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Übersee

 

In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 kommt es in Prien am Chiemsee zu einem dramatischen Zwischenfall: Angeführt vom Bachler Hans aus Hittenkirchen, versucht eine Gruppe Einheimischer, den Vormarsch der amerikanischen Truppen gewaltsam aufzuhalten – ein Versuch, der für die meisten der Beteiligten tragisch endet.

Jahrzehnte später: Durch einen Zufall findet die Priener Anwältin Sylvia Staudacher im New Yorker Einwanderungsmuseum auf Ellis Island in alten Passagierlisten einen Hinweis auf eine Therese Bachler, die 1866 aus Hittenkirchen nach Amerika ausgewandert war.

Sylvia weiß etwas über diese Frau und sucht nach weiteren Spuren von ihr. Tatsächlich findet sie deren Nachfahren im Hinterland von Philadelphia. Dort stellt sie fest, dass die Bachler Resi auf ihrer Flucht aus der Heimat das Wissen um ein Verbrechen in der Familie begleitet hat. Parallel dazu nimmt Sylvias Mann Matthias den Faden auf und erforscht zuhause im Chiemgau die Geschichte des Bachlerhofs in Hittenkirchen. Er stößt auf dunkle Vorfälle aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und auch deren Spuren führen nach Übersee.

 

 

Roland Voggenauer wurde 1964 geboren. Nach dem Abitur studierte er in München Mathematik und Philosophie. Seit 1991 diverse Tätigkeiten als Versicherungsmathematiker. Er wohnt mit seiner Frau und drei Kindern am Chiemsee. Sein erster Krimi „Blut und Wasser“ liegt bereits in der 5. Auflage vor.

 

Roland Voggenauer

 

 

Übersee

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorbemerkung

 

Diese Geschichte ist frei erfunden.

 

Alle Handlungen darin sind rein fiktiv – bis auf die unvermeidbaren wahren Kerne, die hoffentlich alle Geschichten haben, auch wenn sie für die Erzählung an sich oft vollkommen unbedeutend sind.

 

Gleiches gilt für die handelnden Personen, von denen einige schon in meinem ersten Chiemgau-Krimi ‚Blut und Wasser‘ vorkommen. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass neben allen anderen Figuren vor allem die hier zentrale Person des Johann Steinberger, alias ‚Bachler‘, komplett ausgedacht ist. Sie hat nichts mit lebenden oder toten Personen zu tun, jedenfalls soweit es mir bekannt ist.

 

Auch die dargestellten Ereignisse bei Kriegsende in Prien und Umgebung sind größtenteils erfunden. Was davon wahr ist, kann man, wenn man möchte, leicht feststellen, denn ich habe mich nur auf frei zugängliche Quellen gestützt. Alles, was sich dort nicht findet, ist erfunden und erhebt keinerlei Anspruch auf historische oder gar militärische Wahrheit. Beispielsweise ist der SS-General Franz Breithaupt tatsächlich bei Weisham erschossen worden, aber die Umstände seiner Ermordung, wie ich sie darstelle, sind historisch nicht belegt.

 

Meine wesentlichen Quellen sind das ‚Priener Heimatbuch‘ (Adolf von Bomhard, 1958) und die ‚Priener Chronik‘ (Lenz Kollmannsberger/Peter Hattenkofer, 1997); beide herausgegeben von der Markt gemeinde Prien am Chiemsee.

Das erstgenannte Buch selbst spielt eine gewisse Rolle. Ich habe mir erlaubt, es mit Zitaten aus dem zweitgenannten Buch und auch erfundenen Passagen zu ergänzen.

 

 

Eine Lüge, die ein Leben trägt,
ist besser als eine Wahrheit,
die ein Leben zerstört.

 

Isländisches Sprichwort

 

 

Prien am Chiemsee

Donnerstag, 3. Mai 1945

 

Die amerikanischen Soldaten hatten sich hinter der Hecke vor dem Jägerhaus versteckt und beobachteten gespannt die Brücke.

Ihre Gewehre waren auf die Männer gerichtet, die sich in gut 200 Metern Entfernung von ihnen an dem Viadukt zu schaffen machten.

 

„Mein Gott!“

Der Soldat presste die Worte hervor, während er sein Fernglas sinken ließ.

„Ich glaube, sie hängen ihn auf.“

„Und? Eine Ratte weniger ...“, sagte der Anführer der Gruppe regungslos und ohne sein Fernglas abzusetzen.

„Er ist noch ein Kind ...“

Der Soldat sah seinen Sergeanten fassungslos an. „Ein Bastard!“, gab der zurück und blickte weiter angespannt zu der Szene hinüber.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte der Soldat nach kurzem Schweigen.

„Abwarten ... und aufpassen, dass sie diese Scheiß-Brücke nicht in die Luft jagen.“

Der Sergeant stand auf und blickte nach Süden – die Richtung, aus der er die Panzer erwartete.

„Es geht los“, sagte ein anderer Soldat. „Der Typ hat sich gerade eine Kabeltrommel geschnappt.“

Der Sergeant richtete sein Fernglas wieder auf die Brücke.

Er sah wie einer der Männer heftig gegen den auf dem Boden liegenden Soldaten trat und ihn dann an seiner Uniformjacke hochzog.

Der junge Soldat mühte sich vergebens, einen festen Stand zu finden. Er taumelte mit hinter dem Rücken gebundenen Händen und dem Seil um den Hals.

Der Mann zog ihn an dem Strick zu sich in Richtung des Brückengeländers und stieß ihn im gleichen Moment von hinten über die niedrige Brüstung. Der Soldat fiel vornüber in das kurze Seil, das sich sofort spannte und ihn wieder ein Stück nach oben zog.

Er baumelte direkt unterhalb der Brücke wild hin und her, zog die Schultern hoch, als wolle er nach seinem Hals greifen, und versuchte im Todeskampf, die Fesseln hinter seinem Rücken zu lösen. Sein Körper verkrampfte und erschlaffte abwechselnd.

Der Sergeant verzog keine Miene. Er ließ das Fernglas sinken und schaute wieder ungeduldig nach Süden.

In der Ferne hörte man jetzt schon schwach das Rattern der herannahenden Panzer.

Die Männer auf der Brücke hatten es auch gehört. Sie beeilten sich.

„Verdammt! Der rollt das Kabel aus“, rief plötzlich einer seiner Soldaten.

„Ok“, gab der Sergeant jetzt entschieden zurück. „Dann macht euch fertig!“ Wieder blickte er hinüber zum Aschauer Viadukt. Er sah einen der Männer eine Kabeltrommel abrollen, während ein anderer sich den zweiten Soldaten packte.

„Ihr fünf ...“ Der Sergeant zeigte nacheinander auf fünf seiner Schützen, „Jeder Schuß ein Treffer. Ich will nicht, dass sie zurückschießen.“

„Kein Problem“, sagte einer der amerikanischen Soldaten. Er klemmte seine Unterlippe zwischen die Zähne und zog den Gewehrkolben enger an seine Schulter.

Wie seine Kameraden blinzelte er durch sein Zielfernrohr und wartete auf das Kommando.

Sergeant Hill blickte durch das Fernglas und sah wie der Mann die Kabel an den kleinen Kasten anschloß.

„Auf 3“, presste er hervor. „1 – 2 – Feuer!“ Dann fielen die Schüsse.

1

 

„Wir starten“, hört Sylvia die Stimme des Kapitäns aus dem Lautsprecher und schließt ihre Augen.

Gleich darauf beschleunigt die Maschine abrupt und so schnell, dass Sylvia sanft in ihren Sitz gedrückt wird. Während die Lichter entlang der Startbahn an ihr vorbei fliegen, zählt sie leise die Sekunden, wie sie es immer tut.

Auch nach Hunderten von Flügen, kommt es ihr immer noch wie ein kleines Wunder vor, wenn solch ein Koloss aus Eisen und Stahl so elegant und scheinbar mühelos die Bodenhaftung verliert.

Sie hat gelernt, dass der Start höchstens eine halbe Minute dauern darf. Falls es länger dauert, wäre das schlecht, hat man ihr gesagt, da könne man schon mal mit dem Beten beginnen. Es hat aber noch nie länger gedauert.

Diesmal kommt sie bis 28, dann hebt der Flieger ab.

28 ist eine gute Zahl, denkt sie sich, öffnet ihre Augen und lächelt beruhigt. Sie blickt aus dem kleinen Fenster und sieht wie das Flugzeug langsam den Boden unter sich läßt. Es kommt ihr vor wie ihr Leben, das sie unter sich läßt, wie ihr Leben, das sich von ihr entfernt.

Die Maschine hebt sich vorn, und als sie hört, wie das Fahrwerk eingezogen wird und die Klappen sich mit einem merklichen Ruck schließen, ist ihr, als sei eine Tür hinter ihr ins Schloss gefallen. Es gibt kein Zurück in ihr altes Leben, nur ein Vorwärts, ein Aufwärts in ein neues Leben.

Sie sieht aus dem Fenster und beobachtet wie die Dinge unter ihr kleiner werden. Die Häuser und Straßen, die Autos, die Bäume, alles verschwimmt langsam im Dunst der Dämmerung.

Wieder schließt sie ihre Augen und denkt an ihr Leben.

 

Letzte Woche hat sie ihren Mann verlassen, ihre Familie, ihr Zuhause und hat für sich entschieden, eine Weile in einer anderen Welt zu leben, einer neuen Welt, von der sie nicht viel weiß. Wie lange sie bleiben wird, wann sie zurückkommt, ob sie überhaupt zurückkehren wird ...? Fragen über Fragen und kaum eine Antwort, nur die eine Gewissheit, sie musste raus aus einer Welt, die sie nicht mehr als ihre eigene ansieht, in die sie hineingeboren ist und mit der sie sich lediglich arrangiert hat.

Sie hat immer das Beste daraus gemacht.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Frau Dr. Staudacher?“

Sylvia schlägt die Augen auf und blickt in das Lächeln der Stewardess.

„O ja, einen Kaffee und ein Wasser, bitte.“

Sie hält den Becher in beiden Händen und bläst behutsam in den aufsteigenden Kaffeedampf, während die Wolken unter ihr vorbeiziehen wie die Bilder ihrer Geschichte.

 

Sie muss lächeln, als sie an diesen Faschingsball denkt, auf dem sie Matthias zum ersten Mal getroffen hat. Seine Verkleidung als Pirat ist lächerlich gewesen, aber irgendwie fand sie ihn auch ..., sie überlegt. Schon so oft ist sie an dieser Stelle hängen geblieben, wenn sie sich gefragt hat, was sie eigentlich zusammengebracht hat. Meist endet es damit, dass sie sich sagt, sie habe ihn einfach niedlich gefunden, so unbeholfen niedlich, wie es ein Pirat einfach nicht sein durfte. Das hat sie damals zumindest zum Lachen gebracht, heute nicht mehr, aber das ist sicher einer der Gründe, denkt sie.

Die meisten Fremden, denen sie vorgestellt wurde, machten immer eine eigentümliche Veränderung durch, wenn sie erfuhren, wen sie vor sich hatten. Manche verfielen in eine Dienerhaltung, die bis zur Unterwürfigkeit führen konnte: Ah, die junge Frau Thanner. Aber die meisten kannten sie und begegneten ihr mit gehörigem Respekt.

Ihre Freunde haben sie gelangweilt an diesen Abend im Charivari, und Matthias hat sie nicht gekannt. Das wollte sie ihm zunächst nicht abkaufen, aber als er auch kurz vor Mitternacht noch standhaft lallte, dass er von den Thanners nie gehört habe, und dass da, wo er herkommt, nämlich vom Samerberg, andere Dinge wichtiger seien als die Priener Schickeria, da hat sie zum ersten Mal mit ihm gelacht und gemeint Betrunkene sagen die Wahrheit!

Und betrunken war er, da war sie sich sicher, genauso wie sie glaubte, dass sie es nicht sei und ihn nach Hause fahren könne, denn nach Mitternacht waren sie plötzlich allein. Erst die frische Luft machte ihr klar, dass das keine gute Idee war. Es war nicht kalt in dieser Nacht, und so beschloss sie kurzerhand für ihn mit, dass ein paar Stunden Schlaf im Auto ihnen beiden gut tun würden. Das war das erste Mal, dass sie eine Entscheidung für ihn traf. Sie kletterten in ihren Kombi und streckten sich albernd auf der Ladefläche aus. Gedanken machte sie sich keine, denn Matthias war so betrunken, dass er kaum noch stehen konnte, naja, fast nicht. Jedenfalls meinte sie hinterher, dass sie beide sofort eingeschlafen seien, aber das konnte nicht lange gedauert haben, denn irgendwie ist es dann doch passiert. Und es war sicher nicht so, dass sie nichts mitbekommen hätte. Aber sie konnte später nicht mehr sagen, wie und wer das alles begonnen hatte.

Ihre Erinnerung begann damit, dass er sich tief atmend durch ihren weiten Hexenrock wühlte und ihr Dinge ins Ohr flüsterte, für die sie beschwipst genug war, um sie witzig zu finden. Sie lachte herzhaft.

Als seine Fingerkuppen über ihren nackten Rücken hinauf und hinab flogen, zuckte sie abwechselnd zurück und ihm entgegen. Sie wußte irgendwann nicht mehr, ob sie berauscht oder nur kitzelig war. Mit beiden Händen umklammerte sie seinen Kopf und drückte ihn gegen ihre Brust. Er fühlte sich gut an, und sie ließ es nicht nur einfach geschehen, sondern zog ihn immer näher an sich heran, bis später alle Dämme brachen.

Egal, egal, egal, dachte sie sich und presste seinen Körper fester in ihre Umarmung.

Leichte Zweifel kamen ihr erst, nachdem sie wieder ruhiger atmete und Matthias schon wieder ein geschlafen war. Trotzdem schlief auch sie sanft neben ihm wieder ein und fühlte sich gut dabei.

Sie wachte auf, während es draußen langsam dämmerte. Ihr selbst aber dämmerte es ziemlich schnell, dass sie jemand hätte sehen können. Ihr Wagen war bekannt in Prien. Er müsste auffallen, wenn er so ganz allein in der Frühlingstraße stand, ausgerechnet in der Frühlingstraße. Sie hatte plötzlich Angst, dass man sie sehen könnte.

Zum Glück war an diesem Morgen kaum jemand unterwegs, und die Frühlingstraße war eine Seitenstraße, die um diese Zeit noch schlief, jedenfalls an einem Aschermittwoch Morgen.

Matthias, der Pirat, machte sich keine Sorgen. Er schnaufte leise, als sie ihn vorsichtig rüttelte.

„Ich fahr dich nach Hause“, hat sie gesagt und ist auf den Fahrersitz geklettert. Matthias murmelte etwas Unverständliches und drehte sich um.

„Was hast du gesagt, wo du herkommst?“ Sylvia drehte sich nochmal zu ihm um. „Samerberg?“

Matthias grunzte nur.

Als sie auf die Bernauer Straße hinausfuhr, ging sie sich mit den Fingern durch die Haare, um ihre Frisur notdürftig in Ordnung zu bringen. Dabei schüttelte sie mehrfach den Kopf und murmelte vor sich hin: Samerberg? Wie fahr’ ich da eigentlich hin?

Auch jetzt schüttelt sie wieder den Kopf und wundert sich, dass sie sich noch so gut an all das erinnern kann.

Das alles ist etwa 10 Jahre her und trotzdem meint sie auch heute noch, den Geschmack der Piratenschminke auf ihren Lippen zu spüren.

Sie fragt sich nie, wo die Zeit nur geblieben ist. Es sind 10 Jahre, und in dieser Zeit ist sehr viel passiert, aber Sylvia kann sich an fast jede Einzelheit in ihrer Beziehung erinnern. Ihr Gedächtnis funktioniert großartig wie eh und je. Sie musste sich immer darauf verlassen können, und es hat sie selten im Stich gelassen. Matthias wundert sich häufig, dass sie sich an Dinge erinnert, die er längst verdrängt hatte, weil er sich – wie er sagt – nur die wichtigen Dinge merken würde. Sylvia sagt dann meist, was wichtig ist, das weiß man oft erst im Nachhinein. Seine unbedarfte Vergesslichkeit treibt sie regelmäßig zum Wahnsinn.

 

„Noch einen Kaffee, Frau Dr. Staudacher?“, reißt die Stewardess sie aus ihren Gedanken.

Sylvia winkt ab. „Danke, später.“

 

Es war ein Karfreitag und ihre Mutter war ohnehin nicht gut gelaunt.

„Mama, ich glaube, ich bin schwanger“, hat sie gesagt und ist gleich darauf in Tränen ausgebrochen.

Der Zeitpunkt war schlecht gewählt, eigentlich gar nicht gewählt. Sie hat den Test direkt nach dem Aufstehen gemacht, zum dritten Mal, und jedesmal war das Ergebnis dasselbe: Positiv. Der Streifen war blau wie er blauer nicht hätte sein können. Sie hat ihn angestarrt, ja angefleht, er solle sich wieder verfärben. Dreimal hat sie das getan. Aber jetzt glaubte sie es, und beim Frühstück sprudelte es einfach so aus ihr heraus, ohne dass sie es hätte kontrollieren können.

Ihre Mutter starrte sie fassungslos an, ihr Vater ließ die Zeitung sinken.

„Kind, wos soggst du? Schwanger?“

Sylvia schüttelte sich in einen Weinkrampf hinein und ihr Vater fragte: „Vo wem?“

Doch Sylvia konnte nicht mehr antworten. Sie brachte den Namen einfach nicht über die Lippen.

„Um Gotts Wuin! Kind!“, hat ihre Mutter gesagt. „Wos füra Schand? Wos deama’n jetz?“

Auch ihr Vater war anfangs geschockt. „Wos werd’n d’Leit song?“, war für ihn die wichtigste Frage.

Matthias war zunächst nur sprachlos, doch dann konnte er seine Freude kaum verbergen. In den Wochen nach dem Faschingsball haben sie sich noch ein paar Mal getroffen. Er hat sie nicht bedrängt, aber er hat ihr gesagt, dass es für ihn Liebe auf den ersten Blick gewesen sei. Das hat sie ihm nicht abgenommen. Er wollte mit ihr zusammen sein. Das wiederum glaubte sie ihm sofort, aber sie hielt sich oft tagelang von ihm fern. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Im Gegenteil. Sie konnte mit ihm und über ihn lachen wie mit keinem anderen Mann. Oft frag te sie sich, ob das daran lag, dass sie ihn ... sie suchte schon damals nach dem Wort ... niedlich fand. Es gefällt ihr auch heute nicht, dass sie nie ein anderes Wort dafür fand, aber das war es einfach.

Und er weckte in ihr einen Beschützerinstinkt. Einerseits genoss sie es, andererseits aber war die Beziehung zu ihm mit ihren Plänen nicht vereinbar – ganz zu schweigen von der Schwangerschaft an sich. Die war mit ihrem ganzen Leben – wie sie meinte – nicht vereinbar, aber sie sah ein, dass ihre familiäre Situation es ihr leicht machte, ein Kind zu bekommen und – was wichtiger war – aufzuziehen. Sie hatte die Unterstützung ihrer Familie; eine Abtreibung wäre nicht in Frage gekommen. An eine Heirat dachte sie jedoch auch nicht, nicht im Entferntesten. Und sie war zunächst schockiert, als ihre Eltern den Gedanken aufbrachten.

„Aba heirodn, des miassats scho.“

Ihr Vater hat das so bestimmt gesagt, dass ihr der Ernst der Lage ziemlich schnell klar war.

Er sei nicht die schlechteste Wahl, hat ihre Mutter gesagt, als ob es ihr darauf angekommen wäre.

Sie widersprach erst heftig, aber sie gab es schnell auf. Es hatte noch nie Sinn gemacht, sich ihren Eltern in den Weg zu stellen, obwohl sie genau das immer hätte tun sollen. Und Matthias stand auf deren Seite, eigentlich auch auf ihrer, ohne dass sie das gewollt hätte. Sie glaubte schließlich, sie könne sich mit der Situation arrangieren, vielleicht nicht ganz so schnell wie man die Hochzeit im Handumdrehen ansetzte und plante, aber immerhin. Und sie begann, eigene Pläne zu schmieden, Pläne für die Zeit nach der Geburt. Sie war es immer gewöhnt, die Dinge allein anzupacken. Diesmal war sie ausgerutscht, aber sie würde alleine aufstehen und dann auch wieder alleine weitergehen, dachte sie sich. Das hat sie dann zwar nicht ganz geschafft, wie sich später herausstellen sollte, aber sie war nicht unzufrieden.

 

Als sie vor dem Altar standen, war Matthias überglücklich. Es machte sie sogar stolz, ihn so in die Welt strahlen zu sehen. Sylvia spürte die Bewegungen in ihrem Schoß und senkte ihren Blick nach unten.

Als der Pfarrer sie fragte, spürte sie diesen leichten Tritt in ihrem Bauch und zuckte merklich zusammen. Sie legte ihre flache Hand auf die kleine Wölbung und der Pfarrer blickte sie fragend an.

„Ja“, hat sie gesagt, und in diesem Moment hat sie es auch so gemeint, zumindest gewünscht. Weglaufen konnte sie ja immer noch.

Jetzt wollte sie erstmal die anderen machen lassen. Und die machten.

 

Ihre Eltern stellten dem jungen Paar eine angemessene Wohnung in Prien zur Verfügung, und Matthias gab seinen Job als Büro-Kaufmann in der Rohrdorfer Zementfabrik auf, denn sein Schwiegervater konnte ihm kurzfristig eine Stelle in der Priener Gemeindeverwaltung besorgen. Im Grundbuchamt war gerade etwas frei, und er meinte, das würde schon für ihn passen – tat es dann auch.

Sylvia fuhr hin und wieder zu Vorlesungen nach München.

Sie wollte ihr Jura-Studium in dieser Zeit etwas schleifen lassen, um sich eigentlich voll und ganz auf die Schwangerschaft zu konzentrieren. Sie mein te, sie könne es sich leisten, ein bisschen Zeit zu verlieren.

Doch dann kam es wieder anders, als sie geplant hatte.

An einem Wochenende im Frühsommer ist die Tragödie geschehen.

Sylvia wachte gegen vier Uhr früh auf und spürte ein starkes Ziehen in der Bauchgegend. Sie stand auf und wollte in die Küche gehen, aber sie kam nicht weit, denn ihre Beine sackten einfach unter ihr weg. Als Matthias aufwachte, stand sie auf den Bettpfosten gestützt direkt neben ihm. Sie bat ihn, ihr ein Glas Wasser zu bringen. Sie habe wahnsinnigen Durst und schwitze stark.

Matthias sprang aus dem Bett, und noch bevor er wieder bei ihr war, hatte sie massive Bauchkrämpfe und konnte sich nicht mehr aufrecht halten. Er nahm sie auf die Arme, um sie zurück ins Bett zu tragen. Dabei muss er wohl die Blutlache auf dem Fußboden bemerkt haben, denn kaum, dass er sie abgelegt hatte, stürzte er sofort zum Telefon.

Als der Notarzt eintraf, war Sylvia fast nicht mehr ansprechbar.

Sie hatte erhebliche Blutungen und fieberte schweißgebadet vor sich hin.

Dann ist alles sehr schnell gegangen. Die Sanitäter brachten sie zu dem wartenden Krankenwagen. Matthias ließ sie nicht aus den Augen. Er hielt ihre Hand, bis man sie ihm vor der Notaufnahme entriss.

Was danach passierte, bekam sie nicht mehr mit.

Während sie langsam aus der Narkose aufwachte, spürte sie, dass jemand ihre Hand hielt. Sie wusste, es war Matthias’ Hand, aber sie sah ihn nicht an. Da war das Gesicht dieser Ärztin, die sie mitleidig anlächelte und nichts sagte, aber Sylvia wusste, was sie sagen wollte.

Sie drehte den Kopf zur Seite. Matthias stand an ihrem Bett und blickte sie an. Er weinte. Sylvia schloss die Augen wieder und murmelte: „Das Kind ... ?“

Sie hörte die Ärztin nur von ferne, wie unter Wasser. „Sie haben viel Blut verloren.“

Als ob das wichtig gewesen wäre. Sie wusste, sie hatte das Kind verloren. Allein mit diesem Gedanken fiel sie wieder zurück in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Tage später, als sie wieder bei Sinnen war, hat die Ärztin ihr erklärt, was genau geschehen war: Chromosomendefekt, die häufigste Ursache für solche Abgänge, und sie hat gesagt, dass ihr Kind nicht zu retten gewesen sei. Sylvia konnte das alles verstehen, erklären konnte sie es sich aber nicht; und wie immer in solchen Situationen, traf sie eine Entscheidung.

Ein Leben muss gehen, damit ein anderes beginnen kann, hatte ihre Mutter manchmal gesagt, und Sylvia hat sich entschlossen, ein neues Leben zu beginnen.

Sie wollte die Dinge jetzt wieder selber in die Hände nehmen.

 

Sie hat oft versucht sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn sie das Kind bekommen hätte, aber sie hat nie die Geduld gehabt, sich ein rundes Bild auszumalen. Mit hypothetischen Fragen der Art „Was wäre, wenn ...“ hat sie sich noch nie lange aufgehalten. Wenn-i-daat-i-waar-i, ist ein Spruch, den sie von ihrem Vater übernommen hat und gerne benutzt.

Sie will nach vorn blicken und ihr Leben selbst gestalten. Die wenigen Male, in denen andere über ihr Leben bestimmt haben, haben zu nichts Gutem geführt, im Gegenteil: Diese Dinge sind grandios in die Hose gegangen.

Sie will es besser machen. Sie hat etwas gut zu machen. Sie hat etwas aufzuholen.

Während sie jetzt darüber nachdenkt, kommt ihr das alles so logisch, so selbstverständlich vor. In Wahrheit aber hat dieser Prozess sie ein Jahr gekostet; ein Jahr; das nicht schmerzfrei gewesen ist. Immer wieder haben Depressionen sie geplagt, und sie war froh, dass ihre Familie, allen voran Mathias, das alles klaglos ertragen hat. Dafür war sie ihm insgeheim sogar dankbar.

Trotzdem dachte sie damals beinahe täglich an eine Trennung. Sie ging aber nicht, weil sie wusste, dass sie sich damit in der eigenen Familie isoliert hätte.

A Gschiedene war und ist in der Familie Thanner gleichbedeutend mit eine Aussätzige.

Das Jahr nach der Katastrophe, das war die Zeit, die sie verloren hatte. Zumindest sah es von außen so aus. Für sie war es nicht so. Sie hatte genau diese Zeit für sich gebraucht. Ein ganzes Jahr, um herauszufinden, dass sie nicht das Leben einer Fremden führen könne, dass der liebe Gott ihr ein eigenes Leben gegeben hatte, und dass sie gewillt war, das Geschenk anzunehmen. Nur wann, das wusste sie damals noch nicht.

 

„Darf es jetzt noch etwas sein, Frau Dr. Staudacher?“

Die Stewardess geht ihr langsam auf die Nerven. Auch, dass man sie jedesmal mit ihrem Namen anspricht, ist ihr peinlich. Bei Vielfliegern mit Senator-Status ist das eben üblich, sicher, und sie könnte ja darauf hinweisen, dass sie das nicht mag, aber sie will auch keine Sonderbehandlung, in keiner Weise.

„Danke!“ Sylvia lächelt freundlich zurück und denkt sich, du machst auch nur deinen Job, und nicht mal schlecht.

 

Der erste Schritt zurück in ihr eigenes Leben bestand darin, dass sie sich mit Gewalt wieder in ihr Studium stürzte. Sie verließ die gemeinsame Wohnung und bezog in München ein kleines Appartment, wo sie deutlich mehr Zeit für sich und ihr Studium hatte. Sicher, in Prien redeten die Leute über sie, aber das taten sie so oder so, und auch wenn es ihren Eltern nicht recht war, sie konnten die Umstände plausibel erklären. Und das war wichtig, für ihre Familie. Sylvia war es eigentlich egal. Sie kam voran. Ihre Rechnungen gingen auf. Matthias rückte mehr und mehr in den Hintergrund, ohne dass ein anderer Mann seine Stelle eingenommen hätte. Sicher, hin und wieder gab es Gelegenheiten, aber dann dachte sie meist an diesen Faschingsball und ihren alten Kombi. Eine andere Beziehung hätte eine neue Fremdbestimmung mit sich gebracht, was nur weitere Probleme für sie bedeutet hätte; und Probleme konnte sie keine gebrauchen. Zumindest keine privaten.

 

Beruflich meisterte sie alle Hürden mit Bravour. Ihr Studium verlief glatt und geradlinig, genauso wie die anschließende Promotion.

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