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Ultrakurzzeit-psychotherapie

Otto Stummer

Ultrakurzzeit-psychotherapie

Einfache Heilung von Ängsten,
Depression und psychosomatischen

Beschwerden mithilfe der psychoregulatorischen Satztechnik

Herausgegeben von Harald A. Mieg

Walden Partners Berlin

Herstellung und Vertrieb: tredition GmbH, Hamburg

ISBN  
Paperback: 978-3-9819965-0-0
e-Book: 978-3-9819965-1-7

Verlag: Walden Partners, Verlag von Schröter + Mieg GbR, Berlin

© 2018 Marlene Stummer, München; Prof. Mieg, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort und kurze editorische Einführung

Wie ich zu Otto Stummer kam

Ein höchst effizientes Verfahren

Was wissen wir über die Wirkung von Psychoregulation?

An wen richtet sich das Buch?

Einleitung: Mein Weg

Wie ich zu meiner Methode kam

Kapitel 1: Ängste - Schlüssel zur Seele

Die neurotische Erkrankung: eine künstliche Not

Angst

Künstliche Not durch Grübeln

Beziehungspersonen

Sich deprimieren

Der Weg in die Neurose

Das verlorene Schuldbewusstsein

Zurückerlangen des Schuldbewusstseins

Psychotherapeut und Patient

Krankheit als Hilferuf

Der Gang zum Psychotherapeuten

Worin der Erfolg von Psychotherapie besteht

Wer eignet sich zum Psychotherapeuten?

Kapitel 2: Psychoregulation - gute Psychotherapie ist so wenig individuell wie ein gutes Medikament

Der Anfang: ab sofort Not bejahen!

Die Satztechnik: Ich verschreibe das Lesen von Sätzen

Der Widerstand

Das krankmachende Unterbewusstsein

Fast immer die gleichen Sätze

Probleme beim Sätzelesen

Die Rolle des Willens

Buße tun

Der eingebildete Kranke

Selbstverfasste Sätze

Arbeit als Bejahen von Not

Mehr zu Kopf und weniger zu Herzen nehmen!

Der Erfolg kann auch ersungen werden

Traumsätze

Hilfreiche Diagramme

Die Positiv/Negativkern-Symbolik

Das Liebesgefälle-Diagramm

Das Gut/Böse-Diagramm

Kapitel 3: Therapiebeispiele aus meiner Praxis

Depressionen: künstliche Not in Reinform

Die reaktive Depression

Die endogene Depression

Sind Depressionen vererbbar?

Die Symptome einer Depression

Die klimakterische Depression

Die Altersdepression

Depressive und ihre Träume

Therapeutisches Vorgehen

Depression und Selbstmord

Über den Behandlungserfolg bei endogen Depressiven

Schizophrenie: auch Psychosen sind heilbar

Die Symptome einer Schizophrenie

Entstehung der Schizophrenie

Behandlung der psychotischen Patienten

Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit

Was wird man zum Süchtigen?

Schlafkur und Sätzelesen

Absolute Abstinenz!

Durch Abstinenz eine neue Welt gewinnen

Zwangsneurosen: Beziehungen in der Zwickmühle

Flugangst flugs behoben

Schlafstörungen: die Macht der Bejahung

Schlafwandeln

Essstörungen: "Ja, ich will ein dickes Schwein sein"

Stottern will gelernt sein, Legasthenie auch

Stottern

Verschiedene Techniken des Stotterns

Zu Ursache und Therapie des Stotterns

Legasthenie (und Bettnässen)

Herzneurose, das verkannte Leiden

Wie ich Herzneurosen mittels Psychoregulation heile

Man soll die Katze an der Leine führen

"… nur besser werden darf es nicht"

Asthma bronchiale: die Abhängigen

Der große Widerstand des Asthmatikers

Spray und andere Abhängigkeiten

Ein Umdenken ist nötig

Magen-Darm-Erkrankungen

Wodurch kommt es zum Ulkus in der Magenwand?

Kapitel 4: Schlussbetrachtungen: Menschliche Reife und Unreife, und wie sich beide auf Partnerschaften auswirken

Zur Reife erziehen!

Partnerschaften

Wir alle werden niemals vollständig reif und unabhängig

Nachreifung als das eigentliche Ziel von Psychotherapie

Biographische Notizen zu Dr. Otto Stummer

Biographischer Kurzabriss

Autobiographisches Schreiben an die Verlagsredaktion

Vorwort und kurze editorische Einführung

Otto Stummer, ein passionierter Nervenarzt und Psychotherapeut, der zuletzt in München lebte, entwickelte einen völlig neuen Ansatz der Kurzeittherapie, den er über vierzig Jahre hinweg radikal vereinfachte. Die Texte, die hier zu einem Buch zusammengefasst sind, schrieb er für seine Patienten. Dr. Stummer starb, bevor er sein Buch veröffentlichen konnte. Nur einen Namen für seinen Therapieansatz hatte er noch gefunden: Psychoregulation. Marlene Stummer, seine Witwe, hat mich gebeten, die vorliegenden Textteile zu ordnen und zu veröffentlichen.

Wie ich zu Otto Stummer kam

Dr. Stummer habe ich noch persönlich kennengelernt. Er hat bis ins hohe Alter praktiziert. Während meines Psychologiestudiums absolvierte ich bei ihm ein Praktikum, und das kam so: ,

Für mein Studium war ich viel im Ausland unterwegs. Wenn ich meine Mutter anrief, war immer eine Frage: Wen könnte sie einladen, um bei ihr zu übernachten? Sie bewohnte ein großes Haus, in dem sie auch ihre Zahnarztpraxis führte, das sich aber nach Auszug der Kinder allmählich geleert hatte. Sie graute sich, nachts allein in diesem Haus mit seinen leeren Räumen zu bleiben, und lud Freundinnen oder uns Kinder zum Übernachten ein. Bei einem Telefonat berichtete sie mir von einem ihrer Patienten, einem Psychiater, der ihr seine Hilfe angeboten hatte. Sie müsse nur Sätze von einem Zettel laut vortragen. Sie bat mich um Rat, was ich davon hielte. Ich ließ mir am Telefon den Zettel vorlesen - und war entsetzt. Unverantwortlich! war meine erster Gedanke. Ich riet entschieden ab. Ich hielt diese Zetteltherapie für Humbug, ja für einen Witz.

Bei nachfolgenden Telefonaten fiel mir auf, dass meine Mutter gar nicht mehr erwähnte, wen sie denn zum Übernachten eingeladen hatte. Irgendwann fragte ich vorsichtig nach. Meine Mutter erläuterte, sie sei allein und das sei kein Problem. Im Übrigen habe sie den Zettel des Dr. Stummer gelesen. Daran glaube sie aber nicht, das Ganze habe ohnehin nichts geholfen, sie habe das Zettellesen dann auch sein lassen. Meine Mutter sprach, als hätte sie nie das Problem gehabt, nachts allein zu bleiben. Schon der Gedanke schien ihr abwegig zu sein. Ich war ziemlich erstaunt. Ihr Problem, in diesem Haus nicht allein übernachten zu können, hatte meine Mutter und ihren Bekanntenkreis sowie uns als Kinder über Jahre hinweg viel Zeit und Mühen gekostet. Und innerhalb von einer Woche sollte das ganze Problem verschwunden sein? Ich wollte diesen Dr. Stummer und den Therapieansatz unbedingt kennen lernen.

Ein höchst effizientes Verfahren

Das Einzigartige des Stummerschen Ansatzes der Psychoregulation liegt in seiner Effizienz:

Es handelt sich um eine (Ultra-)Kurzzeittherapie. In der ersten Sitzung findet das diagnostische Gespräch statt, in der zweiten Sitzung werden die Patienten mit dem therapeutischen Instrument - der Satztechnik - vertraut gemacht. Ab der dritten Sitzung erfolgt im Idealfall die Nachbetreuung.

Das Verfahren ist vollständig standardisiert. Die Patienten bekommen bestimmte Sätze "verschrieben", die sie mehrmals täglich laut lesen - "inszenieren" - müssen. Das therapeutische Instrument besteht aus einem Blatt, auf dem die Sätze stehen. Es gibt etwa sechs Versionen, d.h. die Psychoregulation kennt bis zu sechs Diagnoseklassen, z.B. Depressionen, Sucht, Asthma.... Ansonsten genügten drei bis vier veränderliche Größen: der Rufname des Patienten bzw. der Patientin als Kind; die wichtigste Bezugsperson (früher, heute); das wichtigste Krankheitssymptom.

Das Verfahren ist außergewöhnlich effizient. Nach wenigen Wochen lässt sich feststellen, ob die Therapie "anschlägt".

Otto Stummer hatte sich und seinen Patienten zuliebe seine Therapie weiterentwickelt, hat sie vereinfacht und schließlich standardisiert. Er hat mehrere tausend Fälle behandelt - und meist kamen zu ihm die Patienten, an denen andere Psychiater gescheitert waren. Stummer schrieb auch über seinen Ansatz. Doch diese Texte richteten sich nicht ans Fachpublikum, sondern waren stets Teil der Therapie. Dies gilt sogar für sein Modell von der Entstehung der neurotischen Angst durch "krankhaftes Grübeln". "Grübeln" war das Schlüsselwort, mit dem er für seine Patienten den krankmachenden Mechanismus erläuterte. Zudem verwendete er Diagramme, um seinen Patienten das Verständnis für seinen Therapieansatz zu erleichtern. Für die Therapie setzte Stummer bereits in den sechziger Jahren Super-8-Aufnahmen und später Video ein. So hat er nicht nur eine Fülle von Texten, sondern auch in großem Umfang Filmmaterial hinterlassen.

Was wissen wir über die Wirkung von Psychoregulation?

Eine gute Psychotherapie ist so wenig individuell wie ein gutes Medikament - das war Otto Stummers Ansatz. Er verschrieb Sätze, so wie andere Ärzte Medikamente verschreiben. Ich selbst habe bei meinem Praktikum bei Dr. Stummer zahlreiche Therapiezettel erstellt. Das war nicht viel Arbeit: einzutragen waren Rufname als Kind, wichtigste Bezugspersonen und heutiges Leiden. Umso erstaunter war ich, wie die meisten Patienten reagierten. "Das ist mein Leben!" so oder ähnlich äußerten sich viele. Oft bebte die Stimme. Ich erlebte emotionale Zusammenbrüche. Meist kamen die Patienten über das Lesen der ersten Sätze nicht hinaus, es nahm sie zu sehr mit. Für Stummer bedeutete dies die Arbeit mit dem Widerstand.

Die Entwicklung der Psychoregulation ist eng mit der Person von Otto Stummer verbunden. Er war völlig frei vom Helfersyndrom, er wollte nicht mitleiden, er wollte stattdessen die Leute schnell wieder aus der Praxis raus haben. Sein Herangehen war nicht, das seelische Leiden einer Person als Teil von deren Individualität zu verstehen und auf diese Weise eine Persönlichkeitsentwicklung anzustoßen. Sein Ansatz war eher vergleichbar mit Seuchenbekämpfung: Ängste und Depressionen mussten rasch behandelt werden, damit von den Kranken nicht noch mehr andere Personen "heruntergezogen" und zu unreifem Verhalten verleitet würden. Kurzum: damit nicht noch andere Leute sich ansteckten.

Wenn ich den Kern der Psychotherapie auf einen Nenner bringen sollte, so würde ich es so ausdrücken: es geht darum, dass Menschen rasch die Kontrolle über sich wiedererlangen. Stummer sprach mit mir einmal über den Dank bzw. Undank der Patienten: Es ist fast ein gutes Zeichen, wenn Patienten nicht dankbar sind, sondern die Veränderung zum Guten sich selber zuschreiben oder im Nachhinein als Kleinigkeit betrachten - so wie meine Mutter. Dann haben sie ihr Leben wieder im Griff.

Ich selber bin schon zu lange aus dem Fach Psychologie raus, um ein fundiertes Urteil abgeben zu können. Wenn ich die Psychoregulation in die Welt der Psychotherapien einordnen sollte, würde mein Versuch lauten: psychodramatische paradoxe Intervention mit psychoanalytischem Einschlag. Psychodramatisch ist das Sätzelesen. Paradoxe Intervention bedeutet: die Patienten müssen machen wollen, was sie eigentlich zu vermeiden suchten: sich in Angst begeben, leiden etc. Stummer sprach weder von Kontrolle noch von paradoxer Intervention oder gar "sekundärem Krankheitsgewinn". Sein fachlicher Begriffsapparat stammte aus der Psychoanalyse, darin war er ausgebildet worden. Im Grunde ging Stummer von Angst und Depression als Grunderkrankung aus: Depression bedeutet, sich künstlich Not einzureden, Stummer sprach von "Grübelnot"; diese Not macht Angst. Stummers Therapieansatz war: Nöte und Angst unbedingt bejahen! Denn bejahte, gewollte Not macht kein Angst.

Auch die Film- und Videoaufnahmen dienten unmittelbar der Therapie und weniger der Dokumentation. Viele der Aufnahmen wirken wie schlechte Vorher-Nachher-Werbung für Haarwuchsmittel oder Abnehmpräparate (vgl. Beispiel auf S. 120-122). In einer ersten Sequenz sieht man die Person im diagnostischen Gespräch, mit Selbstmordgedanken, verzweifelt oder kaum der Artikulation fähig. In einer zweiten Sequenz, in der Regel wenige Wochen später sieht man dieselbe Person strahlend oder einfach nur mit neuem Lebensmut ausgestattet. Man hört Dr. Stummer fragen: zu wie Prozent fühlen Sie sich gesund? Oft liegen die Antworten bei 70 %, aber fast immer bringen die Personen zum Ausdruck, dass sie ihr Leben wieder selber in die Hand genommen haben.

Neben der kontrollierten Neuausrichtung dienen die Aufnahmen der Konfrontation der Patienten mit sich selber. Die erste diagnostische Sitzung bedeutete für die Patienten oft eine Selbstkonfrontation im Video. In Stummers Sprechzimmer standen ein großer Fernsehen und eine Kamerainstallation. Einen beträchtlichen Teil meiner Arbeit für Stummer machte die Einrichtung und Bedienung dieser Technik aus. Sehr eindrücklich fand ich, wie eine Magersüchtige beim ersten Betreten des Sprechzimmers auf ihr Videobild zulief. Wegen ihrer Magerkeit hatte sie sich stark geschminkt, ihr Gesicht wirkte wie eine Goldmaske.

Kann man den Erfolg der Psychoregulation abschätzen? Stummer schrieb, dass etwa 1/3 der Patienten die Behandlung sofort abrechen, d.h. sie kommen nach der einführenden diagnostischen Sitzung nicht wieder. Von denen, die sich behandeln ließen, können etwa drei Viertel als geheilt gelten. Insgesamt ergibt das eine Erfolgsquote von mindestens 50 % - Abbrecher miteinberechnet. Das mag wenig erscheinen. Ich hatte in den 1990er gelesen, dass die Spontanremission von psychischen Erkrankungen bei eben rund 50 %, d.h. die Hälfte der psychischen Erkrankungen verschwindet über kurz oder lang von selber wieder. Vor diesem Hintergrund kann man die Besonderheit der Psychoregulation in ihrer Effizienz und der Beschleunigung sehen: nach spätestens zwei Wochen sieht man, ob die Therapie wirkt.

Otto Stummer hat die Effizienz-Optimierung so weit getrieben, dass er zum Beispiel Flugängste nurmehr am Telefon behandelte (und vermutlich auch nicht mehr abrechnete). Er teilte dem Patienten, der Patientin einen einzige Satz mit, der über Tage hinweg laut gesprochen und geübt werden musste: "Ich will einsteigen, abstürzen und tot sein."

Einige Randbedingungen des Verfahrens möchte ich noch erwähnen, die Einfluss auf den Therapieerfolg genommen haben mögen. Da wäre erstens die Person Dr. Stummer. Er wirkte absolut vertrauenswürdig. Ich erlebte ihn, wie er die Magersüchtige mit den Worten begrüßte: "Hier dürfen Sie sich zu Tode hungern." Er sagte dies in vollem Ernst, nichts Zynisches oder gar Abwertendes klang mit. Ich selber würde mir nicht trauen, Ähnliches zu jemandem zu sagen. Zweitens, in seinem Bestreben, die Patienten möglichst schnell auf eigene Beine zu stellen und wieder aus der Praxis rauszubekommen, überantworte er sie nach einer Weile seinem Patientennetzwerk zur "Nachsorge". Die Magersüchtige war arbeitslos geworden, und Dr. Stummer wurde sogleich als Jobvermittler aktiv: noch während der Erstaufnahme rief einen seiner früheren Patienten an und handelte aus, dass die Patientin dort ein Vorstellungsgespräch erhielt. Auf diese Weise kam es, dass einige Patienten eigene Netzwerke bildeten und sich sogar für Besprechungen in den Praxisräumen von Dr. Stummer trafen.

Zu seinem therapeutischen Gesamtbild gehört auch seine einfache, bildliche, aber eigentümliche Sprache, die bereits in den 1980er Jahren leicht altertümelnd klang: Stummer sprach von "Beziehungspersonen" (nicht Bezugspersonen), von "Eheverhältnis", von Gott und Teufel, von "Versündigung" und "Liebessucht". Mein Eindruck war, dass manche Patienten zwar erst irritiert waren, sich aber dann gut eindenken konnten. Kein Wunder, dass Otto Stummer unter den Kollegen recht isoliert schien. Stummer schrieb und sprach für seine Patienten. Für die Fachwelt hat sich Dr. Stummer nie interessiert, er sah sich als Erfinder der "paradoxen Intervention", deren Idee Viktor Frankl ihm bei der gemeinsamen Arbeit in Wien "abgeschaut" habe. Schon um der Patienten willen, so mein Eindruck, vermied er die Auseinandersetzung mit der Fachkollegenschaft.

An wen richtet sich das Buch?

Die Herausgabe dieses Buches ist ein Vermächtnis. Es geht mir darum, gelungene professionelle Arbeit der Psychotherapie bekannt zu machen und in Erinnerung zu bewahren. Der Leser, die Leserin mag die Satztechnik ausprobieren, sei es zur Selbsttherapie, sei es zur professionellen therapeutischen Arbeit. Ich selber bin inzwischen von dem Fach zu weit weg, um eine fachliche Einordnung und entsprechende Werbung für die Psychoregulation nach Dr. Stummer zu machen. Ich würde begrüßen, wenn sich die wissenschaftliche Forschung mit der Arbeit von Dr. Stummer befasst.

Aufgrund seiner starken Patientenorientierung sollten die Texte von Otto Stummer für ein breiteres Publikum von Interesse sein. Seine Aufmerksamkeit galt insbesondere den Angehörigen von psychisch Kranken, da sie in manchen Fällen Teil des Krankheitsbildes sind und meist durch die Krankheit ihrer Angehörigen starken Belastungen ausgesetzt werden. In diesem Zusammenhang ist das Kapitel über menschliche Reife zu sehen, das den Abschluss der des Manuskripts bildet. Neben der Satztechnik gehören die Ausführungen Stummers zu Reife und dem Geben von Liebe zu den besonders eindrücklichen Teilen seines Werkes.

Harald A. Mieg, Berlin, Juni 2018

Editorische Anmerkungen: Ich habe versucht, die redaktionellen Eingriffe in den Text gering zu halten. Ich habe die Rechtsschreibung aktualisiert und die Textstruktur deutlicher gemacht, jedoch zum Beispiel darauf verzichtet, sprachlich Geschlechterneutralität herzustellen. Ich habe alle Namen von Patientinnen und Patienten geändert. In früheren Texten hat sich Stummer explizit mit anderen psychiatrischen Werken und Ansätzen befasst. Diese Ausführungen hat er für die letzte Fassung seines Manuskriptes getilgt, vermutlich weil sie für Patienten wenig aufschlussreich sind. In diesem Sinne habe ich noch verbliebene Literaturverweise gelöscht, für Nichtfachleute wären sie unbedeutend, für Fachleute würde die Auswahl seltsam wirken.

Einleitung: Mein Weg

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich seit Jahren wegen Ihres Asthmas in Behandlung und Ihre neue Hausärztin empfiehlt Ihnen einen Psychiater, den sie kennt. Sie lassen sich nach reiflicher Überlegung einen Termin geben, schaffen es jedoch erst im zweiten Anlauf, den Psychiater tatsächlich aufzusuchen. Denn seine Praxis liegt im ersten Stock, einen Aufzug gibt es nicht, und die panische Angst vor einem neuerlichen Anfall lässt jede einzelne der Stufen zur Qual werden. Sie haben es also geschafft und sitzen bei diesem Psychiater, einen vertrauenserweckenden, älteren Herrn. Doch nach kurzer Unterredung bittet er Sie, wieder aufzustehen, bringt Sie ins Treppenhaus und fordert Sie ohne weitere Umschweife auf, die Treppe bis ins dritte Stockwerk hinaufzuhetzen, und zwar um einen Anfall zu bekommen! Damit nicht genug, Sie sollen beim Laufen laut rufen: "Ich will Luftnot haben!" Es soll möglichst überzeugend klingen. Wie wenn Sie ein Publikum von ihrem Asthma überzeugen müssten...

So schilderte einer meiner Patienten seinen Einstieg in Psychoregulation, die ich Ihnen in diesem Buch vorstellen möchte. Keiner der Asthma-Patienten, die ich die Treppen hinauf schickte, hat hierbei einen Anfall erlitten. Alle machten dieselbe Erfahrung: sie bekamen - oft zum ersten Mal in ihrem Leben - die Angst ein Stück weit "in den Griff". Die kurze Schilderung von der Treppenpartie soll die Grundidee der Psychoregulation verdeutlichen: vor etwas, das man selber will, kann man keine Angst haben. Krankmachende, pathologische Ängste sind "hausgemacht". Die Psychoregulation hilft, indem meine Patienten lernen, ihre selbstgemachten, künstlichen Nöte zu bejahen. Die Angst steht am Anfang vieler, wenn nicht gar aller seelischen Leiden. Dies gilt nicht nur für spezifische Ängste und Phobien, Stottern oder Schlafstörungen, sondern auch für alle Formen von Depressionen und insbesondere Wahnvorstellungen.

Ich habe in meiner Praxis inzwischen mehrere tausend Patienten behandelt. Nach zweitausend Fällen habe ich aufgehört zu zählen, es dürften wohl insgesamt sechstausend Einzeltherapien werden. Die Erfolge dieses einfachen Ansatzes haben mich am Anfang selbst verblüfft und spornten mich an, mein Verfahren bei jedem Patienten weiterzuentwickeln. In den vierzig Jahren Behandlungspraxis ist es mir gelungen, dieses etwas seltsam anmutende Therapieverfahren zu standardisieren. Wie andere Ärzte Medikamente verschreiben, so verschreibe ich das laute Lesen bestimmter Texte. Diese sogenannte Satztechnik bildet das Herzstück der Psychoregulation. Heute kann jeder Psychotherapeut, der eine Atmosphäre des Vertrauens zu seinen Patienten aufzubauen vermag, die Satztechnik mit schnellem Erfolg anwenden. Ja, auch Sie als Leserin oder Leser können sich selbst hilfreiche Sätze verschreiben. Über das Vorgehen und die nötigen Voraussetzungen berichte ich im zweiten Kapitel dieses Buches.

Der große Vorteil der Psychoregulation ist - neben der Standardisierung - ihre Kürze. Der Erfolg lässt sich sehr rasch beurteilen. Eine Behandlung mit Psychoregulation benötigt in der Regel fünf bis zehn Sitzungen. Kleinere Ängste, z.B. Flugangst oder Prüfungsängste, behandle ich oftmals per Telefon. Meist ist allerdings eine längere Nachbetreuung zu empfehlen, um das Erreichte zu fixieren. Zumal der Patient meist in seiner alten Umgebung weiterleben muss und damit krankmachenden Einflüssen ausgeliefert ist.

Jeder Mensch ist eingebettet in ein ganzes System zwischenmenschlicher Beziehungen. In den langen Jahren meiner psychotherapeutischen Tätigkeit habe ich gelernt, die Bedeutung von Beziehungspersonen für die Aufrechterhaltung von Ängsten zu verstehen. Mit ihren künstlichen Nöten verfolgten die Patienten stets das gleiche Ziel: liebende Zuwendung von Beziehungspersonen zu erhalten. Darüber werde ich ausführlicher im zweiten Kapitel berichten.

Am Ende diese Buches, in meiner Schlussbetrachtung, werde ich auch auf menschliche Reife und Partnerschaften zu sprechen kommen. Reife Menschen können ihrer Umgebung Liebe schenken, ohne dabei auf ihren eigenen Vorteil bedacht zu sein. Durch Unreife kommt viel Leid in die Welt. Die Psychoregulation möchte dazu beitragen, dass mehr Menschen die Chance erhalten, in ihrer Persönlichkeit zu reifen.

Wie ich zu meiner Methode kam

Es liegt zwar schon fast 70 Jahre zurück, aber ich erinnere mich noch genau an eine Szene aus meiner Jugend in Österreich. Mein Vater lehrte uns Kinder, wir waren vier Geschwister, im Alter von 3 bis 9 Jahren, vor der Angst zu bestehen. Einmal setzte er uns einen Schilling aus für den Fall, dass wir den Mut hätten, in den eiskalten Inn hineinzuspringen. Es war März, und auf dem Fluss trieben die Eisschollen, aber keiner von uns drei Älteren mochte zurückstehen. Wir sprangen vom hinteren Ende eines Bootes der Reihe nach ins Wasser und kamen krebsrot und vor Kälte zitternd heraus. Unsere Mutter trocknete uns gleich ab und bettete uns in die Märzsonne. Keiner von uns erkältete sich.

Sehr früh habe ich daraus gelernt, dass vieles auf Einbildung und vorgestellten Nöten beruht, und dass man sich mit der Bejahung zur bestehenden Not überwinden kann. Für meine Jugendzeit spielte das innere Ja-Sagen eine große Rolle. Es gab damals noch nicht das "positive Denken" als Modeerscheinung. Aber unser Vater stellte dieses positive Handeln in den Mittelpunkt unserer Erziehung, die mein ganzen Leben prägte.

Durch den Krieg unterbrochen, studierte ich in Wien Medizin. Danach begann ich meine Facharztausbildung als Nervenarzt. 1947, noch während meiner Ausbildungszeit an der Nervenheilanstalt "Rosenhügel" in Wien, übertrug mir Prof. Stransky einen Patienten zur psychotherapeutischen Behandlung. Durch diesen Fall kam ich zu der Methode, die ich heute noch anwende. Ich möchte ihn Ihnen deshalb ausführlich schildern. Es handelte sich um einen Fall von unstillbarem Erbrechen - "unheilbar" hieß es. Als ich die Diagnose las, verließ mich der Mut. Ich hatte in den vergangenen Monaten bereits zwei solcher Fälle in der Klinik beobachten können. Beide Patienten mussten förmlich verhungern. Am nächsten Tag sah ich den Patienten persönlich. Um 10 Uhr morgens wurde er, von zwei Pflegern gestützt, zu mir gebracht. Laut Krankengeschichte hatte sein Gewicht bei einer Größe von 1,85 Meter vor einigen Tagen noch 50 Kilo betragen. Der Mann bot ein erbarmungswürdiges Bild: nur noch Haut und Knochen. Sein Kopf erinnerte an einen Totenschädel. Die Haut war schilfrig verändert, vollkommen ausgetrocknet und faltig. Das Lebendigste an ihm waren seine großen blauen Augen, die ängstlich zwischen den Pflegern und mir hin- und herhuschten, als wollte er jeden von uns fragen, wie lange er wohl noch zu leben habe.

Ich hatte zunächst wirklich nicht die geringste Vorstellung davon, wie ich diesem Menschen helfen könnte. Aus Verlegenheit beauftragte ich eine Krankenschwester, ein Glas breiiger Kost zu beschaffen. Unter dem Vorwand, sein Erbrechen studieren zu müssen, bat ich den Patienten, den Brei zu trinken.

Der Mann weigerte sich, meiner Aufforderung nachzukommen und machte keinerlei Anstalten, den Brei auch nur anzurühren. Allerdings schielte er, ängstlich auf dem Stuhl kauernd, immer wieder auf das Glas mit dem Brei. Es war offensichtlich, dass der Patient fest davon überzeugt war, unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme wieder erbrechen zu müssen. Man sah ihm an, wie er das Erbrechenmüssen verabscheute. Nachdem er wochenlang immer wieder die gleiche Erfahrung hatte machen müssen, konnte ich seine Angst sehr wohl verstehen. Ihn in seinem jetzigen Zustand seinem Elend zu überlassen, ihn gar so wie er war, nach Hause bringen zu lassen, das hätte seinen sicheren Tod bedeutet.

Ich wiederholte also meine Aufforderung mit einigem Nachdruck. Der Mann griff nun geradezu mit Todesverachtung nach dem Glas mit dem Brei und schüttete die Hälfte des Inhalts in seinen Schlund. Den Rest stellte er gleich wieder beiseite und griff sofort nach der Brechschale. Leicht nach vorne gebeugt, hielt er die Schale vor seinen Mund. Man sah deutlich, wie er in seinem Inneren verzweifelt gegen das Erbrechen ankämpfte. Ein schrecklicher Anblick fürwahr, der selbst den zu völliger Hilflosigkeit verurteilten Zuschauer in Panik versetzen musste. Der Mann krümmte sich, würgte - und mit einem Ruck hatte er den Brei wieder von sich gegeben.

Ich beobachtete den Patienten, wie er immer wieder nach dem Glas mit dem Brei schielte, als ob er Angst hätte, noch einmal davon zu trinken und wieder erbrechen zu müssen. Nun war ich mir sicher: Die Angst selbst war es, die das Erbrechen auslöste, und ich dachte mir insgeheim: Wenn ich ihm bloß die Angst nehmen könnte, dann würde auch das Erbrechen vielleicht ein Ende haben.

In diesem Augenblick fand ich zu einer guten Idee. Ich erkannte auf der Stelle den Weg zu einer neuen Psychotherapie. Ich musste den Mann dazu bringen, erbrechen zu wollen. Denn vor etwas, was man wirklich will, so dachte ich mir, kann man keine Angst haben.

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Abbildung 1: Nathaniel Freiherr von Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke – Neurologisches Zentrum der Stadt Wien – Rosenhügel. Nathaniel Freiherr von Rothschild vermachte in einer testamentarischen Verfügung anno 1900 einen Teil seines Vermögens zur Errichtung einer Anstalt für mittellose Nervenkranke. 1912 konnten die ersten Kranken behandelt werden. Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitete hier Dr. Stummer als Assistenzarzt. Foto: Magistrat der Stadt Wien, 1998.

Ich sagte vor einer Reihe von neugierigen Schwestern zu dem Patienten: "Ich kann Ihnen helfen", und wunderte mich gleichzeitig über die Festigkeit in meiner Stimme. "Das kann ich aber nur, wenn Sie mir genau folgen: Heute essen Sie nichts mehr. Morgen früh aber trinken Sie Ihren Kaffee in einem Zug hinunter. Ich kann Ihnen aber nur wirklich helfen, wenn Sie genau das tun, was ich von Ihnen verlange. Im Anschluss daran, und dies bezeichnete ich als absolute Notwendigkeit, erbrechen Sie den Kaffee sofort und willentlich. Der Kaffee muss wieder raus. Für alles andere, was Sie im Laufe des Tages zu sich nehmen, gilt dasselbe. Halten Sie sich unbedingt daran: Was rein geht, muss wieder raus." Dann wurde der Patient in Begleitung mit dem Wagen nach Hause gebracht.

In den folgenden Wochen hörte und sah ich von dem Patienten zu meinem Kummer nichts mehr. Ende September desselben Jahres, ein paar Wochen nachdem ich den Patienten zuletzt gesehen hatte, und ich zufällig in demselben Behandlungsraum wie damals saß, klopfte es an die Tür und auf mein "Herein!" trat mir ein kräftiger und gut genährter Mann entgegen. Lächelnd begrüßte er mich, als seien wir alte Freunde. Im Arm trug er eine Papiertüte mit Obst. "Aus meinem Schrebergarten!" sagte er, und drückte sie mir lachend in den Arm. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war. Erst als der Fremde mir seinen Namen nannte, und auf den Stuhl wies, auf dem er drei Wochen zuvor so jämmerlich gesessen hatte, erkannte ich ihn wieder.

Ich muss zugeben, es lief mir kalt über den Rücken; denn ich wusste nun, dass ich mit meiner Erkenntnis Recht hatte. Ich bin ihm heute noch dankbar, dass er meiner Anordnung Folge leistete, war er doch der Fall, mit dem ich meine neue Methode gefunden hatte. Letzten Endes hat er sich damit den Dank selbst eingehandelt. Er blieb vor dem Tod bewahrt und hat dadurch vielen, vielen Menschen indirekt geholfen, wieder zu ihrer Gesundheit zurückzufinden. Leider kenne ich nicht einmal mehr seinen Namen.

Damals überprüfte ich meine Patienten danach, ob sich einige für die Anwendung meiner neuen Erkenntnisse eigneten. Tatsächlich befanden sich ein paar darunter. Doch was mich erwarten sollte, war der große Widerstand meiner Patienten. In der Hauptsache waren es Herzneurotiker und einige, die an Asthma bronchiale litten. Diese Fälle erschienen mir für die neue Therapie am geeignetsten. Ihnen erschien jedoch die neue Behandlungsmethode als eine Zumutung. Ich rechnete anfangs freilich nicht mit der Tatsache, dass der Patient seine Neurose nur deshalb hat, weil er sie zur Liebesgewinnung braucht. Gleich der erste Patient, ein Herzneurotiker, zweifelte an meinem Verstand, als ich von ihm verlangte, seine Herzbeschwerden zu bejahen, ja sie unbedingt haben zu wollen. Ein anderer sagte zu mir: "Ich werde mir doch nicht etwas wünschen, was ich nicht haben will, Herr Doktor", und der Dritte meinte, ich würde doch direkt den Teufel an die Wand malen.

Bei zwei Patienten jedoch, die mir von Anfang an viel Vertrauen schenkten, und es wenigstens versuchten, meine Ausführungen zu verstehen, hatte ich relativ raschen Erfolg. Sie verloren beide bereits nach Stunden ihre Herzbeschwerden. Andere wiederum wollten in andere Abteilungen verlegt werden, einer wollte sich gar beim Chef beschweren. Leider konnte auch keiner meiner Kollegen etwas mit meiner Erkenntnis anfangen, ja sie machten sich teilweise sogar darüber lustig. Ich war ihnen deshalb auch gar nicht böse.

Kapitel 1: Ängste - Schlüssel zur Seele

Die neurotische Erkrankung: eine künstliche Not

Eine Neurose ist ein Leidenszustand seelischer Natur, bei dem die krankhafte, pathologische Angst immer die Hauptrolle spielt. Wer an dieser krankhaften Angst leidet, ist ein Neurotiker bzw. ein Neurosekranker. Deshalb sollten wir zuerst von der Angst sprechen.

Angst

Angst ist etwas sehr Natürliches. Angst ist ein Gefühlselement, das dem Menschen hilft, ihm aber auch schaden kann. Die Angst macht den Menschen auf Gefahren aufmerksam. Ohne sie würde er vermutlich sterben.

Die Angst lässt sich vergleichen mit einem Feuer, das dem Menschen dient, solange es von ihm gepflegt wird. Wir müssen unterscheiden zwischen der schützenden, guten Angst und der lähmenden, strafenden Angst. Die erste warnt, mahnt und hilft uns; wie ein Schutzengel wacht sie über uns. Selbst wenn sie uns schockt, steht sie uns dennoch als Helfer zur Seite, z.B. wenn wir nahe daran sind, mit unserem Wagen einen schweren Unfall zu bauen, oder wenn ein Kind zu nahe an ein gefährliches Wasser kommt. Dann erholen wir uns aber meist rasch von dem Schock und lernen aus dem Erlebnis.

Wird die Angst aber stärker, so dass das Feuer sozusagen seine Grenzen überschreitet, dann wird sie für den Menschen gefährlich. Statt zu schützen und zum Lernen aufzufordern, lähmt die Angst und nimmt den Menschen ganz ein. Er muss dann versuchen, die Grenzen zu wahren. Gelingt das nicht, so kann gleichsam ein Flächenbrand entstehen, und die "Seelen-Feuerwehr" muss eingreifen. Bei übergroßer lähmender Angst sind dies die Psychiater und die professionellen Helfer.

Künstliche Not durch Grübeln

Neurosekranke schaffen sich durch Grübeln Angst. Grübeln heißt, sich bewusst Nöte, die belastend sind, aus der Vergangenheit in die Vorstellungswelt zu bringen, Nöte, die gar nicht notwendig wären. Unter diesen Nöten ist alles erlebte Unangenehme, existentiell Bedrohliche zu verstehen, z.B. finanzielle Verluste oder Beleidigungen, aber auch Krebserkrankungen, Partnerverluste oder das Gefühl, verfolgt zu werden.

Der Neurosekranke befasst sich beim Grübeln in übertriebener Weise mit realen Nöten, die zwar wichtig sein können oder es einmal waren, z.B. ein Unfall oder betrogen worden zu sein, aber er nimmt diese viel zu schwer. Er quält sich mit ihnen in übertriebener Weise ab, und zwar so sehr, dass er oft nichts anderes mehr im Kopf hat. Er wiederholt dabei seine Überlegungen immer wieder, wie in einem Karussell, kommt aber nie zu einem brauchbaren Resultat. Dasselbe Resultat erreicht er mit dem Schwernehmen. Ganz ähnlich verfährt der Neurosekranke mit Geschehnissen seiner Erinnerung, besonders seiner Kindheit, die er niemals zu bewältigen scheint, und die ihm Anlass zu Furcht und Angst geben.

Grübeln ist nicht dasselbe wie Nachdenken. Nachdenken, in Gedanken verarbeiten, ist kein Grübeln. Nachdenken ist notwendiges Prüfen. Dabei wägt man das "Ja" gegen das "Nein" ab und findet zu einer Entscheidung. Dieser Vorgang darf nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen, weil er sonst zur Entscheidungsnot und durchaus zur Grübelei führt.

Das Grübeln ist ein Konzentrieren auf die verängstigende Verneinung eines Geschehens, eines Gedankens, oder besser gesagt, einer bzw. mehrerer Nöte. Während ein Mensch in der Regel Positives und Negatives überlegen kann, befasst sich der Neurosekranke beim Grübeln immer nur mit negativen Gedanken, mit Vorstellungsnöten. Er erschreckt sich bewusst und verschafft sich mit ihrer ständigen heftigen Verneinung Angst.

Beziehungspersonen

Mit dem Grübeln und dem Schwernehmen verfolgt der Neurosekranke immer das gleiche Ziel: Er will mehr liebende Zuwendung, und er versucht dies dadurch zu erreichen, dass er sich mit seiner künstlichen Not, mit seiner Grübel- und Vorstellungsnot ständig verängstigt. Er sammelt Angst, um sich damit zu verkindlichen, kindlich-hilflos und hilfsbedürftig zu machen. Er versucht, mit seiner Angst ein Recht auf Rücksicht, auf liebende Zuwendung, auf Liebe von einer oder auch mehreren ganz bestimmten Beziehungspersonen zu erlangen.

Wenn ein Mensch Angst äußert, sollte man zunächst einmal prüfend fragen: Welche Not hat sich der Mensch gemacht? Hat seine Not ein Recht, d.h. ist sie nur eine Grübelnot oder entspringt sie einer realen Not? Und welche Beziehungsperson spricht er damit an? Will der Mensch sich seine Not selbst beheben oder will er damit einer oder mehreren bestimmten Personen Liebe abfordern? Die Tatsache, dass der Neurosekranke damit jemandem Liebe abzwingen will, gibt er jedenfalls nur ungern zu.

Man muss wissen, dass jede neurotische Angst - wenn nicht gar jede Angst überhaupt - sich an Beziehungspersonen wendet, und zwar sind es immer Vater oder Mutter oder deren Stellvertreter. Dies sind immer die nach den Eltern nächststehenden Personen, z.B. der (Ehe-)partner, Oma oder Opa, Geschwister, Freunde und jeder, der Liebe oder Abhilfe verspricht.

Tritt also bei jemandem eine Angst auf, so ist es richtig, sich sofort zu fragen, an wen richtet er die Angst. Die Beantwortung dieser Frage wird mehr einbringen, als den Grund der Angst zu erforschen.

Sich deprimieren

Manche Neurosekranken lassen kaum eine Not vorübergehen, ohne sich daraus Angst zu produzieren, ja sie werden zu demselben Zwecke keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, sich Nöte anderer zu den eigenen zu machen, und oft machen sie aus einer Mücke einen Elefanten, und daraus die sogenannte "liebe Not". Eigentlich gehören alle Grübelgedanken zur lieben Not, weil sie kein Recht haben und missbräuchlich zur Liebesgewinnung ausgebeutet werden. Die liebe Not spielt bei der absichtlichen Erhaltung einer Neurose eine große Rolle.

Oft steigert sich der Grübler mit irgendeiner Not in heftige Erregung, wobei er nicht selten auch reale Not künstlich hochspielt und sich damit deprimiert. Sich deprimieren heißt, sich hinabdrücken, sich in einen kindlichen Verhaltenszustand zu bringen, und bedeutet vor allem, innerlich weinen und klagen.

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