn als Partner aufnahm.

Aber das hielt Zyrolaan für ein Vorurteil.

Dass er selbst gegenwärtig nicht in einer Fünfer-Beziehung lebte, hatte mit der Aufgabe zu tun, die er übernommen hatte – nicht mit der Tatsache, dass er in seiner Umgegend einen Wsssarrr großgezogen hatte.

„Du weißt, dass ich deinen Rat immer geschätzt habe“, sagte Zyrolaan.

„Natürlich“, erwiderte der Wsssarrr. „Nur, dass ich keinerlei Bürgerrechte besitze. Ich darf zwar den Herrscher-auf-Zeit in allen Fragen beraten, weil dem Herrscher natürlich freisteht, sich beraten zu lassen, von wem immer er will. Ich selbst aber habe weder die Möglichkeit, mitzubestimmen, wer der nächste Herrscher-auf-Zeit wird, noch könnte ich selbst Herrscher-auf-Zeit werden.“

„Ich glaube, du eilst in Gedanken deiner Zeit jetzt etwas zu weit voraus“, stellte Zyrolaan fest.

„So? Ich dachte, das ist die Aufgabe eines jeden, der sich in der einen oder anderen Form mit Politik beschäftigt. Man muss vorausblicken und bedenken, welche Folgen die Entscheidungen, die man heute trifft, in der Zukunft haben werden. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?“

„Nein, ganz und gar nicht“, musste der Herrscher-auf-Zeit zugestehen. „Aber derzeit ist es für viele meiner Art schon eine Zumutung, dass ein erklärter Expansionist wie ich zum Herrscher-auf-Zeit gewählt worden ist – und nicht ein Traditionalist, der einfach nur so weitermacht wie bisher...“

„Du meinst, die Bevölkerung würde da nicht mitmachen?“, fragte Girrrarrrn.

„Ganz genau. Im Moment würde eine solche Maßnahme die Stabilität unseres politischen Systems bis in seine Grundfesten erschüttern.“

*

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GAUSS 1-6 AUF DAUERFEUER!“, befahl Lieutenant Commander Robert Ukasi. „Plasma-Schirm hochfahren.“ Der Taktikoffizier hatte die Koordination der beweglichen Gauss-Geschütze übernommen. Der Reihe nach bekam er von den Waffenoffizieren im Rang eines Lieutenants die Meldung auf das Display, dass das Feuer öffnet war.

In der letzten Stunde hatten insgesamt vier Nostan-Schiffe den Zwischenraum verlassen, die offenbar von den Morrhm gekapert worden waren. Eine weitere Rückfrage bei dem etwas einsilbigen Befehlshaber der Nostan-Flotte hatte diese Einschätzung bestätigt.

„Treffer in Bandit 2“, meldete Lieutenant Delkey, der zuständige Waffenoffizier von Gauss 1.

Augenblicke später war auf dem Panorama-Schirm zu sehen, wie eines der herannahenden Kaperschiffe zerplatzte.

„Gratuliere! Ich sehe, du kannst noch treffen!“, kommentierte Lieutenant Retseb von Gauss 2 über Interkom.

„Nur kein Neid!“, mischte sich Lieutenant Stanley Asturias von Gauss 6 ein, der sein Geschütz maximal drehte, um das auf Ausweichkurs gehende Zielobjekt, das auf der Positionsübersicht die Bezeichnung Bandit 1 erhalten hatte. Asturias versuchte das vorbeiziehende Schiff noch zu treffen.

Vergeblich.

„Leichter Strahlentreffer in Sektion drei!“, meldete Van Doren.

„Schäden?“, fragte Sunfrost.

„Status des Plasma-Schirms liegt bei 80 Prozent. Abgesehen von der energetischen Überlastung eines Andruck-Absorber-Moduls gibt es keinerlei Schäden“, meldete Van Doren. Er stellte eine Interkom-Verbindung zu Lieutenant Simon E. Erixon, dem Leitenden Ingenieur der STERNENKRIEGER her, um sich nach eventuell auftretenden Resonanzphänomenen zu erkundigen, die bei Strahlentreffern in den Bugbereich immer wieder auftreten konnten, da es von hier aus besonders viele Leitungen gab, die direkt in den Maschinentrakt führten. Insbesondere galt dies für die Andruckabsorber, einige Antigravprojektoren, sowie die Projektoren für die künstliche Schwerkraft im vorderen Bereich der Vertikalsichel-Sektion des Sondereinsatzkreuzers.

„Schaden am Andruckabsorber kann durch Rekalibrierung behoben werden“, erklärte Erixon, dessen Gesicht durch die ausschließlich infrarotsichtigen die Facettenaugen sehr unmenschlich wirkte. Dabei waren die menschlichen Gene des Genetic nur in einem winzigen Bruchteil verändert worden – ursprünglich, um ihn durch die Fähigkeit zur Methanatmung besser für den Einsatz auf Extremwelten verwenden zu können.

Aber mit dem Bergbau auf Methanwelten hatte Erixon schon lange nichts mehr zu tun, wie er auch den inzwischen aus dem Bund der Humanen Welten von Sol ausgeschiedenen Drei Systemen der Genetics den Rücken gekehrt hatte. „Ich überbrücke die Störung mit einem Ersatzsystem, bis die Rekalibrierung durchgeführt ist.“

„In Ordnung, L.I.“, nickte Van Doren.

Bandit 1 zog an der STERNENKRIEGER vorbei. „Feindliches Objekt im Visier!“, meldete Lieutenant Paul Mandagor, der Waffenoffizier von dem nach hinten ausgerichteten Gauss-Geschütz Nummer 8.

„Kein Feuer!“, befahl Ukasi. „Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Verbündeten treffen, ist zu groß.“

„Bandit 2 fliegt auf die STOLZ DER GÖTTER zu“, meldete Lieutenant Riggs.  „Strahlenschussdistanz in 10 Minuten.“

Die STOLZ DER GÖTTER war ein riesiges, 1,2 Kilometer großes Teller-Schiff, das im Auftrag der Reiches der K'aradan an der Expedition teilnahm. Das Kommando führte ein gewisser Noris Salot. Das Erbtriumvirat von Aradan drückte mit der Teilnahme dieser gewaltigen Einheit aus, welche hohe Priorität man der Expedition als solcher zumaß.

Im Vergleich zur STOLZ DER GÖTTER wirkten alle anderen Einheiten, die Teil der Forschungsflottille waren, wie Winzlinge.

Ganz besonders galt das natürlich für das Schiff der insektoiden Ontiden, das lediglich die Größe einer Raumyacht hatte. Es hielt sich derzeit in der Nähe des gigantischen Tellerschiffs auf. Das Größenverhältnis war etwas dasselbe wie bei der Ansicht des Jupiters und einer seiner kleineren Monde.

Das Qriid-Schiff SEDONGS RACHE und die Shani-Einheit WEITE REISE befanden sich in einer etwas zurückgezogenen Position.

„Bandit 1 wird in drei Minuten in die Reichweite der k'aradan’schen Ionenkanonen kommen“, meldete Lieutenant Riggs.

„Dann sollten wir sehen, dass unsere Verbündeten die Gelegenheit haben sich zu wehren, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen, dass wir vielleicht auch in Mitleidenschaft gezogen werden“, schlug Van Doren an den Captain gerichtet vor.

Rena Sunfrost nickte.

„Lieutenant Taranos, treten Sie die Flucht nach vorn an. Geben Sie Maximalbeschleunigung!“

„Aye, aye, Ma’am!“, bestätigte der Rudergänger der STERNENKRIEGER II. Er ließ seine Finger über den Touchscreen gleiten. Wenige Sekunden später war das leichte Rumoren unter dem Fußboden der Brücke zu spüren, das sowohl bei Ionen- als auch bei den neueren Mesonentriebwerken charakteristisch für die Aufwärmphase war.

Die Aufwärmphase dauerte beim Mesonentriebwerk der STERNENKRIEGER jedoch bei weitem nicht so lange wie bei den althergebrachten Ionentriebwerken, die nach wie vor in den meisten Einheiten des Space Army Corps zu finden waren.

Das enorme Beschleunigungsvermögen des Sondereinsatzkreuzers kam nun zum Tragen.

„Provisorisch eingerichteter Andruckabsorber bis auf das Maximum belastet“, meldete Lieutenant Erixon. Der Genetic ließ sich über Interkom aus dem Maschinentrakt zuschalten.

Die STERNENKRIEGER vergrößerte die Distanz zwischen sich und dem K'aradan-Schiff. Die Ionenkanonen der K'aradan waren zwar recht präzise Waffen, aber Kollateral-Schäden konnten nicht ausgeschlossen werden. Und ein versehentlicher Ionen-Treffer während einer Gefechtssituation konnte verheerende Auswirkungen haben, denn die Hauptwaffe der K'aradan-Schiffe sorgte für Ausfälle der elektronischen Bordsysteme.

Die STERNENKRIEGER näherte sich auf diese Weise schneller als geplant einem dritten Beuteschiff der Morrhm sowie einem Pulk von Sturm-Shuttles und Jägern, die auf dem Weg nach Nostanor A waren.

Bandit 3 eröffnete bereits aus einer Distanz das Strahlenfeuer, aus der dies absolut sinnlos und mit reiner Energieverschwendung gleichzusetzen war.

Schon allein dies zeigte, dass an der Waffensteuerung des golden auf dem Panorama-Schirm schimmernden Schiffs Nostanischer Bauart jemand saß, der sich mit der  Wirkungsweise der Waffensysteme nicht wirklich auskannte.

„Eine Transmission der STOLZ DER GÖTTER!“, meldete Lieutenant Jamalkerim.

„Auf den Schirm damit!“, befahl Sunfrost.

„Aye, aye, Ma’am. Der Funkkanal ist frei.“

Auf einem Teilfenster des Panorama-Schirms erschien das leicht rötliche, aber ansonsten völlig menschlich wirkende Gesicht von Noris Salot, dem Kommandanten des k'aradan’schen Giganten. Die Größenverhältnisse unserer Raumschiffe dürften in etwa der unserer Sternenreiche entsprechen, ging es Sunfrost durch den Kopf. Nur zu dumm, dass die Morrhm sich auch von großen Objekten grundsätzlich nicht einschüchtern lassen!

Schließlich hatten diese Weltraum-Barbaren auch keine Bedenken gehabt, plündernd durch die äußeren Randgebiete des gewaltigen, eine Raumkugel von mehr als tausend Lichtjahren durchmessenden Sternreichs der K'aradan zu ziehen, obwohl ihnen doch eigentlich hätte bewusst sein müssen, wann dieser Koloss zum Gegenschlag ausholte. Mochte man eine solche Macht auch für eine gewisse Zeit auf dem falschen Fuß erwischen und durch gezielte Schläge in arge Schwierigkeiten bringen können – auf längere Sicht hatte das Reich von Aradan durchaus die Möglichkeit, mit diese Problem fertig zu werden.

„Was gibt es, Kommandant Salot?“, fragte Sunfrost.

An einer Kennung im linken oberen Eck war zu sehen, dass diese Sendung im Konferenzmodus an alle beteiligten Einheiten der Forschungsflottille ging.

„Zunächst mal möchte ich mein Missfallen darüber ausdrücken, dass Sie mit Kampfhandlungen begonnen haben, ohne uns zu konsultieren, Captain Sunfrost“, sagte Salot.

„Wir wurden angegriffen und mussten uns verteidigen“, erwiderte Sunfrost. „Andernfalls hätten wir natürlich zunächst mit allen Beteiligten Rücksprache gehalten.“ Stumm setzte sie noch hinzu. Haben wir wirklich während eines Gefechts dafür Zeit, uns gegenseitig mit diplomatischen Empfindlichkeiten zu ärgern? Aber diese Bemerkung behielt Sunfrost natürlich für sich.

„Unseren Daten nach sind sie weit genug von uns entfernt, um durch einen Gebrauch unserer Ionen-Waffen nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Ist Ihre Sicherheit in Gefahr, wenn wir jetzt unsererseits von unserem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch machen?“

„I.O.?“, fragte Sunfrost an Van Doren gewandt.

„Keine Gefahr“, bestätigt der Erste Offizier der STERNENKRIEGER.

„Sie können feuern, ohne uns zu gefährden, Kommandant Salot.“

„In Ordnung.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Ich würde sagen, da war jemand leicht beleidigt“, stellte Van Doren fest.

Ist das Ihre Art mir zu sagen, dass ich einen Fehler gemacht habe, I.O.?, überlegte Sunfrost. Vielleicht haben Sie sogar Recht...

*

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DAS GEKAPERTE SCHIFF wurde mit den Ionenkanonen der STOLZ DER GÖTTER außer Gefecht gesetzt. Es dümpelte daraufhin durch das All. Mehrere gezielte Traser-Schüsse des Qriid-Schiffs SEDONGS RACHE sorgten dafür, dass sich das gekaperte Nostan-Schiff in einen Feuerball verwandelte.

Die STERNENKRIEGER näherte sich dem Pulk von Sturm-Shuttles und Jägern der Morrhm. Dieser Schwarm von relativ kleinen Raumschiffen hatte inzwischen den Kurs geändert. Sie strebten zurück zu einem ihrer Mutterschiffe.

Dasselbe galt für jene Morrhm, die sich im Orbit mit den gut formierten Nostan-Verteidigern ein erbittertes Raumgefecht geliefert hatten. Ein Gefecht, das im Übrigen für die Morrhm ziemlich desaströs geendet hatte. Mehrere Dutzend ihrer Sturm-Shuttles trieben als zerstörte Wracks im All. Auf den meisten waren keine Lebenszeichen mehr anmessbar. Einige andere, auf denen es offenbar noch Überlebende gab, wurden ins Schlepp genommen.

„Scheint, als würden sie tatsächlich aufgeben“, kommentierte Van Doren.

„Sieht den Morrhm gar nicht ähnlich“, meldete sich Ukasi zu Wort. „Ich wette, sie kommen mit Verstärkung zurück. So schnell geben die doch nicht auf.“

„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Lieutenant Commander Ukasi“, sagte Captain Sunfrost.

Wie zur Bestätigung von Ukasis Ansicht meldete Lieutenant Riggs in diesem Augenblick eine Explosion im Orbitalbereich von Nostanor.

Bruder Guillermo stellte über Interkom von Kontrollraum C im Maschinentrakt aus eine Verbindung her und sagte: „Die Explosion hat einen Teil des Quader-Artefakts herausgesprengt!“

„Ursache?“, fragte Sunfrost.

„Bisher unbekannt“, erwiderte Bruder Guillermo.

Wiley Riggs ergänzte: „Die Ursache dürfte das Nostan-Raumschiff sein, das sich gerade mit hohem Beschleunigungsfaktor aus dem Orbitalbereich herausbewegt.“

„Vermutlich ein gekapertes Schiff“, sagte Van Doren.

„Ganz gewiss sogar“, glaubte John Taranos zu wissen. Der Rudergänger der STERNENKRIEGER II drehte sich kurz um und fuhr fort: „Zwischen den gekaperten Schiffen, die ja nach Angaben der Nostan aus Kolonialsystemen stammen und den Verteidiger-Schiffen bestehen ein paar signifikante technische Unterschiede. Die Signaturen sind leicht verschieden und mir scheint auch, dass die Manövrierfähigkeit Differenzen aufweist.“

„Renegat entfernt sich aus dem Orbitalbereich“, meldete Riggs.

„Ich empfange Funkbotschaften in Morrhm-Codierung“, rief Lieutenant Jamalkerim.

„Lassen Sie das Material übertragen, Jamalkerim“, verlangte Van Doren. „Vielleicht ist ja etwas Wichtiges dabei.“

Doch schon wenige Augenblicke später gab es eine weitere Explosion. Das gekaperte Schiff wurde von mehreren Nostan-Einheiten angegriffen und vernichtet. Die Strahlenschüsse fraßen sich durch die Außenhaut. Das gekaperte Schiff brach auseinander. Die glühenden Trümmerteile irrlichterten durch das All und glommen noch einmal kurz auf, bevor sie für immer in der Dunkelheit des Alls verloschen.

*

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DIE MORRHM-BEIBOOTE - sowohl Sturm-Shuttles als auch Jäger – kehrten zu ihren Mutterschiffen zurück. Einige der Nostan-Schiffe machten sich an die Verfolgung. Dabei fiel auf, dass die großen Einheiten ihre Positionen im Orbitalbereich nicht verließen. Offenbar war die Flotte der Verteidiger zahlenmäßig zu schwach, um diese Positionen aufgeben zu können.

Möglicherweise rechnete man auf Nostanor A auch damit, dass jederzeit weitere gekaperte Schiffe aus dem Sandströmraum auftauchen konnten.

Die Mutterschiffe der Morrhm führten im Abstand mehrerer Stunden einen Raumsprung durch, wie man es von ihnen kannte.

„Sechsunddreißig Stunden haben wir jetzt auf jeden Fall Ruhe vor denen“, lautete Sunfrosts Kommentar – denn die mussten bei den Morrhm-Schiffe zwischen zwei Raumsprüngen vergehen. Vor Ablauf dieser Zeitspanne konnten sie also nicht zurückkehren.

Inzwischen gab es Klarheit über die Schäden an dem Transmitter-Artefakt, das sich im Orbit von Nostanor A befunden hatte.

„Energieniveau steigt bedenklich“, meldete Riggs.

„Glauben Sie, es besteht die Gefahr, dass sich ein Mini Black Hole bildet?“, erkundigte sich Sunfrost.

Riggs zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, traue ich mich nicht, das einzuschätzen. Wir müssen damit rechnen.“

„Ich werde Kontakt mit meinen Kollegen von den Fulirr aufnehmen“, kündigte Bruder Guillermo an. „Schließlich haben die mehr Erfahrung mit Mini Black Holes.“

Die Auskunft von den Fulirr war schnell eingeholt.

Nach ihrer Ansicht deutete die Kombination einiger Strahlungskomponenten darauf hin, dass es zum Kollaps kam.

Weitere Stücke brachen aus dem angegriffenen Artefakt heraus.

Von der Transmitterstation wird wahrscheinlich nichts bleiben, was sich noch untersuchen lässt, überlegte Sunfrost. Es fragt sich, ob es noch sinnvoll ist, länger hier zu bleiben, zumal die Nostan von unserer Anwesenheit ja nicht so besonders begeistert waren. Aber das werde ich mit den Kommandanten der anderen Schiffe besprechen...

„Captain, da geht etwas sehr Eigenartiges vor sich“, meldete Riggs. Auf seiner Stirn erschien eine tiefe Furche. Er blickte angestrengt auf seine Anzeigen.

„Vielleicht könnten Sie etwas präziser werden, Lieutenant“, schlug Sunfrost vor.

„Natürlich Ma’am. Bruder Guillermo, messen Sie auch dieses Kraftfeld mit 5-D-Komponente?“

„Metz hat mich gerade darauf hingewiesen“, erklärte der Olvanorer. „So etwas habe ich noch nie auf dem Schirm gehabt...“

„Was glauben Sie, wozu dieses Feld dient?“, fragte Sunfrost.

Bruder Guillermo hob die Schultern. „Es könnte sich um ein Eindämmungsfeld handeln.“

„Um die Bildung eines Mini Black Hole zu verhindern?“, erkundigte sich Sunfrost.

„Ja“, bestätigte Bruder Guillermo.

Van Doren ließ sich die bisher vorhandenen Ortungsdaten zu diesem Phänomen ebenfalls auf seiner Konsole anzeigen.

„Ein Eindämmungsfeld für Mini Black Holes?“, fragte Ukasi zweifelnd. „Kann ich mir kaum vorstellen, wie das funktionieren soll...“

„Vielleicht ähnlich wie die Raketen, die gegen die Mini Black Hole wirken, die bei Antimaterieexplosionen entstehen“, vermutete Taranos.

Aber Ukasi schüttelte energisch den Kopf. „Nein, unmöglich. Diese Raketen bringen das entstehende Mini Black Hole vorzeitig zum Kollaps. In diesem Fall müsste es ja an der Entstehung gehindert werden. Die Position des Artefakts im Orbit ist so nahe an der Oberfläche, dass ein Mini Black Hole die halbe Atmosphäre von Nostanor A augenblicklich verdampfen lassen würde. Davon abgesehen würde die Siebenerkonstruktion der Monde durcheinander gewirbelt wie ein Haufen Kugeln beim Poole-Billard.“ Ukasi wandte sich in Van Dorens Richtung. „Wir haben das doch erlebt, wie es bei Triple Sun war.“ 

Van Doren hob die Augenbrauen. „Wenn die Erhabenen Technik zur Energieerzeugung verwendet haben, die dermaßen hohe Risiken birgt, dann werden sie vermutlich doch auch eine Möglichkeit gehabt haben, im Fall eines Unfalls oder der Zerstörung der Anlage vorsorgen zu können.“

„Meinen Sie mit Vorsorge das, was die Menschheit im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert mit der Kernenergie gemacht hat, als man noch nicht einmal wusste, wo man den entstehenden Müll endgültig lagern sollte?“, fragte Ukasi. „Es gibt schließlich ein paar Orte auf der Erde, die heute immer noch unbewohnbar sind, weil man einer Technik vertraute, die man letztlich nicht beherrschte.“

„Vielleicht sind die Erhabenen ja auch in dem Punkt der Menschheit überlegen gewesen“, mischte sich Sunfrost ein.

Innerhalb der nächsten Viertelstunde bildete sich um das so gut wie zerstörte Artefakt ein grünliches Eindämmungsfeld mit fünfdimensionalen Strahlungskomponenten. Vier Raumschiffe der Nostan, die sich um das Artefakt herumgruppierten, projizierten dieses Feld. Die Energiewerte aus dem inneren Bereich des Feldes waren nicht mehr anmessbar. Als schließlich das Feld deaktiviert wurde, war von dem Transmitter-Artefakt nichts mehr vorhanden.

„Ich nehme an, es hat wenig Sinn, den L.I. oder sonst wen an Bord zu fragen, wie die das gemacht haben!“, stieß Sunfrost hervor. Wahrscheinlich könnten nicht mal von Schlichten und Metz das auch nur ansatzweise beantworten!, fügte sie noch in Gedanken hinzu.

„Jedenfalls hat es funktioniert, Captain“, ließ sich Van Doren vernehmen. „Und das ist im Moment die Hauptsache.“

„Leider habe wir damit unseren Forschungsgegenstand verloren“, gab Sunfrost zurück.

„Aber möglicherweise haben wir einen neuen gefunden“, war jetzt die Stimme von Bruder Guillermo über Interkom zu hören.

Sunfrost wandte den Kopf in Richtung des Christophers, dessen Gesicht auf dem Nebenbildschirm zu sehen war.

„Entschuldigen Sie, Bruder Guillermo, aber ich habe im Moment nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen.“

„Einen Moment. Ich schalte es Ihnen auf den Panorama-Schirm.“

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IM NÄCHSTEN MOMENT verschwand das Bild des nahen Weltraums, das zuvor auf dem Panorama-Schirm der STERNENKRIEGER in einer Pseudo-3-D-Qualität abgebildet worden war. Dasselbe galt für die Positionsübersicht, die etwa ein Drittel des Schirms eingenommen hatte und die gegenwärtige Gesamtlage veranschaulichte. Nach dem Rückzug der Morrhm und der Beseitigung der Gefahr durch das beinahe kollabierte Transmitter-Artefakt, war dieser Überblick im Moment wohl auch nicht ganz so wichtig.

Stattdessen erschien dort jetzt eine Vergrößerung eines der sieben Nostanor-Welten. Wie die Beschriftung deutlich machte, handelte es sich dabei um Nostanor C, die aus Schwermetallen und Trans-200-Elementen bestehende ultraschwere und ultradichte Welt von der fünffachen Masse der Erde. Allerdings erreichte das Volumen dieses Planeten gerade mal die Ausmaße des Mars. Fünffache Erdschwere herrschte an der Oberfläche, aber erstaunlicherweise gab es keine Atmosphäre.

„Einige interessante Details über Nostanor C sind uns ja bereits aufgefallen“, erklärt Bruder Guillermo. „Zum Beispiel fragt man sich, wo die radioaktiven Isotope geblieben sind, oder weshalb es überhaupt keine Gashülle auf Nostanor C gibt, obwohl dieser Planet eigentlich eine Atmosphäre haben müsste. Dieser Himmelskörper wirkt alles in allem wie chemisch gereinigt, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Sie wollen damit sagen, dass er künstlichen Ursprungs ist“, schloss Sunfrost.

„Es gibt nicht viele Punkte, in denen wir uns einig sind – Metz, von Schlichten, Nirat-Son und meine Wenigkeit. Aber dieser Punkt gehört tatsächlich dazu!“

„Gibt es unterirdische Anlagen?“, fragte Sunfrost.

„In den sieben Monden, die Nostanor C umkreisen, mit Sicherheit. Das können wir anmessen. Außerdem umkreisen mehrere Orbitalstationen den Planeten und es gibt dort offenbar auch mehrere Anlagen, die eine ähnliche Funktion erfüllen wie unsere Raumforts.“

„Wenn ich das richtig sehe, ist Planet C nichts anderes als eine Schwermetallwüste“, stellte Ukasi fest. „Ich wüsste nicht, weshalb man die besonders sichern sollte.“ Er blickte stirnrunzelnd auf sein Display, auf das er sich nun ebenfalls die Ortungsdaten geholt hatte, nachdem mit einem baldigen Gefechtseinsatz im Moment nicht zu rechnen war.

Bruder Guillermo schaltete noch einen höheren Zoomfaktor ein. Jetzt waren Strukturen an der Oberfläche zu sehen, die sich förmlich eingegraben hatten.

Sunfrost runzelte die Stirn.

Sie erhob sich von ihrem Kommandantensessel. Das sieht fast organisch aus, ging es ihr durch den Kopf. Die Strukturen erinnerten sie an Drei-D-Animationen, die einem dabei helfen sollten, sich die Funktionsweise des menschlichen Gehirns vorzustellen. Knotenartige Strukturen waren mit tentakelartigen Armen untereinander verbunden wie in einem neuronalen Netz. Oder unzählige Tintenfische, die sich an den Armen gegenseitig festhalten, überlegte Sunfrost, was gleich im nächsten Moment eine weitere Assoziation nach sich zog.

„Etnord“, murmelte sie und erschrak selbst darüber, dass sie es laut ausgesprochen hatte.

Aber sie schien nicht die Einzige zu sein, der dieser Gedanke gekommen war.

„Genau diese Assoziation ist mir auch gekommen“, erklärte Bruder Guillermo. „Vor allem, wenn man noch näher an die Oberfläche herangeht und eine Strukturanalyse durchführt, dann sieht man, wie stark das alles den Etnord ähnelt. Man hat den Eindruck die Abdrücke von Etnord zu sehen, die vor langer Zeit einen Verbund um den ganzen Planeten gebildet haben. Die Ähnlichkeiten gehen bis in die Feinheiten der Oberflächenstrukturen hinein.“

„Die Etnord waren ein Hilfsvolk der Erhabenen“, meinte Van Doren. „Und da wir ja davon ausgehen, dass sie es waren, die dieses System so manipuliert haben, überrascht es eigentlich nicht, dass wir auch Spuren der Etnord finden...“

„Das stimmt“, musste Sunfrost zugestehen. Wahrscheinlich bin ich, was die Etnord angeht, ein bisschen traumatisiert. So wie wohl die meisten Menschen. Die Vorstellung, von einem faustgroßen Parasiten, dessen Ganglien sich im ganzen Körper verbreiten, zu einer willenlosen Marionette gemacht zu werden, ist einfach eine menschliche Alptraumfantasie par excellence!

„Captain ich würde gerne die Fossilien auf Nostanor C untersuchen“, erklärte nun Bruder Guillermo. „Das dürfte vielleicht sogar fast aufschlussreicher sein, als es die Untersuchung dieses Transmitter-Artefakts sein würde, dessen Technologie wir vermutlich ohnehin nicht verstanden hätten.“

Sunfrost seufzte hörbar. „Ich werde sehen, was ich tun kann, Bruder Guillermo“, versprach sie. Anschließend wandte sie sich an Van Doren. „Sie übernehmen bis auf weiteres das Kommando. Geben Sie der Stammcrew der Brücke frei. Die Morrhm sehen wir frühestens in 36 Stunden wieder – aber bis dahin können andere zeigen, was sie können.“

„Ja, Ma’am“, nickte Van Doren.

Sunfrost wandte den Kopf in Ukasis Richtung. Der Lieutenant Commander und in der Hierarchie nach dem Captain und dem Ersten Offizier die Nummer drei an Bord der STERNENKRIEGER, gab sich redlich Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. „Das gilt auch für Sie, Mister Ukasi.“

„Ich fürchte, ich bin bei dieser angespannten Lage unabkömmlich.“

„Das sind Sie nicht. Lieutenant Mandagor kann Sie vertreten, während Gauss 8 von einem Fähnrich übernommen wird.“

Ukasi war anzusehen, dass ihm die Worte des Captains nicht gefielen. Was ist gegen eine Mütze voll Schlaf und etwas Entspannung eigentlich einzuwenden, Mister Ukasi?, fragte sich Sunfrost, als sie dem Blick des Taktikoffiziers begegnete. Lässt Sie irgendetwas nicht schlafen?

Ukasi hatte Ringe unter den Augen.

Das war Sunfrost schon seit einiger Zeit aufgefallen. Sie hatte das auf den in letzter Zeit mitunter extrem anstrengenden Dienst geschoben. Schlafmangel war da unvermeidlich – zumindest wenn man einer der drei wichtigsten Offiziere an Bord eines Space Army Corps Schiffs war und damit nicht so leicht die Möglichkeit hatte, die Verantwortung einfach an irgendeinen Gleichrangigen abzugeben, wie das in den unteren Mannschaftsrängen sehr viel eher der Fall war.

Jetzt fragte sich Sunfrost, ob vielleicht mehr dahinter steckte.

*

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SUNFROST GING IN DEN Raum des Captains, um eine Funkkonferenz mit den Kommandanten der anderen Schiffe abzuhalten. Bruder Guillermo wurde auch hinzugeschaltet, um die Verbündeten von der Wichtigkeit der Fossilien zu überzeugen, die es auf Nostanor C gab. Aber da rannte Sunfrost offene Türen ein.

Noris Salot bestand darauf, dass zuerst K'aradan-Wissenschaftler die Möglichkeit bekamen, den Boden dieser Schwerkrafthölle zu betreten und an den Fossilien – oder worum immer es sich sonst handeln mochte – Untersuchungen vorzunehmen.

„Ich nehme an, Sie möchten auch den diplomatischen Kontakt mit den Nostan in die Hand nehmen“, vermutete Sunfrost.

Aber in dieser Hinsicht irrte sie ganz gewaltig.

„Nein, ich denke, der ist bei Ihnen besser aufgehoben, Captain Sunfrost.“

Sunfrost glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Die K'aradan verzichteten freiwillig auf eine Führungsrolle?

Kaum zu glauben. Oder es steckt noch etwas dahinter, was ich bis jetzt nicht weiß, wurde es der Kommandantin der STERNENKRIEGER schlaglichtartig klar.

Noris Salot druckste etwas herum, ehe er dann schließlich zur Sache kam.

„Es ist nämlich so, dass es in der Vergangenheit bereits mehrere Kontaktversuche zwischen K'aradan und Nostan gab“, erklärte er dann.

„Um so mehr wären Sie dazu prädestiniert, mit ihnen zu sprechen“, fand Sunfrost und ihr Unverständnis für das bisherige Verhalten des K'aradan-Kommandanten wuchs.

Warum hatte er sich nicht von Anfang an in die Kontaktaufnahme eingeschaltet? Wieso hatte er seelenruhig zugesehen, wie Sunfrost in jeder Hinsicht vorgeprescht war?

Der Grund wurde bald offenbar.

„Die bisherigen Kontaktversuche fanden nicht offiziell zwischen dem Reich von Aradan und seinem Erbtriumvirat und den Nostan statt, sondern zwischen den Vertretern einiger Großkonzerne, die vor allem im Randbereich des Reiches tätig sind. Außerdem haben ein paar unabhängige K'aradan-Welten in diesem Gebiet immer wieder Schiffe zur Kontaktaufnahme geschickt. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe.“

„Ich bin gespannt“, erklärte nun der Kommandant des Qriid-Schiffs SEDONGS RACHE.

Seine beiden Schnabelhälften schabten gegeneinander.

Ist er wirklich ungeduldig oder interpretiere ich da nur in seine Gestik hinein, weil ich selbst so empfinde?, fragte sich Sunfrost. Wahrscheinlich letzteres. Es ist doch immer dasselbe... Man sieht nur das, was man sehen will.

„Nun“, fuhr Noris Salot fort. „Die Nostan pflegen extreme Vorurteile auf Grund der genetischen Herkunft. Sie wiesen alle Expeditionen, von denen es im Archiv des Reiches von Aradan Aufzeichnungen gibt, brüsk zurück und erklärten, dass sie keineswegs die Absicht hätten, mit unreinen Tieren Geschäfte zu machen.“

„Klingt nach extremen Rassismus“, stellte A'ahse, die Kommandantin des würfelförmigen Shani-Schiffs, fest.

Gegen die Nostan klingen ja selbst die Anhänger der irdischen Humanity First-Bewegung richtig nett, überlegte Sunfrost, behielt diese Anspielung auf die Innenpolitik der Humanen Welten allerdings für sich, da sie ohnehin, abgesehen von Bruder Guillermo, von keinem der Teilnehmer dieser Funkkonferenz verstanden worden wäre.

„Die Nostan halten uns K'aradan für genetisch minderwertig. Die Expeditionen, die vor uns mit ihnen in Kontakt zu treten versuchten, bekamen gesagt, dass man das Fleisch ihrer Körper nicht einmal als für den Verzehr geeignet erachte.“

A'ahse meldete sich zu Wort. „Vielleicht sollte eine Spezies, die so...“ Sie machte einige Laute und ihr Translator mit ihr. „So K'aradan ähnlich ist, jetzt nicht gerade die Verantwortung für den Kontakt bekommen.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn dieses unangenehme Geschäft jemand anders erledigt“, erklärte Sunfrost. „Und du wärst sicher die Richtige dafür, A'ahse.“

Mit der Kommandantin des Shani-Schiffs verband Sunfrost eine Freundschaft. Sie vertraute der Shani.

*

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A'AHSE NAHM IM NAMEN aller offiziell Kontakt mit den Nostan auf. Dass die gemischte Flottille zu ihren Gunsten in die Kampfhandlungen eingegriffen hatte, schien dabei kaum eine Rolle zu spielen. Sunfrost, die über eine Konferenzschaltung das Gespräch zwischen der Shani und dem Befehlshaber der Nostan-Flotte, an den auch Sunfrost ja bereits geraten war, war regelrecht ein wenig erbost darüber, wie wenig die grünhäutigen Kammköpfe in der Lage waren, etwas Dankbarkeit zu zeigen.

Zunächst mal blieb die Kontaktanfrage scheinbar unbeantwortet. A'ahse versuchte es ein zweites Mal. Schließlich bat sie Rena Sunfrost, doch noch einmal Kontakt mit Befehlshaber Mentoraan aufzunehmen.

Doch auch dieser Kontaktversuch blieb zunächst unbeantwortet.

„Was ist da los?“, fragte Sunfrost. Während der Kontaktaufnahme saß sie zusammen mit Bruder Guillermo in dem Konferenzraum, der direkt an die Brücke angrenzte.

Schließlich hatte sie auf das diplomatische Geschick des Olvanorers nicht verzichten wollen.

„Im allgemeinen spricht so etwas für erhebliche Uneinigkeit hinter den Kulissen.“, vermutete er. „Die Nostan wissen offenbar einfach nicht, was sie mit uns anfangen sollen.“

Rena Sunfrost atmete tief durch. „Aber wir hatten doch sogar während der Kämpfe mit den Morrhm einen relativ stabilen Kontakt mit ihnen! Wieso stellen sie sich nun so an?“

„Ich habe eine erste Grob-Analyse des aufgezeichneten Funkverkehrs vorliegen. Die Übersetzung ist relativ aufwändig, weil die Aufzeichnungen immer durch sehr viele Nebentöne begleitet werden, die das Translatorsystem immer wieder verwirren. Die Nostan scheinen diese Töne mit Hilfe von Hohlräumen in ihren Knochenkämmen zu erzeugen – allerdings können wir nur darüber spekulieren, was diese Laute zu bedeuten haben.“

„Eine Art Begleitmusik, oder habe ich das jetzt falsch verstanden?“, gab Sunfrost zurück.

Sie hatte sich am Getränkeautomaten, von dem es auch im Konferenzraum der STERNENKRIEGER II ein Terminal gab, einen Kaffee gezogen und verzog das Gesicht, als sie den ersten Schluck des braunen Gebräus nahm. Da hast du dir mal wieder die Zunge verbrannt, kommentierte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Und zwar diesmal nicht einmal im übertragenen Sinn!

„Wie gesagt, die Bedeutung ist unklar – aber dass diese Laute nur einfach so ausgestoßen werden, kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Dazu wird zu viel Sorgfalt darauf gelegt, sie genau und vor allem in der Tonhöhe exakt zu modulieren.“

„Möglicherweise ist die Tonhöhe der Schlüssel“, erwiderte Sunfrost.

„Daran habe ich auch schon gedacht. Schließlich gibt es auch auf der Erde Sprachen wie das Chinesische oder das Malaiische und Thai, in denen Tonhöhen eine sehr wichtige Funktion haben und über die Bedeutung eines Wortes bestimmen können.“

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EINE HALBE STUNDE SPÄTER kam eine Konferenztransmission der Nostan. Diesmal gab sich nicht einmal der Oberbefehlshaber der Flotte die Ehre, sondern ein offenbar untergeordneter Beamter der Nostanischen Raumkontrolle.

„Die Nostanische Kultur ist für ihre Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden bekannt“, behauptete der Beamte, der es nicht einmal nötig fand, sich vorzustellen und seinen Namen und Rang zu nennen.

Sunfrost und Bruder Guillermo saßen noch immer in dem an den Raum des Captains angrenzenden Konferenzraum und wechselten einen vielsagenden Blick.

Rena vergewisserte sich, dass es sich um eine einseitige Transmission handelte und der Funkkanal der STERNENKRIEGER geschlossen war. Dann sagte sie an den Olvanorer gerichtet: „Das kann der Kerl doch nur ironisch gemeint haben.“

Der Nostan fuhr nach einer rhetorischen Pause, in der sich seine Körperhaltung straffte, fort: „Wir sind gerne bereit eine Delegation von Ihnen zu empfangen. Da wir annehmen, dass die Besatzungen Ihrer Schiffe unterschiedlichen Spezies angehören, möchten wir Sie bitten, uns von jeder dieser Spezies den vollständigen genetischen Code von mindestens drei Individuen zu übersenden, damit wir deren Erhabenheitsgrad bestimmen können. Da wir bei einer von Ihnen entsandten Delegation ohnehin noch zusätzliche genetische Scans durchführen, hat es keinen Sinn, in diesem Punkt irgendwelche Manipulationsversuche zu unternehmen. Das gerade Gesagte gilt für alle Spezies Ihres Raumschiffverbandes – mit Ausnahme jener Gattung, die das große Tellerschiff erbaute. Falls es sich, wie wir annehmen, bei der Besatzung um Angehörige eine Volkes handeln, die sich selbst K'aradan nennen, so steht deren genetische Minderwertigkeit bereits fest und wurde von uns zur genüge erforscht, sodass es uns möglich ist, hier ein abschließendes Urteil zu sprechen. An einem wie immer gearteten Kontakt mit dieser Spezies sind wir nicht interessiert.“

Grußlos wurde die Transmission beendet und wie bei den Nostan offenbar üblich erwartete man keinerlei Antwort.

„Der Besuch auf Nostanor A wird sicherlich ein Vergnügen der ganz besonderen Art“, meinte Bruder Guillermo.

„Jedenfalls dürfte es feststehen, dass Sie zum Außenteam gehören, Bruder Guillermo“, erwiderte Sunfrost mit einem freundlichen Lächeln. „Schließlich werden wir dort ohne einen Meisterdiplomaten wohl kaum auch nur einen einzigen Schritt vorwärts kommen!“

„Da möchte ich Ihnen nicht widersprechen.“

Sunfrost nahm anschließend erneut Kontakt zu den anderen Schiffen des Verbandes auf.

„Ich habe Ihnen ja von den Vorurteilen berichtet, die die Nostan uns K'aradan gegenüber empfinden“, erklärte Noris Salot.

„Da wir diese Mission als ein gemeinsames Unternehmen betrachten, dürfte es wohl keine Rolle spielen, welche der an unserer Expedition teilnehmenden Spezies die Delegationsmitglieder stellt“, meinte A'ahse.

Doch, das spielt sehr wohl eine Rolle, ging es Captain Sunfrost durch den Kopf. Und alles andere wäre Augenwischerei. Aber wen kann das wundern? Angesichts der kriegerischen Vergangenheit, die uns alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbindet...

Sicherlich hatte die gemeinsame Gegnerschaft zu den Etnord einiges zum Fortschritt der Beziehungen zwischen Menschen und Qriid oder K'aradan und Fulirr beigetragen. Aber es war immer noch genug des alten Misstrauens vorhanden, um dieser Mission Schwierigkeiten zu bereiten, die bei einem homogenen  Raumverband nicht aufgetreten wären.

Schließlich kam man aber doch überein, auf die Forderungen der Nostan einzugehen, auch wenn die Ontiden sie für völlig unwürdig hielten und auch Fulirr damit Schwierigkeiten hatten, sich der in ihren Augen völlig willkürlichen Beurteilung durch irgendwelche verblendete Ideologien zu unterwerfen, die das intelligente Leben im Universum offenbar in verschiedene Klassen einteilte.

*

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ETWA ZUR GLEICHEN ZEIT tauchte Lieutenant Commander Robert Ukasi in der Krankenstation auf, wo Dr. Simone Nikolaidev gerade damit beschäftigt war, einen Abgleich der verbrauchten Medikamente mit den Beständen vorzunehmen.

Nikolaidev blickte auf.

„Was kann ich für Sie tun, Lieutenant Commander?“

Beide kannten sich seit jener Zeit, als Nikolaidev  Krankenschwester auf dem Leichten Kreuzer STERNENKRIEGER I unter Commander Willard J. Reilly gedient hätte, während Robert Ukasi auf demselben Schiff nach Absolvierung der Space Army Corps Akademie als Fähnrich angefangen hatte.

„Ich brauche etwas“, sagte er.

Nikolaidev schien zu wissen, was er meinte. Er brauchte es ihr gegenüber nicht weiter zu erklären.

Ihr Blick verriet Sorge.

„Schon wieder?“, fragte sie.

„Ich musste die Dosis erhöhen.“

„So etwas sollten Sie nicht ohne Rücksprache mit einem Arzt tun, Lieutenant Commander Ukasi.“

Ukasi lächelte mild. „Ich kann am besten beurteilen, wie viel ich brauche. Die Sache ist unter Kontrolle. Es besteht also kein Grund, sich Sorgen zu machen.“

Dr. Nikolaidev atmete tief durch und strich sich eine verirrte Strähne aus den Augen. „Wenn Sie mich fragen, dann schleppen Sie das schon viel zu lange mit sich herum...“

„Ich nehme an, dass ich austherapiert bin“, erwiderte Ukasi. Nikolaidev ging an den Medikamentenschrank, nahm einen Blister mit Dragees heraus. „Ich war es schon so gut wie los, aber es hat wieder angefangen“, fuhr Ukasi fort. Er wollte Nikolaidev die Dragees aus der Hand nehmen, aber die Ärztin zog ihre Hand zurück.

„Seit wann ist es wieder schlimmer geworden?“, fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, der erste Anfall seit langer Zeit war nach dem Ende des Etnord Krieges. Davon habe ich Ihnen ja erzählt. Danach ist es beständig schlimmer geworden. Wie gesagt, ich komme jetzt mit der Dosis, die Sie mir bisher gegeben haben nicht mehr aus.“

„Sie werden da etwas unternehmen müssen, Mister Ukasi. Und wie ich mich erinnere haben wir auch schon einmal darüber gesprochen.“

Ukasis Lächeln wirkte flüchtig. „Es ist alles im Griff, Doktor.“ Er streckte die Hand aus. Nikolaidev gab ihm zögernd die Dragees. „Ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen, Doktor?“

„Die ärztliche Schweigepflicht gilt auch für Schiffsärzte“, gab Nikolaidev eine allgemeine Antwort, wie sie in der Handbuchdatei des Space Army Corps zu finden war. Allerdings nur, so fern die Diensttauglichkeit nicht beeinträchtigt ist...

*

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ZYROLAAN ERZEUGTE MIT den internen Röhrchen seines Kopfkamms einen vollen, satten und sehr dissonanten Akkord, den nun auch mit größtem Wohlwollen niemand mit dem Begriff Harmonie in Verbindung bringen konnte.

Aber da der Herrscher-auf-Zeit gerade im Begriff war, sich in seine Privaträumlichkeiten zurückzuziehen dachte er, das Recht dazu zu haben, sein Inneres ganz zu entäußern, wie man diesen Vorgang unter Nostan nannte.

Dass Girrrarrrn bei ihm war, störte ihn dabei nicht. Ein Wsssarrr stand in gewisser Weise außerhalb der durch die Fünfgeschlechtlichkeit der Nostan recht komplizierten nostanischen Sozialstruktur. Deshalb durfte man ihm eine solche Entäußerung durchaus zumuten. Unter Nostan war die wechselseitige Akzeptanz einer unangekündigten Entäußerung mit sehr starker Emotionalität sehr gering. Bei Gleichaltrigen des gleichen Geschlechts ging das unter Umständen und mit etwas Glück ohne größere Komplikationen durch, aber ein Angehöriger des Geschlechts Nummer 5 war besser beraten, sich gegenüber den Geschlechtern 2 und 3 in dieser Hinsicht zu beherrschen, weil er sonst leicht missverstanden werden konnte.

Da es ihm innerlich so gut getan hatte, ließ der Herrscher zeitgleich noch einen weiteren Entäußerungsakkord die Knochenhöhlen seines Kamms verlassen. Noch wilder, noch dissonanter, noch tiefer – und mit ein paar noch schrilleren, schon fast den Rahmen des Hörbaren sprengenden Obertönen.

„Ich nehme an, du bist jetzt emotional sehr erleichtert“, sagte Girrrarrrn.

„Ehrlich gesagt schätze ich es nicht, meine Entäußerung von meinem Haus-Wsssarrr kommentiert zu bekommen“, erwiderte der Herrscher-auf-Zeit.

„Entschuldigung. Aber obwohl ich nun schon mein ganzes Leben unter euresgleichen verbracht habe und du mich von Anbeginn meiner Existenz an kennst, gibt es doch gewisse Dinge, über die wir nie gesprochen haben und die wohl ewig ein Geheimnis zwischen uns bleiben werden.“

Ein paar Nebentöne der Heiterkeit entfuhren Zyrolaan jetzt.

„Manche Dinge bleiben auch besser ein Geheimnis“, erwiderte der Herrscher-auf-Zeit.

„Auch zwischen Geschöpfen, die in Symbiose leben?“, fragte der Wsssarrr.

„Gerade zwischen Wesen, die in Symbiose leben, würde ich sagen“, gab Zyrolaan zurück.

„Und wenn sie darüber hinaus noch etwa denselben Grad an genetischer Erhabenheit haben?“

„Der genetische Erhabenheitsfaktor hat damit nichts zu tun“, behauptete Zyrolaan. „Die akustisch-emotionale Entäußerung eines Nostan ist mit Diskretion zu behandeln. Ich hoffe, ich kann mich da auf dich verlassen.“

„Du solltest mich wirklich kennen!“

Zyrolaan ging den Korridor entlang. Seine Gen-Struktur wurde dabei unmerklich von einem Scanner registriert und damit sichergestellt, dass niemand Unbefugtes diese Räumlichkeiten betrat. Mit dem Haus-Wsssarrr des Herrschers-auf-Zeit geschah dasselbe. Die Wände verwandelten sich von kahlen, grauen Flächen in Landschaften, wie man sie an der Oberfläche von Nostanor A finden konnte. In der Regel waren das trockene Savannen, unterbrochen von Kolonien von Riesenstauden, die dreißig Meter hoch werden konnten. Diese kamen allerdings nur in den Küstenstreifen der Binnenmeere vor. Weiter im Landesinneren war es trockener.

Die Gebirge, die auf den Projektionsflächen der Korridorwände zu sehen waren, vermittelten die Drei-D-Illusion eines Küstengebietes am Meer-der-sieben-Winde, das eigentlich auf der entgegengesetzten Seite von Nostanor A lag. Zyrolaan war dort aufgewachsen. Seine Elternfünfheit hatte in einem Ort gelebt, der sich Stadt-des-Schlafenden-Weisen nannte. Ein Name, der sicherlich zwei Dutzend Mal auf Nostanor A vorkam und auf das größte Heiligtum Bezug nahm.

Auf den Schlafenden Weisen – so lautete der Nostan-Name für die Schwermetall-Welt Nostanor C. ein anderer Name für diese Welt lautete schlicht und ergreifend ‚Das Heiligtum’, was die die Einzigartigkeit unterstrich, die es für die Kultur der Nostan hatte.

Immer dann, wenn der Schlafende Weise hinter dem grüngelben Oval der Nachbarwelt Nostanor B hervorkam, war auf der Hauptwelt Feiertag.

In der Stadt des Schlafenden-Weisen am Meer-der-sieben-Winde gab es einst einen großen Tempel. Zyrolaans Elternteil vom ersten Geschlecht arbeitete hier als Tempelreiniger und verdiente damit den größten Teil des Einkommens der Familie. Die Berufe der anderen waren zwar höher qualifiziert, besaßen aber nicht dasselbe Ansehen. Jeder Dienst in einem der vielen Tempel des Schlafenden Weisen wurde höher bewertet, als selbst die höchsten Positionen in der freien Wirtschaft oder in Militär und Verwaltung.

Zyrolaan erinnerte sich gerne an diese Zeit und das war auch der Grund dafür, dass er diese Bilder an die Wände seiner unterirdischen, wohl geschützten Residenz projizieren ließ. Leider war die Idylle nicht von langer Dauer gewesen. Es hatte Spannungen unter seiner Elternfünfheit gegeben, die schließlich in einem langwierigen zwei zu drei Scheidungsprozess gipfelten. Zyrolaan wurde der Dreiheit zugesprochen, doch auch deren Verbindung kriselte und zerbrach.

Alles, was einem am Ende bleibt ist der Haus-Wsssarrr, dachte Zyrolaan. Wenigstens die bleiben einem treu. Ein Leben lang. Woher die Wsssarrr letztlich kamen war unter Wissenschaftlern umstritten. Aber es stand fest, dass der von Morrhm inzwischen zerstörte Transmitter ihre Brut von sehr weither transferiert hatte. Ihre Heimat musste ein wahres Reich des Friedens sein, dachte Zyrolaan nicht zum ersten Mal. Frei von politischen Intrigen, Missgunst und dem unerbittlichen Kampf ums Dasein, der ansonsten überall im Universum zu herrschen schien.

Wahrscheinlich geben unsere Genetiker den Grad der Gen-Erhabenheit dieser Wesen nur aus Patriotismus niedriger an, als den unseres eigenen Volkes!, kam es dem Herrscher-auf-Zeit nicht zum ersten Mal in den Sinn.

Das Interkom summte. Ein Alarmsignal übertönte alles andere.

„Sofort diesen Trakt verlassen!“, lautete die Anweisung. Ein Hologramm bildete sich. Das Gerät an Zyrolaans Gürtel hatte sich vollkommen selbsttätig aktiviert, was es nur im äußersten Alarmfall tat. „In Ihrem Privatbereich befindet sich eine Bombe, Herrscher-auf-Zeit!“

Zyrolaan setzte sich in Bewegung. Jeder Muskel und Sehne seines Körpers waren von einem Sekundenbruchteil zum nächsten gespannt. Er reagierte reflexartig, wie man ihm in hunderten von Übungen beigebracht hatte. Schon vor seinem Amtsantritt als Herrscher-auf-Zeit hatte man ihn gewarnt. Die Lebenserwartung des Expansionisten in diesem Amt wurde allgemein als niedrig eingeschätzt. „Sie müssen jederzeit auf der Hut sein!“, echoten die Worte des Sicherheitschefs noch in den Ohren des Herrschers-auf-Zeit. „Der Bruch ist zu groß, es gibt zu viele, die den Ausgang der Wahl einfach nicht verwinden können!“

„Dann werden sie es lernen müssen“, hatte Zyrolaan seine eigene, sehr ruhig und überlegt gegebene Antwort noch im Ohr. Er hatte in jenem Augenblick fast das Gefühl gehabt, jemanden Fremden sprechen zu hören.

Wie in einem Flashback hörte er diese Worte, während gleichzeitig eine Explosionshölle losbrach. Hitze und Druck erfassten ihn. Etwas traf in und drückte ihn zu Boden. Es war Girrrarrrns Körper.

*

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BRUDER GUILLERMO ZOG sich einen Salat aus dem Angebot, das der Automat im Aufenthaltsraum A zur Verfügung stellte und nahm sich anschließend noch einen Syntho-Drink mit Vitaminzusatz.

Dann stellte er sich an einen der Tische, wo er einen ziemlich in sich gekehrten Robert Ukasi vor sich hin brüten sah.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen, Mister Ukasi?“, fragte der Olvanorer.

„Nichts dagegen“ knurrte Ukasi.

Bruder Guillermo setzte sich und sagte wenig später: „48 Stunden halten uns die Nostan jetzt schon mit der Auswertung der genetischen Tests hin. Da kann doch was nicht stimmen. Ich halte es jedenfalls für ausgeschlossen, dass die so langsam sind. Schließlich scheinen sie sehr viel von der Technik der Erhabenen für sich nutzbar gemacht zu haben.“

„Das bedeutet nicht unbedingt, dass darunter auch ein Schnellverfahren zur Erkennung von Gen-Mustern ist“, sagte Ukasi etwas unwillig. Er schien auf eine Unterhaltung nicht sonderlich erpicht zu sein. Vor ihm stand ein kleiner Teller mit einer Joghurtähnlichen Substanz darin. Allerdings hatte das ganze eine giftgrüne Farbe.

Aber Bruder Guillermo war sofort klar, dass die psychologisch wenig geschickt gewählte Farbe für das Food Design nicht das Problem des Zweiten Offiziers der STERNENKRIEGER war.

„Sie scheinen ziemlich schlechter Laune zu sein“, stellte Bruder Guillermo fest.

„Es geht mir gut“, behauptete Ukasi. „Und da Captain Sunfrost die Stammcrew für den Anflug von Nostanor A schont, kann ich die Zeit im Moment mit Schlafengehen und Däumchendrehen verbringen.“

„Ich nehme nicht an, dass es der Ausgang der Wahl ist, der sie so deprimiert...“, schloss Bruder Guillermo.

Ukasi verzog das Gesicht. Admiral Gregor Raimondo, den Gewinner der letzten Wahlen zum Humanen Rat konnte Ukasi einfach nicht leiden. Das war von Anfang an so gewesen und die Vorstellung, dass dieser Mann eines Tages die Geschicke der Humanen Welten lenken würde, missfiel ihm zutiefst. Ein Mann, der sich mit 28 Jahren von seinen Gönnern zum jüngsten Admiral in der Geschichte des Space Army Corps machen ließ und der beim Putsch auf der Erde von 2236 eine höchst dubiose Rolle spielte, kann kein ehrlicher Staatsmann sein!, dachte Ukasi. Wer mag schon wissen, welche Konzerninteressen er in Wahrheit vertritt...

Darüber konnte sich Ukasi jedes Mal von neuem aufregen. Dass er eigentlich mit der Humanity First Bewegung sympathisiert hatte, die mit Raimondo zusammenarbeitete, konnte Ukasis ablehnende Haltung gegenüber dem Machtwechsel auf politischer Ebene nicht mildern.

„Haben Sie einen Moment Zeit, Mister Ukasi?“, fragte Bruder Guillermo. Sein Tonfall war jetzt gedämpft.

„So lange Lieutenant Mandagor von seinem Antigrav-Pak an meinem Platz auf der Brücke aufrecht gehalten wird – ja!“, erwiderte der Taktikoffizier der STERNENKRIEGER ziemlich gallig.

Mandagor war ein sogenannter Real Martian, wie man die Angehörigen der ersten, umweltangepassten Marssiedler nannte. Er war deshalb sehr dünn und groß. Längere Zeit konnte er unter Erdschwere nur mit Hilfe eines Antigravpaks existieren.

„Sehen Sie, die Jahreszahl 2236 wird Ihnen sicher ebenso unvergesslich ins Gedächtnis geschrieben sein wie mir...“

„So?“

„Damals versuchten Wsssarrr-Schiffe, das Sonnensystem zu erobern. Ich war in einem Internat auf dem Erdmond. Dort gab es die schlimmsten Angriffe, die es jemals auf eine von Menschen besiedelte Welt gegeben hat. Und da würde ich sogar die Qriid-Invasion im Wega-System im vorletzten Jahr dazuzählen!“

Ukasi fixierte Bruder Guillermo mit seinem Blick. „Was wollen Sie? Warum reden Sie plötzlich über 2236 und Ihre offenbar nicht so ganz glückliche Kindheit?“

„Mein Vater war Commander Ferdinand Benford. Er starb in dieser Schlacht...“

„Sie haben mit Dr. Nikolaidev über mich gesprochen“, schloss Ukasi plötzlich. „Das fällt mir jetzt wie Schuppen von den Augen. Es kann nicht anders sein!“

„Sehen Sie, ich bin die Erlebnisse von damals bis heute nicht wirklich losgeworden. Darum habe ich mich mit allen Einzelheiten der damaligen Geschehnisse beschäftigt und sogar einen langen Bericht darüber geschrieben, der allerdings niemals veröffentlicht werden wird. Er hat lediglich den Charakter eines privaten Tagebuchs.“

Ukasi legte die Stirn in Falten.

„Geben Sie sich keine Mühe, um den heißen Brei herumzureden. Und Nikolaidev kann sich auf etwas gefasst machen. Die kann nicht einfach mit Ihnen über meine...“ Er brach ab.

Bruder Guillermo hob die Augenbrauen. „Ja?“, fragte er.

Ukasi wollte aufstehen.

„Warten Sie“, forderte Bruder Guillermo. „Ich habe Ihren Namen auf einer Vermisstenliste gesehen, die damals erstellt wurde. Da war ich noch Teenager. Ich weiß auch nicht, da war einfach etwas in mir, das mich dazu trieb, das Schicksal dieser Vermissten zu verfolgen. Manche tauchen wieder auf... Vielleicht war es einfach der Wunsch, dass mein Vater auch auf einer Liste gestanden hätte, bei der die Möglichkeit bestand, dass er wieder auftauche. Aber das war leider nicht so...“

Ukasi verengte die Augen und sah Bruder Guillermo kopfschüttelnd an. „Sie haben sich die Namen gemerkt?“

„Ich kannte Ihren Namen lange bevor ich auf die STERNENKRIEGER kam, Lieutenant Commander.“

Ukasi ließ sich wieder auf seinen Platz fallen. „Jemand, der so einen Dachschaden hat, muss dann wohl zwangsläufig Olvanorer werden“, stieß er hervor.

Bruder Guillermo lächelte. „Diese Spitze ist gegen Ihre Eltern, nicht gegen mich.“

„Ich habe nicht um eine Analyse gebeten.“

„Hat es damals angefangen?“

„Was?“

„Sie gerieten in Gefangenschaft. Ich nehme an, dass die posttraumatischen Belastungsstörungen, die Sie bis heute mit Medikamenten unterdrücken, damals anfingen. Das wäre jedenfalls nicht verwunderlich.“

„Also haben Sie tatsächlich mit Nikolaidev gesprochen?“

„Sie macht sich Sorgen um Sie – genau wie ich. Sie können den Verstoß gegen die Vorschriften natürlich dem Captain melden, aber das geht kaum, ohne dass Sie Sunfrost erklären, worum es eigentlich geht. Und ich glaube nicht, dass Sie das wollen.“

Ukasis Kinn sackte nach unten. „Es gibt wohl keine Situation, die Sie nicht absolut unter Kontrolle haben... Und sagen Sie jetzt nicht, dass das wieder gegen meinen Vater geht, nur weil der auch ein Olvanorer war.“

Bruder Guillermo lächelte mild. „Seit den Erlebnissen, die ich als Junge auf dem Erdmond hatte, gebe ich mir tatsächlich große Mühe, nicht in Situationen zu gerate, die ich nicht beherrschen kann.“ Einige Augenblicke des Schweigens folgten. Schließlich fuhr Bruder Guillermo fort: „Wenn Sie darüber mal reden wollen...“

„Ich spreche nicht darüber. Mit niemandem.“

„Sie sind der Sohn eines Olvanorers und ich habe Sie schon dabei erwischt, dass Sie die Mantan-Meditation durchführen...“

„Was soll das nun wieder?“

„Sie wissen, dass wir Olvanorer etwas viel besseres gegen Ihr Problem haben, als die Tabletten, die Nikolaidev Ihnen gibt.“

„Niemals!“, erwiderte Ukasi.

Ein Summton ertönte. Bruder Guillermo aktivierte seinen Armbandkommunikator. „Was gibt es?“

Es war Fähnrich Ricardo Dunston, der auf der Brücke gerade die Funktion des Kommunikationsoffiziers ausfüllte.

„Kommen Sie bitte auf die Brücke, Bruder Guillermo.“

„Sofort“, murmelte der Olvanorer.

*

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WENIG SPÄTER TRAF BRUDER Guillermo auf der Brücke ein. Sunfrost kam aus ihrem Raum und Van Doren übergab das Kommando an den Captain.

Im ersten Moment war Bruder Guillermo etwas überrascht, den qriidischen Austauschoffizier Nirat-Son an den Kontrollen der Steuerung zu sehen. Der etatmäßige Ruderoffizier Lieutenant John Taranos war jedoch bei ihm, um dem Qriid in die Handhabung der Konsole einzuweisen.

Warum eigentlich nicht?, ging es Bruder Guillermo dann durch den Kopf. Ein Austauschoffizier sollte auch eine Funktion haben...

„Wir haben jetzt eine Antwort der Nostan“, erklärte Sunfrost. „Sie ging vorhin als Konferenzsendung an alle unsere Raumschiffe.“ Sie wandte sich an den diensthabenden Kommunikationsoffizier. „Fähnrich Dunston, auf den Schirm damit. Das dürfte für Bruder Guillermo äußerst aufschlussreich sein!“

„Aye, aye, Ma’am.“

Dunston nahm ein paar Schaltungen vor. Im nächsten Augenblick erschien erneut das Gesicht des Nostanischen Beamten auf dem Bildschirm, der es nicht für nötig gefunden hatte, sich vorzustellen.

Bruder Guillermo nahm an, dass dieses für Menschen recht abweisend und schroff wirkende Verhalten, innerhalb des Sozialgefüges der Nostan durchaus seinen Sinn hatte.

Die Aufzeichnung lief.

„Ich möchte Ihnen die freudige Mitteilung machen, dass wir zwei Ihrer Spezies für würdig befunden haben, die Oberfläche von Nostanor A zu betreten. Es handelt sich um die Qriid und die Menschen. Den Angehörigen aller anderen Gattungen an Bord ihrer Schiffe, ist es strengstens untersagt, eine der Nostanor-Welten zu betreten. Wir müssen die Kommandanten dieser Schiffe im Übrigen auch bitten, einen gewissen Mindestabstand von zwei Astronomischen Einheiten von unserer Hauptwelt zu halten.“ 

„Wenigstens gibt es unter den Mitgliedern unserer Expedition überhaupt genetisch würdige Gesprächspartner“, meinte Van Doren mit einem sarkastischen Unterton.

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