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Über die Verhältnisse

Barbara Frischmuth

Über die Verhältnisse

Roman

 

 

 

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Inhaltsübersicht

Du ziehst einen Faden

Es hat gekracht im Land

Ungarn war nicht

Das Land von oben

Aber nicht einer vermochte ihren Trotz zu erweichen;
weiterhin grollte sie und verschmähte jeglichen Vorschlag.
Niemals, sagte sie, wolle sie den von Düften umwallten
hohen Olympos betreten, nie Feldfrüchte aufsprießen lassen,
ehe sie ihre liebliche Tochter wiedergesehen.

 

Homerische Hymnen: Hymnos auf Demeter

Gelegentliche Übereinstimmungen mit lebenden Personen, soweit sie den österreichischen Olymp betreffen – wenn auch sicher nicht im Hinblick auf biographische Details –, sind beabsichtigt.

Du ziehst einen Faden, und der ganze Stoff kräuselt sich. Demeter – Figur und Person in einem. Wenn ich Demeter sage, muß ich auch Kore, Baubo, Zeus sagen.

Stell dir vor, du hängst einen leeren Rahmen an die Wand, der ein Stück Mauer eingrenzt. Die Linie eines Profils tritt hervor, und wenn du lange genug hinschaust, erscheint der Kopf.

Du machst Licht. Der Schatten des geflochtenen Lampenschirms berücksichtigt den Rahmen nicht, doch kann er das Bild, das sich einmal gezeigt hat, nicht ungeschehen machen, auch wenn er bedeutet, daß innerhalb und außerhalb des Rahmens nichts als die bloße Wand ist. Ebenso setzt sich eine Fliege über den Rahmen hinweg, innerhalb dessen sie jedoch zum Bild gehört.

 

Also das SPANFERKEL, unser aller Nährschwein, die Sau, die man haben muß, um noch rosige Zeiten zu erhoffen. In diesem Rahmen ein Lokal, in dem man – göttlicher Einfall, den du erst haben mußt – ißt, was vom Schwein kommt, und nur vom Schwein. Vom Rüssel über die Ohren bis zum Ringelschwanz, Haxen, Eingeweide, Schwarte, auf vielerlei Weise und Manier zubereitet, gedämpft, geröstet, gespickt, gerollt, geräuchert, gebraten, auf Spießen, im Topf, auf dem Holzkohlenrost, im Rohr und in der Gußeisenpfanne, auf Reissockeln oder im Erdäpfelwall, um Knödel drapiert, über Nudeln geschichtet, von zarten Gemüsen in der Farbe kontrastiert, durch Beimischung von Kräutern zu anderen Geschmacksebenen sublimiert und schließlich um die Wildform erweitert: Eberschinken, die Zunge rollt sich im Speichelfall – das also ist das SPANFERKEL.

Wo denn nun? Ich denke an das Wort Regierungsviertel, aber das ist ein Allerweltsbegriff, so würde in dieser Stadt niemand sagen. In einer unscheinbaren Gasse also, in Parlaments- und Kanzleramtsnähe, so daß es in unvorhergesehenen Pausen rasch und zu Fuß erreicht werden kann, was nicht nur dem gelegentlich entwischenden Oberolympier zugute kommt, sondern auch den zu seinem Verfolg abgestellten und geheimen Sicherheitsbeamten, die sich im Falle eines unbemerkten Abhandenkommens ihres obersten Dienstgebers ebenfalls ins SPANFERKEL verfügen, wo ihrem fragenden Blick bedeutet wird, daß der Vermißte sich im Extrazimmer finden ließe, falls er tatsächlich gefunden werden müsse.

Erleichtert bestellen die hauptamtlichen Schutzverantwortlichen erst einmal ein Bier – ist doch Unauffälligkeit die Voraussetzung ihres erfolgreichen Wirkens –, denn was wäre auffälliger, als zu dieser Nichtessenszeit hier zu sitzen und kein Bier zu trinken? Die Kellnerin aber, längst durch das einmalige Zukommenlassen einer Opernkarte gefügig gemacht, signalisiert rechtzeitig den geheimen Rückzug des im Auge zu Behaltenden, worauf die pflichtbewußten Beschatter sich sofort auf den Weg machen, ohne ihr Bier zu bezahlen, um kurz vor dem Wiederbetreten des Amts zu beiden Seiten des Schutzverurteilten Aufstellung zu nehmen, unverschämterweise auf gleicher Höhe, beinah so, als arretierten sie ihn, was natürlich protokollwidrig ist, aber im Hinblick auf die Demokratie, die das Staatsvolk als Regierungsform verordnet bekommen hat, und seine eigene bäuerlich-proletarische Herkunft verabsäumt der Chef, die vom Protokoll vorgeschriebene Geh- und Stehordnung einzufordern. Und je unverschämter die beiden Benimm-Verletzer ihn anlächeln, desto trauriger schaut er vom einen zum anderen, nicht weil er nicht wüßte – schließlich bezahlt er in regelmäßigen Abständen die im SPANFERKEL offengebliebenen Biere –, sondern weil sie ihm die flüchtige Illusion persönlicher Freizügigkeit auf so ordinäre Weise vergällen.

Die Herkunft aus dem Volk ist kein Mangel für einen Regierungschef, auch dann nicht, wenn er sie glaubhaft verkörpert. Doch auch er denkt an das Volk nur mehr als Wahlvolk, als Hausmacht eben. Und manchmal fragt er sich, wo das frühere, das gewöhnliche Volk plötzlich hingekommen sei.

In unvorhergesehenen Pausen, die zu kurz sind für einen Ausriß ins SPANFERKEL, steht der Chef bisweilen am Fenster seines Amtszimmers und schaut durch den Operngucker, den er in seinem Regierungsschreibtisch verwahrt, in den Volksgarten hinunter. Doch seltsam genug, was er da sieht, ist alles, nur kein Volk. Leute, wo ist das Volk geblieben?

Ein deutscher Dichter hat es zuletzt in Budapest vor der Alten Markthalle ausmachen können. »Unauffällig, nüchtern, bescheiden, ohne Illusionen. Es ist auf alles gefaßt, und es hat nichts vergessen.« Glänzender Essay. Er hat ihn von seiner außenpolitischen Beraterin lesen lassen, sie sollte die markanten Stellen ankreuzen. Leider erst nach dem Staatsbesuch erschienen, dennoch – Wissen ist Wissen. In Ungarn soll es also noch so etwas wie das Volk geben. Wie hieß es bei dem deutschen Dichter? – »Verwittert, aber nicht zerstört.« Er kann es sich zwar nicht erlauben, so was zu sagen, aber er freut sich über den Vergleich. Vielleicht hätte er den Wunsch geäußert, die Alte Markthalle zu besichtigen, und dabei das Volk gesehen, ein Volk, aus dem auch ein Teil seiner Altvorderen stammte, aber man hätte ihn doch nicht hingeführt – wieso ausgerechnet die Alte Markthalle? –, und er hätte auch nichts sagen können, weil es dort, wie der Dichter schreibt, noch das Volk gibt.

Warum wohl die eigenen Dichter, die heimischen Preisträger und Stipendienempfänger, keine solchen Essays schrieben? Nicht daß er etwas gegen Literatur hätte, aber die heimische war immer gleich so übertrieben, gar nicht aufklärerisch oder zumindest unterhaltend, sondern schlichtweg überspannt. Da gibt er einen Haufen Geld für die aus, und doch schreiben sie nichts, was sich zitieren ließe. Diese Stichwortverweigerer ziehen sich in ihre Sprachküchen zurück und sind doch nur Idylliker, die sich auf die Wirklichkeit in diesem Land nicht einlassen. Im Grunde wollen die nur, daß es ihnen noch besser geht. Dabei haben sie das Wichtigste schon erreicht: extrem gleitende Arbeitszeit, keinen Streß, keine Fron. Was einer wie er sich täglich an Vollbrachtem abzwingt, ist für die natürlich lächerlich.

Beim nächsten Kongreß wird man das einmal sagen müssen. Es gehört eine Literatur her, die zitierbar ist. Die Maler malen ja auch Bilder, die man in den Ministerien aufhängen kann. Zumindest könnte.

Aber was ist wirklich mit dem Volk geschehen? Hat es sich samt und sonders versteckt, vermiddleclasst, verspießert? Noch gibt es das Staatsvolk, das Parteienvolk, das Fußvolk, das Volk der Bausparer und das Volk der Schifahrer. Aber schon schleudert der Begriff Volk – hast du’s nicht gesehen – in den der Nation hinüber. Und mit der Nation war das lange so eine Sache. Also aufpassen! Sonst wird er am Ende selbst noch zitiert.

Was das Volk hinterlassen hat, ist zweifelsohne der Volksmund. Der Volksmund spricht aus uns allen, er eint uns, und wenn der Chef leutselig meint, Morgenstund ist für die armen Hund, spricht er auch aus ihm und bedeutet, daß selbst er, der Chef, sich im Sinne einer langen Tradition für den ersten – vielleicht auch den ärmsten, weil man ihn zur Rechenschaft zieht – Diener seines Staates hält. Zum Glück gibt es noch andere Traditionen wie die der häufigen Kommissionsbildung und des Delegierens von Problemlösungen an Entscheidungsermittlungsspezialisten. Er wird sich also im einzelnen schon zu helfen wissen.

 

Was es auf sich hat mit dem Chef? Nicht viel. Er hat sich aufgedrängt. Wer Demeter sagt, muß Zeus sagen. Es geht um den Obersten, den an der Spitze. Und den kann ich mir nicht aussuchen. Schließlich brauche ich ihn als Figur. Der Chef soll am meisten zu sagen haben, zumindest nach außen hin. Also bleibt niemand anderer übrig.

»Die Europäer denken zu vertikal«, sagt ein prominenter Japaner, »stellen sich den Himmel oben und die Hölle unten vor.«

Dennoch bleibt das Bild vom Gipfel unwiderstehlich.

 

Kommen wir wieder zum SPANFERKEL und zu seiner Entstehung, seiner Creatio, nicht ex nihilo, sondern im Kopf von Melanie, seiner späteren Wirtin, aus einem abfallenden Gedanken des Chefs, der etwas von der allgemein herrschenden Sauwirtschaft gesagt hatte, und das just in dem Augenblick, als sich im Kopf von Melanie ein Gedanke auf den Sprung machte, für den ausgerechnet das Wort Sauwirtschaft den Geburtshelfer spielen sollte.

Aber nicht nur das SPANFERKEL, auch die gebräuchlichere Version von Melanie geht auf einen Zwischenruf des Chefs zurück. Als er ihr nämlich vor mehr als zwanzig Jahren – sie lagen beide auf einer sonnenfleckigen Wiese – erklärte, daß er nun ernstlich beschlossen habe, in die Politik zu gehen, und sie ihm mit geschlossenen Augen nicht zugehört hatte, nannte er sie Mela, wobei ihm wohl sein von den Vorgenerationen her ungarisch angelegtes Sprachhirn ein Signal zukommen hat lassen, denn wie sie später herausfinden sollte, heißt méla im Ungarischen träumerisch, verträumt, eine Bedeutung, die ihr zwar im Augenblick des So-genannt-Werdens anstand, ansonsten aber nicht ganz zum Wesen von Melanie paßte. Dennoch hat sich der Name, wenn auch hierzulande eher wie Mella klingend, durchgesetzt, nicht aber jene extreme Steigerung, die der spätere Chef damals noch dazugehängt hatte, indem er sie nicht nur Mela, sondern auch noch ein echtes Melerl hieß.

Als er ihr das mit der Politik dann noch einmal sagte, war alles, was ihr dazu einfiel, ein herzliches »Spinnst?« gewesen, das er nach anfänglichem Schmollen dann doch so nahm, wie es gemeint war, verständnislos, jedoch gutmütig.

Aus unserer Heldin ist also schon vor der Zeit eine Mela geworden, weil sie gerade von dem noch nicht zum SPANFERKEL gediehenen SPANFERKEL tagträumte und von der den Chef zu seinem künftigen Politikerdasein motivierenden Sauwirtschaft nur das Schweinerne wahrgenommen hatte, das wiederum das noch nicht als SPANFERKEL gedachte SPANFERKEL durch einen erhellenden Geistesblitz endgültig zum SPANFERKEL machte. Ich denke, es erübrigt sich, weiter auszuholen.

 

Die materielle Grundlage.

Mela, aus einer der Binnenprovinzen des Binnenstaates stammend, hatte geerbt. Sie war noch nicht weit mit ihrem Studium der Biologie gekommen und hatte dasselbe abgebrochen, sobald die Idee zum SPANFERKEL ihrem Kopf entsprungen war. Der unmittelbare Umgang mit Tierischem und Pflanzlichem war ihr doch lieber als ein Studium, von dem sie nichts weiter erwarten konnte, als künftige Generationen mit ihrem Wissen und dessen Vermittlung gegen sich aufzubringen. Mela griff also zu, sozusagen ungeschauter, mit einem Geschick, als hätte sie selbst an den Händen Augen.

Der Chef, der damals gerade auf dem Sprung vom zu alten Studenten-Funktionär zum zu jungen Abgeordneten war, klärte die leidige Sache mit der Konzession über den stillen, wenn auch nicht ungewöhnlichen Weg durchs andere Lager, sozusagen als Abfertigung für eine Amour, die sich nicht nur an Melas Spinnst? erschöpft hatte, sondern auch an dem grundsätzlichen Auseinanderdriften beider Lebenswege – Mela wurde Arbeitgeberin, wenn auch nur in einem Dienstleistungsbetrieb mit Gewerbeordnung, aber immerhin – und wohl auch an einer gegenseitigen erotischen Abkühlung, die sich als gute Unterlage für eine leichten Herzens versprochene und bis auf gelegentliche Ausrutscher auch eingehaltenen Freundschaft erwies.

Allerdings, so glimpflich, wie sie sich in kurzen Abschnitten lesen, verlaufen Lebensgeschichten nie. Also ist auch hier noch etwas nachzutragen, das als gleichzeitig zu denken ist, nämlich Frô. Mela und der Chef, der damals gerade die ersten Stufen auf der Treppe zur politischen Beletage erklomm, waren einander für mehrere Monate aus dem Blick geraten, was dem enterotisierten Verhältnis Zeit zur Stabilisierung ließ.

Doch dann trafen sie in einer der vielen kleinen Gassen zwischen Parlament und SPANFERKEL neuerdings aufeinander. »Bin ich froh«, soll der Chef im ersten Moment gesagt haben – sie schauten einander lange in die Augen, der Hormonspiegel war tatsächlich abgesunken, wenn auch nicht ganz – und dann ins Stottern geraten sein, »froh, ja, schon, ausgesprochen froh, und wie«, als er Melas großen Bauch weder soziologisch noch psychologisch noch ideologisch anders deuten konnte denn als fortgeschrittene Schwangerschaft. Die Rechenmaschine in seinem Kopf explodierte wie eine wild gewordene Registrierkasse, aber da es ihm am sachgerechten Blick für die genaue Datierung der eingetretenen anderen Umstände mangelte – die sonnengefleckte Wiese blitzte ein paarmal zwischen den rückwärts wirbelnden Kalenderblättern auf –, hob er die schweren, blond umborsteten Lider, und seine stets etwas blutunterlaufenen Augen stellten die möglicherweise eine lebenslange Antwort nach sich ziehende Frage.

Dies aber war der Augenblick, in dem sich Melas Souveränität zum ersten Mal voll entfaltete. Sie nahm die so unselig geblickte Frage nicht zur Kenntnis, lachte, daß ihr unmißverständlicher Bauch nur so bebte, und lud den Chef, der natürlich noch längst nicht der Chef war und der die ganze Serie seiner gestammelten »Frohs« mit einem letzten erleichterten »Bin ich froh!« abschloß, auf eine Jause ins SPANFERKEL ein.

»Ich übrigens auch«, meinte Mela im Anschluß an das letzte »Froh«, »das mit der Konzession hat funktioniert, und wie du siehst, gedeiht das SPANFERKEL.«

Als Mela einen Monat später von einem Mädchen entbunden wurde, wollte sie es Froh nennen, hatte sie doch auch in ihrem eigenen Fall die namengebende Funktion des Chefs anerkannt. Doch hatte ihr der Standesbeamte den Namen in dieser Schreibweise nicht durchgehen lassen. So wurde aus Froh Frô. Frô ließ sich anhand eines alten Almanachs als Name nachweisen.

 

Zugegeben, Mela ist eine, die hin und wieder Glück hat. Die Gelegenheit war günstig und die Erbschaft groß genug, daß sie die über dem SPANFERKEL gelegene Wohnung miterwerben konnte.

Beim Einzug war ihr eine Ungarin zu Hilfe gekommen, die ebenfalls im Haus wohnte und da auch noch wohnt. Von ihrem Vornamen Borbala sind, wie bei vielen anderen ungarischen Namen, eine Reihe von Abkürzungen im Umlauf: Bori, Borisch, Borika und Borischka.

»Nenn mich Borisch, mein Gold«, hatte sie zu Mela gesagt, als sie ihr den Koffer aus der Hand nahm, mit dem sie aus ihrem Untermietzimmer in die beinah leere Wohnung umzog. »Und mit dem Sie-Sagen fangen wir gar nicht erst an. Weißt du, die Ungarn sind da viel geschickter, da sagen sich die Frauen von Haus aus du.«

Die paar Möbel, die die letzten Mieter zurückgelassen hatten – offenbar war ihnen leid um das Geld für den Transport gewesen –, und der Koffer waren im Augenblick alles, was Mela an beweglicher Habe besaß. Borisch sah sich um und nickte rhapsodisch: »Ich hatte noch weniger, als ich hier ankam, und jetzt? Alles doppelt und dreifach, ein Skandal ist das.« Sie ging und kam nach kurzem wieder mit einer Menge Brauchbarem. Sie kochten Kaffee, rückten, stellten zurecht, und so kam es bereits am ersten Tag zu einigen jener berüchtigten Provisorien, die Jahre überdauern.

Als Mela dann erschöpft in einen der beiden vorhandenen Stühle fiel, befahl Borisch ihr, die Beine hoch zu lagern, und griff ihr beherzt in die Waden, daß sie leise zu winseln begann. Borisch beherrschte ihr Handwerk und schonte Mela nicht. Nach den ersten eher schmerzhaften Begegnungen mit Borischs Händen gewöhnte Mela sich an den heilsamen Griff und wurde mit der Zeit geradezu süchtig danach.

 

Wer schimpft, der hilft. Diesen Menschenschlag gibt es. Borisch hat zeit ihres Lebens geschimpft und geholfen. »Ich bin Ungarin, auch wenn es den alten wilden Typ nicht mehr gibt. Bei der Landnahme vor mehr als tausend Jahren waren wir noch ein herumziehendes Reitervolk, aber dann sind unsere Frauen von so vielen Slawen, Deutschen, Türken, Juden, Rumänen, Italienern, Byzantinern, Spaniern, Franzosen, Kurden, Armeniern und Arabern vergewaltigt, geliebt und geehelicht worden, und unsere Männer taten deren Frauen dasselbe an, so daß es den alten Typ längst nicht mehr gibt. Trotzdem bin ich immer noch Ungarin, und das läßt sich nicht abwaschen.« Mela weiß das nun seit mehr als zwanzig Jahren, und in all der verstrichenen Zeit hat sich nichts geändert daran.

»Weißt du, woher das Wort Ungar kommt? Von Hunger. Wir haben immer schon das Maul aufgerissen. Und weißt du, wie wir zu allem Deutschen sagen? Német. Das kommt von stumm. Also leg dich hin und keine Widerrede.« Borischs Hände waren manchmal das einzige, was Mela weitergeholfen hat.

Borisch schimpft nicht bloß, sie beliebt auch zu fluchen. Und sie flucht nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Körper, als wäre die gesamte Obszönität der ehemaligen cis- und transleithanischen Reichshälften durch die alten Nervenstränge in ihren ungarischen Gesten zusammengelaufen. Nicht daß Mela sie versteht, aber es ist klar, was sie meint. Schon aus einem Spreizen der Finger, dem theatralischen Recken eines ihrer Körperteile, dem demonstrativen Heben eines Kleidungsstücks wird die Sauerei begreifbar, die sie mit angemessen drastischen Mitteln zu entlarven und damit zu erledigen vorhat.

Flüche lassen sich nicht übersetzen. Mela ist nach all den Jahren immer noch hingerissen von Borischs Kehlkopfakrobatik, von den geröhrten, gelispelten, geratterten und geschnarrten Lauten, von Vokalen, zu denen sie ansetzt, als müsse sie sich erbrechen, während sie andere lang im Rachen behält, geradezu arienmäßig. Gelegentlich spuckt sie die Silben auch bloß kategorisch vor sich hin, bis sie wie Brösel an ihren Mundwinkeln hängenbleiben. Und mit der Kraft, die beim Fluchen frei wird, greift sie in Melas erschöpftes Fleisch, knetet ihr den Hintern bis zur Wirbelsäule, walkt ihr die Arme und Schultern, arbeitet ihr die Knoten heraus und die Lebensgeister hinein, bis Mela sich gestärkt und wundersam entspannt um das ritualisierte gemeinsame Kaffeetrinken kümmern kann, ein Nachspiel, ohne das der Hauptakt der Massage um einen Teil seiner Wirkung käme.

 

Mela und Frô können einander nicht verleugnen. Ihre Ähnlichkeit wirkt fort. Stehen sie nebeneinander, tritt ihre Unterschiedlichkeit hervor, sieht man sie getrennt, ruft eine die andere mit Macht in Erinnerung.

Nicht einmal Mela wüßte zu sagen, was Frô von ihrem Vater hat. Was sie unterscheidet, ist etwas Fremdes, möglicherweise aus einer Generation, die zu weit zurückliegt, um noch als Vergleich zu dienen.

»Was ist los mit dem Kind?« wird Borisch nicht müde zu fragen. »Es hat kein Leben.« Mela kann das nicht hören.

»Du hättest sie neulich sehen sollen, die kann ganz anders.«

»Ich weiß, ich weiß.« Borisch will sie nicht kränken. »Ein stilles Kind. Von wem sie das bloß hat. Nach dir kommt sie nicht, und nach mir wohl auch nicht.«

Mela lacht, aber es schmerzt. »Du und ich«, sagt sie zu Borisch, »wir sind nicht das Maß der Welt. Vielleicht sind wir zu laut.«

»Ach was«, Borisch entrüstet sich. »Wir haben sie zu sehr verwöhnt. Sie will sich auf nichts einlassen. Was sie braucht, ist ein bißchen Paprika im Hintern.« Mela schüttelt den Kopf. Sie ist stolz auf Frô. Es gibt nichts auszusetzen an dem Kind. Alle möglichen Katastrophen sind ausgeblieben, ein hübsches Kind, jetzt studiert es auch noch. Was will sie mehr?

Aber Borisch ist eben Borisch, und das heißt, daß sie das Gras wachsen hört, auch in einem Eisenbahncoupé. Was hat sie ihr nicht vor Frôs Geburt alles prophezeit: Zwillinge, ein Pärchen, mit langen schwarzen Mähnen. Noch heute lachen sie darüber. Und trotzdem tut es ihr weh, was Borisch sagt.

Mela hat das SPANFERKEL gut im Griff. Es ist nicht immer leicht gewesen, sie hat ihre Erfahrungen machen müssen, aber im großen und ganzen hat sie immer gewußt, worauf es ankommt. Sie verändert wenig, und doch wandelt sich das SPANFERKEL, kaum merkbar, wenn auch manchmal entscheidend. Sogar ihr Koch ist seit Monaten eine Köchin. Es ist niemandem aufgefallen, sie sagt es auch keinem, und bald ist die kritische Phase vorbei. Da kann es dann nicht mehr am Geschlecht des Kochs liegen, wenn das Essen die Erwartung enttäuscht. Die Snobs aber, die von einer Küchenchefin nur Haare in der Suppe und kein Mehrsternessen erwarten, machen sich höchstens im nachhinein lächerlich.

 

Zwanzig Jahre SPANFERKEL – ein Fest für geladene Gäste, das Lokal ist ja nicht groß, zwei Gasträume und ein Extrazimmer. Für das Buffet hat Mela sich was einfallen lassen. Sau ist Trumpf. Und all die kleinen Glücksschweinchen auf den Tischen, gemordete Schweinekinder, wie es auch Mela einmal durch den Kopf schießt, aber das ist der Weg alles Eßbaren.

Nicht um Pomp ist es ihr zu tun, sondern um die Fleisch gewordene Idee, um die Nachhaltigkeit, und es wird noch lange darüber geredet werden.

Der Witz des SPANFERKELS liegt nach wie vor in der bewußten Beschränkung. Das Konzept leuchtet ein. Nicht die Mannigfaltigkeit der Grundstoffe, die durch beliebige Behandlung zu einem einheitlichen Geschmack ermüden, sondern wenige und durchaus solide Materialien, die auf dem Weg durch die Küche erst ihre Unverwechselbarkeit erlangen. Mela weiß, was sie einkauft und wo, und ihre Küchenfee, dieses schwitzende, fröhliche, laut vor sich hin furzende Stück Weib, hat goldene Hände und einen Verstand, der dem Kopf eines Physikers Ehre machen würde. Ein Jammer, daß sie hinkt. Manchmal klagt sie auch über perverse Anträge. Dabei hat sie eine Vorliebe für kleine zarte Männer mit Menjoubärtchen, die vielleicht einmal wirklicher Hofrat werden und sich beim Essen die Serviette – wie sich’s gehört – aufs Knie legen und nicht einfach in den Hemdkragen stopfen.

Auch der Chef ist gekommen, nach der Oper, samt Frau. Der Staatsgast war wohl schon im Bett. Und mit ihm die wenigen, denen er noch traut. Ob die Frau von Anfang an gewußt hat, auf was sie sich da einläßt? Wohl kaum. Hineingewachsen? Jedenfalls eine der wenigen, die nicht säuft und keine psychiatrische Behandlung braucht. Hin und wieder Migräne. Das ist wohl das mindeste an Protest einer eingezwängten Seele. Daß sie keinen Ehrgeiz hat, sieht man ihr an, nicht im entferntesten eine Lady Macbeth. Nur ein bißchen schlanker hätte sie ihn gerne, den Chef. Warum manche Menschen so aus dem Leim gehen? Auch Mela denkt wehmütig zurück an die früheren fußballtrainierten Formen.

Später wird die Frau sie bitten, ob sie auf einen Sprung mit in die Küche darf. Auf dem Weg vom Extrazimmer durch die beiden Gasträume hakt die Frau sich leicht unter. Kaum einer der Gäste bemerkt sie, der Wein macht sie einander zugewandt. »Wie viele Jahre Stein hier wohl sitzen?« flüstert die Frau ihr ins Ohr. Stein, das ist die Strafanstalt. Sie lachen kein gutes Lachen. »Man ist ja bei keinem mehr sicher.« Die Frau schüttelt angewidert den Kopf und streckt der Küchenfee freundlich die Hand hin, gratuliert und lobt. Immerhin ist sie als einzige auf die Idee gekommen. Man sieht ihr an, daß sie was vom Kochen versteht. »Bei Ihnen würde ich gern einmal hospitieren«, sagt sie, und dann will sie natürlich ein Rezept haben. Aber das hätte wohl eine andere Frau auch gewollt. Sie habe noch immer einen eigenen Garten, sagt sie, davon könne sie auch das ewige Repräsentieren-Müssen nicht abhalten.

Mela kann ihre Tochter nicht abschätzen. Es stimmt, daß sie nicht immer Zeit für sie hat, aber niemand kann sagen, daß sie sich um das Kind nicht gekümmert habe. Früher ist sie immer, wenn sie aus dem Geschäft in ihre Wohnung hinaufging, in Frôs Zimmer gekommen, und selbst wenn die schon schlief, hat sie sie in die Arme genommen und abgeküßt. Jetzt tut sie das nur mehr, wenn Frôs Tür offensteht, was soviel bedeutet wie, daß sie allein ist.

Frô spricht nicht von den Veränderungen in ihrem Leben, sie gibt Zeichen. Und manchmal tut Mela sich schwer mit deren Entzifferung. Daß Frô bereits die Regel hatte, fiel Mela erst auf, als ihr eigener Tamponvorrat plötzlich aufgebraucht war, ohne daß sie wußte, wohin er verschwunden hätte sein können.

Daraufhin angesprochen, antwortete Frô: »Aber das ist doch normal in meinem Alter.« Denselben Satz wiederholte sie einige Jahre später, als Mela von einer im Badezimmer herumliegenden Packung mit Antibaby-Pillen darauf schloß, daß Frô ihren ersten sexuellen Kontakt hatte. Mela konnte und kann die Dinge nicht einfach gut sein lassen. Ein jeder dieser »normal«-Sätze von Frô bringt sie dermaßen aus der Fassung, daß sie Worte gebraucht, die sie wirklich nicht hat sagen wollen, während Frô bloß aufmerksam zuhört und den Kopf schüttelt.

Bei der nächsten Massage besprach Mela sich mit Borisch. Und die behauptete, das Kind sei einfach zu altklug und vielleicht gehöre ihm doch nur der Hintern ausgehaut, damit es sich nicht ganz so erwachsen vorkomme.

Aus Borisch sprach echte Enttäuschung. »Da habe ich mich so darauf gefreut, daß das Kind einmal verliebt sein wird. Und jetzt schaut es so aus, als würden wir gar nichts davon haben.«

Mela konnte es nicht lassen, Frô danach zu fragen, wer es denn sei. »Niemand Bestimmtes«, hatte Frô geantwortet. »Aber es ist doch besser, wenn mir nichts passieren kann, oder?«

Daraufhin war Mela in jenen Zustand des Schmerzes geraten, dem sie auch durch Schimpfen keine Abhilfe mehr schaffen konnte, und sie einigten sich darauf, daß Frô ihre Freunde mit nach Hause bringen dürfe. Mela hoffte, daß ihr das Kind auf diese Weise nicht an völlig Unbekannte verlorengehen würde.

Mela liebt ihr Kind, aber sie weiß nicht, wo mit ihrer Liebe einhaken.

 

Schlechte Zeiten für den Chef. Die Köpfe, die er abhaut, bekommen Füße, wo er hinschaut, eine aufgehaltene Hand, wo er hintappt, ein Sumpf, der trockengelegt gehörte. Er beklagt sich über das unselige Erbe, so hat er sich das alles nicht vorgestellt. Und dazu dieses Noch, das wie eine weißgefrorene Hagelwolke mit lila Rändern am Himmel klebt. »Noch geht es uns gut«, wird er nicht müde zu mahnen, aber gerade dieses Noch enthält bereits den Absturz ins Nicht mehr. Noch, sagt er und weltweit und kompliziert. Und er haßt die Versprechungen, die er macht, um wenigstens die eigenen Reihen geschlossen zu halten.

Damals, als später Studentenfunktionär, hatte er manchmal Melas Hände genommen und sein Gesicht hineingelegt. »Sie riechen nach Brot.« Er konnte sich nicht satt schnuppern. Jetzt kaut er nachts an seinem Kissen, wenn der Wein seine Gedanken gelöst hat.

Er, der Chef, ist ein Nachfolger, und er trägt schwer genug daran. Kein inkarnierter Sol Invictus, ein Ernannter ohne Fortuna Augusti. Die Zeiten sind auch nicht mehr darnach. Er weiß sich als zähen, als beharrlichen Kämpfer, aber wofür? Daß es nicht schlechter wird? Soll er eingehen in die Geschichte als Mann der allerkleinsten Ziele? Als Pragmatiker, dessen Nutzen von allen in Frage gestellt wird?

Er weiß, daß man so in die Geschichte nicht eingeht, höchstens in die Annalen. »Das Sein«, sagt er auf gut marxistisch, »bestimmt das Bewußtsein. Die Idee überherrscht die Geschichte.« Aber da ist nichts, nichts Besonderes. Nur das Wachstum soll nicht aufhören. »Es muß«, sagen die, die sich lauthals auf eine gute alte Idee berufen. Und die sind im Kommen, sagt er sich. Oder auch nicht, wenn es schlechter wird. Nicht er würgt an der Verantwortung, die Verantwortung würgt ihn. Auch ihm kommt dieses Wort oft ungelegen, und manchmal trifft es ihn wie ein gegnerischer Schlag unter der Gürtellinie. Die reden sich alle leicht und erwarten, daß er die Verantwortung dafür übernimmt, daß die anderen die Verantwortung übernehmen.

Immer in der Defensive. Ja, Himmel Sackrawalt, was glauben die denn, wofür er angetreten ist? Natürlich hat er Ideen. Die Idee ist längst erloschen, wie das Haus Österreich. »Casca il mondo«, hatte der Kardinalstaatssekretär damals in Rom gesagt, nach Königgrätz, aber damals war es noch nicht so weit, und die Welt hat das alles überlebt. Der Chef und sein gesundgeschrumpftes Land. Aber selbst das hat sich aufgehört. Er hat es nicht, das Land hat ihn.

Er war ein Mann der Bewegung, von Jugend an, aber die Bewegung stagniert, eingeklemmt zwischen ungelösten Verkehrs- und Energieproblemen. Schleichende Zeit in diesem Land, dabei sitzen alle auf demselben Vulkan. Früher war Sturm, keine gute alte Zeit. Fast sehnt er sich in die Erste Republik zurück. Da hätte er genau gewußt, wo stehen.

Im Jahre zweiundfünfzig kam der rote Bundespräsident dem frisch ernannten schwarzen Kardinal, der Sozialminister einer früheren Regierung gewesen war, mit dem Salonwagen bis zur Grenze entgegen. Flüstert der Greis im Stresemann und schwarzen Zylinder dem Greis im Purpur zu: »Jetzt bist du der Rote und ich der Schwarze.« Alte Geschichten, an denen sich sein Herz freut. Heute hätte so was keinen Biß mehr, eher schon der Beichtvater der Maria Theresia, Ignaz Müller, dessen Quittung über preußische Bestechungsgelder erhalten ist.

Allenthalben schaut er der Gier in die Augen, und der Jammer ist, daß er die Betrüger nicht einmal am Blick erkennt. Er aber soll die Augen zudrücken, damit der Staat nicht auseinanderfällt. Wär ja auch noch schöner, wenn er sich vorschreiben ließe, wen er fallenläßt. Am liebsten würde er all die Glücksritter mit einem moussierenden Doppler erschlagen. Die anderen sind noch schlimmer, nur geschickter, weil schon länger im Geschäft.

Aber sie werden ihn schon noch kennenlernen, alle.

 

Mela hat im Lauf der Jahre eine Reihe von Liebhabern gehabt, Borisch immer nur einen, ihren Mann – und die von Mela in der Vorstellung. Mela geizt nicht mit ihren Erlebnissen, und daß sie Borisch davon erzählt, stärkt ihre Erinnerung. Nur die Geschichte von Frôs Entstehung behält sie für sich, die einzige, auf die Borisch mit unverminderter Spannung wartet, all die anderen Geschichten lang.

»Du Schlampe!« sagt Borisch, während ihre Hände mit festem, aber freundlichem Druck um Melas Bauchnabel kreisen. »Hast du dich schon wieder petschieren lassen?« Die Hölle weiß, wie sie zu diesem Wort gekommen ist. »Noch dazu von einem wildfremden Mann …«

»Wildfremd? Der ist seit Jahren Gast.«

»Wird er dich heut nacht wieder besuchen?«

»Wenn ich ihn einlade.«

Borisch klatscht mit den Händen auf Melas Bauch. »Du redest wie von Haustieren oder Schoßkindern. Was ein Mann ist, schert sich einen Dreck um deine Einladung.« Mela hat ihre Geschichte der dreihundertdreiunddreißigsten Nacht, wie sie meint, doch ganz gut erzählt, und Borisch lohnt es ihr, indem sie die paar blauen Flecken, die sie beim letzten Scharmützel davongetragen hat, keiner weiteren Behandlung unterzieht.

Aber auch diese Geschichte hat Borisch in ihrem Verdacht bestärkt, daß es in dieser Stadt nur einen wirklichen Mann gibt, nämlich Edvard, das Monster, ihren eigenen, den zu bereden sie nicht müde wird, in den höchsten, aber auch in den niedrigsten Tönen, so daß Mela sich zuweilen selbst in dem Alptraum verstrickt findet, sie wäre verheiratet mit ihm.

»Dieses besoffene Schwein von einem Polacken«, wütet Borisch, und keine zwei Minuten später erklärt sie: »Weißt du, die Polen und die Ungarn sind die einzigen, die einander immer verstanden haben.« Und wenn Mela sich einzuwenden gestattet, daß sie doch soeben erfahren habe …, winkt Borisch energisch ab. »Hin und wieder trinkt er eben was. Das muß doch erlaubt sein.«

Ihre Kinder bezeichnet Borisch als Wiener Hungaropolen, die sich einbildeten, die Welt warte auf sie, und vielleicht tut sie das auch. Alle drei sind bereits außer Landes, und gelegentlich schwärmt sie von ihren Erfolgen. »Weißt du«, sagt sie, »die haben sich schon zu Hause aufgeführt wie der Mongolensturm.«

Mit fünfzehn erzählt Frô zum ersten Mal ihrer Mutter diesen Traum, weil er, wie sie sagt, immer wieder komme. Mela erschrickt. Noch nie hat Frô ihr einen ganzen Traum erzählt, nur: »Ich hab von dir geträumt oder von der Borisch oder vom Lehrer Saßmann.«

Und wenn Mela fragte »Was?«, hieß es: »Ich weiß nicht mehr genau.«

»Ich sitze in einem Zug«, sagt Frô, »und will zu dir fahren. Ich bin allein im Abteil, und der Zug hält auf offener Strecke, da schau ich zum Fenster hinaus. Das Licht rieselt. Der Gegenzug kommt, und wir fahren weiter. Auf der Böschung wachsen Heckenrosen, schwarzweiße Kühe stehen auf den Weiden, aber nirgends ist jemand. Ich weiß, daß wir in die verkehrte Richtung fahren, da bleibt der Zug wieder stehen. Ich steige aus und gehe die Schienen entlang, bis ich zu einem Bahnhof komme, in dem keine Menschen sind, nur Fahrpläne. Ein Wind wirbelt die Blätter durcheinander, eigentlich sind es Lebenspläne. Da weiß ich, daß ich tot bin.«

Mela hat Frô umarmt und sie eine Weile festgehalten, aber Frô hat gar nicht geweint. Sie war nur verwundert, weil sie in Wirklichkeit noch keine schwarzweißen Kühe gesehen hatte.

Und Borisch, der Mela Frôs Traum erzählte, wollte im Ägyptischen Traumbuch nachschauen, aber sie hatte es gerade verliehen, und dann kam die Rede nicht mehr darauf, obwohl Mela in all den Jahren immer wieder an diesen Traum hat denken müssen.

Manchmal, wenn Mela erschöpft vom Geschäft in die Wohnung kommt oder wenn sie sich ärgern muß und genug hat vom SPANFERKEL, ein für alle Male, wie sie sich sagt, fällt ihr ein, für wen sie das alles tut, für ihr Kind natürlich, das niemanden hat außer ihr, der Mutter. Und dann beruhigt sie sich wieder, im Bewußtsein der Aufgabe, die ihrem Leben eine klare Richtung weist. Sie kann es sich gar nicht leisten, sich gehenzulassen, geschweige denn, alles hinzuschmeißen, wie sie es zuweilen gern möchte, wenn ihr das Wirtinsein bis zum Hals steht – hat sie doch ein Kind, von dem kein Vater weiß, und ihr stiller Triumph ist, daß auch keiner von ihm wissen wird. Nicht aus Prinzip, aber da es sich einmal so ergeben hat, hält sie auch daran fest. Und hin und wieder kommt ihr sogar vor, dieses Geheimnis schenke ihr eine besondere Kraft, die gewisse Menschen anziehe. Auch das Vertrauen des Chefs ist ihr, wie sie meint, dadurch erhalten geblieben, ein Vertrauen, das sich kaum je auf seine Regierungsgeschäfte erstreckt, sondern auf den leib-seelischen Bereich beschränkt und in dieser Dimension unerschütterlich ist. Sie hat ihn nie enttäuscht, und keine seiner ursprünglichen Befürchtungen hat sich in den Zügen von Frô bestätigt.

Frô aber, die weiß, daß sie keinen Vater hat, hat eine Mutter, auf die sie sich verlassen kann, in welcher Lage auch immer, wie Mela zu ihr gesagt hat. »Was es auch ist, du kannst mir mit allem kommen.«

»Ich geb schon acht«, hatte Frô erwidert, »daß nichts passiert.«

»Was soll denn passieren?« hatte Mela, plötzlich irritiert, gefragt.

»Ich weiß nicht.« Frô war offensichtlich mit den Gedanken woanders. »Manchmal passiert eben was.«

 

»Hat zugenommen …« Gemeint ist die Konjunkturerwartung. Borisch zeigt auf den Bauch des Chefs, der, sich rechtfertigend wie ein Dompropst, der betrunken die Messe gefeiert hat, aus dem Fernseher dräut. Eine hilflose Drohgebärde, der unbewußte, aber deutliche Versuch, seinen fragenden Peiniger auf den Minimalabstand zurückzuscheuchen, den man selbst Raubtieren bei der Dressur einräumt.

Die Sprache rächt sich dafür, daß sie als Magd der Verständigung angesehen wird, an dem ihr ausgelieferten Dienstgeber durch die hinterfotzigste Preisgabe seiner heimlichen Wünsche und läßt ihn mehrmals abwiegeln sagen, statt abwickeln, was er nicht merkt, nur irgendwie spürt, denn von da an schleift er die Sätze nach wie einen abgerissenen Hosenträger, der hinterrücks am Hosenbein baumelt. Die Kränkung zieht sich in die Nase zurück, die immer mehr zum tiefsten Punkt wird, während die Augen langsam in die Stirn zurückrollen. Er möchte seine Verdienste gelobt wissen, zumindest angeführt. Eine Kaskade von Zahlen entfährt seinem Mund, mit den Zahlen kann ihm am wenigsten passieren, die hat er in der Hand, im Kopf; die Zahlen sind das Verläßlichste, und schon widerfährt ihm, was er immer vermeiden wollte, eine leise Hinwendung zur Diktion des Vorgängers, ein nachgeblafftes, fragendes Ja?, das soviel wie »keine Widerrede« bedeutete. Aus seinem Munde aber heißt es »Wie komme ich eigentlich dazu?«.

Auf ewig gefangen im Dialekt der Region, bedient er sich der legendären Unterrichtssprache, eines Plastikgeschwürs, entstanden aus den Ablagerungen einer mißverständlichen Amtssprache und den vielen Plünderungszügen durch eine gnadenlos ausgebeutete Literatur, der man entreißt, was sich zur Entstellung eignet.

»Der Arme«, flüstert Mela, die mit einem Stück Schweinsbraten heraufgekommen ist, das nach Küchenschluß übriggeblieben war, und Borisch wackelt mit dem Kopf und lacht.

»Ein richtiger Poppo. Genauso stelle ich mir den alten Poppo von Grabfeld vor.«

»Was für einen Poppo?« Mela hat kein Verhältnis zur Geschichte. Sie wittert Feindpropaganda, wann immer Borisch mit ihrer magyarischen Besserwisserei jahrhunderte-, ja jahrtausendeweit ausholt.

»Weil längst erwiesen ist, daß die Babenberger keine Babenberger, sondern Popponen waren.«

Mela schweigt argwöhnisch. Auch ist sie ein wenig in ihrem Familiensinn – durch Kinder wird man verwandt – gekränkt. Als Chef wäre sich’s der Chef schon schuldig, klingendere Saiten aufzuziehen.

Borisch dreht den Fernseher ab. »Ob Popponen oder Arschianer …« Manchmal stürzt auch Borisch mit ihren Witzen ab. Und Mela seufzt, nach Gerechtigkeit gierend, über ihrem Schweinsbraten, den sie noch immer auf dem Schoß hält, so unvorbereitet hat der flimmernde Anblick des ums Dekorum ringenden Chefs sie in Borischs Lehnstuhl niedergestreckt.

»Du immer mit deiner Geschichte«, sagt sie, als sie den Schweinsbraten auf den Tisch legt, in Alu-Folie gewickelt und daher noch warm.

Die Geschichten aus der Geschichte sind das einzige, was Borisch hat mitnehmen können. Für sie ist die Geschichte ein Haus, aus dem niemand sie rauswerfen kann, auch wenn sie die Miete nicht regelmäßig bezahlt. »Wenn ich schon nicht weiß, wohin ich noch gehe, will ich wenigstens wissen, woher ich komme.«

Mela lebt im Jetzt und in ihrer Stärke. Ihr genügt es, daß sie den Chef kennt und die meisten anderen, die was zu reden haben, auch wenn sie es noch so tölpelhaft sagen, sie kennt ...

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