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Twins – Die Verschwörung

Tonia Krüger

Twins

Die Verschwörung

Roman

Band 3

Digitale Originalausgabe

Kapitel 1

Irgendwo unter ihr war das Meer. Nell hatte den bequemen Liegesessel des Flugmobils zurückgestellt und die Augen geschlossen. In dem weichen, cremefarbenen Kunstleder schien sie zu schweben. Schlaf hatte sie seit dem Start vor ungefähr vier Stunden jedoch nicht gefunden. Noch immer fühlten sich ihre Atemwege gereizt an. Die Kabinenluft brannte in ihren Lungen. Sie atmete flach, fuhr immer wieder nach Luft ringend hoch, weil sie urplötzlich von dem Gefühl überwältigt wurde, zu ersticken.

Tobin saß ihr gegenüber und bot an, ihr Wasser zu holen. Sie ließ es zu, dass er sich um sie kümmerte, während ihre Gedanken zum wiederholten Mal zu dem Moment vor drei Tagen zurückglitten, als sie nach dem Anschlag auf das Haus des Staatssekretärs im Krankenhaus aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war. Sobald sie die Augen aufgeschlagen hatte, war Aidan bei ihr gewesen, hatte sich über sie gebeugt und wissen wollen, wie es ihr ging. Im ersten Moment war ihr überhaupt nicht klar gewesen, was eigentlich passiert war. Sie hatte schrecklichen Durst gehabt. Sie hatte gespürt, dass ihre Lippen sich bewegten, doch es kam kein Ton hervor, als sie um Wasser bitten wollte. Ihre umherirrenden Augen waren auf das durchtrennte Goldarmband auf ihrem Nachttisch gefallen. Es hatte sie für den Rest ihres Lebens an das Haus des Staatssekretärs fesseln sollen. Schlagartig war ihr klar geworden, was passiert sein musste. In ihrem Bemühen, die Dokumente über die Nord-Union vor den gierigen Flammen zu retten, hatte sie vollkommen vergessen, dass sie es trug. Aber selbst wenn sie daran gedacht hätte, welche Wahl hätte sie gehabt? Die Alternative zum Stromschlag wäre gewesen, in den Flammen zu verbrennen oder im Rauch zu ersticken. Bei dem Gedanken an die Explosionen und das Feuer war sie ruckartig hochgefahren, hatte den stechenden Schmerz ignoriert, der sich in ihren Kopf bohrte. Was war aus den Sklaven im Haus geworden – aus Alban und den anderen?

Aidan hatte ihr erzählt, dass sich die meisten Sklaven – darunter auch Alban – in der Nähe der Brandbomben befunden hatten oder durch Rauchvergiftungen gestorben waren. Selbst als gleich darauf der Arzt gekommen war, um ihre Diagnose zu besprechen, hatte Nell nicht aufhören können, an Alban zu denken. Alban, der im Land der Freiheit ein Rechtloser gewesen war und der das Haus seines Herrn nie wieder verlassen würde.

Der Stromschlag hatte ihren Puls aus dem Takt gebracht, hatte der Arzt ihr erklärt, die Pillen zur Stabilisierung des Herzmuskels jedoch Aidan gegeben. Ihre geistige Abwesenheit schien ihm nicht entgangen zu sein.

Auch als Tobin sie später besucht hatte, hatte sie nur mühsam sprechen können. Laut Aidan war es Tobin gewesen, der nach den Detonationen von seiner Arbeitsstelle einige Grundstücke weiter entfernt herbeigelaufen war, um sie aus der Gefahrenzone des brennenden Hauses zu retten. Ihren Dank hatte Tobin jedoch nicht hören wollen. »Es tut mir so leid, was ich zu dir gesagt habe«, hatte er sich stattdessen mehrfach entschuldigt. »Ich wusste schon in dem Moment, als ich es sagte, dass ich unrecht habe, aber ich wollte dir wehtun, wollte dich verletzen. Das war schäbig von mir.«

Nell – schwindelig, mit rasendem Herzen, schmerzenden Gliedern und brennenden Lungen – war einfach nur froh gewesen, dass Tobin nicht mehr wütend auf sie war. Er schien sich selbst jedoch nicht so verzeihen zu können wie sie. Selbst jetzt nicht, nachdem er ihr das Leben gerettet hatte.

Während er aufstand, um ihr den nächsten Becher Wasser zu holen, ließ Nell ihren Blick langsam durch das Flugmobil wandern. In der schlauchförmigen Kabine waren entlang der Außenwände auf jeder Seite zwanzig Sessel angebracht, die durch einen Gang in der Mitte getrennt wurden. Die meisten Sessel waren nicht besetzt. Neben Aidan und Tobin befand sich Hester mit an Bord, außerdem zwei Männer in seidenglänzenden perlgrauen Anzügen, die Hesters ähnelten. Zwei Frauen und ein Mann, alle drei mit muskulösen Armen und kurz rasierten Haaren, hatten sich mit einigem Abstand auf die hinteren Sessel zurückgezogen. In ihren schwarzen Cargohosen und -westen hoben sie sich deutlich von den anderen beiden ab. Nell hatte keine Ahnung, wer die fünf Fremden waren, aber auch noch keine Gelegenheit gehabt, Hester nach ihnen zu fragen.

Vorne in der Maschine befand sich eine großzügige Bar mit glänzenden schwarzen Flächen und einer freundlichen Frau mit brünetten Locken, die Tobin breit anlächelte, als er nach Wasser fragte.

Nell seufzte unhörbar. Sie hatte noch gar nicht richtig begriffen, dass sie sich tatsächlich auf dem Weg zurück in die Nord-Union befanden. Erst am Morgen – nur drei Tage nach dem Anschlag – war sie aus dem Krankenhaus entlassen und direkt zum TransferPoint gebracht worden. Der Staatssekretär Belmont Kaplain musste es mit seiner Entscheidung auf einmal äußerst eilig gehabt haben. Nell hatte ihn nur noch einmal kurz gesehen, als er sie am TransferPoint verabschiedet hatte. Er war nicht der gleiche Mann gewesen. Seine Miene war versteinert, sein Kiefer entschlossen vorgeschoben, sein Händedruck kurz und seine Worte barsch. Abgesehen von seinem Haus hatte er auch einen seiner Söhne bei dem Anschlag verloren, der von der Explosion im zweiten Stock zerfetzt worden war. Und über die leblose Gestalt von Belmonts Frau war Nell auf dem Weg zum Ausgang gestolpert. Sie erinnerte sich in vagen, rauchgetrübten Bildern daran. Aidan hatte die Frau zwar nach draußen gebracht und so ihr Leben retten können, doch sie lag noch immer im Krankenhaus und würde sich wohl nie mehr ganz von den Folgen der Rauchvergiftung erholen. Anders als bei Nell hatte ihre Lunge dauerhafte Schäden davongetragen. Aidan hatte ihr dann triumphierend die Neuigkeiten verkündet: »Sie sind zu weit gegangen«, mit glänzenden Augen hatte er Belmonts Worte mehr als einmal für Nell wiederholt. »Sie schicken uns zurück ins System, Nell. Sie wollen mit unserer Hilfe ein Gegenspionageprogramm aufbauen. Das ist unsere Chance.«

Seine Begeisterung war an ihrer Benommenheit abgeperlt und ins Leere gelaufen. Sie hatte gespürt, dass er es ihr übel nahm, dass sie sich nicht darüber freuen konnte. Obwohl er sich angesichts ihres Zustands bemühte, es zu verbergen, hatte der enttäuschte Zug um seinen Mund verraten, wie frustriert er war, dass sie seine Leidenschaft für das, was sie erreicht hatten, nicht teilte. Doch Nell hatte nur daran denken können, zu welchem Preis sie diesen Erfolg erkauft hatten. Sah Aidan die Toten gar nicht?

Nell drehte den Kopf. Er saß auf der anderen Seite des Ganges in seinem Sessel und hatte den Blick auf den Bildschirm an der Decke geheftet, an dem ihre derzeitige Position angezeigt wurde. Die verbliebene Reisezeit betrug knapp drei Stunden.

Tobin kam zurück, gab ihr den Becher und setzte sich ihr gegenüber. Auch er wirkte angespannt. Sein Blick flog immer wieder zwischen dem gleißenden Wolkenpanorama vor dem runden Fenster und Nell hin und her.

Dass ihre Rückkehr ins System die Chance war, auf die Aidan so sehnsüchtig gewartet hatte, war Nell klar. Sie fragte sich jedoch, was Tobin sich erhoffte. Lief er Aidan nur nach, weil Aidan immer die Richtung bestimmt hatte? Dieser Gedanke brachte sie zu der fast noch schwieriger zu beantwortenden Frage, was sie selbst eigentlich wollte – in einem Land, in dem es keinen Platz für sie gab. Früher oder später würde sie Julianne erneut gegenüberstehen. In einem Land ohne Verstecke würde Nell ihr irgendwann in die Fänge gehen – ihr oder Jake und seinen Hunden. Der Gedanke stahl sich langsam in ihren Kopf und zog sich zu einem bohrenden Schmerz zusammen.

Ihr Drang, die dunklen Geheimnisse des Systems zu lüften, schien mit den Dokumenten in den Flammen der Systembrandbomben zu Asche zerfallen zu sein. Vielleicht war die Schwäche in ihren Gliedern schuld an ihrer Mutlosigkeit. In den drei Nächten im Krankenhaus hatte sie Albträume und Erstickungsempfindungen gehabt. Sie fühlte sich plötzlich verletzlich und angreifbar. Aber sie hatte Aidan versprochen, an seiner Seite zu sein, solange er sie brauchte. Es schien keinen anderen Weg für sie zu geben als den ins Flugmobil. Auch Belmont Kaplain hatte diesen Schritt selbstverständlich von ihr erwartet. In seinen Augen war sie es, die diese Idee an ihn herangetragen hatte. Sie war es gewesen, die den geheimen Gründungsvertrag der Nord-Union in sein Haus gebracht hatte. Und nur das hatte den Angriff der Systemagenten verursacht.

Das schlechte Gewissen lastete zentnerschwer auf Nell. Ihre oberflächliche Kontrollrunde durch Belmonts Büro erschien ihr im Nachhinein lächerlich. Sie hatten es mit dem System zu tun. Das hatte sie gewusst und war dennoch nachlässig gewesen. Und das, obwohl sie geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte. Wahrscheinlich war die Brandbombe eine winzige, hoch entwickelte Vorrichtung gewesen, die vielleicht einfach unter Belmonts Schreibtisch angeklebt worden war. Natürlich hatte sie Nell bei ihrem kurzen Blick in den Raum nicht auffallen könne.

Die ernüchternde Wahrheit war, dass alles nicht passiert wäre, wenn sie besser aufgepasst hätte. Im Monoismus lebte man im Moment, am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Früher waren alle Reize neutral durch ihren Kopf gespült worden. Ihre Wahrnehmung war klar und wach gewesen. Nichts war damals ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Jetzt trübten Gefühle ihre Sicht auf die Dinge – hielten sie davon ab, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Sie schreckte hoch, als aus dem Lautsprecher im Kopfteil ihres Sessels eine männliche Stimme erklang: »Wir gehen bald in den Landeanflug über. Vorher möchte ich ein paar wichtige Ansagen machen und bitte daher um eure Aufmerksamkeit.«

Nell ließ ihren Sessel in aufrechte Position gleiten, um den Sprecher besser sehen zu können – einer der beiden grau gekleideten Herren, der sich im Gang zwischen den Sitzreihen postiert hatte und über ein Headset zu ihnen sprach. Alles an ihm wirkte durchschnittlich – seine Größe, sein schmales Gesicht, seine nach hinten gekämmten braunen Haare. Er hatte einen Arm auf dem Sitz neben sich abgelegt und fuhr mit der freien Hand beim Sprechen durch die Luft. »Ich weiß, die meisten von euch waren schon einmal im System, aber damit nichts schiefgeht, fasse ich das Prozedere noch einmal zusammen.« Er sprach leise, aber mit festem Ton, der verriet, wie gewohnt er es war, dass seine Befehle umgehend und ausnahmslos befolgt wurden. »Um uns gegenseitig vorzustellen, werden wir noch ausreichend Gelegenheit haben, wenn wir unsere Botschaft erreichen«, erklärte er. »Bevor wir gleich landen, müsst ihr euch alle umziehen. Die Systemgarderoben befinden sich in einem Seitenfach an euren Sitzen. Da wir nicht kategorisiert sind und für alle im System als Außenstehende erkennbar sein sollen, tragen wir keine der drei üblichen K-Farben – Rot, Grün oder Blau. Unsere Garderoben sind daher in neutralem Weiß.« Er hielt kurz inne, um den Sitz seines Mikrofons zu prüfen. »Nach der Landung«, fuhr er dann fort, »werden wir nach dem neuen gelockerten Einreiseverfahren nur eine Blutprobe abgeben müssen.« Sein Blick traf Nell und er fuhr fort. »Unsere höchste Priorität liegt darin, dass niemand auf Nell aufmerksam wird. Wie wir alle wissen, ist sie der Zwilling der Ministerin für Gesellschaftliche Aufklärung im System. Sie wäre sogar die rechtmäßige Ministerin, da sie und ihre Schwester, die eigentlich Julianne heißt, durch ein Täuschungsmanöver verwechselt wurden.« Indem er den Blickkontakt zu ihr hielt, wandte er sich nun direkt an sie: »Du musst versuchen, niemandem ins Gesicht zu sehen. Das ist im System nicht besonders schwer, da Blickkontakt ohnehin vermieden wird. Wir können also hoffen, dich unbemerkt durch die Kontrollen zu bekommen. Ich werde dich als meine Assistentin Ana Bell ausgeben. Da du laut der Systemdatenbanken nicht existierst, wird es ihnen nicht einfallen, dein Blut in einem ihrer Instant-Scanner zu testen. Es wird zusammen mit unseren Proben einer genauen Analyse unterzogen. Das dauert mindestens eine Stunde. Da unsere Proben separat von denen der Systembürger abgespeichert werden, gehen wir davon aus, dass du auch danach nicht auffliegst. Falls doch eine Übereinstimmung festgestellt werden sollte, müssen wir uns bereits in der Botschaft befinden, um dich dort verstecken zu können. Alles hängt also davon ab, dass du nicht zu schnell erkannt wirst.«

Nur mit einem minimalen Nicken deutete Nell an, dass sie verstanden hatte.

Eine der beiden Frauen weiter hinten im Flugzeug fragte jedoch mit erhobener Stimme: »Was machen wir in dem Fall, dass sie doch am TransferPoint erkannt wird?«

»Das müssen wir anhand der Umstände entscheiden«, antwortete der Sprecher im grauen Anzug. »Plan A sieht vor, dass wir diejenigen, die Verdacht schöpfen, möglichst unauffällig beseitigen und uns direkt zu den Fahrzeugen begeben. Das wäre eure Aufgabe.« Er nickte den drei kurz geschorenen Personen zu. »Plan B besagt, dass wir augenblicklich zum Flugmobil zurückkehren und die Flucht ergreifen. Die Tankfüllung reicht nicht mehr für den Rückflug. Unsere Route würde uns dann in die Republik des Südens führen.« Er verzog kurz den Mund, als stießen beide Optionen nicht auf seine Zustimmung. »Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt.« Sein Blick glitt durch die Runde. »Wir werden alle mit unseren richtigen Namen und Berufsbezeichnungen einreisen. Aidan und Tobin, ihr gebt euch als Auszubildende aus – Aidan im Bereich Sicherheit. Halte dich also an meinen Kollegen Kelvin Baker.« Er deutete auf den zweiten Mann im grauen Anzug, der Aidan nur einen kurzen Blick über die Schulter zuwarf. »Tobin, du hältst dich als Auszubildender im Diplomatischen Dienst an Hester«, fuhr der Mann fort. »Gibt es sonst noch Fragen?«

Da sich niemand meldete, ordnete der Mann an, dass sich nun alle umziehen sollten.

Nell ließ in einer der recht geräumigen Badezimmerkabinen im hinteren Teil des Flugmobils den fließenden Stoff der Systemgarderobe durch ihre Finger gleiten, ehe sie die bequeme Hose und das Oberteil überstreifte. Der Ausschnitt und der schmale Stehkragen fühlten sich vertraut und gleichzeitig fremd an – als gehöre diese Kleidung in ein anderes Leben.

Einen Augenblick lang betrachtete sie sich im Spiegel, der von kleinen Leuchtdioden gesäumt war. Ihre Haut war blass, schien sich kaum von dem weißen Material abzuheben. Ihre schwarzen Haare, die ihr offen über die Schultern fielen, bildeten einen scharfen Kontrast dazu. In ihren grünen Augen schien die Verletzlichkeit zu schwimmen, die sie seit dem Anschlag so beängstigend empfand.

Entschlossen beugte sie sich vor, um sich mit den Händen heißes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Mit einem weichen Handtuch rieb sie sich fester trocken, als nötig gewesen wäre, um etwas Farbe in ihr Gesicht zu bringen. Dann drehte sie sich um und verließ mit erhobenem Kopf das Bad.

Es war noch nie ihre Art gewesen aufzugeben. Sie würde es auch jetzt nicht tun. Falls sie Julianne oder Jake begegnete, würde sie nicht davor zurückschrecken, ihnen in die Augen zu sehen.

Als das Flugmobil eine gute halbe Stunde später auf der Landebahn des TransferPoints von Uss‘el aufsetzte, befand sich Nell wieder mitten im System. Ihr wurde der Brustkorb eng, weil sie sich der allgegenwärtigen Kameras nur zu bewusst war. Bereits nach den ersten Schritten würden sie sich wieder auf sie richten, ihr Gesicht und jede ihrer Bewegungen einfangen und damit ihre Mission von der ersten Minute an bedrohen. Hier war sie eine Kopie der Ministerin, die es nicht geben durfte. Mehr nicht. Ihr Herzschlag flatterte. Sie verstand sich selbst nicht. Einerseits wollte sie endlich Gewissheit, andererseits hatte sie Angst davor. Was würde sie finden? Sie war in dieser Welt aufgewachsen. Es war ihr Leben gewesen. Was blieb ihr, wenn all das Lug, Trug und Manipulation gewesen war?

Aidan drängte sich ein wenig grob an ihr vorbei. Sein Blick war entschlossen nach vorn gerichtet, als er auf den Ausgang zustrebte. Ihn hielten keine Ängste zurück. Ihn trieb der Wunsch, seine Familie zu retten – und vielleicht sein Durst nach Vergeltung.

Nell hatte ihm versprochen, an seiner Seite zu sein. Langsam und kontrolliert atmete sie aus. Früher hatte sie einfach funktioniert. Und das würde sie auch wieder können. Die Bombe mochte sie kurz von den Füßen gerissen haben, aber jetzt musste sie sich auf die Aufgaben vor ihr konzentrieren. Sie schloss kurz die Augen und mit purer Willenskraft legte sie ihre Selbstbeherrschung wie einen Panzer um die in ihr widerstreitenden Gefühle. Sie musste nichts davon empfinden. Sie konnte sich davon abgrenzen, ihre Schotten dichtmachen und funktionieren. Als ihr auf der gleißend weißen Fläche der Landebahn der frische Wind entgegenblies, war sie innerlich ruhig. Alle Empfindungen, die erst vor kurzer Zeit im Getto in ihr erwacht waren, hatte sie tief in sich verschlossen. Sie fühlte nicht einmal die kühle Luft auf ihrer Haut.

Die Botschaft der Freien Staaten war ein hochaufgeschossenes Gebäude nahe dem Zentrum von Amstedanum. Von der Hochstraße, die sich in mehreren Schlingen durch die Stadt windete, führte eine Rampe direkt auf den Parkplatz auf dem Dach. Nur vereinzelte Fahrzeuge standen hier verteilt in ihren Ladestationen. Er hatte geglaubt, wenn er schnell genug hier wäre, hätte er diesmal vielleicht eine Chance, dass sie ihm halfen. Schließlich war – soweit er wusste – noch keine Fahndung nach ihm rausgegangen und er hatte Freunde im Westen.

Der Haupteingang zur Botschaft führte durch Glasschiebetüren in eine hinter dem Parkplatz hochgezogene Eingangshalle.

Mittlerweile saß Jake draußen neben den Glastüren und dem Botschaftsschild an die Mauer gelehnt auf dem Boden und hatte die Knie angezogen. Er blinzelte in die wärmende Frühlingssonne. Ragan lag neben ihm und betrachtete ihn abwartend, als wisse er, dass hier auszuharren nicht die Lösung ihres Problems war.

Doch Jake konnte sich nicht entschließen, was er tun sollte, nachdem er wieder in der Botschaft abgewiesen worden war. Hester, nach dem er zuerst gefragt hatte, war bereits vor Monaten in die Freien Staaten zurückgekehrt. Von der dünnen Frau mit der fast durchscheinenden Haut, die jetzt den Empfang bediente, war er mit der Information abgespeist worden, dass der Botschafter derzeit für niemanden zu sprechen sei.

»Sie verstehen nicht«, hatte Jake auf sie eingeredet. »Es ist wichtig. Ich habe Freunde im Westen. Hester kennt mich.« Aber sie hatte nur gedroht, ihn anzuzeigen, wenn er nicht sofort verschwand. »Wir erwarten wichtigen Besuch«, hatte sie ihm erklärt. »Komm an einem anderen Tag wieder.«

Seitdem war über eine halbe Stunde vergangen, in der Jake tatenlos auf dem Parkplatz herumsaß. Aktuell schien man in der Botschaft nicht zu wissen, dass er gesucht wurde. Daher würde es sicher kaum Straßensperren geben. Noch hatte Jake eine Chance, zu der Höhle zu entkommen, auf die er im Grenzland gestoßen war. Wenn er sofort aufbrach, konnte er in gut sechs Stunden da sein.

Obwohl er wusste, dass es ein Fehler war, gelang es ihm nicht, sich durchzuringen und loszufahren. Denn wenn er jetzt ging, würde er die vielleicht letzte Möglichkeit vertun, Nell wiederzusehen. Ragan und ich, wir finden dich überall, waren seine letzten Worte an sie gewesen. Er hatte es ihr versprochen. Und er wollte bestimmt nicht den Rest seines Lebens allein in einer Höhle verbringen.

Resigniert ließ er den Blick über die verhassten weißen Mauern ringsum gleiten. In langen Ketten surrten die E-Mobile auf der Hochstraße vorbei. Der wolkenbetupfte Himmel verdüsterte sich von Westen her.

Zwei E-Mobile lösten sich aus der Fahrzeugkette, scherten auf den Verzögerungsstreifen aus und glitten kurz darauf die Rampe zum Parkplatz herab. Ob das der Botschafter war? Vielleicht würde er ihn sogar wiedererkennen.

Jake verlor die beiden Wagen aus dem Blick, als sie hinter einem der bereits geparkten Fahrzeuge in zwei Ladestationen andockten. Vorsichtig rutschte er dichter an das nächste E-Mobil heran und richtete sich langsam dahinter auf.

»Bleib«, flüsterte er Ragen zu, der die Beine unter die Hinterhand gezogen hatte, die Nase in den Wind hielt und die pelzigen Ohren spitzte.

Die Türen der neu eingetroffenen Fahrzeuge zogen sich beinahe gleichzeitig nach oben hoch, ungefähr zwanzig Schritte von ihm entfernt. Als Erstes stieg ein Mann vielleicht Mitte vierzig mit einem schmalen, unauffälligen Gesicht aus. Jake zuckte zusammen und duckte sich augenblicklich, als Julianne hinter ihm aus dem Wagen kletterte. Was machte sie hier? War sie der Besuch, der erwartet wurde? Wollte sie sich persönlich versichern, dass jeder in der Botschaft sein Fahndungsbild kannte? Selbst wenn sie Jake nicht sofort entdeckte, würde die Frau am Empfang ihr umgehend mitteilen, dass er noch kurz zuvor in der Botschaft gewesen war.

Er saß in der Falle. Mit Ragan zusammen war er zu auffällig. Sie würden ihn entdecken. Mühsam unterdrückte er ein Fluchen. Warum hatte er auch so lange gezögert? Das Schild verdeckte ihn nur notdürftig. Panisch irrte sein Blick über die glatten Wände der Empfangshalle und die verstreut parkenden Fahrzeuge, zwischen denen es keine Deckung gab. Seine einzige Chance bestand darin, schnell zu sein, sich eines der E-Mobile zu schnappen und damit die Flucht zu versuchen.

In diesem Augenblick stieß Ragan neben ihm ein aufgeregtes Fiepen aus und sprang auf. Jake wollte ihn noch packen, aber der Hund schoss davon. Gleich darauf erklang sein ausgelassenes Bellen. Entgeistert starrte Jake auf den Punkt, an dem sein Hund eben noch gestanden hatte. Er erinnerte sich nur an ein einziges Mal, dass Ragan ihm davongelaufen war: als er Nell im letzten Herbst im Wald oberhalb des Jägerlagers getroffen hatte.

Die Erkenntnis jagte so elektrisierend durch seine Glieder, dass er für einen Augenblick vollkommen erstarrte. Erst jetzt registrierte er, dass etwas an Julianne anders gewesen war. Er blinzelte, aber das Bild, das sich ihm bot, blieb.

Ragan hatte seine Vorderpfoten um ihre Hüften geschlungen, klammerte sich fest und schnappte glücklich nach ihren Händen. Statt Dunkelblau trug sie heute Weiß. Doch als Jake genauer hinsah, hätte er auch so gewusst, dass er nicht Julianne vor sich hatte. Ihre Haltung war aufrecht und frei von den kleinen, hektischen Bewegungen, die Julianne manchmal unterliefen. Ihre Hände hatten wie selbstverständlich in Ragans dichtes Nackenfell gegriffen. Die ständige Präsenz, die sie ausstrahlte, hatte Jake bei ihrer Schwester nie gesehen. Ihr Blick suchte den Parkplatz ab und heftete sich schließlich auf ihn. Nichts regte sich in ihrer Miene.

»Ist das Ragan?« Eine männliche Stimme, die Jake nicht zuordnen konnte, hatte gesprochen. Mittlerweile waren hinter Nell weitere Personen aus den beiden Fahrzeugen gestiegen. Jake blinzelte erneut, versuchte, sich zu konzentrieren. Aidan und Tobin standen neben Nell und ihren Begleitern und hatten überrascht die Hände nach dem Hund ausgestreckt, während sie sich suchend umsahen.

Nell schob Ragan mit einer entschlossenen Geste von sich und er sprang stattdessen mit einem glücklichen Winseln an Aidan hoch.

»Wem gehört dieser Hund?«, verlangte der Mann zu wissen, der zuerst ausgestiegen war.

Sie ignorierte den Mann. Der Wind fuhr in ihre dunklen Haare, ließ sie wie einen Schleier aufwehen. Wie in Zeitlupe hob sie eine Hand, um sich die langen Strähnen hinters Ohr zu schieben. Immer noch sah sie ihn unverwandt an, während die Erkenntnis, dass sie es wirklich war, langsam in sein Bewusstsein vordrang. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sein Blut summte ihm in den Adern. Dieses Gefühl hatte nur sie in ihm ausgelöst, dieses Verlangen, ihr ganz nah zu sein. Wie sie hierhergekommen war, warum sie und die anderen zurückgekehrt waren, interessierte ihn in diesem Augenblick nicht. Wichtig war nur, dass sie endlich wieder vor ihm stand und er dieses Glück kaum fassen konnte.

Endlich bewegten sich ihre Lippen – tonlos. Doch Jake wusste, dass sie seinen Namen gesagt hatte. Ohne zu zögern, richtete er sich auf und setzte sich in Bewegung. Mit nur wenigen Schritten überwand er die Distanz zwischen ihnen, schlang die Arme um sie und zog sie an sich.

»Nell«, flüsterte er nur. Mit der Berührung kehrte so viel so plötzlich zu ihm zurück. Nachdem er die ganze Zeit über gegen die Erinnerungen angekämpft hatte, ließen sie sich nun nicht mehr aufhalten, in Sekundenschnelle drangen sie auf ihn ein: das wasserfallartige Gefühl ihres ersten Kusses, der Herbstduft des Waldes, die Wärme ihres Körpers, der Schmerz, sie loslassen zu müssen. Er atmete tief ein, und obwohl ihr Geruch sich verändert hatte, vielleicht herber geworden war, erinnerte er ihn immer noch an das kühle, frische Wasser des Nebelsees.

Erst nachdem er all diese Dinge registriert hatte, wurde ihm bewusst, dass sie vollkommen starr war in seinem Arm. Langsam ließ er sie los. Vielleicht konnte sie es so wenig glauben wie er selbst.

»Wer, um alles in der Welt, ist das?«, verlangte der Mann mit dem Durchschnittsgesicht zu wissen.

Jake ignorierte ihn. »Julianne hat herausgefunden, wer ich wirklich bin. Sie wird bestimmt bald Sicherheitskräfte herschicken.«

»Von wem sprichst du?«, fragte ihn der Mann. »Von der Ministerin für Gesellschaftliche Aufklärung?«

»Wie bist du hierhergekommen, Nell?« Noch immer gelang es Jake nicht, sich auf irgendjemanden außer ihr zu konzentrieren. Ganz langsam begriff er jedoch, dass ihre angespannte Körperhaltung nicht allein von dem Schock herrühren konnte, ihn hier so unvermittelt wiederzusehen. Er sah ihr forschend in die Augen – von ihrer ausbleibenden Reaktion verunsichert. Das helle Grün wirkte kühl, seltsam leer. Hatte sie überhaupt ein Mal geblinzelt?

»Kennst du ihn?«, ging der Mann energischer dazwischen, indem er Nell am Arm fasste. »Wer ist das? Kann mich endlich mal jemand aufklären?«

»Nein.« Es war das erste Wort, das sie sprach. Mit einer ebenso kurzen Bewegung befreite sie sich aus dem Griff des Mannes. »Ich kenne ihn nicht. Das ist eine Verwechslung.«

Entgeistert starrte Jake sie an. Einen Moment lang sah er in ihre Augen wie in einen Abgrund. Was hatte sie da gerade gesagt? Doch noch während er versuchte, ihren Blick festzuhalten und nur eine der tausend Fragen zu formulieren, die ihm in den Kopf schossen, wandte sie sich ab und ging mit schnellen Schritten auf die Glastüren zur Empfangshalle zu. Was passierte hier? Fassungslos sah Jake ihr nach.

»Aber ich kenne ihn«, erklang in diesem Moment eine feste Stimme, und als Jake sich umdrehte, war Aidan einen Schritt vorgetreten. »Er ist mein Bruder.«

Kapitel 2

Sie war zurück – in einem Leben zwischen hohen weißen Bürogebäuden und gläsernen Wohnanlagen. Abweisend, kalt und steril kam ihr diese Welt vor – ohne Rafe.

Am Morgen hatte sie die dreifache Dosis ihrer MelaBlocker eingenommen – der Pillen, die nach dem Schlafen munter machten, für einen ausgeglichenen Hormonspiegel sorgten und eventuelle Traumbilder löschen sollten. Trotzdem war sie nur wortlos an ihrer Sekretärin vorbei in ihr Büro marschiert und hatte sich in ihren Schreibtischstuhl fallen lassen.

Doch hier gelang es ihr nicht einmal, den Monitor aus der Schreibplatte zu fahren. Ihr war, als sitze sie noch immer zusammengekrümmt vor Schmerz über den Verrat auf dem Grünstreifen vor dem Archiv. Dort, wo Rafe sie zurückgelassen hatte.

Sie wusste, dass sie ihn längst zur Fahndung hätte ausschreiben und mit Verteidigungsminister Carter Heim hätte sprechen müssen.

Langsam drehte sie ihren Schreibtischstuhl herum, sodass sie durch die Fensterfront ihres Büros über die weißen Mauern der Stadt blicken konnte. Unten lockerten das helle Grün der Rasenflächen im Anglia-Park und das dunklere Grün der Bepflanzung das endlose Weiß auf. Mit Wolken betupft, spannte sich der blaue Himmel über der Stadt. Ob alles gelogen gewesen war – jedes einzelne Wort, jede Berührung, jeder Kuss?

Julianne erlebte die Momente, die sie mit Rafe geteilt hatte, in Endlosschleife, seit sie zu Fuß vom Archiv aufgebrochen war. Über den weißen Beton unter der Hochstraße hatte sie laufen müssen, hindurch zwischen Lagerhallen und Werksgeländen. Als sie endlich an eine E-Mobil-Station gekommen war, hatten ihr die Füße wehgetan. Mit automatischen Bewegungen hatte sie den Wagen auf die Hochstraße gesteuert. Kaum war die Selbstfahrfunktion des Fahrzeugs aktiviert, hatte sie ihren Sitz zurückgestellt und die Augen geschlossen.

»Ministerin?« Sie zuckte zusammen und fuhr herum, als die helle Stimme ihrer Sekretärin in ihrem Büro erklang. Wie üblich hatte sie ihre blonden Haare in einem hohen Schopf am Hinterkopf zusammengefasst und stand nur wenige Schritte von ihrem Schreibtisch entfernt. Sie legte den Kopf leicht auf die Seite, sodass der Blick aus ihren sonst so kühlen hellblauen Augen besorgt wirkte. »Ist alles in Ordnung?«

»Natürlich, warum fragst du?«, entgegnete Julianne in ihrer Abwehr barscher als beabsichtigt.

»Entschuldigung«, ruderte die Sekretärin rasch zurück. »Folda muss Sie dringend sprechen. Ich habe mehrfach versucht, ihn durchzustellen, aber Sie nehmen den Anruf einfach nicht entgegen.«

Ertappt richtete Julianne den Blick auf die in ihren Schreibtisch integrierte Lautsprecheranlage. Das Soundsystem war durch mehrere kreisförmig eingelassene Löcher in der Platte sichtbar. Noch immer stieg die aus vier Tönen bestehende Melodie daraus auf, die einen eingehenden Anruf meldete.

»Ministerin?«, fragte die Sekretärin erneut. »Es scheint wirklich dringend zu sein.«

Mit einer ungeduldigen Handbewegung schickte Julianne sie aus dem Raum und wischte gleichzeitig über den matt abgesetzten touchsensitiven Bereich unterhalb des Lautsprechers.

»Ich hoffe, du hast einen guten Grund zu stören«, begrüßte sie Folda brüsk.

Kurz blieb es stumm am anderen Ende. Vielleicht hatte der Leiter der Abteilung Innere Sicherheit schon nicht mehr daran geglaubt, ihre Stimme noch zu hören. Oder er wunderte sich über ihre schroffe Begrüßung. »Es tut mir leid«, entschuldigte er sich schließlich, »aber wir haben ein Problem.«

»Wir haben immer ein Problem, wenn du anrufst«, stellte sie fest. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Schreibtischplatte fest, wie um sich zu beherrschen, nicht aufzuspringen und wegzurennen vor all den unlösbaren Aufgaben.

»Offiziell bist du gerade mit einer Delegation der Botschaft aus den Freien Staaten in die Nord-Union eingereist«, platzte es aus Folda heraus.

Julianne starrte auf die gegenüberliegende Wand ihres Büros, an der die digitale Uhrzeitanzeige in rasender Geschwindigkeit die Sekunden zählte. Ohne dass sie begriff, was er gesagt hatte, dehnte sich die Stille um sie herum aus. Ihre Muskeln verspannten sich, ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte. »Was willst du damit sagen?«, fragte sie endlich.

»Um 7.55 Uhr ist ein Flugmobil aus den Freien Staaten des Westens am TransferPoint Uss’el gelandet«, erklärte Folda hastig. »Der gesamten Delegation wurde wie üblich eine Blutprobe entnommen. Entsprechend der neuen Erleichterten Einreise-Verordnung wurde sie jedoch nicht am TransferPoint festgehalten, bis die Ergebnisse vorlagen, sondern hat das Gelände sofort verlassen.«

»Und dann?«, drängte Julianne, als Folda eine kurze Sprechpause machte – wohl, um sich auf den unangenehmen Teil vorzubereiten.

»Im Labor wurden Instant-Tests der DNA durchgeführt. Es gab vier Übereinstimmungen mit bereits vorhandenen DNA-Informationen.«

»Wie ist das möglich?«, fragte Julianne automatisch.

Folda stockte kurz in seinem Bericht. »Dabei handelt es sich um Mitglieder der westlichen Botschaft«, erklärte er dann. »Diese vier Personen sind schon früher in der Nord-Union gewesen und haben für die Botschaft gearbeitet.« Sein Sprechtempo beschleunigte sich, während er in seinem Bericht fortfuhr: »Von den vier übrigen wurden ausführliche Blutanalysen und detaillierte Profile erstellt. Als diese dann in die Externen-Datenbank für ausländische Besucher geladen wurden, meldete das System eine Auffälligkeit.«

»Was für eine Auffälligkeit?« Juliannes Stimme klang heiser.

»Die Datenbank gab die Warnmeldung aus, dass eine der Proben eine Übereinstimmung mit einem in der Bürgerdatenbank gespeicherten Profil zeigt.« Foldas Stimme klang auf einmal leiser aus dem Lautsprecher, als wage er es kaum, die Worte zu sagen.

»Die Assistentin des Staatssekretärs der Freien Staaten, eine gewisse Ana Bell, hat die exakt gleiche DNA wie du. Es ist kein Fehler. Die Laboranten haben das Ergebnis mehrmals geprüft.«

»Das kann nicht sein«, unterbrach Julianne ihn. »Wie hoch ist die Übereinstimmung?«

»99,99%«, antwortete Folda in einem ergebenen Ton, der die Unumstößlichkeit der Tatsache zementierte.

»Wo sind die Delegierten jetzt?«, verlangte Julianne zu wissen.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte er kleinlaut. »Entsprechend der neuen Bestimmungen wurden die Einreisenden nicht beschattet. Es gibt hier noch Abstimmungsbedarf mit dem Grenzschutz. Aber ich habe ein Team angesetzt nachzuforschen.«

Der Entschluss formte sich so schnell in Juliannes Kopf, dass sie keine Zeit verschwendete, ihn wieder in Zweifel zu ziehen. Das war eine Situation, die sie allein nicht kontrollieren konnte.

»Ich muss der Sache selbst nachgehen«, entschied sie. »Tu nichts in dieser Angelegenheit, bis du nicht wieder von mir gehört hast.« Sie unterbrach die Verbindung und beauftragte ihre Sekretärin, ihr augenblicklich einen Kontakt mit dem Obersten Experten für Propaganda herzustellen.

Während sie wartete, lief sie ruhelos vor ihrer Fensterfront auf und ab. Doch für die Aussicht draußen hatte sie keinen Blick mehr. Die Übereinstimmung der DNA, die Folda genannt hatte, ließ nur einen Schluss zu: Nell war wieder im System. Denn eine Übereinstimmung von über 99,99% war der Wert, der sich ergab, wenn man zwei DNA-Proben aus unterschiedlichen Lebensabschnitten einer einzigen Person miteinander verglich. Im Laufe des Lebens traten Spontanmutationen auf, die zu geringen Abweichungen führen konnten. Die Instant-DNA-Scanner, die innerhalb einer Sekunde Entscheidungen treffen sollten, waren nicht genau genug, um die DNA-Struktur in allen Details zu erfassen. Jeder Instant-DNA-Scanner würde die DNA-Probe ihres Zwillings zunächst für ihre halten.

Eine detaillierte DNA-Analyse müsste jedoch in der Lage sein, Unterschiede in ihren DNA-Strukturen festzustellen. Und damit wäre Nells erneute Anwesenheit im System enttarnt.

Julianne schüttelte energisch den Kopf. Sie musste Nell aufspüren, bevor irgendjemand sonst es tat. Ohne Rafe war das System alles, was sie noch hatte. In Zukunft würde es sie vor Menschen wie Nell und Rafe schützen, die ihre Gefühle missbrauchten, um sie für ihre Zwecke zu benutzen, oder einfach nur, um ihr wehzutun.

Als endlich die Melodie aus den Lautsprechern erklang, hatte Julianne das Gefühl, eine quälende Ewigkeit sei vergangen. Sie stürzte zu ihrem Schreibtisch und nahm den Anruf entgegen.

»Was ist passiert?«, erkundigte sich die dunkle Stimme des Obersten Experten.

»Sie ist wieder da«, entfuhr es Julianne unbeherrscht.

Stille antwortete ihr zunächst aus den Lautsprechern. Mit beiden Händen stützte sie sich auf der Schreibtischplatte ab und starrte auf das Lochmuster des Soundsystems, während sie seine Reaktion abwartete.

»Wie konnte das passieren?«, erkundigte er sich nach einer von rasenden Herzschlägen getriebenen Weile.

»Das kann ich noch nicht sagen. Mein Sicherheitsleiter hat mich eben erst informiert. Anscheinend ist sie mit einer Delegation aus den Freien Staaten eingereist. Ihre DNA ist aufgefallen.«

»Dann sollten wir mit der Suche in der Botschaft der Freien Staaten beginnen«, meinte Hank Weilder ruhig.

»Aber wen soll ich damit beauftragen?«, wollte Julianne hilflos wissen. »Soll ich das Verteidigungsministerium einschalten? Ich würde ungern so viel Aufmerksamkeit erregen wie beim letzten Mal.«

»Halte mich auf dem Laufenden und überlass Carter Heim zunächst mir. Die auffällige DNA-Probe muss umgehend gelöscht werden. Darum kümmere ich mich.«

»Danke«, stieß sie aus und biss sich auf die Unterlippe, weil sie fürchtete, zu erleichtert geklungen zu haben.

»Ich weiß, das ist eine unangenehme Angelegenheit für dich«, fuhr Hank fort. »Für uns alle. Diese Doppelgänger-Geschichte muss endlich aus der Welt geschafft werden.« Noch immer verriet seine dunkle Stimme keine Regung und keine Härte.

»Ich weiß«, brachte Julianne nur mühsam hervor, weil er eine nachdrückliche Pause machte, als erwarte er ihre Zustimmung.

Seine Redepause zog sich hin. Julianne ließ sich vorsichtig in ihren Schreibtischstuhl sinken. »Solange du nichts anderes von mir hörst, kümmerst du dich mit einem kleinen, aber zuverlässigen Team um die Festsetzung«, ordnete er schließlich in seiner überlegten Weise an. »Ich will über alle Schritte informiert werden. Und ich möchte mit ihr sprechen, sobald ihr sie festnehmen konntet.«

Seine Worte ließen Julianne zusammenzucken. Von allen Dingen auf der Welt konnte sie das unmöglich zulassen. Niemals durfte Nell die Möglichkeit haben, mit dem Obersten Experten für Propaganda zu sprechen. Selbst wenn er ihr in Sachen Kontrolle und Manipulation ebenbürtig oder sogar überlegen war, würde er mit Sicherheit erkennen, dass er mit Nell den richtigen Zwilling vor sich hatte.

»Natürlich«, brachte sie dennoch möglichst deutlich hervor. Auch als seine Stimme längst verklungen war, schaute sie noch einen Moment lang mit gerunzelter Stirn auf den Lautsprecherbereich. Warum wollte er mit Nell sprechen? Nell! Sie musste sie finden. Und dazu brauchte sie Foldas Hilfe – Folda, ein Team von hoch ausgebildeten Sicherheitskräften und ihre Selbstbeherrschung. Sie durfte nicht vergessen, dass sie die Jägerin war.

Nur widerwillig wurde Jake in der Botschaft geduldet. Gerade jetzt wollte man schließlich keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Doch Aidan hatte wiederholt, dass Jake sein Bruder war, und verlangt, dass er bleiben durfte. Ihnen war ein gemeinsames Zimmer im sechsten Stock des Botschaftsgebäudes zugewiesen worden. Aus dem schmalen Raum blickte ein Fenster auf einen der zahlreichen Kanäle Amstedanums, in dem das Wasser so türkisfarben leuchtete, dass es die Mauern der angrenzenden Gebäude mit einem Lichthauch überzog.

Zwei schmale Betten standen sich an den Längsseiten des Zimmers gegenüber. Ansonsten gab es nur ein paar Garderobenhaken neben der Tür und eine angrenzende Nasszelle als Badezimmer.

Während Jake an der Fensterbank lehnte, saß Aidan auf einer der Matratzen und spielte mit Ragan, der ausgelassen nach den Obststücken suchte, die er in seinen Händen vor ihm versteckte.

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir uns einfach so über den Weg gelaufen sind.« Aidan sah zu Jake auf. Sein Blick wirkte dunkel, distanziert. Überhaupt kam er Jake größer und irgendwie kantiger vor. Ihn mit dem Jungen in Einklang zu bringen, mit dem er aufgewachsen war, dessen Augen bei jedem Streich geblitzt hatten vor Freude, mit dem er Fangen im Dorf gespielt hatte und mit dem er stets ein verlässliches Team auf der Jagd gewesen war, schien beinahe unmöglich. Andererseits waren sie schon im letzten Jahr im Getto nicht mehr die einstigen Freunde gewesen. Seit Aidan so viel Verantwortung hatte tragen müssen, war vieles anders geworden. Und vor allem seit Nell …

Jake wandte den Blick ab. Vor allem Tobin hatte ihn bereits gelöchert, um alles über seine letzten Monate im System zu erfahren. Während sie in der Eingangshalle gesessen und gewartet hatten, dass der Mann mit dem Durchschnittsgesicht sein Gespräch mit dem Botschafter beendete, hatte Jake in groben Zügen berichtet, was passiert war. Tobin hatte ihm so viele Fragen gestellt, dass er ihn fast davon abgelenkt hatte, nach Nell Ausschau zu halten, die nirgends im Empfangsbereich zu sehen war. Währenddessen hatte Aidan nur mit verschränkten Armen und auffallend still in der Nähe gestanden und ihm zugehört. Auch an Tobins Erzählungen vom Leben im Westen hatte er sich nicht beteiligt. Es schockierte Jake, dass der Ort aus den Schilderungen mit dem aus seinen Kindheitsträumen so gar nichts gemein hatte. Allerdings war das derzeit sein geringstes Problem. Noch immer fühlte er sich wie betäubt von Nells Zurückweisung. Und Aidans düstere Blicke ließen ihn sich fragen, warum er sich überhaupt für ihn eingesetzt hatte.

Aidan warf Ragan den Rest des Apfels hin, lehnte sich neben Jake gegen die Fensterbank, warf ihm einen Seitenblick zu und ergriff nun endlich das Wort. »Nell war vom ersten Augenblick überzeugt, dass du uns verraten hast. Was ist bei unserer Abschiebung wirklich passiert?«

Jake stieß sich mit einem ungehaltenen Schnauben von der Fensterbank ab und ließ sich seinerseits auf sein Bett fallen. »Der Verteidigungsminister wollte euch eliminieren lassen. Hätte ich dabei zusehen sollen?«

Aidan zog die Augenbrauen hoch. »Und wenn du Nell als Ministerin identifiziert hättest? Sie hätte doch dafür sorgen können, dass wir nicht getötet werden.«

Jake schüttelte den Kopf. »Du hast keine Ahnung. Es war Julianne gerade erst gelungen, vor Gericht die Abschiebung statt der Todesstrafe zu erwirken. Auch als Ministerin hätte Nell das nicht rückgängig machen können.« Herausfordernd starrte er Aidan an. »Außerdem war es immer unser Plan, in den Westen zu entkommen.«

»Das war dein Plan«, widersprach Aidan, »nicht meiner.«

»Das war auch Nells Plan«, beharrte Jake.

Aidan musterte ihn abschätzig. »Warum glaubt sie dann, dass du sie betrogen und verraten hast?«

»Das wüsste ich auch gern!« Jake erhob sich wieder. Die Frustration ließ ihn rastlos im Zimmer auf und ab gehen. »Wie kommt sie denn auf so eine Idee? Ich habe das System immer gehasst – lange vor ihr. Wie konnte sie denken, ich wolle meinen alten Platz zurück? Wie konnte sie glauben, es sei alles gelogen gewesen?«

Aufgebracht sah er Aidan an, der die Arme vor der Brust verschränkte und ihn nachdenklich musterte. Rasch wandte Jake sich ab. Angesichts ihrer gemeinsamen Geschichte mit Nell war es vielleicht keine gute Idee, ausgerechnet ihm diese Fragen zu stellen. Ein schmerzhafter Gedanke durchzuckte ihn. Vielleicht waren Nell und er sich im Westen nähergekommen.

»Ich dachte, drüben wärt ihr in Sicherheit«, fügte er leiser hinzu. »Dass du davon nicht begeistert sein würdest, habe ich mir gedacht. Aber bei ihr habe ich nicht damit gerechnet.

»Das hast du dir gedacht und es war dir trotzdem egal.« Aidans bittere Bemerkung ließ Jake genervt den Kopf schütteln.

»Ich konnte nichts mehr tun, um deine Abschiebung aufzuhalten. Das hatte ein Gericht entschieden. Und du kannst noch froh sein, dass sie euch nicht gleich umgebracht haben.«

»Ja, ja, ich weiß.« Aidan hielt den Blick gesenkt, als Jake über die Schulter zu ihm hinübersah. »Ich denke«, meinte er langsam, »Nell ist sofort von einem Verrat ausgegangen, weil sie selbst versucht hat, ihren Platz wieder einzunehmen. Du warst derjenige, der sie hat auffliegen lassen.«

Nachdenklich senkte Jake den Blick. Kurz vor dem Ausbruch hatte Nell davon angefangen, dass sie ihre Schwester finden wolle. Da hatte sie auch von der Möglichkeit gesprochen, sich besser für die Menschen im Getto einsetzen zu können, wenn sie ihren Platz einnähme. Aber es war nur eine Überlegung gewesen. Sie hatte ihm versichert, dass ein neues Leben im Westen das war, was sie wollte. Und in diesem Moment, als er so plötzlich hatte entscheiden müssen, war es selbstverständlich für ihn gewesen, die Sicherheit für sie zu wählen. Er hatte gedacht, sie würde es verstehen.

»Was hätte ich denn tun sollen?«, verteidigte sich Jake heftig. »Hätte ich sie offen vor allen fragen sollen, was sie möchte?«

Ohne vorheriges Klopfen wurde in diesem Moment die Tür aufgestoßen. Sie wirbelten herum und wurden mit Tobins breitem Lachen konfrontiert. »Offensichtlich mögen sie euch jetzt beide nicht mehr«, stellte er fest, nachdem er sich kurz umgeblickt hatte. »Was ist denn das für ein Zimmer? Ich habe ein Himmelbett in meinem und ein mit Marmor und Gold verkleidetes Bad.«

»Schön für dich«, brummte Jake, indem er sich resigniert doch wieder auf seine Matratze fallen ließ.

Fragend sah Tobin zwischen ihm und Aidan hin und her und konnte ihnen scheinbar mehr von den Gesichtern ablesen, als Jake lieb war: »Krisensitzung zu Nell?«, vermutete er sofort.

Niemand antwortete, aber die Stille war Antwort genug. Sacht ließ er sich neben Jake nieder. »Ich glaube, sie kann sich wirklich nicht mehr an dich erinnern«, sagte er vorsichtig. »Als ich sie auf dich angesprochen habe, meinte sie nur, sie kenne keinen Jake.«

Abrupt hob er den Kopf. »Du meinst, sie hat mich gelöscht?«

»Unsinn«, widersprach Aidan entschieden. »Ich persönlich glaube, sie wollte nie wirklich in den Westen.« Er starrte Jake so lange intensiv von der Seite an, bis dieser seinen Blick unwillig erwiderte. »Ich denke, sie hat dich das nur glauben lassen. Sie wusste, dass sie von hier aus mehr erreichen kann – so wie ich.«

Die angespannte Stimmung im Raum lud sich noch stärker auf. Mit den nicht gestellten Fragen, den nicht gegebenen Antworten und den unausgesprochenen Dingen, die auch so kurz nach ihrem unvermuteten Zusammentreffen wieder zwischen ihnen standen. Es ließ Jake sofort die Enge spüren, die ihn bereits im Getto so oft ruhelos aus dem Dorf getrieben hatte.

Tobin schien zu spüren, wie sich die Atmosphäre aufheizte, denn er wechselte abrupt das Thema: »Eigentlich bin ich gekommen, um euch zu sagen, dass wir alle zu einer Besprechung erwartet werden.« Er stand bereits in der Tür, während Aidan und Jake sich noch immer anstarrten. »Kommt ihr?«

Die Gänge in der Botschaft waren sämtlich mit den gleichen dunkelgrauen Teppichen ausgelegt, aber in den gerahmten Bildern an den Wänden hingen verschiedene großformatige Fotografien von bunten Festumzügen, spektakulären Felsformationen und eindrucksvoll glänzenden Skylines.

Aidan, dem Jakes sehnsuchtsvolle Blicke nicht entgingen, bemerkte nüchtern: »Nicht das, was wir drüben gesehen haben.«

»Stimmt«, bestätigte Tobin, der sich zu ihnen umsah, »nur Dreck und Zäune und zu viele Menschen an einem Ort.« Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens fügte er hinzu: »Die Roboter haben mir gefallen.«

Im Fahrstuhl stießen sie auf die beiden Frauen mit kurz geschorenen Haaren, die mit Aidan und Tobin eingereist waren, und folgten ihnen zu einem fensterlosen Besprechungszimmer im zehnten Stock. Es war durch kleine Deckenleuchten in ein angenehmes Licht getaucht. Ein u-förmiger Tisch zog sich längs durch den Raum, auf dem Getränke und Gebäck bereitstanden. Nell saß gegenüber der Tür an einem Schenkel des Tisches, sah aber nicht auf, als Jake hereinkam. Neben ihr saßen Hester und ein zweiter Mann mit ähnlich nichtssagenden Gesichtszügen wie denen des bisherigen Wortführers der Delegation. Der hatte sich bereits vor den Anwesenden aufgebaut und war offenbar im Begriff, mit einer Ansprache zu beginnen.

Die beiden Frauen, denen sie sich angeschlossenen hatten, gesellten sich sofort zu ihrem Kollegen ganz hinten im Raum. Tobin wollte ihnen bereits folgen, fing aber den ungehaltenen Blick des Mannes vorne auf und ließ sich rasch auf den nächsten erreichbaren Stuhl fallen. Jake kam auf diese Weise direkt gegenüber von Nell zu sitzen, die ihn jedoch nicht zur Kenntnis nahm.

Sie hatte ihr Kinn in einer Hand abgestützt und hielt den Blick starr auf den Mann vor ihnen gerichtet, der nun zu sprechen begann: »Da wir endlich vollzählig sind, können wir anfangen. Mein Name ist Leif Hartnett. Ich bin Sicherheitsberater des Amtes für Auswärtige Angelegenheiten. Aufgrund der neuesten Vorkommnisse hat man mich gebeten, einen neuen Aufgabenbereich zu koordinieren, der schwerpunktmäßig von hier aus operieren wird. Unterstützen wird mich dabei Kelvin Baker.« Er wies auf den Mann neben Hester, der auf einem TouchPad herumtippte und nur kurz aufsah, um in die Runde zu nicken, als sein Name fiel. Seine Haare, die weder richtig braun noch wirklich blond waren, wuchsen ihm tief in die Stirn. Seine Nase sah ein wenig krumm aus.

»Kelvin hat bisher als Ausbilder von Sicherheitskräften gearbeitet«, erläuterte Leif Hartnett und deutete dann auf die drei am hinteren Ende des Tisches. »Betty, Leisa und Fen sind Absolventen verschiedener Schwerpunktbereiche einer unserer Sicherheits-Trainingsakademien. Mehr möchte ich gar nicht hinzufügen. Es ist besser, zunächst nicht allzu viel übereinander zu wissen.« Er warf vielleicht unwillkürlich einen kurzen Seitenblick auf Jake, der jedoch neugierig die drei im hinteren Teil des Raumes musterte. Obwohl sie die gleichen weißen Anzüge trugen wie sie alle, wirkten sie in jeder ihrer sparsamen Bewegungen durchtrainiert. Sie hatten alle drei ebenmäßige Gesichter und waren vielleicht gerade deshalb für den Einsatz im System ausgewählt worden. Betty und Leisa hatten leichte Stupsnasen. Ihre kurz geschorenen Haare leuchteten fast weiß im Licht der Deckenlampen und sie sahen einander so ähnlich, als wären sie Schwestern. Fen war kaum größer als die beiden, aber breiter gebaut. Seine Haare lagen wie ein dunkler Schatten auf seinem Kopf. Jake wandte sich ab und fing Nells Blick auf. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn beobachtet oder ebenfalls die drei Sicherheitskräfte angesehen hatte. Fast erwartete er, sie würde sich hastig abwenden, aber sie richtete ihre Aufmerksamkeit in aller Ruhe zurück auf Leif Hartnett, der ihr zunickte. »Nell Corr muss ich euch vermutlich ohnehin nicht vorstellen. Sie ist in der Nord-Union aufgewachsen und hat uns auf das Spionagenetzwerk des Systems in den Freien Staaten aufmerksam gemacht.« Er fuhr fort, die anderen in ähnlich kurzen Worten vorzustellen, ehe er sich an Jake wandte. »Bleibt zunächst nur eine Frage: Wer genau bist du?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass er mein Bruder ist«, fuhr Aidan dazwischen, bevor Jake etwas erwidern konnte. »Er ist mit uns aus dem Getto gekommen. Was wollen Sie noch wissen?«

»Zum Beispiel, was er die letzten drei Monate im System gemacht hat und warum er jetzt angeblich gesucht wird«, erläuterte Leif, indem er Jake abwartend musterte. Sein starrer Blick ließ keinen Zweifel, dass er auf einer überzeugenden Antwort bestehen würde.

Jake setzte sich aufrechter und versuchte, in möglichst unverfänglichen Worten zusammenzufassen: »Ich habe an einem Programm namens Aux-Canis gearbeitet, in dem Hunde zum Einsatz an den Grenzen und im Inneren des Systems ausgebildet werden sollen.«

»Wie ist es dazu gekommen?«, verlangte Leif zu wissen.

Jake holte kurz Luft. »Nachdem die anderen in den Westen abgeschoben wurden, hat sich der Verteidigungsminister dafür eingesetzt, dass ich ausgewiesen werde. Man hielt mich zwar für meinen verstorbenen Zwillingsbruder Rafe. Minister Heim war allerdings der Meinung, ich sei durch den Kontakt zu den Flüchtlingen für das System untragbar geworden. Ich musste also etwas anbieten, dass ihm nützlich war. Und mit Hunden zu arbeiten ist das Einzige, was ich kann.«

Leif musterte ihn einen Moment lang.

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